1 Einleitung

1.1  Fragestellung und Aufbau

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Am Anfang dieser Arbeit stand die erstaunliche Beobachtung, dass in allen der untersuchten politischen Philosophien1 im Vormärz – ob konservativ oder marxistisch, ob demokratisch oder liberal, ob katholisch oder frauenbewegt – Organologiemetaphern an zentralen Stellen zur Beschreibung politischer und sozialer Gebilde2 eingesetzt werden. Organologiemetaphern sind – um es fürs Erste knapp zu umreißen - Gleichsetzungen mit einem Organismus, d.h. einem lebenden Körper3, z.B. „Staaten und Gesellschaften sind Lebewesen“, „die Veränderung eines Staates ist dessen Entwicklung“, „Bürgerinnen und Bürger sind Glieder“.
Wie ist dieser Befund zu erklären? Ist es möglich, dass man zu dieser Zeit – egal wes Geistes Kind man politisch war - Staat und Gesellschaft nur mit Merkmalen eines lebendigen Körpers ausgestattet denken und entwerfen konnte? War die Gleichsetzung zentraler politischer Konzepte mit Organismen Ausdruck einer von allen akzeptierten Überzeugung, der man sich selbstverständlich und mehr oder weniger unhinterfragt anschloss? Wurden Staat und Gesellschaft mit Hilfe der Organologiemetapher dabei auf ähnliche, für die Zeit des Vormärz typische Weise entworfen? Wenn alle diese Vermutungen zuträfen, dann hätte die Organologiemetapher zweifellos diskursstrukturierenden und diskursprägenden Charakter. Dass die Organologiemetapher in allen Epochen nicht nur ein zufällig gewähltes und bedeutungsloses Schmuckwerk darstellt, legen viele Forschungsarbeiten nahe, die sich mit dieser Metapher befassen. Sie zeigen eindeutig, um welch grundlegendes Weltmodell unserer Kultur es sich bei ihr handelt, das zu allen Zeiten als „Sichtbedingtheit“ der Menschen die Konstruktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit prägt4.
Diesen Fragen sollte in dieser Arbeit speziell für die Zeit des Vormärz auf den Grund gegangen und eine Auswahl der wichtigsten politischen Grundlagentexte der größten politischen Bewegungen dieser Zeit einer Diskursanalyse5 unterzogen werden. Die Wahl fiel dabei auf politische Philosophien des Konservativismus, des politischen Katholizismus, des Liberalismus, der Demokraten, der Kommunisten und der Frauenbewegung.
Die Untersuchung dieser Texte intendierte dabei keine traditionelle ideengeschichtliche Analyse, die von einer „bewussten und transparenten Beziehung zwischen den Absichten des intellektuellen Produzenten und seinem Produkt“ und von der „ausschließlichen Zuweisung der intellektuellen [...] Kreation an die individuelle Erfindungsgabe“6 ausgeht. Die Arbeit interessiert sich vielmehr - das Programm der historischen Semantik und der Diskursanalyse aufnehmend - speziell für Inhalt und Funktion einer bestimmten sprachlichen Form, der Organologiemetapher, die als kollektiv geteiltes Weltmodell das politische Denken der beginnenden Moderne7 vermutlich weitgehend prägte und kanalisierte. Mit der Analyse dieser Metapher geriet damit das in den Blick, was Berger/Luckmann die dialektische „Beziehung zwischen struktureller Wirklichkeit und menschlicher Konstruktion von Wirklichkeit“8 nennen: Wie wird die Welt durch Sprache – in diesem Fall durch die Organologiemetapher – konstruiert, und wie werden die Benutzerinnen und Benutzer zugleich durch ihre Eigenkonstruktion so geprägt, dass ihnen das entworfene Bild von Wirklichkeit als wahr erscheint.
Um eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten, wurde in einem ersten Schritt analysiert, welche Vorstellung von Körper in der Metapher auf Staat und Gesellschaft sowie deren Bestandteile übertragen wird, also wie Staat und Gesellschaft durch die Metapher jeweils entworfen und beschrieben werden. Darauf aufbauend wurde herausgearbeitet, welche Funktion diese Entwürfe für die politischen Philosophien haben: Was wird von ihnen abgeleitet? Was wird gefordert? Was verworfen?
In einem zweiten Schritt folgte ein Vergleich dieser Konstruktionen der verschiedenen politischen Philosophien, um zu sehen, ob und wie sie sich ähneln. Dies sollte Aufschluss darüber geben, auf welche Weise die Organologiemetapher die Grundlagentexte der Bewegungen prägt und ob sie das Sprechen über Staat und Gesellschaft tatsächlich in bestimmte vorgegebene Bahnen lenkt, der sich keiner der Benutzerinnen und Benutzer entziehen konnte oder wollte.

