5 WARME GEMEINSCHAFT ODER KALTES EUROPA?

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„Wir sollten entscheiden und nicht die!“320

Um zwischen guter Nation und schlechter Europäischen Union zu unterscheiden, müssen Euroskeptiker ihre Nation beschreiben und abgrenzen. Diese nationalen Selbstbeschreibungen werden in den folgenden drei Abschnitten nachgezeichnet. Zunächst werden die den Integrationsdiskursen zugrundeliegenden nationalen Gemeinschaftskonstruktionen sowie die Wir-Begriffe bei NTEU und AUNS/SVP verglichen. Daraufhin werden die EU-Bilder und die Konstruktionen der anderen Völker einander gegenübergestellt. Zuletzt wird dann untersucht, welche Schlussfolgerungen die Euroskeptiker aus dem Klima, der geographischen Lage sowie der Topographie ihrer Länder ziehen.

5.1 De- und Rekonstruktion der Nationen in den
Integrationsdebatten

5.1.1 Norwegen existiert – aber gibt es die Schweiz?

Nationale Selbstbeschreibungen variieren abhängig von Kontext und Sprecher. Euroskeptiker müssen jedoch im Wesentlichen an bestehende nationale Ideal- und Selbstbilder appellieren. Schließlich sind sie angetreten, um diese zu verteidigen und ihnen fehlen die finanziellen und publizistischen Ressourcen, um neue Bilder der Nation zu verbreiten. Aus diesem Grund ist es die wichtigste Leistung einer euroskeptischen Bewegung dem „kulturellen Gedächtnis“ 321 der Nation auf die Sprünge zu helfen. Folglich wehren sich Euroskeptiker in Identitätsdiskursen gegen Neudeutung und Dekonstruktion der Nation durch die Integrationsbefürworter. Eine positiv beschriebene, feste und dichte Gemeinschaft bietet Euroskeptikern eine sichere Grundlage für die Sachargumentationen und ist ein äußerst wertvolles Gut.

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Inhaltlich gleichen sich die zugeschriebenen Wesenszüge von Norwegern und Schweizern und ihrer Länder. Gemeinsam herrscht in beiden Ländern die Beschreibung als besonders demokratisch, freiheitsliebend und bäuerlich. Dabei ist die Idee der Naturverbundenheit in Norwegen ausgeprägter. Zudem ähneln sich das Stereotyp von der Sparsamkeit der Schweizer und das von der Genügsamkeit der Norweger. Beide Völker werden als friedfertig charakterisiert, jedoch findet - wie an anderer Stelle ausgeführt wird - die Beschreibung der Schweizer als wehrhaft heutzutage kein Pendant in Norwegen. Wie bereits ausgeführt wurde, wird den Norwegern eher Gerechtigkeit zugeschrieben, während den Schweizern die Fähigkeit mit Geld umzugehen nachgesagt wird.322

Grundlegende Unterschiede bestehen jedoch in der Dichte und Stabilität der beiden nationalen Gemeinschaften. Sofern die norwegische Nation Untersuchungsobjekt ist – vor allem von norwegischen Wissenschaftlern –, wird die besondere Dichte dieser Gemeinschaft herausgehoben.323 Die Norweger werden als fester, homogener Verband von Gleichen vorgestellt. Dabei beruht der norwegische Nationalismus auf der Verbindung von essentialistischen Selbstbeschreibungen und der demokratischen Tradition des norwegischen Grundgesetzes von 1814.324 Argumentation und Ikonographie von NTEU berufen sich gerade auf die Verteidigung dieser demokratischen Tradition.325 Kaum ein Land in Europa weist eine derartige Homogenität in Bezug auf religiösen Hintergrund, Sprache und Kultur auf wie Norwegen.326 Zudem sind gesellschaftliche Hierarchien relativ flach und ökonomische Unterschiede sind relativ gering. Unterfüttert wird dies zudem durch die Selbstbeschreibung als ein Volk von freien, gleichen und armen Bauern327 sowie die Betonung der Egalität durch Sozialdemokratie und Erweckungsbewegung. Verstärkt wird die Homogenität dieser Gesellschaft durch einen niedrigen Ausländeranteil, die abgelegene Lage Norwegens und einen weitgehend abgeschlossenen nationalen Diskursraum.

NTEU selbst erklärt den starken norwegischen Euroskeptizismus mit ausgeprägten primordialen Elementen der norwegischen Gemeinschaftskonstruktion und ihrem dörflichen Charakter. So erklärt der altlinke Vordenker von NTEU, Dag Seierstad, den starken norwegischen EU-Widerstand auf einer britischen Gewerkschaftskonferenz folgendermaßen:

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„One of the reasons for the strong Norwegian resistance is our society as a ‚village’ in a European context – the small, easy surveyable, tightly knit community giving security to the individual.“328

Typisch ist diese Darstellung der norwegischen Nation als warmes, sicheres Nest und die Gegenüberstellung des halt- und wurzellosen EU-Europa.

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Die ‚Schweizer‛ sind dagegen eine lose und heterogene Gemeinschaft. Bereits Renan führte sie als Beispiel für eine Willensnation ohne essentialistischen Unterbau an.329 Sie wird durch den Mythos der Verteidigung gegen fremde Herrschaft und den Stolz auf die föderalistische, demokratische Tradition zusammengehalten. Konflikte werden durch ein kompliziertes System der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Verteilung von Macht austariert330. Hier handelt es sich um eine Form der pragmatischen und friedlichen Koexistenz. Dies wird nach Kreis an der Geschichte der Kappeler Milchsuppe deutlich. Hierbei soll sich das Fußvolk der verfeindeten Heere, während die Heerführer der gegnerischen reformierten und katholischen Kantone noch Friedensverhandlungen führten, über die Grenzen der Kriegslager hinweg eine Milchsuppe geteilt haben. Deutlich wird an dieser Versöhnungsgeschichte nicht nur, dass die Konflikte eine Sache der Oberen seien, sondern auch die Forderung nach Toleranz und friedlicher Koexistenz unter der Wahrung territorialer Grenzen.331

Dieser grundlegende Unterschied der Gemeinschaftskonstruktionen spiegelt sich in der Organisation des Staates wider. Das politische System der Schweiz ist vom Gedanken des Ausbalancierens der Macht und der Interessen des heterogenen Staatsvolkes bestimmt. Dies findet seinen deutlichen Ausdruck in der föderalen Struktur des Staates. Demgegenüber finden sich nach Tiilikainen in den lutheranischen Nationalstaaten Nordeuropas keine föderalistischen Vorstellungen. Der Bürger ist unmittelbar mit dem tief in die Privatsphäre eingreifenden, mächtigen Nationalstaat verbunden. Subsidiäre politische und religiöse Einheiten sind sehr schwach ausgeprägt.332 Anders als in der Schweiz wird die Legitimität der Herrschaft durch das Vertrauen in die homogene Gemeinschaft von Gleichen hergestellt. Staatliches Handeln ist berechtigt, weil es der Ausdruck der Gemeinschaft des Volkes ist. Der Einzelne kann als gleichberechtigter Teil des als durchlässig beschriebenen politischen Systems mit entscheiden. Die dann getroffene Entscheidung ist jedoch für alle bindend und dem Staat wird ein tiefes Eingriffsrecht gewährt.333 In den nationalen Integrationsdebatten wird die Frage nach der Vereinigung der nationalen Gemeinschaft mit den ‚Europäern’ einerseits der dünnen schweizerischen Nation und andererseits der dichten norwegischen Gemeinschaft gestellt.

Wenn Nation und Europa der Grund für Integrationswiderstand sind, dann müssen Integrationsbefürworter dieses Gegensatzpaar auflösen oder umdeuten. Dies kann auf verschiede Art und Weise geschehen. Erstens können historische oder kulturelle Gemeinsamkeiten mit ‚Europa’ betont oder Integration als eine ‚Rückkehr nach Europa’334 interpretiert werden. Zweitens kann das positive nationale Selbstbild dekonstruiert werden. Damit wird die Differenz zwischen Nation und Europa eingeebnet. Entsprechend erscheint das nationale ‚Wir’ nicht mehr besser als die ‚Europäer’. Drittens kann das positive nationale Selbstbild auf die EU oder ihre Zukunft projiziert werden. Das zukünftige Europa wird so als vergrößerter Nationalstaat konzipiert.

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Insbesondere am Anfang der 90er Jahre fanden intensive Diskurse über das nationale Selbstverständnis und den Platz beider Länder in ‚Europa’ statt. Hierbei versuchten die Integrationsbefürworter die Bevölkerung ‚europatauglich’335 zu machen. Hierzu wird das tradierte nationale Selbstverständnis dekonstruiert oder der Integrationsgedanke mit dem nationalen Selbstverständnis und seiner Mythenwelt in Einklang gebracht. Solche Um- und Neudeutungsversuche sind ein europaweites Phänomen. Das ist etwa an zahlreichen Ausstellungen wie „Mythen der Nationen“, „Die Erfin dung der Schweiz“ oder „Sonderfall? Die Schweiz zwischen Reduit und Europa“ abzulesen.336 In Norwegen ist dieser Trend wesentlich schwächer ausgeprägt als in der Schweiz, wo zahlreiche Bücher mit Titeln wie „Wilhelm Tell - ein Europäer?“ 337 erschienen. Auch in Schulbüchern findet sich dieser europaweite Trend wieder, der die gemeinsamen Züge der europäischen Geschichte betont. Insbesondere in der Schweiz wird ein uneingeschränkt positives Bild der Europäischen Integration gezeichnet. Auf diese Neudeutung der Geschichte antwortet die AUNS/SVP mit Abwehr und dem Rückgriff auf traditionelle Geschichtsbilder. Dagegen spielen Geschichtsdiskurse in Norwegen eine untergeordnete Rolle, und für NTEU ist die Projektion der Zukunft wichtiger als die Erfindung der Vergangenheit.

Eine beliebte These innerhalb der schweizerischen Debatte ist, dass die Schweiz sich irgendwann von selber auflösen wird, weil sie unpragmatisch und nicht mehr zeitgemäß sei.338 So beginnt der Leitartikel zum Nationalfeiertag in der Neuen Züricher Zeitung mit den Worten:

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„Was wäre das Ende der Schweiz? Wenn sie sich nicht mehr rentierte ... Eine Schweiz, die sich friedlich auflöst in Europa, weil es zu viele Nachteile mit sich bringt, Schweizer zu sein.“339

Derartig scharfe Thesen sind in Norwegen selten. Die Grundlage des norwegischen Diskurses ist die Existenz der norwegischen Gemeinschaft. Integrationsbefürworter stellen NTEU als etwas altbacken und unrealistisch dar. Im Wesentlichen wollen sie die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit Norwegens durch einen EU-Beitritt erreichen. Selbst vereinzelte Dekonstruktionsversuche wie das Buch „Norge - en kritikk“ 340 verstehen Norwegen als feste Grundeinheit der Kritik. Höflich wird angeführt, dass das norwegische Selbstbild bisweilen etwas zu positiv sein könnte.

Dies ist kein Vergleich zu den Identitätsdiskursen in der Schweiz. Dort wird die Existenz von Staat und Gemeinschaft grundsätzlich in Frage gestellt. Dies lässt sich an Buchtiteln wie die „Erfundene Schweiz“ 341 oder „Der leergeglaubte Staat“ 342 ablesen sowie an der vielzitierten Provokation eines schweizerischen Künstlers, dass die Schweiz nicht existiert. Hierauf reagieren AUNS/SVP wütend. So gab die AUNS eine Broschüre mit dem Titel, „La suisse existe!“ heraus. Nicht nur das Ausrufungszeichen unterstreicht diese Aussage. Auch das Cover zeigt eine massive Burg und weitere Darstellungen von Burgen, massiven Häusern und Festungen bilden den Inhalt der Broschüre.343 Anscheinend hat die AUNS diese ostentative Selbstvergewisserung nötig.

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NTEU führt derartige Abwehrgefechte nicht. Dass Norwegen nicht existiert, wäre in Anbetracht der dichten norwegischen Gemeinschaft keine Provokation. Es würde lediglich als Unsinn angesehen und folglich kein Anlass zur Diskussion sein. Schließlich wird auch ein Dunkelhaariger, dem vorgehalten wird blaue Haare zu tragen, solche Kritik nicht ernst nehmen. NTEU ist sich der Stabilität der nationalen Gemeinschaft derartig sicher, dass bisweilen eingeräumt wird, dass auch die norwegische Nation eine – besonders gelungene – Konstruktion sei.344

5.1.2 Von guten Norwegern und schlechten Schweizern

Wie soeben ausgeführt wurde, ist die Schweiz im Gegensatz zu Norwegen das Objekt grundlegender Dekonstruktion. Auch die Bevölkerung der Schweiz wird innerhalb der nationalen Selbstverständigungsdiskurse negativer beschrieben als die Norweger. Der schweizerische Identitätsdiskurs liegt in seiner eher negativen Wertung des Volkes wesentlich näher an deutschen Diskursen als der norwegische. Dieser basiert auf der Annahme, dass die Norweger ein ‚nettes’ Völkchen345 sind.

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„Beide Seiten waren sich darüber einig, dass Norwegen ein hübsches Land ist, - mit einer ausgesprochen guten Umwelt- und Dritte-Welt-Politik. Ein Land mit der besten wohlfahrtsstaatlichen Ordnung, imponierend niedriger Arbeitslosigkeit. Ein Land mit einer ausgesprochen sympathischen und solidarischen Bevölkerung ... Auf der Ja-Seite war das Hauptargument, dass wir in die EU gehen müssen um einzuwirken. Wir können die EU so effektiver - mehr wie Norwegen machen - als wenn wir außerhalb bleiben. Mit Norwegen als Mitglied wird die EU besser werden, wenn es um Umwelt, Solidarität, Demokratie und Transparenz geht.“346

Wer Norwegen so in den höchsten Tönen lobt, ist kein anderer als der damalige Vorsitzende der Europabewegung in Norwegen, Sigurd Grytten. Bemerkenswert ist nicht nur, dass er in dem Jahrbuch von NTEU schreibt und um eine friedliche und sachliche Debatte wirbt. Typisch ist auch die Betonung der idealistischen Integrationsargumente wie sie die gesamte norwegische Debatte prägen. So betont auch die Ja-Seite, dass die EU-Mitgliedschaft primär das Mittel für eine „sichere Zukunft für norwegische Werte“ 347 sei.

Eine solche positive Beschreibung der Schweizer, wie sie der ehemalige Vorsitzende der norwegischen EU-Befürworter formuliert, wäre im schweizerischen Kontext ein Witz: ‚Die Schweiz ein Land mit einer ausgesprochen sympathischen Bevölkerung’, denn diese Aussage steht im Widerspruch zu bestehenden negativen Beschreibungen der Schweizer. So werden die Schweizer üblicherweise mit dem Geldbeutel und Pragmatismus in Verbindung gebracht.

