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Themeneinführung und Aufbau der Arbeit

Beim Gipfel des Europäischen Rates in Lissabon im März 2000 steckte sich die Europäische Union ein neues strategisches Ziel für die zukünftige Entwicklung des Gemeinschaftsraums. Bis zum Jahr 2010 solle Europa „die wettbewerbsfähigste und dynamischste wissensbasierte Wirtschaft der Welt“ werden. Damit trugen die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten einer sozioökonomischen Entwicklung Rechnung, die sich bereits seit einigen Jahrzehnten in den meisten Industriestaaten abgezeichnet hatte: der Übergang von der Industriegesellschaft zur postindustriellen Wissensgesellschaft.

Als Erklärungsvariable für die Wirtschaftsentwicklung europäischer Regionen haben im Zusammenhang mit dem Begriff der Wissensgesellschaft auch auf politischer Ebene Qualifikation und Wissen als Produktionsfaktoren an Bedeutung gewonnen. In der postindustriellen Gesellschaft sei nicht – wie noch zu Zeiten der Industriegesellschaft - die Quantität vorhandener Arbeitskräfte, sondern vielmehr deren Qualifikation der entscheidende Faktor der Regionalentwicklung. „Wettbewerbsfähigkeit hängt […] in wachsendem Maße auch von Humankapital bzw. dem Qualifikationsniveau der Erwerbsbevölkerung“1 ab, wie die Europäische Kommission in ihrem sechsten Bericht über die sozioökonomische Lage und Entwicklung der Regionen feststellt. Die Produktionsstätten der Wissensgesellschaften seien folglich nicht mehr Industriezentren sondern Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Technologieparks. „Wissen“ und „Qualifikation“ heißen die Humanressourcen, welche in den Regionen den Pendelschlag zwischen Wachstum und Stagnation beeinflussen sollen.

Wie alle Transitionsphasen eröffnet auch der angenommene Übergang in die Wissensgesellschaft erweiterte Denkhorizonte in Richtung einer Destabilisierung bestehender räumlicher Ordnungen. Für die wirtschaftsperipheren Gebiete Europas ergeben sich neue Möglichkeiten, aus historisch gewachsenen Zentrum-Peripherie-Strukturen auszubrechen und sich im Europa der Regionen neu zu positionieren. Insbesondere agrarisch geprägte, periphere Regionen könnten dabei im Transformationsprozess zur Wissensgesellschaft Startvorteile besitzen, insbesondere dann, wenn sie nicht unter den Altlasten des Industriezeitalters zu leiden haben. Aufgrund der wachsenden Bedeutung qualifizierter Arbeitskräfte sowie angesichts sektoral bereits verkündeter „Qualifikationsengpässe“2 in der Europäischen Union gibt es schon heute einen steigenden Wettbewerb um die besten Köpfe, der sich in der Zukunft noch verstärken könnte. Folgt man der Annahme, dass in der Wissensgesellschaft und der wissensbasierten Ökonomie das Qualifikationsniveau der [Seite 2↓]Erwerbsbevölkerung über die Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und deren zukünftige Entwicklung entscheidet, so rücken Akademiker und insbesondere junge Hochschulabsolventen ins Zentrum der Regionalforschung.

Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Arbeit die Erwerbssituation und die regionale Mobilität von Akademikern im italienischen Mezzogiorno untersucht. Denn gerade in den strukturschwachen, wirtschaftsperipheren Regionen stellt sich für die zukünftige Entwicklung die Frage, inwieweit die heranwachsende Bevölkerung für die Teilnahme an der Wissensgesellschaft ausgebildet und daran anschließend in den regionalwirtschaftlichen Produktionsprozess integriert wird. Gelingt dies nicht, drohen gerade qualifizierte junge Menschen, periphere Regionen zu verlassen, wodurch Letztere nicht nur ihre endogenen Potentiale, sondern gleichzeitig ihre Attraktivität als Investitionsstandorte wissensbasierter Unternehmen verlieren würden.

