Herok, Claudia A: Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und EU-Integration Polens : Auswirkungen auf landwirtschaftliche Produktion und Handel

65

Kapitel 6. Ergebnisse

6.1. Vorbemerkungen

Alle simulierten Szenarien umfassen sowohl politische Modifikationen als auch exogen vorgegebene Angebots- und Nachfrageentwicklungen (siehe Kapitel 2.4 ). Die resultierenden Effekte ergeben sich folglich aus der Kombination dieser Eingriffe. Um die Einflüsse der Politikänderungen jedoch unabhängig von Parametern wie technischem Fortschritt oder Bevölkerungsentwicklung aufzuzeigen, wurden zunächst alle Szenarien ohne politische Modifikationen gerechnet. Diese Varianten werden im nachfolgenden mit den Begriffen ”politikstabile Szenarien“ oder ”politikstabile Optionen“ belegt. Durch die Gegenüberstellung der Ergebnisse mit und ohne Politikänderung können die einzelnen Effekte genauer bestimmt und analysiert werden. Daher werden, neben den in Kapitel 2.4 erläuterten Simulationen, auch einige zentrale Ergebnisse der politikstabilen Szenarien vorgestellt und mit den Resultaten der Szenarien mit Politikänderung verglichen.<45>

Die Beschreibung der Ergebnisse folgt in allen Szenarien einer einheitlichen Reihenfolge: Am Anfang stehen die Preisänderungen auf den Weltmärkten, denen die Auswirkungen auf nationale Preis- und Mengenstrukturen nachfolgen. Anschließend werden die berechneten Effekte bezüglich Handel und Wohlfahrt präsentiert. Die Resultate der Modellrechnungen wurden dabei entsprechend der zugrundeliegenden Politikoptionen geordnet. Den Szenarien der Liberalisierungsoption über beide Perioden folgen die Simulationen zur Agenda 2000 nach.

Am Ende der Darstellung einer Politikoption findet sich jeweils eine Diskussion, in der die präsentierten Zahlen in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt werden. Insbesondere wird dabei untersucht, inwieweit die mit einer Reform der GAP angestrebten Ziele hinsichtlich der Erfüllung der Bestimmungen der WTO und der Einhaltung der Budgetrestriktionen auch erreicht werden können. Darüber hinaus werden Aussagen zur tatsächlichen Umsetzbarkeit der politischen Reformen abgeleitet.


66

In der ersten Simulationsperiode, die den Zeitraum 1995-2004 umfaßt, wurden lediglich in der EU-15 Politikänderungen implementiert (siehe Tab. 5 ). Mengen- und Preisänderungen in Polen resultieren folglich entweder aus den exogen vorgegebenen Nachfrage- und Angebots-Shifts oder ergeben sich aus einer veränderten Situation auf den Weltmärkten. Zur Vermeidung möglicher Redundanzen steht daher in der ersten Simulationsperiode die Darstellung der Ergebnisse für die EU-15 im Vordergrund.<46> Ähnliches gilt für die zweite Simulationsperiode von 2005-2010, in der der Fokus primär auf Polen gerichtet ist.

Obwohl in der zweiten Periode ein Beitritt Polens zur Europäischen Union simuliert wurde und sich folglich aus der EU-15 eine Gemeinschaft von 16 Staaten (EU-16) ergibt, wird an der getrennten Darstellung der Regionen festgehalten. Dieses Vorgehen ermöglicht die separate Analyse der sich in den Regionen ergebenden Effekte.

6.2. Vollständige Liberalisierung der GAP

6.2.1. Erste Periode: Vollständige Liberalisierung der GAP in der EU-15

Das Zusammenspiel der prognostizierten Angebots- und Nachfrageentwicklungen in den politikstabilen Optionen (95-04_p und 95-04_c) läßt bei allen Agrarprodukten Preissteigerungen auf den Weltmärkten erwarten.

Abb. 7: Weltmarktpreisänderungen in den Szenarien 95-04_p und 95-04_c sowie 95-04_lib_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)

Quelle: Eigene Berechnungen.


67

Die Preissteigerungen nehmen bei Rind- und Schweinefleisch mit ca. 13 % die höchsten und bei Öl- und Eiweißpflanzen mit 0,5 % die niedrigsten Werte an (siehe Abb. 7 ).

Der Vergleich zwischen Prognose-Option (95-04_p) und Catching-up-Variante (95-04_c) zeigt, daß der Anteil Polens an der Weltproduktion lediglich bei Kartoffeln so bedeutend ist, daß starke internationale Preisimpulse vom nationalen Markt ausgehen könnten. Da deutliche Unterschiede zwischen den Varianten somit nur bei diesem Produkt zu erwarten sind, wird daher in den die erste Simulationsperiode betreffenden Unterkapiteln auf eine gesonderte Betrachtung der Catching-up-Varianten verzichtet.<47>

Aufgrund der gewichtigen Position der Europäischen Union im internationalen Agrarhandel bedingt eine vollständige Liberalisierung der GAP (95-04_lib_p) starke Preisänderungen auf den Weltagrarmärkten (siehe Abb. 7 ). Insbesondere bei den vorher hoch protektionierten Produkten Zucker, Rindfleisch und Milch zeigen sich im Vergleich zur Basisperiode, aber auch zum politikstabilen Szenario 95-04_p deutliche Preiserhöhungen. Der Preisabfall bei Öl- und Eiweißpflanzen und Ölkuchen kann mit der verminderten Nachfrage in der tierischen Verfütterung erklärt werden. Die im Vergleich zur politikstabilen Option 95-04_p geringeren Weltmarktpreise für Kartoffeln und Schweinefleisch resultieren aus einer relativen Vorzüglichkeit gegenüber vorher stark gestützten Produkten und damit verbundenen erhöhten Angebotsmengen in der EU-15 (siehe Tab. 31 ).

Abb. 8: Änderungen der Erzeugerpreise in der Region EU-15 im Szenario 95-04_lib_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)

Quelle: Eigene Berechnungen.


68

Die Änderungen der Erzeuger- und Verbraucherpreise in der Region Polen entsprechen den Preisänderungen auf den Weltmärkten (siehe Anhang 9 ) und werden nicht gesondert diskutiert. In der EU-15 zeigt sich bei den Erzeugerpreisen ein Preisverfall bei allen in der Basisperiode stark gestützten Produkten (siehe Abb. 8 ), hierbei werden die Auswirkungen der Liberalisierung, mit Ausnahme von Öl- und Eiweißpflanzen, durch Weltmarktpreissteigerungen abgemildert.

Die deutlichen Preissenkungen in der EU-15 führen bei vormals hoch protektionierten Produkten wie Getreide, Öl- und Eiweißpflanzen, Zucker, Rindfleisch und Milch zu starken Produktionseinschränkungen (siehe Tab. 31 ). Bei den in der Basisperiode eher gering gestützten Produkten Öle, Ölkuchen, Kartoffeln, Schweine- und Geflügelfleisch hingegen ist ein Anstieg der Produktion zu verzeichnen. Dieser resultiert zum Teil aus den implementierten Shifts (siehe Szenario 95-04_p in Tab. 31 ). Im Fall von Schweinefleisch und Kartoffeln sind aber auch ausgeprägte Substitutionsreaktionen mit vorher stark gestützten Produkten anzunehmen.

Tab. 31: Produktionsänderungen in den Szenarien 95-04_p und 95-04_lib_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)

Szenario

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

95-04_p

EU-15

13,7

7,1

9,7

10,2

0,0

12,8

9,7

9,0

6,0

0,0

95-04_lib_p

EU-15

-12,2

-28,9

9,2

7,9

-37,8

25,4

-17,6

16,4

5,8

-26,7

95-04_p

Polen

18,9

25,3

16,3

16,9

43,0

10,5

19,7

19,8

16,4

31,9

95-04_lib_p

Polen

22,6

22,7

15,8

14,4

41,2

7,8

27,8

17,0

16,5

45,1

95-04_p

RdW

14,3

17,4

17,9

17,6

9,3

9,4

8,1

11,3

10,7

14,8

95-04_lib_p

RdW

16,0

16,4

14,8

17,7

11,8

8,5

11,1

10,7

11,7

21,7

Quelle: Eigene Berechnungen.

Technischer Fortschritt sowie die steigenden Weltmarktpreise führen in Polen und dem Rest der Welt im Szenario 95-04_lib_p zu einem Produktionsanstieg bei allen Agrargütern (siehe Tab. 31 ). Während sich in der Region Rest der Welt ein relativ gleichmäßiger Anstieg zwischen 9 und 22 % zeigt, erhöhen sich die produzierten Mengen in der Region Polen abhängig vom Produkt in sehr unterschiedlichem Ausmaß, mit Maximalwerten bei Zucker und Milch von über 40 %.

Für den Zwischennachfrager in der EU-15 ergeben sich bei nahezu allen Produkten Preissenkungen (siehe Abb. 9 ). Diese sind jedoch schwächer ausgeprägt als die Erzeugerpreissenkungen, da dort zusätzlich die direkten Ausgleichszahlungen ausgesetzt


69

wurden. Bei dem in der Zwischennachfrage nicht protektionierten Gut Kartoffeln werden die Weltmarktpreisänderungen direkt übertragen; es kommt zu einem Preisanstieg.

Abb. 9: Änderungen der Preise der Zwischen- und Endnachfrage in der Region EU-15
im Szenario 95-04_lib_p (in % im Vergleich zur Basisperiode)<48>

Quelle: Eigene Berechnungen.

Der Verbrauch an Getreide und Kartoffeln in der tierischen Verfütterung bleibt in der EU-15 nahezu konstant, während der Einsatz von Milch bedingt durch den Preisverfall deutlich attraktiver wird (siehe Tab. 32 ). Der geringere Verbrauch an Ölsaaten und ihren Derivaten ist auf die stark gesunkene Rinderproduktion zurückzuführen. In der Region Polen werden in der Zwischennachfrage mit Ausnahme von Milch alle Produkte in höheren Quantitäten nachgefragt.