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„Die Mehrheit der Schweizer sind weder Visionäre noch Missionare, vielmehr durch und durch Pragmatiker“.348

Und bereits Dürenmatt kritisierte:

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„Die negativste Eigenschaft des Schweizers ist, dass er sich so positiv vorkommt“.349

Selbstverständlich lassen sich auch vereinzelte negative Zitate über Norwegen finden. Bemerkenswert ist jedoch, dass es ausgesprochen schwierig ist, positive Zitate über die Schweizer zu finden und selbst die AUNS/SVP den Schweizern selten normativ positive Eigenschaften zuschreibt. Erfahrungsgemäß reicht es in einer normalen Konversation aus, zumindest in Deutschland und Norwegen, das Wort ‚Schweiz’ fallen zu lassen und im Normalfall wird dies bei den Gesprächspartnern einen dekonstruierenden Diskurs über Fluchtgeld, Nazigold, Steuerhinterziehung und die Doppelmoral der Schweizer auslösen. Dagegen löst das Stichwort ‚Norwegen’ eher positive Assoziationen aus.

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Und selbst Blocher redet nicht von der moralischen Überlegenheit der Schweizer, sondern fragt rhetorisch: „Sind wir denn wirklich so schlecht geworden, dass wir nicht mehr den Mut haben dürfen, zu unserer Existenz zu stehen?“ 350Selbstverständlich verneint er diese Frage, denn ein „Beitritt wäre ein Zeichen der Kapitu lation ...“.351

Aber eine Argumentation, die auf der normativen Überlegenheit der Schweizer beruht – so wie NTEU davon ausgeht, dass Norwegen und die Norweger die Welt besser machen – bleibt bei Blocher die Ausnahme. ‚Moralisten’ identifiziert Blocher eher als seine Gegner, welche auf den eigenen Vorvätern herumhacken. Diese Gegner sind nach Blocher junge Vertreter der Linken, einige Theologen, zahlreiche Soziologen, Professoren, Kulturschaffende und Journalisten sowie geldfordernde jüdische Organisationen, die heute aus sicherer Distanz in Bezug auf die Neutralität im Zweiten Weltkrieg alles besser wissen.352

Im Gegensatz zu NTEU betont er nicht die eigene moralische Überlegenheit, sondern dass man nicht schlechter sei als andere, jedoch erfolgreicher. Die Schweiz wird als ein besonders funktionstüchtiges System beschrieben, in dem das Individuum aufgrund seiner Ausbildung wirtschaftlich effizient arbeitet. Nach dem Euroskeptiker Wengle sind:

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„Die Stärken der Schweiz ...
Der einzelne Mensch als Stärkefaktor
Die Organisation des Zusammenwirkens
Die Friedensordnung“353

Im Gegensatz zu NTEU muss AUNS/SVP das Feld der Moral aufgeben und sich in penetranter Weise auf Objektivität und Funktionalität berufen. Nach SVP/AUNS sind es die linken Spinner und Gutmenschen, die einen EU-Beitritt befürworten, während die Realisten354 die Stärken der Schweiz sehen. Das müssen AUNS/SVP auch, da ihnen das Postulat der moralischen Überlegenheit der Schweizer unglaubwürdig erschiene. Dagegen spotten die norwegischen EU-Gegner, dass die Ja-Seite, trotz ihrer überlegenen Ressourcen, nicht in der Lage sei eine einzige glaubhafte positive EU-Vision anzubieten.355

5.1.3 Wir-Begriff bei NTEU und AUNS

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Der Gegensatz zwischen der dichten nationalen Gemeinschaft, auf die sich NTEU beruft, und dem weitgehend dekonstruierten nationalen ‚Wir’, das die AUNS verteidigt, zeigt sich auch in den Selbstdefinitionen der Bewegungen. Im Grundsatzprogramm von NTEU taucht auf einer Seite 16 mal das Wort ‚wir’ auf. Dabei beginnt der Forderungskatalog im Grundsatzprogramm von NTEU - den Grundpfeilern (oder wörtlich: tragenden Balken)- mit der Anapher „Wir sollten (bzw. Wir müssen; Wir wollen)“.356 Dieses ‚wir’ schwankt zwischen der Bezeichnung für NTEU und dem norwegischen Volk. Sprachlich lässt NTEU meistens formal offen, was genau gemeint ist. Aber bereits der von NTEU benutze Namenszusatz ‚Volksbewegung’ oder ‚breite Volksbewegung’ unterstreicht den Anspruch mit dem norwegischen Volk identisch zu sein. NTEU versteht sich als demokratischer Vertreter des ganzen Volkes. Dies wird besonders in der Ikonographie von NTEU sichtbar, in der sich die bewegten Volksmassen der Norweger auf demokratische, friedliche Weise gegen Integration wehren.357 Diese Selbstbeschreibung als breite Volksbewegung ist teilweise berechtigt: Immerhin war zum Höhepunkt der Referendumskampagne von 1994 ca. jeder dreißigste Bewohner Norwegens Mitglied von NTEU, jedoch weniger als jeder hundertste Mitglied der Europabewegung.358 Das erklärt, warum die Europabewegung den Wir-Begriff selten verwendet und vorzugsweise in auktorialer Weise auf einen Sachzwang der Integration rekurriert.

Selbstverständlich legitimiert auch die AUNS ihr Handeln, indem sie sich als Vertreter des Volkes beschreibt. Auch die Wir-Konstruktion der AUNS schwankt zwischen Wir-Schweizer und dem ‘Wir’ als AUNS. Jedoch benutzt die AUNS den Wir-Begriff wesentlich seltener als NTEU. Meistens erklärt sie die Welt - so wie sie ist - in einem auktorialen Stil und entlarvt die ‚Lügen’359 der ‚Berner und Brüsseler Vögte’. Dagegen nimmt NTEU einen „Standpunkt“ 360 – so der Name der Mitgliederzeitung von NTEU – ein. Im Gegensatz zu der reinen Anti-EU-Integrationsbewegung NTEU ist die AUNS gegen die UNO-Mitgliedschaft entstanden. Deshalb ordnet die AUNS ihren Wirkungsbereich dem Themenfeld der Außen- und Sicherheitspolitik zu361 und beschreibt sich als „Überwacher der Außenpolitik“. 362 Damit setzt sie sich nicht unmittelbar, wie NTEU, mit dem Volk gleich, sondern handelt als außenstehender Beobachter. Sie übernimmt die Rolle eines Advokaten des Volkes.

Neben dem stärkeren Wir-Begriff bei NTEU ist bemerkenswert, dass die AUNS/SVP selten eine kulturelle Differenzierung zu EU-Europa vornimmt. Die AUNS/SVP betont lediglich ihre eigne Bodenständigkeit und bezeichnet sich als „fest in der Volkskultur verwurzelt“.363 Dagegen betont NTEU diese kulturelle Differenz zu EU-Europa in den Grundpfeilern explizit. Demnach kämpft NTEU „... dagegen, dass sich die norwegische Gesellschaft/Gemeinschaft anpasst an die Gemeinschafts-/Gesellschaftsformen, welche das EU-System in sich trägt“. 364

5.1.4 Der Einsatz von Körperbildern bei NTEU und AUNS/SVP

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Die Idealisierung der Körper der eigenen Gruppe und die abwertende Darstellung des gegnerischen Körpers sind ein weit verbreitetes Mittel der Selbst- und Fremdbeschreibung.365 Umso erstaunlicher ist der unterschiedliche Umgang damit bei NTEU und AUNS/SVP. Körperidealisierungen finden sich bei der AUNS/SVP vor allem in Form des Rückgriffes auf mystisch-historische Figuren der nationalen Geschichte. Erstaunlich ist bei einer professionellen Kampagneorganisation, dass die AUNS auf die Gleichsetzung ihrer Organisation mit Schönheit und Jugendlichkeit weitgehend verzichtet. Lediglich aus einer Außenperspektive wird betont, „... dass immer mehr junge Leute den Wert und die Bedeutung einer unabhängigen, neutralen Schweiz erkennen und der AUNS beitreten“. 366Bilder von AUNS/SVP transportieren Bodenständigkeit und Stabilität durch die Darstellung von Gebäuden oder Volkstümlichkeit in Form von Trachten, alpenländischen Musikinstrumenten wie Hörnern, Zithern und Hackbrett.367 Dies spiegelt die rechtskonservativen Haltungen der AUNS wider. Die Selbstdarstellung der AUNS scheint damit die Behauptung der Integrationsbefürworter, dass Euroskeptizismus ein Relikt der Vergangenheit sei, zu bestätigen. So tröstete der Integrationsbefürworter Daniel Thürer sich und seine Hörer an der Universität Bonn nach dem Nein zum EWR damit, „... dass nahezu die Hälfte des Stimmvolkes – darunter vor allem auch die jüngere Generation und fast alle grösseren Städte – einem EWR-Beitritt der Schweiz zugestimmt haben.“ 368Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass die AUNS nicht versucht, ihrer teilweise durchaus modernistischen Selbstbeschreibung, im Sinne von wirtschaftlicher Effizienz, eine eigene bildliche Referenz zu geben.

Dagegen ist bei NTEU die Dichotomie von jungen, hübschen, schlanken, modern angezogenen Männern und Frauen, die ebenso gut aus einer Coca-Cola- oder H&M-Werbung entspringen könnten, gegenüber den dicklichen, machtgierigen, händeschüttelnden EU-Politikern und Bürokraten allgegenwärtig.369 Mit der sich auf einem Rockkonzert amüsierenden jungen Menschenmasse wird damit erneut das Thema der demokratischen Volksmasse gegenüber den isolierten, korrupten EU-Politikern aufgegriffen und um die Dimension der Jugendlichkeit und Natürlichkeit erweitert. Das Bild eines wahren Festes der aufmüpfigen, jungen Norweger gegen ein bürokratisches, ökonomischer Maximierung verpflichtetes und Freiheit erstickendes EU-System wird gezeichnet.370 Hinzu kommen häufige Darstellungen von Kindern und Jugendlichen, welche die Zukunftsträchtigkeit des norwegischen Widerstandes herauskehren. Dies wird oft kombiniert mit der Verbundenheit der Generationen, indem alte und junge Menschen in einer Bildfolge gezeigt werden oder abgebildet wird, wie sie gemeinsam den EU-Widerstand leisten.371 Bei der Abbildung von älteren Menschen finden sich bei NTEU zwei Hauptvarianten. Die erste zeigt pflegebedürftige Menschen. Damit unterstreicht NTEU die auf den skandinavischen Selbstbildern beruhende Ansicht, dass der überlegene norwegische Wohlfahrtstaat von der EU-Mitgliedschaft bedroht ist.372 Die alternative Variante ist ein - üblicherweise wettergegerbter - Peripheriebewohner, häufig ein Fischer, der mit Weitblick in die Ferne oder Zukunft blickt und Boote steuert.373

5.1.5 Schlussfolgerungen

Euroskeptizismus in Norwegen und der Schweiz basiert auf grundlegend unterschiedlichen nationalen Gemeinschaftskonstruktionen. Die Existenz der nationalen Gemeinschaft und ihre normative Überlegenheit steht innerhalb der norwegischen Debatte nicht zur Disposition. Zwar gab es auch in Norwegen vorsichtige Dekonstruktionsversuche von Seiten der Integrationsbefürworter. Insgesamt verlegt sich jedoch auch die Ja-Seite auf die Frage, wie die norwegischen Interessen und das norwegische Wertesystem innerhalb der EU am besten umgesetzt werden können.

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Die heterogenen gesellschaftlichen Gruppen der Schweiz werden durch föderale Strukturen auf Abstand voneinander gehalten. Die Nation ist ein dünnes Band von hauptsächlich deutschschweizerischen Mythen (Tell/Rütli/Reduit) und staatlichen Institutionen, wie vor allem der Armee. Die EU-Integration wird als Bedrohung empfunden, weil die Schweiz ein fragiles Gebilde ist. Die norwegische Nation ist ungleich fester konstruiert. Sie basiert auf essentialistischen und staatsnationalistischen Vorstellungen. Diese feste Gemeinschaft von Gleichen findet ihren Ausdruck im einheitlichen Nationalstaat, der als einzig legitime Form der Herrschaft angesehen wird. Der starke Einheitscode der norwegischen Nation erklärt auch, warum die Integrationsfrage einen tiefen Riss durch die Gesellschaft verursacht und eine derartige Relevanz hat. Grundlage dieser Debatten ist jedoch für Integrationsgegner und -befürworter die positive Wertung Norwegens.

Entscheidend ist auch der Unterschied in der Charakterisierung des Nationalstaates. Norwegen wird als warmes Nest beschrieben, das von einem kalten Europa der großen Konzerne bedroht wird. In der Schweiz wird hingegen herausgehoben, dass dieser Staat sich trotz aller widrigen Umstände in Gestalt der umgebenden Großmächte, innerer Streitigkeiten und kargen Bodens bewährt habe. Die Schweiz ist eine Überlebensgemeinschaft in einer harten, kalten Welt der Großmächte und kein warmes Nest. Die schweizerische Debatte - sowohl bei Gegnern wie auch Befürwortern - ist ungleich stärker auf Nutzenmaximierung ausgelegt. Dies ist u.a. das Resultat der Dekonstruktion der Idylle Schweiz. Zumindest im Gegensatz zur norwegischen Debatte, in der das nationale ‚Wir’ als unangreifbar positive Kategorie erscheint, steht die schweizerische Debatte vor dem Hintergrund harter dekonstruierender Diskurse. Die AUNS/SVP muss mit viel Getöse beweisen, dass es die Schweiz als Objekt der Verteidigung überhaupt gibt und dass die Schweizer den ‚Europäern’ nicht moralisch unterlegen sind. Überspitzt formuliert sind AUNS/SVP das letzte Aufgebot, welches die Existenz der guten Schweiz verteidigt. Demgegenüber gilt es als gesichert, dass die Norweger eine gute und gerechte Gemeinschaft sind. Wenn NTEU von ‚Wir’ spricht, dann meint sie in etwa dasselbe ‚Wir’ wie die Europabewegung, nämlich das gute norwegische Volk. Dieses Volk wird von NTEU als besser und schöner dargestellt als die Europäer, womit ihre verknöcherten Eliten gemeint sind. Deshalb gilt in Norwegen auch keinesfalls die implizite Gleichsetzung von Jugend und Zukunft mit Europa. Im Gegenteil dreht NTEU in seiner Bildersprache diese Verbindung um: Zukunft und Jugend oder verknöchertes Europa – und de facto sind viele Nein-Wähler und Aktivisten von NTEU Schüler und Studenten.374 AUNS/SVP stellen sich dagegen so dar, wie man es als Deutscher von Euroskeptikern erwartet: Viel Volkstümelei, Heimatverbundenheit und ältere Herrschaften in alpenländischer Tracht – eben eine Mischung aus CSU, Vertriebenenverbänden und Musikantenstadl.

