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2  Regionale Disparitäten der Bildungsexpansion, des akademischen Arbeitsmarktes und der Akademikermigration in Italien

„Hohe Studienanfängerzahlen und eine hohe Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hochqualifizierten Bevölkerung und Erwerbsbevölkerung sicherzustellen. Eine Ausbildung im Tertiärbereich wird mit besseren Beschäftigungsaussichten und höherem Verdienst assoziiert [...]. Die Studienanfängerquoten für den Tertiärbereich sind zum Teil auch ein Anzeichen dafür, inwieweit die Bevölkerung auf einem hohen Niveau Fähigkeiten und Kenntnisse erlangt, die auf dem Arbeitsmarkt einer Wissensgesellschaft von Bedeutung sind.“ (OECD 2003a: 301)

Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit den jüngeren Entwicklungen der Bildungsexpansion, des akademischen Arbeitsmarktes und der Akademikermigration in den italienischen Regionen. Damit werden die drei Aspekte des Übergangs in die Wissensgesellschaft - Brain production, Brain application und Brain mobility - sukzessive analysiert. Nach einer knappen Einordnung des Akademisierungsprozesses in Italien in den internationalen Vergleichskontext soll herausgearbeitet werden, wie sich die Entwicklungen der 1990er Jahre auf die bestehenden regionalen Disparitäten des Akademisierungsprozesses der Bevölkerung und des Arbeitsmarktes ausgewirkt haben. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Rolle der entwicklungsschwachen Regionen Süditaliens und der beiden Inseln Sizilien und Sardinien.

2.1 Regionale Muster der Bildungsexpansion im italienischen Hochschulwesen

Der Prozess der Akademisierung der Bevölkerung eines Landes ist im unmittelbaren Zusammenhang mit dem institutionellen Ausbau von Hochschuleinrichtungen zu betrachten, denn der Ausdehnung tertiärer Bildung auf weite Bevölkerungsgruppen geht zunächst ein Ausbau der entsprechenden Infrastruktur voraus. Mit dem Bau neuer Hochschulen wurde seit den 1970er Jahren in peripheren Regionen versucht, die Bildungsbeteiligung im Hochschulbereich auf größere Bevölkerungsgruppen auszudehnen. Die Universitätsausbildung wurde in dieser Zeit auch im Mezzogiorno vom Privileg einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe zu einem Massenphänomen.

Der Prozess der institutionellen Ausdehnung der italienischen Universitätslandschaft sowie das ansteigende Bildungsniveau der italienischen Bevölkerung wird im vorliegenden Kapitel in seiner räumlichen Dimension betrachtet. Dabei soll untersucht werden, ob und wie weit die Regionen des Mezzogiorno bereits bei den Akademikerzahlen, also der „Produktion von Humanressourcen“, gegenüber den anderen Landesteilen zurückliegen.


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Zunächst erfolgt eine kurze Einordnung des Prozesses der Akademisierung Italiens in den internationalen Vergleichskontext.

2.1.1 Das Ausbildungsniveau der italienischen Bevölkerung im europäischen Vergleich

Unabhängig von den Eigenarten der jeweiligen nationalen Ausbildungssysteme hat in allen OECD-Staaten die Bildungsexpansion der 1970er Jahre den Erwerb eines Hochschulabschlusses vom Privileg einer kleinen Gruppe zu einem erreichbaren Gut breiter Bevölkerungsschichten werden lassen, so dass von einer regelrechten Akademisierung der Bevölkerung vieler entwickelter Länder gesprochen werden kann.

Abbildung 3: Anteil der Personen mit tertiärem Bildungsabschluss an der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren in den europäischen OECD-Staaten 1999

Datenquelle: OECD 2001e: Education at a glance. Paris. Tabellen A.2.1 A und B; Berechnung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004..

Jedoch weist der Bevölkerungsanteil mit einem tertiären Bildungsabschluss („tertiary education“) in den europäischen OECD-Ländern erhebliche Unterschiede auf. Die Spitzenreiter dieser Gruppe stellen die skandinavischen Länder Finnland (31,3%), Schweden (28,8%), Norwegen (27,4%) und Dänemark (26,5%), wo jeweils deutlich mehr als ein Viertel der Bevölkerung in der entsprechenden Altersgruppe einen Hochschulabschluss besitzt. Die großen Industrienationen Großbritannien, [Seite 62↓]Deutschland, Frankreich und Spanien liegen zusammen mit Belgien, den Niederlanden, Island und Irland im Mittelfeld mit Werten über 20%, wohingegen Luxemburg und Griechenland unter 20%, die osteuropäischen Länder Ungarn, Polen und Tschechische Republik, aber auch Österreich sogar Werte unter 15% aufweisen. Die beiden letzten Plätze belegen Portugal (9,8%) und Italien (9,3%), wo nicht einmal ein Zehntel der erwerbsfähigen Bevölkerung eine Ausbildung im tertiären Bildungsbereich genossen hat.

Innerhalb der Personengruppe mit einem tertiären Bildungsabschluss sind die praxisorientierten Ausbildungsgänge in den einzelnen Ländern von sehr unterschiedlichem Gewicht. Während sie beispielsweise in Dänemark, Finnland und Schweden, aber auch in Belgien, Irland und Frankreich mehr als die Hälfte aller tertiären Abschlüsse ausmachen, gibt es in den drei osteuropäischen Ländern Ungarn, Polen und der Tschechischen Republik, und - als einzigem westeuropäischen Land - Italien bislang gar keine Ausbildungsgänge, welche den Kriterien der Isced 5B entsprechen. Alle Italiener mit einem tertiären Bildungsabschluss haben somit eine akademische Ausbildung an einer Universität erhalten38. Doch selbst bei einem internationalen Vergleich des Akademikeranteils nach Abzug der Isced 5B-Abschlüsse läge Italien vor Österreich und Portugal immer noch auf dem drittletzten Platz.

Der niedrige Akademikeranteil in der italienischen Bevölkerung ist vor allem der - im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern – verzögerten Bildungsexpansion in den 1970er Jahren geschuldet. Zwar sind auch an den italienischen Universitäten die Studienanfänger- und Studierendenzahlen in dieser Zeit merklich angestiegen, bezüglich des Akademikeranteils in der Bevölkerung waren die Auswirkungen aufgrund der langen Studienzeiten und der relativ geringen Absolventenzahlen jedoch kaum spürbar. Auch die 1990er Jahre haben diesbezüglich nur geringfügige Veränderungen bewirkt, wie ein Blick auf Abbildung 4 verdeutlicht.

Dargestellt ist hier der Bevölkerungsanteil mit einem tertiären Bildungsabschluss für unterschiedliche Alterskohorten in Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien sowie im Durchschnitt aller OECD-Länder. Aus der Form dieser Alterspyramiden lassen sich Dynamiken der Akademisierung auf der einen Seite und der Feminisierung tertiärer Bildung auf der anderen erkennen. Grundsätzlich ist in der Oecd eine zunehmende Akademisierung in der jüngeren Bevölkerung sowie eine parallel stattfindende Feminisierung der akademischen Bevölkerung zu beobachten. Denn jede jüngere Alterskohorte weist einen höheren Hochschulabsolventenanteil auf als die nächst ältere Generation, wobei sich diese Entwicklung bei den Frauen sehr viel dynamischer vollzieht als bei den Männern. Dies führt dazu, dass in der Altersgruppe der 25 bis 34jährigen durchschnittlich mehr Frauen einen Hochschulabschluss haben als Männer, wohingegen dies bei allen älteren Altersgruppen noch umgekehrt gewesen ist.


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Abbildung 4: Anteil der Personen mit tertiärem Bildungsabschluss nach Altersgruppen in ausgewählten OECD-Staaten 1999 (in Prozent der jeweiligen Alterskohorte)

Datenquelle: OECD (2001e): Education at a glance. Paris. Tabelle A 2.2; Berechnung und Darstellung H. Jahnke 2004.

Ein Blick auf die Graphik Italiens im Vergleich zu den anderen vier großen europäischen Ländern dokumentiert eindrücklich den in Abbildung 4 dargestellten geringen Akademikeranteil in der italienischen Bevölkerung der verschiedenen Altersgruppen. Bereits in der Alterskohorte der 55 bis 64jährigen ist der italienische Bevölkerungsanteil mit einem Hochschulabschluss im Vergleich zu Deutschland und Großbritannien sehr gering, wenngleich nur wenig geringer als in Spanien oder Frankreich. Während diese beiden Länder jedoch durch eine massive Bildungsexpansion den Akademikeranteil auf etwa 30% in der Generation der 25 bis 34jährigen angehoben haben, sind in Italien lediglich vorsichtige Tendenzen einer Akademisierung in den jüngeren Alterskohorten zu erkennen. Diese ist zudem in der Altersgruppe der 25 bis 34jährigen geringer als in der älteren Generation. Eine ähnlich schwache Entwicklung zeigt auch Deutschland, wo bei den Männern schon in der Generation der unter 45jährigen rückläufige Tendenzen erkennbar werden; bei den Frauen weist lediglich die jüngste Alterskohorte einen schwächeren Akademikeranteil auf als die Generation der 35 bis 44jährigen.

Während in Frankreich und Spanien der Anteil der Frauen mit tertiärem Bildungsabschluss in der jüngeren Generation sogar deutlich oberhalb desjenigen der Männer liegt, bleibt in Deutschland und Großbritannien das ‚Übergewicht’ der Männer auch unter den 25 bis 34jährigen erhalten. Die offensichtlich stärkere Bildungsbeteiligung bzw. höhere Erfolgsrate der Frauen in den mediterranen Ländern, lässt sich somit für die beiden industriekulturell geprägten Länder Großbritannien und Deutschland bislang nicht feststellen.

Die Bevölkerungsgruppe mit einem tertiären Bildungsabschluss weist in Italien - ähnlich wie in Deutschland - einen im Vergleich zu Frankreich und Spanien relativ hohen Anteil von älteren Akademikern (über 45 Jahre) auf. Der entsprechend geringe [Seite 64↓]Akademikeranteil in der jüngsten dargestellten Alterskohorte (25 bis 34 Jahre) ist zum einen der geringen Bildungsbeteiligung in diesen beiden Ländern geschuldet, zum anderen aber auch dem überdurchschnittlichen Alter der deutschen und italienischen Hochschulabsolventen. Im Jahr 1997 haben beispielsweise 50% der italienischen Studierenden ihren Laurea-Abschluss im Alter zwischen 25,5 und 28,7 Jahren (arithmetische Mittelwerte) erworben, während in Großbritannien 75% der Universitätsabsolventen bei Studienende nicht älter als 25 Jahre waren (vgl. Oecd 2001e).

Italien ist somit nicht nur im Bevölkerungsdurchschnitt, sondern gerade auch in der jüngeren Alterskohorte das westeuropäische Land mit den geringsten Akademikeranteilen, was in der Perspektive einer wissensbasierten Ökonomie als Entwicklungsnachteil gegenüber anderen Ländern zu bewerten ist. Obwohl der Akademikeranteil bereits in der ältesten Alterskohorte extrem niedrig ist, sind in Italien kaum Tendenzen einer nachholenden Bildungsexpansion erkennbar, und zwar weder bei den Männern noch bei den Frauen. Somit fehlen zumindest am Ende der 1990er Jahre die statistischen Anzeichen einer aufholenden Entwicklung.

2.1.2 Historische Entwicklung des Universitätsnetzes

In der Wissensgesellschaft sind Universitäten und andere Hochschulen neben Forschungseinrichtungen die wichtigsten Produktionsstätten von Wissen und Wissenden. Entsprechend ist der institutionelle Auf- und Ausbau von Hochschulen in peripheren Regionen für deren Teilnahme an der Wissensgesellschaft von entscheidender Bedeutung. Die Einrichtung von Hochschulen ist gewissermaßen eine Voraussetzung für die Bildungsexpansion in diesen Regionen.

Die erste Universität Italiens und Europas wurde im Jahr 1088 in Bologna gegründet39. Von dort aus breitete sich diese Institution im Laufe der folgenden Jahrhunderte über das heutige italienische Staatsgebiet aus. Dieser Ausbreitungsprozess lässt sich in vier grobe Phasen untergliedern, die innerhalb der heutigen italienischen Staatsgrenzen unterschiedliche regionale Muster aufweisen (Karte 1).

Vom Mittelalter bis zur nationalen Einigung ab 1860 wurden die meisten Universitäten in Mittel- und Norditalien gegründet, deren hoch entwickelte und zudem im internationalen Handel verflochtenen städtischen Gesellschaften einen „wachsenden Bedarf an Qualifikationen wie Schreiben, Lesen, fremden Sprachen, Diplomatie- und Rechtskenntnissen, Länderkunde usw.“ (Berning 1988: 15) hervorbrachten. Demgegenüber gab es in der südlichen Landeshälfte zunächst lediglich die Universität Neapel, die 1224 von Friedrich II. ins Leben gerufen wurde und von Berning (1988: 15) als erste Staatsuniversität bezeichnet wird. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden [Seite 65↓]schließlich auf den beiden Inseln Sizilien (Catania, Messina) und Sardinien (Sassari, Cagliari) vier weitere Universitäten gegründet; erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Hochschule in Palermo der Universitätstitel verliehen.

Die nächste Universitätsgründung im heutigen Mezzogiorno erfolgte erst in der Zeit des Faschismus mit der Gründung der Universität Bari (Apulien) im Jahr 1924. Somit blieb die Universität Neapel während sieben Jahrunderten die einzige Universität auf dem italienischen Festland südlich von Rom. Denn in der Phase nach der nationalen Einigung konzentrierte sich der Hochschulausbau zunächst auf die großen Städte Norditaliens, wo mit Turin, Mailand (2), Venedig und Triest insgesamt fünf neue Universitäten errichtet wurden. Vier der sechs heutigen süditalienischen Regionen (Abruzzen, Molise, Basilicata und Kalabrien) blieben bis nach dem Zweiten Weltkrieg ohne eigene Universität.

Erst die Phase der sogenannten Bildungsexpansion nach Ende des Zweiten Weltkriegs sollte diesem Mangel Abhilfe schaffen. Zwischen 1956 und 1986 wurden fast drei mal so viele Universitäten gegründet (17) wie in den einhundert Jahren zuvor (6). Hierbei lassen sich zwei deutliche regionale Schwerpunkte des Hochschulausbaus erkennen: zum einen Nordostitalien, wo es bis dato keine Universität gab, und zum anderen die Regionen in der südlichen Landeshälfte. Der institutionelle Ausbau setzte hier in den 1950er Jahren mit der Gründung der Universität Lecce (1956) ein; es folgten in den 1960er Jahren die Universitäten Cassino (1964), Salerno (1967) und Cosenza (1968).

In den 1980er Jahren wurden schließlich die Universitäten L’Aquila und Chieti (1982), Campobasso (1982) und Potenza (1983) sowie die Universität in Reggio Calabria (1983) gegründet, welche aus dem 1969 eröffneten, staatlichen Istituto Universitario Statale di Architettura (I.U.S.A.) hervorging. Am Ende der 1980er Jahre waren somit alle Regionen des Mezzogiorno mit eigenen Universitäten ausgestattet, womit jedoch nicht zwangsläufig ein komplettes Studienangebot verbunden war (vgl. Loda 1986; Berning 1988: 60-67).

Während die Phase der Bildungsexpansion bis zu den 1980er Jahren zu einer regionalen Ausbalancierung des nationalen Hochschulnetzes in Italien beitrug, verstärkten die Neugründungen der 1990er Jahre das Ungleichgewicht zwischen Norden und Süden. Der Hochschulausbau konzentrierte sich vor allem auf die Ballungsräume Mailand, Rom und Neapel. Insbesondere der Raum Mailand wurde mit insgesamt fünf Gründungen als Hochschulregion am stärksten ausgebaut. In Süditalien gab es außerhalb des Großraums Neapel lediglich drei neue Universitäten in Apulien (Foggia, Bari und Casamassima) sowie die Gründung der Universität Teramo (Abruzzen), die 1993 aus einzelnen Fakultäten der Universität Chieti hervorging (vgl. Istat 2000: 14).


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Karte 1: Historische Entwicklung des italienischen Hochschulnetzes

Quelle: Berning 1988, ISTAT 2002; Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.

Die Ausstattung aller Regionen des Mezzogiorno mit eigenen Universitätsstandorten ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer regionalen „Bildungsautarkie“. Wenngleich mit Ausnahme der norditalienischen Region Aostatal in allen Regionen Universitätsstandorte [Seite 67↓]vorhanden sind, ist die Breite des Lehrangebots an den einzelnen Standorten sehr unterschiedlich. Insbesondere die neu gegründeten Hochschulstandorte in den Peripherien decken in der Regel nicht alle Fakultäten ab. Beispielsweise gab es 1995 in den Abruzzen weder Absolventen der Agrarwissenschaft noch Mediziner, Ingenieure oder Geistes- und Sozialwissenschaftler. Ähnlich schwach ausgestattet war die Region Molise, die weder Mediziner und Juristen noch Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler ausgebildet hat; in Kalabrien gab es 1995 keine sozialwissenschaftliche Fakultät.

2.1.3 Regionale Muster des Anstiegs der Absolventenzahlen in den 1990er Jahren

Das historische Muster der regionalen Ausbreitungsphasen der italienischen Hochschullandschaft spiegelt sich bis heute in der Anzahl der Hochschulabsolventen in den einzelnen Regionen und Landesteilen Italiens wider (Karte 2).

Trotz Hochschulausbau liegt die Zahl der Absolventen an den Hochschulen des Mezzogiorno bezogen auf die jeweilige Wohnbevölkerung auch in den 1990er Jahren unterhalb des Landesdurchschnitts. Im Jahr 1995 gab es in Italien pro 10.000 Einwohnern 19 Hochschulabsolventen, in Mittelitalien 22, in Norditalien 20 und im Mezzogiorno nur 1540. Bei Betrachtung der einzelnen Regionen zeigt sich, dass die höchsten Werte in den nordmittelitalienischen Regionen Emilia Romagna (28), Toskana und Lombardei (je 23) sowie in Umbrien und im Latium (je 22) erreicht werden: Hierbei handelt es sich um die Regionen, die auch schon auf der Karte der Universitätsgründungen bis 1858 die höchste Universitätsdichte aufwiesen.

Darüber hinaus wird aus Karte 2 erkennbar, dass ein erheblicher Teil des regionalen Ungleichgewichts in der Humanressourcenproduktion der interregionalen Studienmobi-lität geschuldet ist. Die hohen Absolventenzahlen (bezogen auf die Bevölkerung) in den mittelitalienischen Regionen erklären sich weniger durch die höhere Bildungsbeteiligung oder den größeren Studienerfolg in diesen Regionen, als vielmehr durch die massiven Importe von Studierenden und späteren Absolventen aus anderen Landesteilen, die beispielsweise in der Emilia-Romagna und den Marken fast 40% erreichen und auch in der Toskana und Umbrien bei knapp einem Drittel liegen. Die überwiegende Mehrheit dieser Absolventen stammt aus Süditalien, was auf die unvollständige Hochschulausstat-tung in manchen Regionen zurückzuführen ist, aber auch auf die lange Tradition der Bildungsabwanderung, die durch den dortigen Hochschulmangel konditioniert war.

Wenngleich die ‚Produktivität’ der Hochschulen in allen Regionen des Mezzogiorno unterhalb des nationalen Durchschnittswertes liegt, so lassen sich doch innerhalb dieses Landesteils sehr deutliche regionale Muster erkennen. Relativ hohe Absolventenzahlen gibt es auch hier in den Regionen, welche die ältesten Hochschulen haben: Kampanien (18), Sizilien (16) und Sardinien (15). Ähnlich verhält es sich mit den Hochschulen der [Seite 68↓]Abruzzen (17), welche zu einem beträchtlichen Teil der Zuwanderung aus anderen Regionen (33,5%) insbesondere dem Molise geschuldet ist. Gleiches gilt für die Hoch-schulen in Sizilien, deren Absolventen zu 12,2% nicht aus Sizilien kommen, sondern überwiegend aus Kalabrien. In den schlechter ausgestatteten Hochschulregionen ist die „Absolventenproduktivität“ erheblich geringer: in Kalabrien kamen 1995 sechs Absolventen auf 10.000 Einwohner, in der Basilikata und in Molise jeweils nur drei.

Karte 2: „Produktivität“ der italienischen Hochschulregionen und regionale Herkunft der Absolventen des Jahres 1995

Datenquelle: Istat - Inserimento professionale dei laureati del 1995; Istat - Forze di lavoro media 1995; eigene Berechnung und Kartographie.

Ein Blick auf die jüngere Entwicklung der Absolventenzahlen in den drei Landesteilen zeigt darüber hinaus, dass diese zwar in ganz Italien während der gesamten 1990er Jahre kontinuierlich angestiegen sind, dass sich die Schere zwischen Norditalien, Mittelitalien und dem Mezzogiorno bezüglich der Anzahl der Absolventen (laureati) aber weiter geöffnet hat. Insgesamt ist die Zahl der Hochschulabsolventen mit einem laurea-[Seite 69↓]Abschluss in Italien zwischen 1990 und 1999 von 86.469 auf 139.108 angestiegen41. Dies entspricht einem Anstieg um 52.639 Absolventen und einem Zuwachs von 61% in nur zehn Jahren. Diese Entwicklung macht sich aber vor allem an den norditalienischen Universitäten bemerkbar, bei denen die Absolventenzahl von 37.124 (1990) auf 65.789 (1999) um mehr als 28.000 bzw. 77% angestiegen ist. Demgegenüber ist in Mittelitalien nur eine Steigerung um 61% (von 21.540 auf 34.648) und im Mezzogiorno um 39% (von 27.805 auf 38.671) zu beobachten. Mehr als die Hälfte des gesamten Anstiegs der Absolventenzahlen entfällt also auf die norditalienischen Universitäten, so dass sich die bestehenden Ungleichgewichte in den 1990er Jahren weiter verstärkt haben.

Abbildung 5: Anzahl der Universitätsabsolventen in den drei italienischen Landesteilen 1990 bis 1999

Datenquelle: Istat – Lo stato dell’università 2002; eigene Berechnung und Entwurf.

Mit Abstand die deutlichste Steigerung konnte die Lombardei verbuchen, an deren Hochschulen allein 1999 über 23.900 Absolventen ihr Studium beendeten. Das waren fast 10.000 mehr als im Jahr 1990. Auch in den übrigen großen Regionen Norditaliens, der Emilia-Romagna, der Toskana, dem Veneto und dem Piemont waren in den 1990er Jahren deutlich ansteigende Absolventenzahlen zu beobachten. Demgegenüber fiel der [Seite 70↓]Absolventenzuwachs in der Hauptstadtregion Latium mit einem Anstieg um 47% eher verhalten aus.

Die prozentual geringsten Zuwächse sind in den beiden großen Hochschulregionen des Mezzogiorno, Kampanien (+20%) und Sizilien (+26%), zu beobachten. Gemessen an den Absolventenzahlen fiel Kampanien damit von der drittgrößten Hochschulregion auf Rang vier hinter die Emilia-Romagna zurück, Sizilien rutschte von Platz fünf auf Platz sieben hinter dem Veneto und der Toskana ab (vgl. Abb. 6).

Abbildung 6: Anzahl der Universitätsabsolventen in den italienischen Regionen 1990 und 1999 (nur laureati)

Datenquelle: Istat, Lo stato dell’università 2002; Berechnung und Entwurf H. Jahnke 2004.

Die regionalen Disparitäten der „Akademikerproduktion“, die aufgrund der historischen Entwicklung der italienischen Hochschullandschaft deutlich ausgeprägt waren, haben sich in den 1990er Jahren weiter verstärkt. Während die Zahl der Absolventen an den norditalienischen Universitäten, insbesondere in den wirtschaftsstarken Regionen, rasant angestiegen ist, erfolgte diese Entwicklung im Mezzogiorno sehr viel gemäßigter. Wie aber wirken sich diese regionalen Ungleichgewichte der ‚Akademikerproduktion’ auf die Entwicklung der Akademikeranteile in den einzelnen Regionen aus?


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2.1.4  Der Prozess der Akademisierung der Bevölkerung in den italienischen Regionen

Im Vergleich mit den regionalen Unterschieden in der ‚Akademikerproduktion’ erweisen sich die Unterschiede der Akademikeranteile an der Wohnbevölkerung als gemäßigt. Trotz eines Plus von 892.451 Akademikern (+38%) allein zwischen 1993 und 1999 lag der Akademikeranteil an der italienischen Wohnbevölkerung im Jahr 1999 lediglich bei 5,7%, was angesichts der zuvor geschilderten dynamischen Akademisierung in den 1990er Jahren im internationalen Vergleich immer noch ein sehr niedriger Wert ist. Wenngleich in den 1990er Jahren vor allem die Zahl der Akademikerinnen angestiegen ist, liegt der Akademikeranteil in der weiblichen Bevölkerung 1999 mit 5,2% weiterhin unterhalb desjenigen der männlichen Bevölkerung mit 6,3%.

Noch deutlicher als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind jedoch die Unterschiede zwischen den drei Landesteilen: Den höchsten Akademikeranteil weist Mittelitalien auf, wo 6,8% der Bevölkerung einen akademischen Abschluss haben, wohingegen dieser im Mezzogiorno (5,0%), am niedrigsten ausfällt.

Wie ein Blick auf Tabelle 1 zeigt, hat sich auch hier die Kluft zwischen dem Mezzogiorno und den anderen Landesteilen im Laufe der 1990er Jahre verstärkt: Zwar ist der Zuwachs in Mittelitalien, wo der Akademikeranteil am höchsten ist, eher gemäßigt gewesen (+29%), in Norditalien ist er mit 46% deutlich über demjenigen des Mezzogiorno, wo die Zahl der Akademiker in diesem Zeitraum „nur“ um ein Drittel anstieg, was einer absoluten Zahl von etwa einer Viertelmillion entspricht.

Tabelle 1: Entwicklung der Akademikerzahlen zwischen 1993 und 1999 nach Landesteil und Geschlecht

 

Akademiker

Veränderung 1993-99

Akademikeranteil

 

1993

1999

absolut

in %

1993

1999

Norditalien

1.017.414

1.483.042

+465.628

+46%

4,1

5,9

Mittelitalien

580.913

750.342

+169.429

+29%

5,4

6,8

Mezzogiorno

776.442

1.033.835

+257.393

+33%

3,8

5,0

       

Italien

2.374.769

3.267.220

+892.451

+38%

4,2

5,7

Männer

1.344.434

1.734.321

+389.887

+29%

4,9

6,3

Frauen

1.030.334

1.532.898

+502.564

+49%

3,6

5,2

Datenquelle: Istat - Forze di lavoro 1993-99; Berechnung H. Jahnke 2004.

Eine Betrachtung der einzelnen Regionen zeigt darüber hinaus, dass die niedrigsten Akademikeranteile in einzelnen Regionen des Mezzogiorno vorzufinden sind: insbesondere in den Regionen Basilikata, Apulien und Sardinien, wo die Werte unterhalb des Durchschnitts des Mezzogiorno liegen.

