Henklein, Petra: N-Arensulfonyl-Aminosäurechloride - Kupplung sterisch stark gehinderter Komponenten in der Peptidsynthese

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Kapitel 1. Einleitung

1.1 Bedeutung und Entwicklungstand der Peptidsynthese

Peptide, Kondensationsprodukte aus Aminosäuren, spielen im menschlichen Organismus eine große Rolle. Sie haben für viele Lebensvorgänge essentielle Bedeutung, da sie physiologische und biochemische Vorgänge im Körper steuern. Peptide fungieren unter anderem als Neurotransmitter, Neuromodulatoren und sind als Hormone an rezeptorvermittelten Prozessen beteiligt. Struktur-Wirkungs-Untersuchungen von biologisch aktiven Peptiden werden für die Erforschung der molekularen Basis solcher biochemischer und pharmakologischer Prozesse durchgeführt. Eine Voraussetzung dafür ist die erfolgreiche Synthese einer Vielzahl von Peptidanaloga, was die Entwicklung effizienter Synthesestrategien notwendig macht. Mit der Entwicklung der Festphasensynthese [1] ist es möglich geworden, in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl von Peptiden und Peptidwirkstoffen herzustellen. Durch die Möglichkeit, überschüssige Reagenzien bei jedem Syntheseschritt einsetzen zu können, sind schnelle und vollständige Reaktionen in kurzer Zeit realisierbar. Diese Überschüsse können nach der Reaktion einfach ausgewaschen werden. Damit wurde es auch möglich, Peptidsynthesen zu automatisieren (Zykluszeiten von ca. 30 min).

In den letzten Jahren sind sowohl auf dem Gebiet der Festphasensynthese wie auch auf dem Gebiet der Lösungssynthese enorme Fortschritte erzielt worden. Ein herausragendes Beispiel ist die Synthese von GFP (Green Fluorescence Protein) bestehend aus 238 Aminosäuren [2] . In Tab. 1 sind Beispiele zur Chemosynthese großer Peptide aufgeführt. Synthesen großer Peptide bis hin zu Proteinen setzen optimierte Syntheseverfahren und Reinigungsmethoden voraus. Trotz optimierter Synthesemethodik treten bei der Herstellung selbst kleiner Peptide teilweise schwer beherrschbare Probleme auf. KENT bezeichnete Peptide, bei denen es zu Schwierigkeiten während der Kettenverlängerung kommt, als „difficult sequences“ [9] . Dabei kommt es zu unvollständigen Acylierungen bzw. unvollständigen Schutzgruppenabspaltungen während des stufenweisen Aufbaus, in deren Folge Fehl- und/oder Abbruchsequenzen auftreten, welche die Herstellung der gewünschten Peptide wesentlich erschweren.

Tab. 1: Beispiele zur Chemosynthese von langkettigen Peptiden bzw. Proteinen

Peptid

Anzahl der AS

Synthese

Referenz

Parathyroidhormon

84

SPPS

[3]

beta-Lipotropin

89

Fragmentkondensation, SPPS

[4] , [5]

Ribonuclease A

124

SPPS

[6] , [7]

Interleukin-3

140

SPPS

[8]

Wachstumshormon

188

SPPS

[5]

Green Fluorescence Protein (GFP)

238

SPPS, Fragmentkondensation in Lösung

[2]

Die bei „difficult sequences“ auftretenden Syntheseprobleme können auf zwei verschiedene Ursachen zurückgeführt werden. Einerseits kann die Kupplung von sterisch


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anspruchsvollen Aminosäuren (z.B. Aminosäuren mit voluminösen Seitenketten oder Seitenkettenschutzgruppen, alpha, alpha-Dialkylaminosäuren, Nalpha-Alkylaminosäuren) aufgrund der sterischen Hinderung der Amino- bzw. der angreifenden Carboxylkomponente zu sehr langsamen und damit unvollständigen Acylierungen führen. Beispielsweise war die Synthese von Peptaibolen lange Zeit problematisch, weil die Kupplung von aufeinanderfolgenden Aib-Resten (Aib = Aminoisobuttersäure) mit herkömmlichen Kupplungsmethoden zu unzureichenden Ergebnissen führte [10] . Andererseits kann es bei Verlängerung der Peptidkette durch Ausbildung intra- und/oder intermolekularer Wasserstoffbrückenbindungen zu einem Übergang von random-coil-Strukturen zu beta-Faltblatt- und alpha-helikalen Strukturen kommen. Infolge der Ausbildung von beta-Faltblattstrukturen kommt es zu einer Schrumpfung des Harzes. Ursache hierfür ist die durch die beta-sheet-Bildung verschlechterte Solvatation des Harzes und der Peptidkette, wodurch die Quellung der Harze nicht mehr in ausreichendem Maße gegeben ist. Dadurch wird auch die Diffusion der reaktiven Komponenten in die Harzmatrix erschwert. Dies führt zu Problemen bei der Kupplung und beim Nachweis unumgesetzter Aminogruppen [11] , [12] . Nach Abspaltung vom Harz kann es bei derartigen Peptiden durch die Assoziation der Peptidketten zu Problemen bei der Charakterisierung und Reinigung kommen [13] .