Tab. 32: Mengenänderungen in der Zwischennachfrage in den Regionen EU-15 und Polen
im Szenario 95-04_lib_p (in % im Vergleich zur Basisperiode)

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

KART

MIL

EU-15

-0,8

-19,3

-14,5

-0,2

29,0

Polen

4,7

25,9

27,0

7,4

-11,4

Quelle: Eigene Berechnungen.

Trotz steigender Weltmarktpreise sinken in der EU-15 die Konsumentenpreise für die Mehrzahl der Nahrungsmittel (siehe Abb. 9 ). Hiervon ausgenommen sind Öle, Kartoffeln sowie Schweinefleisch. In Kombination mit der prognostizierten Bevölkerungs- und Einkommensentwicklung dokumentiert sich dieser Sachverhalt folglich auch in steigenden


70

Nachfragemengen (siehe Tab. 33 ). Ähnliche Effekte sind auch in den anderen Regionen zu beobachten - mit Ausnahme von Rindfleisch und Milch in Polen. Hier bleiben die konsumierten Mengen nahezu stabil.

Tab. 33: Mengenänderungen in der Endnachfrage im Szenario 95-04_lib_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU<49>

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

8,4

3,7

-

5,6

6,5

1,6

21,3

1,5

14,1

8,9

Polen

2,2

3,6

-

10,1

7,1

2,5

-0,3

6,7

2,5

-0,1

RdW

14,6

18,7

24,0

17,7

10,7

13,9

4,8

14,3

10,5

9,8

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die bereits erläuterten Effekte spiegeln sich auch in der veränderten Agrarhandelsbilanz der EU-15 wider (siehe Tab. 34 ). Bei vielen Produkten steht einem geringeren nationalen Angebot eine gewachsene nationale Nachfrage gegenüber. Der Selbstversorgungsgrad sinkt und der urspüngliche Überschuß in der Agrarhandelsbilanz von 1186 Mio. euro wandelt sich in ein Defizit von -10432 Mio. euro.

Tab. 34: Agrarhandelsbilanz der Region EU-15 in der Basisperiode und im Szenario 95-04_lib_p
(in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

Basisperiode

1679

-4434

-2220

781

738

-28

972

1002

561

2134

1186

95-04_lib_p

-1108

-4137

-1142

930

-972

788

-4240

4472

64

-5086

-10432

Quelle: Eigene Berechnungen.

Während die EU-15 bei Getreide, Zucker, Rindfleisch und Milch vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur wird, verbessert sie ihre Handelsposition im Ölsaatensektor sowie bei Kartoffeln und Schweinefleisch.

In der Region Polen wirkt sich eine einseitige Liberalisierung der EU-15 positiv auf die Handelssituation aus (siehe Tab. 35 ). Mit Ausnahme der Ölsaatenprodukte und Geflügel wird Polen zum Nettoexporteur für Agrarprodukte. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung bei Getreide, Zucker und Milch. Im Unterschied zur EU-15 zeigen sich zwischen den Szenarien 95-04_lib_p und 95-04_lib_c in der Region Polen deutliche Unterschiede.


71

Der in der Catching-up-Annahme formulierte stärkere Angebots-Shift bedingt einen höheren Selbstversorgungsgrad und somit ein erhöhtes Exportangebot insbesondere bei Getreide, Kartoffeln, Rind- und Schweinefleisch, Geflügel und Milch.

Tab. 35: Agrarhandelsbilanz der Region Polen in der Basisperiode
und in den Szenarien 95-04_lib_p und 95-04_lib_c (in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

Basisperiode

-90

-10

-52

-88

56

1

-17

47

-25

-10

-189

95-04_lib_p

274

-17

-75

-93

322

23

94

164

-2

525

1213

95-04_lib_c

866

-41

-93

-84

288

369

255

323

42

979

2904

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Betrachtung der Auswirkungen auf die soziale Wohlfahrt ergibt für die EU-15 primär die erwarteten Effekte einer Liberalisierung (siehe Tab. 36 ): Die niedrigeren Preise bewirken eine Senkung der Produzentenrente und in geringerem Maße einen Anstieg der Konsumentenrente. Staatsausgaben werden im Agrarsektor nicht mehr getätigt<50> und es resultiert ein Anstieg der sozialen Wohlfahrt. Gleichwohl zeigt sich, daß hinsichtlich der Optimierung politökonomischer Ziele ein deutlich negatives Ergebnis erreicht wird.

In der Region Polen vermindert sich die soziale Wohlfahrt. Durch die in dieser Region weiterbestehende Protektion steigen bei wachsender Produktion die Staatsausgaben. Erstens werden durch die Ausweitung der Exporte verstärkt Exportsubventionen notwendig und zweitens werden durch verminderte Importe weniger Zolleinnahmen generiert. Diese Effekte werden in der Catching-up-Variante noch intensiviert. Leichten Erhöhungen der Produzentenrente steht eine deutliche Erhöhung der Staatsausgaben gegenüber. Die Betrachtung des politökonomischen Wirkungen liefert unterschiedliche Resultate: Während in der Prognose-Option noch ein leicht positiver Effekt erreicht wird, zeigt sich in der Catching-up-Variante ein negativer Trend. Die Steigerungen in der Produzentenrente, die bei einer produzentenfreundlichen Prioritätensetzung (siehe Kapitel 4.8 ) eine vergleichsweise hohe Relevanz besitzen, können hier die negativen Effekte bei anderen Interessengruppen nicht mehr aufwiegen.


72

Tab. 36: Wohlfahrtswirkungen in den Szenarien 95-04_lib_p und 95-04_lib_c
(in Mio. euro im Vergleich zur Basisperiode)

 

EU-15

Polen

 

95-04_lib_p

95-04_lib_c

95-04_lib_p

95-04_lib_c

Delta Budgetwirkung

20130

20130

-591

-1305

Delta Konsumentenrente

18178

19641

-996

-926

Delta Produzentenrente

-33128

-33917

1312

1583

Delta Soziale Wohlfahrt

5936

2854

-276

-648

Delta Politischer Gewinn / Verlust a

-6109

-6307

86

-275

a Mit den Begriffen politischer Gewinn bzw. politischer Verlust werden hier die Änderungen des Ergebnisses der Politischen Präferenzfunktion im Vergleich zur Ausgangssituation beschrieben.

Quelle: Eigene Berechnungen.

Bei der Bewertung der Wohlfahrtseffekte wie auch der politökonomischen Wirkungen ist zu berücksichtigen, daß die Simulationen mit einem partiellen Gleichgewichtsmodell durchgeführt wurden. Die Resultate umfassen folglich nur die direkt den Agarsektor betreffenden Effekte. Mögliche Auswirkungen auf andere Sektoren finden keine Berücksichtigung.

6.2.2. Zweite Periode: EU-Beitritt Polens mit Übernahme
einer vollständig liberalisierten GAP

Wie bereits in der ersten Periode bewirken die Shifts im Angebot und in der Nachfrage Weltmarktpreissteigerungen bei nahezu allen Produkten (Szenarien ref 05-10_lib_p <51> und ref 05-10_lib_c in Tab. 37 ). Größere Unterschiede zwischen Prognose-Option sowie Catching-up-Variante zeigen sich hier nur bei Milch und Kartoffeln. Der EU-Beitritt Polens und die damit verbundene vollständige Liberalisierung der polnischen Agrarpolitik hingegen haben nahezu keinen Einfluß auf die Weltmarktpreise (siehe Tab. 37 , Vergleich der Szenarien ref 05-10_lib_p und 05-10_lib_p bzw. ref 05-10_lib_c und 05-10_lib_c ).


73

Tab. 37: Preisänderungen auf dem Weltmarkt und in der EU-15 in den Szenarien 05-10_lib_p und
05-10_lib_c sowie in den politikstabilen Szenarien ref 05-10_lib_p und
ref 05-10_lib_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)<52>

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

05-10_lib_p

3,6

1,4

2,9

1,4

6,1

6,8

7,5

7,5

5,9

4,0

ref 05-10_lib_p

3,2

1,7

3,2

1,1

5,8

3,8

7,3

7,0

5,7

3,1

05-10_lib_c

3,2

1,4

2,9

1,4

6,1

3,6

7,3

7,2

5,8

3,1

ref 05-10_lib_c

2,7

1,8

3,4

1,1

5,8

-0,8

7,1

6,7

5,6

1,8

Quelle: Eigene Berechnungen.

Für die polnischen Landwirte hat der vollständige Abbau aller politischen Stützungsinstrumente deutliche Preiseinbußen zur Folge, die nur zu einem geringen Teil durch die gestiegenen Weltmarktpreise kompensiert werden (siehe Abb. 10 ).

Abb. 10: Änderungen der Preise für Produktion, Zwischennachfrage und Endnachfrage in der Region Polen im Szenario 05-10_lib_p (in % im Vergleich zur Vorperiode) a, b

a Da in der Region Polen in der Basisperiode auf Angebots- wie Nachfrageseite die gleiche Protektion bestand, sind auch alle Sektoren in gleichem Maße von einem Protektionsabbau betroffen. Die Preisänderungen sind daher für Angebot wie Nachfrage identisch.

b Die Preisänderungen für polnische Produzenten sind in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c nahezu identisch. Das Szenario 05-10_lib_c wird folglich nicht gesondert dargestellt (siehe Anhang 11 ).

Quelle: Eigene Berechnungen.

Mit Preissenkungen von über 25 % sind die Kartoffelproduzenten, die Hersteller von pflanzlichen Ölen sowie die Zucker- und Milchproduzenten besonders betroffen. Trotzdem ergeben sich, im wesentlichen bedingt durch die Erhöhung der Produktivität, vielfach steigende Produktionsmengen (siehe Tab. 38 ).


74

Tab. 38: Produktionsänderungen in der Region Polen in den Szenarien 05-10_lib_p und
05-10_lib_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

05-10_lib_p

8,2

27,5

10,3

5,5

-0,6

-6,7

-1,1

10,5

11,7

-1,4

05-10_lib_c

23,4

20,6

9,7

5,0

-5,6

14,9

16,0

17,0

22,7

16,5

Quelle: Eigene Berechnungen.

