Zusammenfassung und Ausblick

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Die Analyse der Organologiemetapher in den politischen Philosophien des Vormärz bringt folgende Aufschlüsse über die Mentalität, über die Wissens-, Wirklichkeits- und Rationalitätsstrukturen in dem in dieser Arbeit untersuchten Diskurs:

Zentrale Erkenntnis ist, dass Politik als „Naturlehre“ aufgefasst wird. Mit Hilfe der demiurgischen Kraft der Organologiemetapher werden Welt, Staat und Gesellschaft so entworfen, dass sie als Organismen erscheinen, die durch weitgehend unbeeinflussbare Natur-Triebe in ihrer Entwicklung vorangetrieben werden. Diese Triebe gilt es, als politischer Philosoph oder politische Philosophin in der „Naturgeschichte“ der untersuchten Kollektivgebilde bzw. in den das Kollektivgebilde konstituierenden Individuen zu erkennen. Diese Triebe sind es dann, die durch menschliches Tun unterstützt werden müssen. Staat und Gesellschaft sollen so verändert bzw. eingerichtet werden, dass diese Triebe sich optimal verwirklichen und entfalten können.
Ebenso wird der Aufbau von Staat und Gesellschaft nach dem Vorbild eines Organismus entworfen, in dem sich Teil und Ganzes wechselseitig bedingen. Der entscheidende Aspekt ist, dass das den Kollektivkörper ausbildende Glied in seiner Bedeutung und seinem verantwortungsvollen Tun für das Ganze gewürdigt werden soll, wobei zugleich das aus den einzelnen Bestandteilen gebildete Ganze nicht an Zwingkraft verliert. Die erkannten Gesetzmäßigkeiten der Natur liefern das Muster für das gesunde und harmonische Verhältnis von Teil und Ganzem im politischen und sozialen Gemeinwesen.
Auch die Positionierung von Mann und Frau im Kollektivkörper wird auf Erkenntnisse der Naturlehre, speziell auf in den Geschlechtern wirkende Natur-Kräfte zurückgeführt. Der Mann wird bis auf wenige Ausnahmen aufgrund der in ihm wirkenden Kräfte im öffentlichen Bereich, die Frau im privaten Bereich verortet. Der entworfene Kollektivorganismus ist in der Regel männlichen Geschlechts.

Der feste Boden, den man als politische Philosophin und als politischer Philosoph auf diese Weise mit Hilfe der Metapher gewinnt, erscheint in Anbetracht der prekären Lage, in der sich Staat und Gesellschaft zu Beginn der Moderne befinden, als ein unbedingtes Zeiterfordernis.Auf diese Weise wird der in allen Bereichen sichtbar und fühlbar werdende Wandel in einen sinnhaften, von der Natur intendierten Entwicklungsprozess übergeführt, in dem die Zeitgenossen der damaligen Gegenwart eine enorm wichtige Position zugewiesen bekommen. Sie sind es, die im kollektiven Handeln dem von der Natur/von Gott gewollten Ziel der geschichtlichen Entwicklung zur Realisierung verhelfen können.
Auch das seit der Frühen Neuzeit immer prekärere Verhältnis von Individuum zum Ganzen wird in der Metapher entschärft. Der Einzelne kann in seiner inzwischen unbestreitbaren Bedeutung gewürdigt werden, bleibt aber dennoch in ein für ihn weiterhin existenziell notwendiges Ganzes eingebunden, ohne das er nicht zu denken und in dem er zugleich auch den „Mit-Gliedern“ verpflichtet ist.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Positionierung der Frauen im politischen und sozialen Gebilde. Die die Vormachtstellung des Mannes gegenüber der Frau gefährdende Vorstellung des neuen Naturrechtsdenkens, das davon ausgeht, dass alle Menschen mit gleichen Rechten geboren werden, wird mit Hilfe der Organologiemetapher so aufgenommen, dass es zu keiner Angleichung der Rechte von Mann und Frau kommt1219. Die Überzeugung, dass in Mann und Frau zwar zwei gleichwertige, aber wesensmäßig verschiedene Triebe wirken, führt zu der Auffassung, dass Mann und Frau von Natur aus zu verschiedenen Stellungen in Staat und Gesellschaft berufen seien: Der Mann „natürlich“ zum Herrschen, die Frau zum Versorgen. Nur in wenigen politischen Philosophien werden vor dem Hintergrund der Vorstellung der gleichwertigen aber unterschiedlichen Triebkräfte in Mann und Frau wirkliche Gleichberechtigungsforderungen auch für den öffentlichen Bereich erhoben. Allein der Demokrat Fröbel und Dittmar, die Angehörige der Frauenbewegung, sehen in der gleichberechtigten politischen Partizipation der Frau eine unabdingbare Voraussetzung für einen idealen Staat der Zukunft.