Ein Beispiel für „difficult sequences“ ist die Synthese der sogenannten REDEMANN-Sequenz, einer Teilsequenz eines von cytotoxischen T-Lymphocyten gebildeten Proteins. Dieses aus nur 26 Aminosäuren bestehende Peptid konnte mit herkömmlichen Synthesetechniken nicht bzw. in nur geringen Ausbeuten erhalten werden [14] . Erst der Einsatz der Aminosäurefluoride führte zu guten Ergebnissen. Auch für eine Teilsequenz des Acyl Carrier Proteins (65-74) sind Syntheseschwierigkeiten beschrieben worden [15] . Es wurde aus diesem Grund häufig als Modellpeptid für die Erprobung neuer Synthesestrategien genutzt.

In den letzten Jahren wurden verschiedene Versuche unternommen, die Probleme der „difficult sequences“, die durch Assoziation bedingt sind, zu überwinden. Fortschritte wurden dabei im wesentlichen erzielt durch:

Durch den Übergang zu polaren Lösungsmitteln wie DMF, N-Methylpyrrolidon oder Pyridin anstatt THF oder DCM werden die Acylierungsgeschwindigkeiten erhöht und die Ausbeuten deutlich verbessert [16] , [17] . Die Entwicklung der sogenannten „magic mixture“, einer Mischung aus DMF, DCM und NMP sowie Zusätzen von Triton X-100 und Ethylencarbonat durch BAYER et al. soll zur effizienten Solvatation der wachsenden Peptidketten und des Syntheseharzes und damit zur Überwindung von Syntheseschwierigkeiten führen, was für die Synthese von Humaninsulin gezeigt wurde [18] .

Durch die Anwendung sogenannter Strukturbrecher wie z. B. Trifluoressigsäure, Trifluorethanol, [19] , [20] oder Hexafluorisopropanol kann durch Verhinderung der Ausbildung von Wasserstoffbrückenbindungen die Sekundärstrukturbildung gestört und so eine Weiterführung der Synthese ermöglicht werden [21] , [22] , [23] , [24] . Auch durch die Zugabe chaotroper Salze zur Reaktionslösung, wie Lithiumsalze [25] , [26] , NaClO4, KSCN /27/ und Harnstoffe [17] , konnten höhere Kupplungsausbeuten für „difficult


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sequences“ erzielt werden. Weiterhin wurden bei erhöhter Temperatur eine effizientere Schutzgruppenabspaltung und höhere Ausbeuten erreicht [28] , [29] , [30] . Durch Verringerung der Kapazität von Syntheseharzen wird der Abstand zwischen den aufzubauenden Peptidketten und damit auch deren Assoziationstendenz verringert. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch Einbau von PEG-Spacer zwischen Harzmatrix und Peptidkette, wobei der PEG-Spacer auch eine erhöhte Solvatation des Peptidharzes bewirkt [31] , [32] , [33] , [34] .

