Die einzelnen Diskursvarianten

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In diesem Kapitel soll nun die spezifische Art der Metaphorisierung der einzelnen politischen Philosophien im Detail vorgestellt werden. Die Ausführung gliedert sich dabei nach den drei zentralen Diskursgemeinsamkeiten aller Texte. Dargestellt wird jeweils:

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Daran schließt sich die Vorstellung der jeweiligen konkreten politischen Entwürfe, die die Autorinnen und Autoren für notwendig erachteten, um den mit Hilfe der Organologiemetapher erkannten „Wahrheiten“ zur Verwirklichung zu verhelfen. Es wird gezeigt, welche Institutionen und Verfahrensweisen in den politischen Philosophien gefordert werden, um zum einen dem erkannten Entwicklungstrieb den notwendigen Raum zu verschaffen, damit sich der Kollektivkörper den Absichten der Natur gehorchend gesund ausbilden kann und um zum anderen dem naturgegebenen Verhältnis von Teil zu Ganzem sowie von Mann und Frau Rechnung zu tragen. Die Ausführlichkeit, mit der diese konkreten Entwürfe in den politischen Philosophien behandelt werden, ist bei den in dieser Arbeit analysierten Texten sehr unterschiedlich.

4.1  Die Texte des Kommunismus

4.1.1  Weitlings „Garantien der Harmonie und Freiheit“

4.1.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.1.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Weitling metaphorisiert Menschheit und Gesellschaft als Organismus491. Die Kraft, die er für Entstehung und Entwicklung dieser Gebilde verantwortlich macht, ist der Trieb der Bedürfnisbefriedigung und der Selbsterhaltung, den die Natur allen Individuen, die als „Glieder“ des Gesamtorganismus erscheinen492, gleichermaßen eingepflanzt habe493. Weitling schöpft die Kenntnis der in Gesellschaft und Menschheit wirksamen Triebe also vorwiegend aus anthropologischen Überzeugungen.
Der alle Menschen bestimmende Trieb nach Bedürfnisbefriedigung hat laut Weitling zwei entscheidende Folgen. Zum einen nötige er die Individuen zum Zusammenschluss, da die Natur es so eingerichtet habe, dass nur „in der Gesellschaft das schönste Gleichgewicht menschlicher Begierden und Fähigkeiten besteht“ und das „bei dem Individuum n i c h t der Fall[...]“494 sei. Zur Bedürfnisbefriedigung aller sei daher der Zusammenschluss und die Koordination der Fähigkeiten aller unabdingbar. Der Trieb der Bedürfnisbefriedigung erscheint so als „ursprüngliches Element“ der Vergesellschaftung495.
Zum anderen dränge der Trieb die Menschen zur immer umfassenderen Bearbeitung der Natur und reize sie dadurch zur stetigen Verbesserung ihrer Fähigkeiten:496 Den genauen Vorgang der Entwicklung der Fähigkeiten der Menschen innerhalb des Menschheits- bzw. Gesellschaftskörpers beschreibt Weitling in mechanistisch-physikalischer Terminologie folgendermaßen: „Um nun den ganzen Organismus in Bewegung zu setzen, so legte die Natur in die Befriedigung der Genüsse alle ihre Reize und ließ diese letztere auf die Sinne wirken. Die Sinne regten nun die Begierden auf, die Begierden die Fähigkeiten und diese die Tätigkeit des Menschen. Die Früchte dieser Tätigkeit wurden so wieder zu Genüssen, in die rasch wieder die Reize der Sinne eingriffen, um die Begierden zu erregen. Auf diese Weise sind die Begierden die Triebfedern des ganzen Organismus, und damit diese nicht erschlaffen, hat es die Natur so eingerichtet, daß sie immer stärker werden, je mehr sich die Fähigkeiten des Menschen entwickeln und vervollkommnen [...] So erweitern sich die Begierden der Menschen mit den Grenzen der Fähigkeiten immer mehr und mehr und bilden durch die letztern auf diese Weise das, was wir den Fortschritt nennen.“497

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Zu dem momentanen, in der Pathologiemetaphorik als bedrohliche Krankheit beschriebenen Gesellschaftszustand, sei es dadurch gekommen, dass mit der Entstehung des Privateigentums viele daran gehindert würden, ihren naturgegebenen Trieb nach Bedürfnisbefriedigung zu stillen. Denn mit dem Privateigentum werde ein sich zunehmend vergrößernder Teil der Glieder des Gesellschaftskörpers daran gehindert, an dem von ihnen mit herbeigeführten Fortschritt der Genüsse zu partizipieren498. Dies ziehe verheerende pathologische Konsequenzen nach sich, die Weitling in das Bild der Vergnomung packt: „Ob die Bildungsstufe einer Gesellschaft im Vergleich zu den früheren Generationen höher oder niederer steht, das trägt zum Glücke der Gesamtheit nichts bei und nimmt nichts davon. Nur wenn sich die Glieder ein und derselben Generation in verschiedene Bildungsstufen klassifizieren, so entsteht dadurch ein Mißverhältnis in der Gesellschaft, welches dem Glücke derselben entgegen ist. Die Bildungsstufen der Generationen müssen im Verhältnisse zu den Bedürfnissen aller ihrer Glieder stehen [...] aber wir hatten noch nicht die Einsicht und den Mut, unsere gesellschaftliche Ordnung den neuen Produkten unseres Wissens anzupassen, und lassen es daher geschehen, daß unsere geistigen Fortschritte zum Vorteil einiger das Übel der Massen vermehren, statt es zu vermindern“499. „Krankheit“ der Gesellschaft definiert Weitling vor diesem Hintergrund explizit als „das Mißverhältnis der Begierden und Fähigkeiten der Individuen mit der gesellschaftlichen Ordnung.“500
Zu Beginn der Menschheitsentwicklung habe das Privateigentum noch keine nachteiligen Folgen gehabt, da die Welt allen Menschen Boden und dessen Früchte zur Verfügung stellen konnte. Für die damalige Zeit sei es daher noch akzeptabel gewesen501. Doch in der Gegenwart, in der aller Boden und alles Eigentum verteilt sei, und – naturgesetzwidrigerweise – der Großteil der Menschheit von der Partizipation an den Genüssen ausgeschlossen werde, sei es großes Unrecht502, passe nicht mehr zu dem heutigen Entwicklungsstand der Menschheit503 und rufe die oben bereits genannten pathologischen Folgen hervor: „Den Begriff des Eigentums legte man der Menschheit in seiner Wiege an. Es war ihr ein ungewohntes eisernes Mieder, obgleich ihre zarten Formen hineinpaßten. Aber das Kind nahm zu, und je mehr es wuchs, je unwohler befand es sich darunter. Nun aber löset es ihm bald ab, denn schon hat es in sein gepreßtes Fleisch blutige Streifen geschnitten.“504 Die Erfindung des Geldes ist für ihn schließlich das schlimmste Krankheitssymptom. Es sei „schleichendes Gift, welches den Körper nach und nach zerstört“505, da es die Ungleichheit manifestiere und verschärfe506.

Das von ihm intendierte Ziel ist es schließlich, die „Gesundheit“ des Menschheitskörpers wieder herzustellen, die er entsprechend seinem Modell explizit als „die Harmonie der Begierden und Fähigkeiten der Individuen mit der gesellschaftlichen Ordnung“507 definiert. Diese Wiederherstellung könne seiner Ansicht nach nur über die Abschaffung des Eigentums erfolgen: “Das Eigentum ist die Ursache alles Übels! – Erlöse uns, Herr, von dem Übel!“508 Wieder gänzlich organologisch metaphorisiert er die Folge dieses Schrittes so, dass nach Beseitigung des Privateigentums die „Gesellschaft wie von neuem geboren“509 sei. Diese Veränderung müsse nach Weitling durch eine Revolution herbeigeführt werden. Dabei setzt er Revolution und Heilungsprozesse im Körper gleich: „Wenn ein Kranker durch eine heftige Bewegung sein Blut in starken Umlauf setzt, und dadurch der Krankheitsstoff versetzt wird oder sich verliert, so ist dies eine Revolution, die mit dem Körper vorgegangen ist [...]. Der Umsturz des alten Bestehenden ist Revolution; folglich ist der Fortschritt nur durch Revolutionen denkbar.“510 In der organologischen Bildlogik von Pathologie und Therapeutik bleibend, sieht er die derart als Heilungsprozess definierte Revolution explizit als von der gegenwärtigen Regierung verursacht an, da sie für die Unordnung der Gegenwart verantwortlich sei511. Die eigene Bewegung wolle die aufgrund dieser Unordnung mit größter Wahrscheinlichkeit entstehende Empörung nur dazu nutzen, dem Verlauf der Dinge „eine dem Wohle des Ganzen heilsame Richtung zu geben.“512 Von dem Kommen dieser Revolution ist Weitling aufgrund der katastrophalen Umstände überzeugt513. Die hauptsächlichen Träger der Revolution, die „zahlreichsten ärmsten Klassen“ seien sicher für einen Umsturz zu gewinnen, da man sie mit ihrem eigenen Interesse an einem besseren Leben locken könne514. Der Auftrag laute daher, durch stete Propaganda den Benachteiligten die Erfüllung der Gleichbehandlung aller in Aussicht zu stellen, da so die Interessen einzelner im Sinne der Revolution zu einer machtvollen Bewegung „verschmolzen“ werden könnten515. Zeitraubende grundlegende Aufklärung sieht er zu dem momentanen Zeitpunkt nicht als zielführend an516. Weitling glaubt zudem an das Auftreten eines „zweiten Messias“, der diese Revolution anzuführen in der Lage sei517.

4.1.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Den eigentlich naturgewollten „gesunden“ Gesellschaftskörper, der den Trieb des Menschen zur Bedürfnisbefriedigung und damit den Fortschritt der Fähigkeiten aller sichert, entwirft Weitling diskurstypisch so, dass in ihm – dem Modell des spezifischen Verständnisses des organischen Aufbaus aller lebendigen Körper entsprechend – Teil und Ganzes wechselseitig voneinander abhängen. Bei Weitling entsteht der Kollektivkörper, weil sich die Einzelnen aus eigenem Antrieb vereinigen, um dadurch ihre Bedürfnisbefriedigung sicher zu stellen. Das so entstehende, aufgrund der ubiqitären Metaphorisierung als Organismus, als stabile Einheit entworfene politische und soziale Gemeinwesen erscheint daher als Mittel zum Zweck für die Einzelnen. Gleichzeitig erweist sich auch die koordinierte Tätigkeit der Einzelnen im Kollektivgebilde als Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung aller. Weitling selbst formuliert diesen Zusammenhang folgendermaßen: „Das W o l l e n ist der Ausdruck der Begierden des Menschen, das K ö n n e n ist der seiner Fähigkeiten, und das T u n ist der Akt der Handlung beider. Je größer also die Harmonie der Begierden und Fähigkeiten des Einzelnen ist, um so größer ist auch seine p e r s ö n l i c h e  F r e i h e i t, und je größer die Harmonie der Begierden und Fähigkeiten A l l e r ist, desto möglicher und größer ist auch die Harmonie der Begierden und Fähigkeiten und folglich auch die Freiheit eines J e d e n.“518
Die einzelnen Teile des Ganzen werden von Weitling dabei diskurstypisch so entworfen, dass sie sich – so sie gesund sind - aus natürlichem Antrieb, aus ihrem ureigensten Interesse der Bedürfnisbefriedigung heraus, zu diesem harmonischen Ganzen fügen wollen. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass er ‚Abweichler’, die die „Harmonie der Begierden und Fähigkeiten“ in der Gesellschaft stören, „heilen, aber nicht strafen“519 will, da er sie als „Seelen- und Begierdenkranke“520 sieht.
Aufgrund dieser Überzeugungen erweist sich letztlich auch der die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Glieder harmonisch koordinierende Gesellschaftskörper bei Weitling als eine unbedingt zu erfüllende Naturvorgabe: Was zählt, ist als „bleibende Gewalt [...] das Naturgesetz [...]“521, „[...] und daß, um solche Ordnung möglich zu machen, alle persönlichen Interessen in e i n a l l g e m e i n e s I n t e r e s s e verschmolzen“ werden522.

4.1.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

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Diskurstypisch ist auch das Ausblenden von Frauen aus dem von Weitling gezeichneten Gesellschaftskörper: So besteht die kommunistische Bewegung bei Weitling nur aus Männern523. Selbst im Bereich der Ökonomie bleiben Frauen so gut wie unsichtbar. Obwohl Weitling Überlegungen zur Organisation von Frauenarbeit anstellt524, ist der Prototyp des Arbeiters und des Besitzers in den allgemeinen Analysen des gegenwärtigen Gesellschaftszustandes immer eindeutig männlich. Als typisches Beispiel sei folgende Textpassage angeführt: „Dem Geschäftsmanne steht es frei, seinen Kunden eine übertriebene Rechnung zu machen, aber unterstehe sich der Arbeiter nur einmal, eine Erhöhung seines Lohnes zu fordern, wie die Herren dann mit ihren Polizeimaßregeln auf ihn losdonnern, um ihm das bißchen Männerstolz wieder aus dem Hirn zu treiben[...].“525
Für die Spitzenämter der Gesellschaft kommen Frauen für Weitling explizit nicht in Frage, da sie momentan nicht so begabt seien wie das männliche Geschlecht: „Solange die Natur kein Wunder verrichtet“ könnten sie daher auch nicht zu den höchsten Ämtern der Gesellschaft zugelassen werden.526 Damit schließt sich Weitling eindeutig der diskurstypischen Vorstellung über die „natürliche Bestimmung“ von Mann und Frau an, konzediert aber, dass man die Organisation des Staates ändern müsse, wenn die Natur irgendwann einmal die Fähigkeiten der Frauen denen der Männer angleiche: „Doch wenn einmal die Natur des Weibes und des Mannes sich so verändern würden, daß dies der Fall wäre, dann ist es auch billig, daß man die Organisation den neuen Verhältnissen anpasse.“527
Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, dass der gesamte Gesellschafts-/Menschheitsorganismus bei Weitling männlichen Geschlechts ist. „Der eingebildeten schönen Form zulieb wollt ihr den ganzen kräftigen Körper verkrüppeln? aus dem kräftigen Herrn der Schöpfung eine zierliche Puppe und eine willenlose Maschine machen?“528

4.1.1.2 Der politische Entwurf

Weitling macht in seinen „Garantien“ detaillierte Vorschläge, wie dieser, sich aufgrund von koordinierten Trieben nach Bedürfnisbefriedigung entwickelnde, die Bedürfnisse und die aktive Stellung der Glieder betonende und dennoch stabile und zwingende Kollektivkörper verwirklicht werden könne.
Er geht in seinen Überlegungen von drei naturgegebenen Grundbegierden des Menschen aus und leitet davon drei naturgegebene „Grundelemente der Gesellschaft“ ab: die Begierden des Wissens, die des Erwerbes und die des Genusses, denen er mit Hilfe seiner Überlegungen zur Verwaltung, Produktion und Konsumtion gerecht zu werden versucht529.
Der Verwaltung übergibt er die Lenkung des Gesellschaftskörpers im Sinne des Naturgesetzes: „Der Zweck der Verwaltung ist, den Austausch der Fähigkeiten und Begierden der verschiedenen Individuen nach den Naturgesetzen zu leiten und denselben die zum Wohle und zur Harmonie Aller nötige, natürliche Richtung zu geben, oder mit anderen Worten: die gleiche Verteilung der Arbeiten und der Genüsse nach denselben Gesetzen und die Vertilgung und Heilung der menschlichen Schwächen und Krankheiten, welche diese natürliche Richtung stören.“530 Die Verwaltung müsse daher den fähigsten Wissenschaftlern in die Hand gegeben werden, die aufgrund überragender Leistungen in regelmäßigen Abständen und nach festem Ritus für diese Positionen ausgesucht werden sollten531. Wichtig sei hier, dass allen freier Zugang zu den Wissenschaften und somit auch zu den Führungspositionen zustünde532. Die organologische Hintergrundfolie dient ihm an dieser Stelle nicht nur zur Ableitung seiner konkreten Entwürfe, sondern auch zur Abqualifizierung traditioneller Regierungsformen, deren Rekrutierung des Führungspersonals er mit Hilfe der Maschinenmetaphorik abschätzig folgendermaßen beschreibt: „Unter der Herrschaft der Legitimität gleicht der Fortschritt einem Uhrwerke, an welchem Waffen, Orden und Geldsäcke die Stelle der Gewichte vertreten. Alle Tage die alte Leier, immer das ewige eintönige Ticktack der Angestellten und Höflinge; alle Tage dieselben Stunden der Mühen und Plagen und von Zeit zu Zeit dieselben Schläge des Schicksals. In der Demokratie wird das Leben schon lebendiger; der Fortschritt findet hier doch manchmal Gelegenheit, das Talent aus dem Drängen und Wirren der Massen an die Spitze der Geschäfte zu schieben; indes treibt der Zufall dabei so sein Wesen, daß auch hier nach den bestehenden Organisationen das Reich des Wissens nicht garantiert ist.“533
Produktion und Konsumtion, die anderen beiden „Grundelemente der Gesellschaft“ regelt Weitling vor dem Hintergrund seines organologischen Trieb- und Körpermodells folgendermaßen: Die Wahl der Arbeit ist jedem Individuum selbst überlassen. Die allgemeine Arbeitszeit wird jedoch nach den Bedürfnissen aller von der Regierung berechnet und bestimmt534. Will ein Individuum über das Notwendige hinaus in den Genuss bestimmter Luxusgüter kommen, muss es diese durch Mehrarbeit verdienen535. Diese Arbeitsstunden nennt Weitling Kommerzstunden, die jedoch auch wieder von einem Gesundheitskommitee kontrolliert werden, damit sie weder der Gesundheit des Einzelnen noch der Harmonie des Ganzen schaden536. Dem gleichen Zweck dient die Maßnahme der Geschäftssperre: ist eine Tätigkeit mit freiwilligen Arbeitern überfüllt, können in ihr keine Kommerzstunden erworben werden. „Die ganze Ordnung der Geschäftssperre besteht darin: den Genuß des unnötigen Angenehmen nur durch die Produktion desjenigen Nötigen, welchem es an freiwilligen Arbeitern mangelt, möglich zu machen [...].“537
An dieser Stelle verortet Weitling die „Freiheit“ des Einzelnen im Kollektivkörper: „Vor allem mußte hier die Existenz und das Wohl jedes Einzelnen vor den Übergriffen Anderer gesichert werden. Dies geschieht durch die Gemeinschaft der Güter und der Arbeit alles Dessen, was zum Leben notwendig und nützlich ist. Mit allen Arbeiten und Genüssen, die das Leben angenehm machen und also nicht zum Leben nötig sind, machte ich, um den besondern Begierden der Einzelnen sowie ihrem Freiheitstrieb einen Spielraum zu geben, von der Gemeinschaft eine Ausnahme“538. Interessanterweise packt Weitling diesen Gedanken auch in das Bild einer Maschine, das er offensichtlich in diesem Zusammenhang für akzeptabel erachtet: „Es ist mit dem Freiheitstriebe des Menschen ebenso wie mit dem in einem Kessel verschlossenen Wasserdampf, er kann ebenso gefährlich werden, wenn man ihn zu stark einschließt, als wohltätig, wenn man es versteht, ihm in einer wohlgebauten Maschine eine gute Richtung zu geben“539.

Die von Weitling auch ins Auge gefasste weibliche Emanzipation richtet sich aufgrund seiner oben dargestellten Grundüberzeugungen vorwiegend auf den privaten Bereich, nämlich die Möglichkeit der Ehescheidung auch für die Frau: „Trockne deine Tränen! armes, unglückliches, verachtetes und mißhandeltes Weib! [...] Einst wird auch dir der goldene Frühstrahl des Befreiungsmorgens heranbrechen, um dir die heißen, bittern Tränen der Sklaverei aus den feuchten Wimpern zu küssen. Dann blicke deinem Tyrannen stolz ins Auge, denn du brauchst ihn nicht mehr“540. Er bindet diese Emanzipationsforderung dabei in das umfassendere Programm ein, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern generell von wirtschaftlichen Überlegungen frei zu halten und der „Liebe und Freundschaft eine heitere, natürliche, ungekünstelte Rolle“541 zurückzugeben.

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Den unerbittlich zur Vereinheitlichung zwingenden Charakter, der dieser Lösung Weitlings immanent ist, sieht man deutlich an dessen Vorstellung, wie mit ‚Abweichlern’ umzugehen sei, die ihr „Interesse“ nicht mit dem der Gesamtheit „verschmelzen“ wollen. Er definiert diese Personengruppe – wie oben bereits ausgeführt - als „Kranke“, die in Heilanstalten eingewiesen werden sollen, um dort im Sinne der gesellschaftlichen Gesundheit kuriert zu werden542. Die Stabilität des Gesellschaftskörpers wird bei Weitling zudem durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen abgesichert, in der „die Jugend an die Organisation der mündigen Gesellschaft“ gewöhnt werden soll. Ihre Fähigkeiten sollen dabei so ausgebildet werden, „daß sie den Begierden das Gleichgewicht halten.“543

4.1.2  Marx’ „Pariser Manuskripte“

4.1.2.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.1.2.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Auch Marx entwirft die Entwicklung der Kollektivgebilde als kraftgesteuerten Naturprozess. Er bettet sein Triebmodell dabei in folgende, auf anthropologischen Überzeugungen fußende Organologiemetaphorik ein: Der Mensch mit seinem Individualleib erscheint als Bestandteil eines umfassenden Naturorganismus, den Marx den zweiten „unorganischen Leib“ des Menschen nennt544. Die Naturkraft, die Marx für die Entwicklung des Menschen innerhalb dieses Naturorganismus verantwortlich sieht, ist der naturgegebene Trieb des Menschen zur Arbeit, zur Tätigkeit545. Dieser leidenschaftliche Trieb, diese „nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen“546, führe dazu, dass der Mensch mit Hilfe der Arbeit die ganze ihn einbettende Natur – die seiner Definition gemäß immer schon unorganischer Leib des Menschen ist – trotzdem noch einmal sukzessive zu seinem „unorganischen Körper“547 mache, indem er ihn schöpfe und präge. Dieser von der Natur vorgegebene Erzeugungsprozess der Natur durch Arbeit unterscheide den Menschen grundlegend vom Tier, da sich allein der Mensch seinem Produkt frei gegenüberstellen könne: „Eben in der Bearbeitung der gegenständlichen Welt bewährt sich der Mensch daher erst wirklich als ein Gattungswesen. Diese Produktion ist sein werktätiges Gattungsleben. Durch sie erscheint die Natur als sein Werk und seine Wirklichkeit. Der Gegenstand der Arbeit ist daher die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Menschen: indem er sich nicht nur wie im Bewußtsein intellektuell, sondern werktätig, wirklich verdoppelt und sich selbst daher in einer von ihm geschaffenen Welt anschaut.“548 In dieser gattungsspezifischen Arbeit des Menschen am zweiten unorganischen Leib der Natur gebiert sich nach Marx Vorstellung die Gattung Mensch im Laufe ihrer Entwicklung schließlich selbst: „[...] die ganze sogenannte Weltgeschichte [ist] nichts anderes [...] als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für den Menschen [...]“549. Geschichte wird aufgrund dieser spezifischen Organologiemetaphorik zur wahren „Naturgeschichte des Menschen“550.

Für die Erklärung der momentanen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation spielen nun wie bei Weitling auch bei Marx Pathologiemetaphern eine zentrale Rolle. Wie Weitling erklärt Marx die gegenwärtige Lage des Proletariats dadurch, dass sich das Verhältnis von Mensch und Natur, von Mensch und seiner triebgesteuerten Produktion aufgrund der Entstehung des Privateigentums in ‚krankem‘ Sinne entwickelt habe. Zu der Fehlentwicklung komme es, da dem Arbeiter die von ihm erschaffenen Produkte, die das Privateigentum anderer sind, nach der Herstellung entzogen würden. Damit amputiere man dessen „unorganischen Leib“, die bearbeitete Natur. Die Folge davon sei, dass sich die materielle Welt dem Arbeiter nicht mehr als sein eigenes, sondern als ein übermächtiges fremdes Wesen gegenüberstelle, das er jedoch trotz der Abnormität durch seine Tätigkeit ständig weiter am Leben erhalte. Außerdem würden dem Arbeiter Tätigkeiten zugewiesen, die nicht seinen, sondern nur den Bedürfnissen seines Arbeitgebers entsprächen551. Diese „Entfremdung“ führe nicht nur zu verheerenden gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, sie unterbinde darüber hinaus auch die eigentliche von der Natur vorgesehene Menschwerdung: „Indem daher die entfremdete Arbeit dem Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben [...] und verwandelt seinen Vorzug vor dem Tier in den Nachteil, daß sein unorganischer Leib, die Natur, ihm entzogen wird. [...] Die entfremdete Arbeit macht also: [...] das Gattungswesen des Menschen [...] zu einem ihm fremden Wesen [...]. Sie entfremdet dem Menschen seinen eigenen Leib, wie die Natur außer ihm, wie sein geistiges Wesen, sein menschl i ches Wesen.“552 Höhepunkt dieser Krankheitsentwicklung sei dann: „daß ein Mensch dem anderen, wie jeder von ihnen dem menschlichen Wesen entfremdet ist“553, da das Privateigentum „einem anderen Menschen außer dem Arbeiter“ gehöre, der ihm dadurch fremd, feindlich und mächtig gegenüberstehe554. Marx fasst das Ergebnis dieses pathologischen Prozesses folgendermaßen zusammen: „Die Produktion produziert den Menschen [...] als ein ebenso geistig wie körperlich entmenschtes Wesen. – Immoralität, Mißgeburt, Helotismus der Arbeiter und der Kapitalisten.“555

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Aus dieser Pathologie, aus dieser Erkenntnis der Ursachen des Krankheitsprozesses, ergibt sich für Marx – wie auch für Weitling - als Therapeutik zwingend die Aufhebung des Privateigentums durch die Umsetzung des Kommunismus. „Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbsten t fremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen.“556

Den Krankheitsverlauf der Entfremdung mit seinem Resultat, den Kommunismus als notwendige Therapeutik erkennen zu können, formuliert Marx zusammenfassend an entscheidender Stelle mit Hilfe der diachronen Organologiemetapher „X entwickelt sich zu Y“ als intentionalen gesetzlichen Prozess der Geschichte: „Das Grundeigentum mußte sich auf jede der beiden Weisen entwickeln, um in beiden seinen notwendigen Untergang zu erleben, wie auch die Industrie in der Form des Monopols und in der Form der Konkurrenz sich ruinieren mußte, um an den Menschen glauben zu lernen.“557Und ähnlich: „Welchen Sinn, in der Entwicklung der Menschheit, hat diese Reduktion des größten Teiles der Menschheit auf die abstrakte Arbeit?“558. „Er [der Kommunismus] ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“559 Marx’ Darlegung trägt damit eindeutig geschichtsphilosophische Züge560.
Marx ist sich dabei sicher, dass die Geschichte nicht nur beabsichtige, die Notwendigkeit des Kommunismus zu verdeutlichen, sondern dass sie auch die tatsächliche Umsetzung des Kommunismus herbeiführen werde: „Der Kommunismus ist die Position als Negation der Negation, darum das wirkliche, für die nächste geschichtliche Entwicklung notwendige Moment der menschlichen Emanzipation und Wiedergewinnung. Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft [...]“561.
Dadurch, dass er das Eintreten der Revolution und die sich anschließende Durchsetzung des Kommunismus aus der Geschichte ableitet, unterscheidet sich Marx grundlegend von Weitling. Während Weitling ein ewig gültiges Naturgesetz beschreibt, nach dem sich die Menschen im Prinzip jederzeit richten können, wenn sie in einem gesunden Gesellschaftsorganismus leben wollen und dieser ideale Kollektivkörper daher immer herbeiführbar wäre, benennt Marx einen konkreten historischen Zeitpunkt, an dem sich der Kommunismus erfüllen werde, da ihn die wirkenden Kräfte der Geschichte real vorbereiten würden. Die Vorbereitung sieht er in der zunehmenden Verelendung immer breiterer Massen, die aufgrund der von ihm detailliert analysierten inneren Logik des Kapitalismus562 naturnotwendig eintreten werde. Dies müsse seiner Ansicht nach an einem bestimmten Punkt zwangsläufig zur Revolution führen563.
Die „Arbeiter“ erscheinen Marx dabei vor dem Hintergrund seiner organologischen Vorstellungen als Prototyp des von Natur aus zur Tätigkeit angelegten Menschen564, die von der Geschichte dazu vorgesehen seien, durch die Revolution die gesamte menschliche Emanzipation herbeizuführen: „[...] nicht als wenn es sich nur um ihre Emanzipation handelte, sondern weil in ihrer Emanzipation die allgemein menschliche enthalten ist, diese ist aber darin enthalten, weil die ganze menschliche Knechtschaft in dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion involviert ist und alle Knechtschaftsverhältnisse nur Modifikationen und Konsequenzen dieses Verhältnisses sind.“565
Seine Ergebnisse gewinnt Marx seinem eigenen Verständnis nach rein mit Hilfe der die moderne Naturwissenschaft auszeichnende Induktion und der ausschließlichen Bezugnahme auf das empirisch Gegebene. Dabei verliert er offensichtlich zum einen den geschichtsphilosophischen Anteil, zum anderen seine anthropologische Setzungen über das unveränderliche naturgegebene Wesen des Menschen aus den Augen566: „Dem mit der Nationalökonomie vertrauten Leser habe ich nicht erst zu versichern, daß meine Resultate durch eine ganz empirische, auf ein gewissenhaftes kritisches Studium der Nationalökonomie gegründete Analyse gewonnen worden sind.“567 Und auch: „Die Sinnlichkeit (siehe Feuerbach) muß die Basis aller Wissenschaft sein. Nur, wenn sie von ihr, in der doppelten Gestalt sowohl des sinnlichen Bewußtseins als des sinnlichen Bedürfnisses, ausgeht – also nur wenn die Wissenschaft von der Natur ausgeht - , ist sie wirkliche Wissenschaft568. Marx’ „Geschichtsphilosophie assoziiert sich mit dem Ideal exakter empirischer Wissenschaft.“569

4.1.2.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Wie Weitling geht auch Marx von einem Gesellschaftskörper aus, der sich – so er gesund ist- dadurch auszeichnet, dass in ihm das naturgewollte Verhältnis von Arbeiter und Produktion verwirklicht ist. Die Konstitution dieses Gesellschaftskörpers und das dort vorherrschende Verhältnis der Glieder zueinander wird von Marx nur vage angedeutet, zeigt aber dennoch diskurstypische Merkmale. So liegt auch bei ihm die Betonung auf der Tätigkeit der einzelnen Glieder, die das Ganze aus eigenem Antrieb hervorbringen und erhalten, wobei das Ganze auch bei ihm wiederum für die Existenz der Einzelnen unabdingbar ist: „[...]wie die Gesellschaft selbst den Menschen als Menschen produziert, so ist sie durch ihn produziert.“ 570
Der Mensch produziert laut Marx dabei insofern die Gesellschaft, als die Mitmenschen Teil des Naturleibes des Einzelnen seien, und er diese als ihm von der Natur auferlegte Tätigkeit ebenfalls zu „bearbeiten“ und zu „erzeugen“ habe: „Der erste Gegenstand des Menschen – der Mensch – ist Natur [...]“571. Genauso sei auch der Einzelne ein Teil des Naturleibes und werde daher von seinen Mitmenschen produziert. Diese wechselseitige „Erzeugung“ führt für Marx nach Aufhebung des Privateigentums automatisch zu einer idealen Gesellschaft, in der sich alle gegenseitig Mittel und Zweck sind572.
Durch diese wechselseitige Produktion der Menschen als gesellschaftliche Wesen löst sich laut Marx auch das Problem des Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft: „[...] die gewordene Gesellschaft [produziert] den Menschen in diesem ganzen Reichtum seines Wesens, den reichen und tief allsinnigen Menschen als ihre stete Wirklichkeit [...] <man sieht, wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische Aufgabe fasste>.“573
Auch bei Marx wird der Einzelne im Gesellschaftsganzen damit diskurstypisch so entworfen, dass er - als gesellschaftliches Produkt - aus sich heraus nichts anderes will, als sich als Glied in die äußerst stabile Gesellschaft einzufügen, wobei er an deren Entstehung und Erhalt aufgrund seiner Produktionstätigkeit unaufhörlich beteiligt ist.

4.1.2.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

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Auf den ersten Blick scheint Marx die Emanzipation der Frau viel weitgreifender als Weitling am Herzen zu liegen. Das Geschlechterverhältnis dient ihm als Gradmesser für die Bildungsstufe der gesamten Menschheit: „Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe [...] Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden ist und erfaßt hat; das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen.“574
Diese Haltung hat aber keine gleichberechtigte Berücksichtigung von Mann und Frau im Bild des „anorganischen Leibes des Menschen“ zur Folge. Schon die Formulierung „das Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe“, weist darauf hin, dass das Individuum, von dem aus Gesellschaft und Geschlechterverhältnis entworfen wird, eindeutig männlichen Geschlechts ist. Das „Weib“ wird inkorporiert, es ist nicht selbst Ausgangsgröße der Leibgenese. Marx verortet sich hier im zeittypischen Diskurs. Das arbeitende und gestaltende Wesen ist der Mann. An vielen Stellen lässt sich zudem eindeutig belegen, dass Marx im Grunde bei all seinen Ausführungen immer nur den männlichen Arbeiter, Besitzer und Menschen vor Augen hatte575. Die Lebensrealität und Arbeitssphäre von Frauen geriet ihm vollständig aus dem Blick, wie das folgende Zitat sehr deutlich macht: „Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause.“576 Im Fokus Marxscher Arbeitsanalyse steht damit allein die nur auf den Mann bezogene Lohnarbeit, die typischerweise von Frauen geleistete Hausarbeit bleibt unbeachtet. Damit zeigt sich auch hier deutlich: der beschriebene zweite unorganische Leib des Menschen ist der unorganische Leib des Mannes. Dies ist nicht nur in Anbetracht emanzipatorischer Ambitionen bedauerlich. Es offenbart zudem eine bedenkliche Analyseschwäche, blendet er auf diese Weise doch den Zusammenhang von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und kapitalistisch-bürgerlicher Gesellschaftsform aus577. „Es gibt in seiner Argumentation eine bemerkenswerte Leere und ein Schweigen, wo über Frauen hätte gesprochen werden müssen.“578

4.1.2.2 Der politische Entwurf

Marx leitet von seinen organologischen Ausführungen in den Pariser Manuskripten keinen konkreten Gesellschaftsentwurf ab. Nur soviel wird aus seiner Schrift deutlich: Nach der Abschaffung des Privateigentums und der Einführung des Kommunismus kehrt der Mensch seiner Ansicht nach in den naturgewollten Gesellschaftszustand zurück und bildet – wie gezeigt – automatisch durch die gegenseitige Produktion eine gesunde Gesellschaft aus, in der sich dann auch entsprechende „Gesellschaftsorgane“ entwickeln würden, über die Marx aber keine weiteren Auskünfte gibt579.

4.1.3 Engels’ „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“

4.1.3.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.1.3.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Engels metaphorisiert in erster Linie – dem Thema seiner Schrift entsprechend - die „englische Nation“580 bzw. „England“581 als organischen Kollektivkörper, wobei er jedoch kaum auf die Zentralmetapher zurückgreift582, sondern diesem Gemeinwesen Eigenschaften zuweist, die diskurstypisch lebenden Körpern zugesprochen werden, wie die der kraftgesteuerten immanenten Entwicklung und der Erkrankung und Heilung.
Auch Engels’ Hauptaugenmerk liegt diskurstypisch auf der Identifizierung der „Kräfte“, die er für die Entwicklung dieses Gemeinwesens verantwortlich macht, um mit deren Hilfe Aussagen über die politische Zukunft des Landes treffen und damit – wie er selbst als Hauptintention seines Buches angibt - die unabweisbare Berechtigung der „sozialistischen Theorien“583 belegen zu können.
Die Vergangenheit und vor allem die konkreten Bedingungen der Gegenwart Englands analysierend, erkennt er zwei wirkungsmächtige Geschichtskräfte. Die alles verändernde Kraft der Vergangenheit sei die industrielle Revolution gewesen, eine „Revolution, die die ganze bürgerliche Gesellschaft“ umgewandelt habe584. Ihr hauptsächliches Resultat bestünde dabei in der „Entwicklung“ des „Proletariats“.585 Diesen für ihn entscheidenden Zusammenhang zwischen der „Industrialisierung“ als Kraft der Gesellschaftsveränderung und der Entstehung des Proletariats als ihrem wesentlichen Produkt beschreibt Engels immer wieder an verschiedensten Stellen seiner Schrift mit Hilfe der Organologiemetapher. Z.B.: „Die ersten Proletarier gehörten der Industrie an und wurden direkt durch sie erzeugt […].“586, „Die wichtigste Frucht aber dieser industriellen Umwälzung ist das englische Proletariat.“587, „Wir haben oben gesehen, wie das Proletariat durch die Einführung der Maschinen ins Leben gerufen wurde.588
Zentral ist für Engels dabei, dass es nach der „Geburt“ des Proletariats589 aufgrund systematischer Ausbeutung und Vernachlässigung durch die Bourgeoisie590, aufgrund regelhaft auftretender Handelskrisen591 und immenser Konkurrenz um die Arbeitsstellen592 zur immer umgreifenderen Verelendung des Proletariats gekommen sei593. Ergebnis dieser pathologischen Entwicklung sei – hier ähnelt Engels Beschreibung sehr der Marxschen – schließlich die Herabwürdigung des Proletariers aufgrund der aufgenötigten Lebens- und Arbeitsumstände zur „entmenschte[n], degradierte[n], intellektuell und moralisch“ bestialischen „Rasse“594.

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Das Proletariat ist Engels zu Folge jedoch nicht dem völligen Untergang geweiht, sondern werde aufgrund des auf ihm lastenden Drucks als neue „Kraft“ „erzeugt“, die die Zukunft Englands bestimmen werde. Die Arbeiterklasse – so sagt Engels explizit - sei es, in der die „Kraft und Entwicklungsfähigkeit der Nation“ ruhe595. Die Bourgeoisie hingegen charakterisiert Engels als abgestorben und fortschrittsunfähig596: „Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen, wie die englische Bourgeoisie. [...] Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht um des Geldes willen da wäre[...].“597 Wie begründet Engels diese organologische Metaphorisierung der Proletarier als zukünftiger geschichtlicher Kraft? Den Arbeitern bleibe – so meint er - gar nichts anderes übrig, als sich kollektiv gegen ihre Unterdrückung zu wehren, wenn sie ihre Menschheit retten und bewahren wollten598. Die durch die industrielle Revolution und ihre Folgen pathologisierte Gesellschaft ist für Engels daher die „Geburtsstunde“ der organisierten Arbeiterbewegung. Den für ihn notwendigen Zusammenhang zwischen der Unterdrückung des Proletariats als „Wirkkraft“ und der „Entwicklung“ der Arbeiterbewegung beschreibt Engels wiederum in diskurstypischer organologischer Metaphorik: „Die Empörung der Arbeiter gegen die Bourgeoisie hat bald nach der industriellen Entwicklung angefangen und verschiedene Phasen durchgemacht.“599
Diese wachsende Empörung und die Organisation der Arbeiter lasse sich nach Engels allenthalben feststellen. Da aufgrund des uneinsichtigen und habsüchtigen Verhaltens der Bourgeoisie eine friedlich herbeigeführte Verbesserung der Lebensumstände des Proletariats nicht absehbar sei, werde die Entwicklung bei der Lage der Dinge daher unabwendbar in einer gewaltsamen Revolution enden: „Das ist die Lage des englischen industriellen Proletariats. Überall, wohin wir uns wenden, finden wir dauerndes oder temporäres Elend, Krankheiten, die aus der Lage oder der Arbeit entstehen, Demoralisation; überall Vernichtung, langsame, aber sichere Untergrabung der menschlichen Natur in körperlicher wie geistiger Beziehung. - Ist das ein Zustand der dauern kann? Dieser Zustand kann und wird nicht dauern. Die Arbeiter, die große Majorität des Volks, wollen es nicht.“600
Die zur Revolution führende Verelendung fasst Engels zudem in das Bild des kranken sozialen Körpers, dessen Zustand den Gesetzen der Natur folgend auf eine Krisis zulaufe601.

Wie sehr Engels von der Richtigkeit der von ihm identifizierten Geschichtskräfte und der daraus resultierenden Prognose eines baldigen revolutionären Gesellschaftsumsturzes überzeugt ist, sieht man an der Kritik, die er an den englischen Sozialisten übt. Er wendet sich gegen deren Pläne, den Kommunismus in Eigenregie zum gegenwärtigen Zeitpunkt einzurichten und fordert stattdessen, die für ihn notwendig wirkenden Geschichtskräfte selbst diese Entwicklung herbeiführen zu lassen. „Sie [die Sozialisten] erkennen keine historische Entwicklung an und wollen daher die Nation, ohne weiteres, ohne Fortführung der Politik bis zu dem Ziele, wo sie sich selbst auflöst, sogleich in den kommunistischen Zustand versetzen. Sie begreifen zwar, weshalb der Arbeiter gegen den Bourgeois aufgebracht ist, sehen aber diese Erbitterung, die doch das einzige Mittel ist, die Arbeiter weiterzuführen, für unfruchtbar an und predigen eine für die englische Gegenwart noch viel fruchtlosere Philanthropie und allgemeine Liebe.“602 Engels erweist sich hier als Parteigänger von Marx. Wie dieser erhebt er den Anspruch objektiv die real wirkenden Geschichtskräfte erkannt zu haben, die notwendig in England - und damit in Zukunft auch in Deutschland, da dort bald ähnliche Verhältnisse herrschen würden603 - die Revolution und die Einrichtung einer neuen Ordnung bringen werden. Wie bei Marx erscheinen dabei die konkreten Umstände als Entwicklungskräfte, die das Verhalten der Menschen bestimmen und voraussagen lassen.

Engels erhebt zudem wie Marx den Anspruch, seine Theorien und Ableitungen in der geschichtlichen Empirie zu verankern. Der auf Fakten fußende Nachweis für die Berechtigung der sozialistischen Theorien ist – wie bereits ausgeführt - explizit eine Hauptintention seiner gesamten Studie: „Einerseits, um den sozialistischen Theorien, andrerseits, um den Urteilen über ihre Berechtigung einen festen Boden zu geben, um allen Schwärmereien und Phantastereien pro et contra ein Ende zu machen, ist die Erkenntnis der proletarischen Zustände deshalb eine unumgängliche Notwendigkeit“.604 In dem Nachtrag zu der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ stellt er dieses Ideal noch einmal heraus und bedauert, es trotz aller detaillierter Schilderungen nicht zu seiner vollen Zufriedenheit erreicht zu haben: „In meinem Buche über den obigen Gegenstand war es mir nicht möglich, für die einzelnen Punkte tatsächliche Beweise zu geben [...] es war nicht hinreichend, um in dem Leser die unwidersprechliche Gewißheit zu erzeugen, die nur durch schlagende, unwidersprechliche T a t s a c h e n gegeben werden kann und die namentlich in einem Jahrhundert, das durch die unendliche ‚Weisheit der Väter‘ zum Skeptizismus gezwungen ist, durch keine bloße Raisonnements, wenn auch noch so guter Autoritäten, sich hervorbringen läßt. Vollends da, wo es sich um große Resultate handelt, wo die Tatsachen sich zu Prinzipien zusammenfassen, wo nicht die Lage einzelner kleiner Sektionen des Volks, sondern die gegenseitige Stellung ganzer Klassen darzustellen ist, sind Tatsachen durchaus nötig. – Ich konnte sie aus den soeben erwähnten Gründen in meinem Buche nicht überall geben. Ich werde diesen unvermeidlichen Mangel nun hier nachholen und von Zeit zu Zeit Tatsachen geben, wie ich sie in den mir zu Gebote stehenden Quellen finde [...]. Ich werde jetzt noch einige hübsche Beweisstücke vorlegen.“605

4.1.3.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

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Engels entwirft in seiner Schrift nicht explizit einen „gesunden“ Körper, der das ideale Verhältnis von Teil und Ganzem beschreibt. Verschiedene kurze Einschübe machen jedoch zumindest deutlich, dass er die „Pathologie“ des momentanen gesellschaftlichen Zustandes auch daran festmacht, dass sich das übergeordnete Ganze zunehmend in einzelne unzusammenhängende Atome auflöse. Daraus wird implizit deutlich, dass er einen „heilen“ gesellschaftlichen Zustand in einer verbindlichen Ausrichtung auf ein gemeinsames Ganzes sieht, in dem alle Glieder umeinander besorgt sind: „[…] und wenn wir auch wissen, daß diese Isolierung des Einzelnen, diese bornierte Selbstsucht überall das Grundprinzip unserer heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos unverhüllt, so selbstbewußt auf, als gerade hier in dem Gewühl der großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben.“606 Und ähnlich: „[…] die in lauter Atome aufgelöste Gesellschaft kümmert sich nicht um sie, überläßt es ihnen, für sich und ihre Familien zu sorgen […].“607 „Wir sehen schon jetzt die Gesellschaft in voller Auflösung begriffen […].“608

4.1.3.1.3 Der pathologische Entwicklungsprozess und die Geschlechter

Wie integriert Engels Frauen in die von ihm betriebene Kräfteanalyse? Ihm erscheint das Verschwimmen der für ihn augenscheinlich biologisch bedingten Rollenfestlegungen im Zuge der Industrialisierung explizit als Krankheit, als Verstümmelung des Mannes und ‚Entweiblichung’ der Frau609. „In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. Dieser Fall kommt sehr, sehr häufig vor; in Manchester allein ließe sich manches Hundert solcher Männer, die zu häuslichen Arbeiten verdammt sind, zusammenbringen. Man kann sich denken, welche gerechte Entrüstung diese tatsächliche Kastration bei den Arbeitern hervorruft, und welche Umkehrung aller Verhältnisse der Familie, während doch die übrigen gesellschaftlichen Verhältnisse dieselben bleiben, dadurch entsteht.“610 Diese Entwicklung ist ein Teil seines pathologischen Krisenszenarios, der Beschreibung der fortschreitenden ‚Entmenschlichung‘, das ihn darin bestärkt, die Revolution vorhersagen zu können. Die Betrachtung des Geschlechterverhältnisses ist also durchaus ein Baustein in Engels Ursache-Folge- Naturkräftemodell: Dieser Zustand, „der den Mann entmannt und dem Weibe seine Weiblichkeit nimmt, ohne imstande zu sein, dem Manne wirkliche Weiblichkeit und dem Weibe wirkliche Männlichkeit zu geben, dieser, beide Geschlechter und in ihnen die Menschheit aufs schändlichste entwürdigende Zustand [ist] die letzte Folge unserer hochgelobten Zivilisation […].“611 „Überall löst sich durch die Arbeit der Frau und der Kinder die Familie auf, oder wird gar durch die Brotlosigkeit des Mannes auf den Kopf gestellt; überall liefert die Unvermeidlichkeit der Maschinerie dem großen Kapitalisten das Geschäft und mit ihm die Arbeiter in die Hände. Die Zentralisation des Besitzes schreitet unaufhaltsam vorwärts, die Trennung der Gesellschaft in große Kapitalisten und besitzlose Arbeiter wird täglich schärfer, die industrielle Entwicklung der Nation rückt mit Riesenschritten auf eine unausbleibliche Krisis los.“612 Die Zwischentöne sind dabei eindeutig. Engels fühlt mit den „kastrierten“ Männern. Das Ideal der klaren geschlechtsspezifischen Bereichszuschreibung von Öffentlich und Privat tritt deutlich hervor.
Wie Weitling erhebt jedoch auch Engels aufgrund seiner Beobachtungen die Forderung, die persönliche Bindungen zwischen Mann und Frau zukünftig auf eine andere Grundlage zu stellen als auf wirtschaftliche Interessen: „Ist die Herrschaft der Frau über den Mann, wie sie durch das Fabriksystem notwendig hervorgerufen wird, unmenschlich, so muß auch die ursprüngliche Herrschaft des Mannes über die Frau unmenschlich sein. Kann jetzt die Frau, wie früher der Mann, seine Herrschaft darauf basieren, daß sie das meiste, ja alles in die Gütergemeinschaft der Familie legt, so folgt notwendig, daß diese Gütergemeinschaft keine wahre, vernünftige ist, weil ein Familienglied noch auf den größeren Betrag der Einlage pocht. Wird die Familie der jetzigen Gesellschaft aufgelöst, so zeigt sich eben in dieser Auflösung, daß im Grunde nicht die Familienliebe, sondern das in der verkehrten Gütergemeinschaft notwendig konservierte Privatinteresse das haltende Band der Familie war.“613

4.1.3.2 Der politische Entwurf

Engels entwirft wie Marx im Anschluss an seine Geschichtskräfteanlayse keine zukünftige Gesellschaftsordnung, da die Intention seiner Schrift darin besteht, die durch die konkreten Umstände bedingte Notwendigkeit einer kurz bevor stehenden Revolution ausführlich nachzuweisen und nicht grundlegende politische Zukunftsentwürfe vorzustellen.

