[Seite 8↓]

1  Regionalentwicklung wirtschaftsperipherer Regionen in der europäischen Wissensgesellschaft

„What Knowledge? It isn't knowledge as a product or commodity that we need; nor is it a matter of remedying the situation by having bigger libraries, a greater number of terminals, computers and so forth, but a qualitatively different knowledge based on understanding rather than on authority, uncritical repetition, mechanical reproduction. It is not facts, but how facts are connected to other facts, how they are constructed, whether they relate to hypothesis or theory, how one is to judge the relationship between truth and interest, how to understand reality as history. These are only some of the critical issues we face, which can be summed up in the phrase/question, how to think?”

(Edward Said (1935-2003), zit. nach UNDP 2003: 35)

Die wachsende Bedeutung, die dem ‚Wissen’ in sogenannten postindustriellen Gesellschaften zugeschrieben wird, hat im Begriff der Wissensgesellschaft einen Ausdruck gefunden, der in politischen Diskursen immer häufiger in Erscheinung tritt. Für viele internationale Organisationen ist diese sogar zu einem Leitbild der zukünftigen Gesellschaftsentwicklung geworden. Die Vorstellung der Wissensgesellschaft beruht auf der Annahme, dass Wissen zu einer ökonomischen Ressource geworden ist, deren Vermehrung zu einem verstärkten Wirtschaftswachstum beiträgt. Die Entwicklung von Regionen hängt folglich in starkem Maße vom Bildungsniveau der Bevölkerung ab, so dass umgekehrt eine Bildungsexpansion im Hochschulbereich zu einem verstärkten wirtschaftlichen Wachstum führt.

Wenngleich der angenommene Zusammenhang zwischen einem höheren Bildungsniveau der Bevölkerung und einer positiven regionalen Entwicklung nahezu unumstritten ist, wissen Ökonomen wenig über das ‚Wie?’ dieses angenommenen Mechanismus. Empirische Untersuchungen aus dem Bereich der Bildungsökonomie kamen zu dem Ergebnis, dass Bildungsexpansion und Wirtschaftswachstum nicht zwangsläufig kausal miteinander verbunden sind. Beispielsweise konnte gerade in Italien die positive Auswirkung einer wachsenden Zahl von Akademikern auf die wirtschaftliche Entwicklung statistisch nicht nachgewiesen werden. Warum dieser Zusammenhang in einzelnen Ländern ausbleibt, lässt sich jedoch mit ökonometrischen Methoden nicht herausfinden (vgl. Meulemeester/Rochat 1995).

Für eine Erklärung des Zusammenhangs zwischen Ausbildung und Wirtschaftsentwicklung bieten die Überlegungen zur Wissensgesellschaft des Philosophen Gernot Böhme und des Sozialwissenschaftlers Nico Stehr ein geeignetes theoretisches Fundament. Die Autoren versuchen theoretisch zu erklären, warum es in den zurückliegenden Jahrzehnten eine gesteigerte Nachfrage nach wissenschaftlich ausgebildeten Experten gegeben hat. Dies gilt nicht nur für Vertreter der technischen Wissenschaften und der Naturwissenschaften, sondern auch für die eher theorieorientierten Wirtschafts-, Sozial-, und Geisteswissenschaften. Im Unterschied zur Humankapitaltheorie betonen Böhme und Stehr die kulturelle Bedingtheit [Seite 9↓]wissenschaftlichen Wissens. Damit ordnen sie sich in ein poststrukturalistisches Wissensverständnis ein, welches den sozial und kulturell konstruierten Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis betont. Folglich ist auch der Gebrauchswert wissenschaftlichen Wissens nicht universell, sondern zunächst an die soziokulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen seines Entstehungsortes gebunden.

In der Konsequenz bekommt das wissenschaftliche Wissen eine kulturräumliche Dimension, die für das Verständnis des Übergangs von peripheren Regionen in die Wissensgesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Denn die Teilnahme der Peripherien an der Wissensgesellschaft, deren Kriterien in den Zentren definiert werden, wird in entscheidendem Maße vom Ausbildungsniveau der Bevölkerung abhängen. Erst wenn eine kritische Masse akademisch ausgebildeter Experten aller Fachbereiche vor Ort tätig ist, kann die Region am wirtschaftlichen Produktionsprozess der internationalen Wissensgesellschaft teilnehmen.

Die Aufmerksamkeit dieser Studie richtet sich folglich auf die akademische Bevölkerung in den Untersuchungsregionen. Akademiker und vor allem junge Akademiker werden zur zentralen Ressource der Regionalökonomien der Wissensgesellschaft, deren Produktion, Nutzung und Distribution es zu untersuchen gilt. Es geht also um die Frage, ob die Bildungsexpansion zu einer Angleichung des Akademikeranteils der Bevölkerung in den peripheren Gebieten an denjenigen des Zentrums geführt hat. Werden die ausgebildeten Akademiker mittels ausbildungsadäquater Erwerbstätigkeit in den regionalen Produktionsprozess integriert? In welchem Ausmaß kommt ihr Wissen den Regionen des Zentrums zugute, weil sie dorthin abwandern?

Hinter den drei Begriffen der Produktion, Nutzung und Distribution von Wissen verbergen sich drei Prozesse, die in anderen Forschungskontexten als Bildungsexpansion, akademischer Arbeitsmarkt und Brain drain bzw. Akademikerabwanderung bezeichnet werden. Um den Zusammenhang dieser drei Prozesse für die empirische Arbeit zu operationalisieren, wurde hier die inzwischen auch im deutschen Sprachgebrauch verbreitete Terminologie gewählt, die sich sukzessive um den Kernbegriff des Brain drain entwickelt hat. In Analogie zu Brain drain wurden auch in der deutschen Wissenschaftssprache weitere Begriffe wie Brain gain, Brain exchange, Brain waste oder Brain overflow geprägt. Unter dem Dach dieser „Brain“-Begrifflichkeiten werden im zweiten Teil dieses Kapitels drei unterschiedliche Prozesse zusammengeführt, die bislang in den Nachbarwissenschaften isoliert betrachtet wurden, etwa in der Bildungsökonomie, in der Bildungssoziologie, in den Wirtschaftswissenschaften, in der Bildungsgeographie, in der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie im interdisziplinären Forschungsfeld der Wanderung von Hochqualifizierten. Hierbei handelt es sich um den Aufbau, die Nutzung und die Mobilität von Humankapital.


[Seite 10↓]

1.1  Der gesellschaftspolitische Rahmen der Wissensgesellschaft

Die Jahrtausendwende ist von vielen internationalen Organisationen zum Anlass genommen worden, die Weichen für den Übergang zur Wissensgesellschaft in den kommenden Jahrzehnten zu stellen. Die Europäische Union legte auf dem Gipfel des Europäischen Rates im März 2000 in Lissabon als strategisches Ziel für das kommende Jahrzehnt fest, die Union bis zum Jahr 2010

„zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen – einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen“3.

Die Europäische Union ist jedoch nicht die einzige Organisation, welche die Wissensgesellschaft als politisches Leitbild für die zukünftige Entwicklung festgeschrieben hat. Vielmehr findet sich der Begriff in den programmatischen Schriften vieler internationaler Organisationen wieder.

Die OECD stellt im Kommuniqué des Treffens der OECD-Bildungsminister am 3. und 4. April 2000 in Paris mit dem Thema: „Investing in Competencies for All“ die Themen Wissensgesellschaft und wissensbasierte Ökonomie in den Vordergrund. Für den Rahmenplan der Periode 2002-2006 wird die „Knowledge society“ als strategisches Ziel definiert.4

Die UNESCO veranstaltete am 28. Juni 2000 einen runden Tisch unter dem Thema „From the Information Society to the Knowledge Society“, dessen Ergebnisse in das Strategiekonzept der Organisation für den Zeitraum 2002-2007 Eingang fand. Unter dem übergreifenden Titel Contributing to peace and human development in an era of globalization through education, the sciences, culture and communication wurden zwölf strategische Ziele formuliert, von denen eines auf den Ausbau der Humanressourcen in den entstehenden Wissensgesellschaften abzielt: „Enhancing scientific, technical and human capacities to participate in the emerging knowledge societies“5.

Auch die Weltbank setzt in der Entwicklungspolitik zunehmend auf Wissen als wichtigste Entwicklungsressource, wie sich in der Programmbezeichnung des World Bank Institute „Knowledge for development – A learning program“6 und einer jüngeren Publikation mit dem Titel Constructing Knowledge Societies: New Challenges for tertiary Education 7 zeigt.

Die Vorstellung einer Wissensgesellschaft beschränkt sich jedoch nicht auf den Kulturraum westlicher Industrienationen, sondern findet auch in der arabischen Welt [Seite 11↓]Eingang in politische Debatten. Der jüngst von der UNDP (2003) herausgegebene Arab Human Development Report widmet sich unter dem Titel Building a Knowledge Society den Herausforderungen des Übergangs in die Wissensgesellschaft für die arabische Welt.

Wenngleich die Begriffe Wissensgesellschaft und wissensbasierte Ökonomie erst in den letzten Jahren in den Mittelpunkt internationaler und nationaler wirtschaftspolitischer Diskurse gerückt sind, besteht Uneinigkeit darüber, was die Wissensgesellschaft eigentlich ausmacht bzw. in welchem Stadium der Transitionsphase sich die spät- oder postindustriellen Staaten derzeit befinden.

Gleichwohl gehören die Begrifflichkeiten des semantischen Feldes „Wissen“ mittlerweile zum Standardvokabular des (wirtschafts-)politischen Diskurses ohne jedoch einer konkreten Definition oder Präzisierung zu folgen. Beispielsweise gibt es nach mündlicher Auskunft von Dr. Achilleos Mitsos, dem Vorsitzenden der europäischen Bildungskommission der EU, ganz bewusst keinerlei Bemühungen in Richtung einer Definition des Begriffs „knowledge society“ bzw. „Wissensgesellschaft“. Denn im politischen Diskurs fungiert das semantische Feld des Wissensbegriffs gewissermaßen als strategisches Leitbild, das aufgrund der unumstritten positiven Konnotation des Begriffs Wissen eine politische Konsensbühne darstellt, die durch jegliche definitorische Präzisierung gefährdet würde.

Auch in wissenschaftlichen Debatten, insbesondere in den Fachkreisen der Wirtschaftsgeographie und der Wirtschaftswissenschaften hat die Proliferation des Wissensbegriffs vor allem in der englischsprachigen Variante des Begriffs „knowledge“ zu dessen Verwässerung geführt. Es mutet ironisch an, dass analog zur wachsenden Gewissheit über die wirtschaftliche Bedeutung von Wissen die Ungewissheit darüber wächst, was Wissen eigentlich ist. Nach Sichtung der Fachliteratur zu diesem Themenkomplex stellt beispielsweise Bryson fest, dass „knowledge“ zu einem „very slippery concept“ geworden sei (Bryson et al. 2000: 2).

Eine grundsätzliche Unterscheidung stellt hierbei diejenige zwischen den Begriffen Wissen und Information dar, die irrtümlicherweise von manchen Autoren synonym verwendet werden. Meusburger (1998: 69-75) erklärt die Tragweite dieser Unterscheidung anhand einer Analyse des Kommunikationsprozesses. Information ist hierbei eine „Vorstufe oder ein Rohstoff des Wissens“, wohingegen das Wissen auf Informationen basiert, „die verarbeitet oder reflektiert worden sind“ (S.70). Umgekehrt stellt das (Vor)wissen eine notwendige Bedingung für die kognitive Rezeption von Informationen dar.

Eine sehr viel genauere Differenzierung des Begriffsfeldes um Wissen wurde in der geographischen Literatur von Malecki (2000: 335) unternommen, der den Begriff "knowledge" in Abgrenzung zu "data" und "information" auf der einen Seite sowie "competence", "creativity" und "wisdom or nirvana" auf der anderen zu positionieren bzw. einzugrenzen versucht. "Knowledge" ist nach Malecki "Structurally ordered information. Includes reflection, synthesis, and context. Information laden with experience, truth, judgment, intuition and values. Concepts, ideas and patterns are subsets of knowledge. Often tacit, hard to transfer" (2000: 335).

Darüber hinaus gibt es eine unüberschaubare Vielfalt von Versuchen, den Begriff Wissen zu kategorisieren, deren wichtigste Versuche von Meusburger (1998: 59-81) zusammengestellt wurden. An anderer Stelle unterscheidet Meusburger (2000: 357) selbst zwischen 1. öffentlichen Nachrichten, die nahezu von jeder Person verstanden werden können, 2. [Seite 12↓]kodiertem Wissen, beispielsweise wissenschaftliches Wissen, für dessen Verständnis ein bestimmtes Vorwissen beim Empfänger vorausgesetzt werden muss und 3. hochwertiges Geheimwissen, welches einen Wettbewerbsvorteil vespricht und daher möglichst lange geheim gehalten wird. Dieses Wissen ist räumlich am stärksten konzentriert.

Eine grundsätzliche Tendenz der semantischen Verschiebung des Wissensbegriffs beschreibt Jean-Francois Lyotard in seinem einflussreichen Bericht Das postmoderne Wissen, wo er die Vermutung äußert, „daß das Wissen in derselben Zeit, in der die Gesellschaften in das sogenannte postindustrielle und die Kulturen in das sogenannte postmoderne Zeitalter eintreten, sein Statut wechselt“ (Lyotard 1979: 19). Wissen, so lautet seine Annahme im Jahr 1979, wird fortan weniger als menschliche Eigenschaft, sondern vielmehr als ökonomische Ware begriffen werden. Wissen ist demnach nicht mehr die „Bildung des Geistes“, sondern vielmehr das Produkt desselben, welches sich über seinen Tauschwert bestimmen lässt. Der Tauschwert wird zudem ganz wesentlich dadurch bestimmt werden, ob dieses Wissen über die neuen Informationstechnologien kommunizierbar sein wird.

Demgegenüber wird Wissen in der vorliegenden Arbeit als inkorporiertes, also personengebundenes Wissen verstanden, welches sich statistisch als formales Qualifikationsniveau einer Person fassen lässt8. Diese zugegebenermaßen vereinfachte Gleichsetzung von Wissen und höchstem formalen Schulabschluss deckt sich mit den Vorstellungen der Humankapitaltheorie in den Wirtschaftswissenschaften, denen zufolge das Humankapital als höchstes Ausbildungsniveau einer Person verstanden wird.

1.1.1 Theorie der Wissensgesellschaft

Von einer Wissensgesellschaft spricht erstmalig im Jahre 1966 Robert E. Lane in seinem Artikel The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgable Society. Nach seiner Definition lässt sich dann von einer „knowledgable society“ sprechen, wenn die Gesellschaftsmitglieder

„(a) inquire into the basis of their beliefs about man, nature, and society; (b) are guided (perhaps unconsciously) by objective standards of veridical truth, and, at the upper levels of education, follow scientific rules of evidence and inference in inquiry; (c) devote considerable resources to this inquiry and thus have a large store of knowledge; (d) collect, organize, and interpret their knowledge in a constant effort to extract further meaning from it for the purposes at hand; (e) employ this knowledge to illuminate (and perhaps modify) their values and goals as well as to advance them.“9

Schon vor Lane hatten andere Autoren den Weg zum Begriff der Knowledge society geebnet. Bereits 1940 reflektierte beispielsweise der Soziologe Florian Znaniecki in The [Seite 13↓] social role of the man of knowledge über unterschiedliche Wissenssysteme und deren Ausbreitung sowie das Verhältnis von Wissenschaftlern und Gesellschaft, ohne jedoch den Gedanken eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses in Richtung einer Wissensgesellschaft zu entwickeln (vgl. Znaniecki 1986 [1940]).

Auch der Managementtheoretiker Peter F. Drucker sprach 1959 in seinem Buch Landmarks of Tomorrow von „knowledge workers“ (Wissensarbeitern); der Begriff der Wissensgesellschaft (knowledge society) taucht bei ihm jedoch erst 1969 in Age of Discontinuity auf. Demnach seien in der neuen sozioökonomischen Ordnung nicht mehr Arbeit, Rohstoffe oder Kapital die zentralen Quellen von Produktivität, Wachstum und sozialen Ungleichheiten, sondern vielmehr das Wissen (vgl. Stehr 1994: 5 und Heidenreich 2001: 6f.). Auch 1994 vertritt Drucker den Standpunkt, dass wir uns auf dem Weg zu einer post-kapitalistischen Wissensgesellschaft befinden, in der

„die zentralen Wertschöpfungsaktivitäten weder die Verwendung von Kapital für produktive Zwecke noch 'Arbeit' sein werden […]. Wert wird nunmehr durch 'Produktivität' und 'Innovation' geschaffen, also zwei Anwendungen des Wissens auf den Arbeitsprozeß“ (Drucker 1994: 8 zit. nach Evers 1999: 7).

In den Sozialwissenschaften war wohl Daniel Bell (1973) der Erste, der sich umfassend mit dem wachsenden Einfluss der Wissensproduktion auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung befasst hat. In seinem Buch The Coming of Post-Industrial Society kam er zu zwei grundsätzlichen Aussagen:

1. „the sources of innovation are increasingly derivative from research and development, and more directly, there is a new relation between science and technology because of the centrality of theoretical knowledge“,

2. „the weight of the society - measured by a larger proportion of Gross National Product and a larger share of employment - is increasingly in the knowledge field“.10

Nach Bell konstituiert sich eine Gesellschaft aus den Elementen Politik, Kultur und der Sozialstruktur („social structure“), welche sich ihrerseits aus den Teilbereichen Wirtschaft, Technologie und Beschäftigungssystem zusammensetzt. Veränderungen seien heute weniger durch technische Erfindungen ausgelöst, sondern vielmehr durch theoretisches Wissen, das die zentrale Ressource für Innovation und Politik darstellt11. Nicht das empirische Erfahrungswissen, sondern vielmehr die Entwicklung universell anwendbarer Theorien werden zu Axiomen postindustrieller Gesellschaften:

„What has become decisive for the organization of decisions and the direction of change is the centrality of theoretical knowledge - the primacy of theory over empiricism and the codification of knowledge into abstract systems of symbols that, as in any axiomatic system, can be used to illuminate any different and varied areas of experience [...] In effect, theoretical knowledge increasingly becomes the strategic resource, the axial principle, of a society. And the university, research organizations, and intellectual institutions, where theoretical knowledge is codified and enriched, become the axial structures of the emergent society“ (Bell 1973: 20, 26).


[Seite 14↓]

Folglich sei das wissenschaftliche Personal die „wichtigste Ressource der postindustriellen Gesellschaft“, dessen Potentiale es auszubauen gelte12. Bei der Benennung dieser neuen postindustriellen Gesellschaft entscheidet sich Bell für den Begriff der knowledge society: „The post-industrial society, it is clear, is a knowledge society“ (Bell 1973: 212), ohne jedoch der Abgrenzung von alternativen Begriffen wie etwa „intellectual society“ größere Bedeutung beizumessen.

Eine erneute, ausführliche Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Knowledge society“ wird auf einer internationalen und interdisziplinären Konferenz zu diesem Thema im Herbst 1984 an der Technischen Hochschule Darmstadt geführt, deren Ergebnisse zwei Jahre später unter dem Titel The Knowledge Society veröffentlicht wurden. Nach Ansicht der Herausgeber Gernot Böhme (Philosoph) und Nico Stehr (Soziologe) verändert sich die Gesellschaft dahin, dass Wissenschaft einen Bedeutungszuwachs erlangt und zu einem zentralen Definitionsmerkmal der Gesellschaftsmitglieder wird:

„a gradual process during which the defining characteristic of society changes and a new one emerges. Modern society was until recently conceived primarily in terms of property and labor. On the basis of these attributes individuals and groups were able or even constrained to define their membership in society. While these features have not disappeared, a new principle has been added that, to an extent, challenges property and labor as the constitutive mechanisms of society. In its course, an itself highly differentiated sector of society, namely science, has begun to acquire particular significance“ (Böhme/Stehr 1986: 7).

1.1.1.1 Paradoxa des Konzepts der Wissensgesellschaft

Den genannten Autoren gemeinsam ist die - explizite oder implizite - Gleichsetzung des Begriffs ‚Wissen’ mit wissenschaftlichem Wissen. Im Gegensatz zum wirtschaftswissenschaftlichen Traditionsstrang der Humankapital- oder Humanressourcen-Debatte diskutieren Böhme und Stehr die Problematik der Reduktion des Wissensbegriffs auf dessen institutionell vermittelten, wissenschaftlichen Typus. Denn schließlich erinnern die beiden Autoren daran, dass Wissen in seiner allgemeinen Definition schon immer von gesellschaftlicher Relevanz gewesen sei: „Knowledge has always had a function in social life“ (Böhme/Stehr 1986: 7). Stehr führt dies später noch aus, indem er sogar von einer anthropologischen Konstante spricht:

„Knowledge has always had a function in social life; as a matter of fact, one could justifiably speak of an anthropological constant: human action is knowledge based. Social groups of all types depend on and are mediated by, knowledge. […] Similarly, power has frequently been based on advantages in knowledge and not only on physical strength. And, last not least, societal reproduction is not merely physical reproduction but, in the case of humans, always cultural, i.e. the reproduction of knowledge” (Stehr 1994: 8f.).

Das erste Paradoxon der Wissensgesellschaft liegt folglich darin begründet, dass streng genommen vermutlich jede Gesellschaft eine Wissensgesellschaft ist und sich [Seite 15↓]restrospektiv beispielsweise auch das alte Israel oder das alte Ägypten als Wissensgesellschaften bezeichnen ließen (vgl. Stehr 1994: 9).