Auch in den Regionen EU-15 und Rest der Welt ergeben sich als Folge der neuen Weltmarktpreise sowie des technischen Fortschritts steigende Angebotsmengen bei allen Produkten (siehe Tab. 39 ).

Tab. 39: Produktionsänderungen in den Regionen EU-15 und Rest der Welt im Szenario
05-10_lib_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)<53>

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

9,9

6,7

6,5

7,1

4,8

10,9

7,8

6,8

4,9

7,3

RdW

8,9

9,8

10,1

9,7

5,5

6,4

4,8

6,8

6,3

8,1

Quelle: Eigene Berechnungen.

In der Zwischennachfrage der Region Polen sinken die Preise für alle Produkte (siehe Abb. 10 ). Der Verbauch von Getreide und Milch steigt an, während pflanzliche Ölprodukte sowie Kartoffeln in deutlich geringerem Maße verfüttert werden (siehe Tab. 40 ). Der Vergleich zwischen den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c zeigt, daß der Bedarf an Futtermitteln in der Catching-up-Variante aufgrund der höheren tierischen Produktion stärker ansteigt bzw. weniger stark abfällt.

Tab. 40: Mengenänderungen in Zwischen- und Endnachfrage in der Region Polen
in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Kategorie

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Zwischennachfrage

05-10_lib_p

14,7

-24,1

-15,7

-

-

-7,7

-

-

-

56,2

Zwischennachfrage

05-10_lib_c

22,4

-17,7

-9,1

-

-

-6,5

-

-

-

59,4

Endnachfrage

05-10_lib_p

16,1

5,4

-

23,5

5,3

26,1

20,2

25,8

34,1

6,7

Endnachfrage

05-10_lib_c

16,3

5,4

-

23,5

5,3

28,1

20,3

26,0

34,3

6,8

Quelle: Eigene Berechnungen.


75

Auch die polnischen Endkonsumenten profitieren von den gesunkenen Preisen und reagieren mit deutlichen Nachfragesteigerungen (siehe Tab. 40 ). Unterschiede zwischen den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c sind gering.

In der EU-15 führt die gestiegene Tierproduktion zu einem erhöhten Bedarf an Futtermitteln (siehe Tab. 41 ). Lediglich Milch wird weniger verfüttert. Auch die Endnachfrage zeigt in der EU-15 leichte, im Rest der Welt deutliche Anstiege. Die konsumsenkenden Weltmarktpreissteigerungen werden folglich im Gesamtbild vom konsumsteigernden Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in diesen Regionen überlagert.

Tab. 41: Mengenänderungen in Zwischen und Endnachfrage in den Regionen EU-15
und Rest der Welt im Szenario 05-10_lib_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)<54>

Region

Kategorie

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

Zwischennachfrage

3,2

7,8

7,4

-

-

2,5

-

-

-

-3,8

EU-15

Endnachfrage

1,6

1,8

-

3,8

3,3

-0,7

0,9

0,4

0,4

1,5

RdW

Endnachfrage

9,4

10,3

10,4

9,9

5,5

7,1

5,7

7,7

6,8

9,6

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die den polnischen Agrarsektor betreffenden Handelseffekte differieren deutlich zwischen den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c (siehe Tab. 42 ). Während in der Prognose-Option der Betrag der Nettoexporte um ca. 50 % sinkt, verbessert sich die polnische Agrarhandelsbilanz in der Catching-up-Variante, da hier die starken Anstiege in der Produktivität die negativen Preiseffekte überkompensieren.

Tab. 42: Agrarhandelsbilanz der Region Polen in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c
sowie in den entsprechenden Vorperioden (in Mio. euro) <55>

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

95-04_lib_p

273

-18

-75

-89

320

23

91

164

0

525

1213

05-10_lib_p

165

74

-53

-138

343

-136

0

20

-54

408

629

95-04_lib_c

865

-42

-93

-79

288

369

252

314

39

978

2891

05-10_lib_c

1174

27

-77

-128

263

473

294

291

24

1249

3589

Quelle: Eigene Berechnungen.


76

Die Agrarhandelsbilanz der EU-15 bleibt zwar auch in den Liberalisierungsszenarien der zweiten Periode defizitär, im Gegensatz zur Vorperiode wird das Defizit jedoch deutlich reduziert (siehe Tab. 43 ). Insbesondere bei Getreide, welches wieder zum Exportgut wird, aber auch bei Kartoffeln, Schweinefleisch und Milch ergeben sich deutliche Handelsgewinne, die auf technischen Fortschritt sowie gestiegene Produktionsanreize durch höhere Preise zurückzuführen sind.

Tab. 43: Agrarhandelsbilanz der Region EU-15 in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c
sowie in den entsprechenden Vorperioden (in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

Basis_lib_p

-1107

-4137

-1142

929

-974

790

-4243

4474

61

-5084

-10433

05-10_lib_p

165

-4470

-1287

1121

-928

1369

-3713

6610

461

-4325

-4996

Basis_lib_c

-971

-4109

-1140

929

-942

564

-4242

4592

132

-5066

-10222

05-10_lib_c

404

-4419

-1280

1121

-867

945

-3659

6822

586

-4324

-4671

Quelle: Eigene Berechnungen.

Bei der Simulation einer vollständigen Liberalisierung der polnischen Agrarpolitik ergeben sich wie erwartet für die Region Polen starke Verluste in der Produzentenrente und starke Zuwächse in der Konsumentenrente sowie positive Budgeteffekte (siehe Tab. 44 ).

Tab. 44: Wohlfahrtswirkungen in der Region Polen in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c sowie den politikstabilen Szenarien ref 05-10_lib_p und ref 05-10_lib_c
(Änderung im Vergleich zur jeweiligen Basisperiode in Mio. euro)

 

Polen

 

ref 05-10_lib_p

05-10_lib_p

ref 05-10_lib c

05-10_lib_c

Delta Budgetwirkungen

-544

542

-1237

1251

Delta Konsumentenrente

-353

2062

-286

2115

Delta Produzentenrente

497

-2706

489

-4263

Delta Soziale Wohlfahrt

-399

-102

-1033

-898

Delta Politischer Gewinn / Verlust

-272

-838

-928

-1853

Quelle: Eigene Berechnungen.

Das klassische Ergebnis einer Liberalisierung, ein absoluter Zuwachs an sozialer Wohlfahrt, wird hier nicht erreicht, da die Shifts in Angebot und Nachfrage die Politikänderungen überlagern. Der implementierte technische Fortschritt verstärkt die negativen Auswirkungen auf die Produzentenrente. Gleichzeitig unterstützen die Bevölkerungs- und die Einkommensentwicklung einen Anstieg der Weltmarktpreise, der


77

wiederum die Konsumentenrente relativ geringer anwachsen läßt. Im Vergleich zur Beibehaltung der bestehenden Politik (ref 05-10_lib_p und ref_05-10_lib_c) zeigt sich jedoch, daß auch in Polen eine Liberalisierung der Agrarpolitik die Wohlfahrtssituation positiv beeinflussen würde. Die politökonomische Betrachtungsweise hingegen zeichnet ein umgekehrtes Bild: die Politik des Status quo ist in beiden Optionen dem Freihandel eindeutig vorzuziehen.

In der EU-15 sind die Änderungen der Wohlfahrt primär das Resultat der neuen Preissituation auf den Weltmärkten, die steigende Produzentenrenten und sinkende Konsumentenrenten bewirkt (siehe Tab. 45 ). Aufgrund der vollständigen Liberalisierung in der ersten Periode wird zwar das Staatsbudget nicht mehr belastet, doch insgesamt sinkt die Wohlfahrt. Die politische Akzeptanz aber steigt.

Obwohl in den Liberalisierungsszenarien der zweiten Periode keine Politikänderungen für die Region EU-15 simuliert wurden, unterscheiden sich die Ergebnisse der Szenarien 05-10_lib_p/c von den politikstabilen Varianten (ref 05-10_p/c). Diese Verschiedenheiten ergeben sich aus den Politikänderungen in der Region Polen, die über den Weltmarkt in geringem Ausmaß auch auf die EU-15 einwirken.

Tab. 45: Wohlfahrtswirkungen in der Region EU-15 in den Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c sowie den politikstabilen Szenarien ref 05-10_lib_p und ref_05-10_lib_c
(Änderung im Vergleich zur Basisperiode in Mio. euro)

 

Europäische Union

 

ref 05-10_lib_p

05-10_lib_p

ref 05-10_lib_c

05-10_lib_c

Delta Budgetwirkungen

0

0

0

0

Delta Konsumentenrente

-4663

-5352

-4077

-4894

Delta Produzentenrente

4458

5166

3910

4720

Delta Soziale Wohlfahrt

-205

-186

-166

-171

Delta Politischer Gewinn / Verlust

792

912

772

885

Quelle: Eigene Berechnungen.

Bedingt durch das Finanzierungs- und Subventionssystem der Europäischen Union, welches unter anderem auf den Ausgleich regionaler Disparitäten ausgerichtet ist, sind bei einem Beitritt Polens neben den hier dargestellten Wohlfahrtseffekten weitere interregionale Einkommensumverteilungen zu erwarten. Diese werden jedoch bei den Modellrechnungen nicht berücksichtigt.


78

6.2.3. Einordnung und Diskussion der Ergebnisse der Liberalisierungsszenarien

Die Analyse der Ergebnisse der Liberalisierungsszenarien vor dem Hintergrund der letzten und der kommenden WTO-Verhandlungen ist unproblematisch. Durch den vollständigen Abbau der Handelsinstrumente ist die Hauptforderung der WTO erfüllt und die im WTO-Abkommen von Marrakesch formulierten Einschränkungen sind obsolet. Auch hinsichtlich der Finanzierung im Rahmen der Agrarleitlinie werden keine Restriktionen mehr verletzt, da eine Belastung des EU-Budgets durch die Agrarpolitik nicht mehr erfolgt. Die Übertragung der GAP auf neue Mitgliedsstaaten würde sich ebenfalls unkompliziert gestalten. Durch den Wegfall aller Protektionsmaßnahmen in der EU bedarf es keiner speziellen Anpassung der GAP an nationale Gegebenheiten mehr. Lediglich der Zeitraum der schrittweisen Liberalisierung der Politik der Beitrittsländer müßte definiert werden.

