[Seite 101↓]

7.  Zusammenfassung

Derzeit findet eine Umorientierung in der klinischen Geburtshilfe statt. Unter Beibehaltung des erreichten Sicherheitsstandards gehen die Bemühungen dahin, die Geburt als einen wichtigen Meilenstein im Leben der werdenden Eltern anzusehen und dementsprechend die Möglichkeit für sie zu schaffen, die Geburt ihres Kindes im Rahmen des klinischen Ablaufs individuell zu gestalten.

In diesem Kontext sind Gebärmethoden zu sehen, die eine Alternative zur Bettgeburt darstellen und der werdenden Mutter ermöglichen, den für sie angenehmsten Geburtsmodus zu finden. Eine solche Alternative ist die Wassergeburt. Anders als bei anderen alternativen Gebärmethoden stellt sich bei der Wassergeburt verstärkt die Frage nach der Sicherheit dieses Geburtsmodus für Mutter und Kind.

Die vorliegende Fall-Kontrollstudie, in der zwischen März 1996 und März 1998 in der Frauenklinik Pulsstraße 208 Geburten untersucht wurden, soll einen Beitrag leisten zur Diskussion um die Sicherheit von Wassergeburten und deren Vorzüge gegenüber anderen Geburtsmodi. Mütterliche und kindliche Parameter werden zwischen den zwei Studienkollektiven verglichen und unter Berücksichtigung der verfügbaren Literatur diskutiert. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die mikrobiologische Untersuchung des Badewassers.

Die Ergebnisse eines Fragebogens zur Geburtsvorbereitung, zum Geburtserlebnis und zu dem, was mit der Wassergeburt assoziiert wird, werden zwischen den Kollektiven verglichen und diskutiert.

Bei bezüglich des Alters, der Parität und der Schwangerschaftswoche vergleichbaren Kollektiven finden sich die folgenden Ergebnisse mütterlicher Parameter.

Die Gesamtgeburtsdauer sowie der Oxytocinverbrauch sind im Fallkollektiv geringer, der Oxytocinverbrauch signifikant geringer. Wir sehen dies als Ausdruck der wehenfördernden Wirkung des warmen Wassers.


[Seite 102↓]

Bezüglich des Blutverlustes ergeben sich keine signifikanten Unterschiede in unserer Untersuchung. Verstärkte Nachblutungen >400ml kommen in der Kontrollgruppe jedoch mehr als doppelt so häufig vor wie in der Fallgruppe. Dies stützt die Hypothese der hydrostatisch bedingten Gefäßkompression (Geissbühler & Eberhard 1996).

Im Vergleich der Raten an Episiotomien in den Kollektiven finden wir keine signifikanten Unterschiede, wohl aber eine Tendenz zu weniger Episiotomien im Fallkollektiv. Unsere Ergebnisse unterscheiden sich in diesem Punkt von Ergebnissen anderer Autoren, bei denen im Wasser signifikant weniger Dammschnitte durchgeführt wurden als bei Bettgeburten (Eldering & Selke 1996; Regli et al. 1999).

Auch bei den Rissverletzungen ergeben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Kollektiven.

Die Rate intakter Dämme ist in unserer Studie niedriger als in anderen veröffentlichten Studien. Wir führen dies auf eine vergleichsweise hohe Anzahl an Primiparae unter den Studienteilnehmerinnen zurück.

Der in der Literatur vielfach beschriebene niedrigere Schmerzmittelgebrauch bei Wassergeburten bestätigt sich in der vorliegenden Studie nicht.

Bezüglich der Aufenthaltsdauer im Krankenhaus ergeben sich keine signifikanten Unterschiede, tendenziell jedoch mehr ambulante Entbindungen im Fallkollektiv.

Das Fetal Outcome wird vor allem anhand der APGAR-Scores und der Nabelarterien-pH-Werte untersucht. Es lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Kollektiven feststellen. In der Literatur finden sich zwei Studien, die unsere Ergebnisse bestätigen (Eldering & Selke 1996; Angst et al. 1995). Hier sehen wir einen Zusammenhang mit der entspannenden Wirkung des warmen Wassers auf die Mutter, die sich durch bessere uterine Perfusionsverhältnisse vorteilhaft auf den Feten auswirkt.

Auch unter Einbeziehung der Verlegungsfrequenz auf die Neonatologie und der Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchung U2 finden sich keine Hinweise auf eine erhöhte Morbidität in Zusammenhang mit Wassergeburten.


[Seite 103↓]

Bei der mikrobiologischen Untersuchung des Badewassers ergeben sich keine klinischen Bezüge.

Zur Information über die Geburt und die Geburtsvorbereitung werden an erster Stelle Bücher und Zeitschriften genutzt. Andere Medien, wie zum Beispiel Fernsehen, haben in der Fallgruppe einen größeren Stellenwert als in der Kontrollgruppe. Auffällig ist, dass die Frauen des Fallkollektivs an letzter Stelle den Frauenarzt/die Frauenärztin nennen. Hierin kommt unserer Meinung nach ein bestehender Aufklärungsbedarf zur Wassergeburt zum Ausdruck.

Der Geburtsmodus Wassergeburt wird vor allem spontan gewählt. 59% der Frauen des Fallkollektivs entscheiden sich im Kreißsaal zur Wassergeburt.

Als Ausdruck der positiven Bewertung der Wassergeburt würden 95,9% der Frauen wieder im Wasser entbinden.

Das Geburtserlebnis wird von den Frauen des Fallkollektivs signifikant besser beurteilt. Wir führen dies auf die wohltuende und entspannende Wirkung des warmen Bades zurück. Das Konzept, verschiedene Geburtsmodi als Wahlmöglichkeit anzubieten, wird durch dieses Ergebnis bestätigt.

Die Assoziationen mit der Wassergeburt unterscheiden sich zwischen den Kollektiven. Items, die die Vorzüge der Wassergeburt charakterisieren, werden in der Fallgruppe signifikant häufiger genannt. Auf der anderen Seite werden Items, die mögliche Nachteile charakterisieren, signifikant häufiger in der Kontrollgruppe genannt. Entspannung und Schmerzlinderung werden in beiden Kollektiven am häufigsten mit der Wassergeburt assoziiert.


[Seite 104↓]

Abschließend stellen wir fest, dass die mit den Geburten der Kontrollgruppe vergleichbaren, tendenziell sogar besseren mütterlichen und kindlichen Parameter sowie die positive Bewertung des Geburtsmodus Wassergeburt durch die Frauen für diesen Geburtsmodus sprechen. Die Wassergeburt ist eine sichere Alternative und stellt einen Beitrag zur mütterorientierten Geburtshilfe dar. In diesem Kontext ist sie als eines eventuell verschiedener Angebote zu begrüßen. Wichtig bleibt die spontane Entscheidungsfreiheit der Frauen, einen für sie passenden Geburtsmodus zu wählen.

Welchen Einfluss ein Bad unter der Geburt oder eine Wassergeburt auf physiologische und pathophysiologische Abläufe hat, könnte Gegenstand weiterer Forschung sein.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
11.03.2005