Die diskursprägende Organologiemetaphorik

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Der intertextuelle Vergleich der im letzten Kapitel vorgestellten und für diese Diskursanalyse ausgewählten Texte bringt ein eindeutiges Ergebnis: Die Zentralmetapher „>Politische und soziale Gebilde< sind >Organismen/lebendige Körper<“ samt ihrer Bildvarianten steckt tatsächlich den Diskussionshorizont ab, vor dem sich die kontroversen politischen Philosophien begegnen. Sie erweist sich als von allen getragene „Brille“, die den Blick auf die Welt vorstrukturiert und damit das politische Feld einheitlich gliedert. Das Denken der politischen Welt mit Hilfe der Organologiemetapher lässt sich daher als unhinterfragter und selbstverständlicher Wissensbestand des untersuchten Diskurses verstehen.

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Die politischen Philosophien entwerfen dabei vorwiegend „Gesellschaft“, „Staat“, „Volk“ und z.T. auch „Menschheit“ mit Hilfe der Organologiemetapher als zentrale politische und soziale Gebilde310. Als metaphorische Bezeichnungen für Kollektivgebilde wählen sie v.a. „Organismus“311 und „Körper“312, aber auch „Leib“313, „Person/Persönlichkeit“314 und „Individuum“315.

Zur diskursprägenden Denkfigur wird die Organologiemetapher jedoch erst dadurch, dass die Verfasserinnen und Verfasser der Schriften die politischen und sozialen Gebilde auf weitgehend identische Weise modellieren. Zu ihrer detaillierten Beschreibung greifen sie über alle ideologischen Gräben hinweg auf die gleichen Implikationen, die typischerweise in der Zeit des Vormärz mit dem Sekundärgegenstand „Organismus/lebendiger Körper“ assoziiert wurden, zurück. Die drei grundlegenden, von allen Autorinnen und Autoren auf die politischen und sozialen Kollektivkörper übertragenen Prädikate sind:

  1. Organismen entwickeln sich aufgrund ihnen immanenter Kräfte.
  2. Organismen zeichnen sich durch ein spezifisches Wechselverhältnis von Teil und Ganzem aus. Teil und Ganzes bedingen und durchdringen sich in Organismen wechselseitig.
  3. die Geschlechtlichkeit von Organismen fußt auf biologischen Naturkräften, die mit dem Geschlecht auch Charaktereigenschaften festlegen. Das Geschlecht des allgemeingültigen Organismus ist männlich.

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Diese Prädikate werden auf soziale und politische Kollektivgebilde übertragen:

  1. „Politische und soziale Gebilde“ – „entwickeln sich aufgrund ihnen immanenter Kräfte“
  2. „Politische und soziale Gebilde“ – „zeichnen sich durch ein spezifisches Wechselverhältnis von Teil und Ganzem aus. Teil und Ganzes bedingen und durchdringen sich in Organismen wechselseitig“.
  3. „Politische und soziale Gebilde“ – „sind männlichen Geschlechts und setzen sich aufgrund der in ihren Gliedern wirkenden Naturkräfte im öffentlichen Bereich aus männlichen Bestandteilen zusammen“.

In diesem Kapitel werden diese drei den gesamten Diskurs prägenden Organologiemetaphern nacheinander vorgestellt.
In einem ersten Schritt wird dazu jeweils der naturwissenschaftliche Hintergrund dieser drei mit „Organismus“ assoziierten Implikationen erläutert, um zu verdeutlichen, was man im Vormärz mit ihnen inhaltlich im Detail verband. Dies ist unerlässlich, um die mit ihrer Hilfe gebildeten Metaphern verstehen zu können.
In einem zweiten Schritt folgt die Beschreibung der Übertragung dieser Implikationen auf politische und soziale Gebilde in den politischen Philosophien. Außerdem wird aufgezeigt, welche gravierenden Auswirkungen diese Übertragung auf den gesamten Diskurs hatte.

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Die Entscheidung, die Erläuterung der Diskursgemeinsamkeiten der detaillierten Darstellung der einzelnen Diskursvarianten - die im nächsten Kapitel folgt – voranzustellen und sie damit ins Zentrum der Untersuchung zu rücken, hat zum einen mit dem spezifischen Erkenntnisinteresse jeder Diskursanalyse zu tun: Kollektive Denkmuster und epistemische Voraussetzungen, die ein Zeitgespräch prägen in ihrer grundlegenden Bedeutsamkeit zu würdigen. Die Arbeit auf diese Weise zu gliedern, hat zum anderen den entscheidenden Vorteil, die für das Verständnis des Organologiediskurses unabdingbaren Hintergrundinformationen einleitend ausführlich erläutern zu können, ohne die die Ausführungen zu den einzelnen Diskursvarianten unverständlich sind.

3.1  „Politische und soziale Gebilde“ – „entwickeln sich aufgrund ihnen immanenter Kräfte“

3.1.1  Zur zeittypischen Auffassung der kraftgesteuerten Entwicklung von Organismen

Zentral für den analysierten Diskurs ist die mit dem biologischen Organismus verbundene Vorstellung der kraftgesteuerten Entwicklung. Ein lebender Körper entsteht und verändert sich demnach nicht wie ein unbelebter Körper aufgrund planhafter Konstruktionen, aufgrund von Eingriffen und Einwirkungen von außen, sondern aufgrund körpereigener (Lebens)-Kräfte und Triebe, die dem Organismus selbst inne wohnen, ihn entstehen und wieder vergehen lassen. Diese Vorstellung findet sich einheitlich in allen gängigen Lexika und Wörterbüchern aus dem Vormärz316, z.B.: „Das Organische setzt eine Entwicklung durch eigene Kräfte und einen besonderen Bildungstrieb voraus, ist zwar stets von der Außenwelt abhängig, bildet aber das von ihr Erhaltene auf seine eigene Art aus, und schließt stets, nachdem es eine Reihe von Entwicklungen, welche je nach äußeren Umständen vollständiger oder gehemmter sind, mit dem Tode und der Auflösung. Der Organismus ist somit die Grundbedingung zum Leben.“317 „Trieb heißt in der Sprache des gewöhnlichen Lebens der innere Grund der in irgendeinem Dinge sich äußernden Wirkungen, als eine beharrlich innerlich wirkende Kraft, welche einen fortgehenden Wechsel, eine bestimmte Reihe von Veränderungen hervorbringt. [...] man nennt o r g a n i s c h e T r i e b e die dunklen Kräfte, welche die Entwicklung und Gestaltung der Organismen bedingen, z.B. in dem Worte B i l d u n g s t r i e b [...].“318

Diese Vorstellung einer Entwicklung alles Lebendigen aufgrund ihm innenwohnender (Lebens)-kräfte entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts in Abgrenzung zu der bis dahin herrschenden Maschinentheorie des Organischen, die sich mit Beginn der neuzeitlichen Naturwissenschaften allgemein durchgesetzt hatte319. Die Natur wurde als gigantische Maschine angesehen, deren Bestandteile sich unterschiedslos - seien sie belebt oder unbelebt – durch messbare und regelhafte „mechanische Kräfte von Druck und Stoß“320 erhielten321. Anders als in Antike und Mittelalter, als man sich Leben durch die ihm innewohnende Seele erklärte und es sich dadurch gegenüber Unbelebtem auszeichnete322, wurde bei der Betrachtung der Natur kein Augenmerk auf den Unterschied zwischen belebter und unbelebter Materie gerichtet. Im Laufe des 18. Jahrhunderts begannen sich viele Forscher jedoch zunehmend wieder für spezifische Fähigkeiten lebendiger Körper wie Fortpflanzung, Wachstum, Selbsterhaltung und Selbstbewegung zu interessieren, die mit der mechanistischen Anschauung, mit der Vorstellung einer unveränderlichen Kraft, „die sich von Augenblick zu Augenblick [...] in endloser Folge“323 überträgt, nicht vereinbar schienen. „Im Mittelpunkt [...] stand die Erkenntnis, daß Organismen in ihrem Individualleben ständigen Einflüssen und Veränderungen ausgesetzt sind, auf Einwirkungen der Außenwelt reagieren und sich ‚zweckmäßig’ anpassen können, ohne daß alles schon von Geburt an vorherbestimmt sein kann“324. Vor allem die „Prozesse der Keimesentwicklung und Gestaltbildung, der Regeneration und Reproduktion (die zunehmend auch experimentell erforscht wurden), sowie Mißbildungen, Erkrankungs- und Heilungsprozesse [...]“325, erwiesen sich vor dem Hintergrund des damaligen Wissens als nicht mehr plausibel mechanistisch erklärbar326.
Erster prominenter Vertreter dieser als „Vitalisten“327 bezeichneten Forscher war zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Hallenser Arzt Georg Ernst Stahl (1660-1734), der – als sogenannter animistischer Vitalist – wieder in der Seele die immaterielle Ursache der spezifischen Lebensprozesse vermutete, was ihn – wie viele der auf ihn folgenden Forscher – jedoch nicht daran hinderte, weiterhin mechanische Prinzipien im Körper als Werkzeug für diese Seele anzunehmen328. Stahl war es auch, der erstmals den Begriff „Organismus“ als Gegenbegriff zu „Mechanismus“ konturierte, um mit seiner Hilfe die Besonderheit von Leben gegenüber Unbelebtem zu betonen. Das erste Kapitel seiner zentralen Arbeit „Theoria medica vera“ (Halle 1708) ist überschrieben mit: „Untersuchungen über den Unterschied zwischen Mechanismus und Organismus.“329
Von weitaus größerer Bedeutung für die weitere Forschungsentwicklung war jedoch der Mediziner Albrecht von Haller (1708-1788), der – wie Stahl - die Lebensvorgänge in ihrer Besonderheit würdigen, aber sie – anders als dieser - dennoch rein im Rahmen naturwissenschaftlicher, vor allem anhand von an Newtons Mechanik orientierten Deutungsmustern erklären wollte330. Zu diesem Zweck führte er umfangreiche Experimente durch331. Er widerlegte Stahls Seelentheorie, indem er nachwies, dass der Herzmuskel auch außerhalb des lebendigen Körpers zur Reaktion gereizt werden kann. Die Ursache dieser Lebensäußerung musste demnach in der Faser, im Material selbst liegen und konnte nicht mehr der Wirkung einer Seele zugeschrieben werden332. Als spezifische, lebende von unbelebten Körpern unterscheidende und daher nur in der belebten Natur vorkommende Kräfte nahm er die Irritabilität (die spezifische Fähigkeit von Muskeln, auf äußere Reize mit Kontraktion zu reagieren) und die Sensibilität (die spezifische Fähigkeit der Nerven, zu empfinden und Reize weiterzuleiten) an333. In der Irritabilität sah Haller dabei „eine Eigenschaft der organischen Materie analog der Gravitation Newtons [...]. So entwickelte Albrecht von Haller eine eigenständige Lehre vom Leben, ohne prinzipiell die Mechanik aufzugeben und setzte neben die ‚allgemeine Mechanik der unbelebten Natur’ eine spezielle ‚tierische Mechanik’, die er auch belebte Anatomie (Anatomia animata) nannte.“334
Auf dieser Theorie von Sensibilität und Irritabilität bauten weitere Untersuchungen verschiedenster Wissenschaftler auf, die in dem Konstrukt der „Lebenskraft“ mündeten, einer speziell die Lebensprozesse steuernden, der Materie inhärenten Kraft335. Treffend zusammengefasst wird diese Entwicklung von Matala de Mazza: „Noch beflügelt von Beobachtungen wie den Regenerationskräften der Polypen oder auch den Bildungsvorgängen, die aus dem Keim ein Embryo und aus diesem einen fertigen Organismus erwachsen ließen, tendierten die Theorien gegen Ende des 18. Jahrhunderts insgesamt dahin, den Begriff vor allem der Reizbarkeit auszuweiten und diese als >Kraft< zu interpretieren, die nach eigenen Gesetzen ein vegetatives, vom Bewußtsein nicht gesteuertes >Leben< aufrechtzuerhalten im Stande ist. [...] 1774 führte Friedrich Casimir Medicus den Begriff >Lebenskraft< ein, um die >Reizbarkeit< der Arterien und lymphatischen Gefäße zu bezeichnen [...]. Damit war schließlich jener Programmbegriff geprägt, der, im Singular oder Plural verwandt, in den physiologischen Theorien um 1800 immer neue inhaltliche Füllungen erhielt: sei es, wie bei Medicus selbst, im Sinne einer >einfachen, organisierenden Substanz, die als Lebenskraft belebend wirkt<; sei es, wie in Johann Christian Reils einflußreicher Abhandlung Von der Lebenskraft, im Sinne von >f e i n e [n], vielleicht ganz unbekannte[n] Stoffe[n]<, die >durch ihre Zumischung zur sichtbaren tierischen Materie dieselbe erst vollenden< und sich >von einem Organe zum anderen fortpflanzen können bloß nach den Gesetzen der Affinität, ohne daß ein organisches Verbindungsmittel zwischen ihnen stattfindet<; oder sei es, wie in Joachim Dietrich Brandis’ Versuch über Lebenskraft aus demselben Jahr, im Sinne einer unmittelbar in die organische Materie wirkenden Kraft ohne jede eigene Substantialität. Der Begriff der Kraft, dies zeigen schon die wenigen Beispiele, war ausgesprochen ambivalent besetzt und bezeichnete ein Wirkungsgeschehen, in dem Geistiges und Physisches sich auf schwer durchschaubare Weise ineinander verschränken.“336

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Besondere Bedeutung gewann das Konstrukt der (Lebens)-Kraft ihm Rahmen der Erklärung aller Lebensvorgänge für die Vorstellung der Entwicklung von Organismen. Ab Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich hier die sogenannte epigenetische Theorie weitgehend durchgesetzt, die postulierte, dass die Organe des Embryos erst nach und nach mit Hilfe spezifischer Kräfte entstünden. Man verwarf damit die Präformationstheorie, die behauptete, dass die Organe bereits im Embryo vollständig vorlägen und sich lediglich im Laufe der Zeit auseinander zu wickeln bräuchten337. Einer der berühmtesten Vertreter der Epigenese war der Physiologe Caspar Friedrich Wolff (1734-1794), der in seiner „Theoria generationis“ (1759) die Strukturgebung ursprünglich ungeformter Masse auf eine „vis essentialis“ zurückführte338. Ihm, wie vielen anderen Theoretikern der Epigenese, war die physikalische Theorie Newtons ein großes Vorbild. Sie „beriefen sich auf Newtons Gravitationskraft und vermuteten analoge ‚Kräfte’, spezifische Anziehungs- und Abstoßungskräfte, die direkt mit der organischen Materie, ‚lebenden Atomen’ oder ‚organisierten Molekülen’ verbunden sind, aber als physikalische Kräfte verstanden werden könnten.“339 Von ganz maßgeblicher Bedeutung für die Durchsetzung der epigenetischen Vorstellung war zudem der Göttinger Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), der in seiner Abhandlung „Über den Bildungstrieb und das Zeugungsgeschäft“ (1781) für die Entwicklung lebender Körper die Existenz eines speziellen Bildungstriebes (nisus formativus) verantwortlich machte340. Diesen Trieb rechnete er zwar allgemein zu den Lebenskräften, wies ihm aber im Unterschied zu den anderen Arten der Lebenskraft - wie Kontraktion, Irritabilität, Sensibilität -sowie gegenüber physikalischen Kräften eine Sonderstellung zu341.
Der Begriff „Entwicklung“ – ursprünglich die Bezeichnung für das Auseinanderwickeln von Schriftrollen - wurde in der Biologie zunächst von den Vertretern der Präformationstheorie benutzt. Nachdem sich die Theorie der Epigenese ihr gegenüber durchgesetzt hatte, übernahmen deren Anhänger den Begriff der Entwicklung und verwendeten ihn zur Bezeichnung ihrer epigenetischen Vorstellungen342.

