Herok, Claudia A: Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und EU-Integration Polens : Auswirkungen auf landwirtschaftliche Produktion und Handel

98

Kapitel 7. Kritische Anmerkungen und Forschungsimplikationen

Dieses Kapitel dient der kritischen Betrachtung der Modellierungen und der Darstellung möglicher Verbesserungen und Erweiterungen. Am Anfang steht die Kritik am MISS-Modell an sich. Anschließend erfolgen Sensitivitätsanalysen zu empfindlichen Parametern. Den Abschluß bilden die sich aus der Arbeit ergebenden Forschungsimplikationen.

7.1. Modellkritik

Wie in Kapitel 3.1 ausgeführt ist das MISS-Modell grundsätzlich gut geeignet, die ausgewählten Fragestellungen zu untersuchen, doch bleibt auch Raum für Verbesserungen und Ergänzungen: Die komparativ-statische Analyse ermittelt zwar das am Ende eines Entwicklungspfades stehende neue Gleichgewicht, der dazwischenliegende Weg bleibt aber unbekannt. Parameter, die den Anpassungsprozeß hemmen, (bspw. Pfadabhängigkeiten) bleiben ebenso unberücksichtigt wie fördernde Faktoren (bspw. politikinduzierter organisatorisch-technischer Fortschritt). Auch Aussagen zur Länge des Zeitraums bis zur Erreichung des neuen Gleichgewichtes sind nur begrenzt möglich. Eine Dynamisierung des Modells, insbesondere bei der Simulation gravierender Politikänderungen wie einer vollständigen Liberalisierung, wäre daher sinnvoll. Dazu bedarf es aber noch verbesserter Informationen über das komplexe Risiko-, Investitions- und Kaufverhalten der Akteure. Eine andere Möglichkeit wäre die Ergänzung des MISS-Modells um betriebsorientierte Modelle, die genauere Analysen zur Entwicklung und Anpassung der Produzenten ermöglichen sowie um spezifische Modelle zum Nachfragerverhalten.

Ein weitere Einschränkung des Modells stellt die bereits in Kapitel 3.1.1 diskutierte Annahme des vollkommenen Marktes dar. Unvollkommenheiten wie bspw. Transaktionskosten, Monopol- oder Oligopolsituationen können nicht abgebildet werden. Auch hier gibt es andere Modellansätze, wie ungleichgewichtige Modelle oder spezifische Transaktionskostenmodelle, die aber wiederum hinsichtlich der Datenmenge und -güte deutlich anspruchsvoller sind. Die Erweiterung des Modells um weitere Inputfaktoren wie Arbeit oder Kapital wäre eine weitere Verbesserungsmöglichkeit, die speziell für die Region Polen von Vorteil wäre. Darüber hinaus könnten durch die Aufnahme weiterer Untersuchungsregionen Veränderungen in der regionalen Ausrichtung der Handelsströme näher analysiert werden.


99

7.2. Sensitivitätsanalysen

7.2.1. Elastizitäten

Aufgrund mangelnder Informationen über aktuelle polnische Elastizitäten wurden größtenteils EU-Werte als Datengrundlage genutzt (siehe Kapitel 4.5 ). Diese vernachlässigen jedoch mögliche regionale Besonderheiten im Verhalten der polnischen Akteure. Aus diesem Grund wurden hier zusätzliche Simulationen mit zwei unterschiedlichen Elastizitätssätzen durchgeführt.

Tab. 65: Matrix der Angebots- und Nachfrageelastizitäten für Polen vor der Transformation

Angebot

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

GETR

0,33

-0,02

 

 

-0,02

-0,02

 

 

 

 

ÖLEW

 

0,30

 

 

 

 

 

 

 

 

ÖLKU

 

 

0,20

0,27

 

 

 

 

 

 

ÖLE

 

 

0,20

0,27

 

 

 

 

 

 

ZUK

 

 

 

 

0,15

 

 

 

 

 

KART

 

 

 

 

 

0.20

 

 

 

 

RIND

-0,04

 

 

 

 

 

