1 Einleitung

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Die zielgerichtete Manipulation von Individuen-Eigenschaften ist eine züchterische Aufgabe. In der klassischen Züchtung wird durch Hybridisierung zweier Ausgangseltern eine Erbsubstanz-Neukombination in den Nachkommenschaften erzeugt. Dieser Vorgang wird durch Barrieren sexueller Inkompatibilität begrenzt. So werden hauptsächlich Gruppen von Individuen in einer Art zusammengefasst, die sich miteinander kreuzen lassen. Eine der großen Herausforderungen an die Zivilisation ist es, solche Barrieren der sexuellen Inkompatibilität zu überwinden (HOFFMANN, 2001).

1.1 Einführung

Besonders für den Bereich der vegetativen Vermehrung, wo prinzipiell die Stabilität der genetischen Konstitution auf Grund mitotischer Zellteilung gewährleistet wird, ist es für Züchtung und Züchtungsforschung von Bedeutung, Variabilität zu erreichen (POHLHEIM, 2003). Für die Durchsetzung von Zuchtzielen, die ohne eine Chromosomen-Neukombination bei der Fusion von Keimzellen angestrebt werden, ist der genetische Ablaufplan, das genetische Muster einer Pflanze, für den methodischen Ansatz ausschlaggebend: Zum Beispiel können Zellen desselben Genotyps in den Kronblättern (Petalen) Pigmente produzieren, die in den Laubblättern fehlen. In gleicher Weise werden sie in der Blattepidermis ausgeprägt und sind in den tiefergelegenen oder benachbarten Zellen nicht mehr vorhanden. Im Gegensatz dazu können multizelluläre Organismen genetisch homogen sein, denn nicht alle Gene sind zu jeder Zeit an allen Orten angeschaltet (MARCOTRIGIANO, 1997, BRAND et al., 2001). Umweltbedingte und positionelle Signale müssen also für die Expression bestimmter Gene mit verantwortlich sein.

Damit eine Zelle ein Element in einem funktionierenden System, dem Zellverband, sein kann, sind für sie auch die Informationen der Nachbarzellen mitbestimmend (DOERNER, 2000, BRAND et al., 2001, CLARK, 2001, NAWY und BENFEY, 2001). Ein Eingriff in den genetischen Ablaufplan oder die gezielte Modifikation des Genotyps kann deshalb auf verschiedenen Ebenen erfolgen: Einerseits sind es die vielfältigen Methoden zum Einschleusen von funktionellen DNA-Abschnitten (Genen) in die ererbte genetische Substanz eines Individuums, um dort die Funktion des Gens zu etablieren. Andererseits kann durch das Transplantieren von Zellorganellen, Zellverbänden oder Geweben auch das dazugehörige genetische Muster mit seiner Potenz, zur Ausprägung von spezifischen Eigenschaften, wirksam werden.

1.2 Historischer Hintergrund

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In den Anfängen der experimentell ungeschlechtlichen Kernverschmelzung wurde darauf hingewiesen, „dass in einer solchen nicht das für einen Sexualakt morphologisch Charakteristische liegen muss. Dieselbe könnte vielmehr auf Zellverschmelzung basieren“ (NĔMEC 1902). NĔMEC konnte mit seinen Untersuchungen nachweisen, dass in mehrkernigen Zellen von vegetativem Gewebe Kernverschmelzungen stattfinden. Bei so entstandenen „syndiploiden Kernen“ (STRASBURGER, 1907), wie sie bei chloralisierten Wurzelspitzen beobachtet wurden, tritt eine Erhöhung der Chromosomenzahl auf. Aus Untersuchungen zum Schicksal solcher Zellen wurde geschlussfolgert, dass sie aus der meristematischen Zone verloren gehen. Als mögliche Ursachen dafür wurden Unregelmäßigkeiten in der Gewebeanordnung oder Zellteilung aufgeführt.

Ein weiterer theoretischer Ansatz bestand darin, dass durch Chromosomenverschmelzung die Chromosomenzahl wieder herabgesetzt wird (NĔMEC, 1910). Die Verschmelzung zweier artverschiedener somatischer Zellen war in hypothetischer Weise auch ein Anfang zur Aufklärung des Phänomens, das aus Pfropfung zweier Arten mit 12- und 36 Chromosomen entstand. Diese Pflanze (Solanum darwinianum) zeigte Keimzellen, die 24 Chromosomen aufwiesen (WINKLER, 1910).

Ähnliche Beispiele für somatische Variabilität waren Sprosse, in denen zwei Genotypen einen gemeinsamen Phänotyp bildeten. Sie entstanden als Adventivsprosse entweder spontan oder durch Manipulation der Verwachsungsstelle heterogener Pfropfungen. Solche hybridähnlichen Zwischenformen wurden als Bizzaria (Orange und Zitrone) (1644), Cytisus Adami (Goldregen und Ginster) (1825), ein Vertreter aus Birne und Weißdorn (1896) (HOLMBOE, 1905) und die Crataegomespili (Mispel und Weißdorn) (um 1900) bekannt. Ob überhaupt und wenn, in welcher Form, an solchen Sprossen Informationen zwischen beiden Genotypen ausgetauscht werden, war vielfach umstritten (NAPP-ZINN, 1988).

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Es entstanden Begriffe wie „Pfropfbastard, Pfropfhybride“ oder „Burdo“, die auf einer Vereinigung, Verwachsung von vegetativen Zellen beider Eltern (BAUR, 1910, WINKLER, 1907, 1908, 1909, 1910, 1912, 1916), auf Plasmaverschmelzung und auf der spezifischen Wirkung morphogener Substanzen beruhten (WILLE 1896, NOLL, 1905, BUDER, 1911, JAHN, 1932, HABERLANDT, 1941, BERGANN, 1951, DERMEN, 1969a, TILNEY – BASSETT, 1963, NAPP-ZINN, 1988). Dieser Hypothese wurde gegenübergestellt, dass in den Zellen des Pfropfbastards Cytisus Adami dieselben Chromosomenzahlen gefunden wurden wie in den Zellen der verwendeten Eltern (STRASBURGER, 1907). Auch waren die häufig zu beobachtenden Rückschläge zu den reinen Eltern (WINKLER, 1909, BUDER, 1911, BERGANN, 1952, BAUERMEISTER, 1969, POHLHEIM, 1969 a) mit diesem theoretischen Ansatz nicht vertretbar. WINKLER (1909) stützte sich trotzdem vorerst auf die Verschmelzungshypothese und zweifelt die Feststellungen SRASSBURGERs an. Seine Chromosomenzählungen ließen ihn jedoch zu dem Schluss kommen, dass eine Keimzelle jeweils einem der Ausgangselter entspricht. Er wies aber darauf hin, dass derartige Untersuchungen keinen Aufschluss über das Wesen und die Entstehungsweise der Pfropfbastarde zulassen (WINKLER, 1909). Mit einer Übersicht, wie der Begriff des Bastardes zu definieren sei, versuchte er, die entstandene Kontroverse zu zügeln. Er klassifizierte zwischen zwei Unterabteilungen: den sexuellen und den Pfropfbastarden, und drei Klassen, in denen die Pfropfbastarde nochmals unterteilt wurden.

Dementsprechend wurden solche Individuen Bastard genannt, deren Eltern verschiedenen Arten angehören (WINKLER, 1910, 1912). WINKLER teilte Pfropfbastarde nach den theoretischen Möglichkeiten ihrer Entstehung ein. Grundsätzlich konnten: erstens Verschmelzungspfropfbastarde (WINKLER, 1910) oder Burdonen (WINKLER, 1912) entstehen, die ihren Ursprung aus einer Verschmelzung zweier artverschiedener somatischer Zellen haben. Zweitens waren es Beeinflussungspfropfbastarde, die auf Grund der Beeinflussung einer Pfropfkomponente durch die andere, jedoch ohne Zellverschmelzung, entstehen (WINKLER, 1910). Oder, als Erweiterung, Modifikationspfropfbastarde, wo sich spezifische Eigenschaften nach vegetativer Vermehrung dauerhaft aufrechterhalten lassen, sodass ein neuer Biotypus entsteht (WINKLER, 1912). Drittens waren es Chimären, bei denen artreine Zellen beider Pfropfkomponenten einen gemeinsamen Spross bilden (WINKLER, 1911). Bei den Chimären setzte er voraus, dass fremde, artreine Zellen in einer Pflanze separat existieren können (WINKLER, 1907, BAUR, 1909).

Dabei gilt im Allgemeinen, dass bei höheren Pflanzen (Angiospermen) der Sprossscheitel (Apex) als Quellpunkt aller oberirdischen Organe in Mantel (Tunika) und Quellkörper oder Kern (Korpus) unterteilt ist (HANSTEIN, 1868, BAUR, 1909, WINKLER, 1911, SCHMIDT, 1924, SATINA et al., 1940, FROST und KRUG, 1942, VAUGHN, 1952, CAMERON et al., 1964). Die Tunika unterscheidet sich vom Korpus durch streng senkrecht (antiklin) verlaufende Zellteilungen, aus denen einschichtige Flächengewebe oder Lagen (L) entstehen, die schalenförmig über dem Korpus liegen. Im Korpus teilen sich die Zellen sowohl antiklin als auch waagerecht (periklin) (HANSTEIN, 1868, BAUR, 1909, WINKLER, 1911, SCHMIDT, 1924, SATINA et al., 1940, TILNEY-BASSETT, 1963). Die Tunika-Korpus Differenzierung und die Aufrechterhaltung der Selbigen entsteht durch Entspannungsvorgänge, an denen Zellteilungen beteiligt sind (BERGANN, 1955).

