Hegewald, Günther: Ganganalytische Bestimmung und Bewertung der Druckverteilung unterm Fuß und von Gelenkwinkelverläufen - eine Methode für Diagnose und Therapie im medizinischen Alltag und für die Qualitätssicherung in der rehabilitationstechnischen Versorgung

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Kapitel 1. Einführung

Für den nicht behinderten Menschen gehört das Gehen zum Alltag. Auf die Frage: Wie geht man richtig?, erhält man üblicherweise zunächst keine Antwort. Kaum jemand hat ernsthaft darüber nachgedacht. Der Gang wird durch das Unterbewußtsein gesteuert und funktioniert scheinbar von selbst.

Dabei ist das Gehen des Menschen eine außerordentlich komplexe Bewegungsaufgabe und muß vom Kleinkind in einem relativ langen Zeitraum erlernt werden. Im zweiten Lebenshalbjahr beginnt das Kind mit ersten Stehversuchen und erlernt etwa zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag das sichere Gehen.

Der menschliche Gang ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens zwischen zentralem und peripherem Nervensystem sowie dem Stütz- und Bewegungsapparat. Er erweist sich als empfindlicher Indikator für Störungen in diesem komplexen Zusammenwirken. Die Auswertung des Ganges ist daher ein gutes Diagnosehilfsmittel für solche Störungen.

Nach dem Ausfall von Teilbereichen innerhalb des Bewegungssystems infolge Krankheit oder Unfall muß der Patient manchmal das Gehen neu erlernen. Bei weniger großen Störungen paßt er sich den geänderten Bedingungen an und verändert seinen Gang. Wenn beispielsweise dem Patienten das Gehen infolge einer Beinverletzung Schmerzen bereitet, wird dieser einen Schongang entwickeln. Er entlastet das schmerzende Bein und versucht durch höhere Aktivität anderer Körperteile, den Ausfall zu kompensieren. Es kommt nicht selten vor, insbesondere bei längerer Dauer der Verletzung, daß nach Ausheilung der Schongang beibehalten wird. Dieser fehlerhafte Bewegungsablauf kann nach einem längeren Zeitraum zu bleibenden Schäden z.B. an der Wirbelsäule führen. Durch eine sachgerechte Rehabilitationsbehandlung kann dies vermieden werden.

Nach Krankheit oder Unfall entstehen manchmal bleibende Schäden am Stütz- und Bewegungsapparat, so daß das Gehen nicht oder nur stark eingeschränkt möglich ist. Die Nutzung rehabilitationstechnischer Hilfsmittel ermöglicht die Kompensation dieser Schäden. Der Verlust z.B. eines Beines kann durch eine Beinprothese partiell ausgeglichen werden. Es erfolgt eine individuelle Anpassung dieses Apparates an den Patienten. Die Qualität des Hilfsmittels erweist sich erst während des Gebrauchs, also beim Gehen.

Diese wenigen Beispiele verdeutlichen, daß die Analyse des Ganges wichtig ist für die Orthopädie, Chirurgie, Neurologie, die Arbeits-, Unfall- und Sportmedizin und viele angrenzende Bereiche. Die Ganganalyse ist geeignet als Diagnosehilfsmittel und zur Therapieüberwachung. Insbesondere kann sie als Mittel zur Qualitätskontrolle von Rehabilitationsmaßnahmen und zur Bewertung rehabilitationstechnischer Hilfsmittel eingesetzt werden.

Die am häufigsten genutzte Methode zur Beurteilung des Ganges ist die subjektive Ganganalyse mit den Augen. Der Beobachter (Mediziner, Orthopädiemeister u.a.) bewertet aufgrund seiner Kenntnisse den Gang des Patienten. Langjährige Erfahrungen führen dabei oft zu erstaunlichen Beurteilungsleistungen. Die subjektive Ganganalyse hat jedoch ihre Grenzen. Zum einen liefert sie fast ausschließlich qualitative Aussagen, zum anderen hängt sie stark vom Erfahrungsschatz des Beurteilenden ab. Wichtige ganganalytisch relevante Aspekte entziehen sich vollkommen der visuellen Beurteilung, z. B. der Grad der Belastung der Beine beim Gehen.

Die apparative Ganganalyse ermöglicht die Überwindung obengenannter Grenzen. Sie erlaubt prinzipiell die objektive, vom Beobachter unabhängige Messung von Gangparametern und dient als wichtige Ergänzung der subjektiven Ganganalyse.