Sehr viel differenzierter ist das Bild in Norditalien: auf der einen Seite ist der Anteil der Akademiker in den peripheren Alpenregionen Südtirol (4,6%), Aostatal (4,7%) aber auch Piemont (5,2%) und Veneto (5,3%) ebenfalls unterdurchschnittlich, auf der anderen [Seite 72↓]Seite liegen die drei wirtschaftlichen Kernregionen Emilia-Romagna (6,4%), Ligurien (6,4%) sowie die Lombardei (6,2%) deutlich über dem Durchschnitt.

Der allerhöchste Wert findet sich hingegen in der Region Latium (8,1%) um die Hauptstadt Rom, aber auch die übrigen Regionen Zentralitaliens haben relativ hohe Akademikeranteile.

Karte 3: Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung über 14 Jahren in den italienischen Regionen und Landesteilen 1999

Datenquelle: ISTAT – Forze di lavoro Media 1999; Berechnung und Entwurf H. Jahnke 2004.

2.1.5 Zusammenfassung

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern erfolgte die Bildungsexpansion im Hochschulbereich in Italien mit einer zeitlichen Verzögerung, so dass das Land noch am Ende der 1990er Jahre den geringsten Akademikeranteil aller Oecd-Länder aufweist. Dieser Befund ist umso bedeutsamer, als Italien zu den wenigen Ländern gehört, die neben den Universitäten keine weiteren postsekundären Bildungseinrichtungen im Sinne deutscher Fachhochschulen besitzen. Zwar lassen in den 1990er Jahren erste Anzeichen einer beschleunigten Akademisierung erkennen, gleichwohl kann man von einem [Seite 73↓]relativen Akademikermangel sprechen, der zudem deutliche Unterschiede zwischen den drei Landesteilen aufweist.

Dies betrifft zunächst die bestehenden regionalen Ungleichgewichte in der Hochschulausstattung, die vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der italienischen Hochschullandschaft betrachtet werden müssen. Schon die frühen Universitätsgründungen, welche von der ersten Universität Bologna im Jahr 1088 ausgingen, konzentrierten sich zunächst in den Städten Nord- und Mittelitaliens sowie später auf den beiden Inseln Sizilien und Sardinien. Die übrigen Regionen des Mezzogiorno blieben mit Ausnahme Neapels von den ersten 700 Jahren der Universitätsentwicklung vollkommen unberührt. Erst mit dem Hochschulausbau nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Süditalien zu einer Verdichtung des Hochschulnetzes, wohingegen die jüngsten Entwicklungen der 1990er Jahre erneut zu einer Verstärkung des bestehenden Ungleichgewichts beitragen.

Das historisch gewachsene, räumliche Muster der italienischen Hochschullandschaft spiegelt sich bis heute in den Absolventenzahlen der einzelnen Hochschulregionen wider, die in den Regionen des Mezzogiorno – bezogen auf die Bevölkerung - hinter den landesweiten Entwicklungen zurückbleiben. Auch hier haben die 1990er Jahre die bestehenden Disparitäten zwischen Süden und Norden weiter verstärkt, was sich auch in der Entwicklung der Akademikeranteile in der Wohnbevölkerung der drei Landesteile zeigt. Trotz einer landesweit fortschreitenden Akademisierung der Wohnbevölkerung hat sich die Schere zwischen den vergleichsweise hohen Akademikeranteilen in Nord- und Mittelitalien und den niedrigeren im Mezzogiorno weiter geöffnet.

Die regionale Ungleichverteilung der Akademiker in der Wohnbevölkerung der italienischen Regionen sagt jedoch noch nichts über die Erwerbssituation dieser Bevölkerungsgruppe aus. Diese ist das Thema des folgenden Kapitels, welches den qualitativen Austausch der erwerbstätigen Bevölkerung in den 1990er Jahren beschreibt.

2.2 Die Erwerbssituation von Akademikern in Italien in den 1990er Jahren

Die Statistiken über die Erwerbssituation von Akademikern sind ein geeigneter Indikator, um die Nutzung aufgebauter Humanressourcen auf der Makroebene zu beurteilen. Denn für den messbaren wirtschaftlichen Nutzen des an den Hochschulen erworbenen akademischen Wissens ist die Frage entscheidend, ob und in welcher Weise Akademiker in den Arbeitsmarkt integriert sind, bzw. zu welchem Zeitpunkt junge Universitätsabsolventen in diesen integriert werden. Die folgende Analyse der Erwerbssituation von Akademikern und jungen Hochschulabsolventen in Italien gliedert sich in drei Schritte.


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Zunächst wird ein knapper Überblick über den italienischen Arbeitsmarkt für Akademiker gegeben, bevor eine Analyse des Prozesses der ‚Akademisierung’42 der Erwerbsbevölkerung in den drei italienischen Landesteilen in den 1990er Jahren erfolgt. Dabei wird die Erwerbssituation von Akademikern in den einzelnen Landesteilen und Regionen vor dem Hintergrund der allgemeinen Arbeitsmarktsituation in Italien betrachtet. Im dann folgenden Abschnitt rückt der Prozess der Integration junger italienischer Universitätsabsolventen ins Zentrum der Betrachtung. Hierbei gilt es ebenfalls die Entwicklung in den 1990er Jahren in ihrer regionalen Differenzierung aufzuzeigen und die Besonderheiten der Erwerbssituation junger italienischer Akademiker herauszuarbeiten.

2.2.1 Zur Erwerbssituation italienischer Akademiker im europäischen Vergleich

Die relativ geringe Anzahl akademischer Abschlüsse in Italien lässt angesichts der wachsenden Nachfrage nach Akademikern auf dem europäischen Arbeitsmarkt der Wissensgesellschaft vermuten, dass Akademiker und insbesondere Jungakademiker auf dem italienischen Arbeitsmarkt besonders gefragt sind. Dies erweist sich zunächst jedoch als unzutreffend.

Bereits in der frühen Phase der Bildungsexpansion schien der italienische Arbeitsmarkt mit der wachsenden Anzahl von Hochschulabsolventen überfordert zu sein. Schon Anfang der 1970er Jahre lag die Arbeitslosenquote der erstmalig Arbeit suchenden italienischen Abiturienten und Akademiker „erheblich über dem Durchschnitt“ (Tessaring/Werner 1975: 339). Seitdem hat sich die Akademikerarbeitslosigkeit insbesondere junger Universitätsabsolventen unter dem Begriff der „disoccupazione intellettuale“ (wörtlich 'Intellektuellenarbeitslosigkeit') als Kernproblem des italienischen Arbeitsmarktes etabliert. Zwar konnte Francesco (1988a, 1988b) für die 1980er Jahre eine relative Besserung der Situation feststellen. Die Arbeitslosenquote junger Absolventen unter 30 Jahren war aber auch damals mit 26% sehr hoch. Auch die 1990er Jahre brachten diesbezüglich keine signifikante Verbesserung.

2.2.1.1 Statistische Arbeitslosigkeit von Akademikern in Italien

Dabei belegen alle internationalen Vergleichsstatistiken, so auch jene der Oecd, dass mit steigendem Bildungsniveau auch die Gefahr der Arbeitslosigkeit abnimmt bzw. umgekehrt die Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbsbeschäftigung nachzugehen - insbesondere bei den Frauen - ansteigt. Damit wird der von der Humankapitaltheorie postulierte und von der Oecd häufig wiederholte Zusammenhang zwischen Bildung und Beschäftigung zumindest durch aggregierte Daten belegt. Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss können folglich als Privilegierte auf dem Arbeitsmarkt [Seite 75↓]erachtet werden, insbesondere in den europäischen Ländern, wo die EU während der gesamten 1990er Jahre von einem Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften ausgeht.

Obwohl laut Oecd-Statistiken diese grundsätzlichen Aussagen in fast allen Ländern bestätigt werden, ergeben sich relevante Unterschiede bezüglich der Varianz der statistischen Arbeitsmarktindikatoren für die einzelnen ‚Bildungsgruppen’. Für Italien ist neben der Differenz zwischen den Gruppen unterschiedlicher Bildungsniveaus in besonderem Maße auch die Geschlechterdifferenz zu beachten. Diese Unterschiede zeigen sich zum einen bezüglich der Arbeitslosenquoten, die bei den italienischen Männern bei 6,7% und bei den Frauen bei 13,0% lagen, besonders deutlich werden sie jedoch bei einem Vergleich der Erwerbsquoten: diese lag 1999 bei den italienischen Männern zwischen 25 und 64 Jahren bei 80,5%, bei den Frauen aber lediglich bei 48,1% (vgl. Abb. 7)

Ungeachtet des Geschlechts zeigen sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen die erwarteten Unterschiede zwischen den einzelnen Bildungsniveaus: bei den Männern steigt die Erwerbsquote von 75,2% beim untersten Bildungsniveau (Isced 0/1/2) bis auf 91,8% unter den Akademikern (Isced 5A/6) an. Ähnlich - wenngleich mit einer deutlich markanteren Differenz - verhält es sich bei den Frauen, deren Erwerbsquote zwischen 32,6% auf 81,3% variiert. Damit liegt die Erwerbsbeteiligung der Akademiker und insbesondere der Akademikerinnen klar über der durchschnittlichen Erwerbsbeteiligung italienischer Männer (80,5%) und Frauen (48,1%). Die starken Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung der Frauen unterstreichen darüber hinaus die besondere Bedeutung des Bildungsabschlusses.

Abbildung 7: Erwerbsquoten und Arbeitslosenquoten in Italien 1999 nach Bildungsabschluss und Geschlecht

Datenquelle: OECD (2001): Education at a glance, Tabelle E1. Entwurf H. Jahnke 2004.

Sehr viel geringer fallen die Unterschiede bei den Arbeitslosenquoten aus: das Spektrum bei den Männern liegt zwischen 7,8% (Isced 0/1/2) und 4,9% (Isced 5A/6), bei den Frauen zwischen 16,6% und 9,3%. Somit nimmt in Italien (statistisch) die Gefahr der Arbeitslosigkeit mit steigendem Bildungsniveau zwar erwartungsgemäß ab, die Unterschiede sind zumindest bei den Männern aber nur geringfügig. Zudem zeigt sich bei einem Vergleich zwischen den Geschlechtern, dass die Akademikerarbeitslosenquote [Seite 76↓]der Frauen mit 9,3% sogar höher liegt, als diejenige der Männer mit dem niedrigsten Bildungsabschluss (Isced 0/1/2). Für die Chancen auf dem italienischen Arbeitsmarkt scheint folglich - zumindest auf den ersten Blick - die Geschlechterzugehörigkeit einen größeren Einfluss zu haben als das formale Bildungsniveau.

Vergleicht man die italienische Situation mit derjenigen anderer Länder, so zeigen sich beispielsweise in Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien bezüglich der Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung von Akademikern strukturelle Gemeinsamkeiten. Obwohl Italien mit 9,3% unter den fünf großen europäischen Ländern den geringsten Akademikeranteil an der Erwerbsbevölkerung aufweist, ist deren Erwerbsbeteiligung hier nicht höher als in den vier genannten europäischen Vergleichsländern. Zwar liegt Italien bei den Erwerbsquoten der Männer mit 91,8% über dem Oecd-Durchschnitt (89,9%) und auch oberhalb Spaniens und Frankreichs, bei den Frauen ist sie mit 81,3% jedoch niedriger als in den anderen vier Ländern (Tabelle 2)

Tabelle 2: Anteil der Universitätsabsolventen an den Erwerbspersonen und Beschäftigungssituation von Universitätsabsolventen in ausgewählten europäischen Ländern 1999 (in Prozent)

 

Anteil der Universitätsabsolventen an den Erwerbspersonen

(25-64 Jahre) in %

Arbeitslosenquote in Bezug auf die Erwerbspersonen

(25-64 Jahre) in %

Erwerbsquote in Bezug auf die Erwerbspersonen

(25-64 Jahre) in %

 

Gesamt

mit Universitäts-abschluss

alle Ausbildungs-niveaus

mit Universitäts-abschluss

Alle Ausbildungs-niveaus

 
 

ISCED 5A/6

M

W

M

W

M

W

M

W

 

Italien

9,3

4,9

9,3

6,7

13,0

91,8

81,3

80,5

48,1

 

Deutschland

13,0

4,3

5,1

8,4

9,5

91,8

83,0

84,3

66,3

 

Spanien

14,8

6,9

14,6

9,2

20,1

90,4

84,2

85,5

52,0

 

Frankreich

11,0

5,0

7,6

9,0

12,3

90,3

83,1

85,1

70,2

 

Großbritannien

16,6

2,6

2,7

5,5

4,1

92,8

88,2

86,3

73,5

 

OECD-Durchschnitt

9,4

2,9

4,0

5,1

6,4

89,9

79,0

83,9

62,4

 

Datenquellen: OECD 2001e,:Tab. A2.1, E1.1 und E1.2.

Ähnlich den Erwerbsquoten ergeben sich auch hinsichtlich der Arbeitslosenquoten für Akademiker deutliche Länderunterschiede. Die italienischen Werte liegen mit 4,9% für Männer und 9,3% für Frauen deutlich über dem OECD-Durchschnitt (Männer 2,9% bzw. Frauen 4,0%) und den Werten Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens. Lediglich auf dem spanischen Akademikerarbeitsmarkt ist die Beschäftigungssituation mit Arbeitslosenquoten von 6,9% (Männer) und 14,3% (Frauen) noch angespannter als in Italien. Auch hier scheint ein akademischer Abschluss nur bedingt die Benachteiligung der Frauen gegenüber den männlichen Erwerbspersonen auszugleichen.

Die vorliegenden statistischen Beobachtungen legen die Schlussfolgerung nahe, dass man sich in Italien trotz relativer Knappheit akademisch gebildeter Arbeitskräfte mit dem Erwerb eines Hochschulabschlusses zwar einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt [Seite 77↓]verschafft, dieser aber im Vergleich mit anderen Ländern eher gering ausfällt. Anders ausgedrückt erfährt der Wert eines akademischen Abschlusses in Italien nicht die gesellschaftliche bzw. wirtschaftliche Wertschätzung wie in anderen europäischen Ländern. Wie der folgende Abschnitt zeigt, erfolgt insbesondere die Integration junger Hochschulabsolventen in den Arbeitsmarkt in Italien mit erheblichen Schwierigkeiten.

2.2.1.2 Integration junger Akademiker in den Arbeitsmarkt

Die Problematik der Integration junger Akademiker in den Arbeitsmarkt zeigt sich bei einer Betrachtung der Jugendarbeitslosenquoten differenziert nach dem höchsten erworbenen Qualifikationsniveau. Während 1998 im Durchschnitt aller OECD-Länder die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventen mit 7,7% unterhalb derjenigen aller Erwerbspersonen zwischen 25 und 29 Jahren (9,2%) lag, wurde in Italien – ähnlich wie in den anderen südeuropäischen Ländern - die ohnehin sehr hohe Arbeitslosenquote dieser Altersgruppe (19,5%) durch diejenige der Jungakademiker mit 27,0% sogar noch deutlich übertroffen. Dieser Wert ist lediglich in Spanien (28,6%) noch höher, wohingegen er in Frankreich (11,1%), Deutschland (4,9%) und Großbritannien (2,9%) deutlich darunter liegt.

Tabelle 3: Spezifische Arbeitslosenquoten nach Bildungsabschluss und Alterskohorten in ausgewählten OECD-Ländern (1998)

 

Mindestschulabschluss

Sekundarschulabschluss

Universitätsabschluss

Gesamt

 

ISCED 0/1/2

ISCED ¾

ISCED 5A/6

 
 

Alter 15-19

Alter 20-24

Alter 25-29

Alter 25-29

Großbritannien

29,6

9,9

2,9

7,0

Deutschland

6,9

8,2

4,9

8,7

Frankreich

23,8

22,8

11,1

16,1

Italien

38,8

32,9

27,0

19,5

Spanien

40,9

32,2

28,6

24,3

OECD

28,0

21,2

14,9

15,1

Datenquelle: OECD 2000b, Tab. E1.3A.

Die im Vergleich mit älteren Kohorten (s.o.) extrem hohe Arbeitslosenquote italienischer Jungakademiker zwischen 25 und 29 Jahren legt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei im wesentlichen um eine verlängerte Sucharbeitslosigkeit handelt, wie sie aufgrund der hohen Erwartungen gerade bei jungen Hochschulabsolventen sehr verbreitet ist (vgl. Francesco 1988; Rolfes 1996). Zudem stellt sich in Italien - aber beispielsweise auch in Deutschland - das Problem, dass aufgrund des überdurchschnittlich hohen Alters italienischer Universitätsabsolventen deren Phase der Sucharbeitslosigkeit überwiegend in die Altersgruppe der 25 bis 29jährigen fällt, während beispielsweise in Großbritannien das durchschnittliche Abschlussalter sehr viel niedriger liegt.


[Seite 78↓]

Dennoch ist die schwierige Integration in den Arbeitsmarkt kein spezifisches Problem junger Akademiker, sondern zeigt sich in verstärkter Form auch bei den jungen Erwerbspersonen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss, wenn man bei der Berechnung der Arbeitslosenquote die entsprechende Altersgruppe als Grundlage heranzieht. So liegt die Arbeitslosenquote der Personen mit Pflichtschulabschluss bezogen auf die Altersgruppe der 15 bis 19jährigen in Italien bei 38,8%, diejenige der Personen mit einem Sekundarschulabschluss in der Altersgruppe der 20 bis 24jährigen bei 32,2%. Diese Zahlen relativieren die hohen Arbeitslosenquoten junger italienischer Akademiker.

Zusammenfassend lässt sich die ‚Produktion’ und ‚Verwertung’ von Humankapital in Italien in der Mitte der 1990er Jahre im Vergleich mit anderen europäischen Ländern folgendermaßen charakterisieren: Wenngleich der Akademikeranteil in der italienischen Bevölkerung geringer ist als in den anderen europäischen OECD-Ländern, sind italienische Akademiker nicht seltener von Arbeitslosigkeit betroffen. Die statistische Knappheit von Akademikern führt also nicht zu den erwartenden Vorteilen auf dem Arbeitsmarkt; vielmehr erweist sich bei einer Betrachtung der Jungakademiker im Alter von 25 bis 29 Jahren, dass deren Arbeitslosigkeit weit überdurchschnittlich ist und Italien nach Spanien die höchste Jungakademikerarbeitslosigkeit aller europäischer OECD-Länder aufweist.

Die Beschäftigungssituation von italienischen Akademikern sowie das Problem der hohen Arbeitslosigkeit junger Akademiker sollen im folgenden in Hinblick auf die Entwicklung der 1990er Jahre sowie der regionalen Disparitäten zwischen den drei italienischen Landesteilen näher untersucht werden. Denn gerade in einem Land wie Italien, wo die regionalwirtschaftlichen Disparitäten besonders ausgeprägt sind, gibt bereits die regionale Untersuchungsebene wichtige Einblicke in das Verständnis gesamtwirtschaftlich beobachteter Trends.

Die im folgenden präsentierten Ergebnisse beruhen auf eigenen Auswertungen von Rohdaten der Arbeitskräfteerhebung Forze di lavoro durch das italienische Statistikamt Istat für die Jahre 1993 bis 199943.

2.2.2 Die Akademisierung der Erwerbsbevölkerung in den 1990er Jahren

Um zu einem besseren Verständnis der Erwerbssituation von Akademikern in Italien zu gelangen, wird zunächst das Erwerbspersonenkonzept der italienischen Gesamtbevölkerung im Vergleich mit der akademischen Bevölkerung betrachtet.


[Seite 79↓]

2.2.2.1  Zu den Spezifika der Erwerbsbeteiligung von Akademikern in Italien

Italienische Akademiker unterscheiden sich insbesondere durch ihre hohe Erwerbsbeteiligung vom Bevölkerungsdurchschnitt, denn mehr als vier von fünf Personen mit einem akademischen Abschluss (85,3%) sind der Kategorie der Erwerbspersonen zuzuordnen, wohingegen der Durchschnitt lediglich bei 54,4% der erwerbsfähigen Bevölkerung (15 Jahre und älter) liegt. Entsprechend niedrig ist der Anteil der Nichterwerbspersonen, der auch als ‚Stille Reserve’ bezeichnet werden und bei den Akademikern lediglich 14,7% ausmacht. Der durchschnittliche Anteil der Nichterwerbspersonen liegt hingegen bei 45,6%. Die stärksten Unterschiede manifestieren sich hier durch die extrem hohe Anzahl von Personen, die keine Möglichkeit oder kein Interesse an einer Erwerbstätigkeit haben: Der Anteil der Nichterwerbspersonen liegt nämlich im Bevölkerungsdurchschnitt mit 37,4% nahezu vier mal so hoch wie derjenige der erwerbsfähigen Akademiker (10,9%). Sehr viel geringer sind die Unterschiede bei denjenigen, die lediglich unter bestimmten Bedingungen bereit wären, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, bzw. die zwar grundsätzlich eine Arbeit suchen, aber in der letzten Zeit keine konkreten Schritte unternommen haben.

Abbildung 8: Erwerbspersonenkonzept für die italienische Bevölkerung über 14 Jahren (1998)

Datenquelle: ISTAT, Forze di lavoro 1998. Berechnung H. Jahnke. Entwurf nach Fassmann/Meusburger 1997: 86.
Anmerkungen: laureati= höchster Abschluss ist dottorato di ricerca, laurea, Laurea breve oder diploma universitario; Bezugsbasis ist die Bevölkerung über 15 Jahren, ohne Altersbeschränkung.


[Seite 80↓]

Auf der Seite der Erwerbspersonen tritt die Sonderstellung von Akademikern besonders in der Gruppe der Beschäftigten auf, da fast vier Fünftel (79,2%) von ihnen einer Erwerbsbeschäftigung nachgehen, während im Durchschnnitt aller italienischer Bildungsgruppen nicht einmal jeder Zweite (47,3%) erwerbstätig ist. Interessanterweise ergeben sich hinsichtlich des Anteils der Arbeitslosen nur geringfügige Unterschiede: 6,7% der gesamten erwerbsfähigen Bevölkerung waren 1998 arbeitslos und gleichzeitig arbeitsuchend, aber auch 6,1% der Akademiker. Die Unterschiede der Arbeitslosenquoten zwischen Akademikern und dem Bevölkerungsdurchschnitt ergeben sich folglich weniger durch einen geringeren Anteil an Arbeitssuchenden, sondern vielmehr durch die sehr viel niedrigere Erwerbsbeteiligung der Nichtakademiker. Wäre nämlich die Erwerbsbeteiligung der Nichtakademiker ähnlich hoch wie jene der Akademiker, läge ihre Arbeitslosenquote deutlich über 50%.

Auch bezüglich der Struktur der Arbeitslosigkeit unterscheiden sich die Akademiker deutlich vom Durchschnitt aller Arbeitslosen. Bei der Akademikerarbeitslosigkeit (6,2%) handelt es sich überwiegend um ‚Integrationsarbeitslosigkeit’, denn fast zwei Drittel der Betroffenen (entspricht 4,0% von allen) suchen erstmalig eine Arbeit (in cerca di prima ocupazione). Demgegenüber liegt die Sicherheit der Arbeitslätze von Akademikern weit über dem Durchschnitt, denn nicht einmal bei einem Viertel aller arbeitslosen Akademiker (1,4% von allen) ist die Arbeitslosigkeit auf einen Stellenverlust zurückzuführen (disoccupati). Arbeitslosigkeit durch Arbeitsplatzverlust ist im Durchschnitt der Erwerbspersonen jedoch sehr viel häufiger (2,4% von allen).

2.2.2.2 Entwicklungen in den 1990er Jahren

Der Zeitraum 1993 bis 1999 ist in Italien insgesamt von einer schwachen Beschäftigungsentwicklung gekennzeichnet, die sich in der ersten Hälfte des Jahrzehnts sogar in einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen manifestiert. Allein zwischen 1993 und 1996 ging als Folge der massiven wirtschaftlichen Umstrukturierungsmaßnahmen, aber auch der politischen Umwälzungen und dem daran anschließenden Abbau von Arbeitsplätzen die Zahl der Beschäftigten um 457.782 zurück, stieg anschließend aber wieder an, so dass 1999 sogar ein Beschäftigungszuwachs von über 200.000 gegenüber 1993 verzeichnet wurde44.

Im Zuge dieses Abbaus und der anschließenden Expansion der erwerbstätigen Bevölkerung fand ein qualitativer Austausch der Erwerbsbevölkerung statt, dessen wichtigste Charakteristika der steigende Akademikeranteil an der Erwerbsbevölkerung auf der einen Seite und die wachsende Erwerbsbeteiligung von Frauen auf der anderen waren. Der erstgenannte Prozess lässt sich in Bezug auf die Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss (laurea) mit dem Begriff der Akademisierung, letzterer mit demjenigen der Feminisierung fassen.


[Seite 81↓]

Das Ausmaß beider Entwicklungen ist im Untersuchungszeitraum 1993 bis 1999 deutlich zu erkennen: selbst in der Phase des Beschäftigungsabbaus ist die Zahl der beschäftigten Akademiker kontinuierlich gestiegen, so dass im Jahr 1999 schließlich 668.752 mehr Akademiker in Italien arbeiten als sechs Jahre zuvor, was einem Zuwachs von einem Drittel [!] innerhalb dieser Gruppe entspricht. Diese Dynamik wird vor allem von den Akademikerinnen getragen, deren Gesamtzahl in der Bevölkerung um über eine halbe Million (502.564) angestiegen ist. Die Zahl der weiblichen Erwerbspersonen mit Hochschulabschluss ist gleichzeitig um fast 50% (entspricht 383.598) angewachsen und die Zahl der tatsächlich Beschäftigten in dieser Gruppe um 46% (entspricht 367.652).

Eine spiegelbildliche Entwicklung zeigt sich bei der Zahl der Arbeitsuchenden, die zwischen 1993 und 1999 insgesamt um 370.454 angestiegen ist, von denen allein 79.885 Akademiker waren. Dies bedeutet einen prozentualen Zuwachs in der Gruppe der arbeitsuchenden Akademiker um 77%, während die allgemeine Zahl der Arbeitssuchenden um 16% stieg. Mit der Akademisierung der Erwerbsbevölkerung erfolgt somit nicht nur ein dynamischer Beschäftigungsanstieg der Akademiker, sondern gleichzeitig auch ein signifikanter Zuwachs der Arbeitslosigkeit dieser Personengruppe.

Abbildung 9: Entwicklung der Erwerbspersonen-, Beschäftigten- und Arbeitslosenzahlen zwischen 1993 und 1999 in Italien (Gesamtbevölkerung und Akademiker)

Datenquelle: ISTAT - Forze die lavoro 1993 bis 1999; Berechnung und Darstellung H. Jahnke 2004.

Beide Zahlenreihen – Beschäftigte und Arbeitslose - unterstreichen somit die besondere Dynamik des Akademikersegments innerhalb des italienischen Arbeitsmarktes, welche in erheblichem Maße von der steigenden Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der [Seite 82↓]italienischen Akademikerinnen getragen wird. Ganz allgemein zeigt sich unter den Frauen ein Anstieg der Beschäftigtenzahlen um 464.101 (entspricht +7%), aber auch der Arbeitslosenzahlen um 198.632 (entspricht +16%), wohingegen bei den Männern gleichzeitig ein Beschäftigungsrückgang um 256.240 (minus 2%) zu beobachten ist.

