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3  Methodik

3.1 Allgemeine Strategie

Da die vorliegende Arbeit sich vornehmlich mit den Problemen der Informationstechnik beschäftigt, ist es naheliegend, die Methoden aus dem Bereich der Systemanalyse, einem Fachgebiet der Informatik, anzuwenden. Im folgenden wird jedoch auf eine detaillierte Darstellung der grundlegenden Systemanalysemethoden verzichtet. Der Schwerpunkt dieses Kapitels beschränkt sich auf die Darlegung der Anwendung der oben genannten Methoden mit dem Thema Telemedizin/Telecare.

Um ein Konzept für die Einführung und für den Einsatz von Telemedizin/Telecare in einer allgemein-medizinischen Praxis gemäß der im Kapitel 2 beschriebenen Aufgabenstellung zu entwickeln, wird wie folgt vorgegangen:

Zunächst muss der IST-Zustand aufgenommen werden. Primär werden hierbei folgende Aspekte berücksichtigt: a) vorhandene Infrastruktur in den allgemein-medizinischen Praxen, insbesondere die Praxissoftware und die dort eingesetzten Telekommunikationstechniken, b) existierende Konzepte für Telemedizin/Telecare sowie Praxis-Netzwerke, c) konkret im Einsatz befindliche medizinische Front-Ends. Die ethischen, juristischen, wirtschaftlichen und ggf. organisatorischen Aspekte werden nur so weit mit einbezogen, falls sie für die Entwicklung des Konzeptes relevant sind bzw. werden könnten. Andere Aspekte (z. B. Arbeitsschutz, Ausbildung, ..) bleiben unberücksichtigt.

Die oben beschriebenen Informationen sollen nun analysiert werden. Hier sind folgende Problem zu erwarten. Auf der einen Seite ist eine Systemanalyse immer zielgerichtet. D. h. die aufgenommenen Informationen sollen auf eine Vorgabe hin und nicht wahllos analysiert werden. Die Vorgabe existiert in diesem Moment jedoch nicht in einem klaren SOLL-Konzept, sondern nur als Ideensammlung. Auf der anderen Seite kann man kein solides SOLL-Konzept erstellen, wenn die Informationen über den IST-Zustand und die Ergebnisse der Schwachstellenanalyse vorliegen. Der eine Arbeitsschritt setzt den anderen voraus. Um aus diesem Dilemma heraus zu kommen, wird folgende Strategie gewählt.

Zunächst wird ein sogenannter vorläufiger SOLL-Zustand definiert, der die oben genannte Ideensammlung zu einem Grobkonzept zusammenfasst, das zwar nicht endgültig, jedoch als Basis, gewissermaßen als Richtungsvorgabe für die Analyse dienen kann. Der vorläufige SOLL-Zustand wird daher vor einer Systemanalyse durchgeführt.

Die Systemanalyse soll die aufgenommenen Informationen über den IST-Zustand und ggf. dessen mögliche Veränderungen im Hinblick auf eine Realisierung des vorläufigen SOLL-Konzeptes analysieren, um a) die Probleme zu erkennen, die an Hand von Telemedizin bzw. beim Einsatz von Telemedizin gelöst werden können bzw. müssen, b) um die Probleme zu erkennen, die der Implementierung des [Seite 23↓]vorläufigen SOLL- Konzepts für Telemedizin/Telecare hinderlich sein können und c) um nützliche und ergänzende Konzepte und Lösungen zu identifizieren und deren Auswirkungen auf das SOLL-Konzept abzuschätzen.

Das eigentliche Ergebnis, das den endgültigen SOLL-Zustand beschreibt, basiert auf dem vorläufigen Konzept, wobei die möglichen Probleme in Form von Lösungsvorschlägen im Konzept berücksichtigt werden können, welche die Systemanalyse liefert.

Im folgenden werden diese Schritte konkreter mit den verwendeten Materialien erläutert.

3.2 Aufnahme des Ist-Zustandes

Um die Informationen über den IST-Zustand zu sammeln, werden neben der „trockenen“ Literaturrecherche in Bibliotheken und Datenbanken folgende Methoden der Informationssammlung eingesetzt.

