2 SAG MIR, WO DU STEHST: JA- UND NEIN-DISKURSE UND IHRE QUELLEN

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Der gemeinsame Bezugspunkt der Quellen ist die Integrationsfrage. Diese erzeugt einen Ja-Nein-Code sowie Handlungs- und Entscheidungsdruck. Vor diesem Hintergrund verschwimmt die Grenze zwischen wissenschaftlicher Literatur und politischen Kampfschriften, weil beide sich auf den Ja-Nein-Gegensatz beziehen und einen politischen Standpunkt einnehmen. Aus diesem Grund müssen sie kritisch diskutiert werden und ihr Umfang und Charakter lassen bereits erste vergleichende Aussagen zu. Innerhalb der nationalen Diskurse wird die Integrationsfrage zudem in Verhältnis zum nationalen Rahmen und zu bestehenden nationalen Selbst- und Europabeschreibungen gesetzt.

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Im ersten Teil dieses Kapitels werden die Rahmenbedingungen durch nationale Diskurse, die wissenschaftliche Literatur zu den Integrationsdebatten und zum Nationalismus sowie ihre populäre Verarbeitung in Essays und Presse diskutiert. Der zweite, ausführlichere Teil vergleicht die Primärquellen der Euroskeptiker in Hinblick auf Umfang, Sprache, Sprachstil, Argumentationsweisen, Medienverwendung, Symbole und Bilder.

2.1 Sekundärquellen zu den Integrationsdebatten in der Schweiz und Norwegen

2.1.1 Nationale Diskursräume und Perspektiven

„To join or not to join?” 103 ist die schicksalhaft begriffene Leitfrage der Integrationsdiskurse. Nur dieses Verständnis als Schicksalsfrage macht die hohe Mobilisierung und Emotionalisierung verständlich. Aus Sicht der Euroskeptiker muss der Wähler sich zwischen der schlechten Europäischen Union und dem guten Nationalstaat104 entscheiden. Diese Wertung und Entscheidung setzt eine Beschreibung105 Norwegens und der Schweiz im Vergleich zur EU voraus. Für diese Beschreibungen muss auf bestehende Annahmen und Beschreibungen zurückgegriffen werden.106 Für den Betrachter ist interessant, was außergewöhnlich, vorbildlich oder abschreckend ist und Antworten auf eine strittige aktuelle Fragen verspricht. So diente beispielsweise in Deutschland das so genannte skandinavische Wohlfahrtsmodell als Projektionsfläche für die Wünsche der deutschen Sozialdemokratie. Dagegen gilt heute das schweizerische Rentenmodell als vorbildlich zur Lösung demographischer Probleme.107 In Norwegen und außerhalb Norwegens bilden die Egalität der Gesellschaft und der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat wichtige Referenzpunkte. Dies geht einher mit Zuschreibungen von Modernität, Offenheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, demokratischer Gesinnung und Naturverbundenheit.108 In der Schweiz sind Neutralität, Armee und direkte Demokratie konstituierende Grundthemen. Sie sind jedoch zugleich Gegenstand starker Dekonstruktion. Misstrauen erweckt die Schweiz vor allem als internationale Finanzdrehscheibe und Ort zwielichtiger Geldgeschäfte. Als vorbildlich gilt das friedliche Zusammenleben der heterogenen Kulturen und Ethnien für eine ‚Verschweizerung Europas’.

Norwegen und die deutschsprachige Schweiz gehören unterschiedlichen, voneinander abgegrenzten Diskursräumen an. Im Gegensatz zu den skandinavischen Integrationsdiskursen findet fast keine gegenseitige Beobachtung oder Bezugnahme statt. Entsprechend beeinflussen AUNS/SVP und NTEU sich nicht gegenseitig bei ihrer Lesart von Integration und Nation. Der norwegische Integrationsdiskurs ist ein fast ausschließlich nationaler Diskurs. Neben diesem dominanten nationalen Bezug spielt der Blick in den nordischen Raum und in geringem Maße in den anglo-amerikanischen Raum eine Rolle. Demgegenüber ist die Beobachtung des ‚Kontinentes’ schwach ausgeprägt und durch Abgrenzung gekennzeichnet. Aus norwegischer Sicht werden EU-Europa und seine wichtigsten Akteure (Deutschland, Frankreich, Italien) aus der Perspektive einer abgegrenzten, nationalen Öffentlichkeit beobachtet. Auch die deutschschweizerische Öffentlichkeit nimmt die Integrationsfrage primär als nationale Frage wahr. Da jedoch die Sprachgruppen Teilöffentlichkeiten bilden, ist die Abgrenzung zur EU ausgesprochen schwierig. So nimmt die deutschsprachige Schweiz unmittelbar an deutschen und begrenzt an österreichischen Diskursen teil, in denen ‚Europa’ als positive Selbstbeschreibung erscheint. Zugleich setzt die Bezugnahme auf die nationale Öffentlichkeit eine Konstruktion der deutschschweizerischen Teilöffentlichkeit über die ‚ganze Schweiz’ voraus. Im deutschschweizerischen Diskurs muss deshalb mitgedacht werden, wie die anderen Landesteile über die EU sprechen und denken. Erst aus diesen Projektionen über die Haltungen der anderen Landesteile und Sprachgemeinschaften wird ein nationaler Standpunkt konstruiert. Deshalb werden die EU-Länder Frankreich und Italien aus deutschschweizerischer Sicht nicht nur als Nachbarländer, sondern zugleich als Orientierungspunkte der beiden109 anderen relevanten Sprachgruppen gedacht. Die Unterscheidung zwischen ‚uns Schweizern’ und der ‚EU als dem anderen’ ist vor diesem Hintergrund aufwendig. Auch aus transaktionsanalytischer Sicht, nach der häufige Transaktionen der Bürger untereinander zu Vergemeinschaftung führen,110 muss die Abgrenzung zu den ‚Europäern’ in Norwegen ausgeprägt und in der Schweiz schwach sein. Denn in Norwegen sind Ausländeranteil, Auslandsreisen und Pendleraufkommen im Vergleich zur Schweiz sehr gering.111

2.1.2 Wissenschaftliche Diskurse

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Die wissenschaftliche Literatur in beiden Ländern beobachtet und beschreibt die EU, sie gibt Expertenrat in Hinblick auf das aktuelle Verhältnis zur EU und für Verhandlungen mit der EU, sie reflektiert über die Gründe der EU-Ablehnung und nimmt innerhalb der Integrationsdiskurse politische Standpunkte ein. Norwegische und schweizerische Wissenschaftler nehmen an europäischen Forschungsnetzwerken teil und bestreiten Europaforschung. In Norwegen ist dies vor allem das Europaforschungsprogramm ARENA (Advanced Research on the Europeanisation of the Nation State) und das Institut für Internationale Beziehungen NUPI (Norsk Utenrikspolitisk Institutt). In der Schweiz finden sich zahlreiche universitäre Einrichtungen, und das Wissen wird im Integrationsbüro112 gebündelt und von ihm verbreitet.

Zahlreiche Untersuchungen schätzen die Folgen eines Beitrittes oder alternativer Szenarien für gesellschaftliche Gruppen und Akteure ab. Diese Publikationen in Norwegen und der Schweiz spiegeln vor allem die sektoralen Interessen innerhalb der beiden Staaten wider. So erschienen in Norwegen eine Reihe von Beiträgen zu den Themen Fischerei, Landwirtschaft, Öl und Gas sowie dem europäischen Strommarkt, während in der Schweiz Analysen zum Banken- und Versicherungswesen und multinationalen Konzernen dominieren. In Norwegen spielen zudem NTEU und Europabewegung eine gewichtige Rolle als Verleger und Auftraggeber solcher Abhandlungen. Demgegenüber verzichten AUNS und SVP im Wesentlichen auf die Untermauerung des eigenen Standpunktes mit wissenschaftlicher Expertise. So finden sich im Verbundskatalog ‚Nebis’ ganze neun Einträge unter dem Stichwort AUNS.113 Die Sprachwahl von wissenschaftlichen Texten in der Schweiz lässt keine Rückschlüsse auf den politischen Standpunkt innerhalb der Integrationsdebatte zu. In Norwegen erscheint die Mehrzahl der wissenschaftlichen Arbeiten auf Bokmål114 oder auf Englisch. Ein sehr kleiner Teil der Publikationen, der noch weit unter dem Anteil der Neunorwegischsprecher und -schreiber liegt, erscheint auf Neunorwegisch und nimmt in der Regel einen euroskeptischen Standpunkt ein.

Obwohl Norwegen wesentlich kleiner als die Schweiz ist (4,4 zu 6,8 Millionen Einwohner), dürfte das dort zum Thema publizierte Material dasjenige in der Schweiz nach Menge und Qualität bei weitem übersteigen.115 Die EU-Integrationsdebatte ist in Norwegen emotionaler aufgeladen als in der Schweiz und hat einen höheren Stellenwert im Vergleich zu anderen Streitthemen. Hauptgrund hierfür ist, dass Referenden in Norwegen die Ausnahme und in der Schweiz die Regel politischer Entscheidungsfindung sind. Für die insgesamt geringere Menge an Quellen zur Schweiz (Presse, Kampagnematerial, wissenschaftliche Quellen) ist zudem der viel kürzere Debattenzeitraum verantwortlich. Die norwegische Debatte begann bereits in den 60er Jahren. Demgegenüber begann die schweizerische Debatte erst Anfang der 90er Jahre und blieb im als ‚Trainingscamp’ für die EU-Mitgliedschaft titulierten Abstimmungskampf über die Mitgliedschaft von 1992 stecken.