Die angeführten Zahlen belegen, dass die Bildungsexpansion zu einem kontinuierlichen Anstieg des Akademikeranteils in der Erwerbsbevölkerung geführt hat und zugleich immer mehr Frauen aktiv am Erwerbsgeschehen teilnehmen. Beide Prozesse sind zudem in ihrer Entwicklung eng miteinander verflochten, da insbesondere unter Frauen mit einem höheren Bildungsniveau die Erwerbsbeteiligung zunimmt.

Ähnlich wie die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern, zeigen sich auch zwischen Nord-, Mittel- und Süd- bzw. Inselitalien beachtliche Disparitäten in der Erwerbsentwicklung. In Norditalien stieg allein zwischen 1993 und 1999 die Anzahl der Beschäftigten mit einem akademischen Abschluss um 45% an, was angesichts der nahezu stagnierenden allgemeinen Beschäftigungsentwicklung und des extrem kurzen Zeitraums von nur sechs Jahren beachtlich ist. Bemerkenswert ist hierbei die große Diskrepanz zwischen der Beschäftigungsentwicklung der Frauen mit einer Zunahme um 62%, und der Männer, die mit +34% lediglich etwas mehr als halb so hoch ist. Eine sehr viel schwächere Dynamik zeigt sich dagegen in Mittelitalien und im Mezzogiorno, wo die Beschäftigtenzahl im Akademikersegment ‚nur’ um ein Viertel (24%) anstieg.

Wenngleich sich die Akademisierung im Mezzogiorno sehr viel langsamer vollzieht als in anderen Landesteilen, sollte dabei nicht übersehen werden, dass der Prozess hier zeitlich mit einer Phase des absoluten Beschäftigungsrückgangs zusammenfällt. In der mittelitalienischen Entwicklung ist erneut die Geschlechterdiskrepanz bemerkenswert: während der Beschäftigtenzuwachs bei den Akademikern nur 14% ausmacht, liegt derjenige der Akademikerinnen bei 40%. Lediglich im Mezzogiorno sind nur geringfügige Unterschiede zwischen Frauen (+31%) und Männern (+20%) erkennbar.

Abbildung 10: Entwicklung der Beschäftigtenzahlen in den drei Landesteilen zwischen 1993 und 1999- Akademiker und Gesamtbevölkerung (Index 1993=100)

Datenquelle: ISTAT, Forze di lavoro 1993-1999; Berechnung und Darstellung H. Jahnke 2004.


[Seite 83↓]

Die Massenentlassungen der Jahre 1993 bis 1995 und die anschließende Beschäftigungsexpansion auf dem italienischen Arbeitsmarkt haben folglich in den 1990er Jahren zu grundlegenden qualitativen Veränderungen der Erwerbsstruktur geführt. Hinter einer stagnierenden Beschäftigtenzahl verbirgt sich ein deutlicher Anstieg der Zahl der beschäftigten Frauen bei einem gleichzeitigen Beschäftigungsrückgang der Männer, deren Zahl auch 1999 noch unterhalb des Wertes von 1993 liegt. Gleichzeitig ist eine massive Zunahme der Zahl der beschäftigten Akademiker zu beobachten, die in nur sechs Jahren um ein Drittel angestiegen ist.

Aus diesen qualitativen Umwälzungen geht Norditalien als eindeutiger Gewinner hervor, da dieser Landesteil am Ende der 1990er Jahre in der Bilanz nicht nur die deutlichste Zunahme der Zahl beschäftigter Akademiker sondern zudem sogar einen allgemeinen Beschäftigungszuwachs verzeichnen kann. Demgegenüber ist die Entwicklung im Mezzogiorno vergleichsweise schwach. Zwar hat auch hier die Zahl beschäftigter Akademikerinnen und Akademiker zugenommen, dennoch konnte insgesamt die Beschäftigtenzahl von 1993 bislang nicht wieder erreicht werden. Auch die Akademisierung der Erwerbsbevölkerung bleibt hier nicht nur hinter den anderen Landesteilen zurück, sondern hat zugleich zu einer Verdoppelung der Zahl arbeitsloser Akademiker im Mezzogiorno geführt - sowohl bei den Frauen (+104%) als auch bei den Männern (+94%). Trotz einer starken Beschäftigungsdynamik führt dies sogar zu einem Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit, wie der folgende Abschnitt zeigt.

2.2.3 Regionale Muster des Akademikerarbeitsmarktes in Italien

Wie bereits gezeigt wurde, hat sich bezüglich der allgemeinen Arbeitslosenquoten die Schere zwischen dem italienischen Norden mit niedriger und dem Mezzogiorno mit hoher Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren weiter geöffnet. Der kontinuierliche Anstieg der Arbeitslosenquote im Mezzogiorno von 17,1% (1993) auf 22,0% (1999) hat dazu geführt, dass sich der Abstand zu Norditalien, wo seit Mitte der 1990er Jahre ein kontinuierlicher Rückgang auf 5,4% stattgefunden hat, von 10,9 auf 16,6 Prozentpunkte vergrößert hat. Die Entwicklung Mittelitaliens verläuft in etwa parallel zur norditalienischen auf einem etwas höheren Niveau, aber ebenfalls mit rückläufigen Tendenzen.

Das Segment des Akademikerarbeitsmarkts weist in den 1990er Jahren grundsätzlich ähnliche Entwicklungstendenzen auf, wenngleich die Disparitäten zwischen Norden und Süden sehr viel schwächer ausgeprägt sind. Noch im Jahr 1993 waren die Unterschiede zwischen den nord-, mittel- und süditalienischen Akademikerarbeitslosenquoten mit einem Wertespektrum von 4,5% in Norditalien bis 7,0% im Mezzogiorno vergleichsweise gering. Die 1990er Jahre führten aber auch in diesem Segment zu einer divergenten Entwicklung. Denn obwohl bis 1995 in allen drei Landesteilen ein leichter Anstieg der Akademikerarbeitslosenquoten stattfand, war dieser in Nord- und Mittelitalien seit Mitte der 1990er Jahre wieder rückläufig. Als Konsequenz erreichte Norditalien 1999 mit 4,7% beinahe das niedrige Ausgangsniveau von 1993 (4,5%), [Seite 84↓]wohingegen Mittelitalien mit einer Arbeitslosenquote von 6,6% lediglich an das Niveau von 1994 (6,5%) herankam. Im Mezzogiorno setzte die Kehrtwende erst mit dem Jahr 1999 ein, nachdem die dortige Akademikerarbeitslosenquote zwischen 1993 und 1998 um 3,9 Prozentpunkte auf 10,9% angestiegen war. Somit hat sich auch innerhalb des Akademikerarbeitsmarktes die Schere zwischen Norden und Süden geöffnet.

Abbildung 11: Entwicklung der Arbeitslosenquoten in den drei italienischen Landesteilen zwischen 1993 und 1999 (Gesamtbevölkerung und Akademiker)

Datenquelle: ISTAT Forze di lavoro -Media 1993-1999; eigene Berechnung und Darstellung.

Für eine vergleichende Beurteilung des Akademikerarbeitsmarktes ist jedoch nicht nur die diachrone Betrachtung des zeitlichen Verlaufs und die synchrone Betrachtung des Vergleichs mit anderen Landesteilen bedeutsam, sondern darüber hinaus auch die relative Entwicklung des Akademikerarbeitsmarktes im Vergleich zum allgemeinen Arbeitsmarkt innerhalb des jeweiligen Landesteils.

Betrachtet man nämlich die spezifischen Akademikerarbeitslosenquoten in den einzelnen Landesteilen vor dem Hintergrund der allgemeinen Arbeitslosenquoten, so zeigen sich in Norditalien nur sehr geringe Unterschiede zwischen der allgemeinen Arbeitslosenquote (5,4%) und der Akademikerarbeitslosenquote (4,7%). Im Mezzogiorno hingegen ist die Akademikerarbeitslosenquote mit 10,8% nicht einmal halb so hoch wie die dortige allgemeine Arbeitslosenquote (22,0%), wobei sich der Abstand der beiden Quoten in den 1990er Jahren ebenfalls vergrößert hat.

In dieser Perspektive sind die komparativen Erwerbsvorteile eines akademischen Abschlusses im Mezzogiorno sehr viel größer als in Norditalien, wo angesichts extrem niedriger Arbeitslosigkeit ein akademischer Abschluss bezüglich der Gefahr der Arbeitslosigkeit kaum Vorteile verspricht. Diese Perspektive führt dazu, dass Akademiker im Mezzogiorno trotz einer höheren Arbeitslosenquote gegenüber den Erwerbspersonen mit einem niedrigerem Qualifikationsniveau eine privilegierte Gruppe darstellen. Zudem hat der Unterschied zwischen der Akademikerarbeitslosigkeit und der allgemeinen Arbeitslosigkeit hier in den 1990er Jahren weiter zugenommen.

Dieses Bild bestätigt sich auch in den einzelnen Regionen des Mezzogiorno (vgl. Karte 4): In den großen norditalienischen Regionen erreicht die Arbeitslosenquote bei einem [Seite 85↓]sehr niedrigen Ausgangsniveau Mitte der 1990er Jahre ihren Höhepunkt, bevor sie anschließend wieder auf das Ausgangsniveau von 1993 absinkt. Dies trifft auch auf die Region Latium zu, wo beide Arbeitslosenquoten jedoch etwas höher liegen. Die Arbeitslosigkeit der Akademiker folgt in den genannten Regionen diesem Trend, jedoch auf niedrigerem Niveau.

Karte 4: Allgemeine Arbeitslosenquoten und Akademikerarbeitslosenquoten in ausgewählten italienischen Regionen

Datenquelle: ISTAT, Forze di lavoro 1993 -1999; Berechnung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


[Seite 86↓]

Lediglich im Veneto und in Ligurien sind am Ende der 1990er Jahre Anstiege der Akademikerarbeitslosigkeit zu beobachten, so dass im Falle des Veneto die Arbeitslosenquoten der Akademiker sogar oberhalb der allgemeinen Arbeitslosigkeit liegen.

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den großen Regionen des Mezzogiorno verläuft demgegenüber mit einer sehr viel stärkeren regionalen Differenzierung. In Kalabrien und Sizilien, tendenziell auch in Sardinien steigt die allgemeine Arbeitslosigkeit bis 1999 stetig an, wohingegen die Akademikerarbeitslosigkeit in allen gezeigten Regionen nach einer kurzen Phase des Anstiegs schließlich auf dem erreichten Niveau stagniert (Sardinien und tendenziell Kalabrien) oder sogar rückläufig ist (Kampanien, Sizilien). Besonders in Sizilien, aber tendenziell auch in Kalabrien, ist folglich eine Öffnung der Schere zwischen der Akademikerarbeitslosigkeit und der allgemeinen Arbeitslosigkeit zu beobachten.

Die isolierte Betrachtung des Arbeitsmarktsegments der Akademiker hat verdeutlicht, dass sich die bekannten italienischen Muster einer niedrigen Arbeitslosigkeit in Norditalien und einer hohen Arbeitslosigkeit im Mezzogiorno erneut reproduzieren. Im Vergleich zu den allgemeinen Disparitäten der Arbeitslosigkeit sind zwei Beobachtungen relevant: zum einen sind die regionalen Disparitäten des Akademikerarbeitsmarktes sehr viel schwächer ausgeprägt, zum anderen ist vor allem im Mezzogiorno eine wachsende Kluft zwischen der Arbeitslosigkeit der Akademiker und der von Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen zu beobachten.

Folglich muss die Erwerbssituation von Akademikern im Mezzogiorno als vergleichsweise entspannt bezeichnet werden. Dennoch stellt sich das Problem der hohen Arbeitslosigkeit junger Hochschulabsolventen, welche laut OECD-Statistiken in der Altersgruppe der 25 bis 29jährigen sogar höhere Arbeitslosenquoten aufweisen als Personen der gleichen Alterskohorte mit einem schwächeren Bildungsniveau. Deren besondere Situation soll im folgenden untersucht werden.

2.2.4 Spezifika der Erwerbssituation von Universitätsabsolventen in Italien

Während die statistischen Daten der Istat-Befragung Forze di lavoro Auskunft über die Bestandsentwicklung von Akademikern in der Gruppe der Erwerbspersonen in den einzelnen Regionen geben, beschäftigen sich Befragungen junger Hochschulabsolventen mit der Phase des Übergangs vom Studienende zum Eintritt in den Arbeitsmarkt. Hierzu werden in Italien regelmäßige Absolventenbefragungen (Indagini sugli sbochi dei laureati italiani)durchgeführt. Einschränkend muss jedoch betont werden, dass solche Untersuchungen, sofern sie nicht als „tracer studies“ angelegt sind, lediglich Momentaufnahmen der Situation einer bestimmten Gruppe darstellen. Rückschlüsse auf eine generelle Arbeitsmarktsituation sind daher nur mit Vorsicht zu ziehen. Der Vergleich mehrerer Untersuchungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ermöglicht jedoch darüber hinaus Aussagen über die Entwicklung des spezifischen Arbeitsmarksegments der Jungakademiker.


[Seite 87↓]

2.2.4.1  Entwicklung der Erwerbssituation der Universitätsabsolventen in den 1990er Jahren

Der erste Blick auf die Ergebnisse der Absolventenbefragung des Istat von 1998 bestätigt die Aussagen der Oecd, welche den jungen italienischen Hochschulabsolventen eine besorgniserregende Erwerbssituation bescheinigt. Von den 105.097 Hochschulabsolventen des Jahres 1995 sind drei Jahre später fast 30.000 ohne eine Beschäftigung, von denen wiederum drei Viertel (fast 23.000) angeben, aktiv eine solche zu suchen. Daraus errechnet sich eine Arbeitslosenquote von 23,4%, wobei die Absolventinnen mit 29,3% signifikant schlechter gestellt sind als ihre männlichen Kollegen mit 16,9%.

Wie Abbildung 11 verdeutlicht, sind diese hohen Arbeitslosenquoten junger Hochschulabsolventen jedoch kein singuläres Phänomen der späten 1990er Jahre. Vielmehr lagen sie bereits bei den drei vorherigen Befragungen kontinuierlich über 15%, wobei der Verlauf der Arbeitslosenquoten die Entwicklungen auf dem allgemeinen italienischen Arbeitsmarkt in den 1990er Jahren widerspiegelt: Während 1988 die Situation mit einer Arbeitslosenquote von unter 20% rückblickend noch relativ unproblematisch war und sich bis 1991 verbesserte, wirkte sich die Krise auf dem italienischen Arbeitsmarkt zu Beginn der 1990er Jahre auch negativ auf die Erwerbssituation der jungen Hochschulabsolventen aus. Bei der Befragung 1995 ergab sich unter den Absolventen des Jahres 1992 eine Arbeitslosenquote von 25%, die auch bei der nächsten Befragung 1998 mit 23,5% kaum niedriger ausfiel. Neben der schwierigen konjunkturellen Entwicklung und dem damit verbundenen Abbau von Arbeitsplätzen gab es zudem einen „Akademikerstau“ auf dem italienischen Arbeitsmarkt, der durch das Ausbleiben eines Einstellungswettbewerbs für Sekundarschullehrer bis zum Ende der 1990er Jahre verursacht wurde: nach 1990 fand dieser erstmalig wieder im Jahr 1999 statt.

Eine spiegelbildliche Entwicklung zur Arbeitslosigkeit zeigte sich bei den Erwerbstätigenquoten, die bei der Befragung 1991 - ein Jahr nach dem letzten Einstellungswettbewerb für Sekundarschullehrer - ihren Höhepunkt erreichten und nach einem stetigen Rückgang bis 1995 erst 1998 wieder einen Aufschwung erkennen ließen45.

Die sogenannte ‚Stille Reserve’ nach dem Erwerbspersonenkonzept bezeichnet diejenigen Absolventen, die zum Befragungszeitpunkt weder einer Erwerbsbeschäftigung nachgehen, noch aktiv eine Arbeit suchen. Hierunter werden vor allem Personen gefasst, die sich in Weiterbildungen befinden bzw. aus familiären oder anderweitigen Gründen weder einer Erwerbsbeschäftigung nachgehen noch eine solche suchen. In der hier dargestellten Entwicklung erfüllt die Stille Reserve gewissermaßen eine kompensatorische Funktion, denn schlechte Erwerbsmöglichkeiten führen oftmals zu einem Ausweichverhalten auf andere Betätigungsfelder wie Weiterbildungen oder häusliche Tätigkeiten. Umgekehrt führt die Verbesserung der Erwerbssituation im Jahr [Seite 88↓]1998 nur zu einem schwachen Rückgang der Arbeitslosenquote, da zu diesem Zeitpunkt der Anteil der Stillen Reserve vergleichsweise gering ausfiel.

Beachtliche Unterschiede der Beschäftigungssituation junger Hochschulabsolventen ergeben sich zwischen den drei Landesteilen, die das Ausmaß der Disparitäten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch bei weitem übertreffen. Die Arbeitslosenquoten variieren im Jahr 1998 zwischen 40,5% [!] im Mezzogiorno und 11,8% in Norditalien; das Spektrum der Erwerbstätigenquoten reicht von 82,4% in Norditalien bis 56,1% im Mezzogiorno. Nahezu gleich hoch ist hingegen der Anteil der Stillen Reserve, der zwischen 5,7% im Mezzogiorno und 7,1% in Mittelitalien variiert.

Abbildung 12: Arbeitslosenquoten, Erwerbstätigenquoten und ‚Stille Reserve’ junger italienischer Universitätsabsolventen in den Jahren 1988 bis 1998

Datenquelle: ISTAT – Indagini sugli sbocchi dei laureati; diverse Jahrgänge; Berechnung und Darstellung H. Jahnke 2004.
Anm. Die regionale Zuordnung der Absolventen erfolgt nach dem aktuellen Wohnsitz (residenza attuale)

Auch diese beachtlichen Disparitäten zwischen Norden und Mezzogiorno sind kein singuläres Phänomen des Befragungsjahres 1998, wie die weitgehende Parallelität der Kurvenverläufe der Arbeitslosenquoten und der Erwerbstätigenquoten eindrucksvoll verdeutlicht. Auch die Konjunkturzyklen auf dem italienischen Arbeitsmarkt in den 1990er Jahren wirken sich auf die Arbeitslosigkeit und die Erwerbstätigkeit in allen drei Landesteilen gleichermaßen aus, wenngleich auch hier, ähnlich wie bei den Arbeitslosenquoten der Akademiker am Ende der 1990er Jahre die Kurvenverläufe der Arbeitslosigkeit und der Erwerbstätigkeit leicht auseinandergehen. Diese Tendenz bestätigt die Feststellung, dass sich durch die Expansion auf dem italienischen Arbeitsmarkt und die massive Einstellung von Akademikern die Disparitäten zwischen dem entspannten Akademikerarbeitsmarkt in Norditalien und der angespannten Situation im Mezzogiorno noch weiter verstärkt hat.

2.2.4.2 Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Auch bei den jungen Hochschulabsolventen sind die Frauen gegenüber den Männern bezüglich der Erwerbssituation in allen Regionen schlechter gestellt: Wenngleich von den 103.938 italienischen laureati des Jahrgangs 1995 mehr als die Hälfte Frauen waren [Seite 89↓](55.036, entspricht 53,0%), ist deren Beschäftigungssituation in allen Landesteilen schlechter als diejenige der Männer. Während von den 48.949 männlichen Absolventen 77,9% einer Erwerbstätigkeit nachgehen, und nur 15,8% eine Arbeit suchen, sind unter den Frauen nicht einmal zwei Drittel (65,9%) beschäftigt, wohingegen mehr als ein Viertel (27,4%) eine Arbeit sucht.

Tabelle 4: Erwerbssituation der Universitätsabsolventen des Jahres 1995 im Jahr 1998 nach Geschlecht

Wohnsitz 1998

Männer

    

Frauen

   

 

Erwerbstätig

Arbeitslos

Stille Reserve

Gesamt

 

Erwerbstätig

Arbeitslos

Stille Reserve

Gesamt

Norditalien

20.263

1.916

1.298

23.477

 

19.913

3.484

1.879

25.276

 

86,3

8,2

5,5

100,0

 

78,8

13,8

7,4

100,0

Mittelitalien

7.197

1.253

630

9.081

 

7.070

2.887

781

10.738

 

79,3

13,8

6,9

100,0

 

65,8

26,9

7,3

100,0

Mezzogiorno

10.325

4.563

1.091

15.978

 

9.006

8.601

887

18.493

 

64,6

28,6

6,8

100,0

 

48,7

46,5

4,8

100,0

Ausland

371

5

37

413

 

320

98

113

530

 

89,8

1,2

9,0

100,0

 

60,4

18,5

21,3

100,0

Italien

37.785

7.732

3.019

48.536

 

35.988

14.971

3.547

54.506

 

77,8

15,9

6,2

100,0

 

66,0

27,5

6,5

100,0

Gesamt

38.156

7.737

3.056

48.949

 

36.308

15.069

3.660

55.036

 

78,0

15,8

6,2

100,0

 

66,0

27,4

6,7

100,0

Datenquelle: ISTAT – Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung H. Jahnke 2004.

Dabei zeigt sich, dass Frauen in allen drei Landesteilen sichtlich benachteiligt sind und zudem das Ausmaß der Geschlechterdiskrepanz bezüglich der Erwerbstätigenquoten vom Norden (86,3% versus 78,8%) bis in den Mezzogiorno (64,6% versus 48,7%) zunimmt. Auch unter diesem Aspekt wiederholen sich hier die allgemeinen Muster des italienischen Arbeitsmarktes, auf dem Frauen aus dem Mezzogiorno als die am stärksten benachteiligte Gruppe dastehen. Interessanterweise ist die Erwerbsbeteiligung der Akademikerinnen im Mezzogiorno aber höher als diejenige der Kolleginnen in Norditalien, bzw. der Rückzug von Frauen in die Stille Reserve ist im Mezzogiorno (4,8%) weniger verbreitet als dies im Norden (7,4%) der Fall ist.

2.2.4.3 Unterschiede zwischen den Fachbereichen

Das Problem der Jungakademikerarbeitslosigkeit betrifft die Absolventen der einzelnen Studiengänge in sehr unterschiedlichem Maße, wie ein Blick auf die Arbeitslosenquoten in den einzelnen Fachbereichen verdeutlicht. Wie schon bei den zurückliegenden Befragungen erweisen sich Ingenieure als die Absolventengruppe, die am wenigsten Schwierigkeiten hat, auf dem italienischen Arbeitsmarkt eine Erwerbsarbeit zu finden. Mit einer Arbeitslosenquote von 9,3% liegen sie weit abgeschlagen auf dem ersten Platz, wobei unter die Fachbereichsgruppe Ingenieurswissenschaften nicht nur Ingenieure im eigentlichen Sinne (Arbeitslosenquote 5,7%), sondern auch Architekten fallen, deren [Seite 90↓]Arbeitslosenquote mit 15,9% nahezu drei mal so hoch liegt. Auf Platz zwei folgen die Wirtschaftswissenschaftler (inklusive Statistiker) mit 14,4%, die mit 19.650 Absolventen den größten Fachbereich aller Absolventen ausmachen. Deren Erwerbssituation ist zwar in Nord- und Mittelitalien relativ positiv zu beurteilen, im Mezzogiorno liegt ihre Arbeitslosenquote mit 32,5% aber erheblich höher. Die geringsten regionalen Differenzen treten bei den Agrarwissenschaftlern auf, von denen nur 16,9% arbeitslos sind. Auch die Unterschiede zwischen Norditalien (15,0%) und dem Mezzogiorno (21,4%) fallen für diese Gruppe gering aus. Mit über 20% Arbeitslosigkeit liegen die Politik- und Sozialwissenschaftler (20,5%) sowie Mediziner (25%) und Naturwissenschaftler (25,4%) auf den Plätzen vier bis sechs. Als abgeschlagene Schlusslichter stehen Geisteswissenschaftler (30,0%) und Juristen (40,5%) am Ende der Liste. Für die hohe Arbeitslosenquote der Geisteswissenschaftler spielt der faktische Einstellungsstop für Lehrer eine Rolle. Die hohe Juristenarbeitslosigkeit wird dadurch erklärbar, dass die Betroffenen erst kurz vor dem Befragungstermin ihr zweijähriges Pflichtpraktikum beendet hatten, und sie darum erst kurze Zeit auf Arbeitssuche gewesen waren. Gleiches gilt für Absolventen der Medizin, die nach Studienende einer obligatorischen praxisorientierten Weiterbildung nachgehen, die ihrerseits häufig kurz vor dem Befragungstermin endet, so dass auch hier der Zeitpunkt der Befragung in den Zeitraum zwischen Ende der Weiterbildung und erster Anstellung fällt.

Abbildung 13: Regionale Unterschiede der Arbeitslosenquoten 1998 italienischer Hochschulabsolventen des Jahres 1995 nach Fachbereichen

Datenquelle: ISTAT - Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung und Darstellung H. Jahnke 2004.

Neben den Differenzen der Arbeitslosenquoten zwischen den Fachbereichen variieren – unabhängig vom jeweiligen Niveau der Arbeitslosigkeit in den Fachbreichen – die Arbeitslosenquoten auch zwischen den drei Landesteilen. Am geringsten sind die Differenzen bei den Agrarwissenschaftlern, den Ingenieuren und den Medizinern, also [Seite 91↓]den Studienabschlüssen, die unmittelbar berufsqualifizierend sind. Das Wissen, welches in diesen Studiengängen vermittelt wird, weist einen unmittelbaren Anwendungsbezug auf und ist in seiner Gültigkeit weitgehend kontextungebunden. Hierzu zählen auch einige der Naturwissenschaften, beispielsweise Biologie und Physik, deren Arbeitslosenquoten ebenfalls relativ geringfügig zwischen Norden und Süden variieren.

Die größten Differenzen zwischen Norditalien und dem Mezzogiorno treten hingegen bei den Wirtschaftswissenschaften, den Politik- und Sozialwissenschaften sowie den Geisteswissenschaften und Jura auf, also gerade denjenigen Wissensformen, die am stärksten auf der Symbolebene der Wissensökonomie agieren und deren Wert somit in besonderer Weise an einen sozial konstruierten kulturellen Kontext gebunden ist. Dies sind die Formen des Wissens, denen von den Wissensgesellschaften ein steigendes Maß an Produktivität zugeschrieben wird.

Trotz augenfälliger Disparitäten der Arbeitslosigkeit zwischen den Fachbereichen fallen die regionalen Unterschiede der Arbeitslosigkeit noch stärker ins Gewicht. Nimmt man den Sonderfall der hohen Juristenarbeitslosigkeit aus dem Vergleich heraus, so zeigt sich, dass selbst in den Fächern, die im Mezzogiorno die niedrigste Arbeitslosigkeit aufweisen, die Arbeitslosenquoten immer noch deutlich oberhalb der höchsten in Norditalien liegen. Beispielsweise ist die Arbeitslosigkeit der Ingenieure im Mezzogiorno mit 21,3% deutlich höher als diejenige der Geisteswissenschaftler in Norditalien mit 16,0%.

2.2.4.4 Regionale Disparitäten der Beschäftigung von Hochschulabsolventen

Die Unterschiede zwischen Süd- und Norditalien werden noch deutlicher, wenn man die Situation in den einzelnen Regionen näher betrachtet. Denn hier zeigt sich, dass die regionalen Disparitäten der Jungakademikerarbeitslosigkeit sehr viel stärker ausgeprägt sind als diejenigen der Akademiker- oder der allgemeinen Arbeitslosigkeit.

