Herok, Claudia A: Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und EU-Integration Polens : Auswirkungen auf landwirtschaftliche Produktion und Handel

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Kapitel 1. Einleitung

Trotz der in Seattle gescheiterten dritten Ministerkonferenz der World Trade Organization (WTO), sind zukünftig neue WTO-Verhandlungen zu erwarten, in denen neben der Debatte über das Abkommen im Bereich Dienstleistungen (The General Agreement on Trade in Services, GATS) auch die Landwirtschaft wieder im Vordergrund stehen wird (WTO, 1999a). Sicher ist auch, daß sich die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union (EU) dabei wiederholt auf den internationalen Prüfstand begeben muß, um das ”WTO-Gütezeichen“ für hinreichende Liberalität zu erwerben. Doch ist dies nicht die einzige und vielleicht auch nicht die größte Herausforderung, der sich die GAP in nächster Zukunft stellen muß: Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Politik- und Wirtschaftsordnung im Jahre 1989 streben immer mehr Länder Mittel- und Osteuropas die Mitgliedschaft in der EU an. Da in vielen dieser Staaten dem Agrarsektor eine herausragende ökonomische und soziale Rolle zukommt, avanciert die Agrarpolitik zu einem der bedeutendsten beitrittsspezifischen Themen. Hierbei sind die anfangs bestehenden Bedenken gegen mögliche günstige Konkurrenzprodukte vorerst gewichen, die Angst vor drastisch steigenden Agrarausgaben hingegen ist geblieben.

Nach der Reform von 1992 standen und stehen die Entscheidungsträger innerhalb der EU folglich erneut vor der Notwendigkeit der Auswahl einer neuen Politik. Diese soll den sich verändernden politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen gerecht werden, mit sozialen und ökologischen Zielen vereinbar sein und vor allem die gegebenen Budgetrestriktionen einhalten. Aufgrund der Menge und Vielfältigkeit dieser Ziele überrascht es nicht, daß unterschiedliche Optionen für eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik, mit und ohne Osterweiterung, auch häufig Gegenstand der Forschung waren und sind: So wird eine potentielle Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik beispielsweise in Henrichsmeyer & Witzke (1996), Wissenschaftlicher Beirat beim BMELF (1996), Herok & Lotze (1997) sowie Kirschke et al. (1997, 1998) analysiert.

Die Auswirkungen einer EU-Erweiterung bei einer unveränderten GAP werden in Buckwell et al. (1994), Tangermann & Josling (1994), Tarditi et al. (1994), Mahé et al. (1995), DIW (1996), Europäische Kommission (1996c) sowie Banse et al. (1999) untersucht.

Die Osterweiterung mit neuen Politikoptionen hingegen wird in Frandsen et al. (1996), Brockmeier et al. (1997), Banse & Münch (1998) sowie Herok & Lotze (1998)


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betrachtet. Die Untersuchungen unterscheiden sich hinsichtlich der Auswahl der Politikoptionen, der Beitrittsszenarien und des Modellansatzes. Während Frandsen et al. (1996), Brockmeier et al. (1997) und Herok & Lotze (1998) ein Allgemeines Gleichgewichtsmodell auswählten, untersuchten Banse & Münch (1998) diese Thematik sowohl mittels eines Allgemeinen als auch eines Partiellen Gleichgewichtsmodells.

Die vorgestellten Arbeiten analysieren mögliche Politikoptionen hinsichtlich ihrer Wirkungen auf ausgewählte Betriebstypen, auf regionale Märkte und Sektoren, wie auch auf den Weltmarkt. Gegenstand der Untersuchungen sind landwirtschaftliche Produktion, der Agrarhandel und die internationale Wettbewerbsfähigkeit, ökologische Aspekte und insbesondere soziale Wohlfahrtseffekte. Die Untersuchung der tatsächlichen politischen Durchsetzbarkeit der betrachteten Reform- und Beitrittsszenarien ist in diesen Studien jedoch nur von untergeordneter Bedeutung.

Weiterhin beinhaltet jede dieser Analysen naturgemäß Annahmen über mögliche Reformen sowie die Art und Weise des Beitritts neuer Länder. Mit dem Herannahen der nächsten WTO-Runde und der EU-Integration neuer Mitgliedsstaaten ist aber die EU-Agrarpolitik der nächsten Jahre zunehmend konkretisiert worden. Nach den Überlegungen zur Ausgestaltung der Reform der GAP folgt nun die Frage nach den Auswirkungen der Politikoption, die tatsächlich realisiert werden wird: die im März 1999 in Berlin beschlossene Agenda 2000 und die Erweiterung der Europäischen Union um ausgewählte, meist mittel- und osteuropäische Länder.<1>

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, ausgewählte Effekte der Agenda 2000 zu analysieren und diese um eine politökonomische Betrachtung zu ergänzen.