Ein kürzlich entwickeltes Verfahren zur Vermeidung von Sekundärstrukturen während der Kettenverlängerung besteht im Einbau von reversiblen N-Schutzgruppen am Peptidrückgrat. Durch Substitution von Amidprotonen werden Wasserstoffbrückenbindungen zwischen Peptidketten verhindert. Es konnte gezeigt werden, daß schon der Austausch jedes 5. bzw. 6. Amidprotons innerhalb der Peptidkette gegen eine Alkylschutzgruppe die Assoziation der Peptidketten herabsetzt [35] . Mit der Entwicklung der N-(2-Hydroxy-4-methoxybenzyl)-Schutzgruppe (Hmb) war es möglich, bisher schwer zugängliche Sequenzen effizienter zu synthetisieren [36] . Die sterische Hinderung, die durch den N-Alkylrest verursacht wird, verringert die Acylierungsgeschwindigkeit für die Aminokomponente. Dieser Nachteil wird durch die Einführung einer phenolischen Hydroxylfunktion in die ortho-Position des Aromaten der Alkylschutzgruppe kompensiert, der zu einer effektiven Kupplung an die N-alkylierte Aminokomponente durch eine Base-katalysierte O-Acylierung mit anschließender intramolekularer Acyl-Transfer-Reaktion führt. Diese Technik kann aber nur begrenzt angewendet werden, da sie schon bei der Kupplung von Valin an (Hmb)-Valin versagt [35] . Eine weitere temporäre N-Schutzgruppe ist die Dimethoxybenzylschutzgruppe (Dmb). Es wurde gezeigt, daß es mit dieser Schutzgruppe möglich ist, die bei Peptiden, die mehr als 4 aufeinanderfolgende Alaninreste enthalten, auftretenden Lösungsschwierigkeiten zu überwinden [37] .

Auch wenn assoziationsbedingte Syntheseschwierigkeiten durch die Einführung temporärer Amidschutzgruppen reduziert werden können, so erwächst daraus das Problem der sterischen Hinderung bei Kupplungen an N-Alkylaminosäurereste.

In verschiedenen natürlich vorkommenden, antibakteriell wirksamen Peptiden sind sterisch anspruchsvolle Aminosäuren wie Aib, N-MeVal oder MeAib enthalten. Kürzlich wurde von verschiedenen Gruppen [38] , [39] , [40] beschrieben, daß der Einbau sterisch anspruchsvoller Aminosäuren in Peptide zu einer Stabilisierung ihrer Sekundärstruktur führt. Ein Beispiel hierfür sind die Peptaibole, wie z. B. das Alamethicin. Peptaibole sind natürlich vorkommende Peptide, die mehrere sterisch gehinderte Aib-Reste enthalten. Sie sind dafür bekannt, spannungsabhängige Ionenkanäle in Lipiddoppelschichten bilden zu können, die für bestimmte Kationen durchlässig sind [41] . Aufgrund dieser Eigenschaften wurde in den letzten Jahren verstärkt versucht, Vertreter dieser Familie zu synthetisieren sowie durch Austausch verschiedener Aminosäurereste Analoga herzustellen.

Zusätzlich zu natürlich vorkommenden antibakteriell wirkenden Peptiden wurde gezeigt, daß Peptide, die mehrere alpha, alpha-Dialkylaminosäuren enthalten, resistent gegen enzymatische Hydrolyse sind und infolgedessen bessere Voraussetzungen für eine in vivo Anwendung besitzen.

Abb. 1 zeigt ein Beispiel eines antibakteriell wirkenden Peptides, in welches mehrere alpha,alpha-Dialkylaminosäurereste eingebaut wurden. Das Peptid zerstört selektiv bestimmte Bakterien, aber es greift keine gesunden Zellen an [39] .


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Abb. 1: Beispiel für antibakteriell wirksame, alpha, alpha-Dialkylaminosäuren enthaltende Peptide; Aib=Aminoisobuttersäure, Api= 4-Aminopiperidin-4-carbonsäure

Die chemische Synthese von Peptiden, bestehend aus sterisch anspruchsvollen Aminosäuren, ist oft schwierig, da die Acylierung solcher Aminosäuren nur unter drastischen Bedingungen möglich ist. Die Limitierungen für die Synthese dieser Peptide können nur durch sehr reaktive Acylkomponenten, die möglichst kleine Abgangsgruppen aufweisen, überwunden werden. Daraus leitet sich ein besonderes Interesse für die Verwendung von Aminosäurehalogeniden ab, die bisher wegen „Überaktivierung“, die Ursache für verschiedene Nebenreaktionen (z.B. Verlust der chiralen Integrität) ist, wenig Anwendung für Standardsynthesen fanden [42] .