Auf den ersten Blick erkennbar ist der Anstieg der Arbeitslosenquoten von Norden nach Süden mit Werten zwischen 9,1% in der Lombardei und in Friuli Venezia Giulia bis hin zu den Problemregionen des Südens mit über 40% Arbeitslosigkeit, wie in Molise, Kampanien, Basilikata und Kalabrien. Bemerkenswert ist bei dieser Darstellung, dass auch auf der Ebene der Regionen eindeutige Sprünge zwischen den drei Landesteilen erkennbar werden. In Norditalien sind die Arbeitslosenquoten der Hochschulabsolventen durchgängig unterhalb von 17%, alle Regionen Mittelitaliens haben Werte zwischen 20% und 26%, wohingegen alle Regionen des Mezzogiorno Arbeitslosenquoten von über 35% aufweisen. Die höchsten Werte treten in den Regionen Molise (47,5%) und Kalabrien (45,3%) auf. Innerhalb des Mezzogiorno ist die Jungakademikerarbeitslosigkeit in der ‚Grenzregion’ Abruzzen und in den beiden Inseln Sizilien und Sardinien mit Werten zwischen 35% und 37% noch relativ gemäßigt.

Ein umgekehrtes Bild zeigt sich bei den Erwerbstätigenquoten. In allen Regionen des Mezzogiorno liegt der Anteil der Beschäftigten unter 60% mit einem Minimum in Molise von 48,6% und einem Maximum in Sardinien und Sizilien mit 59,4% bzw. 59,6%, wohingegen sie in den norditalienischen Regionen flächendeckend über 75% liegt. Die [Seite 92↓]höchste Erwerbstätigenquote findet man im Veneto mit 87,8% sowie in der Lombardei mit 85,1%. In allen zentralitalienischen Regionen gehen fast drei Viertel der Befragten einer Beschäftigung nach: die Werte variieren zwischen 70,3% in Umbrien und 73,2% in der Toskana.

Karte 5: Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit der italienischen Hochschulabsolventen des Jahres 1995 im Jahr 1998* (Prozentwerte)

* die Zuordnung zu den Regionen erfolgt nach dem Wohnsitz im Jahr 1998
Datenquelle: ISTAT - Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Auswertung und Kartographie H. Jahnke 2004.

2.2.4.5 Qualitative Merkmale der Erwerbsunterschiede zwischen den drei Landesteilen

Die regionalen Disparitäten der Erwerbstätigkeit zeigen sich aber nicht allein im Anteil der Beschäftigten, sondern auch bezüglich der qualitativen Merkmale der Beschäftigungsverhältnisse selbst. Denn neben der geringen Erwerbstätigkeit junger Hochschulabsolventen im Mezzogiorno erweist sich auch die durchschnittliche Qualität der Arbeitsverhältnisse gegenüber denjenigen in Norditalien als weniger befriedigend.

Der Anteil der angestellt Beschäftigten ist im Mezzogiorno sehr viel geringer als in Mittelitalien (54,7%) und in Norditalien (60,9%). Hinzu kommt, dass innerhalb der Gruppe der Angestellten im Mezzogiorno etwa zwei Fünftel einen befristeten Vertrag haben, wohingegen in Norditalien nur ein Viertel befristet angestellt sind. Der Anteil der Selbständigen ist im Mezzogiorno mit 41,1% aller Beschäftigten höher als in Mittelitalien (35,7%) und in Norditalien (32,5%), derjenige der unregelmäßig Beschäftigten ist innerhalb der Gruppe der beschäftigten Absolventen mit 13,0% im Mezzogiorno fast doppelt so hoch wie in Norditalien mit 6,7% (Mittelitalien 9,6%). Hierzu zählen Beschäftigte, die innerhalb eines bestehenden Arbeitsvertrages nur saisonal oder [Seite 93↓]gelegentlich arbeiten und solche ohne Arbeitsvertrag. Zudem ist der Anteil der Vollzeitbeschäftigten in Norditalien mit 89,1% deutlich höher als in Mittelitalien (82,5%) und im Mezzogiorno (75,1%).

Der Anteil der Angestellten im öffentlichen Dienst nimmt von Süden nach Norden ab. Während im Mezzogiorno nahezu die Hälfte (46,1%) aller Angestellten im öffentlichen Dienst arbeitet, liegt deren Anteil in Mittelitalien (39,4%) und in Norditalien (28,7%) deutlich darunter. Die Schlussfolgerung, dass der öffentliche Dienst im Süden mehr Absolventen einstellen würde als im Norden, ist jedoch nur bedingt richtig, denn bezogen auf die Grundgesamtheit aller Absolventen im jeweiligen Landesteil sind im Mezzogiorno lediglich 12,9% im öffentlichen Dienst beschäftigt, in Norditalien jedoch 14,8% und in Mittelitalien sogar 16,2%. Somit zeigt sich, dass die schlechte Beschäftigungssituation im Mezzogiorno zwar im wesentlichen durch einen relativen Mangel an privatwirtschaftlichen Arbeitsplätzen bedingt ist, gleichzeitig aber durch die geringere Einstellung im öffentlichen Dienst noch zusätzlich verstärkt wird.

Auch das durchschnittliche Nettoeinkommen steigt von den beiden Inseln bis nach Norditalien kontinuierlich an. Den Angaben des ISTAT zufolge liegt der durchschnittliche Nettomonatslohn der befragten Vollzeitbeschäftigten auf den Inseln bei ca. 904 Euro (1.808 Tsd. Lire), in Süditalien bei 918 Euro (1.836 Tsd. Lire), in Mittelitalien bei ca. 988 Euro (1.973 Tsd. Lire), in Nordostitalien bei 1022 Euro (2.043 Tsd. Lire) und in Nordwestitalien bei 1057 Euro (2.115 Tsd. Lire). Beispielsweise verdienen im Mezzogiorno mehr als ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten unter 750 Euro (1.500 Tsd. Lire) monatlich, während in Norditalien nur etwa 15% in diese Lohnkategorie fallen. Umgekehrt verdienen auf den Inseln nur 3,6% aller Vollzeitbeschäftigten über 1500 Euro (3 Mio. Lire) pro Monat, in Nordwestitalien sind es 7,1% (vgl. ISTAT 2000: 150, Tav. 3.7).

Nord-Süd-Unterschiede weist auch die Allokation der jungen Hochschulabsolventen auf dem regionalen Arbeitsmarkt auf. Denn von den 14.348 Beschäftigten mit Wohnsitz im Mezzogiorno haben lediglich 45% eine Stelle, die dem eigenen Hochschulabschluss entspricht, und somit – zumindest formal – einen adäquaten Arbeitsplatz gefunden; dieser Wert liegt mit 37,1% und 36,0% in Mittel- und Norditalien sogar noch deutlich darunter. Entsprechend höher ist in diesen beiden Landesteilen auch der Anteil derjenigen Absolventen mit einem Arbeitsplatz, für den formal kein Hochschulabschluss notwendig ist (beide ca. 34%); im Mezzogiorno liegt dieser Wert mit 29,8% etwas niedriger. Die naheliegende Schlussfolgerung, dass der unsichtbare Brain waste durch die Annahme einer Beschäftigung unterhalb des eigentlichen Qualifikationsniveaus im Mezzogiorno niedriger ausfällt als in den anderen Landesteilen, ist jedoch nur bedingt zulässig, denn bezogen auf die Gesamtheit der Absolventen ist der Anteil derjenigen, die einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz haben, in Norditalien am höher.

Die analysierten Daten belegen, dass die regionalen Disparitäten des Arbeitsmarktes für junge Hochschulabsolventen drei Jahre nach dem Hochschulabschluss ein Ausmaß aufweisen, welches weit über demjenigen des allgemeinen Arbeitsmarktes liegt.


[Seite 94↓]

Karte 6:Beschäftigungsverhältnisse der italienischen Hochschulabsolventen des Jahres 1995 im Jahr 1998 in den drei Landesteilen

Datenquelle: ISTAT - Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Auswertung und Kartographie H. Jahnke 2004.


[Seite 95↓]

Dies zeigt sich zum einen in der Diskrepanz zwischen den Arbeitslosenquoten und den Erwerbtätigenquoten Nord- und Süditaliens, die am Ende der 1990er Jahre tendenziell auseinander gleiten und sich in einzelnen Fachbereichen besonders zuspitzen, und wird zum anderen noch durch die unterschiedliche Qualität der Beschäftigungsverhältnisse in den verschiedenen Landesteilen verstärkt. Lediglich etwas mehr als die Hälfte der befragten Hochschulabsolventen im Mezzogiorno gehen einer Erwerbsarbeit nach. Gerade einmal etwa jeder Vierte hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag, ein Viertel ist teilzeitbeschäftigt, viele Absolventen arbeiten als Selbstständige. Darüber hinaus ist das durchschnittliche Lohnniveau im Süden deutlich geringer als in Norditalien.

2.2.5 Zusammenfassung

Trotz einer relativen Akademikerknappheit bringt im internationalen Vergleich der Hochschulabschluss in Italien zunächst keine statistisch signifikanten Vorteile auf dem Arbeitsmarkt mit sich. Auch die Akademisierung der italienischen Erwerbsbevölkerung in den 1990er Jahren hat weder zu einem entsprechenden Abbau der Akademikerarbeitslosigkeit geführt, noch den Eintritt junger Hochschulabsolventen in den Arbeitsmarkt signifikant erleichtert. Lediglich die Tendenzen am Ende der 1990er Jahre lassen diesbezüglich erste Anzeichen einer positiven zukünftigen Entwicklung erkennen.

Der Umstrukturierungsprozess auf dem italienischen Arbeitsmarkt in den 1990er Jahren hat einen erheblichen qualitativen Austausch der erwerbstätigen Bevölkerung mit sich gebracht, dessen wichtigste Merkmale die Feminisierung, die Akademisierung und die regionale Verschiebung der Beschäftigung aus dem Mezzogiorno nach Norditalien sind. Während die erste Hälfte der 1990er Jahre einen landesweiten Beschäftigungsabbau und damit verbunden einen erheblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit vor allem im Mezzogiorno mit sich brachte, fand der Beschäftigungszuwachs der zweiten Hälfte der 1990er Jahre überproportional im Segment der Akademiker, vor allem der Akademikerinnen und mit einem regionalen Schwerpunkt in Norditalien statt. Die daraus resultierende zunehmende Divergenz der Entwicklung der regionalen Arbeitsmärkte hat somit nicht nur auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sondern auch im Segment des Akademikerarbeitsmarktes stattgefunden.

Als Problemgruppe des italienischen Arbeitsmarktes bleiben die jungen Akademiker, deren Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich den höchsten Wert aller Oecd-Länder aufweist. Die Entwicklungen in den 1990er Jahren zeigen auch hier eine Parallelität zum Verlauf der allgemeinen Arbeitslosigkeit bzw. der Akademikerarbeitslosigkeit, mit einem Höhepunkt in der Mitte der 1990er Jahre und einem anschließenden Rückgang bei gleichzeitig steigenden regionalen Disparitäten zwischen Nord- und Süditalien. Die regionalen Unterschiede der Erwerbsbedingungen weisen im Segment der Jungakademiker ein sehr viel höheres Ausmaß auf, als in anderen Teilsegmenten, was zudem in einzelnen Fachbereichen besonders ausgeprägt ist. Diese Disparitäten bestehen jedoch nicht nur bezüglich des Anteils der Arbeitslosen und der [Seite 96↓]Erwerbstätigen, sondern auch bezüglich der qualitativen Merkmale der Beschäftigungsverhältnisse, die sich in Norditalien durch mehr Stabilität und höhere Löhne auszeichnen.

Angesichts divergierender Arbeitsmärkte in den 1990er Jahren stellt sich auch die Frage nach den Konsequenzen für das zu erwartende Migrationsverhalten. Die modellhafte Segmentierung des Arbeitsmarktes in einen Akademikerarbeitsmarkt und einen Jungakademikerarbeitsmarkt für junge Hochschulabsolventen suggeriert unterschiedliche Migrationspotentiale für diese beiden Gruppen: Denn während die Zahlen zur Erwerbssituation der Akademiker ein eher geringes Migrationspotential vermuten lassen, ist bei den jungen Hochschulabsolventen eine starke Wanderungsbewegung von den Regionen des Mezzogiorno nach Norditalien zu erwarten.

2.3 Regionale Muster der räumlichen Mobilität italienischer Akademiker in den 1990er Jahren

Die festgestellten Arbeitsmarktdisparitäten in Italien lassen eine erhöhte räumliche Mobilität italienischer Akademiker und hierbei besonders eine Abwanderung aus den Regionen des Mezzogiorno erwarten. Dies gilt in besonderem Maße für junge Hoch-schulabsolventen, die sich zum einen in einer Übergangssituation zwischen zwei Lebensphasen befinden, zum anderen aber auch aufgrund ihres Alters und Bildungs-niveaus eine höhere Mobilitätsbereitschaft erwarten lassen. Wie die interdisziplinäre Migrationsforschung jedoch gezeigt hat, finden die aktuellen Phänomene räumlicher Mobilität gerade im Segment der Hochqualifizierten teilweise im Schatten der klassischen Wanderungsstatistiken statt, da es sich bei ihnen häufig um sogenannte „transients“ handelt, die weder mit dem Begriff der Emigranten, noch mit dem Begriff der Pendler adäquat beschrieben werden. Für eine Quantifizierung des Phänomens der Akademikerwanderung erscheint es daher ratsam, die offiziellen Migrationsstatistiken durch Daten anderer Erhebungen zu ergänzen.

Bevor in diesem Kapitel die regionalen Muster räumlicher Mobilität von Akademikern und Hochschulabsolventen untersucht werden, wird zunächst die Verlässlichkeit und Aussagekraft der benutzten Statistiken geprüft. Vor diesem Hintergrund werden anschließend die Außen- und Binnenwanderungen von Akademikern zunächst anhand der An- und Abmeldungen in den Einwohnermeldeämtern betrachtet, bevor die Daten der letzten verfügbaren Absolventenbefragung für junge Hochschulabsolventen analysiert werden.

2.3.1 Zur Verlässlichkeit italienischer Migrationsstatistiken

Wenngleich die Daten der Veröffentlichung Movimento migratorio della popolazione residente: Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche grundsätzlich eine gute Quelle für die Wanderungsforschung darstellen, muss bei ihrer Verwendung bedacht werden, dass die [Seite 97↓]Einwohnermeldeämter nur die An- und Abmeldungen, also die ‚de jure’-Verlagerung des Wohnsitzes (residenza anagrafe) registrieren. Generell ist die Meldedisziplin in Italien aber recht schwach. Wenngleich die residenza anagrafe - wie auch der Erstwohnsitz in Deutschland – gesetzlich an den ‚gewöhnlichen Aufenthaltsort’ gebunden ist, melden sich viele Italiener nach dem Umzug in eine andere Region nicht an ihrem neuen Aufenthaltsort an. Ein Grund für dieses Verhalten ist darin zu suchen, dass die ordnungsgemäße Ummeldung in den Einwohnermeldeämtern (Uffici di anagrafe) mit einem erheblichen bürokratischen Aufwand verbunden ist. Zudem üben die Städte und Gemeinden - im Gegensatz zur gängigen Praxis in Deutschland - in der Regel keinen Anmeldungsdruck auf die Zugezogenen aus, so dass eine Unterlassung ohne nachteilige Folgen für die Betroffenen bleibt. Der melderechtliche Wohnsitz - die residenza - verbleibt somit häufig am Ort des Familienhauptsitzes. Daher erscheint ein beträchtlicher Teil der tatsächlich stattfindenden interregionalen und internationalen Wanderungen gerade junger Menschen nicht in den Statistiken.

Nach Auskunft mehrerer befragter Hochschulabsolventen aus Sizilien ist es gängige Praxis, den melderechtlichen Wohnsitz erst dann zu verlagern, wenn dazu eine formale Notwendigkeit besteht bzw. die Ummeldung dem Zugewanderten unmittelbare Vorteile am Aufenthaltsort verschafft. Ein Beispiel hierfür kann die Beschränkung bei der Vergabe von festen Stellen im öffentlichen Dienst („il posto“) durch lokale Arbeitsämter (ufficio di collocamento) sein, die über die Listen des „collocamento“ lediglich an „residenti“ erfolgt. Für diese Fälle kann es schon in der Arbeitssuchphase durch Anmeldung bei Verwandten im Norden zu ‚strategischen Wohnsitzverlagerungen’ kommen, ohne dass ein tatsächlicher Umzug erfolgen würde.

Eine Interviewpartnerin (Person 32) berichtet von ihrem Bruder, der nach dem Studienabschluss in Forstwissenschaft zwei Jahre ohne tatsächliche Beschäftigung in Sizilien war. Auf Anraten seiner Familie hat er anschließend seinen Wohnsitz nach Biella in Norditalien verlegt, wo bereits ein weiterer Bruder lebt und verheiratet ist. Damit konnte er auch über das lokale Arbeitsamt (ufficio di collocamento)in Biella vermittelt werden und hat binnen weniger Monate eine Reihe sehr unterschiedlicher Aushilfsjobs als Fabrikarbeiter und in einem Schulsekretariat bekommen, bevor er schließlich eine Stelle als Lehrer in einer Schule in Biella gefunden hat.

Darüber hinaus können auch scheinbare Kleinigkeiten, wie etwa die exklusive Vergabe von Parkausweisen in der römischen Innenstadt an 'residenti', für den Gang zum Einwohnermeldeamt ausschlaggebend sein (Person 34).

Zudem gibt es aber gerade für junge Menschen aus dem Mezzogiorno Gründe, auch nach einem Umzug nach Norditalien die ‚residenza’ in der eigenen Region zu behalten. Denn gerade in den letzten Jahren hat es eine Häufung von öffentlich finanzierten Programmen zur Weiterbildung, Mobilitätsförderung, Arbeitsbeschaffung oder Unternehmensgründung gegeben, welche zur Entwicklung des wirtschaftsschwachen Mezzogiorno bzw. der Ziel 1-Regionen der europäischen Union exklusiv für 'residenti' des Mezzogiorno aufgelegt wurden. Hinzu kommen für die Regionen mit Sonderstatus - insbesondere Sizilien - weitere regionalspezifische Förderprogramme, bei denen die Teilnahme ebenfalls an den Wohnsitz in der Region gebunden sind.


[Seite 98↓]

Wenngleich die Diskrepanz zwischen faktischer Wohnortverlagerung und statistischer Migration in Italien als Problem bekannt ist, gibt es bislang nur wenige verlässliche Schätzungen über deren Ausmaß46. Aus pragmatischen Gründen - und mangels besserer Quellen - werden die gemeldeten Wohnsitzverlagerungen (Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche) weiterhin als Datengrundlage für das Wanderungsgeschehen benutzt. Gerade bei den hochqualifizierten Migranten vermutet Montanari jedoch eine zunehmende Ungenauigkeit der Migrationsstatistiken, da die skilled migration – im Gegensatz zur klassischen Übersee- und letztendlich auch Gastarbeiterwanderung – in besonderem Maße von den Migranten als temporäre Verlagerung des Arbeitsortes verstanden wird und folglich eine Aufgabe des heimatlichen Wohnsitzes um so seltener erfolgt (vgl. Montanari 1993a: 725).

Dieser Qualitätsmangel der Wanderungsdaten konnte auf der Basis einer Individualdatenanalyse der Absolventenbefragung des Jahres 1998 durch das ISTAT für die Gruppe der beschäftigten Jungakademiker geschätzt werden. In der genannten Befragung wurde nämlich sowohl die Region des aktuellen Arbeitsplatzes (regione sede del lavoro) als auch die Region des aktuellen (melderechtlichen) Wohnsitzes (regione di residenza) erfragt. Durch einen Vergleich beider Angaben sind Aussagen über die Meldedisziplin der befragten Absolventen möglich. In Tabelle 5 wurde eine ‚Meldequote’ berechnet, die aussagt, wie viel Prozent der ‚Arbeitsmigranten’ auch ihren amtlichen Wohnsitz (residenza) in der Region des Arbeitsplatzes angemeldet haben. Berücksichtigt werden dabei lediglich Absolventen, die zum Zeitpunkt der Befragung außerhalb ihrer Herkunftsregion arbeiten. Absolventen, die in ihrer ursprünglichen Herkunftsregion beschäftigt sind, und solche ohne regelmäßige Erwerbsbeschäftigung werden in der Tabelle nicht erfasst.

Insgesamt arbeitet von den ca. 105.000 Hochschulabsolventen des Jahres 1995 drei Jahre später mehr als jeder Zehnte (11.630) in einer anderen Region als seiner Heimatregion, von denen wiederum etwa einer von zehn (1.155) im Ausland beschäftigt ist. Die weitergehende Datenanalyse zeigt jedoch, dass unter den arbeitsplatzbedingten interregionalen oder internationalen Wanderungen insgesamt lediglich in 43% (4.986 von 11.630) aller Fälle auch eine Verlagerung des Wohnsitzes (residenza) erfolgte. Von den 10.475 jungen Absolventen, die im Jahr 1998 innerhalb Italiens, aber außerhalb ihrer ursprünglichen Herkunftsregion arbeiteten, haben lediglich 42% (entspricht 4.378) ihren Wohnsitz umgemeldet. Selbst die Abwanderung in das Ausland war nicht zwangsläufig mit einer Ummeldung verbunden: von den 1.155 italienischen Absolventen, die 1998 außerhalb Italiens arbeiteten, hatte gerade einmal etwas mehr als die Hälfte (53%, entspricht 608) auch den Wohnsitz im entsprechenden Land, wenngleich hierbei nicht gesichert ist, dass gleichzeitig in Italien eine Abmeldung erfolgte.


[Seite 99↓]

Tabelle 5: Faktische und „administrative“ Mobilität der italienischen Hochschulabsolventen des Jahres 1995 zwischen der Herkunftsregion und der Region des Arbeitsplatzes im Jahr 1998*

 

Arbeitsplatz zum Zeitpunkt der Befragung (1998)

Herkunft **

Norditalien

Mittelitalien

Mezzogiorno

Italien

Ausland

Gesamt

Norditalien

3.121

548

150

3.819

645

4.464

Mittelitalien

1.051

488

215

1.754

278

2.032

Mezzogiorno

2.529

1.749

624

4.902

232

5.134

Italien

6.701

2.785

989

10.475

1.155

11.630

 

Administrativer Wohnsitz zum Zeitpunkt der Befragung (1998)

Herkunft **

Norditalien

Mittelitalien

Mezzogiorno

Italien

Ausland

Gesamt

Norditalien

1.150

240

127

1.517

291

1.808

Mittelitalien

404

227

182

813

201

1.014

Mezzogiorno

1.292

551

205

2.048

116

2.164

Italien

2.846

1.018

514

4.378

608

4.986

 

‚Meldequote’: Übereinstimmung von melderechtlichem Wohnsitz und Arbeitsplatz (1998)

Herkunft **

Norditalien

Mittelitalien

Mezzogiorno

Italien

Ausland

Gesamt

Norditalien

37%

44%

85%

40%

45%

41%

Mittelitalien

38%

47%

85%

46%

72%

50%

Mezzogiorno

51%

32%

33%

42%

50%

42%

Italien

42%

37%

52%

42%

53%

43%

* nur Beschäftigte und Italiener, die außerhalb der Herkunftsregion arbeiten.

** Wohnsitz vor der Einschreibung an der Universität (Regione di residenza prima dell'iscrizione all'università)

Datenquelle: ISTAT, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998.; Auswertung H. Jahnke 2004.

Wenn bei diesen Zahlen auch Regionsgrenzen überschreitende Pendlereffekte, beispielsweise von einem grenznahen Herkunftsort in der Toskana zu einem nahegelegenen Arbeitsplatz in der Emilia Romagna, eine gewisse Verzerrung verursachen mögen, so ist diese statistische Ungenauigkeit bei den Absolventen aus dem Mezzogiorno, die in Norditalien arbeiten, definitiv auszuschließen. Doch auch in dieser Gruppe von 2.529 Absolventen aus Süd- und Inselitalien waren lediglich 51% (1.292) mit ihrem Wohnsitz in Norditalien gemeldet. Demgegenüber bewiesen die 150 „Norditaliener“, die drei Jahre nach Studienabschluss im Mezzogiorno arbeiten, mit einer Meldequote von 85% eine stärkere Meldedisziplin.

Trotz aller Einschränkungen belegen die Statistiken, dass die „Meldequote“ junger mobiler Universitätsabsolventen nicht einmal 50% erreicht. Somit bestätigt sich die Vermutung Montanaris, dass die amtlichen Wanderungsstatistiken auf der Basis der Erfassung durch die Einwohnermeldeämter sowohl bei der Binnen- als auch bei der Außenmigration zumindest bei den Akademikern als viel zu niedrig einzustufen sind. Vor dem Hintergrund, dass die jenseits der Statistiken stattfindende faktische Mobilität [Seite 100↓]vermutlich etwa doppelt so hoch ist, wie sie in den Statistiken erscheint, sind auch die folgenden Zahlen zur italienischen Akademikermobilität zu betrachten47.

2.3.2 Regionale Muster der jüngeren Außen- und Binnenmigration von Akademikern in Italien

Akademiker weisen bei einer Betrachtung des aktuellen Wanderungsgeschehens der italienischen Bevölkerung statistisch eine überdurchschnittliche räumliche Mobilität auf, wie eine zusammenfassende Betrachtung der Binnen- und Außenwanderungen dieser Gruppe im Zeitraum 1996 bis 1999 dokumentiert. Mit jährlich durchschnittlich 71 interregionalen und internationalen Wohnsitzwechseln pro 10.000 Akademikern in der Wohnbevölkerung liegt deren Migrationshäufigkeit über derjenigen der Gesamtbevölkerung, die durchschnittlich pro Jahr lediglich 52 ausmachen48. In beiden Fällen werden die Mobilitätsziffern vor allem von der Binnenmigration getragen, deren Ausmaß weit über demjenigen der Außenmigration liegt. Hierbei ergeben sich innerhalb des kurzen Zeitraums von nur vier Jahren beträchtliche Schwankungen, welche die Identifikation eindeutiger Tendenzen erschweren.

Tabelle 6: Mobilitätsziffern der italienischen Bevölkerung zwischen 1996 und 1999 (Akademiker und Gesamtbevölkerung)

Mobilitätsziffern (pro 10.000 Akademiker/ Einwohner*>14 Jahre)

1996

1997

1998

1999

 

Durchschnitt 1996-99

Akademiker (nur Italiener)

83

95

97

39

 

71

Interregionale Mobilität

72

84

89

25

 

61

Internationale Mobilität

11

11

7

14

 

10

Gesamtbevölkerung (nur Italiener >14 Jahre)

53

48

50

54

 

52

Interregionale Mobilität

48

43

44

46

 

46

Internationale Mobilität

6

6

6

8

 

6

* die verwendeten Statistiken beziehen sich lediglich auf die italienische Bevölkerung.

Datenquelle: ISTAT - Movimento migratorio della popolazione residente; Berechnung H. Jahnke 2004.

Bezogen auf die interregionale Mobilität haben in den Jahren 1996 bis 1998 von 10.000 Akademikern zwischen 72 und 89 ihren Wohnsitz in eine andere Region Italiens verlegt. Der deutliche Anstieg der interregionalen Umzugszahlen wurde durch einen plötzlichen [Seite 101↓]Mobilitätsrückgang im Jahr 1999 unterbrochen, der die Mobilitätsziffer der Akademiker mit 39 sogar unter den italienischen Durchschnitt fallen lässt49.