0,70

-0,50

-0,03

-0,10

SCHW

-0,14

-0,01

 

 

 

 

-0,10

0,38

 

 

Gefl

-0,10

-0,01

 

 

 

 

-0,07

 

0,50

 

MIL

-0,02

-0,01

 

 

 

 

-0,05

 

 

0,30

Nachfrage

GETR

ÖLEW

ÖLKU

ÖLE

ZUK

KART

RIND

SCHW

GEFL

MIL

GETR

-0,18

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ÖLEW

 

-0,30

 

 

 

 

 

 

 

 

ÖLKU

 

 

-0,38

 

 

 

 

 

 

 

ÖLE

 

 

 

-0,33

 

 

 

 

 

 

ZUK

 

 

 

 

-0,20

 

 

 

 

 

KART

 

 

 

 

 

-0,20

 

 

 

 

RIND

 

 

 

 

 

 

-0,40

0,20

 

 

SCHW

 

 

 

 

 

 

0,08

-0,30

0,02

 

Gefl

 

 

 

 

 

 

 

0,16

-0,30

 

MIL

 

 

 

 

 

 

 

 

 

-0,15

Quelle: Cochrane (1990, S. 5)


100

Während in der Version lib_elast_EU die bereits in Kapitel 4.5 vorgestellten Elastizitäten verwendet wurden, basiert Version lib_elast_Pl bezüglich der Region Polen auf vor der Transformation ermittelten Elastizitätsangaben (siehe Tab. 65 ). Durch dieses Verfahren soll versucht werden, Aussagen zu generellen Trendverschiebungen im ökonomischen Verhalten der polnischen Konsumenten und Produzenten zu ermöglichen, aber auch die Sensitivität der Ergebnisse in Bezug auf die gewählten Elastizitäten einzuschätzen.

Die zusätzlichen Szenarien wurden mit einem vereinfachten Modell simuliert. Die Datengrundlage des Modells entspricht zwar grundsätzlich der in Kapitel 4 vorgestellten, beinhaltet jedoch keine Zwischennachfrage, da hierfür keine Angaben bezüglich Elastizitäten vorlagen. Als Politikoption wurde eine sofortige, vollständige Liberalisierung der Agrarpolitik in allen Untersuchungsregionen simuliert, weil hier die stärksten Änderungen erwartet werden konnten.

Bei der Betrachtung der Preiseffekte für die Region Polen sind kaum Unterschiede zwischen den Versionen zu erkennen (siehe Abb. 17 ). Hier dominieren die Politikänderungen sowie die Reaktionen des Weltmarktes.

Abb. 17: Preisänderungen in Polen bei einer vollständigen Liberalisierung (in %) -
Simulationen mit unterschiedlichen Elastizitätensätzen

Quelle: Eigene Berechnungen.

Die daraus folgenden Anpassungsreaktionen der Konsumenten und Produzenten zeigen jedoch eine starke Abhängigkeit von den gewählten Elastizitäten: In Version lib_elast_EU reagieren die Produzenten in der Mehrzahl der Fälle deutlich stärker auf veränderte Preise als in Version lib_elast_Pl (siehe Abb. 18 ). Lediglich die Verarbeiter von Ölsaaten bilden hier eine Ausnahme. Der Anstieg der Rindfleischproduktion in Version lib_elast_Pl ist auf


101

die sehr hohe Kreuzpreiselastizität zu Schweinefleisch zurückzuführen.<64> Ähnliches gilt für die Öl- und Eiweißpflanzen im Szenario lib_elast_EU. Hier sind es die Kreuzpreiseffekte mit anderen Ackerkulturen, die die Erhöhung des Angebotes bewirken.

Abb. 18: Produktionsänderungen in Polen bei einer vollständigen Liberalisierung (in %) -
Simulationen mit unterschiedlichen Elastizitätensätzen

Quelle: Eigene Berechnungen.

Auch in der Nachfrage zeigt Version lib_elast_EU eine deutlich stärkere Mengenreaktion auf Preisänderungen (siehe Abb. 19 ). Besonders bei Schweinefleisch und Geflügel sind die Änderungen gravierend. Nur bei Öl- und Eiweißpflanzen sowie Zucker waren die Reaktionen der polnischen Konsumenten vor der Transformation stärker als die der EU-Bürger.