Dass AUNS/SVP wesentlich klischeehaftere Euroskeptiker sind als NTEU, hängt mit dieser Übersetzung ins Deutsche zusammen. Der Code, dem Euroskeptiker in der Schweiz folgen, ist dem in Deutschland bekannten näher als der norwegische Code. Folglich müssen deutschschweizerische Euroskeptiker unseren Vorstellungen von Euroskeptikern eher entsprechen als NTEU. So dürfte allein der Umstand, dass norwegische Euroskeptiker zugleich national, links, grün-alternativ und staatsbefürwortend sind, gängige deutsche Deutungsmuster für Euroskeptiker arg durcheinander wirbeln.

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Wichtiger ist jedoch, dass die norwegischen EU-Gegner mehr Möglichkeiten haben sich vor dem Hintergrund bestehender nationaler Diskurse als gut und modern darzustellen und sich weniger starr an klischeehafte nationale Selbstbeschreibungen halten als AUNS/SVP. Die dünne, heterogene Gemeinschaft der Schweizer ist eine leichte Beute für Dekonstruktionsversuche. In einer heterogenen Gemeinschaft gibt es zahlreiche divergierende Standpunkte, die ein breites Spektrum an Kritik ermöglichen. Demgegenüber ist der norwegische nationale Diskurs in sich weitgehend geschlossen und reproduziert beständig das Bild einer guten, festen nationalen Gemeinschaft.375 Folglich müssen die norwegischen Euroskeptiker die nationale Gemeinschaft nicht mühevoll rekonstruieren. Hierfür reichen bereits dezente Bilder und rhetorische Anspielungen, welche die Grundlage für die äußerst sachlichen Argumentationen bilden.

5.2 Die EU-Europäer als die anderen

Die Definition des ‘Wir’ bedarf des bzw. der anderen. Soeben wurde herausgearbeitet, dass NTEU sich durch den ‚Wir’-Begriff mit dem norwegischen Volk gleichsetzt. Demgegenüber versteht sich die AUNS eher als objektiver Beobachter und Advokat der Interessen des Volkes. Nun soll geklärt werden, wer die anderen für die Euroskeptiker sind. Als Gegner können sie zwischen den Europäern oder anderen Nationen innerhalb der EU wählen. Wen suchen sich AUNS/SVP und NTEU aus und wie beschreiben sie ihre Gegner, eventuelle Freunde, Leidensgenossen oder Bündnispartner?

5.2.1 Die Europäer – eine Nichtgemeinschaft

Die Oberbegriffe Europa und Europäer sind auch in Norwegen und der Schweiz positiv besetzt und sie werden in den Integrationsdebatten häufig als Synonym für die EU und die EU-Bürger benutzt. Deshalb erheben die Integrationsbefürworter den Vorwurf, dass die Euroskeptiker gegen ‚Europa’ sind und sich von den ‘Europäern’ isolieren wollen. Diesen Vorwurf kontern NTEU und AUNS/SVP gleichermaßen, indem sie hervorheben:

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„We are not against Europe. We are against Norwegian membership in the European Union”376 oder „Wir sind Europäer – aber in einer selbstständigen Schweiz“.377

Sie weisen darauf hin, dass ‚europäisch’ eine übergeordnete Kategorie von geographischer, kultureller und historischer Bedeutung ist und dass die Schweiz und Norwegen in diesem Sinne zu Europa gehören. Darüber hinaus betont insbesondere NTEU, dass Europa größer als die EU sei: „Die EU ist nicht die ganze Welt.“ 378Entsprechend wird weiter argumentiert, dass Europa nicht mit der EU gleichgesetzt werden kann und dass ein euroskeptischer Standpunkt folglich nicht ‚gegen Europa’ gerichtet ist. Beide Bewegungen beschreiben Schweizer und Norweger sogar als die besseren ‚Europäer’ im Sinne der europäischen Selbstbeschreibung. Demzufolge sind die Schweiz und Norwegen demokratischer, friedlicher, wirtschaftlich erfolgreicher und umweltbewusster als die EU. Zudem hebt NTEU die Überlegenheit des norwegischen Wohlfahrtstaates und den höheren Grad der Gleichberechtigung der Frauen hervor.

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AUNS/SVP und NTEU sprechen der EU das Potential zur Gemeinschaftsbildung ab. Die Europäer werden als eine „künstliche Gemeinschaft“ 379 charakterisiert. Deshalb ist das Integrationsprojekt zum Scheitern verurteilt. Bei der AUNS/SVP ist diese Argumentation essentialistisch, indem nationale und ethnische Gemeinschaften als natürliche Einheiten beschrieben werden. Während die AUNS/SVP die Abgrenzung vom Heiligen Römischen Reich als Grund für die Eigenart und den Erfolg der Schweiz beschreibt,380 beziehen sich die Befürworter bisweilen auf die gemeinsame europäische Geschichte. Dabei wird Karl der Große gerne als Referenzpunkt gewählt. Zwar finden sich bei NTEU auch unmittelbar essentialistische Vorstellungen über die natürliche norwegische Nation und das Kunstprodukt EU. Es finden sich jedoch parallel auch abstraktere konstruktivistische Argumentationen. Demzufolge sind Nationen als machtvolle soziale Konstrukte kaum veränderbar und die norwegische Konstruktion der Nation besonders funktionstüchtig.381 Entsprechend räumt NTEU bisweilen ein, dass eine europäische Identität in einer fernen Zukunft - theoretisch - denkbar sei. Damit signalisiert NTEU Offenheit und Flexibilität und verschiebt das Beitrittsdatum auf die ferne Zukunft. Dagegen lehnt AUNS/SVP auch den Sankt-Nimmerleins-Tag als Beitrittsdatum ab, weil die Schweiz seit Urzeiten (700 Jahren) und für alle Zukunft den richtigen Weg gefunden hat.

Der europäischen Selbstbeschreibung zufolge ist Europa aufgrund seiner Vielfalt erfolgreich. AUNS/SVP und NTEU kontern dies gleichermaßen, indem sie ihre Länder als besonders vielfältig beschreiben. Demzufolge geht nur Norwegen bzw. die Schweiz den ‚typisch europäischen’ Erfolgsweg der Vielfältigkeit, der gegen die homogenisierende und zentralisierende EU verteidigt werden muss. Dieses Grundthema wird mit zahlreichen Argumentationen und Geschichten - wie der über die eurokratische Regelung der Bananenkrümmung - untermauert.

Manchmal handelt es sich bei der von den Euroskeptikern verteidigten europäischen Vielfalt um ein Konkurrenzmodell. Demnach gibt Europa den Rahmen für einen fairen Wettlauf der Nationen und/oder Systeme ab. Die Vielfalt führt in den Augen der AUNS/SVP zu besonders effizienten und nach NTEU zu einer besonders gerechten und fortschrittlichen Gesellschaft. Innovation entsteht durch das Abgucken von anderen Nationen – freilich meint NTEU damit in erster Linie das, was die anderen von Norwegen und dem Norden lernen können. Dabei ist die Grenze zu sozialdarwinistischen Ideen bei Blocher382 und der AUNS fließend, da der evolutionäre Vorgang der Entwicklung der Nationalstaaten als effizienter angesehen wird als das zentralisierte Europa. Besonders bei der AUNS wird in diesem Zusammenhang auch stark essentialistisch argumentiert - was NTEU aufgrund der starken unterliegenden Gemeinschaft nicht nötig hat. Demnach soll jedes Volk sich so regieren und das produzieren, was seinem kulturell, klimatisch oder genetisch bedingten Volkscharakter entspricht.

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Die EU als zentralistischer Superstaat ist das Hauptziel der Kritik von AUNS/SVP und NTEU. Diesem Gegenbild kann kein starkes Stereotyp über den EU-Europäer zur Seite gestellt werden, weil es das Stereotyp nicht gibt. Die Europäer sind fremde und heimische Eliten - vor allem Eurokraten - welche die Bürger bevormunden und ihnen in die Taschen greifen.383 Da die Europäer als Nicht-Gemeinschaft verstanden werden, gibt es kein gegen die EU-Bürger gerichtetes Feindbild. Solche Feindbilder werden jedoch mit Hilfe gängiger nationaler Stereotype aufgebaut. Dabei wird entweder die EU mit einem nationalen Stereotyp belegt oder einzelne EU-Nationen werden als Bedrohung dargestellt.

5.2.2 Die EU als Resultat von Großmachtinteressen der Volkscharaktere

Frankreich und Deutschland sind als größte und bedeutendste Länder die wichtigsten Gegenbilder für die EU-Gegner in beiden Ländern. In schwacher Ausprägung und in unsicheren Konturen kommt ein Diskurs über den Süden hinzu.384 In Ausnahmen findet man im Umfeld von NTEU rassistische Aussagen über den Süden - etwa über die dort wohnenden ‚schmutzigen andalusischen Zigeuner’.385 Gängiger ist jedoch die Idealisierung der nördlichen Demokratien gegenüber den chaotischen Zuständen im Süden Europas. In Norwegen vermengt sich dieser Diskurs mit Anspielungen auf das rückständig-katholische Europa, was man in der konfessionell heterogenen Schweiz nicht findet. Bei AUNS/SVP ist der Einsatz solcher Stereotype ungleich deutlicher, wenn etwa über die Zustände in italienischen Städten schwadroniert wird oder vor der Mafia gewarnt wird.

Bei AUNS/SVP sind diese nationalen Stereotypen deutlich an abwertenden Beschreibungen der anderen ablesbar. Demgegenüber ist NTEU sehr um politische Korrektheit bemüht. Entsprechend schwierig ist es, den hier erhobenen Vorwurf, dass nationale Stereotypen eine wichtige Rolle für NTEU spielen, zu beweisen. Belege finden sich nur in der Form von häufig ironisierenden Anspielungen oder Karikaturen. Gleichzeitig wird jedoch ein derartig rosiges Bild von Norwegen und den Norwegern gezeichnet, dass dies auf einer vergleichenden abwertenden Beschreibung der anderen beruhen muss. Während bei der AUNS/SVP die Abwertungen der anderen im Vordergrund stehen, sind es die nationalen Selbstaufwertungen bei NTEU. Dabei bleibt der AUNS/SVP in Anbetracht der starken dekonstruierenden Diskurse über die Schweiz auch keine andere Wahl, da eine positive Beschreibung der Schweizer unglaubwürdig erschiene. Umgekehrt besteht für NTEU keine Notwendigkeit die nationale Gemeinschaft durch politisch unkorrekte Abwertungen der anderen Völker aufzuwerten.

5.2.3 Die EU ist zentralistisch und imperialistisch wie Frankreich, und die Eurokraten sind arrogant wie die Franzosen

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Frankreich dient NTEU und AUNS/SVP als Gegenbild zur nationalen Volksdemokratie. Das dirigistische, zentralistische politische System Frankreichs mit seinen arroganten Eliten wird als Blaupause für die EU dargestellt. Dies erklärt sich hauptsächlich aus dem von beiden geteilten Anti-Zentralismus und der Selbstbeschreibung eines volkshaften, anti-elitären Widerstandes. Zudem wird die These aufgestellt, dass die EU eine imperiale Macht unter der Führung Frankreichs werde und damit die Großmachtsträume der alten Kolonialmacht fortführe. Frankreich ist das kulturelle und politische Gegenbild der beiden guten Kleinstaaten. Die bäuerliche, basisdemokratische, volksnahe, ländliche Kultur wird der dekadenten, elitären, bürokratischen, kolonialen, städtischen Kultur Frankreichs gegenübergestellt. Sowohl das Gegensatzpaar Stadt und Land, Volks- und Elitenkultur sowie die Gegenüberstellung einer volkshaften Demokratie mit einer bürokratisch-elitären Herrschaft finden in Frankreich ihre Projektionsfläche. Frankreich wird von den norwegischen und vor allem deutschschweizerischen Euroskeptikern als fremd, undemokratisch und zentralistisch kritisiert. Hinzu kommen Züge von Dekadenz, die mit der verfeinerten Lebensart der Franzosen assoziiert werden, und einen Gegenpol zum bodenständigen, ehrlichen und bäuerlichen Wesen der Norweger und Schweizer bilden. So zeigt NTEU ein Foto von Giscard d’Estaing, der leicht von unten fotografiert, mit übergroßer Hand, borniert und arrogant wirkt.386

5.2.4 Die Deutschen – die ungeliebte Verwandtschaft

Ein leicht angetrunkener Norweger erklärte mir in der Sauna eines sichtlich gelangweilten italienischen Freundes über eine gute Stunde, warum Norwegen kein EU-Mitglied ist, obwohl ‚wir Deutsche und Norweger’ doch so ‚ähnlich’ seien. Diese langwierige Erklärung war vor dem Hintergrund essentialistischer Annahmen über das Verhältnis der Nationen zueinander notwendig. In diesem Verständnis sind Nationen familiäre Verbände. Familien bestehen aus nahen und fernen Verwandten und die Beziehungen ihrer Mitglieder sind gut oder weniger gut. Ein hoher Verwandtschaftsgrad ist deshalb nicht automatisch mit einer guten Beziehung und daraus folgender Integration gleichzusetzen. Gerade die große Nähe zur ‚eigenen Familie’ kann zu starker Abgrenzung führen. Dass Deutsche, Deutschschweizer und Skandinavier u.a. zu den Germanen gezählt werden, ist eine bis heute wirkungsstarke Idee. Deutsche und die euroskeptischen Deutschschweizer gelten folglich als sehr nahe Verwandte und Norweger und Deutsche werden ebenfalls als enge, wenn auch nicht ganz so enge, Verwandte angesehen. Der Verwandtschaftsgrad zu den Deutschen schwankt zwischen Vettern und Brüdern. Norweger sind eher Vettern, während Deutschschweizer eher in einem Bruderverhältnis zu den Deutschen stehen.

