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Einleitung und Zielsetzung

Vor einem epilepsiechirurgischen Eingriff ist die Erfassung der Sprachlateralisierung des Patienten unverzichtbar. Welche Verfahren dabei zum Einsatz kommen, hängt einerseits von ihrer Verfügbarkeit, aber auch wesentlich von den Eigenschaften des Probanden ab. Häufig sind es Geistes- und Lernbehinderungen, Analphabetismus sowie Verständigungs- und Kooperationsprobleme, die es nicht erlauben, elaborierte und lokalisierende Paradigmen zum Einsatz zu bringen. Auch bei Kindern kann die Durchführung von Wada-Test, oder von fMRT und Transcranieller Stereo Doppler Sonographie Paradigmen Schwierigkeiten bereiten. Ein epilepsiechirurgisches Zentrum wird sich daher nicht auf ein Verfahren für alle Patienten beschränken können. Darüberhinaus können sich die Aussagen der verschiedenen Lateralisierungsbestimmungen am Einzelfall gegenseitig stützen, um zu einer validen Diagnose aus konvergierenden Befunden zu kommen.

Zur Erfassung der Sprachlateralisierung in der präoperativen epilepsiechirurgischen Diagnostik soll ein deutscher dichotischer Hörtest entwickelt und erprobt werden, der nach dem Prinzip synchronisierter Reimwörter aufgebaut ist (Fused Rhymed Words Test, FRWT). Ein dichotischer Hörtest mit diesem Testprinzip stellt vergleichsweise geringe Anforderungen an den Probanden, er ist nicht-invasiv, hat nur geringe geräte-technische Voraussetzungen, und er kann problemlos wiederholt werden. Er ergänzt so das methodische Inventar eines epilepsiechirurgischen Zentrums zur Bestimmung der Sprachlateralität.

Kanadische Studien konnten die Ergebnisse der Sprach­lateralisierung durch einen Wada Test wiederholt mit einem FRWT valide replizieren.

Es besteht Uneinigkeit darüber, ob die Lateralisierungsergebnisse eines FRWT durch vorbestehende Läsionen der epilepsiechirurgischen Kandidaten moduliert werden. Einige Studien mit anderen dichotischen Testprinzipien zeigten, dass eine


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unilaterale Hirnschädigung unter dichotischer Stimulation die Wahrnehmung des Stimulus auf dem kontralateralen Ohr tendenziell unterdrückt und so das Lateralisierungsergebnis des dichotischen Tests verändert. Die Hirnregionen, die bei verbal-dichotischer Stimulation besonders beteiligt sind, sind nicht bekannt. Falls nur bestimmte Läsionsorte einen Läsionseffekt erzeugen, können die in einer Gruppenstudie bei einigen Patienten tatsächlich bestehenden Läsionseffekte nivelliert werden. Es ist daher naheliegend, zu untersuchen, ob die individuelle Läsionskonstellation eines Patienten darüber entscheidet, ob ein Läsionseffekt auftritt oder nicht.

Das dichotische Stimulusmaterial soll nach dem Prinzip des FRWT aus digital bearbeiteter natürlicher Sprache erstellt werden. Es soll überprüft werden, ob das Stimulusmaterial in der Lage ist, bei gesunden Rechtshändern die erwarteten Ohrvorteile zu erzeugen und ob es bei Testwiederholung reliable Ergebnisse liefert. Die Übereinstimmung des dichotischen Tests mit einem Paralleltest und mit dem Sprachlateralisierungsergebnis des Wada Tests soll ermittelt werden.

Da die Ergebnisse des zu entwickelnden Tests in spezifischer Weise zur Händigkeit und Sprachlateralisation stehen müssen, sollen die für die Arbeit wesentlichen Befunde der Lateralitätsforschung einführend dargestellt werden (D.1-D.3). Weitere Literatur wird in den Abschnitten zu den jeweiligen speziellen Fragestellungen referiert.

In der klinischen Erprobung des Tests soll herausgearbeitet werden, wie sich die morphologischen Veränderungen des Temporallappens bei den epilepsiechirurgischen Kandidaten auf das Lateralisierungs­ergebnis im dichotischen Test auswirken (Abschnitt E). Insbesondere sollen temporo-mesiale (Hippocampus-Sklerose) und temporo-laterale Läsionen (Tumore, regionale Dysplasien, Migrationsstörungen) in ihrer Auswirkung auf das dichotische Lateralisations­ergebnis verglichen werden.


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12.10.2004