Auch dieser Gedanke findet sich schon zwanzig Jahre zuvor bei Daniel Bell, der betont, dass nicht das Wissen an Bedeutung gewonnen habe, sondern bestimmte Formen des Wissens:

„[...] knowledge has of course been necessary in the functioning of any society. What is distinctive about the post-industrial society is the change in the character of knowledge itself“ (Bell 1973: 20).

Das Neue und Andere der zeitgenössischen Gesellschaft sei vielmehr das Eindringen des wissenschaftlichen Wissens in alle Lebensbereiche. „Contemporary society may be described as a knowledge society based on the penetration of all its spheres of life by scientific knowledge“ (Stehr 1994: 9). Dieser Prozess findet jedoch nicht in einem „Wissensvakuum“ statt, sondern verläuft häufig zu Lasten anderer Formen des Wissens, die durch wissenschaftliches Wissen verdrängt werden (vgl. Böhme/Stehr 1986: 8, bzw. Böhme 1993).

Bei dem Versuch, den Begriff der Wissensgesellschaft als einzig adäquaten Beschreibungsmodus für die zeitgenössische Gesellschaft gegen die Flut von konkurrierenden Begriffen zu verteidigen, wehren sich die Autoren gegen den zunächst angemessener erscheinenden Begriff der „science society“. Die Begründung gegen die Bezeichnung „Wissenschaftsgesellschaft“ leiten Böhme und Stehr daraus ab, dass es weniger um das wissenschaftliche Wissen selbst ginge, als vielmehr um das Verhältnis von wissenschaftlichem Wissen zu anderen Wissensformen, wie „everyday knowledge, declarative and procedural knowledge, knowledge and non-knowledge“ (Böhme/Stehr 1986: 9).

Doch selbst bei einer Reduktion des Wissensbegriffs auf das wissenschaftliche Wissen, ergibt sich ein weiteres Paradoxon der Wissensgesellschaft, nämlich die Tatsache, dass sich mit dem (wissenschaftlichen) Wissen auch das Nichtwissen mehrt. Evers beschreibt dies sogar als logische Folge der Grundstruktur von Forschungsförderung, die von den Antragstellern neben dem Füllen einer Forschungslücke auch die Generierung mehrerer neuer Forschungsfragen verlangt:

„Mit jeder wissenschaftlichen Erkenntnis werden in der Regel neue Forschungsfragen aufgeworfen, d.h. eine Erkenntnis bringt eine Vielzahl von ungelösten Problemen mit sich. Erkanntes Nichtwissen nimmt tendenziell schneller zu als Wissen. Während wir auf der einen Seite tatsächlich dahin steuern, eine 'Wissensgesellschaft' zu werden, werden wir gleichzeitig unwissender“ (Evers 1999: 9).

Ein weiteres Kriterium für die (historische) Abgrenzung des Begriffs der Wissensgesellschaft von vorangegangenen Gesellschaften findet sich in dem Wandel, den die gesellschaftliche Funktion wissenschaftlichen Wissens seit der Aufklärung durchlaufen hat.


[Seite 16↓]

1.1.1.2  Der funktionale Wandel wissenschaftlichen Wissens in historischer Perspektive

Böhme und Stehr (1986: 17) unterscheiden drei unterschiedliche Entwicklungsstufen der sozialen Funktion von Wissen, die das sukzessive Eindringen von wissenschaftlichem Wissen in weitere Lebensbereiche beschreiben.

Während der Aufklärung diente das Wissen vor allem der Produktion von Bedeutung und sozialem Bewusstsein. Bedeutungszuweisung war mit der Begründung der modernen Wissenschaft und dem Siegeszug des Verstandes fortan nicht mehr das Privileg von Geistlichen oder Machthabern, sondern konnte nach bestimmten methodischen Vorgaben von jedem (gebildeten) Individuum vollzogen werden. Das individuelle Bewusstsein von der Selbstbestimmbarkeit des eigenen gesellschaftlichen Schicksals ist somit auch als eine Funktion des Wissens in dieser Epoche zu verstehen.

Mit der Industrialisierung wurde die Wissenschaft zu einer Produktivkraft („productive force“), welche der Aneignung der Natur („appropriation of nature”) diente. Die Weiterentwicklung von und der Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen ermöglichte somit eine stärkere Emanzipation des Menschen von den Naturbedingungen, denen er ausgeliefert war. Das wissenschaftliche Wissen hatte vor allem eine Katalysatorwirkung für die Produktion, da ein höheres Maß an Wissen in der Regel zu einer Steigerung der Produktivität durch eine effizientere Nutzung der Ressourcen Eigentum und Arbeit führte. Wissen besaß somit keinen Eigenwert, sondern der Wert des Wissens wurde an seinem Beitrag zur effizienten Produktion von Gütern gemessen.

Im 20. Jahrhundert entwickelt sich die Wissenschaft schließlich zu einer unmittelbaren Produktivkraft („immediate productive force“). Nachdem der Prozess der Aneignung der Natur durch den Menschen an seine Grenzen gestoßen war, findet nunmehr ein erheblicher Anteil der volkswirtschaftlichen Produktion auf einer Metaebene statt, die fast vollständig von der Wissenschaft kontrolliert wird. In dieser postindustriellen Gesellschaft dringen die Wissenschaft und ihre Produkte in weitere Lebensbereiche ein, wodurch sie ihre zentrale gesellschaftliche Stellung erhalten. Dadurch entwickeln sich neue wissenschaftliche Disziplinen, die ihrerseits wieder eine Nachfrage nach anderen Metawissenschaften generieren:

„science absorbs increasingly certain functions in society [...] by generating new purposes or by taking them on [...] the production of knowledge now also becomes immediate social production unmediated by labor. In contemporary society a secondary structure on the basis of already appropriated nature is established. A considerable part of the total work within a knowledge society takes place at a meta-level, at a second level of production to which science contributes centrally. Production [...] presupposes that nature is already appropriated. This kind of production consists of re-arranging appropriated nature according to certain designs and programs. The rules that govern 'secondary production' are social constructs rather than the laws of nature. The consequence is that new disciplines emerge whose output serves as an immediate productive force, e.g. operation research, theories of planning, decision theory, cybernetics, computer sciences etc. [...] Scientific knowledge in the sense of an immediate productive force becomes a societal resource with functions comparable to those of labor in the productive process“ (Böhme/Stehr 1986: 18f.).


[Seite 17↓]

In diesem - als Wissensgesellschaft bezeichneten – Stadium operiert die Wissenschaft also weniger auf der Ebene der materiellen Produktion (i.S.v. „appropriation of nature“), sondern vielmehr auf der Bedeutungs- oder Symbolebene, also auf der Ebene der immateriellen Produktion.

Auf diese Weise wird die vom wissenschaftlichen Wissen durchdrungene Wissensgesellschaft in einem zuvor ungekannten Maße das Produkt ihres eigenen Handelns, da die Bedeutungsebene durch die Wissenschaft produziert, reproduziert, manipuliert und verändert wird. Die Produktion neuen Wissens bezieht sich folglich immer weniger auf neue (materielle) Produktionsmethoden, sondern in wachsendem Maße auf die Manipulation bestehender und Produktion neuer Symbolsysteme. Die Wissensgesellschaft wird zum Produkt ihrer Selbst, ein autopoietisches System, das sich selbst erhalten, wandeln und erneuern kann. Dies erklärt auch die Bedeutungszunahme von theoretischem Wissen, welches vor allem in den Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften erzeugt wird:

„What distinguishes a knowledge society above all else from its historical predecessors is that it is a society which is to an unprecedented degree the product of its own action. The balance of nature and society [...] has shifted more and more towards capacities which are socially constructed and allow society to operate on itself.[...] The horizon of human action and potential social action considerably expands in a knowledge society. [...] knowledge society [is] a society in which science has extensively increased the capacities of society to act upon itself, its institutions and its relation to the natural environment“ (Böhme /Stehr 1986: 19).

Diesem Gedankengang liegt ein konstruktivistisches Wirklichkeitsverständnis zugrunde, demzufolge dem Menschen der unmittelbare Zugang zu den Dingen verwehrt bleibt und diese erst durch sprachliche und außersprachliche Symbolsysteme für den Menschen konstituiert werden. Da allen Sprachsystemen gleichzeitig auch Ordnungsprinzipien und somit Sinnstrukturen inhärent sind, ist die Aufdeckung von Sinnstrukturen jenseits sprachlicher Systeme ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt erscheint. Stehr selbst formuliert das folgendermaßen:

„There is an immense stock of objectified knowledge which mediates our relation to nature and to ourselves. In a general sense this advancement has been called, in other contexts, modernization and rationalization. This secondary nature is overgrowing the primary nature of humans. The real and the fictional merge and become indistinguishable; theories become facts and not vice versa, that is, facts do not police theories” (Stehr 1994: 14).

Eine solche Sichtweise der Wissensgesellschaft bleibt schließlich nicht ohne Auswirkung auf das Verständnis von Wissenschaft selbst, welches dann in die Nähe des Projekts des amerikanischen Philosophen Richard Rorty rückt, der in seinem Buch Contingency, Irony, and Solidarity versucht zu zeigen,

„wie die Erkenntnis dieser Kontingenz [der Sprache] zum Erkennen auch der Kontingenz des Bewußtseins führt und solches Erkennen dann weiterführt zu einem Bild von der Geschichte der Wissenschaft, Kultur und Politik als einer Geschichte von Metaphern, nicht von Entdeckungen“ (Rorty 1989: 31).

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Konzept der Wissensgesellschaft somit von erheblicher Tragweite, da es nicht nur die sozial konstruierte Wirklichkeit als solche [Seite 18↓]anerkennt, sondern die Wissenschaftler selbst als Teil dieses Konstruktionsprozesses betrachtet. Die Figur des Wissenschaftlers – insbesondere des Sozialwissenschaftlers und Geographen - vollzieht gewissermaßen einen Statuswechsel vom neutralen Beobachter, der die Realität von außen betrachtet, zum Untersuchungssubjekt-Objekt, der gleichermaßen als Akteur im Sinne von Realitätskonstrukteur wie auch als vermeintlich außenstehender Beobachter auftritt.

Zusammenfassend ist die Wissensgesellschaft nach Böhme und Stehr durch die folgenden Merkmale gekennzeichnet13:

„1. 'penetration of most spheres of social action by scientific knowledge („scientization“)
2. 'replacement of forms of knowledge by scientific knowledge (e.g. professionalization)'
3. 'emergence of science as an immediately productive force'
4. 'differentiation of new forms of political action (e.g. science and education policy)'
5. 'development of a new sector of production (the production of knowledge)'
6. 'change of structures of power (technocracy debate)'
7. 'emergence of intellectuals as a new social class.'” (Böhme/Stehr 1986: 8).

In der Konsequenz werden Wissenschaftler als Produzenten und Manipulatoren einer Symbol- oder Bedeutungsebene gesehen, die als Produktionsort der wissensbasierten Ökonomie betrachtet werden muss. Selbstverständlich bedeutet der angenommene Übergang in die Wissensgesellschaft nicht, dass die Wirtschaftsbereiche, die nicht der wissensbasierten Ökonomie zuzuordnen sind, verschwinden würden. Das Charakteristikum der Ökonomie der Wissensgesellschaft ist vielmehr ein gradueller Bedeutungsverlust der Produktion materieller Güter (der Industriegesellschaft), während immaterielle Güter die Volkswirtschaft zunehmend prägen. Da deren Werte maßgeblich über die Symbolebene ausgehandelt werden, sprechen machen Autoren von der Ökonomie der Wissensgesellschaft als Symbolökonomie. Diese soll im folgenden beschrieben werden.

1.1.2 Die Ökonomie der Wissensgesellschaft

Mit der angenommen Transition von der Industrie- zur postindustriellen Wissensgesellschaft ergeben sich nicht nur gesellschaftliche sondern vor allem wirtschaftliche Veränderungen, deren wichtigstes Kennzeichen die Schwerpunktverschiebung von der Produktion materieller zur Produktion immaterieller Güter darstellt. Die Produkte der Wissensgesellschaft bewegen sich also auf einer immateriellen Produktionsebene, die von den Wissenschaften selbst geschaffen wird. [Seite 19↓]Der Wert dieser Produkte ist stark an den kulturellen Kontext ihrer Entstehung gekoppelt. Böhme und Stehr sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Metaebene“, bzw. einer „zweiten Produktionsebene“, welche die bereits vollzogene Aneignung der Natur voraussetzt. Produktion in der Wissensgesellschaft bedeutet dann die Neuordnung der materiellen Natur auf der Symbolebene. Diese wird in zunehmendem Maße auf der Basis wissenschaftlicher Theorien und Konzepte gestaltet, so dass der wissenschaftlich ausgebildete Mensch in den Mittelpunkt des Produktionsprozesses rückt.

Die Betonung des Faktors Mensch findet sich auch in der Theorie des Kognitiven Kapitalismus bzw. der Kognitiven Ökonomie des Franzosen Yann Moulier-Boutang, die der Theorie der Wissensgesellschaft nahe steht. Unter Kognitivem Kapitalismus versteht der Autor einen Kapitalismus,

„der in starkem Maße auf den geistigen Fähigkeiten der Menschen - auf Wissen – beruht […] Wissen ist die Hauptressource des Wertes und wird die wichtigste Ressource im Prozess der Wertschöpfung“ (Moulier-Boutang 2001: 29f.),

wobei der Autor ebenfalls den Aspekt der fundamentalen (geistigen) Umstrukturierung der materiellen Produktion heraushebt:

„Dieser Kapitalismus, der in einem noch nie da gewesenen Ausmaß produktiv ist, gestaltet die Welt der materiellen Produktion neu, organisiert sie um, modifiziert ihre Nervenzentren“ (Moulier-Boutang 2001: 29).

Von anderen Autoren wurden innerhalb des semantischen Feldes der Symbolwirtschaft noch weitere Begriffe für die Wirtschaftsstruktur der Wissensgesellschaft geprägt. Robert B. Reichspricht von den Berufen der Wissensgesellschaft als „Symbolanalysten“ und Jeremy Rifkin (1993: 178) von „symbolverarbeitenden Nomaden“, wobei sich diese Bezeichnungen auf jene Gruppe von Fachkräften beziehen,

„die in den diversen Arbeitsfeldern ihre Qualifikation als Experten oder Gegenexperten in die Aushandlungs- und Abstimmungserfordernisse sozialer und ökonomischer Kommunikation sowie in die real-stoffliche Produktion einbringen können“ (Poltermann 2001: 3).

„Symbolic analysts solve, identify, and broker problems by manipulating symbols. They simplify reality into abstract images that can be rearranged, juggled, experimented with, communicated to other specialists, and then, eventually, transformed back into reality. The manipulations are done with analytic tools, sharpened by experience. The tools may be mathematical algorithms, legal arguments, financial gimmicks, scientific principles, psychological insights about how to persuade or to amuse, systems of induction or deduction, or any other set of techniques for doing conceptual puzzles“ (Rifkin1993: 178, zit. nach Allen 2000: 23).

Die Annahme, dass die Produktion der immateriellen Güter der Wissensgesellschaft auf der Ebene der sozialen Konstruktion, bzw. auf einer symbolischen Metaebene stattfindet, ist für die Verbreitung der ‚symbolischen Waren’ von höchster Relevanz, da der Nutzen dieser Produkte, also ihr (materieller) Gebrauchswert, hinter ihren (sozial konstruierten) Tauschwert zurücktritt. Der Wert symbolischer Güter wird somit in besonderem Maße durch den kulturellen Produktions- bzw. Verwendungskontext bestimmt:


[Seite 20↓]

„the identity and utility of the symbolic items are often highly context sensitive and cannot be ‚understood‘ or estimated separate from the context in which they originated and were consumed. The proximity of the content of production and utilization of symbolic commodities is often quite close […]

Symbolic commodities of a non-monetary nature are, for example, data ('sets of numbers'), technological trajectories, statistics, fashion regimes, programs, product marketing and organizational 'knowledge' as well as the growing flow of information within and across national boundaries“ (Stehr 1994: 151f.).

Lash und Urry (1994) betonen in Economies of signs and space ebenfalls die wachsende ökonomische Bedeutung des symbolischen Wertes bzw. des „Zeichenwertes“14 von Gütern gegenüber ihrem materiellen Inhalt. Sie identifizieren „postindustrielle“ und „postmoderne“ Güter, die sich wie folgt in den Wertschöpfungsprozess der „Ökonomie der Zeichen“ einfügen:

„[The objects] are progressively emptied of material content. What is increasingly produced are not material objects, but signs. These signs are of two types. Either they have a primarily cognitive content and are post-industrial or informational goods. Or they have primarily an asthetic content and are what can be termed postmodern goods. The development of the latter can be seen not only in the proliferation of objects which possess a substantial aesthetic component [...], but also in the increasing component of sign-value or image embodied in material objects. This aestheticization of material objects takes place in the production, the circulation or the consumption of such goods“ (Lash/Urry 1994: 4).

In Anlehnung an Lash und Urry folgt Allen sogar in abgemilderter Form der semiotischen Argumentation des Kulturwissenschaftlers Baudrillard, der die Saussur’sche Vorstellung von der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens auf die Produkte der Symbolwirtschaft in der Wissensgesellschaft überträgt:

„the fundamental ambiguity of representational systems has been realized to the extent that, in a symbolically saturated environment, we no longer expect signs to represent anything in particular. The arbitrary nature of the sign has itself become the site of playful representation where economic meaning is now produced in such a knowingly contrived manner that its very inauthenticity is anticipated and understood“ (Allen 2000: 24).

In der Praxis der räumlichen Verbreitung von Gütern bedeutet dies, dass es sowohl für die Produktion als auch für den Konsum symbolischer Güter der „Symbolanalysten“ bedarf, welche die Fähigkeit besitzen, die Produkte der Symbolökonomie zu kodieren und zu dekodieren und damit ihren Tauschwert in der internationalen Wissensgesellschaft zu beeinflussen. Da das Wissen der Wissensgesellschaft ganz wesentlich von den Wissenschaften geprägt wird, fällt Akademikern die zentrale Rolle in der Gestaltung des Übergangsprozesses zu.


[Seite 21↓]

1.1.3  Implikationen des Übergangs in die Wissensgesellschaft für die Entwicklung in peripheren Regionen

In Bezug auf die Entwicklungsperspektiven peripherer Regionen ergeben sich aus den Überlegungen zur Wissensgesellschaft zunächst widersprüchliche Schlussfolgerungen. Auf der einen Seite unterliegen die immateriellen Produkte der Wissensgesellschaft, nämlich das „kodifizierte Wissen“, mit der Verbreitung des Internet15 nicht mehr den physischen Distanzbarrieren der räumlichen Verteilung wie die materiellen Produkte der Agrar- oder Industriegesellschaften. Auf der anderen Seite ist ihr Wert jedoch in einem viel stärkeren Maße kontextsensitiv, so dass ihre räumliche Verbreitung weniger durch die Barriere der physischen Distanz als vielmehr durch kulturell determinierte Rezeptionsbarrieren limitiert wird. Die Teilnahme von Regionen an der Ökonomie der Wissensgesellschaft, im Sinne einer von den Wissenschaften geprägten Gesellschaft, ist somit an das Vorhandensein von akademisch ausgebildeten Erwerbspersonen gebunden, welche gewissermaßen als kulturelle Mittler zwischen den Produktionsorten der Zentren und der Peripherien fungieren.

Die angenommene Transition von der Agrar- oder Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft hat somit für die Wirtschaftsgeographie der europäischen Regionen weitreichende Konsequenzen. Gerade für wirtschaftsperiphere Gebiete wie den italienischen Mezzogiorno entstehen in der aktuellen Transformationsphase Möglichkeiten einer Neupositionierung innerhalb der wissensbasierten, europäischen Wirtschaftslandschaft. Aus dem Blickwinkel der Regionalentwicklung betrachtet werden nämlich den traditionellen Determinanten der regionalen Wirtschaftsentwicklung in der Wissensgesellschaft neue Entwicklungsfaktoren hinzugefügt, deren Ausbau und Förderung zumindest theoretisch einen Ausweg aus der historisch gewachsenen und im Industriezeitalter gefestigten Position der Peripheralität eröffnen.

Für die Wissensproduktion ist weniger die physische Distanz von den Zentren entscheidend, sondern vielmehr deren kulturelle Distanz, welche sich im Zeitalter einer gesamteuropäischen Forschungs- und Bildungslandschaft vor allem im Ausbildungsniveau der Erwerbsbevölkerung ausdrückt. Für die Verteilung der Wissensprodukte ist zudem die „Infostrukturausstattung“ häufig von größerer Bedeutung als die klassische infrastrukturelle Anbindung einer Region. Diese bleibt jedoch als notwendige Bedingung auch in der wissensbasierten Wirtschaft bzw. als indirekter Produktionsfaktor relevant.

Zwar ist die Ressourcenausstattung mit Bodenschätzen, die das Schicksal von Regionen in der Industriegesellschaft maßgeblich beeinflusst hatte, für die Produktion symbolischer Güter zunächst nicht relevant. Dennoch spielt die Naturraumausstattung [Seite 22↓]im Sinne eines Vorstellungsbildes für die Attraktivität der Orte als Ziel touristischer Reisen oder unternehmerischer Investitionen eine wichtige Rolle. Diesen Akt der symbolischen Repräsentation leisten in einer internationalisierten Wissensgesellschaft, die von Wissenschaftlern produziert ist, akademisch ausgebildete Personen, beispielsweise im Bereich von Werbung und Marketing.