Oft und sehr deutlich werden antideutsche Ressentiments in den Schriften von AUNS und SVP verwandt. So wird der EU-Beitritt der Schweiz bei der AUNS als ‚Anschluss’ tituliert und das ‚Neue Europa’ mit dem ‚Neuen Europa’ der Nazis verglichen.387 Und stets wird eine Diskriminierung der Schweiz durch das ‚arrogante Deutschland’ unterstellt. Sehr häufig wird dieser Vorwurf gegen Deutschland mit einer innenpolitischen Stoßrichtung gegen die Berner Regierung verbunden. Dabei haben sich die ‚Vögte aus Bern’ in den Verhandlungen nicht hinreichend für die Interessen der Schweiz eingesetzt und sich von Deutschland über den Tisch ziehen lassen. Besonders häufig finden sich diese Anschuldigungen im Kontext des Luftverkehrsabkommens zwischen Deutschland und der Schweiz. So forderte die SVP etwa in ihrem per Newsletter versandten SVP Pressecommuniqué vom 17. April 2003 „Maßnahmen gegen Deutschland“. Demzufolge habe Deutschland internationales Recht gebrochen. Typisch für die SVP ist auch die daraus abgeleitete in auktorialem Stil und als Ultimatum an die Regierung in Bern formulierte Forderung. Anstatt Nachverhandlungen oder den Gang vor ein internationales Gericht zu fordern wird zur Landesverteidigung aufgerufen:

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„Diese arrogante, diskriminierende Verletzung von internationalen Richtlinien darf sich unser Land nicht bieten lassen! Der Bundesrat hat daher seinerseits unverzüglich Massnahmen im Verkehr mit Deutschland zu beschliessen.“388

Im Folgenden wird eine territoriale Abgrenzung der Schweiz durch die graduelle Schließung der Grenzen für den Schwerlasttransit und gegen die Deutschen gefordert. Zudem sollen „deutsche Grenzgänger“ verstärkten Grenzkontrollen unterworfen werden und es sind „im Falle eines weiteren Stellenabbaus vorerst Kündi gungen primär gegenüber deutschen Grenzgängern auszusprechen“ 389

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Das Bild Deutschlands und der Deutschen schwankt bei NTEU und AUNS/SVP zwischen einem wirtschaftlichen Koloss und der Vorstellung vom preußisch-wilhelminischen Deutschland mit seinem Untertanengeist und seinem strengen Militarismus. Der gravierende Unterschied in der Darstellung der Deutschen findet sich im wirtschaftlichen Bereich. Bei NTEU erscheinen die Deutschen als Großkapitalisten, die das kleine, arme, gerechte Norwegen wirtschaftlich mit den vier Marktfreiheiten, den vier „F“, überrollen: „Freie Fahrt für Volk, Währung, Fahrer und Volkswagen“. 390Aus Perspektive der AUNS/SVP sind die Deutschen eher die arme Verwandtschaft. So stellt eine Karikatur mit der Überschrift „Deutsche machen unsere Löhne kaputt“ die als Heinzelmännchen dargestellten Deutschen als billige Arbeitskräfte dar. Während die mit einer schweizerischen Fahne auf dem Oberkörper gekennzeichneten schweizerischen Arbeiter untätig zusehen müssen, preist der im Nadelstreifen abgebildete Arbeitgeber die Deutschen als „fleißig, zuverlässig und fast gratis!“, also mit den schweizerischen Nationaltugenden ausgestattet, an.391

Wie üblich sind Anschuldigungen gegenüber anderen Völkern bei NTEU seltener und im Regelfall wesentlich dezenter formuliert als bei AUNS/SVP. Sie erscheinen eher im Bildmaterial als im Text und vor allem im Umfeld von NTEU. Oft handelt es sich um humoristische Beigaben oder Anspielungen. So wird etwa über den erfolglosen Boykott des Reiselandes Norwegen durch „einfühlsame deutsche Walfreunde“ gespottet. Im Gegenteil würden die Ströme von deutschen Touristen ständig ansteigen und dieser Touristenstrom wird, wie häufig, mit der deutschen Okkupation von 1940 gleichgesetzt: „Ja, einige können sich seit dem Rekordsommer von 1940 nicht an einen größeren Zustrom deutscher Reisender erinnern.“ 392Auf einer anderen Karikatur sieht man den in Norwegen wohl bekanntesten Deutschen – den Fernsehkommissar Derrick. Dieser sitzt auf einem Planwagen und fordert auf deutsch: „Wir müssen Campingraum haben, nicht war?“ 393 Solche pointierten Beispiele sind zwar sehr selten. Deshalb dürften sie in den meisten Arbeiten über den norwegischen Euroskeptizismus auftauchen. Sie zeigen aber, wie in Norwegen politisch unkorrekte Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg als Witz und Karikatur kaschiert werden. Während antideutsche Rhetorik zum Beginn des EU-Widerstandes noch offen und verstärkt geäußert wurde, ist diese heute in den Hintergrund getreten. Dies spiegelt nur den größeren zeitlichen Abstand zur deutschen Okkupation wider, denn der nationale Mythos eines Volkes im Widerstand ist in Norwegen nach wie vor weitgehend ungebrochener gesellschaftlicher Konsens394 und NTEU beruft sich auf diese Rahmengeschichte. Diese bildet den Hintergrund für die rationalisierte demokratiebezogene Argumentation.

Demgegenüber hat die Nähe der Schweiz zu Deutschland eine größere Bedeutung Deutschlands zur Folge. Die Deutschschweizer müssen sich mittels scharfer, aggressiver Rhetorik von den großen Brüdern abgrenzen. Nur durch die Betonung dieser Differenz können sie die eigene Gemeinschaft herstellen. Wie später ausgeführt wird, benutzten sie hierfür vor allem den nationalen Verteidigungsmythos gegen Hitler-Deutschland. Die Bergfestung, das nationale Reduit, dient als zentraler rhetorischer Ort des nationalen Widerstandes.395 Auch wenn Stereotypen über die Deutschen in Norwegen dezenter benutzt werden und weniger bedeutend sind, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weitgehende Parallelen in der Konstruktion der Deutschen zwischen NTEU und AUNS/SVP gibt. Vor allem die Größe und das Dominanzstreben Deutschlands werden bei der AUNS/SVP unmittelbar und bei NTEU unterschwellig mit der Europäischen Integration gleichgesetzt.

5.2.5 Die Südländer

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Neben den Stereotypen über die Deutschen und die Franzosen werden bekannte Stereotypen über den Süden Europas verwandt. Insgesamt wird nur wenig zwischen Spanien, Portugal, Italien und Griechenland differenziert. Vielmehr werden bekannte Bilder des Südens als katholisch, rückständig, kriminell, schmutzig, chaotisch, ungebildet, undemokratisch, korrupt und unzuverlässig reproduziert. Bisweilen weist NTEU gönnerhaft darauf hin, dass Integration für die südlichen Länder eventuell richtig sei. Demgegenüber seien Norwegen und der Norden der EU weit voraus. Folglich dürfe der Norden seine Vorreiterrolle nicht aufgeben. Auch erscheinen ‘südliche Politiker’ eher als korrupte Interessenvertreter ihrer jeweiligen Lobby. Demgegenüber werden dänische oder österreichische Politiker tendenziell als Vertreter des Volkswillens gewertet.

Die Verwendung des südlichen Stereotyp bei AUNS/SVP und NTEU gleicht sich weitgehend. Lediglich die antikatholische Dimension fehlt bei der AUNS/SVP. Dafür fehlt die bei der AUNS/SVP ausgeprägte rassistische Dimension bei NTEU. In der Wahl der Länderbeispiele variieren NTEU und AUNS/SVP etwas. So spielt Italien für die AUNS eine besonders große Rolle. Die AUNS/SVP wendet sich explizit gegen das Nachbarland Italien und die Italiener, womit sie wohl vor allem Ressentiments gegenüber den zahlreichen italienischen Gastarbeitern bedient. Für NTEU spielt am ehesten Spanien eine Rolle. Dies ist aber nicht primär auf die südliche Lage Spaniens zurückzuführen. Spanien ist neben Norwegen und Island der große Fischhersteller innerhalb des EWR. Dies führt zu Interessenkonflikten. Die Fischer sind nicht nur eine wichtige sozioökonomische Trägergruppe der norwegischen Nein-Bewegung, sondern auch mit einem hohen symbolischen Wert ausgestattet. Die Beschreibung der südlichen Länder führt zu der These, dass es für Norweger und Schweizer nicht gut sei mit diesen geldgierigen, chaotischen, in ihrer mediteranen Lebensart anderen Menschen zusammen zu leben – wie dem auf einer Karikatur von NTEU dargestellten „Gebrauchtwagenhändler Berle“ (Berlusconi), der zwar weder Umtauschrecht noch Garantie für seine Autos (EU) bietet und trotzdem mit dem Spruch wirbt: „Vertrau mir“. 396 Die Botschaft ist klar: Einem neoliberalen Südländer kann man ebenso wenig trauen wie einem Gebrauchtwagenhändler, der weder Umtauschrecht noch Garantie einräumt.

5.2.6 Die kleinen, nördlichen EU-Staaten als Opfer der EU und der Großmächte

Für die Euroskeptiker wird der idealisierte Kleinstaat von der EU und ihren großen Mitgliedsstaaten bedroht. Folglich sind kleine Staaten Opfer der Integration. Sie werden in der EU bevormundet und gegängelt. Für diese Sichtweise suchen und finden die Euroskeptiker Beispiele, an denen die Wähler ‚sehen’ können, wie fürchterlich es Norwegen und der Schweiz als EU-Mitglied erginge. In diesem Zusammenhang und in Hinblick auf die erfolgreiche Wirtschaft der Schweiz, Liechtensteins, Norwegens und Islands finden sich auch die seltenen gegenseitigen Beobachtungen beider Länder. Das andere Land wird als Kronzeuge für eine erfolgreiche Nicht-Integration verwandt.

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Den Euroskeptikern bei der Wahl dieser Beispiele von ‚gegängelten Kleinstaaten’ eine durchgängige Systematik zu unterstellen, ist überzogen. Häufig geht es darum, aktuelle politische Entwicklungen mit der Benachteiligung der Kleinen zu verbinden. Zudem verlaufen Bewertungen und Sterotypen nicht nur entlang der Unterscheidung von Groß und Klein. Vielmehr vermischen sich unterschiedliche Vorannahmen. So ist etwa Belgien den Euroskeptikern als kleines Land sympathisch, während Brüssel als ‚EU-Hauptstadt’ der Inbegriff von Bevormundung und Eurokratie ist. Hinzu kommen eher zufällige Ereignisse, die ein schlechtes Licht auf die EU werfen. So wird der Diskurs über die Kinderpornographie und Sexskandale in Belgien von NTEU benutzt, um die moralische Verwerflichkeit der EU und ihrer großen Städte zu unterstreichen. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass es für euroskeptische Bewegungen darum geht aus unverbundenen Fragmenten ein negatives Bild der Integration zusammenzukleben.

Die Nennung kleiner EU-Länder nimmt aber mit der geographischen und kulturellen Nähe zu und wird positiver. Während kleinen südlichen Ländern wie Griechenland oder Portugal im Konfliktfall mit der EU eher Eigennutz vorgeworfen wird, erscheinen Iren, Dänen, Österreicher etc. eher als Opfer. So wird von der AUNS/SVP besonders häufig die ‚Gängelung Österreichs’ in Bezug auf die Proteste der EU gegenüber Haider genannt. Auch im Kontext von Bankgeheimnis und Zinsabschlagssteuern wird häufig auf Österreich und Luxemburg verwiesen. Demgegenüber wählt NTEU sehr gerne skandinavische Beispiele für die Gängelung der Kleinen aus. So spricht NTEU etwa unter der Überschrift „Erfahrungen aus anderen Ländern“ von dem „dänischen Sisyphos-Kampf“ gegen die aus den anderen EU-Staaten eingeführten Salmonellen.397 Unter dem Deckmantel einer auf Hygienestandards basierenden Argumentation wird vorgeführt, wie das kleine, reinliche nordische Dänemark der willkürlichen Gewalt der EU unterworfen wird.

Neben der hohen Identifikation mit den ‘skandinavischen Brüdern’ dürfte auch der gegenseitige Informationsaustausch und die Beobachtung der skandinavischen Nein-Bewegungen eine Rolle spielen. Auch die Bewertung von Handlungsweisen folgt einem Nord-Süd-Gefälle und der ideologischen sowie geographischen Nähe. Wenn ein kleiner Staat in einem Konflikt mit den großen EU-Staaten oder der EU steht, so wird dies im Falle von Österreich (AUNS/SVP) oder Dänemark (NTEU) als legitime Verteidigung nationaler Interessen gewertet. Dagegen wird dies bei den Südländern eher mit egoistischer Politik begründet.

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Insbesondere bei der AUNS/SVP finden sich auch häufig Personalisierungen. So wird betont, dass der Kanzler, Präsident, Außenminister von Frankreich oder Deutschland sich ‘arrogant’ verhalten habe. Die Eigenschaft, welche dem großen Land zugeschrieben wird, erscheint so als Charaktereigenschaft einer Person. Bei NTEU finden sich diese Zuschreibungen eher im Bildmaterial als in den Texten. So werden europäische Politiker in der Regel von unten fotografiert abgebildet, um den Eindruck der Hochnäsigkeit zu vermitteln.

5.2.7 Die restliche Welt als Feinde, Verbündete und Hilfsanbefohlene

5.2.7.1 Osteuropa und andere Teile der Dritten Welt

Der grundliegende Unterschied zwischen AUNS/SVP und NTEU besteht in der Wahrnehmung und Charakterisierung der restlichen Welt. Während NTEU sich und Norwegen als Avantgarde in einem weitgefächerten Netz von Freunden, Verbündeten, Hilfsbedürftigen in der ganzen Welt begreift, kennt die AUNS/SVP nur Feinde und wenige Waffenbrüder.

Die EU-Osterweiterung wird von AUNS/SVP und NTEU in grundlegend unterschiedlicher Weise interpretiert. NTEU stellt die rhetorische Frage, ob die Osterweiterung ein Solidaritätsprojekt mit den armen Staaten Osteuropas sei.398 Dies wird verneint. NTEU beschreibt die Osterweiterung als Kolonialisierungsprozess zur wirtschaftlichen und politischen Beherrschung Osteuropas, das als verlängerte Werkbank Westeuropas missbraucht wird. So müssen um ein kleines Feuer versammelte, frierende osteuropäische Kinder, die auf einem Foto von NTEU mit entsprechendem Begleittext abgebildet sind, noch lange auf die versprochene Hilfe aus Westeuropa warten.399 Osteuropa wird damit aus derselben dependenztheoretischen Sichtweise heraus begriffen wie die Dritte Welt – Weltregionen, die von der kalten, kapitalistischen EU ausgebeutet werden. Beide werden deshalb als Hilfsanbefohlene Norwegens charakterisiert. Dies fällt unter den zentralen Slogans von NTEU: „Solidarität oder EU“ und basiert auf der traditionellen norwegischen Selbstbeschreibung, eine besonders gute Rolle für die Armen in der Welt zu spielen. Entsprechend finden sich häufig Bilder von Drittweltländern, von ausgebeuteten Kindern, armen Bauern etc., für welche die EU aufgrund ihrer kapitalistischen Wirtschaftsweise, protektionistischen Auswüchse und rigorosen Flüchtlingspolitik (‚Festung Europa’) verantwortlich gemacht wird. NTEU beschreibt sich damit als Teil der Anti-Globalisierungsbewegung.400 Solche Vorwürfe und positiven Selbstbeschreibungen von NTEU sind unglaubwürdig. Schließlich ist Norwegen ein reiches, kapitalistisches Land mit einem hochsubventionierten Landwirtschaftssektor und geringem Ausländeranteil. Konsequent wäre es, Norwegen als Teil eines ausbeuterischen kapitalistischen Systems zu beschreiben und hieraus zu schließen, dass es gleichgültig ist, ob Norwegen EU-Mitglied ist oder nicht. Auch die Europabewegung bricht nur selten aus diesem positiven Konsens über Norwegen aus. Vielmehr konkurriert sie mit ähnlichen Bildern der Dritten Welt. Die Unterschiede zu NTEU sind das teure Hochglanzpapier und die Ansicht, dass Norwegens Hilfe für die Dritte Welt als EU-Mitglied effizienter gestaltet werden kann.