4.2 Die Texte der demokratischen Bewegung

4.2.1  Fröbels „System der socialen Politik“

4.2.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.2.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

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„Die P o l i t i k ist Theorie und Praxis des Lebens im S t a a t e. d.h. in der aus sich selbst organisirten und dirigirten Gesellschaft.“614Schon dieser Einleitungssatz von Fröbels „Politik“ ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie sehr Fröbel in dem „Organologie“- Diskurs seiner Zeit verortet ist. Staat und Gesellschaft – die Fröbel in seiner gesamten Schrift weitgehend als Synonyme verwendet615 und explizit als Organismen bezeichnet616 - werden mit dem Merkmal der Selbstorganisation die diskurstypischen Eigenschaften von Organismen zugewiesen, wobei Fröbel diese Selbstorganisation auch noch ausdrücklich als „Leben“ kennzeichnet.
Erklärtermaßen ist für Fröbel aber nicht das übergeordnete Ganze Ausgangspunkt seiner politischen Überlegungen und Ableitungen, sondern das Individuum. Die „ [...] Gesellschaft ist ein Verein von Individuen. Wenn es eine Gesellschaft gibt, so besteht sie in den Einzelnen, aus den Einzelnen und durch die Einzelnen.“617 Die Individuen als Ausgangseinheit der Staats- und Gesellschaftsorganismen werden von ihm als „Glieder“618 metaphorisiert.
Für die Entwicklung des Staats- und Gesellschaftsorganismus ist nach Fröbels Auffassung die geistige Entwicklung der Individuen verantwortlich. Der Darstellung von deren geistigem Entwicklungsprozess räumt Fröbel daher in seiner „Politik“ breiten Raum ein und stellt sie seinen Ausführungen und Ableitungen voran. „Die Grundlage der Politik ist [...] in der Anthropologie zu suchen.“619
Diskurstypisch ist dabei seine Annahme, dass der geistige Entwicklungsprozess des Individuums aufgrund spezifischer Lebenskräfte ablaufe620. Als Grundkräfte bzw. Grundvermögen, mit denen alle Menschen - bei aller Verschiedenheit der Anlagen621 - von Natur aus gleichermaßen ausgestattet seien und die sich auf eine bestimmte festgelegte Art entwickeln würden, bezeichnet er den in jedem Menschen angelegten Geist (=Tätigkeit, die auf Erkenntnis gerichtet ist), die Seele (= Gefühlsäußerung) und den Charakter (=Willen und Thatkraft)622. Auf diese Kräfte bzw. Anlagen würden äußere Kräfte der Welt einwirken623, die, laut Fröbel, durch bestimmte Sinnesorgane eingelassen624, im Inneren der Menschen einen determinierten Entwicklungsverlauf auslösen625. Der Höhepunkt dieser natürlich angelegten Höherentwicklung sei schließlich der zur Vernunft entwickelte Geist, die zum Gefühl entwickelte Seele und der zum Willen entwickelte Charakter626. Die Entwicklung des geistigen Lebens bezeichnet Fröbel explizit als „natürlichen Prozess“627.
Nach Abschluss dieser Entwicklung der Grundvermögen beginnt für Fröbel jedoch erst das eigentlich menschliche Dasein. An diesem Punkt werde der Mensch erst frei, erlange dank des erreichten Reflexionsvermögens das Bewusstsein darüber, die Dinge so zu organisieren, wie es die Natur für ihn vorgesehen habe: Der Mensch erkennt die Vorgaben der Natur und organisiert seine Welt nach ihnen628. Erst hier beginnt die Kultur, die Fröbel jedoch explizit als Weiterentwicklung der Natur, als Naturprozess höherer Ordnung begreift629.
Hier wird dem Menschen laut Fröbel auch der wesentliche Aspekt der menschlichen Gattung deutlich: Die vorgesehene Gattungsnatur könne nur dadurch Realität werden, dass sich die Menschen gemäß ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen optimal und vielfältig zu dieser letzten „objektiven“630 Kulturstufe der Geschichte entwickelten. Fröbel geht zunächst davon aus, dass der Mensch ganz allein um seiner selbst willen existiere und dazu bestimmt sei, sich seinen Möglichkeiten gemäß zu entfalten631. Indem er sich aus egoistischem Antrieb mit dem je für seine individuelle Entwicklung notwendigen Mitteln optimal ausbilde, trage er jedoch automatisch zu dem Bildungsprozess der Menschheit bei632. Für Fröbel ist damit der Trieb, der das Individuum zur höchsten Entwicklung bringt, der gleiche, der die gesamte Gattung zu ihrem Kulturziel führt: „Unter dem Scheine des Individualismus oder Egoismus wirkt also die ideale Natur des Geschlechtes als allgemeiner innerer Entwickelungstrieb und bestimmt den vernünftigen Sinn aller individuellen Bedürfnisse.“633 „Die allgemeine Menschennatur ist, so aufgefaßt, nicht mehr naturhistorischer Gattungsbegriff, sondern historische, in einem gewissen Sinne i d e a l e Natur des Geschlechtes, welche in der Geschichte, für die darum eine unendliche Entwickelung gefordert werden muß, verwirklicht werden soll.“634

An diese individuelle naturkraftgesteuerte Entwicklung bindet Fröbel die Entwicklung des Gesellschafts- und Staatsorganismus an. Aufgrund seines Triebes nach Genuss und Glück schließe sich der Mensch von Anfang an mit anderen zu einer Gesellschaft zusammen, um diese Bedürfnisse im Verband besser befriedigen zu können635. Diesen „natürlichen Antrieb zur Gesellschaft“636 nennt Fröbel explizit als Grund dafür, Staat und Gesellschaft als Organismen verstehen zu können, auch wenn ihm die Bezeichnung Assoziation aufgrund des Ausgangspunkts von dem autonom verstandenen Individuum zunächst passender zu sein scheint637. Seine theoretische Zurückhaltung in Bezug auf die Verwendung des Begriffs Organismus – die er des ungeachtet allenthalben verwendet - begründet er damit, dass sie von Seiten der „politischen Mystiker“, die von der „organischen Naturwüchsigkeit“ des Staates überzeugt seien und daher nicht in das „politische Leben“ durch „menschliche Willkür“ eingreifen wollten, ebenfalls verwendet würde638. Dies hält er für einseitig und falsch, genau wie die Auffassung der Rationalisten, die in dem Staat lediglich einen Mechanismus sähen639.
Der natürliche Antrieb zur Geselligkeit ist nach Fröbel nicht nur für die Gründung, sondern auch für die weitere Ausbildung des Gesellschaftsorganismus verantwortlich. Diese Veränderung beschreibt er als unaufhaltsamen naturgesetzlichen Prozess, der – wieder auf diskurstypische Weise - durch quasi physikalische Anziehungs- und Abstoßungskräfte zu einer immer festeren organischen Verbindung und Durchdringung des Gesellschaftskörpers führe: „Das Gefühl des Bedürfnisses lehrt den Einzelnen die Bedingungen seiner Entwickelung aufsuchen, die er nur in der gesellschaftlichen Verbindung findet. Die gesellschaftliche Bewegung geht aus den Bedürfnissen der Lebensentwickelung Aller hervor, und ist einerlei mit dem allgemeinen Suchen nach Vermehrung des Glückes. Und die allgemeine Vermehrung und immer gleichmäßigere Vertheilung des Glückes muß mit Nothwendigkeit aus dieser Bewegung hervorgehen. In den unvollkommenen Zuständen der Gesellschaft ist das Glück des Einen durch das des Anderen beschränkt, und doch ist und bleibt das Glück Aller an die Gesellschaft gebunden. Die letzte Thatsache enthält die Kraft der Anziehung welche die Bestandtheile der Gesellschaft zusammenhält, die erste die einer Abstoßung welche eine fortdauernde Verschiebung dieser Bestandtheile zur Folge haben muß. Mit dieser Verschiebung aber muß eine allmälige Verminderung der gegenseitigen Beschränkung des Glückes verbunden sein, weil die Abstoßung nachläßt wo die Beschränkung verschwindet, während sie fortwirkt wo dieselbe sich erhält. Aus natürlicher Nothwendigkeit also muß die Menschheit einem Zustande entgegengehen, in welchem für das gleichmäßige Glück Aller in der Gesellschaft Aller die gemeinsamen Bedingungen gefunden werden.“640

Die Organisationsformen der Gesellschaften würden bei diesem Prozess eine Entwicklung durchlaufen, die Fröbel analog zu dem Entwicklungsprozess der einzelnen Individuen beschreibt und von den gleichen Entwicklungskräften bestimmt sieht. „Jede Organisation einer Gesellschaft geht von drei organisirenden Kräften aus, von der Gewalt, der Autorität und dem Rechte, welche den drei inneren Lebenskreisen der Sinnlichkeit, der Gewöhnung und der Freiheit entsprechen.“641 Zunächst organisiere man sich durch die Ausübung von äußerer Gewalt und Gehorsam. Diese Gewalt werde in einem zweiten Schritt in Form von Autorität verinnerlicht und schließlich durch die Entwicklung der Vernunft durch das selbstgeprüfte Recht abgelöst642. Die Entwicklung der Organisation durch das Recht mache dabei abermals eine Entwicklung durch: Von der monarchischen Republik als unterster Stufe des eigentlichen politischen Lebens, in der einer durch den Willen aller regiere643, über die Aristokratie, die einen Entwicklungsfortschritt darstelle, da die herrschenden Familien, zwischen denen eine Rechtsgemeinschaft notwendig sei, zumindest unter sich einen wahren Staat bilden würden644, bis hin zur Demokratie, die das Reich der Sittlichkeit konstituiere645. „So bezeichnen die drei großen Staatsformen: m o n a r c h i s c h e R e p u b l i k, a r i s t o k r a t i s c h e R e p u b l i k und d e m o k r a t i s c h e R e p u b l i k – die großen Schritte auf dem Culturwege der consitutirten Gesellschaft. Von der einen zur andern sind allmälige Übergänge der Entwickelung [...].“646
Die verschiedenen gesellschaftlichen Organisationen gelten Fröbel jedoch nur als Anfang der Entwicklung hin zu der Verwirklichung des übergeordneten Menschheitskörpers: „Die Menschheit, als eine ethische Existenz, - als Verein freier bewußter Wesen, welche eine solidarische Entwickelungsreihe bilden, ist nicht der Anfang sondern das Ende der Geschichte, und der Anfang zu diesem Ende muß in den einzelnen, noch gegen einander abgeschlossenen Gesellschaften der Staaten gemacht werden, die allerdings später in engere Beziehungen unter sich werden treten müssen.“647 Ganz deutlich also verschmelzen nach Fröbels Vorstellung die Individuen - bedingt durch ihre synchrone Entwicklung - zunehmend zu dem endgültigen Organismus Menschheit, dessen Vorläufer er in den Staats- und Gesellschaftsorganismen sieht.
Diese Entwicklung des Kollektivgebildes entfaltet sich nach Fröbels Vorstellung in der Geschichte als dialektischer Prozess, in dem sich der Mensch mit seinen idealen Anlagen als „positives Element der Politik“648 an den Vorgaben der Geschichte als „Material“, das „ihm aus der Natur“ zugeführt wird, als „negatives Element der Politik“649 abarbeitet650.
Der entscheidende Punkt in Fröbels Theorie ist der, dass der Mensch, nachdem er sich in der Phase der Reflexion dieses triebgesteuerten Prozesses der Natur bewusst geworden ist, freiwillig seinen Beitrag zur Erfüllung dieser natürlichen Entwicklung - der Ausbildung der Menschennatur und der Verwirklichung des die Nationen ablösenden Menschheitskörpers - in der Geschichte leisten möchte651. Dieses Handeln, das diesen Entwicklungsprozess der Natur zu seinem Zweck erhebt, nennt Fröbel „Sittlichkeit“652. Gerade Politik sei vor diesem Hintergrund nichts anderes als sittliches Handeln, als die zweckorientierte Organisation von Staat und Gesellschaft, um dem natürlich ablaufenden Prozess dienlich zu sein. Damit verortet sich Fröbel gänzlich im herrschenden Diskurs. „Der Mensch also macht sich seinen Zweck nicht, sondern er wird sich desselben bewußt, er stellt sich denselben im Bewußtsein; er schafft sich nicht seine Mittel, sondern er lernt sie kennen und gebrauchen. Sein Zweck ist sein Leben, seine Mittel sind seine Kräfte. Über das erste kann er sich aufklären, die letzten kann er vermehren, vergrößern und organisiren. Dies mit einander macht den rein vernünftigen Theil seines Lebens aus, bildet für das ganze Geschlecht den Gehalt des p o l i t i s c h e n Lebens und für den Einzelnen, insofern er sich als Glied des Geschlechtes bewußt ist, die Wissenschaft und Kunst der P o l i t i k.“653 „[...] P o l i t i k i s t L e b e n s w i s s e n s c h a f t u n d L e b e n s k u n s t d e s v e r n ü n f t i g e n M e n s c h e n ü b e r h a u p t. Als Theorie beantwortet sie die Frage, wie ein Verein von Menschen eingerichtet sein muß, um den Zwecken Aller zu entsprechen; - als Praxis ist sie das Verfahren, die Menschen so zu leiten, daß jene Einrichtungen wirklich entstehen und sich erhalten und ausbilden. In beiden Beziehungen stützt sie sich auf das Verständniß der menschlichen Natur.“654

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Die Zwecke, die Fröbel für den reflektierten, die Naturentwicklung begreifenden Menschen aus seinen Naturprozessmodellen ableitet und die daher in der Politik erkannt und befördert werden sollten655, sind zweierlei. Zum einen soll der Mensch sich selbst Zweck656 sein und seine ihm von der Natur vorgegebene individuelle Entwicklung verfolgen können657. Zum anderen sei sein Zweck aber auch, die Menschennatur durch die persönliche Entwicklung zur Darstellung zu bringen658: „Dies ist der a l l g e m e i n g i l t i g e E n d z w e c k, welcher wieder nichts Anderes ist als der subjektive und objektive Culturzweck, nur nicht mehr als Zweck der Person sondern a l s Z w e c k d e s G e s c h l e c h t e s i n d e r P e r s o n, mithin Zweck für J e d e n, für A l l e.“659

4.2.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Das oben Ausgeführte macht deutlich, dass auch Fröbel das Verhältnis von Teil und Ganzem im Gesellschaftskörper diskurstypisch als ein wechselseitiges entwirft.
Der Gesellschaftskörper ist das Mittel für seine Glieder, um zur bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung zu gelangen und um sich dadurch ihren Anlagen gemäß optimal entwickeln zu können. Zugleich ist die gesicherte individuelle Entwicklung des Einzelnen das Mittel, um die Absicht der Natur in Bezug auf die Gesamtheit der Menschheit zu verwirklichen. Fröbel drückt dieses Verhältnis explizit in Kantscher Terminologie aus: „Der Staat ist weder M e c h a n i s m u s noch O r g a n i s m u s, denn er ist ein Drittes, nämlich eine G e s e l l s c h a f t, eine A s s o c i a t i o n. [...] Die Assoziation nämlich ist ein System von Organismen, welche nach dem Verhältniß von Zweck und Mittel in der Form der Zweckgemeinschaft sich verbinden und ordnen.“660
Diskurstyptisch betont Fröbel zudem die Eigenaktivität und Selbständigkeit der Glieder, die sich bei ihm aus eigenem Antrieb zu diesem Kollektivkörper vereinen: „Die Association entsteht durch ein äußerliches Zusammenkommen ihrer Bestandtheile wie der Mechanismus, aber der Wille dazu liegt nicht in einem Mechaniker oder Baumeister, sondern in den Bestandtheilen welche für sich selbst wesenhafte Existenzen sind.“661 In seinem Entschluss zu dieser Vereinigung - und das ist ebenfalls diskurstypisch – ist der Mensch jedoch auch bei Fröbel nicht völlig frei: Er sei nämlich durch den ihm innewohnenden egoistischen Trieb von Natur aus auf die Bildung eines Gesellschaftskörpers angelegt. Und noch mehr: Gekoppelt an diesen egoistischen Trieb sei der Mensch zudem darauf festgelegt, den Menschheitskörper so auszubilden, dass allen Gliedern gleichermaßen die Idealentwicklung ermöglicht werde, um so die menschlichen Gattung in ihrem Werden zu unterstützen. Der Einzelne wird von Fröbel sogar explizit mit einem „natürlichen Glied“ im übergeordneten Ganzen gleichgesetzt. „Besser noch als die vollkommenste Maschine corrigirt und regulirt das Leben sich selbst, indem es überall die Kräfte schwächt und vernichtet welche von dem naturmäßig bedingten Gange der Entwickelung abirren wollen. Und hierin allein liegt die Sicherheit dessen was wir den Fortschritt nennen. Der Rückschritt ist nichts als der Selbstmord der naturwidrigen und damit zugleich culturfeindlichen Tendenzen. Wenn wir auf die äußere oder innere Natur einwirken und den Kräften derselben eine Richtung nach unserem Willen zu geben suchen, wirken wir unmittelbar als ein natürliches Glied im allgemeinen Naturprocesse.“662 Auch bei Fröbel erhält das Ganze damit trotz der Betonung der Eigenständigkeit der Glieder klare Zwingkraft. Die Spannung zwischen dem Anspruch des Gliedes und den Anforderungen des Ganzen wird bei ihm dadurch aufgelöst, dass aufgrund der in den Einzelnen zur gleichen Zeit wirkenden Naturtriebe die Entwicklung der Glieder im Gesellschaftskörper synchronisiert wird, weshalb qua Natur dann ohnehin niemand etwas anderes will, als der Ausbildung dieses speziellen Menschheitsorganismus zu dienen und sich ihm zu unterwerfen. In organologischer Metaphorik formuliert er diese sich naturnotwendig entwickelnde Synchronisierung der Willen folgendermaßen: „Das Zweckbewußtsein der Menschen bildet sich immer mehr aus und klärt sich auf. Die allgemeinen Zwecke unter deren Herrschaft einzelne Zweckgemeinschaften stehen, werden mehr und mehr von den Forderungen der Sittlichkeit durchdrungen. Sie beziehen sich anfänglich meist nur auf den äußerlichen Lebensverkehr, den sie überhaupt möglich machen wollen. Später aber wird die Lebensentwickelung jedes Einzelnen, die Erhaltung, die leibliche und geistige Erziehung, das leibliche und geistige Wohlbefinden desselben und die dazu nöthige Organisation des Willens und der Thätigkeit in der Gesellschaft zum Zwecke Aller. In dem Grade in welchem diese Fassung des Gesellschaftszweckes sich aus- und durchbildet, werden die gemeinsamen Zwecke einzelner Gesellschaften gehaltreicher und umfassender. [...] Mit dieser Entwickelung des Zweckbewußtseins geht das Rechtsbewußtsein gleichen Schritt. Die entsprechende Entwickelung der äußeren Rechtsbestimmungen muß diesem nachfolgen, und muß endlich zur vollendeten Rechtsgemeinschaft führen, in welcher es keine Separatrechte, sondern nur für Jeden den gleichen Antheil an einem allgemeinen Rechtsschatze gibt. Das allgemeine Recht ist dann gleichbedeutend mit der gesellschaftlichen Ordnung und für den Einzelnen gleichbedeutend mit der Freiheit geworden. [...] Rechtsgemeinschaft und wahrer gesellschaftlicher Organismus, organisirte Freiheit, ist eins und dasselbe.“663
Freiheit definiert Fröbel vor dem Hintergrund seines Modells konsequenterweise als „d i e F r e i h e i t j e d e s E i n z e l n e n n a c h M a ß g a b e s e i n e r I n d i v i d u a l i t ä t d e m C u l t u r z w e c k e z u l  e b e n“664, nicht etwa sich für andere gesellschaftliche oder individuelle Ziele zu entscheiden. Er fordert explizit „die Unterordnung aller menschlichen Zwecke unter den Endzweck, der eine solidarische Angelegenheit Aller“665 sei. Will man etwas anderes, ist das für ihn Folge mangelnder Einsicht. „Meinen wir es sei Etwas gut f ü r  u n s was nicht gut im Allgemeinen ist, so sind wir im Irrthum. Solche Irrthümer nicht aufkommen zu lassen, oder zu beseitigen, ist die Aufgabe der sittlichen Erziehung.“666 Neben der sittlichen Erziehung sieht Fröbel auch in der „Heilkunde“ eine Instanz, die die ‚Abweichler’ auf die Pfade der Wahrheit und damit der Freiheit führen könne667.
Aufgrund der naturbedingten unabirrbaren Höherentwicklung des Menschen und seines durch ihn entwickelten Staatsorganismus spielen bei Fröbel Pathologien kaum eine Rolle. Krankheiten werden von ihm nur an wenigen Stellen diagnostiziert. Wenn es geschieht, dann nach diskurstypischem Muster, als Abweichung von dem von der Natur vorgegebenen Entwicklungungsprozeß von Mensch und Gesellschaft. So setzt er z.B. das Ideal der „Mystiker“ - wie er die nennt, die in den Prozeß der Geschichte von Staat und Gesellschaft nicht willentlich eingreifen wollen - mit einem Arzt gleich, der „eine ausgezeichnete Krankheitsform als Merkwürdigkeit künstlich“ unterhält668. Auch Krieg ist für ihn ein derart gelagerter Krankheitsfall: „Aber d a h i n ist es zu bringen daß der Krieg nur als Revolution möglich ist, daß er nicht mit zur Politik gehört sondern eine Unterbrechung derselben bildet, - eine sittliche Krankheit die aus einer fehlerhaften Entwickelung hervorgeht.“669 Diese Pathologien sind für Fröbel doch von daher schon nicht entscheidend oder besorgniserregend, da er sie als ungefährliche Vorstufen oder Begleiterscheinungen in den sicher im ideal endenden Entwicklungsprozess integriert. So führt er z.B. zu dem seiner Ansicht nach vorherrschenden Egoismus, der sich nicht am Gemeinwohl orientiert, aus: „Aber selbst der beschränkte und kranke Egoismus gehört zu den Elementen des menschlichen Bildungsprocesses. Jeder beschränkte Egoismus entspringt auch einem verkannten Bedürfniß, und ein Bedürfniß ist ein unbewußtes Recht. [...] Und so lange die Gesellschaft noch nicht durch die klar erkannte Gemeinsamkeit aller menschlichen Interessen und Zwecke zusammengehalten wird, muß die Gewalt des Stärkeren an Leib oder Geist, von der der eine Egoismus Gebrauch macht und der der andere sich unterwirft, eines der ersten gesellschaftlichen Bänder bilden, da die gesellschaftliche Einheit ein Bedürfniß für Alle ist.“670

4.2.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

In Fröbels sich durch Naturkräfte entwickelndem Kollektivkörper spielen Frauen, spielt das Geschlechterverhältnis eine zentrale Rolle. Aufgrund seiner Auffassung, Politik habe die natürlichen Verhältnisse und Entwicklungen aufzunehmen und sich als Zweck zu setzen, erhält die bewusste Entwicklung des Geschlechterverhältnisses in der Politik bei Fröbel große Aufmerksamkeit.
Konzis zusammengefasst sieht seine Vorstellung der natürlichen Funktion des Geschlechterverhältnisses folgendermaßen aus: Der Mensch sei von Natur aus auf Ergänzung hin angelegt. Jeder liebe nicht das Ähnliche, sondern das Andere. Mann und Frau, die sich Fröbels Meinung nach daher um so anziehender fänden, je verschiedener sie seien671, würden nun aufgrund des Enthusiasmus der Liebe die Kraft finden, sich von dem jeweils Anderen auf Gebieten anregen zu lassen, die ohne diese Anregung nicht zur Entwicklung kämen: „[...] die ächte und energische Geschlechtsliebe hat durch den Enthusiasmus die Macht in sich, die Schranken des Charakters zu sprengen, in dessen Verschlossenheit einzudringen und die im Schlafe liegenden Kräfte des Geistes zu wecken.“672Die Hauptfunktion des Geschlechterverhältnisses ist für Fröbel jedoch noch ein weiteres. Mann und Frau seien in erster Linie als Repräsentanten zweier grundlegender Menschheitsvarianten attraktiv für einander. Die Frau erhalte ihre Impulse von der Natur, der Mann von der Kultur673. Hier erweist sich auch Fröbel als typischer „Denker“ seiner Zeit: „Das weibliche Leben ist, von Anfang an, von der Form der Reizbarkeit, das männliche von der Form der Reflexion beherrscht. Hiernach hält in dem Wechselverhältniß von Natur und Cultur das Weib den Ausgang und Impuls von der Natur, der Mann den von der Cultur fest.“674 Fröbels Auffassung nach dient das Verhältnis von Mann und Frau - durch die gegenseitige Anregung von Kultur und Natur - der „freien und bewußten Charakterentwicklung“675 der Menschheit. „Das Geschlechterverhältniß liegt auf der Grenze von Natur und Cultur. Es hält beide zusammen. Es cultivirt die Natur und naturalisirt die Cultur. Es enthält, indem es durch dieses Ineinandergreifen der beiden Lebensgebiete die Befangenheit der Cultur wie der Natur überwindet, die Hauptbedingungen für das Freiwerden der Charaktere. [...] Es gründet, indem es die Gattung fortpflanzt, in der Familie und dem sich aus dieser entwickelnden Stamm und Volke den naturwüchsigen Keim zum Staate, mit welchem die Naturgeschichte im Großen in die Culturgeschichte übergeht.“676

4.2.1.2 Der politische Entwurf

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Fröbel entwirft – aufbauend auf seinen organologischen Überzeugungen - einen detaillierten Staats- und Gesellschaftskörper, der von den Gliedern ausgebildet und getragen wird, um die optimale kraftgesteuerte Entwicklung der männlichen und weiblichen Individuen und damit zugleich der Menschheit zu ermöglichen.
Im folgenden ist es unmöglich, alle Punkte der äußerst umfänglichen Darstellung auszuführen. Nur die wesentlichen sollen hier exemplarisch dargestellt werden.
Zentraler Punkt ist für Fröbel die Anerkennung aller „Menschenrechte als positives öffentliches Recht“ durch Staat und Gesellschaft. Er leitet sie direkt aus den von ihm postulierten Prinzipien der Politik ab, die sich seiner Meinung nach zwingend aus den erkannten kraftgesteuerten Naturprozessen ergäben: „[...] die zwei großen constitutiven Principien der Politik:

  1. Die Allgemeinheit der Menschennatur bedingt die Einheit und Gemeinschaft des Endzweckes für A l l e.
  2. Die individuelle Verschiedenheit der quantitativen Bestimmungen, oder die Besonderheit und Ungleichheit der Kräfte, gibt die Besonderheit der Mittel für J e d e n.“677

Die daraus logisch folgenden Menschenrechte sind für Fröbel:

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Aufgrund Fröbels Auffassung, dass der Staat sich im Zusammenhang mit dem Bewusstsein und Interessen aller seiner Glieder ausbilde, kann für ihn die Souveränität nur bei der Gesamtheit der Glieder selbst liegen679. Als einzig akzeptable Staatsform kommt für ihn aufgrund der Vorgabe, vom Interesse und Willen der Einzelnen auszugehen, nur die Demokratie in Frage, in der alle Glieder an den Staatsgeschäften beteiligt sind680.
Konsequenterweise gehören daher für ihn nur die Personen einem Staat an, die an der Verfassung mitwirken und mitgewirkt haben681. Hierdurch sieht Fröbel die tatsächliche Willenseinheit der im Staat zusammengeschlossenen Glieder gewährleistet. Die Arbeit, diese Willenseinheit herbeizuführen, zeichne den wahren sittlichen Staat gegenüber dem religiösen Staat aus: „Was nun für die reale sittliche Praxis des wahren Staates, nämlich des in der richtigen Demokratie constituirten Humanismus, höchstes Problem und letztes Ziel der ersten jener beiden großen Bewegungen ist, d.h. die Gewinnung der Willenseinheit aus dem selbständigen Willen aller Individuen, - das p h a n t a s i r t der religiöse Staat mit einem Schlage in die Wirklichkeit. Diese phantasirte Willenseinheit ist dem religiösen Staate der W i l l e d e r O b r i g k e i t, in welchem derselbe den göttlichen Willen erkennt [...]. Die ganze Arbeit der Gesetzgebung, durch welche alle Glieder des Gemeinwesens mit Freiheit das Ihrige zur Gewinnung einer realen Willenseinheit beitragen sollen, ist für den religiösen Staat ganz überflüssig; denn die Willenseinheit besteht nach seiner Meinung schon. Er hat sie an seine Spitze phantasirt, und die Wirklichkeit muß sich nach der Phantasie richten.“682 Stimmen Glieder der Verfassung nicht zu, steht es ihnen nach Fröbel frei, den Verband zu verlassen und sich einem anderen Staat anzuschließen, dessen Gemeinwillen sie sich freiwillig unterwerfen683. Dass diese Option und auch die Herstellung der Willenseinheit über die Gesetzgebung auch bei Fröbel trotz anderslautender Bekundungen keine entscheidende Rolle spielen kann, bedingt dessen spezielles Entwicklungstriebmodell. Denn da Fröbel dort den Menschen sich natürlich zu der Identität von Eigeninteresse und Gemeininteresse entwickeln sieht, wird es in einer fortgeschrittenen Phase der Entwicklung - Fröbels Modell weiterdenkend - kaum mehr zu ernsthaften Differenzen zwischen individuellem Interesse und Gemeininteresse kommen.

Wichtig ist für Fröbel aufgrund seines kraftgesteuerten Entwicklungsmodells außerdem, dass die Verfassung entsprechend des Entwicklungsstandes der Bevölkerung veränderbar sein muss. In organologischer Metaphorik führt er aus: „Die Beweglichkeit der Staatsverfassung ist die Grundbedingung einer gesunden und glücklichen Entwickelung des politischen Lebens. Der unmittelbare Antheil des Volkes an der Verfassungsgesetzgebung ist von der größten Wichtigkeit für die Weiterentwickelung des gesammten politischen Lebens.“684 Trotz dieser prinzipiellen Offenheit hat auch Fröbel detaillierte Vorstellungen hinsichtlich der Ausgestaltung der Verfassung, die die Kompetenzen des Volkes doch deutlich begrenzen. So billigt er dem gesamten Volk, das er in Urversammlungen an der politischen Willensbildung beteiligt, nur in Verfassungsfragen, bei deren Konstituierung und deren Veränderung eine entscheidende Rolle zu. Bei allen anderen Gesetzesvorhaben sei es nur zu fragen. Die Gesetzesgebung solle der Senat ausüben, eine „Behörde urtheilsfähiger Männer unter Einfluß des Volkes“685, der indirekt durch Wahlmänner gewählt werden solle686. In diesem Punkt verlässt er sein Modell, alle politische Macht dem „entwickelten“ Volk in die Hand zu geben. Er begründet dies damit, dass er mit den „urteilsfähigen Männern“ dem Sachverstand in der Regierung den nötigen Platz einräumen wolle. „Die Verfassung soll nicht mehr sein w o l l e n als was das Volk ist, die Specialgesetze dagegen sollen mehr leisten als was das Volk im Ganzen jemals leisten k a n n.“687

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Wiederum als Schlussfolgerung aus seinem Entwicklungsmodell kommt für Fröbel nur ein Föderalsystem nach dem Vorbild der USA in Frage, durch das die einzelnen Glieder unmittelbar in den verschiedenen „Lebenskreisen“ an der Herstellung der realen Willenseinheit beteiligt werden könnten688. In diesem Zusammenhang spielt Fröbel auch auf die Organismusvorstellung an, die die Unterschiedlichkeit und die Eigenständigkeit der Bestandteile als zur Organisation von Leben zugehörig betrachtet: „Es gibt bei den Machthabern unfreier Staaten einen tyrannischen Hang zur Gleichförmigkeit, welcher, oft nur launenhaft und ohne bestimmten Zweck, aus dem Instinct für eine bequeme Gewaltausübung hervorgeht. Aber die Demokratie enthält keine Veranlassung mehr zu solchen Instincten – und die Mannigfaltigkeit der Theile schließt die Einfachheit und Ordnung des Ganzen nicht aus.“689

Auch die Definition und Funktion von Partei entwirft Fröbel vor dem Hintergrund seines Entwicklungsmodells: „P a r t e i e n sind die Fractionen der Staatsgesellschaft deren Gliederinnerhalb der Einheit des Staatszweckes gemeinsame Separatzwecke verfolgen.“690 Ihre Existenz sieht er im Sinne der Weiterentwicklung des Staates, der Herstellung der Willenseinheit und der Vermeidung von Revolutionen als notwendig an und fordert daher uneingeschränkte Propagandafreiheit für sie: Die „[...] Verbesserung ist aber der Zweck Aller im Staate. Jeder Einzelne oder jede Partei hat ihn auf eigne Weise, und Viele hoffen ihn auf ganz entgegengesetzte Weise zu erreichen. In diesen Verschiedenheiten und Gegensätzen ist die Aufindung dessen was wirklich gethan zu werden verdient und gethan werden soll das sittliche Problem des geordneten Parteikampfes, für den es keine andern Mittel als die theoretische Propaganda und die Abstimmung gibt.“691 Gruppierungen, die andere Staatsziele verfolgen, als die von ihm aus seinem Modell abgeleiteten, spricht Fröbel kurzerhand den Charakter von Parteien ab und bezeichnet sie als politische Sekten692.

Auch die wirtschaftliche Ordnung entwirft Fröbel vor dem Hintergrund seines Entwicklungsmodells: Jedes Mitglied der Gesellschaft müsse das Recht haben, über die Mittel zu verfügen, die es ihm ermöglichen, seine Individualität zu leben und damit dem allgemeinen Kulturzweck zu dienen693. Dafür müsse es seinen Fähigkeiten entsprechend arbeiten. Fröbel sieht die Gesellschaft dabei als Obereigentümerin, die dem Einzelnen/der Einzelnen die Güter als deren Eigentum zuspricht694.
Das Koordinations- und Verteilungssystem, das die Gesellschaft zu leisten habe, fasst Fröbel in das Bild des doppelten Blutkreislaufes: „Industrie und Handel, welche wir bald näher ins Auge fassen wollen, sind nur der Bewegung des Blutes im Systeme der Venen zu vergleichen, zu der die zweite Bewegung im Systeme der Arterien hinzukommen muß. Die Cirkulation der Güter in der Staatsgesellschaft ist eine d o p p e l t e, wie die des Blutes im Organismus der höheren Thiere: nämlich die Circulation der Volkswirthschaft, und die der Staatswirthschaft im engeren Sinne. Hat die erste ihren freien technischen Lauf, so hat die andere die Bestimmung die Wirkung der Technik nach den Forderungen der Sittlichkeit zu corrigiren.“695
Die Einsicht in die Notwendigkeit der Verteilung und Zuweisung von Eigentum durch die Gesellschaft ist für Fröbel ein Produkt der naturgesteuerten geistigen Höherentwicklung696.

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Fröbel leitet aus seinem Entwicklungsmodell außerdem ab, dass es zu Revolutionen kommen werde, wenn nicht mit Hilfe von Reformen den jeweils entwicklungsbedingt notwendigen Neuerungen zum Durchbruch verholfen werde: „Es müssen daher alle Bestrebungen der Vernünftigen dahin gerichtet sein unseren Staaten die Biegsamkeit zu geben, bei der das Leben ohne Durchbruch der Culturschranken sich befreien kann.“697 Ihm erscheint eine Revolution legitim, ja sogar Ausdruck der Höherentwicklung der Einsichtsfähigkeit, wenn sie sich darauf richtet, vollständige Rechtsgleichheit unter den Einzelnen herzustellen. Das Unglück sieht er eher in den Umständen, die eine Revolution notwendig werden lassen, als in der Revolution selbst698.

Auch der Religion weist Fröbel aufgrund der von ihm erkannten menschlichen Zwecke neue Inhalte und Aufgaben zu. Sie erscheint bei ihm als zentrale Umwandlungsinstanz von Kultur in Natur und umgekehrt: „Wie die Geschlechtsliebe für das Individuum so ist die Religion für die Gesellschaft im Großen das Gebiet des beständigen Verkehres von Natur und Cultur. Das religiöse Gebiet ist es aus welchem der Sittlichkeit ihre n a t ü r l i c h e n Anstöße kommen, und die ausgebildete Religion ist es mit welcher die Sittlichkeit w i e d e r i n F l e i s c h u n d B l u t d e r  N a t u r  z u r ü c k k e h r t. Die Religion hat die beiden großen socialen Functionen: der Cultivirung der Natur und der Naturalisirung der Cultur gesellschaftliche Form zu geben. Ausgebildete Religiosität ist naturalisirte Sittlichkeit“699.

Die möglichst optimale gegenseitige Anregung von Mann und Frau möchte Fröbel ebenfalls mit Hilfe der Politik fördern. Wesentliche Voraussetzung, damit deren gegenseitige Einflussnahme funktionieren kann, ist für Fröbel zum einen die Durchsetzung der politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung von Frau und Mann. Mit dieser Forderung erweist sich Fröbel neben Dittmar als große Ausnahme in dem in dieser Arbeit analysierten Diskurs. Obwohl auch er zeittypisch von der biologisch determinierten Unterschiedlichkeit von Mann und Frau ausgeht, führt ihn das zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen als seine Kollegen. So soll sich seine Staatsgesellschaft – damit die gegenseitige Anregung wirklich gelingen könne - explizit aus vollberechtigten Männern und Frauen zusammensetzen700. Der Gesetz- und Verfassungsgebung trägt er auf, sukzessive die Gleichberechtigung der Frauen in die Realität umzusetzen701. Auch ökonomisch müsse die Frau dem Mann gleichgestellt werden702. Kann die Frau nicht arbeiten, weil die Kindererziehung es ihr unmöglich macht, dann müsse die Gesellschaft ihr eine Pension ausbezahlen703. Diese Förderung durch die Politik legitimiert Fröbel vor dem Hintergrund seines Bewusstseins-Entwicklungsmodells auch damit, dass in seiner Zeit die Entwicklung hin zur „wahrhaften Natur“ des Geschlechterverhältnisses eindeutig zu beobachten sei: „In unserer Zeit endlich scheint die Geschlechtsliebe, mit den tiefeingreifenden Veränderungen die unstreitig allen gesellschaftlichen Beziehungen der europäischen Welt bevorstehen, sich aus dem Gemisch von indifferenter Gemeinheit und unbestimmtem lyrischen Pathos herauszuretten, und eine wahrhaft dramatisch-sittliche Natur entwickeln zu wollen, mit der sie sich zur Pflanzschule der Freiheit, der Kraft und des Charakters ausbilden muß. Unsere Zeit wenigstens geht auf die Grundbedingung dieser Entwickelung los, auf die Anerkennung der persönlichen Selbständigkeit des Weibes, ohne welche eine sittliche Vollendung des gesellschaftlichen Lebens überhaupt nicht gedacht werden kann.“704
Vor dem Hintergrund seiner Vorstellung der Funktion des Geschlechterverhältnisses fordert Fröbel neben der politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Frau auch die völlige „Freilassung des Verkehrs der Geschlechter“705, wobei er die sittliche Begründung dieser Forderung explizit hervorhebt. „Freier, bewußter, sich selbst besitzender Charakter, wahre Humanität, ist ein Ergebniß der entwickelnden Wirkung welche im vielseitigen Verkehr beide Geschlechter auf einander ausüben, und mit ihrer ganzen Kraft macht sich diese Wirkung nur bei dem Zusammentreffen des leiblichen und geistigen Verhältnisses geltend. Mit diesem Satze erhalten die Forderungen der geschlechtlichen Freiheit eine sittliche Begründung, und zwar sowohl vom Standpunkte des Einzelnen wie von dem der Gesellschaft, denn die Gesellschaft w i l l und b r a u c h t Charaktere welche sich zu voller Klarheit, zur Überwindung aller mystischen Befangenheit durchgebildet haben.“706
Dass Fröbel trotz all dieser emanzipatorischen Forderungen in patriarchalen Denkstrukturen verhaftet bleibt, wenn er den zukünftig sich entwickelnden Staat beschreibt, wird aus folgenden Textbeispielen deutlich, in denen er die zentralen Positionen nach wie vor selbstverständlich mit Männern besetzt: „[...] warum fürchtet ihr die Abstimmung? Sie muß ja zu Gunsten des großen Mannes ausfallen.“707 „Die Verfassung nämlich, als Ausdruck des sittlichen Volksbewußtseins, kann nur vom ganzen Volke selbst, die Specialgesetzgebung, als logische Consequenz aus der Verbindung der Verfasungsgrundsätze mit den Thatsachen des wirklichen Lebens, nur von einer Behörde urtheilsfähiger Männer unter Einfluß des Volkes ausgehen.“708 „Ein thatkräftiges politisches Leben verlangt nicht nur Theorien, sondern auch, und vor Allem, C h a r a k t e r e welche die Träger der Theorien sind. Man muß den Mann sehen, muß ihn hören können der […] vor das Volk tritt […].“709

4.2.2 Wirths „Die politisch-reformatorische Richtung der Deutschen im 16. und 19. Jahrhundert“

4.2.2.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.2.2.1.1  Die ideengesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

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Wirth geht zur Begründung seiner politischen Forderungen - wie alle in dieser Arbeit analysierten politischen Philosophien auch - von einem kraftgesteuerten Entwicklungsprozess aus, wobei er in erster Linie das organische Werden des „Staats710- und Volkskörpers“711beschreibt. Anders als bei Fröbel ruht bei Wirth der Schwerpunkt der Darstellung nicht auf den Individuen. Bei ihm ist das übergeordnete Ganze, der Organismus als feste Einheit, Ausgangspunkt aller politischen Überlegungen, von dessen Unversehrtheit das Heil der Volks- und Gesellschaftsglieder abhängt. Ein Staat stellt dabei für Wirth dann eine unversehrte körperliche Ganzheit dar, wenn er „auf selbstständiger und lebenskräftiger Stammeigenschaft (Nationalität)“712 beruht. Die den Staat konstituierende Größe ist daher das Volk als Kollektiv, das von ihm ebenfalls mit Hilfe der charakteristischen zeittypischen Merkmalen des Organismus modelliert wird und das den Staatskörper aus sich heraus ausbildet.713

Wie stellt sich Wirth die allgemeine Entwicklungsgesetzlichkeit des Staats- und Volkskörpers vor? Wirth identifiziert – diskurstypisch - entscheidende Kräfte, die das Volk bei der Gestaltung ihrer staatlichen Verhältnisse leiten. Diese Kräfte sind für ihn die „Ideen“: „[...] die Ideen, als Triebfedern der Ereignisse und als schöpferische Kräfte aller menschlichen Zustände […]“.714
Verantwortlich für das Entstehen und das Wirksamwerden der Ideen sowie die Möglichkeit ihrer Umsetzung sei dabei die Natur. „Worin liegen die Ursachen aller Ereignisse des Lebens? In den Gefühlen, Leidenschaften, Meinungen, Gesinnungen, Tugenden, Lastern, Schwächen und Vorzügen der Menschen. Wer macht aber diese? Die Natur durch die Art, die Vertheilung und den Wechsel der Anlagen der Menschen. Wer macht also die glücklichen und unglücklichen, die hellen und die finstern, die sittlichen und die verderbten Zeiten, wer endlich die Staatsumwälzungen, die Entstehung neuer Religionen, Sitten, Wissenschaften, Künste und Gesetzgebungen? Die Natur, indem sie die Anlagen hervorbringt, aus denen als Ursachen alle jene Erscheinungen hervorgehen.“715 Diese Auffassung hat zur Folge, dass für Wirth die Meinung der Mehrheit Ausdruck der von der Natur eingegebenen Ideen ist und für ihn damit zur eigentlichen politischen Kraft aufsteigt: „Diese herrscht unumschränkt und herrscht allein, außer ihr gibt es keine Macht: bloß das besteht, was ihr angemessen ist.“716 Unterdrückung der zur Macht werdenden Ideen erscheint ihm vor diesem Hintergrund sinnlos, genau wie ein Propagieren von Wahrheiten, wenn die Naturanlagen die Menschen noch nicht dahin gebracht haben, dass sie sie begreifen können717.
Laut Wirths Vorstellung verfolgt die Natur mit der Entwicklung des Einzelnen im Volksorganismus einen klar benennbaren Endzweck. „Der letzte Zweck der Einzelnen wie der Völker, der Normalzustand unseres Geschlechts in seinen edleren Verzweigungen, das Ziel und der Endpunkt unserer Schöpfungsstufe ist [...]: Öffentliche Freiheit, Macht und Würde des Vaterlandes, Segen des Wohlstandes und die unschätzbaren geistigen Früchte der Kunst, alles dieß erworben durch sittliche und geistige Bildung der Bürger, verständige Beschränkung der Glücksgüter auf mittlere Verhältnisse, Reinheit des Geschmackes in Kunst und Wissenschaft, Arbeitsamkeit, Thätigkeit, endlich besonnenes Maas und weise Wahl der Genüsse.“718 Es handle sich als Ziel der Entwicklung letztlich um „den Übergang zur Mündigkeit und zur männlichen Selbstständigkeit der Völker Europa’s“719.
Der Grad von öffentlicher Freiheit etc. den ein Volk erreichen könne, hänge von seinen Anlagen ab.720.

Diese Entwicklung hin zum Normalzustand eines Volkes verlaufe aber nicht als gradliniger Prozess. Er unterliege vielmehr Phasen des Auf- und Niedergangs721. Entsprechend dieses phasenhaften Wechsels, würden auch die Ideen, die den jeweiligen Volksorganismus in seiner Entwicklung hin zum Normalzustand nachhaltig prägen, in der Geschichte eines Volkes immer wiederkehren, bevor sie sich endlich durchsetzen könnten: „Es ist eines der bedeutendsten und folgenreichsten Gesetze der Weltordnung, daß die Ideen, als Triebfedern der Ereignisse und als schöpferische Kräfte aller menschlichen Zustände, nicht plötzlich und auf einmal auftreten, sondern die ganze geschichtliche Entwicklung eines Volkes durchlaufen und in planmäßigem und regelrechtem Zusammenhange nach endlicher Geltendmachung streben. Dabei tritt auch aus sehr einfachen und natürlichen Gründen die Eigenthümlichkeit ein, daß eine und dieselbe Idee in der Geschichte zu verschiedenen Epochen erscheint und das eine Mal bis auf diesen, das andere Mal bis auf jenen Grad zur Durchführung gelangt. In diesem schönen Gesetze der Weltordnung liegt nicht nur der Fingerzeig zum einzig wahren Gesichtspunkte der philosophischen Auffassung der Geschichte, sondern auch der Prüfstein, welche Ideen und Bestrebungen eines Zeitalters in dem Boden der Geschichte und der organischen Structur der Nation wurzeln, also auf wirkliche Durchführung Aussicht haben [...]“722.
Aus dieser Gärung, diesem Auf und Ab gehe schließlich der „Uebertritt zu diesem Normalzustande“ hervor, „ […] und je länger der Entwicklungszeitraum des letztern ist, desto größer wird das Weltereigniß, welches jene Epoche bezeichnet.“723 Denn es sei eine „mathematische Gewissheit“, daß die Zukunft umso besser werde, je schlechter es vorher gewesen sei724. In dieser Phase würden sich die Völker, die sich den „[…]Zuständen der Mündigkeit[…]“ näherten, über „ […] die Mittel zur verhältnißmäßig bessern Einrichtung der Gesellschaft […]“ und „[…] den letzten Zweck des Bildungsganges[…]“ klar725.
Nach Erreichen des Normalzustandes folge - wieder ausgerichtet am organischen Vorbild - ein Abstieg726. Wirth fasst den von den ‚Ideentrieben’ geleiteten organischen Entwicklungsprozess der Völker folgendermaßen zusammen: „Nach diesen Gesetzen ist die geistige Bildung Entwicklung, ein Aufsteigen von rohen Verhältnissen zu edleren: jedes Volk durchläuft die Phasen derselben und gelangt zu einem, seinen natürlichen Anlagen entsprechenden, Grade von Wohlsein und Blüte; aber diese Anlagen sind sehr verschieden, es ist daher der Bildungsgrad bei keinem Volke gleich, sondern es besteht unter den zu einer Culturperiode verbundenen Nationen wieder eine Stufenreihe, der zufolge der geistige Fortschritt in der vollendeten Ausbildung einer dieser Nationen seine Spitze erreicht“.727

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Ein wesentlicher Teil von Wirths politischer Philosophie besteht darin, die Entwicklung des deutschen „Volks- und Staatskörpers“ vor dem Hintergrund der von ihm formulierten organischen Bildungsgesetze detailliert nachzuzeichnen und daraus die diesen Organismus bestimmenden Naturkräfte bzw. „Ideen“ abzuleiten, die man kennen müsse, um konkret das deutsche Gemeinwesen seiner Natur entsprechend organisieren zu können.
Ausgangspunkt der Entwicklung des deutschen Volkskörpers hin zu seinem Normalzustand ist für Wirth der gesunde mittelalterliche Staatsorganismus. „[...] wir waren [...] frei, groß und mächtig, von der Reichseinheit beschützt, eine starke, geachtete Nation, bei aller inneren Regsamkeit und Bewegung einig im Glauben und den allgemeinen Staatszwecken; es war dieß der Morgenschimmer unsrer Bildungsgeschichte, die Tage des kindlichen, gemüthlichen Glaubens. Sie war ein schöner, poetischer Morgen die junge Blüte der deutschen Reichsverfassung [...]“.728
Diese Verfassung habe sich aus den beiden historischen „Grundideen“ der Deutschen entwickelt, der Liebe zur Freiheit und der Liebe zur Nationalität729. „[...] aus diesem Grunde wollte man keine auf Absolutismus und Centralisation, sondern eine auf freiwillige Mitwirkung der Volkselemente gegründete Nationaleinheit.“730 Besonders auf die seiner Ansicht nach ausgeprägten Freiheitsrechte des Volkes legt Wirth bei dieser Schilderung großen Wert. „Die ältere Geschichte Deutschlands athmet den Geist der Freiheit; die Reichsverfassung war großartig und ehrwürdig, alle Institutionen, welche man jetzt als die Erfindungen anderer Völker so sehr preist, z.B. das Geschwornengericht, Öffentlichkeit der Rechtspflege, Steuerbewilligungsrecht der Nation, Volksvertretung, Verantwortlichkeit der vollziehenden Gewalt, Sicherstellung der persönlichen Freiheit u.s.w., waren in Deutschland gesetzlich gegeben und noch großartiger und schöner, als sie jetzt z.B. in Frankreich und England theilweise sich vorfinden.“731

Auf diese Zeit folgte nach Wirth der kontinuierliche Niedergang des Volksorganismus als Beginn der Entwicklungsphase hin zum Normalzustand. Diese Entwicklung beschreibt Wirth als Pathologie, die nach Heinrich III. jäh begonnen habe und bis zur Gegenwart Wirths anhalte. Diese Krankheit besteht für Wirth in erster Linie in der allmählichen Abkehr von der Idee der Einheit, die sich für Wirth in der allmählichen Auflösung des Reichskörpers zeigt. Diese Auflösung führt er auf die zunehmende Macht und Tugendlosigkeit der Fürsten und die zunehmende Machtlosigkeit des Kaisers zurück732. Wie sehr Wirth die Auflösung des als Körpereinheit gedachten mittelalterlichen Reiches als Krankheit mit verherenden Folgen sah, wird auch aus folgendem Zitat sehr deutlich: „Jedes auf selbstständiger und lebenskräftiger Stammeigenschaft (Nationalität) beruhende Reich ist nämlich ein organischer Körper im eigentlichsten Sinne des Worts, von dem man ohne Schmerzen und Nachtheil für das übrig bleibende Ganze nicht das kleinste Glied abreißen kann. Es ist eine sehr beschränkte, kurzsichtige und geistlose Meinung, daß lebendige Völkerschaften mit selbstständiger Stammeigenschaft eine willkürlich und nur äußerlich verbundene Anzahl von Menschen und Landestheilen seien und daß also, wenn nur sonst noch eine bedeutende Gebietsausdehnung übrig bleibe, immerhin einzelne Theile ohne Nachtheil für das Ganze abgetrennt werden könnten. [...] Aber dieß ist ein gewaltiger Irrthum. Nein, es ist nach einer solchen Verstümmelung kein Schatten von einer Staatskraft, keine Möglichkeit einer Gesundheit, Selbstständigkeit und lebensthätigen Entwicklung mehr vorhanden; das deutsche Volk ist vielmehr ohnmächtig, es ist krank und hinsiechend, wenn man ihm den Rhein zur Grenze setzt und ihm seine Hauptader also abbindet; je es war von dem Augenblick an krank und welkte ab, als man durch die Abtrennung der Schweiz, Hollands und des Elsaß seine Auflösung anfing. Man dringt nicht umsonst auf die Unverletzlichkeit einer Nation; eben weil sie ein organischer Körper ist, erträgt sich nicht die mindeste Verletzung, ohne nicht allmälig hinzuwelken.“733
Das Ende dieser Krankheitsentwicklung, die sich über verschiedene Hauptetappen erstreckte734– den dreißigjährigen Krieg mit seinen Gebietsverlusten, das tatsächliche Ende der Reichseinheit samt französischer Oberherrschaft und schließlich die Verfestigung der Zersplitterung Deutschlands durch den Wiener Kongress – bedeutete für Wirth sogar die vollkommene„Abtödtung der Nationalität“735.