Abbildung 1: Räumliche Dimensionen des Übergangs von der Agrar- bzw. Industrie-gesellschaft zur Wissensgesellschaft

Entwurf: Jahnke 2004

In einem Raum, der von der Informations- und Kommunikationstechnologie vollkommen erschlossen ist, verliert die physische Distanz zwischen den alten Produktionszentren und den heutigen Peripherien an Bedeutung, da Raum und Zeit innerhalb dieser Kommunikationssysteme entkoppelt sind. Während in der Vergangenheit eine gewisse Kongruenz zwischen räumlicher und kultureller Distanz zu beobachten war, hat sich diese Verknüpfung mit dem Ausbau moderner Transportmittel und insbesondere durch das Internet gelöst. Bis vor wenigen Jahrzehnten konnten räumliche Distanzen zwischen Zentren und Peripherien mit Hilfe von Infrastrukturmaßnahmen in ihren zeitlichen (und damit auch finanziellen) Wirkungen verkürzt werden, während ein effektiver Infostrukturausbau sowohl den Zeit- als auch den Kostenfaktor heutzutage weitgehend zu neutralisieren vermag. Angesichts der Tatsache, dass durch das Internet innerhalb eines Moments jegliche Information an jedem beliebigen Ort der Erde ankommen kann, wird neben der technischen Ausstattung die kulturelle Distanz zwischen Sender und Empfänger zum entscheidenden Kriterium. Durch die stärkere Vernetzung werden diese kulturellen Distanzen unmittelbarer und deutlicher erkennbar.

Physische und kulturelle Distanzen einer peripheren Region P zu einem Zentrum Z, die hier als ‚Raumeigenschaften’ angenommen werden sollen, weisen jedoch ganz erhebliche Unterschiede auf, die für die Entwicklungspotentiale der Regionen beim Übergang zur Wissensgesellschaft von entscheidender Bedeutung sind. Die physische Ausstattung und die geometrische Distanz stellen natürliche Eigenschaften von Räumen dar, die lediglich innerhalb enger Grenzen durch technische Eingriffe verändert werden können. Dagegen beruhen die kulturellen Distanzen auf den Eigenschaften von Individuen und Institutionen, die in dem gegebenen Raum leben und handeln. In diesem Sinne drückt sich die kulturelle Distanz zwischen Peripherie und Zentrum in der Distanz zwischen ihren Wissenssystemen aus. Akademikern und insbesondere jungen [Seite 23↓]Hochschulabsolventen fällt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu, da sie eine wichtige Vermittlungsfunktion zwischen den Zentren und den Peripherien einnehmen. Durch die Expansion der Hochschulbildung im Sinne einer ‚Akademisierung’ der Erwerbsbevölkerung kann diese Distanz überwunden werden.

Mit Hilfe gut ausgebildeter Humanressourcen würden traditionell benachteiligte Regionen in die Lage versetzt, sich dem sozioökonomischen Niveau der prosperierenden Zentren zumindest anzunähern. Diese Vorstellung liegt auch der Politik der Europäischen Union zugrunde:

„Wissen, Bildung und Ausbildung werden eine immer wichtigere Basis für wirtschaftliche Teilhabe und Erfolg. Regionen mit eingeschränktem und unbefriedigendem Zugang zu Information und Wissen aufgrund fehlender höherer Schulen, Forschungseinrichtungen, Ausbildungsangebote usw. werden wahrscheinlich Probleme bekommen, ihre Bevölkerungszahl zu erhalten und dabei besonders Menschen mit höherer Ausbildung und größeren Fähigkeiten an die Region zu binden. Dies kann Bevölkerungsverschiebungen in Gebiete, die bereits über gute Infrastruktur verfügen, noch verstärken, den Druck auf diese Gebiete erhöhen und gleichzeitig die Aussicht auf höheren Lebensstandard für wirtschaftlich schwächere Regionen verringern.“ (Europäische Kommission 1999: 77)

Mit einer optimalen „Infostruktur“, gepaart mit einem hohen Qualifikationsniveau, könnte es den Peripherien gelingen, aus der Position physischer Isolation zu entkommen. Gerade in Hinblick auf die Region Sizilien bieten sich hier neue Entwicklungspotentiale, deren Wirksamkeit zum einen vom Aufbau dieses Humankapitals, zum anderen aber auch von deren regionalem Verbleib und Integration in den Produktionsprozess abhängig sein wird. Andernfalls droht die Gefahr, dass die Bildungsexpansion lediglich zur Abwanderung der Bestqualifizierten führt und die peripheren Regionen ihr Zukunftspotential verlieren.

1.2 Operationalisierung von Wissen als Ressource

„A knowledge-based society is one where knowledge diffusion, production and application become the organising principle in all aspects of human activity: culture, society, the economy, politics, and private life.“(UNDP 2003: 2)

Die regionalwirtschaftliche Bedeutung der Bildungsexpansion, der Nutzung von inkorporiertem Wissen sowie von dessen räumlicher Mobilität wird in seinen einzelnen Aspekten in unterschiedlichen Forschungskontexten untersucht. Für das Ziel dieser Arbeit lassen sich diese drei regionalwirtschaftlichen relevanten Teilprozesse unter dem Begriffsfeld der Forschung über Hochqualifizierte bzw. Akademiker abstrahierend zusammenführen. In Erweiterung des bereits vorhandenen ‚Brain’-Vokabulars, welches im wesentlichen der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung entliehen ist, lassen sich drei Aspekte unterscheiden: die Bildungsexpansion als ‚Brain production’, die Integration von Akademikern in den Arbeitsmarkt als ‚Brain application’ und die räumliche Mobilität von Akademikern als ‚Brain mobility’. Als ‚Brains’ werden im empirischen Teil der Arbeit Akademiker verstanden, wobei der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Gruppe der jungen Hochschulabsolventen liegt.


[Seite 24↓]

1.2.1  Aspekt der Brain production

„Man weiß, daß das Wissen in den letzten Dezennien zur prinzipiellen Produktivkraft wurde“ (LYOTARD 1986 [1979]: 24).

Die paradigmatische Grundannahme der Wissensgesellschaft, dass Wissen eine eigenständige wirtschaftliche Bedeutung erlangt hat, ist keineswegs neu, sondern lässt sich schon bei einer Reihe von wirtschaftswissenschaftlichen Klassikern finden16. In den aktuellen Wirtschaftswissenschaften wird inkorporiertes Wissen als Humankapital konzeptionalisiert: „Human capital is the familiar notion that knowledge and skills, derived from education, training and experience, represent some of our most valuable resources” (OECD 2001b: 3). Dessen volkswirtschaftlicher Nutzen gilt heutzutage als unumstritten, wie der Titel des im Jahr 2001 veröffentlichten Berichts der OECD über The Well-Being of Nations: The role of human capital and social capital exemplarisch belegt.

Der theoretische Zusammenhang zwischen dem Ausbildungsniveau einer Bevölkerung und dem Wirtschaftswachstum wurde zu Beginn der 1960er Jahre vor allem durch die Arbeiten von T.W. Schultz entwickelt, der in The Economic Value of Education (1963) den ökonomischen Wert von Bildung und Ausbildung herausarbeitet. Mit den theoretischen Implikationen eines Humankapitalansatzes beschäftigt sich in der Folgezeit G.S. Becker in Human Capital (1964).

Verschiedentlich wurde jedoch darauf hingewiesen, dass einzelne Wirtschaftswissenschaftler die Bedeutung von Wissen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung schon sehr viel früher erkannt hatten. Meusburger (1998: 81f.) findet bereits bei Adam Smith (1776), John Stuart Mill (1848) und anderen wirtschaftstheoretischen Klassikern den Gedanken der ökonomischen Bedeutung einer gut ausgebildeten Bevölkerung.

Lyotard hingegen verweist vor allem auf Karl Marx, der in den Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie im Jahr 1857 anmerkt, dass „das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist“, denn die Maschinen seien „von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft“ (zit. nach Lyotard 1986 [1979]: 24f.). Auf einen ähnlichen Textausschnitt bei Marx, der sich mit dem Bedeutungszuwachs von wissenschaftlichem Wissen auseinandersetzt, bezieht sich der französische Kulturwissenschaftler André Gorz:

„Die unmittelbare Arbeit und ihre Quantität (werden) als das bestimmende Prinzip der Produktion verschwinden“

und sie werden

„herabgesetzt als ein zwar unentbehrliches aber subalternes Moment (gegenüber der) allgemeinen wissenschaftlichen Arbeit“( GR, S.587 zitiert in Gorz 2001: 7).

Im Jahr 1920 hatte auch der Ökonom A. Marshall die besondere Bedeutung des Wissens für die Kapitalbildung herausgestellt. Für ihn waren Begriffe wie technischer [Seite 25↓]Fortschritt, Wissen und Entscheidungsfindung Schlüsselfaktoren für die Entwicklung eines Unternehmens:

„Capital consists in a great part of knowledge and organization [...]. Knowledge is our most powerful engine of production; it enables us to subdue Nature and force her to satisfy our wants“ (1920: 115, zit. bei Meusburger 1998: 82).

Während der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Wissen und wirtschaftlicher Entwicklung als unumstritten gilt, erweist sich eine Quantifizierung in der empirischen Praxis als äußerst problematisch. Die Messung der Rentabilität von Investitionen in Bildung und Ausbildung wird in den Wirtschaftswissenschaften auf zwei unterschiedlichen Ebenen vorgenommen: zum einen auf der Ebene des Individuums („private rate of return“) zum anderen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft („social rate of return“). Während die individuelle Rentabilität von Humankapitalinvestitionen generell als unumstritten gilt, konnte deren volkswirtschaftlicher Nutzen statistisch bislang nicht nachgewiesen werden (vgl. Psacharopoulos 1995):

„Human capital includes knowledge, skills and attributes such as perseverance. For individuals, investment in human capital provides an economic return, increasing both employment rates and earnings. […] In addition to the benefits captured by individuals, investment in human capital may yield benefits to the economy at large. The collective economic impact should, in principle, be identifiable in the rate of economic growth, but in practice the impact has been difficult to confirm and quantify” (OECD 2001b: 3f.).

Auch bildungsökonomisch angelegte Ländervergleiche konnten zwar einen statistischen Zusammenhang von Ausbildung und Wirtschaftswachstum belegen, die Versuche, eine Kausalität zwischen erhöhtem Ausbildungsniveau der Bevölkerung und wirtschaftlicher Entwicklung nachzuweisen und auf diese Weise die volkswirtschaftliche Rentabilität von Bildungsinvestitionen zu messen, haben jedoch insbesondere im tertiären Bildungssektor zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. Psacharopoulos und Woodhall kommen Mitte der 1980er Jahre nach einer Untersuchung in Entwicklungsländern zu folgendem Ergebnis:

„There is ample evidence that education makes both a direct and an indirect contribution to economic growth, but the chicken-and-egg relationship between education and growth can never be fully established“ (Psacharopoulos/Woodhall 1985: 20f.).

Meulemeester und Rochat (1995) legten zehn Jahre später eine weitere umfangreiche, international vergleichende, ökonometrisch angelegte Vergleichsstudie zu den Auswirkungen der Bildungsexpansion im Hochschulbereich auf das Wirtschaftswachstum vor. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Ausbau des tertiären Bildungssektors und der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder konnte jedoch nur in vier von sechs untersuchten Ländern nachgewiesen werden. Neben Australien war Italien das Land, wo die erhöhte Anzahl von Hochschulabsolventen ohne messbaren Einfluss auf die jeweilige Volkswirtschaft blieb, woraus die beiden Autoren einen weiteren Forschungsbedarf ableiten:

„the absence of causality in the Italian and Australian cases suggests that the relationship between higher education and economic development is not linearly mechanistic [...] this complex relationship deserves further investigation both on theoretical and empirical levels” (Meulemeester/Rochat 1995: 358).


[Seite 26↓]

Wenngleich es bislang nicht gelungen ist, den quantitativen Nachweis des kausalen Zusammenhangs zwischen dem erhöhten Ausbildungsniveau einer Bevölkerung und der wirtschaftlichen Entwicklung zu erbringen, so halten Wissenschaftler und Politiker an dieser Grundannahme fest. Dies ist auch der entscheidende Grund dafür, dass die internationale Mobilität von Hochqualifizierten oder zumindest von bestimmten Gruppen von Hochqualifizierten in den 1990er Jahre eine verstärkte Aufmerksamkeit von Seiten der Forschung und der Politik erhalten haben.

Grundsätzlich bedarf es jedoch zweier Voraussetzungen, damit die Umsetzung von Wissen in wirtschaftliche Produktivität überhaupt ermöglicht werden kann: zum einen darf es keine Abwanderung der betroffenen Personengruppe geben, zum anderen müssen diese als Erwerbstätige in den Produktionsprozess integriert sein.

1.2.2 Aspekt der Brain application

In der Perspektive der Regionalentwicklung kann bezüglich der akademischen Ausbildung nur dann von einer optimalen Ausnutzung der aufgebauten Humanressourcen gesprochen werden, wenn junge Hochschulabsolventen einer Region unmittelbar nach Ende ihres Studiums eine Erwerbstätigkeit aufnehmen, die ihrem erworbenen Qualifikationsniveau entspricht. Mündet der Hochschulabschluss jedoch zunächst in die Arbeitslosigkeit oder in eine Tätigkeit, die unterhalb des erworbenen Qualifikationsniveaus liegt, so wird das aufgebaute Humankapital nicht oder nur teilweise genutzt.

Bezogen auf Räume und Regionen erscheint es gerade vor dem Hintergrund der Wissensgesellschaft sinnvoll, von zwei unterschiedlichen Arbeitsmärkten auszugehen, die sich nach dem geforderten formalen Qualifikationsniveau der Arbeitsplätze unterscheiden. Wenngleich diese Einteilung in zwei oder mehr isolierte Arbeitsmärkte zunächst lediglich modellhaft sein kann und durchaus schematisch erscheint (vgl. Fassmann/Meusburger 1997: 71), so verlangen in der Praxis die meisten Erwerbspositionen ein bestimmtes Qualifikationsniveau. Dies gilt sowohl für die Privatwirtschaft als auch für Stellen im öffentlichen Dienst. Die Grenze zwischen dem Arbeitsplatzangebot für qualifizierte Mitarbeiter und unqualifizierte weist jedoch einen osmotischen Charakter auf, der auf der einen Seite die Stellenbesetzung mit einem niedriger Qualifizierten - wenn überhaupt - nur in den allerseltensten Fällen zulässt, auf der anderen Seite aber ermöglicht, dass Erwerbstätige im Sinne eines Brain waste unterhalb ihres formalen Ausbildungsniveaus beschäftigt sind.

Reyneri (1996: 171f.) betont in diesem Zusammenhang, dass die massive Bildungsexpansion im universitären Bereich in den meisten Ländern zu einem Ungleichgewicht zwischen dem Angebot von Akademikern und deren Nachfrage geführt hat. Er unterscheidet zwei unterschiedliche Modelle des Umgangs mit diesem Phänomen: nach dem US-amerikanischen Modell führt das geschilderte Überangebot an Qualifizierten zu einer Verdrängung von Niedrigqualifizierten vom Arbeitsmarkt. Demgegenüber steht das Modell des „alten Europa“ („la vecchia Europa“), insbesondere [Seite 27↓]Italiens, demzufolge ein Überangebot von Akademikern ohne Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation der niedrig Qualifizierten bleibt, sondern vielmehr zu einer erhöhten Akademikerarbeitslosigkeit (disoccupazione intellettuale) führt. In den Ländern der zweiten Gruppe, der auch Italien zuzurechen ist, findet folglich keine Verdrängung niedrig qualifizierter Arbeitskräfte durch höher qualifizierte Arbeitskräfte statt.

Verbleiben die Betroffenen hingegen in der Arbeitslosigkeit oder akzeptieren eine Beschäftigung unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus, so spricht man häufig von Brain waste. Dieser Begriff wurde nach Rhode (1991) von Münz geprägt und später von Fassmann et al. (1995) für ausländische Zuwanderer in Wien verwendet, die dort unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt sind17. Von Brain waste (wörtlich: Verschwendung von Gehirn) lässt sich aus wirtschaftlicher Perspektive immer dann sprechen, wenn erworbene Qualifikationen nicht in einer qualifikationsadäquaten Erwerbsarbeit produktiv umgesetzt werden. Beispielsweise beobachtete Rhode (1993) dieses Phänomen zu Beginn der 1990er Jahre bei osteuropäischen Wissenschaftlern auf dem westeuropäischen Arbeitsmarkt.

1.2.3 Aspekt der Brain mobility

Aufgrund des angenommenen Übergangs in die Wissensgesellschaft und der damit verbundenen Knappheit von Hochqualifizierten auf einem globalisierten Weltmarkt des Wissens genießt die internationale Mobilität von Hochqualifizierten sowohl von politischer als auch von wissenschaftlicher Seite gesteigerte Aufmerksamkeit.

Auf politischer Ebene ist der Verbleib von Hochqualifizierten längst Thema breiter Diskussionen. Bereits 1992 ging das IRDAC18 in seinem Bericht Skill shortages in Europe von einem Mangel an Hochqualifizierten in den Ländern der Gemeinschaft aus, der sich im Laufe der 1990er Jahre noch gesteigert hat. Dem Zweiten Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt zu Folge blieben im Jahr 2000 etwa 500.000 Arbeitsplätze innerhalb der EU aus Mangel an qualifizierten Arbeitskräften unbesetzt. Aufgrund des demographischen Wandels, der einen weiteren Rückgang der jungen Bevölkerung erwarten lässt, wird sogar von einer zukünftigen Verschärfung des bereits bestehenden Mangels an Hochqualifizierten ausgegangen (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2001: 14).

Im Jahr 2001 widmete die IOM19 dem Thema ein Sonderheft der Fachzeitschrift ‚International Migration’ mit dem Titel International Migration of the Highly skilled (vgl. die Einleitung von Iredale/Appleyard 2001) und die OECD veröffentlichte im gleichen Jahr einen Sammelband mit dem Titel Innovative people : Mobility of skilled personnel in national [Seite 28↓] innovation systems (OECD 2001f); bereits im Folgejahr erschien ein weiterer Band unter dem Titel International Mobility of the Highly skilled (vgl. OECD 2002a).

Aufgrund des befürchteten Mangels an Hochqualifizierten wurden in den letzten Jahren in den Parlamenten mehrerer Industrieländer neue Gesetze zur Rückholung eigener oder Anwerbung ausländischer Forscher und Spezialisten verabschiedet (vgl. z.B. Mahroum 2001). Die in Deutschland kontrovers diskutierte Einführung der Green Card zur geplanten Anwerbung von 20.000 ausländischen IT-Spezialisten scheint im Vergleich mit anderen Ländern geradezu bescheiden. Beispielsweise wurde im gleichen Jahr vom US-Congress die Erhöhung der jährlichen Quote von H1B Visa für „Highly skilled professionals“ von 115.000 auf 195.000 bis zum Jahr 2003 beschlossen (vgl. Cervantes/Guellec 2002).

1.2.3.1 Die interdisziplinäre Skilled Migration-Forschung

Von Seiten der interdisziplinären Migrationsforschung werden seit den 1980er Jahren internationale Wanderungen von Fach- und Führungskräften vor allem aus dem Blickwinkel der „skilled migration“ untersucht. Mit diesem Begriff wird eine unternehmensinduzierte internationale Mobilität von Hochqualifizierten bezeichnet, deren Motor grenzübergreifend agierende Unternehmen (‚Multinational companies’, MNCs) darstellen. Aufgrund der oftmals zeitlich begrenzten Aufenthaltsdauer am Zielort der Wanderung sprechen einzelne Autoren auch von „skilled transients“ (vgl. Findlay 1988) und grenzen sich damit vom Begriff Brain drain (s.u.) ab, der eine dauerhafte Abwanderung impliziert. ‚Skilled migration’ wird im Gegensatz zu ‚Brain drain’ als Begleiterscheinung der Ausdehnung der Multinational Companies (MNCs) sowie der fortschreitenden internationalen Arbeitsteilung (New International division of labour, NIDL) verstanden (vgl. z.B. Gould 1988; Wolburg 1996; Wolter 1997).

Im Zuge dieser Studien hat sich im angelsächsischen Sprachraum ein umfangreiches Vokabular zur Beschreibung der temporären internationalen Mobilität von Hochqualifizierten herausgebildet, deren Begrifflichkeiten in ihrer Verwendung jedoch nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden. Die Begriffe reichen von skilled transients (Findlay 1988), skilled international migration (SIM) (z.B. Findlay/Gould 1989), skill exchanges (Findlay 1990), high level labour movements (Findlay 1993)oder highly skilled professionals (HSP) (Cao 1996) bis hin zu human ressources in science and technology (HRST)(OECD 2002). Gemeinsam ist diesen Konzepten die besondere Aufmerksamkeit für Fachkräfte aus der technologieorientierten und naturwissenschaftlichen Forschung.

In der Forschungspraxis werden zudem unter den Begriffen der „skilled migration“ so unterschiedliche Phänomene wie die Emigration von Ingenieuren von Europa in die USA in den 1960er Jahren, von Naturwissenschaftlern aus Osteuropa nach Westeuropa nach der Wende, unternehmensinterne temporärere Wanderungen qualifizierter Firmenmitarbeiter, Wanderung von Krankenschwestern aus der Dritten Welt nach Europa und den USA, studentische Migration und Auslandsstudien und sogar Geschäftsreisen von qualifizierten Mitarbeitern verstanden (vgl. OECD 2002). Hierbei [Seite 29↓]wird nicht immer deutlich, ob sich das Kriterium der „skills“ oder „qualifications“ über formale Bildungsabschlüsse bzw. deren Antizipation (Studenten), das faktische Einkommen, oder einfach über die Nachfrage einer bestimmten Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt der Zielländer (z.B. Krankenschwestern) bestimmt.