Diese Untersuchung trägt mit diesem speziellen Interesse für die Organologiemetapher als vermutlich diskursprägende sprachliche Form eine neue Fragestellung an die Ideenwelt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts heran, die in der Forschung so bisher noch nicht angegangen wurde. Zwar existiert inzwischen eine „stattliche Anzahl von Personen“, die über die historische Diskursanalyse „auf einer mehr oder weniger theoretischen Ebene“ diskutieren, aber bisher kam es „noch nicht in ausreichendem Maße zu Versuchen [...], diese Überlegungen in konkrete Forschungsarbeit überzuführen.“9 Auch die Bedeutung der Organologiemetapher für den Diskurs der politischen Bewegungen des Vormärz wurde noch nicht systematisch synchron analysiert. Zwar gibt es eine große Zahl von Arbeiten, die sich mit der Organologiemetapher in den unterschiedlichsten thematischen Zusammenhängen auseinandersetzen10, doch widmen sich nur wenige explizit der Organologie-/Körpermetapher in politischen Grundlagentexten des Vormärz. Von diesen Forschungsarbeiten beschränkt sich dabei der eine Teil nur auf die Untersuchung einer bestimmten Strömung11. Der andere Teil analysiert in diachron angelegten Studien die Organologiemetapherverwendung einzelner ausgewählter zeitlich aufeinanderfolgender Autoren12. Einen synchronen Gesamtüberblick über die Bedeutung der Organologiemetapher in allen politischen Bewegungen des Vormärz intendiert und leistet keine der Arbeiten.
Die innerhalb der traditionellen ideen- und parteigeschichtlichen Forschung zum Vormärz entstandenen Arbeiten befassen sich nur am Rande, im Zusammenhang mit anderen übergeordneten Fragestellungen, mit der Organologiemetapher. Vorwiegend geht es dabei entweder um den Einfluss romantischer Vorstellungen auf die politische Theorie13 oder um den Überblick über das Gedankengebäude einer politischen Theorie14 bzw. eines politischen Theoretikers15.
Dennoch knüpft diese Arbeit ganz wesentlich an die Vorarbeiten all dieser Forschungen an. Sie baut auf die eindeutigen Ergebnisse der Untersuchungen zur Geschichte der Organologiemetapher auf, die belegen, um welch zentrales und wirkungsmächtiges Weltmodell es sich bei ihr handelt, das auch in dem hier interessierenden Zeitraum jenseits der untersuchten Schriften ubiquitär war16.
Verbunden mit den Ergebnissen aus Forschungen zu Programm und Einfluss der ‚romantischen’ Naturphilosophie17, zur Biologiegeschichte18, zur Geschichte der Episteme19, zur Geschichte der Geschichts- und Politikwissenschaft20 und zur Körpergeschichte21 gaben einige dieser Arbeiten wichtige Hinweise darauf, dass die Organologiemetaphervarianten in den untersuchten Schriften als Ausdruck eines alle Disziplinen leitenden modernen Wissenschaftsparadigmas interpretierbar sind, das nicht nur linke sondern auch konservative politische Philosophien prägte22. Zur Einordnung und Bewertung der gewonnenen Analyseergebnisse erwiesen sich diese Forschungen als unabdingbar.
Indem darüber hinaus untersucht wurde, welche Rolle die Organologiemetapher für die Verortung von Frauen in Staat und Gesellschaft spielte, knüpft diese Arbeit auch an Untersuchungsansätze und Ergebnisse der feministischen politischen Philosophie an, die immer wieder auf die Bedeutung der Körpermetapher in diesem Zusammenhang hinweist23.
Aus der ubiquitären Verwendung einer Metapher auf zeittypische Mentalitäten und Wirklichkeitsentwürfe schließen zu wollen, die das Denken und Sprechen über einen Sachverhalt in bestimmte Bahnen lenken, ist begründungsbedürftig. Im ersten Kapitel wird dieser Ansatz, mit dem sich diese Arbeit in der Metaphorologie und der historischen Diskursanalyse verortet, deshalb theoretisch untermauert. Anschließend werden die einzelnen methodischen Schritte erläutert, die bei der Analyse der politischen Philosophien unternommen wurden.

Das zweite Kapitel stellt den ausgewählten und untersuchten Textkorpus vor. Es soll plausibel werden, warum es legitim erscheint, die ausgesuchten Texte als ein miteinander zusammenhängendes Zeitgespräch zu betrachten, das sinnvoller Gegenstand einer Diskursanalyse sein kann. In diesem Zusammenhang wird zugleich auf den Kontext eingegangen, in dem dieses „Zeitgespräch“ entstand.

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Der Aufbau der vorliegenden Arbeit orientiert sich an dem spezifischen Erkenntnisinteresse der Diskursanalyse. Da sie – wie im ersten Kapitel ausführlich dargelegt wird - dezidiert nach den sich regelmäßig wiederholenden Aussagen als Ausdruck einer die Autorinnen und Autoren prägenden Mentalität fahndet, werden im dritten Kapitel – als Herzstück der Arbeit – diese in allen untersuchten Texten auffindbaren und damit diskursprägenden Merkmale der Organologiemetapher für das rekonstruierte „Zeitgespräch“ benannt und erläutert. Es zeigt sich, dass mit Hilfe der Organologiemetapher tatsächlich ein Weltbild entworfen wird, auf dem alle politischen Philosophien gleichermaßen fußen. Dieses gemeinsame Weltbild zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  1. Politische und soziale Gebilde entwickeln sich wie lebende Körper unabhängig vom menschlichen Willen aufgrund naturgesteuerter Kräfte. Diese Kräfte müssen erkannt werden, um Aussagen über das zukünftige ideale Aussehen von Staat und Gesellschaft machen zu können. Die politischen Philosophien erhalten so den Charakter von „Naturlehren“ von Staat und Gesellschaft.
  2. Politische und soziale Gebilde zeichnen sich durch einen spezifisch organischen Aufbau aus, bei dem sich Teil und Ganzes wechselseitig bedingen und harmonisch durchdringen.
  3. Politische und soziale Gebilde sind in der Regel männlichen Geschlechts, wobei zudem im öffentlichen Bereich meist nur Männer positioniert und berücksichtigt werden.

An drei Stellen dieses von der Organologiemetapher modellierten und von allen geteilten Bildes von Staat und Gesellschaft entzündet sich die politische Auseinandersetzung:

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  1. An der unterschiedlichen Auffassung von den jeweiligen Kräften, die die Entwicklung der politischen und sozialen Kollektivkörper bestimmen.
  2. Hinsichtlich der Konsequenzen des organischen Aufbaus der Kollektivkörper für die konkreten politischen Rechte der einzelnen Glieder im politischen Gemeinwesen.
  3. Hinsichtlich der jeweils konkreten Bedeutung des „Weiblichen“ innerhalb des Kollektivkörpers.

Das vierte Kapitel stellt anschließend an diese Erläuterung der diskursumfassenden Organologiemetapherverwendung die spezifische Art der Metaphorisierung der einzelnen politischen Philosophien - nach politischen Bewegungen geordnet - im Detail vor. Es liegt dabei an dem in dieser Arbeit verfolgten Ansatz, dass - anders als von klassischen ideengeschichtlichen Darstellungen gewohnt - die allen politischen Philosophien gleichermaßen zu Grunde liegenden Denkstrukturen ins Zentrum der Betrachtung rücken. Die Diskursanalyse fungiert hier als eine Art Magnet, der die Übereinstimmungen aus den „Tiefen“ der Texte an die Oberfläche zieht. Dies wirkt sich auf die Darstellung der Forschungsergebnisse entscheidend aus: Alle politische Philosophien werden vor dem Hintergrund der übergeordneten Fragestellung so vorgestellt, dass die hervortretenden diskursprägenden Merkmale der Organologiemetapher deutlich werden. Deshalb müssen immer wieder die – oben umrissenen - drei gleichen, den Diskurs bestimmenden Aspekte für jede politische Bewegung thematisiert werden.
Dieses vierte Kapitel stellt den ausführlichen Beleg für die in Kapitel III postulierten Diskursgemeinsamkeiten dar, zeigt aber zugleich, zu welch unterschiedlichen Schlussfolgerungen man jeweils trotz gleicher „Organologiementalität“ kam.

Die Arbeit endet im fünften Kapitel mit einem Resümee, welchen Erkenntnisgewinn die historische Diskursanalyse gebracht hat:
Die Ergebnisse decken zum einen „Wissens-, Wirklichkeits- und Rationalitätsstrukturen“24 der beginnenden Moderne, speziell der Zeit des Vormärz, auf.
Dadurch, dass die Arbeit die „Geburtsstunde“ unserer heute noch wirkungsmächtigen politischen Bewegungen ins Auge fasst, leisten die Ergebnisse außerdem einen Beitrag zum besseren Verständnis der Entstehung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems25.