Wirths Ansicht nach war dieser Auflösungs- und Zerstücklungsprozess zugleich die Ursache für alle andern wesentlichen „Krankheiten“, die an dem deutschen Volkskörper seit dem Tode Heinrichs III. zu beobachten seien: „Ein herabgekommenes Zeitalter gleicht einem Unglücklichen, der von allen Krankheiten und Übeln zugleich heimgesucht wird. So war es in Deutschland durch den Reichsverfall und die zerrüttete Nationaleinheit gekommen.“736 Die „Leiden“737 die dadurch entstanden, waren für Wirth im 16. Jahrhundert dabei folgende: Der Übermut des Adels und der Ritter, die – nicht mehr gemäßigt durch eine starke kaiserliche Macht – ihre Untertanen ausbeuteten und ausraubten, der Handel, der dadurch zunehmend unsicher wurde, das römische Recht, das die Adeligen einführten, um das Volk von der Rechtssprechung abzudrängen, die „entartete“ Wissenschaft und der größer werdende Druck der Kirche738. In diesem Zusammenhang sei es auch zur Vernichtung der anderen zentralen „Grundidee“ der Deutschen gekommen, der Volksfreiheit. „Durch die systematischen Anmaßungen der Fürsten und Kurfürsten, welche weder Maß noch Ziel hielten, stieg auf der einen Seite die faktische Macht derselben in dem nämlichen Grade, in welchem auf der andern Seite die Macht des Kaisers und das Recht des Volkes fortwährend sank.“739

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Diese Krankheit und seine Ursachen erkennend, habe sich im 16. Jahrhundert die politische reformatorische Richtung gebildet, die sich zum Ziel setzte, die alten Grundideen der Deutschen wieder Realität werden zu lassen, indem sie die Reichseinheit forderten, um damit auch wieder Freiheit und Wohlstand aller zu ermöglichen740.„Wie die eben geschilderten Übel beschaffen waren, mußten auch die Zwecke jenes patriotischen Strebens sich feststellen. Sie waren: 1) Wiederherstellung der Einheit des Reichs mit einem kräftigen Oberhaupt, 2) Einschränkung der Fürstengewalt, 3) Rückkehr zu den deutschen Gesetzen und Institutionen, 4) Vertreibung des römischen Rechts, 5) Belebung der vaterländischen Geschichte und Ermunterung der Zeitgenossen, dem Ruhme der Vorfahren nachzueifern, 6) Wiederherstellung der alten Treue, Sitteneinfalt und des tugendhaften Wandels, 7) Innere Reform des Aristokratismus durch Verbreitung der Überzeugung, daß der wahre Adel nicht durch Geburt, sondern nur durch Tugenden erworben werde; endlich 8) Emporhebung der niedern Volksklassen und durchgreifende Verbesserungen deren Zustandes.“741 An anderer Stelle nennt er als Forderung der Reformatoren noch: „[…] Unabhängigkeit der Nation vom Ultramontanismus.“742
Obwohl es sich bei diesen Ideen um mächtige Kräfte gehandelt habe, die in Verbindung mit der religiösen Reformation weite Teile des Volkes ergriffen hätten, habe letztere scheitern müssen, da sich weder Luther als maßgebliche Führungsperson, noch – und das war laut Wirth das eigentlich ausschlaggebende Moment – der Kaiser sich an die Spitze der von dieser Idee angetriebenen Bewegung gestellt hätte743. Der Kaiser habe „sich an die Spitze der Bewegung stellen, die Ideen des Zeitalters durchführen“ müssen. „Das Unglück, daß dieß im 16. Jahrhundert nicht geschah, war unermeßlich, 300jähriges Leiden der Menschheit die Folge.“744

So hätten sich in diesen nächsten 300 Jahren alle Krankheiten des Volkskörpers drastisch verschärft, wobei die Leiden der Gegenwart im Grunde noch die gleichen seien wie im 16. Jahrhundert. Als Hauptfolge der fehlenden Reichseinheit käme es auch heute zu massiven wirtschaftlichen Nachteilen v.a aufgrund vielfacher Hofhaltung und des fehlenden freien Handelsverkehrs745. „Eine innere Krankheit zehrte also an Ackerbau, Handel und Gewerben und der Wohlstand der Nation konnte sich nicht in dem Maaße entwickeln, als es bei den Staaten der Fall ist, welche die Nationaleinheit besitzen. Deutschland ist daher ärmer, als Frankreich und England.“746
Dazu kämen noch die geistigen Übel, die übergroße Demut und Unterwürfigkeit gegenüber den Franzosen747. Dieses „große Gebrechen der Deutschen – ihr größtes und die Quelle aller ihrer Bedrängnisse“748 -, sei von den Fürsten gewollt, denn eine „hochstrebende und von edlem Selbstgefühle belebte Nation wird nie dulden, daß man sie in vierunddreißig Theile zersplittere und ihr dadurch ihre naturgemäße Entwicklung abschneide“749. Die Folge davon sei, dass die Fürsten die Presse unterdrücken, in der die Einheitsidee formuliert und propagiert werde. Das wiederum sei aber ein weiterer Grund für die Krankheit Deutschlands: „Die Presse ist das Sprachorgan der Nation. Wenn es ihr entzogen wird, ist sie stumm, wie der einzelne Mensch, der gar kein oder ein mangelhaftes Sprachorgan besitzt. Ein stummer Mensch kann sich geistig nicht entwickeln; eine stumme Nation vermag dieß eben so wenig. Alle weitere geistige Entwicklung der Deutschen ist daher unmöglich, so lange sie der Nationaleinheit und folglich der freien Presse entbehren.“750
Eine weitere Grundursache für die Krankheit des Volkskörpers sei – heute wie damals – die völlige Vernichtung der Volksfreiheit in erster Linie durch die Fürsten, aber auch durch die Besatzungsmacht Frankreich: „Die Grundursache aller Schmach, des Jammers und des Elends, welche unser Vaterland während der Zeit der Unterjochung durch Frankreich ertragen musste, war aus ältern Zeiten her die methodische Verletzung und allmälige Untergrabung der Reichsverfassung durch die Fürsten, und in der neuesten Zeit die Vollendung dieses Attentats mittelst vollständiger Vernichtung des deutschen Reichskörpers und seiner alten freien Verfassung.“751
Die Krankheit des deutschen Reichskörpers in der Gegenwart wirke sich Wirths Meinung nach aber nicht nur auf das deutsche Reich, sondern auf ganz Europa aus. Da Deutschland aufgrund seiner Krankheitsgeschichte immer schwächer geworden sei, hätten die Nachbarstaaten sich auf seine Kosten vergrößern können, damit aber das von der Natur vorgesehene Gleichgewicht in Europa zerstört. Dies gefährde den Frieden in ganz Europa.752
Dies erkennend habe sich vehementer als je zuvor schließlich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts abermals eine Oppositionsbewegung herausgebildet, die laut Wirth die Ideen der politischen Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts wieder aufnahm.
Im Zentrum der Therapievorschläge stand wieder – wie damals – die Forderung nach der Reichseinheit. Hier sieht Wirth die neue Oppositionsbewegung, der er sich auch selbst zuordnet, in direkter Nachfolge der reformatorischen Bewegung des 16. Jahrhunderts: „Diesem namenlosen Unglück [der völligen Vernichtung der Reichseinheit U.H.] vorzubeugen, war die Veranlassung und der oberste Zweck der volksthümlichen Opposition im 16. und 19. Jahrhundert. Darum stehen sich beide so nahe, sind sie so innig verwandt.“753 Die neu erwachende Forderung nach Reichseinheit geht bei Wirth dabei Hand in Hand mit der Forderung nach der Wiederherstellung der Volksfreiheit754. „Unter welchem Gesichtspunkte man die geistige Bewegung seit zehn Jahren auch auffassen möge, soviel kündigt sich dem weisen Beobachter und wirklichen Staatsmanne als Gewißheit an, daß eine neue Phase in der Entwicklung des Volkslebens für Deutschland eingetreten sei, daß frische Staats-Elemente hervortreten, welche nach Geltendmachung und Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten streben, und daß die innere Wohlfahrt und die äußere Macht der Nation von der verständigen und klaren Leitung der neu aufgetretenen Staatskräfte abhängen.“755 „Hierin liegt nach dem Standpunkte unserer Zeit die ganze Grundlage, die Triebfeder, der Athem alles Staatslebens: der Staatskörper ist stark oder schwach, gesund oder leidend, hoch aufstrebend oder niedergedrückt und gebeugt, je nachdem jene Triebfeder Schwungkraft besitzt oder gelähmt sich ausweist, dieser belebende Athem frei oder beengt erscheint.“756

Dieses erneute mächtige Umsichgreifen der im Grunde alten Ideen zur Restauration des ursprünglich heilen Staatsorganismus des Mittelalters sieht Wirth dabei – vor dem Hintergrund der von ihm vertretenen Entwicklungsgesetzlichkeit - als eindeutigen Beginn der letzten Entwicklungsphase des deutschen Volkskörpers hin zu seinem Normalzustand, zur Verwirklichung von öffentlicher Freiheit und Würde: „Oder glaubt man, die Umwandlung, welche seit zehn Jahren in dem innersten Geiste der Völker vorgefallen ist, sei zu unbedeutend und zu klein, um mit den Ereignissen des sechszehnten Jahrhunderts verglichen zu werden? Nach meiner Meinung würde man sich sehr irren, dieß zu glauben: ich, meines Orts, halte die tiefe, regenerirende Kraft unseres Zeitalters für weit wichtiger, als alle frühern: mir dünkt, daß es sich um viel durchgreifendere und wohlthätigere Erneuerungen handle, als in der Vergangenheit und daß auch die Folgen großartiger, dauernder, vollständiger und glücklicher sein werden, als bei allen bisherigen Reformen. Dieses Mal ist es nicht blos um das Seelenheil, sondern es ist um die geistige Wohlfahrt und das äussere Lebensglück zugleich zu thun. Man trennt die Erde nicht mehr von dem Himmel, sondern will das Göttliche im Menschen schon hier gedeihen und Früchte bringen sehen. Die Gerechtigkeit für alle soll errungen, die Gesetze der Sittlichkeit und des Rechts sollen verwirklicht werden. Kurz die auf halbem Wege stehen gebliebene Reformation des 16. Jahrhunderts wird in unserer Zeit wieder aufgenommen und vollends durchgeführt, und die eingetretene Reformation des 19. Jahrhunderts ist daher noch wichtiger, großartiger und folgenreicher, als jene zur Zeit Luthers und Huttens.“757
Die Anzeichen, die er seit 1830 dafür deutlich zu beobachten meint, sind für ihn im wesentlichen die Verbesserung der Gesinnung aller, ein Sträuben „[…] gegen die Herrschaft abgelebter starrer und unfruchtbarer Meinungen […]“, das „[…] Bedürfniß der Freiheit und Selbstständigkeit […]“, ein Fordern von regem öffentlichen Leben, „[…]Anerkennung der menschlichen Rechte, Beschränkung des Vorzugs“ und „würdigere Nationalzustände […]“758. „Solche Veredelung der Völker geht indessen nicht an einem Tage vor und ist keineswegs bloß die Wirkung plötzlich eingetretener und unerwarteter Staatsereignisse, sondern sie ist das Zeichen der fortschreitenden Vervollkommnung des inneren Menschen, und des Wachsthums der Gesittung und der Humanität, sie ist mit einem Worte der Beweis des bevorstehenden Übertrittes der Nationen zu ihrem Normalzustande. In allen diesen Erscheinungen, wie sie bisher dargelegt wurden, liegen daher die Zeichen des eingetretenen Wendepuncts unsrer Entwicklung, der vorgefallenen innern Umwandlung der Nation [...].“759 Ganz deutliches Zeichen dieses entscheidenden Wendepunktes ist für Wirth zudem, dass die Ideen, wie der Normalzustand von den Völkern ‚auszubilden’ sei, nun allen bekannt seien: „Wir nennen diese Ideen die schwebenden Fragen der Zeit, jene Fragen, welche trotz der scheinbaren Ruhe nach Aussen die Tiefen der Gesellschaft mächtig erregen und unwiderstehlich auf große Thaten hindrängen.“760

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Deutschlands Mission für die Erreichung des Normalzustandes ist dabei Wirths Ansicht nach eine ganz besondere. Zwar sei der entscheidende Impuls für den Beginn dieser Entwicklung hin zum Normalzustand der Völker Europas761 von der französischen Revolution ausgegangen762. Da die Franzosen das natürliche organische Gebot für den Staatsaufbau aufgrund der fehlenden Einsicht „in den Gang der Weltordnung“763 jedoch nicht beachtet und es mit der Umsetzung der Gleichheit aller in ihrem jugendlichen Überschwang übertrieben hätten764, konnte den von ihnen entworfenen Verfassungen kein „[…] Athem eingehaucht“ werden, waren „[…] theils ganz todt geboren, theils wenigstens unreif, und verschwanden folglich entweder schon sogleich nach der Geburt, oder wenigstens nach kurzem Bestehen.“765 Frankreich habe daher nur den wesentlichen Anstoß gegeben, um die Gemüther der Völker zu erregen. Dafür sei die französische Revolution aber enorm wichtig gewesen766. Auch die Julirevolution habe mitreißende Wirkung hervorgerufen. Doch nicht Frankreich, sondern das deutsche Reich ist Wirths Meinung nach dafür vorgesehen, den Höhepunkt dieser Bildungsperiode zu erreichen, der alle Völker Europas ergriffen habe: „Nein, die Gedanken, Grundsätze und Lehren, welche den Normalzustand der Völker Europa’s, das Ziel ihrer gesammten Entwicklung, heraufführen sollen, sind von den französischen Freiheits- und Gleichheits-Ideen himmelweit verschieden und in den wesentlichsten Stücken sogar deren gerader Gegensatz: sie werden daher in ihrer Reinheit, belebenden Kraft und Reife wohl von einem andern Volke gefunden, entwickelt, gepflegt, gefördert werden müssen. Und dieses Volk ist das deutsche.“767 Die Hinweise auf diese spezielle Mission des deutschen Volkes sieht Wirth in dessen bisherigen Bedeutung für die „Herbeiführung des Normalzustandes“768, in den „edelsten Anlagen“ des deutschen Nationalcharakters769, dem „charakteristischen Zug der Gerechtigkeit und des Widerwillens gegen jede Eroberung“770und in dem von ihm postulierten Umstand, „[…] daß alle wichtigen Gegenstände der menschlichen Bildung, die gewöhnlich von verschiedenen Völkern, entweder zugleich, oder von einem nach dem andern erörtert werden, in Deutschland die tiefste und gründlichste Behandlung erfahren [...].“771
Der abermaligen massiven Unterdrückung der Reformbewegung nach 1832 weist Wirth vor dem Hintergrund seines Phasen-Organologiemodells keine größere Bedeutung zu. Er sieht sie als letztes Aufbäumen der alten Kräfte gegen die sicher eintretende Verwirklichung der neuen772.
Von dem Kaiser verlangt Wirth schließlich, dass er anders als der des 16. Jahrhunderts die notwendige Erfüllung dieser Ideen zu seiner Sache mache. „Unter solchen Umständen mußte bei dem Hervortreten der unverkennbaren Merkmale des reformatorischen Charakters der Gegenwart irgend eine deutsche Regierung auf die Höhe wahrer Staatsweisheit sich erheben, die offenbarten Anzeichen des Übertritts der Deutschen zu den bleibendern Zuständen der Reife erkennen, die Unmöglichkeit der Überwältigung dieses innern organischen Dranges einsehen und an die Spitze der Bewegung sich stellen, um dieselbe im Interesse der Nation verständig und umsichtig zu leiten. Vor allem hatte das Haus Hohenzollern diesen Beruf.“773 Da es aber eindeutige Anzeichen dafür gäbe, dass die Hohenzoller Kaiser auch 1840 in dieser Hinsicht versagten, sieht Wirth schließlich jedoch keine andere Möglichkeit, als dass das Volk selbst diese Reformation, diese ‚Wiedergeburt des Idealkörpers’, in Angriff nehmen müsse774.

Diskurstypisch fordert Wirth, dass diejenigen Kräfte, die von der Natur gesteuert, die Entwicklung des Volks- und Staatskörpers bisher bestimmt hätten und deren zukünftige vollständige Durchsetzung sich immer deutlicher zeige, die Grundlage der idealen Organisation des deutschen Staates sein sollen. Dieses Vorgehen und den damit einhergehenden Anspruch, Politik gleichsam als „Naturlehre“ zu betreiben, formuliert Wirth dabei explizit selbst: „[...] wir wollen die Zukunft unserer Nation und der Menschheit auf Weisheit und demgemäß auf den organischen Gang der Weltordnung gründen.“775 „Staatsweisheit ist nicht die Kenntniß der bloß scheinbaren und nur äußerlichen Hülfsmittel, sondern vielmehr die Kenntniß der inneren geistigen Kräfte des Landes, nicht die mechanische Verwaltung der gewöhnlichen Angelegenheiten des Tages, sondern der Blick in die Zukunft, die Auffassung des Berufes der Nation und des ihr eigenthümlichen Dranges nach Entwicklung, endlich Durchdringen der Richtung, welche die Bildung und die Gestaltung der Zukunft überhaupt zu nehmen trachtet, und weise Leitung, umsichtige Förderung derselben zum Guten und Schönen.“776 Den Staatsmann setzt Wirth dabei mit einem Gärtner gleich und steckt damit zugleich den Freiheitsspielraum der Menschen innerhalb ihrer Entwicklungsgeschichte in engen Grenzen ab: „Es ist damit nicht gesagt, daß die menschliche Thätigkeit dabei keinen Spielraum habe: der beste Grund wird veröden, wenn er nicht bebaut wird, die Kunst des Gärtners ist neben der Qualität des Bodens ein sehr wichtiges Element der Fruchterzeugung. Aber den Boden, das Clima, die Eigenthümlichkeiten der Örtlichkeit, kurz alle Äusserlichkeiten, welche auf die Wahl seiner Maaßregeln Einfluß haben und sie oft bedingen, muß der geschickte Gärtner genau kennen und mit der größten Sorgfalt berücksichtigen. Eben so der wahre Staatsmann und Refomator die organischen Gesetze, welche auch den Entwicklungsgang der Staaten leiten, sodann den Character und die Eigenthümlichkeiten der Nation, für deren sociale Umgestaltung, im fortschreitenden Sinne, er thätig sein will.“777
Wirth orientiert sich durch seine Bezugnahme auf organische Gesetze, die den Lauf der Welt auch in den geistigen Bereichen steuern, eindeutig an dem geltenden wissenschaftlichen Paradigma. Sehr schön lässt sich das z.B. an folgendem Zitat zeigen: „[...] auch der ganze Bildungsgang der Menschheit, alle Erfolge und Gestaltung politischer und socialer Reformen werden so gut durch bestimmte organische Bildungsgesetze geleitet, wie die Formation des Wassertropfens, der Crystallisation, der Berge und Thäler: früher schrieb man diese Bildungskraft mystischen Elementen und Einflüssen zu, man irrte ohne Zweifel; aber eine sogenannte aufgeklärte Zeit irrt noch mehr, wenn sie das Dasein organischer Bildungsgesetze in geistiger Beziehung leugnet und alles dem Belieben und Ermessen der Menschen anheim gibt.“778 Diese wissenschaftlichen Gesetze der Weltordnung erklären für ihn naturwissenschaftsdiskurstypisch die bisher zu beobachtende Entwicklung und ermöglichen sichere Vorhersagen für die Zukunft: „[...] sie erklären die Geschichte rückwärts und vorwärts, sie enthüllen also den Grund und den Zusammenhang aller bisherigen Ereignisse, sie zeigen uns den Gang der Ordnung der Dinge, welche Alles leitet, und setzen uns daher in den Stand, auch für die Zukunft die Art und Weise der Entwicklung des Ganzen im Allgemeinen zu bemessen.“779

Ein Spezifikum von Wirth ist dabei, dass er den ‚Glauben’ an die Lenkung der Geschicke durch organische Gesetze, auch wenn er deren wissenschaftlichen Charakter betont780, eindeutig in die Nähe der Religion rückt, während Fröbel sie als Ergebnisse anthropologischer Wissenschaft beschreibt.
Dieser Eindruck entsteht zum einen, weil Wirth betont, daß dieser Glaube an die Lenkung durch Gesetze aus religiösem Gefühl erwachse: „Die Geschichte lehrt unwidersprechlich, daß die glücklichsten Zeiten der Völker jene sind, wo der Glaube an eine weise, gütige Ordnung der Dinge vorhanden war, und die unglücklichsten jene, wo maaßlose Zweifelsucht und muthwilliger Spott über die höheren Fragen der Menschheit zur Sitte geworden sind. Jede durchgreifende Verbesserung solcher Zeiten des Verfalls der menschlichen Zustände fing daher geschichtlich immer mit neuen Ideen über das Wesen der leitenden Ordnung, mit der Wiederherstellung des Glaubens an eine solche an. Letzterer ist daher nothwendig, nur soll er gereinigt und veredelt, und mit steigender Bildung zur Einsicht selbst erhoben werden, d.h. das unklare und mystische Vorgefühl einer leitenden Vorsehung in das deutliche und bewußte Erkennen der Gesetze der Weltordnung übergehen“781 Fortschritt ist daher für ihn nicht in erster Linie die Ablösung mystischer Vorstellungen, sondern der Glaube an eine organologisch strukturierte höhere Ordnung782.
Zum anderen wird der religiöse Charakter seiner organologischen Wahrheiten dadurch betont, dass er Herder, auf dessen Theorien er sich vorrangig bezieht, als eine Art neuen Heiland beschreibt, der die Kenntnis der historischen Entwicklungsgesetze zu den Menschen brachte: „ [... ] da ging plötzlich in Nordosten ein noch höherer Glanz auf - - - eine erhabene Gestalt schwebte im lichtweißen Gewande durch den Aether, erhob sich zu den verborgenen Quellen der Erkenntiß und brachte unserem Volke die ersten Gesetze der Weltordnung, die jungen Zweige des beginnenden Frühlings der Bildung. [...] Dankbar und achtungsvoll wendet sich das Volk zu dem verklärten Bilde seines Wohlthäthers.“783
Dementsprechend wenig lässt er sich über die wissenschaftliche Absicherung der für seine Ableitung so zentralen Gesetze aus. Ihre Geltung scheint ihm so wenig anfechtbar, dass ihm jedes weitere begründende Wort nicht notwendig erscheint und er deren Geltung als Faktizität postuliert.

4.2.2.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

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Auch in Wirths Kollektivkörper herrscht das diskurstypische Mittel-Zweck Verhältnis von Teil und Ganzem vor. So erscheint das Gesamte bei Wirth auf der einen Seite als unabdingbares Mittel, um die Bedürfnisse des Einzelnen, von dessen Haltung und Einstellung die politische Ordnung und deren Veränderungen ausgeht, zu stillen: „Bei dem einzelnen Menschen ist dieses Ziel Unabhängigkeit, Familienglück, öffentliche Achtung, heitere und reine Genüsse, erworben durch Fleiß, Verstand, Redlichkeit, Tugend und reine Sitten. Solche Zustände lassen sich indessen vor der Reife der Nationen und dem Eintritt deren normalen Zustandes oder Lebenszweckes nur unvollkommen erreichen. So lange das Allgemeine leidet, [...] so lange gibt es im Großen auch keine Unabhängigkeit der Einzelnen [...].“784
Mit dieser Argumentation begründet Wirth auch die Notwendigkeit, zunächst die Reichseinheit wieder herzustellen, um auf dem Boden des gesunden Volks- und Staatsorganismus wieder zu einer echten, aus dem Volk selbst heraus entwickelten Freiheit zu gelangen: „Wir sind keine Nation, sondern ein regelloser Haufe unzusammenhängender Völkerschaften, welche, durch kein organisches Band der Einheit verknüpft, auch einer gleichförmigen und großartigen Entwicklung unfähig sind.“785 „Soll daher das deutsche Staatsleben wirklich wieder zur Gesundheit, zur selbstständigen Kraft und zur nachhaltenden Entwicklung gelangen, so müssen vollständiger Stammorganismus und wahre Unversehrtheit (Integrität) unsers Reiches wiederhergestellt, daher alle im Westen abgerissenen deutschen Stämme [...] zur freiwilligen Wiedervereinigung mit den Reiche bewogen werden.“786 „Der bevorstehende Principienkampf betrifft daher zuerst die Stammeigenschaft (Nationalität). Erst die Ursache und dann die Wirkung! Zur Durchführung der Freiheit also erst ihre Grundlage, die wiederhergestellte Reinheit und Vollständigkeit der Nationalitäten! Aus ihr wird und muß die Freiheit nach organischen Gesetzen von Innen heraus hervorgehen, und nur so ist sie in dauernder und wirklich fruchtbringender Weise möglich. Immer erlangt ein Volk nur durch seine gleichmäßige innere Erhebung die Freiheit, niemals hingegen wird die letztere durch eine in der Minderheit stehende Partei gegründet, welche im Gefühle und Bewußtsein ihrer Schwäche auf auswärtigen Schutz sich stützen muß.787
Auf der anderen Seite fordert Wirth jedoch von dem Einzelnen sich als Mittel für das Ganze zu betrachten, was für ihn – und hier teilt er eindeutig die Meinung Fröbels – auch bedeutet, seine Anlagen möglichst optimal auszubilden: „[...] der Einzelne soll für sein Volk, jedes Volk für die Menschheit nützlich sein. Um aber dieß werden zu können, muß jeder Mensch, jedes Volk seine eigenen Anlagen und Eigenthümlichkeiten ausbilden. Eine Nation, welche für die Zwecke des Menschengeschlechts wirken will, ohne vorher ihre Kräfte gehörig ausgebildet zu haben, würde eben so lächerlich erscheinen, als ein einzelner Mensch, welcher eine große Wirkung auf sein Volk hervorbringen will, ohne vorher seine Anlagen entwickelt, seine Kräfte geübt zu haben.“788 Die aktive Stellung der Glieder im Gemeinwesen, die sowohl die Idee der Reichseinheit verwirklichen als auch die „Freiheit nach organischen Gesetzen von innen heraus“ hervorbringen müssen, wird dabei diskurstypisch auch von Wirth immer wieder explizit betont, wobei die Stabilität des Kollektivkörpers und dessen Ausbildung im Sinne Wirths durch in den Gliedern wirkende Naturkräfte abgesichert wird.

Wirth geht in seinem Körpermodell jedoch nicht von der Gleichheit der Glieder aus. Er greift nicht auf einen quasi „primordinalen Leib“ als Ableitungsmodell zurück, dessen Glieder keinen Statusunterschied aufweisen789, sondern zieht den traditionell hierarchisch gegliederten Körper heran, der sich durch die Unterschiedlichkeit und Differenzierung seiner Organe auszeichnet. Dementsprechend bestehe seiner Meinung nach ein Volks- und Staatskörper auch aus unterschiedlichen Organen, die unterschiedlich – je nach Funktion und Bedürfnis – versorgt werden müssten. So führt er aus, es bedürfe „[...] der organischen Verbindung der Kräfte, [...] der Gründung lebendiger Institute, welche Blut und Nahrungssaft allen Gliedern nach Verhältniß deren Functionen und nach richtigem Bedürfniß gleichmäßig zuführen, [...] der Weisheit jener Staatskunst endlich, die aus der Regel der Gegensätze abgeleitet, den innern Bau des Staatsorganismus nach Analogie der Werke der schaffenden Natur ordnet [...].“790„Ungleichheit der Bestandtheile aller Lebensorganismen, Gegensatz edler und unedler Organe ist ein allgemeines, unabänderliches Gesetz der Natur, auf dem die Lebensfähigkeit beruht. Ohne diese Ungleichkeit, ohne diese Gegensätze gibt es keinen organischen Körper und insbesondere kein Volk und keinen Staat. Jedes Bestreben, bemerkte Ungleichheit radical zu heben, ist folglich Thorheit, und jeder Versuch, den Widerstand der Natur mit Gewalt zu überwinden, Raserei“791

4.2.2.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Anders als Fröbel bedenkt Wirth Frauen innerhalb seiner organologischen Entwicklungsgesetze überhaupt nicht. Seine gesamten Ausführungen nehmen – auch wenn er von Menschen spricht – im Grunde immer nur Männer in den Blick. Das wird z.B. an folgendem Zitat deutlich, in dem er zunächst allgemein von Menschen zu sprechen scheint, dann aber im Kontext klar wird, dass „Mensch“ bei ihm im Grunde „Mann“ bedeutet: „Alle Handlungen des Menschen sind der Ausdruck seines Innern, seiner Gesinnungen und Grundsätze. Der gütige und edle Mann, der Vaterlands- und Völkerfreund wirkt auf Milderung des Elendes seiner Mitbürger hin; er verschmäht reine und sittliche Genüsse nicht, aber er mäßigt sie durch Selbstbeherrschung.“792 Frauen scheinen von der organischen Ideenentwicklungsgesetzlichkeit ausgenommen zu sein. So sind in Wirths Schilderungen die „Menschen“, die sich für entsprechende Veränderungen einsetzen und in denen die Ideen, die die Natur in sie hineingelegt hat, zu wirken beginnen, immer nur Männer793. Auch der sich entwickelnde Volksorganismus wird mit männlichen Eigenschaften belegt: „Die Reformation war eine tiefeingreifende Umgestaltung der Weltverhältnisse aber sie war nur der Vorläufer des Normalzustandes der neuern Völker, ihre Wirkung war daher, trotz der großen Erschütterungen, welche sie begleiteten, doch noch schwach gegen die Erscheinungen, welche den Eintritt des Zieles unserer Bildungsperiode ankündigen werden, nämlich den Übergang zur Mündigkeit und zur männlichen Selbstständigkeit der Völker Europa’s.“794
Die Rolle der Frau in Staat und Gesellschaft wird von Wirth in keiner Weise thematisiert oder problematisiert.

4.2.2.2 Der politische Entwurf

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Aufgrund der Geschichtskräfteanalyse und der Vorstellung von dem Verhältnis von Teil und Ganzem liegt für Wirth auf der Hand, dass die Gesundung des Reichskörpers und seine Höherentwicklung nur dann erfolgen könne, wenn man die früher wie heute prägenden Grundideen des deutschen Volkes, die Idee der Reichseinheit und die Idee der Volksfreiheit in der Verfassung berücksichtige795.
Die auf den Prinzipien der Einheit und der Freiheit basierende Verfassung soll laut Wirth dabei nur insoweit festgelegt werden, dass das Verfassungsprinzip aus der Volksvertretung samt allgemeinem Wahlrecht bestehe. Die „Quelle der Gesetzgebung und der Verfassung ist unter dieser Voraussetzung allein das Volk, letzteres bildet daher, so zu sagen, eine ewige, constituirende Versammlung, den lebendigen Gesetzgeber, welcher nach den Ergebnissen der Erfahrung jederzeit die Gesetze und Staatsformen verbessern und fortbilden kann, und hiebei an keine andere Grenze gebunden ist, als die innern Gründe der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit.“796 Flankierend solle die Pressefreiheit, das Geschworenengericht und die öffentliche Rechtspflege eingeführt werden, um die Ausbildung des öffentlichen Wohls zu unterstützen797. Neben diesen politischen müssten auch soziale Reformen durchgeführt werden, um den Grad des Wohlstand des Volkes zu heben. Allein die Herstellung der Reichseinheit beseitige laut Wirth dabei schon die größten wirtschaftlichen Missstände, da diese – wie ausführlich dargelegt – maßgeblich durch den Zerfall der Reichseinheit entstanden seien798. Zusätzlich schlägt er vor, die „bürgerlichen Tugenden“, d.h. „wohlbemessene Mäßigkeit, strenge Sittlichkeit in Wort und That, Fleiß, Ordnung und Wirthschaftlichkeit“799 wiederzuerwecken. Wohltätige Stiftungen stellen für Wirth eine weitere wichtige Möglichkeit zur Linderung der Nöte des Volkes dar800. Andere von ihm angeführte Maßnahmen im Kampf gegen das soziale Elend sind z.B. die Unterstützung zur Selbständigmachung und die Einschränkung der Macht der Capitalien801.
Vor dem Hintergrund seiner speziellen organologischen Entwicklungserzählung schafft es Wirth, seinen politischen und sozialen Entwurf als Wiederholung der ursprünglichen gesunden mittelalterlichen Reichsverfassung nur in noch „höherer und reiferer“ Blüte802 erscheinen zu lassen. Er würden kein neues Recht einfordern803, sondern vielmehr das alte Recht – die auf die Ideen der Einheit und Freiheit gegründete Verfassung - wieder herstellen: „Wenn [...] man, sage ich, mit solcher Verfassung die Forderungen der deutschen radicalen Opposition vergleicht, so findet man, daß sie für die Reform, oder eigentlich die Wiedergeburt unsers Vaterlandes, nicht ein Jota mehr verlangte, als in unserer ursprünglichen Constitution enthalten ist, also kein Jota mehr, als wir zu fordern durch positive Gesetze berechtigt sind. Der ganze Unterschied besteht bloß darin, dass die entschiedene reformatorische Richtung dem gemeinschaftlichen Reichsoberhaupt der Deutschen den Titel „Präsident“ oder besser „Reichskanzler“ beigelegt wissen wollte, während ihn die deutsche Constitution „Kaiser“ nennt. Allein dieser Kaiser ist ebenfalls nur der oberste Reichsbeamte, der gewählt wird, für seine Amtsführung verantwortlich, namentlich absetzbar und überhaupt den Gesetzen unterworfen ist. Haben wir nur die Sache wieder, dann mag der Name sein, welcher er wolle.“804 Auch die von ihm geforderte organische Gliederung des Reiches leitet er von dem Vorbild der mittelalterlichen Verfassung ab: „Die staatliche Organisation [...], nämlich die Herstellung der Nationaleinheit ohne Centralisation, jenes schöne Verhältniß, welches die Kräfte der Nation in einem Punkte vereinigt und gleichwohl der Bewegung aller untergeordneten Glieder einen verhältnißmäßig freien Spielraum gestattet, wird von den französischen Patrioten und Staatsmännern nicht begriffen; aber der deutsche Geist erfaßt diese Wahrheit nicht bloß, sondern er hatte sie auch practisch schon durchgeführt. Jene sociale Organisation ist nämlich im Wesen nichts anders, als das vormalige deutsche Reich zur Zeit seiner Blüthe und staatsrechtlichen Vollendung. Dort war die Nationaleinheit durch die Reichsgewalt hergestellt, ohne die Selbstständigkeit der Stämme aufzuheben, die Selbstständigkeit der Stämme gegeben, ohne die Selbstständigkeit der Gemeinden aufzuheben u.s.w.“805

4.3 Die Texte des Liberalismus

4.3.1  Dahlmanns „Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt“

4.3.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.3.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Dahlmann betrachtet Volk806 und Staat807 als zentrale Kollektivkörper. Volk und Staat sind für ihn dabei eine untrennbare Einheit808. Wie Wirth ist es bei ihm das Volk, das als ‚Grundsubstanz’ den Staat aus sich heraus ausbildet.

Jeder ‚Volks-Staat-Körper’, auf den hin der einzelne Mensch schon von Natur aus angelegt sei809, unterliegt bei Dahlmann – diskurstypisch – einem unhintergehbaren Entwicklungsprozess: „Auch die Völker haben ihre Lebensalter, jedes mit dem Reize einer eigentümlichen Bildung ausgestattet, aber keines nach Willkür für alle Zeiten haltbar. Jede politische Form neigt zur Veränderung hin; sei es, daß am Volkskörper sich ein Glied umgestaltet oder ein neues zuwächst, oder die freiere Tat sie hervorruft. Die Formen ändern sich, oder auch die alten, die man beibehält, wirken verändert; denn die sich in ihnen bewegen, sind nicht dieselben mehr.“810
Diese Veränderungen gehen nach Dahlmanns Vorstellung dabei nicht ursächlich von den einzelnen Individuen aus, sondern werden von höheren Mächten, von eigenständigen Kräften getragen811. Diese höhere Macht ist für Dahlmann die Geschichte. Er bezeichnet sie als „mächtig schaltende“812 Kraft, die sogar in der Lage sei, ursprüngliche Naturbildung zu verändern: „[...] die Geschichte hat von jeher häufig die stille Urbildung der Natur unterbrochen, indem sie verschiedenartige Stämme und Volkstümlichkeiten übereinanderschichtete und gerade aus der Vermischung manchmal ein zweite, gelungenere Natur und gediegene Staatsbildungen gewann.“813 Die Macht der Geschichte habe laut Dahlmann alle wesentlichen Veränderungen hin zur Gegenwart bewirkt814.
Die Geschichte ist für Dahlmann jedoch nicht nur wirkende Kraft, sondern zugleich auch der konkrete Entwicklungsprozess von Volk und Staat815 selbst, der bei Analyse Aufschluss darüber gibt, was durch die Kraft der Geschichte verursacht in der Gegenwart zur Verwirklichung dränge und unter Mithilfe der Menschen umgesetzt werden müsse: „Die Politik muß, um lehrreich zu sein, ihre Aufgaben nicht wählen, sondern empfangen, wie sie im Drange von Raum und Zeit hervorgehen aus jener tiefen Verschlingung der gesunden Kräfte der Menschheit [...].“816 Diesen Drang vergleicht er explizit mit den Kräften der Natur, deren Wirkung einmal angestoßen ebenfalls unaufhaltsam sei: „Aber die Gewalt, welche in den Dingen ist, wenn sie ihre Entwicklung einmal begonnen haben, wirkte, wie im Reiche der Naturkräfte, schneller und schneller.“817 Die Politik habe bei der Analyse der Triebe dabei speziell darauf zu achten, welche Konstitution für die jeweils unterschiedlichen „Volksindividuen“818 – wie er die politischen und sozialen Gemeinwesen explizit nennt - passe819.
Dabei ist es für ihn unabdingbar, nicht nur Entwicklungen der Vergangenheit zu bedenken, sondern in den politischen Entwürfen auch die Erfordernisse der Gegenwart mit zu berücksichtigen und geschichtlich Gewordenes gegebenenfalls daran anzupassen: „Weil die Menschheit in jedem Zeitalter neue Zustände gebiert, so läßt sich kein Staat grundfest darstellen, außer mit den Mitteln und unter den Bedingungen irgendeines Zeitalters, außer gebunden an die Verhältnisse irgendeiner unmittelbaren Gegenwart. Daher drängt alle Behandlung von Staatssachen im Leben und in der Lehre zur Historie hin, und durch sie auf eine Gegenwart, und weiter, weil keine neue Form des Lebens sich vernachlässigen läßt, auf u n s e r e Gegenwart, unsern Weltteil, unser Volk.“820 Dahlmann ist damit eindeutig der Gruppe der politischen Philosophien zuzurechen, die die Kenntnisse der entscheidenden Naturkräfte vorrangig aus der Geschichts- und Gegenwartsanalyse gewinnt.

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Auszuwählen, welche Veränderungen vor diesem Hintergrund unabdingbar sind, ist für Dahlmann die eigentliche Aufgabe der Politik821. Vielfach stützt er sich als Ableitungshilfe für notwendige neue Einrichtungen auf die „öffentliche Meinung“, die aus dem Innersten des Volkes komme822. Dass insgesamt der Einstellung und Haltung des Politikwissenschaftlers eine überragende Bedeutung für diese Art der Konstruktion der guten Verfassung zukommt, ist sich Dahlmann bewusst823.

Überraschend an Dahlmanns „Politik“ ist, dass er die zentrale Grundüberzeugung seiner politischen Philosophie - allein eine Mischung aus Demokratie, Monarchie und Aristokratie führe zur „guten Verfassung“ - zunächst aus traditionellen verfassungstheoretischen Erörterungen824 gewinnt825.
Erst im Anschluss an diese theoretischen Erwägungen führt Dahlmann die seinem organologischen Politikverständnis entsprechende Geschichtskräfteanalyse durch, mit der er die allmähliche Entwicklung und Werdung der Mischverfassung sowie ihre wohltätigen Auswirkungen in der Geschichte des germanischen Volkes erläutert. Er betrachtet dabei den Entwicklungsgang der Verfassungen aller germanischen Völker - obwohl eigentlich jedes „Volksindividuum“ seiner Ansicht nach je nach Charakter und Entwicklungsstand eine eigene Verfassung benötige826 - und begründet das damit, dass sie, wie er explizit mit Hilfe der Organologiemetapher ausführt, eine vergleichbare „Staatsjugend“ durchlebt, sowie insgesamt sehr viel Zeit an gleichem Ort miteinander zugebracht hätten, was ihren ähnlichen Charakter bedinge827. Diese Entwicklung der Verfassung der germanischen Völker beschreibt Dahlmann folgendermaßen: Die drei großen Staatsformen „der Alten unseres Weltteils“828 – Sparta, Athen und Rom – seien gescheitert, da die drei Prinzipien - Königtum, Aristokratie und Volk – dort getrennt voneinander aufgetreten wären und auf je verschiedene Art das eine oder das andere Prinzip zu übermächtig geworden sei829.
Die Germanen als Träger der nächsten von Dahlmann ins Auge gefassten Entwicklungsepoche hätten hingegen eine andere, erfolgreichere Entwicklung genommen. Sie hätten das „Volk“ - von ihm definiert als „ein mit Notwendigkeit zusammengehöriges Menschenwesen, ein Gemeinwesen der Gesinnung“830 - an dem es Rom zuletzt gefehlt habe, in die Geschichte eingebracht831. Auch träte mit den Germanen eine Staatsanlage hinzu, die ins „Große“ gehe und die dem Altertum eigene Feindschaft von Aristokratie und Monarchie überwinde832.
Das Christentum schließlich als dritte von Dahlmann hervorgehobene Epoche, habe die Bedeutung des Staates tiefer gestellt, als Griechen und Römer dies getan hätten. Hauptziel sei nun die innerliche Umwandlung des Einzelnen833. Außerdem seien durch das Christentum die Menschenrechte aufgestellt worden, wodurch sich die bürgerliche Gesellschaft vorbereitet habe834. Dahlmann fasst den gesamten Entwicklungsgang hin zur Mischverfassung, welche die germanischen Völker auszeichne, in organologischer Terminologie folgendermaßen zusammenfassen: „Untergang des Nationalkönigtums durch den Adel, dann Untergang des Adels durch das Volk. Die Volksfreiheit bildete sich auf dem Wege der allmählichen Verwandlung der Vielartigkeit in eine Gleichartigkeit, welche den Staat auflöste. Wo das nicht so kam, da trat wie in Sparta statt der Entwicklung Erstarrung ein. Der germanische Staat nimmt einen anderen Weg. Aus dem ruhenden germanischen Volksgrunde treten Königtum und Adel nicht bloß in endlich entschiedener Gestalt hervor, seit die Deutschen Eroberer werden, sondern die Aristokratie erkennt auch die Unentbehrlichkeit des Königtums.“835 „Das germanische Volksleben steht nicht bloß an sittlicher Tiefe und Vielgestaltigkeit dem des Altertums voran, es hat bei dieser Fülle der nebeneinander gepflegten Formen des Daseins auch der zur Einheit durchbildenden Kraft, welche dem Ganzen seine Frische und mächtige Bedeutung verbürgt [...].“836

Die Analyse der in der Gegenwart wirkenden Kräfte, die neben der Analyse der verfassungsbildenden Kräfte der Vergangenheit laut Dahlmann für das Begreifen der notwendigen politischen Maßnahmen so entscheidend ist, fällt bei ihm folgendermaßen aus:
Das Königtum sei nach wie vor vorwaltendes „Element in unserm heutigen Staatenwesen“837. Die Entwicklung gehe jedoch, wie schon in der Vergangenheit angelegt, immer weiter dahin, dass die ehemals nebeneinander stehenden Gewalten – Monarchie, Aristokratie und Demokratie - sich zusehends mehr „organisch“ verbänden838, sich zu einem einheitlichen Staatswesen „umbildeten“839 und gemeinsam das ihren Partikularinteressen übergeordnete Wohl des Staates erstrebten. Ein absolutistisches oder gar privatrechtlich verstandenes Königtum sei daher heute nicht mehr zeitgemäß: „[...] der ganz natürliche Gang der Menschenbildung [leite] seit Jahrhunderten eine scharfe Sonderung von Staats- und Privatrechten [...]“ ein und hat „[...] den verschiedenen Klassen der Bevölkerung eine ganz veränderte und gleichere Stellung gegeneinander, und nicht minder ihrer Gesamtheit der Regierung eine veränderte Stellung gegenüber gegeben.“840 Zudem trete in der Gegenwart die Notwendigkeit immer dringlicher hervor, den Untertanen des Staates größere Freiheit zu gewähren. Freiheit teilt sich nach Dahlmann dabei in bürgerliche Freiheit, den Schutz von Familie und Eigentum, sowie in staatsbürgerliche Freiheit, die in „dem Anteile des Volks am Inhalte der Gesetze besteht [...].“841 „Wie nun das ganze Reich der Sittlichkeit voll von Freiheitsfragen ist, welche mit einer gewissen Notwendigkeit ganzen Zeitaltern gestellt sind, so liegt auch diese Frage der freieren und doch einheitlichen Staatsordnung notwendig in der Bahn der europäischen Menschheit, und wer davon ablenken will, die Gefahren der Änderung scheuend, legt statt der Weisheit, welcher er sich rühmt, lediglich den Unverstand der Feigheit an den Tag. Denn diese überraschende Gleichzeitigkeit im Baueifer für veränderte Verfassungen, welcher in unsern Tagen die Regierungen gleich den Regierten ergriffen hat, beruht im tiefen Grunde doch auf dem dunkeln Gefühle von einem gleichzeitigen Nachlassen derjenigen Kräfte, Vorstellungen und Formen, welche wie Klammern den Staat des Mittelalters zusammenhielten. Dieses dunkle Gefühl zum klaren Bewußtsein zu erheben, ist die Hauptaufgabe, welche unsere Staatskunst zu lösen hat.“842
Dahlmann plädiert des weiteren für die größere politische Berücksichtigung des Mittelstandes, da dieser aufgrund der geschichtlichen Entwicklung nun den „Kern“ Bevölkerung ausmache und „das Wissen der alten Geistlichkeit, das Vermögen des alten Adels zugleich mit seinen Waffen in sich aufgenommen“843 habe.