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Derartige Ansichten und Ziele würde AUNS/SVP wohl für Schnickschnack von ‚Gutmenschen’401 halten. Für sie ist Osteuropa Verursacher von Wirtschaftskrisen und ein Pool für Wirtschaftsflüchtlinge:

„Die SVP lehnt die Verhandlungen mit der EU zur Ausweitung der Personenfreizügigkeit bis an die russische Grenze und bis in die Vorhöfe des Nahen Ostens und Nordafrikas ab. Es liegt nicht im Interesse unseres Landes, die Schleusen für die Einwanderung ohne Kontrollmöglichkeit zu öffnen. Die Erweiterung ist nicht vergleichbar mit der heute geltenden Personenfreizügigkeit, da aufgrund grosser Unterschiede im Lebensstandard der Einwanderungsdruck aus Ländern wie Estland oder Zypern weit grösser ist als der Einwanderungsdruck etwa aus Frankreich oder Dänemark.“402

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Von den starken antikommunistischen Tönen403 abgesehen wird Osteuropa damit, ähnlich wie bei NTEU, als Teil der Dritten Welt dargestellt. Der grundlegende Unterschied zwischen NTEU und AUNS/SVP ist aber die Wahrnehmung und Interpretation dieser Länder. Die Forderung nach einer gerechteren Weltordnung und einem Dialog mit dem Süden wird man bei der AUNS/SVP vergeblich suchen. Allenfalls den Vorwurf einer protektionistischen EU und damit der ‚Festung Europa’ findet man auch bei der AUNS/SVP. Dies drückt aber nur die freihändlerische Forderung nach freiem Marktzugang aus.

5.2.7.2 Der Westen: Die USA und Großbritannien

In der Charakterisierung Großbritanniens und der USA stehen die norwegischen und schweizerischen Euroskeptiker in einem permanenten Spannungsfeld. Die norwegische Außenpolitik hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg stark an die britische und amerikanische Außenpolitik angelehnt und bisweilen wird behauptet, dass kein anderes westeuropäisches Land derartig stark vom ‘american way of life’ beeinflusst sei wie Norwegen. So wird von NTEU auch gerne die Offenheit und Zugehörigkeit zum angloamerikanischen Raum betont, um zu belegen, dass die Anti-EU-Bewegung nicht isolationistisch sei. Dabei beruft NTEU sich auf die ‚traditionelle’404 transatlantische Orientierung Norwegens. Andererseits ist die Kritik an der neoliberalen Supermacht USA und dem britischen Imperialismus fester Bestandteil der Rhetorik von NTEU. In diesem Kontext wird die EU auch entsprechend als „Superpower in the making“ 405 beschrieben, die nach US-amerikanischem Vorbild oder entsprechend einer Kolonialmacht des 19. Jahrhunderts agiere. Folglich sei es die Aufgabe Norwegens, sich gegen diesen Imperialismus zu stellen. Großbritannien, als einziges großes euroskeptisches Land406 in Europa, ist für die Euroskeptiker in Norwegen wichtig, bleibt aber hinter der Bedeutung Schwedens zurück. Für die AUNS/SVP spielt Großbritannien kaum eine Rolle, obwohl deutliche Sympathien für die euroskeptischen Haltungen bei den Tories und generell für Thatcher-Positionen bestehen. Unabhängig von diesen ideologischen Neigungen benutzen NTEU und AUNS/SVP das Vereinigte Königreich gleichermaßen als Beispiel dafür, dass der Euro nicht erfolgreich sei.

Von der AUNS/SVP werden die USA in Hinblick auf den Neoliberalismus positiv gewertet. Hieraus leitet die AUNS/SVP ab, dass die unabhängige Schweiz als Ziel von Direktinvestitionen aus den USA und Japan profitieren könne. Demgegenüber ist jedoch das grundlegende Verhältnis zu den USA durch Abgrenzung und Anfeindung gekennzeichnet. Dies hängt mit der Forderung der USA während des Kalten Krieges zusammen, die eine Einreihung der Schweiz in das westliche Bündnis erreichen wollte und dem Vorwurf der Kriegsverlängerung durch die Neutralität im Zweiten Weltkrieg. Da die AUNS/SVP die Verteidigung eines positiven Schweizbildes gegen die Dekonstruktion auf ihre Fahnen geschrieben hat, stehen die USA in diesem Kontext als Hauptgegner dar.407 Häufig mischt sich diese Verteidigung eines positiven Schweizbildes mit antisemitischen Äußerungen. So findet sich bei Blocher der typisch antisemitische Topos von ‚geldgierigen ausländischen jüdischen Organisationen’. So habe sich der Bundesrat der Schweiz „... auf den Druck von ausländischen jüdischen Organisationen zu Zahlungen aus dem Volksvermögen erpressen lassen!“ 408 Die jüdisch beeinflussten USA werden damit als Hauptangreifer auf die positive Identität der Schweiz gesehen. So waren es „... ein amerikanischer Senator und die Spitze des Jüdischen Weltkongresses -, welche unser Land verunglimpften, beschimpften, erniedrigten, bedrohten und Geld forderten.“ 409

5.2.8 Schlussfolgerungen

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NTEU und AUNS/SVP begreifen die EU als Nicht-Gemeinschaft. Hierdurch erhält sie den Charakter eines kalten Systems, das entweder die Marionette der europäischen Großmächte (vor allem bei AUNS/SVP) oder des Kapitals (bei NTEU) ist. Diesem künstlichen Gebilde EU wird die menschliche Wärme einer Gemeinschaft abgesprochen und folglich erscheint die EU als undurchsichtige, zentralisierende Maschine. Komplementär zum Bild der kalten, unnatürlichen Zentralisierungsmaschine EU werden gängige Stereotypen über die Nationalitäten innerhalb der EU hinzugefügt. Dem kalten, abstrakten Gegner EU wird damit die mit nationalen Stereotypen angefüllte Vorstellung von hochnäsigen, machtlüsternen Franzosen, im Gleichschritt marschierenden, ordentlichen Deutschen und chaotischen, egoistischen, schmutzigen, korrupten, katholischen Südländern zur Seite gestellt. Zwar ist die AUNS/SVP wesentlich deutlicher in der Verwendung nationaler Stereotypen, inhaltlich unterscheiden sich diese aber kaum von denen bei NTEU: Frankreich wird als zentralistisch, elitär und dekadent abgelehnt, Deutschland aufgrund seiner Macht und Plumpheit und die Südländer als chaotische, egoistische Schmarotzer. Diese Beschreibungen variieren nur in Nuancen zwischen NTEU und AUNS/SVP. So ist die Abgrenzung gegenüber Deutschland in der Schweiz wichtiger, während antikatholische Haltungen in Norwegen einfließen.

Damit sind die Hauptrollen der Gegner in dem hier rezensierten Theaterstück ‚Warum ist die Nation besser als die EU’ bei AUNS/SVP und NTEU fast gleich besetzt. Jedoch unterscheiden sich die Nebenrollen erheblich voneinander. Osteuropa und die Dritte Welt erscheinen bei NTEU als Schutzanbefohlene Norwegens. Demgegenüber interessiert sich AUNS/SVP kaum für die Dritte Welt. Diese wird allenfalls, ebenso wie Osteuropa, als Bedrohung durch Instabilität, Emigration, Korruption und Kriminalität aufgefasst. Großbritannien und die USA werden bei NTEU und AUNS/SVP als imperiale Supermächte kritisiert, zugleich aber als atlantische Alternative zur EU-Integration dargestellt. Die AUNS/SVP favorisiert dabei den Freihandel, während NTEU eine kulturelle Nähe zu Großbritannien und den USA beschreibt.

Für sich sind diese einzelnen Feindbilder relativ fest. Ihre Kombination sowie die starke bzw. schwache kontextabhängige Benutzung bietet den Euroskeptikern einen unerschöpflichen Schatz an Möglichkeiten quasi jedes Ereignis und jeden Kontext zu Ungunsten der EU auszulegen und auf eines oder mehrere dieser Bilder zurückzugreifen. Integrationsbefürworter sind dagegen ungleich stärker auf ein festes Bild der rückständigen, verschrobenen, nationalistischen Euroskeptiker und auf die komplementäre Selbstbeschreibung als Vertreter der Zukunft festgelegt. Demgegenüber können die Euroskeptiker auf ein großes Spektrum von fest verankerten Bildern und Stereotypen rekurrieren. Dies versetzt sie in die Lage jedes politische Ereignis flexibel durch jeweils opportune Kombination der Feindbilder in ihrem Sinne zu interpretieren. Insofern gleicht der Versuch der Integrationsbefürworter, ihre Sicht argumentativ zu untermauern, dem Rennen zischen Hasen und Igel. Wie auch der Igel sind die Euroskeptiker aufgrund ihrer schwächeren ökonomischen und publizistischen Ressourcen und ihres geringeren Elitenrückhalts für ein Wettrennen deutlich im Nachteil. Indem sie aber mächtige nationale Selbst- und Fremdbilder aktivieren und die Ebene der Kritik von der EU zu den einzelnen Nationen beliebig kombinieren und wechseln, sind sie immer näher am Ziel, die Wähler zu überzeugen, als ihre Kontrahenten.

5.3 Wo in Europa liegen die Schweiz und Norwegen?

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Räumliche Zuordnungen sind grundlegend für politische Diskurse. Nahezu alle Kategorien zur Beschreibung politischer Standpunkte und Gemeinschaften beruhen auf Begriffen wie vorwärts/rückwärts, Mitte, Zentrum/Peripherie, oben/unten, links/rechts, die Räume oder Bewegung im Raum bezeichnen. Integrationsdiskurse befassen sich mit der Frage, ob ein Stück Land – wie Norwegen oder die Schweiz – sich mit anderen Landstücken zu einem Europa zusammenfügen soll. Integrationsbefürworter müssen ein Bild entwerfen, bei dem dies als gut und notwendig erscheint und Euroskeptiker müssen dies kontern. Innerhalb der Integrationsdiskurse müssen Integrationsbefürworter und -gegner sich positionieren und ein räumliches Bild von ‚Europa’ und ‚ihrem Land’ erzeugen.

Auch als Ziel nationaler Bewegungen ist die Beherrschung und Abgrenzung von Territorium von großer Bedeutung. Das Territorium - ‚unser Land’ - wird als der Ort der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung eines Volkes angesehen. Dem Boden kommt dabei eine mystisch verklärte Bedeutung zu - dies erklärt, warum der Kauf von Grund und Boden durch reiche Ausländer410 ein euroskeptisches Lieblingsthema ist. Zudem dienen geopolitische Vorstellungen zur Konstruktion von natürlichen Interessen einer Nation und/oder eines Staates. Umgekehrt wird das Fehlen oder der Verlust von Territorien mit Leid, Unterdrückung, Heimatlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Trauer der politischen Gemeinschaft assoziiert. Dabei gibt es eine weite Spanne zwischen relativ neutralen Beschreibungen eines (National-)Staates, der Volk, Herrschaft und Territorium umfasst, bis hin zur Anrufung heiliger nationaler Orte und Gebiete wie Schlachtfelder, Berge oder Flüsse. Nationale Selbstbeschreibungen legen dar, wo das Volk herkommt, wo es jetzt hingehört und wo es hingehen soll bzw. welchen Auftrag es zu erfüllen hat?411 Die aus diesen Fragen abgeleiteten Gebietsansprüche und Aufträge bilden einen wesentlichen Grund für aggressive nationale Ideologien – man denke an den nationalsozialistischen ‚Lebensraum im Osten’ oder raumgreifende imperialistische Ideologien.412 Dies hat erheblich zur Diskreditierung des Nationalismus und zur Begründung der Europäischen Integration als Friedensprojekt beigetragen. Ziel der Europäischen Integration ist es, solche aggressiven nationalen Ideologien zu zähmen. Weder in der Schweiz noch in Norwegen ist diese Argumentation jedoch glaubwürdig.413 Nach dem nationalen Selbstverständnis sind Schweizer und Norweger schon immer am richtigen Platz gewesen und stellen keine aggressiven Gebietsansprüche.414 AUNS/SVP und NTEU sehen - in Übereinstimmung mit diesem nationalen Selbstverständnis - ihre Heimatländer am Zielort angekommen. Folglich halten sie es für unsinnig oder gefährlich sich ‚auf den Weg nach Europa’415 zu machen. Integrationsdiskurse drehen sich damit um die Frage, ob die kleinen Länder gegen die ‚Sogwirkung Europa’ standhalten können.

