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6.  Ausblick

Deichrückverlegungen im Einzugsgebiet der Elbe

Die Deichbrüche beim Oderhochwasser im Sommer 1997 haben gezeigt, welche Folgen Hochwasserereignisse an großen Flussströmen haben können, die ihrer natürlichen Auen beraubt worden sind. Dieses Hochwasser hat uns auch die mögliche Wasserstandsdynamik und ihre formende Kraft auf die Vegetation vor Augen geführt: die rasch einfließenden Wassermassen ließen Gehölz- und Grünlandvegetation großflächig absterben – nach Rückgang des Hochwassers entstand erneut Raum für Besiedlung und wieder beginnende Sukzession.

Das "Jahrhundert-Hochwasser" an der Oder machte zudem deutlich, dass die bisher praktizierten wasserbaulichen Maßnahmen nicht vollständig vor einer Überflutung, z. T. auch dicht besiedelter, Gebiete entlang der Flüsse schützen können. Deswegen wird über Alternativen des Hochwasserschutzes nachgedacht , wie z.B. Deichrückverlegungen (vgl. Einleitung). Der überwiegende Teil der Deichrückverlegungen konzentriert sich auf die Mittel- und Unterläufe der großen Ströme, besonders an Elbe und Rhein. Rückdeichungen sollen vor allem an den Flußabschnitten durchgeführt werden, die in ihrer natürlichen Flussdynamik durch Eindeichung, Melioration oder Einengung des Fließquerschnitts stark gestört sind. Denn gerade dort sind potentiell die größten Hochwasserschäden zu erwarten.

Allein an der Mittelelbe zwischen den Elbe-km 270 (Einmündung der Saale) und 550 (Wehr Geesthacht) sind derzeit 19 Deichrückverlegungen geplant bzw. in der Umsetzungsphase; ihre Gesamtfläche beträgt rund 32.000 ha (Ihringer et al. 2000). Durch die Vorhaben wird das derzeitige Wasserrückhaltevermögen der Elbaue, der "Retentionsfläche" (derzeit ca. 83.700 ha), um ca. 38% vergrößert. Gemessen an der natürlichen Auenfläche (etwa 617.200 ha; vgl. Jährling 1998) resultiert daraus aber nur ein geringer Zuwachs von etwa 5 %. In ihrer Summe haben die bisher geplanten Rückdeichungsgebiete – wegen des freien Zu- und Abflusses bei Hochwässern "ungesteuerte Retentionsflächen" genannt – in ihrer Gesamtheit für den Hochwasserschutz potentiell einen relativ geringen Effekt (Simon & Büchele 2000).

Daneben wird auch an die Einrichtung weiterer sog. "gesteuerter" Retentionsflächen, d.h. bei Bedarf flutbarer Polderflächen, gedacht, wie sie schon vielfach entlang der Elbe bestehen. Diese Flächen wären in der Lage, größere Hochwasserereignisse besser abzufangen als die "ungesteuerten" Rückdeichungsflächen – v.a. durch die Kappung von Hochwasserspitzen und die Abflachung der Hochwasserwellen. Rückdeichungsgebiete ohne Einlaufbarrieren führen nur lokal zu Absenkungen des Wasserspiegels. Simon & Büchele (2000) betonen, dass durch die Kombination von gesteuerten und ungesteuerten Maßnahmen Vorteile sowohl für den Hochwasser- als auch für den Naturschutz erwartet werden können.

Die Deichrückverlegung im Biosphärenreservat "Flusslandschaft Elbe – Brandenburg"

Die geplante Deichrückverlegung im Gebiet des ehemaligen Naturparks Elbtalaue (heute Teil des länderübergreifenden Biosphärenreservats "Flusslandschaft Elbe"), die Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, ist naturschutzfachlich als besonders wertvoll zu bewerten. Nach Neuschulz & Purps (2000) ist in Anbetracht des derzeitigen Planungsstadiums mit der Flutung des Rückdeichungsgebiets etwa im Jahr 2005 zu rechnen.

Im Fall der Rückdeichung Lenzen-Wustrow entstehen allein für den Bau des neuen Deiches Kosten von ca. 22 Mio. DM, die zur einen Hälfte aus Mitteln des Landes Brandenburg für den Hochwasserschutz stammen (eine Deichrekonstruktion ist ohnehin vorgesehen) und deren zweite Hälfte sich die Vorhabenträger aus anderen Quellen, wie z. B. dem Bund, den Naturschutzverbänden und Stiftungen erhoffen (Neuschulz & Purps 2000). Die bereits getätigten Investitionen für den Flächenankauf, hydraulische Gutachten und die Pflanzung von Auenwaldinitialen sind zum überwiegenden Teil von der Europäischen Union (EU-Life-Programm) finanziert worden (vgl. Neuschulz & Lilje 1997).