Abb. 19: Änderungen im Konsum in Polen bei einer vollständigen Liberalisierung (in %) -
Simulationen mit unterschiedlichen Elastizitätensätzen

Quelle: Eigene Berechnungen.


102

Die Ergebnisse zeigen bei einer Preisänderung eine Tendenz zu schwächeren Mengenreaktionen in Polen vor der Transformation als in der EU. Ein möglicher Grund hierfür ist, daß planwirtschaftlich organisierte Systeme weniger Spielraum für Reaktionen der Produzenten und Konsumenten zulassen als marktwirtschaftliche. Der Vergleich mit den realen Gegebenheiten, die von geringeren Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten sowie einer restriktiven staatlichen Steuerung geprägt waren, unterstützt diese Hypothese. Auch andere Elastizitäten, die vor der Transformation für osteuropäische Märkte ermittelt wurden, deuten in die gleiche Richtung (Sullivan et al. 1990, S. 64; Gardiner et al. 1989, S. 45). Da hier jedoch sowohl unterschiedliche Systeme (Markt- und Planwirtschaft), als auch unterschiedliche Regionen (Polen und die EU) miteinander verglichen wurden, können sich Unterschiede zwischen Elastizitäten auch aus einem Regional- und einem Systemeffekt zusammensetzen. Ein systembedingter Unterschied der Elastizitäten kann demzufolge nicht eindeutig bestätigt oder abgelehnt werden.

Die in Kapitel 4 präsentierte Datengrundlage beinhaltet die Annahme, daß sich das Verhalten der polnischen Akteure zunehmend dem der EU-Bürger annähert. Auch wird angenommen, daß der Systemeffekt stärker ist als der Regionaleffekt und somit die Reaktionen der Polen durch EU-Elastizitäten annähernd adäquat abgebildet werden können.

Die ergänzende Sensitivitätsanalyse deutet darauf hin, daß bei Abweichungen von den getroffenen Annahmen, mit wenigen Ausnahmen, tendenziell geringere Mengenänderungen in der polnischen Produktion und im Verbrauch zu erwarten wären. Die großen Unterschiede zwischen den Versionen verdeutlichen aber die Sensibilität des Modells bezüglich der getroffenen Parameter. Eine genauere, länderspezifische Erforschung der Elastizitäten wäre demzufolge anzustreben.

7.2.2. Shift des Angebotes und der Nachfrage

Neben der Wahl der Elastizitäten liegt eine andere Unsicherheit in der Bestimmung der exogenen Shifts. Trotz bestmöglicher Schätzung können die prognostizierten Shifts von der zukünftig tatsächlich realisierten Situation abweichen. Welche Auswirkungen eine Abweichung der Realität von den verwendeten Werten mit sich bringt, wurde wiederum mit dem bereits in Kapitel 7.2.1 erläuterten reduzierten Modell untersucht. Als politisches Szenario wurde abermals eine vollständige Liberalisierung der Agrarpolitik in Polen und in der EU ausgewählt. Für zwei wichtige Produkte, Getreide in der EU und Schweinefleisch


103

in Polen wurde ein exogener Shift um +1% bzw. +5% pro Jahr implementiert. Vor dem Hintergrund der in Kapitel 5.3.1 zitierten Prognosen umfaßt das durch diese beiden Angaben bestimmte Intervall die für einen Shift in weitester Hinsicht wahrscheinlichen Werte. Da die entscheidenden Reaktionsparameter, die Elastizitäten, für alle Produkte eine ähnliche Größenordnung besitzen, sind trotz der beschränkten Auswahl Rückschlüsse über Auswirkungen für andere Produkte möglich. Getreide und Schweinefleisch wurden ausgewählt, da hier vergleichsweise viele Interaktionen zu anderen Produkten auftreten.