Bildungstriebe und -kräfte wurden jedoch im ausgehenden 18. Jahrhundert zunehmend nicht allein für die individuelle Entwicklung von Organismen, sondern für die Entwicklung der gesamten Natur verantwortlich gemacht. Mit Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand ein völlig neues Naturordnungssystem, in dem die Naturgegenstände aus einem statischen räumlichen Nebeneinander im bisherigen Klassifikationssystem als „Verzeichnis und Beschreibung der zum Naturreich gehörigen Körper“343, in ein zeitliches Nacheinander rückten. Die antike Vorstellung einer unveränderlichen Stufenleiter, in der die einzelnen Gattungen unaufhebbar getrennt waren, wurde dynamisiert und zur ‚natürlichen’ von Entwicklungskräften geformten Geschichte der Natur umgedeutet344.
Grundlegende Vorbereitungsarbeit hierfür leistete Johann Gottfried Herder (1744-1803), der im dritten Band seiner zwischen 1784-1791 erschienen >Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit< „der Entfaltung eines Typus durch die Metamorphose einer Tierreihe bis zum Menschen nachgeht und die Frage nach den ‚Grundkräften’ dieser Entwicklung in Anlehnung an HALLERS Irritabilitäts-Sensibilitäts-Lehre [...] aufwirft.“345 Den Ablauf der Geschichte – auch die Entstehung von Kulturen und Staaten – beschreibt Herder als organisches Werden, Wachsen und Vergehen mit Hilfe dynamischer Wachstumsmetaphorik346. Für die weitere Rezeption seiner Ideen ist dabei von besonderer Bedeutung, dass er – das aufklärerische Perfektibilitätskonzept ablehnend, das von dem kontinuierlichen Fortschreiten der Menschheit hin zu einer aufgeklärten Gesellschaft ausgeht – den jeweiligen Eigenwert des jeweils individuell Gewordenen betont und hervorhebt. „Diese Vorstellung unterstellt zwar eine tendenzielle Ausbreitung von Humanität, ist jedoch nicht teleologisch strukturiert, sondern meint einen unendlichen schicksalhaften Realisierungsprozeß unterschiedlicher historischer Individuen, über dem letztinstanzlich die ordnende Hand Gottes waltet.“347

Wegweisend für die Durchsetzung der Vorstellung einer verzeitlichten Natur ist auch die Rede des Chemieprofessors Carl Friedrich Kielmeyer (1765-1844) „Über die Verhältniße der organischen Kräfte unter einander in der Reihe der verschiedenen Organisationen, die Gesetze und Folgen dieser Verhältnisse“ von 1793348, in der er die durch konkrete naturwissenschaftliche Fakten gestützte These aufstellte, dass Organismen ihre von organischen Kräften gelenkte Stammesgeschichte in ihrer von den gleichen Kräften gelenkten Individualentwicklung verkürzt durchlaufen würden349. „Kielmeyer bezog also erstmals neben dem Faktor Raum, der in der Naturgeschichtsschreibung bisher dominierte [...], den Faktor Zeit in die Betrachtung der Lebewesen ein [...], als er begrifflich klar formulierte, man müsse außer der räumlich gleichzeitigen Vielfalt auch die zeitlichen Veränderungen der Organe in Wechselbeziehung zum Gesamtorganismus und dessen Abwandlungen berücksichtigen.“350 Der Biologe Jean Baptiste de Lamarck (1744-1829) schließlich formulierte 1809 in seinem Hauptwerk >Philosophie Zoologique< „die erste echte Evolutionstheorie im Sinne einer allmählichen und unbegrenzten Umgestaltung von Arten“351, die er auf die Kombination aus einem in allen Organismen wirkenden Trieb zur Höherentwicklung und der Fähigkeit dieser Organismen, sich entsprechend ihrer Umweltbedingungen zu verändern, zurückführte352.

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Maßgebliche Bedeutung für die Durchsetzung eines verzeitlichten Verständnisses der Natur und der Focussierung der Forschung auf die Entwicklungskräfte hatte auch die frühromantische Naturphilosophie353. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), dessen Schriften zur Naturphilosophie (1799-1801) im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts großen Einfluss ausübten354, fasste die Natur als gigantischen, aufgrund von Urkräften sich aus einem Ursprung heraus selbstentwickelnden Organismus auf, in den alle Erscheinungen der Welt, organische wie anorganische, kulturelle wie natürliche, eingebettet sein sollten. Diese Erscheinungen würden sich aufgrund dieser Urkräfte in Stufen wachsender Vervollkommnung entwickeln und ausbilden355. Als Höhepunkt der „Entwicklung“ - und damit als den Prototyp des Organismus schlechthin – betrachtete Schelling den Menschen356. Schelling und seine Anhänger sahen die Entwicklung des geistigen Vermögens des Menschen dabei als von den gleichen grundlegenden Kräften gesteuert an wie die Entwicklung der Natur. Wilhelm von Humboldt formulierte dies 1821 folgendermaßen: „Alle lebendigen Kräfte, der Mensch wie die Pflanze, die Nationen wie das Individuum, das Menschengeschlecht wie einzelne Völker, ja selbst die Erzeugnisse des Geistes, so wie sie auf einem, in einer gewissen Folge fortgesetzten Wirken beruhen, wie Literatur, Kunst, Sitten, die äußere Form der bürgerlichen Gesellschaft, haben Beschaffenheiten, Entwicklungen, Gesetze miteinander gemein.“357 Und ähnlich: „Dennoch ist unleugbar, daß die physische Natur nur Ein großes Ganzes mit der moralischen ausmacht, und die Erscheinungen in beiden nur einerlei Gesetzen gehorchen.“358
Auf dieser Grundlage wurde dann das menschliche Erkenntnisvermögen nicht mehr länger als eine vorgegebene ahistorische Größe beurteilt, sondern als Resultat des naturgeschichtlichen Prozesses, in dem die Bewusstwerdung „schließlich im Selbstbewußtsein des Menschen ihre höchste und endgültige Stufe findet.“359
Mit Schellings spekulativer Naturphilosophie setzte sich der Begriff „Organismus“ als Programmbegriff gegen den Term „Organisation“ durch, der bis dahin in der medizinisch-naturwissenschaftlichen Fachsprache des 18. Jahrhunderts vorgeherrscht hatte.360

Obwohl Schelling, der seine Naturphilosophie vor dem Hintergrund genauester Kenntnis der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Forschung formulierte361, größten Wert darauf legte, Spekulationen über die organische Gesamtnatur – trotz der angenommenen Identität von Natur und Geist362 - durch empirische experimentelle Studien abzusichern, verlor die Naturphilosophie ab etwa dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts zusehends an Ansehen. Eine neue Forschergeneration – zu nennen sind hier z.B. der Botaniker Mathias Jacob Schleiden (1804-1881) und der Mediziner Rudolf Virchow (1821-1902)363 - lehnte Schellings „Überzeugung der Gültigkeit deduktiver Vernunftschlüsse“364 vehement ab. Dieser deduktive Ansatz hatte zwar viele weiterführenden Forschungen angeregt365, aber bei einigen von Schelling beeinflussten Forschern zu zum Teil abenteuerlichsten Schlussfolgerungen geführt366. Die Vertreter der neuen Forschergeneration verstanden sich zunehmend als analytische Positivisten, als rein induktiv und empirisch arbeitende Wissenschaftler. Ihre Forderungen gingen speziell dahin, die Beobachtung der Natur in das Zentrum der Forschung zu rücken, um von dort aus mit Hilfe von quantitativen und experimentellen Methoden zu falsifizierbaren Ergebnissen zu gelangen. Von diesen Forschern wurde zwar nach wie vor vertreten, dass man grundsätzlich von der Beobachtung der „Entwicklung“ des lebenden Körpers ausgehen müsse, da man nur auf diese Weise Erkenntnisse über dessen Aufbau und Struktur erhalten könne367. Das Erkenntnisinteresse an einer umfassenden Theorie über die Natur wurde jedoch vorerst zurückgestellt und verschwand zunehmend aus dem Blickfeld 368.
Diese „materialistische Wende“ zeigte sich ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts vor allem auch in den Erklärungen zur Lebenskraft. Hier führten spektakuläre Forschungsergebnisse aus Physik, Anatomie und Chemie zu der Überzeugung, dass die spezifischen, in lebenden Organismen ablaufenden Vorgänge rein auf „einfache Bewegungen von Stoffteilchen“, also auf allgemein in Physik und Chemie angenommene Kräfte und Vorgänge, zurückführbar seien369. Z.B. gelang es, Harnstoff synthetisch herzustellen, was die Annahme widerlegte, dass organische Verbindungen nur in Organismen als Ausdruck des Wirkens der Lebenskraft entstünden370.
Die Annahme einer allein für Organismen geltenden (Lebens-)Kraft schien jetzt obsolet. „Das ausgehende 18. Jahrhundert hatte eine solche Fülle von überraschenden Resultaten zur Physik und Chemie der organischen körperlichen Akte gezeitigt, dass kein Zweifel an dem Eingebundensein in das während aller Augenblicke stattfindende Naturgeschehen mehr erlaubt war. Chemismus, Magnetismus, Osmose, Kalzinierung, Stoffaustausch, Oxydation, Säureaufschluß, kurz, nahezu sämtliche bekannten Reaktionen aus der Physik und Chemie fanden stündlich und täglich in allen menschlichen Körpern statt [...]“371.
Auch Seele und Denkvermögen wurde daher zunehmend körperlich in Gehirn und Nervensystem verortet, wodurch sich beides ebenfalls dem naturforschenden Zugriff eröffnete372. Da der Mensch, sein Leben und Bewusstsein, auf diese Weise mehr und mehr in das Wirken der Natur und ihrer Gesetze eingebunden zu sein schien, wurde nun auch über den Weg der Erkenntnisse der modernen Physiologie auf allgemeine Naturgesetze für den sozialen und kulturellen Bereichen des Menschen geschlossen und somit „naturwissenschaftlich Gesichertes in soziale Argumentation“373 überführt.
Der in dieser Arbeit untersuchte Zeitraum des Vormärz steht also auch im Bereich der Naturforschung inmitten eines grundlegenden Wandels. Die materialistische Wende beginnt sich durchzusetzen, wodurch jedoch die Vorstellung einer die Wandlungen und Entwicklungen bedingenden Lebenskraft noch nicht verdrängt wurde.

3.1.2 Die diskursprägende Organologiemetapher

Die mit dem biologischen Organismus verbundene Vorstellung der sich aus – wie auch immer definierten - körperimmanenten Kräften bzw. Trieben entwickelnden und erhaltenden Einheit wird in den hier behandelten politischen Philosophien ohne Ausnahme auf politische und soziale Gebilde übertragen. Die auf diese Weise entstehende Organologiemetaphervariante kann schematisch folgendermaßen dargestellt werden:

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Zentrale Implikation von „Organismus“:

„Lebende Körper“ - „entwickeln sich aufgrund ihnen immanenter Kräfte“.

Diskursprägende Organologiemetapher:

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„Politische und soziale Gebilde“ – „entwickeln sich aufgrund ihnen immanenter Kräfte“.

Alle Autorinnen und Autoren drücken mit dieser Organologiemetapher aus, dass die beobachtbaren Veränderungen der politischen und sozialen Gebilde nicht ursächlich auf willkürliche planerische Gestaltung von Außen zurückgehen, sondern von Naturkräften bewirkt werden, die in den Kollektivkörpern naturnotwendig wirksam sind. Die Geschichte von Staat und Gesellschaft wird dadurch zur naturgesteuerten Entwicklungsgeschichte umgedeutet und in die Gesamtentwicklung von Natur und ihren Erscheinungen eingebunden.
Den konservativen politischen Philosophien – die sich dem Druck nach Anpassung an veränderte Umstände nicht entziehen können – verhilft diese Darstellung der Geschichte von Staat und Gesellschaft als „Entwicklungsprozess“ dazu, die von ihnen als notwendig erachteten Veränderungen in Staat und Gesellschaft als Reaktion auf die natürliche Veränderung des Bestehenden ausgeben zu können und sich dabei immer noch als Bewahrer des „Alten“, das sich nur fortbildet, zu sehen. Diejenigen Philosophien hingegen, die eine völlige Neuordnung der Verhältnisse fordern, können mit Hilfe dieser Argumentationsfigur den Beweis erbringen, keine lebensfernen Phantasievorschläge zu unterbreiten, sondern die Verwirklichung von Staats- und Gesellschaftsformen einzufordern, die die Geschichte schon längst Schritt für Schritt vorbereitet. In der jeweiligen Erzählung werden dabei von allen politischen Philosophien diejenigen Fakten und Zustände der „Geschichte“ ausgeblendet, die die Plausibilität der eigenen Theorie nicht unterstützen. Zugleich rücken sie die Phasen und Geschehnisse in den Vordergrund, die die eigene Theorie untermauern. Sie werden mit Hilfe der Organologiemetaphervariante ‚A entwickelt sich zu B entwickelt sich zu C ...’ zu einem plausiblen Erzählstrang verkettet.

3.1.2.1  Die Bildelemente374

Die die Entwicklung des politischen und sozialen Gebildes bestimmende und steuernde Naturkraft wird dabei häufig explizit als „Kraft“, als „Lebenskraft“, als „energisches Prinzip“, als „Trieb“ und „Bildungstrieb“, aber auch aufgrund der weiterhin möglichen mechanistisch-physikalischen Erklärung organischer Vorgänge als „Triebfeder“bezeichnet. Auch „Idee“ taucht z.B. bei dem Demokraten Wirth als Bezeichnung für Kraft und Trieb auf.

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Den Prozess der Entwicklung formulieren die Autorinnen und Autoren der politischen Schriften häufig mit Hilfe von Wachstumsterminologien wie z.B: „blühen, wachsen, ausbilden, vergehen, reifen, wurzeln, keimen, sprießen, gebären, „A erzeugt B“, „Kindheit-Jugend-Erwachsenenalter-Greisenalter“ etc.
Als Beispiel sei eine Passage aus der Schrift des Demokraten Wirth angeführt: „Aber nach den innern Gesetzen des Lebens folgen auf die Zeiten der Blüte abwechselnd jene der Erschlaffung und des Todes: um noch höhere Zwecke zu erreichen, steigt die bewegende Kraft des Weltalls wieder nieder, die Mittel zu neuen Erfolgen suchend und sammelnd; die Einheit der Gesinnung und Bestrebung verliert sich nun, der peinigende Zweifel, als Geburtshelfer höherer Erleuchtung, bemächtigt sich der Gemüther und die Gesellschaft scheint sich in Streit, Verwirrung und Unruhe aufzulösen. Mühselig und schmerzlich sind solche Zeiten des Überganges.“375
Auch ein Ausschnitt aus der „Politik“ des Liberalen Dahlmann sei zur Illustration des Gemeinten zitiert: „Den Leib des Jünglings hält man nicht im Knabengewande fest und noch weniger den Sinn des Jünglings. Auch die Völker haben ihre Lebensalter, jedes mit dem Reize einer eigenthümlichen Bildung ausgestattet, aber keines nach Willkür für alle Zeiten haltbar. Jede politische Form neigt zur Veränderung hin; sei es, daß am Völkerkörper sich ein Glied umgestaltet oder ein neues zuwächst, oder die freiere Tat sie hervorruft. Die Formen ändern sich [...]“376.

Gleichbedeutend mit „Entwicklung“ verwenden die untersuchten Autoren den Begriff des „Fortschritts“ oder des „Fortschreitens“. Bei dem Demokraten Wirth heißt es z.B.: „Nach diesen Gesetzen ist die geistige Bildung Entwicklung, ein Aufsteigen von rohen Verhältnissen zu edleren: jedes Volk durchläuft die Phasen derselben und gelangt zu einem, seinen natürlichen Anlagen entsprechenden, Grade von Wohlsein und Blüte; aber diese Anlagen sind sehr verschieden, es ist daher der Bildungsgrad bei keinem Volke gleich, sondern es besteht unter den zu einer Culturperiode verbundenen Nationen wieder eine Stufenreihe, der zufolge der geistige Fortschritt in der vollendeten Ausbildung einer dieser Nationen seine Spitze erreicht.“377 Diese oft synonyme Verwendung lässt sich im damaligen Sprachgebrauch allgemein nachweisen. Als Beispiel sei folgender Lexikoneintrag von 1833 zitiert: „Im Ganzen aber steht das Menschengeschlecht, wie die Welt überhaupt, unter dem allgemeinen Gesetz der Entwicklung, vermöge dessen alles im Fortgange, Fortschritte begriffen ist.“378

Die neuen „organischen“ Vorstellungen einer durch bestimmte Naturkräfte gesteuerten Entwicklung schlüpfen hier in das Gewand altehrwürdiger politischer Metaphorik, die schon seit der Antike gängig ist379. „Die Ansicht, daß die Folge von Wachsen, Blühen und Vergehen ebenso für geschichtliche Phänomene gelte, hatten im Altertum Platon [...], Polybios [...] und Sallust [...], Horaz [...], Velleius [...] und Seneca [...] formuliert [....]“380. Bis zu der völlig veränderten Naturauffassung ab Mitte des 18. Jahrhunderts drückte sich in diesen Wachstumsmetaphern jedoch nicht der in diesem Kapitel ausführlich beschriebene Entwicklungsgedanke aus381. Es wurde mit ihr vielmehr in erster Linie der naturnotwendige Aufstieg und Untergang aller politischen Formen hervorgehoben382. Auch die in der antiken Erziehungsmetaphorik anklingende Entwicklungsvorstellung, die die Weltgeschichte als Erziehungsprozess der Menschheit auffasst, impliziert zwar die organische Entwicklung des Menschen, stellt diese Vorstellung aber „bis zur Aufklärung meistens zurück“383. Ein typisches Beispiel für typische antike Erziehungsmetaphorik ist das Fragment des Tragikers Moschion aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. In ihm wird die personifizierte Menschheit als „Zögling einer personifizierten Natur vorgestellt. Gegenstand der Erziehung ist – wie regelmäßig in den antiken Kulturentstehungstheorien – die zivilisatorische Entwicklung.“384

3.1.2.2 Die Analyse der Naturkräfte

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Alle politischen Philosophien sehen als unmittelbares Resultat der metaphorischen Gleichsetzung der Veränderung von Staat und Gesellschaft mit einem kraftgesteuerten Entwicklungsprozess ihre zentrale Aufgabe darin, diesen Naturkräften und Trieben auf die Spur zu kommen, die die in ihren Augen „natürliche“ Entwicklung von Staat und Gesellschaft lenken. Dies ist ein zentraler, auf organologischer Weltbetrachtung fußender Ausgangspunkt aller untersuchten politischen Philosophien: Die Autorinnen und Autoren streiten in dem rekonstruierten „Zeitgespräch“ um die richtige Analyse des naturgesteuerten Entwicklungstriebes, der auf Staat und Gesellschaft wirkt und um die daraus folgenden Handlungsanweisungen.