Die betreffenden Forschungsarbeiten sind aufgrund der schwierigen Datenlage in der Mehrzahl der untersuchten Länder vor allem um eine Quantifizierung der räumlichen Mobilität einzelner Gruppen von Qualifizierten bemüht. In diesen oft volkswirtschaftlich ausgerichteten Studien wird das Phänomen internationaler Mobilität von Fach- und Führungskräften überwiegend auf der Makroebene behandelt, indem grenzüberschreitende Migrationen nach den Qualifikationen der Migranten selektiert und anschließend quantifiziert werden. Dabei wird in den meisten Studien davon ausgegangen, dass in der Bewertung sowohl für das Herkunftsland als auch für das Zielland die Vorteile des mit der mobility of highly skilled verbundenen Wissenstransfers gegenüber den möglichen Nachteilen überwiegen, solange es sich um einen Austausch von Hochqualifizierten handelt (vgl. z.B. Guellec/Cervantes 2002: 86).

Dies ist jedoch gerade aus der Perspektive betroffener Entwicklungsländer keineswegs unumstritten, da nach Körner (1998: 26) die unternehmensinternen Arbeitsmärkte der dort investierenden Multinationalen Unternehmen (MNCs) häufig vollkommen isoliert sind von den regionalen Arbeitsmärkten der betroffenen Gebiete und deswegen nicht von einer gleichwertigen Austauschbewegung von skills gesprochen werden könne. Das Argument, dass die selektive Abwanderung von Akademikern aus der Dritten Welt durch die skilled transients aus den Industrieländern ausgeglichen würden, verliert dadurch seine Gültigkeit.

In der interdisziplinären skilled migration-Forschung wird jedoch der Aspekt des Zusammenhangs zwischen dieser Form räumlicher Mobilität und den daraus resultierenden Konsequenzen für die betroffenen Ziel- und Quellgebiete der Wanderung auf der analytischen Ebene vernachlässigt. Dabei wurde in den Sozialwissenschaften häufig auf die nachteiligen ‚Nebenwirkungen’ einer Bildungsexpansion im tertiären Bildungssektor hingewiesen.Vor allem die Bildungssoziologie versucht, den Akzent von der auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Perspektive auf die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen von Bildung zu erweitern. Deren Argument lautet, dass ein erhöhtes Bildungsniveau der Bevölkerung einer Region zwar einerseits zu mehr Modernität führt, andererseits aber zu einer stärkeren individuellen Wanderungsbereitschaft und damit sozialer Instabilität. Demzufolge kann sich ein erhöhtes Bildungsniveau in schwach entwickelten Gebieten nachteilig auf die regionale Entwicklung auswirken, da die Gefahr der selektiven Abwanderung der Bestqualifizierten zunimmt (vgl. Fägerlind/Saha 1983; Husén/Postlethwaite 1994; Sünker/Timmermann/Kolbe 1995).

1.2.3.2 Brain drain, Brain gain und Brain exchange

Der Prozess der selektiven Abwanderung qualifizierter Personen wird üblicherweise mit dem Begriff des Brain drain beschrieben. Im Gegensatz zur Skilled migration beinhaltet Brain drain einen expliziten regionalen Bezug zu den Quellgebieten der Wanderung von [Seite 30↓]wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften, so dass dieses Konzept für eine geographische Fragestellung von größerer Relevanz ist. Innerhalb der geographischen Disziplin ist Brain drain Teil der Bildungsgeographie und

„impliziert, dass die Abwanderung von Hochqualifizierten im Herkunftsgebiet einen Mangel an Humanressourcen auslöst und dem Auswanderungsland schadet. Erstens gehen die Investitionen für die Ausbildung der Auswanderer verloren und zweitens nehmen diese Wissen und Innovationspotential mit, das die Herkunftsländer selbst dringend benötigen würden“ (Meusburger in Brunotte et al. 2002: 201).

Erstmalig verwendet wurde der Begriff im Jahr 1962 in einem Bericht der British Royal Society zur Benennung der negativen Konsequenzen, welche sich aus der Abwanderung von wissenschaftlich ausgebildeten Fachkräften für Großbritannien ergeben könnten (vgl. Meusburger in Brunotte et al. 2002: 201). Nach der dann folgenden ausführlichen Untersuchung von Adams (1968) unter dem Titel The Brain drain sowie von Chorafas (1968) über The Knowledge Revolution konzentrierte sich die Brain drain-Forschung sehr schnell auf die Wanderung von Wissenschaftlern aus Entwicklungsländern in Industrieländer. In der Folgezeit wurde das Phänomen vorrangig in Entwicklungsländern untersucht, da auch hier die beiden genannten Prämissen zuzutreffen schienen. Die Diskussion wurde insbesondere von Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern geführt, da es um die Frage ging, welche wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen für die betroffenen Herkunftsgebiete mit dem Brain drain verbunden waren.

Während die Brain drain-Debatte um die Entwicklungsländer in den 1980er Jahren stark abflaute (vgl. Körner 1998), ist der Begriff in den ehemaligen Ostblockstaaten nach dem Fall dem Zerfall der Sowietunion wieder in das Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit und politischen Diskussionen gerückt (vgl. Chesnais 1991; Tchalakov 1992; Hryniewicz et al. 1992; Rhode 1993; Valioukov/Simanovski 1993; Withol de Wenden 1995; Dolgikh 1995; Grecic 1995; Malacic 1995; Gyarfasova/Kuska 1997). In den westeuropäischen Industrienationen hingegen ist als Folge der massiven Hochschulexpansion und der damit einhergehenden Akademikerarbeitslosigkeit der Begriff Brain drain zunächst von den politischen und wissenschaftlichen Agenden verschwunden. Denn dessen Entstehung war an die historische Mangelsituation von Akademikern in den westlichen Industrienationen in den 1960er Jahren gebunden, die nun nicht länger gegeben war (vgl. Rhode 1993). Todisco hält folglich den Begriff angesichts einer global integrierten Wirtschaft in den 1990er Jahren grundsätzlich für unangemessen: „it is preferable to avoid making use of the term ‚Brain drain’, since it is historically associated with one-way directional flows“ (1993: 586).

Gerade in jüngster Zeit ist jedoch auch in der EU eine Rückkehr des Brain drain-Diskussion zu beobachten, welcher sich inzwischen weniger auf die Emigration von Akademikern aus Entwicklungsländern bezieht, als vielmehr auf die Abwanderung von hochkarätigen Forschern aus den westeuropäischen Ländern in die USA. Als Folge des Anstiegs des allgemeinen Bildungsniveaus der Bevölkerungen in diesen Ländern hat sich somit auch die empirische Messlatte der Brain drain-Untersuchungen um eine formale [Seite 31↓]Ausbildungsstufe nach oben verschoben: Nicht mehr Akademiker sondern promovierte und habilitierte Wissenschaftler drohen angesichts der genannten Prognosen zu einer knappen Ressource der europäischen Wissensgesellschaft zu werden. Die hierzu jüngst durchgeführten empirischen Untersuchungen konnten jedoch weder für Deutschland (vgl. Enders/Bornmann 2002a, 2002b) noch für Frankreich (Martinelli 2002) oder Italien (vgl. Censis 2002b; Francovich 2002) die angenommene Befürchtung eines quantitativ gewichtigen Brain drain von Forschern bestätigen, da die meisten Befragten nach einem zeitlich begrenzten Forschungsaufenthalt in den USA wieder nach Europa zurückkehren. Dennoch wird in allen Studien die qualitative Bedeutung des Phänomens hervorgehoben.

Über den klassischen Kernbegriff des Brain drain hinaus hat sich in den Regional- und Wirtschaftswissenschaften inzwischen ein differenziertes Vokabular zur Beschreibung der räumlichen Mobilität von Hochqualifizierten und zu deren Nutzung auf dem Arbeitsmarkt herausgebildet, welches vor allem durch die Verwendung des Begriffs „Brain“ gekennzeichnet ist. Zu den gebräuchlichsten gehören hierbei neben Brain drain die Begriffe Brain gain, Brain exchange und Brain overflow, die im folgenden kurz erläutert und abgegrenzt werden sollen.

Während der Begriff Brain drain einen Mangel der untersuchten Qualifikation im Herkunftsgebiet impliziert, beschreibt der Begriff des Brain overflow die Abwanderung von Qualifizierten in einer Situation des (statistischen) Überhangs von Hochqualifizierten im Quellgebiet. In der Perspektive der Abwandernden ist Brain overflow zu verstehen als Konsequenz aus einer Situation von overeducation 20, wenn junge Menschen aufgrund ihres erhöhten Qualifikationsniveaus keine adäquate Arbeit finden und als Reaktion darauf ein Land oder eine Region verlassen (Büchel/Witte 1997: 32). Die Situation der overeducation wird statistisch üblicherweise durch eine hohe Akademikerarbeitslosigkeit festgestellt, wobei dieser Indikator nicht unumstritten ist. Vielmehr hat sich gezeigt, dass die Phase der Bildungsexpansion im Hochschulsektor grundsätzlich mit einer vorübergehend erhöhten Akademikerarbeitslosigkeit einhergeht, da die jungen Universitätsabsolventen schon nach kurzer Zeit nicht mehr vergleichbar gute Stellen finden wie ihre Vorgänger und folglich länger in der Phase der Sucharbeitslosigkeit verhaftet bleiben (Fields 1994: 3179). Zudem impliziert der Begriff Overeducation eine normative Wertigkeit, nach der eine Gesellschaft ein höheres Ausbildungsniveau hat, als es notwendig oder wünschenswert wäre:

”‘Overeducation’ is a term which implies a judgement that a society (or an individual) has more education than is required or desirable [...] Whether a society is ‘undereducated’, ‘overeducated,’ or neither of the above depends, of course, upon the standard used to define required or desirable“ (Bishop 1994: 4249).

Diese statische Sichtweise vernachlässigt jedoch den Aspekt, dass die Inkongruenz zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt ein strukturelles Charakteristikum desselben ist und zudem nicht als statisches Moment [Seite 32↓]sondern als dynamischer Prozess zu verstehen ist. Daher ist dem Begriff overeducation der neutralere Begriff des mismatch vorzuziehen, welcher der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung entliehen ist (vgl. z.B. Szydlik 1997). Dieser bezeichnet eine empirisch beobachtete Inkongruenz zwischen den Qualifikationen der Arbeitskräfte eines Raumes und denjenigen der angebotenen Arbeitsplätze, ohne hierbei eine normative Wertung vorzunehmen.

Ein statistisch betrachtet identischer Migrationsstrom von Personen mit bestimmten akademischen Abschlüssen mag je nach Arbeitsmarktsituation im Herkunftsgebiet der Migranten in einem Falle als Brain drain, im anderen Falle als Brain overflow bezeichnet werden.

Brain gain wird als Komplementärbegriff zu Brain drain verwendet. Brain gain bezeichnet die Zuwanderung von Hochqualifizierten in bestimmte Länder oder Regionen. Aufgrund der positiven Nettowanderungsbilanz in Bezug auf die untersuchte Gruppe profitieren die entsprechenden Gebiete von den Humanressourcen anderer Regionen oder Länder. Von Brain gain kann aber auch gesprochen werden, wenn beispielsweise Studierende nach einem Auslandsstudium in ihr Heimatland zurückkehren (vgl. Rhode 1993; Stark et al. 1997; Straubhaar 2000; Wolburg 2001), oder Hochqualifizierte nach einem qualifizierenden Arbeits- oder Forschungsaufenthalt in ihrem Heimatland oder ihrer Heimatregion eine Beschäftigung finden.

Brain exchange bezeichnet die „internationale Migration von Hochqualifizierten zwischen Betrieben eines transnationalen Konzerns“ (Meusburger in Brunotte et al 2002: 201) und ist damit synonym mit Skilled migration oder verwandten Begriffen (s.o.) zu verwenden. Andere Autoren verwenden den Begriff unabhängig vom Kanal, durch den die Wanderung stattgefunden hat, für alle Formen des Austauschs von Hochqualifizierten zwischen zwei Gebietseinheiten (vgl. Straubhaar 2000, Wolburg 2001). Cao (1996: 269) spricht in diesem Zusammenhang auch von Brain circulation, wobei er hierunter nicht nur die zirkuläre Mobilität von Hochqualifizierten sondern auch die Zirkulation von kodifiziertem, also personenungebundenem Wissen versteht. Jöns (2003: 46-63) unterstreicht in ihrer Dissertation über die grenzüberschreitende Mobilität US-amerikanischer Humboldt-Preisträger die besondere Bedeutung der zirkulären akademischen Mobilität für die Entstehung regionaler Disparitäten des Wissens.

Über die Bewertung von Brain drain, Brain gain und Brain exchange in Bezug auf die Wirtschaft der betroffenen Gebiete herrscht in der Literatur nach wie vor Uneinigkeit. Auf der einen Seite bringt der Brain drain den Herkunftsländern zunächst überwiegend Nachteile, da diesen wichtige Humanressourcen und Bildungsinvestitionen verloren gehen, die sowohl für die wirtschaftliche als auch die soziale und politische Entwicklung dieser Länder wichtig sind (vgl. Logan 1992; Rhode 1993; Grubel 1994: 557). Auf der anderen Seite erfolgt durch die Rücküberweisungen der Abwanderer (sog. Rimessen) ein Kapitalstrom in die Quellgebiete der Wanderung. Vor allem Wirtschaftswissenschaftler neoklassischer Prägung betonen darüber hinaus die indirekten und langfristigen Vorteile für die Herkunftsländer, da sich zum einen der Brain drain positiv auf das Lohnniveau und die Bildungsbeteiligung im Heimatland auswirken kann [Seite 33↓](vgl. Stark et al. 1997 bzw. Stark 200221) und zum anderen davon ausgegangen wird, dass ein Brain drain nur die erste Stufe auf dem Wege zu einer Teilnahme am internationalen Brain exchange darstelle (vgl. Iredale/Appleyard 2001), der schließlich Vorteile für die beteiligten Länder bringt.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Begriffe Brain drain und Brain gain in die Wissenschaftssprache eingegangen ist, wird die räumliche Mobilität von Akademikern und Hochschulabsolventen in Italien in der Regel mit eigenen sprachlichen Begriffen bezeichnet. Die Begriffe für räumliche Mobilität von Hochqualifizierten sind „fuga di cervelli“ (wörtl. Flucht der Gehirne), „migrazione del talento“ (wörtl. Wanderung von Talenten) oder „migrazione intellettuale“ (wörtl. Intellektuellenwanderung), welche jedoch erst in jüngster Zeit aufgetaucht sind. Hierunter werden sowohl Migrationen von bereits Hochqualifizierten verstanden, als auch räumliche Bewegungen von Personen, die sich noch in der universitären oder postuniversitären Ausbildung befinden (vgl. Censis 2002b, Kap. 2).

1.2.3.3 Probleme der empirischen Untersuchung von Brain drain und Brain waste

Im Forschungskontext von skilled migration und Brain drain hat es in den letzten Jahren eine Reihe von empirischen Untersuchungen zur internationalen Mobilität von Hochqualifizierten gegeben (s.o.). Vergleichbare Untersuchungen auf der regionalen Ebene einzelner Staaten gibt es bislang kaum:

„Bisher wurde vorwiegend der brain drain zwischen Staaten (von Entwicklungsländern in Industrieländer) erforscht. Forschungen zum brain drain zwischen Regionen desselben Staats sind noch relativ selten“ (Meusburger in Brunotte et al. 2002: 201).

Für die vorliegende empirische Untersuchung der Nutzung der endogenen Humanressourcen von peripheren Gebieten im Übergang zur Wissensgesellschaft sind vor allem die Aspekte der Nutzung endogener Ressourcen und deren Integration in den regionalen Produktionsprozess von Bedeutung. Negativ ausgedrückt gilt es, die Problematik der Ab- und Rückwanderung von Qualifizierten (Brain drain bzw. Brain overflow oder Brain exchange) sowie der Unternutzung dieser Ressourcen (Brain waste) zu untersuchen.

Bei der empirischen Messung sowohl der Umsetzung als auch der Abwanderung der Humanressourcen stellen sich eine Reihe von Problemen, die beispielsweise schon Chorafas (1968) unter Verweis auf den „hidden brain drain“ hevorgehoben hat: „One of the dangers of brain drain is that it is immeasurable“ (Chorafas 1968: 43).

Unter „hidden brain drain” verstand Chorafas (1968: 43ff.) vor allem Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler und Manager, die in ihrem Heimatland für ein ausländisches Unternehmen arbeiten. Als Beispiele führt er Produkte an, die von deutschen und französischen Mitarbeitern [Seite 34↓]für die amerikanische Firma IBM entwickelt wurden. Seine Forderung danach, auch diese Formen des Brain drain zu berücksichtigen, begründet er damit, dass diese Firmen nicht nur die besten Arbeitskräfte für sich rekrutieren, sondern diese gleichzeitig auch für die Nutzung durch landeseigene Firmen unzugänglich machen. Aus heutiger Perspektive erscheint eine solche Interpretation der Aktivitäten von MNCs (multinational companies) gewiss sehr ungewöhnlich und politisch inopportun. Chorafas weist auch selber darauf hin, dass im Vergleich zum „sichtbaren“ Brain drain der ‚hidden brain drain’ als das „kleinere Übel“ zu erachten sei (Chorafas 1968: 45f.).

Zunächst gibt es keine sinnvollen Schwellenwerte, die eine Brain drain-Diagnose bzw. die Abgrenzung zwischen Brain drain und Brain overflow eindeutig festlegen würden. Gleiches gilt für den Brain waste, der lediglich in einem statistischen Kontinuum begreifbar erscheint, welches sich zwischen einer perfekten Allokation22 der Erwerbsperson und einer vollkommenen Erwerbslosigkeit bewegt.

Sowohl bei Brain waste als auch bei Brain drain stellt sich die Frage nach der statistischen Referenzregion23. Im Falle der hier untersuchten Hochschulabsolventen ergeben sich – wie noch gezeigt wird – sehr unterschiedliche räumliche Muster, je nachdem ob die Bewegungen in Bezug auf die Hochschulregion oder in Bezug auf die ursprüngliche Heimatregion bilanziert werden. Angesichts der sich verstärkenden demographischen Probleme in vielen europäischen Ländern und insbesondere in Italien scheint es angemessen, die Konzentration stärker auf die Herkunftsregion zu richten.

Beispielsweise untersucht Mohr (2002) die räumliche Mobilität von Hochschulabsolventen in Deutschland und stellt neben einer deutlichen Ost-West Wanderung auch eine West-Ost-Wanderung fest, so dass Ostdeutschland im Saldo ‚nur’ 4% der eigenen Absolventen verliert. Auch Büchel/Frick/Witte (2002) kommen bei ihrer Untersuchung der innerdeutschen Umzüge von Akademikern zu ähnlichen Ergebnissen, weisen aber gleichzeitig auf den möglichen Einfluss von ostdeutschen Rückkehrern hin.

Ungelöst ist in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Rolle studentischer Migration. Einzelne Autoren haben betont, dass schon die studentische Migration für sich genommen als Brain drain gewertet werden könne (vgl. Cao 1996; Salt 1997). Dies erscheint jedoch problematisch, da viele Studierende nach Ende ihres Studiums in ihre Heimatregion zurückkehren und somit von einem Brain gain für die entsprechende Quellregion gesprochen werden muss. Verbleiben die Absolventen jedoch in einer anderen Region, so traten sie bereits bei der Wahl des Hochschulstandorts in den Brain drain ein.

Teichler/Maiworm (1997: 147ff.) fanden bei einer Untersuchung der Erasmus-Studierenden heraus, dass fünf Jahre nach dem Erasmus-Studium etwa jeder sechste [Seite 35↓]ehemalige Erasmus-Student außerhalb seines Herkunftslandes arbeitet. Der Untersuchung zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit des Brain drain mit der Größe des Ziellandes der studentischen Migration und damit auch der Größe des dortigen Arbeitsmarktes.

Die genannten Fragen verweisen zudem auf den prozessualen Charakter des Brain drain, denn jegliche Brain drain-Diagnose stellt immer nur eine Momentaufnahme in einem Prozess dar, dessen späterer Verlauf nur mit Unsicherheit vorhergesagt werden kann. Absichtsbekundungen einer zukünftigen Mobilität bzw. einer Rückkehr in die Herkunftsregion sind hierbei mit großer Vorsicht zu interpretieren.

Abschließend stellt sich – wiederum in einer prozesshaft gedachten Perspektive – die Frage nach der Bewertung von Brain drain und Brain waste in Hinblick auf die zukünftige regionale Entwicklung. In jedem Brain drain steckt gleichzeitig das Potential eines zukünftigen Brain gain durch Rückwanderung. Jeder Brain waste – im Sinne einer hohen Arbeitslosigkeit von jungen Akademikern – stellt gleichzeitig eine wichtige regionale Ressource der wissensbasierten Ökonomie dar, die im Wettbewerb um Investoren als Gewicht in die Waagschale geworfen werden kann.