4.3.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

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Wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht, bewirken - laut Dahlmann - die Kräfte, die die Entwicklung des germanischen Volks- und Staatskörpers hin zur Mischverfassung bestimmten und bestimmen, auch, dass sich das Verhältnis von Teil und Ganzem, in das er das Teil von Anbeginn an verortet sieht844, zunehmend zu dem diskurstypischen wechselseitigen Verhältnis hin verändert: Die wirkenden Kräfte würden dazu führen, dass die Möglichkeit der Teilnahme aller Glieder des Gemeinwesens an dem Erhalt und der Lenkung des übergeordneten Gesamten – wie gezeigt - immer größer werde. Parallel dazu schöpfe das einzelne Glied seine Daseinsberechtigung zunehmend aus der bewussten Tätigkeit für das Ganze: „Jetzt liegt in der Bahn das Lebens die Überzeugung, daß vor allem die Ordnung der Gesamtheit mit Einsicht und Gerechtigkeit zu erstreben sei; das einzelne soll sozusagen sein Dasein rechtfertigen durch seine tätige Stellung zum Ganzen. Durch den fast allgemeinen Fortschritt fürstlicher Gewalt seit der Reformation sind große Wegestrecken zu diesem Ziele zurückgelegt; aber nicht die mechanische nach Willkür wechselnde Einheit ist das Ziel, es gilt ein stetig einheitliches Leben für die Mannigfaltigkeit freier Volksentwickelung in diese Gebundenheit der Staatsordnung einzuführen.“845
Die Entwicklung hin zur größeren Berücksichtigung der Untertanen im Staat bedeutet für Dahlmann dabei keine Auflösung des Körpers. Sie stabilisiere diesen Staatskörper im Gegenteil noch mehr, da sie eigentlich erst zur Vollendung der gegenseitigen „organischen Durchdringung“ ehemals voneinander isolierter konstitutiver Bestandteile des Staates führe: „Denn was hier den oberflächlichen Betrachter als eine gefährliche Zersplitterung der Staatskraft einschüchtert, gerade das bedeutet für die tieferdringende Einsicht einen Fortschritt zu ihrer innigeren Verbindung, ungefähr wie das Gelenk in den Körper und die Zäsur in den Vers nur einschneidet, um beide vor willkürlicher Auflösung zu bewahren und zu einem Leben höherer Ordnung zu verbinden, keineswegs sie zerschneidet.“846
Dabei betont er eindringlich, dass diese Berücksichtigung der bürgerlichen und vor allem der staatsbürgerlichen Freiheiten des Volkes nichts mit Volkssouveränität zu tun habe. Die Volkssouveränität lehnt er grundsätzlich ab. In der Begründung dieser Ablehnung greift er auf die Vorstellung des organischen Aufbaus des Staatskörpers zurück. Er beschreibt Volksvertretung und Regierung als zwei notwendige Bestandteile des Organismus, die diesen in harmonischer Verbindung bilden würden und der „verstümmelt“ sei, wenn das Volk allein die Herrschaft beanspruche847.
Interessant ist, dass Dahlmann die Unterordnung unter den Staat dort seine Grenzen finden lässt, wo die „höhere Bestimmung“ des Einzelnen auf dem Spiel stehe: „Der seiner höheren Bestimmung getreue Mensch bringt dem Staate jedes Opfer des Eigentums und der Person, nur nicht das Opfer seiner höheren Bestimmung selber [...].“848

4.3.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Auch bei Dahlmann wird der Mann im öffentlichen, die Frau im privaten Bereich des Staats- und Gesellschaftsorganismus verortet. Schon die Familie, die er gleichsam als ‚Urorganismus’ des Staates betrachtet, weist für ihn diese charakteristische „natürliche“ Aufteilung auf: „Die Urfamilie ist der Urstaat“849. „Der kleine Staat, dessen Grundgesetz die Ehe ist, legt ein Verhältnis von Freien zu Freien dar und doch voller Gebundenheit; er spricht dem Manne die Herrschaft und Gesetzgebung zu, der Frau die Verwaltung [...].“850 Für die Erziehung der Kinder sei die Frau in erster Linie zuständig, da ihre „gesellschaftliche Bestimmung ganz in der Familie enthalten sei.“851 Für Dahlmann steht die von der „Natur“ hergestellte Unterteilung der Menschheit in „zwei ungleich berechtigte Hälften“ fest852. Daraus wird deutlich, dass die von ihm analysierten grundlegenden Geschichtskräfte, die zunehmend die Mitsprache der Bürger in politischen Angelegenheiten notwendig machen würden, bei ihm nur für Angehörige des männlichen Geschlechts gelten. Auch der gesamte Volks- und Staatskörper ist, wie Dahlmann ihn beschreibt, männlich853. Dass für die momentane Situation und Möglichkeiten der Frauen ebenso ungerechte Umstände verantwortlich sein könnten, wie er das für die männlichen Arbeiter und Bauern erkennt, für die und deren Kinder er daher umfassende Schulbildung fordert, kommt ihm nicht in den Sinn854.

4.3.1.2 Der politische Entwurf

Der von Dahlmann auf die „Naturanalyse“ der „Volksindividuen“ fußende konkrete Verfassungsentwurf stellt einen Versuch dar, den von ihm als notwendig erkannten und von den Geschichtskräften herbeigeführten organischen Aufbau - die Verbindung von Monarchie, Aristokratie und Demokratie, sowie die Gewährung größerer Freiheiten - konkret zu verwirklichen. Leuchtendes Vorbild und Hauptbezugspunkt ist für ihn dabei die englische Mischverfassung, die Dahlmanns Ansicht nach zu seiner Zeit bestand855: Ein Königtum, das durch das Parlament beschränkt wird, wobei das Parlament in zwei Häuser – das des Adels und das des Volkes - aufgeteilt ist.

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Dahlmann plädiert in Bezug auf die monarchische Gewalt im Staat, die dessen Einheit symbolisieren und gewährleisten soll, für eine Erb-, nicht für eine Wahlmonarchie856. Er ordnet der Monarchie in erster Linie die Staatsmacht zu, was ihm logisch unabdingbar scheint, damit sie sich gegenüber den anderen Gewalten, der Aristokratie und der Demokratie, behaupten könne857. Der König solle daher niemandem verantwortlich sein, bei allen Gesetzen das letzte Wort haben, die Minister ein- und absetzen, sowie die Reichsstände einberufen und auflösen können858. Selbstverständlich und ohne nähere Begründung geht er davon aus, dass der Staat von einem männlichen König regiert werden solle859.

Dem größeren Bedürfnis nach Freiheit und Mitsprache der Untertanen versucht Dahlmann zum einen dadurch gerecht zu werden, dass er allen „Staatsgliedern“ Mitbestimmungsrechte hinsichtlich der Form des Staatskörpers zubilligt: „In Hinsicht auf die Form aber nennen wir denjenigen Staat frei, dessen Grundeinrichtungen nur nach einer bestimmten allgemeinen Regel und nur unter Zutun aller Stände oder Gliedmaßen des Volkes verändert werden können.“860 Gegenüber verfassungswidrigen Befehlen räumt Dahlmann dem Volk das Recht des passiven Widerstands ein, „ein Verneinen des Gehorsams in gewissen Fällen, ein Nichttun ohne alle aggressive Zutat.“861 Ebenso wichtig ist ihm die Gewährung der bürgerlichen Freiheit, die „Familien und Eigentum unter den Schutz wie denn auch beschaffener Gesetze stellt [...]“862.
Die politischen Institutionen, mit deren Hilfe die Untertanen an der Staatspolitik mitwirken können, sind für Dahlmann in erster Linie die „repräsentativen“ und nicht mehr die „landständischen“ Reichsstände. Die geschichtliche Entwicklung habe seiner Meinung nach das landständische Prinzip hinter sich gelassen863, da sie die früher voneinander abgegrenzten Stände mehr und mehr auflöse und zunehmend eine „organisch“ miteinander verbundene Bürgergesellschaft schaffe864. Die repräsentativen Reichsstände sollten Dahlmanns Auffassung nach als weitere Verwirklichung der Mischverfassung in zwei Kammern aufgeteilt werden, um sich gegenseitig kontrollieren und mäßigend aufeinander einwirken zu können. Die erste Kammer solle die „persönlich und amtlich Berechtigten“ aufnehmen und „nach Lebenslänglichkeit“ streben865, während die zweite Kammer „dem Wechsel und der Wahl“ gehorchen müsse866. In der Wahlkammer sitzen nach Dahlmanns Vorstellung „die Gemeinden aus Stadt und Land durch ihre auf begrenzte Zeit gewählten Abgeordneten.“867 Wahlrecht sollten in aller Regel die Einwohner einer Gemeinde haben, die über ein gewisses Vermögen verfügen sowie rechtsfähig, nicht standlos, nicht Bezieher von Armengeld und nicht weiblich sind868. Das Wahlrecht der Frauen zieht er – offensichtlich auf Grund seiner zeittypischen Überzeugungen hinsichtlich der Bestimmung der Geschlechter - nicht in Erwägung. Er äußert hierzu nur, dass das in Kanada praktizierte Frauenwahlrecht eine „muntere Ausnahme“869 sei.
Den Reichsständen weist Dahlmann das Recht zu, Gesetze - auch die Steuergesetze - abzusegnen oder ihr in Kraft treten zu verweigern870, sowie die Anklage gegen Minister bei willkürlichen Exekutivmaßnahmen zu verfolgen871.

Die Notwendigkeit einer selbständigeren Stellung der Gemeinden leitet Dahlmann explizit aus der veränderten Situation und den veränderten Bedürfnissen der Gegenwart ab. In seinen Ausführungen zu diesem Thema bekennt sich Dahlmann dabei eindeutig zu seinem organischen Aufbauideal, zu der Beibehaltung der Untergliederungen und der Ermöglichung der größtmöglichen Freiheit der Glieder bei notwendiger übergeordneter Gewalt des Gesamten: „Das Verfassungsgesetz bildet die Regel ab, welche, im Staatsganzen waltend, die Gemeinsamkeit des Volksdaseins immer inniger begründen soll. Diese große Gemeinsamkeit ist inzwischen weder im Raume erkennbar, noch zu aller Zeit im Bewußtsein der Bevölkerung gegenwärtig. Denn diese verbringt ein zertrenntes Leben in einer Fülle kleinerer Gesamtheiten, die leicht sichtbar nebeneinander im Raume hervortreten, längst befestigte Kreise des Daseins, lebendige, gern selbständige Ordnungen zusammengewachsener Familien und Berufe, die doch nicht ganz selbständig sein dürfen, und in welchen es nun gilt, die höchste Regel, die zum Ganzen leitet, verwaltend festzustellen; nicht etwa, daß man aufzulösen trachte, was Gott, Natur und die Gesellschaft mannigfaltig geschaffen haben; ebenso leicht möchte man die menschlichen Individuen an den Versuch wagen, einen einzigen Volksmenschen aus ihnen darzustellen; sondern daß man die Art des Ganzen in sie einführe, so daß teils sie selber dazu tun, teils von oben dazu angewiesen werden. Das Ganze ist allein im Könige bildlich sichtbar, sonst Gemeinde bei Gemeinde und Behörden darin, die einen mit doppeltem Leben, drinnen und draußen, zugleich die Staatszwecke der Gemeinde erfüllend, die andern bloß der Gemeinde gewidmet. Da ein selbständiges Leben, soweit es die höhere Regel erlaubt, in jedem Kreise geführt werden soll, so folgt, daß die Regierung durchweg oberaufsehend über dem Gemeindeleben steht.“872
Diese Einsicht habe sich laut Dahlmann aufgrund der geschichtlichen Erfahrung bereits allgemein durchgesetzt: Zu Beginn der Geschichte habe die Gemeinde eine zu starke Stellung eingenommen, der „Staat drang nicht tief in die Städte ein“873. In der Folge des dreißigjährigen Krieges sei es jedoch zu einer völligen Zerrüttung und Schwächung der Städteverfassungen gekommen, was nach Dahlmann ebenfalls enorme negative Konsequenzen für das „Volksindividuum“ hatte: „Aber der Tag der Prüfung blieb nicht aus, da man inne ward, es sei das Volk an Kraft und Mut verstümmelt, seit man es in seinen wichtigsten Gliedmaßen, den Gemeinden, schwach gemacht; daher das allgemeine Ungeschick gefährlichen Zeitläuften zu begegnen [...].“874 Preußen habe das nach seiner Niederlange erkannt und die selbständige Gemeinde wiederhergestellt, ohne die „die schwer errungene Einheit der höchsten Gewalten [...] zum Besten der wiederherzustellenden Gemeinden“875 rückgängig zu machen. „[...] man wollte innerlich genesen, um den äußeren Feind bestehen zu können.“876 Auch viele andere Staaten hätten sich diesem Beispiel inzwischen angeschlossen877.

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Auch auf eine die ganze Bevölkerung umfassende Bildung legt Dahlmann aufgrund seiner Überzeugung, dass die geschichtlichen Entwicklungskräfte die „verschiedenen Klassen der Bevölkerung in eine ganz veränderte und gleichere Stellung gegeneinander“878 gebracht hätten, größten Wert. „Die Macht dieser veränderten Grundlagen wirkt aber, obwohl allein dem Auge des Geistes sichtbar, so unwiderstehlich, daß es lediglich darauf ankommt, ihre Resultate, so wie sie erscheinen, stufenweise in den Staatsbau einzugliedern; sie würden den Staat mit sich fortreißen, der mit ihnen den ungleichen Kampf des Widerstandes begänne [...]. Darum ist das Oben und das Unten unseres Bildungsganges von dem des Altertums unterschieden.“879 Der allgemeinen Schulbildung weist Dahlmann zudem die wichtige staats- und gesellschaftsstabilisierende Funktion zu, „die tägliche Übung zum Gehorsam und die Bildung einer Gesinnung“880 zu leisten. Dass Dahlmann für die höhere Schulbildung nicht Kinder beiderlei Geschlechts im Auge hat, wird in vielen Passagen deutlich, in denen er im Zusammenhang mit höherer Bildung nur von Angehörigen des männlichen Geschlechts spricht: Z.B. führt er aus, dass „der Knabe“ dadurch, dass er „an der Schale der alten Sprachen“ nagen müsse, zu denken lerne881. An der Universität versammeln sich bei ihm „Jünglinge882.
Die Notwendigkeit, die Pressefreiheit und die öffentliche Verhandlung aller staatlicher Angelegenheiten einzuführen, leitet Dahlmann aus dem zunehmenden Freiheitsbedürfnis der Völker ab883. Auch wenn er daran zweifelt, dass die Pressefreiheit für Deutschland unmittelbar umsetzbar sei, ist er sich jedoch zugleich sicher, dass die Regierungen „den Fortschritt deutscher Preßfreiheit nur sehr bedingt hemmen“884 könnten. „Die täglich wachsenden Kommunikationsmittel, der rasche Flug der Briefe und der Reisenden macht es von Tag zu Tag unmöglicher, den Weltlauf in Geheimnis zu verhüllen. [...] jedermann will und wird wissen, was in der Welt vorgeht.“885 „Es läßt sich demnach den Staatsregierungen kein ehrlicherer Rat geben als dieser: sich beizeiten danach einzurichten, daß sie eine freie Presse zu ertragen imstande sind. Denn ein fortgeschrittenes Volk kommt immer wieder auf die Preßfreiheit zurück; es kann von der Preßfreiheit nicht lassen [...].“886

4.3.2 Das „Staatslexikon“: Artikel von Rotteck, Welcker und Pfizer

4.3.2.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.3.2.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Diskurstypisch sichern auch die drei Autoren des Staatslexikons ihre politischen Entwürfe über Naturtriebe und Entwicklungsgesetzlichkeiten ab, die – in den Einzelnen bzw. im Volk wirksam - qua Naturgesetz über kurz oder lang zu der von ihnen vorgestellten, von allen dreien mit der Zentralmetapher Organismus und deren Bildvarianten beschriebenen Staats- und Gesellschaftsform887 führen müssen. Bei allen wirken die von ihnen beschriebenen Kräfte speziell so, dass die Individuen sich dahin entwickeln, vernunftrechtlich organisierte Staaten einzurichten. Alle drei beziehen sich bei ihrer Kräfteanalyse damit vorwiegend auf anthropologische Überzeugungen.

Karl Wenzeslaus von Rotteck

Rotteck entwirft ein kompliziertes Triebgefüge, das die Ausbildung von Staat und Gesellschaft888 nach den Prinzipien des Vernunft- und Naturrechts889 bedingt.
Als ersten Schritt der notwendigen Entwicklung hin zum Rechtsstaat versteht Rotteck den Zusammenschluss der Menschen zu einer Gesellschaft, zu dem diese durch Naturinstinkte getrieben würden890. Dieser triebgesteuerte Zusammenschluss - „wenn er nur wenigstens dermaßen geordnet ist oder dermaßen regiert wird, daß die Gesellschaft f o r t b e s t e h e n kann oder nicht völlig sich auflöst [...]“891 - ist für Rotteck nun die grundlegende Bedingung zur Ausbildung der eigentlich menschlichen Kräfte und deren Weiterentwicklung892. In diese Weiterentwicklung, die Rotteck diskurstypisch als großes „Naturgesetz für unser Geschlecht“ und als „Thema der Weltgeschichte“ beschreibt893, sei auch die „Reifung des Verstandes“894 eingebunden, die durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen erheblich befördert oder aber auch gehemmt werden könne895. Zwar lehnt Rotteck eine zu direkte Übernahme der Einteilung der geistigen Bildungsstufen des Volkes in Kindheits- Jugend und Mannesphasen ab, konzediert aber dennoch, dass es einen „natürlichen Entwicklungsgang[e]“ des Verstandes896 und „merkwürdige Ähnlichkeitspunkte zwischen dem Leben der Völker und jenem der Einzelnen“ gebe897. Im Zuge dieser Entwicklung sei, durch die „Fortschritte der Wissenschaft und der Zivilisation“ bedingt, nun auch „der Geist der Neuzeit“ zur „Erkenntnis der Vernunftwahrheiten und zur Achtung der Menschenwürde“898 erhoben.
Während Rotteck diesen Reifeaspekt nur am Rande abhandelt, liegt der Schwerpunkt seiner Darstellung auf den Ausführungen dazu, dass der Mensch auf der Stufe der entwickelten Vernunft gar nicht anders könne, als zu vernunft- und naturrechtlichen Überzeugungen zu gelangen. Grundlage der Vernunftschlüsse sei dabei laut Rotteck eine Triebanalyse. Es verhalte sich mit den Menschen nämlich so, dass alle mit dem Trieb nach Freiheit und Selbstbestimmung ausgestattet seien.899 Dies erkennend, müsse man nun, dank der sich durchsetzenden Kräfte der Vernunft zu der unumstößlichen Einsicht gelangen, dass die andern, die die gleichen Wesen seien wie man selbst, das gleiche Verlangen nach Freiheit hätten900. An diesem Punkt der Einsicht angekommen, gebe es gar keine andere Möglichkeit, als mit Hilfe der Vernunft den Widerspruch, der sich aus dem eigenen Freiheitstrieb und dem der anderen ergibt, aufzulösen und zwar so, dass jeder den eigenen Freiheitsgebrauch soweit einschränkt, dass als Effekt die größtmögliche Freiheit aller entstehe. Geregelt werden müsse diese Einschränkung mit Hilfe des Rechts901. „Die Anerkennung dieses Prinzips kann man [...] von allen Verständigen fordern oder mit Sicherheit voraussetzen; denn wer etwas Widersprechendes verlangte, der wäre doch offenbar unvernünftig; und wer die größtmögliche [...] Freiheit ausschlüge oder anderen versagte, der wäre gleichfalls ein Unsinniger.“902 Die Französische Revolution erscheint ihm vor diesem Hintergrund dann auch als „Frucht“ der auf Anerkennung und Umsetzung des Vernunft- und Naturrechts drängenden „in Stille vorangeschrittenen Geistesbildung der edlern Nationen Europa’s.“903
Dieses im Triebapparat und den natürlichen Anlagen des Menschen verortete Recht ist für Rotteck oberstes, die Handlungen leitendes Prinzip und soll konsequent jedes sich als „unsinnig“ erweisende historische Recht ablösen904. Die Anwendung dieses vernunftrechtlichen statt des historischen Prinzips auf die Politik beschreibt Rotteck in organologischer Terminologie wie folgt: „Der verständige Gärtner nämlich, und welchem um das Heranziehen an edlen Früchten reicher und schöner Bäume zu thun ist, wird nicht nur die bereits a b g e s t o r b e n e n Äste von Zeit zu Zeit abwerfen (denn diese schaden ohnehin nicht mehr viel, und der nächste Sturm würde sie abwerfen ohne ihn); sondern er wird auch wegschneiden, was grün und satftvoll, aber r e g e l w i d r i g und das allgemeine Wachsthum hindernd oder verkümmernd aufgeschossen ist, z.B. die unterhalb der Krone ausschlagenden Schosse, die man Räuber nennt, und dann in der Krone die Quer- und Kreuz-Äste, oder die den Fruchtzweigen die Nahrung raubenden Wasserschosse, oder die, wenn auch noch grünen, doch von einem nagenden Krebse, der da um sich fressen könnte, befallenen Äste. Und wo wird ein kluger Ackersmann sich darauf beschränken, das bereits welkende oder a b g e s t o r b e n e U n k r a u t aus seinem Acker zu reuten, anstatt vielmehr eben das f r i s c h e, l e b e n d i g w u c h e r n d e emsigst zu vertilgen? So auch im Staat (und in der Kirche). Nicht darauf kommt es hier an, ob etwas alt oder jung, bereits verdorrt oder noch grünend ist, sondern darauf, ob es schlecht oder gut, verderblich oder nutzbringend sei. Das G u t e selbst, wenn es bereits dem V e r a l t e r n nahe ist, soll man s o r g s a m p f l e g e n, ja, wenn es schon b e g r a b e n wäre, wo möglich wieder v o n T o d t e n e r w e c k e n. Aber das S c h l e c h t e im Staat, also zumal das R e c h t s w i d r i g e, soll unverzüglich, d. h. so früh es nach den obwaltenden Umständen möglich ist, vertilgt und ausgerottet werden.“905

Karl Theodor Welcker

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Was Rotteck nur beiläufig andeutet, nämlich dass Völker Entwicklungsphasen hätten und die Anerkennung des Natur- und Vernunftrechts das Produkt der Reife eines Volkes sei906, die mit der Neuzeit immer deutlicher hervortrete907, ist bei Welcker zentraler Punkt der Darstellung.
Welcker fasst als grundlegenden Körper das von ihm organologisch metaphorisierte Volk908 ins Auge, das die gleichen Entwicklungsphasen wie ein Mann durchlaufe909. In jeder Entwicklungsphase eines Volkes herrsche dabei eine Lebenskraft, ein Trieb vor, der die in ihm zusammengeschlossenen Individuen präge und daher deren jeweilige Staats- und Gesellschaftsform910 bestimme. Der Kindheit eines Volkes weist er den Trieb der Selbstsucht, Sinnlichkeit und Unterwürfigkeit zu, aus der die Despotie resultiere.911 Die Jugend eines Volkes sei von dem blindem Glauben und der Vorherrschaft des Gefühls dominiert, weshalb die Volksglieder die Staatsform der Theokratie ausbildeten912. Das reife Mannesalter, der Höhepunkt der Entwicklung, auf das sich auch das deutsche Volk zubewege, zeichne sich durch den Trieb zur Rechtsachtung aus und weise ein Übergewicht des Gewissens, der prüfenden sittlichen Vernunft „und der auf ihr beruhenden sittlichen Achtung der eigenen und fremden freien und gleich heiligen sittlichen Persönlichkeit und Bestimmung“913 auf und führe daher zwingend zu der Form des Rechtsstaates914. Würde ein Herrscher, ehe nach dem Zerfall der Theokratie „die Freiheit zum Siege“ komme durch absolutes Herrschertum „die Volksunmündigkeit“ erhalten, kehre das Volk zur Despotie zurück und müsse entweder die Freiheit in Revolutionen blutig erkämpfen oder sich innerlich auflösen und unterjocht werden915.
Die – diskurstypisch - zentrale Bedeutung der Analyse der jeweils eine Entwicklungsphase bestimmenden Naturtriebe für den Entwurf der politischen Ordnung streicht Welcker dabei explizit heraus: „Alle Lebensthätigkeit geht aus von T r i e b e n, höheren oder niederen. Diese müssen in der Art in der Natur der Bürger vorhanden sein und vorherrschen, wie sie zur Erfüllung des bestimmten Grundgesetzes antreiben. Hierauf vor Allem muß jede Regierung denken, die wirklich kräftig und dauernd herrschen will. Jene angegebenen dreifachen vorherrschenden Zustände nun begründen die hinlänglichen Triebe für die entsprechenden dreifachen Grundgesetze. Sie also, j e n e P r i n c i p i e n müssen in der N a t u r der Menschen oder Völker leben oder ü b e r w i e g e n, wenn die despotischen, theokratischen oder vernunftrechtlichen Gesetze und Regierungen bestehen sollen. Überwiegen sie, so ist die Erfüllung der Gesetze gewiß. In diesem Sinne gilt die tiefe Staatsweisheit der Alten, des T h u c y d i d e s und S a l l u s t: ‚Über alle Gesetze siegt die Natur’ und: ‚Die Kräfte, welche die Herrschaft gründeten, müssen sie erhalten.’“916
Wie aus diesen Reflexionen sichtbar wird, sieht Welcker die Erkenntnis der Natur und ihrer Kräfte als zentrale Aufgabe der „Politik“. Sein diskurstypisches Selbstverständnis als empirisch arbeitender „Naturwissenschaftler“ führt er explizit folgendermaßen aus: „[...] unserem Zweck entspricht j e n e zunächst vom o b j e k t i v G e g e b e n e n ausgehende h i s t o r i s c h- (oder vollständiger: anthropologisch-historisch-) p h i l o s o p h i s c h e, a n a l y t i s c h  e n t w i c k e l n d e M e t h o d e der ersten praktischen Staatsweisen. Diese Methode faßt das in der Natur und Geschichte gegebene ganze zusammengesetzte Staatsleben auf, und sucht durch Auflösung und Vergleichung seiner besonderen Bestandtheile und Verhältnisse durch logische Zurückführung derselben auf das ihnen zu Grunde liegende, in ihnen sich offenbarende und sie verbindende Allgemeine dieses Letzere zu finden. Sie sucht, von den Folgesätzen rückwärts schließend, zu gemeinschaftlichen höchsten Grundsätzen zu gelangen. So sucht sie die n a t u r g e s e t z l i c h e n u n d h i s t o r i s c h e n Grundgesetze, wie die a n e r k a n n t e n V e r n u n f t i d e e n u n d Z w e c k e der Völker zu finden.“917

Paul Achatius Pfizer

Pfizer teilt die von Welcker ausgeführte Überzeugung des naturgegebenen kraftgesteuerten Entwicklungsprozesses des Volksorganismus hin zur Ausbildung des von allen Bürgern getragenen Rechtsstaats918.
Der zentrale Aspekt bei Pfizer ist, dass er „Liberalismus“ nicht als Theorie fasst, sondern als faktische sich gegenwärtig und in der Zukunft neu ausbildende triebgesteuerte Entwicklungsstufe in der Lebensgeschichte der Völker metaphorisiert. Der Liberalismus sei nichts anderes „als der auf einer gewissen Stufe menschlicher Entwickelung notwendige Übergang des Naturstaats in den Rechtsstaat.“919
Pfizers Ausführungen, die er also auf der einen Seite anthropologisch mit im Individuum wirkenden geistigen Entwicklungskräften begründet, geraten auf der anderen Seite jedoch auch deutlich in die Nähe historistischer Beweisführungen: „Wie engen Geistes oder wie verblendet und befangen muß man sein, um glauben zu können, das, was seit einem halben Jahrhundert die europäische Menschheit bis in ihren tiefsten Grund bewegt, was ganze Völker mit elektrischer Gewalt ergreift und zu den höchsten Kraftanstrengungen begeistert, sei eine in den Lüften schwebende Metaphysik, und ein so gewaltiges Element könne, von der Weltgeschichte einmal in sich aufgenommen, durch menschliche Anstrengungen wieder vernichtet werden! Wie widersprechend klingt es, wenn man ein tiefer Kenner der Gesetze des Entstehens und Vergehens in der Weltgeschichte sein und doch – nur das Gewordene, nicht auch das Werdende in seinem historischen Zusammenhang durchschauend- den freisinnigen Ideen die Lebensfähigkeit absprechen will, weil sie nur eine Ausgeburt des modernen Zeitgeistes seien!“920 Pfizer verortet die natürlichen Entwicklungskräfte dabei explizit in den Ideen bzw. im Geist der Zeit: „Eben weil die freisinnigen Ideen kein totes Erbstück aus versunkenen Jahrhunderten, sondern der lebendige Ausdruck des Zeitgeistes sind und weil die herrschenden Gedanken jedes Zeitalters dessen geschichtlicher Lebensentwicklung ihre Richtung geben, ist der Liberalismus unzerstörbar.“921
Die diachrone Organologiemetaphorik erfüllt damit für Pfizer wie auch schon für Welcker und Rotteck eindeutig die Funktion, den propagierten Idealstaat nicht als Gedankenspiel, sondern als sicher eintretende zukünftige Entwicklungsphase erscheinen zu lassen. Explizit vergleicht er die Entwicklungsbahn des Liberalismus mit dem naturgesetzlichen Lauf der Gestirne und postuliert, in der Nachzeichnung der gesetzlichen Entwicklung des Liberalismus dem Plan einer höheren Kraft auf die Spur gekommen zu sein922. Er leitet aus dieser Überzeugung ab, dass es bei Unterdrückung der naturnotwendigen Entwicklung der Völker naturnotwendig zu Revolutionen kommen müsse, was er mit der französischen Revolution belegt923.

4.3.2.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Karl Wenzeslaus von Rotteck

Rottecks Gesellschafts- und Staatskörperaufbau weist das diskurstypische – am Modell des Organismus orientierte - Verhältnis von Teil zu Ganzem auf. Das Gesamte - die Verbindung der Teile – entsteht bei ihm durch die aktive Tat der Teile, die damit einen bestimmten Zweck verfolgen924. Durch diesen von den einzelnen Teilen intendierten und getragenen Zusammenschluss finden die Einzelteile zu einem harmonisch verbundenen stabilen Ganzen zusammen, das Rotteck explizit mit Hilfe der Organologiemetapher als „Persönlichkeit“ bezeichnet und beschreibt: „Es muß die Gesellschaft ein Verhältniß sein, wonach – in einer durch Contract (oder andere Rechtstitel) bestimmten Sphäre – M e h r e r e E i n s g e w o r d e n, d. h. eine Anzahl von Personen – mit Hingabe ihrer gesonderten Persönlichkeit in jener bestimmten Sphäre - zu e i n e r (wahren und lebendigen, nicht nur gedichteten) G e s a m m t p e r s ö n l i c h k e i t geworden sind.“925
Das entscheidende Merkmal für die Existenz dieser „Gesammtpersönlichkeit“ ist für Rotteck dabei, dass allen Mitgliedern der Gesellschaft ohne Ausnahme „das Princip oder die Seele dieses Lebens [...] g e m e i n s c h a f t l i c h e i n w o h n e n d“926 sein müsse, d.h. alle aus eigenem Willen an dieser Gesellschaft teilhätten und niemand von einem fremden Willen gesteuert würde. Das Resultat dieser stabilen Vereinigung, die so entstandene Gesamtpersönlichkeit, entspricht der diskurstypischen Organismusvorstellung: Die Individuen erscheinen als eigenständige, von eigenem Willen zum Gesamten beseelte Bestandteile, die das stabile Gesamte aus eigenem Antrieb heraus ausbilden und steuern und sich freiwillig der eigenen Steuerung unterwerfen.

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Trotz dieser Organologiemetaphorik an inhaltlich zentraler Stelle, lehnt Rotteck die Gleichsetzung von Staat und „Organismus“ explizit ab. Seine Ablehnung bezieht sich dabei auf die Willkür, mit der aus dieser Gleichsetzung inhaltliche Konsequenzen gezogen würden927: „Wohl hätte man allenfalls sagen können: ‚Gleichwie wir im menschlichen Körper diese und jene Organe und diese oder jene Verrichtung derselben wahrnehmen, so können wir auch in dem figürlich so genannten Staatskörper gewisse Stände und Autoritäten, überhaupt Lebenselemente und Kräfte beobachten, welche mit jenen im menschlichen Körper einige Ähnlichkeit haben oder bildlich mit ihnen können verglichen werden.’ [...] Nun kommt aber der naturphilosophische Rechtslehrer, verwandelt willkürlich und phantastisch das ‚gleichwie’ in ‚weil’, und das ‚ist’ oder ‚erscheint’ in ‚soll’ oder ‚muß’, nimmt die figürliche Bezeichnung für eine ganz eigentliche und reelle und gelangt auf solchem phantastischen Wege zu Resultaten und Sätzen, welche den rechtlichen Verstand empören und vom Rechte gar nichts mehr übriglassen als den verhöhnten Namen.“928

Paul Achatius Pfizer

Pfizer äußerst sich zu dem Verhältnis von Teil und Ganzem kaum. In den wenigen Passagen, die von diesem Verhältnis handeln, entwirft er die Gesellschaft als stabile „Gesammtpersönlichkeit“, die sich aus der Gesamtheit des Volkes zusammensetze929. England ist ihm – wie übrigens auch Rotteck930 – der Beleg für die gelungene Verbindung von Freiheit und „einem festgefugten lebensvollen und lebenskräftigen Organismus“931. Diese Formulierungen weisen darauf hin, dass auch er der diskurstypischen Auffassung des Verhältnisses von Teil und Ganzem anhängt: Die freien Glieder fügen sich zu einem stabilen Ganzen, für dessen Ausbildung sie ursächlich sind.

Karl Theodor Welcker

Welcker nimmt sich – anders als Rotteck und Pfizer – explizit die Grundbestandteile aller lebenden Dinge zum Vorbild, um die Grundbestandteile der Staats- und Gesellschaftskörper erkennen zu können932. Dieses Vorgehen begründet er in erster Linie damit, dass ein „gesundes staatsgesellschaftliches Leben [...] auch schon darum die G r u n d g e s e t z e des menschlichen Lebens an sich tragen [müsse], weil es ja selbst aus der ganzen menschlichen Natur seiner Glieder, aus den g r u n d g e s e t z l i c h e n Trieben und Bedürfnissen dieser Natur und für deren Befriedigung“933 hervorgehe. „Deshalb bestimmten sie die G r u n d b e s t a n d t h e i l e, den Endzweck, und die G r u n d g e s e t z e des Staatslebens, mithin die H a u p t r i c h t u n g e n d e r S t a a t s t h e o r i e nach den grundgesetzlichen B e s t a n d t h e i l e n und den daraus hervorgehenden Z w e c k e n und G e s e t z e n des menschlichen Lebens.“934

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Wie alles höhere Leben einen Körper habe, so weist laut Welcker auch der Staat einen „Körper“ auf. Dieser bestehe jedoch anders als die biologischen Körper aus Gliedern, die sich durch einen eigenständigen Willen auszeichnen würden. Die Staatsglieder hätten sich nämlich vollständig freiwillig und selbstbestimmt aus Angst vor Krieg und Streit in einem Friedensvertrag – und nach dieser grundsätzlichen Einigung auf die Verfolgung eines gemeinsamen Endzweckes in einem Staatsvertrag - verbunden935. Dies ist für ihn historische Tatsache936 und zentraler Ausgangspunkt aller politischen Überlegungen937.
Wie alles Lebende habe der Staat zudem eine allgemeine innere Urkraft, den höhern göttlichen „Geist“, der die Glieder durchdringe und zur Vereinigung leite. Er bewirke, daß es sich bei dem Staat – trotz seiner Entstehungsgeschichte - nicht um eine willkürliche Vertragsgemeinschaft handelt, sondern um ein echtes lebendes Ganzes938.
Schließlich habe der Staat wie alles Lebende auch noch eine „Seele“, der das Gesamte regiere und die ersten beiden Grundelemente – Körper und Geist - miteinander vermittle. Der Seele entspreche im Staat die Regierung.939
Welcker entwirft hier einen Staatskörper, der der zeitgenössischen Vorstellung von Organismus vollständig entspricht: Eigenständig agierende Glieder bringen aus eigenem Antrieb ein stabiles Ganzes hervor, von dessen Idee sie zugleich durchdrungen und bestimmt sind. Der Widerspruch zwischen der Freiheit der Glieder und der zwingenden Gewalt des Körpers hebe sich dadurch auf, dass sich die Grundelemente „wie im wirklichen gesunden Staatsleben“ in „Harmonie“ verbinden würden940. Etwas vage, aber deutlich die diskursprägende organologische Metaphorik aufnehmend, führt er dazu aus: „Der Gegensatz löst sich mit anderen Worten durch d a s w a h r e, a b e r h ö h e r e u n d f r e i e, f r e i o r g a n i s i r t e m e n s c h l i c h e L e b e n d e s S t a a t s, in welchem, unter Herrschaft der höheren Lebenskraft oder des höchsten Lebensgrundprincips, die Staatseinheit, Leben, Lebensgesetz und Endzweck der vielen freien Glieder, so wie hinwiederum diese mit dem höchsten Lebensprincipe des Staats zugleich Leben, Gesetz und Endzweck der Einheit i n f r e i e r W e c h s e l w i r k u n g i n s i c h a u f n e h m e n, und sich beide, ihrem besonderen Wesen wie der Harmonie des Gesammtlebens entsprechend, f r e i o r g a n i s i r e n.“941 In diesem Zusammenhang setzt sich Welcker – ähnlich wie Rotteck explizit von dem Organismusdenken der „naturphilosophischen“, „historischen“ und „mystisch-theokratischen“ Schule ab, die Ähnlichkeitswahrheiten übertreiben würde, indem sie die Angehörigen des Staates mit willenlosen „G l i e d e r n des Menschen, Kopf, Brust usw.“ identifizierten942 und hebt die notwendige Betonung der Freiheit der Glieder bei gleichzeitiger Unterordnung unter das Ganze hervor, die diesen Schulen fehle: „Erst als zugleich freies und zugleich innerlich lebendig geeinigtes Ganzes wird der Staat, wie A r i s t o t e l e s und P l a t o n es aussprachen, z u e i n e m h ö h e r e n u n d g r ö ß e r e n m e n s c h l i c h e n L e b e n, a l s d a s d e s e i n z e l n e n M e n s c h e n u n d B ü r g e r s. [...] So erst wird er, so wird ein britischer Staat die herrlichste Schöpfung Gottes und der Natur und zugleich der Menschen bewundernswürdigstes Kunstwerk, die größte sittliche That, welche die irdische Sonne beleuchtet.“943
Explizit räumt Welcker jedoch selbst ein, dass er – wie Aristoteles – letztlich von der natürlichen Ursprünglichkeit und notwendigen Unterordnung der Teile unter das Gesamte ausgehe944. Damit scheint auch bei Welcker die diskurstypische Funktion der Organologiemetapher auf, freiwillig gebildete Körper dadurch zu festen Einheiten zu verschmelzen, dass die Idee des Gesamten in den einzelnen Gliedern wirkt und diese – ohne weiteren Druck oder Zwang - schließlich zu einem stabilen Kollektivkörper verschweißt.

4.3.2.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Wie werden Frauen und Männer in dem ‚liberal’ gestalteten Kollektivkörper verortet?
Analysiert man den damals epochemachenden Artikel „Geschlechterverhältnisse“ von Welcker945, so ergibt sich folgendes Bild: Welcker sieht das Geschlechterverhältnis als das wichtigste Verhältnis der menschlichen Gesellschaft an. Organologisch metaphorisiert er es als „Lebensquelle [...] für die physische und moralische Bildung oder Verbildung der Gesellschaftsglieder“946. Das Geschlechterverhältnis müsse rein und gesund sein, wenn die Gesellschaft, die daraus ihr Leben beziehe, rein und gesund sein wolle.947 Damit erhält die ‚wahre’, ‚natürliche’ Stellung der Frau eine eminent wichtige Rolle für den gesamten Gesellschafts- und Staatsorganismus: „Überall aber mögen Gesetzgeber, die es in irgend einer Beziehung mit der Bestimmung und Leitung der Geschlechtsverhätnisse zu thun haben, bedenken, daß alle diese Verhältnisse von der tiefsten und zartesten Natur sind, und in der größten Wechselverbindung unter sich und mit den öffentlichen Sitten und Einrichtungen stehen. Sie mögen mit heiligem Ernste erwägen, daß sie es hier mit den tiefsten und wichtigsten Grundlagen der ganzen gesellschaftlichen Ordnung zu thun haben.“948
Zeittypisch postuliert Welcker weiter, daß der Staat heute zwar auf der Basis gleicher Menschenrechte errichtet werde, die Natur aber Mann und Frau bei aller Gleichwertigkeit ungleiche Kräfte und damit unterschiedliche Lebensaufgaben mitgegeben habe949. Das gegenwärtige christlich-deutsche Familienleben, das auf dieser Naturkenntnis der unterschiedlichen Bestimmung von Mann und Frau bei Berücksichtigung der Gleichwertigkeit aufbaue, bezeichnet er organologiemetaphorisch als „edelste Blüthe und Frucht unserer neuen Cultur“950.
In der Ableitung der unterschiedlichen Lebensaufgaben bezieht sich Welcker auf den Naturforscher und Mediziner Karl Friedrich Burdach951, der eine ähnliche zeittypische Auffassung vertritt wie sein oben ausführlich zitierter Kollege Walther952. Von der unterschiedlichen physischen Organisation und Funktion bei der Zeugung - der Mann sei aktiv, zeuge in einem kurzen Akt das individuelle Leben, während die Frau die materielle Grundlage des Lebens in sich passiv aufnehme und schließlich langfristig umsorge953 - schließt er auf die Aufgaben des Mannes als schaffenden Gründer, Lenker, Ernährer und Beschützer der Familie, den es ins äußere Leben ziehe und auf die Aufgaben der Frau, die an das Haus gebunden sei und zum einen die Kinder zu gebären, aufzuziehen und auszubilden habe, zum anderen den Mann bewirten und pflegen solle954. Die angebliche Rolle von Mann und Frau bei der Zeugung gibt für Welcker auch Aufschluß über Intellekt und Seelenleben der Geschlechter. Beim Mann überwiege die aktive Richtung, Vernunft, Reflexion und Abstraktion, bei der Frau das leicht erregbare Gefühl955.
In der Ergänzung der beiden Geschlechter sieht Welcker – diskurstypisch - die Möglichkeit, zu höherem vollkommenerem Dasein956. Eine stabile Familie mit „Mannweibern“ dagegen erscheint ihm undenkbar957 und führt für ihn zum Umsturz der bisherigen Gesellschaftsordnung958.
Diese Haltung, diese vor dem Hintergrund des organologischen Diskurses abgeleitete und legitimierte Vorstellung der Stellung von Mann und Frau, hat gravierende Auswirkungen auf die Verortung der männlichen und weiblichen „Glieder“ im Gesellschafts- und Staatsorganismus und damit auch auf die von Welcker für die Geschlechter geforderten Rechte. So verlangt er für Frauen in Bezug auf das Privatrecht Gleichstellung, die ‚nur’ durch die Unterordnung unter den Mann als Familienhaupt beschränkt sein dürfe959. Politische Rechte werden ihr nicht eingeräumt. Da Welcker jedoch anstrebt, Frauen zur patriotischen Erziehung der Söhne zu befähigen und sie in den Stand einer echten Lebensgefährtin zu erheben, fordert er die Bildung der Frauen, ihre Zulassung zu öffentlichen Sitzungen und die Berechtigung zur Gründung von Frauenvereinen960.
Welcker entwirft zudem den gesamten Staatsorganismus eindeutig als „Mann“, wie aus Vergleichen von „Entwicklungsstufen“ einer Gesellschaft mit dem „Jünglings“- bzw. „Mannesalter“ deutlich wird961.

Da Welckers Artikel „Geschlechterverhältnisse“ als Ausdruck der Grundüberzeugung der Herausgeber in das Lexikon aufgenommen wurde, ist davon auszugehen, dass die anderen Autoren seine Auffassung teilten. Das legt die Vermutung nahe, dass auch Rotteck und Pfizer, wenn sie allgemein von politischen Rechten der Bürger sprechen, dieses Recht nur auf Männer beziehen.

4.3.2.2 Der politische Entwurf

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Die drei Autoren kommen vor dem Hintergrund ihrer organologischen Analysen zu weitgehend identischen politischen Entwürfen. Wie Dahlmann erscheint auch ihnen die englische Verfassung als Vorbild, die die Umsetzung ihrer Entwicklungsvorstellung und ihres organischen Aufbauideals ihrer Ansicht nach aufs Überzeugendste erfüllt962. Ihre zentrale Forderung geht dahin, Vernunft- und Naturrecht einzuführen, eine Notwendigkeit, die sich für sie aus ihrer jeweiligen Triebanalyse unmittelbar ergibt.963 Wichtig ist für alle drei Autoren, dass die möglichst ausgedehnte Freiheit aller Mitglieder höchstes Rechtsgesetz sein soll. Sie dürfe nur soweit eingeschränkt werden, wie für ein gedeihliches Miteinander unabdingbar notwendig sei964. Außerdem fordern alle drei Autoren, dass das Volk an der Regelung der eigenen Angelegenheiten beteiligt werden müsse965.

Rotteck schlägt für die gemeinsame Leitung der staatlichen Angelegenheiten entweder die Bildung eines „natürlichen Organs des Gesammtwillens“ oder die eines „künstlichen Organs des Gesammtwillens“966 vor. Das natürliche Organ des Gesamtwillens ist für ihn das komplett versammelte Volk eines Staates oder einer Gesellschaft967, da – vor dem Hintergrund seines Staats- und Gesellschaftsverständnisses - die „E l e m e n t e d e s  G e s a m m t w i l l e n s, so wie jene der G e s a m t k r a f t [...] nur in den M i t g l i e d e r n d e r G e s e l l s c h a f t liegen.“968 Deren Beschlüsse müssten aufgrund der Stimmenmehrheit aller verständigen Leute969 zustande kommen970. Rotteck führt zu dieser Regelung aus, dass sich in der Bereitschaft der Minderheit zu Gehorsam und Unterordnung gegenüber der Mehrheit der Charakter von Staat und Gesellschaft als geeinigte Gesamtpersönlichkeit erst eigentlich ausdrücke971. Sei ein Staat oder eine Gesellschaft zu groß, als dass sich alle Glieder versammeln könnten, plädiert Rotteck für die Einrichtung „künstlicher Organe“, in dem Bevollmächtigte im Namen der Gesamtheit Beschlüsse fassen können972, denen sich diese dann zu unterwerfen habe. Um Missbrauch zu verhindern und um Übereinstimmung mit dem wahren Gesamtwillen zu gewährleisten, solle jedoch so viel Gewalt wie möglich bei dem natürlichen „Organ“ bleiben973. Der Volksrepräsentation als eigenständiger „Persönlichkeit“ solle die „Persönlichkeit“ der Regierung, verkörpert durch den Monarchen, beiseite gestellt werden, um durch die harmonische Wechselwirkung beider zum einen der „schrankenlose[n] Willkür der Massen“ samt möglichen übereilten und unlauteren Beschlüssen der Volksversammlung, zum anderen der schrankenlosen Willkür des Monarchen entgegenzuwirken974. Beide müssten an der Regierung und an der Gesetzgebung gemeinschaftlich Anteil haben, wobei der Volksvertretung hauptsächlich die Gesetzgebung, dem Monarchen vorrangig die Adiministration zugeschrieben werden solle975. Das Recht des Monarchen kann für Rotteck vor dem Hintergrund der Vorgaben des Vernunftrechts nur „auf einem Akt des Gesamtwillens (Gesetz oder Grundgesetz) beruhen [...]“976. Die Einheit des Gesamten ist für Rotteck – trotz der Existenz zweier eigenständiger Persönlichkeiten – durch die gemeinsam verfolgte Staatsidee gewährleistet977. Damit sukzessive möglichst viele verständige Menschen gleichberechtigt an den Staatsdingen beteiligt werden können, müsse der Staat dafür Sorge tragen, das Volk durch Erziehung zu „veredeln“978 und es durch eine freie öffentliche Presse über die wichtigsten Angelegenheiten und Verhandlungen in Kenntnis zu setzen979.

Auch Welcker empfiehlt zur Herstellung der Einheit des Gesamtkörpers zum einen die erbliche Monarchie. Um die Freiheit der Bürger zu sichern, fordert er zugleich das „Organ“ der frei gewählten Volksvertreter. Um ein harmonisches Ganzes zu errichten, solle die Volksvertretung mit dem Monarchen an der Gesetzgebung beteiligt werden980. Auch die Teilnahme des Volkes an der Verwaltung diene der Herstellung der harmonischen Einheit981. Um die Gegensätze von monarchischem und demokratischem Organ zu vermitteln, schlägt Welcker die Einrichtung eines Senates vor, dessen Mitglieder vom König und Volk möglichst unabhängig sein müssten, wie z.B. Großgrundbesitzer, Adelige, Würdenträger der Kirche und Wissenschaftler982.