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Das Spektrum an Quellenmaterial reicht von großangelegten empirischen Untersuchungen zum EU-Abstimmungsverhalten wie dem „Folkeavstemningsprosjektet“ 116 der Universität in Trondheim über zahlreiche mehr oder weniger Partei nehmende Monographien, Propagandamaterialien der am EU-Streit beteiligten Akteure, Tausende von Zeitungsartikeln, etwa im Archiv von Nein zur EU in Oslo, bis hin zu Anti-EU-Liederbüchern und CDs.117 Allein unter dem Suchbegriff ‚Norwegen und EU’ finden sich 320 Monographien für den Zeitraum seit 1970.118 Auch die zeitliche Konzentration der Publikationen um das Jahr der Volksabstimmung von 1994 wird deutlich. So erschienen alleine 1994 insgesamt 57 Bücher. Danach schwankt der Durchschnitt zwischen 15 und 20 Büchern pro Jahr, wobei die im engeren Sinne wissenschaftlichen Bücher119 anteilig mehr werden. Dabei übersteigt die Anzahl der geschriebenen Artikel und der von NTEU und der Europabewegung sowie anderen gesellschaftlichen Akteuren gedruckten grauen Literatur diese Zahl um ein Vielfaches.120

Der entsprechende Suchbegriff ‚Schweiz und EU’ löst im Verbundskatalog Nebis immerhin 293 Treffer aus. Insofern ist der numerische Unterschied zu der Anzahl der publizierten 320 norwegischen Monographien nicht beeindruckend. Zwar sind insbesondere in der ersten Hälfte der 90er Jahre einige Bücher erschienen, welche die EU-Mitgliedschaft und politische Gesichtspunkte wie Neutralität und direkte Demokratie thematisieren. Der überwiegende Teil der jüngeren Publikationen behandelt aber spezifische Rechtsfragen wie etwa die des Börsen-, Kartell- und Patentrechts. Im Gegensatz zu Norwegen, wo die EU-Debatte als politisches Phänomen begriffen wird, erscheint das Verhältnis von Schweiz und EU primär als juristisches Problem.121

2.1.3 Vergleichende wissenschaftliche Literatur über die Integrationsdebatten

Ein großer Bestand an vergleichender Literatur liegt zu den nordischen EU-Referenden und Debatten vor.122 Dies lässt sich nicht nur auf die fast zeitgleich abgehaltenen Referenden zur EU-Norderweiterung zurückführen, sondern vielmehr auf die kulturellen, wissenschaftlichen und institutionellen Verbindungen zwischen den Ländern sowie auf die - mit Ausnahme des Finnischen - niedrige Sprachgrenze. Zudem besteht ein großes Interesse der politischen Akteure und der Öffentlichkeit daran, wie die ‚nordischen Brudervölker’ sich gegenüber der Integration verhalten. Ein solcher vergleichender Literaturstrang in einem regionalen Kontext entfällt für die Schweiz weitgehend. Allenfalls zu der anderen Alpenrepublik Österreich liegen einige Vergleiche vor.123

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Nordeuropäische Integrationsdebatten sind damit der Gegenstand der vergleichenden Beobachtung und Wertung durch wissenschaftliche Netzwerke, Integrationsbefürworter und Gegner. Demgegenüber ist die Europaforschung das einzige ressourcenstarke Beobachtungssystem, welches die Schweiz und Norwegen vergleichend betrachtet. Aus ideologiekritischer Sicht ist dies problematisch, da die Europaforschung paradigmatisch pro-integratorisch ist.124 Zudem entspricht das Profil des Forschers als bürgerlich, gut ausgebildet, aufstiegsorientiert und international orientiert dem typischen Profil des Integrationsbefürworters. Die Quellenbasis für den Ländervergleich Schweiz und Norwegen ist deshalb nicht nur ausgesprochen dünn, sondern weist zudem eine europablaue Grundfärbung auf.125 Dies wird etwa an den recht zahlreichen Länder vergleichenden Artikeln, die Anfang der 90er Jahre erschienen sind, deutlich. Diese wägen die EU-Beitrittswahrscheinlichkeit der kleinen, z.T. neutralen Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges ab.126 Diese Schriften basieren meistens auf einem Regattamodell, bei dem der EU-Beitritt die Ziellinie darstellt.127 Entsprechend fragen sie danach, wann die kleinen neutralen Länder die Integration gegen den internen Widerstand schaffen und ‚nach Europa zurückkehren’. Damit wird das für Gemeinschaftskonstruktionen übliche Motiv der Rückkehr zu einem guten Urzustand – wie Paradies oder goldenem Zeitalter – verwandt.

Als klar wurde, dass Norwegen und die Schweiz zumindest vorläufig nicht den Weg der vollen Integration gehen würden, wurde eine andere Forschungsfrage interessant: Wie kommen die beiden Länder mit ihrem semi-integrierten Status zurecht? Dieser Frage sind einige vergleichende Studien gewidmet worden128 - ebenso wie die „neue Nachbarschaft“ 129 aus Sicht der Europäischen Union analysiert wurde. Das Problem der partiellen Integration in die EU spielt auch innerhalb der nationalen Debatten in Norwegen und der Schweiz eine große Rolle. In der Schweiz geschieht dies in Form der Debatte über einen Beitritt zum Binnenmarkt und Schengen. Und umgekehrt wird in Norwegen diskutiert, ob die ‚Schweizer Lösung’ in Form von bilateralen Abkommen mit der EU eine Alternative zum norwegischen Regime darstellt.130 Im Übrigen untersuchen die wenigen wissenschaftlich vergleichenden Arbeiten die Integrationsdebatten in Norwegen und der Schweiz unter ökonomischen Gesichtspunkten und Prämissen, betonen jedoch zugleich die große Bedeutung kultureller und politischer Erklärungsansätze.131

2.1.4 Nationale Identitätsdiskurse

Sowohl in Norwegen als auch in der Schweiz fanden Anfang der 90er Jahre ausgeprägte Identitätsdiskurse statt. Insbesondere in der Schweiz kam es zu einer grundlegenden Dekonstruktion des tradierten positiven Schweizbildes. Dies findet Ausdruck im Streit über die Schuld und die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg132, den Debatten über die Abschaffung der schweizerischen Armee sowie im schon älteren Diskurs über die ‚Enge der Schweiz’. Demnach ‚befällt den Schweizer ein Gefühl von Weite und Freiheit, wenn er sein Land verlässt’.133 AUNS und SVP treten in diesen Zusammenhängen als ‚Verteidiger der Schweiz‛ auf. Dabei war die 700-Jahr-Feier der Schweiz, bei welcher des auf das Jahr 1291 datierten Rütli-Schwur gedacht wurde, Anlass für eine weitreichende Identitätsdebatte über eine Neubestimmung der Schweiz gegenüber Europa. Deshalb habe ich mich bei der Sichtung der Quellen besonders auf das Jahr 1991 konzentriert. Es wurde „Der Zürcher Bote“, das Parteiblatt der SVP-Zürich, durchgesehen. Dabei wurden insbesondere die Jahrgänge 1991-1993 durchgearbeitet.Auch der „Zürcher Bauer” wurde ausgewertet.134

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Häufig werden nationale Identitäten in der wissenschaftlichen Literatur mit der EU-Ablehnung in Verbindung gebracht135 Über die Entwicklung und Konstruktion der norwegischen nationalen Identität liegt zudem ein umfangreicher Bestand an Literatur vor.136 Auch in der Schweiz gibt es eine durch den zunehmenden Integrationsdruck in Richtung EU ausgelöste Debatte über die Wirkung ‚Schweizer Eigenart’137. Mit über 30.000 Seiten Forschungsberichten stellt das „Nationale Forschungs programm 21 Kulturelle Vielfalt und nationale Identität“ das umfangreichste Forschungsprojekt zur Selbstreflexion der Schweiz dar.138

2.1.5 Presse, Essays und politische Kampfschriften

Die überregionalen Qualitätszeitungen beider Länder folgen einer pro-integratorischen Grundhaltung. Dies gilt insbesondere für die „Neue Züricher Zeitung“, die deutlich für die Integration eintritt, wie auch für „Aftenposten“, der zwar nach internationalem Renommee und Qualität weit hinter der Neuen Züricher Zeitung zurückbleibt, jedoch am ehesten vergleichbar ist. Von der landesweiten Presse sind es in Norwegen lediglich „Nasjonen“ und teilweise „Vårt Land“, die euroskeptische Haltungen vertreten. Auch wenn die Dominanz der Ja-Seite in den landesweiten Medien unumstritten ist, so finden sich insbesondere in der norwegischen Peripherie zahlreiche euroskeptische Lokalzeitungen.139 Das „traditionelle Tummelfeld der Gegner“ 140 in beiden Ländern liegt aber in den Leserbriefspalten. Schließlich sind „Leserbriefe, wenn man keinen Zugang zu anderen Medien hat, eine billige Methode die eigene Botschaft unter die Leute zu bringen.“ 141

Im Umfeld der schweizerischen EWR-Abstimmung ist eine große Anzahl von Essays über ‚Europa’142 und pro-integratorischer Kampfschriften erschienen (sehr häufig im NZZ Verlag), ergänzt durch wenige integrationskritische Schriften aus dem Umfeld der Grünen. In Norwegen wurde in Verbindung mit der Volksabstimmung 1994 eine noch größere Anzahl von Schriften publiziert. Hier dominieren jedoch im Gegensatz zur Schweiz integrationskritische Schriften, insbesondere im Hinblick auf das Thema nationale Identität. Namhafte Wissenschaftler wie der Historiker Furre, der Politologe und Nationalismusforscher Østerud oder der Soziologe Jenssen argumentierten in Bezugnahme auf die nationale Identität in Essays gegen einen EU-Beitritt.143 Grundlegende Dekonstruktionsversuche Norwegens sind selten und ihnen fehlt die Schärfe der schweizerischen Debatte.144 Selbst Neumanns Buch „Norge – en kritikk“ 145 bleibt höflich und wurde überdies weitgehend ignoriert. Gemeinsam ist sowohl der norwegischen Ja- wie auch Nein-Seite, dass sie die moralische Überlegenheit Norwegens herausstreichen,146 während das Credo von AUNS/SVP lautet, dass die Schweizer nicht schlechter seien als andere.147 Ein Grund für diesen Unterschied mag sein, dass die Schweiz lediglich über den EWR abstimmte und damit ungleich sensiblere Themen wie die mögliche Aushebelung der direkten Demokratie im Hintergrund standen. Wichtiger dürfte aber das Verhältnis von Künstlern und Intellektuellen zu ihrem Staat sein. Der Topos des Ausbrechens aus der ‚Enge der Schweiz’ und der Freiheit in einem weiten EU-Europa ist ein immer wiederkehrendes Thema. Verbunden wird dies mit der ‚Verschweizerung Europas’ (Frieden und Demokratie). Unter diesen Essays für ‚Europa’ finden sich auch einige französischsprachige Publikationen und Aufsätze, in denen gerne auf die geschichtliche Zugehörigkeit zu ‚Europa’ rekurriert wird. Die Idee einer Missionierung der EU und die normative Forderung, der EU die norwegischen Werte von Demokratie und Wohlfahrtsgerechtigkeit zu bringen, sind auch Themen der norwegischen EU-Befürworter. Entscheidend ist jedoch, dass in der Schweiz die Befürworter das Feld der idealistischen Argumentationen beherrschen, während in Norwegen die Integrationsgegner dieses dominieren.