Die Gefahr der Abwanderung der „besten“ Köpfe ist für die peripheren Gebiete Europas durchaus real, wie Martin und Tylor (2000) bei ihrer Untersuchung zur Beschäftigungsentwicklung in den europäischen Regionen gezeigt haben:

„The slow growing regions also suffer from sustained outward migration of their youngest and often most able people which tends to perpetuate their underlying problems“ (Martin/Tylor 2000: 615).

Insbesondere die Regionen des italienischen Mezzogiorno sind von dieser Form negativer Entwicklungsdynamik bedroht. Paradigmatisch spricht der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Straubhaar sogar von einem „Mezzogiorno effect“:

„Less developed regions have a lack of skilled people, who allow higher capital profitability to be achieved. This means that capital stays away. Therefore average productivity is low. This provides a bigger incentive for the highly skilled to leave, and the 'Brain drain' is intensified. Thus, a 'vicious circle' develops: Southern Italy provides a vivid example of this (i.e. the so called 'Mezzogiorno' effect)” (Straubhaar 2000: 16).

Eine Untersuchung der Nutzung der Humanressourcen im Mezzogiorno unter besonderer Berücksichtigung der Erwerbssituation junger Hochschulabsolventen und deren räumlicher Mobilität erweist sich unter verschiedenen Gesichtspunkten als relevant. Denn vor dem Hintergrund der lauter werdenden politischen Debatten um die internationale Migration von Hochqualifizierten ist deren interregionale Ausprägung bislang vernachlässigt worden. Zudem ist in diesem Forschungsfeld eine Konzentration auf die Zielgebiete dieser Migration und weniger auf deren Quellgebiete zu beobachten. Dabei sind innerhalb der Europäischen Union weniger ganze Staaten von der Abwanderung von Hochqualifizierten bedroht, als vielmehr periphere Regionen innerhalb einzelner Nationalstaaten.

Zudem stellt die Europäische Kommission in ihrem Zweiten Kohäsionsbericht von 2001 zwar einerseits mit Zufriedenheit eine Konvergenz der Wirtschaftsentwicklung der Mitgliedsstaaten in den 1990er Jahren fest (Kommission der europäischen Gemeinschaften 2001). Andererseits weist sie fast zeitgleich in ihrem Raumordnungsbericht auf die bedenkliche Zunahme der regionalen Disparitäten zwischen den wirtschaftsstarken Zentren und den wirtschaftsschwächeren Peripherien innerhalb einzelner Mitgliedsstaaten hin (vgl. Europäische Kommission 1999). In [Seite 3↓]diesem Zusammenhang verweist auch die Kommission auf die besondere Bedeutung des Humankapitals:

„Für die Annäherung der Regionen an den EU-Durchschnitt des Pro-Kopf-BIP ist von entscheidender Bedeutung, dass die Disparitäten hinsichtlich der Humankapitalausstattung (d.h. hinsichtlich der Qualifikation der Erwerbsbevölkerung) beseitigt oder zumindest beträchtlich reduziert werden“ (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2001: 10).

Trotz der auf politischer Ebene erkannten Bedeutung qualifizierter Arbeitskräfte für die Entwicklung peripherer Regionen gibt es hierzu bislang kaum empirische Untersuchungen. Die Ansätze der Wirtschaftswissenschaften bewegen sich auf der Untersuchungsebene der Nationalstaaten und versuchen, die Mobilität von Hochschulabsolventen bzw. Highly skilled migrants mit Hilfe von makroanalytischen Methoden zu erklären, oder sie unterstreichen die Bedeutung einzelner großer Unternehmen für die Migrationsprozesse. Tatsächliche Erklärungen oder Modelle, warum in bestimmten bestimmte Regionen eine stärkere Hochschulabsolventenmobilität aufweisen als andere, bzw. warum in bestimmten Regionen ein höheres Ausbildungsniveau der Bevölkerung nicht zum erhofften und von Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern angenommen Wirtschaftswachstum führt, vermögen diese Ansätze jedoch nicht zu liefern.