3.2.1 Internet

Das Internet stellt neuerdings eine umfangreiche Informationsquelle dar, hat jedoch folgende Probleme: erstens sind die Informationen nicht nach bibliografischen Richtlinien klassifiziert und katalogisiert; zweitens existiert keine Qualitätssicherung für Internet-Informationen. Jeder kann sie ins Internet stellen. Dies macht eine richtige Interpretation und Analyse der Internet-Informationen schwierig; drittens kann sich die Quelle so schnell ändern, dass eine Überprüfung der Zitate oft nach kurzer Zeit nicht mehr möglich ist.

Nichtsdestotrotz kann eine Arbeit auf einem der am schnellsten wachsenden technologischen Gebiete ohne das Internet als Informationsquelle nicht mehr verzichten.

Um die oben genannten Nachteile des Internet größtmöglich auszugleichen, werden folgende Maßnahmen bei der Sammlung, Analyse und bei dem zitieren vorgenommen.

Eine interessant erscheinende Internet-Seite wird über einen längeren Zeitraum beobachtet. Hierbei wird geprüft, ob die dort angebotenen Informationen glaubhaft erscheinen. Hierzu werden die darin zitierten Quellen ebenfalls geprüft. Erst nach einem Zeitraum von mindestens 6 Monaten wird eine Seite als gewöhnliche Quelle verwendet.

Die Angabe der Internet-Seiten wird mit dem Datum angegeben, an dem die Seite ausgewertet wurde.

Bevor die Arbeit abgeschlossen wird, werden alle verwendeten Seiten nochmals besucht und die neuesten Informationen kurz ausgewertet.

3.2.2 Interviews

Um zeitnahe und authentische Informationen zu erhalten, werden formlose Interviews mit Entwicklern und Betreibern von Telemedizin-/Telecare-Lösungen [Seite 24↓]durchgeführt, die lokal angesiedelt sind. Zwei der wichtigsten Gesprächespartner sind die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Charité, Prof. Bollmann, und das Institut für Pathologie der Charité, Prof. Dietel.

In der Frauenklinik wird die Tele-Sonographie eingesetzt, um pränatale diagnostische Untersuchungen von niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzten für Frauenheilkunde und Geburtshilfe fern zu beraten. Bei den Gesprächen mit der Frauenklinik geht es um das Nutzungsverhalten und den Lernfortschritt der Teilnehmer. Hier wurde der Schwerpunkt der Gespräche auf die Online-Tele-Sonographie gelegt.

Die Frauenklinik ist ferner Gesprächspartner für die Diskussion über technische und technologische Entwicklungen, da in der Klinik der Großteil des Telepathologiesystems TPS1 entwickelt wurde [57].

Das Institut für Pathologie der Charité betreibt zwei Tele - Pathologiesysteme. Das erste ist das TPS1, das überwiegend Online arbeitet. Das zweite ist das TPCC [58], das nur offline genutzt werden kann. Das Institut ist daher ein geeigneter Gesprächspartner für den Vergleich von Online- und Offline-Arbeitsweisen in der Telemedizin.

3.2.3 Beobachtung in der eigenen Praxis

Die wichtigsten Informationen wurden aus den eigenen Beobachtungen in der eigenen allgemein - medizinischen Praxis gesammelt. Die Beobachtung dauerte etwa drei Jahre. Hier wurden die Untersuchungen und Behandlungen ausgewertet, um die Verteilung der Arbeitszeiten in verschiedenen Arbeitschritten grob abzuschätzen, sowie den möglichen Einsatz von Telemedizin/Telecare in einer solchen Praxis zu untersuchen.

3.3 Der vorläufige SOLL-Zustand

Der vorläufige IST-Zustand wird durch eine fiktive Praxis beschrieben, in dem sowohl die Telemedizin- als auch die Telecare-Techniken unter optimalen technischen, arbeitsteiligen, organisatorischen und abrechnungstechnischen Bedingungen eingesetzt werden.