2.2 Das Material von NTEU und AUNS/SVP

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Die Vergleichbarkeit des Quellenmaterials wird dadurch erschwert, dass NTEU sich unmittelbar und ausschließlich auf die EU bezieht und dem EU-Diskurs damit von anderen politischen Diskursen abgrenzt. In Norwegen tritt eine Anti-Integrationsbewegung gegen eine Europabewegung an. Drei Nein-Parteien stehen gegen eine Ja-Partei. Die anderen Parteien werden durch den EU-Streit gespalten. Und insbesondere der Konflikt zwischen dem integrationsfreundlichen Zentrum und der euroskeptischen Peripherie strukturiert den Streit.148

Zwar findet sich ein ähnliches, wenn auch weniger deutlich ausgeprägtes Konfliktmuster zwischen euroskeptischen ländlichen, deutschsprachigen, innerschweizerischen Landesteilen und den städtischen, grenznahen sowie französischsprachigen Landesteilen. Die AUNS ist jedoch, vor allem aufgrund der Möglichkeit zu häufigen Referenden, nicht nur mit der EU befasst, sondern zugleich mit zahllosen anderen Themen, so etwa dem UNO-Beitritt der Schweiz, dem nationalen Geschichts- und Selbstverständnis, der Neutralität, der Armee, den Ausländern oder mit anderen innenpolitischen Fragen. AUNS und SVP(-Zürich) bilden ein Gespann, das in all diesen Diskursen aktiv ist und eine Gegenposition zu den vorherrschenden Meinungen der anderen Parteien und der meisten Verbände einnimmt. Während also in Norwegen eine vergleichsweise starke Konzentration auf die EU-Frage zu beobachten ist, verbinden sich bei der AUNS eine Reihe von Themen zu einem verknoteten Knäuel.

2.2.1 Verwendete Sprachen bei NTEU und AUNS/SVP: Wie spricht man euroskeptisch?

Nationalismus ist historisch eng mit der Entwicklung von nationalen Sprach- und Kommunikationsräumen verbunden.149 Deshalb muss beachtet werden, wie die norwegischen und deutschschweizerischen Verteidiger der Nation sich ausdrücken. Formal ist die AUNS eine landesweite Organisation und ihre Schriften erscheinen auf Deutsch, Italienisch und Französisch. Faktisch ist sie jedoch primär eine deutschschweizerische Organisation, deren Schriften im Regelfall auf Deutsch geschrieben und in die anderen Landessprachen übersetzt werden.

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Die beiden offiziellen Sprachen Norwegens (Neunorwegisch: Nynorsk und Buchsprache: Bokmål) ähneln einander derartig stark, dass sie ohne Probleme von allen Norwegern verstanden werden. Insofern sind Übersetzungen nicht zwingend notwendig, um das ganze Volk zu erreichen. Im Gegensatz zur AUNS, die formal verschiedene Sprachen gleich behandelt, ist ein Nein-Standpunkt in Norwegen direkt an der verwendeten Schriftsprache ablesbar. Zwar sind entsprechend dem höheren Anteil der Bokmål Schreibenden an der Gesamtbevölkerung die Mehrzahl der Publikationen von NTEU auf Bokmål verfasst, jedoch findet sich eine ganze Reihe von Veröffentlichungen auf Neunorwegisch. Bisweilen wird sogar der unter dem Gesichtspunkt der Verständlichkeit unsinnige Aufwand der zweisprachigen Publikation betrieben.150 Demgegenüber ist mir keine einzige neunorwegische Publikation der Europabewegung bekannt. Mit der Verwendung des Neunorwegischen wird nicht nur die kulturelle Vielfalt gegen das ‚homogenisierende Europa’ unterstrichen, sondern zugleich auf das Thema eines volksnahen, ländlich-peripheren Widerstandes gegen die ‚fernen Eliten’ in Oslo und Brüssel verwiesen. Zugleich spiegelt sich das demokratische Ideal wider, dass sich jeder Bürger, ungeachtet seiner sozialen Stellung, in der ‚volksnahen norwegischen Demokratie’ am öffentlichen Diskurs beteiligen kann. Es gehört zum demokratischen und egalitären Selbstverständnis von NTEU, dass jeder mitsprechen kann, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist, um das hoffärtige Brüssel der Eliten abzuwehren. Bisweilen finden sich zudem biblische Motive, wenn etwa von dem Babel in Brüssel die Rede ist.151

Auch die Sprache der AUNS/SVP transportiert dieses Bild eines gegen die Eliten gerichteten volknahen Widerstandes und das republikanische Ideal des mündigen und sprachmündigen Bürgers. Gerne werden Begrifflichkeiten aus Schillers Wilhelm Tell152 bemüht, was der Sprache von AUNS und SVP einen altertümlichen Anstrich gibt. In Ermangelung einer eigenen Schriftsprache wie dem Neunorwegischen kann die Anlehnung an die Mundart in Texten der AUNS weniger deutlich herausgefiltert werden. Deutlich ist aber, dass die schweizerische Nein-Seite, etwa Christoph Blocher, die Mundart zur Schau stellen. Allerdings bietet diese Volkstümelei auch Anlass für die weitverbreitete Darstellung Blochers als dumm. So besteht nach einem Witz der Unterschied zwischen Blocher und dem radebrechend Deutsch sprechenden Fußballtrainer Trapattoni darin, dass Blocher kein Italienisch spricht.153

Insgesamt sind deutliche Parallelen in der sprachlichen Artikulation norwegischer und schweizerischer Euroskeptiker zu erkennen. Der euroskeptischen Sprache beider Länder ist gemeinsam, dass sie einfach, volksnah, ungehobelt, ehrlich, ländlich und dialektartig erscheinen will. Damit werden nicht nur nationale Eigenschaften rekonstruiert, sondern es findet auch eine Abgrenzung gegen das homogenisierende Europa und gegen die vorherrschenden, ‚ausländisch’ geprägten nationalen Schrift- und Elitensprachen154 statt.

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Auch in der ungleich aggressiveren Rhetorik der AUNS/SVP findet eine deutliche Abgrenzung gegen die Eliten statt. So wird betont, dass AUNS/SVP kein Blatt vor den Mund nehmen und als einzige die ungeschminkte Wahrheit gegen die Eliten sagen. Schließlich ist es Schweizerart, die Dinge klar beim Namen zu nennen im Gegensatz zu den - so Blocher - vom Bund besoldeten Professoren und strategischen Theoretikern, die zwar nicht über besondere Weisheit, aber dafür über eine umso längere Schulzeit verfügen und unbedingt den Beitritt zur UNO, NATO und EU155 wollen. Anders als bei norwegischen EU-Gegnern kommt bei der AUNS/SVP an dieser Stelle eine anti-intellektuelle Haltung zum Ausdruck. Intellektualität einerseits und volksnaher gesunder Menschenverstand andererseits bilden Gegenpole, während sie sich bei NTEU ergänzen. Gerade am oben zitierten Begriff der Weisheit wird dieser grundlegende Unterschied zwischen NTEU und AUNS/SVP deutlich. NTEU spricht sich selber keine Weisheit zu bzw. dem politischen Gegner ab.156 Vielmehr ist der Anti-Integrationsstandpunkt nach NTEU das Resultat überlegenen Wissens über die EU in Verbindung mit gesundem Menschenverstand.157 Während die Begründung durch Wissen und das Abwägen der Vor- und Nachteile der Integration bei NTEU eine umfangreiche Dokumentation und Argumentation verlangt, bedarf die Weisheit der AUNS/SVP primär der Illustration durch Geschichten und Alltagsweisheiten. So begründet Mörgeli die Neutralität damit, dass er schon als kleiner Bub wusste, dass man sich in den Streit von Stärkeren besser nicht einmischt, weil man sich sonst nur eine blutige Nase holt158 und im „Grauen Brief“ heißt es lapidar: „Suchst Du den Krieg, dann kommt er zu Dir. Das ist eine alte Weisheit, darum ist die Schweiz neutral“. 159

2.2.2 Differenzierte Argumentation bei NTEU und Narration bei AUNS

AUNS hat deutlich weniger Schriften publiziert als NTEU. Meistens handelt es sich um dünne Broschüren und nur selten um umfangreiche Monographien. Zudem sind ihre Aussagen und Argumentationen redundant. Dasselbe gilt für das Parteiorgan der Zürcher SVP, den „Zürcher Boten“. 160Typisch ist die Behauptung, dass es sich bei den eigenen Thesen um ‚Fakten’ handelt. Auch wenn der AUNS/SVP-Stil ungleich polemischer ist, so ähnelt er doch dem ‚Fakten, Fakten, Fakten’-Motto eines deutschen Nachrichtenmagazins.

Die Vermischung von Erfahrung, dem ‚großen Wissen von Personen’ und der Verweis auf unbelegtes, angeblich umfangreiches Quellenmaterial spielen eine große Rolle. So wird etwa auf dem rückseitigen Buchdeckel von Willy Futterknechts „EU-Beitritt?“ versprochen:

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„Die vorstehende Arbeit stützt sich auf Zehntausende von Dokumenten zur /EG-EU- Problematik, systematisch gesammelt seit 1972. Sie beweisen die verheerenden Folgen, welche für die Schweiz ein EG/EU-Beitritt unabwendbar mit sich bringen würden ...“161

Im Buch wird diese Ankündigung jedoch gleich eingeschränkt, denn „um die Lektüre nicht zu erschweren, beschränkte er [Futternkecht] sich auf unerlässliche Angaben“. 162 Was dann an Belegen folgt, ist eine wüste Zusammenstückelung von zerrissenen Zitatfetzen und Zeitungszitaten. Dies unterscheidet NTEU und AUNS/SVP grundlegend. Bild- und Textquellen sind bei NTEU i.d.R. nachvollziehbar belegt und berufen sich auf höherwertige Quellen.163 Dagegen suggerieren Darstellungen von AUNS/SVP lediglich den Eindruck von Faktizität. So wird etwa ein im „Grauen Brief“ abgedrucktes Gemälde, das anhand seiner stilistischen Mittel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sein dürfte, als „Rütlischwur 1291“ untertitelt.164 Es wird der Eindruck vermittelt, als wäre der Maler bei dem historischen Ereignis dabei gewesen und hätte dies fotografisch dokumentiert.