Tab. 66: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Schweinefleisch in der Region Polen in Höhe von 1% bzw. 5%
(in %) - Auswirkungen für Polen

Polen

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

 

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

GETR/ÖLEW/ ÖLKU/ ÖLE/ ZUK/KART

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

RIND

<1

<1

0

0

0

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

SCHW

<1

<1

2,98

<1

<1

<1

16,72

<1

<1

<1

38,76

<1

GEFL

0

0

<1

<1

<1

<1

0

<1

0

0

<1

<1

MIL

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

<1

0

DeltapA = Differenz im Angebotspreis

DeltapN = Differenz im Nachfragerpreis

DeltaqA = Differenz in der angebotenen Menge

DeltaqN = Differenz in der nachgefragten Menge

Quelle: Eigene Berechnungen

Tab. 67: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Schweinefleisch in der Region Polen in Höhe von 1% bzw. 5% (in %) - Auswirkungen für die EU

EU

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

 

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

GETR/ÖLEW/ ÖLKU/ ÖLE/ ZUK/KART

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

RIND

0

0

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

SCHW

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

GEFL

0

0

0

0

<1

<1

0

<1

0

0

<1

<1

MIL

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

DeltapA = Differenz im Angebotspreis

DeltapN = Differenz im Nachfragerpreis

DeltaqA = Differenz in der angebotenen Menge

DeltaqN = Differenz in der nachgefragten Menge

Quelle: Eigene Berechnungen


104

Tab. 68: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Schweinefleisch in der Region Polen in Höhe von 1% bzw. 5% (in %) - Auswirkungen auf den Weltmarkt

RdW

Deltapwm

 

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

GETR/ ÖLEW/ ÖLKU/ ÖLE/ ZUK/ KART

0

0

0

RIND

0

<1

<1

SCHW

<1

<1

<1

GEFL

0

<1

<1

MIL

0

0

0

DeltapWM = Differenz im Weltmarktpreis

Quelle: Eigene Berechnungen

Die Sensitivitätsanalysen zeigen, daß die Simulationsergebnisse abhängig vom betrachteten Zeithorizont stark von den implementierten Shifts beeinflußt werden können (siehe Tab. 66-68 und Tab 69-71). Pro Jahr gesehen ergeben sich zwar nur geringe Unterschiede, werden diese aber über die Simulationsperiode von 5 bzw. 10 Jahren akkumuliert, resultieren deutliche Differenzen. Diese betreffen aber primär das einzelne Produkt, Auswirkungen auf andere Güter oder Regionen sind in der Mehrzahl der Fälle schwach.

Tab. 69: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Getreide in der Region EU in Höhe von 1% bzw. 5% (in %) - Auswirkungen für Polen

Polen

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

 

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

GETR

<1

<1

<1

<1

-1,9

-1,9

-1,52

1,29

-4,23

-4,23

-3,4

2,97

ÖLEW

<1

<1

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

1,04

<1

ÖLKU/ ÖLE

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

ZUK

<1

<1

<1

0

<1

<1

<1

0

<1

<1

1,28

0

KART

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

RIND

0

0

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

SCHW

0

0

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

GEFL

<1

<1

0

<1

0

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

MIL

0

0

0

0

<1

<1

<1

0

<1

<1

<1

0

DeltapA = Differenz im Angebotspreis

DeltapN = Differenz im Nachfragerpreis

DeltaqA = Differenz in der angebotenen Menge

DeltaqN = Differenz in der nachgefragten Menge

Quelle: Eigene Berechnungen


105

Tab. 70: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Getreide in der Region EU in Höhe von 1% bzw. 5% (in %) -
Auswirkungen für die EU

EU

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

 