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In einem experimentellen Ansatz, zur Aufklärung von Richtungsänderung bei Zellteilungen in einem Sprossscheitel, projizierte BERGANN (1955) den Apex auf eine Halbkugel und leitete somit ein mathematisches Modell ab, mit dem er Bewegungsabläufe bei Volumenänderungen verständlich machte. Er schlussfolgerte aus Radiusvergrößerungen im Zusammenhang mit Volumenzunahme durch Zellteilungen und der Gegenüberstellung des Halbkugelumfangs als Mantel oder Tunika, dass bei geringen Radien das Mantelvolumen größer sein kann als das Kernvolumen und, dass sich bei ansteigendem Radius das Verhältnis umkehren kann. Seine Erkenntnis war, dass Periklinalteilungen ihren Ursprung durch eine Entspannung der Tunika haben könnten. Solche Entspannungsvorgänge leitete er aus einem Zustand der Volumengleichheit zwischen Tunika und Korpus ab, der unter der Voraussetzung etwa gleicher Wachstums- und Teilungsintensität erreicht wird. Aus seiner Sicht entstehen so die Bedingungen, die zur Anlage von Blattprimordien vorhanden sein müssen. GUTTENBERG (1960) leitete aus den periklinen Teilungen und der Aufspaltung der Tunikaschichten im Bereich der Primordien ab, dass die Tunika-Korpus-Theorie nur eine Hilfestellung für die Topographie des Sprossvegetationspunktes sein könne.

Weitere Hinweise zur Teilungsrichtung von Zellen, die durch Zug und Druckkräfte im erheblichen Maße beeinflusst werden, wurden in der Arbeit von KNY (1902) zusammengefasst. Er stellte Versuche an, die mit teilungsfähigem Gewebe zwischen zwei Glasplatten verdeutlichen sollten, dass unter definierten Druckverhältnissen die ersten Scheidewände stets senkrecht zur Ebene der Platten orientiert sind und „dass, je weitergehender die Differenzierung ist, um so weniger wird die Wirkung mechanischer Kräfte, welche an einer Stelle angreifen, sich in geraden Linien durch ganze Organe fortpflanzen“. Weiter heißt es, „beeinflussend sind auch die durch Erblichkeit übernommenen Regeln des histologischen Ablaufs“. Weitere Versuche, die Teilungsrichtung in einem Modell darzustellen, wurden von LINTILHAC (1974a, b) angestellt. Er bestätigte die Auffassung von KNY, dass Zug- und Druckkräfte für die Teilungsrichtung ausschlaggebend sein können und wendete seine Schlussfolgerungen an, um die Anlage von Achselknospen und die Bildung der Integumente im Ovarium zu beschreiben.

1.3 Chimären und Burdonen

Jede separat existierende Lage (L1, L2, L3 etc.) bildet während der Differenzierung die für sie spezifischen Abkömmlinge (Derivate). Epidermiszellen sind Derivate aus der äußeren Tunikaschicht L1, während aus L2 das subepidermale Gewebe (Mesopyll) und aus L3 das Leitgefäßsystem gebildet wird (FROST und KRUG, 1942, GUTTENBERG, 1960, BURK et al., 1964). Lagenanzahl und -schicksal sind artspezifisch und können, in einem Sprossscheitel zeitlich versetzt variieren (GUTTENBERG, 1960, DERMEN und STEWART, 1973, NAPP-ZINN, 1988, TILNEY-BASSETT, 1986). Außerdem treten bei der Anlage von Primordien oder Achselsprossen unterschiedliche Teilungsaktivitäten auf (GUTTENBERG, 1960).

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Sprosskombinationen (Heterohistonten) können durch Kallusüberlagerungen beider Pfropfpartner an der Verwachsungsstelle entstehen, sodass ein Lagenaustausch mit genotypisch fremdem Gewebe stattfindet, aus dem durch die Bildung von Adventivsprossen Individuen aufgebaut werden können, die aus verschiedenen Genotypen bestehen. Sofern keine Zellverschmelzung stattfindet, werden die daraus abgeleiteten Sprosse in dem Begriff „Chimäre“ zusammengefasst. Abgesehen von den aus China bekannten Citrus-Chimären entstanden die ersten experimentell erzeugten Chimären aus Pfropfungen mit Solanacaeen (WINKLER, 1907).

WINKLER erzeugte einen Spross, der zu einer Hälfte aus Tomate (Solanum lycopersicum) und zur anderen aus Schwarzem Nachtschatten (S. nigrum) bestand. Er nannte diesen Spross, nach dem sinnbildlichen Vorbild aus der griechischen Mythologie, „Chimäre“. Anhand von Chromosomenzählungen stellte er fest, dass viele, bisher als Bastard bezeichneten Mischpflanzen, eigentlich als Chimären definiert werden müssten, sodass sich der Begriff Bastard allmählich auflöste (WINKLER, 1911). Seine Meinung war, dass ein „Burdo“, wenn überhaupt, nur äußerst selten auftreten könne, da zur Bildung eines Vegetationspunktes für einen Adventivspross stets eine höhere Anzahl nebeneinander liegender Zellen zusammentreten müßte. Dennoch glaubte er, in der von ihm hergestellten Chimäre (Solanum darvinianum) eine solche Burdonenschicht in der Subepidermalen gefunden zu haben (WINKLER, 1911, 1935). Er festigte seine Theorie anhand seiner Pfropf-Chimären aus Solanum lycopersicum (n=24) über S. nigrum (3n=72). An ihnen fand er Sprosse mit Gewebebereichen, die Zellkerne mit zusätzlichen Chromosomen, also Burdonencharakter, zeigten. Diese Sprosse (Burdo X und Burdo Ch) mussten demzufolge artverschiedene Körperzellen enthalten, die zu einer „Somazygote“ verschmolzen (WINKLER, 1934). Aus solchen Somazygoten Adventivsprosse zu regenerieren und daraus Vollburdonen zu erhalten, hielt er für eine Möglichkeit, echte Bastarde zwischen Arten herzustellen, die sich geschlechtlich nicht kreuzen lassen (WINKLER, 1935). Die Diekto-Chimäre „Solanum proteus“ lieferte ihm, durch perikline Zellteilungen der Subepidermalen, den lang ersehnten Vollburdo X (WINKLER, 1938). BRABEC (1949) schlussfolgerte nach genauer Analyse, dass es sich bei solchen Burdonen um Pflanzen handelt, die weder Chimären noch Burdonen darstellen. Er ging davon aus, dass die Chromosomenzahl nicht um einen ganzen haploiden Chromosomensatz, sondern nur um einzelne Chromosomen desselben Genoms vermehrt oder vermindert wurde. Nach seiner Ansicht waren es aneuploide Pflanzen (BRABEC, 1954, BRABEC, 1965, GÜNTHER, 1957). NAPP-ZINN (1988) gab eine weitreichende Zusammenfassung zu dieser Problematik.

1.4 Proliferation

Finden, abgesehen von Burdonen- oder aneuploiden Zellen, im Apex Mutationen in meristematischen Zellen statt und werden diese durch Teilung auf die Nachbarzellen vererbt, so kann auch spontan eine Chimäre entstehen (STEWART und DERMEN, 1970, TIAN und MARCOTRIGIANO, 1993). Durch Zellvermehrung werden aus dem Apex Zellverbände abgeleitet, die im Verlauf der Sprossentwicklung nach ihrer Differenzierung bestimmte Derivate bilden (Proliferation). Das determinierte Schema der Proliferation innerhalb des Sprosses wird durch einige Zellregionen im Meristem kontrolliert (DOERNER, 2000, CLARK, 2001, NAWY und BENFEY, 2001, BRAND et al., 2001). Eine dieser Regionen umfasst die zentral angeordneten Stammzellen, die für die Aufrechterhaltung von Teilungsprozessen notwendig sind. Aus solchen Stammzellen werden fortlaufend Derivate aus dem Meristemzentrum in den peripheren Bereich der Organprimordien verlagert und dort in die Organ-Entwicklung involviert. Die meisten Meristemzellen sind nicht mobil. Ihre relative Position und demzufolge auch die Funktion können sich während der Zellteilung ändern (BERGANN und BERGANN, 1959, 1962, KLOPFER, 1965, DERMEN, 1969 b, POHLHEIM, 1970, BRAND et al., 2001).

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Die streng senkrecht verlaufende Zellteilungsrichtung, die einerseits durch den Druck des Korpus auf die Tunika entsteht (BERGANN, 1955), andererseits aber auch endogen gesteuert, also genetisch determiniert sein kann (KNY, 1902, KALBE, 1962, LAUFS et al., 1998, DOERNER, 2000, CLARK, 2001), ist eine Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des chimärischen Konstruktes. Hierfür bietet die Chimärenforschung mehrere Versuchsbeispiele als Modellsystem, das aus fehlerhaften Wechselwirkungen zwischen genetisch verschiedenen Geweben zur Aufklärung entwicklungsbiologischer Prozesse beiträgt (SZYMKOWIAK und SUSSEX, 1992, 1996, BRAND et al., 2001).

1.5 Chimären als Modellsystem

WINKLER (1914) entdeckte die pflanzliche Chimärensynthese als geeignete Forschungsmethode für die experimentelle Biologie. Er bezog sich damit auf einen speziellen Typ eines genetischen Musters, in dem Zellen aus verschiedener Herkunft einen besonderen Phänotyp bilden.

