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3  Erwerbstätigkeit und Mobilitätsverhalten junger Akademiker in Sizilien aus der Perspektive der Betroffenen

Im vorausgehenden quantitativ-empirischen Teil der Arbeit wurde der Weg des Mezzogiorno in die europäische Wissensgesellschaft anhand von regional aggregierten Daten zur Erwerbssituation und Migration von Akademikern und jungen Hochschulabsolventen untersucht. Die Ergebnisse beschreiben eine Situation, die in Hinblick auf die Unternutzung der endogenen Ressourcenpotentiale der Wissensgesellschaft als höchst problematisch zu bezeichnen ist, da nur jeder zweite Absolvent einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Zudem deuten die Ergebnisse der Absolventenbefragung darauf hin, dass die hohe Jungakademikerarbeitslosigkeit in der nahen Zukunft zu einer fortschreitenden Abwanderung von Akademikern führen wird und als kontinuierlicher Brain drain die zukünftigen Entwicklungschancen der Regionen des Mezzogiorno einzuengen droht.

Im folgenden, zweiten empirischen Teil der Arbeit wird die hohe Erwerbslosigkeit und das Abwanderungspotential von jungen Hochschulabsolventen im Mezzogiorno beispielhaft an der Region Sizilien untersucht. Ausgehend von den statistischen Befunden für die Situation junger Akademiker auf der Insel wird auf der Basis narrativer Interviews mit Hochschulabsolventen und Expertengesprächen mit Vertretern aus Arbeitsämtern und Verwaltungseinrichtungen versucht, die Sichtweise der Betroffenen auf die beiden Phänomene der Erwerbslosigkeit und der Abwanderung zu rekonstruieren und die Handlungen der Akteure in ihren kulturellen Kontext einzubetten. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach den Gründen für das hohe Ausmaß an Sesshaftigkeit vieler erwerbsloser sizilianischer Hochschulabsolventen.

Einleitend wird im ersten Unterkapitel die sizilianische Hochschullandschaft in ihrer historischen Entstehung und ihrer jüngeren Entwicklung knapp beschrieben und der Prozess der Akademisierung der Bevölkerung in seinen räumlichen Mustern nachgezeichnet. Hierbei wird zunächst die räumliche Dimension der Hochschulbildung anhand sekundärstatistischer Quellen herausgearbeitet, bevor auf der Basis durchgeführter Interviews der Hochschulabschluss laurea in seiner soziokulturellen Dimension herausgearbeitet wird.

Der zweite Teil des Kapitels geht der Frage nach, welche Erwerbsrealitäten sich hinter den statistischen Indikatoren der Arbeitslosenquote oder Erwerbstätigenquote verbergen. Hierbei wird untersucht, inwieweit die gängigen Indikatoren zur Beschreibung des Arbeitsmarktes die tatsächlichen Aktivitäten der jungen sizilianischen Hochschulabsolventen adäquat beschreiben. Anhand von individualstatistischen Auswertungen und Erzählungen von Betroffenen werden die Grenzen zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Studium und Arbeitsleben und zwischen Arbeit und Privatleben im spezifischen kulturellen Kontext Siziliens näher untersucht.


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Im anschließenden dritten Unterkapitel werden die institutionellen Rahmenbedingungen von Arbeitslosigkeit, Beschäftigungsmaßnahmen und Erwerbsarbeit herausgearbeitet, die für junge Absolventen nach eigenen Aussagen und nach Expertenmeinung relevant sind. Dabei wird gezeigt, dass nicht nur die zahlreichen Beschäftigungsmaßnahmen, sondern auch die formale Arbeitslosmeldung selbst ohne finanzielle staatliche Unterstützung mobilitätshemmend wirken können.

Der letzte Abschnitt beschäftigt sich schließlich mit unterschiedlichen Rationalitäten der Sesshaftigkeit, wie sie aus den Erzählungen der Absolventen hervorgehen. Als zentrale Aspekte werden hierbei die unterschiedlichen soziokulturellen Wertigkeiten räumlicher Mobilität, die Rolle von Familie und sozialen Netzen sowie die Raumvorstellungen oder imaginierten Geographien, die für oder gegen eine Mobilitätsentscheidung wirken können, herausgearbeitet.

3.1 Sizilien als Hochschulregion

Im Gegensatz zu den übrigen Regionen des italienischen Mezzogiorno blickt Sizilien auf eine sehr lange Hochschultradition zurück, so dass bis zum Hochschulausbau nach dem Zweiten Weltkrieg die drei sizilianischen Universitäten die einzigen Hochschulstandorte südlich von Neapel darstellten und sich bis heute eine Sonderstellung innerhalb des Mezzogiorno erhalten konnten.

3.1.1 Historische Entwicklung und jüngerer Hochschulausbau

Bereits im Jahr 1434 gründete König Alphons von Aragonien ein studium generale in Catania, dem im Jahr 1444 die päpstliche Bulle und mit dieser der Titel universitas verliehen wurde. Die Universität in Messina wurde im Jahre 1598 von Paul III. eröffnet und hat mit Ausnahme kurzer Phasen der Schließung bis heute Bestand. Die dritte und jüngste Universität, Palermo, wo seit dem 14. Jahrhundert eine öffentliche Bildungseinrichtung bestand, bekam erst im Jahre 1805 den offiziellen Universitätstitel verliehen, 26 Jahre nach der Eröffnung der königlichen Akademie (1779)62.

Bezüglich der universitären Ausstattung war Sizilien im Vergleich mit den übrigen Regionen des Mezzogiorno in einer privilegierten Position. Zum Zeitpunkt der nationalen Einigung Italiens waren die drei sizilianischen Universitäten zusammen mit der Universität Neapel (gegründet 1224) und den beiden sardischen Universitäten Sassari (gegründet 1562) und Cagliari (gegründet 1596) die einzigen Universitäten südlich von Rom. Bis 1968 war Messina in Sizilien die nächstgelegene Universität für Studierende aus Kalabrien, wenngleich mit der Gründung der Universität Bari 1924 eine weitere Hochschule im Mezzogiorno entstanden war. Kalabrien selbst wurde erst in den 1960er [Seite 141↓]Jahren durch die Neugründungen in Rende (Catanzaro), Cosenza und Reggio Calabria zu einer eigenen Hochschulregion.

Zwar verloren die sizilianischen Universitäten in den Nachkriegsjahrzehnten ihre oligopolistische Stellung, das unterschiedliche Alter der einzelnen Standorte spiegelt sich aber noch heute an der Zahl der eingeschriebenen Studierenden wider. Trotz wachsender Studierendenzahlen erreicht keine der jungen Hochschulen in Kalabrien bislang die Größe der drei sizilianischen Universitäten, welche alle über 30.000 eingeschriebene Studierende verzeichnen.

Karte 11: Anzahl der eingeschriebenen Studierenden der Universitäten des italienischen Mezzogiorno im Studienjahr 1999-2000 nach Geschlecht

Datenquelle: ISTAT, Inserimento professionale dei laureati; Auswertung und Kartographie H. Jahnke 2004.

Von den drei sizilianischen Universitäten ist jene in Palermo mit 55.566 (2000) eingeschriebenen Studierenden heute die größte. An zweiter Stelle folgt Catania mit 51.904 und schließlich die Universität Messina mit 34.213 Studierenden. Letztere ist noch immer sehr viel größer als Cosenza, Catanzaro oder Reggio Calabria63. Während die Universitäten in Palermo und Catania eine vollständige Ausstattung mit allen großen Fakultäten haben, fehlen in Messina die Fakultäten der Agrarwissenschaft und der Architektur.

Im Gegensatz zur sizilianischen Universitätslandschaft ist die benachbarte kalabresische nicht nur sehr viel jünger, sondern auch bezogen auf die einzelnen Hochschulstandorte [Seite 142↓]in ihrer Fächerausstattung unvollständig. Nur zusammen genommen bilden die drei Hochschulen in Reggio Calabria, Catanzaro und Cosenza eine vollständig ausgestattete Universität mit insgesamt 37.755 Studierenden64.

Abbildung 21: Entwicklung der Studienanfänger-, Studierenden- und Absolventenzahlen an den drei sizilianischen Universitäten und in Kalabrien in den 1990er Jahren

Datenquelle: ISTAT – Lo stato dell’università 2002; Entwurf H. Jahnke 2004.

Obwohl während der 1990er Jahre in ganz Italien steigende Absolventenzahlen zu beobachten waren, ist diese Entwicklung an den drei sizilianischen Universitäten nur schwach erkennbar. Zwar weisen die Universitäten Palermo und Catania vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre einen leichten Anstieg der Absolventenzahlen auf, diese Entwicklungen liegen aber hinter denen in norditalienischen Regionen weit zurück. An der Universität Messina sind im genannten Zeitraum sogar stagnierende [Seite 143↓]Absolventenzahlen zu erkennen, wohingegen sich diejenigen der drei kalabresischen Universitäten in Reggio Calabria, Cosenza und Catanzaro zusammen genommen von 1.014 (1990) auf 2.116 (1999) insgesamt mehr als verdoppelt haben.

Zudem sind in Kalabrien über die gesamten 1990er Jahre noch steigende Zahlen von Neueinschreibungen zu beobachten, wohingegen diese an den drei sizilianischen Universitäten, insbesondere an der Universität Messina, seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre rückläufig sind. Diese Entwicklung führt an den entsprechenden Institutionen zu stagnierenden Studierendenzahlen. Damit folgt Sizilien mit etwas Verzögerung und in gemäßigter Form dem gesamtitalienischen Trend zu steigenden Absolventenzahlen und demographisch bedingt, rückläufigen Studierendenzahlen.

Obwohl die Bildungsexpansion im Hochschulbereich in Sizilien in der Mitte der 1990er ihren Wendepunkt erreicht zu haben schien und in eine Phase der Stagnation eingetreten ist, gab es auf der institutionellen Seite einen Ausbau der sizilianischen Hochschullandschaft. Dieser machte sich jedoch nicht in Form von Universitätsneugründungen, sondern durch eine Politik der Dezentralisierung bestehender Hochschulen bemerkbar. Im Zuge dieses Hochschulausbaus wurden Außenstellen der bestehenden drei Universitäten gegründet.

Karte 12: Sizilianische Hochschullandschaft im Jahr 2000 – Hochschulstandorte und Anzahl der eingeschriebenen Studierenden 1999

Datenquelle: Murst; Darstellung H. Jahnke 2004.


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Insgesamt wurden in Sizilien während der 1990er Jahre dreizehn dezentrale Standorte der bestehenden Universitäten Palermo, Catania und Messina eröffnet, deren Studierendenzahl im Studienjahr 1999-2000 zwischen unter 50 in Modica und Marsala und nahezu 2.000 in Trapani und knapp über 1.000 in Caltanissetta variierte. Zudem gab es zwei zusätzliche Standorte der Universität Messina in Kalabrien (vgl. Karte 11).

Mit Ausnahme der drei Gebirgsregionen (Madonie, Nebrodi und Ätna-Massiv) sowie der kleineren Inselgruppen (Äolische Inseln, Egadische Inseln, Pelagische Inseln und Pantelleria) wurde in dieser Phase ein nahezu flächendeckendes Netz von Hochschuleinrichtungen auf der Insel entwickelt. Dies betraf zunächst die weiteren Provinzhauptstädte Trapani, Agrigento, Caltanissetta, Enna, Ragusa und Siracusa, anschließend aber auch ausgewählte Standorte mit sehr spezifischen Bildungsangeboten, wie beispielsweise Caltagirone, Priolo Gargallo oder Taormina65.

Die Errichtung neuer Standorte war in der Regel mit dem Aufbau neuer Studiengänge verbunden, deren inhaltliche Gestaltung eng in Einklang mit den wirtschaftlichen Potentialen der jeweiligen Gebiete steht. Häufig wurden hierzu neue Studiengänge eingerichtet, deren Curricula fachlich auf die Bedürfnisse der lokalen Ökonomie abgestimmt war. Durch die Vermittlung von akademischem Wissen, welches einen unmittelbaren lokalen Bezug aufweist, sollen die Universitäten einen Beitrag zur Entwicklung der endogenen Potentiale ihrer jeweiligen Standorte leisten. Hierbei lassen sich drei übergreifende Schwerpunktfelder für die Region Sizilien identifizieren, die in den Curricula der neu gegründeten Studiengänge ihren Ausdruck finden.

Eine Zielrichtung ist der Ausbau einer modernen und wissenschaftsgestützten Landwirtschaft, deren vorrangiges Ziel die stärkere Exportorientierung darstellt. In der landwirtschaftlich stärksten Provinz Ragusa wurde hierzu ein Studiengang in ‚Agrarwissenschaften der Tropen und Subtropen’ (scienze agrarie, tropicali e subtropicali), in der Weinbauregion Marsala ein Studiengang ‚Weinanbau und Vinifikation’ (viticoltura e enologia), in Caltagirone ‚Pflanzenproduktion’ (produzioni vegetali) und in Bivona Forst- und Umweltwissenschaften’ (scienze forestali ed ambientali) eingerichtet.

Der zweite sich abzeichnende Themenbereich dient der unmittelbaren Inwertsetzung der natürlichen Umwelt und des kulturellen Erbes durch die Tourismusentwicklung. Die wichtigsten Standorte dieses Schwerpunktes befinden sich in Enna mit dem Studiengang ‚Umweltwissenschaften’ (ingegneria per l’ambiente e per il territorio), in Caltagirone mit ‚Betriebswirtschaftslehre mit Ausrichtung Tourismus’ (economia e gestione dei servizi turistici), in Agrigento mit ‚Denkmalschutz und Denkmalmanagement’ (conservazione dei beni culturali, operatore dei beni culturali), in Taormina mit ‚Betriebswirtschaftslehre mit Ausrichtung Tourismus’ (economia e gestione dei servizi turistici) sowie in Partinico mit ‚Raumplanung und Stadtentwicklung’ (pianificazione territoriale ed urbanistica).

Der dritte Schwerpunktbereich lässt sich mit der Überschrift ‚Interkulturelle Kommunikation im Mittelmeerraum’ zusammenfassen. Die hier genannten [Seite 145↓]Studieninhalte stehen im engen Bezug zur Entwicklungsstrategie Siziliens als Knotenpunkt der Kommunikation im Mittelmeerraum ab. Studiengänge dieses Schwerpunktbereichs wurden eingerichtet in Caltanissetta ‚Elektroingenieurswissenschaft’ und ‚Öffentlichkeitsarbeit’ (ingegneria elettrica; relazioni pubbliche), Giarre ‚Übersetzung und Dolmetschen’ (traduttori ed interpreti), Ragusa ‚Europäische Kulturen und Sprachen’ (lingue e culture europee) und Reggio Calabria ‚Interkulturelle Studien im Mittelmeerraum’ (scienze e tecniche dell’interculturalità mediterranea).

Neben diesen neuen Universitätsstandorten wurden auch weitere höhere Bildungsinstitutionen in Sizilien gegründet. Hervorzuheben ist die scuola superiore in Catania, die im Jahr 1999 ihren Studienbetrieb aufnahm, wo in sechs Masterstudiengängen einer kleinen Zahl von Studierenden Kenntnisse und Qualifikationen aus den anwendungsorientierten Bereichen des IT-Sektors vermittelt werden. Hierzu gehören Kurse in E-Business und Telekommunikation (servizi avanzati di telecomunicazione) aber auch Umweltverträglichkeitsprüfungen (procedure di valutazione di impatto ambientale)66.

Eine weitere Bildungsinstitution für Universitätsabsolventen ist eine Postgraduierteneinrichtung für Tourismus, die im Jahr 1999 in Calatafimi-Segesta gegründet wurde. Mit der finanziellen Unterstützung der Europäischen Union und dem Know-how der Universitäten Palermo und Paris wurde hier ein Aufbaustudiengang Tourismus gegründet, dessen Ziel es ist, Manager für den Bereich der regionalen Tourismusentwicklung auszubilden67.

Der institutionelle Ausbau des tertiären Bildungssektors hat zu einer erkennbaren Diversifizierung der sizilianischen Bildungslandschaft geführt und damit die Ausbildungschancen junger Abiturienten in Sizilien verbessert. Gleichwohl lässt sich das sizilianische tertiäre Bildungssystem nicht ohne den Aspekt der interregionalen Vernetzung mit anderen italienischen Regionen betrachten.

3.1.2 Interregionale Vernetzung durch Studienmobilität

Aufgrund ihrer langen Geschichte als einzige Hochschulregion südlich von Neapel ist die sizilianische Universitätslandschaft keine isolierte funktionale Einheit. Insbesondere der Einzugsbereich der Universität Messina verdeutlicht die enge Verflechtung mit der benachbarten Festlandsregion Kalabrien. Aufgrund der dortigen, bis heute lückenhaften Universitätsausstattung schreiben sich viele kalabresische Studienanfänger an der nahe gelegenen sizilianischen Universität Messina ein68. Dies gilt vor allem für Studiengänge, die in Kalabrien nicht angeboten werden, so dass dann die Universität Messina dem Wohnort am nächsten gelegen ist. Selbst die Gründung des istituto universitario statale di [Seite 146↓] architettura in Reggio Calabria im Jahr 1969 und die Einrichtung der dortigen Universität im Jahr 1982 bedeutete keine Konkurrenz für den sizilianischen Standort, da sie lediglich die Fachbereiche Architektur, Agrarwissenschaft und Ingenieurswissenschaft umfasst und somit das Studienangebot der Universität Messina komplettiert. Darüber hinaus wurden erst jüngst zwei dezentrale Standorte der Universität Messina in Kalabrien gegründet: ein sozialpädagogischer Studiengang in Locrì mit 207 Studierenden und ein Studiengang ‚Interkulturelle Studien im Mittelmeerraum’ (scienze e tecniche dell’interculturalità mediterranea) in Reggio Calabria mit 24 eingeschriebenen Studierenden69.

Der studentische Einzugsbereich der Universität Messina spiegelt somit die lange Tradition der Studienmigration von Kalabrien nach Sizilien wider und verdeutlicht die historisch gewachsene Funktion der Universität als Brücke zwischen beiden Regionen. Im Jahr 1998 hatten 56% der neu eingeschriebenen Studierenden der Universität Messina ihren Wohnsitz in Kalabrien, und zwar mehrheitlich in der Provinz Reggio Calabria. Aber selbst aus der entfernter gelegenen kalabresischen Provinz Catanzaro kommen immer noch mehr Studierende als aus allen anderen sizilianischen Provinzen außerhalb von Messina70.

Der Anteil kalabresischer Studierender variiert zwischen den einzelnen Fakultäten bzw. Fachbereichen: in Ingenieurswissenschaft, Tiermedizin und Statistik hat die Universität Messina aufgrund der deutlichen Mehrheit sizilianischer Studierender noch immer eine primär regionale Funktion, die sich im wesentlichen auf die eigene Provinz beschränkt. In den Fachbereichen Wirtschaftswissenschaft, Geisteswissenschaft und Politikwissenschaft ist das Zahlenverhältnis zwischen Kalabresen und Sizilianern nahezu ausgeglichen, in Jura und Pädagogik gibt es sogar eine Mehrheit von Kalabresen.

Abgesehen von der studentischen Zuwanderung von Kalabresen an die Universität Messina erfüllen die sizilianischen Universitäten trotz ihrer langen Tradition heute eine ausschließlich regionale Versorgungsfunktion. Umgekehrt nehmen aber fast 10% der sizilianischen Studierenden das Studienangebot der italienischen Hochschulen außerhalb Siziliens wahr, was sich an der regionalen Verteilung der Absolventen des Jahres 1995 auf die italienischen Hochschulstandorte erkennen lässt. Von den 7.104 Absolventen71, die den Daten des Murst zufolge ihren Wohnsitz in Sizilien hatten und demzufolge als ‚Sizilianer’ gezählt werden können, hat etwa jeder Elfte (9,1%) seinen Hochschulabschluss außerhalb Siziliens erworben. Die regionalen Schwerpunkte liegen in den Regionen Latium (2,3%), Toskana (2,0%) und in der Lombardei (1,4%), mit einer erkennbaren Konzentration auf die großen Universitäten in Rom, Pisa, Florenz und Bologna sowie die katholische Privatuniversität in Mailand; mit etwas Abstand folgen die Universität Siena und die Privatuniversität Luiss72in Rom.


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Karte 13: Hochschulstandorte der sizilianischen Absolventen des Jahres 1995

Datenquelle: MURST; Berechnung und Kartographie H. Jahnke 2004.

3.1.3 Räumliche Muster der Akademisierung der sizilianischen Bevölkerung

Der Ausbau der sizilianischen Hochschullandschaft geht mit einem steigenden Ausbildungsniveau der sizilianischen Wohnbevölkerung einher. Diese Entwicklung manifestiert sich zunächst im Rückgang der Analphabetenquote, die zwischen 1961 und 1991 von 16,0% auf 4,3% und somit auf ein Viertel reduziert werden konnte. Dessen ungeachtet ist der Anteil der Analphabeten in Sizilien im Jahr 1991 immer noch doppelt so hoch wie der italienische Durchschnitt (2,1%).

Der Akademikeranteil an der sizilianischen Wohnbevölkerung hat sich zwischen 1961 und 2001 von 1,4% auf 5,4% nahezu vervierfacht. Während 1961 von einer Bevölkerung von über 4 Mio. lediglich knapp 58.000 einen akademischen Abschluss hatten, stieg [Seite 148↓]deren Zahl in den folgenden vier Jahrzehnten auf über 271.000 (2001) an. Interessant ist hierbei die zunehmende Beschleunigung der Akademisierung, was sich daran ablesen lässt, dass die Gruppe der Akademiker in den zehn Jahren zwischen 1991 und 2001 (ca. +110.000) stärker angewachsen ist, als in den drei Jahrzehnten zwischen 1961 und 1991. Dahinter steht eine steigende Bildungsbeteiligung und der wachsende Bildungserfolg von Frauen im Hochschulbereich: waren 1961 von allen italienischen Akademikern lediglich ein Viertel (25,8%) Frauen, stieg deren Anteil bis 2001 auf 47,4% an.

Tabelle 12: Entwicklung des Ausbildungsniveaus der sizilianischen Wohnbevölkerung zwischen 1961 und 2001

 

1961

1971

1981

1991

2001*

Italien 2001*

Bevölkerung*

4.157.326

4.166.849

4.461.486

4.589.441

5.046.094

57.348.353

Akademiker (laureati)

57.984

79.279

126.322

161.192

271.242

3.267.220

Anteil Akademiker (an Bev.)

1,4 %

1,9 %

2,8 %

3,5 %

5,4 %

6,2 %

Frauenanteil (an laureati)

25,8 %

32,2 %

40,4 %

44,2 %

47,4%

48,4 %

* Bevölkerung ist hier nur die Bevölkerung, die älter als 6 Jahre ist.

Datenquelle: ISTAT, Censimento della popolazione 1961, 1971, 1991; * für das Jahr 2001: ISTAT, Forze di lavoro - media 2001; Berechnung H. Jahnke 2004.

Im Vergleich mit anderen Regionen Italiens weist Sizilien einen Akademisierungsgrad der Bevölkerung auf, der im Jahr 2001 knapp unterhalb des Landesdurchschnitts liegt. Gleichwohl ist der Akademikeranteil hier etwas höher als in anderen Regionen des Mezzogiorno.

In den einzelnen Gemeinden lässt sich der Prozess der Akademisierung mangels neuerer Daten bislang lediglich bis 1991 untersuchen, aber auch im Zeitraum zwischen 1961 und 1991 zeigen sich deutliche lokale Unterschiede, die vor allem mit der Gemeindegröße variieren: Während in kleinen Orten mit bis zu 5.000 Einwohnern der Akademikeranteil noch 1991 durchschnittlich lediglich bei 1,8% lag, war derselbe Indikator in großen Städten mit über 100.000 Einwohnern nahezu vier mal höher (5,8% bzw. 6,1%). Diese Differenzen erweisen sich im landesweiten Vergleich als relativ gemäßigt, denn in ganz Italien hatte 1991 in Gemeinden mit unter 5.000 Einwohnern durchschnittlich lediglich einer von 100 Einwohnern einen akademischen Titel, wohingegen in Großstädten mit über 250.000 Einwohnern fast 8% einen solchen besaßen.

Wenngleich der Akademikeranteil an der Wohnbevölkerung nicht immer mit der Gemeindegröße korreliert, so ist eine Tendenz der Konzentration von Akademikern und damit verbunden von akademischem Wissen in den größeren Städten zu beobachten. Denn der statistisch messbare Prozess der Akademisierung ist hier zwischen 1961 und 1991 sehr viel schneller vorangeschritten als in den kleineren Gemeinden. Dieser intraregionale Konzentrationsprozess kann sowohl als Folge der stärkeren Bildungsbeteiligung in der Nähe von Hochschulstandorten als auch als Folge eines Brain drain-Prozesses gedeutet werden, der aufgrund der Konzentration von qualifizierten Arbeitsplätzen Personen mit einem höheren Ausbildungsniveau von den ländlichen Peripherien in die Zentren zieht.


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Tabelle 13: Entwicklung des Akademikeranteils in den sizilianischen Gemeinden zwischen 1961 und 1991 nach Gemeindegrößenklassen

Gemeindegrößenklasse

Akademikeranteil 1961

Akademikeranteil 1971

Akademikeranteil 1981

Akademikeranteil 1991

Bis zu 5.000

0,6 %

0,9 %

1,3 %

1,8 % (IT 1,0 %)

5.001-20.000 E.

0,7 %

1,0 %

1,7 %

2,4 % (IT 2,3 %)

20.001-50.000 E.

1,1 %

1,6 %

2,4 %

2,7 % (IT 3,2 %)

50.001-100.000 E.

1,7 %

2,1 %

2,8 %

3,6 % (IT 4,8 %)

100.001-250.000 E.

4,5 %

3,7 %

4,8 %

6,1 % (IT 6,3 %)

Über 250.000 E.

2,8 %

3,6 %

4,9 %

5,8 % (IT 7,5 %)

Datenquelle: ISTAT, Censimento 1991, Tabelle 5.5; Berechnung. H. Jahnke 2004.

Unabhängig von der Siedlungsgröße verlief der Prozess der Akademisierung auf der lokalen Ebene mit sehr unterschiedlicher Dynamik. Während in der Mehrzahl der Gemeinden einerseits ein Anstieg des Akademikeranteils und andererseits eine wachsende absolute Zahl von Akademikern zu beobachten ist, stellt man in einzelnen Orten zwischen 1961 und 1991 einen Rückgang des Akademikeranteils, vereinzelt auch einen Rückgang beider Indikatoren fest (vgl. Karte 13).

Die universitäre Ausbildung als Massenphänomen kann in dieser Perspektive als räumlicher Diffusionsprozess betrachtet werden, der sich ausgehend von den Provinzhauptstädten über das gesamte sizilianische Territorium ausgebreitet hat. Im Jahr 1961 waren Akademikeranteile von über 2% lediglich in den größeren Gemeinden anzutreffen, Palermo war die einzige Stadt mit einem Akademikeranteil von über 4%, denn zu diesem Zeitpunkt war das Universitätsstudium noch ein Privileg der gehobenen sozialen Schichten, und die akademische Ausbildung war nur in wenigen Berufen notwendig. In mehr als 80% der sizilianischen Gemeinden lag der Anteil der Akademiker folglich unter 1%.

Seit 1961 hat sich die Situation deutlich verändert: 1991 lag der Akademikeranteil in über 85% der sizilianischen Gemeinden oberhalb von 1% und in mehr als jeder fünften Gemeinde über 3%. Der Universitätsabschluss hat sich somit ausgehend von den Provinzhauptstädten über das gesamte sizilianische Territorium ausgebreitet, insbesondere in den Provinzen Trapani, Siracusa und Ragusa. Demgegenüber wurden einzelne Orte in peripheren Gebirgslagen kaum von diesem Akademisierungsprozess berührt: 13,6% der sizilianischen Gemeinden – insbesondere im Gebirge der Nebrodi und im Inselinneren – wiesen auch 1991 noch einen Akademikeranteil von unter 1% auf.