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Diese „Organologie-Mentalität“ der damaligen Zeit zu erkennen, ist nicht nur historisch interessant. Sie erhellt die Grundlagen, auf denen die politischen Parteien und Bewegungen aufbauen, die auch heute noch unser politisches System bestimmen.
Vergleicht man die Wirkungsmacht und die Bedeutung der politischen Philosophien damals und heute, werden in erster Linie die enormen Veränderungen deutlich, die sich in Staat und Gesellschaft sowie in den Überzeugungen der einzelnen Individuen im Laufe der Zeit bis heute eingestellt haben. Ein gravierender Unterschied besteht z.B. darin, dass es den politischen Bewegungen in der in dieser Arbeit untersuchten Zeit des Vormärz in weit höherem Maße glückte, dem Einzelnen überzeugende politische und gesellschaftliche Entwürfe anzubieten und ihn zur politischen Mitarbeit zu aktivieren. Dies gelingt den politischen Parteien der Gegenwart immer weniger. Es ist allgemein die Rede von einer Krise des Parteiensystems1220 und einer zunehmend um sich greifenden „Politikverdrossenheit“1221.Der Grund für dieses Nachlassen des Identifikations- und Mobilisierungspotentials der politischen Parteien wird dabei zum einen darin gesehen, dass „die klassischen Konfliktlagen überall dahin [sind], die harten Kerne der ursprünglichen Arbeiterschaft [zusammen schmelzen]. Das traditionelle Industrieproletariat ist ebenso verschwunden wie der alte Mittelstand der Handwerker und Krämer; ein selbständiges Bauerntum gibt es in Deutschland faktisch nicht mehr. Und auch die Frage, ob einer katholisch oder evangelisch ist, scheint auf den ersten Blick kaum noch nennenswerte Prägekraft zu besitzen.“1222 „Wo es keinen Klassenkampf mehr gibt und keinen politischen Katholizismus, kein sozialdemokratisches Arbeitermilieu und keine Kolpingkultur, wo der Habitus der ‚Proletarität’ ebenso verschwindet wie jener der ‚Bürgerlichkeit’, wo der Kalte Krieg zu Ende ist und die Globalisierung in vollem Gange – da ist der Umstand, daß es überhaupt noch große Parteien gibt, deren Ursprünge weit zurück ins 19. Jahrhundert reichen, im Grunde nichts weniger als ein kleines Wunder.“1223
Als zentraler Grund für „Wahlmüdigkeit und politische Bindungslosigkeit“1224 gilt zum anderen auch, dass es heute ganz grundlegend an überzeugenden „Ewigkeitsstrukturen“, an kollektiven handlungsanleitenden Glaubensvorstellungen fehlt, die gerade den in dieser Arbeit analysierten Diskurs und den Beginn des heutigen politischen Systems ausgezeichnet haben1225. Was „den desorientierten Pragmatikern aller Parteien so schmerzlich abgeht, ist ein irgendwie mitreißendes Ziel, das zu erreichen Mühe und Entbehrung rechtfertigen würde. Es fehlt, was der britische Historiker Tony Judt moral narrative genannt hat: die >große Erzählung< mit utopischem Überschuß, die mehr wäre als bloß technokratischer Ersatz für den verlorenengegangen ideellen und sozialkulturellen Kitt.“1226
Die Politikwissenschaftler Walter/Dürr führen zu diesem Phänomen zusammenfassend aus: „An Wohlstand mögen sie [die Menschen] schließlich gewonnen haben, doch die großen kollektiven Glaubensvorstellungen – Nation, Religion, Sozialismus -, die ihrem Handeln überindividuellen Sinn und Richtung gaben, sind spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allesamt zerbrochen. Das mag man begrüßen, denn es hat das Individuum endlich >befreit<. Doch es hat den einzelnen auch ganz und gar auf sich selbst reduziert. Materielle Lebensqualität bietet damit keinerlei Perspektive mehr jenseits ihrer selbst. Einen höheren und erhebenden Sinn hat sie nicht. Es ist tatsächlich der Niedergang der kollektiven Glaubensbezüge und Zugehörigkeitsgefühle, der jede Vorstellung von Zukunft zerstört und politische Handlungsunfähigkeit erzeugt.“1227 Der Historiker und Politologe Emmanuel Todd erläutert diesen Zusammenhang folgendermaßen: „Ohne kollektive Glaubensbezüge verlieren langfristige Überzeugungen ihren Sinn. Dann kann kurzfristigen Zielen des Menschen, der Gesellschaft und der Wirtschaft Priorität eingeräumt werden. Es gilt also, den Zusammenbruch kollektiver Glaubensvorstellungen und insbesondere des Glaubens an die Nation als zentralen Krisenfaktor zu erkennen. Empirisch lässt sich nachweisen, dass der Zusammenbruch dieses sozialen und psychologischen Rahmens nicht zur Befreiung und Entfaltung des Einzelnen beigetragen, sondern ihn im Gegenteil durch das Gefühl der Machtlosigkeit erdrückt hat. Das ist der Kern des Rätsels menschlicher Existenz. Jeder starke, strukturierende und wahre Glaube hat gleichzeitig eine individuelle und eine kollektive Dimension [...]. Wie die Menschheitsgeschichte reichlich bewiesen hat, ist der Einzelne nur dann stark, wenn auch die Gemeinschaft es ist. [...] Allein und von seiner Einsamkeit überzeugt, erweist sich der Einzelne als unfähig, ernsthaft an die Notwendigkeit irgendeines Zieles zu glauben. Deshalb führt der Niedergang kollektiver Glaubensvorstellungen unausweichlich zum Fall des Individuums. [...] Die außerordentlichen Erfahrungen der Geschichte lehren auch, dass der Mensch aufhört, ein Individuum zu sein, wenn er sich nicht mehr als Teil einer Gruppe versteht.“1228