Die Betrachtung der Handelseffekte über den gesamten Untersuchungszeitraum (1995-2010) zeigt, daß die neue EU-16 vormals hoch protektionierte Exportprodukte wie Zucker, Rindfleisch und Milch in einer Freihandelssituation statt dessen importieren würde. Lediglich bei Kartoffeln würde sich die Handelssituation in die umgekehrte Richtung verändern. Für den gesamten Agrarsektor ergäbe sich eine grundsätzlich veränderte Handelsposition: Die Europäische Union würde zum Nettoimporteur für landwirtschaftliche Güter.

Das nationale Ergebnis für den neuen Mitgliedstaat Polen ist ein anderes: In der Basisperiode noch Nettoimporteur, wird Polen bereits in der ersten Simulationsperiode zum Nettoexporteur für Agrarprodukte (siehe Tab. 35 ). Auch nach dem Beitritt und der damit verbundenen Liberalisierung bleibt die Agrarhandelsbilanz positiv (siehe Tab. 42 ) und wird in der Catching-up-Variante sogar noch verbessert. Im Gegensatz zur Europäischen Union, die in den Liberalisierungsszenarien deutlich an Handelsmacht im Agrarsektor verliert, scheint Polen seine internationale Wettbewerbsposition stärken zu können.

Die Vereinbarkeit einer Reform mit WTO-Bestimmungen und Budgetrestriktionen sowie die Bestimmung der sich ergebenden Handelseffekte sind wichtige Indikatoren zur Beurteilung einer Politikoption, Aussagen zu ihrer tatsächlichen Realisierung sind damit jedoch nicht verbunden.

Das Haupthindernis zur Durchführung einer Liberalisierung bilden die anfänglichen hohen Verluste an Produzentenrente von ca. 33 Mrd. euro in der EU-15 bzw. 2,7-4,2 Mrd. euro in Polen (siehe Tab. 36 und Tab. 44 ). Mit dieser Politikvariante wären demzufolge gravierende


79

Anpassungsprozesse und Änderungen der Agrarstruktur sowie starke soziale Probleme für die Landwirte verbunden. Wie aus den Simulationen der zweiten Periode für die EU-15 ersichtlich (siehe Tab. 45 ), kann langfristig zwar wieder ein Anstieg der Produzentenrente erzielt werden, doch umfaßt dieser nur einen Bruchteil der vorher entstandenen Einbußen. Vor dem Hintergrund der neoklassischen Ökonomie wäre eine Liberalisierung dennoch eine rationale Lösung, wenn hierdurch die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt gesteigert werden könnte. Dieses trifft für die EU-15 zu (siehe Tab. 36 ). Folglich müßte der vollständige Abbau der Protektion einer Beibehaltung der gegenwärtigen Agrarpolitik vorgezogen werden.

Die Erweiterung der Rechnungen um eine politökonomische Betrachtungsweise führt jedoch zu einem gegenteiligen Ergebnis. Wie bereits in Tab. 23 ersichtlich, verfügen die EU-Produzenten im Vergleich zu den Konsumenten über ein deutlich stärkeres politisches Gewicht. Die Umsetzung einer ”produzentenfeindlichen“ Politik, in diesem Fall der Abbau der Protektion, würde demzufolge von einer Zustimmung seitens der Konsumenten, aber von deutlich stärkeren Protesten durch die Produzenten begleitet sein. Politische Prestige- und somit auch Wählerverluste wären das Resultat. Aus politökonomischer Sicht ist diese Politikvariante bei konstanten politischen Präferenzen keine rationale Option. Eine vollständigen Liberalisierung der Agrarpolitik stellt somit auch hinsichtlich der politischen Durchführbarkeit keine sehr wahrscheinliche Variante dar.

Die Realität unterstützt diese Annahmen und Berechnungen. Sowohl in vergangenen internationalen GATT-Verhandlungen als auch in EU-internen Debatten zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik wurde und wird ein bedingungsloser Freihandel im Agrarbereich eindeutig abgelehnt (Paarlberg 1996; Agra-Europe 1997c, Europa-Nachrichten 17).

Für Polen ergibt sich hinsichtlich der Umsetzung einer vollständigen Liberalisierung eine ähnliche Einschätzung wie für die EU-15. Ein Unterschied besteht jedoch in dem Ergebnis für die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt, die nicht wie erwartet ansteigt (siehe Tab. 44 ). Doch auch in Polen werden die starken Verluste an Produzentenrente durch die politischen Gewichtungsfaktoren, die eine Orientierung zur Erzeugerseite erkennen lassen, in ihrer Wirkung noch verstärkt. Trotz des Zuwachses an Konsumentenrente und den positiven Budgeteffekten erscheint, unter Berücksichtigung der politökonomischen Restriktionen, die vollständige Liberalisierung der polnischen Agrarpolitik als suboptimale Lösung. Folglich ist auch in Polen bei den aktuellen politischen Präferenzen keine Zustimmung der


80

Regierung zu dieser Politikvariante zu erwarten, gleichwohl wäre sie im Vergleich zur Beibehaltung der gegenwärtigen Politik hinsichtlich der Maximierung der sozialen Wohlfahrt die bessere Option (siehe Tab. 44 : Vergleich 05-10_lib_p/c mit ref 05-10_lib_p/c).

Auch hier werden die Simulationsergebnisse durch die Realität gestützt. Wie in Kapitel 2.1 beschrieben, zeigt gerade die jüngste Vergangenheit der polnischen Agrarpolitik die Schwierigkeiten der Regierungen bei der Durchsetzung eines Abbaus des Produzentenschutzes. Auch die polnischen WTO-Vereinbarungen, die im Vergleich zu Staaten wie Ungarn und Tschechien dem polnischen Agrarsektor einen relativ hohen Außenschutz garantieren (Twesten 1998, S. 127ff.), zeigen eher die Tendenz, sich das Recht auf Protektion bei landwirtschaftlichen Produkten zu sichern als eine Liberalisierung des Agrarhandels anzustreben.

6.3. Agenda 2000

6.3.1. Erste Periode: Umsetzung der Agenda 2000 in der EU-15

Die Entwicklung der Weltmarktpreise wird auch in den Szenarien zur Agenda 2000 entscheidend von den Shifts im Angebot und in der Nachfrage (Szenario 95-04_p) bestimmt (siehe Abb. 11 ).

Abb. 11: Weltmarktpreisänderungen in den Szenarien 95-04_p und 95-04_ag_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode) a

a Die Weltmarktpreisentwicklungen im Szenario 95-04_p zeigt auch Abb. 7 . Die erneute Darstellung dient der besseren Vergleichbarkeit dieser politikstabilen Option mit der politikveränderten Variante 95-04_ag_p.

Quelle: Eigene Berechnungen.


81

Der zusätzliche Einfluß der Politikänderung (Szenario 95-04_ag_p) dokumentiert sich durch die im Vergleich um 2-3 % höheren Weltmarktpreise bei den nun schwächer protektionierten Produkten Getreide, Öl- und Eiweißpflanzen sowie Rindfleisch. Hingegen ergeben sich bei Schweinefleisch und Geflügel im Vergleich zu Szenario 95-04_p geringere Weltmarktpreise, die auf das verstärkte Angebot zurückzuführen sind (siehe Tab. 46 ). Starke Auswirkungen der Agenda 2000 auf die Weltmarktpreise sind insgesamt nicht zu erwarten.<56>

Wie aus Abb. 12 ersichtlich, kompensieren die Weltmarktpreisentwicklungen teilweise den Abbau der Preisstützung für die EU-Erzeuger. Rindfleischproduzenten erhalten trotz gesunkener Preisstützung sogar höhere Preise als in der Basisperiode. Die Preissenkung im Getreidesektor ist mit ca. 3 % vergleichsweise moderat, lediglich bei Ölsaaten- und Eiweißpflanzen ergeben sich starke Preiseinbußen.

Abb. 12: Änderungen der Erzeugerpreise in der Region EU-15 im Szenario 95-04_ag_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)<57>

Quelle: Eigene Berechnungen.

In der EU-15 werden bei der Mehrzahl der Agrargüter Produktionssteigerungen realisiert. Diese sind jedoch im Vergleich zum politikstabilen Szenario 95-04_p besonders bei Getreide, aber auch bei Rindfleisch relativ gering (siehe Tab. 46 und auch Tab. 31 ). Hingegen werden die vergleichsweise wenig gestützten Produkte Kartoffeln, Geflügel und Schweinefleisch durch die Agenda 2000 wettbewerbsfähiger. Produktionseinbußen sind


82

bei Öl- und Eiweißpflanzen zu erwarten, bei Zucker und Milch bleibt die angebotene Menge aufgrund der Quotenregelung konstant.

In den Regionen Polen und dem Rest der Welt fördern die dargelegten Weltmarktpreisänderungen sowie der technische Fortschritt die Agrarproduktion und führen zu steigenden Angebotsmengen bei allen Produkten (siehe Tab. 46 ).

Tab. 46: Produktionsänderungen im Szenario 95-04_ag_p (in % im Vergleich zur Basisperiode)

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

7,8

-16,4

9,7

10,1

0,0

15,7

7,5

20,2

18,0

0,0

Polen

21,5

27,2

16,3

16,7

34,0

9,4

21,1

13,9

12,3

32,0

RdW

15,6

18,1

17,7

17,6

12,4

9,2

9,1

9,8

9,8

15,2

Quelle: Eigene Berechnungen.