Um die Jahrhundertwende, vor ca. hundert Jahren, schrieben Braune und Fischer / [2-8] , [2-10] , [2-11] , [2-12] / ihre grundlegenden Arbeiten zur Ganganalyse. Viele ihrer damaligen Erkenntnisse besitzen noch heute ihre Gültigkeit. Obwohl infolge des technischen Fortschritts die Möglichkeiten der Ganganalyse seit dieser Zeit enorm vorangetrieben wurden, ist ihre gegenwärtige Anwendung in der Praxis noch unbefriedigend. Die meisten Meßplätze für Ganganalyse berücksichtigen entweder nur Teilaspekte des Ganges oder ihre Nutzung ist so zeitaufwendig, daß sie für den praktischen Routinebetrieb nicht geeignet sind. Nicht zuletzt sind die hohen Anschaffungskosten einer der Gründe für die geringe Verbreitung der Meßsysteme.

Ziel der Arbeit ist es, einen Ganganalyse-Meßplatz zu entwickeln, der es ermöglicht, sowohl die Kinematik als auch die Kinetik des Ganges zu vermessen. Wichtige Kriterien des Meßplatzes sind


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dabei Nutzerfreundlichkeit und geringe Kosten.

Eine wesentliche Aufgabe der Arbeit besteht darin, aufbauend auf dem allgemein anerkannten Erkenntnisstand, Gangparameter zu entwickeln, welche die verschiedenen Einzelaspekte des menschlichen Ganges hinreichend genau beschreiben.

Der erste Abschnitt enthält einen historischen Abriß der Ganganalyse. Aufgrund der Bedeutung der Arbeiten von Braune und Fischer wird in einem gesonderten Abschnitt ausführlich auf diese eingegangen. Insbesondere die damaligen Erkenntnisse zu den Bahnkurven einzelner Körpersegmente und des Körperschwerpunktes sind auch heute noch von Interesse und von praktischer Bedeutung. Es folgt eine allgemeine Beschreibung des menschlichen Ganges und eine Analyse der gängigen Meßprinzipien, einschließlich ihrer Vor- und Nachteile.

Die Arbeit beinhaltet des weiteren eine umfassende Darstellung des Konzeptes des Ganganalysemeßplatzes. Es werden die ausgewählten Meßprinzipien begründet und die Eigenschaften der Sensorik charakterisiert.

Wichtig ist, daß die gemessenen Daten in Form von Gangparametern oder aussagefähigen Grafiken anschaulich dargestellt werden. Im Rahmen der Arbeit werden verschiedene Parametergruppen definiert, welche die unterschiedlichen Aspekte des Ganges berücksichtigen.

Es sind insgesamt 164 Personen bei verschiedenen Ganggeschwindigkeiten vermessen worden. Die Versuchspersonen hatten nach eigener Aussage keine Gangbesonderheiten. Die Messungen wurden statistisch ausgewertet.

Ein wichtiges Ziel der Auswertung war die Untersuchung des Einflusses der Ganggeschwindigkeit auf die Parameter. Weiterhin wurde geprüft, ob sich geschlechtsspezifische Unterschiede im Gang nachweisen lassen. Des weiteren ist kontrolliert worden, ob das Alter der Probanden die Gangparameter beeinflußt. Der Gang des Kindes und der Altersgang wurden jedoch nicht untersucht. Dies soll in späteren Studien erfolgen.

Die statistische Aufbereitung der Daten der gesunden Vergleichsgruppe dient als Basis zum Aufbau eines Datenbanksystems des unauffälligen Ganges. Die Daten sind hierfür so aufbereitet worden, daß die Parameter einer aktuellen Messung mit den Lage- und Streuungsmaßen der Parameter der Vergleichsgruppe verglichen werden können. In Abhängigkeit von der Lage des aktuell bestimmten Parameters innerhalb der Häufigkeitsverteilung der Vergleichsgruppe erfolgt eine verbale Beurteilung des Ganges.

Die Praxisrelevanz und Anschaulichkeit der Auswertemethoden wird beispielhaft an einigen ausgewählten Patientengruppen nachgewiesen.

Ein Abschnitt behandelt das in der Ganganalyse umstrittene Thema, ob Messungen auf dem Laufband oder in einem Laufgang durchgeführt werden sollten. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, ob die in der Literatur nachgewiesenen Unterschiede im Gang nur eine Folge eines ungenügenden Trainingseffektes auf dem Laufband sind.

Es werden erste Ansätze diskutiert, die Ganganalyse als Instrument für eine Klassifikation der Fähigkeitsstörungen im Gehen entsprechend des ICIDH-Kodes zu nutzen und hierfür Prüfvorschriften zu erarbeiten.


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Wed Jun 7 17:17:09 2000