1.2 Aminosäurehalogenide in der Peptidchemie

1.2.1 Fmoc-Aminosäurefluoride

1990 konnten CARPINO et al. zeigen, daß sich die Fmoc-Aminosäurefluoride einfach herstellen lassen und daß sie für die Peptidsynthese gut geeignet sind [43] , [44] , [45] , [46] . Auch von trifunktionellen Aminosäuren, die in der Seitenkette z. B. t-Butyl-, Trityl- oder Boc- geschützt sind, wurden stabile Fmoc-Aminosäurefluoride erhalten. Man kann die Aminosäurefluoride auf 2 unterschiedlichen Wegen herstellen. Einerseits gelingt die Umsetzung von Fmoc-Aminosäuren mit Cyanurfluorid in trockenen DCM ( Abb. 2 ) linke Seite) [43] . Diese Methode ist nachteilig, da die bei der Reaktion entstehende Cyanursäure ausfällt und die Aufarbeitung erschwert. Dieses Problem kann durch Verwendung von DAST ( Abb. 2 rechte Seite) beseitigt werden, wobei die bei der Reaktion entstandenen Folgeprodukte durch Extraktion leicht zu entfernen sind [47] .

Abb. 2: Syntheseschema für geschützte Aminosäurefluoride


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Die Aminosäurefluoride erwiesen sich als effiziente Kupplungsreagenzien für die Peptidsynthese. Erstmals konnten mit Hilfe der Fluoridtechnik Peptaibole (siehe S. 11) mittels Festphasensynthese hergestellt werden. Neben ihrer hohen Reaktivität haben die Aminosäurefluoride noch andere vorteilhafte Eigenschaften. Die Oxazolonbildung, eine Nebenreaktion aktivierter Acyl-geschützter Aminosäurederivate, die zu einem Verlust der chiralen Integrität führen kann (siehe Abb. 7 ), erfolgt bei Fmoc-geschützten, proteinogenen Aminosäurefluoriden in Gegenwart einer Base so langsam, daß Acylierungsreaktionen nicht beeinträchtigt werden [43] . Die Fmoc-Aminosäurefluoride sind in organischen Lösungsmitteln gut löslich und relativ stabil bei der Lagerung [48] . Außerdem konnte gezeigt werden, daß für die Kupplung von Fmoc-Aminosäurefluoriden ein Basenzusatz zum Abfangen der entstehenden HF nicht unbedingt notwendig ist [49] .

Die Grenzen der Fmoc-Aminosäurefluorid-Technik für den Einbau sterisch stark gehinderter Aminosäurereste, wie alpha, alpha-Dialkylaminosäuren bzw. N-Methyl-Aminosäuren, in Peptide wurde für die Reaktionen der Aminosäurefluoride von Fmoc-Aib, Fmoc-Iva, Fmoc-Deg und Fmoc-MeAib an Aib-OMe gezeigt [50] , [51] .

Abb. 3: Vergleich der Umsätze sterisch gehinderter Fmoc-Aminosäurefluoride an Aib-OMe [50] , [51]

Während für die Kupplung von Fmoc-Aib-F und Fmoc-Iva-F an Aib-OMe gute Ergebnisse erzielt wurden, waren die Kupplungsausbeuten der stärker gehinderten Aminosäurefluoride relativ gering ( Abb. 3 ). Als primäre Reaktion wurde die unerwünschte Base-katalysierte Fmoc-Abspaltung beobachtet ( Abb. 4 ).


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Abb. 4: Base-katalysierte Fmoc-Abspaltung

Kupplungen in einem unpolaren Lösungsmittel wie DCM ohne Zusatz einer zusätzlichen Base vermindert die Bildung von Dibenzofulven erheblich; die Kupplungsausbeuten für sterisch stark gehinderte Systeme sind aber trotzdem sehr gering [50] .

Eine zusätzliche Silylierung der Aminokomponente [52] , [53] führt zu einer Erhöhung der Acylierungsausbeuten sterisch anspruchsvoller Aminosäuren, wie z. B. für Fmoc-MeAib an Aib-OMe [54] , [55] , [56] . Bei den in DCM durchgeführten Reaktionen konnte durch Silylierung von Aib-OMe mit N, O-Bis(trimethylsilyl)acetamid (BSA) erstmals das Dipeptid Fmoc-MeAib-Aib-OMe in bemerkenswerter Ausbeute (>30%) erhalten werden ( Abb. 5 ). Im Vergleich dazu erhielten TONIOLO et al. das Z-geschützte Dipeptid nur mit einer Ausbeute von 17% (72h, 82°C) durch Kupplung mit dem symmetrischen Anhydrid (Z-MeAib)2O [57] .

Abb. 5: Kupplung von Fmoc-MeAib-F an Aib-OMe in DMF bei Einsatz verschiedener HCl-Fänger

Der Effekt der Silylierung ist bisher ungeklärt. Einerseits spielt die temporäre Maskierung der Aminokomponente eine wesentliche Rolle. Durch die Silylierung der Aminofunktion wird die Basizität des Stickstoffes herabgesetzt und somit Base-katalysierte Nebenreaktionen Fmoc-geschützter Aminosäurefluoride verhindert. Andererseits ist die Bildung des Silylfluorides energetisch günstig und könnte die Reaktion dadurch beschleunigen.