In der Methode, mit deren Hilfe die politischen Philosophien diesen Kräften auf die Spur kommen wollen, unterscheiden sich die analysierten Schriften deutlich.
Ein Teil der Autorinnen und Autoren schöpft die Kenntnis der in den Kollektivgebilden wirksamen Kräfte hauptsächlich aus anthropologischen Überzeugungen. Der andere Teil der Verfasserinnen und Verfasser gewinnt seine Erkenntnisse überwiegend aus der Betrachtung umfassender geschichtlicher Veränderungsprozesse. Beide Analyseverfahren kommen in den politischen Philosophien jedoch auch nebeneinander vor.

Als vorwiegend auf der Anthropologie aufbauenden Autoren sind die liberalen Autoren des Staatslexikons Rotteck, Welcker und Pfizer, der Demokrat Fröbel und die Kommunisten Weitling und Marx zu nennen. Die Wissenschaft vom Menschen wird bei Ihnen zur „Materialkunde“ der politischen Philosophie. Die Autoren treten hierbei – bewusst oder unbewusst - in die Fußstapfen von Hobbes, der diese an der analytischen Naturwissenschaft orientierte Methode in die politische Philosophie eingeführt hatte385.
Sie zerlegen die politischen und sozialen Gebilde dazu in ihre einzelnen Bestandteile, in die sie konstituierenden Individuen, in ursprünglich bindungslose Einzelexistenzen des vorgesellschaftlichen Zustandes, die gleiche körperliche und geistige Voraussetzungen aufweisen .
Darauf aufbauend formulieren sie ihre Überzeugungen, mit welchen Eigenschaften und Kräften die Natur das einzelne Individuum ausgestattet habe, um es in Kontakt mit seinen Mitmenschen treten und im Miteinander den politischen und sozialen Körper ausbilden zu lassen.
Diese „Anziehungskräfte“ zwischen den Menschen, die zur Ausbildung des politischen und sozialen Gemeinwesens führen, können dabei analog zu Newtons Gravitationslehre verstanden werden, die – wie gezeigt - innerhalb der physiologischen Erklärung der Ausbildung und Entwicklung biologischer Körper eine große Rolle spielt386. Sehr deutlich wird dies z.B. bei dem Demokraten Fröbel, der explizit in physikalischer Terminologie formuliert, dass die Tatsache, „dass das Glück Aller an die Gesellschaft gebunden“ sei, „die Kraft der Anziehung“ beinhalte, während der in unvollkommenen Gesellschaften anzutreffende Zustand, dass „das Glück des Einen durch das des anderen beschränkt“ sei, die „Abstoßung“ voneinander bewirke. Allmählich würde es jedoch „nothwendig“ zu dem Zustand des gleichmäßigen Glücks aller kommen, da „die Abstoßung nachläßt, wo die Beschränkung verschwindet, während sie fortwirkt so dieselbe sich erhält.“387
Bei Marx ist die Anspielung auf die Gravitationsvorstellungen Newtons indirekter. Er geht den Umweg über den französischen Frühsozialisten Fourier, der seine Lehre explizit analog zu der Newtons aufbaut und „Leidenschaften“ als entscheidende Anziehungskräfte versteht388. Fouriers Terminologie aufnehmend formuliert wiederum Marx: „Der Mensch als ein gegenständliches sinnliches Wesen ist daher ein leidendes und, weil sein Leiden empfindendes Wesen, ein leidenschaftliches Wesen. Die Leidenschaft, die Passion, ist die nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen.“389 Marx sieht dabei die freie Bearbeitung des ihn umgebenden Naturleibes, zu dem er auch die Mitmenschen rechnet, als entscheidende Triebkraft und Leidenschaft des Einzelnen an.
Bis auf Marx, der den Einzelnen von Anfang an in den ihn einbettenden Naturleib verortet, sind diese „Anziehungskräfte“ bei allen anderen Autoren der „anthropologischen Richtung“ grundlegend für die „Geburt“ des Kollektivgebildes verantwortlich. Weitling z.B. lässt es aus dem in den Menschen wirkenden Trieb zur Bedürfnisbefriedigung entstehen, der nur im Zusammenschluss aller gestillt werden könne. Fröbel führt dessen Bildung auf das Streben der einzelnen Menschen nach Genuss und Glück, Rotteck auf deren Bedürfnis nach größtmöglicher unbehelligter Freiheit zurück. Beides könne nur im geregelten Miteinander gestillt werden. Damit erscheint der Zusammenschluss, auch wenn er in den politischen Philosophien als freiwilliger und selbstbewusster Akt der Glieder entworfen wird, eindeutig von Naturzwängen herbeigeführt und damit sein Resultat als ein von der Natur von Anfang an intendiertes „Naturprodukt“. Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die Vorstellungen des Demokraten Fröbel, der explizit folgendes ausführt: „Der Staat ist weder M e c h a n i s m u s noch O r g a n i s m u s, denn er ist ein Drittes, nämlich eine G e s e l l s c h a f t, eine A s s o c i a t i o n. [...] Die Assoziation nämlich ist ein System von Organismen, welche nach dem Verhältniß von Zweck und Mittel in der Form der Zweckgemeinschaft sich verbinden und ordnen. [...]Die Association entsteht durch ein äußerliches Zusammenkommen ihrer Bestandtheile wie der Mechanismus, aber der Wille dazu liegt nicht in einem Mechaniker oder Baumeister, sondern in den Bestandtheilen welche für sich selbst wesenhafte Existenzen sind.“390„[...] durch die Natürlichkeit der Entstehung der Absichten aus dem Bedürfniß und der individuellen Organisation nähert sich die Association dem Organismus, so daß die Naturgemäßheit der S t a a t s o r g a n i k ein Fortschritt in der Freiheit ist. Diese letzte schließt übrigens die erste in sich, und so hätte man größeres Recht den Staat einen Organismus zu nennen[...].“391
Für die Entwicklung, also für die Veränderung des Kollektivgebildes im Laufe seiner Geschichte, werden in den politischen Philosophien entweder die selben Triebe, die schon die Entstehung des Kollektivgebildes bedingten, oder weitere im Laufe der Zeit neu auftretende Triebe und Kräfte verantwortlich gemacht. Bei Weitling ist es ein und derselbe Trieb der Bedürfnisbefriedigung, der nicht nur den Zusammenschluss der Menschen bewirkt, sondern diese zudem zu immer höherer Ausbildung ihrer Fähigkeiten reizt und so den Fortschritt und die Veränderung der Gesellschaft und ihrer Ansprüche hervorruft.
Bei dem Demokraten Fröbel sowie bei den Liberalen Welcker und Pfizer - andeutungsweise auch bei Rotteck – sind für die Veränderung des politischen und sozialen Gebildes neue Entwicklungskräfte verantwortlich, nämlich jene, die die geistigen Veränderungen des einzelnen Menschen von der Kindheit zur Jugend und schließlich zum Erwachsenen bewirken. Diesen Kräften unterliege ihrer Ansicht nach auch die gesamte Menschheit, die entsprechend ihres geistigen und moralischen Entwicklungsstandes die jeweils passende Staats- und Gesellschaftsordnung hervorgebracht habe.
Der entscheidende Schritt ist nun, dass in den politischen Philosophien, die vorwiegend auf anthropologischen Überzeugungen aufgebaut sind, nach der Analyse der Naturkräfte und Triebe, die die Einzelnen bei der Ausbildung und Veränderung des Gemeinwesens leiten, ein Kollektivgebilde entworfen wird, das diese Kräfte und Triebe unterstützt und deren freies Wirken ermöglicht. Die Verfasser gehen hier in ihrer Argumentation nach klassischem Muster vor: Ausgehend von der Betrachtung der einzelnen Elemente gelangen sie zu den Prinzipien der Gesellschaftsgestaltung, die nun vor dem Hintergrund der Ausführungen unmittelbar einleuchten müssen. Die neue Ordnung muss mit dem Grundwissen über die biologischen und anthropologischen Merkmale des Menschen vereinbar sein392.
So erscheint es z.B. naturnotwendig, dass Weitling vor dem Hintergrund seiner Triebanalyse eine Gesellschaft fordert, die eine ungehemmte Bedürfnisbefriedigung aller sichert und je nach Stand der neuen Bedürfnisse und Fähigkeiten, Neuerungen der Gesellschaftsgestaltung zulässt. Die liberalen Autoren des Staatslexikons und der Demokrat Fröbel hingegen entwerfen eine Gesellschafts- bzw. Staatsordnung, die, dem gereiften Verstand und der gereiften Moral des Volkes entsprechend, die gemeinsamen Belange aller Einzelnen auf dem Boden des Rechts, der gegenseitigen Achtung sowie der Anerkennung der größtmöglichen Selbstverwirklichung regelt.
Für Marx, der den Menschen mit dem Trieb der Bearbeitung des Naturleibes ausgestattet sieht, der diesem nach der Bearbeitung – will er Mensch bleiben – weiterhin zur Verfügung stehen muss, ist folgerichtig nur eine Gesellschaft denkbar, die diesen Zugriff und damit eine Spiegelung des Menschen im Geschaffenen ermöglicht.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Autoren der politischen Philosophien die Individuen auf der einen Seite als aktiv und bewusst handelnde ‚Konstrukteure’ entwerfen, die den Staats- und Gesellschaftsorganismus nach Erkenntnis der sie bestimmenden und leitenden Triebe einrichten können. Zur gleichen Zeit aber nehmen sie diese Eigentätigkeit und Freiheit der Menschen zurück, die sie als echte Naturglieder beschreiben, die von den Naturkräften zu dieser „freien“ Tat getrieben werden. Die Natur – so betonen vor allem Fröbel, Marx, Welcker und Pfizer – wirkt letztlich zwingend auf sie ein, um ihren Plan zu verwirklichen. Damit erscheint nicht nur der Einzelne als echtes Naturglied, auch der sich naturnotwendig ausbildende Staats- und Gesellschaftskörper wird so zum Naturprodukt, der aufgrund von Naturtrieben entsteht und sich entwickelt.

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Der andere Teil der hier untersuchten Schriften fußt hauptsächlich auf der Überzeugung, dass man den Inhalt der Kräfte, die sich in Zukunft in Staat und Gesellschaft durchsetzen werden, sowohl an deren festen Verankerung in der Geschichte der politischen und sozialen Gebilde als auch an deren in der Gegenwart immer deutlicher werdenden Wirkungsmacht erkennen könne. Hierbei wird – je konservativer desto mehr – gemahnt, nicht alle neuen Erscheinungen zu akzeptieren, sondern durch den geschulten Blick das Bewährte zu verteidigen und nur das aufgrund der veränderten Zeit notwendige Neue zuzulassen. Als Vertreter dieser Richtung sind hier in erster Linie zu nennen: Der Demokrat Wirth, der Liberale Dahlmann, die politischen Katholiken, der Konservative Stahl, die Autorinnen der Frauenbewegung, der Kommunist Engels aber auch Marx, der sich dieser Methodik besonders intensiv zusätzlich zur „anthropologischen“ Methode bedient. Alle diese Autoren gehen dabei von der eigenständigen Existenz des Kollektivorganismus aus, in den der Einzelne von Anfang an eingebettet ist.
Als immer mächtiger sich zeigende Kräfte werden z.B. von Otto, Dahlmann, Wirth und Stahl das Bedürfnis nach Mitsprache der Staatsglieder an öffentlichen Angelegenheiten gesehen.
Viele dieser Schriften ziehen zur Identifizierung geschichtskräftiger Triebe historische Entwicklungsgesetze heran: Der Demokrat Wirth z.B. greift auf die Geschichtsphilosophie Herders zurück, der – wie er ausführt - geschichtsmächtige Kräfte am Kriterium des wiederholten Scheiterns festmache, bis sie schließlich übermächtig stark würden. Für Wirth sind das die das deutsche Volk prägenden Triebe nach Einheit und Freiheit. Der politische Katholizist Görres hingegen ist der Ansicht, dass die Geschichte immer zwischen Extremen schwanke und dass nach dem Verfall der Gegenwart im Vormärz - den Naturgesetzen gehorchend - ein wohlgeordneter Staat entstehen werde, in dem die Kirche wieder den ihr zukommenden Platz erhalten werde. Die Gegenwart deutet er vor diesem Hintergrund als Wendepunkt hin zu dem gesetzmäßig sich einstellenden Besseren aus.
Vor allem der Konservative Stahl und die politischen Katholizisten verankern dabei die Naturtriebe ganz grundsätzlich im Willen Gottes. Dieser Wille verwirklicht sich ihrer Ansicht nach in wirkungsmächtigen Geschichtskräften, die der konkreten historischen und politischen Analyse zugänglich sind.
Alle Autoren und Autorinnen sind sich nun darin einig, dass man, wenn man die natürlichen Geschichtskräfte erkannt habe, die den Staats- und Gesellschaftsorganismus prägen, deren Verwirklichung durch politisches Handeln unterstützen müsse. Dahlmann, Wirth und Stahl fordern daher die größere Berücksichtigung der Staatsglieder im Staat. Wirth klagt aufgrund des von ihm ausgemachten Triebes zur Einheit die Herstellung eines deutschen Nationalstaates ein.
Die vorgebliche Freiheit der Menschen, die erkannten Kräfte unterstützen zu können oder nicht, erweist sich jedoch auch hier bei näherem Hinsehen in der Regel als scheinbar. Die von der Natur gesteuerten Geschichtskräfte werden so verstanden, dass sie – wie alle anderen Naturkräfte auch - sich auf jeden Fall durchsetzen und die Einzelnen in ihren Bann ziehen werden. Das zeigt sich bei Engels und Marx genauso wie bei Wirth, Dittmar, Dahlmann, den politischen Katholizisten und Stahl.
In dieser Art der Analyse politisch und geschichtlich bedeutsamer Kräfte wird die zeittypische historistische Prägung von „Politik“ deutlich393. Denn gerade die „organologischen“ Überzeugungen waren es, die nicht nur die politischen Philosophien, sondern auch das spezifisch geschichtswissenschaftliche Deutungsmuster des Historismus394 maßgeblich bestimmten, der sich ab der Mitte des Jahrhunderts zunehmend durchsetzte395. Auch im Historismus wurde das Modell des sich aus immanenten Lebenskräften selbst entwickelnden Organismus von dem oben dargestellten modernen wissenschaftlichen Diskurs über die Natur übernommen396. Angewendet auf kulturelle und geistige Phänomene wurde mit Hilfe dieses Organismusmodells ein völlig neuartiges Forschungsprogramm formuliert, das ungeachtet des Unterschiedes im Erkenntnisgegenstand – Kultur hier, Natur dort – mit dem Wissenschaftsverständnis in den modernen Naturwissenschaften in wesentlichen Punkten übereinstimmte: Aus den empirisch zugänglichen Phänomenen und ihrer Veränderung in der Zeit sollte auf die grundlegenden, den Gang der Entwicklung der Weltgeschichte steuernden objektiven Kräfte geschlossen werden397. Diese wurden häufig als „Ideen“ bezeichnet398. Die handelnden Menschen sah man dabei als Agenten dieser metaphysischen „Ideen“ an399. Humboldt, der 1821 in seinem Aufsatz „Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ eine im zeitgenössischen historischen Diskurs allgemein akzeptierte Formulierung der Ideenlehre für die Zeit bis zur Jahrhundertmitte verfasste400, formuliert die Zielsetzung historischer Forschung vor dem Hintergrund des organologischen Weltbildes folgendermaßen: „Zu den wirkenden und schaffenden Kräften also hat sich der Geschichtsschreiber zu wenden. [...] Auf diese Weise entwirft sich der Geschichtsschreiber durch das Studium der schaffenden Kräfte der Weltgeschichte ein allgemeines Bild der Form des Zusammenhanges aller Begebenheiten [...]“401. „Für die menschliche Ansicht, welche die Pläne der Weltregierung nicht unmittelbar erspähen, sondern sie nur an den Ideen erahnen kann, durch die sie sich offenbaren, ist daher alle Geschichte nur Verwirklichung einer Idee, und in der Idee liegt zugleich die Kraft und das Ziel [...]“402. Ihre wesentliche Aufgabe sahen die Historisten dabei darin, mit ihren Studien über die die Geschichte lenkenden Naturtriebe Hilfestellungen zur politischen Orientierung zu geben, um eine bessere Zukunft zu ermöglichen403. Die traditionelle Vorstellung, der zeitgenössische historische Diskurs sei sich darin einig gewesen, die naturwissenschaftliche Tradition abzulehnen und Darstellungsmethoden zu favorisieren, die rein auf Verstehen und Einfühlen abzielen, erweist sich als nicht haltbar404.
Allerdings löst sich die Geschichtskräfteanalyse von Marx, Engels und Dittmar insofern deutlich aus dem historistischen Rahmen, als sie nicht metaphysische „Ideen“ für die geschichtliche Entwicklung verantwortlich machen, sondern diese – ganz in Übereinstimmung mit der Forschungshaltung der ab den 30er Jahren immer einflussreicher werdenden positivistischen und materialistischen Naturforscher - auf die Wirkung konkreter geschichtlicher Kräfte zurückführen. Bei Marx und Engels z.B. ist die entscheidende Geschichtskraft das Proletariat, das naturnotwendig mit Hilfe einer Revolution den Kommunismus verwirklichen werde, da der Kapitalismus - seiner eigenen Logik entsprechend - naturnotwendig zur Bildung einer riesigen Gruppe von völlig verarmten Arbeitern auf der einen Seite und einer winzigen Anzahl unermesslich Reicher auf der anderen führe, eine Situation, die dann von den wenigen Reichen nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Küttler formuliert die Besonderheit des Marxschen Ansatzes im Kontext des Historismus folgendermaßen: „Die besondere Eigenart des Marxschen und noch mehr der späteren >marxistischen< Versionen dieser Verknüpfungen war jedoch, daß die praktische Zukunftsvorstellung direkt aus komplexer Sozial- und Geschichtswissenschaft begründet und auf diese Weise als praktisch notwendig, als >Naturgesetz< der realen Gesellschaftsentwicklung, d.h. als objektiv gültig, >aus der Sache selbst< unvermeidlich folgend vorgegeben wurde: Spekulative Geschichtsphilosophie sollte durch Wissenschaft von der Geschichte positiv überwunden, d.h. das utopische Element des Entwurfs durch wissenschaftliche Forschung gewissermaßen schon als immanente Realität des Bestehenden (des Kapitalismus) nachgewiesen und als Utopie aufgehoben werden.“405