Bedingt durch die niedrigeren Stützpreise für Getreide sinken auch die Preise für die Zwischennachfrager in der EU-15 (siehe Abb. 13 ). Im Ölsaatensektor hingegen vollzieht sich der Protektionsabbau im Bereich der direkten Zahlungen, so daß die Zwischennachfrager, für die bereits vorher Weltmarktpreise galten, lediglich den vom Weltmarkt ausgehenden Preisänderungen gegenüberstehen; letzteres gilt gleichermaßen für die Zwischennachfrage nach Kartoffeln. Die Zucker- und Milchpreise, fixiert durch Quoten und Stützpreise, ändern sich nicht.

Abb. 13: Preisänderungen für Zwischen- und Endnachfrage in der Region EU-15
im Szenario 95-04_ag_p (in % im Vergleich zur Basisperiode)

Quelle: Eigene Berechnungen.


83

Die Preisänderungen führen in der EU-15 in erster Hinsicht zu einer verstärkten Verfütterung von Getreide; weiterhin wird für die Verwendung von Ölsaaten und Ölkuchen ein Anstieg prognostiziert (siehe Tab. 47 ). Der Verbrauch von Kartoffeln und Milch hingegen bleibt nahezu konstant.

In Polen steigt die Zwischennachfrage nach Öl- und Eiweißpflanzen, Ölkuchen sowie Kartoffeln an. Die im Preis relativ deutlich erhöhten Produkte Getreide und Milch werden weniger nachgefragt (siehe Tab. 47 ).

Tab. 47: Mengenänderungen in der Zwischennachfrage in den Regionen EU-15 und Polen
im Szenario 95-04_ag_p (in % im Vergleich zur Basisperiode)

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

KART

MIL

EU-15

24,7

8,0

10,7

1,7

0,2

Polen

-0,6

21,9

26,0

6,2

-12,1

Quelle: Eigene Berechnungen.

Für den Endkonsumenten in der EU-15 ergibt sich ein differenziertes Bild (siehe Abb. 13 ): Während bei Getreide und Rindfleisch die Preise um 7 % fallen sind bei den Ölsaatenprodukten, Kartoffeln sowie Geflügel und Schweinefleisch Preisanstiege bis maximal ca. 10 % zu erwarten. Trotzdem wird hinsichtlich der nachgefragten Mengen bei der Mehrzahl der Produkte ein Anstieg prognostiziert (siehe Tab. 48 ). Nur bei Schweinefleisch und Geflügel kommt es zu einer verminderten Nachfrage.

Tab. 48: Mengenänderungen in der Endnachfrage im Szenario 95-04_ag_p
(in % im Vergleich zur Basisperiode)

Region

GETR

ÖLEW

ÖLE

ÖLKU

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

8,9

2,7

5,8

-

0,0

0,4

14,7

-2,6

-1,1

0,0

Polen

2,7

2,6

10,3

-

7,4

1,3

2,5

7,0

5,0

1,4

RdW

14,8

17,2

18,7

18,0

11,9

13,2

8,1

15,1

12,9

14,6

Quelle: Eigene Berechnungen.

Da für Polen sowie dem Rest der Welt in diesem Szenario keine Politikänderungen simuliert wurden, resultieren die Preiseffekte für die Verbraucher in diesen Regionen wie auch für die Produzenten direkt aus den Änderungen der Weltmarktpreise (siehe Abb. 11 ). Hier errechnen sich starke Preisanstiege für alle Produkte. Vor dem Hintergrund eines relativ hohen Ausgabenanteils für Nahrungsmittel am Gesamteinkommen (siehe Kapitel 5.2 ) könnten diese Entwicklungen für einige Bevölkerungsgruppen soziale


84

Probleme aufwerfen. Die insgesamt gestiegene Endnachfrage (siehe Tab. 48 ), die zum Teil auf die erhöhte Bevölkerung, zum Teil auf die mit dem Wirtschaftswachstum einhergehenden Einkommenszuwächse zurückzuführen ist, bestätigt jedoch keinen generellen Trend in diese Richtung.

Nach der Einführung der Agenda 2000 wird der Saldo der Agrarhandelsbilanz der EU-15 deutlich erhöht (siehe Tab. 49 ). Zwar ist bei einigen Produkten ein Rückgang der Ausfuhren zu erwarten, doch steht diesem ein starker Anstieg der Schweinefleisch- und der Geflügelexporte gegenüber.

Tab. 49: Agrarhandelsbilanz der Region EU-15 in der Basisperiode und im Szenario 95-04_ag_p
(in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

Basisperiode

1679

-4434

-2220

781

738

-28

972

1002

561

2134

1186

95-04_ag_p

102

-5754

-2515

1007

691

503

289

6080

2069

1899

4374

Quelle: Eigene Berechnungen.

Polen wird in den Szenarien 95-04_ag_p und 95-04_ag_c zum Nettoexporteur für Agrarprodukte (siehe Tab. 50 ). Insbesondere bei Getreide und Milch, aber auch bei Zucker und Ölsaaten sowie Schweinefleisch kann die Handelsposition deutlich verbessert werden. In der Catching-up-Variante sind diese Effekte erwartungsgemäß noch stärker ausgeprägt.

Tab. 50: Agrarhandelsbilanz der Region Polen in der Basisperiode
und in den Szenarien 95-04_ag_p und 95-04_ag_c (in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

Basisperiode

-90

-10

-52

-88

56

1

-17

47

-25

-10

-189

95-04_ag_p

268

1

-71

-90

247

52

52

126

-15

308

877

95-04_ag_c

851

-24

-88

-81

219

425

198

280

26

674

2482

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Simulation der Agenda 2000 ergibt für die EU-15 in der Prognose-Variante einen Wohlfahrtsgewinn, in der Catching-up-Version einen Wohlfahrtsverlust ( Tab. 51 ). In Höhe und Richtung ähnliche Effekte zeigen auch die politökonomischen Parameter. Unter der Annahme, daß die prognostizierte Option die realen Gegebenheiten widerspiegelt, könnte dieses Resultat darauf hinweisen, daß die Politiker des Berliner EU-Gipfels im März 1999 in ihren Verhandlungen tatsächlich zu einem rationalen, den politischen Präferenzen entsprechenden Ergebnis gelangt sind.


85

Tab. 51: Wohlfahrtswirkungen in der Region EU-15 in den Szenarien 95-04_ag_p und 95-04_ag_c sowie den politikstabilen Varianten 95-04_p und 95-04_c
(Änderung im Vergleich zur Basisperiode in Mio. euro)

 

Europäische Union

 

95-04_p

95-04_ag_p

95-04_c

95-04_ag_c

Delta Budgetwirkungen

-3250

-1461

-3368

-1517

Delta Konsumentenrente

-7323

-1463

-6828

-998

Delta Produzentenrente

9166

3066

8521

2417

Delta Soziale Wohlfahrt

-1407

142

-1675

-98

Delta Politischer Gewinn / Verlust

405

132

125

-121

Quelle: Eigene Berechnungen.

Allerdings zeigt sich, daß ohne Reform der gegebenen Politik (Szenarien 95-05_p/c) die Wohlfahrtswirkungen zwar wesentlich ungünstiger wären, der politische Gewinn jedoch deutlich höher ausfallen würde. Folglich wäre es aus Sicht der Politiker vorteilhafter gewesen, die bestehende Agrarpolitik nicht zu reformieren. Mögliche Ursachen für diese scheinbar irrationale politische Entscheidung liegen in den Rahmenbedingungen, in die die Entscheidung über eine Reform der GAP eingebettet war (siehe auch Kapitel 2.2 ). So sind beispielsweise durch die Agrarleitlinie die möglichen Ausgabenerhöhungen im Agrarbereich fixiert und durch den Druck des letzten WTO-Abkommens auch einige Veränderungen unabhängig von der politischen Willensbildung notwendig geworden.

Tab. 52: Wohlfahrtswirkungen in der Region Polen in den Szenarien 95-04_ag_p und 95-04_ag_c sowie den politikstabilen Varianten 95-04_p und 95-04_c
(Änderung im Vergleich zur Basisperiode in Mio. euro)

 

Polen

 

95-04_p

95-04_ag_p

95-04_c

95-04_ag_c

Delta Budgetwirkungen

-448

-434

-1125

-1113

Delta Konsumentenrente

-708

-703

-632

-631

Delta Produzentenrente

881

876

1005

1024

Delta Soziale Wohlfahrt

-274

-260

-753

-720

Delta Politischer Gewinn / Verlust

-28

-21

-515

-487

Quelle: Eigene Berechnungen.


86

Die sozialen Wohlfahrtseffekte wie auch die politökonomischen Auswirkungen für die Region Polen sind eindeutig negativ (siehe Tab. 52 ). Dies ist wie in den Szenarien
95-04_lib_p und 95-04_lib_c in erster Hinsicht auf die steigenden Konsumentenpreise und die bei bestehender Protektion ansteigenden Staatsausgaben zurückzuführen.

6.3.2. Zweite Periode: EU-Beitritt Polens mit Übernahme der Agenda 2000

Auch in den Agenda 2000-Szenarien der zweiten Periode zeigt sich der geringe Einfluß der polnischen Politik auf die Weltagrarmärkte. Die Weltmarktpreisänderungen resultieren, wie auch in den Liberalisierungsszenarien, aus den prognostizierten Angebots- und Nachfrageentwicklungen und nicht aus den Politikänderungen in der Region Polen (siehe Abb. 14 ).

Die Werte der politikstabilen Szenarien (ref 05-10_ag_p sowie ref 05-10_ag_c) entsprechen folglich im wesentlichen denen der politikveränderten Varianten (05-10_ag_p und 05-10_ag_c). Am Weltmarkt sind die Unterschiede zwischen der prognostizierten und der Catching-up-Variante auch bei diesen Szenarien von untergeordneter Bedeutung.