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

DeltapA

DeltapN

DeltaqA

DeltaqN

GETR

<1

<1

2,86

<1

-1,48

-2,04

15,74

1,25

-3,29

-4,54

35,64

2,86

ÖLEW

0

<1

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

ÖLKU/ ÖLE

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

0

ZUK

<1

<1

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

KART

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

RIND

0

0

0

0

<1

0

<1

0

<1

0

<1

0

SCHW

0

0

0

0

<1

0

<1

0

<1

<1

<1

<1

GEFL

0

0

<1

0

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

<1

MIL

0

0

<1

0

0

<1

<1

<1

0

0

<1

0

DeltapA = Differenz im Angebotspreis

DeltapN = Differenz im Nachfragerpreis

DeltaqA = Differenz in der angebotenen Menge

DeltaqN = Differenz in der nachgefragten Menge

Quelle: Eigene Berechnungen

Tab. 71: Differenz zwischen den Simulationen einer vollständigen Liberalisierung mit einem Angebots-Shift für Getreide in der Region EU in Höhe von 1% bzw. 5% (in %) -
Auswirkungen auf den Weltmarkt a

RdW

DeltapWM

 

1 Jahr

5 Jahre

10 Jahre

GETR

<1

-2,41

-5,37

ÖLEW

<1

<1

<1

ÖLKU/ ÖLE

0

0

0

ZUK

<1

<1

<1

KART

<1

<1

<1

RIND/ SCHW/ GEFL/ MIL

0

<1

<1

DeltapWM = Differenz im Weltmarktpreis

Quelle: Eigene Berechnungen


106

7.2.3. Politische Präferenzen

Weitere möglicherweise unsichere Parameter sind die berechneten politischen Gewichtungsfaktoren. Im Laufe der Zeit können sich politische Präferenzen und Prioritäten ändern. Auch der Einfluß einzelner Interessengruppen kann schwinden oder gesteigert werden. Inwieweit Änderungen in der Politischen Präferenzfunktion die Resultate beeinflussen, kann durch Variation der in Kapitel 4.8 dargestellten politischen Gewichtungsfaktoren abgeschätzt werden.

Tab. 72: Auswirkungen einer Variation der politischen Gewichtungsfaktoren auf Produzenten- und Konsumentenrenten sowie das Budget in Polen im Szenario 05-10_lib_p (in Mio. euro) a

Gruppe

ohne politische Gewichtung

reale politische Gewichtung

Pol. Gew. Faktoren b
+ 10%

Pol. Gew. Faktoren b
- 10%

Konsumenten-freundliche Politik

GETR

-619

-662

-728

-596

-507

ÖLEW

-39

-37

-41

-33

-32

ÖLKU

6

4

4

4

5

ÖLE

-67

-68

-75

-61

-55

ZUK

-377

-448

-493

-403

-309

KART

-514

-606

-667

-545

-421

RIND

-117

-121

-133

-109

-96

SCHW

-166

-184

-203

-166

-136

GEFL

-39

-43

-47

-39

-32

MIL

-774

-905

-996

-815

-634

Konsument

2062

1691

1860

1522

2166

Budget

542

542

542

542

542

Politischer
Gewinn/Verlust

-

-838

-976

-700

488

Soz. Wohlfahrt

-102

-102

-102

-102

-102

a Da die vollständige Liberalisierung in Polen bzw. der EU zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgte, wurden auch verschieden Szenarien für diese Sensitivitätsanalyse ausgewählt: 95-04_lib_p für die EU und 05-10_lib_p für Polen.

b Pol. Gew. Faktoren = Politische Gewichtungsfaktoren entsprechend der Definition in Kapitel 3.2.2 .

Quelle: Eigene Berechnungen

Als Grundlage für diese Sensitivitätsanalyse dienten die Simulationen der vollständigen Liberalisierung in der zweiten Untersuchungsperiode (05-10_lib_p) aus Kapitel 6.2.2 . Die dort berechneten Ergebnisse wurden mit jeweils unterschiedlichen politischen


107

Gewichtungsfaktoren bewertet: Zuerst wurden ausgehend von den errechneten Koeffizienten 10%ige Auf- und Abschläge auf die Gewichtungsfaktoren durchgeführt.<65> Weiterhin erfolgte die Simulation eines grundsätzlichen Wechsels in der politischen Ausrichtung: die bisher produzentenfreundliche Tendenz wurde in eine konsumentenorientierte abgewandelt.<66>

Tab. 73: Auswirkungen einer Variation der politischen Gewichtungsfaktoren auf Produzenten- und Konsumentenrenten sowie das Budget in der EU im Szenario 95-04_lib_p (in Mio. euro) a