1.2  Theoretische Verortung

1.2.1  Der metaphorologische Untersuchungsansatz

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In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass in der von den politischen Philosophien verwendeten Organologiemetapher Wirklichkeitskonstruktionen des Vormärz greifbar werden können. Damit verortet sich die Arbeit in der Metaphorologie26. Dem Standpunkt der traditionellen Rhetorik, die auf Aristoteles fußt und der Metapher vorwiegend ornamentale Funktion zuweist, wird nicht gefolgt27.
Das Zutrauen zur Metapher gründet in der Metaphorologie auf einer Sprachtheorie, die Sprache generell als Ort der Weltschöpfung auffasst28: „Sprache [...] [objektiviert] die Welt [...], indem sie das >Panta Rhei< der Erfahrung in eine kohärente Ordnung transformiert. Durch die Errichtung dieser Ordnung verwirklicht die Sprache eine Welt in doppeltem Sinn: sie begreift und erzeugt sie.“29
Metaphern spielen bei dieser Daseinsbewältigung des Menschen, bei seiner Welt- und Wirklichkeitskonstruktion durch Sprache, eine sehr große Rolle. Wollen wir abstrakte Zusammenhänge erfassen, sind wir dazu gezwungen, Erfahrungen mit Konkretem auf diese abstrakten Bereiche zu übertragen30. Dies ereignet sich in der Metapher31. Sie erscheint vor diesem Hintergrund als Modell, nach dem die Welt mit ihren, unserer Einsicht nicht zugänglichen Phänomenen entworfen wird32. Schon Kant formuliert diese Position: „[...] einem Begriffe, den nur die Vernunft denken, und dem keine sinnliche Anschauung angemessen sein kann“ wird „eine solche unterlegt [...] mit welcher das Verfahren der Urteilskraft demjenigen, was sie im Schematisierten beobachtet, bloß analogisch, d.i. mit ihm bloß der Regel dieses Verfahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin bloß der Form der Reflexion, nicht dem Inhalte nach, übereinkommt.“33 Er verdeutlicht diese spezifische Leistung der Metapher, die er Symbol nennt34, an dem Beispiel des Abstraktums „Staat“: „So wird ein monarchischer Staat durch einen beseelten Körper, wenn er nach inneren Volksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa einer Handmühle), wenn er durch einen einzelnen absoluten Willen beherrscht wird, in beiden Fällen aber nur s y m b o l i s c h vorgestellt. Denn, zwischen einem despotischen Staate und einer Handmühle ist zwar keine Ähnlichkeit wohl aber zwischen der Regel, über beide und ihre Kausalität zu reflektieren.“35 Die Metaphorisierung erweist sich damit als demiurgischer, wirklichkeitsschöpfender Akt, da die Metapher keine Identitäten zwischen den Konzepten - z.B. zwischen „Körper“ und „Staat“ - abbildet, sondern das Abstraktum „Staat“ Struktur und Form über die Gleichsetzung erst erhält36.
Mit ihrer Wirklichkeitsbildung erfüllen Metaphern wichtige pragmatische Funktionen, da sie Handlungsanweisungen implizieren, wie mit dieser ausgedeuteten Welt umzugehen sei37. Betrachtet man den Staat z.B. als einen sich entwickelnden Körper, so müssen Veränderungen der Verfassung je nach „Entwicklungszustand“ zugelassen werden, sieht man ihn hingegen als Maschine, bedarf es lediglich der Wartung, aber nicht der grundlegenden Veränderung. Mit der Untersuchung von Metaphern wird damit die intellektuelle Dimension sozialen Handelns, die Bedeutung der geistigen Konstruktion von Wirklichkeit für die soziale Praxis, ganz besonders deutlich in den Blick genommen.
Die in der Metapher aufgestellten Aussagen – z.B. der Staat ist eine Handmühle, der Staat ist ein beseelter Körper - sind aufgrund ihres wirklichkeitskonstituierenden Charakters nicht falsi- oder verifizierbar. Die Akzeptanz der Metapher ist vielmehr immer auf die Zustimmung der Sprachgemeinschaft angewiesen und damit stark historischem Wandel unterworfen38.
Aufgrund ihrer Funktion, Abstraktes modellhaft entwerfen und damit begrifflich fassen zu können, kommt Metaphern besonders in der Politik und in den politischen Theorieschriften, die dieser Analyse zu Grunde liegen, große Bedeutung zu, da in diesen unausweichlich über abstrakte Konzepte verhandelt werden muss39.
Black, einer der profiliertesten Metaphorologen der Gegenwart, bietet eine sehr plausible Analyse, wie diese Modellbildung, diese Wirklichkeitskonstruktion Schritt für Schritt in der Metapher funktioniert40.
Black geht von folgendem Aufbau einer Metapher aus: „Eine metaphorische Aussage besitzt zwei deutlich unterschiedene Gegenstände, die als ‚Primär’- und ‚Sekundärgegenstand’ identifizierbar sind.“41 Die Kantsche Metapher „Der Staat ist ein beseelter Körper“ ist nach Black also beschreibbar als die Verbindung des Primärgegenstandes „Der Staat“ mit dem Sekundärgegenstand „beseelter Körper“.
Wichtig ist nun, dass Black den Sekundärgegenstand nicht als ein „einzelnes Ding“, sondern als ein „System“ auffasst42. So besteht in Kants Metapher der Sekundärgegenstand, der „beseelte Körper“, nicht aus einer einzigen semantischen Zuordnung, sondern aus einer Vielzahl von Assoziationen, welche die zeitgenössische Sprachgemeinschaft mit diesem Begriff verbindet. Für das ausgehende 18. Jahrhundert ist das z.B. die Bildung des Organismus aus körpereigenen Kräften und das gleichberechtigte Aufeinanderangewiesensein von Gliedern und Ganzem, wie später noch ausführlicher zu zeigen sein wird.
Nach Black funktioniert die metaphorische Äußerung deshalb, weil „sie auf den Primärgegenstand eine Menge von „assoziierten Implikationen“ [...] „projiziert“, die im Implikationszusammenhang [...] enthalten sind und als Prädikate auf den Sekundärgegenstand anwendbar sind.“43 Das bedeutet, dass die in der Kantschen Metapher mit dem Sekundärgegenstand „beseelter Körper“ assoziierten Implikationen auf den Primärgegenstand „Staat“ übertragen werden. Der Staat erhält damit diese Prädikate zugeschrieben. Er erscheint so als Gesamtzusammenhang, in dem das Ganze und die einzelnen Bestandteile existenziell aufeinander verwiesen sind und der sich aus natürlichen Kräften heraus selbst entwickelt.
Black betont jedoch, dass für diesen Übertragungsvorgang auch die Assoziationen wesentlich sind, die mit dem Primärgegenstand verbunden werden. „Im Kontext einer bestimmten metaphorischen Aussage ‚interagieren’ die beiden Gegenstände auf folgende Weise: (I) das Vorhandensein des Primärgegenstandes reizt den Zuhörer dazu, einige der Eigenschaften des Sekundärgegenstandes auszuwählen; und (II) fordert ihn auf, einen parallelen ‚Implikationszuammenhang’ zu konstruieren, der auf den Primärgegenstand paßt; und umgekehrt (III) wiederum parallele Veränderungen im Sekundärgegenstand bewirkt.“44
Black hebt also hervor, dass der Bedeutungstransfer kein gänzlich einseitiger ist, der nur von dem Sekundärgegenstand auf den Primärgegenstand erfolgt. Beide Bereiche interagieren. Für die Kantsche Metapher bedeutet das, dass das System an Bedeutungen, das zeit-, kultur- und gesellschaftstypisch mit „Staat“ verbunden wird, maßgeblich daran beteiligt ist, was aus dem System des Sekundärgegenstandes „beseelter Körper“ hervorgehoben wird und sich zum Modell des Primärgegenstandes konstituiert. Und noch mehr: Auch die Assoziationen, die mit einem beseelten Körper verbunden werden, verfestigen sich durch diese Gleichsetzung.
Gerade für den Bereich der Körpervorstellung wird diese Wechselwirkung von verschiedenster Seite immer wieder betont45. So postuliert besonders Douglas eine Interdependenz zwischen der Wahrnehmung des sozialen Gesamtkörpers und der des Individualkörpers. „Zwischen dem sozialen und dem physischen Körpererlebnis findet ein ständiger Austausch von Bedeutungsgehalten statt, bei dem sich die Kategorien wechselseitig stärken“.46 In der Forschung gilt als wichtiger Grund für diesen „enge[n] strukturelle[n] Zusammenhang zwischen dem menschlichen Körper und dem Staat“ die bis in die indogermanische Zeit zurückreichende Vorstellung, der Kosmos sei ein „ins Riesenhafte gesteigerter Mensch“, der Mensch hingegen ein „verkleinertes Abbild des Weltalls“47. Physische Körpervorstellung und soziale Körpervorstellung erweisen sich daher als „endlose Spiegelung einander spiegelnder Bilder, die jedem Versuch, einen Anfangspunkt zu finden, spottet.“48