Diese fiktive Praxis unter optimalen Bedingungen soll als Basis für die Systemanalyse und den SOLL-IST-Vergleich dienen.

3.4 Analyse des IST-Zustandes

Wie oben erwähnt, wird die Analyse des IST-Zustandes mit dem Ziel durchgeführt:

  1. die Probleme zu erkennen, die an Hand von Telemedizin bzw. beim Einsatz von Telemedizin gelöst werden können bzw. müssen.
  2. die Probleme zu erkennen, die der Implementierung des vorläufigen SOLL-Konzeptes für Telemedizin/Telecare hinderlich sein können und
  3. nützliche und ergänzende Konzepte und Lösungen zu identifizieren und deren Auswirkungen auf das SOLL-Konzept abzuschätzen.


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Bei den Problemen unter a) handelt es sich um die Frage, was kann Telemedizin zur medizinischen Versorgung beitragen. Hierbei wird der Fokus auf qualitative, wirtschaftliche und zeitliche Aspekte gesetzt. Es wird nicht nur untersucht, welche qualitativen Verbesserungen vorhandener Maßnahmen erzielt werden können, sondern auch welche Möglichkeiten, die sich erst mit der Einführung von Telemedizin und Telecare ergeben würden. Beispielsweise durch den Einsatz eines multimedia-tauglichen und leistungsstarken Kombi-Gerätes, bestehend aus UMTS-Mobiltelefon, PDA (Personal Digital Assistant) und einem mobilen CTG-Gerät lassen sich Patientinnen ständig von der Praxis bzw. Klinik aus beobachten. Im Falle, dass die CTG einen kritischen Verlauf nimmt, kann die behandelnde Ärztin/der behandelnde Arzt alarmiert werden. Diese Möglichkeit erlaubt Patientinnen, auch weite Reisen zu unternehmen, falls die behandelnde Ärztin/der behandelnde Arzt mit einer Klinik vernetzt ist, die sich in der Nähe der Patientin befindet und im Besitz eines Behandlungsvertrags ist.

Punkt b) behandelt Probleme, die sich erst bei der Einführung dieser neuen Technologien ergeben, wie z.B. die Gestaltung des Behandlungsvertrags und der Haftung im Falle eines Misserfolges durch die Telemedizin. Heute schließt der behandelnde Arzt einen Behandlungsvertrag mit dem Patienten ab. Mit der Einführung von Telemedizin delegiert der behandelnde Arzt die Diagnose und ggf. die Therapie an eine dritte Partei. Muss hier der Patient zustimmen? und falls ja, muss ein schriftlicher Vertrag aufgesetzt werden?

Die heute erst in der Konzeptionsphase befindlichen Entwicklungen wie GPRS, UMTS oder die geplante Einführung der SMART-Card durch die EU können eine enorme Änderung, Verbesserung und ggf. Revolution im Gesundheitswesen darstellen, falls sie flächendeckend und sinnvoll eingesetzt werden. Bei der Analyse kommt es daher darauf an, eine realistische Einschätzung der Entwicklung dieser Technologie sowie anderer Entwicklungen zu erreichen, um ein zukunftsgerichtetes jedoch nicht utopisches Konzept zu bekommen.

3.5 Vorschlag für einen SOLL-Zustand

Der vorläufige SOLL-Zustand lässt sich an Hand der konkreten Ergebnisse der Analyse so weit modifizieren, dass ein brauchbares Konzept entsteht, bei dem die erkannten Probleme gelöst werden können. Der SOLL-Zustand umfasst folgende Teilkonzepte:

Die Entwurfsphilosophie erläutert, wie bestimmte Entscheidungen während des Entwurfsprozesses zustande gekommen sind. Sie bestimmt gewissermaßen den roten Faden des Entwurfes. Die Annahmen geben an, unter welchen Voraussetzungen sich das Konzept realisieren lässt. Die Systemarchitektur legt die [Seite 26↓]Eckpunkte des Konzeptes fest, so dass alle weiteren Punkte in einem geordneten Rahmen ausgearbeitet und konkretisiert werden können.


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17.12.2004