Neue große Glaubensvorstellungen – so sind Walter/Dürr überzeugt - werden nötig sein, um „jene historischen Lager“ zu schaffen, „aus denen kraftvolle neue Parteien hervorgehen.“1229 Inwieweit das Denkmodell der Organologie- bzw. Körpermetapher hierbei eine Rolle spielen wird und spielen soll, um den Glauben an Ewigkeitsstrukturen und an kollektives Eingebettetsein in ein großes Ganzes zu ermöglichen, ist unklar und umstritten: Macht das Modell des Staats- und Gesellschaftskörpers doch Ausdeutungen möglich, die sich besonders in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verheerend auswirkten. So diente z.B. den Nationalsozialisten das Bild des idealen homogenen „Volkskörpers“ dazu, Unterschiede und Pluralitäten der „Volksgenossen“ einzuebnen, diese einem autoritären Willen zu unterwerfen und unerwünschte „Andere“ als „Volkschädlinge“ zu stigmatisieren, zu verfolgen und „auszumerzen“1230.
Auf der anderen Seite besäße die Organologiemetapher unbestreitbar das Potential, den Einzelnen in einem kooperativ ausgerichteten Ganzen zu verorten und ihn damit – im Sinne der zitierten Politikwissenschaftler – wieder zu einem handlungsfähigen und starken Individuum werden zu lassen.
Ob und wie die geschichtsträchtige Organologiemetapher auch in Zukunft unser Denken prägen und bestimmen wird, werden zukünftige Untersuchungen zeigen.


Fußnoten und Endnoten

1219 Vgl. hierzu besonders Gerhard 1990.

1220 Vgl. hierzu z.B. Walter/Dürr 2000, besonder S. 213ff.

1221 Vgl. hierzu z.B. Anselm/Freytag/Marschitz/Marte 1999

1222 Walter/Dürr 2000, S. 219.

1223 Walter/Dürr 2000, S. 253.

1224 Walter/Dürr 2000, S. 241f.

1225 Z..B. Todd 1999, S. 300.

1226 Walter/Dürr 2000, S. 258

1227 Walter/Dürr 2000, S. 261f.

1228 Todd 1999, S. 300f.

1229 Walter/Dürr 2000, S. 264

1230 Zur Durchsetzung der soziobiologischen Interpretation „der Gesellschaft als Wechselspiel von ‚Staats-organismus’ und ‚Gesellschafts’- oder ‚Volkskörper’“ (Planert 2000, S. 561f.) in den Jahren zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus vgl. z.B. Planert 2000, S. 561ff.; Bublitz/Hanke/Seier 2000, S. 315. Zur Bedeutung der Körpervorstellung für „totale Herrschaft“ und „totalitäre Strukturen“ vgl. z.B. Arendt 1991, S. 676.



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04.07.2007