Gruppe

ohne politische Gewichtung

reale politische Gewichtung

Pol. Gew. Faktoren b
+ 10%

Pol. Gew. Faktoren b
- 10%

Konsumenten-freundliche Politik

GETR

-9745

-11597

-12756

-10437

-9453

ÖLEW

-2950

-4159

-4575

-3743

-2861

ÖLKU

-190

-218

-240

-196

-184

ÖLE

129

142

156

128

125

ZUK

-3607

-5555

-6111

-5000

-3499

KART

-17

-12

-13

-11

-16

RIND

-5385

-7163

-7879

-6446

-5224

SCHW

705

747

821

672

683

GEFL

-499

-594

-654

-535

-484

MIL

-11568

-16195

-17815

-14576

-11221

Konsument

18936

18368

20205

16531

22913

Budget

20128

20128

20128

20128

20128

Politischer
Gewinn/Verlust

-

-6109

-8732

-3485

10907

Soz. Wohlfahrt

5936

5936

5936

5936

5936

a Da die vollständige Liberalisierung in Polen bzw. der EU zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfolgte, wurden auch verschieden Szenarien für diese Sensitivitätsanalyse ausgewählt: 95-04_lib_p für die EU und 05-10_lib_p für Polen.

b Pol. Gew. Faktoren = Politische Gewichtungsfaktoren entsprechend der Definition in Kapitel 3.2.2 .

Quelle: Eigene Berechnungen


108

Annahmegemäß bleibt der Wert für die soziale Wohlfahrt konstant (siehe Tab. 72 und Tab. 73 ). Die Ergebnisse für die politischen Entscheidungsvariablen, die politischen Gewinne bzw. Verluste, jedoch schwanken. Bei der 10%igen Änderung des politischen Einflusses würde sich die grundsätzliche Entscheidung für oder gegen eine Politikoption wahrscheinlich nicht ändern. Im Falle von ungleichmäßigen Verschiebungen des politischen Gewichts zwischen Interessengruppen wären jedoch auch in der Tendenz grundsätzlich andere Ergebnisse zu erwarten. Dies zeigt sich insbesondere in der konsumentenfreundlichen Variante, in der bei einer Liberalisierung der Politikgewinn den Anstieg an sozialer Wohlfahrt sogar noch übersteigt.

7.3. Forschungsimplikationen und abschließende Betrachtung

Abschließend bleibt festzustellen, daß die kritischen Anmerkungen in Kapitel 7.1 und 7.2 neben den bestehenden Grenzen der durchgeführten Analysen auch Optionen für zukünftige Forschungsvorhaben aufzeigen. Möglichkeiten hierzu liegen sowohl in der Ausdehnung des theoretischen Instrumentariums wie auch in der Verbesserung bzw. erweiterten Anwendung der empirischen Basis.

Im theoretischen Bereich wären, wie bereits erläutert, Verbesserungen und Erweiterungen des Modells anzustreben. Darüber hinaus bietet die Konstruktion der Politischen Präferenzfunktion Raum für Verfeinerungen. Geeignete Ergänzungen der Gleichung um weitere Parameter, wie beispielsweise exogene, internationale Einwirkungen und theoretische Untersuchungen zum Wirkungsbereich der Funktion stellen mögliche Arbeitsfelder dar. Neben den theoretischen Aspekten kann die Politische Präferenzfunktion auch Grundlage weiterer empirischer Analysen sein. Die Untersuchung von Veränderungen in der politischen Einflußnahme unterschiedlicher Gruppen im Lauf der Zeit wäre insbesondere für ein Transformationsland von Interesse.

Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt für nachfolgende empirische Forschungsaktivitäten sind die verwendeten Elastizitäten. Die Bedeutung dieser Parameter für die Robustheit der Ergebnisse legt es nahe, genauere regional- und produktspezifische Werte zu ermitteln. Auch die Spezifizierung der implementierten Angebots- und Nachfrage-Shifts, eventuell unter Nutzung von Betriebsmodellen, wäre eine mögliche Weiterentwicklung.