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Einfache Schlagworte, historische Lehrgeschichten und Populismus dominieren die Schriften der AUNS. Dabei beruft man sich auf Autoritäten wie Nobelpreisträger, große Männer der schweizerischen Geschichte oder auf einzelne als korrupt und machtbesessen angesehene EU-Politiker. Dagegen hat NTEU nicht nur wesentlich mehr publiziert und nach Seitenzahlen umfangreichere Schriften herausgegeben als AUNS. Da führende Wissenschaftler des Landes für NTEU schreiben, kann das Autorenverzeichnisse von NTEU ohne weiteres mit dem Vorlesungsverzeichnis norwegischer Universitäten verwechselt werden.165 So findet sich bei NTEU eine ausgefeilte Argumentation, die gängige sozialwissenschaftliche Bedenken, insbesondere zum EU-Demokratiedefizit, ausführt.166 Hier liegt einer der entscheidenden Unterschiede zwischen den Publikationen und Werbestrategien von NTEU und AUNS/SVP. Das erklärte Ziel von NTEU ist es, auf unterschiedliche Zielgruppen hin und auf allen Niveaus zu argumentieren.167 Bei AUNS findet man dagegen weder den Versuch eine differenzierte Argumentation aufzubauen und zu untermauern noch die öffentliche Selbstreflexion über die eigene Strategie und Handlungsweise.

Symptomatisch für den grundverschiedenen Umgang mit Wissen ist die Archivierungspraxis beider Bewegungen. Im Gegensatz zu dem mit Büchern und Aktenordnern vollgestopften Büro von NTEU in Oslo erscheint das Büro von AUNS in Bern leer und ordentlich. NTEU in Oslo hat ein Archiv mit Zeitungsartikeln zum EU-Thema angelegt, in dem die landesweite Presse ausgewertet wird. Ein vergleichbares Archiv unterhält AUNS nicht. Dies ist auch unnötig, weil AUNS eine schnell agierende Kampagnenorganisation ist, die nicht auf umfangreiche Fußnotensysteme zurückgreift, um Behauptungen zu belegen. Der Qualitätsunterschied darf indes nicht mit mangelnder Professionalität verwechselt werden. Die unterschiedliche Archivierungspraxis spiegelt vielmehr unterschiedliche Strategien und Zielgruppen wider. Zielgruppe der AUNS ist das Kleinbürgertum, das vom sozialen Abstieg bedrohte Arbeitermilieu, Hausfrauen und Bauern. Strategisch sind AUNS und SVP im Rahmen ihrer zahlreichen Volksabstimmungskampagnen auf Medieninteresse durch gezielte Provokation ausgerichtet, oder wie ein führender SVP-Politiker formulierte: „Solange ich Neger sage, bleibt die Kamera bei mir.“ 168 Angesichts dieser durchaus erfolgreich praktizierten Strategie ist ein quasi wissenschaftlicher Apparat wie bei NTEU überflüssig oder sogar hinderlich.

2.2.3 Verwendung von vergleichenden Statistiken bei NTEU und AUNS/SVP

Innerhalb des Materials von NTEU und AUNS/SVP tauchen zahlreiche vergleichende Statistiken auf. Oft unterstützen diese die Argumentation im Text. Diese Vergleiche reproduzieren euroskeptische Grundansichten der Überlegenheit des Nationalstaates. Folglich suchen, finden und publizieren AUNS/SVP und NTEU vergleichende Statistiken, bei denen ihre Länder gegenüber der EU und ihren Mitgliedsstaaten auf den vorderen Plätze erscheinen. Wie üblich verwendet NTEU höherwertige Quellen und belegt diese i.d.R. nachvollziehbar. Zudem sind die vergleichenden Statistiken bei NTEU inhaltlich weiter gefasst (Ökonomie, Lebensqualität, Geschlechtergleichstellung, Demokratie, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit etc.), während bei AUNS/SVP ökonomische Vergleiche dominieren. Entsprechend der neoliberalen Ausrichtung der AUNS sind Unternehmensberatungen, Ratingagenturen (Moodys und Standart&Poor)169 oder führende Unternehmerpersönlichkeiten beliebte Quellen und Kronzeugen für die Überlegenheit der Schweiz.

2.2.4 Verwendung von IT

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Die Internetseiten von AUNS und NTEU beinhalten selbstverständlich Informationen über die Entstehung, Geschichte und Ziele der Bewegungen sowie zur Mitgliederwerbung. Gravierende Unterschiede bestehen jedoch in ihrem Informationsgehalt und ihrer Aufmachung. Dabei scheinen sich die in den Büros beobachteten Ordnungsvorstellungen auch beim Umgang mit Wissen im virtuellen Raum niederzuschlagen. So besticht die Startseite der AUNS durch Aufgeräumtheit, Schlichtheit, Übersichtlichkeit, die sparsame Verwendung von Farben und eine klare Gliederung. Demgegenüber ist die Startseite von NTEU nicht nur farbenfroh, bildreich, sondern auch eng mit Text, Unterverzeichnissen und Links versehen. Während das so genannte ‚Archiv’ der AUNS lediglich aus eigenen Schriften besteht, bietet NTEU neben zahlreichen eigenen Publikationen auch allgemeine Literatur zur EU und Presseberichte. Zudem wird eine umfangreiche Linkliste zur Verfügung gestellt, an der deutlich die von NTEU gesetzten Prioritäten abzulesen sind. So fängt die Liste mit der detaillierten Aufzählung der euroskeptischen Bewegungen und Parteien in Norwegen an. Hierauf folgen Internetlinks zum ‚EU-Widerstand im Norden und zum ‚EU-Widerstand außerhalb des Nordens’. Bemerkenswert ist, dass außerdem nicht nur auf zahlreiche ‚offizielle EU-Seiten’, u.a. auf das schweizerische Integrationsbüro, hingewiesen wird, sondern auch auf die Seiten der norwegischen Integrationsbefürworter. Abgerundet wird diese Liste durch einige Verweise auf die Seiten prominenter nordischer EU-Gegner.170

Dagegen findet sich bei der AUNS nicht einmal ein Link zur SVP, geschweige denn zu integrationsbefürwortenden Organisationen.171 Noch deutlicher wird der unterschiedliche Anspruch, das Volk ‚informiert’ und ‚aufgeklärt’172 zu halten, bei der Verwendung von Newslettern. So informiert NTEU (ebenso wie die Europabewegung) mit einem wöchentlichen Newsletter. Die AUNS verfügt nicht über einen derartigen Service. Lediglich die SVP informiert und kommentiert über einen Newsletter. Etwa ein Viertel aller Mails der SVP wirbt jedoch für persönliche Gespräche mit SVP-Politikern über eine Telefonhotline. Anstatt Sachinformationen zu liefern, werden ausschließlich biographische Angaben der Politiker übermittelt.173 Die SVP nutzt das Internet folglich maßgeblich, um auf das ältere Medium Telefon zu verweisen.

Hauptgrund für die mäßige Nutzung des Internets dürfte die Altersstruktur der AUNS und SVP sein sowie die frühere Verbreitung des Internets in Norwegen. Zudem spielen auch personelle Aspekte eine Rolle. Kristen Nygaard, der frühere und inzwischen verstorbene Vorsitzende von NTEU, war ein international renommierter IT-Experte. Dies war wohl ein Grund, warum NTEU früh auf die Nutzung des Internets gesetzt hat. So rühmt sich NTEU mit seiner zentralen Datenbank „Rundblick“ (Kringsjå), die neue Informationstechnologie in einer Weise und einem Umfang benutzt zu haben, wie es in Norwegen bislang nicht geschehen sei.174 Ob dies zutrifft oder nicht, mag dahingestellt sein. Es zeigt auf jeden Fall den Anspruch von NTEU Speerspitze des Fortschrittes und der Modernität zu sein. Dabei spielt insbesondere die Vorstellung des Internets als basisdemokratisch und netzwerkartig eine wichtige Rolle für die Selbstinszenierung von NTEU. Dagegen beschreibt AUNS ihre Organisationsform in militärischem Vokabular und damit als hierarchisch. Beispielsweise werden die Büros der AUNS in den Kantonen als „Stützpunkte“ 175 bezeichnet.

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Moderner, informierter und aufgeklärter zu sein als die Europabewegung ist eine der zentralen Aussagen von NTEU. Während NTEU ihr Wissen als Hauptressource darstellt, sei es das Kapital, das hinter der Integration steht. Entsprechend beschuldigt NTEU die Europabewegung bisweilen, zwar viele bunte Bilder vom schönen Europa zu produzieren, aber wenig substanzielle Argumentation anzubieten.176 AUNS und SVP sind keinesfalls technikfeindlich, jedoch gründet sich die Überlegenheit der Schweiz stärker auf Effizienz und Neutralität. Die Lehrgeschichten, die von der AUNS erzählt werden, haben aber den Charakter von beständigen Wahrheiten über den Staat und das Zusammenleben der Menschen.177 Sie bedürfen keiner umfassenden Belege durch einen Apparat von Informationen, Fußnoten oder Aktualisierungen durch einen Newsletter. Ungleich wichtiger ist, wie die oben beschriebene Telefonhotline zeigt, der persönliche Kontakt zwischen Bürger und Politiker.

2.2.5 Führungspersönlichkeiten

Handelnde Personen haben einen höheren Nachrichtenwert als die abstrakte Darstellung politischer Prozesse. Die Zuordnung eines Standpunktes zu einer Person löst Identifikation oder Ablehnung aus. Umso erstaunlicher ist der eklatante Unterschied hinsichtlich der Personalisierung der Integrationsdiskurse in den Medien und durch die EU-Gegner selbst. Spricht man mit Schweizern über Integrationswiderstand, dann fällt ungefragt der Name Christoph Blocher und üblicherweise eine negative Wertung. Dagegen findet eine Zuordnung und Gleichsetzung einer Person mit dem Integrationswiderstand in Norwegen selten statt und bleibt eher wertfrei.178

Christoph Blocher wird von Gegnern und Unterstützern als die Führungspersönlichkeit des Integrationswiderstandes begriffen. Zwar finden sich im Umfeld von Blocher andere bekannte Persönlichkeiten wie Hans Fehr, Claudio Zanetti und Christoph Mörgeli. Aber bei diesen handelt es sich um Gefolgsleute oder Weggefährten Blochers. Der schweizerische Integrationswiderstand schart sich um Blocher, der von seinen Anhängern starke Unterstützung und von seinen Gegnern starke Anfeindungen erfährt.179 So wird Blocher häufig mit der AUNS gleichgesetzt. Dies wird etwa an der Darstellung des Integrationsbüros über die Position der AUNS gegen die Bilateralen Verträge II deutlich. So wird das Thema des Berichtes, die AUNS, nur am Rande gestreift. Im Zentrum des Berichts wird vielmehr Christop Blocher und sein Konflikt mit der Basis der AUNS als ‚seiner’ Organisation thematisiert.180

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Auch in Norwegen finden sich auf der Nein-Seite prominente Persönlichkeiten wie die Politikerin der Zentrumspartei, Anne Lahnstein, die von den Medien zur ‚Nein-Königin’ gekürt wurde. Im Gegensatz zur Schweiz, wo Blocher fast ein Synonym für die Integrationsgegner ist, hat der norwegische Integrationswiderstand aber viele Köpfe. Dies zeigt zum einen den Nein-Standpunkt zahlreicher prominenter Politiker, Intellektueller und Künstler181 und zum anderen den Charakter von NTEU als gesellschaftlich breitem Bündnis. Auf bildlichen Darstellungen von AUNS/SVP und NTEU kommt dieses unterschiedliche Verständnis von Personen zum Ausdruck. Während Blocher auf Fotos häufig alleine (oder händeschüttelnd mit einem Freund oder Weggefährten) abgebildet ist, werden führende Persönlichkeiten von NTEU als Teil einer um Demokratie besorgten Volksmasse182 dargestellt. Während die AUNS und Blocher als volksnahe Advokaten auftreten, versteht sich NTEU als das Volk selber.183

Für diesen Unterschied im Grad der Personalisierung gibt es noch andere Gründe. Die AUNS vertritt rechtspopulistisches Gedankengut und Blocher ist ihre starke Führungspersönlichkeit. Dieses stark personalisierte Verständnis von Politik findet sich auch in den SVP- und AUNS-Schriften, wo EU-Politiker (z.B. Prodi, Schröder etc.) als korrupt, inkompetent und als Feinde dargestellt werden. Demnach ist die EU schlecht, weil man ‚es ja sehen kann’, dass sie von korrupten oder unfähigen Politikern regiert wird. Im Selbstverständnis der AUNS müssen sich volksnahe Männer wie Blocher, wie einst Tell, diesen korrupten Männern in Bern und Brüssel entgegenstellen.