Die Sozialgeographie, und dabei in besonderem Maße die von Geipel begründete und heute v.a. von Meusburger vertretene „Geographie des Bildungs- und Qualifikationswesens“, beschäftigt sich traditionell mit selektiver Mobilität von Höherqualifizierten im allgemeinen und sozialer Erosion oder Brain drain im besonderen. Hierbei spielt der „mismatch“ zwischen regionalem Ausbildungsniveau und regionalen Arbeitsmarktstrukturen eine zunehmend wichtige Rolle (vgl. auch Fassmann/Meusburger 1997; Rolfes 1996). Für die Integration mikro- und makrotheoretischer Ansätze, wie sie von anderen Disziplinen erarbeitet wurden, bietet die Bildungsgeographie einen geeigneten Rahmen. Mobilitätsentscheidungen von Individuen werden auf der Basis von Informationen über die Prozesse auf der Meso- und Makroebene getroffen, die ihrerseits stark von den Informationskanälen beeinflusst werden. Gleichzeitig verändert das handelnde Individuum die Verhältnisse vor Ort, so dass sich Makro- und Mikroebene wechselseitig bedingen und beeinflussen, wie Rolfes in seiner Dissertation über Akademikermobilität und deren Arbeitsmarkt dargelegt hat (Rolfes 1996: 39).

Diese durch neue Migrationen veränderten lokalen sozialgeographischen Verhältnisse in der Herkunfts- und Zielregion, von King (1993b) und White (1993) als „Geography of departure“ und „Geography of arrival“ bezeichnet, haben bislang nur wenig Interesse in der geographischen Forschung gefunden. Zwar mehrten sich in den vergangenen Jahren die Studien zu den räumlichen Auswirkungen dieser neuen Wanderungen an den Zielorten (vgl. die Arbeiten von White (1988; 1989; 1993), Freund (1997; 1998) und Glebe (1997), die Betrachtung der Herkunftsgebiete blieb jedoch weitgehend ausgeblendet. Lediglich die von Shuttleworth (King/Shuttleworth 1995; Shuttleworth 1991; 1993; Shuttleworth/Shirlow 1997) durchgeführten Studien [Seite 4↓]über die Abwanderung von Hochschulabsolventen aus Irland und die dadurch verursachten Veränderungen auf dem westirischen Arbeitsmarkt sowie die Dissertation von Schmidt (1998) über regionale Mobilität von Hochqualifizierten aus Vorarlberg befassen sich mit den Auswirkungen auf sowie den Prozessen in peripheren Regionen mit Abwanderung von „highly skilled“.

Irland war in den 1990er Jahren in starkem Maße von einem mismatch-Problem der Arbeitsmarktstrukturen gekennzeichnet: Einer hohen „Produktion“ von Hochschulabsolventen stand eine geringe Nachfrage qualifizierter Arbeitskräfte auf dem regionalen Arbeitsmarkt gegenüber. Shuttleworth konnte in Irland feststellen, dass eine unternehmensinterne grenzüberschreitende Arbeitskräftewanderung, wie sie für die Skilled migration zwischen den Zentren kennzeichnend sind, für das dortige Migrationsgeschehen eine untergeordnete Rolle spielt. Dennoch bezeichnete er auch irische Absolventen als „transients“, da sie häufig nach zeitlich begrenzten Aufenthalten oder zwischen zwei Auslandsaufenthalten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Die Befürchtungen eines durch einen europäischen Arbeitsmarkt beschleunigten Brain drain teilt der Autor nicht. Vielmehr ordnet er diese Art der neuen Migration in die lange irische Emigrationstradition ein, die er als „part of the collective psyche of Ireland“ und „collective inevitability“ (Shuttleworth 1993, 324) charakterisiert.