Abb. 14: Weltmarktpreisänderungen in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c
sowie in den politikstabilen Optionen ref 05-10_ag_p und ref 05-10_ag_c
(in % im Vergleich zur Vorperiode)

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Implementierung der Agenda 2000 in Polen bedingt bei fast allen polnischen Agrarprodukten Erzeugerpreissenkungen (siehe Abb. 15 ): Für Getreide und Ölsaaten gilt jetzt das Weltmarktpreisniveau, da die direkten Ausgleichszahlungen nicht übertragen werden.


87

Bei Milch und Rindfleisch sinkt durch den Abbau bzw. die Teilübertragung der Subventionen gleichfalls das Protektionsniveau unter das vorher bestehende.

Abb. 15: Änderung der Erzeugerpreise in der Region Polen
im Szenario 05-10_ag_p und 05-10_ag_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Quelle: Eigene Berechnungen.

Auch bei Schweine- und Geflügelfleisch sowie Kartoffeln, Produkte bei denen in Polen ein vergleichsweise hoher Schutz bestand, erfolgt bei einem Beitritt eine Absenkung der Protektionsraten und somit der Preise. Lediglich bei Zucker ergaben die Berechnungen starke Preisanstiege. Mit Ausnahme von Zucker sinken analog zur Angebotsseite auch die Preise für die Zwischen- und Endnachfrage (siehe Abb. 16 ).

Abb. 16: Preisänderungen für Zwischen- und Endnachfrage in der Region Polen
in Szenario 05-10_ag_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)<58>

Quelle: Eigene Berechnungen.


88

Die Änderungen der Produzenten- und Konsumentenpreise in der EU-15 sind weitgehend identisch mit den Weltmarktpreisänderungen (siehe Abb. 14 und Tab. 53 ), Ausnahmen bilden aufgrund der restriktiven Quotenregelung Zucker sowie die Milchprodukte. Bei letzteren kommt es zu einem leichten Preisabfall, der sich aus den Politikänderungen im Rahmen der Agenda 2000-Reform ergibt.

Tab. 53: Änderung der Preise in Angebot und Nachfrage in der Region EU-15 im Szenario
05-10_ag_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)<59>

Kategorie

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Produktion

3,5

0,8

1,8

1,4

0

6,7

7,4

7,3

5,8

-4,4

Zwischennachfrage

3,5

0,8

1,8

-

-

6,7

-

-

-

-13,5

Endnachfrage

3,5

0,8

-

1,4

0

6,7

7,4

7,3

5,8

-14,8

Quelle: Eigene Berechnungen.

Trotz der dargestellten Preissenkungen wird auch in der zweiten Periode in der Region Polen bei nahezu allen Produkten ein Produktionsanstieg realisiert, lediglich bei Kartoffeln führen die starken Preiseinbußen im Szenario 05_10_ag_p zu geringeren Angebotsmengen. Bei Zucker werden die Mengen durch die neu eingeführte Quote fixiert. Insgesamt sind die Steigerungen insbesondere auf Produktivitätssteigerungen zurückzuführen und sind entsprechend in der Catching-up-Variante überwiegend höher als in der Prognose-Option (siehe Tab. 54 ).

Tab. 54: Produktionsänderungen in der Region Polen in den Szenarien 05-10_ag_p und
05-10_ag_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

05-10_ag_p

7,3

26,2

10,3

5,3

0

-4,1

14,4

20,2

31,1

20,4

05-10_ag_c

22,0

18,8

9,6

4,8

0

17,5

34,1

27,2

43,8

42,1

Quelle: Eigene Berechnungen.

In der Region EU-15 sowie dem Rest der Welt wirken steigende Preise und die Shifts in Angebot und Nachfrage in die gleiche Richtung, hin zu einer Produktionssteigerung (siehe Tab. 55 ). In der EU-15 bilden wieder die Quotenprodukte Zucker und Milch die Ausnahme: Die Zuckermenge ist fest fixiert und die Milchmenge darf im Rahmen der Agenda 2000 nur um 1,5 % erhöht werden.


89

Tab. 55: Produktionsänderungen in den Regionen EU-15 und Rest der Welt
in Szenario 05-10_ag_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)<60>

Region

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

9,9

6,6

6,5

6,9

0

11,0

6,4

6,6

4,8

1,5

RdW

8,9

9,6

9,8

9,7

5,7

6,3

4,8

6,7

6,3

9,1

Quelle: Eigene Berechnungen.

In der Zwischennachfrage Polens zeigt sich in erster Hinsicht ein starker Anstieg in der Verfütterung von Getreide (siehe Tab. 56 ). Der Einsatz anderer Futtermittel erhöht sich nur in geringerem Maße oder fällt sogar ab.

Tab. 56: Mengenänderungen in der Zwischennachfrage in der Region Polen
in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

KART

MIL

05-10_ag_p

31,8

-4,3

6,6

-3,2

6,9

05-10_ag_c

40,5

3,8

14,8

-2,0

9,3

Quelle: Eigene Berechnungen.

Ein Grund hierfür ist die veränderte Fleischproduktion, in der die kartoffelverbrauchende Erzeugung von Schweinefleisch im Vergleich zur Geflügel- und Milchproduktion an Bedeutung verliert.

Die polnischen Endverbraucher reagieren auf die nationalen Preissenkungen mit einem deutlichen Konsumanstieg speziell bei pflanzlichen Ölen, Kartoffeln und Schweinefleisch (siehe Tab. 57 ).

Tab. 57: Mengenänderungen in der Endnachfrage in der Region Polen
in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

05-10_ag_p

16,1

5,5

-

23,4

0

23,1

6,9

21,5

14,1

2,7

05-10_ag_c

16,3

5,5

-

23,4

0

25,1

7,0

21,7

14,2

2,8

Quelle: Eigene Berechnungen.


90

Die Nachfrager in den Regionen EU-15 sowie dem Rest der Welt erhöhen, mit Ausnahme von Kartoffeln in der EU-15, trotz der überwiegend steigenden Preise ebenfalls ihren Verbrauch (siehe Tab. 58 ). Ein Effekt, der durch steigende Bevölkerungszahlen und erhöhte Einkommen erklärt werden kann.

Tab. 58: Mengenänderung in Zwischen- und Endnachfrage in den Regionen EU-15 und
Rest der Welt in Szenario 05-10_ag_p (in % im Vergleich zur Vorperiode)

Region

Kategorie

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

EU-15

Zwischennachfrage

1,8

5,0

4,8

-

-

2,6

-

-

-

14,9

EU-15

Endnachfrage

1,6

1,9

-

3,8

0

-0,6

0,9

0,5

0,5

3,2

RdW

Endnachfrage

9,4

10,5

10,9

9,8

5,2

7,1

5,8

7,8

6,9

8,8

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Betrachtung der polnischen Handelsbilanz für Agrarprodukte zeigt deutliche Unterschiede zwischen Szenario 05-10_ag_p und 05-10_ag_c (siehe Tab. 59 ): Während in der Prognose-Option der positive Saldo im Vergleich zur Referenz um ca. 10% sinkt, erhöht sich in der Catching-up-Variante die Agrarhandelsbilanz gegenüber der Ausgangssituation von 2,5 Mrd. euro auf fast 4 Mrd. euro. In beiden Szenarien erhöhen sich die Exporte im tierischen Bereich, während im Szenario 05-10_ag_p bei pflanzlichen Produkten eher eine Verminderung der Ausfuhren zu beobachten ist.

Tab. 59: Agrarhandelsbilanz der Region Polen in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c
sowie in den entsprechenden Vorperioden (in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

95-04_ag_p

268

2

-71

-89

249

52

48

129

-16

307

879

05-10_ag_p

-47

60

-76

-138

246

-87

92

153

17

582

803

95-04_ag_c

851

-22

-89

-79

220

425

202

277

27

674

2486

05-10_ag_c

901

5

-107

-128

214

561

410

438

111

1422

3830

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Agrarhandelsbilanzen der EU-15 zeigen in beiden Szenarien die gleichen Tendenzen (siehe Tab. 60 ). Bedingt durch die gestiegenen Weltmarktpreise und die damit verbundenen Angebotserhöhungen kommt es bei Getreide, Kartoffeln sowie Rind- und Schweinefleisch zu erhöhten Ausfuhren. Lediglich im Milchsektor sinken die Exporte.


91

Tab. 60: Agrarhandelsbilanz der Region EU-15 in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c sowie in den entsprechenden Vorperioden (in Mio. euro)

Szenario

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

Saldo

95-04_ag_p

102

-5754

-2515

1009

691

504

291

6086

2076

1900

4390

05-10_ag_p

1916

-5997

-2634

1199

597

1033

1204

8289

2624

1592

9825

95-04_ag_c

286

-5717

-2513

1008

692

287

324

6207

2160

1874

4609

05-10_ag_c

2248

-5930

-2626

1199

598

625

1257

8481

2755

1350

9957

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Übertragung der Agenda 2000 führt in der Region Polen in allen Simulationen zu sozialen Wohlfahrtsverlusten (siehe Tab. 61 ). Die Ursache liegt primär in der deutlichen Senkung der Produzentenrenten.

Tab. 61: Wohlfahrtswirkungen in der Region Polen in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c sowie den politikstabilen Optionen ref 05-10_ag_p bzw. ref 05-10_ag_c
(Änderung im Vergleich zur Basisperiode in Mio. euro)

 

Polen

 

ref 05-10_ag_p

05-10_ag_p

ref 05-10_ag_c

05-10_ag_c

Delta Budgetwirkungen

-473

-78

-1123

183

Delta Konsumentenrente

-324

785

-258

848

Delta Produzentenrente

423

-779

418

-1820

Delta Soziale Wohlfahrt

-373

-73

-962

-789

Delta Politischer Gewinn / Verlust

-264

-266

-873

-1333

Quelle: Eigene Berechnungen.

Weiterhin kommt es in Szenario 05-10_ag_p zu einem Anstieg der Staatsausgaben. In Szenario 05-10_ag_c ergibt hier sich ein positiver Effekt, der aus der günstigeren Handelsstruktur resultiert. Die Konsumenten gewinnen durch die Reform. Wie auch in den Liberalisierungsszenarien ist bei der Wohlfahrtsbetrachtung jedoch zu beachten, daß EU-Subventionen außerhalb der GAP hier nicht berücksichtigt werden.