NTEU hat dagegen ein wesentlich abstrakteres Bild von politischen Prozessen, in denen Markt- und Machtmechanismen die treibenden Kräfte sind. Diese abstrakten Eigenschaften werden durch Bilder von dicken, mächtigen und korrupten Politikern zwar illustriert, dienen jedoch nicht als Argumentationsersatz. Wie etwa an dem verbreiteten Spott von NTEU über Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland abzulesen ist, wendet sich der egalitäre und anti-autoritäre Anspruch von NTEU gerade gegen die Dominanz einer einzigen Person.184

2.2.6 Layout, Material und Aufmachung der Publikationen von AUNS und NTEU

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Die einfache, an Bildern und Symbolen arme, fast biedere Aufmachung der AUNS-Broschüren transportiert Sachlichkeit und Sparsamkeit und steht im Gegensatz zu dem polemischen Inhalt. Demgegenüber sind Flugblätter und Plakate mehrfarbig. Die AUNS verwendet gebleichtes Papier, das oft in blauen, grünen, rosa und orangen Pastellfarben gehalten ist. So ist etwa das Heft zur Golddebatte grün, das zum Föderalismus und Europa orange und das zum Zweiten Weltkrieg rosa.185 Diesen dezenten Farben transportieren Seriosität und ermöglichen die Unterscheidung der in Layout und Format (DIN A 5) identischen, zwischen 15 und 48 Seiten dicken Heftchen. Kernaussagen werden bei der AUNS im Text fett gedruckt oder durch Rahmen hervorgehoben. Eine solche massive Lenkung des Lesers ist bei NTEU unüblich. Kernaussagen und Struktur der Texte werden üblicherweise durch das Inhaltsverzeichnis strukturiert. Schraffierte Kästen dienen bisweilen dazu, eine Zusammenfassung der Kernaussage, eine Anekdote oder ein Zitat wiederzugeben.

Im Gegensatz zur AUNS verwendet NTEU häufiger nationale Symbolik und Verweise auf die nationale Geschichte auf Plakaten sowie Vorder- und Rückseiten von Büchern, Broschüren und Zeitungen. Die Verwendung von nationaler Symbolik ist jedoch im Verlauf der Geschichte des norwegischen EU-Widerstandes dezenter geworden, auch wenn sie nicht verschwunden ist. So sieht man in neueren Ausgaben von Plakaten, Broschüren und Büchern die Szene eines Rockkonzertes, womit jüngere Wähler angesprochen werden sollen. Zugleich wird der Gegensatz zwischen dem jungen, zukunftsträchtigen Norwegen und dem alten EU-Europa aufgebaut. So wird etwa auf der Vorderseite eines Flyers von NTEU eine bewegte Menschenmasse mit drei jungen Frauen im Vordergrund gezeigt, während auf der Rückseite Bilder der älteren Mitglieder des Europäischen Konventes abgebildet sind.186 Demgegenüber wurde das Material der Kampagne von 1994 noch von dem klassischen Rahmen mit norwegischer Flagge187 geschmückt. Die mit Fahnen und norwegischen Fischkuttern gespickten Plakate des Abstimmungskampfes von 1994 sind in ihrer Aufmachung an die des ersten Referendums von 1972 angelehnt. Damit verbinden sie nationale Symbolik mit der Beschreibung der Geschichte der siegreichen norwegischen Widerstandsbewegung.188 Bereits das bisweilen von NTEU verwendete Altpapier transportiert die Selbstbeschreibung als alternativ/ökologisch und stellt eine Abgrenzung gegenüber den auf Hochglanzpapier publizierten Schriften der Europabewegung dar. Dies versteht die Europabewegung und wird von ihr parodiert. So gab die Jugendbewegung der Europabewegung eine Broschüre heraus, die den Eindruck von Altpapier oder altem vergilbten Papier vermittelt. Diese im doppelten Sinne ‚graue Literatur’ beschreibt Norwegen als von der EU abhängige Bananenrepublik, welche dem von den USA abhängigen Puerto Rico gleicht. 189

Zudem vermitteln die Schriftserie und zahlreiche Publikationen von NTEU durch graue und braune Farben auf dem Cover den Eindruck von Altpapier, selbst wenn der Innenteil auf neuem Papier gedruckt ist.190 Hiermit wird der ökologische Anspruch der Nein-Bewegung in Norwegen unterstrichen („Umweltschutz oder EU“). Im Vergleich zur norwegischen Europabewegung sind die Schriften von NTEU einfacher gestaltet (z.B. weniger aufwendige Fotos, häufiger Schwarz-weiß-Fotografien) und transportieren damit das Selbstbild von NTEU als sachlich argumentierende Underdogs im Kampf gegen die Eliten.

2.2.7 Symbole und Bilder

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Selbst- und EU-Bilder der Euroskeptiker kommen in bildlichen Darstellungen besonders prägnant zum Ausdruck. AUNS und SVP konzentrieren sich auf sehr wenige eingängige Bilder. Das prominenteste ist das ‚gerupfte Huhn’, dessen Schnabel zugebunden und dessen Beine aneinandergekettet sind. Diese mit dem Slogan „Ärmer werden. Freiheit verlieren. Nein zum EU-Beitritt“ 191 unterlegte Darstellung wurde in verschiedenen Kampagnen benutzt. Das norwegische Gegenstück zum ‚gerupften Huhn’ ist die ‚gemolkene Kuh’. Auf diesem populären Bild wird die ‚Kuh Norwegen’ von Gro Harlem Brundtland gemolken und die Milch fließt in den ‚europäischen Eimer’.192

Selbst wenn man bei AUNS die bildlichen Darstellungen in angrenzenden Kampagnen (Armee, Goldreserven, Nazigold, Asyldebatten) hinzuzählt und die zahlreichen Karikaturen aus dem Umfeld von NTEU nicht berücksichtigt193, so bleibt die Anzahl der unterschiedlichen bildlichen Darstellungen bei AUNS doch geringer. Dieser Unterschied ist vor allem auf die Vielzahl der Schriften von NTEU zurückzuführen. Diese enthalten in der Regel neben dem Layout, welche sie als Teil einer Schriftserie von NTEU erkennbar macht, eine bildliche Darstellung zum jeweiligen Thema und der Kernaussage der jeweiligen Schrift.194 Solche am thematischen Zusammenhang ausgerichteten Darstellungen finden sich bisweilen auch bei der AUNS. Entsprechend folgen die Bilder den jeweils bevorzugten Themen der Bewegungen. Diese sind Einwanderungspolitik, Ökonomie und bewaffnete Neutralität bei AUNS und Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Drogenpolitik bei NTEU.

NTEU stellt besonders das Gegensatzpaar von groß und klein in zahlreichen Bildern dar. So wird etwa das kleine norwegische Fischerboot von dem großen ‚Öltanker EU’ ins Schlepptau195 genommen oder der kleine norwegische Fisch vom großen Fisch gefressen. Bisweilen argumentiert der gefressene Fisch - wie die norwegische Europabewegung -, dass er ins Maul des Großen hinein muss, um Einfluss auf ihn auszuüben.196 Das Thema groß gegen klein findet sich auch bei der AUNS. Dabei sind die Darstellungen in der Schweiz jedoch eher auf Freiheitsverlust (Gefängnis EU197, gefesseltes Huhn u.a.) oder auf den Verlust von Geld bezogen. Hinzu kommt eine Reihe historischer Darstellungen über Staatsgründung und nationale Verteidigung. Besonders häufig sind Darstellungen des Rütli-Schwures und der Armee aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.198

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Auch bei NTEU finden sich Referenzen zur Staatsgründung und zur Verfassung von 1814. Im Gegensatz zu Darstellungen der AUNS, welche die nationale Selbstbehauptung unmittelbar mit dem EU-Kontext verknüpfen, wird in Norwegen mit historischen Bildern (z.B. steinzeitlichen Malereien) die nationale Vergangenheit und Gemeinschaft beschworen, ohne daraus eine textliche Argumentation oder eine klare Aufforderung zur nationalen Selbstverteidigung abzuleiten.199 Durch bildliche Darstellungen werden bei NTEU dagegen Argumente mit dem Bezug zur Verteidigung der Demokratie in Form der Abbildung des norwegischen Parlamentsgebäudes benutzt. Dieses wird häufig den protzigen, verwinkelten Darstellungen von europäischen Gebäuden gegenübergestellt200 und durch die Darstellung von bekannten EU-Politikern - den mächtigen Männern Europas - komplettiert. Die Bilder vermitteln die Botschaft, dass die EU ein kafkaeskes, machthungriges, hierarchisches Gebilde sei. In diesem Aspekt ähneln die Selbstdarstellungen der AUNS auf verblüffende Weise den negativen Bildern von NTEU über das männerbündische, konservative, katholische, kontinentale Europa. So zeigt die AUNS bevorzugt Außenaufnahmen von großen Gebäuden, in denen AUNS-Tagungen stattfinden, sowie händeschüttelnde, untersetzte Herren, die an langen Tafeln schweizerische Gemütlichkeit zelebrieren.201