Untersuchungen, wie sie von Shuttleworth in Irland durchgeführt wurden, lassen sich im italienischen Kontext bislang nicht finden. Da innerhalb der italienischen Geographie noch keine Bildungsgeographie betrieben wird und auch Fragen regionaler Arbeitsmärkte nicht Teil der Disziplintradition sind, gibt es trotz einer ausgezeichneten Datenbasis aus den Volkszählungen kaum Arbeiten, die sich mit der räumlichen Konzentration und Mobilität von Hochschulabsolventen befassen. Innerhalb der italienischen Geographie hat sich bislang lediglich Montanari (1993) mit der Frage des Brain drain bzw. der skilled migration in Italien auseinandergesetzt. Seine quantitativen Analysen bleiben jedoch auf der makroanalytischen Untersuchungsebene und vernachlässigen regionale Disparitäten und Faktoren. Ansonsten werden Fragestellungen zur Situation von Hochschulabsolventen in Italien in erster Linie vom Statistischen Zentralamt (ISTAT) bzw. dessen regionalen Abteilungen durchgeführt. Die Ergebnisse werden dann im Anschluss an die Untersuchung publiziert und auf einer nationalen Ebene ausgewertet. Regionale Disparitäten der Eingliederung von Hochschulabsolventen in den Arbeitsmarkt werden allenfalls anhand der „klassischen“ Dreigliederung Italiens (Norden-Mitte-Süden) vorgenommen. Trotz umfangreichen Datenmaterials können diese Daten und Analysen lediglich als Basis einer geographisch orientierten regionalen Wirkungsanalyse fungieren.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich aus einer geographischen Perspektive mit der Hochschulexpansion, der Erwerbssituation und der räumlichen Mobilität von Akademikern und insbesondere von jungen Hochschulabsolventen in den italienischen Regionen.

Zunächst wird im ersten Kapitel der theoretische Hintergrund der Entwicklungspotentiale wirtschaftsperipherer Regionen in einer europäischen [Seite 5↓]Wissensgesellschaft erarbeitet. Nach einem kurzen Einführung zum Begriff der Wissensgesellschaft und dessen Verwendung in aktuellen politischen Debatten wird in Anlehnung an die Arbeiten von Gernot Böhme und Nico Stehr ein Verständnis von Wissensgesellschaft entwickelt, welches inkorporiertes Wissen als Ausbildungs- und Qualifikationsniveau der Bevölkerung in den Vordergrund rückt. Aufgrund des in diesen Arbeiten beschriebenen Eindringens akademischen Wissens in alle Lebensbereiche richtet sich der Fokus der vorliegenden empirischen Arbeit auf die Gruppe der Akademiker.

Die Operationalisierung für eine regional orientierte Untersuchung des Übergangs in die Wissensgesellschaft erfolgt anhand der drei Konzepte „Brain production“, „Brain application“ und „Brain mobility“, deren theoretische Forschungshintergründe aus unterschiedlichen Disziplinen knapp aufgearbeitet werden. „Brain production“ erfasst in einer ökonomischen Perspektive das steigende Ausbildungsniveau der Bevölkerung, „Brain application“ die Umsetzung des erworbenen Wissens durch eine qualifikationsadäquate Erwerbsbeschäftigung und „Brain mobility“ die räumliche Mobilität von Akademikern. Mit der Zusammenführung dieser drei Aspekte wird der Versuch unternommen, den Übergang der italienischen Regionen in die Wissensgesellschaft operationalisierbar und damit auch quantitativ erfassbar zu machen.

Als Hintergrund der anschließenden Analysen der spezifischen Erwerbsituation und der regionalen Mobilität von Akademikern in Italien wird zunächst die Entwicklung der regionalen Disparitäten in Italien in den 1990er Jahren geschildert (Kapitel 1.3). Hierbei werden die Disparitäten des italienischen Arbeitsmarktes sowie das Wanderungsgeschehen in Italien knapp dargestellt und die aktuelle Diskussion um die „Fuga di cervelli“ (wörtl. Flucht der Gehirne) zusammengefasst.

