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Zusammenfassung

Das Problem-orientierte Lernen (POL) ist eine zentrale Lernform im Reformstudiengang Medizin der Charité Berlin (RSM). Im POL arbeiten die Studierenden im RSM ab dem ersten Semester mit realen, vergleichsweise komplexen Patientenkasuistiken, sog. Papercases. Diese sind in einem offenen Format gestaltet, so dass den Studierenden freigestellt ist, mit welchen Aspekten (z.B. grundlagenwissenschaftliche, klinische, ethische etc.) der Patientenkasuistik sie sich in der Kleingruppenarbeit beschäftigen. Im Rahmen der Gruppenarbeit werden POL-Lernziele definiert, die von den Studierenden im Selbststudium erarbeitet werden sollen. Zur Steuerung des Lernprozesses werden den Studierenden blockweise detaillierte Ausbildungsziele vorgegeben, die den Inhalt von Semesterabschlussprüfungen bilden.
Offen ist bisher, wie sich diese Rahmenstruktur auf die Lernzielgenerierung im POL auswirkt. Die Zusammenhänge zwischen Inhalten aus POL-Lernzielen, Papercases und Ausbildungszielen sind insofern von großer Bedeutung, da die Studierenden angeregt werden sollen, durch die Bearbeitung der Papercases die angestrebten Ausbildungsziele zu erreichen. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Abhängigkeit der POL-Lernzielinhalte von der formalen und inhaltlichen Gestaltung der Papercases, von Anzahl und Inhalten der Ausbildungsziele und deren Varianz zwischen unterschiedlichen Kleingruppen und Untersuchungszeitpunkten.

Inhalte aus POL-Lernzielen, Papercases und Ausbildungszielen werden mit Hilfe einer kategorisierten Inhaltsanalyse nach „psychosozialen Themen“, „Grundlagen“ (außer Papercases) und „klinischen Inhalten“ (mit Unterkategorien „Symptome“, „Krankheitsbilder“, „Diagnostik“ und „Therapie“) geclustert. Exemplarisch ausgewertet werden zwei Themenblöcke aus dem ersten Semester der ersten und zweiten Kohorte des RSM (FHK1999 und FHK2000) sowie ein Themenblock aus dem dritten Semester der ersten Kohorte des RSM (SGH1999). Die Beziehung von Lernzielinhalten (LZI) zu expliziten und impliziten Inhalten der Papercases (PCI) und Ausbildungsziele (AZI) wird jeweils getrennt nach den Kriterien „identisch“, „thematisch assoziiert“ und „nicht über[Seite 190↓]einstimmend“ bestimmt.