1.5.1 Klassifizierung pflanzlicher Chimären

Nach Kreuzungsversuchen mit chimärischem Ausgangsmaterial (Pelargonium) erzeugte BAUR (1909) Nachkommen, die WINKLERs Chimären sehr ähnlich waren. Daraus schlussfolgerte er, dass ein sektorial geteilter Apex vorhanden sein muss und, dass deshalb seine Pflanzen Sektorial-Chimären genannt werden sollten. Weitere Studien brachten ihn zu der Erkenntnis, dass neben den Sektorial-Chimären sich auch Beispiele finden lassen, in denen eine Überlagerung verschiedener Gewebe im Apex auftritt. Deshalb wurde von ihm eine zweite Zuordnung in der Chimärenklassifizierung aufgestellt, die er Periklinal-Chimären nannte und dabei festhielt, dass die periklin angeordneten Schichten des Apex teils vom einen und teils vom anderen Elter abstammen (WINKLER, 1911). Als Erster leitete er von der phänotypischen Erscheinung die genotypische Zusammensetzung des Apex ab und kam zu der Schlussfolgerung, dass bei den Sektorial-Chimären die verschiedenartigen Gewebe im Vegetationspunkt durch Längsflächen voneinander getrennt sind (WINKLER, 1935). JØRGENSEN und CRANE (1927) wiesen bei beiden Chimärentypen auf einen Sonderfall hin, der in gewisser Weise als Zwischenstellung auftreten kann und als sektorial ausgebildete Periklinal-Chimäre gilt (WINKLER, 1935, TIAN und MARCOTRIGIANO, 1993). Er bezeichnete solche Sonderfälle als Meriklinal-Chimäre. Es war abzusehen, dass aufgrund der Apexgliederung rein statistisch noch weitere Chimärentypen auftreten konnten. WINKLER (1935) fand bei einigen seiner mannigfaltigen Periklinal-Chimären Apexkonfigurationen, bei denen zwischen Tunika und Korpus eine andersartige Schicht zwischengelagert war. Solche Sprosse nannte er Meso-Chimären. War nur die Tunika andersartig, nennte er sie Ekto-Chimären. Ihm war auch klar, dass in den meisten höheren Pflanzen zwei separate Lagen die Tunika bilden, sodass er weiter in Monekto- und Diekto-Chimären klassifizierte. Entsprechend konnten auch Meso-Chimären monomesomatisch oder dimesomatisch usw. sein. Er wies auch auf Hyper-Chimären hin, bei denen der Vegetationspunkt mosaikartig aus Zellen beider Elterarten zusammengesetzt sein sollte (WINKLER, 1910).

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Aus verschiedenen Synthesewegen gibt es vielgestaltige Chimären, in denen phylogenetisch mehr oder weniger voneinander entfernte Ausgangseltern vereint sind. Sie werden grob in interspezifisch und intergenerisch eingeteilt (KADDOURA und MANTELL, 1991, OGUNI et al., 1996). Interspezifische Chimären wie zum Beispiel aus Brassica (NOGUCHI et al., 1992, NOGUCHI und HIRATA, 1994, KANN et al., 1996, HIRATA et al., 1994, 2001), Nicotiana (MARCOTRIGIANO, 1986), Citrus (FROST und KRUG, 1942, SUGAWARA et al., 1995, ZHOU et al., 2002) oder Camellia (STEWART et al., 1972, POHLHEIM, 1976) enthalten Partner aus verschiedenen Arten derselben Gattung wohingegen intergenerische Chimären wie +Laburnocytisus (NOLL, 1907, BUDER, 1911, BERGANN, 1952), +Crataegomespilus (NOLL, 1905, BORNMÜLLER, 1932, BERGANN, 1956, BERGANN und BERGANN, 1984) und ein Beispiel aus Nicotiana und Solanum (KADDOURA und MANTELL, 1991) Partner aus verschiedenen Gattungen derselben Familie enthalten. Chimären können auch durch die Anwendung von Kolchizin hergestellt werden (BLAKESLEE und AVERY, 1937, BLAKESLEE et al., 1939). Dabei entstehen im Apex Zelllagen mit unterschiedlichen Ploidiestufen. Solche Cyto-Chimären wie zum Beispiel bei Datura (BLANKESLEE et al., 1939, SATINA et al., 1940), Prunus persica (DERMEN und STEWART, 1973) oder Camellia ’Fragrant Pink’ (ACKERMANN und DERMEN, 1972, ACKERMANN, 1994), wo sich die Chimärenpartner anhand der Ploidiestufe und der damit verbundenen Änderung des Kernvolumens auszeichnen, eignen sich für Experimente, die zur Aufschlüsselung von Entwicklungsmechanismen von Sprossen und deren Organen dienen (GUTTENBERG, 1960, KALBE, 1962, NAPP-ZINN, 1988). So sind Zellen mit identischen Kerngrößen in verschiedenen Lagen und ihren Derivaten zuordenbar (STEWART et al., 1972). DERMEN (1969 b) bezieht sich auf SATINA et al., (1940) und führt die Erzeugung von periklinalen Cyto-Chimären auf die separat existierenden Zelllagen im Apex zurück. Er erwähnt auch die Möglichkeit, partielle Polyploidie (chimäroide Bereiche) zu erzeugen. Durch Kolchizinierung der sterilen Camellia Hybride ’Fragrant Pink’ entstand eine Cyto-Chimäre, die in den Zellen der L1 und deren Derivaten einen Chromosomensatz von 2n=30 und in den inwendig anliegenden Zellschichten 4n=60 hat (ACKERMANN und DERMEN, 1972). Camellia +’Daisy Eagleson’ ist eine interspezifische Pfropf-Chimäre, aus C. japonica (2n=30) (fertil) und C. sasanqua ’Maiden’s Blush’ (6n=90) (steril). Sie trägt in den charakteristischen Apexlagen cytochimärische Eigenschaften und ist zusätzlich durch genotypische Merkmale markiert (STEWART et al., 1972), wodurch das Erscheinen fertiler Blütenorgane auf induktive Wirkungen der beiden Genotypen zurückgeführt werden kann.

1.5.2 Wechselwirkungen zwischen Chimärenkomponenten

Die Möglichkeit, dass die fertilen Blütenorgane bei Camellia +’Daisy Eagleson’ ausschließlich L1-Derivate sind (SZYMKOWIAK und SUSSEX, 1996), kann auf Grund der Zuordenbarkeit der Zellen zu den Ausgangseltern zurückgewiesen werden. Es wurde der Nachweis erbracht, dass ein ungefüllt blühendes, fertiles Abschlussgewebe aus C. sasanqua eine gefüllt blühende, sterile Innenkomponente aus C. japonica überzieht (BYRD, 1970, STEWART et al., 1972). Außerdem wurde beobachtet, dass die Innenkomponente eine höhere Anzahl der Karpelle bewirkt und dass diese vollkommen petaloid ausgebildet sind. So wird der gegenseitige Einfluss der Chimärenpartner bei der Vermittlung zwischen Petalen und Karpellen in der petaloiden Karpellnatur sichtbar. Solche Unregelmäßigkeiten stellen Wechselwirkungen zwischen Geweben beider Chimärenpartner dar (STEWART et al., 1972, POHLHEIM, 1976). Zusammenfassend stellt NAPP-ZINN (1988) fest, dass nur von Fall zu Fall entschieden werden kann, was sich aus der Chimärenhistogenese für den Normalfall ableiten lässt.

1.6 Kompatibilität von Chimäreneltern und Segregation

Oft sind fehlgeleitete Zellteilungen und Fehlfunktionen in den Primordien die Ursache dafür, dass Zellen oder Zellkomplexe falsche Positionsangaben erhalten und homöotische Mutationen bilden. Beispiele dafür sind horizontal verlaufende Zellteilungen der L1. Sind diese dem Sprossinneren zugewandt, beeinflussen sie die Mesophyllbildung indem L2-Merkmale in tiefergelegene Schichten verdrängt werden (DERMEN, 1969 b, POHLHEIM, 1969 b, 1983, 1985, POHLHEIM und POHLHEIM, 1976, TILNEY-BASSETT, 1986). Finden solche Verdrängungen in der zentralen Apexzone statt, sodass neue Stammzellen aus L1-Derivaten gebildet werden, dann kann aus ihm ein L1-Spross entstehen. Derartige Beobachtungen können sowohl am +Laburnocytisus adamii als auch an den +Crataegomespili gemacht werden (BERGANN, 1952, BAUERMEISTER, 1969, POHLHEIM, 1969a). Bei solchen intergenerischen Chimären sind die Ausgangseltern aus verschiedenen Gattungen und demzufolge weniger kompatibel. Die Chimäre +Laburnocytisus adamii enthält in der L1 den Genotyp Cytisus purpureus, während die übrigen Schichten oder Lagen von Laburnum anagyroides ausgestattet werden. Beide Ausgangseltern können an einigen Zweigen von +Laburnocytisus adamii in ihrem eigenen Genotyp identifiziert werden. Demzufolge hat sich einerseits die epidermisbildende Komponente Cytisus purpureus durch mehrmalige L1-Verdopplung wieder verselbstständigt und andererseits ist durch L1-Perforation im Apex ein Spross entstanden, der dem Ausgangselter Laburnum anagyroides entspricht (NOLL, 1907). Das Erscheinen von Sprossen, die den reinen Ausgangselter-Typus aufweisen, ist durch die histogenetischen Vorgänge „Reduplikation, Perforation“ (BERGANN und BERGANN, 1959) und „Translokation“ (POHLHEIM, 1982) erklärt.