Die internationalen Akademikerwanderungen blieben von diesem Ereignis offensichtlich unberührt, da sich hier im gleichen Jahr 1999 sogar ein sprunghafter Anstieg der Akademikerabwanderung erkennen lässt: während jährlich von 10.000 Akademikern durchschnittlich zehn das Land verließen, war nach einem Mobilitätsrückgang im Jahr 1998 auf 7 im Folgejahr 1999 sogar eine deutlich gestiegene Mobilität auf 14/10.000 Akademiker zu beobachten.

Trotz ihrer - im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt - privilegierten Position auf dem italienischen Arbeitsmarkt zeigten die Akademiker somit am Ende der 1990er Jahre eine überdurchschnittliche Wanderungsbereitschaft. Die These, dass mit steigendem formalen Bildungsniveau auch der potentielle Aktionsradius und somit die Mobilitätsbereitschaft zunimmt, wird somit bestätigt.

2.3.2.1 Internationale Akademikermigration

In absoluten Zahlen und unter Einbeziehung der Akademikerzuzüge zeigen sich bei den Akademikerwanderungen zwischen Italien und dem Ausland in den 1990er Jahren unterschiedliche Wellen, die nicht nur die Fortzüge, sondern auch die Zuzüge betreffen. Nachdem die Zahl der Fortzüge im Jahr 1989 noch bei 3.191 gelegen hatte, stellte sich zunächst eine zweijährige Phase der Stabilisierung ein, der ab 1992 erneut ein Anstieg bis zur Mitte der 1990er Jahre folgte. Vergleichbar der allgemeinen Migrationsentwicklung führten auch bei den Akademikern die Krisenjahre 1992 bis 1994 zu einer verstärkten Abwanderung in das Ausland. Der erneute Rückgang der Abwanderungszahlen setzte 1996 ein und dauerte bis 1998, als lediglich 2.033 Akademiker Italien verließen. Schließlich folgte 1999 ein Fortzug bislang ungekannten Ausmaßes (minus 4.158 Akademiker). Inwieweit diese jüngsten Zahlen Ausdruck einer neuen Emigrationswelle sind, welche sich in den kommenden Jahren noch verstärken wird, oder lediglich statistische Artefakte, werden erst die Daten der folgenden Jahre zeigen können.

Auf der Seite der Zuwanderer mit einem akademischen Titel zeigt Abbildung 14 zwischen 1995 und 1996 einen Einbruch der Zahlen von 7.002 auf 1.983, der darin begründet liegt, dass seit 1996 nur noch italienische Staatsbürger nach ihrem Bildungsabschluss erfasst werden. Ein Vergleich der beiden Übergangsjahre lässt vermuten, dass bis 1995 etwa zwei Drittel der Zuwanderung von Akademikern nichtitalienischer Herkunft getragen wurden, wohingegen bei den Abwanderungen die Gruppe der Ausländer keine erkennbare Rolle spielte.

Für die Wanderungsbilanz bedeutet die (statistische) Beschränkung auf die italienische Bevölkerung den Übergang von einem positiven Wanderungssaldo von fast 4.000 Akademikern (1995) zu einem negativen Wanderungssaldo von -763 (1996), welches sich [Seite 102↓]über die Jahre 1996 bis 1999 zu Wanderungsverlusten von -2.309 Akademikern summiert. Damit wird deutlich, dass zumindest bis 1995 auch in der Bevölkerungsgruppe der Akademiker der Wanderungsüberschuss ein Ergebnis der Zuwanderung von Nichtitalienern war. Reduziert auf die italienischen Akademiker wird hinter den ausgeprägten Jahresschwankungen des Wanderungsvolumens zwischen 1996 und 1999 ein Trend zu verstärkten Wanderungsverlusten erkennbar, die im Jahr 1999 mit 924 einen bescheidenen Tiefpunkt erreichten.

Abbildung 14: Außenwanderungen der Akademiker zwischen 1990 und 1999*

* Anm.: seit 1996 nur Italiener
Datenquelle: Istat – Movimento migratiorio della popolazione residente; Berechnung und Entwurf H. Jahnke 2004.

Nach rechnerischer Nivellierung der ausgeprägten Jahresschwankungen ergibt sich für Italien in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre (1996 bis 1999) eine durchschnittliche Nettowanderungsbilanz von minus 1,9 pro 10.000 Einwohnern mit akademischem Titel, wobei dieser Wert im südlichen Landesteil am höchsten (-2,6) und in Mittelitalien am niedrigsten ist (-0,7). Ein Blick auf die Wanderungssalden der Akademiker in den einzelnen Regionen verdeutlicht zudem, dass es sich nicht um ein Nord-Süd-Phänomen handelt. Denn sowohl einige traditionelle Auswanderungsregionen des Südens (Kalabrien, Sardinien, Sizilien) als auch einige grenznahe Regionen des Nordens (Lombardei, Piemont, Südtirol, Ligurien und Friaul-Venetien) weisen im Untersuchungszeitraum negative Bilanzen auf, wohingegen in einzelnen Regionen Mittel- und Süditaliens (Umbrien, Abruzzen, Molise) bezüglich der Migration von Akademikern italienischer Nationalität positive Nettowanderungsbilanzen auftreten.

Über diesen Indikator hinaus zeigen sich jedoch zwischen den drei Landesteilen bemerkenswerte Unterschiede:


[Seite 103↓]

Abbildung 15: Regionale Muster der Außenwanderungen von Akademikern in den 1990er Jahren

Datenquelle: ISTAT - Movimento migratorio della popolazione residente. Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche 1996-1999; erfasst werden seit 1996 lediglich Italiener (cittadinanza italiana). Berechnung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


[Seite 104↓]

Norditalien hat erwartungsgemäß das höchste Wanderungsvolumen der Akademiker, konnte aber nach Wanderungsverlusten im Jahr 1998 (-916) im Folgejahr 1999 trotz hoher Fortzugszahlen von über 2.000 ein beinahe ausgeglichenen Wanderungssaldo aufweisen. Mittelitalien hingegen weist in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre tendenziell ausgeglichene Bilanzen auf, die jedoch 1999 einen negativen Trend erkennen lassen. Diese Entwicklung ist im Mezzogiorno noch ausgeprägter, wo nach einem positiven Saldo 1998 schon im Folgejahr die hohen Fortzugszahlen zu einer negativen Bilanz von 818 Akademikern führen. Somit trägt der Mezzogiorno im Jahr 1999 fast 90% der Netto-Wanderungsverluste der italienischen Akademiker (Abbildung 14).

Wenngleich die erheblichen Jahresschwankungen in den Statistiken und deren Mängel grundsätzliche Aussagen über weitere Tendenzen erschweren, so können doch angesichts der jüngsten Entwicklungen einzelne Aussagen, die Montanari für die 1980er Jahre getroffen hat, in Frage gestellt werden. Denn im Vergleich mit der übrigen Bevölkerung wiesen die italienischen Akademiker in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine überdurchschnittliche Mobilität auf. Gleichwohl geben auch die vorliegenden Zahlen gewiss keinen Anlass, über einen effektiven Brain drain aus Italien zu spekulieren. Das langsam steigende Migrationsvolumen der Akademiker lässt lediglich vorsichtige Tendenzen eines zunehmenden Brain exchange erkennen, der für die italienischen Akademiker zu einer leicht negativen Nettowanderungsbilanz führt, wohingegen in der Gruppe der Nichtitaliener mit akademischer Ausbildung - nachweislich bis zum Jahr 1995, vermutlich auch darüber hinaus - ein deutlicher Zuzugsüberschuss erkennbar wird.

Das anwachsende Mobilitätsvolumen auch unter den italienischen Akademikern zeigt sich nicht nur in Norditalien, sondern jüngst auch im Mezzogiorno, welcher wiederum steigende Verluste zu verzeichnen hat. In der insgesamt negativen Bilanz trägt bei den neuesten Zahlen der Mezzogiorno die Hauptlast der gesamtitalienischen Akademikerverluste, wohingegen Nord- und Mittelitalien ihre Fortzüge weitgehend durch Zuzüge auszugleichen vermögen.

2.3.2.2 Interregionale Migrationsmuster von Akademikern

Gegenüber der Außenwanderung spielt die Binnenmigration für das Wanderungsgeschehen italienischer Akademiker eine sehr viel wichtigere Rolle. Immerhin liegen zwischen 1996 und 1999 die interregionalen Mobilitätsziffern der Akademiker fast sieben mal (1996) bzw. fast 13 mal (1998) höher als die internationale Migration und bis 1998 auch beinahe doppelt so hoch wie die allgemeine Bevölkerungsmobilität (vgl. Tabelle 6)50.

Kennzeichnend für das Binnenwanderungsgeschehen der Akademiker in den 1990er Jahren ist zum einen der kontinuierliche Anstieg des Wanderungsvolumens dieser [Seite 105↓]Gruppe, zum anderen sein plötzlicher Rückgang im Jahr 1999, der die spezielle Mobilitätsziffer der Akademiker sogar unter die allgemeine Mobilitätsziffer fallen lässt (vgl. Tabelle 6). Ursache dieser Entwicklung ist die Durchführung des concorso (Stellenwettbewerb) für Vor-, Primar- und Sekundarschullehrer im gleichen Jahr, an dem insbesondere Personen mit einem akademischen Abschluss teilgenommen haben. Denn der concorso a cattedra des Jahres 1999 stellte nach knapp zehn Jahren den ersten Einstellungswettbewerb für Sekundarschullehrer in Italien dar, so dass er auch als „Jahrhundert-concorso“ (concorso del secolo oder concorsone) bezeichnet wurde. Aus Interviews mit sizilianischen Hochschulabsolventen und Experten geht hervor, dass viele junge Akademiker aufgrund der intensiven Prüfungsvorbereitung ihre Mobilitätsabsichten in dieser Phase verschoben haben (vgl. Kap. 4.2.1). Bis zum Jahr des „concorsone“ 1999 zeigte die interregionale Migration von Akademikern jedoch eine deutliche Zunahme, bei der sich bestimmte Wanderungsmuster zwischen den drei Landesteilen erkennen lassen (vgl. Abbildung 15).

Norditalien kann durch Binnenwanderung in den 1990er Jahren kontinuierliche Wanderungsgewinne bei den Akademikern verbuchen. Zwar gibt es bei den Zuwandererzahlen zwischen 1990 und 1995 nur unwesentliche Veränderungen, sogar mit einem kleinen Einbruch nach der Wirtschaftskrise 1994. Zwischen 1996 und 1998 ist jedoch ein deutlicher Anstieg von 4.521 (1994) auf über 7.211 (1998) zu verbuchen Trotz ebenfalls steigender Abwanderungszahlen wächst auch der positive Wanderungssaldo in diesem Zeitraum stetig von 1.219 (1994) auf 2.706 (1998) an. Selbst der Einbruch der An- und Abmeldungszahlen im Jahr 1999 wirkt sich kaum auf den Migrationssaldo aus. In der Summe ergeben sich für Norditalien in den 1990er Jahren 50.648 Zuzüge, 32.052 Fortzüge und damit ein Wanderungsgewinn von 18.596 Akademikern gegenüber den anderen Landesteilen.

Die meisten dieser Zuwanderer stammen aus dem Mezzogiorno. Denn während Mittelitalien trotz tendenziell steigenden Wanderungsvolumens in den 1990er Jahren weitgehend ausgeglichene Akademiker-Migrationssalden aufweist und in der Summe relativ geringe Verluste von 1.207 Akademikern zu verzeichnen hat, verhalten sich die Zahlen in Süd- und Inselitalien in etwa komplementär zu den Zu- und Abwanderungszahlen im nördlichen Landesteil. Demzufolge sind die Bilanzen kontinuierlich negativ, mit den höchsten Verlusten im Jahr 1997 (2.405). Die Wirtschaftskrise von 1993 wirkt sich hier zunächst bremsend auf das Migrationsgeschehen aus. Ab 1994 steigt die Zahl der Abwanderungen bis 1998 jedoch steil an: von 4.952 im Jahr 1994 auf 7.523 im Jahr 1998. Entsprechend nehmen auch die bilanzierten Wanderungsverluste bis 1997 zu, bevor sie anschließend durch steigende Zuzugszahlen und den Mobilitätseinbruch 1999 gebremst werden. Bei 35.767 Zuzügen und 53.156 Fortzügen ergibt sich in der Summe für die 1990er Jahre ein Wanderungsverlust von 17.389 Akademikern, der - wie soeben gezeigt - den Regionen des Nordens zugute kommt.


[Seite 106↓]

Abbildung 16: Regionale Muster der Binnenwanderungen von Akademikern in den 1990er Jahren

Datenquelle: ISTAT - Movimento migratorio della popolazione residente. Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche 1996-1999; Berechnung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


[Seite 107↓]

Im Gegensatz zur Außenwanderung der Akademiker spiegelt deren Binnenwanderung das erwartete Süd-Nord-Muster wider, welches auch von anderen Wanderungsuntersuchungen in Italien bekannt ist. Während Norditalien zwischen 1996 und 1999 jährliche Wanderungsgewinne von durchschnittlich 17 pro 10.000 Akademikern verzeichnen kann, verliert der Süden knapp 22 pro 10.000 Akademiker: Mittelitalien verbucht dagegen nur sehr geringe Verluste (minus 3 pro 10.000 E.).

Wenngleich angesichts dieser Zahlen die Benutzung des Begriffs Brain drain selbst für die interregionalen Abwanderungen aus dem Mezzogiorno unzutreffend erscheint, so ist der absolute Wert von insgesamt 53.156 abgewanderten Akademikern zwischen 1990 und 1999 dennoch beachtlich. Durchschnittlich haben damit jährlich über 5.300 Akademiker ihren Wohnsitz (residenza) und damit ihren Lebensmittelpunkt aus dem Mezzogiorno nach Nord- bzw. Mittelitalien verlegt. Dabei zeichnet sich eine steigende Tendenz ab. Allein 1998 verließen mehr als 7.500 Akademiker den Mezzogiorno.

Trotz Rückwanderungen verliert der Mezzogiorno jährlich durch registrierte Wohnsitzverlagerungen etwa 2.000 Akademiker an andere Landesteile. Diese absolute Zahl erscheint zunächst eher unbedeutend, sie liegt jedoch etwa vier mal höher als die gesamte internationale Akademikerabwanderung. Geht man zudem davon aus, dass lediglich etwa die Hälfte der Fortzüge auch als Wohnsitzwechsel registriert wird, so ist diese jüngere Entwicklung durchaus ernst zu nehmen.51

Die Verteilung zwischen einem Brain gain im Norden bei gleichzeitigen Verlusten im Süden zeigt sich ebenfalls auf der Ebene der einzelnen Regionen. Hier verläuft die Trennlinie auf der Höhe der Regionen Latium und Molise, die beide negative Binnenwanderungssalden aufweisen. Nördlich davon haben alle Regionen - mit Ausnahme der Region Ligurien - positive Migrationssalden. Die Emilia-Romagna, Toskana und Umbrien sind die größten Gewinner, während bereits die Hauptstadtregion Latium ein negativer Saldo (-24,0) erkennen lässt. Die stärksten Verluste pro 10.000 Akademiker müssen die südlichen Regionen Basilikata (-45), Apulien (-42) und Kampanien (-30) hinnehmen, wohingegen sich Kalabrien (-3) und Sardinien (-4) als relativ stabil erweisen. Vergleichbar hoch ist auch die Abwanderungsrate Siziliens mit minus 17 pro 10.000 Akademikern.

Die Migrationsbewegungen von Akademikern zwischen den drei großen Landesteilen tragen somit zu einer Verlagerung dieser Bevölkerungsgruppe von den Regionen des Südens und der Inseln in die Regionen des Nordens bei. Wenngleich die absoluten Zahlen zunächst nicht sehr hoch erscheinen mögen, so gilt es doch zu beachten, dass beispielsweise im Jahr 1998 - dem Jahr mit den höchsten Fortzugszahlen - pro 10.000 Akademikern aus dem Mezzogiorno über 85 in einen anderen Teil Italiens umgezogen sind. Bei der Gesamtbevölkerung - also aller Bildungsgrade - waren es im gleichen Jahr gerade einmal 48. Bei beiden Zahlen ist die Außenwanderung noch nicht berücksichtigt.


[Seite 108↓]

Während die gezeigten Disparitäten des Akademikerarbeitsmarktes nur geringfügige Migrationsbewegungen für diese Gruppe erwarten lassen, so ist bei den jungen Hochschulabsolventen eine sehr viel stärkere räumliche Mobilität zu vermuten.

2.3.3 Regionale Muster der Außen- und Binnenmigration italienischer Universitätsabsolventen

Junge Universitätsabsolventen befinden sich nach dem Abschluss ihres Studiums in der Übergangsphase vom Studium ins Arbeitsleben. Die ungleiche räumliche Verteilung von Arbeitsplätzen und die damit in Zusammenhang stehenden räumlichen Disparitäten der Erwerbsmöglichkeiten können Umzugs- und Wanderungsentscheidungen notwendig machen, um die eigenen Ansprüche an eine Erwerbsarbeit befriedigen zu können. Angesichts der in Italien verbreiteten Studienmobilität insbesondere von Studienanfängern aus dem Mezzogiorno wird die Wanderungsrichtung auch in der Weise gesteuert, dass nach dem Studium an einer auswärtigen Universität eine Rückkehrtendenz in die Heimatregion zu beobachten ist. Die Mobilitätsentscheidung nach Studienende wird somit durch die vorangegangene Studienmobilität beeinflusst.

2.3.3.1 Vorbemerkungen zum Analysepotential der Absolventenbefragungen

Die Daten des Istat zur beruflichen Eingliederung junger Hochschulabsolventen in Italien erlauben eine systematische Untersuchung der räumlichen Mobilitätsmuster auf der Ebene der interregionalen Mobilität. Da im Fragebogen die Region des Wohnsitzes vor Studienbeginn, die Region des Hochschulabschlusses und die Region des derzeitigen Arbeitsplatzes sowie des aktuellen Wohnsitzes erhoben werden, kann bei der Auswertung der Individualdaten eine räumliche Zuordnung der einzelnen Befragten zu drei verschiedenen Zeitpunkten erfolgen.

Abbildung 17: Regionale Zuordnung der Absolventen des Jahres 1995 zu unterschiedlichen Zeitpunkten

Entwurf H. Jahnke.

Als Zeitpunkt T1 wird der Zeitpunk unmittelbar vor der Einschreibung bezeichnet, welcher mit der Herkunftsregion (regione di residenza)verbunden ist. Als Herkunftsregion wird die Region des offiziellen Wohnsitzes unmittelbar vor der ersten Einschreibung an [Seite 109↓]einer Universität bezeichnet. Da die Absolventen nach dem Jahr des Studienabschlusses selektiert wurden und nicht nach dem Studienbeginn, kann das Jahr der Einschreibung unterschiedlich sein.

Zeitpunkt T2 ist das Jahr des Studienabschlusses, also im vorliegenden Fall das Jahr 1995. Die dazugehörige Region ist die Hochschulregion (regione dell’ateneo), also die Region, in der sich die Universität befindet, an welcher der Hochschulabschluss (laurea) erworben wurde. Wenngleich sich die verwendeten Daten lediglich auf die Hochschule beziehen, an welcher im Jahr 1995 der Abschluss erworben wurde, wird davon ausgegangen, dass es sich hierbei auch um die Studienregion handelt.

Zeitpunkt T3 ist das Befragungsjahr 1998, also drei Jahre nach dem Hochschulabschluss. Die regionale Zuordnung der Befragten zu diesem Zeitpunkt ist nicht ganz eindeutig, da sich die regione di residenza attuale auf den legalen Wohnsitz (de jure) bezieht und nicht auf den faktischen Wohnort (de facto). Eindeutiger ist die Zuordnung zur Arbeitsregion, regione dell’attuale lavoro, die sich auf die Region bezieht, in der sich der aktuelle Arbeitsplatz befindet. Wie bereits gezeigt wurde stimmen aufgrund der geringen Meldedisziplin in Italien administrativer Wohnsitz und tatsächlicher Aufenthaltsort bzw. Arbeitsort nur in etwa der Hälfte aller mobilen Absolventen überein. Da die Nutzung vorhandener Humanressourcen im Fokus dieser Arbeit steht, und somit eine wirtschaftliche Perspektive angelegt wird, beschränken sich die folgenden Untersuchungen auf die räumliche Mobilität derjenigen, die zum Zeitpunkt der Befragung angeben, beschäftigt zu sein.

Die regionale Zuordnung der Absolventen zu den drei genannten Zeitpunkten erlaubt die isolierte Untersuchung der räumlichen Mobilität zwischen Studienbeginn (T1) und Hochschulabschluss (T2) - im folgenden als Studienmobilität 52 bezeichnet – und der räumlichen Mobilität zwischen dem Studienabschluss (T2) und dem Befragungszeitpunkt (T3) - im folgenden als Arbeitsmobilität bezeichnet.

Der Begriff der Arbeitsmobilität beinhaltet die Abwanderung nach Studienende und steht im Mittelpunkt sogenannter Verbleibstudien oder Absolventenstudien aus dem Forschungskontext der Bildungsgeographie bzw. Bildungssoziologie. Die dahinterstehende Fragestellung lautet, welchem Land bzw. welcher Region das Humankapital einer bestimmten Universität zugute kommt.53

Im vorliegenden Kapitel sollen im ersten Schritt sowohl die Studienmobilität als auch die Arbeitsmobilität auf ihre regionalen Muster untersucht werden. Aus dem Blickwinkel der regionalwirtschaftlichen Bedeutung der endogenen Humanressourcen - im Sinne eines Brain drain - scheint jedoch die Bilanzierung zwischen den Zeitpunkten T1 und T3 am wichtigsten, also die Frage, inwieweit die eigenen Humanressourcenpotentiale – im Sinne von Studienanfängern – nach Studienende tatsächlich der Region selbst zugute kommen. [Seite 110↓]Nach einer knappen Betrachtung der internationalen Abwanderung von Hochqualifizierten richtet sich anschließend der Fokus auf die italienischen Binnenwanderungen dieser Gruppe.

2.3.3.2 Internationale Mobilität von Hochschulabsolventen

Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus dem vorherigen Kapitel bezüglich der internationalen Akademikermobilität werden durch die Befragungen junger Hochschulabsolventen sowohl in ihren Ausmaßen als auch in ihrer Entwicklung bestätigt: Bei allen vier Befragungen war der Prozentsatz derjenigen Absolventen, die drei Jahre nach Studienende im Ausland arbeiten, unterhalb von zwei Prozent aller Beschäftigten. Dabei ist auch hier im Verlauf der 1990er Jahre ein wachsender Anteil von „cervelli in fuga“ festzustellen. Immerhin hatten bei der Befragung des Jahres 1998 fast 2% aller Befragten eine Beschäftigung im Ausland. Damit hat sich die Anzahl der im Ausland beschäftigten Absolventen zwischen 1995 und 1998 von 631 auf 1214 nahezu verdoppelt.

Mit Blick auf die Befragungsergebnisse von 1998 weisen die jungen Absolventen aus Mittelitalien die höchste internationale Mobilität auf. Von den Beschäftigten arbeiten hier 2,1% im Ausland – wohingegen die Nord- und Süditaliener (1,7% bzw. 1,2%) eine geringere internationale Mobilitätsneigung erkennen lassen.

Auf der Ebene einzelner Regionen ergeben sich hierbei jedoch noch weitere Differenzierungen, denn neben den kleinen Regionen Friuli-Venezia Giulia und der Basilikata mit Mobilitätsziffern von 4,3% bzw. 2,2% der Beschäftigten weisen junge Absolventen aus den Regionen Latium (2,4%), Toskana (2,3%) und Emilia Romagna (2,0%) die höchste Mobilität auf. Die Zahlen deuten darauf hin, dass internationale Jungakademikermobilität weniger einen Ausweg aus Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit darstellt. Das Phänomen betrifft vor allem Regionen mit starken internationalen Verflechtungen. Für diese Annahme sprechen auch die niedrigen Mobilitätsziffern der meisten süditalienischen Regionen.

Tabelle 7: Hochschulabsolventen der Jahre 1986, 1988, 1992 und 1995, die drei Jahre nach Studienabschluss im Ausland arbeiten

Befragung

Anzahl der im Ausland Beschäftigten

Anteil an allen beschäftigten Absolventen

Abschlussjahr

Befragungsjahr

Anzahl

in %

1986

1988*

451

0,8 %

1988

1991

601

1,0 %

1992

1995

631

1,1 %

1995

1998

1.214

1,7 %

* Die Befragung des Jahres 1986 erfolgte bereits zwei Jahre nach dem Hochschulabschluss, so dass sich hieraus leichte Verzerrungen ergeben können.

Datenquelle: ISTAT – diverse Absolventenbefragungen; Berechnung H. Jahnke 2004.


[Seite 111↓]

Wenngleich sich zwischen Männern und Frauen kaum Unterschiede in der internationalen Mobilität erkennen lassen - 1,8% der beschäftigten Männer arbeiten im Ausland und 1,7% der beschäftigten Frauen - ergeben sich bezüglich der Fachbereiche beträchtliche Differenzen. Hier weisen die Politik- und Sozialwissenschaftler, aber auch Geisteswissenschafter sehr hohe Werte auf, die sich einerseits durch die hohen Arbeitslosenquoten in gerade diesen Fachgruppen, andererseits durch die hier zu erwartende Fremdsprachenkompetenz erklären lassen. Mit 2% sind auch die Wirtschaftswissenschaftler und Agrarwissenschaftler eine überdurchschnittlich mobile Gruppe, wohingegen Naturwissenschaftler und Ingenieure, aber auch Juristen und Mediziner nur zu geringen Teilen im Ausland arbeiten.

Während bei Medizinern die hohe Erwartung, einen Arbeitsplatz innerhalb Italiens zu finden, von Bedeutung ist, sind die Ausbildungsinhalte von Juristen grundsätzlich ganz wesentlich an den Gültigkeitsbereich des italienischen Rechtssystems gebunden, was die Suche nach einer adäquaten Beschäftigung im Ausland erschwert. Zudem hat sich gerade der Arbeitsmarkt für Juristen in Italien in Folge der politischen Umwälzungen der frühen 1990er Jahre deutlich entspannt.

Tabelle 8: Abwanderung italienischer Hochschulabsolventen des Jahres 1995 in das Ausland nach Herkunftsregion, Geschlecht und Fachbereichen

 

Beschäftigte im Ausland

Beschäftigte (gesamt)

Anteil der im Ausland Beschäftigten

Geschlecht

   

Männlich

635

36.195

1,8%

Weiblich

578

33.463

1,7%

Fachbereich

   

Sozial- und Politikwissenschaftler

140

5.245

2,7%

Geisteswissenschaft

309

13.576

2,3%

Wirtschaftswissenschaft

320

15.713

2,0%

Agrarwissenschaft

39

1.954

2,0%

Naturwissenschaft

125

8.437

1,5%

Ingenieurswissenschaft

183

13.408

1,4%

Jura

79

8.297

1,0%

Medizin

18

3.028

0,6%

Herkunftsregion

   

Norditalien

644

37.056

1,7%

Mittelitalien

279

13.201

2,1%

Mezzogiorno

231

19.209

1,2%

Gesamt

1.214

69.659

1,7%

Datenquelle: ISTAT, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung H. Jahnke 2004.