5.3.1 Integration als Gravitation

Gemeinschaften basieren auf Selbstbeschreibung und Abgrenzung. Die Metaebene der Selbstbeschreibung der Europäer ist geographisch - ‚Europäer’ sind diejenigen, die in Europa leben. Die EU hat sich den Auftrag gegeben eine wachsende Gemeinschaft mit vertiefter innerer Bindung zu sein (‚wider and deeper’). Dies läuft in der Essenz auf eine mehr oder minder deutlich ausformulierte Vorstellung von Gravitation hinaus. Die zentrale Metapher des Integrationsvorganges ist ein Gravitationsmodell. Sehr deutlich ist dies im Konzept von Kerneuropa, bei dem der ‚schwere Kern’ besonders integrationsbereiter Staaten die anderen hinter ‚sich her zieht’.416 Diese in vielen kleinen Ländern als Drohung verstandene Kerneuropa-These wurde inzwischen etwas abgemildert, besteht aber weiter.417 Weniger pointiert, dafür aber umso besser als politisch neutral getarnt, enthält auch die neofunktionalistische Integrationstheorie die Vorstellung von Gravitation.418 Die Suggestivkraft des Gravitationsmodells resultiert daraus, dass der Vergleich mit dem anerkannten Modell der Physik der Metapher Nachdruck verleiht. Folglich erscheint Integration als natürlicher Prozess. Dieses Element der Sachlogik und des in die Zukunft Schreitens enthält auch die Europäische Integration in den Augen ihrer Befürworter.419

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Um dieses Bild einer stetig wachsenden Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, stellen Karten üblicherweise das Wachstum der EU bzw. ihrer Vorgängerorganisationen von einer Sechsergemeinschaft zu einer Zehner-, Zwölfer-, Fünfzehner- und Fünfundzwanzigergemeinschaft dar.420 Gerne ausgeblendet wird, dass Integration kein natürlicher Vergrößerungsprozess ist und Austritte möglich sind. So verlor das ‚stetig wachsende Europa’ am 1. Januar 1985 - auch wenn dies nur von symbolischer Bedeutung ist - fast zwei Drittel seines damaligen Territoriums.421

Umgekehrt verschaffen sich auch Euroskeptiker Legitimität, indem sie Karten produzieren, auf denen ‚ihr ganzes Land’ gegen die Integration steht. Die auf den nationalen Rahmen bezogene euroskeptische Kartendarstellung hing im Sommer 2002 im Büro von NTEU in Oslo. Auf diesem Bild der Abstimmungsergebnisse der Volksabstimmungen wird auf einer Karte von Norwegen dargestellt, dass der überwältigende Teil Norwegens gegen die Integration ist, da es nur in wenigen städtischen Gebieten des Landes im Süden Ja-Mehrheiten gibt.422

Insgesamt leitet sich aus der europäischen Selbstbeschreibung der Integration als fortgesetzter Gravitationsprozess die Darstellung der ‚Europafeinde’ als peripher ab. Folglich werden Euroskeptiker als in jedweder Weise peripher abgestempelt. Dies gilt sozial, indem sie als Integrationsverlierer gelten, geographisch als ländliche Hinterwäldler, sachlich als Verneiner der Realität (Sachzwang von Integration) und zeitlich, weil sie der Zeit eines vergangenen Nationalismus hinterherhinken. Wie wird dieser Vorwurf räumlich begründet und welche Gegenbeschreibung liefern die Euroskeptiker?

5.3.2 Die Schweiz – eine Insel mit befestigten Bergpässen

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Die geographische Lage und Beschaffenheit haben keinen zwingenden Einfluss auf die Beschreibung eines Landes und die benutzten Metaphern innerhalb eines Integrationsdiskurses. So käme ein Leser, der über keinerlei geographische Vorkenntnisse Europas verfügt, anhand der Quellen zu den Integrationsdiskursen zu einem seltsamen Bild: Die Schweiz ist eine Insel in der Mitte Europas, während ihm Norwegens Lage auf der skandinavischen Halbinsel vermutlich verborgen bliebe.

Bisweilen beeinflussen geographische Gegebenheiten diese Länderbeschreibungen jedoch auch. So spielt Entfernung als Kategorie politischen Denkens in der Schweiz verglichen mit Norwegen eine untergeordnete Rolle. Ein Grund sind die realen Entfernungen. Der für Norwegen verwandte Slogan „Weit bis Oslo, aber weiter bis Brüssel“ 423 müsste auf die Schweiz gemünzt heißen: ‚Nah bis Bern und nicht viel weiter bis Straßburg’ und wäre für Euroskeptiker entsprechend unbrauchbar. Die in Norwegen übliche Verbindung und Gleichsetzung von politischem Einfluss mit räumlicher Entfernung entfällt weitgehend. Entsprechend unterscheidet AUNS/SVP eher zwischen den ‚Eliten da oben’ und dem ‚kleinen Mann da unten’. Dagegen spricht NTEU gerne von den ‚fernen Eliten in Brüssel’, dem ‚Abstand’ zur Macht und in den Grundpfeilern heißt es: „Macht soll da sein, wo [das] Volk wohnt.“ 424

Dennoch spielen geographische Lage und topographische Eigenschaften der Schweiz innerhalb des Gedankengebäudes der Euroskeptiker eine Rolle. Das zentrale Thema von AUNS/SVP ist die starke Verhandlungsposition der Schweiz. Diese wird aus der spezifischen Lage des Landes abgeleitet. Kraft und Selbstbewusstsein erwachsen aus der zentralen Lage, aus der Funktionalität als Transitland und durch den Schutz der Berge. So liegt die Schweiz der SVP zufolge „selbstbewusst und neutral im Herzen Europas“ 425Bemerkenswert ist, dass in Norwegen solche Körperbilder, die das Land als Teil Europas beschreiben - selbst bei den Befürwortern - selten sind. Norwegen wird damit nicht als Teil des ‚europäischen Körpers’ verstanden. Dies ist ein Indiz für die in Norwegen populäre These, dass Norweger sich nicht zu Europa zugehörig fühlen.426

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Um die Behauptung einer starken Verhandlungsposition der Schweiz gegenüber der EU zu untermauern, ruft Blocher den heiligen Berg der Schweiz, den Gotthard, an. Der Gotthard-Mythos steht für die Entstehung der Schweiz und ist Symbol für die Wehrhaftigkeit des Landes - insbesondere im Zweiten Weltkrieg. An folgendem Zitat wird deutlich, wie Blocher phrasenhaft an das kollektive Gedächtnis appelliert:

„Sie erinnern sich an unsere Entstehungsgeschichte am Gotthard. Über diese auch heute noch wichtigste Nord-Süd-Verbindung würden wir bei Nicht-Beitritt auch in Zukunft weiter verfügen und bestimmen können. Und – verehrte Leserinnen und Leser – diese Nord-Süd-Verbindung ist für die EG lebenswichtig! Die Schweiz kann der EG geben, was sie braucht, allerdings nur dann, wenn sie autonom bleibt. Sie kann der EG die schnellste und effizienteste Nord-Süd-Verbindung in Europa, die obendrein dem Umweltschutz Rechnung trägt, sicherstellen. Die Schweiz kann hier also solidarisch sein in einem sehr praktischen Sinne. Sie kann aber auch etwas verlangen für diese Verbindung: ...“427

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Das mit der geographischen Lage gekoppelte Argument lautet, dass man die Alpenpässe besetzt hält und daraus ein gutes Geschäft macht. Im Gegensatz zu NTEU, bei denen ökonomische Argumentationen stets aus normativen Forderungen (Solidarität, Umweltschutz) abgeleitet werden, entstehen normative Ziele bei der AUNS/SVP als Nebenprodukt von Nutzenmaximierung. Besonders ins Auge fällt auch der Unterschied in der Stringenz der Argumente. Zwar finden sich, wie bei einer komplexen und auf unterschiedliche Zielgruppen ausgerichteten Argumentation nicht anders zu erwarten, auch Widersprüche bei NTEU. Ein Nebeneinander von einander widersprechenden Argumenten (solidarisch handeln oder etwas verlangen) in einem Satz wird man bei NTEU nur in Ausnahmen finden. Die wesentliche Tugend der Schweiz ist immer ihre Position der Stärke gegenüber den ‚fremden Mächten’ („... für die EU lebenswichtig!“) 428. Hieraus wird die Forderung nach der Nichtpreisgabe der Vorteile der Schweiz abgeleitet. In Übereinstimmung mit der geographischen Lage der Schweiz schildert die AUNS/SVP die Schweiz als Zentrum Europas. Nationalromantische Bilder über Alpenlandschaft, Gotthard und nationalen Freiheitskampf sind zudem wesentlich deutlicher zu erkennen als bei NTEU. Die positive Wertung dieses Raumes wird aus dessen hoher Funktionalität für die Verteidigung und die Wirtschaft abgeleitet. Dabei sind es die militärische Stärke, das starke, bergige Gelände, der Gotthart als heiliger Berg, der Schutz spendet, und die große Verhandlungsmacht, die aus dem Alpentransit gegenüber der EU abgeleitet werden. Auf diese Weise wird das Konzept der für Angreifer attraktiven, jedoch uneinnehmbaren Bergfestung429 reproduziert.

Für die Integrationsbefürworter ist die Abwertung der Euroskeptiker als peripher schwierig. Die Schweiz ist keine Grenzregion Europas. Sie ist seit römischer Zeit Transitland, sie ist Mitteleuropa, europäisches Zentrum, Schnittstelle drei großer europäischer Sprachgruppen und wird deshalb als ‚Modell für Europa’ angepriesen. Um die schweizerischen Euroskeptiker als peripher darzustellen, ist die geographische Lage der Schweiz denkbar unbrauchbar. Vielmehr ist die Schweiz als weißer Fleck auf den EU-Karten ein schwer zu erklärender Widerspruch zu der Idee eines Integrationssoges.

Nun sollte man annehmen, dass die norwegischen EU-Gegner aufgrund der im Verhältnis zum Kontinent peripheren Lage ihres Landes im Nachteil sind, wenn es darum geht sich als zentral und zukunftsorientiert zu beschreiben. Auch Hans Fehr von der AUNS urteilte spontan über den norwegischen EU-Widerstand, dass dieser im Gegensatz zu den Schweizern ein Problem mit seiner peripheren Lage hätte.430 Tatsächlich ist es allgemeiner Konsens, dass Norwegen europäische Peripherie ist. Kuhnle fasst dies zusammen:

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„Norwegens Selbstverständnis als peripherer Anrainerstaat des europäischen Festlands entspricht der kontinentaleuropäischen Vorstellung von Norwegen.“431

Dies ist jedoch kein Handicap für NTEU. Vielmehr kann NTEU auf ein umfangreiches Arsenal an Ideen über die gute nördliche Peripherie und ihr Verhältnis zum schlechten Kontinent zurückgreifen.

5.3.3 Norwegen – die gute Peripherie Europas

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„Nein, wir sind viele hier im Norden, die bessere Wege gehen können – und wir wollen nicht von Brüssel regiert werden.“432

In Norwegen spielt das geringe Zugehörigkeitsgefühl zum Kontinent und der Rückgriff auf bestehende Bilder von einer idealisierten nördlichen, peripheren Raum eine wichtige Rolle für den Euroskeptizismus. Beide Thesen wurden von mir und anderen bereits ausführlich diskutiert, weshalb sie nur kurz zusammengefasst und anhand von Beispielen illustriert werden.433 Listhaug/Huseby haben bereits im Rahmen einer umfangreichen vergleichenden empirischen Studie von 1990 über Werte in westlichen Ländern die emotionale Bindung von Norwegern zu Europa und der EU untersucht. Demnach identifizieren sich Norweger kaum mit Europa und der EU. Sie werden in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Europa und der EU nur noch von den Isländern übertroffen. Die Dänen nehmen ebenfalls eine ausgesprochen kritische Haltung gegenüber Europa und der EU ein. Listhaug/Huseby heben dabei hervor, dass die ablehnende Haltung der Norweger gegenüber Europa keineswegs mit einem besonders stark ausgeprägten nationalen Werteset erklärt werden kann. Norweger haben kein stärker ausgeprägtes nationales Werteprofil als andere europäischen Nationen.

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Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass Norweger sich kaum mit ‚Kontinentaleuropäern’ verbunden fühlen. Eine enge Verbundenheit wird aber zu den skandinavischen Nachbarnationen, vor allem zu den Schweden und, etwas abgeschwächt, auch den Dänen gefühlt. Dies ist in Anbetracht der engen sprachlichen und kulturellen Bindungen nicht erstaunlich. Auffallend ist, dass die nächsthäufigsten Nennungen Großbritannien und die geographisch entfernten USA betreffen. Deutschland und danach Frankreich rangieren in der Beurteilung der Verbundenheit weit hinten. Nennungen anderer kontinentaleuropäischer Länder sind gänzlich zu vernachlässigen. Deutlich wird, wie schwach die Bindung an den ‚Kontinent’ und die beiden zentralen Akteure der europäischen Einigung, Deutschland und Frankreich, ist.434

Empirisch spiegelt das Abstimmungsverhalten ein geographisches Muster wieder, bei dem die peripheren Teile beider Länder, die zudem symbolische Orte des Nationsgedankens sind (Urkantone, norwegische Peripherie), die Integration entschieden ablehnen. Dabei lassen die Abstimmungsergebnisse aber offen, ob hauptsächlich ökonomische Motive, die Angst vor politischer Marginalisierung und/oder der Bezug auf bestehende Raumkonstruktionen hierfür verantwortlich sind. Weitgehend deutlich wird aber aus den empirischen Studien, dass die Ablehnung der norwegischen Peripherie in beiden Ländern weniger unmittelbar mit geographischer Entfernung, sondern ungleich mehr mit der Siedlungsdichte435 zusammenhängt. So sind dünnbesiedelte Gebiete selbst in Südnorwegen euroskeptisch, während städtische Gebiete (Tromsø) selbst in Nordnorwegen relativ pro-integratorisch sind. Der Gedanke, Euroskeptizismus mit dem geographischen Abstand zu Brüssel oder einem anderen archimedischen Punkt innerhalb der EU in Verbindung zu setzen, wird also kaum erfolgreich sein. Eine größere Rolle spielen Cleavages zwischen Stadt und Land sowie Zentrum und Peripherie.

Im Gegensatz zur AUNS/SVP finden sich bei NTEU quasi keine expliziten geopolitischen Argumentationen oder solche, die militärische Überlegungen und Strategieabwägungen direkt oder stilisiert enthalten.436 Den Norden oder Norwegen als natürliche Festung metaphorisch zu beschreiben oder gar den Oslofjord zu verminen, ist außerhalb der Vorstellungswelt von NTEU. Sehr wohl finden sich jedoch ausgeprägte Darstellungen eines positiven nördlichen Raumes und die Idealisierung der norwegischen ländlichen Peripherie. Dieser Raum wird jedoch nicht als Festung beschrieben, sondern im Gegenteil als friedlicher, offener, freier, gerechter und demokratischer Raum – dem „Freien Norden“ 437. Dieser läuft nach NTEU Gefahr seine positiven Eigenschaften durch die Integration zu verlieren und ein Teil der ‚Festung Europa’438 zu werden.

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In Übereinstimmung mit gängigen europäischen Selbstbeschreibungen zeichnet NTEU die EU als einen mit einem Gravitationszentrum ausgestatteten Kern. Dieses Zentrum - der Kern - wird zumeist in der Achse Deutschland - Frankreich gesehen.439 Die Grenzen und die Peripherie Europas sind im Osten Russland, im Süden- und Südwesten der unchristliche ‚Orient’440 und im Westen Amerika. Die Grenze im Norden ist ohne klares Gegenbild und Grenze.441 Gegenbild und Abgrenzung ist die Wildnis und ein Set von Ideen, wie der Norden und die Nordländer sind. Im Kontext der Europäischen Integration gilt die nördliche Peripherie als Nachzügler im Prozess der Europäischen Einigung. Dieses Bild des Nordens ist aber noch flexibel und der Norden ist auch als Ort von Wohlfahrt, Demokratie sowie Freiheit und der Aufklärung bekannt.442 NTEU verfügt über den unglaublichen Luxus, eine ganze Himmelsrichtung443 für euroskeptisch erklären zu können. Sicher ist auch dieser Besitz umkämpft wie der Vorstoß der ‚Nördlichen Dimension’ der finnischen Regierung zeigt.