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DERMEN (1969 a) gelang es, beide Ausgangseltern an einem +Laburnocytisus adamii-Spross zu gewinnen und überzeugte sich so von der Existenz verholzender Periklinal-Chimären, die durch Pfropfung entstanden. Er ging vorerst davon aus, dass +Laburnocytisus adamii eine genetische Chimäre ist, die durch Mutation entstanden sei. Tatsächlich fand BERGANN 1952 an dieser Pfropfchimäre einen Spross mit außergewöhnlichen morphologischen Merkmalen, den er „Laburnum B“ nannte. Auf Grund der Rückschlagstypen wurde dieser Spross als chimärisch eingestuft (BERGANN 1952). Neben der Innenkomponente Laburnum anagyroides traten aus Reduplikationen der Epidermis Sprosse auf, die unter der Voraussetzung, dass es sich um einen mutierten Cytisus purpureus handelte, als „Neocytisus“ bezeichnet wurden (BAUERMEISTER, 1969). POHLHEIM bezog sich bei seinen Untersuchungen am Neocytisus auf die Arbeiten von BRABEC (1949, 1954) und kam zu dem Schluss, dass wahrscheinlich auch hier wie bei den WINKLERschen Burdonen eine noch näher zu bestimmende Form von Aneuploidie auf der Grundlage des Epidermisbildners vorlag (POHLHEIM, 1969 a). Sowohl an den +Crataegomespili (MEYER, 1915, HABERLANDT, 1926, 1930) als auch den Bizzaria (TANAKA, 1927) und dem Solanum-Material von WINKLER aber auch von JØRGENSEN (1928) wurden Rückschlagstypen protokolliert.

1.7 Das Teilungsverhalten einzelner Tunikalagen

Perforiert die L1 einer Monektochimäre erst in ihrem Derivat, also in späteren Entwicklungsstadien, dann werden von der durch sie bedingten morphologischen Erscheinung nur bestimmte Organe oder Teile von solchen betroffen. Es können Blätter, Blüten und Früchte auftreten, die an einer mehr oder weniger umfangreichen Stelle ein „Fenster“ in der Epidermis haben, durch das das Binnengewebe in Erscheinung tritt, das dann die zu erwartende Funktion kompensiert (BUDER, 1911, TANAKA, 1927, KRÜGER, 1932, WINKLER, 1935, POHLHEIM, 1969 a). RENNER und VOSS (1942) untersuchten chimärische Blattanlagen von Prunus pissardi ’Hessei’ und fanden am Blattrand Epidermiszellen mit Zellwänden, die ihnen weder periklin noch antiklin erschienen: Sie fanden diagonale Trennwände, aus denen ein zweischichtiger Epidermissaum mit keilförmigen Randinitialen abgeleitet wurde, dessen Oberhautzellen sich weiter teilten und sichtbar große Mesophyllbezirke bildete, ohne dass sich die Epidermiszellen weiter periklin teilten. Vergleichbare Studien an Pflanzen mit chlorophylldefekten Zelllagen wurden auch von THIELKE (1948), BERGANN (1962 a) sowie DERMEN (1969 b), POHLHEIM (1969 b, 1984) und SCHEEL (1969 a, b) durchgeführt. Sie zeigen, dass die L1 und ihre Derivate erst verhältnismäßig spät den Charakter der nur antiklin segmentierenden Tunika verlieren und die Teilungsweise des schon im Vegetationspunkt nach allen Richtungen segmentierenden Korpus annehmen kann. Bei der zweiten Tunikaschicht tritt dieser Wechsel regelmäßig und viel früher ein (RENNER und VOSS, 1942). BERGANN (1955) weist darauf hin, dass die Entscheidung zur Teilungsrichtung einer Zelle von Zug- und Druckverhältnissen abhängig sein kann und dass durch Entspannung der Epidermis perikline Teilungen hervorgerufen werden. DERMEN (1969 b) zieht die Abhängigkeit für die Entscheidung über die Teilungsrichtung von der relativen Lage einer Zelle in Erwägung. POHLHEIM (1970) zeigt mit seiner Arbeit an der Trichimäre Prunus pissardi ’Hessei’, dass durch Unterlagerung der Epidermis mit im Wachstum geschwächtem Gewebe perikline Teilungen entstehen. Mit der Gegenüberstellung seiner Ergebnisse aus vergleichbarem Versuchsmaterial festigt er die Hypothese von BERGANN (1955), dass im Wachstum gehemmtes Mesophyll die Epidermis entspannt und diese dann durch antikline Zellteilungen einen Ausgleich schafft (POHLHEIM, 1983). Daraus lässt sich schließen, dass genetisch andersartige Gewebe miteinander konkurrieren und sich gegenseitig verdrängen können (KAPLAN, 1951, GAUL, 1957). Hinweise zu Gewebekonkurrenzen finden sich bei GUSTAFSON (1940) sowie FREISLEBEN (1943) und STEWART et al., (1974). BALKEMA (1972) bezieht sich mit dem Begriff "Diplontic Drift" auf den Einfluss des äußeren Milieus, auf das Schicksal mutierter Zellen und die Dauer der chimärischen Phase. Allgemein gilt, dass die Invasion oder Substitution einzelner Zellen noch nicht den Entwicklungsplan für das Sprossmuster modifiziert: Erst die Invasion einer Zellschicht kann das Muster einer Pflanze verändern. Letztendlich wird das Schicksal einer Zelle in den späteren Stadien der Organentwicklung durch ihre gegenwärtige Position bestimmt (SPENA und SALAMINI, 1995).

1.8 Die phytomedizinische Nutzung von Chimären

Ein weiterer Nutzen synthetisch erzeugter Chimären besteht darin, dass sie morphologische Merkmalveränderungen aufweisen, die aus Wechselwirkungen an der Verbindungsfläche beider genetisch verschiedener Gewebeschichten entstehen (BERGANN, 1951). Sie eröffnen einen prinzipiellen Weg, Variabilität auf vegetativer Grundlage zu erzeugen, und sie werden bei der Beantwortung von Fragestellungen zur vegetativen Hybridisierung in der experimentellen Biologie so wie auch bei der Aufklärung von Mechanismen bei der Sprossentwicklung bevorzugt verwendet. Beispielhaft ist auch die Verwendung von Chimären für Aufklärungsversuche zur Resistenzwirkung von Epidermen.

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WINKLER (1914) berücksichtigte insbesondere phytomedizinische Aspekte, indem er notierte, „Es erwächst also der Chimärenforschung die Aufgabe, für Kartoffeln, Tabak, Tomate und andere Nutzpflanzen nach Chimärenpartnern zu suchen, die sie gegen ihre pilzlichen Feinde, gegen Blattläuse usw. mehr oder weniger schützen“. Für die Ausprägung bestimmter Resistenzen haben Epidermen als Abschlussgewebe eine wesentliche Bedeutung. Es ist von besonderem Interesse zu wissen, ob eine resistente Epidermis ausreicht, den gesamten Spross resistent zu machen. Mit der experimentellen Chimärensynthese bietet sich eine Gelegenheit, artspezifische Eigenschaften wie die Biosynthese von Alkaloiden oder die Morphogenese einzelner Organe besser kennen zu lernen. Als Beispiel eines solchen Systems kann eine Tomatenpflanze gelten, die mit der Epidermis von Solanum penelli ausgestattet wurde und dann die Resistenz von Solanum penelli gegenüber Trialeuroides vaporariorum aufwies (CLAYBERG, 1975). Auch die klassischen Vertreter wie zum Beispiel die Crataegomespilus-Chimären oder WINKLER’s Solanum-Material liefern eindeutige Beweise dafür, dass eine Resistenzübertragung durch „Epidermistransplantation“ möglich ist (FISCHER, 1912, SAHLI, 1913, KLEBAHN, 1918, JØRGENSEN, 1928, GOFFREDA et al., 1990).

1.9 Zell-Zell-Interaktionen zwischen Zelllagen in Chimären

Meristeme sind Bildungs- oder Teilungsgewebe, die die Fähigkeit zu fortlaufenden mitotischen Teilungen besitzen. Sie können als Gewebequelle aller postembryonalen Organe angesehen werden. Tritt in einer Zelle eines Sprossmeristems eine Mutation auf, die sich durch mitotische Teilungen in den Tochterzellen reproduziert, dann kann klonale Variabilität ausgelöst werden, die sich auf Grund der Meristemschichtung in einer Chimäre manifestiert (BERGANN, 1967). Aus dieser Tatsache heraus können Periklinal-Chimären abgeleitet werden, die auch für die Aufschlüsselung von koordinativen Prozessen zwischen den verschiedenen Schichten eines Sprossmeristems anwendbar sind. Für solche Zwecke ist es vorteilhaft, wenn die veränderte Zellschicht mit einem farblichen, morphologischen oder cytologischen Marker kombiniert ist (HUALA und SUSSEX, 1993).

1.9.1 Partnerinduktion

Für die Kontrolle von interaktiven Genwirkungen zwischen genetisch verschiedenen Schichten ist es wichtig, die Expressionsmuster sowohl vom Wildtyp als auch von der Mutation zu kennen. Es kommt vor allem darauf an, dass erkennbar ist, ob ein mutiertes Gen normalerweise in einer oder in verschiedenen Lagen expremiert wird und ob die Expression auch innerhalb einer Lage Unterschiede aufweist. Außerdem muss klar sein, wie die Aktivität anderer Gene überhaupt beeinflusst werden kann und, ob dadurch die Entwicklung modifiziert wird. Analysiert werden können Interaktionen zwischen Homöotischen- und wildtyp-Genen anhand von Expressionsmustern, sowohl innerhalb als auch zwischen den Lagen von Chimären. Beispielhaft sind dabei die inter- und intraspezifischen Periklinal-Chimären der Tomate: An ihnen wurde beobachtet, dass die genetisch differente L3 sowohl die Blüten-Meristemgröße als auch die Karpellanzahl beeinflusst (SZYMKOWIAK und SUSSEX, 1992). Auch an einigen Brakteen von Euphorbia pulcherrima Willd. ‘Eckes Rosa’ konnte BERGANN (1961 b und 1962 b) eine Kompensationswirkung eines Farbdefektes nachweisen und nannte diesen Effekt „Partnerinduktion“: Solche Interzellulären Genwirkungen können bei direktem Kontakt genetisch verschiedener Gewebe auftreten (BERGANN, 1961b, 1962b, POHLHEIM, 1980, POHLHEIM und RÖSSEL, 1989, PLASCHIL, 1997, RODRIGUEZ, 2001), sodass koordinative Musterbildungen innerhalb der drei Zelllagen die Vermutung zulassen, dass Signale zwischen den Lagen ausgetauscht werden. Die genannten Beispiele erlauben jedoch keine Schlussfolgerungen auf die Natur der Signalübertragung.