Auch in Gemeinden um die Universitätsstädte Palermo und Messina bleibt die Akademikerdichte recht niedrig, wohingegen im suburbanen Raum um Catania, insbesondere in den küstennahen Gemeinden, schon 1991 Werte über 4% erreicht wurden.


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Karte 14: Akademikeranteil an der Wohnbevölkerung in den sizilianischen Gemeinden in den Jahren 1961 und 1991

Datenquelle: ISTAT - Censimento della popolazione 1961 und 1991; eigene Berechnung und Kartographie.


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Die Bildungsexpansion im Hochschulbereich hat dazu geführt, dass ein akademischer Abschluss in Sizilien vom Privileg einer Oberschicht zu einem Massenphänomen geworden ist, welches sich im gesamten sizilianischen Territorium beobachten lässt. Wenngleich die räumlichen Disparitäten dieses Prozesses erkennbar sind, belegen die Zahlen, dass der akademische Abschluss heute selbst in abgelegenen Gemeinden keine Ausnahmeerscheinung darstellt. Gleichwohl ist mit der gestiegenen Akademisierung auch ein räumlicher Konzentrationsprozess von Akademikern in den größeren Gemeinden zu beobachten.

3.1.4 Zur soziokulturellen Dimension des Hochschulabschlusses

Wenngleich die Sprache der Humankapitaltheorie impliziert, dass ein Hochschulabschluss einen absoluten Wert besäße, so stellt sich für den kulturellen Kontext die Frage nach dem sozial konstruierten Wert eines Bildungsabschlusses wie beispielsweise der italienischen laurea. Denn neben der rein formalen Funktion eines Hochschulabschlusses, dessen Besitz den Zugang zu bestimmten Berufen oder Einstellungswettbewerben (concorsi, s.u.) ermöglicht, besitzt die Laurea auch eine soziale Funktion, welche einen jungen Hochschulabsolventen oder eine junge Hochschulabsolventin von anderen Personengruppen des gleichen Alters unterscheidet. Diese kommt gerade dann zum Tragen, wenn man betrachtet, wie beide – also ein Jugendlicher mit oder ohne Hochschulabschluss – als Arbeitslose in ihrem lokalen Kontext leben.

Mit der Verleihung des Hochschulabschlusses, der laurea, ist in Italien bereits die Verleihung des Titels dottore oder dottoressa verbunden, also ein sprachliches Unterscheidungskriterium, welches im täglichen Leben bedeutungsvoll sein kann. Die Erwartung des Autors, dass man in Folge dieses Titels zumindest in kleinen Orten eine gute Kenntnis darüber habe, wer im Ort laureato oder laureata sei, wurde jedoch kaum erfüllt. Dies weist darauf hin, dass der Moment des Hochschulabschlusses – wenngleich in den Universitäten mit einer öffentlichen Disputation gefeiert – zunächst für den Lebensalltag von zweitrangiger Bedeutung ist. Das ließ sich auch daran erkennen, dass auf der Suche nach laureati die angesprochenen Schlüsselpersonen häufig im Ungewissen darüber waren, ob beispielsweise ein Cousin oder eine Cousine die Universität bereits abgeschlossen habe.

3.1.4.1 Junge Hochschulabsolventen als Privilegierte

Ein weiterer Hinweis auf die untergeordnete Bedeutung des Hochschulabschlusses ergab sich in Gesprächen über die lokale oder regionale Erwerbssituation junger Hochschulabsolventen. Insbesondere in den Expertengesprächen auf der lokalen Ebene, etwa in den Arbeitsämtern (uffici di collocamento) erwies es sich häufig als schwierig, überhaupt Aussagen zur Erwerbssituation junger Hochschulabsolventen zu bekommen, die sich nicht gleichzeitig auf die Gesamtheit der Jugendlichen (i giovani) oder zumindest auch auf Abiturienten (diplomati) bezogen. Oftmals stieß schon die Frage nach der [Seite 152↓]Erwerbssituation von jungen Akademikern auf Unverständnis. Diese Tatsache rührt daher, dass zwar die schwierige Beschäftigungssituation junger Universitätsabsolventen durchaus bekannt ist, diese aber gegenüber der sehr viel schwierigeren Lage der Pflichtschulabsolventen geradezu als zweitrangiges Problem erscheint. Somit gelten im Bewusstsein vieler Interviewpartner junge Hochschulabsolventen keinesfalls als Problemgruppe, sondern – in Relation zu allen anderen Jugendlichen – sogar als Privilegierte auf dem Arbeitsmarkt.

Wenn junge Hochschulabsolventen in Berufen arbeiten, die ihrem formalen Qualifikationsniveau nicht entsprechen, also statistisch ein Brain waste erkennbar ist, kann die Laurea durchaus vor harter körperlicher Arbeit schützen. Mehrere Interviewpartner haben beispielsweise im Familienbesitz eigene landwirtschaftliche Betriebe, die eine entsprechende körperliche Mitarbeit verlangen, von der die akademisch gebildeten Söhne offensichtlich befreit werden. Zwar entziehen sie sich nicht ihrer Verantwortung im Familienbetrieb, die schwere körperliche Arbeit lassen sie aber von anderen Jugendlichen des Ortes erledigen (vgl. Person 13).

Auch unter Kollegen in manuellen Berufen ist der Hochschulabschluss ein Distinktionsmerkmal, wie das Beispiel von Person 1 zeigt:

Ein Wirtschaftswissenschaftler aus Messina (Person 1) arbeitet neben seiner Tätigkeit als lsu (s.u.)im Tourismussektor und zusätzlich in seinem gelernten Beruf als Elektriker. Wenngleich ihm sein Universitätsabschluss im Beruf selbst keinen Nutzen bringt, wird er von seinen Kollegen dottore genannt und – nach eigenen Aussagen - mit entsprechendem Respekt behandelt. Beispielsweise achten seine Kollegen darauf, ihm keine schwere körperliche Arbeit aufzubürden.

3.1.4.2 Mangelndes Bewusstsein für den Studienabschluss als Humankapital

Abgesehen von den kulturellen Unterscheidungsmerkmalen ist das Bewusstsein für Bildung als Ressource oder als Humankapital sehr schwach ausgeprägt. Entsprechend wurde selbst in Expertengesprächen der Frage nach dem Brain drain junger Absolventen meist mit Unverständnis begegnet. Zwar sind auch im ländlichen Raum nahezu jedem Gesprächspartner junge Hochschulabsolventen persönlich bekannt, die in jüngerer Vergangenheit zum Arbeiten in den Norden gegangen sind, das Bewusstsein für den kollektiven Verlust von kostbarem Humankapital, und damit von lokalen oder regionalen Entwicklungspotentialen, ist jedoch nur in Ausnahmefällen vorhanden:

Lediglich der junge Bürgermeister von Montallegro, einem kleinen Ort der Provinz Agrigento mit einem sehr geringen Akademikeranteil in der Bevölkerung, drückte sein Bedauern darüber aus, dass die jungen Universitätsabgänger seines Ortes ihre Qualifikationen nicht in ausreichendem Maße dem Wohle der Gemeinschaft zur Verfügung stellten. Schließlich stünde das niedrige Bildungsniveau (livello culturale) der Bevölkerung seines Ortes der vorgesehenen touristischen Entwicklung entgegen. Viele Jugendliche würden zwar inzwischen an der Universität studieren, das Ergebnis sei jedoch lediglich ein „kulturelles Wachstum“ (crescita culturale) der Individuen, nicht aber der Gemeinschaft.

Diese Enschätzung ist eine Folge der sogenannten ‚Parkplatzfunktion’ der süditalienischen Universitäten, da die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit viele junge [Seite 153↓]Sizilianer zum Studium an die Universitäten treibt: dementsprechend ist auch die Erfolgsrate an den Universitäten im Süden sehr niedrig, was sich statistisch anhand hoher Studierendenzahlen und niedriger Absolventenzahlen an den drei sizlianischen Universitäten in den 1990er Jahren manifestiert (s.o.). Eine Absolventin umschreibt das Problem so:

„die Studienentscheidung ist eher ein Experiment, um das Problem der Beschäftigungsfindung von sich fern zu halten, als die sachliche und ausgereifte Entscheidung eines Erwachsenen“ (Person 10).

Da das Studium mit geringen Kosten verbunden ist und zudem im Falle der materiellen Bedürftigkeit öffentliche Zuschüsse gewährt werden, spielt die soziale Selektion beim Übergang von der Schule zur (nächstgelegenen) Universität kaum eine Rolle. Nach der sozialen Selektivität beim Hochschulzugang befragt, antwortet Interviewparter 15 aus Caccamo:

„Natürlich gibt es auch solche, die es sich absolut nicht leisten können, aber die große Mehrheit... Nein, meiner Meinung nach gibt es das nicht mehr [die soziale Selektion, HJ], alle studieren“ (Person 15).

Wenngleich gerade die Eltern ihre Kinder häufig zu einem Universitätsstudium anhalten, gibt es nach Studienende einen geringen elterlichen Erwartungsdruck bezüglich einer ‚Rendite’ für die getätigte ‚Humankapitalinvestition’. Schließlich ist die finanzielle Belastung relativ gering und die Investition von Zeit wird kaum als solche empfunden. Nur in Ausnahmefällen wird das Studium an einer sizilianischen Universität als Zeit- oder Kosteninvestition begriffen.

Nachdem Interviewpartnerin 10 eine Verwaltungsausbildung abgeschlossen und bereits mehrere Jobs durchlaufen hatte, konnte sie sich dank einer Halbtagsbeschäftigung im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme den perönlichen Wunsch nach einem Psychologiestudium erfüllen. Da sich die Studentin selbst finanzierte und das Arbeitsleben kannte, hat sie nach eigenen Angaben zielstrebiger studiert, als ihre Kolleginnen aus dem Ort. Folglich war sie auch in ihrem Studienverlauf erfolgreicher, denn

„Wer von seiner Sache überzeugt ist, kommt schneller voran“ (Person 10).

Das Problem langer Studienzeiten von Studierenden, die das Studium als ‚Parkplatz’ begreifen, gilt jedoch nur für das Studium in Sizilien selbst, wohingegen dasjenige an einer nord- oder mittelitalienischen Universität immer mit einem erheblichen Kostenaufwand verbunden ist.

Gesprächspartner 18 aus Palermo hat sich zum Zeitpunkt seines Studienbeginns ganz bewusst für das Studium der Philosophie an der Mailänder Privatuniversität ‚Cattolica’ entschlossen, da nach seiner Einschätzung ein geisteswissenschaftliches Studium nur dann vielversprechende Berufsaussichten nach sich zieht, wenn man an einer sehr guten Universität studiert und somit einen qualifizierenden Abschluss erwirbt. Die beträchtliche finanzielle Investition für Studiengebühren sowie Unterkunft und Verpflegung in einer anderen Stadt hat sich für ihn schließlich rentiert, da er bei der Teilnahme am Einstellungswettbewerb für Lehrer in Sizilien als Bester abschnitt und ihm sogleich eine feste Stelle zugeteilt wurde.

Bei der Wahl des Hochschulstandorts greifen Selektionsmechanismen eher als bei der Abwanderung nach Studienende. Dies betrifft aufgrund höherer Unterhaltskosten und möglicher Studiengebühren an den Privatuniversitäten einerseits die soziale Selektion, [Seite 154↓]andererseits wird auch wiederholt darauf hingewiesen, dass sich gerade die besten Abiturienten für ein Studium in Nord- oder Mittelitalien entscheiden.

3.1.5 Zusammenfassung

Die Region Sizilien blickt auf eine lange Hochschultradition zurück, die den sizilianischen Universitätsstandorten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine monopolähnliche Stellung in der tertiären Bildungsversorgung des Mezzogiorno sicherte. Erst mit dem Aufbau weiterer Universitäten in den übrigen süditalienischen Regionen, insbesondere in der Nachbarregion Kalabrien, hat sich diese Situation verändert.

Die 1990er Jahre brachten für Sizilien eine erneute Phase des Hochschulausbaus, der durch die Errichtung dezentraler Standorte der bestehenden Hochschulen gekennzeichnet war. Dies Entwicklung trug einerseits den weiterhin ansteigenden Studierendenzahlen Rechnung, bedeutete aber andererseits eine stärkere Orientierung der universitären Studiengänge an den ökonomischen Potentialen der neu ausgewählten Standorte.

Während unter den sizilianischen Hochschulen lediglich die Universität Messina eine Attraktivität als Studienort für Studierende aus der Nachbarregion Kalabrien darstellt, frequentieren sizilianische Studierende Hochschulen in ganz Italien, wobei mit Rom und den traditionsreichen norditalienischen Universitäten deutliche regionale Schwerpunkte zu erkennen sind.

Die akademische Ausbildung ist im heutigen Sizilien kein Privileg einer städtischen Oberschicht mehr, sondern hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die Bevölkerung der gesamten Insel ausgebreitet. Dieser Prozess der Akademisierung ist zum einen durch eine räumliche Konzentration in den großen Städten, zum anderen durch eine Feminisierung der Universitätsausbildung gekennzeichnet, so dass heute nahezu die Hälfte aller sizilianischen Akademiker Frauen sind.

Mit dem Prozess der Massenausbildung geht aber auch eine verbreitete Geringschätzung des Hochschulabschlusses einher, die ihre Ursache in der sogenannten „Parkplatzfunktion“ italienischer Universitäten hat. Einerseits bringt zwar der Universitätsabschluss den Titel „dottore“ mit sich und damit auch ein starkes soziales Distinktionsmerkmal, andererseits findet man gerade im ländlichen Raum nur ein schwaches Bewusstsein für Bildung als Entwicklungspotential oder wirtschaftliche Ressource.

3.2 Erwerbsrealitäten von Hochschulabsolventen in Sizilien

Die gängigen statistischen Indikatoren zur Beschreibung der Erwerbssituation der Bevölkerung sind die Arbeitslosenquote und die Erwerbstätigenquote, denen eine [Seite 155↓]Klassifizierung der Bevölkerung in die Erwerbstätigen, die Arbeitslosen und die Stille Reserve zugrunde liegt. Solche Maßzahlen sind für internationale und interregionale Vergleiche unerlässlich, jedoch lassen sich mit ihrer Hilfe lediglich sehr verallgemeinernde Beschreibungen regionaler Disparitäten vornehmen. Hierbei stellt sich die Frage, ob sie tatsächlich die beiden Phänomene ‚Arbeit’ und ‚Arbeitslosigkeit’ in allen soziokulturellen Kontexten gleichermaßen adäquat abzubilden vermögen.

Zumindest in der angelsächsischen Debatte einer Geographie der Arbeit ist die binäre Opposition zwischen ‚Arbeit’ und ‚Arbeitslosigkeit’, welche den genannten statistischen Indikatoren zugrunde liegt, in der Diskussion um postindustrielle Arbeitsmärkte in Frage gestellt worden (vgl. z.B. Green/Turok 2000). Die Kritik lautet, dass die Beschreibungskategorien des sogenannten dichotomen Beschäftigungsmodells auf den modernen, männlichen Industriearbeiter zugeschnitten und für die Repräsentation der wachsenden Anzahl flexibler Beschäftigungsformen in postindustriellen Gesellschaften nicht länger adäquat seien.

Die Problematik der unzureichenden Beschreibungsqualität dieses dichotomen Arbeitsmodells wurde auch in Forschungen zur Erwerbsarbeit in Italien und insbesondere im italienischen Mezzogiorno wiederholt hervorgehoben, also im Kontext sogenannter präindustrieller Gesellschaften. Namuth stellt in ihrer Dissertation über den italienischen Arbeitsmarkt fest, dass das Phänomen der Arbeitslosigkeit an den kulturellen Kontext der Industriegesellschaften gebunden ist:

„Das Phänomen der Arbeitslosigkeit ist ein Produkt der industrialisierten Gesellschaften. Vor der Industriearbeit, die sowohl die lohnabhängige Beschäftigung als auch die Figur des Arbeitslosen schuf, gab es wohl den Begriff der Armut (poverty), aber nicht die Verbindung von Mittellosigkeit und Ausschluß aus dem Produktionsprozeß“ (Namuth 1992: 58).

Ein ähnlicher Verweis findet sich bei Reyneri (1996: 40), der in seinem italienischsprachigen Lehrbuch zur Soziologie des Arbeitsmarktes hervorhebt, dass die beiden statischen Beschreibungskategorien ‚beschäftigt’ und ‚arbeitslos’ für den Vergleich zwischen den altindustrialisierten Räumen mit großen Industriebetrieben in Norditalien und den traditionell landwirtschaftlich geprägten Gebieten im Süden des Landes ungeeignet seien, da sie die Komplexität der Beschäftigungsverhältnisse in Süditalien und den beiden Inseln nicht angemessen abbilden.

Erwerbsarbeit ist in Gesellschaften, welche in den Prozess der Industrialisierung im wesentlichen passiv einbezogen wurden, sehr viel stärker mit anderen Lebensbereichen verknüpft. In Bezug auf Sizilien schrieb hierzu die französische Geographin Rochefort bereits 1961 in ihrer sozialgeographischen Dissertation zum Thema ‚Arbeit in Sizilien’ (Le travail en Sicile):

„Der Übergang zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, zwischen Arbeitslosigkeit und Freizeit und zwischen Arbeit und Freizeit geschieht durch eine Reihe von weichen [Seite 156↓]Übergängen, so dass das aktuelle Konzept der ‚Vollzeitbeschäftigung’ kaum von der Bevölkerung verstanden wird“73 (Rochefort 1961: 5, Übersetzung HJ.).

Im folgenden wird die Erwerbssituation der Hochschulabsolventen in Sizilien zunächst mit den Kategorien des dichotomen Beschäftigungsmodells beschrieben, bevor im zweiten Schritt eine differenziertere Betrachtung des Phänomens der Arbeit sizilianischer Hochschulabsolventen erfolgt.

3.2.1 Der akademische Arbeitsmarkt in Sizilien in den 1990er Jahren

Die Bildungsexpansion im tertiären Sektor hat gerade in den 1990er Jahren in Sizilien zu einer kontinuierlich steigenden Zahl von Akademikern geführt. Den offiziellen Erwerbsstatistiken zufolge ist deren Anzahl zwischen 1993 und 2000 um über 70.000 angestiegen, was einem Zuwachs um 36% entspricht; gleichzeitig ist eine Zunahme in der Erwerbsbevölkerung um über 50.000 Akademiker zu beobachten. Wenngleich die Beschäftigungssituation der Akademiker in Sizilien und im italienischen Mezzogiorno weiterhin als vergleichsweise entspannt zu bewerten ist, so wurde der rapide Beschäftigungsanstieg um über 41.000 Akademiker (entspricht +29%) von einem Anstieg der Zahl der Akademiker ohne Beschäftigung um über 30.000 begleitet.

Tabelle 14: Entwicklung der Erwerbssituation sizilianischer Akademiker zwischen 1993 und 2000

Akademiker in Sizilien

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

1993-2000

Erwerbstätige

143.612

146.479

147.043

157.703

168.177

176.570

187.025

184.988

+41.376

+29%

Arbeitslose

9.700

11.630

13.301

16.617

16.199

19.333

18.430

18.946

+9.246

+95%

Erwerbspersonen

153.312

158.109

160.344

174.320

184.376

195.903

205.455

203.934

+50.622

+33%

Nichterwerbspersonen

42.560

41.434

44.529

51.744

55.868

55.499

60.236

62.732

+20.172

+47%

Bevölkerung nur Akademiker

195.872

199.543

204.873

226.064

240.244

251.402

265.691

266.666

+70.794

+36%

Akademiker in Sizilien

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

1993-2000

Arbeitslosenquote

6,3 %

7,4 %

8,3 %

9,5 %

8,8 %

9,9 %

9,0 %

9,3 %

 

+3,0 %

Erwerbstätigenquote

73,3 %

73,4 %

71,8 %

69,8 %

70,0 %

70,2 %

70,4 %

69,4 %

 

-3,9 %

Erwerbsquote

78,3 %

79,2 %

78,3 %

77,1 %

76,7 %

77,9 %

77,3 %

76,5 %

 

+1,8 %

Datenquelle: ISTAT, Forze di lavoro 1993-2000; Berechnung H. Jahnke 2004.

Rein statistisch mündet die Akademisierung der Bevölkerung lediglich zu etwas mehr als der Hälfte in einer Beschäftigung, denn gleichzeitig steigt die Zahl der [Seite 157↓]Nichterwerbspersonen mit einem akademischen Titel um über 20.000 und die Zahl der arbeitslosen Akademiker um über 9.000. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist der Rückgang der Akademikererwerbstätigenquote von 73,3% auf 69,4% und ein gleichzeitiger Anstieg der Akademikerarbeitslosenquote von 6,3% auf 9,3% mit einem Höhepunkt von 9,9% im Jahr 1998. Die Akademikerinnenarbeitslosenquote ist hierbei mit 13,1% (entspricht 11.973 Personen) deutlich höher als diejenige der männlichen Kollegen.

Vor dem Hintergrund des Anstiegs der allgemeinen Arbeitslosenquote in Sizilien von 19,3% im Jahr 1993 auf 24,0% im Jahr 2000, ist die negative Entwicklung des Akademikerarbeitsmarktes sogar noch verhalten, so dass sich trotz gestiegener Akademikerarbeitslosigkeit die relative Erwerbssituation der Akademiker sogar verbessert hat.

Im Vergleich zur Erwerbssituation der Akademiker in Sizilien erwies sich diejenige der Universitätsabsolventen während der gesamten 1990er Jahre als wesentlich problematischer. Zum Zeitpunkt der ersten Absolventenbefragung der 1990er Jahre (1991) waren drei Jahre nach Studienabschluss zwar noch über 66% der Absolventen in Sizilien beschäftigt, deren Anteil ging aber bei der Befragung 1995 auf knapp über 54% zurück und näherte sich 1998 wieder dem Wert von 60%. Spiegelbildlich erreichte die Arbeitslosenquote 1995 mit knapp 40% ihren Höhepunkt, bevor sie am Ende der 1990er Jahre wieder langsam zurückging.

Abbildung 22: Erwerbstätigenquoten und Arbeitslosenquoten der Absolventen mit Wohnsitz in Sizilien und im Mezzogiorno jeweils drei Jahre nach Studienende

Anmerkung: Die regionale Zuordnung bezieht sich auf die Region des Wohnsitzes zum Zeitpunkt der Befragung
Datenquelle: ISTAT – diverse Hochschulabsolventenbefragungen; eigene Auswertung und Darstellung.

Die Arbeitslosenquoten von Hochschulabsolventen in Sizilien drei Jahre nach Studienabschluss bleiben mit über 40% auf einem hohen Niveau, die regionalen Werte liegen jedoch unterhalb derjenigen des übrigen Mezzogiorno.


[Seite 158↓]

3.2.2  Erwerbssituation sizilianischer Hochschulabsolventen zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit

Als Alternative zum bisher verwendeten dichotomen Arbeitsmarktmodell haben Accornero und Camignani bereits in den 1980er Jahren das Modell des mobilen Kontinuums entwickelt. Die Autoren schlagen vor, zur Repräsentation der Erwerbsrealitäten in Italien die klassische Dichotomie von ‚innerhalb’ und ‚außerhalb’74 des Arbeitsmarktes durch das Modell eines ‚mobilen Kontinuums’ zu ersetzen, welches sich dreier Begriffspaare bedient, um die Arbeitsmarktpositionen der Erwerbsbevölkerung adäquater beschreiben zu können (vgl. Namuth 1992: 138).

Abbildung 23: Beschreibungskategorien des Arbeitsmarktmodells des „mobilen Kontinuums“

Quelle: Accornero/Camignani, nach Namuth 1992: 138.

Der Fragebogen der Absolventenbefragung des Jahres 1995 berücksichtigt die Kategorien dieses Modells, so dass die Befragungsergebnisse eine genauere Analyse der Arbeitsmarktposition der Betroffenen drei Jahre nach Studienabschluss ermöglichen. Neben den Kategorien ‚beschäftigt’, ‚arbeitslos’ und ‚arbeitsuchend’ wurden noch die Beschäftigungsform, der zeitliche Umfang der Beschäftigung, Nebentätigkeiten sowie die Einbindung in Weiterbildungsmaßnahmen erfragt.

Teilt man dem dichotomen Arbeitsmarktmodell folgend die 7.259 Hochschulabsolventen des Jahres 1995 mit Wohnsitz in Sizilien in die gegebenen Kategorien ‚beschäftigt’, ‚ohne Beschäftigung’ und ‚Stille Reserve’, so ergibt sich eine Verteilung von 59,4% Beschäftigten (entspricht 4.313) und 40,6%, die angeben, keiner Erwerbsarbeit nachzugehen. Von Letzteren gehört ein geringer Anteil (6,4% der Gesamtheit) der ‚Stillen Reserve’ an, also denjenigen, die nach eigenen Angaben nicht aktiv Arbeit suchen (vgl. Fassmann/Meusburger 1997: 86).

Entsprechend diesem Modell sind in Abbildung 23 die sizilianischen Absolventen des Jahres 1995 nach ihrer Position auf dem Arbeitsmarkt im Jahr 1998 dargestellt. Die Größe der Quadrate symbolisiert die prozentuale Verteilung der einzelnen Subgruppen in Sizilien. Die weißen Quadrate stellen den Anteil derjenigen dar, die nach eigenen Angaben keinerlei Beschäftigung nachgehen, die schwarzen denjenigen der fest Angestellten. Diese beiden Kategorien repräsentieren somit die beiden Idealtypen des dichotomen Modells in ihrer Reinform.


[Seite 159↓]

Darüber hinausgehend wurde hier eine dritte Kategorie (grau) eingeführt, welche all diejenigen umfasst, die sich zum Zeitpunkt der Befragung weder eindeutig der Gruppe der fest Angestellten noch der Gruppe derjenigen ohne jegliche Beschäftigung zuordnen lassen und im folgenden als Hybride bezeichnet werden. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise die Arbeitslosen in Weiterbildungsmaßnahmen, die gelegentlich oder saisonal Beschäftigten, die irregulär Beschäftigten, aber auch Festangestellte in Weiterbildungsmaßnahmen oder doppelt Beschäftigte.

Abbildung 24: Erwerbssituation sizilianischer Hochschulabsolventen des Jahres 1995 im Jahr 1998 nach dem dichotomen Arbeitsmarktmodell und nach dem Modell des mobilen Kontinuums

Datenquelle: ISTAT, Inserimento professionale dei laureati : Indagine 1998; Auswertung und Darstellung H. Jahnke 2004.

Nach diesen Zuordnungskategorien befindet sich die Mehrheit der 7.261 Absolventen in Sizilien (66,8%) in diesen hybriden Beschäftigungsverhältnissen und nur ein Drittel ist eindeutig einer der beiden Kategorien des dichotomen Modells zuzuordnen. Drei Jahre [Seite 160↓]nach Studienabschluss arbeitet lediglich jeder Achte (12,9%) in einer festen Anstellung, 8,4% in einer befristeten Anstellung; 17,4% sind selbständig und 17,8% nehmen zum Befragungszeitpunkt an einer Weiterbildung teil. Einer von fünf Befragten (20,3%) gibt an, gar keiner Beschäftigung nachzugehen. Darüber hinaus befindet sich mehr als jeder neunte Absolvent noch neben seiner Beschäftigung als Angestellter oder Selbständiger zusätzlich in einer Weiterbildungsmaßnahme, mehr als 6% arbeiten in irregulären Beschäftigungsverhältnissen, fast 5% arbeiten gelegentlich oder saisonal.