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Über die Umsetzung des Projekts hinaus werden zu den genannten Fixkosten weitere Aufwendungen – vornehmlich für Unterhaltungsmaßnahmen (Pflege, Vertragsnaturschutz) – hinzukommen. Hier setzen neue Konzepte für den Naturschutz an: durch eine Minimierung des personellen und finanziellen Aufwands sollen die Folgekosten für große Naturschutzvorhaben unter gleichzeitiger Erreichung der naturschutzfachlichen Ziele verringert werden. Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag zur Umsetzung dieses Konzeptes. Auf der Basis der vegetationskundlichen Untersuchungen wurden weitere ertragskundliche (Gaußmann 2001) und sozioökonomische Analysen (Neubert et al. 2000) angestellt.

Weitere wissenschaftliche Untersuchungen

Die "Endstadien" der Grünlandsukzession im Untersuchungsgebiet lassen sich aufgrund des vorhandenen umfangreichen Datenmaterials, vor allem zu den wichtigen abiotischen Standortfaktoren, und großflächiger Vegetationskartierungen, gut vorhersagen (vgl. Kap. 4.4.3). Die Prüfung der Vorhersagegenauigkeit an Hand des bestehenden Vegetationsmosaiks im Deichvorland ist in dieser Form noch nicht dokumentiert worden.

Endgültige Gewissheit darüber, wie exakt das vorgestellte Modell Vegetationsveranderungen im Grünland vorhersagt, kann nur durch die wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung der Rückdeichung überprüft werden. Hierbei besteht die Möglichkeit, Sukzessionsvorgänge direkt, d.h. zeitlich und räumlich differenziert, zu verfolgen und diese Erkenntnisse in Modelle sowie andere Rückdeichungsverfahren einfließen zu lassen. Die Untersuchungen, die die Rückdeichung begleiten, sollten sowohl vegetationskundliche Aufnahmen als auch Ertragsuntersuchungen zu Aufwuchsquantitäten und -qualitäten mit einschließen. Aus landwirtschaftlicher Sicht sind die instabilen Zwischenstadien aus Ruderal- und Schlammflurenelementen sowie Sukzssionsstadien mit Weichhölzern (Salix spp.) interessant, denn Analysen zur Futterqualität dieser Vegetationstypen liegen, die zwischenzeitlich erhebliche Flachenanteile im Rückdeichungsgebiet einnehmen können, liegen bisher nicht vor. Die Frage, ob diese Aufwüchse verfüttert werden können und welche Tierleistungen damit realisiert werden können, wird in der Diskussion zwischen Naturschutz und Landwirtschaft eine wichtige Stellung einnehmen.

Auch das Potential des Rückdeichungsgebiets für die Wiederetablierung gefährdeter GrünlandgeseIlschaften kann wegen des kurzen Bearbeitungszeitraums für die Nutzungsversuche und die starke Artenverarmung der beschriebenen Bestände nicht abschließend beurteilt werden. Bei dem derzeitigen, relativ geringen Kenntnisstand zur Praxistauglichkeit möglicher Maßnahmen ist es sinnvoll, die skizzierten Optionen umzusetzen und wissenschaftlich zu begleiten. Dies betrifft auch die vegetationskundlichen Auswirkungen der avisierten Schaffung halboffener Weidebereiche, die durch eine sehr geringe Besatzdichte verschiedener Großherbivore erreicht werden soll und zu der anderenorts bereits großflächige Versuche begonnen haben (vgl. Einleitung).

Von großer Bedeutung für das Verbundprojekt, in dem die vorliegenden Untersuchungen stattfanden, war die Frage, inwieweit die Ergebnisse aus dem Untersuchungsgebiet auf andere Abschnitte der Elbe übertragbar sind. Um die Ergebnisse auf andere Rückdeichungsprojekte übertragen zu können, sollten weitere benachbarte Abschnitte der Elbe untersucht und eine größere Anzahl von Parametern (v.a. zur Wirkung verschiedener Bewirtschaftungsformen auf die Vegetation) einbezogen werden. Die Daten sollten mit den vielfältigen, bisher an der Elbe durchgeführten Grünlanduntersuchungen (vgl. Leyer 1999, 2000, Redecker 1999a,b, Walther div.) zusammgeführt und in ökologische Modelle integriert werden. Mit Hilfe von Modellen, die auf der Basis multivariater Analysen (z.B. Fuchs & Peter 1999, vande Rijt et al. 1996) entwickelt werden, sollten Zusammenhänge und Bedeutung von Standortfaktoren weitergehend geprüft werden. Aus diesen sollten vereinfachte Modelle entwickelt werden, die kostengünstig und praxisbezogen die Prognose von Vegetationsveränderungen zulassen. Die Datengrundlagen dafür sind bereits vorhanden: Abflussstatistiken, Profilschnitte (Schlüsselkurven) und Digitale Geländemodelle (DGM) wurden von der Universität Karlsruhe zusammengestellt und liegen für den deutschen Elbeabschnitt fast lückenlos vor (Ihringer et al. 2000).


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11.01.2005