1.9.2 Die regulierende Funktion von Plasmodesmen (PMD)

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Anhand von In-Situ-Hybridisierungen und DNA-Analysen konnten separate Chimärenlagen identifiziert und Expressionsmuster von Organ-Identitätsgenen am Beispiel von induzierten Periklial-Chimären aus Antirrhinum majus zugeordnet werden. So wurde der Nachweis erbracht, dass bestimmte Gene induktiv über Zellgrenzen hinaus wirksam sein können (CARPENTER und COEN, 1995, HANTKE et al., 1995, PERBAL et al., 1996). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Signale von Zelle zu Zelle über die Plasmodesmen (PMD) transportiert werden: Solche PMD sind komplexe Strukturen aus Membranen und Proteinen, die für interzellulare Diffusionen von Metaboliten und kleinen Molekülen verantwortlich sind (LUCAS et al., 1993, MEZITT und LUCAS 1996). Primäre PMD werden während der Zellteilung in der neuen Zellwand angelegt und sorgen für Verbindungen zwischen Mutter- und Tochterzellen. Der Informationsaustausch zwischen den Zelllagen wird durch die Bildung von sekundären PMD realisiert.

In Chimären konnten PMD zwischen Zellen genetisch verschiedener Abstammung nachgewiesen werden. In diesem Zusammenhang wurde beobachtet, dass die Plasmodesmata-Anzahl in den nicht teilenden Zellwänden reduziert ist (STEINBERG und KOLLMANN, 1994) und dass zwischen den Zelllagen L1 und L2 die Etablierung von PMD aus L1 dominiert (BRABEC und RÖPER, 1988). Regulierende Funktionen von PMD in Bezug auf die Durchlässigkeit von unterschiedlich großen Molekülen auch unter Stressbedingungen und die physiologischen Voraussetzungen zur Obstruktion, Restriktion und Anreicherung sind bekannt: Es wird für möglich gehalten, dass PMD sogar den Transport von Makromolekülen wie zum Beispiel Proteine oder Nukleinsäuren erlauben können (LUCAS et al., 1993, FUJIWARA et al., 1993, LUCAS und WOLF, 1993, GHOSHROY et al., 1997, LUCAS, 1999, HAYWOOD et al., 2002).

1.10 Chimären aus der Gattung Populus

Die Populus-Gattung zeichnet sich aus durch: leichte Handhabbarkeit bei gentechnischen Experimenten (BRADSHAW et al., 1994), gute Kreuzbarkeit zwischen ihren Arten (SEITZ und SAUER, 1962) und ihrer Eignung, zur experimentellen Chimärensynthese (WINKLER, 1907). Alle Arten und Varietäten besitzen normalerweise die gleiche diploide Chromosomenzahl 2n=38 (SEITZ, 1951, SAUER, 1954, SEITZ und SAUER, 1962). Das relativ kleine Genom von 550 mbp hat die Pappel zu einer Modellpflanze in der Grundlagenforschung werden lassen (CERVERA et al 2001). In der experimentellen Biologie ist sie wegen ihrer gut lokalisierbaren Adventivsprossbildung für die Chimärensynthese geeignet (WINKLER, 1907, BAUR, 1930).

1.10.1 Beispiele von Pfropf-Chimären

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WINKLER (1914) stellte den Anspruch, Chimären zwischen männlichen und weiblichen Pappeln herzustellen, um den Einfluss genetisch fremder Gewebe bei der Geschlechterdetermination zu studieren. Er verwies dabei auf ein Experiment von BAUR, dem es gelungen war, eine Chimäre aus P. canadensis und P. trichocarpa zu erzeugen. BAUR (1930) beschrieb eine Methode, mit der relativ leicht Periklinal- und Sektorial-Chimären aus Populus erzeugt werden können. Er bezog sich dabei auf die beiden Arten P. nigra und P. trichocarpa, bei denen - nach seiner Ansicht - die Zellteilungen im Vegetationspunkt sehr unregelmäßig verlaufen, weshalb ein Chimärenkonstrukt schon nach kurzer Zeit wieder in eines der Ausgangseltern entmischt vorlag. VASILEV (1965) sowie KOSICHENKO und PETROV (1975) bezogen sich zum Thema Chimärenstabilität auf ein relativ einheitliches Wachstumstempo der Ausgangseltern. Sie mussten aber trotzdem bei einigen ihrer Versuchspflanzen Entmischungen verzeichnen. VASILEV machte seine Beobachtungen hauptsächlich an zwei Populus-Chimären (Chim 1 und Chim 10): Bei Chimäre 1 wurden mit P. nigra L. in der L1 und P. suaveolens Fisch. in den übrigen Schichten zwei Genotypen in einem Spross kombiniert, der häufig zu Rückschlägen neigte. In seinem zweiten Beispiel waren beide Eltern genetisch weiblich; es bestand in der L1 aus P. suaveolens Fisch. während die darunter liegenden Gewebe der Hybride P. deltoides f. regenerata Henry entsprachen. Er ging davon aus, dass in den Chimärenblüten noch beide Genotypen vorhanden waren. Im Blütenaufbau konnten trotzdem keine Anomalien beobachtet werden. Er protokollierte, „die Früchte entwickeln sich und fallen normal, sind aber in der Regel pathenokarp“. Die Fruchtentwicklung ohne Samenansatz hatte ihre Ursachen aber vermutlich darin, dass keine geeigneten Bestäuber in der Nähe waren. Aufgrund der Fruchtblattanzahl in den Fruchtknoten wurde geschlussfolgert, dass die Außenkomponente in den Blüten noch vorhanden war und auch regulierend wirkte. KOSICHENKO und PETROV berichteten von drei gelungenen Pfropf-Chimären, von denen eine (Kazakhstansky-272) aus der Bachofenspappel (P. bachofenii Wierzb.) in der L1 und der Italienischen Pyramidenpappel (P. nigra L. ’Italica’) in den übrigen Geweben als besonders interessant eingestuft wurde. Neben der Zuordnung zu den Monekto-Chimären stellten sie fest, dass ihr Versuchsbeispiel in den physiologischen Merkmalen, die aus Wassergehaltsmessungen gewonnen wurden, mit der Innenkomponente übereinstimmte. Ihre Untersuchungen stützten sich hauptsächlich auf anatomische und physiologische Besonderheiten.

1.10.2 Beispiel einer gentechnisch erzeugten Chimäre

In gewisser Weise besteht bei der Anwendung gentechnischer Methoden bei Pflanzen mit separat existierenden Scheitelschichten die Möglichkeit, Chimären zu erzeugen. Besonders interessante Populus-Beispiele sind die durch FLADUNG et al. (1997) erzeugten Versuchsexemplare: Es gelang, eine Genkonstruktion aus verschiedenen Bestandteilen mit Hilfe von Agrobacterium tumefaciens in das Erbgut einzelner Aspenzellen (Populus tremula L.) und Hybridaspen (P. tremula x P. tremuloides) einzuschleusen. Er verwendete für das Genkonstrukt den 35S Promotor – ein Kontrollelement, das das Abrufen der genetischen Information kontrolliert - und rol-C, ein Gen aus A. rhizogenes, das bei erfolgreicher Ausprägung phänotypisch sichtbar wird: Es verursacht sowohl Zwergwuchs (SPENA et al., 1989, FLADUNG, 1990, SCHMÜLLING et al., 1988) als auch eine hellere Blattfärbung (FLADUNG und BALLVORA 1992) und kann so als Reporter fungieren (SPENA et al., 1989). FLADUNG konnte aus transformierten Zellen Sprosse regenerieren, die typische rol-C-Merkmale zeigten, sich aber dennoch weitgehend voneinander unterschieden. Er erklärte diesen Sachverhalt so, dass einerseits die Funktionstätigkeit des transformierten Genkonstrukts in Frage gestellt wird und andererseits die unterschiedliche Genkopienanzahl in den jeweiligen Spross-Mutterzellen verschiedene Symptome verursacht. Seine Versuchsexemplare zeigten auch Instabilitäten: als Wildtypseitensprosse und als chimärische Blätter mit Wildtypsektoren. An den meisten revertierten Sprossen konnte anhand molekularbiologischer Analysen das Vorhandensein von rol-C bestätigt werden, in einigen revertierten Blattsektoren jedoch nicht. Das zeigte, dass einige transformierte Sprosse Chimären waren, die nur in der Epidermis das rol-C-Gen enthielten, während in den übrigen Schichten rol-C nicht vorhanden oder denaturiert war (FLADUNG und AHUJA, 1997).

1.10.3 Cyto-Chimären

Die Populus-Gattung beinhaltet auch Cyto-Chimären, deren Erscheinungsform kolchiziniertem Material ähnelt, das auf verschiedene Chromosomenzahlen in einer Pflanze hinweist: SEITZ (1954) berichtete von Selbstungsversuchen mit dem zwittrigen Graupappelklon von Dillingen (P. tremula), bei dem 1% der Sämlinge Entwicklungsanomalien zeigte, die nach Chromosomenzählungen an Wurzelspitzen und Spross als Triploide (3n=57) identifiziert und ausgelesen wurden. Damit bestätigte er seine Vermutung, dass ein Teil der Pollenmutterzellen ohne Reduktionsteilung diploiden Pollen (2n=38) ergab, der durch die Verschmelzung mit einer haploiden Eizelle (n=19) zu einer triploiden Zygote wurde, aus welcher ein triploider Sämling entstand. In der Literatur wurden solche Aspen als Gigasaspen bezeichnet (SEITZ und SAUER, 1962). An einigen Gigasaspen traten unerwartete Erscheinungen auf. Durch cytologische Untersuchungen der Chromosomen wurde der Nachweis erbracht, dass zugleich diploides und triploides Gewebe vorhanden war. SEITZ vermutete, dass die Chromosomenanzahl an einigen Stellen solcher Pflanzen spontan aus dem triploiden in den diploiden Zustand herunterregulierte.