Auch in der Europäischen Union ergibt sich ein Wohlfahrtsverlust (siehe Tab. 62 ), der allerdings bei der vollständigen Umsetzung der Agenda 2000 geringer ist als in den politikstabilen Varianten (ref 05-10_ag_p bzw. ref 05-10_ag_c). Durch die Beibehaltung einer, wenn auch verminderten, Protektion steigen die Staatsausgaben, die Konsumentenrente sinkt und nur die Produzenten gewinnen hinzu.


92

Tab. 62: Wohlfahrtswirkungen in der Region EU-15 in den Szenarien 05-10_ag_p und 05-10_ag_c sowie den politikstabilen Szenarien ref 05-10_ag_p bzw. ref 05-10_ag_c
(Änderung im Vergleich zur Basisperiode in Mio. euro)

 

Europäische Union

 

ref 05-10_ag_p

05-10_ag_p

ref 05-10_ag_c

05-10_ag_c

Delta Budgetwirkungen

-3803

-1298

-3693

-2927

Delta Konsumentenrente

-5297

-1810

-4595

-36

Delta Produzentenrente

7049

2439

6154

2151

Delta Soziale Wohlfahrt

-2050

-669

-2134

-812

Delta Politischer Gewinn / Verlust

-202

-1070

-465

-1210

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, daß die Agenda 2000 sowohl die positiven Effekte für die Produzenten als auch die negativen Effekte für Konsumenten und Staatshaushalt dämpft. So resultieren Unterschiede zwischen den politikstabilen und politikveränderten Szenarien insbesondere aus dem verringerten Schutz der Milchproduzenten. Die Unterschiede zwischen Prognose-Optionen und Catching-up-Varianten ergeben sich aus unterschiedlichen Weltmarktpreisen, welche in den letzteren tendenziell niedriger sind. Hinsichtlich der Optimierung politischer Ziele ist die Agenda 2000 aber auch in der zweiten Periode eindeutig suboptimal.

6.3.3. Einordnung und Diskussion der Ergebnisse der Agenda 2000-Szenarien

Hinsichtlich der Vereinbarkeit der Ergebnisse mit dem WTO-Abkommen von 1995 sind insbesondere die Bereiche der Subventionierung der Getreide-, Zucker-, Rindfleisch- und Milchexporte von Bedeutung. Die bisher formulierten Beschränkungen gelten lediglich für den Zeitraum bis zum Jahr 2000. Für die nachfolgenden Jahre sind zwar noch keine Regelungen getroffen worden, es kann aber als sicher angenommen werden, daß einmal erreichte Ergebnisse nicht wieder aufgegeben werden. Demzufolge ist zu erwarten, daß die Restriktionen bezüglich des subventionierten Exportes von Gütern eher noch verstärkt werden. Zur Untersuchung der Kompatibilität der Simulationsergebnisse mit den WTO-Zusagen wurden daher die bis jetzt getroffenen Vereinbarungen als Mindestanforderung verstanden und auf den Zeitraum nach 2000 ausgedehnt.

Die Berechnungen ergaben, daß in der EU-15 die Agenda 2000 bei der Mehrzahl der Produkte geeignet scheint, die Bestimmungen der WTO zu erfüllen (siehe Tab. 63 ).


93

Tab. 63: Vereinbarkeit der Ergebnisse der Agenda 2000-Szenarien mit dem WTO-Abkommen von 1995 in der Region EU-15

Szenario

95-04_ag_p

95-04_ag_c

05-10_ag_p

05-10_ag_c

Produkt

Q a

EE b

Q

EE

Q

EE

Q

EE

Getreide

+

+

+

+

+

+

+

+

Zucker

-

-

-

-

-

+

-

+

Rindfleisch

+

+

+

+

+

+

+

+

Milch

+

+

+

+

+

+

+

+

a Vereinbarkeit mit der zugesagten Menge an gestützten Exporten (in t).

b Vereinbarkeit mit der zugesagten Höhe der Exporterstattungen (in Mio. ECU).

Quelle: Eigene Berechnungen.

Lediglich bei Zucker, einem Sektor, der nicht Bestandteil der Reform ist, werden die gegebenen Restriktionen verletzt. Auch bei der Betrachtung der Ergebnisse der zweiten Periode (2005-2010) bleibt dieses Ergebnis im wesentlichen bestehen. Eine sichere Aussage zur Kompatibilität der Politikvarianten mit den WTO-Zusagen kann jedoch mittels der durchgeführten Simulationen aus mehreren Gründen nicht getroffen werden: Die Produktaggregation ermöglicht keine Untersuchung der Auswirkungen auf einzelne Produkte wie beispielsweise Weizenmehle oder Käse. Da die WTO-Zusagen jedoch sehr spezifisch formuliert wurden, kann sich bei einzelnen Gütern eine Verletzung des Abkommens ergeben, auch wenn das Gesamtaggregat korrekt subventioniert wird. Darüber hinaus kann in dem verwendeten Modellansatz, mangels Diversifizierung zwischen inländischen und ausländischen Gütern, der Aspekt des minimalen Marktzuganges für ausländische Produkte nicht untersucht werden.<61> Weiterhin besteht eine hohe Unsicherheit hinsichtlich der Möglichkeit der weiteren Anwendung der direkten Ausgleichszahlungen. Frühestens im Abschlußabkommen der nächsten WTO-Runde wird dieser Aspekt abschließend geklärt werden.

In der aktuellen polnischen Agrarpolitik sind Exporterstattungen nur für Zucker und in Ausnahmefällen für Kartoffelstärke vorgesehen. Die Resultate zeigen, daß auch für Polen die sich aus den Modellrechnungen ergebende Ausdehnung der Exporte im Zuckersektor bereits vor dem EU-Beitritt problematisch werden könnte (siehe Tab. 64 ).


94

Tab. 64: Vereinbarkeit der Ergebnisse der Agenda 2000-Szenarien mit dem WTO-Abkommen von 1995 in der Region Polen

Szenario

95-04_ag_p

95-04_ag_c

05-10_ag_p

05-10_ag_c

Produkt

Q a

EE b

Q

EE

Q

EE

Q

EE

Getreide

+

+

+

+

?

?

?

?

Zucker

-

-

-

-

?

?

?

?

Kartoffeln

?

?

?

?

?

?

?

?

Rindfleisch

+

+

+

+

?

?

?

?

Milch

+

+

+

+

?

?

?

?

a Vereinbarkeit mit der zugesagten Menge an gestützten Exporten (in t).

b Vereinbarkeit mit der zugesagten Höhe der Exporterstattungen (in Mio. ECU).

Quelle: Eigene Berechnungen.

Hinsichtlich des Produktes Kartoffelstärke ist, wie bereits beschrieben, keine eindeutige Aussage möglich. Nach der EU-Integration werden aufgrund der grundsätzlichen Neuerungen in der polnischen Agrarhandelspolitik möglicherweise auch Nachverhandlungen mit der WTO geführt werden. Das Ergebnis dieser Verhandlungen ist ungewiß. Daher wird hier auf Angaben zur WTO-Vereinbarkeit der polnischen Agrarpolitik nach einem EU-Beitritt verzichtet.

Die im Rahmen des Modells berechneten Agrarausgaben umfassen nur einen Teil der durch die Agrarleitlinie beschränkten Zahlungen. Der Vergleich mit den absoluten Zahlen ist daher nicht möglich. Trotzdem kann über den prozentuellen Anstieg der betrachteten Budgeteffekte eine Tendenz aufgezeigt werden. Der zur Berechnung der Agrarleitline zugrundegelegte Wert für das jährliche gesamtwirtschaftliche Wachstum wird bis 2002 mit 2,5 % und bis 2006 mit 2,6 % angegeben, weiterhin wird ein Deflator von 2 % jährlich angenommen (Europäische Kommission 1998d, S. 3). Hieraus ergibt sich ein maximal möglicher Anstieg der Agrarausgaben um 3,9 % bzw. 4 % jährlich. Die Modellrechnungen ergeben in der ersten Periode einen jährlichen Anstieg von ca. 0,8 % in den Szenarien 95-04_ag_p und 95-04_ag_c sowie nach dem Beitritt von 1,4 % im Szenario 05-10_ag_p und 2,5 % in der Variante 05-10_ag_c. Die Werte bleiben somit deutlich unter den maximal möglichen Ausgabensteigerungen.

Hierbei ist jedoch zu beachten, daß die spezifischen Kosten einer Erweiterung der Europäischen Union, wie beispielsweise Heranführungsbeihilfen oder erhöhte Ausgaben in den Regionalfonds nicht berücksichtigt werden. Auch werden die direkten Ausgleichs-


95

zahlungen nicht auf Polen übertragen, so daß sich der Mehrbetrag für die betrachteten Kulturen nicht proportional zur erweiterten Produktion erhöht.

Mit der Durchführung der Agenda 2000 ändert sich die prinzipielle Handelssituation der neuen EU-16 nicht. Lediglich bei Kartoffeln findet ein Wechsel vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur statt. Der Saldo bleibt positiv und wird deutlich erhöht.

Für Polen ergibt sich in der ersten Periode ebenfalls eine klare Verbesserung der Agrarhandelsbilanz, die zu einer Nettoexportsituation für landwirtschaftliche Produkte führt. Nach dem Beitritt hingegen kann es, in Abhängigkeit von dem bis dahin erreichten Produktivitätswachstum, durchaus auch zu leichten Einbußen, insbesondere bei Getreide, Kartoffeln und Geflügel kommen. Die Agrarhandelsbilanz bleibt jedoch in allen Szenarien eindeutig positiv.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der ersten Periode überrascht die tatsächliche Realisierung der Agenda 2000. Im Vergleich mit der Beibehaltung der bestehenden Gemeinsamen Agrarpolitik wird die soziale Wohlfahrt zwar erhöht, doch der politische Gewinn wird nicht maximiert (siehe Tab. 51 ). In der Catching-up-Variante resultiert sogar ein Verlust an politischer Akzeptanz. Diese Trends sind auch in der zweiten Simulationsperiode zu beobachten: Die Umsetzung der letzten Maßnahmen des Agenda 2000-Reformpaketes bringt, insbesondere im Milchsektor, im Vergleich zur Referenz erneut negative Folgen für die Produzenten, aber positive Effekte für Konsumenten und Budget mit sich (siehe Tab. 62 ). Die soziale Wohlfahrt ist relativ zur Referenz weniger stark gefallen, doch die politischen Verluste sind erheblich.