3.1.2.3 „Pathologie und Therapeutik“

Die Plausibilität der jeweiligen geschichtsmächtigen Kraft- bzw. Triebanalyse wird in allen politischen Philosophien – ganz gleich welcher Ableitungsmethode sie sich bedienen - durch die Pathologie- und Therapeutikmetapher406 unterstrichen. Bei den Kommunisten und dem Demokraten Wirth spielt diese Metaphorik dabei eine besonders große Rolle. Ihre Darstellung ist durch die Pathologie- und Therapeutikmetaphorik strukturiert. Dabei wird der momentane Gesellschafts- und Staatszustand als Ergebnis einer schwerwiegenden Krankheit beschrieben, die dadurch hervorgerufen wurde, dass zu bestimmten Phasen der Geschichte wesentliche Entwicklungskräfte bzw. Entwicklungsnotwendigkeiten nicht oder nicht mehr berücksichtigt wurden. Bei Weitling z.B. ist es die Entstehung des Privateigentums, das zunehmend mehr Menschen an der Befriedigung ihrer naturgegebenen Bedürfnisse hinderte und so zum besorgniserregenden Zustand der Gegenwart führte. Bei dem Demokraten Wirth ist es die das deutsche Volk prägende „Idee“ von Einheit und Freiheit, die im Laufe der Geschichte zunehmend weniger beachtet und umgesetzt wurde, was für ihn den desolaten Zustand der Gegenwart erklärt.
Die Berücksichtigung der von ihnen erkannten geschichtsmächtigen Kräfte erscheint in den so strukturierten Erzählungen als Therapeutik, die als Stein der Weisen mit einem Schlag zur Gesundung der Gegenwart führen kann. Bei Weitling z.B. stellen die Abschaffung des Privateigentums und die Organisation eines Staates, der die Bedürfnisbefriedigung aller auf Dauer gewährleistet, den Gesundheitszustand des Gemeinwesens wieder her. Bei Wirth geschieht dies durch die Verwirklichung der Grundideen von Einheit und Freiheit. Vor dem Hintergrund dieser Erzählung gelingt es dabei den Kommunisten und Demokraten Revolutionen nicht mehr als mutwillige Veränderung, sondern als unbedingt notwendige Wiederherstellung eines eigentlich naturgewollten Zustands erscheinen zu lassen.

3.1.2.4 Politik als „Naturlehre“

Da die Kräfte, die die Entwicklung und die Endform der politischen und sozialen Gebilde bewirken, durch die organologische Metaphorisierung mit objektiven und zwingend wirksamen Naturtrieben gleichgesetzt werden und damit ebenfalls objektiv und zwingend erscheinen, verlieren die untersuchten politischen Philosophien den Charakter subjektiver Entwürfe. Sie erheben den Anspruch, die Absichten der „Natur“ bezüglich der politischen und sozialen Gebilde zu erkennen, die sich in deren Entwicklungsprozess offenbaren, und damit „Naturlehre“ im eigentlichen Sinne zu betreiben. Dies wird von verschiedenen politischen Philosophinnen und Philosophen explizit ausformuliert407. Bei anderen wird dieser Anspruch implizit durch die naturale Metaphorisierung und ihr Vorgehen deutlich.
Die spezifisch menschliche „Freiheit“ wird von vielen Verfasserinnen und Verfassern der politischen Schriften darin gesehen, die zwingenden Naturgesetze mit Hilfe des Verstandes zu durchschauen, in sittlicher Freiheit zu befolgen und so dem Naturplan zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen, nicht aber sich zwischen dem einen oder anderen Entwurf auf der Basis von Überzeugungen und Werten zu entscheiden. Es geht nicht darum, was „gut“, sondern was „wahr“ ist. Diese Ansicht bringt z.B. Fröbel folgendermaßen auf den Punkt: „Daß wir also das Gute wollen ist Sache der Einsicht und der Kraft. Die Einsicht des Guten ist die W e i s h e i t, die Kraft des Guten ist die T u g e n d.“408 Im Grunde wird dem Menschen – wie bereits ausgeführt - jedoch auch in der Frage, ob er den Naturkräften und Gesetzen, die er erkennt, gehorchen will, von keinem der politischen Philosophen echte Entscheidungsfreiheit eingeräumt. Die Menschen erscheinen letztlich in durch sie und in ihnen wirkende Gesetzmäßigkeiten und Kräfte eingebunden, die die „Natur“ vorgibt und denen sich keiner auf Dauer entziehen kann409.
Die aktive Tat des Einzelnen wird damit jedoch für keine der politischen Philosophien obsolet. Die Verwirklichung der idealen Entwicklung von Staat und Gesellschaft bedarf bei allen Verfasserinnen und Verfassern der tätigen Mithilfe der Menschen. Die Vorstellung eines sicher zum Ziel führenden, die Umbrüche der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindenden Entwicklungsprozesses, stellt dabei Ewigkeitsstrukturen bereit. Diese laden das eigene Handeln, die eigene Situation mit Sinn auf und motivieren so verstärkt zu Engagement und aktiver politischer Teilnahme, um das von der „Natur“ vorgesehene Endprodukt Staat und Gesellschaft auch gegen im Moment noch unüberwindbar scheinende Hindernisse zu verwirklichen410. Dies ist auch der Hintergrund, vor dem die große Popularität von „Geschichte“ und „Geschichtsschreibung“ in diesen Zeiten des gravierenden Umbruchs zu erklären ist. Durch den Gedanken der zusammenhängenden Entwicklung ermöglichte sie es, die disparaten Zeiterfahrungen und grundlegenden Umwälzungen von dem vergangenen Gestern zu dem aktuellen Heute in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen411.

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Die in dieser Arbeit analysierten politischen Philosophien stehen mit ihrem sie grundlegend prägenden, mit Hilfe der Organologiemetapher formulierten Ansatz,

in dem Zeitraum nicht alleine. Wie selbstverständlich Politik vor dem Hintergrund der geteilten „organischen“ Weltsicht allgemein als Naturlehre aufgefasst wurde, die zur Handlungsorientierung nach grundlegenden Trieben der Entwicklung fahndet, wird z.B. in den zeitgenössischen Lexika sehr deutlich. So heißt es im Brockhaus von 1846 unter dem Stichwort „Politik“: „Aber die Politik ist die große Naturlehre des Staats; welche ihn, seine Elemente und seine Verbindungen, die sich in ihm bewegenden Kräfte, den Charakter der Institute und der Verhältnisse, mit Bezug auf Zweck und Leben des Staates zu erkennen und daraus die Naturgesetze des politischen Wirkens abzuleiten trachtet. [...] Sie strebt, die Wirklichkeit des Staates, das wahre Wesen politischer Kräfte und seine Gründe zu erkennen.“412

3.2 „Politische und soziale Gebilde“ – „zeichnen sich durch ein spezifisches Wechselverhältnis von Teil und Ganzem aus“

3.2.1  Zur zeittypischen Auffassung des Aufbaus von Organismen

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Das in dieser Arbeit untersuchte Zeitgespräch wird jedoch nicht nur durch die im naturwissenschaftlichen Diskurs mit dem biologischen Organismus verbundene Vorstellung der triebgesteuerten Entwicklung geprägt, sondern auch von der dort vorherrschenden spezifischen Auffassung des Aufbaus von lebendigen Körpern.
Der Aufbau eines biologischen Organismus’ zeichnet sich nach zeitgenössischer Ansicht ganz wesentlich dadurch aus, dass sich seine Teile und sein Ganzes gegenseitig Mittel und Zweck sind und sich wechselseitig bedingen. Kant, auf den die Formulierung dieses für lebende Körper als typisch angesehenen Wechselverhältnisses zurückgeht413, illustriert dies an dem Beispiel eines Baumes. Der Baum – so führt er aus - bringe sich zum Einen als Gattung selbst hervor, da ein Baum - als Ursache - den anderen Baum - als Wirkung - erzeuge. Der Baum bringe zum zweiten auch sich selbst als Individuum hervor, da er in der Lage sei die „Materie, die er zu sich hinzusetzt“, zu „spezifisch-eigentümlicher Qualität“ zu verarbeiten. Und drittens erzeuge „ein Teil dieses Geschöpfs auch sich selbst so: daß die Erhaltung des einen von der Erhaltung des andern wechselweise abhängt. [...] Zugleich sind die Blätter zwar Produkte des Baums, erhalten aber diesen doch auch gegenseitig; die wiederholte Entblätterung würde ihn töten, und sein Wachstum hängt von ihrer Wirkung auf den Stamm ab.“414 Seine folgenreiche Formulierung heißt im Originalwortlaut folgendermaßen: „In einem [...] Produkte der Natur wird ein jeder Teil, so, wie er nur d u r c h alle übrige da ist, auch als u m d e r a n d e r n und das Ganzen willen existierend, d.i. als Werkzeug (Organ) gedacht: welches aber nicht genug ist (denn er könnte auch Werkzeug der Kunst sein, und so nur als Zweck überhaupt möglich vorgestellt werden); sondern als eine die andern Teile (folglich jeder den anderen wechselseitig) h e r v o r b r i n g e n d e s Organ, dergleichen kein Werkzeug der Kunst, sondern nur der allen Stoff zu Werkzeugen (selbst denen der Kunst) liefernden Natur sein kann: und nur dann und darum wird ein solches Produkt, als o r g a n i s i e r t e s  und s i c h s e l b s t o r g a n i s i e r e n d e s W e s e n, ein N a t u r z w e c k genannt werden.“415
In diesem Wechselspiel von Teil und Ganzem unterscheidet sich – laut Kant - der Organismus grundlegend von der Maschine. Denn das Ganze der Maschine produziere und erhalte nicht – wie der Organismus - seine Teile selbst, und die Teile der Maschine würden die anderen Teile und damit das Ganze nicht aus sich heraus produzieren und erhalten416. Diese Auffassung des spezifischen Aufbaus von biologischen Organismen findet sich in allen von für diese Arbeit untersuchten zeitgenössischen Lexika417, z.B.: „Unter Instrument versteht man ein Werkzeug der Kunst, wodurch ein vorhandener Stoff bearbeitet wird, unter Organ einen Theil des organischen Körpers oder des O r g a n i s m u s. Diese letzten Ausdrücke bezeichnen aber ein natürliches Ganzes, welches ebensowol durch alle seine Theile als um ihrer willen vorhanden ist, das sich selbst erhält, und zu dessen höheren Zwecken der einzelne Theil in Thätigkeit gesetzt ist. [...] Ein organisches Wesen ist also dasjenige, dessen sämmtlichen Theile sich zueinander wie Mittel und Zweck verhalten. In allen mechanischen Kunstwerken findet sich zwar ein ähnliches Wechselverhältnis, z.B. in einem Uhrwerke; allein es ist zwar jeder Theil darin um des anderen, und alle sind um des Ganzen willen da, dienen mithin einem Endzwecke, aber sie sind nicht durch einander da. Dies Letzte ist Eigenthümlichkeit des Organismus [...]“418.

Durch die Betonung der Wechselseitigkeit des Verhältnisses von Teil und Ganzem wird die Bedeutung des Ganzen für die Existenz, die Ausbildung und die Positionierung der Einzelteile nicht in Frage gestellt, jedoch die zentrale Bedeutung des einzelnen Teiles für das Gesamte und seine weitgehende Selbständigkeit und Selbsttätigkeit für die Ausbildung und den Erhalt des Ganzen besonders betont.
Revolutionäre Folge dieses Blickes auf das Einzelne im Ganzen im naturwissenschaftlichen Diskurs war die Entdeckung der Zelle als materiellem Träger alles Lebens und einheitlicher Grundeinheit aller Organismen in den Jahren 1838 und 1839419. Bahnbrechend hierfür waren die Forschungen des Botanikers Mathias Jacob Schleiden (1804-1881) und des Zoologen Theodor Schwann (1810-1882). „Traditionellerweise hatte man den ganzen Organismus betrachtet und aus diesem Blickwinkel seine Bestandteile, beispielsweise die Zellen, analysiert. Schleiden dagegen geht von den Zellen aus, die für ihn eigenständige Wesen sind, und interpretiert den Organismus als Zusammenschluss selbständiger Mikroorganismen: >Jede nur etwas höher ausgebildete Pflanze ist aber ein Aggregat von völlig individualisierten in sich abgeschlossenen Einzelwesen, eben den Zellen selbst. Jede Zelle führt nun ein zweifaches Leben: ein ganz selbständiges, nur ihrer eigenen Entwicklung angehöriges und ein anderes mittelbares, insofern sie integrierender Theil einer Pflanze geworden< ist.“420 Diese neue Sichtweise fand in der Biologie rasche Verbreitung. Mit der Zelltheorie - der Annahme, dass Tiere und Pflanzen aus dem gleichen Grundelement gebildet sind – wurde die Einheit aller Lebewesen eindrucksvoll betont und der Biologie somit ein einheitlicher Gegenstandsbereich zugewiesen.421
Dieser Blick auf das Einzelne im Ganzen bezog sich dabei von Anfang an nicht nur auf lebende Organismen. Hier bestätigt sich die These, dass zwischen der Wahrnehmung des sozialen Gesamtkörpers und des Individualkörpers eine Interdependenz besteht422. So sah z.B. der bedeutende Zellforscher und überzeugte Republikaner Rudolf Virchow (1821-1902) im Staat einen Zusammenschluss selbständiger Einzelwesen, genauso wie er die vielzelligen Tiere und Pflanzen entsprechend der Zelltheorie als „föderal aufgebaute Republiken“ betrachtete423.
Der ambivalente Charakter von höheren Organismen, zum einen aus eigenständig für die eigene Existenz arbeitenden Einheiten zu bestehen, die sich zum anderen aber dennoch wie durch Zauberhand zu einem hochkomplexen harmonischen und stabilen Ganzen vereinigen, wurde mit der Zelltheorie noch einmal mehr betont.