Die diskutierte regionale und fachspezifische Varianz der internationalen Jungakademikermigration kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Anteil der im Ausland arbeitenden Absolventen mit insgesamt 1,7% aller Beschäftigten dieser Gruppe, [Seite 112↓]bzw. 1,2% der Grundgesamtheit, gering ist und die aus der Untersuchung der Akademikermobilität resultierenden Ergebnisse in ähnlicher Form widerspiegeln.

Vergleicht man jedoch die absolute Anzahl der abgewanderten jungen Hochschulabsolventen des Absolventenjahrgangs 1995 (1.214) mit derjenigen der Akademikerabwanderung des Jahres 1998 (2.033) so zeigt sich, dass der eine befragte Absolventenjahrgang allein schon mehr als die Hälfte aller registrierter Akademikerabwanderungen ausmacht54. Daraus ist zu schließen, dass es sich bei der Mehrheit der registrierten Akademikerwanderungen um Abwanderungen junger Absolventen handelt.

Vor dem Hintergrund dieser gemäßigten internationalen Akademikermobilität mag es überraschen, dass die „fuga di cervelli“ in jüngster Zeit erneut zum Thema öffentlicher politischer Diskussionen geworden ist. Denn rein quantitativ geben die vorliegenden Daten keinerlei Hinweise auf einen Brain drain im Sinne einer massenhaften Abwanderung junger Akademiker.

Im Gegenteil erweisen sich gerade die Absolventen in den häufig diskutierten Fachbereichsgruppen der Naturwissenschaften, Ingenieurswissenschaften und Medizin als besonders mobilitätsresistent. Die aktuelle Debatte um die „fuga di cervelli“ (vgl. Palombini 2001; Censis 2002b) in den Bereichen naturwissenschaftlicher Forschung besitzt trotz ihrer tagespolitischen Aktualität somit zunächst einen qualitativen und politischen Charakter.

2.3.3.3 Interregionale Mobilität von Hochschulabsolventen

Während das geringe Ausmaß der internationalen Absolventenmobilität den verbreitete Bild der Sesshaftigkeit junger Italiener tendenziell bestätigt, weicht das interregionale Mobilitätsverhalten italienischer Studenten – insbesondere in Süditalien – von dieser Vorstellung signifikant ab. Diese Ergebnisse lassen sich anhand der Daten der Absolventenbefragung des ISTAT belegen.

Regionale Muster der Studienmobilität

Von den befragten italienischen Hochschulabsolventen des Jahres 1995 hat insgesamt mehr als jeder Fünfte (21,1%) den Studienabschluss außerhalb der eigenen Herkunftsregion erworben. Dieser hohe Wert wird im wesentlichen durch zwei Faktoren beeinflusst: Einerseits macht die gänzlich fehlende oder fachlich unvollständige Universitätsausstattung einzelner italienischer Regionen das Studium in einer anderen Region notwendig. Andererseits tragen Pendlerverflechtungen mit Universitäten angrenzender Regionen zu einer statistischen Überhöhung der tatsächlichen Wanderungen bei.


[Seite 113↓]

Beispielsweise befindet sich in der Region Aostatal gar keine Universität, in der Basilikata, in den Abruzzen und im Molise, aber auch in Südtirol und in Kalabrien gab es in der ersten Hälfte der 1990er Jahre noch eine äußerst unzureichende fachliche Ausstattung, so dass in diesen Regionen mit der Studienentscheidung bzw. mit der Entscheidung für das Studium bestimmter Fächer zwangsläufig eine Mobilitätsentscheidung verbunden war. Folglich haben beispielsweise alle 142 Absolventen aus dem Aostatal ihren Abschluss in einer anderen Region erworben – mehrheitlich im Piemont, der Emilia-Romagna und der Lombardei. Das gleiche gilt für fast 90% der Absolventen aus dem Molise und der Basilikata, 70% der Kalabresen und ca. 60% der Südtiroler (Trentino Alto Adige).

Auf der anderen Seite zeigt die Befragung, dass von den 1.639 Absolventen aus der Lombardei, die ihren Abschluss an einer Hochschule außerhalb der Lombardei erworben haben (das entspricht 9,3% der ‚Lombarden’), über 80% (entspricht 1.317 Absolventen) dies in den angrenzenden Regionen Emilia Romagna (776), Veneto (467). Piemont (41) oder Trentino Alto Adige (33) taten55.

Während also die interregionale Mobilitätsziffer maßgeblich durch die erzwungene Wahl des Studienorts in einer anderen Region und statistische Pendlereffekte beeinflusst wird, fällt dieser Faktor bei der Mobilitätsmessung zwischen den drei Landesteilen – Nord-, Mittel- und Süd- bzw. Inselitalien - sehr viel weniger ins Gewicht. Die ‚Grenzen’ zwischen diesen drei Raumeinheiten werden nahezu von etwa jedem zehnten Absolventen (9,7%) überschritten. Bei diesen, im folgenden als ‚interareale Mobilität’56 bezeichneten Wanderungsbewegungen, ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen den Absolventen aus den drei Landesteilen (vgl. Karte 7).

Die Norditaliener verbleiben zum Studium zu 97,1% im eigenen Landesteil. Zwar gibt es innerhalb Norditaliens ebenfalls eine rege Studienmobilität über Regionsgrenzen hinweg, diese wird aber überwiegend von Pendlern getragen. Wanderungen über größere Distanzen erfolgen innerhalb Norditaliens lediglich in seltenen Fällen. Noch seltener ist der Besuch einer Universität in Mittel- oder Süditalien, denn nur von 2,9% aller norditalienischer Absolventen erwarbenn hier ihren Abschluss.

Die drei „grenznahen“ mittelitalienischen Traditionsuniversitäten in Urbino, Florenz und Pisa werden dabei eindeutig bevorzugt. Da die Mehrheit dieser norditalienischen Absolventen aus Ligurien und der Emilia-Romagna kommt, scheint auch in diesem Falle die räumliche Nähe das entscheidende Auswahlkriterium für den Besuch der drei genannten Universitäten zu sein.


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Karte 7: Interareale Studienmobilität der Absolventen des Jahres 1995 – Hochschulorte der Absolventen des Jahres 1995 nach Herkunftsregion

Datenquelle: Murst; Istat – Inserimento professionale dei Laureati : Indagine 1998; Auswertung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


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Auffallend ist die Varianz der Mobilität nach Fachbereichen: Während in den ‚harten’ Fächern Jura, Medizin und Wirtschaftswissenschaft nur wenige Absolventen außerhalb Norditaliens studiert haben, nehmen vor allem Politik- und Sozialwissenschaftler das Studienangebot der nahe gelegenen Universitäten der Toskana wahr. Lediglich bei den wenigen norditalienischen Absolventen an den entfernter gelegenen Universitäten Siena, Perugia, Camerino und Rom (La Sapienza) lässt sich die bewusste Wahl dieser Universitätsstandorte vermuten. Hochschulstandorte im Mezzogiorno spielten für die norditalienischen Absolventen überhaupt keine Rolle.

Die Absolventen aus den Regionen Mittelitaliens weisen gegenüber den Norditalienern eine deutlich höhere Mobilität in andere Landesteile auf. Fast jeder elfte ‚Mittelitaliener’ (9,1%) hat seinen Abschluss außerhalb des eigenen Landesteils erworben. Auch hier zeigt jedoch ein Blick auf Karte 7, dass die räumliche Nähe die Wahl der Hochschule entscheidend beeinflusst. Wichtigster Anziehungspunkt ist die Universität Bologna, zudem die Università Cattolica in Mailand, deren medizinische Fakultät jedoch ihren Sitz in Rom hat, so dass sich ein Teil der hohen Mobilitätsziffer der Mediziner (12,3%) durch dieses statistische Artefakt erklären lässt57. Auch für die Italiener aus Mittelitalien spielen offensichtlich die Hochschulen im Mezzogiorno keine Rolle, so dass studienbedingte Wanderungen fast ausschließlich in Süd-Nord-Richtung verlaufen.

Lediglich bei den 37.130 Absolventen aus dem Mezzogiorno lässt sich von einer tatsächlichen Studienmobilität sprechen. Während nur 2,9% der Norditaliener außerhalb Norditaliens studiert haben und 9,1% der Mittelitaliener, hat von den Absolventen aus dem Mezzogiorno fast jeder Fünfte (19,1%) seinen Abschluss an einer Universität Nord- oder Mittelitaliens erworben. Schon der erste Blick auf Karte 7 verdeutlicht, dass es sich mehrheitlich nicht um Pendlerverflechtungen handeln kann, wenngleich auch im Falle des Mezzogiorno die Distanz zwischen Herkunfts- und Zielregion eine Rolle spielt. Von den 7.107 Absolventen, die ihren Abschluss außerhalb des Mezzogiorno erworben haben, verblieb die Mehrheit in den drei Regionen Latium, Toskana und Emilia-Romagna. Die großen traditionsreichen Universitäten in Rom (La Sapienza), Bologna, Florenz, Pisa, Siena sowie Urbino und Perugia stellen die wichtigsten Anziehungspunkte für Süditaliener dar. Darüber hinaus hat ein Teil der Absolventen aus dem Mezzogiorno seinen Abschluss an einer der renommierten Privatuniversitäten erworben: der Libera Università Internazionale di Studi Sociali (LUISS) in Rom, der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand, der dortigen Wirtschaftshochschule Università Commerciale Luigi Bocconi oder am Politecnico di Torino (Ingenieurswissenschaften und Architektur).

Auch der Blick auf die einzelnen Herkunftsregionen der Studienabwanderer aus dem Mezzogiorno verdeutlicht die Wichtigkeit des Faktors Distanz einerseits und verweist auf die unterschiedlich langen Hochschultraditionen andererseits. Die höchsten Anteile von ‚Studienemigranten’ haben die beiden nahe gelegenen Regionen Molise (58,3%) und Abruzzen (44,6%), wohingegen Kampaniens Anteil trotz seiner Nähe zu Rom sehr gering (8,3%) ist. Die lange Universitätstradition – Neapel ist die älteste Universität [Seite 116↓]Süditaliens – spielt hier ebenso eine Rolle wie in Sizilien, das mit einem ‚Studienemigrantenanteil’ von 8,6% ebenfalls eine hohe Stabilität aufweist. Die Absolventen Apuliens, der Basilikata und Kalabriens - drei Regionen mit einer sehr jungen und unvollständigen Universitätsausstattung - erwarben ihren Abschluss zu gut einem Viertel bzw. knapp einem Drittel an einer Universität außerhalb des Mezzogiorno.

Tabelle 9: Absolventen des Jahres 1995 nach der Region des Hochschulabschlusses

Absolventen des Jahres 1995...

...an Hochschulen in...

Nordmittelitalien

...aus...

Insgesamt

Norditalien

Mittelitalien

Summe

in Prozent

Abruzzen

2.536

357

774

1131

44,6%

Molise

642

125

249

374

58,3%

Kampanien

10.319

235

617

852

8,3%

Apulien

7.864

1.198

900

2098

26,7%

Basilikata

1.168

111

253

364

31,2%

Kalabrien

4.026

366

919

1285

31,9%

Sizilien

7.724

320

342

662

8,6%

Sardinien

2.851

171

170

341

12,0%

Mezzogiorno

37.130

2.883

4.224

7.107

19,1%

Datenquelle: Istat – Inserimento professionale dei Laureati : Indagine 1998;. Berechnung H. Jahnke 2004.

Die Varianz zwischen den unterschiedlichen Fachbereichen ist auch bei den Studienabwanderern aus dem Mezzogiorno nur wenig akzentuiert. Auffallend ist die hohe Mobilität bei Ingenieurswissenschaftlern, Medizinern, Agrarwissenschaftlern und Juristen, also Studiengängen, die am ehesten für die regionalen Arbeitsmärkte des Mezzogiorno qualifizieren. Während die ‚Sapienza’ in Rom für Ingenieure, Mediziner und Juristen aus dem Mezzogiorno die am häufigsten besuchte Hochschule ist, sind bei den (wenigen) Agrarwissenschaftlern die Studienorte Florenz (34) und Bologna (32) wichtig. Für die Juristenausbildung sind nach den staatlichen Universitäten Rom (449) und Bologna (269) die beiden Privathochschulen Luiss (Rom) (104) und die ‚Cattolica’ (Mailand) (80) besonders beliebt. Demgegenüber liegt die Mobilität bei den Geistes- und Naturwissenschaftlern, also den beiden Studienrichtungen, die im Mezzogiorno vorwiegend für den Lehrerberuf qualifizieren, unter dem Durchschnitt. In beiden Fächergruppen ist eine breitere Streuung auf die großen Universitäten erkennbar, wobei im Fall der Geisteswissenschaftler die Universität Bologna, im Fall der Naturwissenschaftler die Universität Pisa der jeweils wichtigere Standort ist.

Über diese deutlichen Abwanderungen nach Mittel- und Norditalien hinaus gibt es aber auch innerhalb des Mezzogiorno spezifische Wanderungsmuster, die in beträchtlichem Maße von der unterschiedlichen Hochschulausstattung in den Regionen bestimmt wird.

Die beiden Anziehungspunkte bei der studentischen Migration innerhalb des Mezzogiorno sind hierbei die Regionen Sizilien und Kampanien, welche auf die längsten Hochschultraditionen zurückblicken können. Für die Region Sizilien bedeutet dies, dass trotz einer Studienabwanderung von 794 ‚Sizilianern’ (entspricht 10,3% der befragten [Seite 117↓]Absolventen) durch die Zuwanderung von 1.378 späteren Absolventen aus anderen Regionen Italiens die Insel sogar eine positive Wanderungsbilanz von +584 aufweisen kann. Bei den ‚Studienimporten’ handelt es sich mehrheitlich um Kalabresen, die aufgrund der lückenhaften Hochschulausstattung Kalabriens an der nahegelegenen sizilianischen Universität Messina studieren. Eine ausgewogene Wanderungsbilanz weist auch die zweite traditionsreiche Hochschulregion des Mezzogiorno, Kampanien, mit der Universität Neapel auf: die Abwanderung von 911 späteren Absolventen (entspricht 8,8%) wird durch die Zuwanderung von 908 Absolventen, die mehrheitlich aus anderen Regionen des Mezzogiorno - insbesondere der Basilikata und Kalabrien - kommen, nahezu ausgeglichen.

Die Zahlen der Absolventenbefragung des Istat sowie diejenigen des italienischen Universitätsministeriums Murst zeigen, dass zwar etwa jeder fünfte italienische Student sein Studium außerhalb der eigenen Region abschließt, dass Studienmobilität über große Distanzen jedoch fast ausschließlich aus dem Mezzogiorno nach Mittel- und Norditalien stattfindet. Im Gegensatz zu den Arbeitsmigrationen, deren Zielregionen überwiegend in Norditalien liegen, befindet sich der Schwerpunkt studentischer Wanderungen in den mittelitalienischen Regionen.

Nach Bilanzierung der studentischen Mobilität zwischen den drei Landesteilen ‚verliert’ der Mezzogiorno zunächst 18,1% seiner Humanressourcen (entspricht 6.725), wohingegen Norditalien 6% (entspricht 2.860) und Mittelitalien sogar 21,1% (entspricht 4.177 Absolventen) hinzugewinnt. Innerhalb der jeweiligen Landesteile stellen die Emilia Romagna (+41%), die Toskana (+37,5%) und das Latium (+19,3%) - für die Studierenden aus anderen Regionen des Mezzogiorno auch Sizilien (+7,6%) und Kampanien (0%) - die attraktivsten Studienregionen dar.

Diese regionalen Muster der studentischen Mobilität in Italien wirken sich auf die Arbeitsmigrationen der Absolventen nach Studienabschluss aus, so dass es hier zwischen einer Abwanderung der Absolventen nach Abschluss in der Herkunftsregion, dem Verbleib von zugewanderten Studierenden in der Region des Abschlusses, und einer faktischen Rückwanderung in die Herkunftsregion zu unterscheiden gilt.

Regionale Muster der Arbeitsmobilität

Die Arbeitsmobilität, also Wanderungen zwischen dem Zeitpunkt des Studienabschlusses 1995 (T2) und dem Befragungszeitpunkt 1998 (T3), wird von der vorherigen Studienmobilität erheblich beeinflusst. Von den 50.680 Absolventen der norditalienischen Universitäten haben 38.724 eine Beschäftigung gefunden, von denen wiederum 2.546 (6,6%) nicht in Norditalien arbeiten. Die mobilen Beschäftigten verteilen sich zu ähnlich großen Anteilen auf Mittelitalien (2,5%), den Mezzogiorno (2,2%) und das Ausland (1,9%). Da gleichzeitig 3.183 Absolventen von Universitäten aus den südlicheren Landesteilen zuziehen, gibt es auf dem norditalienischen Jungakademikerarbeitsmarkt einen Wanderungsüberschuss von 637 Absolventen. Bezogen auf die hier untersuchten beschäftigten Hochschulabsolventen bedeutet dies, dass in Norditalien mehr Absolventen arbeiten als dort ausgebildet werden.


[Seite 118↓]

Karte 8: Interareale Arbeitsmobilität zwischen der Region des Hochschulabschlusses 1995 und der Arbeitsregion im Jahr 1998 (nur Beschäftigte)

Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureati. 1998; Auswertung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


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Ganz anders verhält es sich in den mittelitalienischen Regionen, die durch Zu- und Abwanderung in der Bilanz 1.417 Absolventen verlieren (entspricht minus 9,2%). Die massiven Fortzüge (3.554) richten sich sowohl nach Norditalien (1.816) mit Schwerpunkten in der Lombardei und der Emilia-Romagna als auch in den Mezzogiorno (1.423), wo keine eindeutigen regionalen Schwerpunkte erkennbar sind. Zudem arbeiten 315 Absolventen der mittelitalienischen Hochschulen im Ausland. Diese beträchtlichen Absolventenabwanderungen werden teilweise durch Zuwanderungen aus dem Mezzogiorno (1.177) und aus Norditalien (960) ausgeglichen.

Auch der Mezzogiorno weist eine negative Wanderungsbilanz von –433 auf, die sich aus der Abwanderung von 2.690 Absolventen und der (beachtlichen) Zuwanderung von 2.257 Absolventen errechnet. Die Abwanderung erfolgt überwiegend nach Norditalien (1.367), vor allem in die Lombardei und die Emilia Romagna sowie nach Mittelitalien (1.177) mit einem deutlichen Schwerpunkt auf der Region Latium. Der Anteil der Emigranten in das Ausland ist mit 0,9% (entspricht 146 Absolventen) hingegen sehr niedrig. Erstaunlich hoch ist auch die Zuwanderung von Hochschulabsolventen aus Nord- und Mittelitalien, von denen nahezu zwei Drittel (1.423) von mittelitalienischen Universitäten und ein Drittel (834) nach einem Abschluss in Norditalien in den Mezzogiorno kommen. Hierbei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um Absolventen, die ursprünglich im Mezzogiorno beheimatet sind und nach erfolgreichem Studium an einer nord- oder mittelitalienischen Hochschule in ihre Herkunftsregion zurückkehren.

Den Analysen der Beschäftigungsorte nach der Region des Hochschulabschlusses zufolge ist Mittelitalien mit einem negativen Wanderungssaldo von –1.417 Absolventen (entspricht –9,2%) der Landesteil mit den größten Diskrepanz zwischen der Anzahl der ausgebildeten und der anschließend beschäftigten Absolventen. Demgegenüber erscheint selbst die negative Wanderungsbilanz des Mezzogiorno geradezu moderat, da die dortigen Fortzüge wesentlich durch Zuzüge aus Mittel- und Norditalien ausgeglichen werden. Hierbei handelt es sich vor allem um Studienrückkehrer.

Regionale Muster räumlicher Mobilität zwischen Herkunftsregion und Region des Arbeitsplatzes

Bilanziert man nun im dritten Schritt die Binnenmobilität zwischen der ursprünglichen Herkunftsregion (T1) einerseits und der Region des Arbeitsplatzes zum Zeitpunkt der Befragung (T3) andererseits, dann lassen sich erste Aussagen über den Verbleib der Humanressourcen aus dem Mezzogiorno treffen. Wenngleich auch hier lediglich eine Bilanzierung für die zum Zeitpunkt der Befragung Beschäftigten vorgenommen werden kann, so scheint diese Einschränkung im Hinblick auf die ökonomische Perspektive dieses Kapitels geradezu geboten. Denn ungenutztes Humankapital zu bilanzieren, hieße, sich auf Schätzungen von Potentialen zu beschränken.

Von den befragten Absolventen, die zum Zeitpunkt der Erhebung beschäftigt sind (69.663), arbeiten insgesamt 1.214 im Ausland, die übrigen 68.449 in einer der zwanzig [Seite 120↓]italienischen Regionen. Wie Karte 9 zeigt, verteilen sich die Absolventen aus den drei Landesteilen sehr unterschiedlich auf die regionalen Arbeitsmärkte.

Von den insgesamt 47.820 Norditalienern gehen drei Jahre nach dem Hochschulabschluss 37.055 (entspricht 77,5%) einer Erwerbstätigkeit nach und zwar zu 96,4% in einer norditalienischen Region. Die verbleibenden 5,6% verteilen sich zunächst auf das Ausland (1,7%) und Mittelitalien (1,5%), wohingegen nur 0,4% im Mezzogiorno arbeiten.

Von den 19.840 Mittelitalienern sind im Jahr 1998 zwei Drittel beschäftigt (66,5%) und zwar zu 88,3% in Mittelitalien. 8,0% in Norditalien, 2,1% im Ausland und lediglich 1,6% im Mezzogiorno. Von den 1.051 Abwanderern nach Norditalien arbeitet die überwiegende Mehrheit in der Lombardei und der Emilia-Romagna.

Die 37.130 Absolventen aus dem Mezzogiorno weisen mit knapp 40% (entspricht 19.213 Absolventen) insgesamt die niedrigste Erwerbstätigenquote auf; zudem arbeiten von diesen lediglich etwas mehr als drei Viertel (76,5%) im Mezzogiorno selbst, 13,2% in Norditalien, 9,1% in Mittelitalien und 1,2% im Ausland. Die Arbeitsregionen der abgewanderten ‚Meridionali’ konzentrieren sich entsprechend dem erwarteten Muster auf die großen und wirtschaftsstarken Regionen. Von 4.278 Absolventen aus dem Mezzogiorno, die in Nord- und Mittelitalien einer Erwerbstätigkeit nachgehen, arbeitet jeweils etwas mehr als ein Viertel (1.229) in der Lombardei und im Latium (1186), ein Achtel in der Emilia Romagna (598) und weitere größere Gruppen in der Toskana, dem Piemont und dem Veneto. Alle übrigen Regionen spielen eine untergeordnete Rolle.

Ein Blick auf die Wanderungsströme in Karte 9 verdeutlicht die Ressourcenverschiebung zwischen den drei Landesteilen, deren Wanderungsströme ganz wesentlich in Süd-Nord-Richtung verlaufen. Aus dem Mezzogiorno sind 2.539 Absolventen zum Arbeiten nach Norditalien gegangen, 1.749 nach Mittelitalien und 232 in das Ausland; in umgekehrter Richtung machen die Zuwanderungen lediglich 381 Absolventen aus. Auch aus Mittelitalien erfolgt die Wanderung fast ausschließlich in Richtung Norden (1.051) sowie in das Ausland (278) und kaum in Richtung Mezzogiorno (215). Für Norditaliener stellt das Ausland den wichtigsten externen Arbeitsmarkt dar (645 Absolventen), Mittelitalien folgt erst an zweiter Stelle (548) und der Mezzogiorno spielt mit 150 Absolventen als Zielgebiet der Abwanderung eine untergeordnete Rolle. Die Grenzen zwischen den drei Landesteilen besitzen somit gewissermaßen einen osmotischen Charakter, welche Wanderungen aus Richtung Süden zulassen und gleichzeitig die Mobilität in Nord-Süd-Richtung verhindern.

Somit bestätigt sich die Vermutung einer Abwanderung junger Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno, die durch den sehr geringen Zuzug von Absolventen aus anderen Landesteilen kaum ausgeglichen wird. Der Fortzug erfolgt in zwei unterschiedlichen Momenten: zunächst in der Phase der ‚Studienmobilität’, dann in der Phase der ‚Arbeitsmobilität’. Beide Abwanderungen werden im folgenden unter dem Aspekt der fachlichen Spezialisierungen der Abwanderer noch näher untersucht.


[Seite 121↓]

Karte 9: Interareale Mobilität zwischen der Herkunftsregion und der Arbeitsregion im Jahr 1998 (nur Erwerbstätige)

Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureati 1998; Auswertung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.

[Seite 122↓]Abwanderung aus dem Mezzogiorno nach Fachbereichen und Herkunftsregionen

Ähnlich wie bei der untersuchten studentischen Migration variieren die Anteile der Abwanderer aus dem Mezzogiorno sehr deutlich zwischen den einzelnen Fachbereichen.

Tabelle 10: Arbeitsregionen der Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno nach Fachbereichen

 

Absolventen aus dem Mezzogiorno

nur beschäftigte Absolventen aus dem Mezzogiorno

   

von den Beschäftigten arbeiten...

Fachbereichsgruppe

Summe

(in %)

..im Mezzogiorno

...außerhalb

Ingenieurswissenschaft

4.416

3.320

(75,2)

71,0 %

29,0 %

Wirtschaft

6.740

4.327

(64,2)

71,6 %

28,4 %

Politik- und Sozialwissenschaft

2.044

1.117

(54,6)

74,5 %

25,5 %

Naturwissenschaft

4.577

2.344

(51,2)

75,9 %

24,1 %

Medizin

3.297

1.078

(32,7)

80,6 %

19,4 %

Geisteswissenschaft

8.289

3.672

(44,3)

80,7 %

19,3 %

Jura

6.932

2.756

(39,8)

83,3 %

16,7 %

Agrarwissenschaft

835

594

(71,1)

84,7 %

15,3 %

Summe

37.130

19.208

(51,7)

76,5 %

23,5 %

Datenquelle: ISTAT, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung H. Jahnke 2004.

Insbesondere Ingenieure zieht der Arbeitsmarkt in andere Landesteile (29,0%), aber auch unter Wirtschaftswissenschaftlern ist der Anteil vergleichbar hoch (28,4%). In der Gruppe der Politik- und Sozialwissenschaftler sowie der Naturwissenschaftler arbeitet etwa jeder vierte Süd- oder Inselitaliener in Nord- oder Mittelitalien (25,4% bzw. 24,1%). Demgegenüber weisen Mediziner (19,4%), Geisteswissenschaftler (19,3) sowie Juristen (16,7%) und Agrarwissenschaftler (15,3%) eine deutlich geringere räumliche Mobilität auf. Diese ermittelten Mobilitäten weisen für die einzelnen Fachbereiche sehr unterschiedliche Erklärungsmuster auf, die im folgenden näher erläutert werden.