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Wie Rotteck und Welcker will auch Pfizer keine unmittelbare Volksherrschaft, „sondern einen solchen Zustand [...], in welchem eine dem entschiedenen Volkswillen und Volksinteresse beharrlich widerstrebende Regierung nicht mehr möglich ist.“983 Auch ihm erscheint dazu unabdingbar, dass in der Verfassung Institutionen geschaffen werden, „bei denen es dem Volke, d.h. der Gesamtheit, oder deren natürlichen Organe, der Mehrheit, möglich bleibt, ihren Willen auszusprechen und geltend zu machen [...].“984 Außerdem hält er es für ausgemacht, „daß ohne Volksvertretung auch des Volkes Freiheit nie gesichert und daß ohne Preßfreiheit und Selbstbesteuerung keine wahre Volksvertretung denkbar sei.“985

4.4 Die Texte der Frauenbewegung

4.4.1  Louise Dittmars Texte

4.4.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.4.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Dittmar betrachtet die menschliche Gesellschaft986 als Organismus987, der diskurstypisch einer Entwicklung unterliegt. Die Kraft, die diese Entwicklung vorantreibe, sei die Erkenntnis der Wahrheit988. Zum Bewusstsein dieser gesellschaftsverändernd wirkenden Wahrheit kämen die Menschen aufgrund des regelmäßigen Auseinandertretens von Gegensätzen989. So habe z.B. der „Ablaß“ die „Menschheit zur Überzeugung des päpstlichen Unwesens“ gebracht990 und das „Feudalwesen, die Knechtschaft, die Leibeigenschaft“ habe die französische Revolution „erzeugt991. Als Folge dieser Entwicklungsschritte sei es auch allgemein zur Erlösung der „Sinnen- und Geisterwelt“ der Menschheit gekommen992. Die sich „in den Zuständen offenbarende Wissenschaftlichkeit“ sei schließlich „die nachhaltigste Entwicklung“ gewesen. Die „Menschheit gewann durch sie zum Erstenmal einen sicheren Boden. Das Leben hatte die Wissenschaft und dieses das Leben zum vollen Bewußtsein gebracht. Alles wurde frei; Wissenschaft, Kunst, Industrie, Handel und Gewerbe“993.
Die Gegenwart zeichne sich Dittmars Ansicht nach jedoch nicht nur durch diese allgemeine geistige und sinnliche Befreiung aus, auch in ihr stünden sich wieder schroffe Kontraste einander gegenüber. Die gravierenden Auswirkungen des ungeheuren industriellen und wissenschaftlichen Fortschritts würden nämlich auf der einen Seite zwar zu der Erkenntnis führen, dass der Mensch selbst Schöpfer und Herr der Erde sei, gleichzeitig würden sie jedoch klar machen, dass diese Macht bis jetzt nur der Zerstörung der Menschheit gedient habe994.
Auf dieser Stufe der befreiten Vernunft - die „als einzige und unerlässliche Führerin“995 anerkannt werden müsse - und mit diesem Gewahrwerden des Kontrasts ist für Dittmar der entscheidende Ausgangspunkt erreicht, von dem aus der Mensch Klarheit über sein weiteres Vorgehen und damit über die weitere „Entwicklung“ erlangen könne996. So könne man erkennen, dass „die Unsittlichkeit und Unfreiheit unserer Verhältnisse [...]“ keinen anderen Grund hätte als die „ökonomischen Fehler[n] der Gesellschaft.“997 Dazu gehöre z.B. zu verstehen, dass die „zügellose Herrschaft der Kapitalien [...] bei dieser, dem Zufall und der Willkür überlassnen ökonomischen Ordnung, alle diese Verwirrung verursachen“ müsse „und es [...] zu berechnen“ sei, „daß unter diesen Umständen ohne Misserndten, in kurzer Zeit eine völlige Zerstörung eintreten“ werde998.
Die befreite Vernunft ermögliche es dem Menschen außerdem, die politischen und wirtschaftlichen Mittel zu erkennen, mit deren Hilfe die Freiheit aller tatsächlich erreicht werden könne. Für Dittmar ist das die Bereitstellung des für ein menschenwürdiges Leben nötigen Wohlstands, auf den alle ein Recht hätten und der die Voraussetzung dafür sei, dass die Menschen nicht ihre Menschlichkeit verlören und zu Tieren herabsänken999. Würde ein gerechter Wohlstand für alle eingeführt, so käme es automatisch zu einer freien und sittlichen Gesellschaft1000. Die „Moralisten“ früherer Zeiten hätten diesen notwendigen Zusammenhang von Geist und Materie, von der Eigenart des Menschen, ein Doppelwesen zu sein, verkannt: Sie hätten nicht gewusst, „daß Geist und Körper sich gegenseitig Bildner und Bildwerk sind und nur auf dieser gegenseitigen Vergeistigung, d.h. auf gegenseitiger Belebung der Genius der Menschheit sich frei erhebt. [...] Und dieser Bildner seiner selbst, dieses Doppelwesen fragt nunmehr mit heiligem Ernste: Was ist die erste Forderung des Menschen? Die Liebe, die Tugend? – Nein, jener erste, große Buchstabe im Alphabet des lebendigen Lebens: die Subsistenz, die Nahrung ist es und nicht die Tugend, nicht die Liebe. [...] Hierin unterscheidet sich die Erkenntniß der Gegenwart von den Moralbegriffen der Vergangenheit. Sie will das Glück auf die Gerechtigkeit und nicht auf die Liebe oder die Tugend gründen; und sie findet diese Gerechtigkeit nur darin, daß sie allen Forderungen des Menschen gerecht ist und daß sie die ersten nicht die letzten sein läßt.“1001
Dittmars Ansicht nach kann der Mensch zum jetzigen Zeitpunkt der geschichtlichen Entwicklung zudem begreifen, dass die Verwirklichung der Freiheit aller, die bisher allein als Idee existiert, von jedem selbst durch aktive Tat umgesetzt werden muss und nicht von Gott oder anderen Institutionen zu erhoffen ist. „Wen müssen wir [...] beschuldigen, wenn wir die Wogen des Verderbnisses immer näher heranstürmen sehn? Uns selbst, uns allein, die wir ruh- und thatlos uns von den Fluthen umringen lassen.“1002

Dittmar ist aufgrund der „Entwicklung“ der „Zustände“ von der baldigen Auflösung der „grellen Widersprüche“ als „der Erfüllung vieltausendjähriger Sehnsucht“ fest überzeugt1003. Ergänzend zu dieser Geschichtskraftanalyse verweist Dittmar – diskurstypisch - auch immer wieder auf den in der Gegenwart sich allenthalben bemerkbar machenden „Freiheitstrieb“, der nicht mehr zu unterbinden sei1004 und schließlich zu der Entwicklung eines völlig neuen und freieren Gesellschaftskörpers führen werde: „Die Freiheit ist nicht mehr nur das Verlangen der als liberal Bekannten, es ist das sich überall in allen Lebensverhältnissen geltend machende Bedürfniß, die alleinige Nahrung, der Inhalt unserer Zeit.“1005

4.4.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

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Das Verhältnis der Teile im menschlichen Gesellschaftskörper erscheint bei Dittmar diskurstypisch als wechselseitige Abhängigkeit. Wie sie ausführt, ist ein jedes Glied gänzlich auf das andere angewiesen. Jedes verdanke sein Glück dem anderen, und daher könne jedes die Erfüllung des Glücks gerechtigkeitshalber auch von dem anderen verlangen1006. Dies hätten die „Moralisten“ der Vergangenheit nicht erkannt, und hätten entweder in der Unterordnung des Einzelnen unter das Gesamte oder in der Überordnung des Einzelnen über das Gesamte die Voraussetzung zur Verwirklichung des Glücks der Menschheit gesehen1007.
Diese wechselseitige Abhängigkeit der Teile findet nach Dittmar – wiederum diskurstypisch – in einem stabilen Gesamtkörper statt: „Die verschiedenen Glieder derselben [der menschlichen Gesellschaft U.H ] sind so innig mit einander verwachsen, wie die Glieder Eines Körpers; das Leiden des einen Theils muß nothwendig ein Leiden des andern, wenn auch ein verschiednes und somit eine Krankheit des ganzen Körpers hervorbringen.“1008 Die Folgen dieser organischen Verbindung würden sich in der Gegenwart sehr deutlich zeigen: „Was beim niedern Volk als Unsittlichkeit erscheint und vorzugsweise so genannt wird, zeigt sich nach oben als Unredlichkeit, als raffinierte Selbstsucht, als Heuchelei. Dort materielle Noth, äußeres Elend; hier Zerrissenheit, Lebensüberdruß, moralische Trägheit; dort physische Abspannung, hier geistige Langeweile; dort Gemeinheit; hier Niedertracht. – Das sind die beiden Pole der Gesellschaft. Und sie stehn sich so nothwendig gegenüber, sie stehn in solch inniger Wechselwirkung, daß man an ihnen das Gleichgewicht zwischen Unsittlichkeit und Unfreiheit vollendet sieht. Diese Thatschen sind unleugbar, mag man auch die Ursachen verkennen.“1009
Nach Dittmar muss die Menschheit daher schon das egoistische Interesse dazu veranlassen, für den Wohlstand Aller Sorge zu tragen, da sonst jeder zunehmend mehr von dieser Ungleichheit in Mitleidenschaft gezogen würde1010. Die Unkenntnis des Gesellschaftskörperzusammenhanges sei eine wesentliche Ursache für die momentane Situation: „Das I s o l i e r u n g s s y s t e m erzeugt die Selbstsucht und aus ihr entstehen alle Übel, und nie haben sich diese greller gezeigt als in der Gegenwart.“1011

4.4.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Frauen sind für Dittmar existentiell in den menschlichen Gesellschaftskörper und dessen Entwicklungsgeschichte eingebunden. Ganz entscheidend für dessen gewaltdurchtränkte Geschichte sei nämlich, dass man Frauen nicht gleichberechtigt am politischen Leben beteiligt habe. Das hätte kontinuierlich – aufgrund des den Männern eigenen „weltzertrümmernden Princips“1012 - zum gewaltsamen Untergang aller Gesellschaftseinrichtungen geführt1013. Die Berücksichtigung der Frau müsse daher unbedingt gleichzeitig mit der in naher Zukunft eintretenden grundlegenden Veränderung des Gesellschaftskörpers unbedingt verwirklicht werden: „Wir sehn einer neuen Entwicklung entgegen, der umfassendsten, welche je die Gesellschaft neu gestaltet. Alle Theile derselben harren einer Umgestaltung. Welche Zukunft blüht dem weiblichen Geschlecht, dessen Eigenthümlichkeit noch nie in ihrer wahren Bedeutung für die Gesellschaft erkannt wurde? Nicht eher wird die Menschheit einer harmonischen Fortentwicklung fähig werden, nicht eher werden jene rohen Triebe sich läutern und edleren Empfindungen Raum geben, bis man allen Theilen der Gesellschaft das Recht gestattet, sich auszusprechen, bis man auf alle Forderungen hört, und alle gegeneinander abwägt!“1014
Die Notwendigkeit sowohl der gegenseitigen Rücksichtnahme aufeinander als auch der gegenseitigen Respektierung der Geschlechter, die besonders auch aufgrund der unauflöslichen organischen Verbindung aller Menschenglieder unabdingbar sei, verdeutlicht Dittmar mit Hilfe folgender Körpermetaphorik: „Denke Dir die Hand auf einem Instrument spielend. Jeder einzelne Finger steht zu den übrigen im Verhältniß des einzelnen Menschen zur menschlichen Gesellschaft. Nun soll aber dieser Finger auf dem Instrument ganz seine eigenen Absichten haben, wie jetzt Jeder sich nur so viel um den Andern kümmert, als er muß. Welches erbärmliche Geklimper wird er verursachen und welche schreienden Mißtöne, welches Gezerre, welche Hemmnisse und Stockungen werden in dieser Gemeinschaft entstehen. Denke Dir dagegen Alle in Übereinstimmung verfahrend. Welcher Gewinn, welche Fülle von Harmonie, welcher rasche Fortgang, welche Mannichfaltigkeit der Töne, welches Zusammenwirken, welcher ewige Wechsel in steter Musik! Doch nun knüpfe daran noch ein anderes Verhältniß. Denke dir das männliche und weibliche Geschlecht wie die rechte und linke Hand. Die rechte sei die männliche und die Finger der linken tasteten vereinzelt umher. Welche verdoppelte, verzehnfachte Mißlaute. Doch nun suchen beide nach Übereinstimmung, aber der höhere Gedanke, der Gedanke der Harmonie ist ihnen fremd, und so finden nur Wenige das was sie Übereinstimmung nennen: sie greifen Einen Ton. Es ist aber diese Eine Ton nur eine Verminderung der allgemeinen Disharmonie, keine Erweckung, keine Vermehrung des Einklangs. Dazu kommt nun noch eine größere Stärke der rechten Hand, die das Instrument allein beherrschen will. Wo die linke eine Versuch macht, sich darzustellen, stürmt die rechte rücksichtslos darüber hin, denn nur sie will die Töne anschlagen. Sie ist in ihrer blinden Willkühr und in ihrer erlangten Virtuosität die beständige Negation der linken. Ihre Kraft verkennend, zerstört sie, statt zu heben. In demselben Verhältniß befinden sich die verschiedenen Völker, die gleichfalls sich ihres Zusammenhanges so wenig bewußt sind, wie die linke und rechte Hand, und gegeneinander stürmen und alles Glück und allen Frieden vernichten. O welcher Wahnsinn, welches Elend entsteht doch daraus, daß die Menschen sich weder ihrer unauflöslichen Verbindung bewußt sind, noch eine Ahnung von göttlicher Harmonie haben!“1015
Laut Dittmar habe man in der bisherigen Geschichte jedoch nicht nur die gleichberechtigte Mitwirkung der Frauen an öffentlichen Angelegenheiten unterbunden. Auch eine freie Entwicklung der natürlichen Charakteranlagen der Frauen habe bisher noch nicht stattfinden können. Dafür sei zum einen der Mann verantwortlich, der der Frau vorschreiben würde, wie sie zu sein hätte1016. Die sich ihrer Ansicht nach durch die Geschichte ziehende Unterdrückung der weiblichen Entwicklung fasst Dittmar in folgendes Bild: „Gleiche Ursachen erzeugen gleiche Wirkungen. Wenn man vor dreitausend Jahren ein Mittelding von Raupe und Schmetterling in eine Schachtel that und den Deckel nicht öffnete, so flog niemals ein Schmetterling heraus. So ist es gerade noch.“1017 Für die unvollständige Entwicklung der weiblichen Natur seien laut Dittmar zum anderen aber auch die gewaltsamen Umstände der Vergangenheit und Gegenwart ursächlich: „[...] ich begriff, wie vor Allem das weibliche Geschlecht nothwendig so lange verkannt und unterdrückt bleiben mußte, indem das weibliche Wesen nur in wohlgeordenten, nur in wahrhaft sittlichen Zuständen gedeihen kann [...]“. Die Herbeiführung „wahrhafter sittlicher Zustände“ erscheint damit nicht nur als allgemeinmenschliche Notwendigkeit, sondern speziell als unabdingbare Voraussetzung für die naturgemäße Entwicklung der Frau.

4.4.1.2 Der politische Entwurf

Dittmar unterbreitet keine konkreten Vorschläge, welche Institutionen und Verfahrensweisen man einzurichten habe, damit der von ihr erkannte gesunde Gesellschaftskörper, auf den die Geschichtskräfte der Vergangenheit und der Gegenwart hinarbeiten würden, konkret realisiert werden könne, sondern belässt es bei der Analyse der Gegenwart.

4.4.2 Louise Ottos Artikel

4.4.2.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.4.2.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

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Otto sieht die Geschichte explizit als „ein lebendiges organisches Ganze[s], an dem Glied mit Glied in ewiger Nothwendigkeit verbunden ist [...]“1018. Dabei zeichnet sich in ihren Augen deutlich ab, dass sich dieser Organismus momentan in einer Übergangsphase befinde: „[...] rasches Leben durchzuckt die Gegenwart, alle Kräfte sind in Bewegung, und die Bewegungen sind im Kampf mit einander; neue Elemente haben sich erhoben, drängen hier weiter nach vor, dort wieder rückwärts; - feststehen kann nichts - wie ein elektrischer Schlag in unendliche Gliederungen setzt der erwachte Zeitgeist seine Zuckungen, seine Bestrebungen fort; [...].“1019 Die entscheidende Kraft die dabei zur Verwirklichung dränge, sei der Geist der Freiheit1020.

4.4.2.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Nicht nur die Geschichte ist für Otto ein großer Organismus, in dem alles zur Freiheit drängt. Auch der Staat wird von ihr explizit als Körper metaphorisiert1021, dessen Aufbau sich aufgrund des sich durchsetzenden Freiheitstriebes nun durch die Verbindung „lebendiger“ Glieder auszeichne, anders als die früheren „eisernen“ Staatsformen, deren Bestandteile „tote Maschinen“ gewesen seien1022. Durch diese Gegenüberstellung betont sie die Freiheit und Eigenständigkeit der im Ganzen zusammengeschlossenen Teile. Den diskurstypischen Aspekt der trotz dieser Freiheit starken wechselseitigen Verbundenheit der Glieder hebt sie ebenfalls hervor: „Alles, Alles was nach Freiheit strebt, muß einander heben und tragen – denn die Freiheit ist nur Eine! eine Sonne, die mit ihrem heiligen belebenden Hauch alle Glieder und Poren des Staatskörpers durchdringen muß und die ihm noch gar nicht aufgegangen!“1023

4.4.2.1.3  Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Aufgrund der organischen Einheit und wechselseitigen Verbundenheit der Glieder im Staatskörper erscheint Otto auch die Teilhabe der Frauen an der allgemeinen freiheitlichen Entwicklung des Staatskörpers unabdingbar1024. Auf das Gegenbild der „Staatsmaschine“ früherer Zeiten anspielend, führt sie aus: „Wer die Politik ein fremdes Element für die Frauen nennt, der muß sie auf die niedrigste Stufe im Staate stellen, der muß in einer Zeit, wo Alles zum heiligen Bewußtsein des Staatenlebens erwacht – ein ganzes Geschlecht zum stumpfen Sklavenjoch verdammen, damit es bewußtlos mechanisch seine Geschäfte verrichte und in jener Dumpfheit verharre, welcher sogar der sich entringt, der vom Morgen bis zum Abend im Schweiß seines Angesichtes das Feld des fremden Herrn bestellt [...].“1025
Tatsächlich würden die Frauen laut Otto auch schon von dem allgemeinen Trieb zur Freiheit und Anteilnahme an öffentlichen Angelegenheiten erfasst1026. Dies zeige sich bereits empirisch. Als Beleg dafür führt Otto z.B. an: „Wie unser Verfassungsleben weiter sich ausbildete, wie die Theilnahme des Volks an den Kammerverhandlungen eine immer ausgebreitetere, allgemeinere ward, so ist sie es auch bei den Frauen geworden, und namentlich während des letzten sächsischen Landtags hat es wohl unter den gebildeten sächsischen Frauen nur Wenige gegeben, welche, wenn es ihnen an Zeit oder Ausdauer gebrach, die Landtagsmittheilungen selbst zu lesen, ihnen nicht wenigstens in den Auszügen, welche die Zeitschriften gaben, gefolgt wären.“1027

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Um die unabdingbare Naturnotwendigkeit zu untermauern, diese von der Geschichte gewollte und herbeigeführte Entwicklung der Anteilnahme der Frau an politischen Angelegenheiten gutheißen und fördern zu müssen, argumentiert Otto zusätzlich mit einer anthropologischen Triebanalyse: Ihrer Ansicht nach habe die Frau nämlich eine besondere Anlage dazu, zu lieben: „Die L i e b e ist das Höchste und Edelste in jeder Menschennatur, aber der weiblichen Natur ist sie das Unentbehrlichste. Das Weib ist vorzugsweise dazu berufen. [...] Aber wohl verstanden: diese Liebe sei nicht Schwäche, sondern Kraft, kein träumender bewußtloser Trieb, sondern ein lebendiger selbstbewußter Wille.“1028 Diese besondere Liebeskraft der Frau müsse ihrer Ansicht nach auch auf den Staat bzw. die öffentlichen Angelegenheiten Anwendung finden: „Es kann und wird Niemand einfallen, einem Weibe das Recht streitig zu machen, das Vaterland zu lieben. Wo aber die Liebe recht groß ist, da fragt sie nicht: habe ich das R e c h t, an den geliebten Gegenstand zu denken? habe ich die P f l i c h t, mich mit ihm zu beschäftigen? Nein! Sie fragt nicht – sie m u ß des Geliebten denken, m u ß sich wenigstens im Geist und Gemüth mit ihm beschäftigen, k a n n n i ch t gleichgültig bei seinen Schicksalen bleiben.“1029
Vor dem Hintergrund dieser besonderen Liebesbegabung der Frau erscheint für Otto die mangelnde Anteilnahme der Frauen an öffentlichen Angelegenheiten sogar als vollständig unnatürlich: „[...] ich wollte sagen: es ist unsittlich, wenn die Theilnahme der Frauen am Staatsleben unterbleibt – es ist unsittlich, weil es widernatürlich ist.“1030

Otto sieht die Förderung der Teilnahme der Frauen an politischen Fragen jedoch auch aus dem Blickwinkel des Staatsinteresses für unverzichtbar an. Denn nur durch diese seien die Frauen in der Lage, ihre Kinder zu Staatsbürgern zu formen1031. Diese Macht hätten sie, da „einer Mutter mehr als jedem anderen Menschen Gelegenheit gegeben [sei], den ersten Samen des Guten und Großen in das zarte Kinderherz zu streuen [...] und allen Trieben des kindlichen Herzen eine Richtung auf die reinsten und heiligsten Bestrebungen zu geben.“1032 Sie sei in der Lage, „das Gefühl der Vaterlandsliebe mit patriotischen Liedern und Erzählungen zu wecken und recht tief hineinzusenken in das Kinderherz.“1033 Diese große Macht über die Kinder könne und dürfe dem Staat nicht gleichgültig sein1034: „Ja, ich sage nicht zu viel: macht, daß die deutschen Frauen von Theilnahme für die Interessen des Staates erfüllt werden, und ein großer Schritt in unserer staatlichen Entwickelung ist nach vorwärts gethan.“1035

Otto bedauert sehr, dass es keine Kulturgeschichte gebe, in der das sich wandelnde Verhältnis der Frau zur Gesellschaft erforscht worden sei, um von diesem gesicherten Boden aus auf die weitere Entwicklung dieses Verhältnisses in der Zukunft schließen zu können. Damit bekennt sich Otto eindeutig zu der historischen Herangehensweise der Kräfteanalyse: „Und wie nun alles Geschichte ist und hat: jede Nation, jede Erfindung, jede Gesellschaft, so hat auch die Stellung der Frauen zur Gesellschaft ihre Geschichte, gleich der Gesellschaft selbst, und muß sich, wie diese und mit dieser, auf historischem Wege weiter entwickeln, verändern und vollenden. Aber der Entwickelungsgang der Gesellschaft ist gleichsam der eines Ganzen, und geht hier und als solcher schneller als derjenige im Verhältniß der Frauen zu ihr, denn dieser ist nur der Theil dieses Ganzen. – Es wäre wohl schön, wenn einmal Jemand es übernehmen wollte, ein geschichtliches Werk über die Stellung der Frauen zur Gesellschaft zu schreiben, wie diese von den frühesten Zeiten an bis auf die Jetztzeit gewesen und geworden. Der Mangel eines solchen Werkes wird immer fühlbarer, je mehr es zum Bedürfniß der Zeit geworden ist, auf historischem Grund und Boden Lehren für die Gegenwart, Aussichten für die Zukunft zu suchen, je mehr die Frauen anfangen zu fühlen, daß auch sie mitzählen dürfen unter der Einwohnerschaft ihres Vaterlandes, daß sie nicht nur Gattinnen und Mütter bei ihrem Volke, sondern die Hälfte dieses Volkes selbst sind.“1036

4.4.2.2 Politische Forderungen

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Um die Frauen zur Anteilnahme an den Staatsangelegenheiten zu motivieren, was – ihrer Ansicht nach - bisher noch nicht im gewünschten Ausmaß gelungen sei1037, sowie die Frauen überhaupt zu dieser Anteilnahme zu befähigen, müssten laut Otto verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Zunächst müsse der Schulunterricht für die Mädchen so gestaltet werden, dass sie „Geschichte als lebendiges organisches Ganzes“ vermittelt bekämen1038. Sie sollten die lebendige Entwicklung und Veränderung der Staaten begreifen und mit der Zeitgeschichte vertraut gemacht werden1039. Des Weiteren sei unabdingbar, „d a ß n i c h t a l l e r U n t e r r i c h t m i t d e r C o n f i r m a t i o n a b g e s c h l o s s e n“1040 werden dürfe, da der Naturtrieb der Frau zur Liebe wie jede Naturanlage kultiviert werden müsse1041. Er brauche den „Boden“ des Wissens1042. Ohne diese Bildung sei „die Gefühlsinnigkeit stumpfer Instinkt, das Herz ein ewiges Kind und die Liebe eine Schwachheit“1043. Außerdem würde „ohne eine sichere Basis gründlicher Kenntnisse – wie man sie eben in der Schule allein sich nicht erringen kann – [...] eine Frau bei politischen Gesprächen leicht in die Gefahr kommen, sich lächerlich zu machen, oder beim Lesen politischer Berichte über Manches im Unklaren zu bleiben, was zum genauen Verständniß der Sache durchaus notwendig ist – Grund genug, die Frauen von der Politik zurückzuschrecken.“1044 Otto ist es dabei wichtig, die Mädchen aller Volksklassen in den Genuss von Bildung kommen zu lassen. „Es wird dann eine Zeit nothwendig kommen, wo der Proletarier gegen den Bourgeois auftritt, wie dieser jetzt gegen den Baron. Damit eben diese Zeit nicht komme, gilt es, den Pöbel aufzuheben [...]“1045. Den Mädchen der niederen Stände solle jedoch keine höhere Bildung, sondern nur ein „innere[r] feste[r] moralische[r] Halt“ und die für einen späteren Beruf notwendigen Kenntnisse durch den Unterricht vermittelt werden1046. „Die dritte Forderung aber, wenn das Interesse der Frauen am Staatsleben eine Wahrheit werden soll, ist: d a ß d i e F r a u e n s i c h ü b e r h a u p t f r e i e r d u r c h’s L e b e n b e w e g e n l e r n e n u n d b e w e g e n d ü r f e n. Dies eben kann zunächst nur durch i n d i v i d u e l l e Bildung befördert werden [...].“1047 In diesem Zusammenhang fordert sie die Möglichkeit für Frauen, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu können1048. Dies sei nicht zuletzt auch deshalb unabdingbar, weil die Frauen sich dann nicht zu einer Ehe ohne Liebe verkaufen müssten. „Wie schmachvoll für eine deutsche Jungfrau – aber noch mehr für Deutschland selbst, das zu seinen Töchtern sagt: Seht zu, daß Ihr Euch bald einem Mann verkauft, der Euch anständig ernähren kann und dem Ihr dafür sein Hauswesen führt – was Euer Herz dazu sagt, ist einerlei. Ihr dürft es, um Eure ‚weibliche Bestimmung zu erfüllen, nicht zu genau nehmen mit Euren weiblichen Gefühlen.’“1049 „Hätten die Mädchen Gelegenheit, sich Kenntnisse zu erwerben und eine selbstständige Stellung im Leben einzunehmen, so wäre das nicht so. Hätten sie die Fähigkeit, die weibliche Erziehung [...] als Lehrerinnen zu leiten, in kaufmännischen Geschäften, von denen viele gerade besser für Frauen- als für Männerhände sich eignen, zu wirken, so könnte es doch vielleicht sein, daß die Ehe in Deutschland wieder zu ihrem natürlichen Rechte käme und nicht wie jetzt in tausend Fällen nur zu einer ‚Versorgungsanstalt’ des weiblichen Geschlechts herabgewürdigt würde.“1050

Als wesentliche Unterstützung zur Entwicklung des Interesses von Frauen an politischen Dingen nennt Otto zudem die generelle Ausweitung des öffentlichen Lebens: „Gebt unserem Staate ein größeres öffentliches Leben, Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens, allen Städten Öffentlichkeit der Stadtverordnetensitzungen, Öffentlichkeit allen Vereinen und Versammlungen, welche dem Wohl einer vaterländischen Anstalt gewidmet sind, und Ihr sollt sehen, wie bald und schnell und allgemein die Frauen ihre Theilnahmlosigkeit an der Politik aufgeben werden [...].“1051
Trotz dieser eindeutigen Parteinahme für die Rechte der Frauen lehnte Otto es explizit ab, als ‚Emanzipierte’ zu gelten. Ihr ist sehr wichtig zu betonen, dass sie mit ihren Vorschlägen keine „Einimpfung fremder, männlicher Bestrebungen“1052 propagiere oder gar zu radikalen Maßnahmen aufrufe1053. Wohl um nicht in den Zusammenhang mit Forderungen nach mehr sexueller Freizügigkeit gebracht zu werden, grenzt sich Otto auch vehement von Louise Aston ab. „Ich bemitleide sie wegen ihrer Richtung, weil diese eben eine Folge all’ der ungerechten Beschränkungen ist, welche die gegenwärtigen Verhältnisse den deutschen Frauen noch auferlegen, aber ich erkenne in einer solchen Frau, wie die Aston, die größte Feindin eines Strebens, welches sich eine Hebung der deutschen Frauen zur Aufgabe gemacht hat.“1054 Otto zu Folge gebe es für die Frau „keinen schönern Beruf [...], als die Gattin eines geliebten Mannes zu sein, seine Sorgen zu theilen und wo sie kann, von ihm zu nehmen [...].“1055 Es unterliege keinem Zweifel, „daß es nichts Heiligeres auf Erden giebt, als den Beruf einer Mutter – daß nie und nirgend ein Weib so Schönes und Großes wirken, nie und nirgends ihre innerste weibliche Natur so segenbringend entwickeln kann, als in diesen Verhältnissen [...].“1056 Ottos Vision in Hinblick auf die Stellung der Frau in der Gesellschaft sieht daher folgendermaßen aus: „Es wird eine Zeit kommen, da wird das Weib mit dem Gatten auch Eins sein in der Liebe zum Vaterland, wie sie in Allem mit ihm Eins sein soll - und wo eine Jungfrau außer dem segensreichen Wirkungskreis der Gatten- und Mutterliebe steht, da wird sie nicht mehr über ein verfehltes Leben zu klagen brauchen, da wird das Vaterland ihr Geliebter sein, da wird sie ihm ein Leben widmen, das auch bei beschränktem weiblichen Wirken nicht ohne Glück, nicht ohne Segen sein wird!“1057

4.4.3 Louise Astons „Meine Emancipation“

Astons Verteidigungsschrift, die sie aus Anlass ihrer Ausweisung aus Berlin verfasste1058, um die Öffentlichkeit über die Hintergründe ihres Falles in Kenntnis zu setzen, enthält keine ausführliche Grundsatzphilosophie. Es geht Aston vielmehr hauptsächlich um die anschauliche Darstellung des konkreten Unrechts, das ihr ihrer Ansicht nach angetan worden war und darum, mit Hilfe ihres Falles deutlich zu machen, wie sehr politische Willkür und Unterdrückung der Persönlichkeitsrechte noch an der Tagesordnung sind1059. Sehr interessant ist es, dass sich auch in dieser Schrift deutliche Spuren des diskurstypischen Organologiedenkens auffinden lassen.

4.4.3.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.4.3.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung

↓71

Aston identifiziert – diskurstypisch - einen menschheitsgeschichtlichen Trieb, und zwar einen „Drang [...] nach freierer Gestaltung“, der sich in diesem Jahrhundert zeige und die Entwicklung der Geschichte bestimme1060.

4.4.3.1.2 Das Geschlecht und der Entwicklungsprozess

In diesen Entwicklungsgang der Geschichte – so fordert Aston – müssten nun auch die Frauen eingebunden werden: „Wir Frauen [...] verlangen jetzt von der neuen Zeit ein neues Recht; nach dem versunkenen G l a u b e n des Mittelalters Antheil an der F r e i h e i t dieses Jahrhunderts [...].“1061 „Unser höchstes Recht, un’sre höchste Weihe ist d a s R e c h t d e r f r e i e n P e r s ö n l i c h k e i t, worin uns’re Macht und all unser Glauben ruht, d a s R e c h t, unser eigenstes Wesen ungestört zu entwickeln, von keinem äußern Einfluß gehemmt; den innern Mächten frei zu gehorchen, die Harmonie der Seele durchzubilden, mag sie auch ein Mißklang scheinen gegenüber dem herrschenden Glauben der Welt.“1062

Die geforderte Freiheit müsse sich dabei bei der Frau – anders als beim Mann – mehr auf das Gefühl beziehen: „Und wie die bewußten Söhne dieses Jahrhunderts die Freiheit des Gedankens fordern, auf daß nicht länger das höchste Gut des Menschen der Laune und Willkür preisgegeben sei: so müssen seine Töchter die Freiheit des Gefühls verlangen [...].“1063 Trotz ihrer besonderen Gefühlsbegabung sei die Frau jedoch von Natur aus auch zu dem „höheren Leben des Gedankens“ befähigt1064. „Mag sie [die Frau] mehr Phantasie, mehr Gefühl haben; mag die Idee bei ihr gleich die Gestalt irgend einer Persönlichkeit annehmen, und eine ewige Menschwerdung feiern, um der Anbetung des Herzens zugänglicher zu werden: es ist doch etwas Allgemeineres, etwas Höheres, was dann den feurigen Pulsschlag belebt; und in der Poesie des weiblichen Herzens feiert der Gedanke des männlichen Kopfes ein fröhliches Auferstehen zu neuem doppeltem Leben. Das F ü h l e n verlangt dieselbe schrankenlose Freiheit, wie das D e n k e n, um nicht durch unwürdigen Zwang entehrt zu werden.“1065

4.4.3.2 Politische Forderungen

↓72

Aston fordert als Grundbedingung für die freie Gefühls- und Persönlichkeitsentwicklung der Frau in erster Linie, die Notwendigkeit der Ehe abzuschaffen und deren Auflösung zu erleichtern1066: „Ich verwerfe die E h e, weil sie zum Eigenthume macht, was nimmer E i g en t h u m sein kann: d i e f r e i e P e r s ö n l i c h k e i t [...]“1067. „Ich weiß es, welcher Entwürdigung eine Frau unter dem heiligen Schutze des Gesetzes und der Sitte ausgesetzt ist [...]“.1068 „G e o r g e S a n d tritt uns als die Prophetin dieser freien schönen Zukunft entgegen, indem sie die Zerrissenheit und Nichtigkeit der jetzigen Verhältnisse mit unendlicher Wahrheit schildert. Durch die ganze neuere französische Litteratur geht dieser Zug des Schmerzes und der Sehnsucht, der heiligen oft entweihten Liebe einen Tempel zu bauen. Dies ist die einzige Frauen=Emancipation, an der auch meine Sehnsucht hängt, das Recht und die Würde der Frauen in freieren Verhältnissen, in einem edleren Cultus der Liebe wieder herzustellen.“1069 Ehe, Ehekritik und Liebe sind in Astons sonstigen Schriften ebenfalls die zentralen Themen1070.
Zur freien Persönlichkeitsentwicklung gehört Astons Meinung nach zudem eine umfassendere weibliche Bildung, die sie ebenfalls einfordert: „B i l d u n g erst giebt dem Leben und der Liebe die höhere Weihe und die innere Freiheit, ohne welche jede äußere Freiheit zur Chimäre wird. Nicht die Bildung des Confirmanden=Unterrichts, nicht die Bildung der Pensions=Institute; nein, das höhere Leben des Gedankens, wozu die Frau von der Natur eben so befähigt und berechtigt ist, als der Mann.“1071
Für Frauen – wie für Männer - müsse außerdem gelten, dass Glaube und Religion Privatsache sei, die niemanden etwas angehen, erst recht nicht den Staat. „Mein Glaubensbekenntniß ist fernen in religiöser Beziehung abweichend von dem officiellen Glauben des Staates. [...] Ich nehme das Recht in Anspruch, auf ‚m e i n e F a c o n’ selig zu werden, mich auf m e i n e Art mit dem Weltall zu vermitteln; ein Recht, das den Frauen so gut zusteht, wie den Männern.“1072

4.5 Der Text des Konservativismus

4.5.1  Stahls „Philosophie des Rechts“

4.5.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.5.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Stahls politische Philosophie fußt ganz wesentlich auf dem Modell des Organismus. Seiner Ansicht nach hat Gott den Menschen von Anfang an nicht nur als Individuum, sondern auch als Gemeinschaftswesen geschaffen1073, der Mensch gehöre einem Ganzen an, dem er sich als Glied hingeben solle1074. Mit dem Vergleich der Menschheit mit einem Baum – dem Kantschen Paradebeispiel für einen Organismus – unterstreicht Stahl den grundlegenden organischen Zusammenhang der Menschen: „Jedes Blatt eines Baumes kann für sich grünen oder verwelken; aber jedes leidet durch die Krankheit der Wurzel und genest durch ihre Heilung. – Je flacher nun ein Mensch ist, desto mehr wird ihm alles isolirt erscheinen; denn auf der Oberfläche liegt Alles auseinander. Er wird in der Menschheit, in der Nation, ja in der Familie selbst bloß Individuen sehen, bei welchen die That des einen mit der des anderen keinen Zusammenhang hat. Je tiefer aber Jemand ist, desto mehr dringen sich ihm diese innerlichen, aus dem Mittelpunkt kommenden Beziehungen der Einheit auf. Ja die Liebe des Nächsten selbst ist ja nur die tiefe Empfindung dieser Einheit; denn nur mit dem man sich als Eines erkennt und fühlt, den liebt man [...] Was die christliche Nächstenliebe für das Gemüth, das ist jene Einheit des Menschengeschlechts für die Erkenntniß.“1075
Die natürliche Macht und Gemeinschaft, in die sich das menschliche Geschlecht gruppiert, ist für Stahl das Volk1076, das sich wiederum organisch aus der Familie herausgebildet und im Staat endgültig organisiert habe1077. Geleitet würden die Menschen bei der Ausbildung des Staates dabei von ihrem ihnen „eingepflanzten natürlichen Bewußtsein“1078.
Bei Stahl ist es dabei explizit die von Gott festgelegte Bestimmung, die den staatlichen Organismus wie alle anderen Naturobjekte zu immer höheren Zuständen reifen lässt: „Die Idee eines jeden Lebensverhältnisses mit solcher ihrer schon im Naturtriebe beginnenden und aufwärts zur sittlichen Ordnung sich erhebenden Wirksamkeit ist das, was die Anschauung des A r i s t o t e l e s erfüllt, und was er als [...] das télos bezeichnet, nämlich als einen den Verhältnissen selbst innewohnenden und in ihnen verwirklichten T r i e b u n d Z w e c k d e r N a t u r. Nach christlicher Auffassung erscheint sie aber zugleich als von Gott den Lebensverhältnissen gesetzte B e s t i m m u n g und den Menschen gesetzter B e r u f für dieselben.“1079
Die Entwicklung der Menschheits-, Volks- und Staatsorganismen in der Geschichte verfolgt laut Stahl dabei ein höheres Ziel, das Gott in seinem Schöpfungsplan festgelegt habe. Die Aufgabe der Weltgeschichte sei es: „[...] den unentfalteten Zustand der Menschheit zu dem der völligen Entfaltung zu erheben.“1080 Im Unterschied zu den meisten anderen in dieser Arbeit analysierten Philosophien erscheint es in dem Entwurf Stahls jedoch unmöglich, dass die Menschen aus eigener Tat heraus eine vollkommene Ordnung erreichen können1081. Zu dem Zustand der Vollendung könne die Geschichte nicht gelangen. „Dieser kann vielmehr nur durch eine That Gottes erfolgen, welche die Grundbedingungen des irdischen Zustandes aufhebt.“1082
Die Höherentwicklung des nach Gottes Willen von selbst wachsenden Organismus hat bei Stahl diskurstypisch dennoch durch die Mithilfe der Menschen zu geschehen: „Das Alles ist nun schon durch die Natur gegeben. Nicht minder aber hat die G e m e i n e x i s t e n z a l s s o l c h e e t h i s c h e A n f o r d e r u n g e n, d.i. die durch Willen und That der Menschen erfüllt werden sollen [...].“1083 Trotz des offensichtlichen Widerspruchs, dass der Mensch die Höherentwicklung frei umsetzen solle und zugleich dazu durch die Natur von Gott determiniert sei, weicht Stahl von diesem Anspruch nicht ab: „Die Hauptschwierigkeit gegen die Freiheit des menschlichen Willens ist ihr Widerspruch gegen die E i n h e i t u n d N o t h w e n d i g k e i t d e s W e l t p l a n e s. [...] Wir müssen nun des scheinbaren Widerspruchs ungeachtet an b e i d e n festhalten, der Einheit des Weltplanes und der menschlichen Freiheit. [...] Eine solche Wechselwirkung zwischen göttlicher Fügung und menschlicher Entschließung, als der Thätigkeit zweier selbständiger Persönlichkeiten, die in jedem Punkte sich durchdringt, postuliren wir also, und müssen sie nach unserm Standpunkte postuliren, wenn wir gleich eingestehen, daß dieselbe weit über unserer Einsicht und Anschauung und deßhalb auch über unserer Nachweisbarkeit ist.“1084

4.5.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Im Zentrum der politischen Philosophie Stahls steht die Darlegung, wie der zu entwickelnde Zustand, den Gott verwirklicht haben wolle und an dessen Umsetzung die Menschen mitzuwirken hätten, exakt auszusehen habe.
Nach Stahls Auffassung hat der Mensch dem ‚sittlichen Reich’ bzw. der ‚Persönlichkeit Gottes’ auf Erden zur Verwirklichung zu verhelfen1085: „Ist die Ursache der Welt persönlich, so ist Persönlichkeit auch der Urtypus derselben, der sich in ihren Bildungen manifestirt, und zu dem erhoben zu werden sie den Trieb und die Bestimmung hat.“1086 „Persönlichkeit“ Gottes und „sittliches Reich“ verwendet Stahl dabei synonym1087. Dieser Persönlichkeitsbegriff, den Stahl aus seinem religiösen Glauben an den persönlichen Gott schöpft1088, ist zentraler Ausgangspunkt seiner Darlegungen und Ableitungen: „Daß ich die Lehre von der Persönlichkeit und Freiheit Gottes auch jetzt wieder an die Spitze stellte, verstand sich von selbst. Sie ist an sich die oberste entscheidende Lehre für jede philosophische Konception, von einem Einfluß namentlich auf das gesammte ethisch-politische Gebiet, wie ihn die nächste Betrachtung nicht ahnet, und ist insbesondere die Kardinalfrage der Gegenwart.“1089 Dabei ist ihm wichtig zu betonen, daß alle anderen politischen Philosophen ebenso von ihrem jeweiligen Glauben ausgehen müssten1090.
Die wesentlichen Inhalte der Persönlichkeit bzw. des Reichs Gottes sind für ihn dabei folgende: Zum einen, daß die Persönlichkeit Gottes „Substanz im wahren Sinne“ sei und daher in allen Accidenzen, in allen Objekten der Schöpfung dieselbe bleibe, auch wenn sie sich von ihnen unterscheide, zeitlich mit ihnen auseinander trete und zu jeweils wiederum eigenständigen Persönlichkeiten führe. „Nur sie ist die Einheit, das Eine unwandelbare bei sich bleibende Subjekt, in der Mannigfaltigkeit ihrer Attribute und in der Reihenfolge ihrer Thaten bez. dem Wechsel ihrer Zustände.“1091 Zum anderen spielt die Freiheit der Wahl Gottes und seine Aktivität bei der Schöpfung für das Konzept der Persönlichkeit eine tragende Rolle1092. Die Menschen, als Nachempfindung der Persönlichkeit Gottes, müssten diese aktive Zustimmung und Möglichkeit der freien Wahl ebenfalls zugesprochen bekommen.
Diese Vorstellung von Gottes Persönlichkeit und seiner Schöpfung wird von Stahl mit Hilfe der diskurstypischen Organismusvorstellung in ein ableitungsfähiges Modell gegossen, an dem sich die Menschheit zur organischen Weiterentwicklung der Idee Gottes orientieren kann und mit dessen Hilfe auch er selbst in seiner politischen Philosophie alle politischen Maßnahmen ableitet. Der Organologiemetapher kommt daher in Stahls Philosophie eine zentrale Bedeutung zu. Zwar grenzt sich Stahl von ihr ab, indem er den Organismus als lediglich zufälliges Objekt bezeichnet, das man zum Erklärungsprinzip aller Dinge gemacht habe1093. Da er jedoch sein Persönlichkeitsmodell als Steigerung des Organismus, quasi als Organismus mit entscheidenden Zusatzqualitäten, die er aus der Person Gottes ableitet, entwirft, bleibt die Organologiemetaphorik auch bei ihm ubiquitär1094.
Ein einfacher Organismus zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass er „in Zahl und Art beschränkte, verschiedenartige Glieder [habe], die, sich wechselseitig ergänzend, keines eine selbstständige Existenz für sich hat, und die er selbst alle bedarf, um dieser Organismus zu seyn (Kopf, Rumpf, zwei Arme, Beine u.s.w.)[...]“1095. Der zur Persönlichkeit/zum Leib oder zum sittlichen Reich gesteigerte höhere Organismus weise hingegen entscheidende von der Person Gottes abgeleitete Zusatzqualitäten auf. Das seien im Wesentlichen die Eigenständigkeit und Freiheit der Bestandteile bei gleichzeitiger Gebundenheit an das Gesamte: „[...] dagegen das Reich enthält eine unbegränzte Menge gleichartiger selbstständiger Existenzen, die sich weder unter einander wechselseitig voraussetzen, noch zu seinem Begriff gerade als diese erforderlich sind, aber unter einer höhern Beherrschung stehen. In diesem Sinne sprechen wir von Naturreichen. Das Pflanzenreich wäre Pflanzenreich, auch wenn das oder jenes Exemplar, ja die oder jene Art oder Gattung fehlte, und die eine Pflanze bedarf nicht der anderen. Ein Reich aber nennen wir den Inbegriff der gleichartigen Naturgebilde, weil auch hier ein höherer beherrschender Geist in alle diese Existenzen aufgenommen ist, also sie beherrscht; denn alle Herrschaft ist ja Aufnehmen des Denkens und Wollens des Herrschers in das Seyn des Beherrschten. Wir müssen uns den göttlichen Geist im Momente des Schaffens, also thätig denken, wie er seine Gedanken dem Stoffe einbildet in systematisch fortschreitender auf einander berechneter Weise, und dieser von ihnen erfüllt wird, um wahrhaft zu erkennen, daß die Natur aus Reichen besteht, ein Reich ist. – So denn auch in den sittlichen Verhältnissen.“1096 Dieser Punkt zeigt sehr deutlich, dass auch Stahl exakt die diskurstypische Vorstellung der wechselseitigen Abhängigkeit bei bestehender Eigenständigkeit von Teil und Ganzem im Organismus vertritt.
Im Originalton hört sich das von ihm von der Politik geforderte „Steigerungsprogramm“ zum höheren Organismus folgendermaßen an: „Dem allgemeinen Zuge nach dem Persönlichen unterliegen denn auch die rechtlichen Institutionen. Sie sollen zunächst einen o r g a n i s c h e n  Charakter tragen, weil das Organische das Nachbild, der Typus der Persönlichkeit im Unpersönlichen ist. Dann sollen sie gesteigert werden zum Charakter des P e r s ö n l i c h e n, jegliche nach ihrer Beziehung[...].“1097 „Die Einheit des Organismus ist nur wesenheitlicher, nicht aktueller Art, und ist deßhalb nur Einheit der Glieder in der Totalität des Organismus, nicht ihrer untereinander. Die Persönlichkeit aber ist a b s o l u t e Einheit. Die Eigenschaften, Kräfte, Beziehungen der Person sind nicht nur zusammen die Eine Person, sondern in jeder einzeln ist die ganze Person, also die sämmtlichen übrigen Eigenschaften, Kräfte, Beziehungen derselben gegenwärtig und wirksam. Eben so ist es bei jedem einzelnen Willensakte das ganze volle Ich, die Fülle seines Seyns und Selbstbewutßseyns [...], das ihn hervorbringt, und je mehr das der Fall, desto höher ist die Persönlichkeit, bis hinauf zur absoluten Persönlichkeit Gottes“1098.
Als Beispiel für diese Vorstellung der von der Politik zu leistenden Steigerung des niederen Organischen zur Persönlichkeit als einem höheren Organismus sei an dieser Stelle Stahls Ausführung zur Neuorganisation der Gemeinden angeführt :„Der Fortgang in der Geschichte von der frühern Autonomie zur echten Centralisation ist ein Fortgang vom niedern Organismus zum höhern Organismus. Nach älterm Zustande waren die Glieder des Staates, die Städte und Korporationen wie die Grundherrschaften, zwar von dem Ganzen getragen, aber nicht von ihm bestimmbar, nicht mit Sicherheit beherrscht und in Bewegung gesetzt, sondern völlig unabhängig – das ist der Charakter des bloß Organischen, oder des n i e d e r n O r g a n i s m u s (ähnlich der Pflanze). Nach neuern Staatsprincipien sollen sie zwar eine selbstständige freie Thätigkeit für ihren Kreis behalten, aber der Einen Staatsherrschaft unterworfen, von ihr umschlossen und b e s t i m m b a r seyn, und das ist der Charakter des h ö h e r n O r g a n i s m u s, des L e i b e s, der einem Geiste, d. i. einer P e r s ö n l i c h k e i t oder einem s i t t l i c h e n R e i c h e, als Träger dient und daher selbst völlige Einheit, Centralbeherrschung seiner Glieder besitzt. Diesem h ö h e r O r g a n i s c h e m (dem Leibe) ist nur scheinbar der M e c h a n i s m u s verwandt, der eine ähnliche Einheit enthält, aber nur dadurch, daß er alles eigne Leben der Theile vernichtet, sie zu bloßen Mitteln und Instrumenten herabsetzt. Jenes ist die wahre Centralisation, welche ein Beruf der Zeit ist, dieses die falsche, die man seit Ende des vorigen Jahrhunderts ausführte. Dagegen das Streben nach Rückkehr zur alten Autonomie beruht auf dem Irrthum, das bloß Organische für höher zu halten als das Leibliche und Persönliche, als die Einigung für und zu einem sittlichen Reiche“1099.
In einer Fußnote führt Stahl dabei aus, dass er Organismus und Leib/Persönlichkeit nicht als Metaphern verstanden wissen will, sondern als echte Begriffe, die gleichermaßen für die physische wie für die sittliche Welt Geltung haben: „Ist es gestattet, den Begriff des Organismus, der der physischen Welt angehört, auf die sittliche Welt zu übertragen als einen allgemeinen Begriff, wie er jetzt von Jedermann gebraucht wird, so muß das nicht minder gestattet seyn auch von der Unterscheidung des bloßen Organismus und des Leibes, die für die physische Welt Niemand läugnen kann, und die nicht minder auch für die sittliche besteht. Organismus, Mechanismus und Leib sind der tiefere wissenschaftliche Ausdruck für jene drei Systeme, die Beleuchtung ihres inneren Wesens.“1100
Wie sehr dieses Modell des zur Persönlichkeit gesteigerten Organismus, in der diskurstypisch das Einzelne frei und selbsttätig und zugleich gebunden ist, im Zentrum seiner Ausführungen steht, sieht man an folgender Aussage Stahls über die Intention seines Buches: „Das Meinige [Buch] ist nichts als die Ausführung des Gedankens vom sittlichen Reiche als einer Ordnung und Macht über den Menschen, der sie jedoch als freie selbstthätige Glieder angehören.“1101

↓73

Bei Stahl spielen weder Pathologie und Therapeutik1102 noch die detaillierte Darlegung verschiedener Entwicklungsstufen des Staatsorganismus zur Untermauerung seiner Theorie eine größere Rolle. Dies ergibt sich logisch aus seinem Ansatz. Die Gewähr für die Richtigkeit seines deduktiven Modells bietet bei ihm nicht der Verlauf der Geschichte, sondern sein Glaube an den persönlichen Gott, wie er selbst betont. Diese Autorität ist ihm so starke Gewähr, daß er keine generellen geschichtlichen Betrachtungen zur Legitimation seines Ableitungsmodells unternimmt. Der starke Geschichtsbezug, den seine Ausführungen dennoch aufweisen, ist Folge seines Persönlichkeitsideals, das die Anknüpfung der Veränderung an das Bestehende und Gewordene fordert: Der bestehende „Organismus“ soll zur „Persönlichkeit“ gesteigert werden. Mit diesem Aspekt seiner Theorie kann er zunächst hauptsächlich konservativen Anforderungen genügen. Er nennt ihn explizit selbst das „konservative Prinzip“: „Es ist nichts weniger als Stabilität, es schließt die gründlichsten Reformen, da wo sie gezeitigt sind, und die höchste Energie gegen Mißbräuche und Übel in keiner Weise aus, und es können die verschiedensten politischen Tendenzen, die nach Erweiterung politischer Freiheit wie nach Befestigung der Autorität, gleichmäßig ihm huldigen. Es besteht nicht darin, daß die alten Principien beibehalten werden, sondern daß der Stoff erhalten bleibe. [...] Die destruktiven Richtungen sind meistens von der Art, daß ihr letztes Ziel selbst eine bloße Zerstörung und Verneinung ist, z.B. Gleichmachung statt organischen Baues.“1103
Dadurch jedoch, dass Stahl Gott die Welt und die Natur nach Art des Organismus erschaffen lässt und den Drang zur Persönlichkeit als von Gott geschaffenen Trieb in den Naturobjekten beschreibt, der von den Menschen erkannt und frei umgesetzt werden soll, auch wenn sie schon von vornherein dazu angelegt sind, erhält seine Philosophie modernes naturwissenschaftliches Gepräge und wird dadurch mit dem Diskurs der politischen Philosophie kompatibel. Dies ist um so mehr der Fall, als sich der Inhalt seines Persönlichkeitsbegriffs weitgehend mit dem diskurstypischen Organismusverständnis deckt.