Von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Aufbaus aller Organismen war zudem die vor allem im Umkreis der romantischen Naturphilosophie vorherrschende Vorstellung, dass die Natur in ihrem Bestand und ihrer Entwicklung im Wesentlichen auf der Wirksamkeit von Gegensätzen gründe. Schelling postulierte ein grundlegendes dynamisches Dualitätsprinzip der organischen Selbstkonstruktion424. Die Entwicklung der Natur stellte man sich konkret so vor, dass es zunächst eine positive Kraft gebe, die die Bewegung anfache und eine negative Kraft, die als Anziehung die Bewegung in sich selbst zurücklenke. Dieses duale Wechselspiel der Kräfte ereigne sich im Organismus. Schelling formuliert diese Auffassung folgendermaßen: „Organisation ist mir überhaupt nichts anderes als der aufgehaltene Strom von Ursachen und Wirkungen. Nur wo die Natur diesen Strom nicht gehemmt hat, fließt er vorwärts (in gerader Linie). Wo sie sich hemmt, gehemmt hat, kehrt er (in einer Kreislinie) in sich selbst zurück. Nicht also alle Successon von Ursache und Wirkung ist durch den Begriff des Organismus ausgeschlossen; dieser Begriff bezeichnet nur eine Succession, die innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen in sich selbst zurückfließt.“425 Im Organismus würde laut Schelling damit ein dynamisches Gleichgewicht verwirklicht. Widersprüchliche und gegensätzliche Teilmomente stünden in ihm in einem unauflösbaren Zusammenhang426. Als wichtigen Beleg für diese in der Natur als grundlegend angenommene Organismusstruktur zog man z.B. den Galvanismus heran. Entgegen dem mechanistischen Weltbild wurde dort „von zwei Prinzipien ausgegangen, die sich in diesem Falle durch den Elektrolyten verbinden [...]. Aus der Vielzahl der Naturerscheinungen wird auf Polaritiät, Dualität usw. reduziert und gleichzeitig die höhere Einheit der Natur harmonisch postuliert.“427
Der menschliche Organismus erschien dabei als jene exponierte Potenz, in der sich „die ganze Natur in ihrer ganzen Manichfaltigkeit“ wiederhole.428

3.2.2 Die diskursprägende Organologiemetapher

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Hauptbezugspunkt in den analysierten politischen Philosophien ist die von Kant formulierte Grundvorstellung der wechselseitigen Beziehung von Teil und Ganzem in lebenden Körpern im Unterschied zum Aufbau von Maschinen. Bereits Kant hat diese biologische Vorstellung modellhaft auf das politische Gemeinwesen übertragen und von ihr die seiner Ansicht nach wünschenswerte Staatsform abgeleitet: „So hat man sich, bei einer neuerlich unternommenen gänzlichen Umbildung eines großen Volks zu einem Staat, des Worts O r g a n i s a t i o n häufig für Einrichtung der Magistraturen u.s.w. und selbst des ganzen Staatskörpers sehr schicklich bedient. Denn jedes Glied soll freilich in einem solchen Ganzen nicht bloß Mittel, sondern zugleich auch Zweck, und, indem es zur Möglichkeit des Ganzen mitwirkt, durch die Idee des Ganzen wiederum, seiner Stelle und Funktion nach, bestimmt sein.“429 Und ähnlich, wie bereits in dieser Arbeit zitiert: „So wird ein Staat durch einen beseelten Körper, wenn er nach inneren Volksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa einer Handmühle), wenn er durch einen einzelnen Willen beherrscht wird, [...] vorgestellt.“430
Kants Metaphorisierung ist auch für den in dieser Arbeit untersuchten Diskurs prägend. Am Vorbild Kants orientiert, werden – schematisch zusammengefasst - folgende mit dem biologischen Organismus verbundene Vorstellungen in den politischen Philosophien auf die politischen und sozialen Gebilde übertragen:

Zentrale Implikation von „Organismus“

„Lebende Organismen“ – „setzen sich aus Bestandteilen zusammen, die das Gesamte aus sich heraus ausbilden und erhalten, wobei das gebildete Ganze zugleich die Bedingung für Ausbildung, Erhalt und Positionierung der Bestandteile ist.“

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Diskursprägende Organologiemetapher:

„Politische und soziale Gebilde“ – „setzen sich aus Bestandteilen zusammen, die das Gesamte aus sich heraus ausbilden und erhalten, wobei das gebildete Ganze zugleich die Bedingung für Ausbildung, Erhalt und Positionierung der Bestandteile ist.“

Von Bedeutung für den Diskurs – zumindest für einen großen Teil der politischen Philosophien - ist jedoch auch die Vorstellung der im Organismus stattfindenden höheren und unauflöslichen Verbindung von Gegensätzen.

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Zentrale Implikation von „Organismus“

„Lebende Organismen“ – „setzen sich aus gegensätzlichen Bestandteilen zusammen, die sich im Organismus zu einer höheren Einheit verbinden.“

Für einen Teil des Diskurses wichtige Organologiemetapher:

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„Politische und soziale Gebilde“ – „setzen sich aus gegensätzlichen Bestandteilen zusammen, die sich im Organismus zu einer höheren Einheit verbinden.“

3.2.2.1  Bildelemente der Metapher

Der Gedanke der idealen und notwendigen wechselseitigen Beziehung und „Durchdringung“ von Teil und Ganzem drückt sich vor allem in den Terminologien des Verhältnisses von „Glied“ und „Körper“/„Organismus“ aus. Häufig wird zur Bezeichnung des Teils auch der Begriff „Organ“ herangezogen. Interessanterweise bezieht sich keiner der in dieser Arbeit analysierten politischen Philosophien explizit auf die neue Vorstellung der „Zelle“, um Staat und Gesellschaft zu entwerfen.
Die Vorstellung der Verbindung von Gegensätzen im Gemeinwesen wird mit den Worten der „harmonischen Verschmelzung“ bzw. der „harmonischen Durchdringung“ der für sich jeweils eigenständigen Elemente zu einem „höheren Ganzen“ bzw. einer „höheren Einheit“ formuliert.

3.2.2.2 Die Bedeutung des Gliedes für das Ganze

In der ubiquitären Organologiemetapher drückt sich zum einen der Teil der Hintergrundmentalität aus, der bereits von Böckenförde als „Boden und Rahmen“ für die „geistig-politische Auseinandersetzung“ des Vormärz angesehen wurde431: Den „konstitutiven Bestandteilen“, aus denen sich das Gesamte zusammensetzt, wird enorme Bedeutung für die Ausbildung und die Erhaltung des Kollektivskörpers zuerkannt. Sie sind es schließlich, die im geregelten Miteinander das Ganze aus sich heraus entfalten. Die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche der den Staat konstituierenden Glieder rückt daher durch die Metapher zu einem ganz wesentlichen Inhalt der politischen Philosophien auf.
Sehr unterschiedlich ist trotz der Übereinstimmung in dieser Grundmentalität, wie die Berücksichtigung der einzelnen Glieder genau auszusehen habe.
Kant hatte die Berücksichtigung des Volkswillens lediglich als regulative Idee betrachtet432. Die konkrete Verankerung der politischen Beteiligung des Volkes an der Herrschaft war für ihn keine Notwendigkeit. Seine Forderung geht nur dahin, dass der Fürst so zu regieren habe, dass er sich im Einklang mit dem Volkeswillen befinde. Ähnlich vorgehend sieht Stahl in seinem Staatsentwurf die Beteiligung der Bürger, die ihm aufgrund des zu Grunde gelegten organologischen Modells wie allen anderen politischen Philosophen zentral wichtig ist, lediglich darin, den Fürsten zu beraten. Dieser steht in seinem Gesellschaftsentwurf souverän und uneingeschränkt an der Spitze des Staates, soll sich jedoch so weit als möglich und sinnvoll auf den Volkswillen beziehen. Demokraten und Kommunisten hingegen fordern bezugnehmend auf die Organologiemetaphervariante die konkrete aktive Beteiligung aller Bürger, die sich im Staat bzw. in der Gesellschaft zusammenfinden und überlassen ihnen in der Demokratie bzw. im kommunistischen Staat die Herrschaft über sich selbst. Vor allem bei den Kommunisten, aber auch bei dem Demokraten Fröbel ist damit zudem der Anspruch aller Gesellschaftsglieder auf gleiche Chancen der Bedürfnisbefriedigung verbunden.
Auch wenn die für die Gesellschaftsglieder konkret eingeforderten Rechte sehr unterschiedlich ausfallen, kommt keiner der politischen Philosophen an dem Eingeständnis vorbei, dass die Glieder des Staates ganz wesentlich für Aufbau und Erhalt des Staates verantwortlich seien und diese Verantwortung berücksichtigt werden müsse. Dem Organismusvergleich ist damit eindeutig eine „auf die rechtliche Gleichheit der Staatsbürger gerichtete, letztlich demokratische Tendenz“433 inhärent. „Diese demokratische Tendenz konnte freilich solange verdeckt bleiben oder hintangehalten werden, als der Volksbegriff fraglos als ständisch oder sonstwie gegliedert verstanden wurde; sobald diese Barriere, sei es bei den einzelnen Autoren, sei es im allgemeinen Bewußtsein entfiel, mußte sie ihre Wirkung entfalten.“434
Wurde mit der Gegliedertheit des Volks argumentiert, um die unterschiedliche Beteiligung an Macht und Mitsprache bzw. an der Partizipation der Güter zu begründen, bezogen sich die Autoren der politischen Philosophien aber ebenfalls auf die Idee der „organischen Gliederung“, auf die Existenz gegliederter Ordnung und unterschiedlicher Funktionen der Organe, die in jedem lebenden Organismus zu beobachten seien435. In diesem Zusammenhang kommt die Organologiemetapher, die auf die Verbindung von gegensätzlichen aber eigenständigen Elementen zu einer höheren Einheit im Staats- und Gesellschaftsorganismus abhebt, in dem hier analysierten Diskurs besonders zum Tragen. So sind es die Liberalen, der Konservative Stahl sowie die Autoren des politischen Katholizismus, die sich ihrer vermehrt bedienen. Dahlmann z.B. sieht die Verbindung der unterschiedlichen Staatsformen Monarchie, Demokratie und Aristokratie als Verwirklichung einer höheren organischen Ordnung an, in der die jeweils eigenwertigen und verschiedenen Elemente sich auf das harmonischste durchdringen und zu einer idealen Einheit führen.

3.2.2.3 Die Bedeutung des Ganzen für das Glied

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Die Organologiemetapher des Aufbaus des Organismus’ dient jedoch nicht nur dazu, die Bedeutung des Teils für das Gesamte zu unterstreichen. Ebenso wichtig ist es, mit Hilfe dieser Metapher die Bedeutung des Gesamten für die Existenz des Einzelne hervorzuheben und das von den politischen Philosophien beschriebene ideale Kollektivgebilde als stabile und harmonisch die Einzelteile verbindende Einheit darzustellen. In allen Schriften werden die als selbstbewusste Glieder entworfenen Menschen in einem stabilen eigenständigen Ganzen verschmolzen.
Die Stabilität des idealen Kollektivgebildes, das die Glieder aus sich heraus entwickeln sollen, wird in den politischen Philosophien letztlich durch die – oben ausführlich dargestellte - organologische Vorstellung des in allen und auf alle wirksamen Triebes sichergestellt. Die Menschen werden durch den naturgesteuerten Entwicklungs- und Durchdringungsprozess in die jeweils als naturgewollt angesehene Endgesellschaft geführt, in der sie aus dem in ihnen innerlich wirkenden Trieb heraus staats- und gesellschaftsorientiert handeln. Alle Glieder wollen gleichermaßen die jeweils beschriebene Staatsform und müssen sich im Staats- und Gesellschaftskörper somit im Grunde nur den eigenen Bedürfnissen und Wünschen unterwerfen. Als Beispiel sei zum einen Marx angeführt, der aus einem Prozess, in dem sich die Individuen nach Abschaffung des Privateigentums einem natürlichen Antrieb gehorchend gegenseitig auf gesunde Art „produzieren“, einen idealen, von allen gleichermaßen ausgehenden und getragenen Gesamtkörper, hervorgehen lässt. Zum andern sei auf den Konservativen Stahl verwiesen, bei dem der von Gott ausgehende Trieb dazu führt, dass sich die Menschen synchron dem Ganzen unterordnen, wobei sie sich - der Konstruktion Stahls nach – zugleich für diese Unterwerfung aus freien Stücken entscheiden.
In der Organologiemetapher findet damit eine - die Zeitgenossen offensichtlich überzeugende - Versöhnung zwischen dem Anspruch des modernen Individuums auf Selbstbestimmung und der Notwendigkeit der Unterwerfung der selbstbestimmten Individuen unter ein zwingendes Ganzes statt.
Trotz des naturnotwendig wirksamen Triebs hin zur gemeinschaftsorientierten Handlungsweise wird in den politischen Philosophien der Erziehung des Einzelnen im Sinne des Ganzen große Bedeutung zugebilligt. Je mehr das Volk konkret an der Regierung und Lenkung beteiligt werden soll um so häufiger wird die Erziehung der einzelnen Gesellschaftsglieder in die vorgeschlagenen politischen Maßnahem eingebaut. Dies zeigt sich deutlich bei dem Kommunisten Weitling, dem Demokraten Fröbel und den Liberalen, in deren Entwürfen gerade diesem Punkt große Wichtigkeit zukommt.

3.2.2.4 „Pathologie- und Therapeutik“

Die Pathologie- und Therapeutikmetaphorik spielt im Zusammenhang mit der Schilderung des „gesunden“ Aufbaus eines politischen Gemeinwesens vorwiegend dann eine Rolle, wenn nach Ansicht der Autorinnen und Autoren die wechselseitige Hervorbringung und gegenseitige Durchdringung von Teil und Ganzem bzw. die harmonische Verschmelzung eigentlich zusammengehöriger Teile nicht oder nicht mehr funktioniert. So ist z.B. für Görres das Auseinandertreten von Kirche und Staat, den für ihn zentralen Elementen des Lebens, die einander im Mittelalter ideal durchdrangen, Zeichen der bis zur Gegenwart anhaltenden Krankheit des Gemeinwesens. Für Dittmar erscheint das Auseinandertreten der Gesellschaftsglieder in ein „Isolierungssystem“, in dem man sich der gegenseitigen Abhängigkeit nicht mehr bewusst ist, als Hauptursache der Krankheit, an dem das Kollektivgebilde ihrer Gegenwart leidet.

3.2.2.5 Politik als „Naturlehre“

Das ideale Verhältnis der Teile im politischen Gemeinwesen wird in dem analysierten Diskurs also von dem zeitgenössischen Modell des Aufbaus allen Lebens abgeleitet. Auch in diesem Punkt zeigt sich das diskurstypische Selbstverständnis der politischen Philosophie als Naturlehre. Als Beispiel für einen politischen Philosophen, der dieses Verständnis explizit ausführt, sei auf Welcker verwiesen, der die grundlegende Bedeutung der Analyse der Bestandteile alles Lebens für die Erkenntnis des naturgewollten und gesunden Staatsaufbau dringlich unterstreicht436.

3.2.2.6 Exkurs: Zur topologischen Tradition der Metapher

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Verständlich wird die einvernehmliche Art der Modellierung des Verhältnisses von Teil und Ganzem im Modell des Organismus vor dem Hintergrund der Geschichte der Körpermetapher. Der Vergleich von sozialen und politischen Gebilden mit Körpern wurde schon immer dazu eingesetzt, um das Verhältnis von Teil und Ganzem, von Einzelnem und politischem Gemeinwesen, zu beschreiben und zu entwerfen, wobei die Ausgestaltung des Verhältnisses je nach Körpervorstellung der jeweiligen Zeit sehr unterschiedlich ausfiel437.
In Antike und Mittelalter438 war die vollständige Unterordnung des Teiles unter die Anforderungen des politischen Gemeinwesens, auf das es von Anfang an ausgerichtet ist, völlig selbstverständlich439. Man sah lebende Körper als eine durch eine Seele gelenkte und von ihr beherrschte hierarchisch gegliederte Materie an und entwarf mit Hilfe der Körpermetapher das politische Gemeinwesen entsprechend als eine hierarchisch gegliederte Einheit, die von einer übergeordneten Macht geführt wird440. Maßgeblich zusammengefasst wurde diese Vorstellung von Aristoteles, der „mit der Herrschaft der Seele über den Körper [...] einen vor allem im Mittelalter weidlich ausgebeuteten Topos“ bereitstellte, „er selbst benutzt ihn allerdings nicht zur Rechtfertigung der monarchischen Staatsform, sondern zur Verdeutlichung des Verhältnisses zwischen Herr und Sklave in der Ordnung des Hauses [...]“441. Eine weitere wichtige Kollektivkörpervorstellung der Antike, die in Folge auch auf den Bereich des Staats übertragen wurde442, war die von Paulus als „Leib Christi“ entworfene christliche Gemeinde, die zum einen ein egalitäres Element enthielt, da er postulierte, dass alle Glieder der Gemeinde gleich wichtig seien, zum anderen aber Christus hierarchisch als Haupt und Führer der Gemeinde sah443.