2.2.8 Humor als Stilmittel

Die Darstellung des politischen Gegners und seines Standpunktes als lächerlich unterminiert dessen Position und ist deshalb ein Ziel politischer Akteure. AUNS und SVP verwenden eine martialische Sprache. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Schweiz sich in einem nationalen Verteidigungskrieg befindet. Vor diesem Hintergrund handelt es sich um eine Sache, die viel zu ernst ist, um sie humoristisch darzustellen. Denn so die Mitgliederwerbung der AUNS:

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„Die Unabhängigkeit und die Bewaffnete Neutralität der Schweiz sowie die Freiheitsrechte der Bürger und Bürgerrinnen dulden keine Kompromisse. Wer jetzt schweigt, schadet seinem Land. AUNS-Mitglieder schweigen nicht.“202

Bitterböser Spott und persönliche Angriffe auf den politischen Gegner sind jedoch die Regel. Dies reicht von Anschuldigungen gegen die ‚Herren Experten’ über die ‚linken Gutmenschen’ bis zu den dümmlich-arroganten Politikern und Bürokraten in Bern und Brüssel. Witze und Karikaturen beinhalten persönliche Angriffe oder fremdenfeindliche Inhalte, wie zum Beispiel ein Bild von Schwarzen, die im Flugzeug ‚nach Hause’ gebracht werden.203 Zugleich bieten AUNS/SVP damit jedoch auch reichlich Angriffsfläche für den ausgeprägten Spott und zahlreiche Karikaturen in Presse, integrationsbefürwortenden Essays, Plakaten etc. Holzschnittartige Darstellungen von dummen, zurückgebliebenen, auf dem Berg sitzenden, dicklichen Schweizern204 oder/und Euroskeptikern sind deshalb weit verbreitet - dies gilt im Besonderen für Blocher selbst, der sowohl von seinen Gegnern wie seinen Freunden oft dargestellt wird.205

Im Gegensatz zur Schweiz pflegen NTEU und die norwegische Europabewegung einen respektvollen Umgang miteinander. Dies gilt auch für humoristische Darstellungen, die wesentlich höflicher sind als in der Schweiz. Dies sollte jedoch nicht als Indiz für ein niedriges, sondern für ein hohes Konflikt- und Mobilisierungspotential in Norwegen sprechen. Nach den Erfahrungen des erbitterten Abstimmungskampfes von 1972 war es das erklärte Ziel der Nein-Seite, sich nicht erneut dem Vorwurf auszusetzen, die Stimmung im Land zu vergiften. Vor diesem Hintergrund stellt es einen nationalen Konsens dar, dass die politischen Akteure des Integrationsstreites kein Öl ins Feuer gießen. Dagegen gehören Referenden in der Schweiz zum Alltag und führen zu niedrigerer Mobilisierung und Wahlbeteiligung (ablesbar an der mit 78,3% bei der EWR-Abstimmung von 1992 relativ zu Norwegen mit 89% niedrigeren Wahlbeteiligung).206 AUNS und SVP können daher in ihrer Rhetorik den Kriegsfall ausrufen, ohne damit rechnen zu müssen, dass dieser Aufruf wörtlich genommen wird. Trotz der enormen Erfolge an den Wahlurnen bieten Blocher, SVP und AUNS damit eine Steilvorlage für die Medien, als lächerlich dargestellt zu werden. In der Schweiz haben die Befürworter das Oberwasser in der Darstellung der Gegner als Witzfiguren. Dieses Verhältnis ist in Norwegen wesentlich ausgeglichener. Dort gilt eher die Europabewegung als der ewige Verlierer.

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NTEU wollte den Eindruck von Nationalismus vermeiden und vielmehr die Lacher auf ihrer Seite haben. Die Bewegung griff deshalb zum Mittel der Selbstironie.207 Dies ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil die AUNS keine Selbstironie kennt, sondern auch, weil weder norwegische noch schweizerische Integrationsbefürworter nennenswert zum Mittel der Selbstironie greifen. Humoristische Darstellungen und Selbstbeschreibungen der EU-Gegner als witzig oder gewitzt bilden ein positives Selbstbild der Euroskeptiker gegenüber den Krawatten tragenden, Aktenkoffer schwingenden EU-Befürwortern im eigenen Land und den ‚Eurokraten’. Diesen Selbstbeschreibungen haften Bauernschläue und etwas Harlekinartiges des Widerstandes gegen Obrigkeit und Eliten an. Damit spricht die Ironie nicht nur besonders Jugendliche an, sondern sie stimmt auch mit der Selbstbeschreibung der schlauen norwegischen Bauern und Peripheriebewohner überein, die sich gegen die strenge staatliche Obrigkeit zur Wehr setzen. Zudem hat NTEU über Selbstironie, Ironie und Spott einen Weg gefunden, Feindbilder, die eigene Rolle und die Selbstbeschreibungen der Norweger entlang bestehender Stereotypen zu beschreiben, ohne unmittelbar dem Vorwurf der nationalen Idealisierung oder der Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt zu sein.

2.3 Schlussfolgerungen

Auffallend ist, dass im kleineren Norwegen zur EU-Integration insgesamt mehr publiziert wurde als in der fast doppelt so großen Schweiz. Dies gilt im Besonderen für Kampfschriften und Publikationen, die direkt auf die Meinungsbildung der Bevölkerung gerichtet sind. Solche Schriften, die sich zwischen wissenschaftlicher Abhandlung und Essay bewegen, nehmen in der Schweiz fast ausschließlich einen Pro-Integrationsstandpunkt ein. Obwohl vergleichbare pro-integratorische Texte auch in Norwegen zu finden sind, überwiegen euroskeptische Schriften.

Insgesamt bleibt die publizistische Tätigkeit der schweizerischen Euroskeptiker sowohl in Quantität wie auch in Qualität hinter derjenigen der norwegischen Euroskeptiker zurück. Dies spiegelt die längere Dauer des norwegischen EU-Streites wider, aber vor allem den Anspruch von NTEU auf allen Niveaus zu argumentieren. Die niedrigere publizistische Tätigkeit von AUNS/SVP ist nicht nur auf Ermüdungserscheinungen der Referendumsdemokratie zurückzuführen. Vielmehr verzichten die schweizerischen Euroskeptiker zugunsten der häufigen Wiederholung ihrer Kernaussagen auf eine ausgefeilte Argumentation.

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Der Unterschied zwischen den plumpen, provokanten Behauptungen und Erzählungen von AUNS/SVP und der ausgeklügelten Argumentation von NTEU bereitet erhebliche Schwierigkeiten in Hinblick auf die Vergleichbarkeit der Aussagen der Euroskeptiker und der damit implizierten normativen Bewertung208 beider Bewegungen. Da Autor und Leser dieser Untersuchung dem wissenschaftlichen Milieu zugehören, dürften die akademische Argumentation und die Aufmachung in dem Material von NTEU Sympathie auslösen. Demgegenüber lösen die rechtspopulistische, rassistische Rhetorik von AUNS/SVP im Regelfall Antipathie aus. Diese Sympathie bzw. Antipathie ist problematisch, weil dies über eventuell deckungsgleiche Haltungen beider Volksbewegungen zu Nation, Nationalstaat und EU hinwegtäuschen kann. Entsprechend wird nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner in den Aussagen von NTEU und AUNS gesucht. Dieser besteht darin, simple Bilder, Slogans und Metaphern zu vergleichen. Vor dem Hintergrund der Prämisse, dass euroskeptische Motivation aus der Gegenüberstellung positiver nationaler Selbstbeschreibungen und negativer EU-Bilder entsteht, erscheint die ausgeklügelte Argumentation von NTEU sogar als überflüssige Rationalisierung. Folglich muss die rationale Argumentation von NTEU peinlich genau auf zugrunde liegende Stereotypen und Rahmengeschichten geprüft werden. Demgegenüber werden nationalistische Motive in den Quellen von AUNS/SVP explizit ausgeführt. Insofern ist der Umgang mit den norwegischen Quellen weitaus schwieriger, da nationalistische Motive hineingelesen werden müssen, was bei den schweizerischen Quellen nicht notwendig ist. Dieses Hineinlesen in die norwegischen Quellen ist jedoch unabdingbar, denn die reine Untersuchung expliziter nationalistischer Textaussagen erzeugt zwangsläufig das Bild eines guten, aufgeklärten norwegischen Euroskeptizismus gegenüber einem rechtspopulistischen schweizerischen Euroskeptizismus. Eine derartige Schwarz-weiß-Malerei muss skeptisch stimmen, zumal sie bestehenden Stereotypen über die guten, aufgeklärten Nordeuropäer und den konservativen, engstirnigen Schweizer entspricht. Dass NTEU sich politisch korrekt ausdrückt, während AUNS/SVP einen ungehobelten, polemischen und deutlich nationalistischen Stil pflegt, könnte auch auf die Inhalte und den Stand der nationalen Selbstverständigungsdiskurse zurückzuführen sein.


Fußnoten und Endnoten

103  Nach dem gleichnamigen Buch, das die wichtigste empirische Aufarbeitung des norwegischen Referendums von 1994 aus der Perspektive der Wahlforschung darstellt: To join or not to join 1998.

104  Sowohl die Schicksalhaftigkeit wie auch die Konstruktion von Gegensätzlichkeit von Integration und Nation sind in Norwegen deutlich stärker ausgeprägt als in der Schweiz. Deshalb ist es kein Zufall, dass gleich zwei Buchtitel in Norwegen direkt die Frage „Nation oder Union?“ stellen. Dabei wird diese Gegensätzlichkeit zum einen aus einer erweckerisch-fundamentalchristlichen Perspektive aufgebaut (Åleskjær 1994) und zum anderen aus einer links-sozialistischen Kritik der EU (Lunden 1993).

105  Diese Beschreibungen sind entweder prägnante Zusammenfassungen der essentiellen Wesensmerkmale der Länder und ihrer Bewohner oder sich selbst reproduzierende Geschichten, die das Resultat von kontingenten historischen Ereignissen und bereits bestandenen Geschichten sind. Hier wird letztere Option als Arbeitshypothese benutzt, da eine Überprüfung aller Behauptungen über die Wesenszüge der Länder und ihrer Bevölkerungen weder machbar noch von Interesse für unsere Fragestellung ist. Siehe zu solchen Länderbeschreibungen Sieber 1994.

106  „All perceptions and descriptions are embedded in a network of already available perceptions and descriptions...“ Schmidt 1999: 2. Inzwischen dürfte es sich herumgesprochen haben, dass unsere Realität von uns auf verschiedenen Ebenen wie Sprache, Medien, unserem psychischen System und einem System von kulturell bedingten Annahmen geschaffen wird. Eine prägnante Zusammenfassung dieser verschiedenen Ebenen findet sich bei Schmidt 1999.