4.5.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Dem Geschlechterverhältnis wird bei Stahl ein zentraler Platz in der Entfaltung des organischen Persönlichkeitsprinzips im Laufe der Menschheitsgeschichte zugewiesen. Es steht bei ihm am Anfang der langen Kette seiner Entwicklung bis hin zum Staat: „Der erste Staat ist die patriarchalisch geordnete Familie (A r i s t o t e l e s). Hier sind die Verhältnisse, die sich nachher zu gesondertem Dasein entfalten – Familie, Stand, Staat, Kirche - gleichsam noch im Keime gedrungen.“1104 Dabei konstruiert er das Geschlechterverhältnis diskurstypisch als Verbindung zweier unterschiedlicher „Naturprinzipien [...], eines geistigen erzeugenden und eines materiellen empfangenden Princips.“1105
Die Vorstellung der Entfaltung der Verhältnisse ausgehend von der Familie bis hin zum Staat hat bei Stahl enorme Konsequenzen für die Positionierung der Frau im politischen Bereich. Da sich in den Institutionen Volk und Staat für Stahl die natürliche Ordnung der patriarchal beherrschten Familie reproduziert, wird die Lenkung der öffentlichen Angelegenheiten in Volk und Staat zur Sache des Mannes, zumal er schon aufgrund seiner Geschlechtseigenschaften dazu angelegt sei. Dies wird zum einen daraus deutlich, dass Stahl die Gleichheit der Rechtsfähigkeit von Mann und Frau explizit ausschließt: „Die Rechtsfähigkeit hat U n t e r s c h i e d e u n d G r a d e. Sie gründen sich theils auf die natürliche Verschiedenheiten (Geschlecht, Alter, Gesundheit, Bildung), theils auf die politischen und kirchlichen Verschiedenheiten [...]. An den erstern hat man noch selten Anstoß genommen.“1106 Diese Einschränkung des Rechts der Frauen begründet Stahl nicht näher, sondern fügt lediglich eine Fußnote an, in der er darauf hinweist, daß es eine Anzahl von Philosophen gäbe, die „die Ausschließung der Frauen von öffentlichen Ämtern und von der gesetzgebenden Volksversammlung u. dergl. als eine Ungerechtigkeit und Verletzung der natürlichen Gleichheit erklärten.“1107 Zum anderen wird auch implizit deutlich, dass Stahl – diskurstypisch – ausschließlich die Männer meint, wenn er von Menschen und Bürgern spricht. Dies wird zum Beispiel an folgendem Zitat deutlich: „Die allgemeine Waffenp f l i c h t vorausgesetzt, ist aber wieder der wirkliche allgemeine Waffend i e n s t das Angemessene [...] Er erfüllt den Grundsatz der Gleichheit der Unterthanenlasten, er läßt alle Staatsglieder an der männlichen Ehre der Waffen [...] Theil nehmen und er gewährt die Entwickelung der Streitkräfte im vollständigsten Maaße.“1108 „Beim allgemeinen Waffendienst ist auch jeder Bürger bewaffnet und kriegsgeübt [...]“.1109

4.5.1.2 Der politische Entwurf

Wie bereits ausgeführt, leitet Stahl seine politischen Entwürfe unmittelbar aus seiner Vorstellung der von Gott gewollten, in den Trieben der Zeit zur Verwirklichung drängenden Entwicklungsstufe der „Persönlichkeit“ ab. Er geht dabei so vor, dass er zunächst das Gewordene der Geschichte betrachtet und dieses dann daraufhin analysiert, in welchen Gebieten es den Anforderungen der höheren Entwicklungsstufe der „Persönlichkeit“ nicht entspricht und was daher verändert werden müsste. Zusätzlich untermauert er dies in der Regel durch den Nachweis/die Behauptung, dass der Drang der Menschen nach Veränderung gerade dieser Gebiete in Geschichte und Gegenwart schon deutlich auszumachen sei. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, alle diese Ableitungen aus Stahls umfänglicher zweibändiger politischer Philosophie vorzustellen. Im folgenden sollen daher nur die wichtigsten genannt werden.

Recht

↓74

Die Funktion des Rechts leitet Stahl direkt von seinem Persönlichkeitsentwicklungsmodell ab. Das Recht habe für ihn das sittliche Reich zu gestalten1110, da sein Gegenstand „die Verhältnisse und Bande unter den Menschen“ seien, „welche den Gemeinzustand bilden, in welchen die Existenz des Menschengeschlechts als eines Ganzen besteht.“1111 Stahl beschreibt sowohl die Entwicklung des Rechts als auch seine spezifische Zusammensetzung aus Gewohnheits- und bewusst gesetztem und reflektiertem Recht vor dem Hintergrund seines organischen Persönlichkeitsmodell. Er entwirft dabei das Gewohnheitsrecht als organisch entstandene Naturschöpfung, das zwar immer als höhere Macht über dem Menschen stehe, aber zugleich als nächster wichtiger Entwicklungsschritt hin zur Verwirklichung der „Persönlichkeit“ selbstbewusst und frei von den Menschen systematisiert und fortgebildet werden solle1112. Es gehöre zur Doppelstellung des Menschen als Geschöpf auf der einen und Persönlichkeit, die durch freie Tat handle, auf der anderen Seite, „daß die menschliche Gemeinschaft das Recht zuerst als ein Gegebenes über sich habe, dann aber auf der Grundlage dieses Gegebenen es selbst durch ihre That über sich setze.“1113

Staat

Auch den Staat sowie dessen Einrichtungen entwirft und beschreibt Stahl nach dem Entwicklungsmodell der sich in der Geschichte entfaltenden Persönlichkeit Gottes. Die Vorstellung Stahls von der Entwicklung des Staates aus der organischen Gemeinexistenz hin zur Persönlichkeit wurde bereits im vorangehenden Kapitel beschrieben. Stahl weist dabei dem Staat als zur Persönlichkeit gesteigertem Organismus innerhalb seiner Weltanschauung ganz grundlegende Bedeutung zu: „Er ist schlechthin und vollständig das sittlich-intellektuelle Reich, das die Menschen auf Erden zu bilden haben. Sein weltökonomischer Zweck ist die Herrschaft für die T o t a l i t ä t des menschlichen Gemeinzustandes und Gemeinzieles. Für diese Herrschaft ist die menschliche Gemeinschaft zu einer Anstalt gefügt, vermöge welcher sie als Ein Wille und handelndes Subjekt, als ein mit sich identisches Bewußtseyn die Macht über die Einzelnen übt. Der Staat ist darum seinem innersten Wesen nach eine Personificirung der menschlichen Gemeinschaft.“1114
Entsprechend des organischen Persönlichkeitsmodells betont er dabei besonders dessen Einheitscharakter, dessen Macht über seine Glieder: „Er ist nicht eine bloße G e s e l l s c h a f t (societas), die durch den Willen der einzelnen Glieder ihr Daseyn und das Gesetz ihres Bestandes hat, sondern eine Macht und ein Subjekt vor und über ihnen. Als das zur Persönlichkeit konsitutirte Volk hat er eine Erhabenheit über dem natürlichen Volke [...]“.1115 Zugleich hebt er jedoch, wiederum auf dem Modell der Persönlichkeit fußend, hervor, dass – wie die Lehre der Volkssouveränität zurecht betone – „der Staat unbestreitbar zuletzt auf dem Volkwillen ruht, nur dadurch ist er ein sittliches Reich der Gemeinschaft. Aber dieser Volkswille ist fürs Erste selbst E i n u r s p r ü n g l i c h e s geistiges Element, das die Individuen durchdringt, nicht das Resultat d e s W i l l e n s d e r E i n z e l n e n [...]“1116. Stahl bezeichnet es als „Beruf und [...] innere[n] Trieb der ganzen Epoche, die Wahrheit herauszustellen, daß der Mensch, sohin jeder einzelne Mensch, ein absoluter Zweck des Staats [...] ist.“1117

Verfassung

Verfassungen – Stahlt meint hier nicht Staatsurkunden, sondern den konkreten politisch-rechtlichen Zustand eines Staates - entstehen seiner Ansicht nach ebenfalls nach Art der organischen Persönlichkeitsentwicklung: Grundlage der Verfassung ist daher für ihn zunächst der tatsächliche Wille der einzelnen Menschen1118. Zugleich seien Verfassungen neben ihrer Verankerung im Willen der Einzelnen immer auch Ausdruck eines höheren Willens, dem sich alle zu unterwerfen hätten: „Dennoch aber ist es nur der göttliche Hauch, der die Staaten bildet und erhält, und ist der Staat ein Werkzeug in Gottes Hand. Gott legt den Menschen – je nach einem jeglichen Zeitalter und jeglichen Volk – ins Herz, welche Ordnung sie herstellen, welche Ziele sie anstreben sollen.“1119 Dabei hätten manche Völker von Gott mehr den Beruf zur Monarchie, andere zur Republik erhalten. Da Verfassungen auf der jeweils unterschiedlichen Individualität der Völker beruhten, lasse sich keine dieser Verfassungen als besser oder schlechter bewerten1120.
Stahl nennt noch ein weiteres Argument, weshalb die Glieder in ihrer Freiheit an ein Höheres gebunden seien und Staat und Verfassung nicht zu ihrer freien Disposition stünden: „Aber selbst die Thatsache zugestanden, daß menschlicher Wille dieß Alles bewirke, so folgt doch daraus noch gar nicht, daß es auch auf menschlichen Willen sein Ansehen stützt und vom menschlichen Willen abhängt. Sondern, so wie der menschliche Wille, der Wille des Volks, den bestimmten Staat, die bestimmte Verfassung, die bestimmte Dynastie gegründet hat, so lösen sich diese auch sofort von ihm, sie sind damit eben S t a a t g e w o r d e n, und binden daher alsogleich als Staat, eben weil der Staat göttliche Ordnung ist, diejenigen, so sie errichtet, nicht minder als die Nachkommen, so sie vorfinden.“1121

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Dennoch sind die Verfassungen, die zunächst organisch entstünden, laut Stahl nach dem Ideal der organischen Persönlichkeit mit Hilfe von bewusster reflektierter Setzung auf eine höhere Entwicklungsstufe zu bringen1122. Diese zu fixierenden reflektierten Verfassungen seien „angezeigt, wo im Leben selbst tiefe Umwandlungen vor sich gegangen und die alten Verhältnisse vielfach aufgelöst, abgestorben oder schwankend geworden, neue Zustände oder Anforderungen gereift“1123 seien. Als positives Beispiel der Verfassungsentwicklung im Sinne seines organischen Persönlichkeitsmodells nennt Stahl die Englische Verfassung, als Negativbeispiel die Französische Revolution: „Die englische Verfassung hat den vorhandenen mittelalterlichen Stoff nach den neuen wahren Principien gestaltet, die französische Revolution hat Alles vernichtet, um nun ohne einen gegebenen Stoff aus bloßen abstrakten Gedanken eine Welt aufzubauen; wo aber ist ein besserer, haltbarerer Bau geworden?“1124

Insgesamt plädiert Stahl für eine gemischte Verfassung, da in ihr „am meisten die verschiedenen Elemente und Ideen des Staates verwirklicht, die verschiedenen Zustände und Interessen geschützt, die verschiedenen sittlichen Motive belebt“ seien1125. Sie sei dem Ideal der Persönlichkeit entsprechend am besten dazu geeignet „jedes der verschiedenen Elemente [...] in ihm selbst zu stärken und auszubilden, aber sie in ihrer Wirksamkeit wechselseitig zu bedingen.“1126

Königtum

Ein wesentlicher Bestandteil der Staatspersönlichkeit ist für Stahl die Erbmonarchie: „Es liegt im Wesen des Staates, als sittlichen Reiches, daß eine sittliche Macht in ihm aufgerichtet sey über dem Volke mit innwohnendem Ansehen, und daß diese Macht eine ihrer selbst bewußte und ihrer selbst mächtige, daß sie eine persönliche sey. – Dieß ist die B e s t i m m u n g [...] d e s e r b l i c h e n K ö n i g t h um s“.1127 Sie verkörpere die über dem Volke stehende und von seinen Interessen unabhängige ursprünglich von Gott kommende Macht1128. Dabei personifiziere der Monarch die Herrschaft, was den Vorteil habe, dass er beständig und schnell handeln könne1129. Die Republik sei weder zur gleichen Geschlossenheit des Handelns, noch zur gleichen Erhabenheit in der Lage, da die Magistrate zugleich immer auch Untertanen seien1130. „Dort sind diese Züge in künstlicher, hier dagegen in natürlicher, lebendiger, daher auch stärkerer Weise realisirt.“1131
Um seiner höheren Macht gerecht zu werden, müssten vom König alle Herrschaft und alles Gesetz ausgehen1132.

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Das Erbkönigtum unterliege jedoch - wie Staat, Recht und Verfassung auch - der Notwendigkeit, zur Persönlichkeit gesteigert zu werden: Der Fürst müsse dazu den patrimonialen Charakter des Staates überwinden und „die Gewalt nicht mehr als sein menschliches Eigenthum“ verstehen, „sondern als seine göttliche Mission [...]“1133. Das Prinzip der Persönlichkeit impliziere nämlich die Einschränkung der Macht, da Herrschaft auf einer ethischen Basis zu ruhen habe1134. „In der also ausgebildeten Monarchie erscheint dann der König nicht als ein Herrscher ü b e r d e m S t a a t e, ähnlich wie Gott ein Herrscher ist über seinem Reiche, sondern als ein H e r r s c h e r i m  S t a a t e. Wäre er ein Herrscher über dem Staate, so wäre er des Staates nicht bedürftig zu seiner Macht, und seine Macht wäre unumschränkt. Nun er aber ein Herrscher im Staate ist, so ist sie beschränkt durch das Ganze des Staates.“1135 Stahl fasst diese Positionierung des Königs mit Hilfe des Persönlichkeitsmodells explizit in organologische Terminologie: „Der König ist über den Staat gesetzt, ähnlich wie das Haupt über den Leib, und so ist umgekehrt wieder der Staat über dem König, wie der ganze Leib und sein Gesetz über dem Haupte ist. Es ist der Bau des Leibes, in den er gefügt ist gleich den andern Gliedern, aus dem er nicht heraustreten, den er nicht auflösen kann. Also verhält sich der König zum Staate; das Volk aber ist in jeder Beziehung unter dem König.“1136
Stahl betont, dass sich das politische Streben der Gegenwart bereits diese Höherentwicklung zum Ziel gesetzt habe1137: „Hiegegen [gegen die unumschränkte Monarchie U.H.] ist nun das politische Streben der Gegenwart gerichtet“.1138 „Es ist der Fortschritt im Geiste der Reformation, die Realisirung ihres Principes auf dem politischen Gebiete, daß die bloß menschlich-persönliche und damit willkührliche Herrschaft weiche und das menschliche Gemeinleben unmittelbar unter eine ethische sohin göttliche Ordnung trete, die zugleich im Bewußtseyn der Nation (der politischen Gemeinde) niedergelegt ist.“1139

Reichsstände

Auch Funktion und Aufbau der Reichsstände leitet Stahl von seinem organischen Persönlichkeitsmodell ab. Er positioniert sie im und für den Staat folgendermaßen: „Liegt es in der Natur des Staats, weil er ein sittliches Reich ist, daß seine Macht als eine schlechthin erhabene über den Unterthanen aufgerichtet sey, wie dieß im Königthum am entschiedensten erreicht ist, so auf der andern Seite nicht minder, daß der Gehorsam gegen diese Macht frei, selbstständig, innerlich sey, wie dies persönlichen sittlichen Wesen entspricht. Dieß und nichts Anders ist der innerste Sinn der politischen Freiheit. Die politische Freiheit besteht deßhalb nicht darin, daß das Volk [...] sich selbst regiere [...], sondern sie besteht darin, daß das Volk nach s e i n e n R e c h t e n regiert werde, d.i. in Anerkennung bestimmter Befugnisse und einer bestimmten Sphäre der Unabhängigkeit für die Einzelnen und für das Ganze, und daß es auf der G r u n d l a g e s e i n e r eignen L e b e n s w ü r d i u n g (Ethos) regiert werde, d.i. daß die Gesetze und bez. die obersten Principien der Regierung, wie sie ursprünglich aus dieser hervorgingen, so auch in ihrer Fortbildung mit ihr im Bande bleiben. Es ist aber die höchste Steigerung dieser Freiheit und ihre ausgebildetste Bürgschaft, daß das Volk dieß Alles s e l b s t durch eigne That (persönlich) der Regierung gegenüber z u v e r t r e t e n Fug und Macht habe. Solche Vertretung wird denn nothwendig zur Theilnahme und Mitwirkung bei Ausübung der Staatsgewalt.“1140 „Das berufene Organ jener Vertretung und Mitwirkung nun sind d i e R e i c h s s t ä n d e.“1141 Diese sind bei Stahl dabei nicht als Mitregierung vorgesehen: „Die Wirksamkeit der Stände aber hat nach der dargelegten Bedeutung derselben [...] ein doppeltes Ziel: den S c h u t z d e r R e c h t e und die E r p r o b u n g d e r n e u e n G e s e t z e an der G e s i n n u n g d e s V o l k s, oder, bei weiterer Ausdehnung, die Sicherung, daß die Regierung überhaupt auf der Gesinnung des Volks ruhe.“1142 „Als das Institut der V e r t r e t u n g haben die Stände ihre Macht nur durch und in dem Fürsten, von dem, als Souverän, alle Macht und alles Ansehen im Staate allein ausgehen kann.“1143

Auch die Reichsstände unterliegen bei Stahl wieder dem Prinzip der Steigerung zur Persönlichkeit. Sie seien die Repräsentation der wahren Volksexistenz1144, die daher nicht aus der unterschiedslosen Masse des Volks hervorgehen könne, „sondern aus seinen bestimmten unterschiedenen Ständen – (Stand in politischer Bedeutung aber ist die Gemeinschaft der Lebensstellung in Verbindung mit der örtlichen Gemeinschaft).“1145 Die reichsständische Versammlung solle dabei „darauf berechnet seyn, jedem derselben seine besondere Bedeutung und seine Vortheile im Einklang mit dem Ganzen zu erhalten.“1146
Das „Princip organischer ständischer Gliederung“, das zuerst in der Geschichte erscheine, solle nun nicht aufgegeben, sondern bloße Landesvertretung solle zugleich Volksvertretung, und ständische Vertretung zugleich nationaleinheitliche Vertretung werden1147. Der Fortschritt „besteht darinn, daß die Reichsstände aus bloßen Mandataren ihrer Wahlbezirke zur höhern entscheidenden macht über dem gesammten Volke, zum wahren Centrum (gewissermaaßen zur Persönlichkeit) desselben werden, in welchem die Nation sich als Eins weiß. Es ist dieß Alles ein Fortschritt zur höhern Einheit und geistigen Gemeinschaft und zur größern Bewußtheit und Selbstthätigkeit der Nation, sohin zur höhern Realisirung der Idee des sittlichen Reiches. Der materielle organische Zusammenhang des Volkslebens, der die ständische Gliederung bildet, soll zu solch höherer geistigen Einheit sich steigern, aber er darf nicht verschwinden, nicht aufhören die Grundlage für diese zu seyn.“1148

Öffentliche Meinung und Presse

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Stahl versteht öffentliche Meinung als geistiges Element der Gemeinschaft, auf dem jeder Staatsorganismus notwendig ruhe1149. Die Gegenwart zeichne sich dadurch aus, dass diese Macht sich zunehmend dazu entwickle, alle Maßnahmen des Staates permanent zu begleiten und zu kommentieren. Da sie sowohl die Regierung nötige, sich ständig an ihr zu erproben, und sie zugleich dem Volk dazu verhelfe, mit ihrer Hilfe bestimmend und befestigend für die Staatslenkung zu werden, gilt sie Stahl als „höhere Realisirung der Idee des Staates als eines persönlichen Reiches, daher ein wahrer Fortschritt der Zeit.“1150 Diesen „verborgenen Bildungstrieb der Zeit“ müsse die Regierung als Gesetz anerkennen, zumal man die öffentliche Meinung auch als ein Fingerzeig der höheren Macht, der man zu dienen habe, interpretieren könne1151. Wieder erweist sich das organische Persönlichkeitsmodell als Prüfstein und Ableitungsinstanz. Dieses Modell ist es dann gleichzeitig aber auch, das Stahl dazu verwendet, gegen die unumschränkte Geltung der öffentlichen Meinung zu argumentieren. Der Staat als sittliches Reich müsse die öffentliche Meinung durch die Obrigkeit, die unabhängig von ihr Schalten und walten darf, beschränken1152 und das Überkommene und Bestehende gegen sie verteidigen. „Auf diese Weise unterschiedet sich die Macht der öffentlichen Meinung, die aus der Auffassung des Staats als eines sittlichen Reiches – einer freien sittlichen Gemeinschaft unter einer gegebenen sittlichen Autorität - und die Macht der öffentlichen Meinung, die aus der Auffassung des Staats als vertragsmäßig verbundener Masse freier Individuen, die aus der Lehre der Volkssouveränität hervorgeht.“1153

4.6 Die Texte des politischen Katholizismus

4.6.1  Die „Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland“

4.6.1.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.6.1.1.1  Die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

In den für diese Arbeit analysierten Zeitschriftenartikeln thematisiert Jarcke explizit diskurstypische Vorstellungen von kraftgesteuerten Entwicklungsgesetzlichkeiten. Jarckes Ansicht nach unterliegen die von ihm als Organismen metaphorisierten Staaten und Gesellschaften1154 – wie alles irdische Leben und dessen Institutionen - einem unausweichlichen naturgesteuerten Entwicklungsprozess: „Alles, was als Erscheinung in`s Leben tritt, wie die Staaten, die Gesetze, die Sitten der Menschen, muß dem Gesetze der Zeit gehorchen. Es entsteht, wächst und entwickelt sich, erreicht den höchsten Standpunkt seiner Ausbildung, geht dann zurück, verfällt und verschwindet zuletzt, indem es in andere Formen und Erscheinungen übergeht.“1155 Diese unhintergehbaren, oberhalb des Menschen sich vollziehenden Entwicklungsgesetze beruhen, wie Jarcke ausführlich erläutert, auf dem Willen Gottes: „Der Wille Gottes ist in jedem Falle die Regel und das Gesetz der Welt. Dieses aber tritt uns entweder als physisches (geschichtliches) Gesetz entgegen, wo es mit N o t h w e n d i g k e i t wirkt, oder es ist ein der menschlichen F r e i h e i t gegebenes, sittliches Gebot.“1156 Dabei, und das ist Jarcke ebenso wichtig wie allen in dieser Arbeit analysierten Autoren, lassen diese Entwicklungsgesetze, die vom Willen Gottes angetrieben werden, das aktive Handeln des Menschen nicht überflüssig werden1157.
Die Überzeugung, dass Staat und Gesellschaft einem gottgesteuerten Naturprozess unterlägen, ist auch bei Jarcke entscheidend für das Politikverständnis und das Vorgehen bei politischen Entscheidungen: „Die nächste Folge der bessern Einsicht ist, daß die Rechtskunde, wie die Politik, weil Recht und Staat unter dem Gesetze der Zeit stehen, und der Veränderung unterworfen sind, n o t h w e n d i g u n d u n e r l ä ß l i c h h i s t o r i s c h b e h a n d e l t w e r d e n m ü s s e n. [...] Wir sollen inmitten der Veränderung das Beharrende, im Wechsel das Ewige, im Relativen das Absolute, in der Erscheinung das Gesetz erkennen lernen. - Dieß ist die Aufgabe aller tiefern Rechts- und Staatskunde; eine Aufgabe, die freilich nicht zu lösen ist, wenn sich die Wissenschaft in pseudophilosophischer Überhebung vom Urquell aller Wahrheit, von Gott und seinen Offenbarungen, mit Absicht und Bewußtseyn wegwendet.“1158 Wie Jarcke damit deutlich macht, ist das Ergebnis der historischen Methode nicht beliebig, sondern muss mit Hilfe der Erkenntnis des Konstanten im Wandel immer auf Gottes Offenbarung zurückführen, die wiederum Ausgangspunkt aller Forschung zu sein hat.
Zentraler Bestandteil von Jarckes genetischem Forschungsmodell ist jedoch zugleich die Frage - und hier bewegt er sich auch terminologisch wieder gänzlich auf dem Boden des in dieser Arbeit untersuchten politischen Diskurses - welche Entwicklung zu fördern sei, welche „neuen Kräfte [man] nicht als Unterdrücker und feige Schwächlinge zu vernichten, sondern als Meister und Schirmer zu leiten und zum Heile wirken zu lassen“1159 habe.

Jarcke lehnt sich in der von ihm beschriebenen Methodik der Politik, Gottes Willen zum einen in den Konstanten geschichtlicher Entwicklung, zum anderen auch in den Veränderungen zu erkennen, explizit an die Vorgehensweise der Naturwissenschaften an: „Andererseits aber geht der Prozeß der Erzeugung, der Geburt, der Ernährung, des Wachstums, des Athmens, der Krankheit und des Todes nach unabänderlichen Normen vor sich. Der Mensch ist diesen gegenüber der Natur verfallen und unfrei. – Gerade so in Beziehung auf den Staat. – Wie entsteht die unabhängige Macht, welche den Kern und Mittelpunkt jedes Staates bildet? wie wächst sie? wie geht sie verloren? welche möglichen Grundformen des Staats kann es geben? Über diese Fragen gewährt keine Theorie, sondern lediglich die Beobachtung der Geschichte Aufschluß. So wie die Beobachtung allein die Gesetze der Natur zu entdecken vermag, - so die unbefangene Betrachtung der Geschichte die unabänderlichen Gesetze der Gesellschaft, welche eben sowohl ihre Physiologie hat, wie der einzelne Mensch.“1160 Die so als Naturwissenschaft charakterisierte historisch-genetische Methode sieht Jarcke als höchste Entwicklungsstufe der Wissenschaftsgeschichte an, in der die „Naturwissenschaft selbst, zuerst magische Naturanschauung und Gabe, dann Natursystem, Naturphilosophie, [...] immer mehr Naturgeschichte“1161 wird. Wie schon Stahl fasst Jarcke seine religiösen Überzeugungen damit in ein diskurstypisches, an den Naturwissenschaften orientiertes Weltbild und macht sie mit der zeittypischen Art kompatibel, über politische Philosophien zu verhandeln und sie methodisch zu entwerfen.

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Die Entwicklungsgeschichte als Ergebnis dieser naturwissenschaftlichen Analyse fällt dabei in den untersuchten Texten der historisch-politischen Blätter als Krankheitsgeschichte mit ungewissem Ausgang aus. Die Entwicklung des deutschen Reiches und der deutschen Gesellschaft wird mit Hilfe diachroner Varianten der Organologiemetapher so nachgezeichnet, dass sie bis zum „christlichen Mittelalter“ als allmähliche Ausbildung eines idealen Staates erscheint, ab der Reformation jedoch in einen Krankheitsverlauf umschlägt. Die Krankheitsursache sieht Jarcke, ebenso wie die anderen Autoren der historisch-politischen Blätter, in dem Verlust des „wahren Glaubens“ und der Abwendung von der „sichtbaren Kirche“. Wahrer Glauben aber war schon in Jarckes Entwicklungsmodell zentrale Voraussetzung für die Schaffung jeder akzeptablen politischen Ordnung. Die Notwendigkeit der Wiederherstellung des Glaubens und des Einflusses der Kirche im Staat als zentrales Heilmittel der desaströsen Gegenwart wird damit ins Zentrum des politischen Programms der katholischen Bewegung gestellt.
Jarcke formuliert die Entwicklung und Ausbildung des Staatsorganismus bis zum Mittelalter mit Hilfe der diachronen Organologiemetaphervarianten folgendermaßen: „Jene ersten Socialformationen kann man [...] P r i e s t e r s t a a t e n, diese zweiten H e r o e n- oder K r i e g e r s t a a t e n nennen. In einer normalen, vollständigen Ausbildung der Gesellschaft, wie in dem christlich germanischen Staatswesen des Mitteltalers, stehen sie, gleichmäßig entwickelt, neben und nach einander in ihrem richtigen Zeit- und Dignitätsverhältnisse, als G e i s t l i c h k e i t und A d e l, und bedingen, ergänzen und durchdringen sich gegenseitig. Ihre gemeinsame, l e i b l i c h e B a s i s ist der einzig wahrhafte und reale G r u n d b e s i t z in seinen beiden Productionsweisen von V i e h z u c h und A c k e r b a u.“1162
Ab der Reformation sei es zu pathologischen Veränderungen gekommen, die schließlich tödlich enden könnten. So führt Jarcke in organologischer Krankheitsmetaphorik aus: „Dieß ist die letzte Metamorphose der protestantischen Irrungen, der P a n t h e i s m u s, welcher, von Deutschland ausgehend, die Runde um die Welt macht, und indem er gleichsam das Blut, als den Träger alles geistigen Lebens vergiftet, den Tod durch alle Adern des Leibes der europäischen Menschheit spritzt.“1163 Ähnlich beschreibt dies ein anonymer Autor ebenfalls in organologischer Metaphorik: „Gehen wir indessen in der Geschichte auf den Zeitpunkt zurück, wo das Mißverständniß des göttlichen Rechts zuerst a l s D o c t r i n entstand und sich in einzelnen Erscheinungen immer weiter zu einem wahrhaft antichristlichen System (wie z.B. in H o b b e’ s Leviathan) ausbildete, so ist in der That nicht zu leugnen, daß dieser mit der unglücklichen Glaubensspaltung des 16ten Jahrhunderts nicht bloß äußerlich zusammenfällt, - sondern daß der eigentliche Grund und die Wurzel jenes Verkennens der wahren Natur und Bedeutung des göttlichen Rechts der irdischen Obrigkeit, recht eigentlich in dem Abfall von der sichtbaren Kirche zu suchen ist. [...] die Ausbildung des unrechtlichen und gewaltthätigen Factums zur Doctrin, die consequente Entwicklung der letztern, der berharrliche Versuch den finstern Irrthum durch das zu beschönigen, - was die Quelle alles Lichtes ist, durch die Offenbarungen Gottes, - dieses traurige Phänomen des Festwerdens der Verirrung und Verwirrung tritt erst seit jenem Zeitpunkt in’s Leben.“1164

Als alleiniges grundlegendes Heilmittel sieht Jarcke daher nur die „Herstellung der Eintracht aller Deutschen im alten wahren, christlichen Glauben. In unserer, von der Politik ausgebeuteten, kirchlichen Spaltung liegt unser wahres und eigentliches, specifisch deutsches Übel.“1165
Immer wieder wird von den Autoren der historisch-politischen Blätter betont, dass man sich in der Gegenwart in einer entscheidenden Überganszeit befinde1166. Dabei sind sie bezüglich des guten Ausgangs des Krankheitsverlaufs nicht sehr optimistisch. Jarcke schreibt z.B.: „Erfolgt gegen diese schmachvollen Verirrungen des deutschen Geistes nicht bald ein Rückschlag der bessern Elemente, so ist unsere Rolle in der Weltgeschichte ausgespielt und Polens Schicksal Schritt vor Schritt das unserige“1167. Döllinger ist sogar noch pessimistischer: „Wenn man die europäische Geschichte der letzten hundert Jahre erwägt, so ist die traurige Wahrheit nicht in Abrede zu stellen, daß die scheinbar entgegengesetzten Ursachen sich zu vereinigen scheinen, um den socialen und politischen Zustand dieses Welttheils der absoluten Democratie entgegenzutreiben. – Ob die Bewegung dieses äußerste Ziel erreichen, ob sie in sich selbst ihre Hemmung finden und rückläufig werden werde, dieß zu entscheiden liegt außer der Macht sterblicher Menschen.“1168 Jarcke sieht in dem möglicherweise von Gott determinierten Untergang der alten Staats- und Gesellschaftsformen jedoch keinen Grund zur Resignation. Im organologischen Bild des „Staatslebens“ bleibend führt er im Zusammenhang mit der Charakterisierung des Regierungshandelns Friedrich Wilhelms IV. aus: „Das Leben des Staates, wie das des Einzelnen ist wirklich ein naturwüchsiger Übergangsproceß, und gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen. Aber inmitten dieses Naturprocesses steht der Mensch mit seiner Freiheit, und neben der Wirksamkeit des unerbittlich waltenden Naturgesetzes sind auch wir zum Erkennen und zum Handeln berufen. Der Ausgang steht in Gottes Hand, aber für unser Thun und Unterlassen sind wir unserm eigenen Gewissen und dem Urtheile der Welt verantwortlich. Nichts ist gewisser, als daß wir Alle sterben müssen; aber [...] wir alle lassen, wenn wir erkranken, unangesehen, daß es sich im günstigsten Falle doch immer nur um eine Lebensverlängerung von unbestimmter Dauer handelt, den Arzt rufen, und hoffen auf seine Hülfe. Kann er den ‚naturwüchsigen Übergangsproceß’, den wir Leben nennen und in dem wir begriffen sind, hemmen, den Tod für immer von uns fern halten? Gewiß nicht ! [...] Denen aber, die einen Staat, eine Verfassung, einen politischen Organismus, - die zwar in längern Pausen athmen, als der Mensch, aber auch nicht ewig! - denen, die auf politischem Gebiete der Zerstörung wehren und e r h a l t e n wollen, für diese wollen Sie denselben billigmäßigen Gesichtspunkt der Betrachtung nicht gelten lassen; König Friedrich Wilhelm IV., der ja auch nur einen Posten vertheidigt, den Gott ihm anvertraute, und ein Staatsleben erhalten will, an welches sich auf Generationen hinaus das Wohl und Weh von Millionen knüpft, an diesen politischen Arzt wollen Sie einen andern Maßstab legen?“1169 Dabei gesteht Jarcke ein, dass Preußen in der Auseinandersetzung um die Verfassungsfrage an dem großen geschichtlichen Prozess aller europäischer Länder teilhabe, der einen „naturwüchsigen Verlauf“ nehme1170 und es durchaus sein könnte, dass die bisherige Monarchie aufgrund des Gesetzes der organischen Umbildung „andern politischen Formen Platz machen muß.“1171

In den historisch-politischen Blättern werden neben dem umfassenden Krankheitsverlauf ab der Reformation noch weitere Krankheitssymptome der Gegenwart beleuchtet: So erscheint die Ausbildung der Industrie, des Proletariats und seiner Lebensumstände für Jarcke als pathologische Entwicklung, als „Auflösung“, als Resultat „krankhafte[r] Sucht nach Neuerungen und Umwälzungen“1172, wobei besonders die Ausbildung des Fabrikwesens die „rasche Bewegung unserer Zeit und ihre zersetzende Kraft“1173 gesteigert habe. Die Folge dieser Zersetzung sei die Zerschlagung des hierarchisch gegliederten korporativen Organismus des Zunft- und Innungswesens gewesen, der „wie alles Leben, aus dem Instincte einer jugendkräftigen, frischen Zeit hervorgegangen“1174 war. Schlimmste Folge aber sei – hier denkt er genau wie Marx – die Entmenschlichung des Arbeiters: „[...] und so erkaufen die ihnen Untergebenen ihren kärglichen Lohn nicht nur mit dem Verlust ihrer leiblichen Kraft und Gesundheit, sondern sie athmen auch hier eine Pestluft der verworfensten Immoralität und der gleichgültigsten Irreligiösität ein, die ihnen nur noch eine Empfänglichkeit für die gröbsten, thierischen Genüße läßt, jedes höhere Gefühl aber tödtet, so daß sie geschwächt und stumpfsinnig nur noch als Arbeitskräfte auf der niedrigsten Stufe des menschlichen Daseyns fortleben.“1175 Diese schlimmen Zustände sind für Jarcke dabei eindeutige „Symptome, welche auf ein tiefer liegendes, gefährliches Unwohlseyn der Gesellschaft“ und zugleich „auf eine stürmische Zukunft“1176 deuten. Um Missstand und Revolution zu vermeiden, müsse diese Lage unbedingt gebessert werden1177.

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Jarcke macht bei allem Ernst der Lage jedoch auch erste ‚Heilungsanzeichen’ aus: „Hinsichtlich des Zunftwesens ist eine Hinneigung fühlbar, statt in der Zerstörung fortzufahren sich auf die Abschaffung der Missbräuche zu beschränken, und den losgelassenen Strom wieder allgemach in ein sicheres, eingehegtes Bett einzuweisen. Die unbedingte Gewerbfreiheit gilt nicht mehr, als ein unbestrittenes Axiom; man ist überhaupt vorsichtiger, rücksichtsvoller geworden. Die wohlthätigste und erfolgreichste Einrichtung indessen, welche die neuere Zeit für die arbeitenden und dienenden Klassen geschaffen, sind ohne Zweifel die Sparkassen.“1178 Auch die Kirche versuche Wunden zu heilen, und die Lücken, die Staat und Verwaltung lassen, auszufüllen1179, doch reiche allein dieses Engagement nicht aus: „Die Auflösung, die der Lösung der früheren Bande folgte, ist ohne Zweifel immer noch im Zunehmen und also auch die Gefahr, womit sie uns bedroht, noch im Wachsen. Hierzu aber trägt eine andere Thatsache nicht wenig bei, daß nämlich jene auflösende, mobilisirende, Alles verflüchtigende Richtung unserer Zeit, die wir hier in ihrem Einfluß auf den Grundbesitz und die arbeitenden Klassen betrachtet haben, auch in den übrigen Verhältnissen des Besitzes und Erwerbes, die vorherrschende ist [...].“1180

4.6.1.1.2 Der organische Aufbau der politischen und sozialen Gebilde

Der Organismus – bei Jarcke speziell der menschliche – ist wiederum Orientierungspunkt für das gott- und naturgewollte Verhältnis der Teile zu dem Ganzen: „Unstreitig kann die menschliche Gesellschaft – der Mensch im Großen – nur dieselben wahren und wesentlichen Grundelemente haben, wie der einzelne Mensch – das Individuum, der Mensch im Kleinen; - diese Grundelemente sind bei beiden gleichmäßig L e i b, S e e l e, G e i s t.“1181 Dabei betrachtet Jarcke den Besitz als Leib, als körperliche Basis1182. Der Geist ist für ihn das Verhältnis zu Gott1183. Die Seele beschreibt er folgendermaßen: „Die aus der Verbindung und Durchdringung von Geist und Leib hervorgehende S e e l e der Societät, der Ausdruck, die Äußerung ihres W i l l e n s, tritt in der eigentlichen S o c i a l v e r f a s s u n g im engern Sinne, in den socialen Institutionen, im R e c h t e und in dessen besonderer Gestaltung hervor, worin sich deswegen auch die größte Mannichfaltigkeit und Eigenthümlichkeit – Individualität - ergibt.“1184 Geist, Seele und Körper würden sich im normalen christlichen Staate als Stände zeigen. Die Priester träten dort als Vertreter und Bewahrer des Höheren, der Adel als Schützer des Rechtes und als Führer und Herrscher des Volkes auf, das wiederum den nationalen Leib, den Besitz, pflege und bebaue1185.

In dem von Jarcke beschriebenen Verhältnis dieser drei Grundbestandteile zueinander wird dabei auch das diskurstypische „organische Ideal“ der gegenseitigen Bedingtheit und Durchdringung der für sich eigenwertigen Bestandteile deutlich. Dies lässt sich z.B. anhand folgender – oben bereits angeführter - Textpassage sehr deutlich zeigen: „In einer normalen, vollständigen Ausbildung der Gesellschaft, wie in dem christlich germanischen Staatswesen des Mitteltalers, stehen sie, gleichmäßig entwickelt, neben und nach einander in ihrem richtigen Zeit- und Dignitätsverhältnisse, als G e i s t l i c h k e i t und A d e l, und bedingen, ergänzen und durchdringen sich gegenseitig. Ihre gemeinsame, l e i b l i c h e Basis ist der einzig wahrhafte und reale G r u n d b e s i t z in seinen beiden Productionsweisen von V i e h z u c h  und A c k e r b a u.“1186
Die Auflösung dieser - trotz aller Durchdringung - klaren hierarchischen Gliederung durch die Entwicklungen der Gegenwart empfindet Jarcke eindeutig als Zerfallserscheinung: „Überall sehen wir, wie sie das, was als Einigung ein rings umgehegtes, in sich verbundenes Ganze bildete, auflöst, und dafür bemüht ist, die einzelnen, also getrennten Glieder, in stets beschleunigter Bewegung, in eine immer allgemeinere Berührung und Ausgleichung unter einander zu bringen.“1187

4.6.1.1.3 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

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Diskurstypisch erhalten Mann und Frau von den Autoren der historisch-politischen Blätter „natürliche“ männliche und weibliche „Bestimmungen“ zugesprochen. Ganz eindeutig und explizit erfolgt dies z.B. in Arndts Artikel „Die deutsche Salon-Poesie der Frauen“, in dem der Autor die in der Öffentlichkeit geführte Diskussion anspricht, ob die Frau allein auf Wochenbett und Familie beschränkt, oder ob ihr entsprechend dem „planirenden Principe unbedingter Freiheit und Gleichheit“ auch alle bisher den Männern vorbehaltenen Bereiche geöffnet werden müssten1188. In seiner Ablehnung der Gleichstellung in diesen Bereichen bezieht sich Arndt – die Terminologie des Naturwissenschaftsdiskurses seiner Zeit anwendend - darauf, dass Frauen und Männer den zwei „waltende[n] Hauptelementen“, die die Welt durchziehen, zuzuordnen seien1189. Die Frau der Sitte, die Männer dem Recht. „[...] das ist der ewige Gegensatz von Kraft und Milde, damit die Weltgeschichte sich nicht in Einseitigkeit monströs verstocke. Beide zwar, Recht und Sitte, haben eine gemeinsame religiöse Wurzel, in der eben, wie bereits erwähnt, die Bildung beider Geschlechter ursprünglich zusammentrifft; die Sitte aber in ihrer wesentlich e r z i e h e n d e n Gewalt wird immer vorzüglich nur in der Familie und deren geselligen Beziehungen wirksam seyn können, während das Recht, in seiner allgemeinen Bedeutung als Gerechtigkeit und Schirm des Guten, Schönen und Wahren, draußen die Welt und das Leben thatsächlich ordnen will und den Kampf aufnimmt, damit die Familie im Gottesfrieden bleibe.“1190

4.6.1.2 Der politische Entwurf

Die an den Naturwissenschaften orientierte historische Methode der Staatskunde, die zugleich nach den gottgewollten „Naturkonstanten“ und den gottgesteuerten Entwicklungskräften von Staat und Gesellschaft fahndet, führt die Autoren der historisch-politischen Blätter zu konkreten politischen Forderungen. Zentral ist bei allen – wie beschrieben – die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Glaubenseinheit und der Restituierung der Bedeutung der Kirche, um Staat und Gesellschaft wieder von ihren „grundlegenden Leiden“ zu heilen und in ihre „gesunde Ordnung“ zurückzuführen.

Jarcke fordert die Anerkennung des seiner Ansicht nach konstant geltenden Naturgesetzes, dass jede politische Ordnung notwendig aus einer Regierung und einer Mehrheit von Untergebenen bestünde: „Eins der einfachsten und einleuchtendsten Naturgesetze des Staatslebens ist: daß es [...] eine Regierung geben muß, der gehorcht wird, und Unterthanen, die zu gehorchen haben. Eben so liegt es in der Natur der Dinge, und die Erfahrung beweist es: daß der letztern Kategorie immer und nothwendig die, ohne Vergleich größte Mehrheit aller Landeseinwohner angehört.“1191

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Als konstante Eigentümlichkeit des als Individualkörper metaphorisierten Europas wird von Döllinger die monarchisch-aristokratische Staatsform erkannt. „Die europäische Staatsordnung verdankt ihre erste Gründung dem durch das Christenthum gemilderten und gelenkten heroischen, d.h. monarchisch-aristocratischen Geiste der germanischen Völker. - Wie der Boden von Nordamerika seit dem Augenblicke, wo ihn zuerst der Fuß eines Europäers betrat, der democratischen Form verfallen war, - so ist das Königthum und die fürstliche Herrschaft in Saft und Blut und Leben von Europa eingedrungen, - und der Europäer müßte seiner Vorzeit und den Erinnerungen seiner Kindheit, seiner Poesie, wie seinen Begriffen von Ehre, ja seiner gesammten, in Sprache und Sitte ausgeprägten Eigenthümlichkeit entsagen, wollte er jemals die fürstliche Herrschaft als ein nothwendiges Stück des europäischen Gesammtlebens zu betrachten aufhören.“1192

Die Anschauung, dass König und alle Obrigkeit von Gott eingesetzt werde, begründet ein unbekannter Verfasser mit Hilfe des entwicklungsanalytischen Blickes auf die „einfachen Anfänge und Elemente“ von fürstlicher Herrschaft. „Sonach herrscht also der König, dem Wesen und der Sache nach, nicht deßhalb, weil seine Unterthanen ihn zu ihrem Herrn erlesen und ihm eine gewisse Machtfülle übertragen haben, was erweislich nie geschehen ist, sondern seine Unterthanen gehorchen ihm, weil er kraft seinen Besitzes von liegenden Gründen und nutzbaren Rechten, kraft seines berühmten Namens und Geschlechts, kraft der großen Zahl und Menge seiner Diener, Gehülfen und Freunde von Hause aus nicht bloß ein mächtiger, sondern auch ein unabhängiger Herr ist, der Vielen befiehlt, aber keinem irdischen Herrn gehorcht. Dieses e i g e n e Recht der Könige muß jeder religiösen Auffassung der menschlichen Dinge, als ein von Gott verliehenes erscheinen. - Der souveraine Fürst verdankt es keinem Menschen, weder einem Einzelnen, noch einer Gesammtheit, weder einem auswärtigen Herrn, noch seinen Unterthanen, sondern Gott allein, [...].“1193 Von diesem Axiom leitet der Autor weiter ab, dass der König niemals absolut herrschen könne, sondern immer den Geboten Gottes unterworfen sei1194, wozu die Kirche als Mahnerin dienen müsse1195.