Die Analyse der Daten der Absolventenbefragung nach dem Modell des mobilen Kontinuums verdeutlicht, dass die klassischen Arbeitsmarktstatistiken die Erwerbsrealitäten der Mehrheit der sizilianischen Hochschulabsolventen nicht angemessen abbildet. Die ‚Hybriden’ befinden sich zum Befragungszeitpunkt in Arbeitsmarktpositionen, die - in Bezug auf den formalisierten Arbeitsmarkt - weder als ‚drinnen’ noch als ‚draußen’ bezeichnet werden können. Hinter der berechneten Arbeitslosenquote von 36,6% verbirgt sich folglich eine Realität der Erwerbsbeschäftigungen (zum Zeitpunkt der Befragung), derzufolge zunächst ‚nur’ jeder Fünfte tatsächlich keiner Beschäftigung nachgeht, wohingegen die deutliche Mehrheit von zwei Dritteln von den idealtypischen Beschreibungskategorien des dichotomen Arbeitsmarktmodells nicht adäquat erfasst werden. Die Grenzziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeit verschleiert gewissermaßen diesen Teil der Erwerbsrealitäten junger sizilianischer Hochschulabsolventen zum Zeitpunkt der Befragung.

3.2.3 Langsamer Übergang vom Studium ins Arbeitsleben

Neben der Grenzziehung zwischen den Bereichen ‚Beschäftigung’ und ‚Arbeitslosigkeit’, die sich als synchrone Grenze der Arbeit bezeichnen ließe, gibt es noch eine weitere Grenze, die in einer zeitlichen Sukzession die beiden Lebensbereiche Studium und Arbeitswelt voneinander trennt. Der ‚Übergang vom Studium in das Erwerbsleben’, den beispielsweise die Dissertation von Rolfes (1996) über den Arbeitsmarkt junger Akademiker suggeriert, impliziert zwei unterschiedliche Lebensphasen, die in den Biographien junger Hochschulabsolventen zeitlich nacheinander auftreten. Absolventenbefragungen, deren Ziel die Untersuchung dieses Übergangs darstellt, werden daher in der Regel etwa zwei bis drei Jahre nach Studienende durchgeführt, da davon ausgegangen wird, dass zu diesem Zeitpunkt der Übergang bereits abgeschlossen ist.

Wie die Analyse der Befragungsergebnisse für die sizilianischen Hochschulabsolventen jedoch zeigt, weicht der tatsächliche Übergang vom Studium in die Arbeitswelt deutlich von dieser modellhaften Vorstellung ab. Vielmehr zeigt sich auch hier, dass der idealtypische Ablauf Studienende – Arbeitsuche – Arbeitsleben, eher die Ausnahme darstellt: 42,3% der sizilianischen Absolventen haben bereits während des Studiums gearbeitet. Von diesen übt jeder Vierte (10,7% von allen) noch drei Jahre nach Studienende die gleiche Tätigkeit aus. Aus Sicht der Beschäftigten betrachtet, hat jeder Fünfte von diesen die gleiche Tätigkeit bereits während des Studiums ausgeübt. Bei den [Seite 161↓]Festangestellten steigt deren Anteil auf etwa ein Drittel; ein wenig höher ist diese Zahl bei den irregulär Beschäftigten. Selbst unter den selbständig Arbeitenden ging jeder Sechste seiner Aktivität bereits während des Studiums nach.

Abbildung 25: Übergang vom Studium in das Arbeitsleben – Modell und Realität sizilianischer Absolventen

Datenquelle: ISTAT: Inserimento professionaliedei laureati : Indagine 1998; Auswertung und Darstellung H. Jahnke 2004.


[Seite 162↓]

In den drei Jahren nach Studienende – der klassischen Suchphase – haben über 35% der sizilianischen Absolventen bereits Arbeitserfahrungen gemacht. Etwas höher liegt der Anteil derjenigen, die im Rahmen einer Weiterbildung ihre Studienphase weiter ausgedehnt haben (37,2%). Auch die Arbeitsuche endet bei der Mehrheit der Befragten nicht mit der Arbeitsfindung: mehr als zwei Drittel (67,1%) der befragten Sizilianer geben an, eine Arbeit zu suchen.

Der Anteil der Suchenden variiert erwartungsgemäß mit der aktuellen Beschäftigungssituation: bei den Nichtbeschäftigten lag er in Sizilien bei 84,3%, aber auch unter den Beschäftigten und Selbständigen suchte mehr als die Hälfte (55,3% bzw. 53,2%) eine neue Arbeit. Selbst bei den fest Angestellten in einem unbefristeten Anstellungsverhältnis lag der Anteil der Suchenden noch bei 41,4%.

Diese Zahlen verdeutlichen, dass sich für die meisten Hochschulabsolventen in Sizilien der Übergang vom Studium in das Arbeitsleben weniger stark als Einschnitt manifestiert, als dies die modellhafte Vorstellung von der Sukzession unterschiedlicher Lebensphasen suggeriert. Die zeitliche Abfolge von ‚Studienleben – Arbeitssuchphase – Arbeitsleben’ trifft bei den Hochschulabsolventen in Sizilien nur in den seltensten Fällen zu. Vielmehr konnte gezeigt werden, dass bei der Mehrheit der Befragten alle drei Bereiche in zeitlicher Parallelität ablaufen, wenngleich mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Arbeitssuche beginnt formal häufig schon in der Schulzeit, faktisch oft mit dem Studienbeginn, tritt nach dem Studienende in den Vordergrund und hält auch nach der Arbeitsfindung weiter an. Zudem arbeiten einerseits viele Sizilianer schon während des Studiums und verbleiben auch nach Studienende in dieser Tätigkeit, andererseits partizipiert ein steigender Absolventenanteil an Weiterbildungsmaßnahmen und verlängert somit die eigentliche Studienphase. Aus Sicht der betroffenen Akteure bedeutet diese Erwerbsrealität, dass in der Praxis das Ende des Studiums sehr viel weniger als ein Moment der Entscheidung erlebt wird, von dem aus eine neue Richtung eingeschlagen werden muss.

3.2.4 Hybride Beschäftigungsformen zwischen Arbeit und Familie

Auch die Abgrenzung zwischen Arbeit bzw. Arbeitsleben und Familie bzw. Privatleben findet sich in der Beschäftigungspraxis nicht in der dichotomen Trennung wieder, welche die Opposition der Begriffe impliziert75. Bis heute hat sich die italienische Familie als ökonomische und soziale Funktionseinheit erhalten, wobei vor allem im ländlichen Raum die agrarische Produktion den wirtschaftlichen Mittelpunkt bilden kann. Gleichwohl ist auch hier eine zunehmende Verlagerung auf Aktivitäten außerhalb der Landwirtschaft zu beobachten. Dessen ungeachtet bleiben viele Familien auch nach einem Umzug in die Stadt ökonomisch und soziologisch mit der Landwirtschaft verbunden (vgl. Bagnasco 1988: 53; Namuth 1992: 151f.).


[Seite 163↓]

In der soziologischen Literatur über Italien wird unterschieden zwischen dem Typus der ‚nuklearisierten Familie’, also der modernen Kleinfamilie (in Norditalien vorherrschend), und dem Typus der ausgedehnten Familie (im Dritten Italien und im Mezzogiorno vorherrschend), die mehr als zwei Generationen umfasst. Während im sogenannten ‚Dritten Italien’ die ausgedehnte Familie häufig als Produktionsgemeinschaft fungiert, besitzt die Familie im Mezzogiorno die Integration der Einkommen der einzelnen Familienmitglieder als Ziel. Nicht soziale Mobilität (wie im Norden des Landes) steht hier im Vordergrund, sondern vielmehr die Integration aller Einkommen der Familienmitglieder als Überlebensstrategie. Produktion erfolgt im Mezzogiorno häufig für den Eigenverbrauch, und die Figur des Hauptverdieners als Doppelbeschäftigter in der verarbeitenden Industrie und in der eigenen Landwirtschaft ist weit verbreitet. In den Großstädten des Südens ist die Beschäftigung in der öffentlichen Verwaltung und in der Bauindustrie zudem eine häufige Einnahmequelle (vgl. Namuth 1992: 151f.).

Die Organisation der Familie als Produktionseinheit äußert sich beispielsweise in einem gemeinsamen Familienbudget, aus dem Investitionen einzelner Familienmitglieder bezahlt werden müssen. Dies betrifft auch Studienentscheidungen an einer auswärtigen Universität oder Formen der Selbständigkeit, die im Familienverband organisiert werden müssen, da sie in der Regel mit größeren finanziellen Investitionen verbunden sind.

Mehrere Interviewte sprechen fast beiläufig von den familiären Erwerbsbetrieben, die häufig mit der landwirtschaftlichen Produktion in Verbindung stehen. Person 13 und Person 14 aus Caccamo, Person 19 aus Salemi, und zwei Interviewpartner aus Milena (Person 8 und Person 9) berichten von ihren Familienbetrieben, in denen Oliven angebaut und weiterverarbeitet werden. Als Familienmitglieder sind sie auch nach dem Hochschulabschluss – wenngleich in unterschiedlichem Maße – aktiv in den Produktions- und Planungsprozess involviert.

Von den Familienbetrieben wird fast ausschließlich in der ‚Wir’-Form gesprochen. Der anfänglichen Nachfrage des Interviewers, ob es das eigene Unternehmen oder ein Familienbetrieb sei, wurde von den Befragten meist mit Unverständnis begegnet: denn der Familienbetrieb gehört der Familie und wird vom Familienoberhaupt geleitet, wie ein junger Wirtschaftswissenschaftler aus Salemi beschreibt:

„Schon seit meiner Kindheit haben wir ihn [den Betrieb, HJ.] langsam aufgebaut, folglich wird er von meinem Vater geleitet. Wenn ich selbst nicht dort mitarbeiten kann, versuche ich Arbeiter hinzuschicken, ich versuche also auch ihn zu leiten, auch wenn ich manchmal mehr Zeit investiere. Ich bezweifle aber stark, ob ich ihn weiterführen werde. Abgesehen davon, dass wir drei Kinder sind, also ich... dann meine Schwester, aber die ist in diesem Bereich nicht besonders kompetent, und mein Bruder, der aber viel jünger ist als ich und noch studiert. Also bin ich derzeit der Einzige, der meinem Vater helfen kann. Auch wenn in der Zukunft auch mein Bruder in Frage käme […] Zusammen mit meinem Vater führe ich auch den landwirtschaftlichen Betrieb, denn mein Vater ist schon pensioniert und der Betrieb ginge sonst verloren. Also verbringe ich die notwendige Zeit hier, und wenn ich frei habe, gehe ich dorthin, um den Betrieb voranzubringen“ (Person 19).

Auch die Aufnahme oder Beendigung der Selbständigkeit eines jungen Hochschulabsolventen wird gewissermaßen per Familienbeschluss entschieden. Interviewpartner 34 hat beispielsweise über mehrere Jahre versucht, sich als Agrarwissenschaftler in Palermo selbständig zu machen und eine eigene Beratungsfirma zu gründen. Dazu benötigte er eine eigene angemietete Wohnung mit Büroraum in zentraler Lage der Stadt sowie eine Grundausstattung von Möbeln und Büromaterialien. Seine Phase der Selbständigkeit wurde als Familieninvestition verstanden, und folglich [Seite 164↓]auch in Absprache mit der Familie wieder abgebrochen, nachdem sie sich über einen längeren Zeitraum als unrentabel erwiesen hatte.

3.2.5 Zusammenfassung

Betrachtet man die Erwerbsrealitäten junger sizilianischer Hochschulabsolventen, die sich hinter dem statistischen Befund der Arbeitslosigkeit verstecken, so erweist sich das Phänomen der Arbeit selbst als eine „Kunst des Überlebens mit Hilfe von tausend Beschäftigungen“ (Reyneri 1984: 20, zit. bei Giordano 1992: 259), wie sie für den italienischen Mezzogiorno charakteristisch ist. Dabei weisen die Beschäftigungsformen befragter Absolventen zumindest im ländlichen Raum ein hohes Maß an Flexibilität und Selbständigkeit auf, wie es für extraindustrielle bzw. extramoderne Gesellschaften charakteristisch ist.

Aus der Sicht der Absolventen selbst sind die Übergänge zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit, Studium und Arbeit sowie zwischen dem Privatleben in der Familie und der Arbeit sehr viel weicher, als dies in Industriegesellschaften der Fall ist. Folglich ist der Moment des Studienendes weniger als Weichenstellung zwischen dem ‚Eintritt in das Arbeitsleben’ oder dem ‚Eintritt in die Arbeitslosigkeit’ zu verstehen. Viele Absolventen wissen die Frage, ob sie nun ‚arbeitslos’ oder ‚beschäftigt’ seien, nicht einmal zu beantworten, da die eindeutigen Zuordnungskriterien der Statistischen Ämter zu weit von ihren eigenen Erwerbsrealitäten entfernt sind. Selbst die gesellschaftlichen Institutionen, in denen sie sich bewegen, sprechen diesbezüglich keine eindeutige Sprache, da sie aufgrund der vielen Beschäftigungsfördermaßnahmen die Gelichzeitigkeit von formeller Arbeitslosigkeit und tatsächlicher Beschäftigung zulassen. Dies zeigt das folgende Kapitel.

3.3 Institutionelle Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit junger Hochschulabsolventen

Der Übergang vom Studium in das Erwerbsleben wird in starkem Maße durch die institutionellen Rahmenbedingungen gesteuert, deren Anspruch und alltägliche Praxis das Verhalten der befragten Hochschulabsolventen mitbestimmen. Nach Studienende wird beispielsweise der Moment des Eintritts in die Arbeitslosigkeit erst mit dem Gang zum Arbeitsamt als Realität eindeutig erfahrbar. Ebenso können sich die Praktiken der Vergabe von Stellen im öffentlichen Dienst auf die räumliche Mobilität auswirken.

Gerade die zweite Hälfte der 1990er Jahre war nach der Beschäftigungskrise zu Beginn des Jahrzehnts durch eine Reihe von Beschäftigungsmaßnahmen gekennzeichnet, deren oberste Priorität dem Abbau der Jugendarbeitslosigkeit im italienischen Mezzogiorno und damit auch in Sizilien eingeräumt wurde. Wenngleich die Teilnahme an diesen Programmen nicht auf die Gruppe der Hochschulabsolventen beschränkt war, so stellten sie doch eine wichtige Zielgruppe der Programme dar. Im Folgenden werden die [Seite 165↓]institutionellen Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit unter dem Aspekt der Auswirkungen auf das Erwerbs- und Mobilitätsverhalten der Hochschulabsolventen untersucht.

3.3.1 Posto und concorso

Für viele Menschen im Mezzogiorno, so auch für die Hochschulabsolventen, ist die unbefristete Stelle im öffentlichen Dienst, der sogenannte posto, die ideale berufliche Situation (sistemazione) (Giordano 1992: 254). Für Akademiker führt der Weg zur Anstellung auf Lebenszeit in der Regel über einen Einstellungswettbewerb, dem ein mehrstufiges Auswahlverfahren zugrunde liegt. Posto für Akademiker bedeutet zum einen die beliebte Anstellung als Lehrer in einer öffentlichen Schule, zum anderen aber auch unterschiedliche Anstellungen in öffentlichen Verwaltungen, so zum Beispiel auf Gemeinde-, Provinz- oder Regionalebene. Dort gibt es auch Stellen, die vorwiegend nach sozialen Kriterien durch die Uffici di collocamento (s.u.) vergeben werden, wobei es sich hierbei fast ausnahmslos um Stellen mit einem niedrigen Qualifikationsniveau (Pflichtschulabschluss) handelt. Diese Option des bewussten Brain waste halten sich jedoch erstaunlich viele Akademiker in Sizilien offen.

Interviewpartnerin 21 aus Santa Ninfa hat durch die Teilnahme an einem concorso eine Stelle als Verkehrspolizistin gefunden. Wenngleich dieser Beruf in keinem Zusammenhang mit ihren Hochschulabschluss steht, ist die studierte Juristin mit der finanziellen Sicherheit dieser Stelle sehr zufrieden. Langfristig hofft sie, durch eine interne Verwaltungslaufbahn innerhalb der Polizeihierarchie aufsteigen zu können und dann eine ausbildungsadäquate Stelle bekommen zu können.

In der Tat erweist sich der concorso auch für die Hochschulabsolventen von 1995 als erfolgreiches Modell: immerhin geben 18,6% der beschäftigten Absolventen, die ursprünglich aus Sizilien kommen, an, ihre derzeitige Beschäftigung über einen concorso gefunden zu haben76. Auch für die weitere Stellensuche ist die Teilnahme an solchen Wettbewerben einer der wichtigsten Kanäle: von den 4.211 beschäftigten Absolventen suchen 2.247 eine neue Beschäftigung, von denen wiederum 1.435 (entspricht 63,9%) angeben, an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen. Noch größer ist die Teilnahme unter den arbeitslosen sizilianischen Absolventen, die zu fast drei Vierteln (73,6%, nämlich 1.829 von 2.484) auf diesem Weg versuchen, eine Erwerbsbeschäftigung zu finden.

Während sich in Medizin, Jura, Wirtschaftswissenschaft, Agrar- und Ingenieurswissenschaft Stellen im öffentlichen Dienst beispielsweise in Ministerien, lokalen oder regionalen Verwaltungsstellen anbieten, ist für Pädagogen, Geistes- und Naturwissenschaftler sowie Politik- bzw. Sozialwissenschaftler die Anstellung als Lehrer die vorrangige Berufsperspektive. Darüber hinaus bewerben sich aber auch Absolventen anderer Fachbereiche, z.B. Agrarwissenschaftler und Architekten für diese Stellen. Die [Seite 166↓]Teilnehmerzahlen des letzten Lehrer-concorso beweisen, dass Lehrerstellen für Absolventen fast aller Fachbereiche beliebt sind.

Die Rekrutierung von Lehrern in den staatlichen Schuldienst erfolgte in Italien bis zum Ende der 1990er Jahre auf der Basis von landesweiten concorsi, die in unregelmäßigen Abständen in den einzelnen Provinzen des Landes durchgeführt werden. Auf der Basis dieser Prüfungsergebnisse können sich die Teilnehmer auf offene Lehrerstellen in einzelnen Regionen bewerben, bzw. sich auf eine Warteliste (sog. 'graduatoria') setzen lassen, bis ihnen eine feste Lehrerstelle angeboten wird. Während für die Bewerbung auf Stellen als Sekundarschullehrer die laurea (Universitätsabschluss) eine notwendige Bedingung ist, reicht für die Stellen als Kindergärtner und Grundschullehrer der Abschluss einer scuola magistrale (Institution für die Ausbildung von Erziehern), bzw. eines istituto magistrale (Institution für die Ausbildung von Grundschullehrern) aus.

Seit 1990 hatte es in Italien keinen weiteren concorso a cattedra (Einstellungswettbewerb für Sekundarschullehrer) und lediglich einen einzigen für Kindergärtner und Grundschullehrer gegeben, so dass inzwischen in den meisten Regionen die Wartelisten des 1990er concorso abgearbeitet worden waren. Viele Lehrerstellen wurden zudem in der Zwischenzeit gestrichen oder waren unbesetzt geblieben. Gleichzeitig hatte sich seit 1991 eine hohe Zahl junger Universitätsabsolventen mit dem Berufsziel des Lehrers angesammelt, die seit Jahren auf die Ausschreibung des nächsten concorso a cattedra gewartet hatten und in der Zwischenzeit mit Zeitverträgen als precari (wörtl. „Vorläufige“) bzw. mit Vertretungsstunden (supplenze) oder berufsfremden Beschäftigungen ihren Unterhalt verdienten.

Erst Bildungsminister Luigi Berlinguer beschloss einen massiven Stellenausbau an den italienischen Schulen und ließ 1999 concorsi für Kindergärtner, Primar- und Sekundarschullehrer durchführen, zu denen sich im Mai 1999 insgesamt etwa 1,4 Mio. Kandidaten anmeldeten. Nach Auswertung der schriftlichen und mündlichen Prüfungen wurden in den darauf folgenden Schuljahren 2000-01 und 2001-02 landesweit jeweils 30.000 Lehrer neu eingestellt, von denen nach gesetzlicher Vorgabe die Hälfte auf der Basis der Ergebnisse des sogenannten 'concorsone', die andere Hälfte an precari (Lehrer mit befristeten Verträgen) vergeben wurden, bzw. Lehrer die bereits an mindestens 360 Tagen supplenze in Schulen gemacht hatten77.

Der ‚Jahrhundert-Wettbewerb’ war für die Sekundarschullehrer der letzte concorso seiner Art, da seit 2002 nicht mehr das Prüfungsergebnis entscheidend ist, sondern die erfolgreiche Teilnahme an einer der neu gegründeten scuole di specializzazione per l'insegnamento secondario (SSIS). Im Jahr 2000 wurden die ersten SISS eingerichtet, welche zwar in die Universitäten eingegliedert sind, gleichzeitig aber in Zusammenarbeit mit den regionalen Schulbehörden betrieben werden. Damit entspricht diese zweijährige [Seite 167↓]Ausbildung einer Mischform aus dem in Deutschland üblichen Referendariat und einem Aufbaustudiengang.

Viele Absolventen haben sich daher bereits im Vorfeld bemüht, ihre Chancen nicht nur durch mehrmonatige Prüfungsvorbereitung, sondern auch durch den Erwerb zusätzlicher Qualifikationen (titoli) etwa durch Praxiserfahrung in Schulen zu verbessern. Hierzu haben mehrere Interviewte entweder zeitlich befristete Vertretungen in öffentlichen Schulen gemacht, oder für ein geringes Entgeld in Privatschulen unterrichtet.

3.3.2 Uffici di collocamento

Die uffici di collocamento erfüllen ähnliche Funktionen, wie die Arbeitsämter in Deutschland, da auch sie – zumindest ihrem Anspruch nach – das Ziel der Vermittlung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verfolgen. Durch sie werden vor allem Stellen in der öffentlichen Verwaltung sowie in großen privatwirtschaftlichen Unternehmen vermittelt, die unter bestimmten Bedingungen gezwungen sind, auch einen festgelegten Prozentsatz an Langzeitarbeitslosen von den Wartelisten der Arbeitsämter einzustellen. Die Vermittlungspraxis erfolgt auf der Basis sogenannter graduatorie, d.h. Ranglisten, in denen alle Personen mit einem bestimmten Qualifikationsniveau nach ihrem Punktestand aufgeführt wurden. Der Punktestand ermittelt sich nach der Dauer der gemeldeten Arbeitslosigkeit (anzianità), der familiären Belastung (z.B. abhängige Kinder, pflegebedürftige Eltern etc.), der ökonomischen Dringlichkeit und dem Alter der Person.

Dieses System der öffentlichen Stellenvermittlung arbeitet mit einer bemerkenswerten Transparenz. Beispielsweise gibt es auf der Homepage des sizilianischen assessorato regionale del lavoro, della previdenza sociale, della formazione professionale e dell’emigrazione einen Online-Rechner, in den jeder Interressierte seine Daten eingeben kann, um seine persönliche Punktzahl zu ermitteln78. Verfolgt der Betroffene darüber hinaus, für welche Punktzahl bestimmte Stellen in einzelnen uffici di collocamento vermittelt werden, können sich Stellensuchende ein sehr gutes Bild über die eigenen Einstellungschancen machen und eventuell eine strategische Ummeldung des Wohnsitzes in den Bereich eines anderen Arbeitsamtes vornehmen. In manchen lokalen uffici di collocamento hängen diese Listen sogar als Computerausdrucke aus, so dass für jeden Bewohner der Gemeinde ersichtlich ist, wer innerhalb einer bestimmten Qualifikationsgruppe aktuell den höchsten Punktestand besitzt und somit die nächste frei werdende Stelle angeboten bekommen wird. Der Autor hat dies beispielsweise im ufficio di collocamento in Bronte (Provinz Catania) beobachtet, wo die Wände des Warteraums mit Namenslisten zugehängt waren, die dem damaligen Punktestand entsprechend geordnet waren.

Die Praxis der Arbeitsvermittlung durch die uffici di collocamento richtet sich – zumindest im Bereich der niedrig qualifizierten Arbeit – primär nach sozialen Kriterien: aufgrund [Seite 168↓]der geschilderten Gewichtung der Sozialpunkte erfolgt die Stellenzuteilung zunächst an den Familienvorstand (capo famiglia) bedürftiger Familien. Diese Vergabepraxis führt schließlich dazu, dass es nur wenige Familien gibt, in denen alle Mitglieder arbeitslos sind. Einen bestehenden Familienverband vorausgesetzt, ist die soziale und ökonomische Belastung der Arbeitslosigkeit damit für alle Familien erträglich. Andererseits bedeutet diese Vermittlungspraxis aber auch, dass in Regionen mit hoher Erwerbslosigkeit junge Leute von diesem Segment des Arbeitsmarktes systematisch ausgeschlossen werden. Dies erklärt einen Teil der extrem hohen Arbeitslosigkeit unter niedrig qualifizierten Jugendlichen in Italien.

Aufgrund der aktuell geringen Einstellungszahlen im öffentlichen Dienst erfüllen die uffici di collocamento in der Praxis im wesentlichen die Rolle der Verwaltung von Arbeitslosigkeit, so dass sie am Ende der 1990er Jahre sukzessive durch die sogenannten Agenzie per l’impiego ersetzt wurden, von denen eine aktivere Vermittlungstätigkeit der Arbeitslosen erwartet wird. Mit der Umstellung verbunden ist eine Übertragung der Verantwortlichkeit dieser Agenturen vom Zentralstaat auf die einzelnen Regionen. Gleichzeitig werden die vorher üblichen, gedruckten Karteikarten durch eine EDV-technische Erfassung ersetzt und bestehende Karteibestände durch eine grundlegende Neuzählung (censimento) in den Jahren 1999 und 2000 aktualisiert. Dieser Umstellungsprozess verlief zum Zeitpunkt der Befragung in Sizilien mit erheblichen Schwierigkeiten und Verzögerungen, so dass die Meldefrist mehrfach verlängert werden musste und in einzelnen Ämtern die EDV-Erfassung noch nicht funktionsfähig war.

Von der Zentrale der agenzia regionale per l’impiego in Palermo wurde dem Autor im Frühjahr 1999 eine Datei mit dem Erhebungszwischenstand zur Verfügung gestellt, welche einen Einblick in das formale Ausbildungsniveau der Eingeschriebenen vermittelt: von den bis dahin gemeldeten 16.384 Arbeitslosen besaßen 2.287 (entspricht 14%) einen Hochschulabschluss. Von diesen waren etwas mehr als 100 älter als 40 Jahre, mehr als die Hälfte zwischen 30 und 40 Jahren und alle übrigen 30 Jahre oder jünger. Wenngleich diese Zahlen keinerlei Aussagen über das tatsächliche Ausmaß der Arbeitslosigkeit in Sizilien erlauben, so belegen sie dennoch, dass die Einschreibung in die Listen des collocamento auch für Akademiker eine Rolle spielt.

Die geschilderten Vermittlungspraktiken haben dazu geführt, dass sich in Sizilien die meisten Jugendlichen nach Beendigung der Pflichtschuljahre in die Listen des collocamento eintragen, selbst wenn sie weiterhin eine Schule bzw. später eine Universität besuchen. Mit der Meldung beim collocamento sind zwar zunächst keine unmittelbaren finanziellen Vorteile verbunden, mit der Dauer der Einschreibung (anzianità) werden aber Potentiale aufgebaut, die in der Zukunft den Berufseinstieg erleichtern können und somit mittelbare Vorteile bedeuten. Auch bei fortschreitender Qualifikation eröffnet es die Möglichkeit, sich eines Tages für eine sichere Stelle in der öffentlichen Verwaltung zu bewerben. Dies betrifft zwar überwiegend Stellen mit einem niedrigen Qualifikationsniveau, aber auch die Teilnahme an einzelnen Einstellungswettbewerben für Stellen mit einer höheren Qualifikationsanforderung setzen den Nachweis der formalen (Langzeit-)Arbeitslosigkeit voraus.