Meusburger weist in seiner Bildungsgeographie auf das Kräftefeld zwischen hochqualifizierten Arbeitsplätzen und hochqualifizierten Arbeitskräften hin:

„Innerhalb einer Arbeitsmarktregion stimmen bei den einzelnen Ausbildungsebenen das Angebot an Arbeitsplätzen und die Nachfrage nach Arbeitsplätzen in den seltensten Fällen überein. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Bildungsnachfrage und Bildungsangebot kann in der räumlichen Dimension entweder durch Migration der Erwerbstätigen oder durch Verlagerung von Arbeitsplätzen gelöst werden“ (Meusburger 1998: 210).

1.2.4 Fazit: Wissen und Regionalentwicklung in peripheren Regionen

Angesichts eines bereits existierenden Mangels an Hochqualifizierten innerhalb der Europäischen Union, der sich aufgrund der demografischen Entwicklung einer alternden Bevölkerung in der Zukunft noch verschärfen wird, ist in der europäischen Wissensgesellschaft der Aufbau von Humanressourcen sowie deren Umsetzung und Verbleib von entscheidender Bedeutung für die Entwicklungschancen der Peripherien. Gelingt es den Peripherien nicht, die eigenen Ressourcen in den Produktionsprozess einzubinden, so drohen sie in die Zentren abzuwandern und auf diese Weise die bestehenden Disparitäten weiter zu verstärken:

„Wenn die sozialen Aufsteiger einer peripheren Region zum größten Teil abwandern und dieser Verlust nicht durch entsprechende Zuwanderung kompensiert wird, verliert die Region einen Teil ihrer Humanressourcen, die für eine endogene Entwicklung notwendig wären. Außerdem kommt dann ein beträchtlicher Teil der in der Abwanderungsregion getätigten Bildungsinvestitionen anderen Regionen zugute. Im umgekehrten Fall schöpfen wichtige Zentren einen großen Teil der Humanressourcen aus den peripheren Gebieten und aus kleineren Zentren ab. Auf allen Maßstabsebenen (von der lokalen bis zur globalen) profitieren die „Zentren“ in der Regel davon, dass ein Großteil der dort erwerbstätigen hochrangigen Entscheidungsträger, Spezialisten und kreativen Akteure zugewandert ist“ (Meusburger 1998: 377f.).


[Seite 36↓]

Der Wirtschaftswissenschaftler Straubhaar befürchtet eine Verstärkung der regionalen Disparitäten zwischen europäischen Zentren und Peripherien durch die Mobilität der Humanressourcen:

„As a result, a 'core-periphery' divide develops, such that there are dynamic highly developed 'core' regions and underdeveloped 'periphery' regions. Thus the highly skilled gravitate towards the 'core', which gains from a more than proportional increase in income. A 'vicious cycle' develops; the poor regions become poorer and the rich regions become richer and the 'Brain Gain/Brain Drain' effect is intensified“ (Straubhaar 2000: 20).

Bestehende Ungleichgewichte zwischen den europäischen Regionen würden hierdurch ganz im Sinne der Polarisationstheorie verstärkt, anstatt zu einem Ausgleich zu gelangen, wie es neoklassische Gleichgewichtsmodelle postulieren (vgl. Fassmann/Meusburger 1997: 66-69). Gerade im Hinblick auf den Übergang von der Industrie- in die postindustrielle Wissensgesellschaft wäre hiermit eine große Chance vertan, die Entwicklung der Peripherien derjenigen der Zentren anzunähern.

1.3 Arbeitsmarkt und Wanderungsgeschehen in Italien in den 1990er Jahren

In Italien gab es bis vor wenigen Jahren noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für die regionalwirtschaftliche Bedeutung von Wissen und Humanressourcen. Während das Thema der Wissensgesellschaft bzw. der wissensbasierten Ökonomie auf der europäischen Ebene für die Politik als strategisches Ziel handlungsleitend geworden ist, und beispielsweise in Deutschland inzwischen zum politischen Alltagsvokabular gehört, findet der Begriff in Italien wenig Verwendung. Vielmehr hat der Autor bei einer Vortragsreise im Jahr 2001 in Italien feststellen können, dass die offizielle italienische Übersetzung „società della conoscenza“ selbst in Akademikerkreisen kaum bekannt war, und allenfalls als „knowledge society“ Eingang in wirtschaftswissenschaftliche Diskurse fand24.

Dessen ungeachtet hat die Veröffentlichung von Teilergebnissen der vorliegenden Untersuchung in der Rivista economica del Mezzogiorno (Jahnke 2001b) sowie als Auszug im viel beachteten Rapporto 2001 sull’economia del Mezzogiorno (Svimez 2001: 825-830) ein breites Echo in der italienischen Öffentlichkeit ausgelöst. So berichteten als Folge einer Pressemeldung durch das Svimez am 3. April 2002 mehrere überregionale Zeitungen in Italien über die Abwanderung junger Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno25. Das bislang schwache Bewusstsein für junge Akademiker als endogene Humanressource der regionalen Wirtschaftsentwicklung könnte somit aus dieser öffentlichen Debatte gestärkt hervorgehen.


[Seite 37↓]

1.3.1  Wachsende regionale Disparitäten in den 1990er Jahren

Der italienische Mezzogiorno ist geradezu das Musterbeispiel einer europäischen Peripherie. Wenngleich Italien zwischen 1861 und 1870 politisch-administrativ zum Nationalstaat vereinigt wurde, ist die soziale und wirtschaftliche Einigung des Landes bis heute nicht gelungen. Bis heute haben sich die sechs süditalienischen Regionen Molise, Abruzzen, Kampanien, Apulien, Basilikata und Kalabrien sowie die beiden zugehörigen Inseln Sizilien und Sardinien nicht aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Nord- und Mittelitalien befreit. Noch immer spricht die Europäische Kommission von der italienischen Volkswirtschaft als einer „divided economy“. Diese wirtschaftliche Spaltung zwischen Nordmittelitalien (Centro-Nord) und dem Mezzogiorno konnte weder durch den staatlich gesteuerten Infrastrukturausbau noch durch die Industrialisierungsmaßnahmen oder die massiven Ausgleichzahlungen der Cassa per il Mezzogiorno überwunden werden. Noch heute bleibt der italienische Mezzogiorno bezüglich der beiden statistischen Indikatoren ‚Bruttoinlandsprodukt pro Kopf‘ und ‚Beschäftigung‘ weit hinter dem „Centro-Nord“ zurück, wie ein Blick auf die Statistiken zeigt:

Gerade das Bevölkerungssegment junger italienischer Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno lässt ein besonders hohes Migrationspotential erwarten. Hierfür sprechen die folgenden Gründe:


[Seite 38↓]

Gleichwohl mangelt es bislang an einer geographischen Untersuchung, die sich mit der räumlichen Mobilität und der Erwerbssituation von Akademikern in Italien und insbesondere im italienischen Mezzogiorno beschäftigt. Das ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass die Bildungsgeographie – wie in Deutschland vor allem von Meusburger (1998) vertreten - in Italien als Forschungszweig nicht etabliert ist.

Dabei genießt die Arbeitsmarktintegration junger Hochschulabsolventen seit der breiteren Debatte um die „disoccupazione intellettuale“ (wörtlich: Intellektuellenarbeitslosigkeit) in den 1980er Jahren (vgl. etwa Barbagli 1974, 1982; Francesco 1988a) zunehmende Aufmerksamkeit. Das nationale italienische Statistikamt Istat erfasst seither die Entwicklung der Erwerbssituation junger Absolventen in Form von regelmäßigen Befragungen.

Darüber hinaus hat sich in den 1990er Jahren an der Universität Bologna ein Zusammenschluss von mehreren Universitäten unter dem Namen AlmaLaurea gegründet, der sich die aktive Vermittlung junger italienischer Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt zum Ziel gesetzt hat. Unter anderem pflegt diese Institution eine Datenbank mit den Daten junger Hochschulabsolventen, die durch regelmäßige Befragungen und durch „Tracer Studies“ jährlich aktualisiert wird. Auf diese Weise werden auch hier zuverlässige Zahlen zur Beschäftigungssituation der Absolventen der beteiligten Universitäten erhoben und in Form von kleinen statistischen Berichten veröffentlicht 26. Da die Teilnahme der Universitäten freiwillig und mit Kosten verbunden ist, ist die Auswahl – im Gegensatz zu den ISTAT-Befragungen - nicht repräsentativ, sondern wird von den Universitäten selbst festgelegt.

Bevor jedoch die Untersuchung der Erwerbssituation und der räumlichen Mobilität junger Hochschulabsolventen in ihren regionalen Disparitäten erfolgt, wird zunächst der italienische Arbeitsmarkt und das italienische Wanderungsgeschehen, deren regionale Muster und wechselseitige Beeinflussung dargestellt.

1.3.2 Entwicklungen des italienischen Arbeitsmarktes seit dem Zweiten Weltkrieg

Ähnlich wie in Deutschland waren die Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst durch den Wiederaufbau und anschließend durch eine starke Wachstumsphase gekennzeichnet. Nach der Phase der „ricostruzione“ (Wiederaufbau), die ungefähr von 1945 bis 1959 andauerte, folgte in den 1960er Jahren das italienische Wirtschaftswunder, das bis zur Ölkrise 1973 andauerte. Obwohl während des „miracolo economico“ die Zahl der Beschäftigten in Italien über den gesamten Zeitraum betrachtet rückläufig war, blieb die Arbeitslosenquote in dieser Zeit aufgrund der sinkenden Erwerbspersonenzahlen stabil. Der Grund für die rückläufigen Erwerbspersonenzahlen lag in der weiter anhaltenden Arbeitskräfteauswanderung nach Mitteleuropa und Übersee, welche zeitweilig einen regelrechten Arbeitskräftemangel auf dem italienischen Arbeitsmarkt mit sich brachte. 1963 erreichte die Arbeitslosenquote in Italien ihr [Seite 39↓]historisches Rekordtief von 3,9%, und selbst im Jahr 1971 lag sie mit 6,4% noch unterhalb des Niveaus von 1959 (7,0%) (vgl. Reyneri 1996: 57-61).

Die als Folge der Ölkrise von 1972 einsetzende Rezession traf Italien besonders schwer, da es als Ölimportland in starker Weise von Entwicklungen auf dem Weltmarkt abhängig war. Der einsetzenden Wirtschaftskrise folgte eine Phase hoher Inflation und wirtschaftlicher Stagnation während der 1980er Jahre, die schließlich am Ende der 1980er Jahre in eine weitere Rezession mündete: „Seit 1989 befand sich die Wirtschaft in freiem Fall und 1993 verzeichnete das BIP zum ersten Mal seit 18 Jahren einen Rückgang um 0,7%“ (Drüke 2000: 32). Zeitgleich mit dieser bedrohlichen zweiten Wirtschaftskrise setzte Anfang der 1990er Jahre die politische Krise um die Parteienkorruption und die Verflechtung von Politik und Mafia ein. Zudem erfüllte Italien zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Beitrittskriterien für die Währungsunion. Ab 1992 wurden darum massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen durchgeführt, die auch den Arbeitsmarkt berührten.

Bis zu dieser grundsätzlichen Umstrukturierung Anfang der 1990er Jahre gab es in Italien eine zwanzigjährige Phase des Anstiegs der Arbeitslosenquote von 6,4% (1972) auf 10,9% (1992), welche nach dem erstmaligen Überschreiten der 10%-Marke im Jahr 1984 in eine Phase der Massenarbeitslosigkeit überging, aus der Italien nur kurzzeitig auszubrechen vermochte (vgl. Reyneri 1996: 59). Den Grund für diese Entwicklung sieht Namuth (1992: 137 bzw. 45) in der italienischen Arbeitsmarktpolitik, die sich zur Lösung des Arbeitsmarktproblems nicht beschäftigungspolitisch engagiert, sondern sich des einfacheren Weges der Auswanderungspolitik bediene, um mit Hilfe dieses „Ventils“ das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in erträglichen Maßen zu halten.

Die ausschließliche Betrachtung der Arbeitslosenquoten bildet die tatsächlichen Dynamiken auf dem italienischen Arbeitsmarkt jedoch nur in unzureichendem Maße ab. Hinter den steigenden Arbeitslosenquoten vollzog sich nämlich gleichzeitig zwischen 1972 und 1992 ein stetiger Zuwachs bei den Beschäftigtenzahlen mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten von über 0,6%, so dass neben der Arbeitslosenquote auch die Erwerbstätigenquote in dieser Phase kontinuierlich anstieg. Beide Entwicklungen wurden ganz wesentlich von Frauen getragen, deren Erwerbsquoten und Erwerbstätigenquoten nach einer Phase des Rückgangs bis 1972 in den beiden folgenden Jahrzehnten kontinuierlich zunahmen. Die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen kompensiert somit sogar den Beschäftigungsrückgang der Männer, der sich gleichermaßen in sinkenden Erwerbs- und Erwerbstätigenquoten zwischen 1972 und 1992 äußert. Obwohl die genannten Zuwachsraten weit über den zentral- und nordeuropäischen (0,25%) sowie auch den gesamteuropäischen (0,35%) Zuwachsraten lagen, blieb die Erwerbstätigenquote Italiens auch 1992 mit 45% (1998: 47,3% s.o.) noch unterhalb des EU-Durchschnitts (50%) (vgl. Reyneri 1996: 66).

Zu Beginn der 1990er Jahre erreichte die Beschäftigtenzahl in Italien einen vorläufigen Höhepunkt, bevor sie im Sog der industriellen Umstrukturierung einbrach. Von den Massenentlassungen in den Jahren 1993 und 1995 war insbesondere das Industriedreieck Nordwestitaliens betroffen, aber auch der Mezzogiorno. Wenngleich die amtlichen [Seite 40↓]Werte vor und nach 1993 aufgrund der veränderten Zuordnungskriterien von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung kaum vergleichbar sind, so ist der dramatische Beschäftigungsrückgang noch zwischen 1993 und 1995 in der Statistik zu verfolgen. Damit verbunden war ein stetiger Anstieg der Arbeitslosenquoten, der bis zum Ende der 1990er Jahre anhielt.

Beachtlich ist hierbei jedoch, dass sich der Beschäftigungsrückgang rechnerisch ausschließlich zu Lasten der männlichen Arbeitnehmer vollzog. Für die Frauen stiegen die Erwerbs- und die Erwerbstätigkeitsquoten auch zu Beginn der 1990er Jahre (vgl. Reyneri 1996: 54-61).

Nach einem Tiefpunkt der Beschäftigtenzahlen im Jahr 1995 hat seitdem jedoch ein regelrechter Beschäftigungsboom eingesetzt, der einen Anstieg der Beschäftigtenzahlen zwischen 1995 und 2001 um fast 1,5 Mio. mit sich brachte. Das entspricht einem Zuwachs von 7,4% in nur sechs Jahren. Mit einem Anstieg der Beschäftigtenzahlen von über einer Million sind vor allem Frauen die Trägerinnen dieser Entwicklung. Aber auch bei den Männern ist seit 1995 wieder ein Wachstum der Beschäftigung um 436.000 bis zum Jahr 2001 (entspricht 3,3%) erkennbar27.

Auch diese positive Umkehr der Entwicklung bleibt zunächst ohne Auswirkungen auf die Arbeitslosenquote, da die steigende Erwerbsbeteiligung noch bis 1998 zu einem Anstieg bzw. einer Stagnation der Arbeitslosenquote in Italien führt. Erst die stetig rückläufigen Arbeitslosenzahlen seit 1998 lassen die Arbeitslosenquote absinken, so dass Italien im Jahr 2001 wieder unter die 10%-Marke fällt und damit die Periode der Massenarbeitslosigkeit vorläufig beendet ist. Dennoch liegt das Land mit einer Arbeitslosenquote von 9,5% auch im Jahr 2001 innerhalb der EU lediglich auf dem drittletzten Platz vor Spanien (13,0%) und Griechenland (10,2%).

Wenngleich der jüngste Beschäftigungsboom inzwischen das ganze Land erfasst hat, so ergeben sich doch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen, und zwar sowohl im Verlauf als auch in den Ausmaßen der Beschäftigungszunahme. Denn die Trendumkehr der Beschäftigung, die in Nord- und Mittelitalien bereits seit 1995 deutlich erkennbar ist, setzt im Mezzogiorno mit einer zeitlichen Verzögerung ein. Zudem bleibt die Zuwachsrate der Beschäftigung trotz einer deutlich schlechteren Ausgangssituation im Mezzogiorno mit +6,7% zwischen 1995 und 2001 hinter den anderen beiden Landesteilen (Norditalien +7,7 bzw. Mittelitalien +7,8%) zurück, was die bestehenden regionalen Disparitäten zusätzlich verstärkt28.

Auffällige Unterschiede zeigen sich darüber hinaus in der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, die in Nord- und Mittelitalien seit 1995 kontinuierlich und sogar mit immer schnelleren Rhythmen zurückgehen. Im Mezzogiorno ist hingegen noch bis 1999 eine steigende Arbeitslosigkeit zu beobachten, so dass die Zahl der Arbeitslosen hier trotz anschließenden Rückgangs bis zum Jahr 2001 lediglich knapp unter das Niveau von [Seite 41↓]1995 (-0,1%) zurückfällt. Demgegenüber sank die Zahl der Arbeitslosen in Mittelitalien zwischen 1995 und 2001 um 23% (-102.198) und in Norditalien sogar um 37% (-266.868). Somit ist in Norditalien die Arbeitslosenzahl binnen sechs Jahren um mehr als ein Drittel geschrumpft, während der Arbeitsmarkt im Mezzogiorno trotz Beschäftigungszuwachs (+383.825) keinen wesentlichen Abbau der Arbeitslosigkeit verbuchen konnte.

Abbildung 2: Entwicklung wichtiger Arbeitsmarktindikatoren in Italien und in den drei italienischen Landesteilen zwischen 1995 und 2001

Daten: ISTAT - Forze di lavoro Media 1993-2001; Berechnung und Darstellung: H. Jahnke 2004

Die massive Arbeitslosigkeit bleibt aber auch nach der Unterschreitung der formalstatistischen 10%-Schwelle ein Problem der italienischer Beschäftigungspolitik Besonders fällt ins Gewicht, dass sich das allgemeine Problem hoher Arbeitslosigkeit in den Teilsegmenten der Frauenarbeitslosigkeit, der Langzeitarbeitslosigkeit sowie der Jugend- und Integrationsarbeitslosigkeit zuspitzt (vgl. Große/Trautmann 1997: 142-145; Drüke 2000: 136-146). Im direkten Vergleich treten zudem die ausgeprägten interregionalen Disparitäten zutage. Verglichen mit dem wohlhabenden Norden erscheint die Situation in einzelnen Regionen, Provinzen und Gemeinden des Mezzogiorno besonders dramatisch.

1.3.3 Allgemeines Wanderungsgeschehen in Italien

Das Wanderungsgeschehen in Italien stand bereits in den Phasen der großen Auswanderungen in engem Zusammenhang mit der Erwerbssituation der einzelnen [Seite 42↓]Personen, Orte oder Regionen. Seit der nationalen Einigung in den Jahren ab 1861 ist die Erwerbssituation der italienischen Bevölkerung von hoher Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und informellen Tätigkeiten gekennzeichnet. Bereits in den ersten Jahrzehnten der Existenz des italienischen Staates reagierten die Arbeitskräfte in vielen Regionen, insbesondere im Mezzogiorno, mit Auswanderung auf die schwierigen sozialen Bedingungen. Die Probleme Arbeitslosigkeit, Armut und Auswanderung waren somit von Anfang an eng miteinander verknüpft, so dass Namuth (1992: 58-61) die Periode zwischen 1861 und 1945 mit der Überschrift „Als sich die Arbeitslosen Emigranten nannten“ charakterisiert. Ähnliches lässt sich für die zweite Auswanderungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg sagen.

1.3.3.1 Internationale Wanderungen

Aufgrund seiner langen Emigrationstradition und der großen Zahl der Auswanderer gilt Italien als das bedeutendste europäische Emigrationsland. Zwischen 1876 und 1968 haben über 25 Mio. Menschen als Arbeitsemigranten das Land verlassen, von denen ca. 12 Mio. in das außereuropäische Ausland abgewandert sind. Während offiziellen Regierungsangaben zufolge Anfang der 1990er Jahre noch fünf Millionen italienische Staatsbürger ihren Wohnsitz außerhalb Italiens haben, gehen Schätzungen davon aus, dass weltweit etwa 130 Mio. Menschen italienischer Abstammung leben. Angesichts einer Bevölkerungszahl in Italien von etwa 57 Mio. legitimieren diese Zahlen in gewisser Weise die Persistenz des Bildes Italiens als Auswanderungsland (vgl. Brütting 1997: 291; Montanari 1993b: 21; Grosse/Trautmann 1997: 111; Rosoli 1993: 282).

Betrachtet man jedoch die jüngeren Wanderungsstatistiken Italiens, so ist diese Bezeichnung bereits seit über 30 Jahren nicht mehr uneingeschränkt gerechtfertigt, denn das Land verzeichnet seit 1972 einen positiven Wanderungssaldo. Anfänglich war dieser Zuwanderungsüberschuss noch sehr schwach und zu erheblichen Teilen der Rückwanderung italienischer Arbeitskräfte geschuldet, die durch die Ölkrise und anschließende Krise des produzierenden Gewerbes freigesetzt wurden. Seit Mitte der 1980er Jahre wurde er jedoch überwiegend von Zuwanderungen sogenannter „extracomunitari“ aus europäischen Nicht-EU-Staaten bzw. außereuropäischen Staaten getragen (vgl. Rother/Tichy 1999: 138f.; Montanari/Cortese 1993b: 275). Italien entwickelte sich somit im Verlauf der 1980er Jahre vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland. Die Gründe für diese Entwicklung liegen in der Permeabilität der italienischen Außengrenze, dem wachsenden Wohlstand in Italien, der Ausdehnung des unteren Arbeitsmarktsegments im Zuge der postindustriellen Umstrukturierung des italienischen Arbeitsmarktes, dem hohen Bevölkerungsgradienten zwischen mediterraner Süd- und Nordküste sowie den Push-Faktoren in den Herkunftsgebieten (vgl. King 1993a: 288f.).