107  Der entscheidende Vorteil des schweizerischen Rentensystems besteht in der Diversifikation von Risiken durch eine teilweise Kapitaldeckung, wodurch Schwierigkeiten des demographischen Wandels besser begegnet wird. Für die Beliebtheit dieses Modells in der deutschen Debatte dürfte zudem die große Nähe und der damit verbundene Identifikationseffekt zu den Schweizern sowie die Unterstellung, dass die Schweizer mit Geld umgehen können, verantwortlich sein.

108  Zu den Stereotypen über den Norden und ihren teilweisen Wandel von Tacitus bis heute siehe Stadius 2001.

109  Das Rätoromanische wird aufgrund des geringen Anteils von 0,5% der Bevölkerung weggelassen (Zahlenangabe für 2000 nach Bundesamt für Statistik).

110  Siehe zum Grundgedanken der Vergemeinschaftung durch Transaktion bei Deutsch 1957.

111  Dies ergibt sich größtenteils unmittelbar aus der geographischen Lage der Schweiz inmitten der EU und die großen Entfernungen in Norwegen zum Kontinent.

112  Zahlreiche Publikationen u.a. zur norwegischen Debatte sowie über EU-Europa können bei www.arena.uio.no oder www.nupi.no heruntergeladen werden. Das Arena Programm befasst sich mit dem Verhältnis zwischen Europa und Nationalstaat, während NUPI sich mit internationaler Politik befasst und damit nur einen Teil seiner Forschungsressourcen auf Integrationsthemen richtet. In der Schweiz ist ein schneller Zugriff über das Integrationsbüro möglich. Zu sicherheitspolitischen Diskursen finden sich zahlreiche Publikationen bei der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik und Konfliktanalyse der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Eine Linksammlung über weitere Forschungsinstitute findet sich auf der Seite der Europabewegung: www.europa.ch (Stand 14.4.04).

113  Diese neun Einträge geben, neben dem zufällig gleichlautenden lettischen Autorennamen ‚Auns-Urālietis, Arvīds’, die linke Kritik an der AUNS von Frischknecht/Niggli (1998) und wenige Publikation der AUNS an (Verbundskatalog Nebis: Stand 5.5.04).

114  Norwegen hat zwei offizielle Sprachen. Die Buchsprache (Bokmål) ähnelt dem Dänischen. Das Neunorwegische (Nynorsk) ist eine aus ländlichen Dialekten gebastelte Gegensprache zu der ‚fremden Sprache’ der dänischen Verwaltungseliten und dem städtischen Bürgertum.

115  Genaue Angaben sind nicht möglich, da entsprechendes statistisches Material fehlt. Besonders in der Schweiz ist es zudem schwierig, den EU-Diskurs von anderen Diskursen zu trennen.

116  Dieses Forschungsprojekt stellt die Grundlage zahlreicher Publikationen dar: Siehe To join or not to join 1998, Jenssen/Valen 1995, Medlemsundersøkelsen 1994. Das schweizerische Gegenstück sind die Vox-Analysen.

117  Siehe ausführlich zu Norwegen Hille 2000:13ff: 89ff.

118  Suchbegriff: „Norge og EU“, Recherche vom 16.9.02 in der UB der Universität Oslo. Der Zeitraum von 1970-1988 enthält allerdings nur 18 Bücher, dies ist z.T. wahrscheinlich auf die fehlende Erfassung der alten Bände von 1970 zurückzuführen.

119  Übergänge zwischen politischen Kampfschriften und wissenschaftlichen Werken sind selbstverständlich fließend.

120  Einschränkend ist anzumerken, dass die Zahl wissenschaftlicher Monographien in Norwegen künstlich dadurch erhöht wird, dass ‚hovedoppgaver’ (also wissenschaftliche Abschlussarbeiten, die etwa einer deutschen Diplom- oder Magisterarbeit entsprechen) bei der Recherche in den datengestützten Bibliothekssystemen auftauchen. Dagegen erscheinen solche Arbeiten in der Schweiz eher vereinzelt in den Katalogen.

121  Vgl. Verbundskatalog ‚Nebis’ am 3.4.04 unter den Suchwörtern ‚Schweiz und EU’.

122  Zur Wahlforschung: To join or not to join 1998. Zum Vergleich der sektoralen Einflüsse: Ingebritsen 1998.

123  Siehe Schwendimann 1993.

124  Zwar gibt es durchaus kritische Stimmen gegenüber der EU und dem Integrationsvorgang, jedoch sind diese primär auf die Verbesserung der EU gerichtet und vertreten damit keine fundamental euroskeptischen Ansichten.

125  Dies ist wörtlich zu verstehen, wenn Europaforscher von verschiedenen europäischen Hochschulen und Graduiertenschulen in der Europäischen Akademie in Berlin vor dem Hintergrund von EU-Hoheitssymbolen konferieren.

126  Z.B. das Heft: Aus Politik und Zeitgeschichte B43/92.

127  Pro-integratorische Prämissen werden auch in seriösen Werken - wie von Gstöhl 2002a,b – zugrunde gelegt. Mit einem Titel wie „Reluctant Europeans in the Process of Integration“ wird das weitverbreitete Bild von Störenfrieden und Widerspenstigen, die sich dem Gang der Geschichte entgegenstellen, reproduziert.

128  Siehe Kux/Svedrup 2000: 237-270, auch Anórsson 1996.

129  Stratenschulte 2004.

130  Siehe Jervell 2003. In Zeitungen, den Stellungnahmen von NTEU und der Europabewegung wird gelegentlich das Thema der schweizerischen Lösung aufgegriffen.

131  Siehe Gstöhl 2002a,b, 1998 und Sciarini/Listhaug 1997, Kux/Svedrup 2000: 237- Siehe auch Kapitel: Geld oder Europa? Zudem entsteht eine Doktorarbeit im Graduiertenkolleg zur Europäischen Integration in Osnabrück über Staatsverständnis und wissenschaftliche Konzeptionalisierung der Integrationsdebatten in Norwegen und der Schweiz: siehe die Homepage von Holst.

132  Stichworte sind dabei das Nazigold und die Kriegsverlängerungsthese.

133  Nach Vogt 1996: 5. Zu literarischen dekonstruierenden Beschreibungen der Schweiz siehe Bugmann 2000.

134  Der Zürcher Bote ist das Publikationsorgan der Schweizerischen Volkspartei. Ausgewertet wurden der Jahrgang 1991 und 1992, sowie die Ausgaben vom 12. Jan 2001 bis zum 7. Sept. 2001. Weitere Jahrgänge wurden durchgeblättert. Sättigung trat jedoch aufgrund der großen Redundanz der Aussagen sehr schnell ein. Inhaltlich wurden häufig die Verteidigung der Neutralität, der Armee und der wirtschaftlich erfolgreichen und subsidiären, demokratischen Kleinstaatlichkeit der Schweiz angesprochen. Das im selben Haus wie der Zürcher Bote ansässige Bauernblatt Zürcher Bauer wurde nach denselben Kriterien gesichtet wie der Zürcher Bote.

135  Zu Norwegen: Østerud 1993, Ingebritsen/Larson 1997, Bjørklund 1996.

136  Siehe Slagstad 1998, Rothholz 1997, Østerud 1996, 1994, 1993, Sørensen 1998, 1994.

137  Vgl. Loderer 1999, Schweizer Eigenart 1996, Störfall Schweiz Störfall Heimat 1990.

138  Siehe den Schlussbericht zu diesem Forschungsprojekt: Kreis 1993, auch Im Hof 1992.

139  Vgl. Schymik 2004: 118.

140  Oberer 2001: 50. Im Weiteren belegt Oberer diese These anhand der gezählten Inserate für die Schweiz (vgl. Oberer 2001: 50ff).

141  Oberer 2001: 50. Angemerkt sei, dass diese Aussage auf die von Oberer untersuchte Kampagne zu den Bilateralen Verträgen umso mehr zutraf: Denn die wesentlichen Akteure der Nein-Seite - Blocher und die AUNS – engagierten sich nicht gegen die Bilateralen Verträge. Dies trug entscheidend zur Niederlage der Nein-Seite bei der Abstimmung über die Bilateralen Verträge bei.

142  Siehe beispielsweise Bergier 1992. Dieser Identitäts- und Europadiskurs lässt sich in zahlreichen Artikeln, insbesondere von 1989 und Anfang der 90er Jahre in den ‚Schweizer Monatsheften’ ablesen.

143  Siehe Furre 1994, Østerud 1993, Jenssen 1994.

144  Wie bereits angedeutet, geht es im schweizerischen Diskurs um die grundlegende Dekonstruktion der Existenz und jeglicher positiver Beschreibungen der Schweiz. Dies wurde insbesondere von verschiedenen Literaten und Autoren wie Max Frisch, Adolf Muschg, Vogt, Dürrenmatt u.a. betrieben. Wohl nicht zufällig wurde ein Lesebuch, das diese Dekonstruktionen der kapitalistischen Schweiz beinhaltet, in der DDR verlegt (siehe Schweiz heute 1976).

145  Neumann 2001.

146  Besonders augenscheinlich wird dies an den aus Anlass des EU-Referendums von 1994 vom Gyldendal Verlag herausgegebenen Kampfschriften. So wird in beiden mit identischem Layout und den programmatischen Titeln „Nein zur EU“ (Furre 1994) und „Ja zur EU“ (Bergesen 1994) primär idealistisch argumentiert. Typisch ist auch, dass das Nein-Buch auf Neunorwegisch und das Ja-Buch in der Buchsprache verfasst ist.

147  Siehe Kapitel: Warme Gemeinschaft oder kaltes Europa?

148  Siehe Schymik 2004, Saglie 1999, 1998, Bjørklund 1999.

149  Am bekanntesten ist wohl Anderson 1988.

150  Dabei scheint ein Schlüssel von etwa 70 % Buchsprache und 30 % Neunorwegisch angewandt zu werden wie die Auflagenzahl von 35.000 Buchsprache und 15.000 Neunorwegisch der Broschüre (Nei til EUs skriftserie – Nr. 3 2000) nahe legt.

151  Denn neben der sachlichen Kritik, dass die Integration aufgrund der Sprachenvielfalt ineffizient sei, spielt die Metapher vom ‚Babel in Brüssel’ auf die Kritik der Erweckungsbewegung, also eines bibelfundamentalistischen Flügels der Nein-Bewegung an. Deutlich wird dies in Schriften der außerhalb von NTEU stehenden christlichen Gruppen. Darin erscheint die EU nicht nur als katholisches Projekt. Die Konstruktion eines geeinten Europas wird überhaupt als infames Projekt dargestellt, das dem Turmbau zu Babel gleicht und somit gegen die von Gott gewollte Ordnung der Welt der Nationalstaaten gerichtet sei.