Für die hohe Immobilität bei gleichzeitig geringer Arbeitslosigkeit der Agrarwissenschaftler lassen sich unterschiedliche Gründe anführen: zum einen ist die Studienwahl häufig an den Familienbesitz eines landwirtschaftlichen Betriebs gebunden, zum anderen ist die Beschäftigungsstruktur des Mezzogiorno überdurchschnittlich von der Landwirtschaft geprägt und erlebte beispielsweise in der Region Sizilien in den 1990er Jahren bei einem generellen Beschäftigungsrückgang sogar noch eine weitere Expansion. Ist jedoch nicht der Weg in die Selbständigkeit das vorrangige Berufsziel, sondern die Hoffnung auf eine feste Anstellung im öffentlichen Dienst (posto) bzw. ein unbefristetes Angestelltenverhältnis in einem Unternehmen, so trifft der Rückbau des öffentlichen Dienstes gerade diese Gruppe und kann zur Abwanderung führen, die jedoch auch temporär sein kann.


[Seite 123↓]

Für Juristen hat sich die Situation auf dem süditalienischen Arbeitsmarkt der 1990er Jahre grundlegend gewandelt. Waren Absolventen juristischer Fakultäten in den 1980er Jahren noch die Sorgenkinder auf dem süditalienischen Arbeitsmarkt, die häufig für einen ‚posto’ in den Norden gingen und hofften, auf dem Wege der Versetzung wieder in die Heimat zurückkehren zu können, so haben die politischen Umwälzungen zu Beginn der 1990er Jahre gerade dem juristischen Bereich zu einer unerwarteten Blüte verholfen. Diese Transformation fand auf mehreren Ebenen statt: zum einen haben die ‚Säuberungen’ der süditalienischen Justiz im Zuge der Mafiaprozesse die Einstellung junger und unbeteiligter Juristen notwendig gemacht, zum anderen erforderte allein die Vielzahl der Prozesse juristische Fachkompetenz bei allen beteiligten Rechtsparteien. Die Bekämpfung von Mafia und Korruption hat aber nicht nur in den Mafiaprozessen selbst eine wachsende Zahl von Juristen erfordert, sondern auch im zivilgesellschaftlichen Leben eine gesteigerte Nachfrage nach juristischer Fachkompetenz generiert. Denn die Lösung vieler Konflikte, die unter dem Diktat bestehender Gewaltstrukturen der Regelung durch lokale Mafiosi unterlegen waren, wurden nun wieder mehr (wenngleich nicht vollständig) der staatlichen Jurisdiktion anvertraut. Dies gilt zum einen für die Regelung krimineller Gewaltakte, etwa auch die Erpressung von Schutzgeldern, zum anderen bedurfte auch die Neuregulierung vieler Bereiche des Wirtschaftslebens nach der Schwächung der mafiösen Kontrollinstanzen einer juristischen Begleitung. Dies gilt vor allem für die wachsende Außenverflechtung der sizilianischen Wirtschaft. Die zwischenzeitliche Entspannung auf diesem Arbeitsmarkt spiegelt sich jedoch nur bedingt in den Beschäftigungsquoten der befragten Absolventen wider, da der Befragungszeitpunkt für viele in die Suchphase nach vollendetem Referendariat fällt.

Ganz andere Gründe für das geringe Maß der Mobilität sind im Bereich der Geisteswissenschaftler zu vermuten, denn deren Arbeitsmarkt hat in den 1990er Jahren keine spürbare Verbesserung erfahren. Im Gegenteil: der ausgebliebene Stellenausschreibungswettbewerb im Schulwesen hat sogar zu einem massiven Stau auf diesem Segment des Arbeitsmarktes geführt, der nicht allein den Mezzogiorno betraf. Da geisteswissenschaftliche Studienabschlüsse in Italien im wesentlichen in den Lehrerberuf münden, verfolgten viele Absolventen die Strategie, sich durch Vertretungsstunden und unterbezahlte, befristete Vertretungen insbesondere im Bereich der Privatschulen weiter zu qualifizieren, um dann mit strategischen Vorteilen in den langersehnten concorso zu gehen. Ohne absolvierten concorso (der Letzte fand 1992 statt) bestanden selbst in Norditalien keine Chancen auf einen unbefristeten Vertrag in einer öffentlichen Schule, so dass viele Absolventen ihre lokalen Netzwerke für Nebenbeschäftigungen in der Heimatregion aktiviert haben und gleichzeitig die Wartezeit für die Vorbereitung der Prüfungen nutzen. Die häufige und terminlich ungewisse Verschiebung des nachfolgenden Einstellungswettbewerbs hat gerade in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Vielzahl von Absolventen in die Arbeitslosigkeit im eigenen Umfeld gebunden, zumal die Zahl von Vertretungs- und Nachhilfestunden die Chancen auf eine spätere Einstellung verbessern konnte.

Ähnliches trifft auch auf die Absolventen aus dem Bereich der Naturwissenschaften zu, denen sich mit der öffentlichen und privatwirtschaftlichen Forschung jedoch bessere [Seite 124↓]Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen als ihren Kollegen aus den Geisteswissenschaften. Diese Optionen finden sich entweder in den Industrie- und Forschungszentren Nord- oder Mittelitaliens, im Ausland oder in EU-geförderten Projekten etwa im Bereich des Naturschutzes. Folglich sind auch hier die Mobilitätsziffern sehr viel höher.

Die Absolventen der Medizin repräsentieren ein Mobilitätsmuster, welches einerseits demjenigen der Naturwissenschaften ähnelt, andererseits demjenigen der Agrarwissenschaftler. Auf der einen Seite werden ambitionierte Forscher zur Mobilität an andere Institute angehalten und haben ein eigenes Interesse daran. Auf der anderen Seite besitzt der Beruf des Arztes auch eine starke regionale bzw. lokale Verankerung, da Arztpraxen nur in geringerem Maße regional konzentriert sind. Zudem kann für die geringe Mobilität junger Medizinabsolventen auch die Übernahme der Familienpraxis von Bedeutung sein.

Die höchste Mobilität weisen die drei Fachbereichsgruppen auf, die als tragende Säulen einer wissensbasierten Ökonomie erachtet werden können. Hierbei gilt es zu unterscheiden zwischen den Ingenieurswissenschaftlern, die in den massiven Ausbau der Telekommunikations- und Informationstechniken der New Economy involviert sind, und den Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaftlern, die als „Symbolanalysten“ als Mechaniker der symbolwirtschaftlichen Strukturen gelten können. Denn die wachsende Komplexität symbolischer Ebenen in der wissensbasierten Ökonomie erfordert eine zunehmende Kenntnis der gängigen Praktiken und Ausdrucksformen einer international verflochtenen Wirtschaft und damit ein Wissen, das wesentlich von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern getragen wird.

Eben jene drei Fachbereichsgruppen haben die höchsten Abwanderungsraten zu verzeichnen, was bei den Ingenieurswissenschaftlern andere Gründe vermuten lässt als bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, die sich wiederum von den Politikwissenschaftlern unterscheiden. Das Arbeitsmarktsegment der Ingenieure weist die geringsten regionalen Disparitäten auf, so dass Mobilität hier insbesondere durch die besseren und interessanteren Beschäftigungsmöglichkeiten zu erklären ist, wohingegen bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften die Möglichkeiten, überhaupt eine Beschäftigung zu finden, von vorrangiger Bedeutung sein kann. Politikwissenschaftler zieht es – erwartungsgemäß – am häufigsten in das Latium, welche als Hauptstadtregion die meisten Entwicklungsmöglichkeiten für Politikwissenschaftler aufweist.

2.3.4 Zusammenfassung

Die räumliche Mobilität italienischer Akademiker, insbesondere deren Binnenwanderungen, haben bislang von der Forschung kaum Beachtung gefunden, was nicht zuletzt im geringen Migrationsvolumen dieser Bevölkerungsgruppe im Vergleich zum allgemeinen Wanderungsgeschehen begründet liegt. Die vermeintlich geringen absoluten Fallzahlen verschleiern jedoch, dass italienische Akademiker - im Vergleich zur Gesamtbevölkerung - grundsätzlich überdurchschnittliche Mobilitätsraten aufweisen. Trotz erheblicher Jahresschwankungen ist in den 1990er Jahren eine Tendenz zur [Seite 125↓]wachsenden Mobilität von Akademikern zu beobachten, die jedoch auch den gleichzeitig gestiegenen Akademikerzahlen in der Bevölkerung geschuldet ist.

Der internationale Akademikeraustausch Italiens ist durch einen hohen Anteil ausländischer Zuwanderer und eine konstant negative Wanderungsbilanz bei den italienischen Akademikern gekennzeichnet. Bei einem ansteigenden Wanderungsvolumen der internationalen Wanderung italienischer Akademiker ist gleichzeitig ein Trend zu stärkeren Wanderungsverlusten zu beobachten. Während die nord- und mittelitalienischen Regionen in den 1990er Jahren aktiv an einem internationalen Akademikeraustausch teilnehmen, ist diese Tendenz im Mezzogiorno erst in den letzten Jahren erkennbar geworden, was sich zunächst durch eine stärkere Akademikerabwanderung bemerkbar macht.

Die räumliche Mobilität italienischer Akademiker ist jedoch überwiegend durch die Binnenwanderung gekennzeichnet. Kontinuierliche Süd-Nord-Wanderungen führen trotz regelmäßiger Rückwanderungen zu einer signifikanten Verschiebung von Humanressourcen aus dem Mezzogiorno in die Regionen Nord- und Mittelitaliens. Hierbei ist die Konstanz der Wanderungsbewegungen ebenso bedeutungsvoll, wie deren Volumen. Geht man darüber hinaus davon aus, dass die auf den Wohnsitzänderungen beruhenden Wanderungsstatistiken nur einen Teil aller stattfindenden Wanderungen abbilden, so gewinnt die These einer signifikanten Süd-Nord-Wanderung von italienischen Akademikern weiter an Gewicht.

Diese Entwicklung lässt sich anhand der Gruppe der Hochschulabsolventen besonders deutlich erkennen, welche die höchste Mobilität aufweisen. Zum einen lassen die 1990er Jahre einen eindeutigen Trend in Richtung einer zunehmenden internationalen Abwanderung von italienischen Hochschulabsolventen erkennen, zum anderen zeigt sich gerade unter den laureati eine starke Süd-Nord-Wanderung innerhalb Italiens. Diese ist in den Fachbereichen besonders ausgeprägt, die für die Konstruktion einer Wissensgesellschaft vorrangig von Bedeutung sind, und konzentriert sich auf die wirtschaftsstarken Regionen Mittel- und Norditaliens wie die Emilia-Romagna, die Toskana, die Lombardei und das Piemont. Dem italienischen Mezzogiorno gehen hierbei erhebliche Teile der eigenen Humanressourcen verloren.

Die festgestellte Süd-Nord-Wanderung von jungen Hochschulabsolventen erfolgt in zwei unterschiedlichen Momenten. Eine erste Süd-Nord-Bewegung erfolgt bereits durch die Wahl des Studienorts, der für viele Studienanfänger aus dem Mezzogiorno in Mittel- und Norditalien liegt. Umgekehrt gibt es an den Universitäten Süditaliens kaum Absolventen aus Nord- oder Mittelitalien. Eine zweite Abwanderungswelle erfolgt nach erfolgreichem Studienabschluss, wenn eine weitere Gruppe von Hochschulabsolventen die eigene Region zum Arbeiten im Norden verlässt. Bei dieser Wanderungsbewegung dominiert ebenfalls der Strom nach Norden, der selbst durch die Rückkehrer aus Nord- und Mitteliatlien nicht ausgeglichen werden kann.


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2.4  Die Nutzung endogener Humanressourcenpotentiale in den Regionen des Mezzogiorno

In den vorangegangenen Abschnitten wurde gezeigt, dass der Mezzogiorno bis zur Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg von einer unzureichenden Hochschulausstattung gekennzeichnet war. Erst in den Nachkriegsjahrzehnten kam es zu einem Hochschulausbau in den peripheren Regionen Süditaliens. Die Zahl der Absolventen an diesen Hochschulen ist bezogen auf die Bevölkerung im Mezzogiorno bis heute niedriger als in Nord- oder Mittelitalien, was zum einen auf die Studienabwanderung aus dem Süden, zum anderen auf die geringere Erfolgsrate an diesen Hochschulen zurückzuführen ist. Trotz allmählich ansteigender Absolventenzahlen lässt sich in den 1990er Jahren jedoch nicht von einer aufholenden Entwicklung sprechen, da die Steigerungsraten im Mezzogiorno unterhalb derer in den anderen Landesteilen liegen. Entsprechend fällt dieser struturschwache Landesteil auch bezüglich der Akademikeranteile an der Bevölkerung gegenüber dem übrigen Italien weiter zurück, so dass sich die Schere zwischen Norden und Süden weiter öffnet.

Die 1990er Jahre waren zudem von einer dramatischen Umstrukturierung des italienischen Arbeitsmarktes gekennzeichnet, der in allen Regionen zu einem Beschäftigungszuwachs für Akademiker führte. Auch dieser Akademisierungsprozess verlief im Mezzogiorno langsamer und wurde zudem von einem Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit begleitet. Darüber hinaus führte die kontinuierliche Abwanderung von Akademikern aus dem Mezzogiorno zu einer zusätzlichen Verlagerung dieser Ressourcen in die wirtschaftsstarken Regionen Nord- und Mittelitaliens. Die Abwanderungstendenz betrifft zunächst junge Hochschulabsolventen, die zum einen der Arbeitslosigkeit im Mezzogiorno entfliehen und sich zum anderen durch die besseren Erwerbsbedingungen in Nord- oder Mittelitalien angezogen fühlen. Diese Abwanderungen konzentrieren sich vor allem auf die Fachbereiche, die für die Konstruktion einer Wissensgesellschaft entscheidend sind.

Der folgende Abschnitt synthetisiert die Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel indem versucht wird, die Nutzung der endogenen Ressourcen der Wissensgesellschaft für die Regionen des Mezzogiorno zu bilanzieren. Hierbei wird herausgearbeitet, inwieweit diese endogenen Ressourcenpotentiale dem Produktionsprozess der eigenen Region zugute kommen (Brain application), bzw. diese Potentiale ungenutzt oder untergenutzt bleiben (Brain waste), anderen Regionen zugute kommen (Brain drain) oder durch Zuwanderung kompensiert werden (Brain gain).

Die Datengrundlage für diese zusammenfassende Analyse stellt wiederum die Absolventenbefragung von 1998 dar, bei der die Absolventen des Jahres 1995 an den italienischen Universitäten befragt wurden. Das Ziel der vorliegenden Auswertung ist der Versuch der Messung, wie viel Prozent des endogenen Humanressourcenpotentials drei Jahre nach dem Hochschulabschluss tatsächlich auch in der jeweiligen Region genutzt werden (Brain application). Als endogene Ressourcen werden dabei nicht die Absolventen der Hochschulen einer bestimmten Region X verstanden, sondern diejenigen, die vor der Einschreibung an der Universität ihren Wohnsitz in der Region X [Seite 127↓]hatten, also mit großer Wahrscheinlichkeit in dieser Region beheimatet sind. Beispielsweise hatten von allen Absolventen des Jahres 1995 insgesamt 37.130 ihren Wohnsitz im Mezzogiorno und 7.724 in Sizilien, die vereinfachend als ‚Meridionali’ bzw. Sizilianer bezeichnet werden. Hinter dem Versuch der Bilanzierung dieses angenommenen Humanressourcenpotentials steht die Frage, wie viel Prozent dieser ‚Meridionali’ bzw. Sizilianer (oder Kalabresen, Lombarden, etc.) drei Jahre nach dem Hochschulabschluss tatsächlich in ihrer Herkunftsregion beschäftigt sind und damit der eigenen Region zugute kommen.

2.4.1 Klassifikation der Ressourcenpotentiale nach dem Mobilitätsverlauf

Zur Messung der Phänomene Brain application, Brain exchange, Brain drain, Brain gain und Brain waste wurden die befragten Absolventen nach ihren regionalen Karriereverläufen in fünf unterschiedliche Typen eingeteilt, von denen sich vier auf die zum Befragungszeitpunkt Erwerbstätigen beziehen und einer die Arbeitslosen58 beinhaltet. Bei den Erwerbstätigen wird unterschieden zwischen ‚Immobilen’, ‚Rückkehrern’, ‚Studienmobilen’ und ‚Arbeitsmobilen’. Je nachdem, ob sie bei ihrer Mobilität lediglich in eine andere Region gewandert sind oder in einen anderen Landesteil, lässt sich von interregionaler oder interarealer Mobilität sprechen. Hinzu kommen die Absolventen, die zum Zeitpunkt der Befragung keiner Erwerbsarbeit nachgehen und schlicht als Erwerbslose bzw. Arbeitslose bezeichnet werden.

Die Immobilen haben das Studium in dem Landesteil bzw. der Region absolviert, wo sie vor Studienbeginn ihren Wohnsitz hatten, und in dem sie auch später ihren Arbeitsplatz gefunden haben59. Dieser Typus stellt den einfachsten Fall des ‚Brain application’ dar: ein Abiturient aus dem Mezzogiorno wird an einer Universität im Mezzogiorno ausgebildet und ist drei Jahre nach Studienende als Jungakademiker im Mezzogiorno beschäftigt. Von den vier genannten Mobilitätstypen stellen die Immobilen mit 55,9% bezüglich der Fixierung in einem Landesteil und 47,0% bezüglich der Fixierung in einer Region die größte Gruppe dar.

Die Rückkehrer arbeiten nach erfolgreichem Studienabschluss an einer Universität in einem anderen Landesteil (bzw. einer anderen Region), zum Zeitpunkt der Befragung aber wieder in demjenigen Landesteil (Region), in dem sie ursprünglich beheimatet waren. Diese Absolventengruppe lässt sich dem ‚Brain exchange’ zuordnen, da sie durch ihre Ausbildung in einer anderen Region aktiv am Wissenstransfer zwischen den [Seite 128↓]Regionen teilnehmen. Lediglich 3,2% (interareal) bzw. 8,1% (interregional) der Absolventen des Jahres 1995 haben diesen Werdegang hinter sich.

Gemeinsam mit den Immobilen machen die Rückkehrer die Gruppe derjenigen aus, die als endogene Ressourcen der jeweiligen Gebietseinheit dieser selbst zugute kommen. Deren Anteil an der Gesamtheit des jeweiligen endogenen Potentials drückt folglich aus, in welchem Maße das endogene Humanressourcenpotential zum Zeitpunkt der Befragung genutzt wird. Dieser Wert wird im folgenden als Ausnutzungsgrad bezeichnet.

Als Arbeitsmobile werden all diejenigen bezeichnet, die ihr Studium erfolgreich im eigenen Landesteil (Region) beenden und anschließend eine Beschäftigung in einem anderen Landesteil aufnehmen. Bei dieser Gruppe, die bezogen auf alle befragten Absolventen 4,5% (interareal) bzw. 5,9% (interregional) ausmacht, handelt es sich um einen Brain drain bzw. Brain flight im eigentlichen Sinne (Brain drain A in Tabelle 11), da die endogenen Ressourcen, die in einem bestimmten Landesteil ausgebildet werden, schließlich (oder zunächst) einer anderen Region zugute kommen.

Eine weitere Form des Ressourcenverlustes stellen die Studienmobilen dar, die ihr Studium in einem anderen Landesteil/Region abgeschlossen haben, aber im Gegensatz zu den Rückkehrern zum Zeitpunkt der Befragung einer Erwerbstätigkeit in diesem oder einem anderen Landesteil nachgehen, der jedoch nicht der Eigene ist. Zwar sind auch die Studienmobilen Teil des Brain drain/Brain flight, da sie ihr Studium aber außerhalb der Herkuftsregion beendet haben, stellen sie eine eigene Kategorie dar (Brain drain B in Tabelle 11). Mit 2,6% (interareal) bzw. 5,3% (interregional) stellen sie die kleinste Gruppe dar.

Schließlich geht ein Drittel (33,7%) aller befragter Absolventen zum Befragungszeitpunkt gar keiner Erwerbsarbeit nach, ist also drei Jahre nach Studienabschluss noch nicht in den Produktionsprozess integriert und kann damit vorläufig als Brain waste klassifiziert werden.

2.4.2 Ausnutzungsgrad endogener Humanressourcenpotentiale in den Landesteilen und Regionen

Anhand dieser Klassifikation beschreibt Karte 10 die Nutzung des Humanressourcenpotentials in den einzelnen Landesteilen und Regionen. Hierbei gibt die Größe der geschlossen gedachten Kreise im jeweiligen Landesteil bzw. in der jeweiligen Region an, wie viele Personen des Absolventenjahrgangs 1995 ursprünglich dort beheimatet waren. Dies wird rückblickend als 100% des Humanressourcenpotentials (oder Brain potential) der jeweiligen Gebietseinheit verstanden. Dementsprechend umfasste das Humanressourcenpotential in allen italienischen Regionen 104.790 spätere Absolventen, in Norditalien 47.820, in Mittelitalien 19.840 und im Mezzogiorno 37.130.

Tabelle 11 verdeutlicht anhand konkreter Zahlen und Prozentwerte wie unterschiedlich die Humanressourcennutzung in den drei Landesteilen ausfällt. Dies drückt sich [Seite 129↓]numerisch im Ausnutzungsgrad des Humanressourcenpotentials aus, der sich aus dem Anteil der Immobilen und der Rückkehrer zusammensetzt. Während in Norditalien 74,7% der eigenen Absolventen der Region zugute kommen, lag dieser Wert im Mezzogiorno lediglich bei 39,6%, in Mittelitalien bei 58,7%. Der Anteil von Rückkehrern (Brain exchange) ist hierbei im Mezzogiorno deutlich höher als in Nord- oder Mittelitalien. Weitere Unterschiede liegen im Ausmaß des Brain drain in den jeweiligen Landesteilen, das zwischen 2,8% bei den Norditalienern und 12,1% der ‚Meridionali’ variiert. Im Mezzogiorno ist hierbei der Anteil der Studienmobilen, also der Absolventen, die bereits außerhalb des eigenen Landesteils studiert haben, mit 5,3% besonders hoch.

Tabelle 11: Verteilung der Absolventen des Jahres 1995 aus den drei Landesteilen nach Mobilitätstypen

 

Immobile

Rückkehrer

Genutzte Human-ressourcen

Arbeits-mobile

Studien-mobile

Arbeitslose

Gesamt

Zuzüge

Norditalien

34.907

808

35.715

1.109

232

10.764

47.820

+3.646

Mittelitalien

11.095

562

11.657

1.120

424

6.639

19.840

+2.339

Mezzogiorno

12.734

1.967

14.701

2.537

1.971

17.921

37.130

+391

Gesamt

58.736

3.337

62.073

4.766

2.627

35.324

104.790

(+312)

         
 

Brain application

Brain exchange

Ausnutzungs-grad

Brain drain A

Brain drain B

Brain waste

Brain potential

Brain gain

Norditalien

73,0%

1,7%

74,7%

2,3%

0,5%

22,5%

100,0%

+7,6%

Mittelitalien

55,9%

2,8%

58,7%

5,6%

2,1%

33,5%

100,0%

+11,8%

Mezzogiorno

34,3%

5,3%

39,6%

6,8%

5,3%

48,3%

100,0%

+1,1%

Gesamt

55,9%

3,2%

59,1%

4,5%

2,6%

33,7%

100,0%

(+0,3%)

Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung H. Jahnke 2004.

Das regionale Ungleichgewicht wird noch zusätzlich dadurch verstärkt, dass Mittel- und Norditalien den Verlust endogener Ressourcen durch einen entsprechenden Brain gain deutlich überkompensieren: In Norditalien steht dem Brain drain von 1.341 Absolventen ein Brain gain von 3.646 Zuwanderern gegenüber, in Mittelitalien gibt es ein Verhältnis von 1.544 Abwanderern zu 2.339 Zuwanderern. Der massive Brain drain von 4.508 Absolventen aus dem Mezzogiorno wird hingegen durch bescheidene 391 Zuwanderer nicht einmal zu einem Zehntel ausgeglichen.

Das quantitativ bedeutendste Problem des Mezzogiorno ist jedoch nicht der Brain Drain, sondern der Brain waste, der hier nahezu die Hälfte (48,3%) des gesamten Potentials ausmacht. In Norditalien liegt deren Anteil lediglich bei knapp einem Viertel (22,5%), in Mittelitalien bei einem Drittel (33,5%) des gesamten Potentials (vgl. Tabelle 11). Der extrem niedrige Ausnutzungsgrad des Mezzogiorno resultiert also weniger aus der starken Absolventenabwanderung, als vielmehr aus dem extrem hohen Anteil ungenutzter Ressourcen und den praktisch ausbleibenden Zuwanderungen.


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Karte 10: Humanressourcenausnutzung in den italienischen Landesteilen und Regionen 1998*

* bezogen auf die regionaleHerkunft der Absolventen des Jahres 1995
Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureati 1998; Auswertung, Entwurf und Kartographie H. Jahnke 2004.


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Der Ausnutzungsgrad variiert zudem zwischen den einzelnen Regionen, wobei die wirtschaftsstarken Regionen Norditaliens erwartungsgemäß die höchsten Werte aufweisen: 74,1% in der Lombardei, 68,3% im Trentino-Alto Adige, 67,0% im Piemont, 66,6% in der Emilia Romagna und 66,4% im Veneto. Selbst im Aostatal, welches keine eigene Universität besitzt, ist die Ausnutzung mit 64,1% höher als in den mittelitalienischen Regionen, wo lediglich die Toskana über 60% liegt. In allen übrigen Regionen Nordmittelitaliens liegen die Werte zwischen 50% und 60%, wohingegen sie im Mezzogiorno flächendeckend unterhalb von 50% liegen. Die regionalen Unterschiede sind hier besonders ausgeprägt: Lediglich in Sizilien (44,5%) und Sardinien (42,8%), den beiden Inseln mit der langen Universitätstradition, liegt der Ausnutzunggrad über dem Durchschnittswert des Mezzogiorno (39,6%), während er in allen süditalienischen Regionen darunter liegt.

In dieser Gruppe erzielt Kampanien (38,0%) mit der alten Universität Neapel das beste Ergebnis, gefolgt von den Abruzzen (36,2%) und Apulien (35,7%), deren Ausnutzungsgrad noch etwas höher liegt als im Molise (33,5%), in Kalabrien (30,8%) und der Basilikata. In der letztgenannten Region Basilikata ist mit 28,7% gerade einmal etwas mehr als ein Viertel der eigenen Absolventen auf dem regionalen Arbeitsmarkt beschäftigt. Hierbei fällt auf, dass die Regionen mit einer unzureichenden bzw. vergleichsweise jungen Hochschullandschaft (Kalabrien, Basilikata und Molise) trotz niedriger Absolventenzahlen nicht nur die höchsten Anteile an Erwerbslosen, sondern erwartungsgemäß auch die höchsten Anteile an Studienmobilen aufweisen.

