Herok, Claudia A: Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und EU-Integration Polens : Auswirkungen auf landwirtschaftliche Produktion und Handel

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Kapitel 8. Zusammenfassung

Die vorliegende Analyse untersucht die Auswirkungen unterschiedlicher Agrarpolitiken auf Agrarproduktion und Handel in der Europäischen Union und in Polen bis zum Jahr 2010. Als mögliche Politikoptionen wurden die Agenda 2000 sowie eine vollständige Liberalisierung der Gemeinsamen Agrarpolitik ausgewählt. Dabei wurde angenommen, daß der Beitritt Polens, der für das Jahr 2005 postuliert wurde, eine Übernahme der GAP ohne Anpassungsphase beinhaltet. Die Politikszenarien wurden um weitere das Angebot und die Nachfrage beeinflussende Faktoren wie technischer Fortschritt sowie Einkommens- und Bevölkerungsentwicklung ergänzt. Auch hier wurden zwei unterschiedliche Optionen betrachtet: Zum einen eine Prognose-Variante, die auf Expertenschätzungen dieser Parameter beruht, und zum anderen eine Catching-up-Version, welche eine Annäherung der polnischen Produktivität an die der Europäischen Union impliziert.

Die zur Berechnung der Effekte notwendigen Simulationen wurden mit dem komparativ-statischen partiellen Handelsmodell MISS (Modèle International Simplifié de Simulation) durchgeführt. Neben der Darstellung der sich nach einer Politikänderung ergebenden
Preis-, Mengen- und Handelswirkungen ermöglicht das Modell Aussagen über Wohlfahrtswirkungen und die politische Akzeptanz einer Reform. Letztere resultieren aus der modellendogenen Entwicklung einer Politischen Präferenzfunktion, welche das agrarpolitische Gewicht unterschiedlicher Interessengruppen abbildet.

Die wichtigsten Resultate der Analysen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Eine vollständige Liberalisierung der GAP führt bei vorher stark protektionierten Produkten wie Rindfleisch, Milch und Zucker zu weiteren Weltmarktpreiserhöhungen. Die Mehrzahl der Erzeuger- und Konsumentenpreise in der EU hingegen sinkt. Es folgt ein starker Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, welcher ein Defizit in der Agrarhandelsbilanz der EU bewirkt. Die Ergebnisse der Liberalisierungsszenarien zeigen hinsichtlich der sozialen


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Wohlfahrt eindeutig die Vorteilhaftigkeit dieser Option.

Diese Ergebnisse verdeutlichen die Unterschiede in der Beurteilung einer Politikoption in Abhängigkeit von dem gewählten Bewertungsrahmen. Aus der Berechnung sozialer Wohlfahrtseffekte lassen sich oftmals keine Aussagen zur tatsächlichen Umsetzbarkeit einer Reform formulieren. Erst die Ergänzung der Analyse um politökonomische Parameter ermöglicht auch Aussagen zur politischen Akzeptanz und Machbarkeit einer Politikoption.

Die Resultate zeigen, daß eine vollständige Liberalisierung trotz positiver sozialer Wohlfahrtseffekte sowohl in der EU als auch in Polen politisch kaum umsetzbar erscheint. Zwar stellt auch die Agenda 2000 für die EU hinsichtlich der Maximierung der untersuchten Politischen Präferenzfunktion kein Optimum dar, doch sind hier die Verluste an politischer Akzeptanz deutlich geringer.


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Gleichwohl kann angenommen werden, daß bei der Entscheidung für die Agenda 2000 nicht nur die in der Politischen Präferenzfunktion formulierten EU-internen agrarpolitischen Aspekte berücksichtigt worden sind, sondern auch weitere Faktoren, wie bspw. veränderte internationale Rahmenbedingungen, eine Rolle gespielt haben.

Polen, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht Mitglied der EU, war an der Entscheidung über die Agenda 2000 nicht beteiligt. Demzufolge überrascht es nicht, daß die polnischen agrarpolitischen Präferenzen nicht optimal berücksichtigt wurden. Speziell bei den polnischen Agrarproduzenten, die mit dem Beitritt zur EU auf Preissteigerungen hoffen, wird demzufolge mehr und mehr eine ablehnende Haltung bezüglich des EU-Beitritts zu erwarten sein. Folglich ist auch zu erwarten, daß sich die polnische Regierung in den Beitrittsverhandlungen speziell im Agrarsektor für nationale Sonderregelungen und Anpassungshilfen einsetzen wird. Sie wird dabei die Vorzüge einer EU-Integration gegen mögliche Nachteile im Agrarsektor abwägen müssen.


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Mon May 15 18:47:27 2000