1.2.2 Aminosäurechloride

Die Verwendung von Nalpha-geschützten Aminosäurechloriden für die Peptidsynthese wurde schon von E. Fischer beschrieben [58] . Die Kettenverlängerung über das Dipeptid


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hinaus war aber nicht möglich, da beim Versuch einer Abspaltung der von FISCHER verwendeten N-Ethoxycarbonyl-Schutzgruppe die Peptidbindung wieder zerstört wurde [59] . Erst mit der Entwicklung der leichter abspaltbaren Tosyl-Schutzgruppe durch SCHÖNHEIMER [60] bzw. der Benzyloxycarbonylschutzgruppe (Z) durch BERGMANN und ZERVAS [61] wurde eine Nutzung der Aminosäurechloride möglich. Die Kupplung der Aminosäurechloride erfolgte sowohl unter Schotten-Baumann-Bedingungen als auch in organischen Lösungsmitteln mit 2 eq. Aminosäureester. BERGMANN et al. konnten Dipeptide von Gly oder Ala mit Aminoisobuttersäureethylester in sehr guten Ausbeuten synthetisieren [62] . Razemisierungsuntersuchungen an anderen Modellpeptiden zeigten eine geringe Razemisierungstendenz bei Kupplungen mit Z-geschützten Aminosäurechloriden. Z-geschützte Aminosäurechloride neigen jedoch zum spontanen Zerfall [63] , wobei es zur Bildung von Benzylchlorid und dem entsprechenden N-Carboxyanhydrid, dem sogenannten Leuchs’schen Anhydrid, kommt ( Abb. 6 ).

Abb. 6: Zerfall Z-geschützter Aminosäurechloride

An die Grenzen der Herstellung Z-geschützter Aminosäurechloride kommt man beim Versuch der Synthese von Z-Aib-Cl. Die Umsetzung von Z-Aib-OH mit Chlorierungsreagenzien liefert nur das entsprechende Oxazolon ( Abb. 7 ).

Abb. 7: Verlust der chiralen Integrität durch Oxazolonbildung

Die Oxazolonbildung urethangeschützter Aminosäurechloride, die zum Verlust der Konformation führen kann, tritt verstärkt bei Aminosäuren mit 2 geminalen Calpha-Alkylgruppen auf [64] . Durch den Austausch des Calpha-Protons durch sterisch anspruchsvollere Gruppen wie z.B. Alkylgruppen wird der Bindungswinkel theta geändert.


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Dadurch wird die Oxazolonbildung erleichtert ( Abb. 8 ).

Abb. 8: Geminaler Dialkyleffekt

Tosyl-geschützte Aminosäurechloride können aufgrund ihrer Struktur keine Oxazolone bilden. Es konnte gezeigt werden, daß sterisch gehinderte Aminosäuren, die als urethangeschützte Aminosäurechloride keine effiziente Kupplung erlauben, wie z. B. zwei Calpha-Dialkylaminosäuren, miteinander verknüpft werden können. So konnten im wasserfreien organischen Lösungsmittel das Dipeptid Tos-MeAib-Aib-OMe mit einer Ausbeute von 8% und Tos-Aib-Aib-OMe mit einer Ausbeute von 83% synthetisiert werden [65] . Die Abspaltung der Tosylgruppe erfolgt unter relativ drastischen Reaktionsbedingungen (Na/fl. NH3; HBr/AcOH), die eine Anwendbarkeit dieser Schutzgruppe stark limitiert. Zudem wurde gezeigt, daß die Tosylaminosäurechloride im alkalischen Milieu einer Fragmentierung unterliegen können (abhängig von Aminosäure und pH-Wert) [66] .

Abb. 9: Fragmentierung von Tosylaminosäurechloriden im wäßrig-alkalischen Milieu

Dabei entsteht Tosylamid, Kohlenmonoxid sowie ein Aldehyd bzw. Keton. Der genaue Mechanismus dieser Zerfallsreaktion ist nicht geklärt; vorgeschlagen wurde der in Abb. 9 dargestellte Weg.