Mit dem Beginn der Neuzeit wandelte sich die Vorstellung des Verhältnisses von Teil und Ganzem fundamental. Entsprechend des neuen individualistischen Naturrechtsdenkens der Moderne444 erschienen die den Staatskörper bildenden Glieder nicht mehr wie in der Antike und im Mittelalter dem Gesamten, der politischen Ordnung, die „traditionell, natürlich, kosmologisch, göttlich“ vorgegeben ist445, untergeordnet, sondern selbstbestimmt und gleich.
Hobbes war der erste, durch den dieser individuelle Naturrechtsgedanke in die politische Philosophie Eingang fand: „Mit Hobbes wird die politische Philosophie individualistisch. Der einzelne erfährt nicht mehr durch Integration in übergreifende und von Natur aus frühere Gemeinschaften Sein, Wert und Sinn, sondern umgekehrt gilt jetzt, dass sich die gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen nur insofern rechtfertigen lassen, als sich in ihren Funktionen die Interessen der Individuen spiegeln, als sie sich als nützliche, und daher erwünschte Instrumente zur Verwirklichung der individuellen Bedürfnisse und Wünsche erweisen.“446 Diese wichtige Veränderung war – wie bereits beschrieben - die Grundlage für die Art der Trieb- und Kraftanalyse eines Teils der politischen Philosophien in dem in dieser Arbeit analysierten Diskurs.
Mit dieser veränderten Grundhaltung trat in der frühen Neuzeit zum ersten Mal das Problem der Herrschaftslegitimation auf. Wenn der Einzelne nicht mehr – wie bei Aristoteles – ohnehin auf das Gesamte angelegt ist, dann muss die Bildung des übergeordneten Ganzen und damit eine Ordnung und Herrschaft, die die Rechte des Individuums naturnotwendig einschränkt, gut begründet werden. „Das Allgemeine zu denken, unter Bewahrung des unverwechselbar Besonderen steigt zur großen selbstzugewiesenen Aufgabe der Philosophie auf. Tatsächliche, gewünschte oder simulierte Versöhnung und Aufhebung der Differenz von Individualität, Absonderung und Allgemeinheit bestimmen den >politischen Diskurs< der Moderne.“447

Die vor dem beschriebenen Hintergrund notwendige Herrschaftslegitimation erfolgte nun vor allem in zwei Bildern.
Das eine ist das Bild des Vertrages: „Im Rahmen neuzeitlicher politischer Philosophie ist politische Herrschaft prinzipiell legitimierungsbedürftig und nur insofern und insoweit legitimierbar, wie sie sich zurückführen lässt auf die Zustimmung der Individuen, wie sich Staat und Verfassung konstruktualistisch, als Ergebnis eines vertraglichen Zusammenschlusses von Individuen begreifen lassen.“448 Die Vorstellung basiert auf strikter menschenrechtlicher Gleichheit. Ihr neuer Mittelpunkt ist die Sicherung der Koexistenz, der Handlungskoordination449. Die Idee des Vertrages gibt es zwar schon seit der Antike, die charakteristische Neuerung jedoch ist, dass nun theoretisch die Zustimmung jedes Individuums als notwendig gilt450.
Die andere vorherrschende Metapher der frühen Neuzeit ist die Uhr- bzw. Maschinenmetapher451. Sie betont besonders das Künstliche einer Ordnung, das Gemachtsein durch den Menschen. In dieser Funktion spielt die Metapher besonders bei Hobbes und Rousseau eine große Rolle. Aber auch in der deutschen Staatsrechtslehre des Absolutismus ist sie massiv präsent. Stollberg-Rilinger fasst die generellen inhaltlichen Implikationen der Maschinenmetapher folgendermaßen zusammen: „Der im Entstehen begriffene, >moderne Staat< als einheitlich rational strukturierte, zentralistisch regierte und bürokratisch verwaltete Institution wurde den Zeitgenossen vorweg greifbar im Bild des Uhrwerks, dessen Logik sowohl die rechtsstaatlichen Möglichkeiten als auch die obrigkeitsstaatlichen Grenzen des sogenannten >aufgeklärten Absolutismus< zum Ausdruck zu bringen vermochte. Die Metapher bot einen Zukunftsentwurf und ordnete schon erfolgte und noch zu leistende politische Strukturveränderung zu einem normativen Gesamtkonzept. Und mehr noch: die Maschinenmetapher suggerierte überhaupt erst die Möglichkeit eines rationellen Gesamtkonzepts für die politische Praxis und damit zugleich für die Möglichkeit, die als unzulänglich empfundenen Eigenarten politischen Handelns durch technische Perfektion überflüssig zu machen.“452

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Die Körpermetapher wurde innerhalb der politischen Philosophien trotz der eigentlich mit ihr verbundenen Auffassungen der Ursprünglichkeit des Gesamten vor den Teilen und der naturgegebenen Unterordnung des Teils unter die Anforderungen des Gesamten nicht obsolet. Zur Beschreibung des aus den Einzelwillen gebildeten Gesamten wurde sie weiterhin angewendet453. Dies war schon deshalb akzeptabel, weil man sich in der frühen Neuzeit die gesamte Natur – wie bereits ausgeführt - mechanistisch dachte, also auch den biologischen Körper nach dem Modell der Maschine, die aus zusammengefügten Teilen besteht, vorstellte454. „Die ‚Staatsmaschine’ ist ihrem Ursprung nach eine mechanistische Modifikation des ‚politischen Körpers’. Auf die Mechanisierung des menschlichen Körpers durch Descartes folgte konsequenterweise die Mechanisierung des politischen Körpers durch Hobbes.“455 Aufgrund der veränderten Grundannahmen veränderte sich jedoch auch die Basis für die aus freien Individuen gebildete Körpereinheit. Statt wie im Aristotelismus auf die naturgegebene Solidarität der Glieder oder wie im christlichen Denken auf die Beseelung der Glieder durch einen einenden Geist zu rekurrieren, bildete nun die Übereinkunft, sich einem Willen zu unterwerfen, der diesen Kollektivkörper einheitlich lenken sollte und ihm Dauer und Stabilität verlieh, das Bindemittel, das den Kollektivkörper zusammenschweißte456.
Prominentestes Beispiel dafür ist Hobbes, der „Vater“ der individualistischen Staatstheorie selbst, der die Individuen aufgrund eines Unterwerfungsvertrages zu einer Staatsmaschine, zu einem „künstlichen Menschen“, dem „Leviathan“457 verschmelzen lässt: „ […] es ist eine wahre Vereinigung in einer Person und beruht auf dem Vertrage eines jeden mit einem jeden [....] Auf diese Weise werden alle einzelnen eine Person und heißen Staat oder Gemeinwesen. So entsteht der große Leviathan [...]“458. Die die Kollektivperson konstituierende und auszeichnende Willenseinheit wird im Leviathan dabei so hergestellt, dass alle Individuen „das, was einer will, als von ihnen selbst gewollt anerkennen“459 und sich dieser Staatsperson völlig unterwerfen. Dieses in der Metapher des Leviathan formulierte Primat der Totalität zeigt sich hervorragend in dem berühmten Deckblatt der Originalausgabe des Hobbes’schen Leviathan. Die Individuen selbst, aus denen sich der Leib des Gesamtkörpers zusammensetzt, haben kein eigenes Gesicht mehr. Nur der umfassende Leviathan hat ein Gesicht für alle460.

Festzuhalten ist, dass parallel dazu allerdings auch immer politische Philosophien existierten, die sich als Gegendiskurs zur Moderne, zur Vertrags- und Maschinenmetapher auf „Theoriemotive des politischen Aristotelismus“ stützten. Der politische Aristotelismus „überlebte die Herkunft der politischen Moderne, indem er sich verwandelte“ und in der politischen Diskussion „die doppelte Funktion einer immanenten Alternative zur Moderne als auch einer Erinnerung an die Verluste des Modernisierungsprozesses wahrnahm.“461
Das die frühe Neuzeit trotzdem weitgehend prägende Bild der Maschine geriet jedoch um die Wende zum 19. Jahrhundert zunehmend in Misskredit.
Zum einen konnte die Erfahrung des grundlegenden Wandels in allen Bereichen mit dem statischen Bild der ein für allemal perfekt organisierten Maschine nicht adäquat bewältigt werden462. Zum anderen mussten die deutschen Theoretiker der ‚Staatsmaschine’ mit Bestürzung „feststellen, [...] daß es gerade die eigene Überzeugung von der rationalen Gestaltbarkeit des Staates nach einem philosophischen Gesamtentwurf ist, auf die sich auch die Revolutionäre berufen können.“463 Aufgrund des Verlaufs der französischen Revolution geriet gerade dieser rationale, auf „Gegebenes“ keinerlei Rücksicht nehmende Charakter von Staatsentwürfen in Verruf464.
Grundlegend für die zunehmende Ablehnung der Maschinenmetapher war zudem die dem Einzelnen zugedachte Rolle innerhalb dieser Konstruktion. Sollte das mehr und mehr autonom verstandene Individuum sich auf die Rolle des Rädchens im Getriebe der großen Staatsmaschine beschränken müssen? Konnte man akzeptieren, dass es seine Existenzberechtigung vorwiegend aus seiner Funktion für das Ganze der Maschine zog? Musste es nicht vielmehr Selbstzweck sein? Ein Glied darstellen, das seine Souveränität nicht abgab, sondern sie im Kollektivkörper soweit wie möglich beibehielt? Dies waren die Fragen und Kritikpunkte, die mehr und mehr aufgeworfen wurden465. Der Einzelne sollte nun nicht mehr nur Mittel zum Zweck für das Ganze sein! Er habe eine Freiheit, die unaufhebbar sei und die immer berücksichtig werden müsse466. Mit dieser Forderung und Vorstellung war das große Zutrauen verbunden, dass die im Kollektivkörper verorteten Individuen in der Lage seien, sich aus freien Stücken, ohne sanktionierende und zwingende übergeordnete Macht, in einem stabilen Ganzen zu vereinigen und es zu erhalten. Zur neuen schlagenden Metapher, in der diese gewandelte Grundüberzeugung zum Ausdruck kommt, wird nun der „Organismus“ im oben ausführlich beschriebenen Sinne, wobei sich das neue Verständnis der gleichberechtigten Wechselwirkung von Teil und Ganzem im politischen und sozialen Kollektivkörper Hand in Hand mit dem neuen Verständnis von Natur und Leben ausbildete. Die vormals die politische Diskussion bestimmende Maschinenmetapher verlor vor diesem Hintergrund an Überzeugungskraft und entwickelte sich in allen politischen Richtungen allmählich zum negativen Gegenbegriff des nun in der Organologiemetapher formulierten Ideals467. Der geschichtliche und soziale Kontext, vor dem sich dieser Mentalitäts- und Leitmetaphernwandel in Bezug auf Natur und Kollektivkörper vollzog, ist inzwischen in vielen eindrücklichen Studien herausgearbeitet worden468. Es zeigt sich dabei, „daß der epistemische Bruch in der Wahrnehmungsgeschichte des menschlichen Körpers - die Verlagerung seiner Kontrolle nach innen, in ein Nervensystem, das dessen animalische Ökonomie autonom reguliert - eng mit jenem Prozeß der bürgerlichen Individualisierung einhergeht, mit dem seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sich ein Strukturwandel der Öffentlichkeit einzuleiten beginnt.“469 Matala de Mazza fasst das weitgehend von Foucaults Untersuchungsergebnissen geprägte Bild der Forschung folgendermaßen konzis zusammen: „Wie vor allem Michel Foucault in seinen Studien zeigen konnte, haben sich um [die Physis des Staatslebens] und die Ressourcen, die sich der volkswirtschaftlichen Nutzung darin eröffneten, seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nun aber jene vielfältigen >Dispositive der Macht< gelegt, durch die der Körper seine für die Moderne grundlegende politische Besetzung erfahren hat. [...]. Folgt man den Ausführungen Foucaults, so sind es vor allem die zahlreichen staatlichen Einrichtungen, die Privatsphäre und öffentlichen Raum in ein strategisches Feld von Administration verwandeln und mit dem Rückhalt der um 1800 neu sich formierenden Wissenschaft vom Menschen eine systematische Erfassung der Individuen betreiben. [...] Den einzelnen erfaßt ein Raster normalisierender Zwänge, das >den Zusammenhalt eben dieses sozialen Körpers in tatsächlicher Hinsicht gewährleistet< und in diversen öffentlichen Einrichtungen: in Strafanstalten und Besserungshäusern, Erziehungsheimen und Spitälern, Schulen, Fabriken und Armeen verankert ist.“470 Es handelt sich beim politischen und sozialen Organismus um einen von der „Mikrophysik der Macht durchherrschte[n] Kollektivkörper“471, in dem sich das einzelne Teil nun aus – auch durch Zwang - verinnerlichten Normen heraus solidarisch und gemeinschaftsbezogen verhält. Das moderne Individuum befindet sich dadurch in einer paradoxen Situation: Es ist unterworfen und frei zugleich472.
Das ist der Hintergrund, vor dem die in dieser Arbeit analysierte Organologiemetaphervariante entstand und ihre spezifische Bedeutung und Überzeugungskraft erhielt. Dabei prägte sie – wie gezeigt - nicht allein die politischen Philosophien dieses Diskurses, sondern formulierte allgemein geteilte Grundforderungen an Staat und Gesellschaft473.

3.3 „Politische und soziale Gebilde“ – „sind in der Regel männlichen Geschlechts und setzen sich aufgrund der in ihren Gliedern wirkenden Naturkräfte im öffentlichen Bereich aus männlichen Bestandteilen zusammen“

3.3.1  Zur zeittypischen Auffassung der Geschlechtlichkeit von Organismen

Auch die im naturwissenschaftlichen Diskurs vorherrschende Auffassung über die Geschlechtlichkeit von Organismen spielt in dem in dieser Arbeit analysierten politischen Diskurs eine große Rolle.
Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts bildete sich in Deutschland – angestoßen von französischen Moral-Physiologen474 und einflussreichen anatomische Studien475 - eine äußerst wirkungsmächtige weibliche Sonderanthropologie heraus476. In ihr wurde – „mit einer gewissen Vorreiterfunktion der medizinisch inspirierten Poeten und Philosophen“477 - die in Kapitel II.2.4 bereits ausgeführte Vorstellung von der unterschiedlichen ‚natürlichen Bestimmung’ von Mann und Frau formuliert.
Einig waren sich die Vertreter der weiblichen Sonderanthropologie darüber, dass sich Männer und Frauen in körperlicher Hinsicht grundlegend unterscheiden würden. Vielfach wurde der Frau in verstärktem Maß „Sensibilität“ dem Mann „Irritabilität“ zugesprochen478. Das Gehirn als „edelsten Teil“ des Nervensystems fasste man als männliches Organ, den Uterus samt des peripheren Nervensystems als weibliches Organ auf479. In Schellings einflussreicher Naturphilosophie galt der Gegensatz von Weiblichem und Männlichem als ein die gesamte Natur durchziehender Urdualismus480. Der Philosoph, Mediziner und Chirurg Ph. Fr. Walther führt als typischer Vertreter der weiblichen Sonderanthropologie 1808 z.B. folgendes aus: „Das Männliche ist etwas durch sich selbst, in allen seinen Attributen rein positiv, daher das Uranfängliche. Das Weibliche aber ist rein negativ, nur im Gegensatz des Männlichen, nur durch dieses, und indem das selbe ihm einen Theil seiner Wesenheit verleiht. Denn im Organischen ist die Natur des Gegensatzes von solcher Art, dass immer das eine Glied desselben auch die Einheit des Entgegengesetzen in sich trägt, und sich somit wahrhaft positiv verhält“481. Weiter postulierte er: „Die beyden Geschlechter verhalten sich unter einander wie Allgemeines und Besonderes. Das eine ist das Erschaffende, wahrhaft Erzeugende, Positive, das andere ist das lediglich Empfangende, Negative; und der ganze Zeugungsprozeß ist nur eine Vernichtung aller Negativität des Weiblichen durch die positive, belebende Kraft des männlichen: - Die Kraft des Mannes erschafft sich selbst und das ihr Gleiche in dem Weibe, und vereinigt sich mit ihm, auf solche Weise, wie die Idee sich mit dem Sinnlichen, Empirischen vermischt, in dem sie dieses zur Identität mit sich selbst emporhebt. – Es ist keine wechselseitige Durchdringung des Männlichen und des Weiblichen, d.h. eine Vermischung dessen, was zufällig an beyden ist, oder eine Neutralisierung; sondern eine wahre Erhebung des Weiblichen zu dem Männlichen, rein Positiven. Das Weibliche ist überall mehr die Naturnothwendigkeit untergeben, darum in sich verschlossen, aber unvollendet und der männlichen Kraft mit Lust unterworfen. Das Männliche aber wohnt im Reiche der Freyheit, und hat ursprünglich einen kräftigern Gegensatz in sich: - Es bedarf des Weiblichen minder, aber seine Lust ist, dieses zu erheben und sich ihm mitzutheilen. Das Weibliche ist, so wie alles, an die Erde Gebundene, und der Schwere Untergebene, mehr pflanzenhaft: - das Männliche aber ist vorzugsweise thierisch, daher mehr empfindend, und hat einen kräftigern Trieb, auch heftigern Geschlechtstrieb in sich. Dadurch ist das Männliche das edlere [...]“482.
So verkörpert der Mann Walthers Ansicht nach sowohl die Uranfänglichkeit, von der aus das Weibliche entworfen wird, als auch die höhere Einheit, die den Dualismus von Weiblichem und Männlichem umschließt. Dem männlichen Organismus weist er vorwiegend „Irritabilität“, dem weiblichen „Sensibilität“ zu.