1.10.4 Die Sexual-Chimäre MA

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An einem Populus-Beispiel konnte LÜCKE (1989) zwei separat existierende Tunikalagen nachweisen. VOIGTSBERGER (1993) gelang es, eine Populus-Chimäre aus Hybriden verschiedener Sektionen aufzubauen. Er berücksichtigte bei der Elternauswahl die Geschlechter, sodass - wie WINKLER (1914) in Aussicht stellte - der epidermale Einfluss bei der Geschlechterdetermination zu beobachten sein müsste. Außerdem bezog er sich auf weitläufig getrennte morphologische Merkmale wie Blattfarbe, -rand und -aufbau, die dann in chimäroiden Organen eine Zuordnung der elterlichen Gewebe erleichtern sollte. Seine Entscheidung fiel auf Populus x canadensis ’Marilandica’ (M) und Populus maximowiczii x Populus trichocarpa ’Androscoggin’ (A): M hat im Vergleich zu A sehr viel weniger Interzellularen in der Schwammschicht, weshalb die Blattunterseite wesentlich dunkler ist, und größere Blattrandzacken. Nach wechselseitiger Pfropfung hinter die Rinde entstand die MA-Chimäre: Da M weiblich und A männlich ist, liegt eine Sexualchimäre vor (POHLHEIM, 1992). Aufgrund der anatomischen und morphologischen Kriterien sowie von Chimärenentmischungen wurde MA als Monekto-Chimäre eingestuft. Rückschließend auf die aus L1 abgeleiteten Derivate (Epidermis und Blattrand), die eindeutige M-Merkmale zeigen, wurde geschlussfolgert, dass L1 genetisch M entspricht. In gleicher Weise wurden die tieferliegenden Schichten (L2, L3 etc.) A zugeordnet, sodass in MA ein genetisch männlicher Spross von einer weiblichen Epidermis umspannt wird. Die anhaltende Stabilität kennzeichnet die streng antikline Zellteilungsrichtung von L1 und ihren Derivaten.

Im Hinblick auf Wechselwirkungen konnten Beobachtungen gemacht werden, die sich auf morphologische Besonderheiten beziehen: wie die intermediäre Blattform, das Austreiben der Blätter und Sprosse im Frühjahr (VOIGTSBERGER, 1993), das Leitgefäßsystem, die Mächtigkeit des Aerenchyms in der Schwammschicht (POHLHEIM et al., 2004a) und die Sekretsynthese (HANSEN et al., 2003). Die Entmischung der Komponente A aus MA, als regenerierter Wurzelaustrieb, wurde bereits als Chimärennachweis, im Sinne von BATESON (1916, 1926), protokolliert (VOIGTSBERGER, 1993).

1.11 Blütenvariationen in der Gattung Populus

Die Arten der Salicaceae-Familie sind mit Ausnahme einiger Vertreter wie zum Beispiel Populus lasiocarpa normalerweise zweihäusig (diözisch) (LESTER, 1963, ZOGLAUER et al., 2000) und blühen im zeitigen Frühjahr mit Blütenständen (Kätzchen), die dem Typus einer einfachen Traube entsprechen. Solche Kätzchen sind aus eingeschlechtlichen Blüten zusammengesetzt, wobei je nach Alter und Ernährungszustand, Stellung der Blüte im Kätzchen und Stellung der Kätzchen im Baum verschiedene Blütenzahlen, Kätzchenlängen aber auch die Anzahl der Antheren und Samenanlagen variieren. Während die Antherenanzahl zwischen 2 bis 50 schwankt, können auch in einem Fruchtknoten 2 bis 25 Samenanlagen enthalten sein. Eine Gegenüberstellung von blütenmorphologischen Kriterien befindet sich bei BOES und STRAUSS (1994). Die Frucht ist eine kugelige bis birnenförmige Kapsel, die aus zwei bis drei, manchmal sogar vier Klappen besteht. Die Samenanlagen sind anatrop, werden von einem Nabelstrang (Funiculus) getragen und stehen auf der Plazenta in der Mitte des Klappengrundes. Bei allen Arten sind die fertilen Blütenorgane von einem Blütenbecher (Perianth) umschlossen, in dem sich zunächst zwei in der Mediane stehende Blütenhüllblätter (Perigon) entwickeln, die später zu dem einheitlichen Becher verwachsen (GRAF, 1921). SAUER (1954) geht davon aus, dass der Blütenbecher einer Blattbildung homolog ist und keinen Auswuchs des Blütenbodens darstellt. „Der Name „Perianth“ (aus dem inneren Blattkreis gebildete Hülle um die fertilen Blütenorgane) für dieses Gebilde besteht damit sicher zu Recht“. Das die gesamte Blüte schützende Deckblatt (Braktee) ist bei einigen Arten, aber auch an manchen Blüten innerhalb eines Kätzchens, reduziert oder fehlt ganz (FISHER, 1928a).

1.11.1 Zwittrigkeit in der Gattung Populus

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Trotz vorherrschender Diözie kommen Zwittrigkeitserscheinungen vor (VELENOVSKY, 1904, HASTINGS, 1918, FISHER, 1928b, SCHLENKER, 1953, SEITZ und SAUER, 1962, LESTER, 1963, MELCHIOR, 1967). Auch aus Jugoslawien und Russland wurde über Monözie bei Pappeln berichtet (JOVANOVIC und TUCOVIC, 1962, 1964, GORJUNOVA, 1961). Dabei handelt es sich um Blüten, in denen eine mehr oder weniger vollständige Ausprägung beider Geschlechter in Erscheinung tritt. Aus derartigen Beobachtungen wird geschlossen, dass in solchen Fällen die Norm der Diözie durchbrochen und jeweils in wechselnder Anzahl innerhalb der Kätzchen neben eingeschlechtigen auch Zwitterblüten entwickelt werden (HASTINGS, 1918, SEITZ, 1953). Eine Zusammenfassung über Berichte von Abweichungen der Diözie bei verschiedenen Populus-Arten im Zeitraum zwischen 1869 und 1961 liefert LESTER (1963).

In allen Populus-Sektionen kann Zwittrigkeit sowohl bei reinen Arten als auch bei Hybriden gefunden werden (SEITZ und SAUER, 1962). SCHLENKER (1953) gab eine Einteilung der Geschlechtsverteilung in einzelnen Kätzchen vor, die für diese Arbeit auch geltend gemacht werden soll. Dabei wurden 5 Typen bestimmt:

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An einigen Zwitterblüten lassen sich auch Anomalien erkennen, die entweder androgyner- oder gynandromorpher Natur ist (VELENOVSKY, 1904, HASTINGS, 1918, SEITZ, 1953, SAUER, 1954, LESTER, 1963, MELCHIOR, 1967, STETTLER, 1971). VELENOVSKY (1904), SEITZ (1953) und STETTLER (1971) hatten Bildungsabweichungen festgestellt, wo auf der Außenwand des Fruchtknotens eine Anthere erschien. SEITZ nannte dieses Erscheinungsbild „Rucksackanthere“. SAUER (1954) und MELCHIOR (1967) beschreiben Blüten, in denen eine Anthere auf dem Grund eines reduzierten Deckblattes oder am Perianthrand zu finden war. HASTINGS (1918) berichtete über perfekt ausgeprägte Stamen aber „aborted” (nicht korrekt ausgebildete) Pistil. Solche missgebildeten Pistil waren sehr klein, aber offensichtlich funktionstüchtig. Durch die Aufzucht von Selbstungsnachkommen konnte SEITZ (1953) die Fertilität beider Geschlechtsorgane in Zwitterblüten auf direktem Wege nachweisen. Er ging davon aus, dass bei Populus generell eine gewisse Vererbungslabilität in Bezug auf die Geschlechtsorgane vorliegt und „dass die der Realisatorenkombination entgegengesetzt tendierenden Anlagenkomplexe (A bzw. B) für die Organbildung des jeweiligen anderen Geschlechtes in ihrer Auswirkung nicht völlig gehemmt werden und dass auf diese Weise bis zu einem gewissen Grade trotz des vorhandenen normalen Verteilungsmechanismus die bisexuelle Potenz einzelner Individuen ausnahmsweise (vielleicht in Folge Bastardierung) zur Ausprägung kommen kann“. HASTINGS (1918) schlussfolgerte aus seinen Studien, dass es keine Anzeichen auf Reversion (Umkehrung) zu den Populus-Ahnen gibt. Er ging vielmehr davon aus, dass die Zwittrigkeit durch eine Unregelmäßigkeit bei der Chromosomenteilung entsteht. Im Gegensatz dazu kam FISHER (1928b) zu der Ansicht, dass die Blüteneinfachheit der Salicaceae-Familie hauptsächlich aus der extremen Reduktion hervorgeht, die keinen Durchbruch archaischer Gesichtszüge darstellt. Vielmehr wurde darauf hingewiesen, dass die ursprünglichen Salicaceae-Blüten durch Insekten bestäubt wurden und erst im Verlauf der Evolution zur vereinfachten Windbestäubung abänderten. Außerdem wurde geschlussfolgert, dass die Populus-Gattung das primitivere Mitglied der Salicaceae-Familie ist, das durch einige tropische Weidenarten mit intermediären Strukturen zur Salix-Gattung überbrückt wird. Zurückgehend auf teratologische Beweise - die illustrieren, dass aussterbende Pflanzen ihre Reproduktion durch die Umkehrung zu dem verlorenen Geschlecht aufrecht erhalten - wurde die ständige Wiederkehr von perfekten zweigeschlechtlichen Blüten in den meisten, hoch entwickelten Salicaceae-Arten als Hinweis gedeutet, der eingeschlechtliche Salicaceae-Blüten auf zweigeschlechtliche Blüten zurückführt. FISHER (1928b) unterstützte diese Auffassung, indem er seine Studien über das Leitgefäßsystem derart interpretiert, dass keine Abnormalitäten an zweigeschlechtlichen Salicaceae-Blüten ausfindig gemacht werden konnten, sodass ein amphisporangiater Ursprung angenommen werden kann. MELCHIOR (1967) schrieb zu diesem Thema, „gerade bei Bastarden, kann dabei u. a. an eine Minderung der Penetranz des geschlechtsinduzierenden Genkomplexes durch ein schlecht harmonisierendes Genmilieu gedacht werden“. STETTLER (1971) kam auf Grund seiner Untersuchungen zu der Ansicht, dass Abweichungen von der Diözie durch Auxinschwankungen hervorgerufen werden könnten. Er ging davon aus, dass die Geschlechtsdifferenzierung zwar durch das Genom programmiert ist, aber durch die Auxinkonzentration, absolut oder relativ zu anderen Substanzen und deshalb mehr oder weniger von Umwelteinflüssen, ausgelöst wird. LESTER (1963) stellte Untersuchungen an, die - in Bezug auf ein Verteilungsmuster von abweichenden Blüten innerhalb eines Baumes und/oder einer Infloreszenz - eine Möglichkeit schaffen sollten, genetische, physiologische oder Umwelteinflüsse ausfindig zu machen, die die Geschlechtsausprägung beeinflussen. Er kam zu dem Schluss, dass „die Mannigfaltigkeit in der Verteilung der Abweichungen innerhalb der Baumkronen kein systematisches Muster zeigt“, dass aber bei Variationen innerhalb der Infloreszenzen die Zahl der abweichenden Blüten insofern eine Beziehung aufweist, als dass die zunehmenden Ausbildungsstufen des Fruchtknotens in einer Blüte mit der akropetalen (scheitelwärts) Entwicklungsfolge assoziiert ist. Ähnliche Ergebnisse erzielte auch STETTLER (1971) mit seinen anatomischen- und morphologischen Untersuchungen. In einem Punkt waren sich LESTER und STETTLER absolut einig, sie kamen zu dem Schluss, dass die Untersuchungsergebnisse von Jahr zu Jahr sehr variabel ausfallen.