Empirisch gesehen ist Euroskeptizismus im ‚Norden’ tatsächlich ausgeprägt. In Ländern wie Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, Grönland, Finnland und Großbritannien ist die Europäische Integration unbeliebt. Zudem gilt auch für Norwegen, Finnland und Schweden die Regel, je nördlicher, desto euroskeptischer. Die südlichen, städtischen Gebiete sind integrationsfreundlicher, während die ländlichen, nördlichen Gebiete euroskeptisch sind.444 NTEU liebt diese Idee eines geeinten euroskeptischen Nordens. Dieser stellt für NTEU eine positive Alternative zur Europäischen Einigung dar. Wir dürfen darüber hinaus nicht vergessen, dass politische Konflikte in Norwegen sich um Zentrum-Peripherie-Konflikte drehen. Das Denken in diesem Gegensatzpaar prägt auch das politische Denken. Räumlichen Entfernungen kommt damit eine überragende Bedeutung zu. Dabei wird der innernorwegische Konflikt der Peripherie gegen das Zentrum – der historisch einer Mobilisierung gegen die kontinentalen dänischen Herrscher zugrunde lag – auf die Integrationsfrage übertragen. Die euroskeptische norwegische Peripherie gegen das integrationsbefürwortende Zentrum (Oslo). Und zugleich kämpft ‚Norwegen als Peripherie’ gegen den zentralistischen, städtischen Kontinent. Der berühmte Slogan „Weit bis Oslo, weiter bis Brüssel“ transportiert eben diese Verlängerung der innernorwegischen, räumlich geprägten Konfliktstellung in einen europäischen Kontext.

Räumliche Konzepte und Begründungen werden bei NTEU - wie andere wenig stichhaltige oder politisch unkorrekte Argumente - diffus benutzt. In der Argumentation von NTEU werden räumliche Beschreibungen wie der ‚Fernsteuerung’ durch Brüssel oder der guten norwegischen ‚Nahdemokratie’445 mit demokratiebezogenen Argumentationen vermengt. Nicht nur innerhalb eines norwegischen Kontextes idealisiert NTEU die norwegische ländliche Peripherie.446 Vielmehr wird Norwegen insgesamt als ländliche und sozial gerechte Idylle beschrieben. Am deutlichsten wird dies in dem von NTEU benutzten und in der EU-Debatte vieldiskutierten Gedicht von Rolf Jakobsen ‚Anderledeslandet’. In diesem wird das gute nördliche ‚andersartige Land’ idealisiert.447 NTEU glorifiziert Norwegen als gute europäische Peripherie. Europa sind städtische degenerierte Lebensformen, korrupte EU-Politiker, hierarchische Strukturen und ein grassierender neoliberaler Kapitalismus, der Mensch und Umwelt zerstört. Dagegen steht das gerechte, demokratische, aufgeklärte, ländliche, egalitäre, natürliche, reine Norwegen. Damit verwandelt nach Esborg die Widerstandsrhetorik von NTEU die Peripherie zum Zentrum448 des guten Lebens, auf das ganz Europa schaut. Folglich darf das reine Norwegen nicht durch die EU-Mitgliedschaft verunreinigt werden.

5.4 Schlussfolgerungen

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Geographische Konzepte von Zentrum und Peripherie gehören zum festen Bestandteil europäischer Selbstbeschreibungen. Integration wird als Gravitationsvorgang beschrieben, wobei Euroskeptiker als randständig und peripher klassifiziert werden. Dieses Modell beinhaltet eine stark räumliche Vorstellungswelt von Zentrum und Peripherie. Während Norwegen als geographische Peripherie in dieses Bild eines sich verdichtenden Zentrums und einer umkreisenden Peripherie passt, ist die Schweiz ein störender Fleck im Zentrum oder positiv ausgedrückt das Auge im Sturm. Geographische Entfernung zu Europa ist eine unbedeutende Kategorie im schweizerischen Diskurs, sie wird aber durch eine Inselmetapher, den Sonderfall der Igelmentalität und die Alpenfestung substituiert.

Entfernung ist dagegen eine grundlegende Kategorie im norwegischen Integrationsdiskurs. Dabei wird räumliche Entfernung mit Zugehörigkeitsgefühlen und Vertrauen sowie mit Einflussmöglichkeiten und demokratischer Kontrolle verknüpft. Räumliche Entfernung unterfüttert die Dichotomie von Norwegern und Kontinentaleuropäern. Gemeinschaft, Macht und Raum werden verbunden und zu einem Gegensatz zur Europäischen Integration verdichtet. Hervorzuheben ist, dass Argumentationen der norwegischen Euroskeptiker geographische Kategorien in Slogans und Begriffen (Fernsteuerung, Nahdemokratie, Abstand) verwenden. Hierüber legen sie eine damit nicht verbundene Sachargumentation, die auf das europäische Demokratiedefizit und norwegische Interessenvertretung abzielt. Dabei suggeriert die Sprache von NTEU Entfernung zu Europa, während gleichzeitig explizit die Zugehörigkeit zu einer diffusen Wertegemeinschaft der Europäer betont wird. Der Vertretung der ‚europäischen’ Werte wie Freiheit, Gleichheit, Emanzipation, Demokratie, Wohlfahrt, Menschenrechte wird ein geographisch abgesetzten Ort zugeschrieben, an dem diese am besten verwirklicht sind. Dieser Ort ist der Norden, Norwegen und insbesondere dessen Peripherie.449

Mit diesen Vorstellungen knüpfen die norwegischen Euroskeptiker an eine Reihe von bestehenden Diskursen an, welche die periphere Lage Norwegens, eine Gegensätzlichkeit zu Kontinentaleuropa sowie die Romantisierung und Idealisierung des Nordens beinhalten. Das geringe Zugehörigkeitsgefühl in der norwegischen Bevölkerung kann auch empirisch belegt werden. Außerdem hat der innernorwegische Zentrums-Peripherie-Konflikt, der empirisch im EU-Streit die alles überlagernde Konfliktdimension ist, nicht nur zur Schärfung geographischer Kategorien innerhalb politischer Diskurse in Norwegen beigetragen, sondern stets auch eine Abgrenzung gegenüber dem Kontinent begründet.

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Norwegen liegt an der nordwestlichen Außenkante Europas und die Schweiz ist das ‚selbstbewusste, neutrale Herz Europas’, weshalb dort ein geographischer Zugehörigkeitsdiskurs weitgehend entfällt. Diese Schlussfolgerung wird kaum jemanden überraschen, weil sie geographisch ‚korrekt’ und intuitiv vor dem Hintergrund der unzähligen oben beschriebenen Diskurse als richtig und natürlich erscheint. Dennoch basiert sie auf einem falschen Mindmapping von Integrationsprozessen, denn Norwegen ist zumindest institutionell weit mehr integriert als die zentrale Schweiz.450Die Möglichkeiten der Schweizer EU-Gegner, Entfernung und Zugehörigkeit als Kategorie zu verwenden, sind beschränkt. Aber auch die EU-Befürworter haben keinen Spielraum um die Euroskeptiker als räumlich peripher abzustempeln. Dagegen greifen die norwegischen EU-Gegner auf feste Bilder und Diskurse über die Entfernung zu Europa und die Idealisierung Norwegens als gute ländliche Peripherie zurück.

Auf einer Metaebene wehren sich Euroskeptiker in beiden Ländern gleichermaßen gegen diese im Gravitationsmodell angelegte automatische Zentralisierungstendenz einer ‚ever closer union’. Hier vermischen sich Gravitation und Zentralisierung auf wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Ebenen. Das Bild eines Widerstandes gegen die Gravitation wird in Norwegen und der Schweiz von unterschiedlichen rhetorischen Orten organisiert. Gegen die Gravitation des schwarzen Loches EU wehrt sich NTEU aus der reinen, freien, demokratischen, nördlichen Weite der norwegischen Peripherie. Demgegenüber verschanzt sich AUNS/SVP in der ebenfalls ländlichen Bergfestung Schweiz. Diese rhetorischen Orte, von denen aus die EU-Gegner ihren Widerstand organisieren, verstärken das Bild einer harten, kriegerischen Verteidigungsrhetorik bei AUNS/SVP und einer freien, unbekümmerten, internationalistischen Idealisierung Norwegens.


Fußnoten und Endnoten

320  Vi si nei, Track 2, Nei’94 CD von NTEU. Wörtlich wird von ‘steuern’ (styr) für bestimmen gesprochen.

321  Assmann 1992.

322  Zu den weiteren Inhalten und ihrer Repräsentanz im Staatszeremoniell der Schweiz siehe Rosmus 1994.

323  So führt etwa Johansen 1997 aus, dass die norwegische Nation dem essentialistischen Ideal recht nahe komme und damit einen Beleg dafür liefere, dass essentialistische Elemente einen wichtigen Kitt für die Konstruktion von dichten Gemeinschaften bilden.

324  Siehe Østerud 1994.

325  Siehe Kapitel: Demokratie oder Europa?

326  Auch wenn es in Form der Erweckungsbewegung und des Neunorwegischen interne Spaltungsbewegungen gibt.

327  Diese Einheitssemantik als freie und gleiche Bauern wird häufig als Wir-Beschreibung der Norweger und oft als Begründung für egalitäres Denken und basisdemokratische Gesinnung verwandt.

328  Hervorhebungen entsprechend dem Original. Dag Seierstad 1997 Speach for Wakefield 1997: 9.

329  Vgl. Renan 1882. Zwar gab es einige Versuche primordiale Codes über Herkunft (Pfahlbauern) und die Rasse des Alpenmenschen zu implementieren, diese waren jedoch nicht sonderlich erfolgreich.

330  Instrumente dieses Ausgleichssystems sind der Föderalismus, Minderheitenrechte und Subsidiarität. Zum politischen System siehe Linder 1999.

331  Vgl. Kreis 1998: 464.

332  Siehe Tiilikainen 1998: 73-80.

333  Man denke etwa an die sehr restriktive Alkohol- und Drogenpolitik.

334  Entsprechend dem biblischen Motiv wird damit die Rückkehr und Wiederherstellung (Revolution bzw. Reform) der guten Ordnung in einem Paradies oder goldenen Zeitalter vollzogen.

335  Pro-integratorischer Terminus in der Schweiz.

336  Siehe Mythen der Nationen (1998) und Die Erfindung der Schweiz 1848-1998 (1998), Sonderfall? Die Schweiz zwischen Reduit und Europa (1992).

337  Bergier 1992.

338  Vgl. Gsteiger 2002: 3.

339  Neue Züricher Zeitung 31.Juli/1. August 2004: 1.

340  Neumann 2001.

341  Marchal/Mattioli 1992.

342  Lerch/Simmen 1991.

343  „La suisse existe!“ (k.A.).

344  Siehe z.B. Østerud 1993.

345  Sørensen verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff ‚snill’ (nett, freundlich). Siehe Sørensen 1998.

346  Grytten 2001: 10.

347  Høyres plattform (k.A.). So lautet ein Slogan, mit dem die einzige klare Ja-Partei Norwegens, die Konservativen (Høyre), in einer Broschüre argumentiert.

348  Gsteiger 2002: 3.

349  Gsteiger 2002: 2.

350  Blocher (k.A., Der falsche Weg ...): 10.

351  Blocher (k.A., Der falsche Weg ...): 10. Hervorhebung entsprechend dem Original.

352  Vgl. Blocher 1998 a: 13f.

353  Vgl. Wengle 2001: 3; ausgeführt wird dies auf: 8-15.

354  AUNS und SVP betonen die Faktizität ihrer Standpunkte auf penetrante Weise, während NTEU einen abwägenden Stil pflegt. Vgl. Kapitel: Sag mir, wo du stehst: Ja- und Nein-Diskurse und ihre Quellen.

355  Vgl. Vardøgner 1994: 1.

356  Grundpfeiler 1992.

357  Vgl. Kapitel: Sag mir, wo du stehst: Ja- und Nein-Diskurse und ihre Quellen und siehe beispielsweise den Einband von Årsmeldning 1995.

358  Die angegebenen Zahlen ergeben sich aus der Bevölkerungszahl Norwegens von etwa 4,4 Millionen und den Mitgliederzahlen: NTEU hatte bis zu ca. 145.000 Mitglieder und die Europabewegung ca. 35.000 Mitglieder.

359  Der Vorwurf, dass die Eliten das Volk belügen, ist fester Bestandteil der Rhetorik von AUNS/SVP (siehe etwa den ‚Grauen Brief’).

360  Standpunkt.

361  Siehe www.auns.ch unter „unsere Ziele“ (Stand 15.11.04) und Kapitel: Friedlicher Kleinstaat oder Europa?

362  Vgl. www.auns.ch unter „unsere Ziele“ (Stand 15.11.04) und Kapitel: Friedlicher Kleinstaat oder Europa?

363  SVP Wahlplattform 1999: 22. Bildnachweis zu volkstümlicher Selbstdarstellung (Brunner 1994: 1: 25) der AUNS/SVP und für Gebäude: La suisse existe! k.A..

364  Grundpfeiler 1992. Aktivisten von NTEU werden diese Textzeile als Abgrenzung von dem ‚neoliberalen EU-Sytem’ rationalisieren und hierin keine kulturelle Differenzierung sehen. Meiner Ansicht nach wurden die schwammigen Begriffe – wie Gemeinschafts-/Gesellschaftsformen – jedoch benutzt, um eine kulturelle Differenz aufzubauen und damit kollektive Bilder vom überlegenen Norwegen und dem rückständigen Kontinentaleuropa anzusprechen.

365  Bekanntestes Beispiel sind die schönen griechischen Körperdarstellungen und die bis heute üblichen Darstellungen gesichtsloser, mit ‚feigen’ Distanzwaffen wie dem Bogen ausgestatteter Perser.

366  Grauer Brief 90 2003: 8.

367  Die SVP beschreibt sich selber als „fest in der Volkskultur verwurzelt“ wie in der Textzeile unter dem Foto eines SVP Politikers in Tracht am Hackbrett (SVP Wahlplattform 1999: 22). Bildnachweis zu volkstümlicher Selbstdarstellung (Brunner 1994: 1; 25) der AUNS/SVP und für Gebäude: La suisse existe! (k.A.)