Diese Arbeit interessiert sich dennoch nur für den einen Teil der Spiegelung, für die Auseinandersetzungen um politische und nicht um biologische Themen. Es soll nicht analysiert werden, welchen Einfluss allgemein geteilte Vorstellungen von Staat und Gesellschaft auf das Verständnis des biologischen Körpers haben – dies müsste eine andere Untersuchung leisten. Es soll vielmehr erkundet werden, ob und wie das Modellieren der politischen und sozialen Gebilde nach Art des „Organismus“ das Sprechen über politische Themen bestimmte.

1.2.2 Der diskursanalytische Forschungsansatz

Gestützt auf die Metaphorologie wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass die Untersuchung der Organologiemetapher Aufschluss darüber geben kann, wie Staat und Gesellschaft in den politischen Philosophien entworfen werden. Mit dem speziellen Interesse für usuelle Organologiemetaphern, die daraufhin analysiert werden, ob sie Ausdruck einer den Diskurs bestimmenden Mentalität sind, verortet sich die Untersuchung neben der Metaphorologie zudem in der historischen Diskursanalyse. Die historische Diskursanalyse ist in ihrem Erkenntnisinteresse eng mit der Metaphorologie verwandt49, hat ihr gegenüber jedoch den Schwerpunkt auf einem dezidiert intertextuellen Ansatz. In dieser Arbeit wird dabei ganz speziell auf das Konzept einer Gruppe deutscher Germanisten und Germanistinnen50 Bezug genommen, da diese Gruppe nicht nur eine überzeugende sprachwissenschaftliche Fundierung ihrer Theorie leistet51, sondern zudem den schillernden und sehr vielfältig verwendeten Diskursbegriff in einen äußerst forschungspraktischen Begriff überführt52.
Im Anschluss an diese Forschungsgruppe wird unter einem Diskurs ein synchrones Textgeflecht verstanden, das sich jeweils um ein Thema/einen Wissenskomplex/einen Gegenstand gruppiert und damit gleichsam ein Zeitgespräch darstellt53. Damit wird betont, dass sich die Texte explizit oder implizit aufeinander beziehen und kein Einzeltext ohne die Berücksichtigung der ‚Dialogpartner’ verstanden werden kann54. Der in dieser Arbeit analysierte Diskurs formiert sich um die Auffassung von Staats- und Gesellschaftsordnung im Vormärz.
Das Ziel, das die Analyse dieses Textgeflechts leitet, deckt sich ebenfalls mit den Forschungsabsichten der Germanisten- und Germanistinnengruppe. Herausgearbeitet werden sollen die kollektiven Denkmuster, die „epistemischen Voraussetzungen und Leitelemente“, die das „Zeitgespräch“55 - in dieser Untersuchung das Gespräch über Staats- und Gesellschaftsordnungen im Vormärz - prägen. Analytisch greifbar werden diese als „seriell in verschiedenen diskursiven Einzel-Ereignissen“ immer wieder ähnlich vorkommende „Wirklichkeitskonstruktionen“56. Damit wird nach dem gefahndet, was in anderen historischen Semantiken erst als Diskurs im eigentlichen Sinne verstanden wird: das „regelmäßige und wiederholte Auftauchen von Aussagen.“57 Der Auffassung Hermanns’ folgend, werden in dieser Arbeit diese „seriell vorkommenden Wirklichkeitskonstruktionen“ auch als „Mentalitäten“ aufgefasst. Mentalität wird dabei in erster Linie als kognitive Gemeinsamkeit sowie als allgemein verbreitete und selbstverständliche Gedanken und Einstellungen innerhalb einer sozialen Gruppe definiert58. Diese seriell vorkommenden Wirklichkeitskonstruktionen oder Mentalitäten sind deshalb so interessant, da sie zeigen, was „zu einer bestimmten Zeit in ihrer sprachlichen und gesellschaftlichen Vermittlung – und eine andere Art der Aneignung von Welt ist nicht denkbar – als gegeben anerkannt“59 wurde und was daher das „Zeitgespräch“ und den Beitrag der Einzelnen tiefgreifend prägte. „Der Sinn von Diskursen führt nicht zurück auf die Intention eines Einzelnen [...] sondern er ist im Gesamten einer bestimmten Regeln gehorchenden diskursiven Praxis begründet. Diese bildet nicht die unermessliche Menge dessen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt wird [...] sondern definiert sich als Regelmäßigkeit der Aussagen in einem gegebenen (Wissens-)Feld.“60
Welch große Bedeutung der Metapher für die Konstruktion von Wirklichkeit zukommt, wurde oben bereits dargestellt. Die Analyse serieller Metaphernverwendungen in einem „Zeitgespräch“ kann daher in hervorragender Weise Mentalitäten einfangen und rekonstruieren. Denn erweist sich eine Metapher als ubiquitär und selbstverständlich, eröffnet sie einen Blick auf die kollektive – bewusste wie unbewusste - Modellierung von Welt61. Blumenberg – einer der großen Metaphorologen unserer Zeit - fasst den Ertrag der Analyse zeittypischer Metaphern aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften folgendermaßen zusammen: Der Gehalt von Metaphern „bestimmt als Anhalt von Orientierung ein Verhalten, sie [die Metaphern U.H.] geben einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität. Dem historisch verstehenden Blick indizieren sie also die fundamentalen tragenden Gewißheiten, Vermutungen, Wertungen, aus denen sich Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Interessen und Gleichgültigkeiten einer Epoche regulieren.“62