Auch wenn die Anwärter auf eine EU-Mitgliedschaft je nach potentiellem Aufnahmezeitpunkt (schneller, langsamer, vorerst gar kein Beitritt) oder geographischer Lage (Mitteleuropa, Baltikum, Mittelmeer, Schwarzmeeranrainer) in Gruppen zusammenfaßt werden können, verfügt doch jeder Staat über Besonderheiten, die sich mit spezifischen Vor- oder Nachteilen bei der Integration verbinden können. Für die nachfolgende Analyse wurde daher ein einzelnes Land ausgewählt: Polen.


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Polen ist mit 38,7 Mio. Einwohnern der bevölkerungsreichste und mit einem Bruttosozialprodukt von 136 Mrd. US$ der wirtschaftlich bedeutendste Beitrittskandidat. Doch waren es nicht die reinen Zahlen, die die Auswahl bedingten, sondern die sehr speziellen politischen Entwicklungen in der Vergangenheit und in der jüngsten Gegenwart.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die Länder Mittel- und Osteuropas Schauplatz vielfältiger politischer und wirtschaftlicher Veränderungen und Reformen. Polen, das bereits auf frühere, wenn auch nicht immer erfolgreiche, Reformansätze zurückblicken konnte, übernahm hierbei eine Vorreiterrolle. Der polnische Weg der Wandlung von der Plan- zur Marktwirtschaft war von schnellwirkenden, einschneidenden Maßnahmen geprägt, die unter dem Begriff ”Schocktherapie“ oder ”big bang“ zusammengefaßt wurden (Sachs 1993, S. 35). Neben dem Aufbau eines preisorientierten Binnenmarktes waren insbesondere die radikale Abwertung der Währung und die Aufgabe des staatlichen Außenhandelsmonopols entscheidende Schritte der Abkehr von vergangenen politischen Zielvorstellungen.

Auch die Besonderheit der Struktur und die Bedeutung des polnischen Agrarsektors basiert auf einer speziell polnischen politischen Sonderlösung. Im Gegensatz zum Großteil der ehemaligen Ostblockstaaten konnte hier nach dem zweiten Weltkrieg keine großflächige Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe realisiert werden. Die wichtigsten bis heute gültigen Folgen sind der Erhalt der kleinbäuerlichen Strukturen, die private Verteilung des Faktors Boden sowie der mit 25 % sehr hohe Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten.

Basierend auf den dargelegten Ausführungen läßt sich die spezifische Fragestellung der vorliegenden Arbeit folgendermaßen formulieren:

Die Vorgehensweise gestaltet sich wie folgt: Nach der Einleitung folgt in Kapitel 2 eine Darstellung der prinzipiellen Überlegungen zur Ausgestaltung möglicher Politikoptionen und die Formulierung der zu untersuchenden Szenarien. Daran anschließend wird in Kapitel 3 das für die Analyse notwendige theoretische Instrumentarium ausgewählt und vorgestellt. Hierbei handelt es sich um das komparativ-statische, partielle Gleichgewichtsmodell MISS (Modèle International Simplifié de Simulation), welches ursprünglich von Mahé, Travera und Trochet (1988) konstruiert wurde und seither in vielen Weiterentwicklungen (bspw. Guyomard & Mahé 1994; Kennedy 1995; Kennedy et al. 1996) Verwendung fand. Die hierfür notwendige Datenbasis wird in Kapitel 4 vorgestellt. Ergänzende Annahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Agrarsektoren in den betrachteten Ländern sind Inhalt des Kapitels 5. Es werden zwei unterschiedliche Entwicklungspfade aufgezeigt sowie die zu ihrer Abbildung notwendigen Informationen ermittelt und dargestellt. In Kapitel 6 folgt die Präsentation und Diskussion der Ergebnisse, denen sich in Kapitel 7 kritische Anmerkungen sowie ein Ausblick auf weitere Forschungsimplikationen anschließen. Eine Zusammenfassung in Kapitel 8 sowie die Literaturübersicht beenden die Arbeit.


Fußnoten:

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Zu diesen zählen Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien und Estland, die wahrscheinlich im "Schnelldurchgang" (fast-track) aufgenommen werden, sowie Malta, Zypern, Rumänien, Bulgarien, die Slowakei, Litauen und Lettland, welche in weiteren Runden nachfolgen sollen.


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Mon May 15 18:47:27 2000