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Zusammenfassung

Testentwicklung: Zur Erfassung der Sprachlateralisierung in der präoperativen epilepsiechirurgischen Diagnostik wurde ein deutscher dichotischer Hörtest entwickelt und erprobt. Der Test ist nach dem Prinzip synchronisierter Reimwörter aufgebaut (Fused Rhymed Words Test, FRWT). Zeitgleich werden dabei über Kopfhörer zwei verschiedene, aber reimende Wörter dargeboten (z. B. Topf - Kopf), von denen der Proband glaubt, nur eines zu hören. Da das Wahrnehmungsergebnis bei dieser konkurrierenden Sprach-Wahr­nehmungs­aufgabe von der Sprachlateralisierung des Probanden mitbestimmt wird, kann diese Technik eingesetzt werden, um die Sprachlateralisierung diagnostisch zu erfassen. Ein dichotischer Hörtest nach diesem Testprinzip stellt vergleichsweise geringe Anforderungen an den Probanden, er ist nicht-invasiv, hat nur geringe geräte-technische Voraussetzungen, er ist billig und er kann problemlos wiederholt werden. Kanadische Studien konnten die Ergebnisse der Sprach­lateralisierung durch einen Wada-Test wiederholt mit einem FRWT valide replizieren. Aus digital bearbeiteter natürlicher Sprache wurde eine Vorfassung mit 56 Items zunächst auf 21 und dann auf 10 Items reduziert (FW10b).

Der Test FW10b besteht aus 10 dichotischen Paaren (Items) und somit aus 20 verschiedenen Wörtern. In einem ersten Testabschnitt wird zur Überprüfung der Intaktheit der Worterkennung auf jedem Ohr jedes Wort unilateral dargeboten. Daran schließen sich 8 Durchgänge mit den 10 dichotischen Items in jeweils 2 Orientierungen an (2x10x8=160 dichotische Items). Die Darbietung erfolgt über Kopfhörer durch PC und Soundkarte. Die Präsentation des jeweils nächsten Items wird vom Probanden oder vom Untersucher über das Keyboard ausgelöst, wodurch sich das Darbietungstempo individuell anpassen läßt. Die Wortauswahl wird auf dem Bildschirm dargeboten und die Reaktionen erfolgen über das Keyboard. Es wird ein Datensatz mit den Reaktionen erzeugt, der durch ein SPSS Programm ausgewertet wird. Die Durchführungsdauer des Tests variiert mit dem Bearbeitungstempo des Probanden und liegt etwa bei 17 - 20 min (200 Items zu je ca. 5,6 sek entsprechen 18,5 min).


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Test-Gütekriterien: In Untersuchungen an gesunden männlichen und weiblichen rechtshändigen Probanden ließen sich wiederholt die erwarteten Rechts-Ohr-Vorteile beobachten, die eine Links-Lateralisierung der Sprache anzeigen. Auf der Ebene der Individualdiagnostik liegt eine Wahrnehmungsasymmetrie vor, wenn die Differenz zwischen rechten und linken Ohr-Punkten mindestens 13 beträgt und ihr Verhältnis mindestens 2:1 ist (λ≥I 0,6505 I).

Als Schätzung für die Reliabilität wurde eine zufriedenstellende innere Konsistenz von α=0,89 beobachtet. Die Re-Test-Reliabilität bei männlichen und weiblichen Probanden lag für den Lateralitäts-Index Lambda in verschiedenen Untersuchungen im Abstand von 2 Wochen im Bereich von rtt=0,67 bis rtt=0,87. In mehreren Untersuchungen konnte eine Abhängigkeit des dichotischen Lateralisationsergebnisses vom Hormonzyklus bei Frauen nicht nachgewiesen werden. Obwohl die Hormonkonzentrationen nicht bestimmt wurden, sind die Effekte der Zykluslage auf das Lateralisierungsergebnis im vorliegenden dichotischen Test als vernachlässigbar einzuschätzen.

In der Literatur ist eine schwächere Sprachlateralisierung bei Frauen gut dokumentiert und dies ist auch an sehr großen Gruppen mit dichotischen Tests demonstriert worden. In keiner der vorliegenden Studien an kleineren Gruppen ließ sich ein differentieller Geschlechtseffekt nachweisen.