1.2.3 „Doing Philosophy as a Feminist“63

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Als letzten wichtigen Ansatz bezieht sich diese Arbeit auf die feministische politische Philosophie. Diese Philosophie steht in gewisser Weise quer zu Metaphorologie und Diskursanalyse, da sie sich ihrer bedient, um ein spezielles Kernanliegen zu verfolgen, der „Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, die - in diversen Formen – nach wie vor alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens prägt“64, auf die Spur zu kommen. Sie fragt dezidiert nach der je zeitspezifischen Konstruktion des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses zwischen Mann und Frau65.
Als ein wirksamer, von der feministischen Politiktheorie bereits herausgearbeiteter Diskriminierungsmechanismus erweist sich, dass sich die in den politischen Theorien thematisierten vorgeblich geschlechtsneutralen Akteure, wie Menschen, Bürger, Kollektive oder Körperschaften, bei genauem Hinsehen als ausschließlich männlich definiert herausstellen. Frauen werden stillschweigend aus dem öffentlichen Bereich ausgeklammert66. So ist zu verstehen, wie die „Klassiker“ der Demokratietheorien z.B. für Gleichheit und Freiheit aller „Menschen“ eintreten können, ohne das aber auf „Frauen“ beziehen, oder deren Ausschluss thematisieren oder begründen zu müssen67.
Ein feministischer Zugang intendiert, den Staat wieder zu vergeschlechtlichen, um das in ihn seit Generationen eingelassene männliche Geschlecht sichtbar werden zu lassen. Dieses feministische politiktheoretische Anliegen verfolgt auch diese Arbeit. In ihr wird analysiert, inwiefern die Organologiemetaphorik das Reden über Frauen bestimmt, bzw. an deren Positionierung und ihrer Unsichtbarkeit in Staat und Gesellschaft beteiligt ist.

1.3 Methodisches Vorgehen

Obgleich es sich bei der historischen Diskursanalyse inzwischen um einen zunehmend akzeptierten Ansatz in der Geschichtswissenschaft handelt, existiert für ihn noch keine allgemein anerkannte und umfassende methodische Grundlegung68. In dieser Arbeit wurde bei der Analyse der Schriften folgendermaßen vorgegangen: Um Aussagen über Art, Ausmaß und Funktion der Organologiemetapher in den Grundlagentexten der gesellschaftspolitischen Bewegungen des Vormärz machen zu können, wurden verschiedene Teilziele verfolgt, die sich auf die vorgestellten unterschiedlichen Theorien beziehen, dabei aber unmittelbar aufeinander aufbauen. Die dabei angewendete linguistische Methodik bewegt sich – wie Landwehr das als Charakteristik geschichtswissenschaftlicher Diskursanalysen sehr treffend formuliert – „auf einer Ebene geringer Komplexität. Das heißt, es wird nicht der Versuch unternommen, die ungemein ausgefeilten Verfahren der Linguistik auf die Geschichtswissenschaften zu übertragen. Dies würde den jeweiligen Vorhaben wohl kaum gerecht werden. Es wird vielmehr ausschließlich aus dem linguistischen Methodeninstrumentarium übernommen werden, was sich für das Vorhaben einer historischen Diskursanalyse besonders eignet.“69
Als erstes wurde in dieser Arbeit eine Bildfeldanalyse70 durchgeführt. Unter einem Bildfeld ist die Summe aller „möglichen metaphorischen Äußerungen im Umkreis der jeweiligen Zentralmetapher oder metaphorischen Leitvorstellungen“71 zu verstehen. Zu dem Bildfeld der zentralen Organologiemetapher „Der Staat ist ein Körper“, gehören z.B. auch die metaphorischen Äußerungen „Der Staat besteht aus Gliedern“ und „Der Staat entwickelt sich“. Die Bildelemente - in obigen Beispiel „Glieder haben“ und „sich entwickeln“ - , die in den metaphorischen Äußerungen im Umkreis der Zentralmetapher auftauchen, entstammen dabei dem bildspendenden Bereich72. In dem in dieser Arbeit analysierten Bildfeld besteht dieser Bereich aus den Implikationen, die man im Vormärz mit dem Begriff Organismus verband.
Um die zeitspezifischen metaphorischen Äußerungen im Umkreis der Zentralmetapher „Der Staat ist ein Körper/Organismus“ in den Texten auffinden zu können, wurden zunächst v.a. mit Hilfe zeitgenössischer Lexika73, „die als >Kristallisationen< des Wissens gelten können“74, und mit Hilfe von Sekundärliteratur75 die Bedeutungsspanne von „Organismus“ und die mit ihm im Vormärz verbundenen Prädikate erarbeitet.
Anschließend wurden alle Belegstellen in den Texten gesammelt, in denen ein Begriff mit einem Organismus oder/und dessen Bildelementen gleichgesetzt wird. Diese Gleichsetzung hat der vorne erläuterten Blackschen Metapherndefinition zu entsprechen: Von dem Sekundärgegenstand „Organismus“ muss eine Menge assoziierter Implikationen auf den Primärgegenstand „politische und soziale Gebilde und die sie konstituierenden Bestandteile“ projiziert werden. Die grammatikalische Variante, in der sich diese Projektion vollzieht, sei es in einer Wortverbindung wie „Haupt-stadt“ oder in einem Satz wie „die Königin ist das Gehirn des Staates“, ist für den ‚Befund‘ Organologiemetapher unerheblich76.
Nach der Bildfeldanalyse war klar, welche Bildelemente der Organologiemetapher auf welche jeweils als grundlegend empfundenen politischen und sozialen Gebilde und deren Bestandteile bezogen werden.
Anschließend an die Bildfeldanalyse wurde die Funktion und Bedeutung der nach Art eines Organismus geformten Kollektivgebilde in den politischen Schriften untersucht. Wie zentral sind sie für die Konstruktion von Welt? Was genau leisten sie in Hinblick auf die von den politischen Philosophien erwartete Beantwortung der Fragen nach „der inhaltlichen Bestimmung und institutionellen Realisierung von Gütern des Handelns, wie gute Herrschaft, Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit“ sowie nach „der Vereinbarkeit individuellen Glückstrebens mit den Ansprüchen der Gemeinschaft“77? Welche politischen Maßnahmen und notwendigen Verhaltensweisen werden mit ihrer Hilfe abgeleitet, begründet und eingefordert? Was wird mit ihrer Hilfe verworfen?
Analysiert wurde außerdem, wie selbstverständlich die Metapher zur Konstruktion der als zentral empfundenen sozialen und politischen Gebilde eingesetzt wird. Hält es die Verfasserin oder der Verfasser für nötig bzw. kommt sie oder er überhaupt auf die Idee, die Metapher „Staaten sind sich entwickelnde Organismen“ durch weitere Argumente zu stützen? Ab welchem Punkt vermutet sie oder er einen tragfähigen Konsens, der nicht mehr weiter begründenswert erscheint?
Das feministische politiktheoretische Anliegen wurde mit Hilfe der Frage verfolgt, ob und wo mit Hilfe der Organologiemetapher „in den verschiedenen philosophischen Systemen und systematischen Erörterungen, die Kategorie >Geschlecht< auf welche Weise verortet oder ausgegrenzt worden ist [...]“78. Ist das in den Texten gegebenenfalls auftauchende organologische Staats- und Gesellschaftsmodell männlichen Geschlechts? Welches Geschlecht haben die Bürger und Bürgerinnen, aus denen es sich zusammensetzt? Wird diese Zusammensetzung explizit gemacht, bzw. über die Organologiemetapher begründet?
Parallel zu den Einzelanalysen der politischen Philosophien wurden kontinuierlich intertextuelle Vergleiche der Ergebnisse durchgeführt. Folgende Fragen standen dabei im Zentrum: Werden ähnliche Bildelemente auf politische und soziale Gebilde übertragen und werden diese Kollektivgebilde daher ähnlich entworfen? Gleicht sich die Funktion und die Bedeutung der Metapher für die inhaltlichen Ableitungen in den Texten? Wie selbstverständlich wird die Metapher in den Texten eingesetzt? Wo zeichnen sich Unterschiede in der Metapherverwendung ab?
Damit führte diese Untersuchung im Sinne des Ansatzes der historischen Diskursanalyse über die Wortschatzanalyse einzelner Texte hinaus. Der Sprachgebrauch einzelner Texte wurde in Beziehung zu dem Gebrauch in anderen Texten des Diskurses gesetzt79. Dabei wirkte die intertextuelle Analyse unmittelbar auf das Verständnis des Metapherngebrauches in den Einzeltexten zurück, da sich erst im Vergleich die Spezifik der jeweiligen Bedeutung erhellte und zugleich bei entdeckten Übereinstimmungen das Verständnis der Funktion der Metapher vertiefte.
Als Ergebnis bestätigte sich die Vermutung, dass es sich bei der Organologiemetapher um ein selbstverständlich angewendetes Modell, um eine grundlegende Mentalität handelt, die die Art und die Möglichkeit, über Staat und Gesellschaft in den politischen Philosophien des Vormärz zu sprechen, dominierte und regelte.