Bei der Inhaltsanalyse von 660 POL-Lernzielen ergeben sich 1072 LZI. Diese liegen zu 39,3% im Bereich der „Grundlagen“, zu 8,3% im Bereich „psychosozialer Themen“ und zu 51,8% in den klinischen Bereichen „Krankheitsbilder“ (21,0%), „Diagnostik“ (13,6%), „Symptome“ (8,6%) und „Therapie“ (9,2%).
Beim Vergleich der LZI mit zugehörigen Papercases sind 34,0% der LZI mit zugehörigen PCI identisch, 57,9% der LZI sind thematisch zum Papercase assoziiert, 8,1% der LZI (2,8% der klinischen und psychosozialen sowie 16,4% der grundlagenwissenschaftlichen LZI) sind nicht mit dem jeweiligen Papercase übereinstimmend. Beim Vergleich der POL-Lernziele mit zugehörigen Ausbildungszielen sind 58,9% der LZI mit zugehörigen AZI identisch, weitere 24,1% der LZI sind thematisch zu den Ausbildungszielen assoziiert; 17,3% der LZI sind nicht mit Ausbildungszielen übereinstimmend.
Klinische und psychosoziale LZI sind überwiegend (97,2%) mit Papercases, grundlagenwissenschaftliche LZI überwiegend (90,3%) mit Ausbildungszielen übereinstimmend. Nur ein geringer Anteil der LZI (1,7%) ist weder mit Papercases noch mit Ausbildungszielen übereinstimmend.
Mit zunehmender Länge und Komplexität eines Papercases nimmt der Anteil nicht zum Papercase oder zu den Ausbildungszielen passenden LZI tendenziell zu. Eine Zunahme von Angaben zu Diagnostik, Therapie und Krankheitsbildern im Papercase zeigt keinen Einfluss auf die Anzahl der LZI gleicher Kategorien. Eine Erhöhung der Angaben zu Diagnostik und Krankheitsbildern führt tendenziell zu einer Zunahme von grundlagenwissenschaftlichen LZI. Mit Zunahme der Anzahl von Symptomen und psychosozialen Themen im Papercase kommt es tendenziell zur Häufung dieser Themen in den POL-Lernzielen.
Zwischen den inhaltlich modifizierten Jahrgängen FHK1999 und FHK2000 unterscheiden sich die Inhaltskategorien der LZI und deren Übereinstimmung mit den Papercases nicht signifikant, allerdings zeigen sich signifikante Unterschiede in der Übereinstimmung von POL-Lernzielen mit zum Teil modifizierten Ausbildungszielen. Im Block SGH1999 werden vergleichsweise deutlich weniger Ausbildungszielinhalte (AZI) identifiziert (4,0 vs. 12,5 bzw. 13,0 AZI je Papercase). Der prozentuale Anteil in POL-Lernzielen berücksichtigter AZI (Typ [Seite 191↓]A Match) ist im Block SGH1999 deutlich höher als in den Vergleichsblöcken (87% vs. 40%). Der prozentuale Anteil mit Ausbildungszielen übereinstimmender POL-Lernziele (Typ B Match) ist zwischen den Blöcken weitgehend konstant.
Zwischen einzelnen Kleingruppen zeigen sich große Unterschiede in der Lernzielgenerierung in allen untersuchten Blöcken. Nur sehr wenige Inhalte aus Papercases und Ausbildungszielen finden sich in den LZI aller untersuchten Kleingruppen eines Blockes.
In POL-Sitzungen zu Beginn eines Themenblockes werden tendenziell mehr Grundlageninhalte erarbeitet. Unmittelbar vor einer Semesterabschlussprüfung ist kein Anstieg des Anteils prüfungsrelevanter Themen zu verzeichnen.

POL-Lernziele können durch die kategorisierte Inhaltsanalyse charakterisiert werden und so als Mittel zur Beurteilung des POL-Prozesses eingesetzt werden. Besondere Bedeutung hat im RSM neben der Übereinstimmung mit Ausbildungszielen die Übereinstimmung von POL-Lernzielen mit zugehörigen Papercases. Verschiedene Indices zur Beurteilung von POL-Lernzielen werden vorgestellt. Eine Standardisierung der Inhaltsanalyse durch Vorgabe fester Unterkategorien könnte das Verfahren vereinfachen und somit die Objektivität und Reliabilität erhöhen. Der Vergleich der gefundenen Resultate mit Daten aus der Literatur erscheint plausibel, ist jedoch auf Grund methodischer Differenzen nur eingeschränkt möglich. Zur Prüfung der externen Validität existiert derzeit kein geeignetes Verfahren als Goldstandard. Eine Überprüfung der Methodik der Inhaltsanalyse von POL-Lernzielen mit Hilfe der Erweiterung des Verfahrens auf Prüfungsfragen oder der gezielte Vergleich mit studentischen Evaluationsergebnissen (Triangulation) wird empfohlen.
Die Analyse der POL-Lernziele aus drei ausgewählten Themenblöcken lässt darauf schließen, dass innerhalb des curricularen Kontextes im RSM ein zum hohen Maße durch die Studierenden selbstbestimmter, interdisziplinärer und kontextbezogener Lernprozess stattfindet. Schlussfolgernd aus den vorliegenden Ergebnissen werden Empfehlungen für den RSM abgeleitet.


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30.08.2004