Diese grundlegenden Veränderungen brachten auch einen regelrechten Paradigmenwechsel in der italienbezogenen internationalen Wanderungsforschung mit sich. Abgesehen von vereinzelten Studien über die anhaltende Rückwanderung von Italienern (z.B. Bonifazi/Heins 1996; Schulte 1993), rückte nun die internationale [Seite 43↓]Zuwanderung von Menschen aus außereuropäischen Staaten ins Blickfeld der Betrachtung. Italiens Schlüsselrolle bei den regulären und irregulären Zuwanderungsströmen nach Europa im Kontext der wachsenden globalen „Süd-Nord-Wanderungen“ wurde gleichermaßen von Wissenschaft und Politik betont. Während sich die italienischen Regierungen durch eine Folge von Einwanderungsregularien und Legalisierungsmaßnahmen bemühten, der faktischen Zuwanderung nach Italien mehr Transparenz zu verleihen (vgl. Rosoli 1993: 283; Montanari 1993b: 24-28; Bolaffi 1994), zog Italien als Brückenkopf im „Rio Grande Europas“ (Montanari 1993b) bzw. als europäisches „Ellis Island“ (Hillmann 2000) die gesteigerte Aufmerksamkeit der internationalen Migrationsforschung auf sich.

Die frühen Studien der 1990er Jahre stellten hierbei insbesondere strukturelle Analysen der Migrantinnen und Migranten nach Herkunftsländern, Geschlecht, Alter, Wanderungsgründen und Integration in den italienischen Arbeitsmarkt in den Vordergrund (vgl. Campani 1994; Barsotti/Lecchini 1994; Birindelli 1992; King 1993a; Montanari/Cortese 1993; Montanari 1993b; Krings 1995). Erst später folgten qualitative Untersuchungen, welche sich mit der Integration spezifischer ethnischer Zuwanderergruppen in einzelnen italienischen Städten und Gemeinden beschäftigten (z.B. Hillmann/Krings 1996). Diesen Arbeiten zur internationalen Zuwanderung wurde nicht zuletzt aufgrund der stark mediatisierten Bilder von Landungen albanischer, jugoslawischer, tunesischer oder marokkanischer Schiffe vor den Küsten Italiens viel öffentliche Aufmerksamkeit gewidmet.

1.3.3.2 Binnenwanderungen

In deren Schatten verschwand das traditionell politisch brisante Thema der inneritalienischen Binnenwanderungen weitgehend von den politischen – und wissenschaftlichen - Agenden. Schließlich waren die Abwanderungen aus dem Mezzogiorno in die prosperierenden Industrieregionen Nord(west)italiens seit den 1970er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich rückläufig gewesen (vgl. z.B. Bonaguidi/Terra Abrimi 1996; Faini et al. 1997; Mencarini 1999; Svimez 2001: 23), und auch die im Zuge der Deindustrialisierung einsetzende West-Ost-Wanderung Anfang der 1990er Jahre war nur von kurzer Dauer (vgl. Rother/Tichy 1999: 140f.). Damit schienen die großräumigen Wanderungsbewegungen innerhalb Italiens endgültig irrelevant geworden und wurden von der Forschung vernachlässigt. Untersuchungen zur Binnenmigration fokussierten fortan auf das Wechselspiel zwischen intraregionalen Wanderungen und der Neuordnung der Siedlungssysteme. Großräumige Bewegungen zwischen den drei Landesteilen wurden kaum thematisiert (vgl. z.B. Bonifazi 1999c; Bonifazi/Heins 2000).

Seit Mitte der 1990er Jahre ist jedoch bezüglich der Süd-Nord-Wanderung eine bemerkenswerte Trendumkehr zu beobachten, da zwischen 1995 und 1999 die Abwanderung aus dem Mezzogiorno erneut kontinuierlich angestiegen ist. Bei gleichzeitig stagnierenden bzw. rückläufigen Zuwanderungszahlen aus den anderen Landesteilen erreichte der Mezzogiorno im Jahr 1999 negative Binnenwanderungssalden [Seite 44↓]in einem Ausmaß, wie sie seit den 1970er Jahren nicht mehr anzutreffen waren. Kamen 1995 auf 104.200 Abwanderer noch 57.500 Zuwanderer (Saldo -46.700), so standen im Jahr 1999 den 59.674 Zuzügen aus dem Centro-Nord schon über 136.600 Fortzüge gegenüber (Saldo -76.975)29. Insgesamt wird davon ausgegangen, dass mindestens 60% der Wanderungsverluste junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren sind (Bonifazi 1999: 7).

Die sich verstärkenden negativen Binnenwanderungssalden im Mezzogiorno gewinnen in den 1990er Jahren aber auch dadurch an Bedeutung, dass die Binnenwanderungsverluste immer weniger durch den Geburtenüberschuss und den Wanderungsüberschuss aus dem Ausland ausgeglichen werden. Zum einen bringen die rückläufigen Geburtenraten eine Verlangsamung des natürlichen Bevölkerungswachstums mit sich, zum anderen sind die Außenwanderungsbilanzen des Mezzogiorno trotz leichter jährlicher Schwankungen tendenziell ausgeglichen. Das Zusammenspiel dieser Entwicklungen führte seit 1997 zu einem effektiven Bevölkerungsrückgang im Mezzogiorno (z.B. 1999 minus 2,0 pro 1000 Einwohner), wohingegen Nord- und Mittelitalien („Centro-Nord“) bei einem deutlichen Sterbeüberschuss sogar ein Bevölkerungswachstum (z.B. 1999 plus 4,9 pro 1000 Einwohner) verbuchen konnten (vgl. Svimez 2001: 1-9).

Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut Svimez in seinem Bericht zur wirtschaftlichen Lage des Mezzogiorno im Jahr 2001 feststellt, droht der Mezzogiorno nach einer über zwei Jahrzehnte andauernden Phase der Bevölkerungskonsolidierung nun wieder in die Rolle des „Humanressourcenlieferanten“ für den Rest des Landes zurückzufallen:

„Die wachsenden Verluste des Mezzogiorno im Bevölkerungsaustausch mit dem Rest des Landes, welche in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zu beobachten waren, bestätigen erneut die grundlegend untergeordnete Stellung des Südens im nationalen Migrationssystem“ (Svimez 2001: 8)30.

Nachdem die Phase der wirtschaftlichen Umstrukturierung zu Beginn der 1990er Jahre und die damit verbundene Beschäftigungskrise Rückkehr und Immobilität gefördert haben, führt der Beschäftigungsboom auf den norditalienischen Arbeitsmärkten in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erneut zu einer Mobilisierung der Arbeitskräfte des Mezzogiorno.

1.3.4 Wanderungen von Akademikern

Sowohl in den Untersuchungen zur internationalen Wanderung als auch in denjenigen der Binnenmigration wird das Qualifikationsniveau der Migranten grundsätzlich vernachlässigt. Wenngleich einzelne Autoren punktuell auf das hohe Bildungsniveau der [Seite 45↓]Zuwanderer aus den Nicht-EU-Ländern bzw. den außereuropäischen Ländern hinweisen (z.B. Rosoli 1993; Campani 1994; Hillmann/Krings 1996), so mangelt es auch hier an einer systematischen Einordnung in den bestehenden Forschungskontext der Wanderungen von Hochqualifizierten. Dies ist damit zu begründen, dass Zuwanderer aus unterentwickelten Ländern in aller Regel unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus angestellt werden, beispielsweise als Hausangestellte oder in anderen unterbezahlten, arbeitsintensiven Segmenten des Dienstleistungsbereichs, in denen der eigentliche Bildungsabschluss keine Wertschätzung erfährt (vgl. Barsotti/Lecchini 1994: 89). Weder der mögliche Brain drain aus den Herkunftsländern noch der faktische Brain waste auf dem italienischen Arbeitsmarkt werden im Rahmen dieser Studien eingehend thematisiert.

1.3.4.1 Fuga di cervelli aus Italien

Bezüglich eines möglichen Brain drain aus Italien gab es in den 1990er Jahren zwei Untersuchungen, die Montanari (1993a, 1995) zu Beginn der 1990er Jahre veröffentlichte. Beide Studien beschäftigten sich mit der Abwanderung von Akademikern und Abiturienten und stützten sich auf die Sekundärstatistiken des ISTAT, welche in der Reihe Iscrizioni e cancellazioni nei comuni (wörtl. An- und Abmeldungen in den Gemeinden) veröffentlicht werden.

Montanari (1995) konnte zeigen, dass die Abwanderung von Akademikern aus Italien im Gesamtzusammenhang der italienischen Emigrationen von zweitrangiger Bedeutung war. Von den 66.000 Italienern, die im Jahr 1989 ihren Wohnsitz ins Ausland verlagert hatten, verfügten weniger als 5% (etwas über 3.000 Personen) über einen Hochschulabschluss (laurea), und weniger als 12% waren im Besitz eines Sekundarschulabschlusses. Damit liegt zwar der Akademikeranteil der Emigranten leicht über demjenigen der italienischen Gesamtbevölkerung, für die Klassifikation eines Brain drain im Sinne einer selektiven Abwanderung von Akademikern waren die Werte jedoch eindeutig zu niedrig.

Eine Längsschnittanalyse der Daten des ISTAT für die Jahre 1974 bis 1990 auf der Basis der italienischen Gemeinden unterstrich den Befund eines niedrigen Ausbildungsniveaus der Emigranten. Montanari stellte zwar einen Anstieg des Akademikeranteils der Emigranten im Verlauf der 1980er Jahre fest; dieser spiegelte jedoch lediglich den wachsenden Akademikeranteil der Gesamtbevölkerung wider. Ein interessantes Ergebnis der Studie waren die regionalen Unterschiede der Akademikeranteile bei den Abwanderungen: lag der Akademikeranteil der Emigranten aus Mittelitalien bei 10% und in Norditalien bei 9%, so machte er in Süditalien lediglich 1,7%, auf den Inseln Sardinien und Sizilien sogar nur 0,8% aus (Montanari 1993a: 714f. und 1995: 45). Gleichzeitig beobachtete Montanari innerhalb des Untersuchungszeitraums eine Verschiebung des Phänomens Akademikeremigration von den nördlichen Grenzregionen zu den Regionen des Mezzogiorno. Dennoch blieb die Akademikeremigration in den Regionen des Mezzogiorno nicht nur hinter denjenigen Norditaliens sondern auch hinter den Zahlen der Migranten mit einem niedrigeren Bildungsabschluss zurück.


[Seite 46↓]

Trotz der geringen internationalen Akademikermobilität im Italien der 1980er Jahre prognostizierte Montanari für die 1990er Jahre einen Anschluss Italiens an das internationale System der 'skilled migration'. Seine Annahme stützte er einerseits auf die festgestellte wachsende Mobilitätsneigung von Akademikern und andererseits auf die gleichzeitig zunehmende internationale Verflechtung der italienischen Volkswirtschaft. Da es sich bei der unternehmensinternen ‚skilled migration’ jedoch oft um zeitlich begrenzte Wanderungen handelt, werden diese neuen Formen der Migration aber nur unzureichend in den Statistiken abgebildet (vgl. Montanari 1993a: 725). Dieses methodische Problem trifft sowohl auf die internationale Migration als auch auf die Binnenmigration zu, da die Erhebungswerkzeuge – die Meldungen in den Einwohnermeldeämtern – die gleichen sind.

Nachdem es in den 1990er Jahren zunächst keine weiteren Studien zur Abwanderung von Akademikern aus Italien gegeben hat, ist die fuga di cervelli in jüngster Zeit erneut zum Thema öffentlicher politischer Diskussionen geworden. Auslöser dieser Debatte ist die Veröffentlichung des Sammelbandes Cervelli in fuga. Storie di menti italiane fuggite all'estero, der im Jahr 2001 von der ‘Associazione di dottorandi e dottori di ricerca in Italia’ herausgegeben wurde (Palombini 2001)31. Der kleine Band ist eine Zusammenstellung von italienischen Forscherbiographien, die aus Unzufriedenheit mit den unzureichenden Forschungsbedingungen und dem mangelnden Meritokratismus die italienische Forschungslandschaft verlassen haben und inzwischen an ausländischen Universitäten und Forschungseinrichtungen arbeiten. Als Folge der anschließenden Diskussion in der italienischen Öffentlichkeit führte das sozialwissenschaftliche Institut Censis in Zusammenarbeit mit der Universität Venedig eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung zum Thema der fuga di cervelli durch (Censis 2002a; Censis 2002b; vgl. auch Francovich 2002).

Allein für den Bereich der akademischen Forschung und Lehre konnten bei dieser Studie im Jahr 2000 weltweit etwa 2.600 Namen von italienischen Forschern und Professoren in ausländischen öffentlichen Bildungs- und Forschungsstrukturen zusammengetragen werden, von denen wiederum 737 an einer Befragung per E-Mail teilnahmen. Von diesen arbeitete mehr als die Hälfte in einem europäischen Land, mehrheitlich in Großbritannien und Frankreich, ein weiteres Drittel (34,3%) in den Vereinigten Staaten. Die fachlichen Schwerpunkte bilden die Naturwissenschaften und der medizinische Bereich (vgl. Censis 2002b). Die Mehrheit der Befragten hat Italien erst nach dem Studium im Rahmen einer Doktorarbeit oder sogar eines Post-Doc verlassen: 87,5% haben den Hochschulabschluss in Italien erworben, wohingegen 61,5% ihre Promotion im Ausland erlangt haben. Die untersuchte fuga di cervelli setzte also nicht während des Studiums ein, sondern zu ganz überwiegenden Teilen erst nach Studienende. Die Gründe für die Abwanderung stellen für 87,1% der Befragten die schlechten Forschungs- und Arbeitsbedingungen innerhalb des italienischen Systems dar, was sich [Seite 47↓]vor allem in der unzureichenden Forschungsfinanzierung und den begrenzten Karrieremöglichkeiten äußert.

Wenngleich aus der Untersuchung eine deutliche Kritik am bestehenden Hochschul- und Forschungssystem in Italien deutlich wird, verweisen die Ergebnisse gleichzeitig auf eine verbreitete Rückkehrbereitschaft der ‚Forscheremigranten’, die von fast der Hälfte der Befragten angegeben wird. Diese Zahl variiert in Abhängigkeit vom Alter der Befragten, denn je länger die ‚Emigranten’ bereits außerhalb Italiens arbeiten, desto schwächer sind deren Rückkehrabsichten. Als Rückkehrbarrieren werden insbesondere die Forschungsbürokratie, die Unsicherheiten im Karriereverlauf, die schlechtere Bezahlung und familiäre Gründe genannt (Censis 2002b: 79f.).

Die Ergebnisse der Studie fanden schließlich in den Jahresbericht des Censis (2002a: 72f.) Eingang, was die politische Relevanz der „fuga di cervelli“ aus Italien verdeutlicht. Wenngleich in der Untersuchung auf die Unmöglichkeit einer verlässlichen Quantifizierung des Problems hingewiesen wird, so betonen die beteiligten Autoren immer wieder die qualitative Bedeutung einer Abwanderung der ‚Besten’. Dies belegt unter anderem das hohe Niveau der Studienabschlussnoten – 83,7% haben die Höchstpunktzahl 110, insgesamt 71,2% sogar mit Auszeichnung.

Die internationale Wanderung von Hochqualifizierten – migrazione intellettuale – ist somit in den letzten Jahren stärker ins Blickfeld der italienischen Öffentlichkeit geraten und hat sogar den bereits seit den 1960er Jahren aus (West)Europa verbannten Begriff des Brain drain auch in Italien wieder salonfähig gemacht.

1.3.4.2 Fuga di cervelli aus dem Mezzogiorno?

Demgegenüber fand der Brain drain oder die ‚fuga di cervelli’ innerhalb Italiens seit den 1980er Jahren weder in der Wissenschaft, noch in der italienischen Öffentlichkeit weitere Aufmerksamkeit32. Lediglich Sestito (1995: 12f.) verwendet den Begriff bei einer Untersuchung der inneritalienischen regionalen Arbeitsmobilität für die Abwanderung junger Hochschulabsolventen am Ende der 1980er Jahre aus dem Mezzogiorno.

Dabei wäre eigentlich zu erwarten, dass angesichts generell zunehmender Wanderungsverluste des Mezzogiorno und vor dem Hintergrund der verstärkten Bedeutung wissensbasierter Wirtschaftsaktivitäten gerade junge Hochschulabsolventen die Region verlassen. Schon Rolfes hat beispielsweise darauf hingewiesen,

„daß Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt zu den mobilsten Gruppen gehören [...] Ihre regionale Mobilität wird notwendig aufgrund der regional disparitären Verteilung adäquater Akademikerarbeitsplätze“ (Rolfes 1996: 21).

Diese grundlegende Feststellung wurde auch in einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung des Istituto di ricerca sulla popolazione über das Wohn- und Mobilitätsverhalten junger Italiener bestätigt. Zwar gilt auch für die italienischen [Seite 48↓]Hochschulabsolventen, dass sie im europäischen Vergleich betrachtet überdurchschnittlich häufig in der elterlichen Wohnung leben, im Vergleich mit Jugendlichen niedrigerer Ausbildung weisen sie aber ein höheres Maß an Mobilität auf (Menniti 1999: 14ff.). Den Ergebnissen dieser repräsentativen Studie zufolge lebten 1995 88% der 20 bis 24jährigen, 51% der 25 bis 29jährigen und 20% der 30 bis 34jährigen im Haushalt der Eltern. Der Auszug ist in der Regel nicht an den Moment des Studienendes oder des Berufseintritts gekoppelt, sondern erfolgt oftmals erst nach der Heirat. Nach einzelnen Lebensphasen und Situationen analysiert liegen die italienischen Werte der sogenannten ‚Nesthocker’ im internationalen Vergleich bis zu drei mal höher als Vergleichswerte in Deutschland oder Frankreich. Besonders erstaunlich ist hierbei, dass die Sesshaftigkeit der jungen Italiener gegenüber einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 1987 sogar noch zugenommen hat, was unter anderem mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu Beginn der 1990er Jahre erklärt wird (Decanini/Palomba 1999: 9f.).

Das Phänomen der sogenannten „mammoni“ (Menniti 1999: 14ff., deutsch: Nesthocker), also der jungen Italiener, die noch im Erwachsenenalter zu Hause bei „mamma“ wohnen, wird von deutscher Seite gerne als „Anomalie“ der italienischen Gesellschaft belächelt und zudem von wirtschaftswissenschaftlicher Seite als Entwicklungsproblem behandelt. Die Betroffenen selbst scheinen dies hingegen weniger als Problem zu erachten, denn weder die Mehrheit der befrag-ten italienischen Eltern noch die befragten „Kinder“ können in einem Auszug vor der Eheschließung tatsächliche Vorteile erkennen. Vielmehr wird diese Form des Zusammenlebens von beiden beteiligten Parteien mehrheitlich geschätzt (vgl. Palomba 1999).

Nach dem formalen Bildungsabschluss betrachtet erweisen sich die Hochschulabsolventen als mobilste Gruppe aller Befragten: immerhin geben fast 50% von ihnen an, mindestens drei Monate außerhalb des Elternhauses gelebt zu haben. Der Grund ist hier mehrheitlich das Studium sowie an zweiter Stelle der Militärdienst. Des weiteren ergeben sich auch signifikante regionale Disparitäten: die jungen Süd- und Inselitaliener weisen ein deutlich höheres Maß an Arbeitsmobilität auf (27% versus 16% im Norden und 20% in Mittelitalien), die sie zudem in fast der Hälfte aller Fälle (45%) in andere Landesteile führt. Die arbeitsbedingten Umzüge der jungen Norditaliener erfolgen hingegen zu 84% innerhalb Norditaliens, bei den Mittelitalienern liegt dieser Wert bei 66% (Bonifazi 1999: 39f.).

Sehr viel höher als die faktische Mobilität liegt die ausgedrückte intendierte Mobilität bzw. die Bekundung einer grundsätzlichen Mobilitätsbereitschaft. Diese Werte sind jedoch durchaus zweifelhaft, denn obwohl beispielsweise 75% der jungen Italiener ihre Bereitschaft ausdrücken, in einer anderen Gemeinde als der eigenen zu arbeiten (von diesen wiederum fast die Hälfte ganz gleich wo, auch im Ausland), haben faktisch 71% die eigene Familie niemals für mehr als drei Monate verlassen.

Die erklärte Mobilitätsbereitschaft steigt mit dem formalen Bildungsniveau an, wobei auch diese unter Süditalienern höher ist als unter Norditalienern: während im Norden gut 70% ihre Umzugsbereitschaft signalisieren, liegt deren Anteil in Süditalien knapp unter 80%. Signifikante Unterschiede ergeben sich jedoch, wenn konkret nach einzelnen Zielgebieten gefragt wird: 46% der Norditaliener würden ausschließlich innerhalb [Seite 49↓]Norditaliens umziehen, während bei den Süditalienern nur 13% den potentiellen Mobilitätsradius auf ihren eigenen Landesteil beschränken (Bonifazi 1993: 44f.).