Fußnoten und Endnoten

1 Politische Philosophie befasst sich „mit Legitimation und Sinngebung menschlichen Handelns im Kontext gesellschaftlichen Zusammenlebens und den durch dieses Handeln geschaffenen institutionellen Formen politischer Ordnung“ (Nohlen 1998, S. 581).

2 Dem Entwurf und der Beschreibung von „politischen und sozialen Gebilden“, also der „Gemeinexistenz“ der Menschen bzw. ihrer „Kollektivgebilde“, wie die Typen menschlicher Gesellung bezeichnet werden können, kommt in politischen Philosophien zentrale Bedeutung zu. Als Beispiele für die unterschiedlichen Benennungen von „politischen und sozialen Gebilden“ in der Forschungsliteratur vgl. z.B. Wieland 1975, S. 202: „soziale Gebilde“; Iggers 1994, S. 82: „Kollektivgebilde“; Stollberg-Rilinger 1986: „Gemeinwesen“; Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 556: „soziale[n] und politische[n] Gemeinwesen“.

3 „Organologie“ als „Organlehre“ befasst sich mit dem Bau und der Funktion von Organen, aus denen sich lebendige Körper/Organismen zusammensetzen. Sie nimmt damit sowohl den Aufbau und die Struktur des lebendigen Gesamtsystems, als auch dessen gliedhafte Teile in den Blick. Vgl. dazu z.B. Meyers großes Taschenlexikon 1987, S. 117, Stichwort „Organologie“ und S. 116 Stichwort „Organismus“.

4 Diese Einordnung der Organologiemetapher ist unumstritten. Vgl. dazu grundlegend Blumenberg 1998; Peil 1983 mit Forschungsüberblick; Böckenförder/Dohrn-van Rossum 1978; Demandt 1978; Hörisch 1992, S. 46: „Die Gemeinde und den Staat als Körper zu denken, ist [...] keine exquisite Metapher philosophierender Köpfe voller politischer Ambitionen. Es ist vielmehr ein Denkschema von offenbar so hoher Suggestivität, daß es über Jahrtausende hinweg selbst noch das nüchterne Grundgesetz prägt. Begreift es doch die Bundesrepublik ausdrücklich als körperschaftliche juristische Person, die durch ihre „Organe“ die gesetzgebende, vollziehende und rechtssprechende Gewalt ausübt. (Art. 20, Abs.2GG)“.

5 Zum Programm der historischen Diskursanalyse z.B. Landwehr 2001; Konersmann 1999; Fritz 1998; Reichardt 1998; Busse/Teubert 1994; Busse 1987. Zu Einzelheiten von Theorie und Methode vgl. Kapitel I.2 Theoretische Verortung. Zu dem meiner Arbeit zu Grunde liegenden Diskursbegriff vgl. ebenda.

6 Chartier 1989, S. 74.

7 Zur Einstufung des Vormärz als Schwellenzeit zwischen „alteuropäischer Ordnung“ und „moderner Gesellschaft“ vgl. z.B. Langewiesche 1993, S. 1. Zum Begriff der „Moderne“ vgl. auch Gall 1993, S. 53f.

8 Berger/Luckmann 1996, S. 198.

9 Landwehr 2001, S. 135.

10 Einen Überblick über die Fülle der Arbeiten zur Organologiemetapher bieten verschiedene Bibliographien: z.B. Shibles 1971; Noppen 1985 und 1991; Haverkamp 1996, S. 455ff.