Von den beschäftigten Absolventen des Jahres 1995 sind in Sizilien zwar lediglich 3,4% (entspricht 143) durch die Vermittlung des ufficio di collocamento an ihre Stelle gelangt, bei der Stellensuche spielt diese Institution für eine Mehrheit der Absolventen jedoch zumindest [Seite 169↓]formal die wichtigste Rolle. In der Gruppe der Erwerbslosen suchen fast zwei Drittel (64,0%, entspricht 1.590) auf diesem Wege eine Stelle, und selbst in der Gruppe der erwerbstätigen Absolventen ist mehr als jeder vierte Erwerbstätige (26,3% der Arbeitsuchenden) beim ‚collocamento’ als arbeitsuchend eingeschrieben79.

Neben der Hoffnung auf eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung gibt es aber auch noch eine weitere Motivation für die Arbeitslosmeldung, welche in Hinblick auf die Mobilität und Erwerbsperspektiven junger Hochschulabsolventen noch wichtiger ist. Die Mehrzahl der nationalen oder europäischen Programme zur Bekämpfung der (Jugend-) Arbeitslosigkeit richtet sich auschließlich an Personen, die auf den Listen des collocamento erfasst sind. Dies gilt beispielsweise für die Teilnahme an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Langzeitarbeitslose (>24 Monate) (z.B. lavori socialmente utili oder lavori di pubblica utilità), Weiterbildungsmaßnahmen (corsi di formazione) oder auch die Teilnahme an den PIP (Piani d’inserimento professionale) (s.u.), denn der Nachweis der Arbeitslosigkeit erfolgt über einen Ausweis (libretto) des ufficio di collocamento.

Da vor allem im ländlichen Raum Siziliens die Einschreibung in die Listen des collocamento bereits unter Jugendlichen sehr verbreitet ist und somit die meisten Universitätsabsolventen bei Studienende schon formal Langzeitarbeitslose sind, bedeutet der bei Studienende akkumulierte Punktestand ein Kapital, das man vorzugsweise gegen eine feste Stelle im öffentlichen Dienst eintauscht. Die zahlreichen Beschäftigungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit im Mezzogiorno, die seit den späten 1980er Jahren und verstärkt in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Italien umgesetzt wurden, passen sich diesbezüglich genau den Bedürfnissen der jungen Arbeitslosen und somit auch der arbeitslosen jungen Hochschulabsolventen (nach den Kriterien des collocamento) an. Selbst ein befristeter Arbeitsvertrag über sechs Monate kann dann eine riskante Investition darstellen und ist nur dann attraktiv, wenn er mit einer langfristigen Beschäftigungsperspektive verbunden ist. Dies kann dazu führen, dass Arbeitsverträge mit privatwirtschaftlichen Arbeitgebern mitunter so gestaltet werden, dass sie den formalrechtlichen Anforderungen der Kriterien der Arbeitslosigkeit durch das collocamento Rechnung tragen.

Einer Absolventin des ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichs (Person 32) wurde von einem Ingenieurbüro in Palermo eine befristete Stelle angeboten, womit eine Aufhebung ihres Arbeitslosenstatus verbunden gewesen wäre. Gleichzeitig bekam sie jedoch den Hinweis eines ihr persönlich bekannten Ingenieurs, dass es in naher Zukunft eine attraktive Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (lpu) in der Provinz Agrigento geben würde, mit der zudem die Aussicht auf eine dauerhafte und lukrative Zusammenarbeit als freie Ingenieurin der Provinz verbunden wäre. Da für die Teilnahme an den lpu die formale Arbeitslosigkeit Voraussetzung war, hat sie mit dem Ingenieurbüro in Palermo einen Teilzeitvertrag als freie Mitarbeiterin geschlossen, der für sich genommen zunächst unattraktiver erschien, dafür aber mit der formellen Arbeitslosigkeit der uffici di collocamento kompatibel war. Zudem konnte sie dadurch ihre Zukunftsinteressen in der Provinz Agrigento weiter verfolgen.


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3.3.3  Articolo 23, lsu und lpu

Eines des wichtigsten Elemente des sizilianischen Arbeitsmarktes für Jugendliche im ländlichen Raum sind die Beschäftigungsmaßnahmen im gemeinnützigen Bereich. Diese traten erstmalig mit einem italienischen Gesetz (legge 67/88) aus dem Jahr 1987 in Kraft und stellten eine frühe, umfassende Maßnahme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit dar. Anschließend wurde es in Sizilien mit dem Artikel 23 (articolo 23) umgesetzt, so dass in der Folge die Teilnehmer an dieser Maßnahme in Öffentlichkeit und Presse als „articolisti“ bezeichnet wurden. Ziel der Beschäftigungsmaßnahme war die Einbindung von jungen Arbeitslosen in die Aufgaben der lokalen öffentlichen Verwaltungen, vorzugsweise in dem Allgemeinwohl dienlichen Projekten mit einem innovativen oder experimentellen Charakter. In der Praxis arbeiteten die articolisti üblicherweise anfänglich 40 Stunden, später 80 Stunden monatlich in einer öffentlichen Verwaltung mit.

Das Programm erfreute sich von Beginn an großer Beliebtheit und bot allein in Sizilien anfänglich etwa 42.000 Jugendlichen die Möglichkeit eines Zusatzverdienstes von 400.000 Lire (ca. 200 Euro), die später auf 800.000 Lire (ca. 400 Euro) monatlich erhöht wurden. Im Jahr 1995 wurde der Artikel 23 per Gesetz Nummer 85/95 aus dem Jahre 1995 reformiert und förderte fortan sogenannte lavori socialmente utili,also sozial nützliche Tätigkeiten, denen im Jahr 1999 in Sizilien noch über 31.000 Personen nachgingen, von denen viele noch aus der ‚Gründergeneration’ stammen. Wie bei allen übrigen Beschäftigungsprogrammen behalten auch die Teilnehmer an den lsu ihren Status als Arbeitslose bei, können also weitere Punkte für ihre anzianità ansammeln80.

Für viele sizilianische Jugendliche bot und bietet das Programm die Möglichkeit der Finanzierung eines Studiums an einer nahe gelegenen sizilianischen Universität, da sie durch das zusätzliche Einkommen die entstehenden Kosten zumindest teilweise kompensieren können. Obwohl das Programm die meiste Zeit für Akademiker gesperrt war, haben von den über 31.000 im Jahr 1999 eingeschriebenen lsu 664 einen Hochschulabschluss. Die Anzahl der Akademiker geht jedoch sehr viel schneller zurück als die Gesamtzahl der lsu (1998 waren es noch 765 Akademiker)81.

Beschäftigungspolitisch wird der articolo 23 und sein Nachfolgegesetz über die lsu nahezu von allen beteiligten Parteien als wenig erfolgreich bezeichnet, da diese Maßnahme immer noch über 30.000 sizilianische Jugendliche an oftmals sinnlose Tätigkeiten bindet. Denn auch ohne die lsu würde heute kaum jemand in Sizilien ernsthaft von einem Personalmangel in der öffentlichen Verwaltung sprechen. Vielmehr herrscht im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass die Präsenz der lsu häufig eher die ohnehin vorhandene Überbelegung fördert. Als Reisender in Sizilien begegnet man den lsu nicht [Seite 171↓]selten in Touristeninformationszentren, was nach den Erfahrungen des Autors der Tourismusförderung nur bedingt zuträglich erscheint.

Als extremes Beispiel einer solchen Fehlbesetzung kann das Tourismusbüro an der Autobahnraststätte Tremestieri in der Provinz Messina erwähnt werden, wo der Autor im April 1999 im Laufe des Nachmittags fünf junge Hochschulabsolventen interviewte, die als ehemalige articolisti von der Provinz Messina in das Programm der lavori socialmente utili übernommen wurden. Vier von ihnen waren Hochschulabsolventen der Fächer Wirtschaftswissenschaft, Jura und Politikwissenschaft, während der Fünfte nach zehn Studienjahren noch auf seinen Abschluss wartete. Der Älteste war 40 Jahre alt, die Übrigen 36, 32, 30 und 29, zwei von ihnen hatten eigene Familien. Für ihre Tätigkeit als Touristenberater interessierten sie sich kaum, verfügten weder über ausreichende Ortskenntnisse, noch über einen adäquaten Überblick über das zu verteilende Informationsmaterial. Da sie diese Tätigkeit ohnehin nur als Wartezeit begreifen, halten sie eine Einarbeitung in ihr Aufgabengebiet für eine unnötige Zeitverschwendung.

Demgegenüber gibt es auch Fälle, in denen die Lavori socialmente utili ihrem Namen durchaus gerecht werden, wie das Beispiel von Interviewpartnerin 10 aus Petralia Soprana, einem kleinen Ort im Gebirge der Madonie zeigt.

Vor zehn Jahren wurde sie aufgrund ihrer Ausbildung als Buchhalterin eingestellt, hat aber in der Zwischenzeit ein Psychologiestudium absolviert. Da sie sich als Buchhalterin ohnehin überflüssig vorkam, ist es ihr gelungen, durch Eigeninitiative ihren Aufgabenbereich in den Bereich der Sozialarbeit zu verschieben, wo sie sich nun mit viel Engagement um benachteiligte Jugendliche kümmert.

„in der Zwischenzeit habe ich versucht, meinen Beitrag innerhalb der Gemeindeverwaltung so umzugestalten, dass ich von meinem Universitätsabschluss Gebrauch machen kann. Ich stieß auf viel Entgegenkommen, wenngleich mir keine wirkliche Aufgabe als Psychologin zugeteilt wurde, aber ich beschäftigte mich nun mit Projekten der Vorsorge, zum Beispiel Probleme von Jugendlichen - aber eben immer noch im Rahmen der lsu“ (Person 10).

Erst diese neue Tätigkeit erfüllt sie mit beruflicher Zufriedenheit, da sie nun endlich das Gefühl hat, eine sinnvolle Arbeit zu tun:

„Das, was ich nun mache, ist äußerst nützlich […] denn vorher gab es hier keinen Psychologen, und folglich auch keine professionelle Auseinandersetzung mit diesen Problemen. Und das halte ich mit Sicherheit für sehr nützlich“ (Person 10).

Die Interviewten, die in der Regel von Anfang an als articolisti an dieser Beschäftigungsmaßnahme teilgenommen haben und inzwischen als lsu übernommen wurden, bewerten das Programm rückblickend als äußerst zweischneidig. Auf der einen Seite hat die finanzielle Unterstützung Vielen ein Universitätsstudium ermöglicht oder zumindest erleichtert:

„ich muss sagen, dass es mir sehr nützlich war, denn wenn ich nicht jeden Monat die Sicherheit dieser 800.000 Lire gehabt hätte, wie hätte ich dann studieren können?“ (Person 10).

Auf der anderen Seite war für viele Teilnehmer die eigentliche Motivation zur Teilnahme weniger die monatliche Vergütung als vielmehr die Erwartung, über die lsu einen Fuß in den Arbeitsmarkt der öffentlichen Verwaltung zu setzen und auf diesem Wege früher oder später eine Festanstellung zu bekommen. Die Hoffnung auf einen posto wurde im Laufe der Jahre auch immer wieder durch Gerüchte über eine tatsächliche Übernahme in [Seite 172↓]einen regulären Arbeitsvertrag genährt. Interviewpartnerin 14 aus Caccamo stellt das so dar:

„Calogero ist ein articolista. Jetzt stellen sie ihn vielleicht ein, über die ganze Zeit haben sie Jahresverträge gemacht, die alljährlich erneuert wurden, und jetzt geben die vielleicht denjenigen, die schon seit Beginn dabei waren, sogar einen Dreijahresvertrag, und die leben dann weiter mit der Hoffnung, dass sie nicht mehr herausgeworfen werden. Die ‚articolistihaben den Vorteil, dass sie viele Dinge unter einen Hut bringen können, in dem Sinne, dass sie nur vormittags wenige Stunden fest angestellt sind und nachmittags was Anderes finden, um ihr Einkommen aufzurunden“ (Person 14).

Trotz einer weit verbreiteten Unzufriedenheit, die vereinzelt sogar aufgrund der Enttäuschung über die ausgebliebene Einstellung in eine regelrechte Wut auf die lsu umschlägt, möchte von den Interviewten nun keiner den Fehler begehen, kurz vor dem möglicherweise entscheidenden Moment der Übernahme aufzugeben: eine Handlungsstrategie, die sich mit den Jahren der Teilnahme selbst verstärkt. Die vermeintliche ökonomische Sicherheit der lsu entpuppte sich somit als ewige Ungewissheit in einem Zwischenstadium:

„Aber [als articolista, HJ.] ist es auch nicht schön, denn wie willst du eine Familie aufbauen, solange du weißt, na gut – wie die meisten Sachen hier werden sie die Teilnehmer am Ende nicht mehr rausschmeißen, aber eine lebenslange Sicherheit hast du auch nicht. Nicht lebenslang, weil... gut du rundest dein Gehalt auf, aber du kannst darauf nicht deine Zukunft bauen. Du kannst nicht einmal planen, zum Beispiel wenn du heiraten möchtest, oder ein Haus kaufen. Auf eine solche unsichere Sache kannst du nicht einmal eine Hypothek aufnehmen. Wie sollst du das machen, verstehst du? Es ist immer eine Übergangssituation. Wenn es gut geht, gut“ (Person 14).

Somit hat die Teilnahme an den lsu trotz der erwähnten Handlungsspielräume auch viele articolisti räumlich an ihren Heimatort gebunden und zeitlich von anderen Aktivitäten abgehalten. Interviewpatner 15 hat beispielsweise wegen seiner lsu den Gedanken an einen Erasmus-Studienaufenthalt verworfen:

„[ich bin nicht ins Ausland gegangen, HJ], denn unter anderem habe ich während des Studiums [als aritolista, HJ] gearbeitet, ich hatte nicht einmal die Zeit wegzugehen“ (Person 15).

Da die Nachteile des Programms von allen Beteiligten erkannt wurden, gab es am Ende der 1990er Jahre Versuche, die formalen Vorgaben weiter zu lockern, damit sich die Beteiligten auch andere Beschäftigungshorizonte eröffnen konnten. Beispielsweise verbessert ein Hochschulabsolvent seine Einstellungschancen als Lehrer durch Vertretungen in öffentlichen oder Privatschulen, denn diese Arbeitserfahrung gibt ihm zusätzliche Punkte. Folglich hat man den articolisti die Möglichkeit eingeräumt, sich für die Dauer dieser Tätigkeiten von ihren lsu unbezahlt beurlauben zu lassen, ohne dabei den Anspruch auf eine Rückkehr zu verlieren. Zwei Interviewpartner haben gerade von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht:

„seit zwei Jahren arbeite ich als Lehrer in einer Sekundarschule. Daher bin ich zeitweilig von den Aktivitäten der lsu befreit gewesen“ (Person 13).

oder

„wir können auch Vertretungen machen und wenn die Vertretungszeit vorbei ist, kehren wir wieder zu unserer Arbeit zurück” (Person 15).


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Als Alternative zu den lsu wurden die sogenannten lpu (lavori di pubblica utilità) eingeführt, die per gesetzlicher Grundlage aus dem Jahr 1997 für etwa 10.000 junge Sizilianer die Möglichkeit eines Arbeitsvertrages nach privatrechtlichen Bedingungen eröffnet. Dieses Programm ist im Gegensatz zu den lsu an konkrete Projekte gebunden, die zwar ebenfalls von Nutzen für die Allgemeinheit sein sollen, darüber hinaus aber auch eine ökonomische Rentabilität versprechen, die auf der Basis von Private-public-partnerships realisiert wird (z.B. Projekte zum Ausbau der Infrastruktur oder im Bereich der Tourismusentwicklung). Die lpu sehen zunächst eine Förderung von einem Jahr vor, beinhalten aber die Möglichkeit der Verlängerung auf zwei Jahre. Arbeitgeber ist wiederum der öffentliche Dienst oder eine Körperschaft mit öffentlicher Beteiligung, die im Idealfall die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter der lpu nach zwei Jahren in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernimmt. Wenngleich auch diese Option aus Sicht der Teilnehmer mit viel Ungewissheit behaftet ist und letzten Endes zunächst nicht die gewünschten Sicherheiten verspricht, machen zwei der befragten Absolventen von dieser Option Gebrauch. Person 32 vertraut den vagen Aussagen des Verantwortlichen, den sie persönlich kennt und schätzt:

„Von der Provinzverwaltung Agrigento habe ich einen Anruf bekommen, direkt vom Berufsverband der Ingenieure, wo mir gesagt wurde: L. hör zu, dieses Projekt startet bald, bleib dabei... Versuche dich interessiert zu zeigen, versuche reinzukommen, denn am Ende könnte etwas dabei herausspringen“ (Person 32).

Person 10 ist hingegen aufgrund ihrer generell negativen Erfahrung mit den Versprechen des öffentlichen Dienstes sehr viel skeptischer:

„eigentlich sollten sie mit 10.000 von uns [lsu, HJ] privatrechtliche Arbeitsverträge machen […] 10.000 von uns und ich bin eine von diesen 10.000, die einen privatrechtlichen Arbeitsvertrag mit einer öffentlichen Körperschaft bekommen sollen, so eine Art Anstellung, so dass ich meinen Arbeitsstatus ändern werde. Von einer Arbeitslosen zur Beschäftigten mit einem einjährigen privatrechtlichen Arbeitsvertrag, der bis zu drei Jahren verlängerbar ist. – Aber alles kommt von der Regionalverwaltung, auch die Gelder, die dann von der Behörde weitergetragen werden sollen, die dich betreut. Daher ist das alles eine unsichere Sache, denn die Behörden sind klein, und wir sind viele und es scheint mir schwierig, dass die Körperschaft über genügend finanzielle Mittel verfügt, um uns alle fest anzustellen. Daher wird es schon bei Jahresende die ersten Probleme bei der Neuauflage des Projekts geben. Darauf kann ich mich nicht verlassen, absolut nicht“ (Person 10).

Falls sich auch diese Pläne wiederum als unzutreffend erweisen sollten, ist auch im Falle der Teilnahme an der lpu die Rückkehr in den Status der lsu vorgesehen.

Somit bewegen sich zumindest die lsu immer in einem undefinierten Bereich, der formal fest an den Status der Arbeitslosigkeit gebunden ist, gleichzeitig aber auch viele Merkmale eines Beschäftigungsverhältnisses im öffentlichen Dienst trägt: den Arbeitgeber, den Arbeitsort, und die feste – wenn auch sehr niedrige – Bezahlung. Somit erweisen sich die lsu als seltsames - wenn nicht sogar paradoxes – Doppelkonstrukt von Arbeitslosigkeit und Arbeit. Dies äußert sich in der Ratlosigkeit der befragten Betroffenen die von ihren lsu teilweise als Arbeit (lavoro) sprechen, wohingegen andere die Betonung darauf legen, dass es sich vertraglich weder um ein Arbeitsverhältnis noch bei der Bezahlung um einen Lohn handelt: Während Interviewpartnerin 10 die Bezeichnung der lsu als lavoro vehement von sich weist:


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„ich bekomme eine Arbeitslosenentschädigung. Es gibt kein Arbeitsverhältnis, die Bezahlung ist sehr niedrig, denn ich bekomme um die 800.000 Lire“ (Person 10).

spricht beispielsweise Person 15 von seiner lavoro (Arbeit) wenn er seine Tätigkeit als lsu meint.

Die lsu sind somit sowohl aus Perspektive der Beteiligten als auch in Hinblick auf das Beschäftigungsziel ein sehr ambivalentes Projekt: einerseits hat der finanzielle Rahmen für einzelne Interviewte die Durchführung eines Studiums ermöglicht, andererseits ist damit auch ein Vertragsverhältnis verbunden, welches unter den Aspekten räumlicher Mobilität, aber auch anderer Arbeitserfahrungen für zehn Jahre als Hemmschuh gewirkt hat.

Solange die Sozialisation in die Arbeitswelt ausschließlich im öffentlichen Dienst erfolgt, ist zudem das Ziel, Jugendlichen eine praktische Arbeitserfahrung zu ermöglichen, eher kontraproduktiv, da sich der öffentliche Dienst gerade in Sizilien den Kriterien von Wirtschaftlichkeit und Effizienz regelhaft entzieht. Darüber hinaus sind viele lsu aufgrund ihrer enttäuschten Hoffnungen auf eine feste Stelle nach zehn Jahren verbittert. Eine Interviewpartnerin spricht sogar von „staatlich organisierter Schwarzarbeit“ (Person 10).

3.3.4 Weiterbildungsmaßnahmen

Neben den genannten Beschäftigungsmaßnahmen bieten auch die Weiterbildungseinrichtungen centri di formazione professionale eine Beschäftigungs-möglichkeit für die Hochschulabsolventen des Mezzogiorno. Nach Angaben von Dssa. Martinico vom Ufficio provinciale di lavoro in Trapani gab es 1999 allein in Sizilien ungefähr 7.000 bis 8.000 Ausbilder, genau so viele wie im übrigen Italien zusammen. Viele von diesen haben auch einen akademischen Abschluss. Die Kurse werden in Bereichen wie Forstwirtschaft, Tourismusentwicklung, Informatik oder auch in handwerklichen Berufen angeboten und sind für eine Dauer von ein bis zwei Jahren konzipiert. Die Kursleiter werden nach Stunden bezahlt, aber auch die Kursteilnehmer bekommen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 8.000 Lire (ca. 4 Euro) täglich ausbezahlt.

Interviewpartner 13, ein Agrarwissenschaftler aus Caccamo in der Nähe von Palermo, hat über vier Jahre in unterschiedlichen Bereichen als Dozent solcher Weiterbildungskurse (corsi di formazione) gearbeitet. Der Unterricht richtete sich einerseits an schwer erziehbare Kinder, andererseits war er im Bereich von Reintegrationsprogrammen bzw. von Erwachsenenbildung tätig. Mit den Studieninhalten des interviewten Kursleiters hatten diese Tätigkeiten nur bedingt zu tun. Für seine Unterrichtsstunden wurde er nach eigenen Angaben mit 100.000 Lire (ca. 50 Euro) pro Stunde vergütet.

Um den Übergang zwischen der theoretischen Schul- bzw. Universitätsausbildung und der beruflichen Praxis zu gestalten, gibt es aber auch für junge Hochschulabsolventen eine wachsende Zahl von Weiterbildungsmaßnahmen, die den Erwerb weiterer Qualifikationen und somit unmittelbare Wettbewerbsvorteile auf dem Arbeitsmarkt einerseits und teilweise auch zusätzliche Punkte bei der Teilnahme an concorsi andererseits mit sich bringen. Diese Kurse werden entweder vollständig mit öffentlichen [Seite 175↓]Mitteln (EU, Staat, Region) oder mit Unterstützung durch eine Teilnehmergebühr finanziert. Hierzu zwei Beispiele:

Eine 31jährige Biologin (Person 33) aus Santo Stefano nimmt zum Befragungszeitpunkt gerade an einem Weiterbildungsprogramm zum Thema der Wasserreinigung teil, um sich auf diese Weise weiterzuqualifizieren und möglicherweise zusätzliche Punkte bei ihrer Teilnahme am Lehrer-concorso zu bekommen.

Interviewpartnerin 14, eine Geologin aus Caccamo, macht eine Weiterbildung für Lehrer an einem universitätsnahen Institut in Palermo. Da sie ihr Studium kurz nach dem großen Lehrer-concorso abgeschlossen hat, versucht sie, auf diesem Wege – eine Art Referendariat, welches zukünftigen Lehrern eine praxisnahe Ausbildung ermöglicht – sich die Option eines Seiteneinstiegs in den Lehrerberuf offen zu halten. Nach einer strengen Aufnahmeprüfung hat sie sich nun zur regelmäßigen Teilnahme an diesem Kurs verpflichtet, für den sie zudem noch eine Kursgebühr von ca. 800 Euro pro Jahr bezahlt. Während der gesamten Kursdauer von zwei Jahren besteht jeden Nachmittag Anwesenheitspflicht, wodurch sich die Absolventin in ihren Entwicklungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt fühlt. Schließlich kann sie dadurch nur in geringem Umfang im örtlichen Büro eines Geologen mitarbeiten und befürchtet, sich somit auch die Chance auf eine längerfristige Zusammenarbeit zu verbauen. Zudem ist auch der Wert dieser neuen Weiterbildung auf dem regionalen Arbeitsmarkt fraglich, da es bislang keine derartigen Kurse gegeben hat:

„Abgesehen davon, dass du zwei Jahre verlierst, denn das sind zwei Jahre, in denen du trotz allem nichts anderes machen kannst […] Aber wenn du in diesen zwei Jahren nichts findest, weil du doch die ganze Zeit beschäftigt bist... Denn stell dir vor, von zwei bis sieben, der Einkommensausfall, dann die Kosten für Fahrten, Bücher, alles...“ (Person 14).

Das zunehmend unüberschaubare Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen, welches im Wesentlichen durch öffentliche Förderprogramme vorangetrieben wurde, stellt für die teilnehmenden Interviewpartner eine Arbeitsmarktelement mit vielen Unbekannten dar, da es keine Erfahrungswerte über den späteren Wert der attestierten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt gibt. Auf der einen Seite bieten sich dadurch für junge Akademiker neue, periodisch anfallende Erwerbsmöglichkeiten, die sich reibungslos in das bestehende Netz hybrider Beschäftigungsformen einfügen. Auf der anderen Seite gestalten sich viele Weiterbildungen als Vollzeitbeschäftigung, noch dazu mit sehr strengen Anwesenheitskontrollen, so dass Konflikte mit traditionellen Wegen der Berufsqualifikation und Arbeitsfindung - etwa durch eine langjährige Mitarbeit in einer lokalen Praxis oder Kanzlei - auftreten können.

Um diese Lücke zu schließen, gibt es im Rahmen des nationalen Beschäftigungspaktes in Italien zwei weitere Programme, die eine Kombination von Weiterbildung auf der einen Seite und bezahlter Berufpraxis auf der anderen anbieten: die piani d’inserimento professionale (pip) und die corsi di formazione e lavoro. Beide Programme richten sich direkt an die potentiellen Arbeitgeber – private Unternehmen oder auch öffentliche Körperschaften (enti pubblici) -, die auf diese Weise qualifiziertes Personal unter erheblichen finanziellen Vorteilen bezüglich der Steuern und Sozialabgaben zunächst für eine begrenzte Zeit einstellen, jedoch verbunden mit der Verpflichtung, zumindest einen Teil später in ein festes Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen.


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3.3.5  Piani d’inserimento professionale (pip)

Die piani d’inserimento professionale beruhen ebenfalls auf den italienischen Beschäftigungsfördermaßnahmen, die im Rahmen des europäischen Sozialfonds in Ziel 2-Gebieten durchgeführt werden. Die sogenannten pip wurden auf nationaler Ebene per Gesetz (legge 451/94) aus dem Jahr 1994 ermöglicht und in Sizilien durch die Regionalgesetzgebung (legge regionale 30/97) im Jahr 1997 umgesetzt82. Das Programm richtet sich an 19 bis 32jährige Arbeitslose - im Falle einer nachweislichen Arbeitslosigkeit von mehr als 24 Monaten bis 35 Jahre -, die nebenbei keine Einkünfte aus selbständiger Arbeit haben. Die PIP sollen jungen Arbeitslosen mit einem höheren Qualifikationsniveau die Möglichkeit geben, ein einjähriges bezahltes Praktikum in einer Firma zu absolvieren. Die Praktikumsstellen müssen über die Berufsgenossenschaften und Verbände bei der regionalen Arbeitsbehörde beantragt werden. Die Arbeitszeit umfasst maximal 100 Stunden monatlich und der Arbeitgeber verpflichtet sich, dem Praktikanten auch Ausbildungsunterricht (ore di formazione) anzubieten, der vollständig durch öffentliche Gelder bezahlt wird. Arbeitgeber können sowohl Privatunternehmen als auch öffentliche Einrichtungen mit einem wirtschaftlichen Zweck sein. Die Vergütung der Praktikanten beträgt 8.000 Lire pro Stunde (etwa 4 Euro), die zu einem Viertel vom Arbeitgeber und zu drei Vierteln von der öffentlichen Hand getragen werden. Der Arbeitslosenstatus des Praktikanten bleibt in dieser Zeit bestehen. Innerhalb dieses Programms wurden laut Daten des assessorato regionale per il lavoro im Jahr 1999 alleine in Sizilien insgesamt etwa 45.000 Stellen geschaffen, von denen wiederum mindestens 1.631 (entspricht 3,6%) von Akademikern ausgefüllt wurden83.