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Aus dem weiblichen Körper samt der jeweils erkannten Spezifika zogen die Anhänger der weiblichen Sonderanthropologie nun weitreichende politische und soziale Schlussfolgerungen. Zum Beispiel wurde der Staat als die Organisation des öffentlichen Lebens als reine Domäne der Männer, die Familie als Hort des Privaten als Wirkungsstätte der Frauen verstanden483. „Die Naturalisierung der Geschlechterunterschiede [...] war so erfolgreich, daß sie als Konzept des „Geschlechtscharakters“ bereits in den 1820er Jahren Eingang in die lexikalische Repräsentation kultureller Selbstverständlichkeiten fand und noch hundert Jahre später das Alltagswissen über Männer und Frauen bestimmte.“484 Dabei wurden in der Formulierung der Geschlechtercharaktere und der daraus resultierenden Positionierung in Staat und Gesellschaft zunächst keine Lebensrealitäten von Mann und Frau beschrieben485, sondern ein Ideal, das sich zunehmend auf die Gestaltung der Realität auswirkte und dadurch mehr und mehr Auswirkungen auf die konkreten Lebensmöglichkeiten von Männern und Frauen hatte486.

3.3.2 Die diskursprägende Organologiemetapher

Diese für die damalige Zeit fast selbstverständliche Vorstellung487 der Geschlechtscharaktere ist sicher eine wichtige Erklärung dafür, weshalb die politischen Philosophien, die Äußerungen über das Geschlecht des von ihnen beschriebenen Kollektivkörpers machen, ohne Ausnahme männliche Körpern entwerfen. Die aufgrund der Häufigkeit ihres Auftretens als diskursprägend zu bezeichnende Organologiemetapher kann schematisch folgendermaßen dargestellt werden:

Diskursprägende Organologiemetapher:

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„Politische und soziale Gebilde“ – „sind männlichen Geschlechts“.

Diese Metaphorisierung, die von keinem der sie verwendenden Autoren begründet wird, kann nicht allein durch den traditionellen Ausschluss von Frauen aus der Politik488 erklärt werden, sondern ist vor dem Hintergrund des neuen naturwissenschaftlichen Diskurses zu verstehen489. Dies zeigt sich daran, dass die politischen Philosophien, die sich theoretisch zu dem Geschlechterverhältnis äußern, die Ansicht vertreten, es gebe einen biologisch festgelegten Unterschied zwischen „Mann“ und „Frau“. Sie ziehen damit eine „moderne“ Form der Argumentation heran, die vor dem 19. Jahrhundert nicht existierte490.
Bezugnehmend auf diese moderne Form der Argumentation gehen die politischen Philosophien bis auf wenige Ausnahmen davon aus, dass Männer für den öffentlichen, Frauen für den privaten Bereich bestimmt sind. Die aus dem naturwissenschaftlichen Organismusdiskurs stammende Vorstellung verortet Mann und Frau damit eindeutig im politischen und sozialen Gemeinwesen.

Weitgehend diskursprägende Organologiemetapher:

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„Politische und soziale Gebilde“ – „setzen sich aufgrund der in ihren Gliedern wirkenden Naturkräfte im öffentlichen Bereich aus männlichen Bestandteilen zusammen“.

Für den politischen Katholizisten Görres und den Demokraten Wirth ist dies so selbstverständlich, dass sie die Tatsache, in ihren Entwürfen der öffentlichen Bereiche von Staat und Gesellschaft nur von Männern zu sprechen, noch nicht einmal thematisieren.
Auch die Kommunisten hängen – ebenfalls ohne das explizit offen zu legen – der zeittypischen Vorstellung von männlicher und weiblicher Bestimmung an. So machen Engels’ Ausführungen deutlich, dass er von einer naturgewollten Prägung des Mannes zur Tätigkeit außerhalb des privaten Bereiches und der Frau zur Hausarbeit ausgeht. Bei Marx und Weitling wird bei genauerer Betrachtung sichtbar, dass beide als Akteure, als Arbeiter und Verursacher von Geschichte nur Männer vor Augen haben. Somit werden auch von ihnen de fakto in ihren politischen Entwürfen, die sich auf den öffentlichen Bereich beziehen, Frauen ausgeblendet und nur Männer angesprochen.
Die Liberalen Welcker und Dahlman sowie der Konservative Stahl und der politische Katholizist Arndts verweisen zur Begründung der männlichen Bestimmung für die öffentlichen Bereiche in Staat und Gesellschaft ausdrücklich auf die zeitgenössische biologistische Vorstellung der Geschlechtercharaktere.
Nur Dittmar und Fröbel gehen den Schritt, gerade unter Bezugnahme auf spezifische weibliche Triebe, die Beteiligung der Frauen auch am öffentlichen Bereich von Staat und Gesellschaft einzuklagen. Ihnen dient das Triebmodell anders als den anderen Autoren und Autorinnen dazu, Männer und Frauen gleichberechtigt in allen Bereichen des zukünftigen idealen Kollektivkörpers zu verorten.
Die beiden anderen Vertreterinnen der Frauenbewegung sind in ihren Forderungen weitaus weniger radikal. Otto rekurriert diskurstypisch auf den vorzugsweise die Frau auszeichnenden Trieb zur Liebe, um damit zu begründen, warum es unabdingbar sei, ihr die Anteilnahme an öffentliche Angelegenheiten zu erlauben und diesen Trieb auch auf Staat und Gesellschaft zu lenken. Sie postuliert jedoch zugleich, dass sie deshalb den Frauen keine fremden männlichen Bestrebungen „einimpfen“ wolle und sieht in Familie und Ehe den idealen Bereich weiblicher Wirkungsmöglichkeit.
Aston identifiziert als entscheidenden Trieb, der auch die Frauen ergriffen habe, den Trieb zur Freiheit. Sie verlangt in der in dieser Arbeit analysierten Schrift hauptsächlich, dass den Frauen diese Freiheit auf ihrem ureigensten Gebiet zugestanden werden müsse, dem Feld der Liebe und der Empfindung. Weitreichendere politische Rechte fordert sie hingen nicht ein.

3.4 Zusammenfassung

Das sich in den drei dominierenden Metaphern

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ausdrückende diskursprägende Weltbild der politischen Philosophien lässt sich abschließend folgendermaßen verkürzt zusammenfassen:
Die meist männlich attribuierten politischen und sozialen Gebilde unterliegen einem Entwicklungsprozess. Dieser Entwicklungsprozess ist von Naturkräften gesteuert. Diesen Naturkräften versucht man auf die Spur zu kommen, um - auf ihnen aufbauend - auf die ideale Staatsform der Zukunft zu schließen, die von der Natur vorbereitet und zu deren Realisierung man nach Kräften beitragen soll.
Jedes Glied des sozialen und politischen Körpers ist für die Existenz und den Erhalt des Gesamten ebenso bedeutsam, wie das Gesamte für die Existenz und den Erhalt des Gliedes. Die Bedürfnisse und Wünsche der den Staat und die Gesellschaft konstituierenden Glieder müssen daher berücksichtigt werden. Dies bedeute aber keine Gefährdung der Stabilität des Ganzen, da das einzelne Glied die Idee des Ganzen in sich trägt, es aus sich heraus erhält und ihm letztlich immer unterworfen bleibt.
Das im öffentlichen Bereich von Staat und Gesellschaft tätige Glied ist in der Regel männlichen Geschlechts.


Fußnoten und Endnoten

310 Als Tendenz zeigt sich, dass die Kommunisten schwerpunktmäßig Menschheit und Gesellschaft, die Demokraten neben Menschheit und Gesellschaft sowohl Staat (Fröbel und Wirth) als auch Volk (Wirth) als wesentliche kollektive Größe organologisch metaphorisieren. Die Liberalen bevorzugen „Volk“, „Staat“ und „Gesellschaft“. In der Regel verwenden sie alle drei Begriffe synonym. Auch die konservativen und katholischen Autoren rücken „Volk“, „Staat“ und „Gesellschaft“ ins Zentrum ihrer Ausführungen. Die Schriften der Frauenbewegung beziehen sich tendenziell auf das politische Gebilde „Gesellschaft“.

311 Z.B. spricht Fröbel an vielen Stellen seiner Schrift explizit vom „Staatsorganismus“, In: Fröbel, Politik 2, z.B. S. 322 und S. 41.

312 Z.B. nennt Wirth „jedes auf selbstständiger Stammeseigenschaft (Nationalität) beruhende Reich“ einen „organischen Körper“, In: Wirth, Richtung, S. 337.

313 Marx spricht von der Natur – womit er auch die das Individuum umgebenden Mitmenschen meint – als dem „unorganischen Leib des Menschen“, In: Marx, Pariser Manuskripte, S. 566.

314 Rotteck bezeichnet vertraglich organisierten Gesellschaften als „Gesammtpersönlichkeiten“, In: Rotteck „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 706.

315 Dahlmann spricht explizit von „Volksindividuen“, In: Dahlmann, Politik, S. 62f.

316 Vgl. hierzu besonders Hübner 1826, S. 283 und S. 403; Brockhaus 1827, S. 261 und S. 486; Krug 1833 (2), S. 684; Volks-Conversationslexikon 1845 (12), S. 27; Brockaus 1845, S. 362f. und Brockhaus 1847, S. 388.

317 Volks-Conversationslexikon 1845, S. 236f., Artikel „Organ“.

318 Brockhaus 1847, S. 388, Artikel „Trieb“.

319 Vgl. grundlegend zur Geschichte der medizinischen Physiologie: Jahn 1998; Jantzen 1994; Rothschuh 1968; Rothschuh 1978; Fischer-Homberger 1977.

320 Bach 1999, S. 78.

321 Zu dem mechanistischen Konzept von Natur und Leben z.B. Kather 2003, S. 44ff.; grundlegend Stollberg-Rilinger 1986.

322 Dazu z.B. Kather 2003, S. 22ff.; Bach 1999.

323 Kather 2003, S. 54.

324 Jahn 1998, S. 233.

325 Jahn 1998, S. 233.

326 Dazu z.B. Rothschuh 1978, S. 303.

327 Junker 2004, S. 54: „Als vitalistisch (von lat. vita >Leben<) werden Theorien bezeichnet, die den Ursprung und die Phänomene des Lebens auf spezielle Kräfte oder Prinzipien zurückführen, die sich von chemischen oder physikalischen Kräften unterscheiden.“. Zu „Vitalismus“ zusammenfassend z.B. Engels 1994; Bach 1999; Jahn 1998, S. 233ff.

328 Vgl. dazu Sarasin, 2001, S. 53; Jahn 1998, S. 234; Rothschuh 1978, S. 293ff.; Bauer 1991, S. 190-201.

329 Bäumer 1996, S. 201; Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 559.

330 Jahn 1990, S. 267f.

331 Vgl. hierzu z.B. Shryock 1947.

332 Vgl. dazu Jantzen 1994, S. 402ff.; Jahn 1990, S. 267; Bach 1999, S. 78.

333 Jantzen 1994, S. 404f.

334 Jahn 1990, S. 268; zur großen Bedeutung Hallers z.B. Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, (1784-1791), In: Werke in zehn Bänden, Bollacher, M./Brummack, J./Gaier, U./Grimm, G.E./Irmscher, H.D./Smend, R./Wisbert, R. (Hg.), Band 6, Frankfurt a.M. 1989, S. 86f.

335 Vgl. hierzu zusammenfassend z.B. Jantzen 1994, besonders S. 498ff.

336 Matala da Mazza 1999, S. 109ff. mit entsprechenden Fußnoten und Ausführungen zu den einzelnen Wissenschaftlern und deren Theorien; vgl. hierzu besonders Rothschuh 1968; Jantzen 1994, S. 445ff.

337 Vgl. dazu z.B. Jahn 1990, S. 265ff.

338 Vgl. dazu Junker 2004, S. 62.

339 Jahn 1990, S. 226.

340 Vgl. dazu z.B. Engels 1994, S. 134ff.

341 Dazu speziell Blumenbach, J.F., Über den Bildungstrieb, Göttingen 1791, S. 32.

342 Vgl. dazu Wieland 1975, S. 199ff.

343 Lepenies 1976, S. 37.

344 Vgl. hierzu Jahn 1998, S. 245ff.; Breidbach 1998, S. 23.

345 Jahn 1998, S. 271.

346 Vgl. hierzu Albus 2001, S. 288.

347 Jaeger/Rüsen 1992, S. 26.

348 Vgl. hierzu z.B. Kanz 1993.

349 Vgl. hierzu Kielmeyer 1993, S. 38f.

350 Jahn 1990, S. 297.

351 Junker 2004, S. 101.

352 Vgl. hierzu Junker 2004, S. 101f.

353 Vgl. hierzu Breidbach 1998, S. 23.

354 Vgl. hierzu z.B. Jahn 1998, S. 290.

355 Hier handelte es sich nicht um die Vorstellung einer Realdeszendenz, um die äußere historische Verbindung der Erscheinungen, wie bei Lamarck oder Darwin, sondern um die Vorstellung einer Idealgenese, um die Betonung innerer metaphysischer Zusammenhänge. Allerdings wird der Unterschied zwischen realen und ideellen Zusammenhängen nicht immer konsequent beachtet. Vgl. hierzu z.B. Engelhardt 1994, S. 260f.; Gloy 1996, S. 93ff. Vgl. allgemein zum Prozess der Verzeitlichung und der damit zusammenhängenden neuen Naturordnung z.B. Lepenies 1976.

356 Vgl. hierzu z.B. Wetz 1996, S. 118ff.

357 Humboldt o.J., S. 34.

358 Humboldt 1903, S. 314.

359 Zecher 2000, S. 150.

360 Vgl. hierzu Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 559ff.; Matala de Mazza 1999, S. 104f.

361 Vgl. hierzu Jahn 1998, S. 290.

362 Vgl. hierzu Engelhardt 1994, S. 258.

363 Vgl. hierzu z.B. Köchy 1999, S. 64ff.

364 Jahn 1998, S. 290.

365 Vgl. hierzu z.B. Jahn 1998, S. 290ff.

366 Vgl. hierzu z.B. Breidbach 1988, S. 27ff.

367 Vgl. hierzu Wittkau-Horgby 1998, S. 53ff.

368 Vgl. hierzu Breidbach 1998, S. 27.

369 Vgl. hierzu Junker 2004, S. 55.

370 Vgl. hierzu z.B. Junker 2004, S. 56; Engels 1994, S. 144f.

371 Mocek 2002, S. 119.

372 Vgl. hierzu Mocek 2002, S. 119.

373 Mocek 2002, S. 118.

374 Bildelemente entstammen dem bildspendenden Bereich. Es sind metaphorische Äußerungen, die im Umkreis der Zentralmetapher verwendet werden. Vgl. hierzu Kapitel I.3: Methodisches Vorgehen.

375 Wirth, Richtung, S. 296. Hervorhebungen von mir.

376 Dahlmann S. 124, Absatz 139. Hervorhebungen von mir.

377 Wirth, Richtung, S. 156. Hervorhebungen von mir.

378 Zitiert nach Koselleck 1975, S. 407. Hervorhebungen von mir.

379 Vgl. dazu z.B. Demandt 1978, S. 36ff.

380 Demandt 1978, S. 56.

381 Wieland 1975, S. 202.

382 Demandt 1978, S. 36.

383 Demandt 1978, S. 62.

384 Demandt 1978, S. 45.

385 Vgl. dazu z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 50f.; zur paradigmatischen Bedeutung des Hobbesschen Ansatzes z.B. Kersting 1996, S. 11ff.

386 Ein entsprechendes Programm entwickelt z.B. auch Comte. „Die [...] Substituierung des Wissens über Geschichte und Gesellschaft durch Modelle, die im Kontext einer Naturwissenschaftsideologie gewonnen wurden, prägt dann das Profil von Comtes ‚physique sociale’. Bereits 1825 hat Comte, der langjährige Sekretär Saint-Simons, im Saint-Simonistischen Le producteur die Geltungsansprüche der Sozialwissenschaft nach dem Modell von Mathematik und Physik zu sichern gesucht und erklärt, ‚daß wir unter gesellschaftlicher Physik die Wissenschaft verstehen, welche das Studium der gesellschaftlichen Phänomene zum eigentümlichen Gegenstande hat, diese Phänomene betrachtet in demselben Geiste, wie die astronomischen, physischen, chemischen und physiologischen, d.h. als unterworfen solchen unabänderlichen Naturgesetzen, deren Entdeckung das spezielle Ziel ihrer Untersuchung ist.’“ Sandkühler 1995, S. 440f.