Eine mögliche Erklärung für die Durchführung der Agenda 2000 trotz der damit verbundenen politischen Probleme liegt, wie bereits angedeutet, in internen, aber vor allem auch externen Beschränkungen. Die aus der Uruguay-Runde resultierenden Restriktionen machen eine partielle Reform der GAP unabhängig von politischen Wünschen notwendig und ermöglichen der EU nur einen eingeschränkten politischen Aktionsraum. Ähnliches gilt für die Einhaltung der Agrarleitlinie. Auch die Erweiterung der EU, die mit der Aufnahme von Staaten mit wichtigen Agrarsektoren verbunden sein wird, bedingt Veränderungen in der GAP, die ohne neue Mitgliedsländer vielleicht nicht realisiert werden würden.

Die Wohlfahrtsberechnungen für die Region Polen zeigen durchaus von der EU divergierende Ergebnisse: Die soziale Wohlfahrt und das politische Prestige der Regierung


96

sinken, doch im Vergleich zur Beibehaltung des Status quo sind die Verluste tendenziell geringer (siehe Tab. 52 sowie Tab. 61 ).

In der ersten Periode ist Polen nur ein Empfänger der vom Weltmarkt ausgehenden Impulse. Eigenständige Aktionen finden nicht statt und können folglich auch nicht näher analysiert werden. In der zweiten Periode hingegen verfügt Polen über einen Entscheidungs- und Aktionsspielraum, der durch die Art und Weise der polnischen Gestaltung der Beitrittsverhandlungen definiert wird.<62> Die Frage, ob eine Übernahme der Agenda 2000 im Vergleich zur Beibehaltung der bestehenden Agrarpolitik für die polnischen Entscheidungsträger eine rationale, folglich vorteilhaftere Option darstellt, kann durch die Ergebnisse nicht eindeutig geklärt werden. In der Prognose-Option sind bei Einführung der Agenda 2000 die negativen sozialen Wohlfahrtseffekte im Vergleich zur Referenz weniger stark ausgeprägt und die politischen Verluste nahezu gleich (siehe Tab. 61 ). Hier erscheint die Übernahme der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU ökonomisch sinnvoll und politisch vertretbar. In der Catching-up-Variante hingegen zeigen sich im Vergleich mit dem Status quo zwar ebenfalls positive Effekte bezüglich der sozialen Wohlfahrt, doch ergeben sich auch gravierende Einbußen in der politischen Akzeptanz. Aus den durchgeführten Simulationen kann demzufolge der Schluß gezogen werden, daß bei relativ stärkeren Produktivitätszuwächsen in der polnischen Landwirtschaft bis zum EU-Beitritt eine verhältnismäßig schwierigere Debatte um die Übernahme der Agenda 2000 auf nationaler Ebene wie auch in den EU-Beitrittsverhandlungen zu erwarten sein wird.

6.4. Zusammenfassende Betrachtung

Die beiden Grundoptionen vollständige Liberalisierung sowie Agenda 2000 wurden ausgewählt, um mit zwei Extrempunkten ein breites Spektrum an möglichen Entwicklungen aufzuspannen. Der theoretisch optimalen Lösung wurde die in der Realität wahrscheinlichste Variante gegenübergestellt. Die dargestellten Resultate haben gezeigt, welche Maximalwerte hinsichtlich Produktion, Konsum, Handel und Wohlfahrt erreicht werden könnten und welche wahrscheinlich erreicht werden. Weiterhin ergaben die Simulationen, daß Polen in allen hier untersuchten Fällen zukünftig wieder eindeutig als Nettoexporteur am Weltmarkt für Agrarprodukte agieren wird. Für die neue EU-16 könnte jedoch eine


97

weitere Liberalisierung der GAP über die Agenda 2000 hinaus eine Schwächung der Handelsmacht mit sich bringen.

In der Diskussion der Ergebnisse wurde auch der Zielkonflikt zwischen Maximierung der sozialen Wohlfahrt und Aufrechterhaltung der bestehenden politischen Macht aufgezeigt. Ein Ansatz zur Auflösung dieses Dilemmas bietet die mögliche Umverteilung der im Zuge einer Liberalisierung steigenden gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt. Wie vielfach diskutiert, könnten die finanziellen Ressourcen für produktionsunabhängige Transfers genutzt werden, wodurch neben der ökonomisch optimalen Allokation der Faktoren auch eine höhere politische Akzeptanz erreicht werden könnte.

Es zeigt sich aber auch, daß externe Restriktionen Reformen unterstützen, die innenpolitisch<63> nicht unbedingt durchsetzbar wären. Diese Beschränkungen können demzufolge auch als politische Chancen verstanden werden, die dazu beitragen können, unpopuläre Reformen zu realisieren.


Fußnoten:

<45>

Die Bennenung der politikstabilen Szenarien in der ersten Periode erfolgt analog zu den politikveränderten Varianten, es entfällt lediglich die Abkürzung für die Politkoption (95-04_p und 95-04_c). Zur besseren Orientierung sind alle Szenarienskürzel nochmals in Anhang 1 aufgelistet.

<46>

Eine vollständige Darstellung aller Einzelergebnisse erfolgt in Anhang 8-14.

<47>

Für die Darstellung der Ergebnisse der Catching-up-Varianten der ersten Simulationsperiode siehe Anhang 9 sowie Anhang 12.

<48>

Die Änderungen der Preise der Zwischen- und Endnachfrage in der Region Polen entsprechen in diesem Szenario den Weltmarktpreisänderungen.

<49>

Ölkuchen wird lediglich in der Zwischennachfrage verbraucht (siehe Kapitel 4.4 ). Da für die Region Rest der Welt jedoch lediglich ein Nachfragesektor (Endnachfrage) abgebildet wird, wird das Produkt Ölkuchen hier der Endnachfrage zugeordnet.

<50>

Die Reduzierung der Staatsausgaben auf 0 ist eine vereinfachende Annahme, die in der Realität auch bei einer vollständigen Liberalisierung des Agrarsektors kaum erreicht werden wird. Wahrscheinlicher ist, daß nicht alle Aufgaben vom privaten Sektor übernommen werden, sondern auch weiterhin staatliche Ausgaben bspw. für Marktinformation, Qualitätssicherung sowie Aus- und Weiterbildung getätigt werden.

<51>

Jedem politiklosen Szenario der zweiten Periode liegt ein anderes Szenario aus der Basisperiode zugrunde. Die jeweiligen politiklosen Szenarien beinhalten aber immer äquivalente Rahmenbedingungen: Politische Änderung in der ersten Periode sowie exogene Shifts bei Angebot und Nachfrage, aber keine politischen Eingriffe in der zweiten Periode. In der Notation erfolgt zuerst die Abkürzung ref für Referenz und anschließend die Angabe des jeweiligen Politikszenarios (siehe auch Anhang 1).

<52>

Nach der vollständigen Liberalisierung in der ersten Periode sind die EU-Preise nur noch von den Entwicklungen auf den Weltmärkten abhängig.

<53>

Die Ergebnisse der Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c sind bezüglich der Produktionsänderungen in den Regionen EU und RdW nahezu identisch, daher erfolgt keine separate Darstellung im Text (siehe Anhang 11 ).

<54>

Die Ergebnisse der Szenarien 05-10_lib_p und 05-10_lib_c sind in den Regionen EU und RdW hinsichtlich der Mengenänderungen in der Nachfrage nahezu identisch und werden folglich nicht gesondert dargestellt (siehe Anhang 11 ).

<55>

Wie bereits beschrieben, erfolgte die Durchführung der Simulationen in zwei Stufen. Dabei dienten die Ergebnisse der ersten Periode (1995-04) als Ausgangsbasis für die zweite Periode (05-10). Sie stellen folglich das jeweilige Referenzsystem dar.

<56>

Da, wie bereits in den Liberalisierungsszenarien, die Catching-up-Variante im Vergleich zur Prognose-Option in der ersten Periode nur bei wenigen Parametern Unterschiede ausweist, wird auf eine vollständige Darstellung im Text verzichtet (siehe Anhang 12 ).

<57>

Die Änderungen der Erzeugerpreise in der Region Polen entsprechen in diesem Szenario den Weltmarktpreisänderungen.

<58>

Die Preisänderungen für die polnische Zwischen- und Endnachfrage im Szenario 05-10_ag_c stimmen im wesentlichen mit denen aus Szenario 05-10_ag_p überein und werden nur im Anhang 14 dargestellt.

<59>

Die Preisänderungen in der EU-15 im Szenario 05-10_ag_c sind nahezu identisch mit Szenario 05-10_ag_p und werden daher im Text nicht gesondert dargestellt (siehe Anhang 14 ).

<60>

Die Mengenänderungen in der EU-15 sowie im Rest der Welt im Szenario 05-10_ag_c entsprechen den Ergebnissen in Szenario 05-10_ag_p und werden folglich nur im Anhang dargestellt (siehe Anhang 14 ).

<61>

Hierzu bedarf es eines Modells, welches die Armington-Annahme beinhaltet und folglich auch bei sonst gleichartigen Produkten zwischen inländisch und ausländisch produzierten Gütern unterscheidet.

<62>

Die Mitgliedsstaaten der EU werden zwar die Beitrittsverhandlungen dominieren, doch können auch die Kandidatenländer eigene Vorschläge für mögliche Sonderregelungen einbringen.

<63>

”Innenpolitisch“ wird hier als innerhalb der Europäischen Union verstanden.


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