Im Jahr 1999 hat das Programm darüber hinaus noch eine Modifikation erfahren, die jungen Arbeitslosen aus dem Mezzogiorno die Möglichkeit eröffnete, ein solches Praktikum in Nord- oder Mittelitalien durchzuführen. Die kalkulierten Zusatzkosten für Unterkunft und Verpflegung wurden mit einer zusätzlichen Finanzierung von 1 Mio. Lire monatlich (ca. 500 Euro) vom Staat getragen (vgl. Person 16).

Unter den Interviewpartnern spielten die piani d’inserimento professionale eine untergeordnete Rolle, was auch dadurch bedingt sein mag, dass die meisten von ihnen nebenbei als Selbständige arbeiten. Lediglich die Frau eines Interviewpartners (Person 15) nahm an diesem Programm teil. Nach Angaben eines Agrarwissenschaftlers aus Palermo (Person 34) wurden die pip zumindest zu diesem Zeitpunkt noch mit einem gewissen Misstrauen betrachtet, was sich darauf gründete, dass die öffentlichen Mittel nicht direkt an den Praktikanten, sondern an den Arbeitgeber ausgezahlt wurden und somit die Auszahlung des Geldes mit einem weiteren Unsicherheitsfaktor behaftet war. Er wusste auch von (nicht verifizierten) Fällen zu berichten, in denen Arbeitgeber das Geld überhaupt nicht ausbezahlten.


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3.3.6  Contratti di formazione lavoro

Über die contratti di formazione lavoro haben Unternehmen die Möglichkeit, junge Mitarbeiter zwischen 16 und 25 Jahren - im Falle der Hochschulabsolventen bis 29 Jahren und bei nachweislicher Arbeitslosigkeit von über einem Jahr bis 32 Jahren - für zunächst 12 Monate unter vorteilhaften Bedingungen zu beschäftigen. Die Arbeitgeber bekommen hierfür sowohl steuerliche Vergünstigungen als auch beträchtliche Zuschüsse zu den Sozialabgaben. Darüber hinaus erlaubt ihnen dieser Vertrag, ihre Mitarbeiter für einen begrenzten Zeitraum unter Tarif zu bezahlen. Im Gegenzug gewährleisten die Arbeitgeber - innerhalb eines festgelegten Rahmens - für ihre jungen Mitarbeiter firmeninterne oder externe Weiterbildungsmaßnahmen (corsi di formazione), welche gegenüber dem regionalen Arbeitsministerium nachgewiesen werden müssen. Zudem verpflichten sie sich, nach Ablauf eines Jahres mindestens 60% der Neueinstellungen in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen. Halten sich die Unternehmen nicht an diese Vereinbarung, müssen sie die Vergünstigungen anschließend zurückerstatten. Das Ausmaß der finanziellen Erleichterungen (agevolazioni) variiert je nach Sitz des Unternehmens und der Region des Arbeitsplatzes.

Aufgrund des Sonderstatuts der Region Sizilien sind die Bedingungen hier besonders günstig, da die Unternehmen auch nach Ablauf der zwölf Monate noch weitere sechs Jahre ermäßigte Sozialbeiträge für die Angestellten in unbefristeten Verträgen bezahlen. Aus Sicht potentieller Investoren ist dieses Beschäftigungsprogramm ein attraktives Angebot, da es die Lohnkosten in einem solchen Umfang senkt, dass die möglichen Risiken einer Investition in Sizilien nahezu ausgeglichen werden84.

Beide Programme verfolgen das politische Ziel der regionalen Beschäftigungsförderung in Sizilien. Letzten Endes wird sowohl mit den pip als auch mit den Contratti di formazione e lavoro die Brücke zwischen Studium und Arbeitswelt geschlagen. Da beide Programme in Sizilien zum Zeitpunkt der Befragung erst angelaufen sind, konnte noch keiner der interviewten Hochschulabsolventen von Erfahrungen in diesem Bereich berichten. Theoretisch füllen sie jedoch die funktionale Lücke zwischen der reinen Weiterbildung, die aus Absolventensicht als risikoreiche Zeitinvestition betrachtet wird, und der Festanstellung, die aus Sicht potentieller Arbeitgeber ein zu hohes Investitionsrisiko in sich birgt.

Neben den erwähnten Beschäftigungsprogrammen, deren vorrangiges Ziel entsprechend den Vorgaben des Europäischen Sozialfonds die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit darstellt, gibt es eine unübersichtliche Zahl von EU-Förderprogrammen, die zwar nicht unmittelbar auf Beschäftigungszuwachs ausgerichtet sind, sich aber indirekt auf die Erwerbsbeschäftigung und somit gleichzeitig auf das Mobilitätsverhalten junger Hochschulabsolventen auswirken können.

Im ländlichen Raum hat beispielsweise im Zeitraum der Befragung die öffentliche Förderung des Olivenanbaus einen erheblichen Einfluss auf die agrarische Tätigkeit gehabt. Mehrere Hochschulabsolventen, deren Familien einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb besitzen, [Seite 178↓]haben sich in den letzten Jahren auf den Anbau und die Weiterverarbeitung von Oliven spezialisiert. Interviewpartner 10 aus Milena erklärt dies damit, dass man von der EU Gelder für den Olivenanbau bekäme, ohne jedoch die Oliven abgeben zu müssen. Zudem kann diese Förderung noch geschickt mit Zuschüssen für den biologischen Anbau oder Unternehmensförderprogrammen kombiniert werden, so dass diese landwirtschaftliche Aktivität bei äußerst geringem Zeitaufwand einen attraktiven Nebenerwerb der Familie darstellt.

Förderprogramme der Europäischen Union, die den Agrarsektor betreffen, können sich somit ebenfalls auf die Beschäftigungssituation junger Hochschulabsolventen, vor allem im ländlichen Raum, auswirken. Aufgrund der starken Agrartradition trifft man häufig die Konstellation, dass Eltern einen landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb besitzen und auch aktiv betreiben, der jedoch lediglich mit Hilfe von EU-Förderprogrammen Gewinne erwirtschaften kann. Die hierfür notwendige Antragstellung fällt dann in die Hände der Kindergeneration, die in der Regel über einen höheren Bildungsabschluss verfügt als die Eltern – insbesondere, wenn es sich um junge Hochschulabsolventen handelt.

3.3.7 Zusammenfassung

Durch die Rahmenprogramme der Europäischen Union sowie des italienischen Beschäftigungspaktes bedingt gab es am Ende der 1990er Jahre in den Regionen des italienischen Mezzogiorno eine Vielzahl von Beschäftigungsfördermaßnahmen, deren Zielsetzung der Abbau der Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit in den betroffenen Regionen war. Hierbei wurde die Strategie verfolgt, Jugendlichen durch Weiterbildungen oder subventionierte Beschäftigungen erste Arbeitserfahrungen und somit den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Bezüglich der Zielsetzung, Jugendliche aus der Arbeitslosigkeit zu lösen, erwiesen sich manche Programme, beispielsweise die lsu, jedoch als wenig erfolgreich, da sie die Betroffenen sogar dazu ermutigten, mittelfristig am Status der formellen Arbeitslosigkeit festzuhalten.

Denn in der Wahrnehmung der interviewten sizilianischen Hochschulabsolventen mangelt es ihnen nicht an Arbeitserfahrung, vielmehr gehen fast alle Absolventen zumindest einer Erwerbsbeschäftigung nach. Aus ihrer Sicht gibt es vor allem einen Mangel an sicheren und unbefristeten Stellen auf dem Arbeitsmarkt. Die Teilnahme an Beschäftigungsprogrammen stellt somit einerseits eine willkommene Ergänzung des bestehenden Spektrums an Erwerbsbeschäftigungen dar, andererseits genießt auch unter Akademikern die Festanstellung im öffentlichen Dienst oberste Priorität. Der posto als Lehrer erfreut sich im ländlichen Raum nach wie vor einer besonderen Beliebtheit, denn dieser Beruf garantiert ein gesichertes Einkommen und lässt zudem genug Spielraum für anfallende Nebentätigkeiten, beispielsweise im eigenen Familienbetrieb oder einer kleinen selbständigen Beschäftigung.

Die Beschäftigungsprogramme werden in der Perspektive der Absolventen häufig als erste Schritte zum ersehnten posto verstanden, so dass sie sich bezüglich ihrer Zielsetzung als kontraproduktiv erwiesen haben: Anstatt junge Menschen für den Arbeitsmarkt zu [Seite 179↓]mobilisieren, haben sie vielmehr eine Reihe von Jugendlichen in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ‚immobilisiert’. Das ausgedehnte Angebot an neuen Beschäftigungsprogrammen, die an eine Arbeitslosmeldung gebunden waren, hat zudem deren Eigenwert gesteigert. Für die Aufnahme einer tatsächlichen Beschäftigung kann sich die Aufgabe des Status eines Langzeitarbeitslosen sogar bremsend auswirken, da sie in gewisser Weise als Investition verstanden werden kann.

Für junge Hochschulabsolventen in Regionen mit schlechten Beschäftigungsperspektiven ist die Dokumentation der Arbeitslosigkeit in den Listen des collocamento somit ein wichtiges Ressourcenpotential, welches im Laufe der Jahre an Wert gewinnt. Diese Praxis führt dazu, dass der eigene lückenlose „Arbeitslosenlebenslauf“ im Mezzogiorno, der sich zudem in einem messbaren Punktestand (punteggio) ausdrückt und den Zugang zu bestimmten Beschäftigungsprogrammen und – in der hoffnungsvollen Perspektive mancher Absolventen – eines Tages den Zugang zu einem posto ermöglicht, bei jeder Entscheidung für oder gegen die Annahme eines Arbeitsvertrags in die Waagschale geworfen wird. Denn mit dem Antritt einer befristeten Stelle gehen wertvolle Punkte auf dem Weg zu einem möglichen späteren posto einerseits und Ansprüche auf die Teilnahme an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen andererseits verloren. Letztere sind zwar finanziell wenig attraktiv, sie besitzen aber gegenüber einer befristeten Beschäftigung den Vorteil, dass die Teilnehmer formell weiter als Arbeitslose auf den Listen des collocamento registriert bleiben und somit ihren Punktestand nicht verlieren.

Da die Einschreibung in die Listen des collocamento immer am Ort des ersten Wohnsitzes (residenza) erfolgt, hat sie auch für die Mobilitätsentscheidungen der Betroffenen wichtige Konsequenzen. Denn die Wahl des offiziellen Wohnsitzes bedeutet bezüglich der Vermittlungsdienste des collocamento immer eine strategische Entscheidung. Für die Beibehaltung der residenza in Sizilien spricht, dass man sich zum einen die Teilnahmemöglichkeit an Arbeitsprogrammen der Region Sizilien als Ziel 1-Fördergebiet der Europäischen Union bzw. der diversen Förderprogramme des Mezzogiorno und zum anderen die (theoretische) Anwartschaft auf eine Festanstellung (posto) erhält.

Denn die Teilnahme an allen Beschäftigungs- und Weiterbildungsprogrammen ist immer an den Nachweis der (formalen) Arbeitslosigkeit durch die uffici del collocamento gebunden. Bei manchen Programmen ist eine Langzeitarbeitslosigkeit von mehr als 24 Monaten entweder Teilnahmebedingung oder zumindest vorteilhaft, da sich die Altersgrenze dann auf 35 Jahre erhöht. Zudem ermöglichen diese Programme den Teilnehmern, ihren Status als Arbeitslose im Sinne des collocamento beizubehalten. Sie sind also auf der einen Seite weiterhin formal arbeitslos gemeldet und können auch weitere Punkte ansammeln, auf der anderen Seite fallen sie der offiziellen Erwerbsstatistik zufolge, die über das Statistische Amt Istat durch die Befragung der forze di lavoro ermittelt wird, nicht mehr in die Kategorie der Arbeitslosen. Indem sie die formelle Arbeitslosigkeit nach institutionellen Kriterien zu einer Teilnahmebedingung machen, fügen sich die Beschäftigungsprogramme in idealer Weise in die bestehende institutionelle und kulturelle Tradition der uffici di collocamento ein. Als Folge wird gleichzeitig nachfolgenden Generationen von Jugendlichen signalisiert, dass auch sie sich bereits mit 16 Jahren sicherheitshalber beim collocamento melden sollten, denn schließlich gibt es keine [Seite 180↓]Gewissheit darüber, welche Rolle dieses formale Kriterium viele Jahre später spielen kann.

Gleichzeitig tragen die Beschäftigungsprogramme in gewisser Weise auch den Bedürfnissen und Anforderungen vieler junger Sizilianer gerade im ländlichen Raum Rechnung, da diese durch die Teilnahme weder ihren Arbeitslosenstatus noch die über Jahre akkumulierte anzianità verlieren. Unter diesen Bedingungen kann auch eine Bezahlung von ca. 400 Euro monatlich für eine Halbtagsbeschäftigung, zeitlich begrenzt auf die Dauer eines Jahres, als Nebenbeschäftigung sinnvoll erscheinen. Zum einen behalten die Interviewten ihren Arbeitslosenstatus und damit ihre theoretische Option auf eine spätere Festanstellung im öffentlichen Dienst, zum anderen erlaubt der zeitliche Rahmen weitere Nebentätigkeiten im Rahmen von Selbständigkeit oder Mitarbeit in der Familie.

3.4 Rationalitäten der Sesshaftigkeit sizilianischer Hochschulabsolventen

In den beiden vorherigen Abschnitten konnte gezeigt werden, dass sowohl die soziale Praxis des Übergangs zwischen Studium, Arbeitsuche und Arbeitsleben als auch die institutionellen Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit bzw. der Arbeitslosigkeit den Eintritt und den Verbleib in der Arbeitslosigkeit nach dem Studium für die Betroffenen selbst nicht in der Weise erfahrbar machen lassen, wie es die offiziellen Arbeitslosenquoten oder Erwerbstätigenquoten in der Außenperspektive suggerieren.

Darüber hinaus konnten auf der Basis der narrativen Interviews weitere Rationalitäten herausgearbeitet werden, welche die aus ökonomischer Sicht vermeintlich irrationale Sesshaftigkeit arbeitsloser sizilianischer Hochschulabsolventen nachvollziehbar machen. Diese lassen sich drei unterschiedlichen Aspekten zuordnen, die für den angenommenen Zusammenhang zwischen räumlicher Mobilität und Erwerbstätigkeit sizilianischer Hochschulabsolventen relevant sind:

1. Die soziokulturelle Dimension räumlicher Mobilität, also die Frage, welche Wertigkeit der Entscheidung für oder gegen eine Abwanderung in einem kulturellen Kontext zugeschrieben wird, der seit Jahrhunderten von Emigration geprägt ist.

2. Die Rolle von Familie und sozialen Netzen, verbunden mit der Frage, auf welche Weise die Familie auf die Mobilitätsentscheidung einwirken kann.

3. Die imaginierten und erfahrenen Geographien, also die Frage nach den existierenden Raumbildern vom eigenen und fremden Raum in den Köpfen der Befragten. Hierbei stellt sich die Frage nach Informationsverzerrungen im Sinne von auftretenden Diskrepanzen zwischen den gezeigten statistischen Evidenzen und den existierenden Raumbildern.


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3.4.1  Soziokulturelle Dimensionen räumlicher Mobilität in Sizilien

Ähnlich der Bildung besitzt auch das Phänomen der räumlichen Mobilität unterschiedliche soziokulturelle Dimensionen, die sich aus der Geschichte der Insel bzw. den Geschichten der einzelnen Orte Siziliens ableiten.

Wenngleich Sizilien laut Renda (1963: 44f.) nach der nationalen Einigung etwas später als andere Regionen Italiens von der Emigration betroffen war, so setzte hier nach der Jahrhundertwende eine massenhafte Emigrationswelle ein, die im Jahr 1913 mit 146.000 registrierten Auswanderern ihren Höhepunkt erreichte. Diese erste große Auswanderung richtete sich vor allem nach Nord- und Südamerika sowie nach Australien, hatte aber trotz der großen Distanzen auch damals bereits einen hohen Anteil an saisonalen Wanderungen, deren Ausmaß durch klimatische Schwankungen gesteuert wurde: Eine schlechte Agrarsaison ließ die Zahl der Abwanderer unmittelbar in die Höhe schnellen, wobei viele zum nächsten Saisonbeginn wieder zurückkehrten. Trotz starker Rückwanderung spricht Renda für den Zeitraum zwischen 1901 und 1911 von 240.000 definitiven sizilianischen Emigranten (Renda 1963: 51, 100).

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die zweite Emigrationswelle ein, so dass die Anzahl der definitiven Abwanderer allein zwischen 1951 und 1961 auf insgesamt fast 400.000 anstieg. Diese zweite Auswanderung richtete sich jedoch weniger auf die Überseegebiete als vielmehr auf das sogenannte Industriedreieck in Norditalien. Die saisonale oder längerfristige Beschäftigung in Norditalien, in der Schweiz oder in Deutschland wurde damit für viele Sizilianer zur Normalität (Renda 1963: 100, 106).

Als Konsequenz der massenhaften Emigration vor allem aus dem ländlichen Raum ist neben der beträchtlichen Bevölkerungsdezimierung in einzelnen Orten die Omnipräsenz der Emigration im Denken der Bevölkerung zu erwähnen, da es kaum eine sizilianische Familie gibt, die nicht Verwandte in Übersee, in Mitteleuropa oder zumindest in Norditalien hätte85. Im kollektiven Gedächtnis wirken die großen Emigrationswellen bis heute auf die Handlungen der sizilianischen Bevölkerung, so dass sogar von der Emigration als einer Geisteshaltung Siziliens („condizione spirituale della Sicilia“) gesprochen werden kann (Renda 1963: 85)86. Diese beinhaltet für die Betroffenen die Vorstellung, dass die Unwegsamkeiten, die das Leben auf der Insel bereitet, lediglich durch Abwanderung überwunden werden können.

Abwanderung ist in Sizilien jedoch nicht immer mit einer Flucht aus der Armut gleichzusetzen. Grundsätzlich lassen sich vereinfachend zwei unterschiedliche gedankliche Traditionslinien unterscheiden: zum einen die Emigration der Besitzlosen aus der Misere des ländlichen Raums und zum anderen die Kulturreisen der städtischen Oberschicht. Wenngleich Emigration und Kulturreise durchaus in die gleichen Zielgebiete führen können, unterscheiden sie sich dadurch, dass es sich bei Ersterer um [Seite 182↓]eine „erzwungene“, bei Letzterer um eine „freiwillige“ Mobilität handelt. Hieraus ergeben sich auch sehr unterschiedliche kulturelle Bewertungen.

Wie bereits im Kapitel zur soziokulturellen Dimension der laurea herausgearbeitet wurde, grenzen sich die laureati als relativ Privilegierte tendenziell von den Verhaltensweisen der Jugendlichen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss ab. Dies betrifft nicht nur die Erwerbsbeschäftigungen der Befragten, sondern auch die Nutzung bestehender Migrantennetzwerke. Darüber hinaus besitzt aber auch die Entscheidung für oder gegen eine Abwanderung nach Norditalien oder in das Ausland auch eine eigene kulturelle Wertigkeit, die sich durch die Einordnung in die eine oder andere Migrationstradition ergibt.

3.4.1.1 Räumliche Mobilität der Unterprivilegierten: Emigration

Der Begriff emigrazione wird in der Geschichte des ländlichen Sizilien mit der Flucht aus Armut und Misere assoziiert. Aufgrund der langen Emigrationsgeschichte, die Besitz- und Erwerbslose in Krisenzeiten zur Auswanderung nach Übersee oder in die Industriegebiete des Nordens gezwungen hat, beinhaltet emigrazione nicht nur die Konnotation des Scheiterns sondern auch diejenige der endgültigen Abwanderung. Diese Erfahrung ist bis heute in Form von Erzählungen beispielsweise von Verwandten noch immer sehr präsent:

Person 32 aus Santo Stefano berichtet von ihrer Familie mütterlicherseits, die in den Nachkriegsjahrzehnten zur Emigration gezwungen war. Lediglich ihre Mutter, der es ökonomisch etwas besser ging, hatte damals in Sizlien bleiben können:

„Meine Onkel und Tanten sind weggegangen, als sie noch jung waren, na ja, so etwa 30, denn hier war die Situation so, wie sie damals eben war. Sie waren zusammen mit meiner Mutter vier Geschwister, und drei von ihnen haben sich entschlossen wegzugehen. Meiner Mutter ging es damals [wirtschaftlich] etwas besser, so dass sie bleiben konnte“ (Person 32).

Diese Tradition der emigrazione lebt aber nicht nur in Form von Erzählungen, sondern auch durch die kontinuierliche Rückwanderung ehemaliger Emigranten und die fortbestehenden Austauschbeziehungen zu den Emigranten in den norditalienischen und mitteleuropäischen Emigranten-Communities weiter. Denn viele der Orte, die in der Vergangenheit von massiver Auswanderung betroffen waren, pflegen nicht nur einen informellen Austausch mit ihren „Kolonien“ sondern auch einen institutionalisierten Austausch, der meist von den Bemühungen einzelner Bürgermeister in Sizilien abhängig ist.

Der Bürgermeister von Montallegro in der Provinz Agrigent bemüht sich um einen aktiven Austausch zwischen seinem Ort und den ‚Montallegresi all’estero’ 87. Hierzu hat er beispielsweise eine Broschüre und ein Video über die kulturellen Traditionen seines Ortes erstellen und in den Kolonien in Norditalien, Kanada und Deutschland verteilen lassen. Zudem gibt es zweimal wöchentlich eine Busverbindung zwischen Montallegro und Mannheim, in dessen [Seite 183↓]Stadtteil Rheinau viele ‚Montallegresi’ leben. Ähnliche Aktivitäten wurden auch aus anderen Gemeinden des ländlichen Sizilien (z.B. Milena) berichtet.

Innerhalb dieser Tradition bewegt sich auch die häufig erwähnte neue Abwanderung von jugendlichen Bauarbeitern oder Handwerkern, also manuellen Arbeitskräften. Bei dieser relativ neuen Abwanderung von Jugendlichen wird von einer „terza emigrazione“ gesprochen, zumal auch sie endgültig erscheint:

„Die gehen weg. Es gibt viele Jugendliche, die nicht mehr zurückgekommen sind. Die kommen dann im Sommer. Die sind dort gewesen, angeworben um zu arbeiten, und jetzt arbeiten sie. Vielleicht wechseln sie die Arbeit, was weiß ich – im Laufe des Lebens, aber sie bleiben immer da. Davon gibt es leider sehr viele“ (Person 28).

Gerade von dieser klassischen Emigrationstradition grenzen sich die interviewten Hochschulabsolventen ganz explizit ab, was sich auch darin äußert, dass viele sogar den Kontakt zu den Remigranten meiden. Person 19 aus Salemi beispielsweise unterhält zu seinen zurückgekehrten Onkels und Tanten keinerlei Kontakt:

„Da gibt es irgendeinen Onkel, der mir nichts bedeutet, ich habe keinen Kontakt mit ihm, aber der ist in Deutschland gewesen. Jetzt ist er zurückgekommen, weil er im Ruhestand ist. Dann habe ich noch eine andere Tante, die in den 60er Jahren in Amerika war und jetzt zurückgekehrt ist [...] Es gibt noch einen, der beispielsweise nach Venezuela gegangen ist, der ist hierher zurückgekehrt, er hat sich hier ein Stück Land gekauft und lebt jetzt hier“ (Person 19).

Die zunächst nahe liegende Vorstellung, die bestehenden Netzwerke als Brücke in den Arbeitsmarkt Nord- oder Mittelitaliens zu nutzen, ist für fast alle Befragten vollkommen fernliegend, da die Verwandten in Norditalien oder Deutschland, die als Industriearbeiter ausgewandert sind, keinerlei Kontakte zum Arbeitsmarkt oder gar zum kulturellen Milieu von Akademikern besitzen. Lediglich spezifische Konstellationen machen diesen Schritt sinnvoll:

Person 32 aus Santo Stefano hat versucht, nach einer Phase der Unzufriedenheit mit dem Studium der Ingenieurswissenschaft in Palermo sich über eine Tante in den USA vor Ort für das Studium an einer amerikanischen Universität zu bewerben. Dieser Schritt machte aber nur deswegen Sinn, weil ein Sohn dieser Tante, ein „amerikanischer Cousin“ vor Ort, ebenfalls Ingenieurwissenschaft studiert hatte und sie sich somit von diesem Aufenthalt konkrete Hilfestellungen erwarten konnte.

Während die Netzwerke der Elterngeneration auf junge Akademiker eher einengend und abstoßend wirken, können Verwandte und Freunde, die erst in den letzten Jahren ins Ausland gegangen sind, als Stützpunkte für Studienaufenthalte oder Arbeitsuche durchaus hilfreich sein.

Interviewpartnerin 10 hat für eine Weiterbildung mehrere Monate bei ihrem Cousin in der Nähe von Paris gewohnt, da sie sich diesen Aufenthalt sonst nicht hätte leisten können:

„Ich bin nach Paris gegangen, weil es dort diesen Kurs gab. Ich konnte als Gast bei Freunden wohnen, weil mein Cousin eine Französin geheiratet hat, und daher hatte ich diese Möglichkeit. Sonst hätte ich mir das finanziell absolut nicht erlauben können“ (Person 10).

Da Hochschulabsolventen gegenüber ihren Altersgenossen mit einem niedrigeren Abschluss aber auf dem Arbeitsmarkt besser gestellt sind, kommt diese Handlungsoption insbesondere in den soziokulturellen Kontexten großer Emigrations- [Seite 184↓]bzw. Remigrationsgemeinschaften lediglich als allerletzte Handlungsoption in Frage: Resigniert bringt eine 37jährige Psychologin diese Vorstellung folgendermaßen zum Ausdruck:

„Am Ende werde ich [weggehen, HJ.] müssen, ich habe das Gefühl, dass ich aufgeben werden muss, denn... na ja... Für mich ist Arbeit gewiss nicht alles, aber ich kann auch nicht auf der Straße schlafen. Ich muss eine Lösung finden, denn Garantien gibt es keine“ (Person 10).

Wenngleich nahezu alle Befragten andere Absolventen nennen konnten, die zum Befragungszeitpunkt in Nord- oder Mittelitalien arbeiteten, so wurde die fuga di cervelli von laureati im Vergleich zur massenhaften Abwanderung von Jugendlichen mit niedrigem Bildungsabschluss als geringfügiges Problem wahrgenommen. Denn der Zusammenbruch der Bauwirtschaft, der merkliche Rückgang der öffentlichen Bauaufträge in den 1990er Jahren und der daraus resultierende Beschäftigungsrückgang zwang insbesondere Jugendliche mit einem Pflichtschulabschluss in die Emigration, so dass beispielsweise im Belice-Tal von einer dritten Emigrationswelle (terza emigrazione) gesprochen wird. Diese verläuft nach einem ähnlichen Muster wie die Gastarbeiterauswanderung in den 1960er Jahren, so dass teilweise ganze Familien ihre Heimat verlassen müssen. Diese Tendenz wird nicht nur in mehreren Expertengesprächen deutlich, sondern ist auch im Bewußtsein der interviewten Hochschulabsolventen vorhanden.

Interviewpartnerin 28 berichtet von einer massiven Abwanderung junger Menschen aus Bivona und den umliegenden Gemeinden, sie spricht sogar von einer regelrechten „Entvölkerung“ ihres Ortes. Dabei nimmt sie die jungen Hochschulabsolventen explizit von dieser Abwanderungswelle aus:

„Hier gibt es einfach keine Jugendlichen mehr. Zudem war gerade dieses ein Dorf, welches besonders von jungen Leuten bewohnt war. Heute beobachtet man nur noch diese Entvölkerung: es gibt sie nicht mehr, das heißt, sie ist drastisch reduziert.. die junge Bevölkerung. Unglaublich. Alle in Richtung...[Norden, HJ.]. Aber keine Hochschulabsolventen, das sind alles junge Leute – was weiß ich, Abiturienten, Mittelschulabsolventen – die weggegangen sind, um Arbeit zu suchen“ (Person 28).