Anhand der erzwungenen Verbindungen zwischen den genetisch verschiedengeschlechtlichen Geweben in der Monekto-Chimäre MA entstand ein neuer Phänotyp, der ähnliche blütenbiologische Besonderheiten aufweist: Die überwiegend männlichen Kätzchen beinhalten vereinzelt auch Zwitterblüten (HANSEN et al., 2002). In einigen Blüten wurden Fruchtknoten festgestellt, während benachbarte Blüten im Zentrum karpelloide Stamen besitzen. Mit dieser besonderen Form von Monözie sind sie ein weiteres Beispiel für homöotische Mutationen, an denen der epidermale Einfluss bei der Organogenese beobachtet werden kann. Und sie bieten neue Bewegungsfreiheit für experimentelle Ansätze, die aufschlussreich bei der Erforschung von Interaktionen zwischen Zellen, Zell-Schichten oder Geweben an bestimmten Positionen sein können.

An monözischen Chimären wurden vergleichbare phänotypische Abweichungen von den Ausgangseltern beobachtet, die sich in der Blattmorphologie oder Fruchtbarkeit äußern (MARCOTRIGIANO, 1986). Dabei wurden an dem Beispiel Camellia +'Daisy Eagleson' Übergangsformen zwischen den Blattstellungen in der Blüte deutlich (POHLHEIM, 1976).

1.12 Blütenentwicklung und homöotische Mutationen

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Schon vor Hunderten von Jahren haben Wissenschaftler vermutet, dass es sich bei Kelch-, Blüten-, Staub- und Fruchtblättern um Metamorphosen von Laubblättern handelt. Die Mechanismen dieser so genannten Musterbildung sind erst teilweise verstanden. Weitgehend sicher ist, dass auch nach der Embryonalentwicklung noch ständig neue Organe angelegt werden, sodass der Ablaufplan in der ererbten Substanz enthalten sein muss.

Zellen werden im Organismus anhand ihrer relativen Lage instruiert, welche Strukturen sie und ihre Tochterzellen bilden sollen. Die Positionsinformation liefern Genprodukte, die Kombinationen oder Konzentrationsgefälle regulatorischer Proteine in bestimmten Regionen eines Organismus sein können (MEYEROWITZ, 1995). Alle Organe werden von kleinen Gruppen sich aktiv teilender Zellen, dem Meristem, gebildet. Sprosse, Blätter und Wurzeln sowie Blütenstände und Blüten entspringen aus ihrem eigenen Meristem. Aus dem vegetativen Sprossapikalmeristem entstehen der vegetative Hauptspross, die Achselsprossmeristeme und die Laubblätter. Aus ihm entwickeln sich im weiteren Verlauf der Geschlechtsreifung (Pubeszenz) die Apikalmeristeme für die Blütenstände (Infloreszenzen), die dann wieder Meristeme für die einzelnen Blüten hervorbringen. Im meristematischen Gewebe des Blütenapex finden immer noch mitotische Zellteilungen statt. Aus den Derivaten entstehen im Verlauf der Differenzierung Primordien, die für die Bildung der Blütenorgane verantwortlich sind. Sie sind auf vier konzentrisch angeordnete Wirtel verteilt. Aus dem ersten Wirtel entstehen Kelchblätter (Sepalen), aus dem zweiten Kronblätter (Petalen), aus dem dritten Staubblätter (Stamen), und aus dem vierten Wirtel Fruchtblätter (Karpelle). Von Außen nach Innen bilden die ersten beiden sterile und die restlichen fertile Organe. Alle Meristemgruppen sind an grundlegenden Mechanismen orientiert. Sie beziehen sich auf die Meristemerhaltung und Struktur und die Organpositionierung und Aktivierung. Die Organisation dieser Mechanismen findet in den sich überlappenden, aber funktionell getrennten Bereichen der zentralen und der peripheren Meristemzone statt (LAUFS et al., 1998, DOERNER, 2000, CLARK, 2001, BRAND et al., 2001, NAWY und BENFEY, 2001).

1.12.1 Das ABC-Modell und die MADS-Box

Jedes Meristem nutzt für die Festlegung der Organe, die es hervorbringt, spezielle Genkonfigurationen. Als basierendes Modell für die Genetik von zwittrigen Blüten ist Arabidopsis thaliana (Ackerschmalwand) wegen ihrer wenigen Gene besonders geeignet. Die Gesamtheit des Erbgutes der Ackerschmalwand besteht aus etwa 125 Millionen Basenpaaren, verteilt auf fünf Chromosomen: An ihr konnte herausgefunden werden, wodurch die Identität der einzelnen Blütenorgane festgelegt wird. Bei Untersuchungen mit homöotischen Blütenmutanten (undifferenzierte Zellen mit falscher Positionsangabe) konnte ein Trio von Genklassen ausfindig gemacht werden, das an der Identitätsgebung beteiligt ist (CARPENTER und COEN, 1990, SCHWARZ-SOMMER et al., 1990, BOWMAN et al., 1991). Es entstand das ABC-Modell (COEN und MEYEROWITZ, 1991), das erklärt, wie die individuelle und gemeinsame Aktivität der verschiedenen ABC-Gene die vier Organtypen hervorbringen. Aus diesem Modell mit nur einem halben Dutzend solcher Gene lässt sich voraussagen, wie Defekte darin den Blütenbau beeinträchtigen (MEYEROWITZ, 1995). Gene aus den Klassen B und C gehören zu der MADS-BOX-Gen-Familie (KATER, 2001). Nach den ersten vier beschriebenen Proteingenen (MCM1, AGAMOUS, DEFICIENS und SRF) wird die evolutionär konservierte DNA-Binderegion MADS-Box genannt (MEYEROWITZ, 1995). Auch die drei MADS-BOX-Gene SEPALLATA 1,2 und 3 haben eine sehr ähnliche Sequenz und sind funktionell redundant. Wenn alle drei Gene mutiert sind, wandeln sich die Kronblätter, Staubblätter und Fruchtblätter zu Kelchblättern um. Da diese Gene notwendig sind, stellen sie Hauptschalter in der Blütenentwicklung dar (FERRANDIZ et al., 2000). Das Gen LEAFY, das die Blütenbildung auf der Sprossachse induziert (ALVAREZ et al., 1992, WEIGEL et al., 1992) und das Gen WUSCHEL, oder kurz WUS von dem bekannt ist, dass es für die Blattbildung verantwortlich ist, bilden beide zusammen das Blütenzentrum (HUALA und SUSSEX, 1992). Dabei wird noch ein drittes Gen namens AGAMOUS aktiviert (BOWMAN et al., 1993). Es sorgt für die Entwicklung der beiden inneren Kreise: der Staub- und Fruchtblätter. AGAMOUS wiederum hemmt WUS, sodass die Blüte ihr Wachstum einstellt. WUS induziert seinen eigenen Repressor und sorgt somit dafür, dass die Blüte nicht ewig weiter wächst (LOHMANN et al., 2001).