152  Zu dessen Bedeutung für die Staatsidee der Schweiz (siehe Schneider 1987).

153  Nach Mazenauer 1999.

154  Dem dänisch geprägten Bokmål (Rokkan) bzw. bei AUNS/SVP gegenüber dem Hochdeutschen.

155  Vgl. Blocher 2001: 14. Gemünzt ist dies auf den Prof. für Internationale Politik Jürg Martin Gabriel und Prof. Kurt Spillmann der ETH Zürich.

156  NTEU spricht i.d.R. von ‚Information’ oder ‚Aufklärung’ (opplysning) über die EU.

157  Zur großen Bedeutung von Bauernschläue und gesundem Menschenverstand in Norwegen. Siehe Rothholz 1997.

158  Vgl. Mörgeli 2001 a: 4.

159  Grauer Brief 75, 2001: 11.

160  Sowie den Zürcher Bauern.

161 Futterknecht 1994: Buchrückseite.

162  Futterknecht 1994: 7.

163  Quellen von AUNS/SVP sind häufig Zitate von Autoritäten oder Zeitungsartikel. Demgegenüber beruft sich NTEU oft auf wissenschaftliche Darstellungen.

164  Grauer Brief 79, 2001 Rütli-Schwur: 2.

165  Siehe beispielsweise das Autorenverzeichnis in Norge og EU 1994:12.

166  So gut wie alle Publikationen von NTEU, die nicht zu spezifischen Themen, wie Umwelt, Gleichberechtigung, genmanipulierte Lebensmittel etc., verfasst sind, befassen sich primär mit demokratietheoretischen Bedenken. Etwa nachzulesen bei Norge og EU 1994.

167  Siehe beispielsweise die Karikatur in Kompendium 1994: 51.

168  Zitat des SVP-Politikers Ueli Maurer nach Sprecher (Download Weltwoche vom 18.1.2004).

169  Grauer Brief 90, 2003: 5.

170  Vgl. www.neitileu.no (Stand vom 6.1.2004).

171  Vgl. www.auns.ch (Stand vom 6.1.2004).

172  ‚Informasjon’ oder ‚opplysning’ sind die gängigen Termini im EU-Diskurs.

173  Im Zeitraum vom 14.5.03 bis zum 7.1.04 waren 29 der 130 eingegangenen E-Mails Hinweise auf die Telefonhotline. Auch bei den anderen versandten Informationen handelt es sich meistens um kurze Pressemitteilungen und nicht wie bei NTEU um ausführliche Argumentationen und Hinweise auf Informationen.

174  Vgl. Årsmeldning 1995: 17.

175  Siehe die Seite der AUNS (Download vom 7.1.2004).

176  Dieser Vorwurf ist zwar stark überspitzt, aber nicht gänzlich unberechtigt. So zeigt etwa der Newsletter der Europabewegung tatsächlich viele bunte Bilder, die entweder Personen (vor allem der Ja-Seite) oder die geläufige europäische Ikonographie (Euro, europäische Fahne, Banner und andere europäische Symbole, Konferenzen, Ministertreffen, händeschüttelnde Politiker etc.) zeigen. Demgegenüber ist der Newsletter von NTEU verhältnismäßig sachlich und informativ.

177  Insbesondere wird die Neutralitätspolitik mit solchen Wahrheiten begründet. Beispielsweise rät Bachofner:„Fang keinen Streit an“ (Bachofner 2000: 13) oder Blocher übertitelt eine Broschüre mit:„Suchst Du den Krieg, dann kommt er zu Dir“ (Blocher 2001).

178  Einschränkend muss gesagt werden, dass der Autor sich in beiden Ländern vorwiegend in einem akademischen Milieu bewegt hat, das vor allem Sozialwissenschaftler, Psychologen, Architekten, Schauspieler und Mediziner umfasst. Dabei waren abfällige Bemerkungen über Blocher sehr häufig.

179  Zum ‚Who is Who?’ der schweizerischen rechten euroskeptischen Szene siehe das Buch von Frischknecht/Niggli (1998) „Die unheimlichen Patrioten“, das im Stile des investigativen Journalismus, etwa vergleichbar mit Monitor, zwar etwas einseitig gehalten ist, jedoch die „rechten Seilschaften“ sehr detailreich beschreibt sowie das vergleichbare Buch zur Zürcher SVP von Hartmann/Horvath 1995.

180  Blocher wollte den Bilateralen Verträgen II zustimmen, unterlag aber der AUNS-Basis (vgl. Integrationsbüro Download vom 19.12.03).

181  Zum Who is Who von NTEU siehe z.B. die Jahrbücher von NTEU (Årbok).

182  Z.B. das Foto von Blocher mit Brunner auf dem Cover von (Brunner 1994). Bilder, bei denen das norwegische Volk einerseits und gestriegelte EU-Politiker andererseits abgebildet werden, finden sich häufig bei NTEU - beispielsweise auf dem Cover des Jahrbuches Årbok 1999 oder Bildnachweis: NTEU-Flugblatt Framtida (k.A.).

183  Siehe Kapitel: Warme Gemeinschaft oder kaltes Europa?

184  So findet sich etwa im Liederbuch von NTEU eine Karikatur mit Brundtland in der Mitte des jedem Norweger bekannten Bildes der verfassungsgebenden Versammlung von 1814. Auf diesem belehrt Brundtland die Verfassungsväter und schickt sie, wie kleine Jungen, zum ‚Hausaufgaben machen nach Hause’ (siehe Stem I! Songbok for Røysteføre 1994: 72).

185  Grünes Heft zum Nazigold siehe Blocher 1999: Mörgeli 2001b, oranges Heft zu Föderalismus und Europa siehe Heuer (k.A.): rosa Heft zum Zweiten Weltkrieg siehe Blocher 1998a. In diesem Format sind einige weitere Broschüren in Elfenbeinfarbe (Blocher 1998b) und verschiedenen Grüntönen (Bachofner 2000, Mörgeli 2001a) erschienen.

186  Siehe Bildnachweis: NTEU-Flugblatt Framtida (k.A.).

187  Beispielsweise siehe Bildnachweis: NTEU-Plakate Oljen har stor verdi.

188  Diese Funktion erfüllt auch das Feiern der Jahrestage des Nein von 1972.

189  Siehe Europas Puerto Rico, k.A..

190  Siehe die Schriftserien gegen die EG/bzw. EU: „Skriftserie om EF“ bzw. „Nei til EUs Skriftserie“, z.B. Østerud 1993.

191  Siehe Bildnachweis: Huhn auch als AUNS-Download vom 13.1.2004 mit Variante des Textes.

192  Hierzu der Bildband: Hammerstad 1998. Erstaunlicherweise kommt die Metapher der gemolkenen Kuh bei AUNS/SVP relativ selten vor, auch wenn bisweilen betont wird, dass die Schweiz nicht zur „Milchkuh Europas“ werden soll (SVP Wahlplattform 1999: 13). Diese seltene Verwendung der ‚gemolkenen Kuh’ ist erstaunlich, weil sie der ländlich-bäuerlichen Selbstbeschreibung von AUNS/SVP und der Behauptung, dass die EU die Schweiz ausnutzten will, entsprechen. Bei einem Vortrag bei ARENA am 29.11.02 in Oslo zeigte ich das AUNS-Plakat mit dem gerupften Huhn und das folgende Gelächter zeigte das Verständnis für diese Metapher.

193  Insbesondere Karikaturensammlungen wie von Andrésen 1994.

194  So wird etwa auf der Schriftserie (Skriftserie 1/1995) zu den ‚kommunalen Kompetenzen und dem EWR‘ ein Ärmel mit EU Flagge und eine Hand gezeigt, deren Zeigefinger einen ‚kleinen’ Mann (wohl einen kommunalen Entscheidungsträger) niederdrückt.

195  Dies ist ein oft wiederkehrendes Grundmotiv. Thematisch variiert es bisweilen insofern, wie aus dem Öltanker eher ein kriegschiffähnliches Wasserfahrzeug wird.

196  Vgl. Karikatur im Liederbuch von NTEU. An dieser Stelle in der Variante mit einem ‚kleinen Fisch’ und der ‚EU als Pottwal’ (Stem I! Songbok for Røysteføre 1994: 9).

197  Siehe Cover von Futterknecht 1994.

198  Siehe z.B.: Grauer Brief 79, 2001 Rütli-Schwur: 2 und Armee: 12, 14.

199  Siehe Esborg 2002, 1999.

200  Dieses Grundthema findet sich in verschiedenen Varianten. So werden etwa Fotos von führenden Vertretern von NTEU vor dem Parlamentsgebäude auf der Rückseite und auch ein Rockkonzert, das vor dem Parlamentsgebäude stattfindet, auf der Vorderseite einer Broschüre abgebildet. (Nei til EUs skriftserie – Nr. 3 2000).

201  Siehe Fotos: Brunner 1994: 25: Cover von Grauer Brief 77, 2001: Rückseite von Grauer Brief 90, 2003.

202  Hervorhebungen entsprechend dem Original. So der auf Werbepostkarten und in Broschüren häufig verwandte Wortlaut für die Mitgliederwerbung der AUNS. Siehe Anlage Mitgliederwerbung AUNS.

203  Diese Karikatur unterlegt einen Text darüber, wie man den „Zustrom von Asylmissbrauchern Stoppen!“ (Grauer Brief 88, 2003: 2) kann.

204  Wie etwa der auf einer Karikatur gezeichnete dickliche Schweizer, der sich die Nase zuhaltend in Badesachen in ein mit der UNO-Flagge gekennzeichnetes kalte Wasser springt (vgl. Grauer Brief 86: 8).

205  Z.B. die AUNS-Karikatur, auf der ein schweizerischer Politiker auf einer mit dem Kennzeichen CH gekennzeichneten Schnecke in Richtung UNO-Beitritt reitet und seiner Angst vor Blocher in einer Sprechblase Ausdruck verleiht: „Hoffentlich sind keine Blocher unterwegs“ Grauer Brief 79, 2001: 3. Siehe etwa die verspottende Anti-SVP-Seite (Download vom 18.1.2004).

206  Zahlen nach To join or not to join: 16ff.

207  Vgl. Schymik 2004: 119f.

208  Zwar ist eine normative Bewertung von Euroskeptizismus nicht das Ziel dieser Untersuchung (siehe Einleitung), sondern eine Neuordnung der bestehenden – meist negativen – Stereotype über Euroskeptizismus. Wie bei jeder Interpretation sind Wertungen jedoch unvermeidbar.



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12.04.2006