Interviewpartnerin 14 aus Caccamo, einem kleinen Ort in der Nähe von Palermo, antwortet auf die Frage, ob sie laureati kenne, die aus Sizilien weggegangen seien:

„So richtig weggegangen, daran kann ich mich nicht entsinnen. Aber junge Leute aus Caccamo ohne Hochschulabschluss gehen weg. Es gibt junge Leute – was weiß ich – vielleicht Maurer, oder so was... die hier nichts... jetzt gibt es hier nicht mehr viel. Die Bauwirtschaft ist blockiert, na ja, aber um eine Zukunft zu haben... oder Leute, die gar keinen spezifischen Beruf haben, die gehen weg, um was anderes zu finden. Zum Beispiel die Söhne der Nachbarn, die unter uns wohnen, da ist sogar die ganze Familie weggegangen, um eine Arbeit zu finden: einer ist Krankenpfleger, der andere arbeitet als Maurer. Was die Eltern machen, weiß ich nicht. Die sind nach Alessandria gegangen, die ganze Familie. Und auch viele andere Jugendliche, auch alleine, aber alles keine Hochschulabsolventen. Normalerweise finden die Hochschulabsolventen immer irgendetwas, zumindest die, die ich kenne. Früher oder später findest du immer irgendwas, zumindest ein Auskommen. Ich spreche nicht von einer Arbeit, die dich alle Sorgen vergessen lässt, aber irgendein Auskommen findest du“ (Person 25).


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Auch bezüglich der Wanderungskanäle zeichnen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen mit niedrigerem Qualifikationsniveau und den Jungakademikern ab. Während die Emigration Ersterer nach Auskunft der Interviewten an die bestehenden Emigrantennetzwerke anknüpfen und folglich tendenziell wieder als Kettenwanderung (chain migration) in bestimmte Orte Norditaliens oder des Auslands verläuft, kommt den interviewten Hochschulabsolventen zufolge diese Option für laureati zunächst kaum in Frage. Deren Abwanderung wird eher als temporärer Karrieresprung verstanden:

„Manche gehen zum Beispiel weg, um zu unterrichten, etwa eine vorübergehende Beschäftigung im Norden. Die gehen dahin, um Punkte zu bekommen. Aber als... Abiturienten, ja, von denen hört man öfter, dass sie zu Freunden fahren, und von dort aus irgendeine Arbeit suchen. Und wenn sie sich wohl fühlen, bleiben sie auch da. Solche Fälle kenne ich, und davon gibt es viele. […] Abiturienten gibt es genug, die weggehen, Hochschulabsolventen weniger” (Person 19).

Die Vorstellung, in die Fußstapfen der ausgewanderten Verwandten zu treten und mit ihrer Hilfe vor Ort eine Arbeit zu suchen, wird für Hochschulabsolventen als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen. Eine Interviewte stellt bezüglich der vielen ihr bekannten Hochschulabsolventen in Norditalien fest:

„In allen Fällen, die ich kenne, gibt es diese verwandtschaftlichen Beziehungen nicht, in dem Sinne, dass man denken würde: ‚Ich gehe dahin, weil ich dort Verwandte habe’“ (Person 32).

Aufgrund der Relativität der Problematik von Arbeitslosigkeit und Abwanderung junger Hochschulabsolventen gegenüber den geringer qualifizierten Jugendlichen gibt es zumindest im ländlichen Raum keinerlei Bewusstsein für das spezifische Problem einer fuga di cervelli also der Abwanderung (wörtl. Flucht) junger Akademiker. Auf diesen Begriff angesprochen verweisen mehrere Experten zum einen auf die Studienmobilität, welche die besten Abiturienten an die norditalienischen Universitäten treibt, zum anderen auf die massive Abwanderung von Juristen und Lehrern nach Norditalien in den 1980er Jahren.

Während in den ländlichen Auswanderergebieten emigrazione eher als Ausdruck des Scheiterns gelesen wird, und somit eine negative Konnotation besitzt, gibt es noch einen zweiten Traditionsstrang, in den sich räumliche Mobilität einordnen lässt.

3.4.1.2 Räumliche Mobilität der Privilegierten: Studienreisen

Im Gegensatz zu Auswanderungsregionen wie Sizilien, wo die Emigration als Ausweg aus der heimischen Misere eher negative Assoziationen hervorruft, ist in der Vorstellung moderner Industriegesellschaften sowie der privilegierten städtischen Bevölkerung Mobilität grundsätzlich positiv konnotiert (vgl. z.B. Husen/Postlethwaite 1994: 1650). Dahinter steht das Bild eines modernen, weltoffenen Menschen, der sich in fremden Kulturen ähnlich leichtfüßig bewegt wie in der Eigenen. Die Form dieser räumlichen Mobilität ist diejenige des Studiums und des Reisens, welche in gewisser Weise auch mit einer Vorstellung von Reisen als Bildung und als Erweiterung des eigenen kulturellen Horizontes verbunden ist. Ökonomische Zwänge spielen keine Rolle; vielmehr ist das Reisen selbst Ausdruck des eigenen Wohlstands. Die Erfahrung des [Seite 186↓]Fremden, die Fähigkeit, sich in anderen Kulturen zu bewegen, wird hierbei zum Statussymbol.

Alle Absolventen aus Palermo, aber auch Person 16 aus Castellammare berichten voll Stolz von ihren Auslandsaufenthalten, deren Anlässe zunächst immer Sprachreisen oder Studienaufenthalte waren, und in späteren Lebensphasen häufig von emotionalen Bindungen bestimmt wurden (Personen 11, 12, 16, 17, 18, 35). Aufenthalte im Ausland werden hier als positive Erfahrungen, als kultureller Wertzuwachs verstanden, auch in Hinblick auf die Rückkehr nach Italien.

Interviewpartnerin 16 aus Castellammare hat schon zu Schulzeiten an einem Englischkurs in der Nähe von London teilgenommen. Mit der Familie, bei der sie anfänglich gegen Bezahlung gewohnt hat, entwickelte sich im Laufe der Jahre eine wechselseitige Freundschaft, so dass sie immer wieder für Sprachkurse in diese Familie zurückgekehrt ist.

Innerhalb dieser Traditionslinie würde räumliche Mobilität selbst dann nicht mit dem Begriff der emigrazione bezeichnet, wenn es sich um einen arbeitsbedingten Auslandsaufenthalt von langer Dauer handelte. Vielmehr haben die Angehörigen dieser Gruppe im Laufe von Schul- und Studienzeit internationale Freundschaftsnetzwerke in ganz Italien sowie in anderen Ländern aufgebaut, in denen sie sich nun frei bewegen können. Im Gegensatz zu den Emigrantenkolonien besitzen diese keine festen, räumlich und sozial gebundenen Strukturen, sondern sind eher als lockere Netzwerke zu verstehen.

Interessant ist hierbei, dass gerade die Interviewpartner dieser Gruppe keine Berührungsängste mit den italienischen Emigrantengemeinschaften im Ausland haben, da sie dort nicht zugehörig sind und sich somit in diesen frei bewegen können. Mehrere Absolventen berichten, dass sie während ihrer frühen Auslandsaufenthalte in italienischen Restaurants oder italienischen Geschäften gejobbt haben, deren Kontaktaufnahme unabhängig von persönlichen Netzwerken in der Heimat ausschließlich vor Ort erfolgte: Person 11 hat in Deutschland in einer Salumeria gejobbt, Person 16 in England in einer Pizzeria, Person 12 in London bei einer Dame aus Neapel gelebt.

3.4.1.3 Die Mobilitätsentscheidung als rationales Kostenkalkül

Der Entscheidung für oder gegen die Abwanderung nach Nord- oder Mittelitalien liegt zudem ein rationales Kostenkalkül zugrunde, welches von mehreren Absolventen im ländlichen Raum angeführt wurde. Auf die Frage, warum sie denn trotz Arbeitslosigkeit und artikulierter Unzufriedenheit mit ihrer aktuellen (Nicht-)Erwerbssituation nicht einfach in den Norden gingen, wurde wiederholt eine fiktive Kostenberechnung angestellt, die als Zusatzkosten für einen arbeitsbedingten Umzug 1,5 Mio. italienische Lire (entspricht ca. 750 Euro) monatlich für Unterkunft, Verpflegung und regelmäßige Heimfahrten zugrunde legt. Da diese Kosten nicht entstehen, solange man zu Hause bei den Eltern oder in einer Wohnung im Familienbesitz lebt, scheint diese Berechnung auch bei einem bescheidenen Lebensstil realistisch, wenn nicht sogar knapp kalkuliert.


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Diese Summe muss also als Differenz vom erwarteten oder angenommenen Nettoeinkommen für eine Tätigkeit in Norditalien abgezogen werden, so dass etwa ein Monatsnettoeinkommen von 750 Euro lediglich die entstehenden Zusatzkosten für einen Umzug decken würde. Zudem werden dann noch Einkünfte aus diversen Erwerbsaktivitäten in Sizilien in die Gesamtrechnung eingebracht, die im Falle eines Umzugs wegfallen würden: Dies bedeutet, dass ein Absolvent, der in Sizilien monatliche Einkünfte von 750 Euro hat, in einer anderen Stadt monatlich 1.500 Euro verdienen müsste, um schließlich über das gleiche Einkommen verfügen zu können.

Interviewpartner 9 aus Milena macht die folgende Rechnung auf: Eine vierköpfige Familie kann im ländlichen Sizilien mit 1,5 Mio. ITL (ca. 750 Euro) monatlich problemlos auskommen, denn zum einen entstehen dort keine Mietausgaben, zum anderen sind die laufenden Ausgaben für Lebensmittel äußerst gering, da sehr viele Produkte im eigenen Betrieb angebaut werden oder über Tausch von Verwandten oder Freunden kommen. Eine Umzugsentscheidung wäre für eine solche Familie mit erheblichen Mehrkosten verbunden, die nicht nur Miete und Verpflegung beträfen, sondern darüber hinaus auch Kosten für den Babysitter oder andere Hilfeleistungen des täglichen Lebens, die in einer anderen Stadt bezahlt werden müssten.

Ein ähnliches Kalkül macht auch Interviewpartnerin 32 aus Santo Stefano, die zum Zeitpunkt des Interviews 1,8 Mio. ITL (ca. 900 Euro) monatlich verdient, mit denen sie ihr eigenständiges Leben in Palermo finanzieren kann.

„Inzwischen habe ich einen normalen Lohn von 1,8 Mio. Lire (ca. 900 Euro). Das ist nicht besonders viel, aber wenn du bedenkst, dass ich noch in Palermo bin, wo die Ausgaben noch... also ich kann sie noch verkraften, mit 1,8 Mio. kannst du da sogar leben“ (Person 32).

Da in Italien das durchschnittliche Einstiegsgehalt für Jungakademiker bei etwa 1000 Euro liegt, ist dem hier geschilderten Kostenkalkül zufolge der Umzug nach Norditalien nur dann eine finanziell rentable Entscheidung, wenn die Betroffenen zu Hause über keinerlei Einkünfte verfügen und im Zielgebiet ein deutlich überdurchschnittliches Einkommen zu erwarten haben. Das Zusammentreffen beider Fälle ist eine seltene Konstellation, so dass ein Stellenangebot in Mailand oder Rom nur in Ausnahmefällen eine ökonomische Rentabilität mit sich bringt.

Folglich sind es eher andere Faktoren wie Familie und Partnerschaft, berufliche Zufriedenheit, eine langfristige Sicherheit oder eine interessante Weiterbildung, die junge Hochschulabsolventen aus Sizilien weg bewegen. Rein ökonomisch ist die Arbeitsmigration, so lange sie aus der Position der Wohnung in der elterlichen Familie erfolgt, zumindest in der Anfangszeit sogar als Investition zu betrachten.

Interviewpartnerin 16 aus Castellammare, die im Rahmen einer Weiterbildungsmaßnahme ihrem Partner nach Rom gefolgt ist, verdient dort 1,8 Mio. Lire (ca. 900 Euro) zuzüglich Essensmarken im Wert von 200.000 Lire (ca. 100 Euro), was angesichts der hohen Lebenshaltungskosten in Rom nicht einmal die laufenden Kosten deckt:

„Das ist ein minimales und kleines Gehalt, um in einer großen Stadt wie Rom zu leben, wo die Preise – gerade im Jahr des Giubileo [2000-Jahr-Feier der Kirche, HJ.] besonders hoch sind, so dass man sich sogar einschränken muss. Mit 1,8 Mio. lebt man in Palermo prächtig“ (Person 16).


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Eine ähnliche Erfahrung macht Interviewpartner 34 aus Palermo, der über die Teilnahme an einer öffentlichen Ausschreibung eine Stelle beim Forschungsinstitut Ismea in Rom bekommen hat. Da er bereits in Palermo aus geschäftlichen Gründen eine Wohnung unterhalten hatte, traten als Zusatzkosten des Umzugs immer noch die Mietdifferenz zwischen Rom und Palermo, die zusätzlichen Verpflegungskosten sowie die Kosten für regelmäßige Flüge nach Palermo hinzu. Diese unternimmt er vorwiegend aus geschäftlichen Gründen, weil er in Sizilien weiterhin als Selbständiger erwerbstätig ist. Diesen Nebenerwerb möchte er nicht aufgeben, da sein Vertrag in Rom zeitlich befristet ist und er deswegen diese Sicherheit aufrechterhalten möchte. Durch den Umzug sind seine monatlichen Kosten enorm angestiegen, so dass er trotz einer Vollzeitstelle in einer öffentlichen Forschungseinrichtung weiterhin auf die Unterstützung durch seine Eltern angewiesen ist.

Arbeitsmigration selbst innerhalb Italiens ist also in der Praxis nur unter bestimmten Rahmenbedingungen eine ökonomisch rationale Entscheidung, da die Abwanderung mit erheblichen Zusatzkosten verbunden ist, die durch den Verbleib in der heimatlichen Umgebung vermieden werden können. Betrachtet man Migration als rein ökonomisches Kalkül, so muss das zu erwartende Nettoeinkommen zunächst nicht nur die Zusatzkosten für Miete und Verpflegung, sondern zudem auch auch diejenigen für regelmäßige Heimfahrten oder - im Falle einer eigenen Familiengründung - für die Kinderbetreuung abdecken. Zusätzlich gehen in diese Rechnung noch alle in Sizilien erzielten Nebeneinkünfte mit ein.

Da das Einkommensniveau in Italien für Berufseinsteiger nur selten 1.000 Euro übersteigt, bedeutet dies in der Praxis, dass die Abwanderung aus Sicht der zu Hause lebenden jungen Hochschulabsolventen zunächst als Zusatzinvestition für die elterliche Familie zu sehen ist. Letzten Endes spielt hierbei die ökonomische Situation der Familie und deren emotionale Bindung eine wichtige Rolle.

3.4.2 Die Rolle von Familie und sozialen Netzen

Die Familie spielt in Italien allgemein und speziell im ländlichen Raum Süditaliens und der Inseln eine besondere Rolle, so dass in der deutschsprachigen geographischen Literatur im Zusammenhang mit der italienischen Familienstruktur häufig von ‚Familismus’ gesprochen wird. Dieser Begriff besitzt jedoch spätestens seit dem Erscheinen des Buchs Le basi morali di una società arretrata (Die moralischen Grundlagen einer rückständigen Gesellschaft) von E.C. Banfield im Jahr 1955 in der Kombination des „familismo amorale” im Mezzogiorno eine negative Konnotation, so dass seine Verwendung zu vermeiden ist(vgl. Tichy/Rother 2000: 338).

3.4.2.1 Familie als Wohngemeinschaft

Unabhängig von der normativen Bewertung der stärkeren ökonomischen und emotionalen Bindung innerhalb italienischer Familien wirkt sich die Familie unmittelbar auf das Mobilitätsverhalten junger Hochschulabsolventen aus88. Die [Seite 189↓]Mobilitätsentscheidung ist in der Regel keine individuelle sondern eine kollektive Entscheidung innerhalb des Familienverbands. Die räumliche Nähe zu Eltern und Geschwistern hat hierbei für viele befragte Absolventen einen direkten Einfluss auf eine mögliche Mobilitätsentscheidung, da sie sich emotional stark verbunden und gleichzeitig auch den Eltern gegenüber verpflichtet fühlen. Für die meisten Sizilianer ist die Familie der zentrale Lebensmittelpunkt. Fast alle Befragten wohnen auch nach Studienende im Elternhaus oder zumindest in einer Wohnung im Familienbesitz, da die meisten sizilianischen Eltern dafür Sorge tragen, allen ihren Kindern eine eigene Wohnung zur Verfügung zu stellen. Giordano (1992: 323) spricht in diesem Zusammenhang von einem „Hunger nach Häusern“, der sich aus dem „Hunger nach Land“ entwickelt hat.

Der Absolventenbefragung des Istat zufolge wohnt drei Jahre nach dem Hochschulabschluss tatsächlich mehr als die Hälfte der „immobilen“ Absolventen (53,5%) und der Rückkehrer (50,2%) in der elterlichen Wohnung und ein weiteres Drittel mit der Partnerin oder dem Partner zusammen. Umgekehrt wohnen lediglich 11% der Immobilen und 15,4% der Rückkehrer alleine oder mit Freunden zusammen. Hierbei ist nicht ausgeschlossen, dass es sich auch dann um eine Wohnung im Familienbesitz handelt89.

Eine im ländlichen Raum häufig anzutreffende Wohnform beschreibt Interviewpartner 19 aus Salemi, der seit seiner Hochzeit zusammen mit seiner Frau in einer separaten Wohnung im Haus der Eltern wohnt (siehe auch Person 15). In Palermo ist hingegen häufig das Modell der eigenen Wohnung anzutreffen (Person 12, Person 35). Der unbegründete Auszug noch vor der Hochzeit etwa zum Zeitpunkt der Volljährigkeit ist in Sizilien gerade im ländlichen Raum ein wenig verbreitetes und gesellschaftlich kaum akzeptiertes Modell:

„Hier gibt es das einfach nicht, dass man mit 18 weggeht, um alleine zu wohnen, zumindest sind es nur sehr wenige Fälle, deren prozentualer Anteil ist sehr niedrig“ (Person 28).

Schließlich stellt die Großfamilie als Wohngemeinschaft einen eigenen und unumstößlichen Wert dar. Ein Interviewter aus Eraclea Minoa spitzt den Gedanken der erweiterten Familie als Wohneinheit noch zu:

„wir wohnen alle zusammen. Meine Familie ist immer noch intakt“ (Person 31).

Das Wohnen in der Familie bedeutet aber nicht nur ein einfaches Zusammenleben im Sinne einer Wohngemeinschaft, sondern geht noch weit darüber hinaus. Alle wichtigen Entscheidungen des Lebens werden in der Regel von der Familie beraten und letzten Endes von dieser beschlossen.

Interviewpartnerin 32 aus Santo Stefano berichtet, dass die Familie ihrem Bruder nahegelegt habe, sich nach zwei Jahren erfolgloser Arbeitsuche in Sizilien beim anderen Bruder in Biella nach einer Arbeit umzusehen.

Interviewpartner 34 aus Palermo, der für einige Monate als Erasmus-Student in Spanien war, ist dort nicht länger geblieben, weil es ihm – nach eigenen Angaben - von seiner Familie nicht nahegelegt wurde:


[Seite 190↓]

„Meine Familie hat mir das.. weder von meiner Familie, noch von meiner Universität wurde mir das angetragen. Es gab keinen Druck, dort zu bleiben“ (Person 34).

Die gemeinsamen Entscheidungsfindungsprozesse in den Familien beruhen zudem darauf, dass die Familie immer als ökonomische Einheit begriffen wird, und somit beispielsweise auch das Studium an einer norditalienischen Privatuniversität aus dem Familienbudget bezahlt wird. Dies bleibt nicht ohne Konsequenzen für Mobilitätsentscheidungen, denn die eigene Mobilität bedeutet eine zusätzliche Belastung der Familienkasse. Die hohen Kosten für die Teilnahme an auswärtigen Einstellungswettbewerben (concorsi), die durch Anfahrt und Unterbringung entstehen, halten beispielsweise Person 29 aus Montallegro von der Teilnahme an Einstellungswettbewerben für den öffentlichen Dienst außerhalb Siziliens ab.

3.4.2.2 Familie als Lebensgemeinschaft

Während also die räumliche Nähe zur Familie und der Verbleib im Heimatort für viele als selbstverständliche Normalität angesehen wird, wurde von denjenigen, die zum Zeitpunkt der Befragung außerhalb Siziliens arbeiten, der Wert der Familie erst aus der Distanz erkennbar. Interviewpartner 18, der in Deutschland glücklich verheiratet ist, dort mit seiner eigenen Familie lebt und zudem eine feste Stelle als Lehrer hat, sieht als wesentliches Manko seiner Lebenssituation die räumliche Distanz zu seinen Eltern:

„Wenn ich es bereue [weggegangen zu sein, HJ.], dann nur aus persönlichen Gründen, denn meine Eltern leben hier [in Palermo] und sind schon älter“ (Person 18).

Interviewpartnerin 16 aus Castellammare, die in ihrem Leben ebenfalls viel im Ausland gelebt hat und inzwischen mit ihrem Partner in Rom wohnt, vermisst die Nähe der Familie, seit sie sich mit dem Gedanken der Gründung einer eigenen Familie trägt. Interviewpartnerin 17 ist nach einem mehrjährigen Studium in Amerika nach Italien zurückgekehrt, lebt aber inzwischen in einer elterlichen Wohnung in Rom.

Über die emotionale Bindung und die konkrete Unterstützung der Familie hinaus kann sich auch die lokale Reputation der eigenen Familie auf die Mobilitätsentscheidung auswirken. Zum einen kann die Familie soziales Kapital, also über Jahrzehnte an einem Ort aufgebauten Netzwerke zur Verfügung stellen, zum anderen besitzt auch die Reputation der Familie einen symbolischen Kapitalwert, der in der Regel ebenfalls an den Ort gebunden ist.

Für Interviewpartnerin 35, Juristin in Palermo, ist der gute Ruf ihrer Familie beim Aufbau eines eigenen Kundenstamms ein Vorteil, den sie nach dem Umzug in eine andere Stadt nicht geltend machen könnte. Bezüglich ihrer beabsichtigten Selbständigkeit sagt sie:

„eine Sache ist, dass dich die Leute kennen und du aus einer angesehenen Familie kommst, die angenehme Menschen sind, die immer gearbeitet haben, geachtete Menschen, um es genau zu sagen. Draußen [in Norditalien, HJ.], in diesen großen Kanzleien, ist alles vollkommen unpersönlich, das sind Kanzleien von bis zu 100 Mitarbeitern, oder 50 Mitarbeitern, so dass es weniger individuell ist, du fällst überhaupt nicht auf, und das Ganze endet damit, dass du nur noch für die Kanzlei arbeitest, und kaum deinen eigenen Kundenstamm aufbauen kannst“ (Person 35).


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Ist der Familienverband hingegen nicht oder nicht mehr intakt, bzw. nicht den geltenden Normvorstellungen entsprechend, kann die Familie umgekehrt auch abstoßend und damit mobilitätsfördernd wirken. Person 11 aus Palermo beispielsweise suchte schon während des Studiums die Distanz zu ihrer Familie:

„Mir ging es eigentlich immer am besten, wenn ich weg von Palermo war, oder wenigstens nicht in meiner Familie. Das ist auch... Es ist nicht nur die Stadt, sondern auch die familiäre Situation, die dich wegtreibt oder nicht... Ich weiß auch nicht, es gibt viele Gründe, die wichtig sind. Für mich war der Auslöser [wegzugehen] nicht, dass ich mir gesagt hätte: jetzt bin ich hier, wenn ich nicht weggehe, lerne ich keine Sprachen und bleibe arbeitslos. Das war es überhaupt gar nicht“ (Person 11).

3.4.2.3 Feste Partnerschaft als eigene Familie

Neben der elterlichen Familie spielt aber auch die eigene Partnerschaft eine wichtige Rolle für die Mobilitätsentscheidungen. Während für eine ungebundene Person die kurzfristige Entscheidung für einen Fortzug bei der Konstellation bestimmter Rahmenbedingungen immer eine Handlungsoption sein kann, so sinkt deren Wahrscheinlichkeit mit dem Moment der Heirat oder der festen Bindung. Denn fortan wird faktisch das aktuelle, kumulierte Einkommen beider Partner in die Waagschale für oder gegen eine Wanderung geworfen:

„Dann habe ich geheiratet, mein Mann arbeitet hier, und ich kann nicht einfach alleine weggehen“ (Person 28).

oder

„Aber weißt du, nachdem ich geheiratet habe... also wenn ich, wenn mir ein wirklich großartiges Angebot gemacht würde, würde ich gehen. Aber wenn ich nur das bekommen kann, was ich hier habe, bleibe ich lieber hier [...] Jetzt bin ich verheiratet und bleibe natürlich bei meiner Frau“ (Person 15).

Auch Interviewpartner 19 aus Salemi hat alle Umzugsabsichten begraben, seit seine Frau eine feste Arbeit gefunden hat:

„Vorher war ich der einzige, der gearbeitet hat, denn meine Frau beendete gerade ihr Studium, und nach der Hochzeit wäre sie mir [im Umzugsfalle, HJ.] gefolgt. Aber nun arbeitet sie hier, warum sollte ich weggehen? Es gibt keinen Grund für eine solche Entscheidung. Also habe ich mich entschieden... [hier zu bleiben, HJ.] es sei denn, die Zukunft bringt sehr grundlegende Veränderungen, das weiß ich nicht“ (Person 19).

Beruhend auf der Erfahrung zurückliegender Emigrantenschicksale werden die Fälle, in denen eine junge Familie durch die Arbeitsmobilität eines Partners getrennt wurde, als menschliche Tragödien erfahren. Person 32 erzählt von einer Freundin, die als Lehrerin mit einem kleinen Kind nach Cuneo in Norditalien gegangen ist in der Hoffnung, sich in wenigen Jahren wieder nach Sizilien versetzen zu lassen:

„Hier gibt es eine junge Frau, die die magistrale [Pädagogische Hochschule, HJ.] besucht hat. Sie ist mit einem verheiratet, der hier gegenüber wohnt... Sie haben ein Kind, eine Tochter.. Sie [die Mutter, HJ.] ist zum Arbeiten nach Cuneo gegangen.. mit ihrer Tochter, und hat ihren Mann hier gelassen. Das sind Unannehmlichkeiten, die du auf dich nimmst, weil du arbeiten musst. Sie ist also mit dem Kind weggegangen, hat sich da oben eine Wohnung gemietet etc.. Der Mann pendelt zwischen Cuneo und Lucca, einem kleinen Ort hier in der Nähe hin und her, und sie arbeitet in Cuneo, natürlich immer in der Absicht, sich eines Tages versetzen zu lassen. Aber das dauert immer Jahre. Ich glaube, es [Seite 192↓]sind mindestens drei Jahre, also nicht wenig. Es funktioniert nicht, dass du dorthin gehst und sagst: Oh, jetzt möchte ich gerne nach Hause zurück“ (Person 32).

Da die Studienphase in die Altersklasse der festen Paarbindungen fällt, erweist sich häufig auch die Studienmobilität als definitiv. Die zahlreichen Mobilitätsentscheidungen von Person 8 und Person 35 aus Palermo wurden durch partnerschaftliche Bindungen beeinflusst, ebenso der Verbleib von Person 17 in den USA und Person 18 in Deutschland.

Interviewpartner 34, der als Single in Rom lebt, macht die Entscheidung für seinen zukünftigen Lebensort davon abhängig, wo er die Frau seines Lebens kennenlernt:

„So wie ich mich kenne, werde ich da leben, wo ich eine Frau finde, mit der ich zusammen leben möchte. [...] Falls ich gleichzeitig in Rom eine Arbeit und eine Frau haben werde, werde ich in Rom leben“ (Person 34).