11 So untersucht z.B. Matala de Mazza 1999 die „Literarisierung und Theoretisierung des kollektiven Körpers“ in literarischen wie politischen Texten der politischen Romantik. Jäger 1971 widmet sich der „organisch-naturalen Metaphorik“ in der progressiven Literatur des Vormärz.

12 Z.B. Gebhard 1995 analysiert die Organologiemetapherverwendung bei Schelling, Müller und Feuerbach. Rogozinski 1996 untersucht die Organologiemetapherverwendung von Rousseau und Marx. Einen umfassenden diachronen Überblick mit jeweils ausgesuchten Repräsentanten einer Epoche bieten z.B. Peil 1983; Demandt 1978; Meyer 1969.

13 Vgl. hierzu z.B. Schmidt 1968; Scheuner 1978; Scheuner 1980.

14 Vgl. hierzu z.B. Schieder 1958, der sich mit dem Liberalismus, Wende 1975, der sich mit der Demokratiebewegung und Kurzke 1983, der sich mit dem Konservativismus befasst.

15 Vgl. hierzu z.B. zu Karl Marx: Schmidt 1962; Sandkühler/Holz 1991; Euchner 1993; Sandkühler 1995. Zu Adam Müller vgl. z.B. Stanslowski 1979. Zu Julius Fröbel vgl. z.B. Koch 1978. Zu Joseph Görres vgl. z.B. Burgio 1996, S. 278.

16 Dies weist z.B. Köchy 1999, S. 36f. nach. Vgl. hierzu auch Engelhardt 1994; Gebhard 1995; Stollberg-Rilinger 1993, S. 273ff. und 1986, S. 218ff.; Peil 1983, S. 356ff.; Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 561ff.

17 Vgl. hierzu z.B. Engelhardt 1994; Kanz 1993; Breidbach 1988 und 1998.

18 Vgl. hierzu z.B. Jahn 1998; Kanz 1993.

19 Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung Foucualts 1995 für diese Arbeit.

20 Vgl. hierzu z.B. Hardtwig 1990; Reill 1994; Bödeker 1994.

21 Vgl. hierzu z.B. Honegger 1996; Lorenz 2000; Sarasin 2001.

22 Besonders zu nennen sind hier Stanslowski 1978; Sandkühler 1995; Burgio 1996. Vgl. auch die Anmerkung zur Organologiemetapherverwendung von Comtes bei Repplinger 1999.

23 Vgl. hierzu Lorenz 2000, S, 105: „Vorbild für den Staat ist in patriarchalen Kulturen immer der männliche Körper gewesen“. Vgl. zu diesem Punkt z.B. auch Patman 1988; Frevert 1995; Rauschenbach 1998, S. 182ff.

24 Landwehr 2001, S. 171 sieht das Begreifen von Wissens-, Wirklichkeits- und Rationalitätsstrukturen allgemein als den entscheidenden Gewinn historischer Diskursanalysen.

25 Vgl. zu diesem Aspekt z.B. Heidenreich 2002, S. 9ff., der sich mit den Auswirkungen der politischen Theorien des Konservatismus, des Liberalismus und des Sozialismus auf unsere heutigen politischen Parteien befasst.

26 Vgl. hierzu Pielenz 1993, S. 173: „Von Richards bereits vorbereitet und von Black weitergeführt, ist spätestens seit Lakoff/Johnsons Werk die epistemische Funktion konzeptueller Metaphern kein Geheimnis mehr.“ Die Metapher kommt dem sehr nahe, was Kuhn als „Paradigma“, Foucault als „Epistem“ bezeichnet und in der Wissenschaft „Modell“ genannt wird. Vgl. dazu Kuhn 1976; Foucault 1995; Dannenberg/Graeser/Petrus 1995; Müller-Richter/Larcati 1996. Die wichtigsten Forschungsaufsätze zur Metaphorologie sowie eine umfassende Bibliographie bietet der Sammelband von Haverkamp 1996.

27 Zu dem aristotelischen Metapherverständnis z.B. Nieraad 1977, S. 7ff.

28 Diese Position wird vereinzelt, z.B. bei Vico und Humboldt, bereits vor dem 20. Jahrhundert formuliert. Ab dem 20. Jahrhundert setzt sie sich zunehmend durch. Vgl. dazu ausführlich Müller-Richter/Larcati 1996; Bertau 1996.

29 Berger/Luckmann 1996, S. 164.

30 Vgl. hierzu z.B. Topitsch 1979; Blumenberg 1998.

31 In der Forschung ist nicht unumstritten, inwieweit dies nur für die Bildung von für uns erkenntliche Metaphern gilt, oder ob nicht jede Begriffsbildung im Prinzip metaphorisch ist. Eine Darstellung der unterschiedlichen Positionen z.B. bei Wessel 1984, S. 153ff.

32 Vgl. hierzu Black 1996, S. 396.

33 Kant 1995, S. 295, § 59.

34 Vgl. hierzu ebenda.

35 Ebenda, S. 296.

36 Vgl. hierzu Weinrich 1996, S. 331; Black 1996, S. 405ff.

37 Vgl. zu diesem Aspekt z.B. Nieraad 1977, S. 3f.

38 Vgl. zu diesem Aspekt z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 13.

39 Auch ihr Veranschaulichungseffekt und ihr „persuasiv-manipulatives Potential“ macht die Metapher für politische Diskurse äußerst attraktiv. Vgl. hierzu z.B. Böke 1996, S. 442; Rigotti 1994, S. 19ff. Zur großen Bedeutung der Metapher in der Politik vgl. z.B. Guldin 1999, S. 19; Rigotti 1994. S. 15ff.; Münkler 1994; Liedtke/Wengeler/Böke 1991. Einen Überblick über die Forschung zu „Metaphern und Politik“ bietet z.B. Felder 1995, S. 51ff.

40 Vgl. hierzu Black 1996. Einen Überblick über die verschiedenen Terminologien und Metapherdefinitionen in der Forschung bietet z.B. Liebert 1992. Zur Diskussion der Blackschen Metapherntheorie in der Forschung vgl. z.B. Frieling, 1996.

41 Black 1996, S. 392.

42 Black 1996, S. 392.

43 Black 1996, S. 392.

44 Black 1996, S. 393.

45 Eine Übersicht findet sich bei Guldin 1999, S. 14ff. Vgl. hierzu auch Sarasin 2001, S. 11ff.; Lorenz 2000, S. 71ff.

46 Douglas 1998, S.99.

47 Struve 1979, S. 145.

48 Guldin 1999, S. 9.

49 Vgl. zu diesem Aspekt z.B. Koselleck 1979.

50 Zu nennen sind hier in erster Linie: Busse 1987; Busse/Hermanns/Teubert 1994; Hermanns 1995; Böke/Jung/Wengeler 1996; Böke, K./Liedtke, F./Wengeler, M. 1996. Eine Übersicht über die anderen etablierten diskursanalytischen Ansätze bietet z.B. Reichardt 1998, S.10ff.; Landwehr 2001, S. 23ff. Zu den unterschiedlichen Diskursbegriffen der historischen Diskursanalyse vgl. z.B. Böke 1996, S.432f.; Landwehr 2001, S. 65ff.