1.12.2 Diözisten und ihre Blütengenetik

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Aus evolutionstheoretischer Sicht könnten vitalere Nachkommenschaften aus weitgehender Fremdbefruchtung der Auslöser zur Entmischung der Geschlechter aus zweigeschlechtlichen Blüten gewesen sein. Daraus entstanden vielleicht Pflanzen, an denen sowohl männliche als auch weibliche Blüten räumlich und zeitlich voneinander getrennt auftraten (Monözisten). Im weiteren Verlauf könnten die Geschlechter auf verschiedene Individuen verteilt worden sein (Diözisten), sodass die kombinatorische Genotypenspannweite und die Überlebensrate - bei sich ändernden Umweltbedingungen - aufrechterhalten blieb.

Die meisten höheren Pflanzenarten sind zwittrig (hermaphroditisch), ungefähr 11% der monözischen Pflanzen haben geschlechtlich getrennte Blüten und nur 4% sind diözisch (YAMPLOSKY und YAMPLOSKY, 1922, DELLAPORTA, 1993). Diözisten sind meist Baumarten (BAWA, 1980), die zusammen mit den wenigen krautigen Vertretern für Untersuchungen zur Blütengenetik genutzt werden. Zum Beispiel im Wiesensauerampfer (Rumex acetosa) (AINSWORTH et al., 1995) oder im Leimkraut (Silene latifolia) (HARDENACK et al., 1994) können MADS-BOX-Gene nachgewiesen werden. Um die Funktion solcher Gene bei der Geschlechterdetermination zu beobachten, wird in männlichen und weiblichen Blüten nach MADS-BOX-Genen gesucht. Zwei Gene (SLM2 und SLM3) konnten aus der B-Klasse bei Silene latifolia für den Einfluss auf das Geschlecht gefunden werden. In männlichen Blüten wurden sie dichter im Zentrum des Blütenmeristems als in weiblichen Blüten ausfindig gemacht und werden deshalb mit der Reduktion des vierten Wirtels in Verbindung gebracht (HARDENACK et al., 1994). Bei Rumex acetosa konnte festgestellt werden, dass unpassende Primordien sehr früh in ihrer Entwicklung gehemmt sind: Verantwortlich dafür ist ein Gen aus der C-Klasse (RAP1), das nur im dritten und vierten Wirtel männlicher und weiblicher Blüten vorhanden ist, aber in den unterdrückten Primordien fehlt (AINSWORTH et al., 1995). Diese Studien zeigen, dass die Musterbildung bei Blütenorganen von der MADS-BOX-Gen-Familie mitbestimmt ist. Außerdem ist aus zahlreichen histogenetischen Untersuchungen bekannt, dass die Gameten in reproduktiven Organen aus L2 gebildet werden (SATINA et al., 1940, TILNEY-BASSETT, 1986), wobei auch benachbarte Schichten gelegentlichen einen Beitrag leisten können (MARCOTRIGIANO und BERNATZKY, 1995).

1.13 Erstellung molekularer Marker

Chimären stellen einen Phänotyp dar, der aus verschiedenen Genotypen gebildet wird (WINKLER, 1907). Sie sind die sichtbare Manifestation der Existenz genetisch verschiedener Zellschichten im Sprossmeristem und kennzeichnen ein intraapikales genetisches Mosaik (BERGANN, 1967). Eine geeignete Methode zur Markierung von Zellschichten ist die Polyploidisierung derselbigen durch Kochizinierung (BLANKESLEE et al., 1939, SATINA et al., 1940, DERMEN und STEWART, 1973, ACKERMANN und DERMEN, 1972, ACKERMANN, 1994). Besonders günstig für die Heterohistontenanalyse ist die Kombination (Doppelmarkierung) durch farblich- und cytologisch (Polyploidisierung) markierte Gewebe (POHLHEIM, 2004)

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Häufig sind phänotypische sowie morphologische und histologische Kriterien der Chimärenkomponenten für die Identifizierung in chimärischen Sprossen nicht ausreichend. Deshalb ist die Erstellung spezifischer Marker für die verwendeten Chimäreneltern in einem Chimärennachweis unentbehrlich (SUGAWARA et al., 1995). Die direkte Differenzierung von verschiedenen Genotypen ist erst auf molekularer Ebene möglich. Hierfür müssen Marker erstellt werden, mit deren Hilfe die DNA-Abschnitte verdeutlicht werden, in denen sich die Versuchsexemplare unterscheiden.

1.13.1 Die RAPD-PCR

Eine weit verbreitete und relativ zuverlässige Methode ist die Erzeugung von genetischen Fingerabdrücken als Randomly Amplified Polymorphic DNA (RAPD-) Marker (WILLIAMS et al., 1990, WELSH und Mc CLELLAND, 1990), die auf der Polymerase Chain Reaction (PCR) basiert (MULLIS, 1990). Sie liefert durch den Einsatz von Zufalls (Random-) Primern ein Bandenmuster, das aus vervielfältigten Fragmenten von Teilbereichen der gesamtgenomischen DNA besteht. Solche Banden werden oft von sich wiederholenden DNA-Sequenzen erzeugt, in denen ein Zufallsprimer eine Bindungsstelle findet (WILLIAMS et al., 1990, DEVOS und GALE, 1992, ECHT et al., 1992). Mit Hilfe der RAPD-PCR können RAPD-Marker erstellt werden, die genetische Unterschiede zwischen Individuen einer Population verdeutlichen (BUCCI und MENOZZI, 1993).

In Bezug auf Populus konnten mit dieser Methode taxonomische Studien durchgeführt (CASTIGLIONE et al., 1993) und die genetische Variabilität zwischen Salix und Populus (LIN et al., 1994) sowie zwischen den Arten P. tremuloides und P. grandidentata dargestellt werden (LIU und FURNIER 1993). In gleicher Weise wurden auch Individuen einer natürlichen Population der Arten P. trichocarpa (SIGURDSSON et al., 1995) sowie P. euphratica (SAITO et al., 2002), P. adenopoda, P. alba (YIN et al., 2001) und auch der Hybriden aus P. x canadensis (RAJORA und RAHMAN, 2003) in ihrer Diversität herausgestellt. Den Einsatz der RAPD-PCR als Chimärennachweis gibt es für Citrus (SUGAWARA et al., 1995, ZHOU et al., 2002) und Chrysanthemum (SHIBATA et al., 1998).

1.13.2 Die spezifische PCR

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Eine andere Nachweismöglichkeit besteht im Einsatz universeller Primer. Solche Primer binden in hochgradig konservierten Regionen, die heterogene Bereiche einschließen. Die Amplifizierung und anschließende Sequenzierung dieser Regionen kann das Auffinden von Sequenzunterschieden ermöglichen. Zwei Regionen sind hierfür von besonderem Interesse. Die Plastiden-DNA (16S-rDNA) - einerseits und andererseits die ribosomalen RNA-Gene mit ihren Internal Transcribed Spacer (ITS-) Regionen. Die 16S-rDNA kann bei phylogenetisch weitläufig getrennten Individuen Sequenzunterschiede zeigen (NICKRENT et al., 1997 b). Die ITS-Bereiche zwischen 18S und 25S sind für phylogenetische Untersuchungen bei Angiospermen geeignet (CAMPBELL et al., 1995, DOWNIE und KATZ- DOWNIE, 1995). Mittels universeller Primer kann der 16S-rDNA-Bereich (NICKRENT et al., 1997 a) und die ITS-Region (KOLLIPARA et al., 1997) amplifiziert werden. Nach anschließender Amplifikatsequenzierung können die Sequenzen miteinander verglichen und aus Sequenzunterschieden spezifische Primer abgeleitet werden.

1.14 Aufgabenstellung

Die zweigeschlechtlichen MA-Blüten sind auf morphologischer Basis von solchen zweigeschlechtlichen Populus-Blüten, wie sie in der Literatur beschrieben werden, nicht zu unterscheiden. Selbst das unbestimmte, flexible und spontane Auftreten lässt keine signifikanten Unterschiede zwischen der erzeugten MA-Chimäre und den Arten oder Arthybriden erkennen, die in Ausnahmefällen zweigeschlechtlich blühen. Der genetische Hintergrund für die Geschlechterdifferenzierung basiert mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einem geschlechtsspezifischen Chromosomenpaar. Vielmehr sind die dafür verantwortlichen Gene auf verschiedene Chromosomen verteilt.

Die beiden Populus-Chimären MA und AI bieten daher ein interessantes Modellsystem für die Fragestellung, inwieweit Wechselwirkungen zwischen den Chimärenpartnern fundamentale Entwicklungsprozesse beeinflussen. Der experimentelle Aufbau soll so gestaltet werden, dass eine Identifizierung der Chimäreneltern in verschiedenen Chimärenorganen möglich wird. Denn nur so können Informationen zur intraindividuellen oder intragenomischen Signalwirkung abgeleitet und interpretiert werden. Dabei ist es besonders wichtig, dass ein übertragbares System eingerichtet wird, das das entsprechende Genom zweifelsfrei identifiziert. Folgende Fragestellungen werden speziell berücksichtigt:

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Sind Abweichungen von M- zu MA-Fruchtknoten histologisch sichtbar, sodass im MA-Fruchtknoten Gewebemerkmale von M und A unterschieden werden können?

Lassen sich die Chimäreneltern auf molekulargenetischer Ebene unterscheiden, sodass verschiedene Chimärenorgane bezüglich ihrer Genotypzusammensetzung untersucht werden können?

Sind sowohl M als auch A an der Organogenese der Fruchtknoten aus MA-Blüten beteiligt?

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Wie kann eine immer wiederkehrende punktgenaue Reduplikation der M-Epidermis im MA-Blütenmeristem stattfinden, oder, wie erfolgt die Induktion des M-Genotyps auf den A-Genotyp bei der Inseration der Fruchtknoten in MA-Blüten?


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24.10.2005