Der dichotische Test FW10b korrelierte hoch mit einem Paralleltest (r=.73, FW12k) und die Lateralisierung in den Kategorien links, rechts und bilateral stimmte zu über 90% zwischen den beiden Tests überein. Es bestanden keine Unterschiede in der Lateralisierungsstärke zwischen den beiden Tests.

Als Validitätsnachweis für einen dichotischen Test ist die Orientierung am Wada-Test problematisch, da in der Regel ein Wada-Test nur bei Patienten mit hirnorganischen Veränderungen zum Einsatz kommt. Funktionelle und morphologische Läsionen beeinflussen jedoch das Lateralisierungsergebnis dichotischer Tests. Mit dem vorliegenden dichotischen Stimulusmaterial wurde zwar eine hohe prozentuale [Seite 117↓]Übereinstimmung zwischen der Klassifikation im Wada-Test und der Klassifikation im dichotischen Test beobachtet (91%), das Ergebnis kann jedoch nicht auf alle klinischen Gruppen generalisiert werden. Je nach Art und Lokalisation von strukturellen Läsionen können sich differentielle Effekte im dichotischen Hörtest ergeben. Mit dem dichotischen Test FW10b wurde in einer Studie am MPI für neuropsychologische Forschung in Leipzig eine Übereinstimmung mit einem fMRT Paradigma in der Höhe von 97% gefunden (Hund-Georgiadis et al 2002, [50]).

Dichotisches Hören und motorische Asymmetrien: In der Theorie von Previc (1991, [63]) erfahren Kinder im letzten Drittel der Schwangerschaft auf Grund ihrer besonderen intrauterinen Lage eine asymmetrische vestibuläre Stimulation der linken macula utriculi, durch die die spätere Rechtshändigkeit vorgebahnt wird. Entsprechend sollten sich Assoziationen zwischen motorischen Asymmetrien (Händigkeit und rotatorische Tendenzen im Unterberger Tretversuch) und dem dichotischen Hören ergeben. Reiß & Reiß (1998, [75]) hatten zwischen einem dichotischen Test und dem Unterberger Tretversuch sogar eine höhere Korrelation beobachtet als zwischen dem dichotischen Test und der Händigkeit. Obwohl in der vorliegenden Untersuchung bei N=33 Probanden eine Assoziation zwischen der Händigkeit und dem rotatorischen Verhalten beobachtet werden konnte, bestand zwischen den Drehtendenzen im Unterberger Tretversuch und dem dichotischen Test FW10b kein Zusammenhang.

In den homogenen rechtshändigen Untersuchungsgruppen zeigte sich die erwartete Assoziation des Rechts-Ohr-Vorteils im dichotischen Test mit der Rechtshändigkeit. Unter Rechtshändern (Händigkeit EHI LQ≥ 60) erreichten 70% einen ROV, 23% einen LOV und bei 7% wurde kein Ohrvorteil beobachtet.

Bei einer Gruppe mit variierender Händigkeit (N=22) bestand eine hohe Assoziation zwischen dem Lateralitätsquotient der Händigkeit (EHI LQ) und dem Lateralitätsindex Lambda aus dem dichotischen Test FW10b (R=0,76, r=0,72). In dieser Korrelation kommt der höhere Anteil bilateraler Sprachfunktionen unter non-dextralen Probanden zum Ausdruck.


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Läsionseffekte: Der wichtigste Läsionseffekt beim dichotischen Hören besteht darin, dass die Stimuli auf dem zur Läsion kontralateralen Ohr schlechter wahrgenommen werden. Für Tests nach dem "fused words"-Prinzip gibt es jedoch Publikationen an epilepsiechirurgischen Kandidaten, bei denen Läsionseffekte nicht beobachtet wurden. Allerdings wurden in diesen Studien Patienten mit extra-hippocampalen Temporallappenläsionen ausgeschlossen, von denen gerade die stärksten Effekte auf das dichotische Hören zu erwarten gewesen wären. Zur Klärung der Frage, welche Läsionseffekte bei Temporallappenläsionen zu erwarten sind, wurde eine Gruppe von N=44 epilepsiechirurgischen Kandidaten mit links- oder rechtsseitigen Temporallappenläsionen untersucht. Die Patienten wurden danach gruppiert, ob lediglich eine Hippocampus-Sklerose vorlag (temporo-mesiale Pathologie), oder ob die temporale Pathologie auch extrahippocampale Strukturen betraf (temporo-laterale Pathologie). Alle ausgewählten Patienten waren durch einen Wada-Test als unilateral links-hemisphärisch sprachdominant kategorisiert worden.