Diese Zahlen bestätigen in ihrer Grundtendenz die Ergebnisse anderer Studien, denen zufolge die angegebene Mobilitätsbereitschaft süditalienischer Akademiker unter allen Erwerbspersonen Italiens am höchsten ist (vgl. auch Reyneri 1996: 82; Faini et al. 1997: 575). Im Folgenden wird daher die faktische Mobilität von Akademikern und jungen Hochschulabsolventen untersucht.

1.4 Zu den Untersuchungsmethoden und den verwendeten Datenquellen

Wie im vorangegangen Kapitel gezeigt wurde, sind für den Übergang in die Wissensgesellschaft die Erwerbssituation und das Migrationsverhalten von Akademikern und in besonderem Maße von jungen Hochschulabsolventen die entscheidenden Faktoren. Beide Aspekte werden in der vorliegenden Arbeit von zwei unterschiedlichen Standpunkten, in zwei unterschiedlichen Maßstabsebenen und mit zwei unterschiedlichen Methoden untersucht, woraus sich ein Methodenmix von quantitativen und qualitativen Methoden ergibt.

1.4.1 Methodenmix quantitativer und qualitativer Methoden

Die Betrachtungsebene der Regionen verlangt die Analyse repräsentativer Massendaten, aus denen sich Aussagen über Prozesse in den einzelnen Regionen ableiten lassen. Quantitative Daten ermöglichen die Beschreibung von Entwicklungen und den Vergleich des Ablaufs dieser Prozesse in unterschiedlichen Regionen. Die Ergebnisse der Analysen lassen sich in thematische Karten und Grafiken umsetzen. Regionale Vergleiche auf der Basis von quantitativen Daten sind die Handlungsgrundlage von politischen Institutionen wie beispielsweise für die Raumordnungspolitik der EU. Eine Erklärung der Prozesse und Wirkungszusammenhänge, die sich hinter den Repräsentationen statistischer Aggregate verbergen, leisten ausschließlich quantitative Methoden jedoch nicht.

Diese Problematik wurde hinsichtlich des hier untersuchten Zusammenhangs von Hochschulbildung und wirtschaftlicher Entwicklung einer Region von verschiedenen Autoren betont. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre mehren sich auch unter Wirtschaftswissenschaftlern die Forderungen nach einem weniger kausalistischen Blick auf den Zusammenhang zwischen Ausbildungsniveau und wirtschaftlicher Entwicklung eines Landes und einer stärkeren Betonung der kulturellen Rahmenbedingungen. So fordert Blaug (1985: 25) auch für bildungsökonomische Untersuchungen eine stärkere Berücksichtigung der „institutional and sociological factors in addition to economic factors“ und die Ökonomen Meulemeester und Rochat (1995: 358) schlagen vor:


[Seite 50↓]

„Economic quantitative analyses should ideally be supplemented by other approaches, which take into account more qualitative, i.e. sociological, institutional and/or related to the curricular content aspects (Meulemeester/Rochat 1995: 358).”

Meusburger fasst nach einer Betrachtung unterschiedlicher ökonometrischer Untersuchungen deren Problematik und die daraus resultierenden Forschungsdefizite aus bildungsgeographischer Sicht folgendermaßen zusammen:

„Ein exakter quantitativer Nachweis des Beitrags von hochqualifizierten Erwerbstätigen zur Wettbewerbsfähigkeit und Leistungskraft einer Organisation ist zumindest mit aggregierten Daten schwer zu erbringen [...]

Trotz des allgemeinen Konsenses über die wirtschaftliche Bedeutung der Humanressourcen weiß man noch sehr wenig über die Fragen, […] inwieweit ein hohes Ausbildungsniveau der Bevölkerung Ursache oder Folge der wirtschaftlichen Entwicklung ist oder welche wirtschaftlichen Auswirkungen der brain drain für die Ziel- und Herkunftsländer hat“ (Meusburger 1998: 34).

Auch Rolfes (1996: 93) schlägt für empirische Untersuchungen zum Zusammenhang von räumlicher Mobilität und akademischem Arbeitsmarkt in Deutschland eine Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden vor. Dies gilt umso mehr für eine Untersuchung in einem fremden Kulturraum, die immer einen explorativen Aspekt beinhaltet.

Für die Analyse des Zusammenhangs zwischen Bildungsniveau und wirtschaftlicher Entwicklung, der den Übergang in der Wissensgesellschaft kennzeichnet, werden daher im zweiten empirischen Teil der vorliegenden Arbeit die institutionellen und kulturellen Rahmenbedingungen der Handlungen von Hochschulabsolventen in Sizilien mit qualitativen Methoden untersucht. Dieser Teil folgt dem Paradigma der verstehenden Sozialwissenschaften, deren Ziel es ist,

„die logische Struktur nicht vertrauter Verhaltensmuster, die dem von aussen kommenden Beobachter im ersten Augenblick als geheimnisvolle, unverständliche, ja sogar manchmal als skurille Emanation ‚verkehrter Welten‘ erscheinen mögen, aufzuzeigen“ (Giordano 1992: 500).

Die qualitative Untersuchung dient dazu, die Handlungsmuster, die sich aus der Analyse der aggregierten Daten ergeben, nachvollziehbar zu machen, in dem sie in ihren kulturellen Kontext eingebettet werden. Denn allen Handlungen, auch denjenigen, die aus der Sicht von Außenstehenden zunächst unlogisch oder irrational erscheinen, liegen Rationalitäten zugrunde, die es zu rekonstruieren gilt. Mit dem Anthropologen und Mittelmeerforscher Giordano wird davon ausgegangen,

„dass Handlungsentwürfe und Handlungsvollzüge, aus der Perspektive der Akteure betrachtet, stets einen kognitiven bzw. sinnvoll-rationalen Aufbau zeigen. Man kann also sagen, dass das kollektive Denken und Handeln der Mitglieder mediterraner Gesellschaften immer auch von ‚intelligenten Bewältigungsstrategien’ geprägt ist, denen […] eine ‚soziale Theorie des Wissens’ zugrunde liegt“ (Giordano 1992: 29).

In seiner Arbeit über die Überlagerungsmentalität bzw. Überlagerungsrationalität mediterraner Gesellschaften kommt Giordano zu dem Schluss, dass aus Sicht der Mitglieder von Gesellschaften, deren Geschichte von Überlagerungen fremder Kulturen geprägt ist,


[Seite 51↓]

„altbewährte Verhaltensmuster, die wohlgemerkt nur dem fremden Beobachter als ‚fatalistisch‘, ‚immobilistisch‘, ‚irrational‘, ‚traditionalistisch‘ usw. erscheinen, als die besten Rezepte angesehen werden, um auch das zukünftige Überlagerungsschicksal erfolgreich zu überstehen“ (Giordano 1992: 510).

Nimmt man nun als Forscher den Standpunkt Giordanos ein, so ergibt sich daraus die methodische Konsequenz, dass für die Informationsgewinnung lediglich das narrative qualitative Interview in Betracht kommt. Denn das Ziel einer solchen Untersuchung ist der „Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns“ durch die „Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen und (Leidens-)Erfahrungen“ (Lamnek 1988: 33).

Das qualitative Methodeninstrumentarium wird in der vorliegenden Arbeit dazu eingesetzt, die kulturellen Rahmenbedingungen der Erwerbstätigkeit und der Mobilität junger sizilianischer Hochschulabsolventen zu verstehen. Mit Hilfe von biographischen narrativen Interviews wird hierbei versucht, die unterschiedlichen Rationalitäten dieser Verhaltensweisen zu rekonstruieren. Eine auf das Verstehen konzentrierte Analyse von Erwerbs- und Mobilitätsbiographien von sizilianischen Hochschulabsolventen ermöglicht eher die Prognose über mögliche Auswirkungen zukünftiger Entwicklungen.

1.4.2 Datenquellen zur Erwerbsituation und räumlichen Mobilität von Akademikern und Jungakademikern in Italien

Die detaillierten italienischen Bevölkerungsstatistiken des Statistikamtes Istat bieten ein beachtliches Analysepotential für bevölkerungsgeographische Untersuchungen mit bildungsgeographischen Fragestellungen. Denn sowohl die Volkszählungen und deren Fortschreibungen in den statistischen Jahrbüchern als auch die offiziellen Migrationsstatistiken erfassen die Bevölkerung nach ihrem höchsten formalen Bildungsabschluss. Das Gleiche gilt für die regelmäßig stattfindenden Erwerbspersonenzählungen Forze di lavoro. Folglich ist eine isolierte Betrachtung des Erwerbs- und Wanderungsverhaltens von Akademikern mit größerer Präzision möglich als in vielen anderen europäischen Ländern, beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland, wo sich bisherige Untersuchungen zur ‚Skilled migration’ auf Stichproben aus der Datei sozialversicherungspflichtig Beschäftigter stützen (vgl. Wolburg 1996; Wolburg 2001).

Die Kategorie der Akademiker in den italienischen Statistiken umfasst alle Personen, die als höchsten Bildungsabschluss mindestens den traditionellen Studienabschluss laurea, oder eine laurea breve (wörtl. Kurzlaurea) bzw. das diploma universitario (wörtl. Universitätsdiplom) besitzen. Somit fallen auch Promovierte mit einem abgeschlossenen Forschungsdoktorat (dottorato di ricerca) in diese Kategorie. Da die Kurzlaurea und das Universitätsdiplom erst in den 1990er Jahren eingeführt wurden, spielen sie bislang statistisch eine untergeordnete Rolle. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden sie der Einfachheit halber auch als laureati bezeichnet, wohingegen man von Hochschulabsolventen, deren Abschluss noch nicht lange zurückliegt, im Italienischen auch als neolaureati spricht.


[Seite 52↓]

Im Folgenden werden die verwendeten sekundärstatistischen Daten mit ihren Stärken und Schwächen bzw. Potentialen und Grenzen in Bezug auf die Zielsetzung dieser Arbeit vorgestellt. Die Ausführlichkeit der Darstellung ist für das Verständnis der daran anschließenden Auswertungen und Interpretationen unerlässlich und dient zugleich als Grundlage möglicher Folgearbeiten, die sich bildungsgeographischen Themen in Italien widmen.

1.4.2.1 OECD-Statistiken für internationale Vergleiche

Für die Einordnung Italiens in einen internationalen Vergleichsrahmen wurden in der vorliegenden Arbeit die Statitisken der OECD verwendet, die alljährlich in der Reihe Education at a glance herausgegeben werden. Die dort angeführten Tabellen geben Auskunft über die Erwerbssituation der Bevölkerungen in den einzelnen OECD-Mitgliedsländern, differenziert nach dem höchsten erreichten Bildungsabschluss.

Da die OECD-Mitgliedsländer unterschiedliche Bildungssysteme aufweisen, sind auch die Bildungsabschlüsse in den jeweiligen Staaten nur mit Einschränkungen vergleichbar. Um diese Hürde zu überwinden, wurde im Jahr 1997 die „International Standard Classification of Education“ (ISCED) festgelegt, welche sechs unterschiedliche formale Bildungsniveaus mit mehreren Unterkategorien unterscheidet (ISCED 1-6)33. Dem hier relevanten tertiären bzw. postsekundären Bildungsbereich sind von diesen sechs Klassen insgesamt drei zuzuordnen: ISCED 5A, 5B und 6. Bei ISCED 5A und 6 handelt es sich um Universitäts- oder vergleichbare Hochschulabschlüsse mit einem hohen theoretischen Anspruch, welche für die Arbeit in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen oder für Berufe mit höchsten „skill requirements“ qualifizieren (ISCED 5A). Während ISCED 6-Abschlüsse auf die eigenständige Durchführung weiterer Studien und origineller Forschung abzielen, haben die postsekundären ISCED 5B-Abschlüsse eine überwiegend praktische, technische oder unmittelbar anwendungsbezogene Ausrichtung. In der deutschen Hochschullandschaft entspricht ein Fachhochschulabschluss dem ISCED 5B, wohingegen ein Universitätsabschluss als ISCED 5A einzustufen ist; ISCED 6 entspräche einer abgeschlossenen Promotion. In Italien gab es - aus Mangel an Fachhochschulen oder ähnlichen praxisorientierten Ausbildungsinstitutionen – zum Zeitpunkt der Untersuchung keine ISCED 5B-Abschlüsse, so dass sämtliche tertiäre Bildungsabschlüsse an den Universitäten erworben werden.

Auch die italienische Definition der Erwerbsbevölkerung deckt sich nicht mit derjenigen in den OECD-Statitisken: Während die OECD die Erwerbsbevölkerung auf die Altersgruppe der 25 bis 64jährigen beschränkt, beziehen sich die italienischen Erwerbsstatistiken des Istat auf die Bevölkerung über 15 Jahren. Je nach Datengrundlage ergeben sich somit für einzelne Indikatoren wie Arbeitslosen- oder Erwerbsquoten unterschiedliche Zahlenwerte, welche jedoch die grundlegenden Aussagen nicht in Frage stellen.


[Seite 53↓]

1.4.2.2  Censimento della popolazione - Volkszählung

Das italienische Statistikamt Istat führt regelmäßig im Abstand von zehn Jahren Volkszählungen durch, die sogenannten Censimenti della popolazione, bei denen auch der höchste Bildungsabschluss der Bevölkerung erfasst wird. Die ausgezeichnete Qualität dieser Daten erlauben zum einen Untersuchungen über größere Zeiträume, zum anderen aber auch detaillierte Aussagen über das Ausbildungsniveau der Bevölkerung in den einzelnen Gemeinden. Somit können mit diesen Daten Veränderungen des Ausbildungsniveaus der Bevölkerung, also beispielsweise des Akademikeranteils, nicht nur in ihren langfristigen Entwicklungstrends, sondern auch kleinräumig analysiert werden. Für die Erhebung des Jahres 2001 lagen zum Zeitpunkt der Abgabe lediglich erste Ergebnisse vor, die noch keine Analysen nach dem Ausbildungsniveau ermöglichen, so dass Ergebnisse dieser Arbeit auf der Erhebung von 1991 beruhen.

1.4.2.3 Forze di lavoro - Erwerbspersonenzählung

Wenngleich die Arbeitslosmeldung in Italien in den sogenannten uffici di collocamento (s.u.) erfolgt, basieren die offiziellen Daten über den italienischen Arbeitsmarkt auf der repräsentativen Erwerbspersonenerhebung, welche drei mal pro Jahr im Stichprobenverfahren vom Istat durchgeführt wird. Die Ergebnisse der drei Befragungen eines Jahres werden als Mittelwerte zusammengefasst und unter dem Titel Forze di lavoro – Media veröffentlicht.

Da sowohl der Fragebogen als auch die Zuordnungskriterien erst 1992 den europäischen Standards angeglichen wurden, ist die Erstellung konsistenter Zeitreihen rückblickend nur bis 1993 möglich. Alle älteren Daten sind aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit weder für Längsschnittanalysen noch für international vergleichende Querschnittanalysen geeignet. Somit können lediglich Aussagen über Entwicklungen seit 1993 getroffen werden, die in dieser Arbeit verkürzt als „1990er Jahre“ bezeichnet werden. Wenngleich es sich bei der Erwerbspersonenerhebung nicht um eine Vollerhebung handelt, werden auch absolute Zahlen veröffentlicht, die unter Verwendung statistischer Gewichte vom Istat berechnet wurden.

Zudem erlauben diese Daten eine Auswertung nach dem höchsten Bildungsabschluss der erfassten Personen auf der Ebene der 20 italienischen Regionen, wobei die regionale Zuordnung im Gegensatz zu den Volkszählungsdaten (s.o.) und den Wanderungsstatistiken (s.u.) nicht nach dem offiziellen Wohnsitz (de jure), sondern nach dem faktischen Wohnort (de facto) erfolgt. Dies macht sie sowohl für Aussagen über regionale Disparitäten der Erwerbssituation der Bevölkerung als auch für die Berechnung des Akademikeranteils in der Bevölkerung geeignet. Die Angabe absoluter Zahlenwerte für einzelne Bildungsgruppen ermöglicht zudem die Berechnung bildungsspezifischer Arbeitslosenquoten, Erwerbsquoten oder Erwerbstätigenquoten, welche für Aussagen über Trends und regionale Vergleiche unerlässlich sind.


[Seite 54↓]

1.4.2.4  Movimento migratorio della popolazione residente - Migrationsstatistiken

Die Analysen zur internationalen und interregionalen Mobilität italienischer Akademiker basieren auf den Daten der An- und Abmeldungen in den italienischen Einwohnermeldeämtern (Uffici di anagrafe), wie sie alljährlich vom Istat in der Reihe Movimento migratorio della popolazione residente: Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche veröffentlicht werden. Es handelt sich dabei um die gleiche Datenquelle, die bei allen Untersuchungen zum Wanderungsgeschehen in Italien Verwendung findet, was die Ergebnisse der hier analysierten Akademikerwanderungen mit den Wanderungsmustern der Gesamtbevölkerung vergleichbar macht. Da die Zahlen Zusammenfassungen aller An- und Abmeldungen in den italienischen Gemeinden darstellen, handelt es sich um eine Vollerhebung.

Gleichwohl weisen auch diese Daten Defizite auf, die es bei ihrer Interpretation zu berücksichtigen gilt. Zum einen spiegelt die An- bzw. Abmeldung (de jure) des Wohnsitzes nur einen Teil der tatsächlichen (de facto) Mobilität wider, zum anderen gibt es aber auch strategische Wohnsitzverlagerungen, ohne dass zunächst eine faktische Wanderung stattfindet. Zudem erfolgt die Datenauswertung in einzelnen Gemeinden mit zeitlicher Verzögerung, so dass auch die aggregierten Ergebnisse erst drei bis vier Jahre nach dem Erhebungsjahr veröffentlicht werden. Bei der Zusammenstellung von Zeitreihen für die 1990er Jahre stellt sich zusätzlich das Problem der Datenvergleichbarkeit, da bis zum Jahr 1995 nicht zwischen Ausländern und Italienern unterschieden wurde, so dass sich vor allem bei der internationalen Akademikerzuwanderung Sprünge ergeben.

1.4.2.5 Inserimento professionale dei laureati - Hochschulabsolventenbefragungen

Die zentrale Datengrundlage für den quantitativen empirischen Teil der vorliegenden Arbeit stellt die Befragung des Hochschulabsolventenjahrgangs 1995 dar, welche im Jahr 1998 vom italienischen Statistikamt Istat durchgeführt wurde. Nach den Absolventenbefragungen in den Jahren 1988, 1991 und 1995 war dies bereits die vierte derartige Erhebung in Italien.34

Neben wichtigen Strukturdaten wie dem Geschlecht, der Fachbereichsgruppe oder den Abschlussnoten der Befragten enthält die Datenbank umfangreiche Variablen zur Erwerbssituation der Absolventen sowie zum Prozess des Übergangs vom Studium in das Arbeitsleben. Darüber hinaus bieten die Daten auch ein interessantes Potential für Untersuchungen zur räumlichen Mobilität, da in der Befragung nicht nur die Region des Hochschulabschlusses und des aktuellen (de jure) Wohnsitzes erfasst wird, sondern auch die Region des Wohnsitzes vor der Immatrikulation an der Universität. Zudem wurde – [Seite 55↓]im Falle einer Erwerbstätigkeit - die Region des aktuellen Arbeitsplatzes erfragt. Aus der Kombination dieser Angaben ergibt sich die Möglichkeit, unterschiedliche Mobilitätsbiographien zu typisieren und die Absolventen entsprechend zuzuordnen. Das Phänomen der regionalen Mobilität kann dann als biographischer Prozess analysiert werden.

Von den 105.097 laureati des Jahres 1995 wurden drei Jahre später 26.716 kontaktiert, von denen insgesamt 17.326 tatsächlich befragt werden konnten. Dies entspricht einer Antwortquote von 67,4% und in der Summe aller Absolventen 16,5% der Grundgesamtheit (vgl. Istat 2000: 49). Ein Teil der Datenauswertungen wurde bereits vom Istat selbst in dem Band Indagine sull’inserimento professionale dei laureati (Istat 2000) veröffentlicht, die jedoch dem Faktor der räumlichen Mobilität nur geringe Aufmerksamkeit widmen. Mit Hilfe einer Sondergenehmigung durch den Direktor des Istat war es dem Autor möglich, während eines mehrtätigen Rom-Aufenthaltes im Jahr 2001 einzelne Datenabfragen auf der Basis der Individualdaten unter Verwendung der vom Istat berechneten statistischen Gewichte durchzuführen. Die Angabe aller absoluten Zahlen erfolgt daher nicht auf der Basis der 17.326 Befragten sondern auf derjenigen der Grundgesamtheit aller Absolventen des Jahres 1995. Diese Vorgabe wurde vom Istat während der Datenbearbeitung unter dem Hinweis auf datenschutzrechtliche Bestimmungen gemacht, so dass alle in dieser Arbeit angeführten absoluten Zahlen schon unter Verwendung der statistischen Gewichtungen auf die Grundgesamtheit bezogen wurden. Dadurch können sich in den einzelnen Tabellen geringfügige Differenzen zwischen den berechneten und den angegebenen Zeilen- oder Spaltensummen ergeben35.

1.4.2.6 Sonstige benutzte unveröffentlichte Datenquellen

Neben den genannten Datenquellen, welche die Grundlage für den quantitativen Teil der Untersuchung darstellen, wurde dem Autor von einzelnen Gesprächspartnern der Experteninterviews noch zusätzliches unveröffentlichtes Datenmaterial einzelner Institutionen zur Verfügung gestellt, deren Auswertungsergebnisse in Bezug auf die vorliegende Arbeit an gegebener Stelle als Exkurse oder Fußnoten einfließen.