Im methodischen Kapitel 1.4 werden die angewendeten Untersuchungsmethoden beschrieben und das breite Spektrum der verwendeten Datenquellen für den empirischen Teil der Untersuchung in Hinblick auf ihre Stärken und Schwächen kritisch evaluiert.

Die Darstellung der empirischen Untersuchungsergebnisse erfolgt in zwei Schritten, die sich sowohl von der Maßstabsebene der Betrachtung als auch theoretisch und methodisch voneinander unterscheiden. Die Vorgehensweise orientiert sich am sogenannten Trichterprinzip, welches von der Makroperspektive der Staaten und Regionen zur Mikroperspektive einzelner Individuen voranschreitet.

Der erste empirische Teil (Kapitel 2) beinhaltet eine makroperspektivische Untersuchung der Hochschulexpansion sowie der Erwerbssituation und der räumlichen Mobilität von Akademikern in Italien in ihren regionalen Disparitäten. In diesem Kapitel wird das akademische Wissen im Sinne wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen als Humankapital verstanden und sukzessive dessen „Produktion“, „Umsetzung“ und „räumliche Mobilität“ untersucht. Nach einer knappen Einordnung der italienischen Situation in den europäischen Vergleichskontext werden für alle drei Prozesse die Entwicklungen der regionalen Disparitäten in den 1990er Jahren analysiert. Da dem Autor trotz ausgezeichneter Datenlage in den italienischen Statistiken keine [Seite 6↓]vergleichbaren Arbeiten zur Bildungsexpansion, zur Erwerbssituation und zur räumlichen Mobilität italienischer Akademiker bekannt sind, erfolgt eine ausführliche Darstellung dieser Entwicklungen.

Unterkapitel 2.1 beschäftigt sich mit dem Prozess der Produktion von Humankapital (Brain production), welcher sich anhand des Akademikeranteils an der Bevölkerung in den drei italienischen Landesteilen vergleichen lässt. Dabei steht die Frage im Vordergrund, inwieweit die Bildungsexpansion im italienischen Mezzogiorno zum erhofften Anstieg des Akademikeranteils in der Region geführt hat. Welche räumlichen Muster des Akademikeranteils an der Bevölkerung lassen sich erkennen und wie haben sich diese in den 1990er Jahren entwickelt?

In Kapitel 2.2 steht die Nutzung bzw. Inwertsetzung des aufgebauten Humankapitals (Brain application/Brain waste) im Vordergrund. Hierbei wird untersucht, wie sich der Akademikerarbeitsmarkt in den 1990er Jahren in den drei italienischen Landesteilen entwickelt hat. Spiegeln sich die regionalen Disparitäten auf dem italienischen Arbeitsmarkt auch im Segment des Akademikerarbeitsmarktes wider? Welche Erwerbssituation finden junge Hochschulabsolventen in den jeweiligen Regionen vor? Ist der Arbeitsmarkt des Mezzogiorno in der Lage, die wachsende Zahl von Hochschulabsolventen aufzunehmen? Welche Unterschiede ergeben sich zwischen den Fachbereichen?

Das dritte Unterkapitel (2.3) beschäftigt sich mit der räumlichen Mobilität von Akademikern in Italien (Brain mobility). Hier wird der Frage nachgegangen, welchen regionalen Mustern die statistisch erfassbare Akademikermobilität folgt. Welche Regionen verlieren durch Mobilität Teile ihrer endogenen Ressourcen und welche profitieren von dieser Mobilität. Ist eine Selektivität der Abwanderung nach qualitativen Merkmalen wie Fachbereich oder Notendurchschnitt zu beobachten?