51 Eine detaillierte sprachwissenschaftliche Grundlegung bietet v.a. Busse 1987, die er in Auseinandersetzung mit dem Projekt „Geschichtliche Grundbegriffe“ entwirft.

52 Zu dieser Einschätzung z.B. auch Wengeler 2003, S. 163.

53 Vgl. hierzu Hermanns 1995, S. 88.

54 Vgl. hierzu Hermanns 1995, S. 87.

55 Busse/Teubert 1994, S. 18.

56 Wengeler 2003, S. 159f.

57 Landwehr 2001, S.151. Zu den verschiedenen Diskursbegriffen innerhalb der Forschung vgl. z.B. Bublitz 2003 und Maset 2002.

58 Vgl. hierzu Hermanns 1995, S. 74 und S.77ff.

59 Landwehr 2001, S. 101f.

60 Bublitz 2003, S. 57.

61 Aus diesem Grund ist die Analyse von Metaphern ein zentraler Bestandteil der historischen Diskursanalyse. Vgl. hierzu z.B. Böke 1996; Pielenz 1993; Drews/Gerhard/Link 1985, S. 279ff.; Konersmann 1999, S. 138ff.

62 Zitiert nach Konersmann 1999 S. 147.

63 „Diese Wendung hat sich im anglophonen Raum inzwischen durchgesetzt, um die Pointe dieses Zugangs zur Philosophie zu verdeutlichen“: Nagl-Docekal 2000, S. 13.

64 Nagl-Docekal 2000, S. 8.

65 Eine Übersicht über die feministische Philosophie bieten z.B. Nagl-Docekal 2000; Landweer 2000.

66 Vgl. hierzu z.B. Kreisky 1994, S. 13ff.; Rauschenbach 1998; Kreisky/Sauer 1995; Biester/Holland-Cunz/Sauer 1994; Pateman 1988; Pateman 1992; Appelt/Neyer 1994.

67 Vgl. hierzu Phillips 1995, S. 9.

68 Vgl. hierzu Landwehr 2001, S. 103.

69 Landwehr 2001, S. 105.

70 Dazu grundlegend Weinrich 1958, dessen Ansatz von Peil 1990 modifiziert wurde. Vgl. hierzu auch Peil 1993, S. 198.

71 Peil 1990, S. 219.

72 Vgl. hierzu Peil 1990, S. 220. Der „bildspendende Bereich“ entspricht Blacks „Sekundärgegenstand“.

73 Für diese Arbeit wurden die wichtigsten Lexika ausgewertet, die zwischen 1819 und 1845 erschienen waren, um an die in dem Untersuchungszeitraum der Dissertation verbreiteten Assoziationen zu dem Modell „Organ“ und „Organismus“ zu gelangen: 1) Conversations=Lexicon, Oder encyklopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, Siebter Band, Zweite Auflage, Altenburg und Leipzig 1817, [zitiert als „Brockhaus 1817“]; 2) Johann Hübner’s Zeitung=und Conversations=Lexikon, Ein vaterländisches Handwörterbuch, Dritter Theil, Leipzig 1826, [zitiert als „Hübner 1826“]; 3) Allgemeine deutsche Real=Encyklopädie für die gebildeten Stände, Conversations=Lexikon, sechster Band, Siebte Originalauflage, Leipzig 1827, [zitiert als „Brockhaus 1827“]; 4) Enzyklopädisches Hand=Wörterbuch für Wissenschaft und Leben, Zum Schul= und Haus=Gebrauch für junge Studirende und Wissenschaftsfreunde, von Theodor Heinsius, Berlin 1828, [zitiert als „Heinsius 1828“]; 5) Allgemeine deutsche Real=Enzyklopädie für gebildete Stände, Conversations-Lexikon, Achter Band, Siebte Auflage, Durchgesehener Nachdruck, Leipzig 1830, [zitiert als „Brockhaus 1830“]; 6) Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Geschichte, Nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft bearbeitet und herausgegeben von D. Wilhelm Traugott Krug, Zweiter und dritter Band, Leipzig 1833, [zitiert als „Krug 1833 (2)“ und „Krug 1833 (3)]; 7) Neues elegantes Conversations=Lexikon für Gebildete aus allen Ständen, Hrsg. im Verein mit einer Gesellschaft von Gelehrten von Dr. O.L.B. Wolff, Dritter Band, Leipzig 1836, [zitiert als „Wolff 1836“]; 8) Volks=Conversationslexikon, Umfassendes Wörterbuch des sämmtlichen Wissens, Bearbeitet von Gelehrten, Künstlern, Gerwerbe- und Handeltreibenden und herausgegeben von der „Gesellschaft zur Verbreitung guter und wohlfeiler Bücher, Neunter und zwölfter Band, Stuttgart 1845, [zitiert als „Volks-Conversationslexikon 1845 (9)“ und „Volks-Conversationslexikon 1845 (12)]; 9) Allgemeine deutsche Real=Encyklopädie für die gebildeten Stände, Conversations=Lexikon, Neunte Originalauflage, Achter Band, Leipzig 1845 [zitiert als „Brockhaus 1845“], Zehnter Band, Leipzig 1846 [zitiert als „Brockhaus 1846a)“], Elfter Band, Leipzig 1846 [„zitiert als Brockhaus 1846b)“], Dreizehnter Band, Leipzig 1847 [„zitiert als Brockhaus 1847a)“]; Vierzehnter Band, Leipzig 1847 [„zitiert als Brockhaus 1847b)“].

74 Hanke/Seier 2000, S. 104.

75 Vgl. hierzu z.B. Zimmerli 1997; Jahn 1998; Foucault 1995; Küppers 1992; Kanz 1994; Köchy 1999.

76 Die verschiedenen syntaktischen Darstellungsweisen sind immer auf die Prädikatsmetapher: „A ist ein Organismus“ zurückführbar. Vgl. dazu z.B. Frieling 1996, S. 13ff. Auf die Irrelevanz der syntaktischen Erscheinungsweise verweisen auch Böke 1996, S. 444; Pilenz 1993, S. 72.

77 Nohlen 1998, S. 581 nennt diese Punkte als grundlegende Themen von politischen Philosophien.

78 Landwehr 2000, S. 233.

79 Vgl. hierzu Hermanns 1995, S. 91.



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04.07.2007