Mit der Entwicklung der Fmoc-Schutzgruppe als säurestabile Schutzgruppe, die unter


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milden Bedingungen Base-katalysiert abspaltbar ist, war es möglich, die Aminosäurechloride im biphasischen System für die Synthese kurzer Peptide zu nutzen [67] , [68] , [69] . Fmoc-Aminosäurechloride können für bifunktionelle Aminosäuren als kristalline Feststoffe erhalten werden und sind bei Lagerung stabil. Für die Kupplung der Fmoc-Aminosäurechloride in Lösung ist ihre Anwendung jedoch limitiert, da hier zum Abfangen des gebildeten Hydrogenchlorides eine Base zugesetzt werden muß. Dies führt zur unerwünschten Oxazolonbildung. In einigen Forschungsgruppen hat man versucht diese Limitierungen durch Reaktionszusätze zu überwinden. So konnte die Anwendbarkeit der Fmoc-Aminosäurechloride unter Zusatz einer Mischung von Base und HOBt gezeigt werden [70] . Dabei wird das Aminosäurechlorid in den korrespondierenden OBt-Ester umgewandelt, welcher dann im Acylierungsschritt reagiert. Außerdem wurden gute Kupplungsausbeuten durch den Einsatz von z. B. AgCN, KOBt oder Zinkstaub beschrieben [71] , [72] , [73] , [74] . Der Reaktionsmechanismus dieser Zusätze ist nicht geklärt. Tabelle 2 zeigt die Ausbeuten für die Herstellung des sterisch gehinderten Systems Boc-/Fmoc-Aib-Aib-OR für verschiedene Kupplungsmethoden.

Aus den in Tab. 2 dargestellten Kupplungsausbeuten ist ersichtlich, daß nur mit den Aminosäurehalogeniden gute Ergebnisse erzielt werden konnten, wodurch vermutet werden kann, daß beim KOBt-Zusatz zu Aminosäurehalogeniden nicht ausschließlich der Aktivester als reaktive Spezies für die hohen Ausbeuten verantwortlich sein kann.

Tab. 2: Vergleich der mit verschiedenen Methoden erzielten Ausbeuten für die Synthese von SG-Aib-Aib-OR

Produkt

Methode

Kuppl.-zeit

Ausbeute

Referenz

Boc-Aib-Aib-OBzl

DCC/HOBt*

48h

63%

[75]

Boc-Aib-Aib-OMe

PyBOP*

16h

86%

[76]

Boc-Aib-Aib-OMe

PyBroP^

24h

25%

[76]

Fmoc-Aib-Aib-OMe

Fmoc-Aib-F

2h

90%

[77]

Fmoc-Aib-Aib-OBzl

Fmoc-Aib-OPfp/HOBt*

1h

42%

[71]

Fmoc-Aib-Aib-OBzl

Fmoc-Aib-NCA^

1h

35%

[71]

Fmoc-Aib-Aib-OBzl

Fmoc-(Aib)2-O^

1h

40%

[71]

Fmoc-Aib-Aib-OBzl

Fmoc-Aib-F/DIEA

1h

69%

[71]

Fmoc-Aib-Aib-OBzl

Fmoc-Aib-Cl/KOBt

1h

83%

[71]

* Die angeführten Reagenzien bilden als reaktive Spezies einen Aktivester aus.
and Als reaktive Spezies reagiert ein Anhydrid.

1.3 Ziele der eigenen Arbeiten

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, daß sich Fmoc-Aminosäurefluoride für die Synthese von Peptiden, die alpha, alpha-Dialkylaminosäuren enthalten (z.B. Peptaibole), sehr viel besser eignen als Aktivesterderivate. Allerdings werden die Grenzen der Acylierung mit Aminosäurefluoriden für sterisch stark gehinderte N-Alkylaminosäuren erreicht, wobei sich die N-Methylierung der Aminokomponente auf die Kupplung deutlich negativer als


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die entsprechende Substitution der Carboxylkomponente auswirkt [29] . Bei Verwendung der Fmoc-Aminosäurechloride kann der Vorteil der höheren Reaktivität der Säurechloride bisher nicht genutzt werden, da hier die Nebenreaktionen (z.B. Oxazolonbildung, Schutzgruppenabspaltung) schneller verlaufen als die eigentliche Acylierungsreaktion. In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, einen Lösungsweg für die Synthese von Peptiden mit sterisch anspruchsvollen, teilweise extrem gehinderten Aminosäuren, wie Aib und MeAib auf der Basis der Aminosäurechloride unter Verwendung geeigneter Nalpha-Schutzgruppen zu finden.


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Mon Sep 16 13:41:08 2002