Ebenfalls als ein „allgemeines Naturgesetz“ und damit als historische Konstante sieht Jarcke an, dass es keine vollkommene Verfassung geben könne: „So wie jedes Leben auf Erden den Keim des Todes in sich trägt, und jeder Zustand, jedes Alter, jedes Geschlecht sein Kreuz zu tragen hat, so führt jeder politische Zustand, ohne Ausnahme, seine besondern Übelstände mit sich. [...] Dieß liegt in der sündhaften Natur des gefallenen Menschen, deren Bedingungen kein Sterblicher entfliehen kann.“1196 Dies ist für Jarcke ein entscheidender Grund, weshalb dem Christentum im Staat eine so große Rolle zukommen müsse, da nur es „Gerechtigkeit und Liebe im Herzen der Regierenden schafft, so wie ohne Christenthum Gehorsam, Liebe und Geduld bei den Unterthanen keine sichere Grundlage haben.“1197 Um die Funktion des Christentums aufgrund dieses „Naturgesetzes“ näher zu beschreiben, greift er im folgenden zur Maschinenmetaphorik: „Christliche Gesinnung, ächter, wahrer, tiefer Glaube oben, unten und in der Mitte, ist im Staate dasselbe, was das Öl in der Maschine ist. Er hindert die Friction, durch welche das Räderwerk in kürzester Frist einem unheilvollen Bruche und Ruin entgegen ginge.“1198

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Obgleich die Methode, Konstanten aus dem natürlichen Entwicklungsprozess des Staates als Gottes Willen zu interpretieren und danach den idealen Staat ausrichten zu wollen, in den historisch-politischen Blättern dominiert, greift Jarcke, wie oben bereits angesprochen, zudem auf die Vorgehensweise zurück, alte Formen an veränderte Umstände anpassen zu wollen. So hält er es aufgrund der großen Veränderungen der letzten hundert Jahre für unmöglich, mittelalterliche Ständeordnungen wieder zum Leben zu erwecken, da diese auf derzeitige Verhältnisse nicht mehr passen würden. Er plädiert für eine beratende Ständeversammlung, „die durch ihre Rathschläge und Erörterungen die Regierung aufklären, die moralische Autorität derselben dem Lande gegenüber stützen, ihr die Verantwortlichkeit vor der öffentlichen Meinung tragen helfen, ohne dabei zu schreien, zu stören, zu verwirren, zu hemmen oder mitregieren zu wollen.“1199 Dabei betont er insbesondere, dass damit die Staatsgewalt die immer mächtiger werdende öffentliche Meinung einbinden könne. „Freilich hätte sie dann sich gegenüber eine Ständeversammlung in der Hauptstadt ihres Landes, und somit in jedem Fall, auch unter den oben aufgestellten Voraussetzungen! eine Aufschluß verlangende, Beschwerden vorbringende, oft auch zur Unzeit mitredende, controllirende politische Gewalt. – Das ist nicht zu läugnen. Aber ist die heute bereits bestehende Controle über die Regierung nicht über das ganze Land zerstreut, hält sie nicht in jedem Kaffeehause ihre Sitzungen, spricht sie nicht in allen Lokal- und Winkelblättern mit? Und hat die Regierung heute die Mittel, sich mit dieser, in der Diaspora lebenden Volksvertretung zu verständigen? Daß dieser Zustand auf diesem Punkte nicht stehen bleiben könne, leuchtet ein.“1200

Auch in Bezug auf die veränderte Wirtschaft mahnt Jarcke energische Maßnahmen an, z.B. das Verhältnis Fabrikherr-Arbeiter per Gesetz auf eine sittliche Grundlage zu stellen, da sonst Umsturzgefahr drohe1201, die allein durch das Verbot von Assoziationen nicht verhindert werden könne, wie man an der Geschichte Weitlings sehe: „Das Übel aber wucherte wenig verborgen fort, und ist jetzt in der Geschichte von Weitling wieder recht ans Licht getreten. Mit bloßen negativen Verboten dieser Art ist dem Übel auch nicht abgeholfen; es liegt in der Natur und im Menschen ein tiefes Bedürfniß nach Organisation und nach Vereinigung, und wo diesem nicht auf gesetzliche Weise unter der rechten Leitung Genüge geschieht, da sucht es heimlich auf unrechtmäßige seine Befriedigung.“1202

4.6.2 Görres’ „Athanasius“

4.6.2.1  Die diskursprägende Organologiemetaphorik

4.6.2.1.1  Der organische Aufbau und die kraftgesteuerte Entwicklung der politischen und sozialen Gebilde

Görres bietet in seinem Athanasius eine triebgesteuerte Entwicklungstheorie, deren wesentliche Komponenten er explizit ausführt. Das von ihm postulierte Entwicklungsgesetz bezieht sich diskurstypisch auf die moderne Vorstellung des Organismus, der bei ihm aus sich gegenseitig durchdringenden, jedoch eigenwertigen Gegensätzen besteht und der die Struktur der Welt mit all ihren Erscheinungen prägt: „[...] im ganzen Umkreise des Daseins, im Himmel wie auf Erden, stehen nirgendwo nackte, schroffe, ganz und gar von einander gelöste und unvermittelte Gegensätze einander sich entgegen [...]. Es ist vielmehr durch alle Gebiete der Wirklichkeit also beschaffen, daß die Entgegenstetzungen gegenseitig sich durchdringen, sich in mancherlei Verhältnissen binden, mildern und mäßigen; wo denn statt des einen schreienden und toten Widerspruchs, die ganze Fülle gebundener Wirksamkeiten und Gegenwirksamkeiten sich entwickelt, in deren Spiele alles Leben sich in seinem gedeihlichen Ablauf äußert.“1203 Dieses Verhältnis der Gegensätze unterliegt nach Görres verschiedenen Phasen, in denen die Gegensätze zu bestimmten Zeiten schroff auseinander treten, sich aber anschließend wieder neu und noch intensiverer durchdringen würden: „Den Zeiten der Zersetzung folgen also nach ewigen Weltgesetzen andere Zeiten der Wiederbildung und neuer Gestaltung; und jene sind nur eingetreten, um diese möglich zu machen.“1204 Dieses „Natur“-Gesetz gelte nicht nur für die physische, sondern auch für die moralische Welt1205. Wie die Autoren der historisch-politischen Blätter beruft sich Görres als Gewähr für die Gültigkeit dieser Naturgesetze auf Gott1206.

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Görres entwirft mit der Hilfe der Organologiemetapher eine ähnliche Erzählung wie die Autoren der historisch-politischen Blätter. Auch er beschreibt die Entwicklung bis zum Mittelalter als gesund und weitgehend vollkommen. Ab der Reformation schlage sie jedoch in einen Krankheitsprozess um, der aufgrund des zu Grunde liegenden Entwicklungsgesetzes - und hier unterscheidet Görres sich von den Autoren der historisch-politischen Blätter - sicher in der Heilung der Zustände enden werde. Bis zum Mittelalter entsprächen dabei Kirche und Staat in ihrer gegenseitigen Durchdringung dem „organischen“ Lebensideal Görres. „[...] denn die ganz christliche soziale Ordnung ist vom Anfang an auf dies gänzlicheDurchdringen und Durchwachsen der beiden Sozietäten gebaut gewesen [...]. Alles Bestreben früherer, besonnener Zeiten ist darauf hingegangen: dies lebendigeDurcheinanderspielen zu fördern, nach allen Richtungen durchzuführen, das wechselseitige Nehmen und Geben zu ordnen, und das Durchgeführte und Geordnete in der rechten Schwebe festzuhalten. In den Institutionen durchdrangen sich daher möglichst beide Elemente; die Kirche war in ihren Prälaten bei allen bedeutenderen Vorkommnissen gegenwärtig, wie auch die kirchlichen Transaktionen, in so fern sie den Staat berührten, diesem sich nicht verbergen mochten; an Konflikten hat es zwar nicht gefehlt, aber überall waren die Mittel gegeben, sie in einer dem Ganzen gedeihlichen Weise zu beseitigen.“1207
Diese Durch- und Ausbildung sei „in diesen frühen Zeiten“ durch „natürliche Bildungskräfte und Instinkte“ getragen gewesen1208. Sie habe - eingeschränkt durch die Schwäche der menschlichen Natur1209 - zu einem weitgehend idealen Organismus geführt: „Die Staatsordnung, die auf diesem ihrem Grunde in jenen Zeiten sich erbaut, wenn sie auch nicht ganz ihr Vorbild erreicht, hat doch das schwierigere Problem in einer Weise gelöst, daß bei aller Unvollkommenheit die späteren Versuche zur Zeit noch nichts ihr auch nur von weitem Beikommendes hervorgerufen. Freiheit und Gebundenheit, Herrschaft und Dienstbarkeit, Vorrechte und Leistungen im politischen; Berechtigungen und Pflichten, selbstständige Unabhängigkeit und gesetzliche Verbindlichkeit, Eigenwille und Unterwerfung im rechtlichen Gebiete; Anspruch der Gesamtheit und des Individuums, öffentliches Eigentumsrecht und besonderes im Besitzstand: das alles konnte vermöge des Prinzipes in so glücklicher Mischung in dieser Ordnung sich verbinden, daß das Ganze in freiester Bewegung, und doch auf gewiesenen Wegen in seinem Kreise sich bewegen mochte, ohne gegenseitig sich zu stören und zu irren; und alles zwischen gemütlicher Anhänglichkeit an die Gewohnheit des Herkömmlichen und vorstrebender, keck ausholender Kraft, innerhalb eines bestimmten rhythmischen Maßes festgehalten, auch nach außen in seinen historischen Bahnen mit gemacher Eile vorschreiten konnte.“1210
Diese lebendige, sich ideal entfaltende Ordnung wurde dann aber von „politischen und kirchlichen Sekten“ zerstört und in eine krankhafte Entwicklung gelenkt: „Erst seit dem das System rationalistischer Abstraktionen durch die politischen und kirchlichen Sekten aufgebracht worden, und nun, was auf immer verbunden sein sollte, nach entgegengesetzten Seiten aus einander gehend sich von einander abgelöst, und in Folge dessen der Staat die Kirche in einer monströsen Weise überflügelt, hat gegenseitiges Anfeinden aus dieser Trennung sich entwickelt; [...]. Darüber aber ist die ganze soziale Ordnung zu Grund gegangen; die Kirche hat sich aus den erkaltenden Extremitäten in ihren schlagenden Herzpunkt zurückgezogen; der Staat hat scheinbar gewinnend die verlassenen Gebiete in Besitz genommen, was er aber an äußerer Ausbreitung gewonnen, das hat er zehnfach wieder an die Revolution verloren; denn aller intensiven Macht entbehrend, ist er in Aufgeblasenheit hohl und lebensmatt und kraftlos worden; so daß der Windzug irgend einer neuen Lehre ihn wie eine Wolkengestalt mit sich hinnimmt, und Aufstände der kleinsten Minoritäten ihm gefährlich und verderblich werden.“1211 „Diese Tatsache hat wohl früher sich schon begründet; aber sie hat sich in der Reformation ausgebildet, und in der Revolution vollführt[...].“1212 Aus diesem Entzweiungsprozess sind laut Görres auch die politischen Parteien hervorgegangen1213.
Sein Entwicklungsgesetz anwendend, gibt Görres die Welt jedoch nicht verloren: „[...] so stehen die Konfessionen und die politischen Parteien, die Stände und die Interessen wie die Prinzipien ohne Bindung und Vermittlung einander sich entgegen. Das ist die Lage der Dinge, wie sie in den letzen Zeiten sich gestaltet, in wenig Strichen, aber kenntlich genug dargestellt. Und solcher bestandloser Unbestand, meinen nun jene, werde bleibenden Bestand gewinnen, und auf die Dauer sich befestigen. Da müßte doch das wachende Auge der Vorsehung erblindet sein, und mit den ewigen Gesetzen der physischen Welt müßten auch die der moralischen alle Geltung verloren haben“1214. „So also deuten alle Zeichen, daß das Äußerste der Scheidung und Auflösung schon erreicht, und daß die getrennten Richtungen, die seither aus einander geschwankt, jetzt gegen einander zu gehen angefangen, und die Bewegung, die sie ergriffen, sie nun fortdauernd mehr und mehr zusammenführt. Denn der Geist von oben, der die Kirche überschwebt, hat bei aller Ausweichung, die er gestattet, die höhere Einheit in ihr festgehalten [...]“1215.
Als markanten Wendepunkt sieht er die Reaktionen auf das Ereignis um den Kölner Erzbischof von 1837, dem er – indem er es in diesen universellen Entwicklungszusammenhang einbettet – weltgeschichtliche Dimension zuweist: „So hat die Vergangenheit also abgeschlossen mit der Gegenwart, und die Zukunft hebt unter einem andern Gestirne an. Das eben ist die Bedeutung der Tatsache, die unsere Aufmerksamkeit jetzt beschäftigt: daß in ihr dieser Abschluß zu Tage getreten, und ihr jenen universalhistorischen Charakter eingeprägt, der sie sogleich bei ihrem Hervortreten zu einer europäischen Angelegenheit gemacht. Wie nämlich die gegen den Erzbischof geübte Gewalt, in der sich der abstrakte Staat und die abstrakte Kirche in gemeinsamem Angriff auf die Kirche des lebendigen Worts begegnet, jetzt am Ablaufe der Zeit die äußerste Spitze gewesen, in die das seither herrschende Wesen ausgegangen; so hat die große geistige Bewegung, die darauf erfolgt, und auf der Höhe derselben die Allokution des Oberhauptes dieser Kirche, die erste Botschaft gebracht, die das Nahen einer anderen Zeit, und eines anderen Geistes, der in ihrem Geleite geht, uns angemeldet.1216

4.6.2.1.2 Das Geschlecht und die politischen und sozialen Gebilde

Zum Geschlechterverhältnis macht Görres mit Hilfe der von ihm verwendeten Organologiemetaphorik keine Aussagen.

4.6.2.2 Der politische Entwurf

Görres beruft sich auf die von ihm formulierten Entwicklungsgesetze, um plausibel zu machen, dass ein Idealstaat in nicht zu ferner Zukunft Wirklichkeit werde. Er betont jedoch, dass die alten Formen für dessen Ausbildung nicht taugen würden, man die neuen aber noch nicht kenne1217. Es sei des ungeachtet sicher, dass der Kirche für diese Neubildung zentrale Bedeutung zukomme, da sie sich trotz aller Wandlungen als stabiler Anker erhalten habe und - organologisch metaphorisiert - fruchtbar für Neues geblieben sei: „Während dem ganzen Verlaufe der Periode retrograder Bewegungen hat er diese seine Kirche daher in ihrem Wesen und in ihren Prinzipien unverändert und wandellos bewahrt, damit das Bewegte, Flüchtige zu aller Zeit wieder seinen Halt an ihr finden möge. Zugleich aber hat er ihrer Äußerlichkeit auch die ihr einwohnende Fruchtbarkeit erhalten, damit sie in ihr stets sich entwickelnd, weiter entfaltend, fortbildend, erweiternd allen Zeiten immer gerecht bleiben möge. Indem sie nun mit diesen ihren äußeren stets wechselnden Entfaltungen ihres inneren, sich immer gleichen Wesens, in den gemischten Institutionen den Persönlichkeiten und den sozialen Gliederungen sich eingiebt, erfährt sie allerdings das Los der Sterblichkeit, und wie die irdischen Formen wechseln, welken, dorren und vergehen nun allerdings diese Wurzeln, die sich aus ihr in sie versenkt, und das ihnen einwohnende Leben kehrt zu seiner Quelle zurück. Aber andrerseits versiegt auch ihre Bärkraft nie, und haben die Geister, nachdem sie lange auf dem absteigenden Wege hingegangen, sich wieder dem aufsteigenden zugewendet, dann beginnt so in der Kirche, wie durch sie in ihnen, indem sie ihr wieder nahen, ein reiches Sprossen und Treiben, und indem die getriebenen Fäden in einander wachsen, bildet sich für die neue Geburt auch eine neue Plazenta und die Umhüllung, in der sie bis zur Reife getragen wird.“1218


Fußnoten und Endnoten

491 Weitling benutzt die Organologie- bzw. Körpermetapher sehr häufig, z.B. Weitling, Garantien, S. 26, S. 53, S. 124, S. 129 etc.; „Gesellschaft“ und „Menschheit“ werden von ihm nicht sauber getrennt, er verwendet beide Bezeichnungen in gleicher Bedeutung: vgl. z.B. Weitling, Garantien, S. 9: „Erstes Kapitel: Der Urzustand der Gesellschaft: Die ersten Spuren der Entwicklung des Menschengeschlechts finden wir ...“; ebenda S. 38f: „Wenn die Menschheit im Zustande der Gemeinschaft die Periode erreicht, in welcher sie für nötig hält, Maßregeln gegen die Überbevölkerung zu nehmen, dann werden in der Gesellschaft die wichtigsten Reformen vorgehen;...“.

492 Die Individuen als Glieder: z.B. Weitling, Garantien, S. 15, S. 85, S. 90, S. 163.

493 Weitling, Garantien, S. 123ff.; Weitling greift hier ein klassisches Argument des Naturrechtsdenkens, v.a. der Stoa auf: Alle haben ein gleiches Recht auf materielle Güter. Vgl. hierzu z.B. Meyer 1974, S. 223ff.

494 Weitling, Garantien, S. 125: In dieser Annahme der gütigen vorsorgenden Natur, die die ausreichende Versorgung aller garantiert, wird ebenfalls Weitlings Anlehnung an naturrechtliche Überzeugungen deutlich. Vgl. hierzu z.B. Meyer 1974, S. 304.

495 Weitling, Garantien, S. 123.

496 Weitling, Garantien, S. 15: „Vermöge des natürlichen Selbsterhaltungstriebes sucht der Mensch Alles zu haben, was nur irgend zu haben ist. Alles, was auf der Erde lebt, was in den Lüften sich bewegt, was in der Erde versteckt ist; Alles, was atmet und wächst; was man hören, sehen, schmecken, riechen und fühlen kann. Nach Allem gelüstet es dem Menschen, Alles sucht er zu genießen, obgleich er nicht Alles haben kann, weil die Natur seinen Begierden Schranken entgegensetzt, an welchen er unaufhörlich arbeitet, um sie niederzureißen.“

497 Weitling, Garantien, S. 124f. Hervorhebung von mir.

498 Vgl. hierzu die umfänglichen Ausführungen Weitlings, Garantien, S. 19ff.

499 Weitling, Garantien, S. 19f. Hervorhebung von mir.

500 Weitling, Garantien, S. 132.

501 Weitling, Garantien, S. 23.

502 Weitling, Garantien, S. 23f.

503 Weitling, Garantien, S. 22: „Der Begriff des Eigentum paßt nicht mehr für unsere Zeit, weil jede Zeit ihr eigenes Bedürfnis hat, das Eigentum aber dem unsrigen ganz entgegen ist […].“

504 Weitling, Garantien, S. 25.

505 Weitling, Garantien, S. 53.

506 Weitling, Garantien, S. 48ff.

507 Weitling, Garantien, S. 132.

508 Weitling, Garantien, S. 25.

509 Weitling, Garantien, S. 66.

510 Weitling, Garantien, S. 222f.

511 Weitling, Garantien, S. 268: „Und sind wir es denn, welche alle diese Greuel hervorrufen? Bestanden sie nicht schon lange vor der Verbreitung unseres Prinzips, dienten sie nicht fast immer dazu, jede Meinung zu unterdrücken, welche nicht die Derer war, welche die Gewalt besitzen?“

512 Weitling, Garantien, S. 269.

513 Z.B. Weitling, Garantien, S. 265, S. 268.

514 Weitling, Garantien, S. 267.

515 Weitling, Garantien, S. 267.

516 Weitling, Garantien, S. 267.

517 Weiling, Garantien, z.B. S. 275.

518 Weitling, Garantien, S. 162.

519 Weitling, Garantien, S. 210f.

520 Weitling, Garantien, S. 211.

521 Weitling, Garantien, S. 210.

522 Weitling, Garantien, S. 123.

523 Z.B. Weitling, Garantien, S. 67: „Also vorwärts Brüder! Den Fluch des Mammons auf den Lippen laßt uns die Stunde der Befreiung erwarten[...]“. Hervorhebung von mir.

524 Vgl. Weitling, Garantien, „Von der Zentralmeisterkompagnie“ S. 158ff. und „Die Meisterkompagnie“ S. 157ff.

525 Weitling, Garantien, S. 201. Hervorhebung von mir. Weitere ähnliche Stellen ebenda S. 68, S. 69, S. 202, S. 205, S. 260, S. 263, S. 266, S. 269.

526 Weitling, Garantien, S. 195.

527 Weiling, Garantien, S. 195.

528 Weitling, Garantien, S. 25f. Hervorhebung von mir.

529 Weitling, Garantien, S. 128ff.

530 Weitling, Garantien, S. 133.

531 Weitling, Garantien, S. 141ff. und S. 220.

532 Weitling, Garantien, S. 220.

533 Weitling, Garantien, S. 140.

534 Weitling, Garantien, S. 154f.

535 Weitling, Garantien, S. 163.

536 Weitling, Garantien, S. 167.

537 Weitling, Garantien, S. 187.

538 Weitling, Garantien, S. 220.

539 Weitling, Garantien, S. 210.

540 Weitling, Garantien, S. 197.

541 Weitling, Garantien, S. 196; dort ebenfalls: „Schaffet den Eheleuten in der gesellschaftlichen Ordnung eine freie, unabhängige, sorgenlose Stellung und beseitigt die eisernen, unnatürlichen Bande, mittelst welcher ihr die widersprechendsten Begierden und Fähigkeiten auf eine ganze Lebenszeit aneinanderkettet; gebet den Eheleuten die ursprüngliche Freiheit wieder, die sie im Paradiese hatten, dann wird der widrige Skandal aufhören, der heute euren Gerichten alle Hände voll zu tun gibt.“

542 Weitling, Garantien, S. 211ff.

543 Weitling, Garantien, S. 199.

544 Marx, Pariser Manuskripte, S. 566: „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. [...] Daß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als daß die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur.“

545 Marx, Pariser Manuskripte, S. 650: „Der Mensch ist unmittelbar ein Naturwesen. Als Naturwesen und als lebendiges Naturwesen ist er [...] mit natürlichen Kräften, mit Lebenskräften ausgerüstet, ein tätiges Naturwesen; diese Kräfte existieren in ihm als Anlagen und Fähigkeiten; als Triebe […].“

546 Marx, Pariser Manuskripte, S. 652; Wie bereits in Kapitel III.1.2 erläutert spielt Marx an dieser Stelle auf Fourier an und bringt seine „Kraftanalyse“ damit ebenfalls in den Zusammenhang Newtonscher Gravitationsvorstellungen.

547 Marx, Pariser Manuskripte. S. 566. In diesem Gedanken wird der Einfluss Schellings auf Marx deutlich, der den Arbeitsprozess ebenfalls in den großen Naturzusammenhang einbettet. Vgl. hierzu Schmidt 1962, S. 74.

548 Marx, Pariser Manuskripte, S. 568.

549 Marx, Pariser Manuskripte, S. 607.

550 Marx, Pariser Manuskripte S. 652. Etwas befremdet stellt Schmidt 1962, S. 66 fest: „Was [...] die in Marx angelegte Naturspekulation genannt worden ist, stellt nichts anderes dar als den sein gesamtes Werk durchziehenden Versuch, in immer neuen und zum Teil merkwürdigen biologischen Metaphern die wechselseitige Verschränkung von Natur und Gesellschaft innerhalb des naturalen Ganzen auf ihren angemessenen Begriff zu bringen.“

551 Zu diesen verschiedenen Aspekten der entfremdeten Arbeit: Marx, Pariser Manuskripte, S. 561ff.

552 Marx, Pariser Manuskripte, S. 568f.

553 Marx, Pariser Manuskripte, S. 569.

554 Marx, Pariser Manuskripte, S. 570.

555 Marx, Pariser Manuskripte, S. 577.

556 Marx, Pariser Manuskripte, S. 593.

557 Marx, Pariser Manuskripte S. 559. Hervorhebung von mir.

558 Marx, Pariser Manuskripte S. 518. Hervorhebung von mir.

559 Marx, Pariser Manuskripte S. 594.

560 Vgl. zu dieser Bewertung auch Heinrich 1997, S. 127ff.

561 Marx, Pariser Manuskripte S. 608. Hervorhebung von mir.

562 Marx, Pariser Manuskripte, z.B. Erstes Manuskript, S. 510-542.

563 Marx, Pariser Manuskripte, S. 558.

564 Dazu z.B. auch Goldschmid 1991, S. 126.

565 Marx, Pariser Manuskripte, S. 573.

566 Dazu z.B. auch Hillermann 1966, S.225ff.

567 Marx, Pariser Manuskripte, S. 506f.; z.B. auch ebenda S. 573: „Wie wir aus dem Begriff der entfremdeten, entäußerten Arbeit den Begriff des Privateigentums durch Analyse gefunden haben, so können mit Hilfe dieser beiden Faktoren alle nationalökonomischen Kategorien entwickelt werden[...].“

568 Marx, Pariser Manuskripte, S. 604.

569 Sandkühler 1996, S. 265.

570 Marx, Pariser Manuskripte, S. 596.

571 Marx, Pariser Manuskripte, S. 604f.

572 Marx, Pariser Manuskripte, S. 595: „Wir haben gesehen, wie unter Voraussetzung des positiv aufgehobenen Privateigentums der Mensch den Menschen produziert, sich selbst und den anderen Menschen; wie der Gegenstand welcher die unmittelbare Betätigung seiner Individualität, zugleich sein eigenes Dasein für den anderen Menschen, dessen Dasein, und dessen Dasein für ihn ist.“

573 Marx, Pariser Manuskripte, S. 602.

574 Marx, Pariser Manuskripte, S. 592f.

575 Z.B. Marx, Pariser Manuskripte, S. 565: „Dieses Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eigenen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung[...]“; ebenda S. 554: „Schon im Feudalgrundbesitz liegt die Herrschaft der Erde als einer fremden Macht über die Menschen. Der Leibeigene ist das Akzidens der Erde. Ebenso gehört der Majoratsherr, der erstgeborene Sohn, der Erde. Sie erbt ihn. Überhaupt fängt mit dem Grundbesitz die Herrschaft des Privateigentums an [...]. Das Grundstück individualisiert sich mit dem Herren [...]. Es erscheint als der unorganische Leib seines Herrn.“; Ebenda S. 628: „Im fortgeschrittenen Zustand [ist] jeder Mensch Handelsmann, die Gesellschaft eine Handelsgesellschaft“; ebenda S. 633: „Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen.“

576 Marx, Pariser Manuskripte, S. 564.

577 V.a. die historische Frauenforschung der 1960er und 1970er Jahre setzte sich intensiv und kritisch mit der marxistischen Wirtschafts- und Arbeitswerttheorie auseinander; vgl. dazu z.B. den Überblick über die Debatten in: Gestrich 1999, S. 97ff. Gestrich behauptet allerdings, dass in den Marxschen Frühschriften die weibliche Produktion als Ergänzung zur Produktion im Lohnarbeitsverhältnis noch berücksichtigt wurde und erst später keine Rolle mehr spielte (ebenda S. 98). Dies bestätigt sich in den Pariser Manuskripten nicht. Dagegen auch Haug 1999, S. 192ff.

578 Haug 1999, S. 183.

579 Marx, Pariser Manuskripte, S. 600: Es „bilden sich daher gesellschaftliche Organe, in der Form der Gesellschaft, also z.B. die Tätigkeit unmittelbar in Gesellschaft mit anderen etc. ist ein Organ einer Lebensäußerung geworden und eine Weise der Aneignung des menschlichen Lebens.“

580 Engels, Lage, S. 228 und S. 130.

581 Engels, Lage, S. 121 und ähnlich S. 120.

582 Engels, Lage S. 120: Hier spricht er vom „sozialen Körper“.

583 Engels, Lage, S. 3.

584 Engels, Lage S. 10.

585 Engels, Lage S. 10: „England ist der klassische Boden dieser Umwälzung, die um so gewaltiger war, je geräuschloser sie vor sich ging, und England ist darum auch das klassische Land für die Entwicklung ihres hauptsächlichsten Resultates, des Proletariats.“

586 Engels, Lage, S. 26. Hervorhebung von mir.

587 Engels, Lage, S. 23. Hervorhebung von mir.

588 Engels, Lage, S. 23. Hervorhebung von mir.

589 Engels, Lage, S. 23.

590 Engels, Lage S. 113.

591 Engels, Lage S, 84ff.

592 Engels, Lage S. 90ff.

593 Engels, Lage, S. 25; ebenda S. 261ff.

594 Engels, Lage, S. 66.

595 Engels, Lage, S. 228.

596 Engels, Lage, S.124: „[...] er [der Bourgeois] ist wesentlich, wenn auch in liberaler Form, konservativ, sein Interesse mit dem Bestehenden verwachsen, er ist aller Bewegung abgestorben. Er tritt ab von der Spitze der historischen Entwicklung, die Arbeiter treten erst rechtlich und dereinst auch faktisch an seine Stelle.“

597 Engels, Lage, S. 261.

598 Z.B. Engels, Lage, S.116: „Carlyle hat in den Tatsachen ganz recht, und nur darin unrecht, daß er die wilde Leidenschaft der Arbeiter gegen die höheren Klassen tadelt. Diese Leidenschaft, dieser Zorn ist vielmehr der Beweis, daß die Arbeiter das Unmenschliche ihrer Lage fühlen, daß sie sich nicht zum Tier herabdrängen lassen wollen und daß sie dereinst sich aus der Knechtschaft der Bourgeoisie befreien werden.“; ähnlich auch: Engels, Lage, S. 118.

599 Engels, Lage, S. 203. Engels verwendet diese Form der Verknüpfung durchgängig, z.B. auch ebenda, S. 260: „Wir haben mit dem Proletariat die Unzufriedenheit entstehen, wachsen, sich ausbilden und organisieren [...] gesehen.“

600 Engels, Lage, S. 201; ähnlich S. 246, S. 280, S. 281f.

601 Engels, Lage, S. 121: „[...]der Verlauf der sozialen Krankheit, an der England leidet, ist derselbe wie der einer physischen Krankheit; sie entwickelt sich nach gewissen Gesetzen und hat ihre Krisen, deren letzte und heftigste über das Schicksals des Kranken entscheidet.“; und ähnlich S. 120.

602 Engels, Lage, S. 225.

603 Engels, Lage, S. 4: „Dieselben Grundursachen, welche in England das Elend und die Unterdrückung des Proletariats bewirkt haben, sind in Deutschland ebenfalls vorhanden und müssen auf die Dauer dieselben Resultate erzeugen.“

604 Engels, Lage, S. 3.

605 Engels, Lage, S. 289f.

606 Engels, Lage, S. 30.

607 Engels, Lage, S. 76.

608 Engels, Lage S. 129.

609 Hier zeigt sich ein anderes Bild, als es z.B. Pelz für das Gesamtwerk behauptet. Engels sei laut Pelz niemals von genetisch kodierten Zwangsläufigkeiten ausgegangen: Pelz 1996, S.39. Das Ergebnis dieser Analyse stützend z.B. Vileisis 1996, S. 150f.

610 Engels, Lage, S. 140f. Hervorhebung von mir.

611 Engels, Lage, S. 142.

612 Engels, Lage, S. 198.

613 Engels, Lage, S. 142f.

614 Fröbel, Politik 1, S. 3.

615 Dass Fröbel diese Begriffe nicht scharf voneinander trennt, zeigt sich z.B. daran, dass er häufig von „Staatsgesellschaft“ spricht: z.B. Fröbel, Politik 2, S. 60 und Fröbel, Politik 2, S. 330. Tendenziell unterscheiden sich für ihn Staat und Gesellschaft dadurch, dass ein noch ungegliederter Gesellschaftsorganismus einen „naturwüchsigen Staatsanfang“ bezeichnet, während Staat den ideal organisierten und durchgebildeten Gesellschaftsorganismus“ meint; vgl. hierzu z.B. Fröbel, Politik 2, S. 89f. Zur Thematik der Identifizierung von Staat und Gesellschaft bei Fröbel vgl. z.B. Wende 1975, S. 60ff.

616 Z.B. Fröbel, Politik 2, S. 41; Fröbel, Politik 2, S. 153; Fröbel, Politik 2, S. 164, Fröbel, Politik 2, S. 195; Fröbel, Politik 2, S. 274; Fröbel, Politik 2, S. 322; Fröbel, Politik 2, S. 325; Fröbel, Politik 2, S.431; Fröbel, Politik 1, S. 491.

617 Fröbel, Politik 1, S. 4.

618 Häufiger als die direkte Metaphorisierung von Staat und Gesellschaft mit „Organismus“ verwendet Fröbel die Metaphervarianten Staats- bzw. Gesellschaftsglieder für die Individuen, die diesen Kollektiven angehören. Staatsglieder: z.B. Fröbel, Politik 2, S. 60; Fröbel, Politik 2, S. 58; Fröbel, Politik 2, S. 61; Fröbel, Politik 2, S. 396; Fröbel, Politik 2, S. 80; Fröbel, Politik 2, S. 82; Fröbel, Politik 2, S. 113; Fröbel, Politik 2, S. 392; Fröbel, Politik 2, S. 393; Fröbel, Politik 2, S. 206; Fröbel, Politik 2, S. 224; Fröbel, Politik 2, S. 394; Fröbel, Politik 2, S. 336; Fröbel, Politik 2, S. 423. Gesellschaftsglieder: z.B. Fröbel, Politik 1, S. 88; Fröbel, Politik 2, S. 2; Fröbel, Politik 1, S. 127; Fröbel, Politik 1, S. 113; Fröbel, Politik 2, S. 14; Fröbel, Politik 1, S. 131; Fröbel, Politik 1, S. 115, Fröbel, Politik 2, S. 18; Fröbel, Politik 1, S. 132; Fröbel, Politik 1, S. 157; Fröbel, Politik 1, S. 133; Fröbel, Politik 1, S. 137; Fröbel, Politik 1, S. 478; Fröbel, Politik 2, S.183; Fröbel, Politik 2, S. 81; Fröbel, Politik 2, S. 93; Fröbel, Politik 2, S. 353, Fröbel, Politik 2, S. 326.

619 Fröbel, Politik 1, S. 4.

620 Fröbel, Politik 1, S. 8: „Leben nämlich ist Wechselwirkung innerer und äußerer Kräfte, wobei jene vom Individuum, diese von der Welt ausgehen. Individuum und Welt sind die beiden Punkte, zwischen denen die Bewegungen des Lebens spielen.“

621 Fröbel, Politik 1, S. 14ff.

622 Fröbel, Politik 1, S. 26f.

623 Fröbel, Politik 1, S. 27f.

624 Fröbel, Politik 1, S. 30: „Für jede Verrichtung des innerlichen (geistigen) Lebens müssen äußerliche (leibliche) Organe vorhanden sein, durch welche dem Individuum die äußeren Reize zugeführt, in ihm festgehalten und innerlich fortgepflanzt, und seine Thätigkeiten nach außen gebracht werden.“

625 Fröbel, Politik 1, S. 28.

626 Fröbel, Politik 1, S. 27.

627 Fröbel, Politik 1, S. 40.

628 Fröbel, Politik 1, S. 41.

629 Fröbel, Politik 1, S. 41f.: „Die Reflexion, das E n d e des unmittelbaren, natürlichen Lebens, wird der A n f a n g eines vermittelten, künstlichen, welches die C u l t u r ist. Die Natur ist der unbewußte, unwillkürliche, die Cultur der bewußte, willkürliche, also f r e i e Proceß des menschlichen Lebens. Da die Natur es ist, die den Menschen zur Cultur führt, so ist freilich die Cultur nichts anderes als die Natur, welche sich über sich selbst hinaus entwickelt hat. Man lege aber hierauf Werth oder nicht, - immer beginnt mit der Cultur ein zweites, ein neues Leben, in welchem der Mensch erst als Mensch auftritt“.

630 Fröbel, Poltik 1, S. 33.

631 Fröbel, Politik 1, S. 52ff.

632 Fröbel, Politik, 1, S. 56.

633 Fröbel, Politik 1, S. 34.

634 Fröbel, Politik 1, S. 33.

635 Fröbel Politik 1, S. 467f.: „Das Gefühl des Bedürfnisses lehrt den Einzelnen die Bedingungen seiner Entwickelung aufsuchen, die er nur in der gesellschaftlichen Verbindung findet“; auch Fröbel Politik 1, S. 466: „ [...] die erste Begründung der Gesellschaft aber geht von den natürlichen leiblichen und geistigen Bedürfnissen aus.“

636 So heißt das Kapitel, in dem Fröbel diese Punkte abhandelt, vgl. Fröbel, Politik 1, S. 465ff.

637 Fröbel, Politik 2, S. 75f.

638 Fröbel, Politik 2, S. 76f.

639 Fröbel, Politik 2, S. 76f.

640 Fröbel, Politik 1, S. 467ff.

641 Fröbel, Politik 1, S. 478.

642 Fröbel, Politik 1, S. 478ff.

643 Fröbel, Politik 2, S. 66f.

644 Fröbel, Politik 2, S. 67ff.

645 Fröbel, Politik 2, S. 69.

646 Fröbel, Politik 2, S. 69f.

647 Fröbel, Politik 1, S. 5.

648 Fröbel, Politik 1, S. 52.

649 Fröbel, Politik 1, S. 160.

650 Fröbel, Politik 1, S. 49f.

651 Fröbel, Politik 1, S. 64ff.

652 Fröbel, Politik 1, S. 70.

653 Fröbel, Politik 1, S. 65ff.

654 Fröbel, Politik 1, S. 4; ähnlich Fröbel, Politik 1, S. 6: „Es muß also auch die anthropologische Grundlage der Politik von den einzelnen Menschen ausgehen, nicht von dem Abstractum einer allgemeinen Gesellschaft, welches erst durch die ganze Geschichte mit Natur ausgefüllt werden muß. Die Politik geht vom Studium der Natur der m e n s c h l i c h e n I n d i v i d u e n aus.“

655 Fröbel, Politik 1, S. 4.

656 Fröbel, Politik 1, S. 64.

657 Fröbel, Politik 1, S. 68.

658 Fröbel, Politik 1, S. 68.

659 Fröbel, Politik 1, S. 69.

660 Fröbel, Politik 2, S. 73f.

661 Fröbel, Politik 2, S. 74f.

662 Fröbel, Politik 1, S. 162; ähnlich auch Fröbel, Politik 1, S. 65: „Der Proceß des Lebens hat freilich seinen Gang auch ohne daß er speciell im Bewußtsein vorgestellt wird.“

663 Fröbel, Politik 1, S. 489ff. Hervorhebungen von mir.

664 Fröbel, Politik 1, S. 122.

665 Fröbel, Politik 2, S. 325.

666 Fröbel, Politik 1, S. 75.

667 Fröbel, Politik 1, S. 138.

668 Fröbel, Politik 2, S. 79.

669 Fröbel, Politik 2, S. 463.

670 Fröbel, Politik 1, S.464f.

671 Die für ihn idealen Kombinationen der verschiedenen Charaktere verdeutlicht Fröbel anhand detaillierter Tabellen; siehe Fröbel, Politik 1, S. 220f.

672 Fröbel, Politik 1, S. 223.

673 Vgl. dazu besonders das Kapitel „Das Geschlechterverhältnis“: Fröbel, Politik 1, S. 205ff.

674 Fröbel, Politik 1, S. 207f,

675 Fröbel, Politik 1, S. 224.

676 Fröbel, Politik 1, S. 205f.

677 Fröbel, Politik 1, S. 69.

678 Fröbel, Politik 1, S. 155f.

679 Siehe z.B. Fröbel, Politik 2, S. S.7f.

680 Siehe Kapitel 2.1.2

681 Fröbel, Politik 2, S. 81.

682 Fröbel, Politik 2, S. 227.

683 Fröbel, Politik 2, S. 58. Hervorhebungen von mir.

684 Fröbel, Politik 2, S. 136f.

685 Fröbel, Politik 2, S. 131.

686 Vgl. dazu die entsprechenden Kapitel Fröbel, Politik 2, S. 120ff.

687 Fröbel, Politik 2, S. 123.

688 Fröbel, Politik 2, S. 235f.

689 Fröbel, Politik 2, S. 250.

690 Fröbel, Politik 2, S. 84.

691 Fröbel, Politik 2, S. 276.

692 Fröbel, Politik 2, S. 276ff.

693 Z.B. Fröbel, Politik 2, S. 325: „Die Freiheit als bewegende Kraft und Inhalt des politischen Lebens ist der Gedanke der ungehemmten persönlichen Entwickelung aller Individuen im Staate als Zweck des Staatsbürgers. Dieser Zweck wird erreicht im Besitz der Mittel für denselben. Die Mittel aber sind die Güter des Menschen.“

694 Fröbel, Politik 2, S. 321ff.

695 Fröbel, Politik 2, S. 330f.

696 Fröbel, Politik 2, S. 410f.

697 Fröbel, Politik 1, S. 126.

698 Fröbel, Politik 1, S. 109ff.

699 Fröbel, Politik 1, S. 507.

700 Fröbel, Politik 2, S. 293.

701 Fröbel, Politik 2, S. 294.

702 Fröbel, Politik 2, S. 426.

703 Fröbel, Politik 2, S. 426f.

704 Fröbel, Politik 1, S. 229.

705 Fröbel, Politik 2, S. 446.

706 Fröbel, Politik 1, S. 224f.

707 Fröbel, Politik 2, S. 103. Hervorhebung von mir.

708 Fröbel, Politik 2, S. 123. Hervorhebung von mir.

709 Fröbel, Politik 2, S. 129. Hervorhebung von mir.

710 „Staatskörper“ z.B. Wirth, Richtung, S. 116, S. 141, S. 337.

711 Die ubiquitäre Metaphorisierung von „Volk“ mit Bildvarianten des Organismus z.B: Wirth, Richtung, S. 268: „[...] die Entwicklung der Völker“; S. 119: „organische Anlagen der Völker“; S. 155: „Blüthe des Volkes“.

712 Wirth, Richtung, S. 338.

713 Diese Grundvorstellung wird z.B. in folgender Textpassage sehr deutlich: „[...] daß eine neue Phase in der Entwicklung des Volkslebens für Deutschland eingetreten sei, daß frische Staats-Elemente hervortreten, welche nach Geltendmachung und Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten streben [...]. Staatskräfte sind die volksthümlichen Elemente wirklich, welche nun auch bei uns zum Bewußtsein gelangen, Staatskräfte, so jugendlich und fruchtbar, als irgend welche [...].“, Wirth, Richtung, S. 1.

714 Wirth, Richtung, S. 6.

715 Wirth, Richtung, S. 291.

716 Wirth, Richtung, S. 291.

717 Wirth, Richtung, S. 291f.

718 Wirth, Richtung, S. 72 f.

719 Wirth, Richtung, S. 74.

720 Wirth, Richtung, S. 74.

721 Wirth, Richtung, S. 290f.

722 Wirth, Richtung, S. 6f.

723 Wirth, Richtung, S. 74.

724 Wirth, Richtung, S. 73f.

725 Wirth, Richtung, S. 134.

726 Wirth, Richtung, S. 156.

727 Wirth, Richtung, S. 156; ähnlich auch S. 48: „Die Gegenwart ruht auf der Vergangenheit, alle inneren Zustände der Völker bilden sich organisch aus früheren Verhältnissen heraus [...]“.

728 Wirth, Richtung, S. 296.

729 Wirth, Richtung, S. 7.

730 Wirth, Richtung, S. 7f.

731 Wirth, Richtung, S. 45f.

732 Wirth, Richtung, S. 12.

733 Wirth, Richtung, S. 337f.

734 Wirth, Richtung, S.43 –133.

735 Wirth, Richtung, S. 63.

736 Wirth, Richtung, S. 20.

737 Wirth, Richtung, S. 20.

738 Wirth, Richtung, S. 18ff.

739 Wirth, Richtung, S. 57.

740 Wirth, Richtung, S. 12.

741 Wirth, Richtung, S. 12 f.

742 Wirth, Richtung, S. 24.

743 Wirth, Richtung, S. 25ff.

744 Wirth, Richtung, S. 42.

745 Wirth, Richtung, S. 102.

746 Wirth, Richtung, S. 103.

747 Wirth, Richtung, S. 103f.

748 Wirth, Richtung, S. 105.

749 Wirth, Richtung, S. 105.

750 Wirth, Richtung, S. 106.

751 Wirth, Richtung, S. 91.

752 Wirth, Richtung, S. 207ff.

753 Wirth, Richtung, S. 130f.

754 Wirth, Richtung, S. 92.

755 Wirth, Richtung, S. 1.

756 Wirth, Richtung, S. 116.

757 Wirth, Richtung, S. 298.

758 Wirth, Richtung, S. 295; ähnlich Wirth, Richtung, S. 244.

759 Wirth, Richtung, S. 297.

760 Wirth, Richtung, S. 134.

761 Wirth, Richtung, S. 74.

762 Wirth, Richtung, S. 74; auch S. 287.

763 Wirth, Richtung, S. 75.

764 Wirth, Richtung, S. 75ff.

765 Wirth, Richtung, S. 78.

766 Wirth, Richtung, S. 215.

767 Wirth, Richtung, S. 79.

768 Wirth, Richtung, S. 79: „1) Sturz der weltverwüstenden Römerherrschaft, 2) Vernichtung der zweiten, noch gefährlicheren Herrschaft Roms über die Gewissen, 3) Erfindung einer Kunst, welche bei unseren großartigen Verhältnissen die Ideen den Volkmassen zugänglich machen, und dadurch den Einfluß und die Macht des Gedankens, im Großen herstellen kann.“

769 Wirth, Richtung, S. 97; ähnlich auch S. 102.

770 Wirth, Richtung, S. 100.

771 Wirth, Richtung, S. 99.

772 Wirth, Richtung, S. 234ff.

773 Wirth, Richtung, S. 298.

774 Wirth, Richtung, S. 298ff.

775 Wirth, Richtung, S. 48.

776 Wirth, Richtung, S. 115f.

777 Wirth, Richtung, S. 158.

778 Wirth, Richtung, S. 155f.

779 Wirth, Richtung, S. 291.

780 Wirth, Richtung, S. 77.

781 Wirth, Richtung, S. 166.

782 Wirth, Richtung, S. 156.

783 Wirth, Richtung, S. 277.

784 Wirth, Richtung, S. 72.

785 Wirth, Richtung, S. 130.

786 Wirth, Richtung, S. 339.

787 Wirth, Richtung, S. 366.

788 Wirth, Richtung, S. 195.

789 So bezeichnet Rogozinski 1996, S. 362 diese Art von undifferenzierten, aus völlig gleichen Gliedern be-stehenden Körpern sehr treffend.

790 Wirth, Richtung, S. 77.

791 Wirth, Richtung, S. 75.

792 Wirth, Richtung, S. 167. Hervorhebung von mir.

793 Z.B. Wirth, Richtung, Eröffnung II: „Dasselbe ergibt sich indessen am sprechendsten und lebendigsten aus dem Wirken der Männer, welche dem geistigen Kampfe der Gegenwart angehören, selbst.“; ebenda S. 73: „Der Jüngling schwärmt, wenn er den Verfall auch jeder geistigen Blüthe als Naturnothwendigkeit nicht anerkennen will, sondern ewiges Glück der Völker und ewig ununterbrochene Fortschreitung des Menschengeschlechts fordert; aber der Mann ist innerhalb den Schranken der Wirklichkeit, wenn er jedem Volke natürliche Entwicklung und den sichern Eintritt eines gewissen Grades von öffentlicher Wohlfahrt zusagt.“

794 Wirth, Richtung, S. 74. Hervorhebung von mir.

795 Wirth, Richtung, S. 91: „Natürlich konnte nun auch umgekehrt der Weg zur Rettung des Vaterlandes und zur Begründung des Volksglücks nur in der Wiederherstellung des deutschen Reichs, und in der endlichen gewissenhaften Vollziehung seiner reinen Verfassungstheorie liegen [...].“

796 Wirth, Richtung, S. 146.

797 Wirth, Richtung, S. 147f.

798 Wirth, Richtung, S. 158ff.

799 Wirth, Richtung, S. 164.

800 Wirth, Richtung, S. 167.

801 Wirth, Richtung, S. 171ff.

802 Wirth, Richtung, S. 296.

803 Wirth, Richtung, S. 222.

804 Wirth, Richtung, S. 221f.

805 Wirth, Richtung, S. 99f.; ähnlich auch S. 217 und S. 98.

806 Z.B. Dahlmann, Politik, S. 124: „Volkskörper“; ebenda S. 57: „Gliedmaßen des Volkes“; ebenda S. 63: „Volksindividuen“.