3.4.2.4 Lokal gebundenes Sozialkapital

Neben den familiären Strukturen erweisen sich aber auch persönliche Kontaktnetzwerke bei der Suche nach einer Erwerbsarbeit als wichtige und oftmals entscheidende Stütze.

Von allen befragten sizilianischen Absolventen des Jahres 1995, die drei Jahre nach dem Hochschulabschluss einer Beschäftigung nachgehen, gibt ein Drittel (33%) an, die aktuelle Stelle mit Hilfe von Familienmitgliedern oder Freunden bekommen zu haben. Dieser Wert liegt bei den Immobilen und den Rückkehrern etwas höher, bei den Arbeitsmobilen erwartungsgemäß deutlich darunter. Gleichwohl gibt auch von den Sizilianern, die außerhalb Siziliens arbeiten, fast jeder Vierte an, die eigene Stelle über den Einsatz von Sozialkapital bekommen zu haben. In allen Fällen spielt die Familie die wichtigste Rolle bei der Vermittlung.

Gerade im Bereich der Universitäten und außeruniversitären öffentlichen Forschungseinrichtungen wird die Bedeutung sozialer Netzwerke immer wieder hervorgehoben, was sich in diesem Bereich bremsend auf die Mobilität auswirken kann, bzw. die Rückkehr von Akademikern nach einem Auslandsaufenthalt erschwert.

Interviewpartnerin 17, die an renommierten Universitäten in Frankreich und den USA studiert hat, bemerkte nach ihrer Rückkehr nach Italien ein diffuses Misstrauen gegenüber den Auslandsstudierenden, und leitet daraus ab, dass ein Auslandsstudium in beruflicher Hinsicht für den akademischen Arbeitsmarkt Italiens zumindest in den Geisteswissenschaften wenig Vorteile verspricht:

„Es gibt so ein gewisses Misstrauen gegenüber denjenigen, die weggehen [...] Von vielen wird es nicht gerade mit Enthusiasmus gesehen. Im Gegenteil: eine ewige Leier ist, dass man seine Kontakte verliert, wenn man weggeht, und teilweise stimmt das auch, es ist keine Legende sondern wahr. Ein italienischer Professor betrachtet dich mit Vorbehalten wenn du... [...] Die sehen ausländische Universitäten immer wie Konkurrenten, wie eine Universität, die dich entführen könnte. Wenn du einmal weggehst, hast du nicht mehr das Recht zurückzukehren: Ich kenne solche Fälle...“ (Person 17).

Auch jenseits des universitären Forschungsbereichs erweisen sich persönliche Kontakte grundsätzlich als äußerst wertvoll. Dies gilt sowohl für die Vergabe von Referendariats- und Praktikumsstellen in den Fachbereichen Jura, Wirtschaftswissenschaften und Ingenieurswissenschaften, als auch für die Vergabe von Lehrerstellen in öffentlichen oder privaten Schulen.


[Seite 193↓]

Jenseits der – direkten oder vermittelten - Bekanntschaft des potentiellen Arbeitgebers sind aber auch verläßliche Informationen aus den Insiderkreisen der öffentlichen Verwaltung wichtig, um zum einen über Stellenausschreibungen informiert zu werden, zum anderen aber auch, um die Tragweite und Qualität – etwa von Beschäftigungsprogrammen – beurteilen zu können.

Person 32 erfuhr von den neu ausgeschriebenen lpu lediglich über einen ihr persönlich bekannten Professor, der sie bereits vor der öffentlichen Ausschreibung der Stellen informierte und ihr dringend anempfahl, sich dafür zu bewerben, da er langfristig von einer Umwandlung in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis zwischen ihr und der Provinz Agrigento ausging.

Familiäre und soziale Bindungen besitzen somit neben ihrer sozialen auch immer eine räumliche Dimension, die bestehenden oder angedachten Mobilitätsabsichten hemmend gegenüberstehen. Die unmittelbare Nähe zu Familie, Freunden und Bekannten – sofern sie nicht als Belastung empfunden wird – bietet neben den unmittelbaren ökonomischen Vorteilen ein Ressourcenpotential im Sinne der Sozialkapitaltheorie, welches sich auch räumlich bindend auswirkt.

Die sizilianische Erfahrung der Emigration lehrt, dass mit einer Abwanderung immer eine Schwächung, wenn nicht gar der Verlust dieser Verbindungen einhergeht. Eine Mobilitätsentscheidung bereits zum Studienbeginn kann somit schon zu einer ersten Destabilisierung der bestehenden Netzwerke beitragen und spätere Mobilitätsentscheidungen weniger verlustreich erscheinen lassen.

3.4.3 Imaginierte und erfahrene Geographien - Der eigene und der fremde Raum

Die Mobilitätsbereitschaft der interviewten Hochschulabsolventen ist in hohem Maße abhängig vom Vorstellungsbild des eigenen Raums einerseits und des jeweiligen potentiellen Zielgebietes andererseits. Als Grundlage einer Mobilitätsentscheidung dienen den Absolventen meist Raumdichotomien, die der Kategorie des eigenen Raumes „qua“ (hier), die Kategorien des jeweils anderen Raumes „fuori“ (draußen) gegenüberstellen. Diesen beiden Raumtypen werden dann bestimmte Merkmale zugeschrieben, welche die Entscheidung für oder gegen eine Abwanderung unmittelbar beeinflussen.

3.4.3.1 Raumkategorien des „Hier“

Die Raumkategorien des ‚Hier’ beziehen sich entweder auf den eigenen Ort (qua, hier in...) oder auf die gesamte Region Sizilien (in Sicilia), bisweilen auch explizit auf den gesamten Mezzogiorno (al Sud; nel Mezzogiorno).

[Seite 194↓]„Qua è molto difficile”

Alle drei Räume, vorzugsweise aber die Region, werden generell mit dem Problem der Erwerbslosigkeit und der wirtschaftlichen Schwäche in Verbindung gebracht. Schwierigkeiten der Erwerbsfindung einerseits und die darüber hinaus generell unbefriedigenden Erwerbsbedingungen andererseits sind für fast alle Interviewten eine gegebene Eigenschaft Siziliens:

„Hier ist es sehr schwierig“ (Person 10).

„Hier, besonders in Sizilien gibt es tatsächlich sehr wenige Arbeitsplätze, das ist das Problem“ (Person 15).

Die grundlegende Problematik auf dem sizilianischen Arbeitsmarkt wird in den Gesprächen als gegebenes Faktum konstatiert und darüber hinaus selten differenziert, spezifiziert oder näher analysiert, so dass selbst hypothetische Problemlösungen erst gar nicht denkbar sind. Denn schließlich ist es – aus Sicht der Sprecher - der Raum selbst (in der Regel Sizilien), dem diese Probleme inhärent sind. Die Verantwortung für die immer wieder beklagte Beschäftigungsmisere von Jugendlichen wird hierbei weder einzelnen Personen noch greifbaren Institutionen angelastet, sondern gewissermaßen der Insel Sizilien, die in der sprachlichen Kommunikation oft personalisiert und damit zum Akteur wird:

„Leider ist Sizilien kein Land, das seinen Kindern Garantien gibt“ (Person 10).

Demgegenüber werden die formal verantwortlichen Akteure niemals für das Nichtfunktionieren von bürokratischen oder logistischen Strukturen verantwortlich gemacht, im Gegenteil:

„oft sitzen die falschen Personen auf den falschen Stellen. Wahrscheinlich würden die gleichen Personen an der richtigen Stelle mehr bringen. Aufgrund unterschiedlicher Mechanismen – zufällige oder gewollte – entstehen jedoch am Ende paradoxe Situationen“ (Person 10).

Interviewpartnerin 16 aus Castellammare, die mehrere Monate nach dem Ende ihres Weiterbildungskurses in Palermo immer noch auf die Abschlussprüfungen und ihre Zertifikate wartet, nimmt dies beispielsweise als Normalität Siziliens hin:

„Der Kurs ist zwar vorbei, aber die Abschlussprüfungen sind noch nicht gelaufen. So funktionieren die Dinge hier“ (Person 16).

Ein Wirtschaftswissenschaftler aus Salemi (Person 19) klagt darüber, dass Sizilien sein politisches Sonderstatut nicht zugunsten einer besseren Politik ausnutzt, und bedient sich hierbei einer grammatikalisch unpersönlichen Konstruktion, gebunden an den Raum:

„denn in Sizilien denkt und handelt man nach nordafrikanischer Manier, wie man so schön sagt. Das ist verrückt, eine Schande!“ (Person 19).

Bezüglich der Beschäftigungsmisere von Jugendlichen wird selten eine spezifische räumliche Differenzierung vorgenommen, vielmehr ist es Konsens, dass es „in Sizilien“ oder „im Süden“ generell keine Arbeit gibt. Die Möglichkeit, durch einen Umzug innerhalb der Insel die eigene Erwerbssituation verbessern zu können, wird als Handlungsoption faktisch ausgeschlossen. Als einzige Binnendifferenzierung wird [Seite 195↓]bisweilen diejenige zwischen den Großstädten, v.a. Palermo und den kleinen Orten angenommen. Die besseren Erwerbsmöglichkeiten in den Großstädten werden vor allem von Hochschulabsolventen angeführt, die sich selbständig machen wollen oder als freie Mitarbeiter in Praxen oder Kanzleien arbeiten möchten.

Dabei gibt es aber auch Fälle, in denen vor allem die spezifische lokale Situation als problematisch erachtet wird. Eine interviewte Juristin aus Montallegro sieht die Probleme der Beschäftigungsfindung, aber auch des mangelnden kulturellen Niveaus zunächst in ihrem spezifischen Teil Siziliens, der Provinz Agrigent:

„hier mangelt es an Arbeit und an der Möglichkeit, dein Leben so zu gestalten, wie du es möchtest, also wie ich es möchte. Hier überlebt man, man lebt nicht“ (Person 29).

wohingegen die Situation in Palermo als Universitäts- und Hauptstadt schon besser ist.

Interviewpartnerin 10, die in Petralia Soprana, einem kleinen Ort in den Madonien lebt, verdient einen Teil ihres Lebensunterhalts mit einer eigenen Shiatsu-Praxis, die sie gerne weiter ausbauen möchte. In Petralia selbst ist es für sie nahezu unmöglich, eine eigene Klientel aufzubauen, da diese Form der Therapie den kulturellen Horizont der Einwohner ihres Ortes übersteigt und ihr daher eher mit Misstrauen begegnet wird. Folglich hat sie ihre Praxis in Palermo, wo ihr die notwendige Aufgeschlossenheit und Neugierde entgegengebracht werden.

Auch für Ingenieure eröffnen sich in Palermo Erwerbsmöglichkeiten in der Privatwirtschaft, da es dort eine Reihe von Ingenieursbüros gibt, in denen – wenngleich mit schlechter Bezahlung – auch Mitarbeiter gesucht werden.

Die Ingenieurswissenschaftlerin aus Santo Stefano (Person 32) hat auch nach Studienende die zusätzlichen Unterhaltskosten in Palermo auf sich genommen, um in der Nähe potentieller Erwerbsmöglichkeiten zu bleiben, dort zu arbeiten, und somit der Lethargie des eigenen Ortes zu entfliehen:

„ich bin in Palermo geblieben, denn die Vorstellung, hierher zurückzukommen, hat mich überhaupt nicht berührt, denn hierher kommst du, um nichts zu tun“ (Person 32).

„La mia terra“

Auf der anderen Seite wird die Raumkategorie des „Eigenen“ in fast jedem Interview als Heimatkategorie über alle übrigen Kategorien gestellt. Emotionale Ortsbindung, Heimatliebe, wird hier neben der familiären Bindung als selbstverständlich bindende und somit unumstößliche Tatsache angeführt. Immer wieder sprechen Absolventen von „la mia terra“ („meine Heimat“, wörtlich „meine Erde“), die – allen Unwegbarkeiten zum Trotz - als absolute und nicht objektivierbare Begründung sowie als ultimatives Argument gegen eine Umzugsentscheidung angeführt wird. Dies findet sich in kaum übersetzbaren Formulierungen wie

„ich bin hier, weil ich meine Heimat liebe und absolut nicht aus Sizilien weggehen möchte. Für mich wäre es ein Drama, aus Sizilien weggehen zu müssen“ (Person 10).

oder

„ganz offen gesagt, liebe ich diese Orte” (Person 27).

oder

„Ich hatte immer Lust, hier in Sizilien zu bleiben“ (Person 28).


[Seite 196↓]

Auch eine interviewter Mathematiker, der in seiner Ausdrucksweise ansonsten eher nüchtern ist, zieht nichts aus Sizilien weg, da er einer sehr unbefriedigenden Erwerbssituation zum Trotz mit seiner Lebenssituation zufrieden ist:

„Ich fühle mich hier wohl, ganz ehrlich, ich fühle mich an meine Wurzeln gebunden“ (Person 15).

oder

„Leider kann man sich seine Wurzeln nicht aussuchen und es fällt uns schwer wegzugehen, mir ganz besonders... also ganz persönlich würde ich lieber in Sizilien bleiben und mich nicht weiter entfernen“ (Person 28) .

„Lontana dalla tua terra, ti rendi conto...”

Während die emotionale Heimatbindung einerseits als Schicksal hingenommen wird, kann andererseits auch die Erfahrung des Fremden erst so etwas wie ein Heimatgefühl entstehen lassen. Für die 33jährige Ingenieurin, die aus beruflichen Gründen mehrere Jahre in Palermo gewohnt hat, ist der Heimatort Santo Stefano di Quisquina erst dort zu einem wichtigen emotionalen Ruhepunkt geworden:

„als ich hierher [zurück] gekommen bin, habe ich mich vollkommen entspannt. Santo Stefano ist ein Ort, der mich einfach an Nichts denken lässt, denn du kommst nach Hause, zu essen gibt es auch immer genug. Ich meine, du musst dich nicht sorgen, musst dich um nichts kümmern, folglich ist es ruhig – Palermo kennst du ja: das ist chaotisch, voller Lärm und Müll – hier kommst du her und vergisst dich einfach selbst.“ (Person 32)

Person 16 aus Castellammare ist in ihrem Leben schon sehr viel gereist und lebt seit mehreren Monaten mit ihrem Freund in Rom, wo sie sich sehr wohl fühlt. Gleichzeitig wird sie sich gerade dort ihrer Wurzeln bewußt:

„weit weg von deiner Heimat, von deinen Ursprüngen, und auch von deiner Familie, wirst du dir bewusst, dass du […] trotz allem zurückkehren möchtest. […] Ich verspüre nicht diesen Drang, unbedingt bleiben zu müssen, aber mein Traum ist trotzdem zurückzukehren, aber im Moment habe ich diesen Drang nicht“ (Person 16)

Interviewpartnerin 17 aus Palermo, die ebenfalls über einen sehr weiten geographischen Erfahrungshorizont verfügt, beschreibt die Relativität ihres Urteils über Palermo, je nach dem, von wo sie kommt: Die Rückkehr aus den USA sei ihr nämlich gerade wegen der großen kulturellen Unterschiede leichter gefallen als die Rückkehr aus Frankreich oder Rom:

„Paradoxerweise ist es leichter nach einem USA-Aufenthalt nach Palermo zurückzukehren, denn im Vergleich zu den USA hat Palermo in meinen Augen andere Vorteile: nämlich die Tatsache sich zu Hause zu fühlen, Freunde... aber... der Vergleich zwischen Rom und Palermo ist problematisch: Palermo verliert definitiv, denn Rom hat trotz allem alle Vorteile, die für mich in Palermo so wichtig sind, zusätzlich die ganz objektiven Vorteile, die Rom gegenüber Palermo hat“ (Person 17).

Für Interviewpartner 34 aus Palermo, der inzwischen in Rom lebt, ist eindeutig nicht Sizilien die Raumkategorie für Heimat, sondern ausschließlich seine Heimatstadt Palermo:

„Ich würde nicht in Sizlien leben wollen, nur um in Sizilien zu leben. Ich würde in Sizilien leben, um in Palermo zu sein, meiner Heimatstadt [...] das heißt, ich wohne lieber in Rom als beispielsweise in den Nebrodi“ (Person 34).


[Seite 197↓]

3.4.3.2  Raumkategorien des „Draussen“

Als Gegenkategorie des unspezifischen „Hier“ wird in Gesprächen die Kategorie des Fremden meistens mit „fuori“ (draußen), „all’estero“ (im Ausland) oder „al nord“ (im Norden) bezeichnet. Diese Kategorien des „Draussen“ werden mit guten oder ausgezeichneten Erwerbsmöglichkeiten auf der einen Seite, aber einer geringeren Lebensqualität auf der anderen in Verbindung gebracht.

„Der Norden besteht aus Unternehmen, er besteht aus Fortschritt…“

Bezogen auf die Erwerbsmöglichkeiten in Norditalien gibt es eine realistische, bisweilen sogar optimistisch verklärende Einschätzung der tatsächlichen Situation, die nicht nur auf Pressemeldungen, sondern vor allem auch auf persönlichen Erzählungen beruht. Nahezu alle Befragten kennen Familienangehörige, Freunde und Verwandte, die „im Norden“ leben und arbeiten oder zumindest dort gearbeitet haben. Da deren Emigration fast ausschließlich aus Beschäftigungsgründen erfolgte, hat sich ein Bild von „dem Norden“ als Arbeitsraum und nicht als Lebensraum gefestigt:

„Der Norden besteht aus Unternehmen, er besteht aus Fortschritt…was sollst du da oben, also ich meine im Sinne von... [Leben, HJ.]? (Person 28).

Somit ist die Vorstellung, dass man in Norditalien jederzeit Arbeit bekommen könnte, sehr verbreitet. Viele Interviewpartner, darunter auch Experten, berichten von Stellen in Norditalien, die nicht besetzt wurden. Das folgende Beispielzitat einer seit Jahren arbeitslosen Psychologin ist hierfür symptomatisch:

„Im Norden habe ich sehr gute Beschäftigungschancen. Überleg dir mal: In Genua gab es jetzt einen Einstellungswettbewerb für 36 Psychologen: nur acht Kandidaten haben sich überhaupt beworben“ (Person 10).

Mit jedem Bekannten, der zum Arbeiten in den Norden geht, verfestigt sich dieses Bild. Dabei fallen die konkreten Arbeitssucherfahrungen der Befragten durchaus unterschiedlich aus, je nachdem, ob von Sizilien aus eine Arbeit gesucht wird oder direkt vor Ort in Norditalien oder im Ausland. Sucht man vor Ort eine Erwerbsbeschäftigung, so verläuft die Arbeitssuche offensichtlich reibungslos:

Person 11 ist beispielsweise für einen Masterstudiengang nach Heidelberg gegangen. Da sie vom dortigen Studienangebot sehr bald enttäuscht war, fasste sie den Entschluss, die Zeit im Ausland dazu zu nutzen, erste Arbeitserfahrungen zu sammeln. Nach einer kurzen Phase als Verkäuferin in einem sizilianischen Lebensmittelgeschäft wechselte sie bald in die Zentrale einer großen italienischen Modekette und machte dort - zu ihrem eigenen Erstaunen - sehr schnell Karriere.

Diesen immer wieder hervorgehobenen, durch Einzelbeispiele belegten, vermeintlich rosigen Beschäftigungsaussichten zum Trotz erweisen sich schriftliche Bewerbungen von Sizilien aus in der Praxis als wenig erfolgreich. Ein Wirtschaftswissenschaftler (Person 19) und zwei Ingenieurswissenschaftlerinnen (Person 16, Person 32) berichten davon, dass sie auf ihre Bewerbungen aus Sizilien niemals Antworten erhalten hätten. Diese wurden erst dann beantwortet, wenn sie eine Absenderadresse in Norditalien oder im entsprechenden Ausland angegeben haben:


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Nachdem ein befreundeter Studienkollege zum Arbeiten nach München gegangen ist, fasste auch die Interviewpartnerin 32 den Entschluss, sich „im Norden“ zu bewerben. Ihre erste Bewerbungskampagne blieb ohne Erfolg:

„Also habe ich Lebensläufe verschickt, aber niemand hat mir je geantwortet... wirklich niemand“ (Person 32).

In einer zweiten Phase hat sie die Bewerbungen von ihrem Kollegen in München versenden lassen, mit einer Münchener Absenderadresse, woraufhin sie mehrere Antworten bekommen hat. Auch Person 16 hatte sich zunächst erfolglos von Palermo aus beworben, bevor sie dem Beispiel ihres Freundes folgte und dazu überging, eine Absenderadresse in Rom zu verwenden:

„Seit ich meinen Wohnsitz verlagert habe, stelle ich fest, dass ich sehr viel bessere Chancen habe“ (Person 16).

Da sie schon häufig von solchen Fällen gehört hat, versucht sie sich dieses Phänomen aus Sicht der Arbeitgeber zu erklären:

„Auch bei meinem Freund haben wir die gleiche Erfahrung gemacht, wir haben einen Vergleich angestellt, und das ist wirklich zu komisch. Ich vermute, dass ein Betrieb, der jemanden neu einstellen möchte...Wenn sie sehen, dass diese Person erst einmal umziehen muss, zweifeln sie daran, dass diese Person die nötigen Opfer bringen wird, während eine Person, die bereits umgezogen ist, schon genau weiß, was es heißt, in einer anderen Stadt zu leben, denn es ist nicht leicht, alleine in einer fremden Stadt zu wohnen und in einer anderen Welt zu leben. Wir haben diesen Vergleich gemacht und es war wirklich so“ (Person 16).

Die Vorstellung, dass es in Norditalien oder im Ausland mehr Beschäftigungsmöglichkeiten gäbe und zudem die Arbeitsbedingungen dort durch bessere Karrieremöglichkeiten (z.B. Amerika, Person 17, Person 33) sowie größere „Effizienz“ und „Professionalität“ (z.B. Frankreich, Person 33) gekennzeichnet sind, werden auch durch die eigenen Erfahrungen bestätigt, so dass die meisten Gesprächspartner eine größere berufliche Befriedigung gefunden haben, sobald sie außerhalb Siziliens gearbeitet haben:

„Verona war eine sehr schöne Erfahrung“ (Person 25).

„Zum Arbeiten ist es fantastisch, aber als Gesellschaft...“

Dennoch scheinen aus Sicht mancher Interviewter gute Arbeitsbedingungen geradezu zwangsläufig eine schlechtere Lebensqualität mit sich zu bringen. Interviewpartnerin 32 ist von dem Besuch in der Familie ihrer amerikanischen Tante fast traumatisiert:

„Als Arbeitsort sind die USA fantastisch, ohne große Anstrengungen glaubst du, alles machen zu können, was du willst, aber als Gesellschaft ist es wirklich ganz anders, die Leute sehr viel kühler, immer viel zu hektisch, und alle denken ein bisschen zu viel an sich selbst. Und hier verlässt du dann... Sizilien ist wunderschön, d.h. es bietet keine Arbeit, es hat gar nichts, aber für mich ist es... wunderschön. Es ist sehr warm, du bist fröhlich.. das heißt, du bist arm aber fröhlich, und das ist trotz allem sehr wichtig. In Amerika war alles zu hektisch, auch meine Cousins, ich meine, ich habe sie gesehen, ich habe mich wohlgefühlt, aber nur Freitagabend und Samstag, denn bereits der Sonntag dient der Vorbereitung auf Montag, alles ist dort also ganz anders. Die ganzen übrigen Tage sahst du nie jemanden, denn von morgens bis abends haben sie gearbeitet, und schließlich habe ich gesagt: o.k., Du findest Arbeit, du findest Geld, aber du findest andere Dinge nicht mehr. Nein, habe ich mir gesagt und habe das Interesse verloren“ (Person 33).


[Seite 199↓]

Auch die erfolgreiche Jungakademikerin aus Palermo machte in Amerika die Erfahrung, dass die großartigen Arbeitsbedingungen auch ihren Preis haben. Obgleich ihr Freund und zukünftiger Mann in Amerika lebt, hat sie sich entschlossen, nach Italien zurückzukehren, was sie als „existentielle Entscheidung“ bezeichnet:

„der Akademikerarbeitsmarkt ist insgesamt sehr viel freier und offener als in Italien. Ich würde sagen, dass es – unter beruflichem Aspekt – ein Selbstmord war, nach Italien zurückzukommen, aber da es nicht nur den Beruf gibt... Es war vielmehr eine existentielle Entscheidung“ (Person 17).

3.4.3.3 Geographien der Arbeit und Geographien der Lebensqualität in Italien

Die verbreitete Vorstellung von paradiesisch anmutenden Beschäftigungsmöglichkeiten „al nord“ werden innerhalb Italiens noch weiter regional differenziert. Grundlegend nehmen die Erwerbsmöglichkeiten von Norden nach Süden linear ab, was sehr häufig an den Städten Mailand, Bologna und Rom festgemacht wird. Während sich nach verbreiteter Vorstellung in Mailand problemlos eine Arbeit finden lässt, gestaltet sich dies in Rom schon sehr viel schwieriger. Geradezu komplementär zu dieser durchaus statistisch nachweisbaren Geographie des italienischen Arbeitsmarktes existiert eine vorgestellte „emotionale Geographie“ Italiens, mit einem ebenfalls linear verlaufenden Süd-Nord-Gefälle.

Immer wieder anzutreffen ist eine dezidierte Abneigung gegenüber der Stadt Mailand, die geradezu als symbolisierter Raum von Arbeit und schlechtem Leben gilt. Ein Interviewter berichtet von Kollegen, die in den Norden gegangen sind, und antwortet auf die Frage nach den Zielgebieten der Wanderungen:

„Zunächst einmal nach Mailand, weil man da Arbeit findet, dann kommen sie immer weiter runter [in Richtung Süden, HJ], denn Mailand gefällt niemandem – vor allem in die Emilia und nach Rom“ (Person 27).

Auch Interviewpartnerin 16, die eine qualifikationsadäquate Stelle außerhalb von Sizilien suchte, zieht Rom gegenüber Mailand eindeutig vor:

„Ich musste ohnehin in eine große Stadt umziehen – entweder Mailand oder Rom – und ich bevorzuge Rom gegenüber Mailand. Mailand ist zu ... [Lachen]... zu ‚bedeckt’. Ich bin nämlich ein Typ, der sich auch vom Wetter beeinflussen lässt [...] Mailand ist eine Stadt mit wenig Sonne, viel Nebel und nur Arbeit, verstehst du?“ (Person 16)

Eine Absolventin, die in Mailand arbeitet, fühlt sich sogar dazu legitimiert, sich alle paar Monate bei ihrem Arbeitgeber krank zu melden, da sie auch nach mehreren Jahren noch immer unter der Stadt und ihrem Heimweh nach Sizilien leide.

Auch die beiden palermitanischen Interviewpartnerinnen, die nach Auslandsaufenthalten nach Italien zurückkehren, folgen bei ihrer Standortwahl der beschriebenen „mental map“. Während für die Doktorarbeit von Person 17 ohnehin nur bestimmte Universitäten in Frage kommen –

„natürlich hatte ich meine Präferenzen, ich hätte Bologna und Rom gegenüber Bari und Cagliari vorgezogen, hätte aber auch Bari und Cagliari angenommen, wenn ich dort genommen worden wäre“ (Person 17).


[Seite 200↓]

schließt die Juristin, die nach ihrer geplanten Rückkehr aus Deutschland theoretisch in ganz Italien Arbeit suchen kann, Mailand kategorisch aus:

„Ich würde beispielsweise nie nach Mailand gehen […] Bologna ist schön, auch von der menschlichen Seite, aber Mailand nicht. […] Alles südlich von Bologna ist machbar” (Person 11).