Bei den Patienten mit rechts-temporalen Läsionen entsprach das dichotische Lateralisationsergebnis dem Lateralisationsergebnis aus dem Wada-Test. Hier unterschieden sich die Untergruppen mesial vs. lateral nicht. Wie erwartet ergaben sich jedoch massive Läsionseffekte für die Patienten mit den Läsionen auf der linken sprachdominanten Seite. Sowohl in der mesialen als auch in der lateralen Untergruppe wurde die Variabilität in der Anzahl der Rechts-Ohr-Punkte eingeschränkt. Zusätzlich kam es in der lateralen Untergruppe zu einer signifikanten Abnahme der Rechts-Ohr-Punkte und gleichzeitig zu einem signifikanten Anstieg der Links-Ohr-Punkte. Es bestanden somit differentielle Effekte im dichotischen Hören zwischen den linksseitigen mesialen und den linksseitigen lateralen Läsionen.

Die Einbeziehung von neokortikalen und anderen extra-hippocampalen Strukturen in die temporalen Läsionen ist von entscheidender Bedeutung dafür, ob es zur Unterdrückung der Antworten vom kontralateralen (rechtsseitigen) Ohr kommt oder nicht. Die beobachtete Zunahme der Links-Ohr-Punkte in der links-lateralen Gruppe bedarf weiterer Untersuchungen. Falls es sich dabei um einen kompensatorischen Sprachfunktions-Shift auf die rechte Hemisphäre handeln sollte, ist nicht klar, warum [Seite 119↓]diese rechtshemisphärischen Sprachfunktionen nicht durch den Wada-Test erkannt werden.

Ausblick: Der neu entwickelte dichotische Test FW10b weist insgesamt Testgütekriterien auf, die mit dem amerikanischen FRWT vergleichbar sind. In Untersuchungsgruppen zeigt er eine deutliche statistische Assoziation mit der Händigkeit. Werden Patienten mit extra-hippocampalen Läsionen untersucht, muß bei der Interpretation des dichotischen Ergebnisses die Läsionskonstellation berücksichtigt werden. Für den Einsatz des Tests im Rahmen der präoperativen epilepsiechirurgischen Diagnostik sollte auch untersucht werden, welche Effekte vorausgehende Temporallappen-Anfälle auf das dichotische Lateralisationsergebnis haben. Hierzu wären die Patienten zu verschiedenen Abständen nach einem Temporallappenanfall zu untersuchen. Es ist zu erwarten, dass es auch bei ausschließlichen Hippocampus-Läsionen kurz nach einem Anfall, zu einer Unterdrückung des kontralateralen Ohres kommt.

Weitere Studien sind erforderlich, um die Robustheit des Tests gegenüber willentlichen Aufmerksamkeitslenkungen auf das eine oder andere Ohr zu untersuchen. Auch wäre es interessant zu wissen, in wie weit es für die Probanden möglich ist, die dichotischen Stimulationen Topf-Kopf bzw. Kopf-Topf von den binauralen Stimulationen Topf-Topf bzw. Kopf-Kopf zu unterscheiden.

Aus der bereits jahrelangen praktischen Erfahrung mit dem Test FW10b ergaben sich Hinweise dafür, dass Raumgeräusche generell den dichotischen Effekt abschwächen. Studien hierzu könnten weitere Empfehlungen für die Darbietung des Tests geben (offene oder geschlossene Kopfhörer). Schließlich soll der Test, dessen Programme gegenwärtig ausschließlich auf einer echten DOS Ebene laufen, auf die Windows Ebene übertragen werden, um ihn zu publizieren.


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12.10.2004