Vom Universitäts- und Forschungsministerium Murst (heute Miur) bekam der Autor die Strukturdaten aller Studierenden und Absolventen an den italienischen Universitäten im Jahr 1995. Diese Datenbank enthält neben dem Hochschulstandort auch die Fachbereiche und Herkunftsregion aller Absolventen und Studierenden dieses Jahrgangs. Da es sich um eine Vollerhebung handelt, weisen diese Zahlen für die Analyse der Studienmobilität und der Einzugsbereiche der Universitäten eine größere Zuverlässigkeit auf als die Absolventenbefragung des Istat, bei der es sich lediglich um eine Stichprobe handelt.


[Seite 56↓]

Die Arbeitsamtsverwaltung der Provinz Palermo (Agenzia per l’impiego, ehemals ufficio di collocamento) überließ dem Autor eine Datenbank mit den Daten von 16.283 im Jahr 1999 als Arbeit suchend gemeldeten Personen der Provinz36, von denen 2.288 Akademiker waren. Diese Zahlen unterstreichen die Rolle, welche der staatlichen Arbeitsvermittlung noch heute bei der Vermittlung von Akademikern zugeschrieben wird.

Angeschlossen an die ‚Agenzie per l’impiego’ gibt es in Palermo eine Aussenstelle der europäischen Arbeitsvermittlung Eures, wo sich Sizilianer einschreiben, die an einer Tätigkeit außerhalb von Italien interessiert sind und somit prinzipiell mobilitätsbereit. Auch diese Daten (Stand 1999) wurden vom Autor ausgewertet und gehen an gegebener Stelle in die Arbeit ein. Von den 2.186 potentiell Mobilitätsbereiten hatten 838 einen Hochschulabschluss.

Eine weitere Quelle zur Erfassung der Mobilität nach Europa sind die Daten über die studentische Mobilität im Rahmen des Erasmus-Mobilitätsprogramms der europäischen Union. Auch diese wurden dem Autor für die Jahre 1994 bis 1998 in regionalisierter Form zur Verfügung gestellt. Diese Daten geben Auskunft über den europäischen Vernetzungsgrad der einzelnen italienischen Hochschulregionen, was wiederum für den Aspekt des internationalen Brain exchange eine Rolle spielt.

1.4.3 Erhebung qualitativer Daten

Die Erhebung der qualitativen Daten zur Erwerbstätigkeit und zum Mobilitätsverhalten der sizilianischen Hochschulabsolventen erfolgte auf der Basis von zwei Interviewkampagnen, welche der Autor im Frühjahr 1999 und im Frühjahr 2000 durchgeführt hat. Insgesamt wurden hierbei 48 Expertengespräche und 35 Interviews mit jungen sizilianischen Hochschulabsolventen durchgeführt (vgl. Listen im Anhang).

1.4.3.1 Experteninterviews

Die Experteninterviews hatten einen explorativen Charakter und verfolgten die beiden Ziele, zum einen Informationen und statistisches Material über die institutionellen Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit von jungen Hochschulabsolventen in Sizilien zu gewinnen und sich zum anderen ein Bild zu machen, wie die zuständigen Experten die Problematik von Arbeitslosigkeit und Abwanderung junger Hochschulabsolventen einschätzen. Hierzu wurden Repräsentanten relevanter Institutionen auf unterschiedlichen Verwaltungsebenen befragt: die Ebene der Region Sizilien, die Ebene der acht sizilianischen Provinzen und die Ebene einzelner Gemeinden (vgl. Liste im Anhang).

Bei der Durchführung der Interviews stellte sich sehr schnell heraus, dass die formale Zuständigkeit für einen bestimmten Fachbereich – beispielsweise der Leiter des [Seite 57↓]Arbeitsamtes der Provinz Siracusa – nur in seltenen Fällen die Person mit der höchsten Fachkompetenz im jeweiligen Sektor darstellte. Um an möglichst fundierte Informationen zu gelangen, wurde im Laufe der Untersuchung immer stärker von formalen Kriterien abgewichen und die Auswahl der Gesprächspartner nach informellen Kriterien von persönlichen Empfehlungen getroffen. Hierbei wurden sowohl politische oder administrative Repräsentanten – etwa die Bürgermeister einzelner Gemeinden – als auch besonders aussagekräftige Gesprächspartner – etwa der Vertreter der Industrie- und Handelskammer in Ragusa – direkt nach Hinweisen auf kompetente Gesprächspartner gefragt. Dies konnte in einer Gemeinde der Bürgermeister selbst, in einer anderen ein Schuldirektor, der Bibliothekar oder ein Vertreter des Jugendinformationszentrums „Informagiovani“ sein.

Die Expertengespräche waren durch einen Interviewleitfaden vorstrukturiert, nach Möglichkeit wurde aber das sogenannte Delphiprinzip angewendet, um ein möglichst breites und somit vollständiges Informations- und Meinungsspektrum zu bestehenden Förderprogrammen zu bekommen. Die Gesprächspartner wurden dann im Gesprächsverlauf mit Aussagen anderer Interviewpartner konfrontiert, um die Wertigkeit einzelner Aussagen zu prüfen und gegebenenfalls andere Einschätzungen zu bekommen. Auf diese Weise wurde Material zur Situation junger Akademiker und zu bestehenden Förder- und Informationsprogrammen zusammengetragen. Sämtliche Informationen wurden protokolliert und fließen als Hintergrundverständnis in die Interpretation der sekundärstatistischen Daten und Absolventeninterviews ein.

1.4.3.2 Absolventeninterviews

Für die Auswahl der Hochschulabsolventen wurde zunächst auf der Basis einer statistischen Analyse des Akademikeranteils in der Wohnbevölkerung im Jahre 1991 und dessen Entwicklung in den Jahren 1961 bis 1991 eine Auswahl von Gemeinden mit besonders hohen oder besonders niedrigen Akademikeranteilen an der Wohnbevölkerung getroffen. Als Beispiele seien hier die Gemeinden Montallegro (Akademikeranteil 0,9%) und Bivona (Akademikeranteil 4,4%) erwähnt. In diesen wurden dann sowohl Gesprächspartner für Expertengespräche (Schlüsselpersonen) für eine Einschätzung der spezifischen Situation des Ortes als auch Gesprächspartner für Absolventeninterviews gesucht. Ein weiterer Teil der Interviews wurde in Palermo und in anderen, nahe gelegenen Orten geführt, beispielsweise im Valle del Belice, das aufgrund eines starken Erdbebens 1968 von der Emigration besonders betroffen war.

Die Auswahl der 35 interviewten Hochschulabsolventen erfolgte nach dem Prinzip der Empfehlung, was für qualitative Interviews in Sizilien eine nahezu unerlässliche Voraussetzung ist. Da in vielen sizilianischen Gemeinden, insbesondere in den öffentlichen Verwaltungen, einem ortsfremden Wissenschaftler häufig zwar mit Neugierde, gleichzeitig aber auch mit Misstrauen begegnet wird, hat sich der Autor darum bemüht, aufgebautes Vertrauen für die Wahl weiterer Interviewpartner zu nutzen. Vereinzelt wurde der Interviewer dann sogleich an weitere Personen vermittelt, wobei der Vermittler gewissermaßen als Garant dafür auftrat, dass man dem Interviewer [Seite 58↓]vertrauen konnte. Darüber hinaus entwickelten manche Gesprächspartner auch ein eigenes Interesse am Thema und schlugen von sich aus weitere Gesprächspartner vor.

Die 35 Interviews mit sizilianischen Hochschulabsolventen wurden nach dem Prinzip des themenzentrierten, biographisch orientierten Interviews durchgeführt (vgl. Flick 1998: 105-109), um der freien Erzählung möglichst viel Raum zu geben. Als Gesprächsimpuls wurde die „Situation von Hochschulabsolventen“ mit den beiden thematischen Schwerpunkten „räumliche Mobilität“ und „Erwerbstätigkeit“ gegeben. Da eine solche Form des Interviews durch einen Deutschen zunächst meist auf Unverständnis stieß, wurde das Gespräch vom Autor durch eine kurze Darstellung der eigenen Biographie sowie der (daraus resultierenden) Begründung des Forschungsinteresses eingeleitet. Anschließend wurden die Gesprächspartner gebeten, ihre biographischen Verläufe seit Studienabschluss unter Berücksichtigung der beiden Aspekte „räumliche Mobilität“ und „Erwerbstätigkeit“ zu erzählen. Der Interviewer griff dabei nach Möglichkeit nur in die Erzählung ein, um Verständnisprobleme zu vermeiden oder den Erzählfluss aufrechtzuerhalten.

Narrative Interviews bergen immer den vermeintlichen Mangel der retrospektivischen ‚Glättung’ der eigenen Biographie in sich, d.h. dass zurückliegenden Handlungen unter Berücksichtigung der dann nachfolgenden Entwicklung im Rückblick möglicherweise auf dem Wege der Narration in eine andere Sinnstruktur eingebettet werden, als die ursprünglich vorhergesehene. Handlungen erhalten demzufolge im Kontext der biographischen Erzählung eine Rationalität, die im Moment der Handlungsentscheidung (noch) nicht intendiert war. Da aber in Hinblick auf zukünftige Handlungen eben jene narrativ rekonstruierten Sinnkonstrukte handlungsleitend sind, bezieht sich die Kritik also letzten Endes auf den vermeintlichen Wahrheitsgehalt der Aussage. Dieser erscheint aber nicht nur in einem konstruktivistischen Wissenschaftsverständnis für den Zweck der Arbeit irrelevant.

Mit dem Einverständnis der Gesprächspartner wurden die Interviews digital aufgezeichnet, was bei 20 Probanden der Fall war. Nach Abschluss des Interviews wurden die Gesprächspartner zudem gebeten, den vom Istat bei der offiziellen Befragung verwendeten Fragebogen auszufüllen, wozu sich 19 Interviewte bereit erklärten37. Dieser zweite Schritt diente nicht der quantitativen Erhebung, was angesichts der Fallzahl und der Auswahlkriterien der Probanden ohne Relevanz wäre, sondern vielmehr dem Verständnis der Antwortkategorien, die dem vorangegangenen Teil der Arbeit zugrunde liegen. Auf diese Weise konnten die Ergebnisse der qualitativen Interviews mit den quantitativen Ergebnissen der Erhebung durch das Istat verbunden werden, also gewissermaßen eine semantische Brücke hergestellt werden.

Die systematische Auswertung der Interviewaufzeichnungen erfolgte am Ende der Erhebungskampagne, indem zunächst nach wiederholter Lektüre eine Auswahl von [Seite 59↓]wiederkehrenden Themenkomplexen getroffen wurde und anschließend relevante Äußerungen in einer Tabelle zusammengetragen wurden. Die Auswertung erfolgte unter den Fragestellungen, welchen Erwerbs- oder erwerbsähnlichen Beschäftigungen die Absolventen nachgehen, welche Argumente für oder gegen eine Abwanderung aus Sizilien vorgebracht wurden und in welcher Weise, d.h. in welchen sprachlichen Kategorien über Erwerbsarbeit und Abwanderung gesprochen wurde. Die Ergebnisse wurden schließlich unter Verwendung von Zitaten in Kapiteln zusammengefasst und die Aussagen der Absolventen – sofern möglich – anhand der repräsentativen Befragungsdaten des Istat verifiziert.

Die qualitativen Interviews mit sizilianischen Hochschulabsolventen wurden nicht mit der Zielstellung durchgeführt, repräsentative Aussagen treffen zu können, und zwar weder generell über sizilianische Hochschulabsolventen, noch über Hochschulabsolventen bestimmter Orte. Aufgrund der gewählten Methode, der gelenkten Auswahl der Probanden und der geringen Fallzahl wäre dies auch gar nicht möglich. Anstatt bestimmte Handlungsmuster zu quantifizieren, ging es vielmehr darum, das Spektrum unterschiedlicher Rationalitäten vermeintlich irrationaler Handlungsmuster aufzuzeigen und zu systematisieren, um auf diesem Wege mögliche Erklärungsmuster aufzuzeigen. Erklärung bedeutet in diesem Falle weniger die Konstruktion kausalistischer Ursache-Wirkung-Ketten, sondern vielmehr im Sinne von David Harvey (Explanation in Geography, 1969) die Auflösung des Konflikts zwischen einer Erwartung (der Abwanderung arbeitsloser Hochschulabsolventen) und der Erfahrung (des Verbleibs): „explanations make unexpected outcomes into expected ones, making a curious event seem natural or normal“ (Peet 1998: 27, in Anlehnung an Harvey 1969).


Fußnoten und Endnoten

3 www.eu.int.org vom Juli 2002.

4 Vgl. www.oecd.org vom Juli 2002.

5 Vgl. UNESCO 2001 bzw. www.unesco.org vom Juli 2002.

6 Vgl. www.worldbank.org/wbi/knowledgefordevelopment/ vom Juli 2002.

7  Vgl. Worldbank 2002.

8 Dieses Verständnis lehnt sich an das Konzept des inkorporierten Kulturkapitals nach Bourdieu (1983) an. Demzufolge ist Kulturkapital als Resultat eines Verinnerlichungsprozesses körpergebunden. Voraussetzung für diesen Prozess ist die Investition von Zeit, welche vom Investor persönlich aufgebracht werden muss. In ontologischen Kategorien lässt sich der Aufbau kulturellen Kapitals als Transformation vom "Haben" zum "Sein" beschreiben. Durch die Vergabe von Titeln (Abitur, Diplom, Magister, Doktor) kann inkorporiertes Kulturkapital in einem Verfahren der Objektivierung in institutionelles Kulturkapital transformiert werden.

9 Lane 1966: 650, zit. bei. Böhme/Stehr 1986: 23f.; s.a. Bell 1973: 176.

10 Vgl. Bell 1973, zit. bei. Böhme/Stehr 1986: 9.

11 "the centrality of theoretical knowledge as the source of innovation and of policy formulation for the society", zit. bei Böhme/Stehr 1986: 12.

12 Vgl. Bell 1973: 221, zit. bei Böhme/Stehr 1986, 12; siehe auch Stehr 1994: 47.

13 Dieser Katalog wurde von Stehr in einzelnen Punkten überarbeitet und verändert. Insbesondere Punkt 2 „replacement of forms of knowledge“ wurde durch „displacement, although by no means the elimination, of other forms of knowledge“ (Stehr 1999: 10f.) ersetzt und damit die implizite Kritik am hegemonialen Charakter des wissenschaftlichen Wissens deutlich abgeschwächt. Weiterhin baut Stehr die letzten Punkte, welche die Bedeutung von Wissen als Merkmal sozialer Ungleichheit und als Ursache neuer sozialer Konflikte betreffen, weiter aus. Da diese Veränderungen für die vorliegende Arbeit ohne Relevanz sind, hat sich der Autor entschlossen, bei der Originalversion zu bleiben, zumal diese auch sehr deutlich die Handschrift von Gernot Böhme trägt.

14 In Anlehnung an die Zeichentheorie der Semiotik.

15 

Der im Zusammenhang mit der Verbreitung neuer Kommunikationsmedien häufig verwendete Begriff der „death of distance“ ist jedoch mit größter Vorsicht zu genießen: Zwar stellt Stehr (1994: 152) eine "growing irrelevance of time and place (and therefore distance) as a constraint for production" fest, die OECD warnt jedoch vor einem überschwänglichen Optimismus, demzufolge eine ausreichende Infostrukturausstattung allein Wohlstand bringen würde:

"Visions of a global knowledge-based economy and universal electronic commerce, characterised by the 'death of distance' must be tempered by the reality that half the world's population has never made a telephone call, much less accessed the Internet" (OECD 2001a: 5).

16 Für den Zusammenhang von Wissen und wirtschaftlicher Entwicklung bzw. die Bedeutung von Wissen in wirtschaftstheoretischer Perspektive vgl. ausführlicher Meusburger 1998: 20-58, 81-96.

17 Salt/Ford (1993: 293) bezeichnen die Abwertung von in Osteuropa erworbenen Qualifikationen durch den Grenzübertritt und die daraus resultierende Beschäftigung unterhalb des formalen Qualifikationsniveaus auch als „deskilling“.

18 International Research and Development Advisory Committee of the Commission of the European Communities.

19 International Organization of Migration in Genf.

20 ·„Overeducation occurs when workers with skills, particularly younger workers who have recently finished their education, are unable to find employment that makes use of their skills.“ (Büchel/Witte 1997: 32)

21 Im Gegensatz hierzu vertritt Stark die These, dass Brain drain grundsätzlich für das Senderland Vorteile bringt. In seinem Artikel The Economics of Brain Drain Turned on its Head (2002) argumentiert er, dass sich die Abwanderung der am besten Qualifizierten positiv auf das Bildungsverhalten der Zurückgebliebenen auswirkt und auch diese Weise das Niveau der Humankapitalinvestitionen ansteigt, was wiederum den Verlust von Humankapital überkompensiert (Stark 2002; vgl. auch Stark et al. 1997)

22 Die Allokationstheorie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit eine Arbeitskraft entsprechend ihrem tatsächlichen Qualifikationsniveau eingesetzt wird, also eine ausbildungsadäquate Stelle hat (vgl. z.B. Büchel/Witte 1997: 33).

23 Das Problem der „räumlichen Zuordnung“ der befragten Individuen stellt sich bei Untersuchungen der interregionalen Mobilität in ganz anderer Art und Weise als dies beim internationalen Brain drain der Fall ist. Die Zuordnung erfolgt bei internationalen Wanderungen üblicherweise nach dem Prinzip der Staatsangehörigkeit der Abgewanderten, wie sie in den Wanderungsstatistiken geführt werden. Somit lässt sich beispielsweise herausfinden, wie viele Akademiker mit einer Nationalität X in einem Land Y leben. Diese Möglichkeit der Bestandsstatistiken gibt es bei Binnenwanderungen nicht, da beispielsweise Sizilianer, die in die Lombardei umziehen, nach erfolgtem Umzug statistisch nicht mehr als Sizilianer erkennbar sind.

24 Der Ausdruck "società della conoscenza" wurde folgerichtig von den Lektoraten zweier unterschiedlicher Zeitschriften in zwei italienischsprachigen Artikeln des Autors durch das englischsprachige Original "knowledge society" ersetzt.

25 Vgl. Anhang: Presseecho: Fuga di Cervelli.

26 z.B. „Elaborazione a tre anni dalla laurea“, vgl. www.almalaurea.it.

27 Zahlen nach ISTAT, Forze di lavoro, media 1993-1999; eigene Berechnungen.

28 Zahlen nach ISTAT, Forze di lavoro, media 1993-1999; eigene Berechnungen.

29 Zahlen vgl. SVIMEZ 2001: 21 und ISTAT 2001: Movimento migratorio della popolazione residente, Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche, Anno 1999, Tab. 3.1.

30 "L'accrescimento della perdita del Mezzogiorno nell'interscambio con il resto del Paese, registratosi nella seconda metà degli anni '90, conferma la persistenza del ruolo di sostanziale subalternità del Sud nel sistema migratorio nazionale [...]" (Svimez 2001: 8)

31 Die “Associazione di dottorandi e dottori di ricerca in Italia” ist ein Zusammenschluss italienischer Nachwuchswissenschaftler, der sich um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen junger Forscher in Italien einsetzt.

32 Als Teilergebnisse der vorliegenden Arbeit wurden sie im Jahr 2001 bereits der italienischen Öffentlichkeit präsentiert und sind dort auf ein starkes Presseecho gestoßen (Jahnke 2001a; Jahnke 2001b; Jahnke in SVIMEZ 2001: 824-830, vgl. auch den Beitrag von Bianchi 2001).

33 Zu den Stärken und Schwächen der ISCED-Klassifikation vgl. auch Ekeand 2001: 22f..

34 

Istat (Hg.) (1990): Indagine 1989 sugli sbocchi professionali dei laureati. (= Collana d'informazione ed. 1990 n.17). Roma.

Istat (Hg.) (1994): Indagine 1991 sugli sbocchi professionali dei laureati. (= Collana d'informazione ed. 1994 n.1). Roma.

Istat (Hg.) (1996): Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1995. (= Informazioni speciali n. 10 -1996) Roma.

Istat (Hg.) (2000): Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998. (= Informazioni speciali n. 28 -2000) Roma.

35 An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass die Mobilitätstabelle der Buchveröffentlichung (Tavola 3.20, S. 213-218) fehlerhaft ist; die hier verwendeten Mobilitätsdaten wurden vom Autor der Arbeit berechnet, ihre Richtigkeit aber vom ISTAT bestätigt. Dadurch entstehen jedoch Widersprüche zu den Zahlen in der offiziellen ISTAT-Publikation.

36 Zum Zeitpunkt der Durchführung dieser Arbeit wurden die Uffici di collocamento in Italien reformiert und dabei sukzessive durch die Agenzie per l’impiego ersetzt. Um die alten Karteibestände zu aktualisieren wurde in den Jahren 1999/2000 in Sizilien eine Vollerhebung aller arbeitslos Gemeldeten durchgeführt. Für die Provinz Palermo wurde dem Autor eine Datei mit den Daten aller bisher Gemeldeten zur Verfügung gestellt, die jedoch lediglich eine Provinz umfasst und zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht vollständig war.

37 Da die Interviewkampagnen zu einem Zeitpunkt durchgeführt wurden, als die hier verwendete Absolventenbefragung des Jahres 1998 noch nicht veröffentlicht worden war, wurde für die Kontrollerhebung der Bogen der Befragung des Jahres 1995 verwendet, der sich aber in allen wesentlichen Punkten mit demjenigen der Befragung von 1998 deckt.



© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
17.02.2005