807 Z.B. Dahlmann, Politik, S. 57: Der Staat hat „Bau und Leben“ und ist wiederum „Glied der Staatengesellschaft“; ebenda S. 56f.: der Staat „wächst fort“ und „wächst aus“.

808 Dahlmann, Politik, S. 53, § 4: „Was man in der Beschreibung ungebildeter Völker Naturstand nennt, ist nur ein Minus der Staatstätigkeit, welches aus einem unentwickelten Bewußtsein des Staates stammt. Man kann mehr Volk als Staat sein, aber man kann nicht Volk ohne Staat sein. Die Aufgabe ist, den Staat im Volksbewußtsein zu vollenden.“

809 Dahlmann, Politik, S. 53, § 3: „Der Staat ist uranfänglich“.

810 Dahlmann, Politik, S. 124, § 139.

811 Dahlmann, Politik, S. 125, § 139.

812 Dahlmann, Politik, S. 54, § 6.

813 Dahlmann, Politik, S. 54, § 7.

814 Dahlmann, Politik, S. 132, § 142: „Dieselbe Macht der Geschichte, welche überall dahin, wo früher D i e n s t e standen, das G e l d gesetzt hat, vermöge dessen nunmehr der Staat sich selber bedient, welche an die Stelle der ü b e r l i e f e r t e n S i t t e die Gründe wägende E i n s i c h t gesetzt hat und eine ö f f e n t l i c h e M e i n u n g an die Stelle der S t a n d e s m e i n u n g – eben sie ist es, welche die alten Landstände zusammenrücken heißt zu einer Volksvertretung [...]“.

815 Dahlmann, Politik, S. 56, § 12: „Da die Menschheit kein anderes Dasein hat als dieses, welches, im steten Entwicklungskampfe räumlich und zeitlich begriffen, in unserer Geschichte vorliegt, [....]“.

816 Dahlmann, Politik, S. 56, § 12.

817 Dahlmann, Politik, S. 126, § 139.

818 Dahlmann, Politik, S. 63f., § 25f.: „Denn was von den einzelnen Menschen gilt, daß keiner dem andern gleicht, und wieder jeder sich selber ungleich ist, das tritt noch gebieterischer in dem kräftigen Bau der selbständigen Volksindividuen hervor. Dieselbe Verfassung wird nicht allein für verschiedene Völker, sie wird auch für verschiedene Entwicklungsperioden desselben Volks nicht allein unpassend, sondern häufig, weil die Elemente dazu noch fehlen oder schon verschwunden sind, ganz unmöglich sein. [...] Indes ist ebenso gewiß, daß verwandtes Volkstum, gemeinsam verlebte Staatsjugend, der durchschlagende Strahl gleicher Glaubenslehren und langes Zusammenleben auch über einen Weltteil oder mehrere hinaus Staatsgesellschaften gründen kann, welche sehr ähnlicher Verfassungen fähig sind.“

819 Dahlmann, Politik, S. 63, § 27: „Weist nun dieses klar auf die Geschichte hin als Lehrerin der Politik, weil allein aus der Natur der zu beherrschenden Elemente, wie sie sich im Flusse begriffen zeigen, diejenige Form der Herrschaft erkannt werden mag, in welcher ein Volk seinen Frieden findet [...]“.

820 Dahlmann, Politik, S. 57, § 15.

821 Dahlmann, Politik, S. 199, § 237.

822 Dahlmann, Politik, S. 228, § 259.

823 Dahlmann, Politik, S. 63, § 27: „[...] so weist ein anderes über die Geschichte hinaus. Denn die Herrschaft von Menschen über Menschen darf ja nicht auf die Benutzung wie von leblosen Dingen, allenfalls auch auf den Raubbau gestellt sein, oder wie bei Wollherden allenfalls auch auf die schärfste Schur, sondern sie soll zum leiblichen und geistigen Besten des Ganzen und der einzelnen, die zum Staate versammelt sind, dienen. Und was das Hohes und Tiefes umfasse, muß derjenige, wiederholen wir, schon innehaben, welcher wohlvorbereitet zur Staatslehre herantreten will.“

824 Die klassische Staatsformenlehre teilt die Verfassungen nach der Anzahl der Träger der souveränen Gewalt ein. Hierzu z.B. Stollberg-Rilinger 1986, S. 58.

825 Dahlmann, Politik, S. 62, § 23.

826 Dahlmann, Politik, S. 62f. § 25.

827 Dahlmann, Politik, S. 63, § 26.

828 Dahlmann, Politik, S. 63.

829 Ausführlich zu der Entwicklung des Verhältnisses der Regierenden zu den Regierten, Dahlmann, Politik, S. 63ff.

830 Dahlmann, Politik, S. 83, § 66.

831 Dahlmann, Politik, S. 84, § 67.

832 Dahlmann, Politik, S. 84, § 67.

833 Dahlmann, Politik, S. 84f., § 69.

834 Dahlmann, Politik, S. 85, § 69.

835 Dahlmann, Politik, S. 85, § 70.

836 Dahlmann, Politik, S. 86, § 71.

837 Dahlmann, Politik, S. 187, § 220. Vgl. auch Dahlmann, Politik, S. 103f. § 101: „Die Untersuchung des Prinzips der Erblichkeit setzt voraus, daß über die im neueren Europa längst praktisch entschiedene Frage, ob die Regierung am besten in der Hand eines einzigen, und zwar auf Lebenszeit, ruhe, schon bejahend entschieden sei.“

838 Explizit diese Metaphorik verwendend, um die harmonische Verschmelzung zu einer stabilen Einheit auszudrücken z.B. Dahlmann, Politik, S. 88, § 74: „Mit der Bildung einer Wahlkammer im Parlament, welche einen notwendigen Anteil an der allgemeinen Gesetzgebung hat, hört das bloße Nebeneinander in der englischen Staatsverfassung auf; die Staatsgewalten treten in eine organische Verbindung.“ Auch: S. 96, § 74: „Wenn England durch den eigentümlich organischen Grundbau seiner Verfassung und sein bedeutendes Leben nach außen vielen dieser Klippen glücklicher entging [...].“

839 Dahlmann, Politik, S. 95, § 84.

840 Dahlmann, Politik, S. 198, § 236.

841 Dahlmann, Politik, S. 102, § 98.

842 Dahlmann, Politik, S. 102f., § 98.

843 Dahlmann, Politik, S. 200, § 237.

844 Dahlmann, Politik, S. 53, § 3: „Der Staat ist uranfänglich.“ Auch Dahlmann, Politik, S. 53f., § 6: „Denn der Staat ist nicht bloß etwas Gemeinsames unter den Menschen, nicht bloß etwas Unabhängiges, er ist zugleich etwas Zusammengewachsenes, eine leiblich und geistig geeinigte Persönlichkeit.“

845 Dahlmann, Politik, S. 131, § 141.

846 Dahlmann, Politik, S. 102, § 97.

847 Dahlmann, Politik, S. 195f., § 233: „Will man nun V o l k s s o u v e r ä n i t ä t die Wahrheit nennen, daß das Volk am Ende mit seinem Wohle der Zweck aller Regierung bleibt, daß eine diesem ihrem Zwecke beharrlich widerstrebende Regierung dem Untergange verfallen ist, daß das Recht zu regieren nie rein privatrechtlich ein ius quaestium werden kann, so ist nichts gegen den Sinn der Sache einzuwenden, nur daß die Benennung ihn verdunkelt; allein dem Volk im Gegensatze gegen seine Regierung, dem von Regierung verlassenen, an seiner Einheit verstümmelten Volk die Souveränität beilegen, wie Rousseau tut, ist ein verderblicher Irrtum, der die Krankheit zur Gesundheit und jede Rotte verfassungsmäßig zum Herrn der Regierung macht.“

848 Dahlmann, Politik, S. 55, § 10.

849 Dahlmann, Politik, S. 53, § 3.

850 Dahlmann, Politik, S. 229, § 261.

851 Dahlmann, Politik, S. 236, § 268.

852 Dahlmann, Politik, S. 59, § 20.

853 Z.B. Dahlmann, Politik, S. 124, §139: „Den Leib des Jünglings hält man nicht im Knabengewande fest und noch weniger den Sinn des Jünglings. Auch die Völker haben ihre Lebensalter, ...“; Der Staat erscheint als: „Herr der Bündnisse und Verträge, welche sein Dasein bedingen.“ Dahlmann, Politik, S. 167, §196. Hervorhebungen von mir.

854 Dahlmann, Politik, S. 242, § 272.

855 Kurios ist hier, dass Dahlmann einen Verfassungszustand von 1776 beschreibt, der zu seiner Zeit längst Vergangenheit war. 1835 hatten sich die politischen Gewichte auch in England schon deutlich zu Gunsten des Parlaments verschoben. Dazu z.B. Bleek 1997, S. 195f.

856 Dahlmann, Politik, S. 103ff., §101ff.

857 Dahlmann, Politik, S. 62, § 24.

858 Dahlmann, Politik, S. 103 –123.

859 Dahlmann, Politik, S. 106, § 106.

860 Dahlmann, Politik, S. 57, § 14.

861 Dahlmann, Politik, S.176 , § 203.

862 Dahlmann, Politik, S. 102, § 98.

863 Dahlmann, Politik, S. 123ff.

864 Dahlmann, Politik, S. 127, § 139.

865 Dahlmann, Politik, S. 138, § 150.

866 Dahlmann, Politik, S. 138, § 150.

867 Dahlmann, Politik, S. 138, § 151.

868 Dahlmann, Politik, S. 138ff.

869 Dahlmann, Politik, S. 140, § 106 mit Fußnotenverweis darauf, dass auch auf den deutschen Reichstagen die Äbtissinnen in den letzten fünf Jahrhunderte nur durch Gesandte erschienen seien.

870 Dahlmann, Politik, S. 149, § 170 und S. 152, § 173.

871 Dahlmann, Politik, S. 156, § 183.

872 Dahlmann, Politik, S. 201, § 238.

873 Dahlmann, Politik, S. 202, § 241.

874 Dahlmann, Politik, S. 202, § 241.

875 Dahlmann, Politik, S. 203, § 242.

876 Dahlmann, Politik, S. 203, § 241.

877 Dahlmann, Politik, S. 212ff., § 247ff.

878 Dahlmann, Politik, S. 198, § 326.

879 Dahlmann, Politik, S. 231f., § 263.

880 Dahlmann, Politik, S. 238, § 270.

881 Dahlmann, Politik, S. 232 § 264. Hervorhebung von mir.

882 Dahlmann, Politik, S. 254, § 281.

883 Dahlmann, Politik, S. 259, § 285.

884 Dahlmann, Politik, S. 261, § 288.

885 Dahlmann, Politik, S. 261, § 288.

886 Dahlmann, Politik, S. 262, § 288.

887 Die Metaphorisierung von Staat bei Welcker: Welcker „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 57: „Dieser Staat ist jetzt nicht ein durch blos äußeren mechanischen Zwang verbundener Haufe von Vielen[...], nein, er ist, [..] zugleich ein einziger großer Mensch [...].“; Die Metaphorisierung von Gesellschaft bei Welcker: Welcker „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 4: „gesellschaftliches Leben“; ebenda S. 8: „Glieder des gesellschaftlichen Organismus“; Welcker „Centralisation“, Staatslexikon Band 3, S. 388: „Gesellschaftsglieder“; Staat als Organismus bei Pfizer: „Liberalismus“, Klenner S. 302: „Fehlt es in England, wo der Liberalismus nicht erst von heute oder gestern ist, der Freiheit an einem festgefugten lebensvollen und lebenskräftigen Organismus? [...] Stehen die wahren Repräsentativstaaten den absolut regierten an Blüte, Macht und Reichtum, an lebendiger Entfaltung jeder Nationalkraft nach?“; Die organologische Metaphorisierung von Staat bei Rotteck: z.B. Rotteck, „Vorwort“, Staatslexikon Band 1, S. XIV: Der Staat habe Glieder; Rotteck, „Vorwort“, Staatslexikon Band 1, S. XII: Der Staat habe Leben.; Die organologische Metaphorisierung von Gesellschaft bei Rotteck: z.B. Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 706: Die Gesellschaft sei eine Persönlichkeit und habe Glieder.

888 Auch Rotteck trennt die Begriffe Staat und Gesellschaft nicht scharf voneinander. So ist Staat für ihn lediglich eine besondere Form von Gesellschaft, „und zwar die größte, die wichtigste, die heiligste von allen [...]“, Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 704.

889 Rotteck setzt Natur- und Vernunftrecht explizit gleich: Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S. 87.

890 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 716: „Die N a t u r s e l b s t, durch instinctartiges Gefühl und durch nächstliegendes Bedürfniß, führt den Menschen zur Vereinbarung mit Anderen [...]“; auch: Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 713.

891 Rotteck, „Vorwort“, Staatslexikon Band 1, S. VI.

892 Rotteck, „Vorwort“, Staatslexikon Band 1, S. VII.: „Sobald jedoch ein Staat nur b e s t e h t, wenn auch schlecht verfaßt und schlecht regiert, sobald also nur die M ö g l i c h k e i t des Entfaltens und Wirkens menschlicher Anlagen und Kräfte gegeben ist, so werden dieselben auch o h n e B e i h ü l f e  der Staatsgewalt, ja wohl t r o t z i h r e s, nur zu oft eintretenden, E n t g e g e n st r e b e n s thätig sein zu fortscheitender Erhebung, Veredelung und Beglückung des Geschlechts.“

893 Rotteck, „Bewegungspartei“, Staatslexikon Band 2, S. 559.

894 Rotteck, „Freiheit“, Staatslexikon Band 6, S. 71.

895 Rotteck, „Freiheit“, Staatslexikon Band 6, S. 71.

896 Rotteck, „Bildung“, Staatslexikon Band 2, S. 570.

897 Rotteck, „Bildung“, Staatslexikon Band 2, S. 568.

898 Rotteck, „Historisches Recht“, Klenner S. 157.

899 Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S. 69.

900 Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S.69f.

901 Rotteck, „Naturrecht“; Klenner S.72.

902 Rotteck, „Naturrecht“; Klenner S.75.

903 Rotteck, „Vorwort“, Staatslexikon Band 1, S. XV.

904 Rotteck, „Historisches Recht“, Klenner S.180.

905 Rotteck, „Bewegungspartei“, Staatslexikon Band 2, S. 564; ähnlich auch Rotteck, „Historisches Recht“, Klenner S.175.

906 Z.B. Rotteck, „Bewegungspartei“, Staatslexikon Band 2, S. 559; Rotteck, „Freiheit“, Staatslexikon Band 6, S. 71f.

907 Z.B. Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S. 107.

908 Welcker „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 75: „Volkskörper“; Welcker „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 76 „Volksorgane“.

909 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 73: „Freilich drängt die Geschichte selbst und die Natur des Menschenlebens überall die Wahrheit und Grundverschiedenheit dieser dreifachen Entwickelungsstufe so unwiderstehlich auf, daß sie wenigstens theilweise anerkannt werden mußten. So spricht man überall von Kindes-, Jugend- und Mannesalter der Völker u.s.w.“

910 Welcker trennt Volk, Staat und Gesellschaft nicht. Zur Gleichsetzung von Volk und Staat z.B. Welcker, „Gesamtwohl“, Staatslexikon Band 6, S. 581: “Was nun aber für alle einzelne Menschen wahres und höchstes Gesetz ist, das bleibt es auch für ihren Verein, für Volk und Staat.“; die Gleichsetzung von Staat und Gesellschaft z.B. bei Welcker „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 9: „Es fehlte vor allem an einer allseitigen gründlichen Auffassung des ganzen Wesens, des lebendigen Mittelpunktes und der Harmonie des s t a a t s g e s e l l s c h a f t l i c h e n L e b e n s[...].“

911 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 24ff.

912 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 30ff.

913 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 36.

914 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 33ff.

915 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 26f.; auch: Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 67: „Aber gänzlich etwas Anderes ist es mit einer w i d e r n a t ü r l i c h e n D e s p o t i e u n d V o r m u n d s c h a f t, welche in Zeiten eines reiferen Alters den Völkern durch äußere Willkür und Verruchtheit und vermittelst ihrer eigenen Schlechtigkeit aufgezwungen oder über die Perioden der Kindheit und Jugend hinterlistig oder gewaltsam festgehalten werden. Sie erklären der Staatsidee, wie der natürlichen Volksentwickelung den Krieg, führen scheußliche Entartungen und Verkrüppelungen herbei, die oft dem wahren Staat so entgegengesetzt sind, wie Räubergesellschaften. Es sind Monstrositäten, Zwitterhaftigkeiten, Krankheiten, die entweder das Volk allmälig zu Grunde richten, zur Einverleibung in fremde Eroberungsreiche reifen oder durch Schwert und Feuer der Feinde oder der Revolutionen dem wirklichen natürlichen Staatsleben Platz machen müssen.“

916 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 36.

917 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 23f.

918 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 276f.: „So sehen denn die meisten Völker, bis ihr physischer Organismus gehörig erstarkt ist und ihr äußerliches Dasein Konsistenz gewonnen hat, ihr inneres Leben mannigfach gefesselt und gehemmt. Wenn aber nun mit der Vollendung ihres körperlichen Wachstums auch die höhern Seelenkräfte reifen und ein geistigerer Sinn sich regt, alsdann erwacht der Trieb, die allzuschwer gewordenen Fesseln abzustreifen, dem Individuum seine Selbständigkeit, den Gemeinden, Korporationen und ganzen Provinzen ihre Geltung zurückzugeben und die verlorene Freiheit wiederzuerlangen. Der Liberalismus ist es dann, der den erwachten Geist der Freiheit auf vernünftige Prinzipien zurück- und seinem höhern Ziel entgegenführt oder, wo er noch schlummert, durch bildende Institutionen und durch Aufklärung des Volks über seine Rechte und Interessen ihn zu wecken sucht.“

919 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 303.

920 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 304.

921 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 305.

922 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 305: „Er [der Liberalismus] ist die Rückkehr zu den Grundsätzen des vernünftigen Rechts, die denkende, bewußte Freiheitsliebe, die mit dem Heranreifen der Völker zur Mündigkeit, zum Selbstdenken und Selbsthandeln sich entwickelt und mit Naturgewalt verlebte Formen und verjährte Fesseln bricht. Wie die Gestirne stetig ihre Bahn verfolgen, auch wenn sie bei umwölktem Himmel keinem Auge sichtbar sind, so schreiten, einmal von dem Hauch der Freiheit angeweht, die Geister unaufhaltsam vorwärts, wenn auch Institutionen und Gesetze zeitweis rückwärts streben. [...] Denn die Freiheit ist jetzt eine Notwendigkeit geworden, und keine menschliche Gewalt darf hoffen, jene weltbewegenden Ideen zu ersticken, die ihren Weg durch alle Hemmnisse und Schranken finden werden, bis ihre Bahn, die eine höhere Hand gezeichnet hat, durchlaufen ist.“

923 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 303f.: „Allein sowohl der Trieb nach Freiheit als die Freiheitstheorien sind Folge eines natürlichen Entwickelungsprozesses, und gleich in seiner ersten und gewaltigsten Offenbarung, der Französischen Revolution, erscheint der Liberalismus nicht als eine unbegreifliche Zulassung Gottes, sondern als eine natürliche Reaktion des politischen Lebens gegen despotische und hierarchische Lebensunterdrückung. Ohne diese Reaktion würden die europäischen Völker einer allgemeinen Auflösung entgegengehen, und das Geschick des römischen Weltreichs müßte sich an ihnen wiederholen. Aber die noch unerschöpfte Lebenskraft der Völker erzeugte nach einem geistigen Naturgesetz die Revolution, und diese mußte, gleichfalls nach einem Naturgesetz des Geistes, die neue Zeit eröffnen mit der schroffen Gegenüberstellung von Extremen, die erst allmählich wieder sich ausgleichen konnten.“

924 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 705: „Unter Gesellschaft versteht man so ziemlich allgemein e i n e  r e c h t s k r ä f t i g (insbesondere vermöge V e r t r a g s) b e s t e h e n d e V e r b i n d u n g m e h r e r e r P e r s o n e n z u r E r s t r e b u n g e i n e s g e m e i n s c h a f t l i c h e n Z w e ck e s.“.

925 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 706; ähnlich auch: Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 707f.; ähnlich: Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 707f.

926 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 707.

927 Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S. 137f.

928 Rotteck, „Naturrecht“, Klenner S.139f.

929 Pfizer, Liberalismus, Klenner S. 286f.

930 Rotteck, „Konsitutionelles Prinzip, Klenner S. 365f.: Rotteck hebt hier besonders auf die seiner Meinung nach gelungene Vereinigung von Monarchie und Volksvertretung in England ab.

931 Pfizer, Liberalismus, Klenner S. 302.

932 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 11ff.

933 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 10.

934 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 11.

935 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 13f; Doch sogar in diesem Punkt, in dem Welcker die freie Verbindung der Glieder thematisiert, verweist er zugleich auf die Determiniertheit der Glieder zum Zusammenschluss: „Um daher in f r i e d l i c h e r F r e i h e i t u n d h ü l f r e i c h n a c h g e m e i n s c h a f t l i c h e m G e s e t z zu leben, begründen, durch Vernunft und Bedürfnis getrieben, die gesitteten Völker [...] ein erfahrungsmäßig anerkanntes g e m e i n s c h a f t l i c h e s  Grundgesetz [...].“,Welcker 1, S. 14. Hervorhebung von mir.

936 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 15.

937 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 19.: „F ü r d e n R e c h t s- u n d S t a a t s m a n n a b e r erscheint nun nach dem Bisherigen die o b j e c t i v e R e c h t s f o r m, d e r f r e i e V o l k s c o n s e n s u n d d i e d u r c h i h n a n e r k a n n t e g l e i c h e F r e i h e i t, a l s d i e t e c h n i s c h e j u r i s i t i s c h e u n d p o l i t i s c h e G r u n d fo r m. Er darf sie wohl eben so wenig je aufgeben, wie der Geometer den Raum, oder der Maler die Darstellung nur durch Farbe, Licht und Schatten.“

938 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 11: „Das Leben des einzelnen Menschen geht aus von dem a l l g e m e i n e n g ö t t l i c h e n G e i s t e, welcher das Weltall durchdringt und harmonisch zusammenhält, und, wirksam auch im Leben des Menschen, denselben anregt, seinem allgemeinen göttlichen Gesetz zu folgen, nach göttlicher Vollkommenheit zu streben. Eben so kann nun e i n S t a a t, eine Verbindung freier gesitteter Menschen zu einer würdigen und harmonischen Gesammtpersönlichkeit, nur dadurch entstehen und dauern, daß das höchste Princip der einzelnen Glieder als g e m e i n s c h a f t l i c h e Grundidee, oder als gemeinschaftlicher Endzweck, als ein h ö h e r e r G e m e i n g e i s t sie zur v e r e i n t e n Erstrebung der höchsten Aufgabe der Menschheit bestimmt, in dieser Vereinigung unter sich und mit der allgemeinen Weltordnung erhält und leitet.“

939 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 19: „Die Seele soll nämlich f ü r s e r s t e s e l b st st ä n d i g sein und selbstständig das menschliche Leben regieren. Aber sie nimmt f ü r s z w e i t e den allgemeinen göttlichen Geist und seine Einwirkung in sich auf und z u g l e i c h auch die Einwirkung des zweiten Lebenselements, des leiblichen oder sinnlichen. Sie soll endlich d r i t t e n s, g e l e i t e t vom göttlichen Gesetz, aber mit st e t e r B e a c h t u n g der Grundbedingungen des sinnlichen Lebens, beide unter sich und mit den Erscheinungen der Außenwelt h a r m o n i s c h vermitteln, und in dieser Vermittlung den Lebenszweck verwirklichen.“

940 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 54.

941 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 54.

942 Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 13.

943 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 55.

944 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 56f.: „Ihre höhere, die Bürger ergreifende, der Verwirklichung in der Staatsform vorhergehende, ihre unsterblich fortwirkende, auch die noch ungeborenen Bürger ergreifende, einigende und beherrschende Kraft, diese wahre Lebenskraft des Staats kann nicht abgeleugnet werden, eben so wenig wie die im Einzelleben, obgleich b e i d e n u r in ihrem Wirken erkennbar sind. Die Ursache ist auch hier in den nicht bestreitbaren Wirkungen gegeben. Durch sie erst, durch diese innerliche Harmonie durchdringen und verbinden sich V i e l h e i t und E i n h e i t, F r e i h e i t und G e w a l t i n n e r l i c h und h a r m o n i r e n mit einander zum wahren Staat, wie C i c e r o es ausspricht [...]“.

945 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 629-665.

946 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 629.

947 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 630.

948 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 665.

949 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 630.

950 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 648.

951 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 635.

952 Vgl. hierzu Kapitel III.3.1

953 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 637.

954 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 638f.

955 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 639.

956 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 643.

957 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 645.

958 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 650.

959 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 651.

960 Welcker, „Geschlechtsverhältnisse“, Staatslexikon Band 6, S. 656.

961 Z.B. Welcker, „Staatsauffassung“, Staatslexikon Band 15, S. S. 30: „2) Die Periode des Jünglingsalters“, S. 33: 3) Die Periode der Reife, des Mannesalters.“

962 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 82.

963 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 704; Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 303; Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 33ff.

964 Rotteck, „Freiheit“, Staatslexikon Band 6, S. 69.; Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 278; Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon, Band 1, S. 16.

965 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 706; Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 286; Welcker, „Übersicht“, Staatslexikon Band 1, S. 20.

966 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 721ff.

967 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 724.

968 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 721.

969 Rotteck beschränkt damit die politische Mitwirkung auf einen Kreis in seinen Augen dazu intellektuell wie moralisch befähigter Menschen: Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 718.

970 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 721.

971 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 723: „Es ist eine crasse Begriffsverwechselung, wenn man den G e s a m m t w i l l e n blos in dem W i l l e n A l l e r zu finden meint. Der übereinstimmende oder zusammentreffende W i l l e A l l e r bringt Beschlüsse (d.h. Verträge) hervor auch unter N i c h t v e r b u n d e n e n; der G e s a m m t w i l l e übt seine Herrschaft nur über V e r b u n d e n e. Der G e s e l l s c h a f t s v e r t r a g wäre b e d e u t u n g s l o s und u n w i r k s a m, wenn er nicht ein a n d e r e s R e c h t s v e r h ä l t n i ß unter den durch ihn angeblich V e r e i n i g t e n hervorbrächte, als auch o h n e i h n s c h o n b e s t a n d; und dieses andere oder neue Verhältniß ist eben die jetzt der M e h r h e i t zukommende Entscheidung.“

972 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 724.

973 Rotteck, „Gesellschaft“, Staatslexikon Band 6, S. 725f.

974 Rotteck, „Konstitutionelles Prinzip“, Klenner S. 365. Zu den Gefahren der alleinigen Verantwortung der Volksversammlung ohne das Korrektiv der Monarchie, ebenda S. 346.

975 Rotteck, „Konstitutionelles Prinzip“, Klenner S. 350ff.

976 Rotteck, „Konstitutionelles Prinzip“, Klenner S. 341.

977 Rotteck, „Konstitutionelles Prinzip“, Klenner S. 348.

978 Rotteck, „Freiheit“, Staatslexikon Band 6, S. 73.

979 Rotteck, „Konstitutionelles Prinzip“, Klenner S. 355.

980 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 80.

981 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 81.

982 Welcker, „Staatsverfassung“, Staatslexikon Band 15, S. 81f.

983 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 286.

984 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 288.

985 Pfizer, „Liberalismus“, Klenner S. 294f.

986 Dittmar spricht abwechselnd von Menschheit, den Menschen und menschliche Gesellschaft, vgl. dazu besonders: Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 175ff.

987 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 175f.: „Die verschiedenen Glieder [einer Gesellschaft U.H.] sind so innig verwachsen, wie die Glieder Eines Körpers [...].“

988 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 178.

989 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 178: „Der Kontrast; der in den Zuständen sichtbar gewordne und daher in die Sinne fallende Gegensatz lehrt uns die Wahrheit erkennen.“

990 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 178.

991 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 179. Hervorhebung von mir.

992 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 179.

993 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 179. Hervorhebung von mir.

994 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 179: „Alles frei und Alles geknechtet! – Was wurde frei? Die Idee! einzig und allein die Idee. Der Mensch wurde geknechtet, leibeigener denn je, denn alle Fortschritte, welche mit so viel Menschenopfer erkauft wurden, liegen vor ihm wie reizende Utopieen, unerreichbare Glückseligkeitsinseln, welche ihm die eigne Ohnmacht, den Kontrast mit der Wirklichkeit doppelt unerträglich machen“.

995 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 170.

996 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 179.

997 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 178.

998 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 180.

999 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 175ff.

1000 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 175.

1001 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 174f.

1002 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 180.

1003 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 183.

1004 Dittmar, Skizzen, S. 70f.

1005 Dittmar, Skizzen, S. 59; ähnlich auch Dittmar, Skizzen, S. 30, Hervorhebung von mir: „Wir eilen mit raschen Schritten der Vereinigung entgegen. Jede neue Lebensgestaltung entwickelt sich in diesem Geist; jede geistige Regung ist eine neue Offenbarung derselben; jeder Freidenkende muß sie erkennen. Nennt man diese Vereinigung höhere Entwicklung des Menschen, freieres Entfalten, Anerkennung des Reinmenschlichen, gesichertere Zustände, höhere Cultur; wer wird es läugnen, wer einen Fortgang verkennen wollen?“.

1006 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 273.

1007 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 273.

1008 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 175.

1009 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 176.

1010 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 177.

1011 Dittmar, Skizzen, S. 72.

1012 Dittmar, Skizzen, S. 94.

1013 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 183: „Alle Religionen des Alterthums haben das Weib ausgeschlossen; alle haben das sittliche Prinzip der Gesellschaft verkannt; alle Religionen wurden daher von einer anderen mit Krieg und Mord verdrängt. – Alle gesellschaftlichen Einrichtungen haben unbedingt das weibliche Wesen dem männlichen nachgesetzt; alle gesellschaftlichen Einrichtungen wurden durch barbarische Revolutionen gestürzt.“

1014 Dittmar, Vier Zeitfragen, S. 183f.

1015 Dittmar, Skizzen, S. 32ff.

1016 Dittmar, Skizzen, S. 99f.: „Der Mann erkennt die Frau niemals um ihretwillen geschaffen, und gestattet ihr darum keine freie Entwicklung, keine Besonderheit, kein freies Ziel ihrer eigenen Natur. Wenn er sie lieben kann, hat sie alle Bedingungen erfüllt, wenn er sie nicht liebt, verliert sie alle Rechte und somit alle Anerkennung“.

1017 Dittmar, Skizzen, S. 115.

1018 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 812.

1019 Otto Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 26, S. 103; auch: Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 285f.: „[...] wie unsere Zeit vorzugsweise eine Zeit des Überganges sei – daher überall und in allen Verhältnissen diese Unbehaglichkeit, diese Unzufriedenheit, dieses ernstlose Streben nach allen Seiten hin, mit dem man so nirgend recht heimisch werden kann!“.

1020 Otto, Theilnahme, S. 188: „Denn aufgewacht ist überall der Geist, und der Geist ist’s, der uns frei macht! – Es ist ein Leben und Streben in unserer Zeit, wie es nie vorher gewesen.“

1021 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 811.

1022 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 811.

1023 Otto, Theilnahme, S. 202.

1024 Otto, Theilnahme, S. 202: „Euch aber, deutsche Brüder, deren Herzen am Wärmsten glühen für unser Volk, die Ihr es erkannt habt, daß die Freiheit ein einziges Gut ist, das nicht in den einen Zustand eindringen kann und in dem anderen mangeln, Euch rufe ich bittend zu: kämpft auch für die Rechte der deutschen Frau, und wie Ihr keinen Unmündigen mehr unter Euch dulden möget, so helft auch den Frauen geistig mündig zu werden. Und ihr, deutsche Schwestern, die Ihr aufgewacht seid zu dem hellen Tag der Gegenwart, in dem unser ganzes Volk für seine heiligsten Rechte kämpft, vergesset es nie, daß auch an Euch ein Vaterland heilige Forderungen hat, und so rufet die Schwerstern wach, die noch träumen und erzieht Euere Mädchen zu würdigen Gefährtinnen eines freien Volkes.“

1025 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1026 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr.26, S. 103: „Und wer möchte, wer könnte theilnahmlos zusehen, wer vermöchte unberührt zu bleiben von solchem Treiben? [...] Vielleicht die Frauen? – Darf man so antworten? – Nein! man darf es nicht. - Ein neuer Geist macht sich auch unter dem weiblichen Geschlecht geltend [...]“; ähnlich Otto, Theilnahme, S. 188: „Es ist ein Leben und Streben in unserer Zeit, wie es nie vorher gewesen. [...] Dies neue Leben hat auch die Frauen mit in seine bewegten Kreise gezogen.“

1027 Otto, Theilnahme S. 189f., mit Überblick über die verschiedenen Formen der Frauenaktivitäten S. 188ff.

1028 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1029 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 142, S. 633.

1030 Otto, Theilnahme, S. 186.

1031 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 286.

1032 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 286; auch Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 174, S. 706.

1033 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 286.

1034 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 286.

1035 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 71, S. 287.

1036 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 174, S. 705.

1037 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 811.

1038 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 812.

1039 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 187, S. 812.

1040 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 188, S. 815.

1041 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 26, S. 104.

1042 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 751.

1043 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1044 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 188, S. 815.

1045 Otto, Theilnahme, S. 199.

1046 Otto, Theilnahme, S. 199f.

1047 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 188, S. 815.

1048 Otto, Theilnahme, S. 200: „Schon bei den untersten Ständen steht der Verdienst der Frauen, die entweder für Tagelohn oder bei einer Herrschaft dienen, im auffallenden Mißverhältniß zu dem der Männer – doch dies möchte noch sein! aber in den höheren Ständen ist dem weiblichen Geschlecht fast jede Gelegenheit benommen, sich selbstständig durch’s Leben zu helfen.“

1049 Otto, Theilnahme, S. 200.

1050 Otto, Theilnahme, S. 201.

1051 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 26, S. 104.

1052 Z.B. Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 142, S. 634.

1053 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 26, S. 103f.: „Ja, Dank Euch, ihr Dichter! Ihr habt die Völker aus dem Schlaf singen wollen und die Frauen sind wirklich von Euern Liedern erwacht, und Ihr, Ihr Fürsten, beruhigt Euch! die Frauen bleiben friedlich, wenn sie auch wachen, und Euch droht keine Rebellion! – Halb liegt es an jener Verzärtelung, nach welcher die weiblichen Gemüther von Kind auf nur für das Weiche, Sanfte, Schmeichelnde gebildet werden, halb in der eigentlichen Natur des Weibes, welche meist dem warmen Ausbruch des Gefühls vor den kalten Schlüssen des Verstandes, dem Schönen vor dem Starken den Vorzug giebt, daß die Poesie den Weg zum weiblichen Herzen immer offen findet, während er sich oft der Sprache kalter, gemessener Auseinandersetzung verschließt, und so drang die Politik auf dem heiligen, belebenden Flügelschlag der Freiheitlerche der Poesie in das weibliche Herz [...].“

1054 Otto, Theilnahme, S. 193.

1055 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1056 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1057 Otto, Sächsische Vaterlandsblätter Nr. 172, S. 752.

1058 Wischermann 1998a), S. 65.

1059 Aston, Meine Emancipation, S. 52f.

1060 Aston, Meine Emancipation, S. 46: „Doch in uns’rem Jahrhundert l i e g t diese Sehnsucht, dieser hoffnungsreiche Drang und Trieb nach freieren Gestaltungen, welche endlich das rein Menschliche zu ihrem Rechte kommen lassen.“

1061 Aston, Meine Emancipation, S. 6f.

1062 Aston, Meine Emancipation, S. 7.

1063 Aston, Meine Emancipation, S. 48.

1064 Aston, Meine Emancipation, S. 47.

1065 Aston, Meine Emancipation, S. 47f .

1066 Aston, Meine Emancipation, S. 45f.

1067 Aston, Meine Emancipation, S. 45f.

1068 Aston, Meine Emancipation, S. 12.

1069 Aston, Meine Emancipation, S. 46.

1070 Wischermann 1998a), S. 69.

1071 Aston, Meine Emancipation, S. 47. Vgl. auch: Aston, Meine Emanzipation, S 47f. :„B i l d u n g erst giebt dem Leben und der Liebe die höhere Weihe und die innere Freiheit, ohne welche jede äußere Freiheit zur Chimäre wird. Nicht die Bildung des Confirmanden=Unterrichts, nicht die Bildung der Pensions=Insitute; nein das höhre Leben des Gedankens.“

1072 Aston, Meine Emancipation, S. 49 und S. 50.

1073 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 76ff.

1074 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 95.

1075 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 78, FN.

1076 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 162.

1077 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 137f: „In dem bestimmten Volk auf dem bestimmten Gebiete entsteht nun der Staat durch die g e s c h i c h l i c h e B e g e b e n h e i t - d.i. die Stellung, in welche Abstammung, Bedürfniß, Schicksale und Thaten die Menschen bringen – und durch die s i t t l i c h – r e c h t l i c h e V o r s t e l l u n g, welche sie begleiten. Er entsteht nicht durch Zusammentritt von außen, sondern durch Entfaltung von innen, er entsteht nicht durch menschliche Absicht, sondern durch höhere Fügung. Der erste Staat ist die patriarchalisch geordnete Familie (A r i s t o t e l e s). Hier sind die Verhältnisse, die sich nachher zu gesondertem Dasein entfalten – Familie, Stand, Staat, Kirche – gleichsam noch im Keime gedrungen. Dann erweitert sich die Familie zum Volke [...]“. Hervorhebung der Organologiemetaphorik von mir.

1078 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 138.

1079 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 166f.

1080 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 51.

1081 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 52: „Allein durch diese Entfaltung wird die entfaltete Substanz selbst, der menschliche Sinn und Geist, keineswegs verbessert und erhöht.“ Hervorhebung der Organologiemetaphorik von mir.

1082 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 53.

1083 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 77f.

1084 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 126ff.

1085 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 2ff.

1086 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 22f.

1087 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 23f.: „Das Reich Gottes ist nach christlicher Anschauung nicht bloß ein Reich (Herrschaft) des persönlichen Gottes, sondern selbst wieder gewissermaaßen Eine Persönlichkeit auf eine unser jetziges Vorstellen übersteigende Weise, da die Menschen sich nur in Gott wissen und in Ihm an der Fülle seiner Herrlichkeit Theil nehmen sollen. Jedenfalls ist die Einheit Gottes und der Menschen nach dieser Anschauung nicht, wie von ‚spekulativen Theologen’ behauptet wird, ein Unpersönliches, das als solches über beiden stände, sondern sie ist nichts Anderes als die Persönlichkeit Gottes selbst und deren Wirkung.“

1088 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 7ff.

1089 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. VIf.

1090 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 5.

1091 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 14f.

1092 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 26ff.

1093 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. IX.

1094 Stahl bezeichnet Persönlichkeit und Organismus explizit als sich wechselseitig voraussetzend und aufeinander wechselwirkend: Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 163.

1095 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 8f.

1096 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 9.

1097 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 25.

1098 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 15.

1099 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S.29f.

1100 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 29, FN*)

1101 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 12.

1102 Beispiele für Pathologiemetaphorik: vgl. z.B. Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S.XVI: „Der Liberalismus und die Revolution sind im Politischen nur die Entartung des Protestantismus [...]“; auch z.B. Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 395f.: „Damit fällt auch der Einwand weg, daß die krankhaften und irrthümlichen Richtungen auch ohne Preßfreiheit entstehen und sich verbreiten. Das ist nicht zu läugnen, und ihre Entstehung und Verbreitung soll auch gar nicht gehemmt werden. Aber sie kommen ohne sie nicht plötzlich zu der äußern Gewalt, mit der sie die Ordnung erschüttern oder vollends umstürzen, so daß sie ohne Zerstörung zu hinterlassen auch eben so mit der Zeit wieder beseitigt werden können.“

1103 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 200.

1104 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 138.

1105 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 335.

1106 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 262f.

1107 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 262, FN*)

1108 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 412. Hervorhebung von mir.

1109 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 415.

1110 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 165f.

1111 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 163.

1112 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 189. Hervorhebung von mir: „Die Gewohnheit ist die Fixierung für das V o l k s bewußtseyn. [...] Die Gewohnheit hat darum ihren Inhalt aus jenem Rechtsbewußtseyn, das die Gemeinschaft als eine sittliche Substanz, als ein bestimmender Trieb, erfüllt [...]. Es ist jenes die organische Weise, allmählig unwahrnehmbare Entstehung ähnlich wie Sitte und Sprache [...]“; und auch ebenda S. 196: „Die Gewohnheit bleibt nun zwar zu allen Zeiten eine ergiebige Quelle sowohl für neue Rechtserzeugung als für Fortbildung des geschriebenen Rechts; in der Periode höherer Bewußtheit und freierer Reflexion muß aber die Gesetzgebung die größere Sphäre ihr gegenüber einnehmen, und muß selbst an Bewußtheit sich steigern, in je höherem Grade den systematischen Charakter gewinnen. Man würde sich daher namentlich dem Principe unserer Zeit widersetzen, wollte man von ihren Zuständen allmählig unbewußtes Wachsthum wie im Mittelalter fordern. Keineswegs jedoch tritt die Gesetzgebung je an die Stelle, die ursprünglich die Gewohnheit einnahm, sie darf es nämlich nie unternehmen, den Rechtszustand n e u b e g i n n e n d u n d i n s e i n e r T o t a l i t ä t hervorzubringen. Denn menschliche Freiheit ist nie absolut schaffend.“

1113 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 1, S. 190.

1114 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 12.

1115 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 109.

1116 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 111.

1117 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 115.

1118 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 146.

1119 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 149.

1120 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 195f.

1121 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 146.

1122 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 241f.

1123 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 243.

1124 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 200f.

1125 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2. S. 205.

1126 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 206.

1127 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 208.

1128 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 208.

1129 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 208f.

1130 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 209f.

1131 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 210.

1132 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 213.

1133 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 220.

1134 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 221.

1135 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 224f.

1136 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 225.

1137 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 229.

1138 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 229.

1139 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 231.

1140 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 259.

1141 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 260.

1142 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 269.

1143 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 269.

1144 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 263.

1145 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 264.

1146 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 264.

1147 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 268.

1148 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 268f.

1149 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 374.

1150 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 375.

1151 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 377.

1152 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 377f.

1153 Stahl, Rechts- und Staatslehre II, 2, S. 379.

1154 Vgl. z.B. „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S.609ff.

1155 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13, (1844/1), Art. 32, S.480.

1156 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13 (1844/1) Art. 32, S.481.

1157 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13 (1844/1) Art. 32, S. 482: „Begreiflicherweise handelt es sich bei der Ermittelung und Feststellung dieser Naturgesetze des geselligen Lebens nicht darum, die individuelle Thätigkeit auszuschließen, oder sie als überflüßig bezeichnen zu wollen! Im Gegentheil! jene natürlichen Gesetze wirkten immer nur durch den Menschen, und setzen dessen natürliche Bewegung voraus. Aber sie umgeben ihn wie eine Schranke, die er nicht überschreiten kann, - selbst wenn er es versucht, und er muß sie kennen, um nicht an ihnen unnütz zu zerschellen und unterzugehen. – So lehrt in ähnlicher Weise die Physiologie den Ernährungsproceß kennen und verstehen, - aber diese gewonnene Einsicht macht es in keiner Weise überflüßig, Nahrung zu sich zu nehmen, oder umgekehrt sich vor Überfüllung zu hüten.“

1158 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13 (1844/1) Art. 32, S.481; ähnlich auch „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 20 (1847/2), Art. 23, S. 359.

1159 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1842/2), Art. 39, S. 378.

1160 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13 (1844/1), Art. 32, S. 482; ähnlich auch: „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.379f.

1161 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S.606.

1162 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S.614f. Hervorhebung von mir.

1163 „Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der staatswissenschaftlichen Theorie“, (Jarcke), HPBl 13 (1844/1), Art. 32, S. 478; ähnlich auch: „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 17 (1846/1), Art. 46, S. 649.

1164 Das göttliche Recht der Könige“,(anonym), HPBl 1, (1838/1), Art. 18, S. 223f. Hervorhebung von mir.

1165 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 17 (1846/1), Art. 46, S.650f.

1166 Z.B. „Die conservative Parthei in Deutschland, (anonym), HPBl 8 (1841/2), Art. 64, S. 718; auch „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1842/2), Art. 39, S. 378.

1167 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 17 (1846/1), Art. 46, S.651.

1168 „Über das Verhältniß der katholischen Kirche zur Democratie in Nordamerika und Europa“, (Döllinger), HPBl 2 (1838/2), Art. 5, S.72.

1169 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 20 (1847/2), Art. 23, S.292f.

1170 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 20 (1847/2), Art. 23, S.280.

1171 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 20 (1847/2), Art. 23, S.290.

1172 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.381.

1173 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.387.

1174 „Über die Gefahr einer socialen Revolution durch die untern Volksklassen und über deren Stellung in älterer und neuester Zeit“, (Jarcke), HPBl 5 (1840/1), Art. 44, S. 585.

1175 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.389f.

1176 „Über die Gefahr einer socialen Revolution durch die untern Volksklassen und über deren Stellung in älterer und neuester Zeit“, (Jarcke), HPBl 5 (1840/1), Art. 44, S.578f.

1177 „Über die Gefahr einer socialen Revolution durch die untern Volksklassen und über deren Stellung in älterer und neuester Zeit“, (Jarcke), HPBl 5 (1840/1), Art. 44, S. 579: „Auch in Deutschland giebt es der Zeichen mancherlei, daß in dem dunkeln Schooße der Volksklasse, welcher der ältere Sprachgebrauch den ‚gemeinen Mann’ zu nennen pflegt, Auflösungen und Zersetzungen gewisser innerer Zustände vor sich gegangen sind, welche die Vorzeit für wichtige Theile des gesammten Lebensorganismus der Völker hielt, einen Organismus, von dessen durchgreifender, in neuester Zeit geschehenen Veränderung die Schulweisheit unserer modernen Cameralisten und Statistiker sich eben so wenig etwas träumen läßt, als von den naheliegenden Folgen dieser Umwälzung. Auch in Deutschland umschleicht bereits der Pauperismus, wie ein drohendes Gespenst, die Gastmähler der Reichen [...].“

1178 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.393.

1179 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.398.

1180 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S.399.

1181 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S. 609f.

1182 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S. 610.

1183 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S. 610.

1184 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S. 610.

1185 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S.614.

1186 „Naturlehre des Staates“, (Jarcke), HPBl 4 (1839/2), Art. 54, S.615. Hervorhebung der Organologiemetapher von mir.

1187 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2), Art. 39, S. 379.

1188 „Die deutsche Salon-Poesie der Frauen“, (Arndts), HPBl 19 (1847/1), Art. 39, S. 464f.

1189 „Die deutsche Salon-Poesie der Frauen“, (Arndts), HPBl 19 (1847/1), Art. 39, S. 464.

1190 „Die deutsche Salon-Poesie der Frauen“, (Arndts), HPBl 19 (1847/1), Art. 39, S. 465.

1191 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 288; ähnlich: „Sittliche Freiheit, Gewissensfreiheit, politische Freiheit (Jarcke), HPBl 1 (1838/1), Art. 24, S. 288.

1192 „Über das Verhältniß der katholischen Kirche zur Democratie in Nordamerika und Europa“, (Döllinger), HPBl 2 (1838/2), Art. 5, S. 62.

1193 „Das göttliche Recht der Könige“, (anonym), HPBl 1 (1838/1), Art. 18, S. 219.

1194 „Das göttliche Recht der Könige“, (anonym), HPBl 1 (1838/1), Art. 18, S. 220f.

1195 „Das göttliche Recht der Könige“, (anonym), HPBl 1 (1838/1), Art. 18, S. 221ff.

1196 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 289.

1197 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 290.

1198 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 290.

1199 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 302.

1200 „Zeitläufte“, (Jarcke), HPBl 19 (1847/1), Art. 23, S. 308.

1201 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S. 395.

1202 „Über die vorherrschenden Tendenzen der Gegenwart“, (Jarcke), HPBl 12 (1843/2) Art. 39, S. 396.

1203 Görres, Athanasius, S. 593f.

1204 Görres, Athanasius, S. 705.

1205 Görres, Athanasius, S. 702.

1206 Görres, Athanasius, S. 706: „Gott aber hat die Ordnung allein als das wahrhaft Bleibende bejaht, und so bleibt sie in alle Ewigkeit selbst in Mitte der Unordnung als das einzig wahrhaft Bestehende bejaht und festgestellt.“

1207 Görres, Athanasius, S. 594; ähnlich auch ebenda S. 667.

1208 Görres, Athanasius, S. 669.

1209 Görres, Athanasius, S. 659.

1210 Görres, Athanasius, S. 659.

1211 Görres, Athanasius, S. 594f.

1212 Görres, Athanasius, S. 595.

1213 Görres, Athanasius, S. 662.

1214 Görres, Athanasius, S. 702

1215 Görres, Athanasius, S. 704f.

1216 Görres, Athanasius, S. 706f.

1217 Görres, Athanasius, S. 706.

1218 Görres, Athanasius, S. 705.



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04.07.2007