Bezogen auf die Nutzungspotentiale des Mezzogiorno ergeben sich zudem erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Fachbereichsgruppen der Absolventen. Während im Durchschnitt aller Fachbereiche lediglich 39,6% der endogenen Ressourcen dem Mezzogiorno zugute kommen, erreichen die Agrarwissenschaftler mit über 60,2% den höchsten Wert, der sich zudem mit einem relativ schwachen Brain drain (10,9%) paart. Hohe Ausnutzungsgrade erreichen auch die Ingenieurswissenschaftler (53,4%), die jedoch gleichzeitig den stärksten Brain drain (21,8%) aufweisen. Überdurchschnittliche Nutzungsgrade lassen sich darüber hinaus auch für Wirtschaftswissenschaftler (46,0%) sowie Politik- und Sozialwissenschaftler (40,7%) erkennen, die ebenfalls einen stärkeren Brain drain (21,8% bzw. 18,2%) zu verzeichnen haben. Einen erstaunlich niedrigen Nutzungsgrad von 38,9% weisen auch die Naturwissenschaftler auf, deren Wert kaum höher liegt als derjenige der Geisteswissenschaftler (35,8%). In beiden Gruppen ist auch die Abwanderung mit 12,3% bzw. 8,6% deutlich schwächer, wobei der Brain drain von Naturwissenschaftlern deutlich stärker ausgeprägt ist.

Die schwache Erwerbstätigkeit unter Juristen und Medizinern, die im wesentlichen der obligatorischen Weiterbildung nach Studienende geschuldet ist, führt bei den Absolventen dieser Fächer zu sehr niedrigen Ausnutzungsgraden im Mezzogiorno. Folglich spielt auch der Brain drain in diesen beiden Fachbereichen bislang keine wichtige Rolle. Brain gain, also die Zuwanderung von Absolventen aus anderen Landesteilen, erweist sich in allen Fachbereichen als gleichermaßen unbedeutend, da die Werte hier lediglich zwischen +0,9% und +1,3% schwanken.


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Abbildung 18: Ausnutzung des Humanressourcenpotentials des Mezzogiorno nach Fachbereichen

Datenquelle: Istat - Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Auswertung und Entwurf H. Jahnke 2004.

Mit Ausnahme der Agrarwissenschaftler, von denen bei einer relativ hohen Erwerbstätigenquote nur wenige außerhalb des Mezzogiorno arbeiten und wiederum jeder Zehnte nach dem Studienende von einer auswärtigen Universität zum Arbeiten in den Mezzogiorno zurückkehrt, ist trotz der beachtlichen regionalen Disparitäten dieses Arbeitsmarktsegments in allen Fachbereichen ein starker Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit im Mezzogiorno und der Abwanderung zu beobachten: denn je besser die Erwerbschancen auf dem eigenen regionalen Arbeitsmarkt, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit der Abwanderung in andere Landesteile.


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2.4.3  Brain waste als Kernproblem des Mezzogiorno

Die extrem geringe Ausnutzung von unter 40% der endogenen Humanressourcen der Wissensgesellschaft bedeutet ein wichtiges Wachstumshemmnis für die Regionalökonomien des Mezzogiorno. Zwar ist der geringe Ausnutzungsgrad teilweise der Abwanderung eigener Absolventen geschuldet, das sehr viel gravierendere Problem stellt jedoch die extrem verbreitete Erwerbslosigkeit junger Akademiker dar, die in allen Regionen des Mezzogiorno bei etwa 50% liegt. Dies bedeutet, dass die Hälfte der Brain-Potentiale brach liegt und somit dem Brain waste zuzuordnen ist. Regional zeigen sich leichte Unterschiede zwischen niedrigeren Werten in den großen Hochschulregionen (Sizilien, Kampanien, Apulien, Sardinien) und höheren in den kleinen und jungen Hochschulregionen (Kalabrien, Basilikata, Molise). Auch die Unterschiede zwischen den drei Landesteilen manifestieren sich beim Brain waste besonders deutlich, denn die Werte der mittelitalienischen Regionen liegen ausnahmslos zwischen 30% und 40%, diejenigen Norditaliens flächendeckend unterhalb von 30%.

Jenseits dieses offensichtlichen Brain waste, der sich aus der Erwerbslosigkeit der befragten Absolventen ergibt, versteckt sich hinter den Beschäftigtenzahlen eine weitere Form des Brain waste. Bislang wurde angenommen, dass eine Beschäftigung per se schon ein Indikator für die Nutzung des aufgebauten Wissens bzw. der aufgebauten Humanressourcen darstellt. Dies ist in der Praxis jedoch nur bedingt gültig, da nicht alle erwerbstätigen Absolventen Beschäftigungen nachgehen, die der akademischen Qualifikation eines bestimmten Fachbereichs entsprechen.

Abbildung 19: Angemessenheit des Hochschulabschlusses für die Ausübung der aktuellen Tätigkeit der beschäftigten Absolventen des Jahres 1995 aus dem Mezzogiorno

Anmerkung: Die Zahlen beziehen sich lediglich auf die Immobilen und die Rückkehrer aus dem Mezzogiorno. Die Frage nach der Notwendigkeit des Abschlusses wurde nur von 80% der Befragten beantwortet; die Frage nach der subjektiven Einschätzung von 100%.
Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureaati : Indagine 1998; Fragen 41 und 57; Berechnung und Entwurf H. Jahnke 2004.

Von den Absolventen, die im Mezzogiorno arbeiten und daher als genutztes Humanressourcenpotential erachtet werden, geben 30% an, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, für die der Hochschulabschluss kein formales Einstellungskriterium gewesen ist. Dieser Wert wird durch die Selbsteinschätzung der Absolventen etwas [Seite 134↓]relativiert, denn ‚nur’ knapp ein Viertel (23%) der Befragten erachtet den eigenen Hochschulabschluss für die Ausübung der aktuellen Tätigkeit als übertrieben. Umgekehrt fühlen sich aber auch 6% für die Ausübung ihrer aktuellen Tätigkeit nicht adäquat qualifiziert.

Unter Berücksichtigung dieses versteckten Brain waste ist der Brain waste von 48,3% im Mezzogiorno sogar unterbewertet, so dass sich der Nutzungsgrad der endogenen Ressourcen des Mezzogiorno auf etwa 30% des gesamten Potentials reduziert.

2.4.4 Brain drain oder Brain overflow?

Auch für eine Beurteilung der Abwanderung von Absolventen, die zunächst als Brain drain bezeichnet wurde, stellt sich die Frage nach der Angemessenheit dieses Terminus. Denn schließlich beinhaltet der Begriff des Brain drain eine Mangelsituation im Quellgebiet der Migration, was angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in allen Fachbereichen nicht gegeben ist. Vielmehr scheinen hier die Begriffe ‚Brain overflow’ oder ‚Brain flight’ eher adäquat.

Von einem Brain drain kann aber auch dann gesprochen werden, wenn es sich um einen qualitativ selektiven Abwanderungsprozess der Absolventen bestimmter Fachbereiche oder einfach der ‚Besten’ gemessen an den Abschlussnoten handelt. Hierfür sprechen die qualitativen Merkmale dieser Wanderungsströme, und zwar sowohl bezogen auf die Fachbereiche als auch bezogen auf die Abschlussnoten.

Bezüglich der Fachbereiche konnte bereits gezeigt werden, dass der Anteil des Brain drain, also derjenigen Meridionali, die nach Studienende außerhalb des Mezzogiorno arbeiten, gerade in den Fächern am höchsten ist, wo auch der Beschäftigtenanteil im Mezzogiorno am höchsten ist. Sieht man von der Ausnahmesituation der Agrarwissenschaftler ab, die bei einer relativ guten Erwerbssituation im Mezzogiorno auch erwartungsgemäß einen schwachen Brain drain aufweisen, so zeigt sich in allen anderen Fachbereichen eine gegenteilige Tendenz: Je höher der Anteil der Beschäftigten im Mezzogiorno (Brain application), desto höher ist auch der Anteil derjenigen, die außerhalb des Mezzogiorno arbeiten (Brain drain). Oder umgekehrt ausgedrückt: je höher die Arbeitslosigkeit einer Fachgruppe im Mezzogiorno (Brain waste), desto geringer ist auch der Brain drain.

Diese Zahlen sind durchaus überraschend, da sie zeigen, dass Abwanderung nicht primär in den Fachgruppen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit stattfindet, was für einen Brain overflow sprechen würde, sondern in denjenigen, deren Arbeitsmarktsituation im Mezzogiorno vergleichsweise entspannt ist. Die Selektivität der Fachbereiche deutet also darauf hin, dass Abwanderung in stärkerem Maße eine Handlungsoption für Absolventen aus nachgefragten Fachbereichen darstellt. Dies gilt insbesondere für Ingenieurswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler, die zusammen fast die Hälfte des gesamten Brain drain aus dem Mezzogiorno ausmachen.


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Eine ähnliche Auslese zeigt sich, wenn man die Abschlussnoten der einzelnen Mobilitätsgruppen miteinander vergleicht. Hierbei wird deutlich, dass unter den Absolventen, die im Mezzogiorno studiert haben, die abgewanderten Arbeitsmobilen durchschnittlich ein höheres Notenniveau haben als die verbliebenen Immobilen. Eine umgekehrte Tendenz zeigt sich bei einem Vergleich zwischen den beiden Gruppen, die außerhalb studiert haben: denn die Häufigkeit schlechterer Abschlussnoten ist bei den Rückkehrern höher als bei denjenigen, die nach dem Studienabschluss an einer auswärtigen Universität in einem anderen Landesteil verbleiben. Wie Abbildung 19 verdeutlicht, haben in der Gruppe der Arbeitsmobilen über 45% ihr Studium mit der Bestnote abgeschlossen und weniger als 15% einen Abschluss im unteren Notenspektrum. Nahezu umgekehrt verhält es sich in der Gruppe der Rückkehrer, in der über 40% schwache Abschlussnoten erworben haben und lediglich jeder fünfte die Höchste Punktezahl 110 erhalten hat.

Abbildung 20: Abschlussnoten der Absolventen des Jahres 1995 aus dem Mezzogiorno nach Mobilitätstypen

Datenquelle: Istat, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Berechnung und Entwurf H. Jahnke 2004.

Die Zahlen verdeutlichen, dass es für die Absolventen aus dem Mezzogiorno nach Studienende zu selektiven Wanderungsströmen kommt – und zwar unabhängig von der Studienregion. Denn neben der Selektivität nach Fachbereichen wandern zusätzlich tendenziell bessere Absolventen nach Nord- und Mittelitalien ab und tendenziell Schwächere kehren nach einem Auswärtsstudium in den Mezzogiorno zurück. Beide Beobachtungen zusammen genommen weisen darauf hin, dass trotz der hohen Arbeitslosenquoten junger Akademiker von einem Brain drain im Sinne eines Fortzugs der ‚Besten’ und ‚Nachgefragtesten’ gesprochen werden kann.

2.4.5 Einschätzung der zukünftigen Entwicklungen

Bislang wurden alle ermittelten Zahlen im Sinne eines bestimmten Zustandes interpretiert, der sich zum Zeitpunkt der Befragung darstellt. Dabei handelt es sich [Seite 136↓]jedoch lediglich um eine Momentaufnahme in einem anhaltenden Prozess, der sich auch zukünftig weiter entwickeln wird. Die Aussagen der befragten Absolventen deuten darauf hin, dass sich einerseits die Abwanderung von Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno noch weiter verstärken wird, sich andererseits aber auch der diagnostizierte Brain drain durch Rückwanderung mittelfristig in einen Brain exchange wandeln kann.

Zwei wichtige Indikatoren für die Einschätzung zukünftiger Entwicklungen sind die Suchaktivitäten der Befragten und deren potentieller Umzugssradius60. Von den im Mezzogiorno Erwerbstätigen sucht etwa jeder Zweite eine neue Beschäftigung (52,4%, entspricht 7.707), von denen wiederum etwas mehr als die Hälfte (57,1%, entspricht 4.402 Absolventen) bereit ist, auch außerhalb der eigenen Region zu arbeiten. Dahinter verbirgt sich ein zukünftiges Brain drain-Potential, welches zu einer weiteren Dezimierung der genutzten Humanressourcen führen könnte.

Demgegenüber gibt es auch Anzeichen für ein Rückkehrpotential der abgewanderten Absolventen, denn auch in der Brain drain-Gruppe aus dem Mezzogiorno sucht fast jeder Zweite (49,7%, entspricht 2.241) eine neue Arbeit. Auch von diesen gibt wiederum etwa die Hälfte (51,5%, entspricht 1.154) an, in einer anderen Region Italiens arbeiten zu wollen, so dass sich hier Möglichkeiten der Rückkehr in den Mezzogiorno eröffnen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass von den meridionalen Absolventen (4.278), die in Nord- oder Mittelitalien arbeiten, mehr als die Hälfte (56,9%, entspricht 2.435) den offiziellen Wohnsitz im Mezzogiorno behalten hat und folglich von einem gewissen Maß an regionaler Verbundenheit ausgegangen werden kann.

Äußerst ungewiss erscheint jedoch das Schicksal der 17.921 Erwerbslosen, deren Wissen - zumindest statistisch - bislang weder dem Mezzogiorno noch einer anderen Region Italiens zugute kommt. Von diesen suchen 87,0% eine Beschäftigung, von denen wiederum nahezu zwei Drittel (62%) auch bereit wären, in einem anderen Teil Italiens zu arbeiten. Daraus ergibt sich ein zusätzliches Brain drain-Potential von 12.778 Absolventen, was wiederum den Regionen Nordmittelitaliens zugute käme.

2.4.6 Räumliche Konzentration der Ressourcen der Wissensgesellschaft in den italienischen Regionen

Die quantitative Analyse verdeutlicht, dass in allen Regionen des Mezzogiorno der Weg in die Wissensgesellschaft durch eine strukturelle Unternutzung der endogenen Humanressourcenpotentiale gekennzeichnet ist: Die hohe Arbeitslosigkeit der jungen Hochschulabsolventen, deren inadäquate Positionierung auf dem Arbeitsmarkt (Brain waste) sowie ihre beträchtlichen Abwanderungsraten (Brain drain/Brain flight) führen dazu, dass drei Jahre nach dem Hochschulabschluss nicht einmal 40% der Hochschulabsolventen aus dem Mezzogiorno hier auch einer Erwerbsbeschäftigung nachgehen. Regional sinkt dieser Wert sogar auf unter 30%.


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Die räumliche Mobilität der Akademiker aus dem Mezzogiorno in andere Landesteile trägt zudem zu einer Konzentration der wichtigen Ressourcen in den wirtschaftsstarken Regionen bei. Dies lässt sich anhand der regionalen Konzentration der Absolventen des Jahres 1995 drei Jahre nach dem Hochschulabschluss in der Lombardei eindrucksvoll belegen61: Wenngleich in der Lombardei lediglich 15,6% der italienischen Bevölkerung leben, haben dort von den erwerbstätigen Absolventen 23,2% ihren Arbeitsplatz, unter den befragten Wirtschaftswissenschaftlern sind es 26,4% und unter den jungen Ingenieuren sogar 29,3%. Die qualitative Selektivität bei den interregionalen Migrationsbewegungen junger Hochschulabsolventen lässt zudem darauf schließen, dass sich darunter viele überdurchschnittlich qualifizierte Absolventen befinden, die aus dem Mezzogiorno abgewandert sind.

In Hinblick auf die Teilnahme an der europäischen Wissensgesellschaft ist diese Bilanz aus regionalplanerischer Sicht für den Mezzogiorno in höchstem Maße bedenklich, denn wenn in einer wissensbasierten Ökonomie, deren immaterielle Produktion sich ganz wesentlich auf die Anwendung wissenschaftlichen Wissens stützt, die Träger dieses Wissens nicht in den Produktionsprozess eingebunden sind und zudem selektiv die Region verlassen, ist der Anschluss an die sich konstituierende europäische Wissensgesellschaft deutlich erschwert. Die genannten Zahlen sind umso beunruhigender, als der Mezzogiorno aufgrund der späten Bildungsexpansion von vornherein eine geringere Akademikerdichte aufweist als Nord- oder Mittelitalien.

Der naheliegende Begriff des Brain drain ist jedoch angesichts der extrem hohen Erwerbslosigkeit mit Vorsicht zu verwenden, auch wenn entsprechende Tendenzen am Ende der 1990er Jahre eindeutig erkennbar sind. Denn die extrem hohe Erwerbslosigkeit einerseits und das hohe Maß an Unzufriedenheit mit den Erwerbsbedingungen unter den Beschäftigten andererseits bergen ein Abwanderungspotential in sich, dessen Realisierung den Regionen Süd- und Inselitaliens den Anschluss an die Wissensgesellschaft vorerst unmöglich machen würde. Diesbezüglich befindet sich der Mezzogiorno am Ende der 1990er Jahre in einem äußerst sensiblen Gleichgewichtszustand, dessen weitere Entwicklung in entscheidendem Maße von den Beschäftigungsperspektiven der jungen Absolventen in der Region abhängen wird.

2.4.7 Zusammenfassung

Unter der Annahme der Wissensgesellschaft, dass Akademiker und insbesondere junge Hochschulabsolventen eine Schlüsselressource für die regionale Wirtschaftsentwicklung darstellen, ist der Integrationsprozess von Akademikern in den regionalen Arbeitsmarkt und damit in den regionalen Wirtschaftsprozess für die Teilnahme an der europäischen Wissensökonomie entscheidend. Für eine Untersuchung dieses Prozesses stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß periphere Regionen wie der italienische Mezzogiorno ihre endogenen Humanressourcen in Wert setzen.


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Hierfür wurde ein Indikator entwickelt, der ausdrückt, wie viel Prozent der späteren Absolventen aus einer Region drei Jahre nach Studienabschluss auch in dieser Region beschäftigt sind. Anhand des Wertes dieses ‚Ausnutzungsgrades’ lässt sich bestimmen, in welchem Ausmaß die einzelnen Regionen ihr endogenes Humanressourcenpotential ausnutzen.

Die Untersuchungen haben ergeben, dass der Grad der Ausnutzung der endogenen Humanressourcen im Mezzogiorno unterhalb von 40% liegt und damit sehr viel niedriger als in Mittelitalien (fast 60%) oder Norditalien, deren Absolventen zu fast drei Vierteln in den Produktionsprozess integriert sind. Das Problem der Unternutzung trifft im Mezzogiorno die einzelnen Fachbereichsgruppen in unterschiedlichem Maße, wobei in den Agrar-, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften noch die besten Werte erreicht werden. Regional erweisen sich die peripheren Regionen mit einer jungen Universitätslandschaft als besonders problematisch, da hier nicht einmal ein Drittel des endogenen Potentials genutzt wird.

Ein Grund für diese schwache Nutzung ist die Abwanderung junger Absolventen in Richtung der nord- und mittelitalienischen Arbeitsmärkte. Diese macht im Mezzogiorno etwa 12% des Ressourcenpotentials aus, wovon nahezu die Hälfte schon zum Studium den Mezzogiorno verlassen hat. Die Abwanderung erweist sich hierbei als selektiver Prozess, der vor allem Absolventen in den nachgefragteren Fachbereichen und mit tendenziell besseren Abschlussnoten betrifft. Dieser Brain drain stellt faktisch eine Einbahnstraße dar, da die Zuwanderung aus anderen Regionen als Brain gain nahezu inexistent ist. Ein Brain exchange zwischen dem Mezzogiorno und den anderen Regionen findet somit kaum statt.

Das größere Problem des Mezzogiorno ist jedoch die extrem hohe Erwerbslosigkeit junger Hochschulabsolventen, die in manchen Regionen und Fachbereichen mehr als 50% der Absolventen betrifft. Dieser massive Brain waste wird dadurch verstärkt, dass nahezu ein Drittel der Erwerbstätigen einer Beschäftigung nachgeht, deren formaler Qualifikationsanspruch nicht dem eigenen Studienabschluss entspricht. Dies bedeutet, dass etwa die Hälfte der endogenen Ressourcen der Wissensgesellschaft gar nicht und weitere 10% nicht qualifikationsadäquat genutzt werden.

Aufgrund der hohen Unzufriedenheit mit der aktuellen Erwerbssituation suchen fast 90% der Erwerbslosen eine Arbeit, aber auch etwa die Hälfte der aktuell Erwerbstätigen. In beiden Gruppen ist die bekundete Mobilitätsbereitschaft sehr ausgeprägt, so dass potentiell mehr als 12.000 weitere Absolventen die Region verlassen könnten. Angesichts dieses drohenden Abwanderungspotentials aus dem Mezzogiorno ist der bisherige Brain drain geradezu als gering zu bezeichnen.


Fußnoten und Endnoten

38 Neben der laurea, welches die klasischen Hochschulstudiengänge (corsi di laurea) abschließt, gibt es auch Diplomstiudiengänge (corsi di diploma), welche mit einem Universitätsdiplom abgeschlossen werden (diploma universitario). Im Jahr 1999 gab es an allen italienischen Universitäten 13.133 „diplomati“, was nicht einmal jedem zehnten Absolventen entspricht. Die Zahl der „diplomati“ steigt jedoch kontinuierlich an (vgl. Istat 2002: 27).

39 Die folgenden Ausführungen beruhen im wesentlichen auf Berning (1986: 11-29). Dort findet sich eine umfassendere Darstellung der Entwicklung des italienischen Hochschulnetzes unter Berücksichtigung der historischen Hintergünde, die für den Zweck dieser Arbeit nicht relevant sind.

40 Diese Unterschiede haben sich auch im Jahr 1999 erhalten. Landesweit kamen dann auf 10.000 Einwohner 24 Hochschulabsolventen, in Mittelitalien 31, in Norditalien 26 und im Mezzogiorno lediglich 19 (Daten: ISTAT 2002).

41 Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass der zweite Hochschulabschluss, das praxisorientierte diploma universitario ebenfalls seit den 1990er Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Zwischen 1992 und 1999 ist die Anzahl der diplomati von 6.040 auf 13.133 angestiegen. Damit stieg der Anteil der diploma-Abschlüsse an der Gesamtzahl aller Abschlüsse von 6,5% (1992) auf 8,6% (1999) (vgl. Istat 2002: Tav. 3.13).

42 Der Begriff der Akademisierung bezieht sich auf den steigenden Akademikeranteil an der Erwerbsbevölkerung. Engeln (2002: 443) spricht in diesem Zusammenhang von einer zunehmenden „Wissensintensität der Beschäftigung“.

43 Freundlicherweise wurden diese detaillierten Daten dem Autor vom ISTAT-Palermo zur Verfügung gestellt.

44 Datenquelle: ISTAT, Forze di lavoro 1993 bis 1999; Berechnung H. Jahnke 2004.

45 Die Zahlen der jüngsten Befragung des Jahres 2001 weisen auf einen weiteren Anstieg der Erwerbstätigkeit auf 74,1% und einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 12,2% hin. Dieser ist jedoch nur bedingt der zunehmenden Erwerbstätigkeit sondern vielmehr der Zunahme der Stillen Reserve auf 15,5% geschuldet, was auf den massiven Ausbau von Weiterbildungsmaßnahmen zurückzuführen ist (vgl. www.istat.it vom Mai 2003).

46 Das ISTAT bemüht sich durch den Vergleich unterschiedlicher Datenquellen um "regolarizzazioni anagrafiche", d.h. rechnerische Korrekturen der An- und Abmeldungen, welche jedoch nicht in die veröffentlichten eingehen, sondern lediglich in separaten Tabellen aufgeführt werden (vgl. etwa ISTAT (ed.)(2000): Movimento migratorio della popolazione residente : Iscrizioni e cancellazioni anagrafiche Anno 1996. Roma, S. 9f. und 207-213.

47 Inwieweit sich die Ergebnisse aus der Untersuchung der jungen Absolventen nicht nur auf Akademiker, sondern auch auf alle anderen Migranten übertragen lassen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.

48 Gans/Kemper (2003: 16) weisen darauf hin, dass die überdurchschnittliche Wanderung von Akademikern in Deutschland auch der Altersstruktur der Wandernden geschuldet ist, da beispielsweise bei den Fortzügen aus den neuen Bundesländern die Altersgruppe der 18 bis 30jährigen überrepräsentiert ist. In dieser Altergruppe liegt auch der Akademikeranteil höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Für die hier untersuchte Binnenmigration der Italiener lässt sich die gleiche Vermutung anstellen, so dass die Zahlenverhältnisse relativiert werden müssen. Die Grundaussage behält jedoch weiterhin ihre Gültigkeit.

49 Die Ursache für diesen Einbruch der Mobilitätsziffer liegt vermutlich im nationalen Lehrer-"concorso" des Jahres 1999 begründet, an dem ein erheblicher Anteil von insbesondere jungen - und somit potentiell mobilen - Akademikern teilnahm.

50 Anders als bei den internationalen Wanderungen bleibt die Begrenzung der in den Wanderungsstatistiken Erfassten auf die italienische Bevölkerung bei der interregionalen Wanderung ohne erkennbare Auswirkungen, so dass hierfür eine durchgängig vergleichende Betrachtung der Entwicklung während der gesamten 1990er Jahre möglich ist.

51 Interessant wird hierbei sein, wie sich der durch den "Lehrerconcorso" verursachte "Mobilitätsstau" auf der einen Seite, und die massenhafte Vergabe fester Lehrerstellen auf der anderen auf die Wanderungsstatistiken der Akademiker in den Jahren 2000 bis 2002 auswirken wird.

52 Studienmobilität wird in der Bildungsgeographie in Untersuchungen zu den Einzugsbereichen von Universitäten untersucht (z.B. Nutz 1991; Jahnke 1996a und 1996b).

53 Mögliche Wohn-, Studien- oder Arbeitsortswechsel, die innerhalb der beiden Zeiträume zwischen den jeweiligen Zeitpunkten stattgefunden haben, wurden nicht registriert.

54 Dies ist umso erstaunlicher als davon ausgegangen werden muss, dass die Zahlen der Absolventenbefragung das tatsächliche Ausmaß der Emigration junger Absolventen nur bedingt widerspiegeln, da bei der Befragung von im Ausland lebenden Absolventen mit niedrigeren Rücklaufquoten gerechnet werden muss (vgl. hierzu auch King/Shuttleworth 1995).

55 Alle Zahlen nach Istat -Inserimento professionale dei laureati – Indagine 1998; eigene Berechnungen.

56 Der Begriff lehnt sich an das italienische „area“ an, welches in den offiziellen italienischen Statistiken für Landesteil verwendet wird. Das Istat unterscheidet meist zwischen fünf „aree“: Nord-Est, Nord-Ovest, Centro, Sud, Isole. In der vorliegenden Arbeit bezieht sich der Begriff auf die drei großen Landesteile Norditalien, Mittelitalien und Mezzogiorno.

57 Zieht man die 105 Mediziner an der Mailänder „Cattolica“ ab, die faktisch in Rom studieren, so erweisen sich die Mediziner sogar als besonders mobilitätsträge.

58 Die regionale Zuordnung der Arbeitslosen zur aktuellen Wohnregion ist hierbei etwas problematisch, da die Daten keine Angaben über den „de facto“, sondern lediglich über den „de jure“ Wohnsitz erlauben. Der Einfachheit halber werden die Arbeitslosen daher der Region ihres Heimatwohnsitzes zugerechnet.

59 Da Wanderungsbewegungen zwischen den drei erfragten Zeitpunkten, beispielsweise ein absolviertes Grundstudium in Norditalien, ein Erasmus-Aufenthalt im Ausland oder eine Weiterbildung nach Studienende hierbei keine Berücksichtigung finden, wird vereinfachend davon ausgegangen, dass die Immobilen ihr gesamtes Studium innerhalb eines begrenzten regionalen Rahmens vollzogen haben.

60 Alle Zahlen aus eigener Berechnung nach Istat - Inserimento professionale dei laureati – Indagine 1998.

61 Vgl. hierzu ausführlicher Jahnke 2001a.



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17.02.2005