368  Thürer 1993: 20.

369  Siehe Bildnachweis: NTEU-Flugblatt Framtida (k.A.).

370  Siehe Bildnachweis NTEU-Flugblatt Framtida (k.A.) und das Rockkonzert auf Nei til EUs skriftserie – Nr. 3 2000.

371  Alte und Junge siehe Cover von Norge og EU 1994, Årsmeldning 1995: Vorder- und Rückseite.

372  So unterlegt NTEU eine Argumentation in Bezug auf die Verteidigung des Wohlfahrtsstaates mit der Abbildung einer alten offensichtlich pflegebedürftigen Frau, die von einer Krankenschwester oder Altenpflegerin umsorgt wird (vgl. NTEU-Broschüre Ja til folkestyre 1994: 13).

373  Siehe das auf Plakaten, Flyern und Broschüren abgedruckte Foto, das u.a. als Broschüre mit einer Auflage von 820.000 Stück erschien. Siehe zum Bildnachweis: NTEU-Broschüre Ja til folkestyre 1994. In ihrer Bildanalyse kommt Esborg (2002) zu dem Ergebnis, dass NTEU die aktuelle EU-Entscheidung mittels Bildersprache in die Kontinuität von norwegischer nationaler Vergangenheit und Zukunft einbettet.

374  Zum EU-Widerstand der Jugendlichen in Skandinavien siehe Schymik 2003.

375  Siehe zu dieser These einer beständigen Reproduktion eines positiven Norwegenbildes Neumann 2001.

376  Diese Argumentation ist typisch für NTEU, hier zitiert nach der gleichnamigen Rede von Kristen Nygaard 1995 auf einer Konferenz in München.

377  Siehe Bildnachweis: AUNS-Plakat Ja zur Schweiz (k.A.).

378  NTEU-Handzettel 1994. Bildlich illustriert wird dies - wie oft - durch die Darstellung einer Weltkarte, auf der Europa bekanntlich klein wirkt. Der Text dazu argumentiert, dass Norwegen für die ganze Welt verantwortlich sei und streicht die große Bedeutung von Norwegen für eine gerechtere und friedlichere Welt heraus (Vgl. NTEU-Handzettel: 1994).

379  So heißt es in Senterpartiets EU-håndbok (1994: 17f), dass Norwegen eine durch Sprache, Kultur, Geschichte und politische Strukturen verbundene natürliche Einheit ist. Im Gegensatz dazu stellt die EU eine künstliche Einheit dar. Deshalb ist ein Beitritt zu dieser unnatürlichen Einheit abzulehnen.

380  AUNS/SVP rekurrieren auf die seit 700 Jahren gültigen Grundsätze der Schweiz, die allgemeine und ewig gültige Regeln für das gute Zusammenleben im Staat und mit anderen Staaten beinhalten (siehe etwa Grauer Brief). Demgegenüber ist NTEU primär auf die vernünftige Gestaltung der Zukunft bezogen, vgl. Kapitel: Friedlicher Kleinstaat oder Europa?

381  Etwa Østerud 1993 in seinem von NTEU veröffentlichten Aufsatz.

382  Sozialdarwinismus wird Blocher des öfteren vorgeworfen, wie etwa die Verknüpfung des Namen Blocher und Sozialdarwinismus bei Google zeigt.

383  Dabei betont die AUNS/SVP das In-die-Tasche-Greifen und NTEU die Bevormundung.

384  Angemerkt sei, dass der rückständige Süden aus norwegischer Sicht häufig mit den kontinentalen EU-Ländern gleichgesetzt wird.

385  So ist nach Gonzalez/Koch das Zusammenleben in einem Staat schwierig, weil sich andalusische Zigeuner nicht für Badezimmer interessieren. Vgl. Gonzalez/Koch 1994: 131f.

386  Siehe Bildnachweis: NTEU-Flugblatt Framtida (k.A.): Rückseite.

387  Siehe etwa das Zitat im Kapitel Friedlicher Kleinstaat oder Europa? und vgl. Blocher 1998a: 9.

388  SVP-Pressecommuniqué vom 17.4.03.

389  SVP-Pressecommuniqué vom 17.4.03.

390  „Fri flyt av Folk Faluta Farer og Folkswagen“ (AstEUrix 1994: 8). Auf dieser Karikatur fordert Helmut Kohl die damalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland auf, den Vertrag von Maastricht zu unterschreiben Das Wort „Farer“ ist eine Anspielung auf die ‚deutschen Fahrer’ und zugleich meint NTEU die ‚Gefahren’ des Binnenmarktes. Diese sind nach NTEU die Gefährdung der guten norwegischen Lebensmittelsicherheit durch verunreinigte EU-Produkte.

391  Die AUNS gibt an dieser Stelle die im Sonntags-Blick vom 25. Oktober 1998 abgebildete Karikatur von Ernst Feurer-Mettler wieder, in: AUNS-Informations- und Pressedienst Nr. 63, 1998: 20.

392  Andrésen 1994: 16. Angemerkt sei, dass diese Witzkonstruktion auch in Deutschland immer wieder auftaucht, wenn etwa von „billigen Pauschalreisen in das verschneite Russland am Anfang der 40er Jahre“ die Rede ist. Und dieser Vergleich ist auch nicht gänzlich falsch, da der Aufbruch in die Fremde und Eroberung Motive sind, die Tourismus und Kriegszügen gemein sind. Insofern gibt es touristische Elemente in Kriegszügen sowie kriegerische Elemente im Tourismus.

393  Rechtschreibfehler entsprechend dem Original: AstEUrix 1994: 8.

394  Dies wird klar, wenn man etwa das Heimatfrontmuseum in Oslo besucht.

395  Siehe Kapitel: Friedlicher Kleinstaat oder Europa?

396  Siehe Bildnachweis: NTEU-Plakate (K.A.) Foto der bunten Pinnwand von NTEU.

397  Vgl. Nei til EUs Skriftserie 1998: 25.

398  Etwa die Informationsveranstaltung der Unterorganisation von NTEU ‚Studenten gegen die EU in Oslo’ (Studentar mot EU i Oslo) zur Osterweiterung mit der Politikwissenschaftlerin und Nein-Aktivistin Elisabeth Bakke am 7.10.02, 18 Uhr in der Universität von Oslo, die mit der rhetorischen Frage angekündigt wurde: „Die Osterweiterung der EU – ein Solidaritätsprojekt?“ (neunorwegisch: „Austutvidinga av EU – eit solidaritetsprosjekts?“).

399  Vgl. Nei til EUs skriftserie Nr. 3 2000 Ja til folkestyre: 25.

400  Etwa wenn NTEU gegen die Weltbank agitiert (siehe Bildnachweis: Ungdom mot EU avisa Nr. 3 2002: Cover; Rückseite).

401  Gängiger Begriff der AUNS/SVP für Idealisten und Linke.

402  SVP Pressecommuniqué vom 14.5.03.

403  Siehe die Blocher-Broschüre: Blocher, k.A., Freiheit statt Sozialismus.

404  Historisch angemessen ist, dass diese transatlantische Orientierung Norwegens im Wesentlichen erst durch den Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Zuvor orientierte Norwegen sich insbesondere an Deutschland.

405  Galtung 1973.

406  Siehe zur britischen EU-Debatte: Diez 1999.

407  Siehe Blocher 1999.

408  Blocher 1999: 28. Siehe das Kapitel „Die jüdischen Organisationen und ihre Vertreter“, in denen Blocher seinen offenkundigen Antisemitismus zwar bestreitet, aber gleichzeitig die Schweiz als Opfer der geldgierigen, erpresserischen, in den USA sitzenden, jüdischen Organisationen darstellt (Blocher 1999: 23 ff).

409  Blocher 1999: 4. Im ‚Eisenstat-Bericht’ geht es um die Schuld der Schweiz im Zweiten Weltkrieg bezüglich des Nazigoldes.

410  Man denke an die Debatten in Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland über die Deutschen, die auf den Kauf von Ferienhäusern versessen sein sollen.

411  Nationalismus hat als Ersatzreligion die Funktion, einfache Antworten auf solche grundlegenden Sinnfragen zu geben (siehe Anderson 1988).

412  Siehe zu nationaler Identität und der Konstruktion von geographischen Räumen und daraus abgeleiteten Missionen: Dijking 1996, auch Agnew 1998.

413  Allerdings ist dies eine Frage der in dem spezifisch nationalen Diskurs durchsetzungsfähigen Lesart. So gelang es etwa in Belgien, den Opfer-Status des Landes im Zweiten Weltkrieg als Grund für die friedensschaffende Wirkung der Integration durchzusetzen.

414  In Anbetracht begrenzter Ressourcen und größerer Nachbarn wären Gebietsansprüche ohnehin nicht realisierbar.

415  Dies ist eine in beiden Ländern gleichermaßen beliebte Wegmetapher der Integrationsbefürworter, die dabei gerne auf die besondere Länge und Beschwerlichkeit dieses Marsches hinweisen.

416  Vgl. die Rede des deutschen Außenministers Fischer (2001) in der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Begriff ‘Kerneuropa’ basiert ursprünglich auf Überlegungen innerhalb der deutschen Christdemokraten (siehe Lamers/Schäuble 1994).

417  Siehe Interview der Berliner Zeitung mit dem deutschen Außenminister Fischer: Fischer antwortet zwar auf die Frage, ob Kerneuropa passé sei mit Ja. Er hält aber die Option offen, dass einzelne EU-Länder schneller vorangehen können (vgl. Fischer 2004: 5).

418  Zur Begründung dieser These siehe Schymik 2004: 41-50.

419  Vgl. zur Metapher der Gravitation: Hille 2003.

420  Siehe z.B. die Karte über das Wachstum der EU auf der Vorderseite des Heftes zur Osterweiterung: Bundeszentrale für politische Bildung 2002.

421  Genau 58,8 % des Territoriums. Da Grönland nur über 0,0006% des damaligen EG-BIP und über 0,02 % der Bevölkerung verfügte (nach Schymik 2004: 181), ist dieser massive territoriale Verlust zwar ausschließlich von symbolischer Bedeutung. Sicher gibt es für diesen auch in der politischen Bildung üblichen kreativen Umgang mit der Geographie in Form der Ausblendung Grönlands nicht nur ideologische Gründe. Auch die enorme Größe Grönlands und der beträchtliche Abstand zum europäischen Festland würde auf einer Karte nicht nur das Zentrum Europas in den Atlantik verlegen, sondern auch einer adäquaten Darstellung der aufgrund von Wirtschaftsleistung und Bevölkerungszahl bedeutenden Länder zuwiderlaufen. Dennoch bleibt zu kritisieren, dass bei Darstellungen zu Zwecken der politischen Bildung auch die notwendige Fußnote über den Austritt Grönlands i.d.R. fehlt.

422  Zur regionalen Verteilung der Abstimmung siehe etwa Bjørklund 1999.

423  „Langt til Oslo, lenger til Brussel“.

424 Grundpfeiler 1992.

425  SVP-Wahlplattform 1999: 13, auch 12.

426  Zur empirischen Untermauerung dieser Thesen durch die Wahlforschung siehe Listhaug/Sciarini 1997, zur These einer gegen die Integration gerichteten norwegischen Identität siehe Neumann 2001.

427  Blocher (k.A., Der Falsche Weg ...): 28.

428  Siehe obiges Zitat Blocher (k.A., Der Falsche Weg ...): 28.

429  Gemeint ist das ‚Reduit national’, also die mystisch verklärte Militärdoktrin nach der die Schweizerische Armee dem angreifenden Nazideutschland das Flachland überlassen sollte und sich in die Berge zurückzieht, um die für den Alpentransit notwendigen Bergpässe zu besetzen. Die Frage, ob und wie weit dies tatsächlich der Beweggrund für die Unversehrtheit der Schweiz im Krieg, oder vielmehr ihre Kollaboration mit Nazideutschland, ist, ist zentraler Bestandteil der Debatten über das nationale Selbstverständnis. Dass die Schweiz ‚sich nichts vorwerfen lassen muss’, stellt Blocher (1998a) heraus.

430  So die spontane Reaktion von Hans Fehr, nachdem er von der Fragestellung dieser vergleichenden Untersuchung bei unserem Gespräch am 9.10.01 im Büro der AUNS in Bern erfuhr.

431 Kuhnle 1992: 43.

432  So das ‚Selbstständigkeitslied’ auf NEI’94 (CD von NEIN ZUR EU), Track Nr. 9.

433  Siehe Hille 2001, 2000, Schumacher 1998.

434 Vgl. Huseby/Listhaug 1995.

435  Gläßer/Myklebost 1996: 285-291.

436  Geopolitische Argumentationen laufen dem idealistischen Verständnis von NTEU zuwider. Demgegenüber ruft die AUNS/SVP beständig den Verteidigungsfall aus und beruft sich auf topographische und geographische Begebenheiten. Vgl. Kapitel: Friedlicher Kleinstaat oder Europa?

437  Es findet sich sogar eine gleichnamige euroskeptische Organisation ‚Frit Norden’: 22.9.04: www. Fritnorden.dk.

438  Häufig von NTEU in Anlehnung an europaweite Kritik an der EU-Flüchtlings- und Agrarpolitik benutzte Terminologie.

439  Vielleicht kann dieses imaginierte Zentrum noch etwas weiter nach Süden verschoben werden, da europäische Selbstbeschreibungen häufig eine Rückkehr zu den ‚Wurzeln Europas’ - also dem antiken Rom und Griechenland - beschwören.

440  Siehe Said 1978.

441  Zwar besteht eine reale Grenze zu Russland in Nordnorwegen, sie spielt auch in sicherheitspolitischen Diskursen in Norwegen eine Rolle, aber nicht als Grenze und Gegenbild innerhalb des EU-Diskurses. Dies ist nicht überraschend. Denn zum einen wird aus ‚kontinentaleuropäischer’ Sicht die unbedeutende Grenze in Nordnorwegen von dem Bild der großen und wichtigen Grenze im Osten überlagert, und zum anderen sind auch innerhalb der norwegischen EU-Diskurse sicherheitspolitische Diskurse von untergeordneter Bedeutung.

442  Siehe Stadius 2001.

443  Vgl. zur Bedeutung, Inhalt und Grenzziehung dieser Himmelsrichtung Henningsen 2002: 9ff.

444  Dies hängt primär mit der niedrigen Bevölkerungsdichte in der Peripherie zusammen (siehe To join or not to join 1998) und nicht mit der Wesensart der Nordbewohner. Innerhalb der Integrationsdiskurse erzeugt dies aber das Bild des euroskeptischen Nordens (siehe Hille 2003).

445  Fjernstyre und Nærdemokrati sind von NTEU häufig verwandte Begriffe.

446  Esborg 2002, auch Hille 2003.

447  Abgedruckt ist das Gedicht etwa im Buch von NTEU: Hei Verden 2000: 255f.

448  Vgl. Esborg 2002: 255.

449  Siehe Esborg 2002.

450  Siehe Kux/Svasand 2000.



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12.04.2006