Die vorausgehenden Erläuterungen zeigen den bekannten Konflikt zwischen der tatsächlich zur Verfügung stehenden Datenmenge und Datenqualität einerseits sowie dem zur


109

optimalen Annäherung an die Realität notwendigen Informationsbedarf andererseits. In dieser Arbeit wurde mit der Auswahl des MISS-Modells bewußt ein Ansatz gewählt, der gerade vor dem Hintergrund der Transformation in Polen eine überschaubare Menge an Informationen benötigt. Vereinfachungen der Realität konnten folglich nicht ausgeschlossen werden, sondern waren eher zu erwarten. Trotzdem konnten zukünftige Tendenzen in Produktion und Handel Polens und der EU aufgezeigt und für Entscheidungsträger wichtige Unterschiede zwischen verschiedenen politischen und ökonomischen Optionen beschrieben werden.

Polen wird sich zum Nettoexporteur im Agrarsektor entwickeln. Zukünftige politische Signale könnten diesen Trend fördern und dazu beitragen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit des polnischen Agrarsektors zu steigern. Mit der Übernahme der Agenda 2000 wird, bei Nichtübertragung der direkten Ausgleichszahlungen, eine Liberalisierung der polnischen Agrarpolitik einhergehen. Ein aus ökonomischer Sicht sinnvoller Schritt, der aber durch unterstützende Maßnahmen ergänzt werden sollte. Der Abbau von Hindernissen bei der Entwicklung von Betrieben, verbesserte Systeme der Informationsverbreitung und Qualitätssteigerung sind einige mögliche Ansätze, die dazu beitragen, Produktivitätszuwächse zu erzielen und eine langfristig gute Handelsposition zu sichern.

Die Position der gesamten Europäischen Union im Agrarhandel ist trotz optimistischer Preiserwartungen auf den Weltmärkten zukünftig nicht ganz unproblematisch. Der Protektionsabbau im Rahmen der Agenda 2000 wird möglicherweise noch gut über Weltmarktpreissteigerungen und direkte Ausgleichszahlungen abgepuffert werden können. Falls jedoch durch zukünftige nationale oder internationale Einflüsse eine weitere Liberalisierung der GAP ansteht, ist mit deutlichen Handelsverlusten im Agrarsektor zu rechnen. Allerdings trägt jeder Abbau von Handelsverzerrungen zur Effizienzsteigerung bei und wirkt somit im Gesamtergebnis wohlfahrtssteigernd.

Hinsichtlich der Beitrittsverhandlungen zwischen Polen und der jetzigen EU-15 werden einige Konflikte offensichtlich: Das Thema direkte Ausgleichszahlungen wird die EU-Staaten sicher noch nachhaltig beschäftigen. Die Etablierung unterschiedlicher Protektionsgrade innerhalb einer Gemeinschaft wird kaum eine dauerhaft stabile Lösung darstellen. Auch geben die Unterschiede in den politischen Präferenzen (siehe Tab. 23 ) Grund zu der Annahme, daß bei einigen Produkten (bspw. Schweinefleisch und Kartoffeln) nationale Sonder- oder Übergangsregelungen von polnischer Seite angestrebt werden.


Fußnoten:

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Erst bei einer Kreuzpreiselastizität um -0,35 geht die Rindfleischproduktion zurück.

<65>

Es ist unwahrscheinlich, daß sich alle Gewichtungsfaktoren simultan in die gleiche Richtung verändern werden oder gleichermaßen über- oder unterschätzt wurden. Die Resultate für einzelne Gruppen sind jedoch voneinander unabhängig, so daß durch die gewählte Verfahrensweise auch isolierte Betrachtungen der Schwankungen bei einzelnen Produkten möglich sind.

<66>

Die für diese Analyse verwendeten politischen Gewichtungsfaktoren wurden dergestalt ermittelt, daß der Faktor für die Konsumenten dem durchschnittlichen vorherigen politischen Einfluß der Produzenten entspricht und umgekehrt.


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Mon May 15 18:47:27 2000