In Kapitel 2.4 wird der Versuch unternommen, die Ausnutzung des endogenen Ressourcenpotentials in den einzelnen Regionen zu bilanzieren. Dazu werden die drei Aspekte der Produktion, der Inwertsetzung und der räumlichen Mobilität von jungen Akademikern zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht die Frage: Inwieweit kommen die endogenen Ressourcen der Wissensgesellschaft tatsächlich der eigenen Region zugute bzw. in welchen Regionen konzentrieren sich die Absolventen bestimmter Fachbereiche?. Anhand dieser Ergebnisse erfolgt eine erste Bewertung der festgestellten Übergangs des italienischen Mezzogiorno in die Wissensgesellschaft.

Der zweite empirische Teil der Arbeit (Kapitel 3) befasst sich mit der Unternutzung vorhandener Humanressourcen am Beispiel der Region Sizilien. In einer hermeneutischen Perspektive wird in diesem Kapitel der Prozess des Übergangs junger sizilianischer Hochschulabsolventen vom Studium in das Erwerbsleben genauer untersucht. Während Kapitel 2 der deskriptiven quantitativen Analyse regional aggregierter Daten verhaftet bleibt, stützen sich die Aussagen von Kapitel 3 neben Auswertungen der Individualdaten einer Hochschulabsolventenbefragung des Jahres 1998 auf Expertengespräche und narrative Interviews mit ausgewählten Betroffenen. Ziel dieses Kapitels ist es, mit Hilfe narrativer Rekonstruktionen der [Seite 7↓]Handlungsrationalitäten sizilianischer Hochschulabsolventen den Übergang vom Studium in das Erwerbsleben und die damit in Zusammenhang stehende Entscheidung für oder gegen eine Abwanderung aus Sicht der Betroffenen zu verstehen und zu einer kulturadäquaten Bewertung zu gelangen.

Unterkapitel 3.1 beschreibt die regionalspezifischen Bedingungen der jüngeren sizilianischen Bildungsexpansion in ihren institutionellen und räumlichen Dimensionen, wobei die intraregionalen Disparitäten dieses „Akademisierungsprozesses“ im Vordergrund stehen. In Analogie zum vorherigen Kapitel 2 werden in diesem Abschnitt die Spezifika des Akademikerarbeitsmarktes in Sizilien herausgearbeitet.

Das folgende Kapitel 3.2 beschäftigt sich mit den Erwerbsrealitäten junger sizilianischer Hochschulabsolventen, die sich hinter den makrostatistischen Standardindikatoren wie Arbeitslosenquote oder Erwerbstätigenquote verbergen. Mit Hilfe von Individualdaten und den Ergebnissen qualitativer Interviews wird hier gezeigt, dass die dichotome Unterscheidung zwischen arbeitslos und erwerbstätig die komplexen Tätigkeitsnetze junger sizilianischer Hochschulabsolventen insbesondere im ländlichen Sizilien nur unzureichend abbildet, so dass in der Folge Arbeitslosenquoten weder Rückschlüsse auf die Beschäftigungssituation noch auf das erwartete Mobilitätsverhalten zulassen.

In Abschnitt 3.3 wird auf der Basis von Expertengesprächen und Interviews mit Betroffenen untersucht, inwieweit die spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen die Erwerbsaktivitäten und das Mobilitätsverhalten junger Hochschulabsolventen beeinflussen.

Darüber hinaus vermitteln die geführten biographischen Interviews Einblicke in das Spektrum der unterschiedlichen Rationalitäten des Erwerbs- und Mobilitätsverhaltens der Interviewpartner (Kapitel 3.4). Hierbei steht die Frage im Vordergrund, welche Handlungsrationalitäten der verbreiteten Kombination von Arbeitslosigkeit und Sesshaftigkeit zugrunde liegen.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl.Kommission der europäischen Gemeinschaften 2000: 121.

2 Vgl.Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2001: 14.



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17.02.2005