Person 32 aus Santo Stefano war sowohl in Amerika als auch in Frankreich und Norditalien (Biella), um dort nach Arbeit zu suchen. Wenngleich Teile ihrer Familie inzwischen in Biella leben und sie das Städtchen in höchsten Tönen lobt

- „es ist wunderschön, ein hübsches, ruhiges und sauberes Städtchen, mit maximalem Respekt für alles“ (Person 32) -

fühlte sie sich dort gleichermaßen unwohl, so dass sie schon nach wenigen Tagen nach Sizilien zurückgekehrt ist. Der Bericht von ihrer Rückfahrt mit dem Auto durch Italien liest sich wie eine emotionale Geographie des Landes:

„von einem bestimmten Punkt an bekam ich von der dortigen Ruhe geradezu Übelkeit. Dann sind wir runtergefahren, wir sind dann mit dem Auto nach Sizilien gefahren, und je weiter wir runterkamen... Du kommst nach Florenz und schon beginnt ein bisschen Lärm, du kommst nach Rom und schon war es richtig laut, du kommst nach Neapel und es war ein Dröhnen, und du kommst hierher und schon ändert sich die Situation. Und vielleicht hatte es auch damit zu tun, mit der Tatsache dass... also ich hab vorher nur davon reden hören, als ich den Spleen im Kopf hatte, in die USA zu gehen, sagten mir alle: ‚Ah, aber Sizilien! Die Sonne! Der Himmel!’ Und ich sagte: ‚Ach was, Blödsinn’. Was machst du denn mit dem Himmel und der Sonne, du findest sie überall... und plötzlich... und plötzlich wird es wichtig, auch die Sache mit den Menschen. Die Menschen sind anders... sie sind höflich, ich habe überall höfliche Menschen getroffen, freundlich, zuvorkommend, aber.. ich weiß auch nicht, es gibt irgendetwas, das anders ist, ich weiß es nicht. Und gleichzeitig denke ich, wenn du eine Arbeit findest, das wichtige ist eine Arbeit“ (Person 32).

Imaginierte Geographien können die Mobilitätsabsichten junger Hochschulabsolventen beeinflussen. Die Vorstellungen der Beschäftigungsmöglichkeiten Amerikas, Deutschlands oder Norditaliens tragen hierbei zumindest in den Auswanderungsgebieten die Züge der Berichterstattung der Emigranten und Remigranten. Hierbei paart sich das Bild von einem florierenden Arbeitsmarkt „im Norden“ mit demjenigen eines unmenschlichen und emotional unterkühlten Lebensraums, dessen gesellschaftliches Leben vom Effizienzdenken des industriellen Arbeitsprozesses überprägt ist. Diese kompensatorische Logik zeigt sich auch bei den interviewten Rückkehrern. Zwar steigt bei ihnen tendenziell die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen in Sizilien, gleichzeitig nimmt aber auch die Zufriedenheit mit den Lebensbedingungen zu.

Die räumliche Dichotomie des Arbeitsmarktes, die oftmals in den Kategorien von „hier“ und „draussen“ artikuliert wird, fügt sich paradoxerweise in eine Rationalität der Immobilität ein. Denn die Vorstellung, dass man „draussen“ jederzeit eine Arbeit bekommen könne, mindert – gewissermaßen dem Modell von Angebot und Nachfrage folgend - den Wert und das Prestige dieser Option. Dann kann diese Gedankenkonstruktion dazu führen, dass die Suche nach einer Tätigkeit im Norden auf den Zeitpunkt verschoben wird, wenn es im „Hier“ keine Handlungsoptionen mehr gibt. [Seite 201↓]Erst im Moment der tatsächlichen Suche offenbaren sich dann auch die möglichen Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt.

3.4.4 Rationalität des Wartens

Eine weiteren wichtigen Hinweis für das Verständnis der beschriebenen Handlungsrationalitäten der sizilianischen Hochschulabsolventen liefert der Kulturanthorpologe Christian Giordano, der die starke Verhaftung der Mitglieder mediterraner Gesellschaften in tradierten Handlungsweisen mit der gedanklichen Verknüpfung von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont erklärt.

Das moderne Projekt der Aufklärung erklärt Giordano mit der

„zunehmenden Kluft zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont in den nord- und mitteleuropäischen Ländern. […] Phänomene wie die Aufklärung und die industrielle Revolution, die im Grunde für die Entstehung der modernen Gesellschaften massgebend gewesen sind, wären ohne das Auseinanderklaffen von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont im Bewusstsein der Handelnden gar nicht denkbar […].

Die Gesellschaften, deren Mitglieder die Kluft zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont nicht kennen, sind dagegen in der Regel durch die auffälligen Beharrungstendenzen von Kulturtraditionen gekennzeichnet. Persistenz der traditionellen Denk- und Handlungsmuster beruht also im Gegensatz zur urban-industriellen Betrachtungsweise nicht auf monotoner Wiederholung, dumpfer Gewöhnung oder unüberlegter Nachahmung, sondern auf dem erfahrungsbedingten und historisch geprägten Bewusstsein, dass die Zukunft letztendlich wie die Vergangenheit aussehen wird.“ (Giordano 1992: 509)

Bezogen auf die Beschäftigungsperspektiven von Akademikern lehrt die Vergangenheit die jungen Hochschulabsolventen, dass sich das Warten auf eine unbefristete Stelle früher oder später auszahlen wird. Diese Vorstellung begründet sich nicht nur auf die gelebten Erfahrungen von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten, die als Erzählungen Eingang in das kollektive Gedächtnis gefunden haben, sondern findet sich beispielsweise auch in den institutionellen Verteilungspraktiken von freiwerdenden Arbeitsplätzen durch die Arbeitsämter (collocamento) wieder. Sowohl die Verteilung von Stellen als auch die Teilnahme an den meisten Beschäftigungsmaßnahmen ist an eine bestimmte Dauer der Arbeitslosigkeit gebunden, so dass sich das vermeintlich irrationale Erfahrungswissen konstitutiert, dass Langzeitarbeitslosigkeit einen Eigenwert im Kampf um die Ressource Arbeit besitzt. Folglich werden die erworbenen Anwartschaften und Positionen, aus denen sich erfahrungsgemäß immer irgend etwas noch Unvorhersehbares entwickeln kann, nur ungern gegen staatliche oder privatwirtschaftliche Versprechungen ohne langfristige Garantien eingetauscht.

Den grundsätzlichen Wunsch in Sizilien zu bleiben vorausgesetzt, gibt auch die Vorstellung florierender Arbeitsmärkte im Norden der Rationalität des Wartens weitere Nahrung. Denn nicht unzureichende Informationen über die (gute) Arbeitsmarktsituation im Norden bremsen die Entscheidung zur Mobilität, sondern gerade das Wissen um die guten Beschäftigungsaussichten im Norden, die sogar in den Erzählungen einzelner Absolventen geradezu verklärt werden. Denn wer die Vorstellung [Seite 202↓]hat, jederzeit gehen zu können, besitzt auch die Freiheit, den Moment der Abwanderung selber bestimmen zu können.

3.4.5 Zusammenfassung

Der in Sizilien weit verbreiteten Sesshaftigkeit junger arbeitsloser Hochschulabsolventen, die in einer makroperspektivischen Betrachtung zunächst als irrationales Verhalten erscheint, liegen unterschiedliche Handlungsrationalitäten zugrunde, die sich in aller Regel auf persönliche Erfahrungen im unmittelbaren familiären oder lokalen Kontext begründen.

Während in der Vorstellung moderner Gesellschaften räumliche Mobilität zunächst als eigenständiger Wert erachtet wird, ist dies in Sizilien lediglich in der Tradition einer kleinen privilegierten Bevölkerungsgruppe der Fall. Im soziokulturellen Kontext einer Emigrationsgeschichte steht Emigration im kollektiven Gedächtnis für den letzten Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere und ist häufig Ausdruck des Scheiterns. Zudem ist die Abwanderung nach Nord- oder Mittelitalien in Zeiten eines gestiegenen Wohlstandniveaus und aufgrund der zusätzlich entstehenden Kosten für Miete und Versorgung lediglich in jenen Fällen ökonomisch rational, in welchen ein deutlich überdurchschnittliches Gehalt erzielt wird.

Die durch Abwanderung entstehende räumliche Distanz zu Familie, Freunden und Bekannten bringt zudem mit sich, dass bestehendes und häufig lokal gebundenes Sozialkapital durch Abwanderung seinen Wert verliert und damit die Chancen auf eine Stelle auf dem sizilianischen Arbeitsmarkt sinken. Denn in der Praxis erweist sich die räumliche Nähe zu bestehenden Kontaktnetzwerken als wichtigster Schlüssel auf dem Weg in eine dauerhafte Erwerbsbeschäftigung. Somit verbleiben viele Absolventen in der Hoffnung, über bestehendes Kontaktnetzwerke einen Eintritt in den sizilianischen Arbeitsmarkt zu bekommen.

Zudem konnte mit Hilfe der geführten Interviews herausgefunden werden, dass der Verbleib in der Arbeitslosigkeit in Sizilien keinesfalls auf ein Informationsdefizit bezüglich der besseren Erwerbsmöglichkeiten in Norditalien zurückzuführen ist. Vielmehr gibt es eine verbreitete Vorstellung florierender Arbeitsmärkte in Norditalien, insbesondere im Raum Mailand, die eine Erwerbsaufnahme jederzeit möglich erscheinen lassen. Gerade diese Überschätzung der Erwerbsmöglichkeiten „im Norden“ führt zu einem kontinuierlichen Aufschub der Wanderungsentscheidung. Denn komplementär zum bestehenden Nord-Süd-Gefälle der Erwerbsmöglichkeiten existiert die Vorstellung eines Süd-Nord-Gefälles der Lebensqualität, die aus Sicht der Zurückgebliebenen im heimatlichen Sizilien am höchsten ist.


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3.5  Sizilianische Hochschulabsolventen in der europäischen Wissensgesellschaft

Ähnlich wie in den übrigen Regionen des Mezzogiorno verläuft der Übergang Siziliens in die europäische Wissensgesellschaft vergleichsweise langsam. Zwar blickt die Insel im Gegensatz zu den meisten süditalienischen Regionen auf eine Jahrhunderte alte Universitätstradition zurück und besitzt zudem mit den drei traditionsreichen Universitäten Palermo, Catania und Messina eine umfassende Hochschulausstattung. Der Akademikeranteil an der Bevölkerung bleibt aber vergleichsweise gering. Nach der ersten Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre in Italien, welche den Hochschulausbau in den benachbarten süditalienischen Regionen vorangetrieben hat, war die zweite Hochschulexpansion der 1990er Jahre von der Gründung dezentraler Hochschulstandorte in den peripheren Lagen der Insel gekennzeichnet, die häufig mit der Einrichtung neuer Studiengänge einhergingen.

Die steigende Bildungsbeteiligung in Sizilien, die sich in wachsenden Studierendenzahlen ausdrückt, spiegelt sich jedoch kaum in der Entwicklung der Absolventenzahlen wider, die während der 1990er Jahre nahezu konstant geblieben ist, und somit nicht dem steilen Anstieg in den Regionen Nord- und Mittelitaliens folgte. Der geringen ‚Produktivität’ sizilianischer Universitäten – gemessen an dem Verhältnis von Studienanfängern und Studienabsolventen – zum Trotz, haben die 1990er Jahre zu einer Antieg des Anteils von Akademikern an der sizilianischen Bevölkerung beigetragen. Die absolute Akademikerzahl ist allein in den 1990er Jahren schneller gewachsen als in den drei Jahrzehnten zuvor.

Für den Übergang in die Wissensgesellschaft ist jedoch nicht nur eine erhöhte Anzahl von Akademikern in der Gesamtbevölkerung kennzeichnend, sondern gleichzeitig auch ein Eindringen des akademischen Wissens in den wirtschaftlichen Produktionsprozess. Dieser drückt sich statistisch aus in einem steigenden Akademikeranteil an der Erwerbsbevölkerung und einer zügigen Integration junger Akademiker in den Arbeitsmarkt. Gerade der Übergang sizilianischer Hochschulabsolventen vom Studium in das Erwerbsleben erweist sich jedoch als schwierig, so dass ein erheblicher Teil junger sizilianischer Universitätsabsolventen schon vor dem Studium oder in den ersten Jahren nach Studienende die Insel verlässt. Hierbei folgen sie dem statistisch nachweisbaren, bestehenden Gefälle auf dem sizilianischen Arbeitsmarkt, wobei die Mobilität tendenziell in den Fachbereichen am höchsten ist, welche die besten Erwerbschancen aufweisen. Zurück bleibt eine erschreckend große Gruppe junger Akademiker, die noch drei Jahre nach Studienende in der Arbeitslosigkeit verharren und damit in ökonomischer Perspektive als ungenutzte Potentiale der Wissensgesellschaft erscheinen.

Wie aber lässt sich die hohe Sesshaftigkeit junger arbeitsloser Hochschulabsolventen angesichts einer steigenden Nachfrage nach akademischem Wissen in allen ökonomischen Bereichen erklären? Warum folgt ein erheblicher Anteil von Absolventen nicht dem bestehenden Gefälle auf dem italienischen Akademikerarbeitsmarkt? Welche Schlüsse lassen sich hieraus für den Übergang Siziliens in die Wissensgesellschaft ziehen?


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Während der Verbleib in der Arbeitslosigkeit aus makroökonomischer Perspektive als irrationales Verhalten erscheint, erweist sie sich in den Erzählungen betroffener Absolventen als Ergebnis kulturell angepasster, rationaler Handlungsstrategien, deren langfristiges Ziel eine dauerhafte Beschäftigung in Sizilien ist.

Zum einen ist vor allem im ländlichen Raum Siziliens das Bewusstsein von einer universitären Ausbildung als Humankapitalressource noch wenig verbreitet, so dass der Hochschulabschluss laurea zwar als soziales Differenzierungsmerkmal, aber kaum als ökonomisches Potential wahrgenommen wird. Dies kann dadurch bedingt sein, dass die Zeit des Universitätsstudiums vor allem im ländlichen Raum weniger als Humankapitalinvestition denn als „Parkplatz“ angesehen wird. Schon während der Studienzeit stellt das Studium selbst nur eines von mehreren Aktivitätsfeldern dar, zu denen meist eine aktive oder passive Arbeitssuche, kleine Erwerbsarbeiten sowie ökonomische oder soziale Aufgaben in der Familie gehören. Während in der Vorstellung eines Lebensphasenmodells Studium, Arbeitssuche und Erwerbsarbeit in einer zeitlichen Sukzession auftreten, in der die Arbeitssuche vor allem durch Erwerbslosigkeit gekennzeichnet ist, verlaufen diese Aktivitäten bei den meisten interviewten Absolventen parallel und in einem zeitlichen Kontinuum. Die Gleichzeitigkeit von Arbeitssuche, Studium oder Weiterbildung sowie Erwerbsarbeit stellt vor allem im ländlichen Raum ebenso den Regelfall dar, wie die enge Verflechtung dieser Tätigkeiten mit den Erwerbsaktivitäten der Familie, welche als ökonomische Einheit alle Erwerbsentscheidungen ihrer Mitglieder beeinflusst.

Die verbreitete Arbeitslosigkeit ist also keinesfalls zwingend mit Beschäftigungslosigkeit, Armut oder sozialer Isolation gleichzusetzen, sondern stellt in der Wahrnehmung vieler junger Sizilianer ein notwendiges Übel auf dem Weg zur ersehnten Dauerbeschäftigung im öffentlichen Dienst dar. Anders als beispielsweise in Deutschland, wo mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit die Chancen auf eine Stellenfindung sinken, können die institutionellen Strukturen in Sizilien sogar bewirken, dass die formelle Arbeitslosigkeit mit der Dauer einen messbaren Eigenwert entwickelt, der in Hinblick auf eine spätere Beschäftigung handfeste Vorteile versprechen kann. Zum einen verbessert aufgrund eines Punktesystems die Langzeitarbeitslosigkeit die Einstellungschancen im öffentlichen Dienst, zum anderen eröffnet sie den Zugang zu den vielen Beschäftigungs- und Weiterbildungsprogrammen, die einen weiteren wertvollen Baustein im komplexen Netz hybrider Aktivitätsfelder darstellen.

Da aufgrund der institutionellen Struktur und des soziokulturellen Hintergrunds der Moment des Eintritts in die Arbeitslosigkeit in Sizilien kaum als Einschnitt erfahren wird, ist auch die Frage nach der Abwanderung kein fassbarer Entscheidungsmoment, sondern ein Gedankenprozess in einem zeitlichen Kontinuum. Aufgrund der langen Emigrationstradition ist die Abwanderung in den Norden eine Handlungsoption, die kontinuierlich mitgedacht wird und lediglich in Krisenmomenten in den Vordergrund tritt. Die Emigrationserfahrungen von älteren Verwandten und Bekannten haben einerseits gelehrt, dass sich im Norden zwar leicht eine Arbeit finden lässt, der gewonnene ökonomische Wohlstand jedoch mit erheblichen Einbußen in der Lebensqualität bezahlt werden muss. Zudem war in den meisten Fällen auch die [Seite 205↓]Rückkehr in die Heimat, sofern sie überhaupt erfolgt ist, mit Schwierigkeiten verbunden, so dass sich Emigration als Verbesserung der Lebenssituation in Sizilien ausschließlich in ökonomischer Sicht als effektiv erwies.

In der Denktradition klassischer Emigrationsregionen erscheint die unfreiwillige Abwanderung in den Norden auch heute noch als Ausdruck des Scheiterns und besitzt somit eine kulturell negativ beladene Konnotation. Vor diesem Hintergrund und in Hinblick auf das langfristige Ziel einer Erwerbsarbeit in Sizilien stellt das kontinuierliche Hinauszögern der Wanderungsentscheidung tatsächlich ein rationales Verhalten dar. Aufgrund der beträchtlichen Differenz der Lebenshaltungskosten zwischen dem Heimatort und einer Stadt in Norditalien erweist sich die Annahme einer Erwerbsbeschäftigung im Norden kurzfristig nur dann als ökonomisch rational, wenn das erwartete Einkommen im Zielgebiet der Wanderung deutlich über dem bestehenden Durchschnitt liegt. Folglich ruft auch das Wissen um florierende Arbeitsmärkte in Norditalien nicht zwingend eine Wanderungsentscheidung hervor.

Den Prämissen der Wissensgesellschaft - nämlich der wachsenden ökonomischen Bedeutung akademischen Wissens - stehen viele junge Hochschulabsolventen in Sizilien noch unwissend gegenüber. In ihrer Erfahrungswelt ist der akademische Abschluss laurea vor allem in Bezug auf die Stellenvergabe im öffentlichen Dienst und im Bildungssystem von Bedeutung. Nicht zuletzt der starke Stellenabbau in der öffentlichen Verwaltung Italiens hat dazu geführt, dass die Akademikerarbeitslosigkeit in Sizilien angestiegen ist. In einem Arbeitsmarkt, der vermehrt von Selbständigkeit und privatwirtschaftlichen Arbeitsverhältnissen gekennzeichnet ist, stellen sich junge Hochschulabsolventen heute eher die Frage nach dem ökonomischen Wert ihrer erworbenen Qualifikationen.

Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die offiziellen Arbeitslosenstatistiken als unzureichendes Beschreibungsmaß, da sie die Beschäftigungsrealitäten in extraindustriellen Arbeitsmärkten nicht angemessen wiedergeben. Denn es besteht Grund zu der Annahme, dass das akademische Wissen der jungen Hochschulabsolventen schleichend in die ökonomischen Produktionsprozesse einsickert. Allein bei der Bewältigung administrativer Hürden für die Teilnahme an EU-Förderprogrammen erweist sich das an der Universität erworbene Wissen als wertvoll. Der Weg Siziliens in die europäische Wissensgesellschaft, in der das akademisch erworbene Wissen einen ökonomischen Wert gewinnt, wird somit auch indirekt durch die Europäische Union selbst bereitet.

In Bezug auf die Anschlussfähigkeit von peripheren Regionen wie Sizilien oder den italienischen Mezzogiorno an gesamteuropäische Entwicklungen sowie bezüglich der Attraktivität der Region als Investitionsstandort der Wissensgesellschaft ist der Verbleib junger Hochschulabsolventen von entscheidender Bedeutung. Ihre vorübergehende massive Unterbeschäftigung ist möglicherweise ein Übergangsphänomen im Transformationsprozess zur Wissensgesellschaft. Das manifeste Problem der schlechten Beschäftigungsmöglichkeiten junger Hochschulabsolventen in Sizilien könnte sich in Zeiten knapper Humanressourcen sogar als Vorteil erweisen, wenn es gelingt, dieses Potential im Wettstreit um die Standorte von Arbeitsplätzen wirksam einzusetzen.


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Für eine solche Entwicklung gibt es in Sizilien seit den 1990er Jahren deutliche Anzeichen, insbesondere im Technologiezentrum Etna Valley bei Catania. Am Anfang der dortigen Erfolgsgeschichte steht Pasquale Pistorio, der Präsident der Firma STMicroelectronics, eines der weltweit größten Halbleiterherstellers mit einem Weltmarktanteil von über 5%. Pistorio entschloss sich im Jahr 1984, im Industriegebiet am südlichen Rand seiner Heimatstadt Catania einen ersten Produktionsstandort zu eröffnen.

Der entscheidende Entwicklungsimpuls kam aber erst durch die Eröffnung einer großen und modernen Waferfabrik, die im Jahre 1997 ihre Produktion aufnahm. Dadurch ist das Unternehmen auf eine Größe von etwa 3.500 Angestellten im Jahr 2001 angewachsen, von denen drei Viertel einen Hochschulabschluss oder ein Abitur besitzen. Es handelt sich also nicht – wie im Falle der berüchtigten „Kathedralen in der Wüste“ um verlängerte Werkbänke, sondern vielmehr um einen selbständigen Forschungs- und Entwicklungsstandort.

Der Erfolg von ST-Microelectronics legte den Grundstein für Etna Valley. Inzwischen haben sich etwa 20 multinationale Unternehmen angesiedelt, darunter Nokia (seit 1999), Omnitel (Vodafone), Nortel, IBM, Alcatel, Olin, Telspazio, Openline, Computer science Corporation und etwa 200 lokale Betriebe. Dort arbeiten weitere 3000 Personen. Zudem befinden sich hier zwei Gründerzentren (BIC Sicilia und Global Communication), in denen junge lokale Unternehmerinnen und Unternehmer eine Existenz aufbauen können.

Für Investoren in Sizilien erweist sich die Immobilität der sizilianischen Jungakademiker in mehrfacher Weise als Vorteil. Bei der Konferenz MEDNET zur Entwicklung der Kommunikationstechnologien im Mittelmeerraum im Jahr 2001 sagten mehrere Investoren, dass die sizilianischen Mitarbeiter bei gleichwertiger Ausbildung nicht nur billiger, sondern auch besonders teamfähig seien und ihrem Unternehmen mehr Loyalität und Treue entgegenbrächten. Gerade im hochmobilen Segment der Kommunikationstechnologie ist dies gegenüber anderen Regionen ein wichtiger Vorteil, wie Samy Gattegno von Alcatel feststellt:

“Im Norden verlassen die Mitarbeiter nach zwei Jahren die Firma und machen sich selbständig. Im Süden sind sie hingegen ihrem Unternehmen treu und bleiben um Jahre länger, so dass unsere Investition in die Person auch ihre Früchte trägt“.90


Fußnoten und Endnoten

62 Vgl. www.unipa.it; www.unict.it, www.unime.it vom August 2002.

63 Alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2000 und beruhen auf den regelmäßig stattfindenden Zählungen durch das MURST bzw. das MIUR (vgl. www.miur.it/ustat/).

64 Beispielsweise studieren an den drei Fakultäten Agrarwissenschaft, Architektur und Ingenieurswissenschaft am Standort in Reggio Calabria lediglich 5.352 Studierende (Daten für 2000)

65 Der Standort Taormina wurde erst im Jahr 2000 eröffnet und hatte folglich zu diesem Zeitpunkt noch keine Studierenden, so dass er nicht auf der Karte erscheint.

66 Vgl. www.uni-ct.it (2/2003)

67 Vgl. www.dionysosmagazine.com (2/2003)

68 Die Daten mit den Herkunftsgemeinden der Studierenden bzw. Absolventen wurden dem Autor von den Statistikbüros der jeweiligen Universitäten zur Verfügung gestellt. Die genannten Prozentwerte sind das Ergebnis eigener Berechnungen.

69 Zahlen für 1999 nach MURST.

70 Die Zahlen beruhen auf Daten des Statistikbüros der Universität Messina, die dem Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden.

71 Die Zahlen des italienischen Universitäts- und Forschungsministeriums (Murst, inzwischen Miur) weichen geringfügig von den Daten des Istat ab.

72 Libera università internazionale degli studi sociali Guido Carli

73 "le passage du travail au chomage, du chomage au repos, du travail au repos s'effectue par une série de transitions insensibles et le concept si actuel de « plein-emploi » est une notion qui n'est presque jamais comprise par la population" (Rochefort 1961: 5).

74 Vgl. beispielsweise den Artikel: "Young in, old out": nuovi pattern di mobilità nell'economia italiana” von Contini/Rapiti 1994.

75 Dies wird auch auf der sprachlichen Ebene deutlich, da in der italiensichen Sprache der Gegenbegriff zu Privatleben (vita privata) nicht die Arbeit darstellt, sondern das öffentliche Leben (vita pubblica).

76 Die Frage nach dem Kanal der Stellenfindung wurde lediglich von 3.322 Absolventen beantwortet, von denen 618 angaben, ihre Stelle über die Teilnahme an einem pubblico concorso bekommen zu haben.

77 

Quellen: www.istruzione.it/news/comunicati/m_assunzioni300801.shtml vom 6. Juli 2002;

www.bollettinodellavoro.it/scuola/327scuola.htm vom 6. Juli 2002;

www.unimi.it/sisuni/39/39riv3.html vom 6. Juli 2002.

78 www.regione.sicilia.it/lavoro/utilita/punti16.htm, vom Juli 2003.

79 Daten nach ISTAT – Indagine sugli sbocchi professionali dei laureati del 1995 nel 1998; eigene Auswertung.

80 Diese Zahlen beruhen auf Angaben des sizilianischen Arbeitsministeriums in Palermo, vgl. auch Svimez (2001: 786), deren Zahlen deutlich höher liegen.

81 Vermutlich liegt die tatsächliche Zahl der Akademiker noch deutlich höher, da viele „articolisti“ neben dieser Beschäftigungsmaßnahme eine Universität besuchen. Deren Studienabschluss wird jedoch nicht zwangsläufg an die Zentralverwaltung gemeldet, so dass die Statistiken die Zahl der Absolventen der Bildungsrealität hinterherhinkt.

82 Aufgrund des Sonderstatuts der Region Sizilien werden können auf der Insel nationale Richtlinien durch regionale Beschlüsse modifiziert werden.

83 Die Angabe des höchsten Bildungsabschlusses der Teilnehmer war zum Zeitpunkt der Erhebung (März 1999) jedoch noch sehr unvollständig, da erst 20-25% der Projekte vollständig ausgewertet waren. Rechnet man also diese Angaben auf die Gesamtheit hoch, so käme man auf 6.000 bis 7.000 Akademiker.

84 Interview mit Dott. Nino Borruso am 27. März 2001 und telefonisch mit Dott. Guido Fienga von der Telekommunikationsfirma Wind am 10. April 2001.

85 Vgl. Renda 1963: 22.

86 In Bezug auf Irland, eine weitere europäische Region mit einer langen Emigrationstradition, spricht Shuttleworth von der Emigration als „part of the collective psyche“ (1993: 324) der Bevölkerung.

87 Einwohner aus Montallegro, die im Ausland leben.

88 Vgl. hierzu ausführlicher die jüngere Untersuchung von Bonifazi 1999b.

89 Datenquelle: Istat – inserimento professionale dei laureati – Indagine 1998; Berechnung H. Jahnke.

90 „Nel Nord, dopo due anni lasciano l‘azienda e si mettono in proprio. Nel Sud sono fedeli, rimangogo per più anni e il nostro investimento sulla persona da i suoi frutti“ (in La Sicilia 23. August 2001, Übersetzung HJ.).



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17.02.2005