387 Fröbel, Politik 1, S. 468.

388 Vgl. dazu z.B. Mocek 2002, S. 138ff. Zur Bedeutung der Naturwissenschaften als Ableitungsinstanz für die oppositionelle Weltbildsemantik vgl. auch Sandkühler 1996, S. 259.

389 Marx, Pariser Manuskripte, S. 651f.

390 Fröbel, Politik 2, S. 73f.

391 Fröbel, Politik 2, S. 75f.

392 Zur Tradition dieser biologistischen Argumentation z.B. Mocek 2002; Marten 1983.

393 Vgl. hierzu z.B. Hübinger 1997.

394 Mit „Historismus“ bezeichnet man gemeinhin die spezifische Form der Geschichtswissenschaft, die um die Wende zum 19. Jahrhundert in Deutschland entstand. In einem weiteren Sinne ist darunter aber auch die ‚moderne’ sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts sich mehr und mehr durchsetzende historische Betrachtung aller geistigen und kulturellen Bereiche des Menschseins zu verstehen, die wiederum den Boden für die sich entwickelnde moderne Geschichtswissenschaft darstellte. Weitgehend unstrittig ist inzwischen, dass sich diese wissenschaftliche und geistesgeschichtliche Haltung bereits in der Aufklärung vorbereitete und nicht genuin als Gegenbewegung zu ihr verstanden werden kann, wie das v.a. die ältere Forschung betonte. Vgl. hierzu z.B. Hardtwig 1990, S. 28ff.; Jaeger/Rüsen 1992, S. 4ff.; Bödeker 1994; Iggers 1996, S. 7ff.

395 Zu den Charakteristika der modernen Geschichtsschreibung des Historismus gegenüber älteren Formen der Geschichtsbetrachtung vgl. z.B. Jaeger/Rüsen 1992; Hardtwig 1990, S. 13ff.

396 Vgl. hierzu vor allem Reill 1994 und Reill 1996.

397 Zum neuen Wissenschaftsprogramm des Historismus z.B. Hardtwig 1990, S. 85ff. Eine Beschreibung des Programms findet sich z.B. auch bei Jaeger/Rüsen 1992, S. 38ff.

398 Vgl. hierzu z.B. Jordan 1999, S. 116ff.; Reill 1996, S. 63. Ideen werden im „Historismus“ analog zum „Bildungstrieb“, zur „Lebenskraft“ als elementare Triebkräfte, als verborgene Organisatoren von Materie aufgefasst. Hardtwig 1991, S. 2f. weist dem deutschen Historismus aufgrund dieser metaphysischen „Ideenlehre“ geschichtsreligiösen Charakter zu.

399 Vgl. hierzu z.B. Jordan 1999, S. 123.

400 Zu dieser Einschätzung z.B. Jordan 1999, S, 121.

401 Humboldt o.J., S. 32f.

402 Humboldt o.J., S. 41.

403 Dazu z.B. Hardtwig 1990, S. 32ff.

404 Dazu Reill 1994, S. 52f.; Reill 1996, S. 65ff. Damit kann der Historismus nicht mehr als Zurückweisung des Szientismus der Aufklärung interpretiert werden, der für die radikale Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften verantwortlich zu machen ist.

405 Küttler 1997, S. 388.

406 Die Darstellung der eigenen Reflexionen über das Gemeinwesen als Pathologie und Therapeutik ist dabei ein seit der Antike gängiges Verfahren. Vgl. hierzu z.B. Peil, 1983 S. 413ff.; ebenda S. 415: „Als gesund gilt seit der Antike der gut eingerichtete Staat, dessen Bürger in Ruhe, Frieden und Eintracht leben. Die Abweichung von diesem Zustand wird als Krankheit empfunden, die aus inneren und äußeren Ursachen entstehen kann [...]“.

407 Explizit z.B. bei Marx, Pariser Manuskripte, S. 605: „Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Natur und die menschliche Naturwissenschaft oder die natürliche Wissenschaft vom Menschen sind identische Ausdrücke...“; Ähnlich auch Fröbel, Wirth und Welcker.

408 Fröbel, Politik 1, S. 75.

409 Explizit vertreten wird diese Ansicht Z.B. von Marx, Engels, Fröbel, Wirth, Dahlmann, Pfizer, Stahl, Görres und Dittmar.

410 Diese Einschätzung der Leistung der spezifisch modernen Kategorie der „>Entwicklung< bzw.- noch schärfer gefaßt - des >Fortschritts<“ auch bei Hardtwig 1990, S. 31: „Der Fortschritt wurde zum Denkmuster, das die Differenz von Gegenwart und Vergangenheit beschrieb, die Spannung zwischen beiden als sinnvoll erkennen ließ und das Handeln des einzelnen in einen überpersönlichen Zusammenhang integrierte.“ Auch Rüsen 1994, S. 367 sieht die Position des Individuums vor dem Hintergrund angenommener Ewigkeitsstrukturen, denen er „eminent politische Funktion“ zubilligt, ähnlich: „Geschichte gibt als Sinn-Totalität eine Bezugsgröße kollektiver Identität ab, die in den Tiefen mentaler Handlungsdispositionen verankert wird. Die Tiefe der eigenen Subjektivität wird mit dem Geist der Menschheit in einen inneren historischen Zusammenhang gebracht. Dabei erweitert sich das einzelne Subjekt zu einer Kollektivgröße, die von der kulturschöpferischen Kraft der menschlichen Gattung beseelt wird, und zugleich lädt sich die kollektive Identität mit einer letztinstanzlichen Selbstgewißheit ihrer Subjekte auf.“

411 Vgl. hierzu z.B. Hardtwig 1990, S. 31: „“Das Revolutionszeitalter ist auch das Zeitalter klassischer neuzeitlicher Geschichtsschreibung. Erst die Erfahrung des Revolutionszeitalters seit 1789 mit seinen Kontinuitätsbrüchen brachte das Geschichtsbewußtsein auf seine moderne Höhe. Seither ging und geht es darum, eine emphatisch bejahte oder irritiert abgelehnte, jedenfalls aber inkomparable Gegenwart mit einer immer fremder werdenden Vergangenheit in einen begründeten Zusammenhang zu bringen.“

412 Brockhaus 1846, S. 349.

413 Vgl. dazu z.B. Stollberg-Rilinger S. 218ff.; Arz 1996, S. 27ff.

414 Kant 1995, S. 318f., §64.

415 Kant 1995, S. 321f., §65.

416 Vgl. dazu Kant 1995, S. 322, §65: „In einer Uhr ist ein Teil das Werkzeug der Bewegung der andern, aber nicht ein Rad die wirkende Ursache der Hervorbringung des andern; ein Teil ist zwar um des andern Willen, aber nicht durch denselben da. Daher ist auch die hervorbringende Ursache derselben und ihrer Form nicht die Natur (dieser Materie), sondern außer ihr in einem Wesen, welches nach Ideen eines durch seine Kausalität möglichen Ganzen wirken kann, enthalten.“

417 Z.B.: Hübner 1826, S. 403; Brockhaus 1830, S.112; Krug 1833, S.686; Volks-Conversationslexikon 1845, S. 237.

418 Brockhaus 1830, S. 91f.

419 Zur Forschungsgeschichte vgl. z.B. Wittkau-Horgby 1998; Jahn 1998, S. 342ff.

420 Junker 2004, S. 73 zitiert hier Schleiden, M.J., Beiträge zur Phytogenesis, Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medizin (1838), S. 137f.

421 Vgl. hierzu Junker 2004, S. 74f.

422 Vgl. hierzu Kapitel I.2.1.

423 Junker 2004, S. 76; vgl. hierzu besonders Virchow 1864.

424 Vgl. hierzu z.B. Bachmann 1996, S. 197.

425 Schelling, Von der Weltseele, 1789: Zitiert nach Stanslowski 1979, S.180.

426 Vgl. hierzu z.B. Stanslowski 1979, S. 182.

427 Stanslowski 1978, S. 95.

428 Schelling 1985, S. 415f., §223.

429 Kant 1995, Anmerkung S. 323, §65.

430 Kant 1995, S. 296, § 59.

431 Vgl. hierzu Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 588.

432 Vgl. hierzu z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 222.

433 Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 592f.

434 Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 593.

435 Vgl. zu diesem Phänomen auch Böckenförde/Dohrn-van Rossum 1978, S. 597.

436 Vgl. hierzu Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 10f.

437 Vgl. hierzu z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 36: „Es handelt sich um einen Grundbestandteil politischen Denkens, der sich bis auf Plato und Aristoteles zurückführen läßt, daß man das Gemeinwesen mit einem lebendigen Körper oder einem einzelnen Menschen vergleicht. Einheit und Ganzheit des natürlichen Körpers liefern die Anschauung für Einheit und Ganzheit des politischen Körpers – mit mehr oder weniger Einschränkungen.“; ebenda S. 37: „Die strukturelle Analogie zwischen Körper und Staat als aus einzelnen Teilen bestehenden Ganzheiten wird [...] immer wieder zur wechselseitigen Erhellung beider herangezogen, wobei das Prinzip der funktionalen Differenzierung zwischen den Teilen und das Prinzip des Beitrags aller Teile zum gemeinsamen Wohl als politische Argumente im Vordergrund stehen.“

438 Zum Organologiemetaphergebrauch in der Antike und im Mittelalter vgl. z.B. Scheerer 1984, Sp. 1338ff.

439 Hierzu ausführlich z.B. Kersting 1996, S. 4.

440 Vgl. hierzu Peil 1983, S.367: „Bereits seit der Antike wird das Verhältnis zwischen ‚Körper’ und ‚Seele’ über die bloße Hierarchie hinaus ausdrücklich als Herrschaftsbeziehung beschrieben.“ Wie Peil ausführt, gilt das gleiche für die Beziehung zwischen „Haupt“ und „Körper“, ebenda S.380ff.

441 Scheerer 1984, Sp.1339.

442 Vgl. hierzu vor allem Kantorowicz 1994.

443 Vgl. hierzu z.B. Scheerer 1984, Sp.1339.

444 Vgl. hierzu z.B. Kersting 1996, S. 9ff.

445 Vgl. hierzu Noetzel 1999, S. 44.

446 Kersting 1996, S. 11.

447 Noetzel 1999, S. 47.

448 Kersting, 1996, S. 11.

449 Vgl. hierzu Kersting 1996, S.7.

450 Vgl. hierzu Noetzel 1999, S. 13; Kersting 1996, S. 11ff.

451 Vgl. hierzu z.B. Stollberg-Rilinger, 1986.

452 Stollberg-Rilinger 1994, S. 275.

453 Vgl. hierzu Stollberg-Rilnger 1986, S. 105ff.

454 Vgl. hierzu z.B. Stollberg- Rilinger 1986, S. 28; Matala de Mazza, 1999, S. 64ff.

455 Stollberg-Rilinger 1986, S. 36.

456 Vgl. hierzu z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S.60 (Hobbes) und S. 108 (Rousseau); Matala de Mazza 1999, S. 70ff.

457 Hobbes 1998, S. 5.

458 Hobbes 1998, S. 155.

459 Kersting 1996, S. 93.

460 Vgl. hierzu z.B. Matala de Mazza 1999, S. 75f.; Grundlegend z.B. auch Bredekamp 1999.

461 Kersting, 1996, S. 1.

462 Vgl. hierzu Stollberg-Rilinger, 1986, S. 188.

463 Stollberg-Rilinger 1986, S. 197.

464 Vgl. hierzu Stollberg-Rilinger 1986, S. 198f.

465 Vgl. hierzu zusammenfassend z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 202ff.; Koselleck 1959.

466 Vgl. dazu Stollberg-Rilinger, S. 224.

467 Vgl. dazu Stollberg-Rilinger 1993, S. 274f.

468 Als maßgebliche Studien sind hier in erster Linie folgende zu nennen: z.B. Foucault 1994 ; Elias 1997 ; Laqueur 1992; Honegger 1996; Duden 1987; Oestreich 1969.

469 Matala de Mazza 1999, S. 115.

470 Matala de Mazza 1999, S. 23f.

471 Matala de Mazza 1999, S. 28.

472 Vgl. zu dieser Einschätzung z.B. auch Bublitz 2003, S. 89.

473 Vgl. z.B. hierzu die Ergebnisse der in den Geschichtlichen Grundbegriffen untersuchten Schriften aus der Zeit des Vormärz bei Böckenförde/Dohrn –van Rossum 1978, S. 587ff.

474 In erster Linie zu nennen sind hier Pierre Roussel (Système physique et moral de la femme, Paris 1775) und Pierre-Jean-Georges Cabanis (Rapports du physique et du moral de l’homme, Paris 1802).

475 Vgl. hierzu z.B. Jakob Fidelis Ackermann: Ueber die körperliche Verschiedenheit des Mannes vom Weibe außer den Geschlechtstheilen, Mainz 1788.

476 Zur Geschichte der Geschlechterdifferenz vgl. z.B. Laqueur 1992; Schiebinger 1995; Honegger 1996.

477 Honegger 1996, S. 186; zu nennen sind hier z.B. Wilhelm v. Humboldt, Fichte und Schiller, ebenda S. 182ff.

478 Vgl. hierzu Honegger 1996, S. 189.

479 Diesen Aspekt hebt besonders Vila 1995, S. 83f. hervor.

480 Vgl. hierzu Honegger 1996, S. 187.

481 Walther, Ph.Fr., Physiologie des Menschen mit durchgängiger Rücksicht auf die comparative Physiologie der Thiere, 1807-1808. Zitiert nach Honegger 1996, S.188.

482 Walther, Ph.Fr., Physiologie des Menschen mit durchgängiger Rücksicht auf die comparative Physiologie der Thiere, 1807-1808. Zitiert nach Honegger 1996, S. 189.

483 Vgl. dazu z.B. Frevert 1995.

484 Planert 2000, S. 552.

485 Dazu z.B. Haarbusch 1985, S. 223; Hauch 1990; Hauch 1999; Frevert 1988a); Frevert 1988b).

486 Beispiele für das sich verschlechternde Recht von Frauen und für „patriarchalen Machtzuwachs“ von Männern z.B. bei Gerhard 1978; auch Haarbusch 1985, S. 238ff.; Zur Durchsetzung der Überzeugung der weiblichen Sonderanthropologie z.B. Sarasin 2001, S. 192ff.

487 Eine große Ausnahme stellt der Philosophieprofessor Karl August Erb dar, der sich 1824 in seiner Schrift „Forschungen über Geschlechts-Natur“ dezidiert gegen diese Auffassung wendet, aber in seiner Zeit nicht auf Resonanz stößt; dazu Honegger 1996, S. 193ff.

488 Zum traditionellen Ausschluss der Frauen aus der Politik vgl. z.B. Duden 1977; Bennent 1985; Benhabib/Nicholson 1987; Rauschenbach 1998, S. 16ff.

489 Vgl. hierzu auch Frevert 1995, S. 128ff. Sie weist z.B. darauf hin, dass im Ancien Regime gerade die hohe Politik immer von beiden Geschlechtern betrieben worden war; ebenda S. 129: „Die eminent politische Funktion adeliger Frauen [...] stand außer Frage“; ebenda S. 130: „Wenn man im 19. Jahrhundert die politische Rede ebenso wie politisches Handeln als genuin männliche Sphäre deklarierte, bekundete man damit eine Orientierung an Geschlechterkategorien, wie sie bis dahin unbekannt gewesen war. Die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen ließ andere mögliche Unterscheidungen verblassen. Über den Zugang zu Politik entschied nicht mehr Qualifikation, Kompetenz, Herkunft, Vermögen, Religion oder Ansehen, sondern nur noch das Geschlecht. Die Geschlechterdifferenz usurpierte als Ordnungs- und Vergemeinschaftungsinstrument eine geradezu übermächtige Bedeutung – eine Bedeutung, die sie in dieser Form nie zuvor besessen hatte.“ Erstaunlich ist, dass Staat und Nation in Skulpturen dennoch häufig weiterhin als Frauen dargestellt wurden. Vgl. zu dieser Problematik z.B. Wenk 1996; Braun 2000 S. 27ff.

490 Zu den Unterschieden des Verständnisses des Geschlechterverhältnisses z.B. Frevert 1995, S. 51ff.; ebenda S. 51: „Gründet beispielsweise der Begriff Mann im 18. Jahrhundert noch ganz überwiegend in einem sozialen Kontext, aus dem heraus er seine konkrete Anschauungsform gewinnt, wird im 19. Jahrhundert von solchen gesellschaftlichen Bezügen zunehmend abstrahiert. Jetzt besitzen die „natürlichen“ Geschlechtseigentümlichkeiten eindeutig Priorität vor den „sittlichen“ oder „moralischen“ Spezifika.“



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04.07.2007