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4  Zusammenfassung und Ausblick

Der Übergang Europas in die postindustrielle Wissensgesellschaft hat entscheidende Konsequenzen für die europäische Regionalentwicklung: Die Wissensgesellschaft ist gekennzeichnet durch eine wachsende Zahl von Akademikern und den Prozess des Eindringens akademischen Wissens in nahezu alle Lebensbereiche. Parallel werden andere Formen des Wissens verdrängt. Die Wissensgesellschaft ist in besonderem Maße das Produkt ihres eigenen Handelns, ein autopoietisches System, dessen Produktion in gesteigertem Maße auf der Ebene immaterieller Güter stattfindet, die ihrerseits eine besondere (kulturelle) Kontextsensitivität besitzen. Für die Teilnahme peripherer Regionen an dieser Wissensgesellschaft ist die akademische Ausbildung der Bevölkerung eine notwendige Voraussetzung, die in Hinblick auf die regionale Entwicklung eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Während die Ressourcen der Agrar- und Industriegesellschaft durch die naturräumlichen Bedingungen und die physische Distanz zu den Zentren bestimmt war und somit die Situation der Peripheralität in gewisser Weise prädestiniert, avanciert in der postindustriellen Wissensgesellschaft die kulturelle Distanz zu den Wissensformen der Zentren zur wichtigsten Determinante für die Teilhabe an aktuellen Entwicklungen.

Aus diesen veränderten Rahmenbedingungen nähren sich in den peripheren Regionen wie dem italienischen Mezzogiorno Hoffnungen auf eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung. Durch einen aktiven Aufbau von Humanressourcen können die Peripherien aus ihrer Situation der sozioökonomischen Peripheralität entkommen und an den Entwicklungen in den Zentren teilhaben. Von Seiten regionaler Planung bedarf es hierfür zunächst massiver Anstrengungen im Bereich der akademischen Hochschulausbildung und im zweiten Schritt einer Nutzung dieser Ressourcen, d.h. einer Integration von Akademikern in den wirtschaftlichen Produktionsprozess. Dieser Entwicklung stehen zwei Hürden entgegen: zum einen drohen die aufgebauten Ressourcen aufgrund besserer Entwicklungsmöglichkeiten abzuwandern und damit Teil eines Brain drain zu werden. Zum anderen können diese Ressourcen in der Arbeitslosigkeit ungenutzt bleiben oder in Beschäftigungsverhältnissen unterhalb des erworbenen Qualifikationsniveaus als Brain waste verkümmern.

Wenngleich der italienische Mezzogiorno ein großes Entwicklungspotential besitzt, weisen die Statistiken für die 1990er Jahre beunruhigende Entwicklungen auf: nach einer Phase der Konsolidierung in den 1980er Jahren nahmen die regionalen Disparitäten zwischen Norden und Süden im darauffolgenden Jahrzehnt stetig zu. Diese Entwicklung betraf sowohl klassische Indikatoren des Wirtschaftswachstums und der Beschäftigung als auch das spezifische Arbeitsmarktsegment der Akademiker. Messbar wird dies anhand der wachsenden regionalen Disparitäten des Akademikeranteils an der Bevölkerung, der Akademikerarbeitslosigkeit und des Akademikeranteils in der Gruppe der Erwerbspersonen.


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Hierfür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben die Studierenden an den Universitäten des Mezzogiorno eine geringere Erfolgsquote, was wiederum auf das mangelnde Bewusstsein für den Hochschulabschluss als Qualifikationsmerkmal bzw. als Humankapital zurückzuführen ist. Lange Zeit wurde das Hochschulstudium als „Parkplatz“ und der Hochschulabschluss weniger als persönliche Qualifikation denn als Zugangsbedingung für eine gut bezahlte Festanstellung im öffentlichen Dienst wahrgenommen.

Zum anderen leidet der Mezzogiorno unter der starken Abwanderung von Akademikern und insbesondere jungen Hochschulabsolventen, die den Süden in die Rolle des Humanressourcenlieferanten für die dynamischen Wirtschaftsregionen des Nordens drängt. Zwar kehren viele Akademiker nach einem längeren Aufenthalt in einer nord- oder mittelitalienischen Region in den Mezzogiorno zurück, gleichwohl erweist sich die Süd-Nord-Wanderung für die meisten als Einbahnstraße. Die Zielgebiete dieser Migration sind zum einen die klassischen norditalienischen Regionen Lombardei und Piemont, zum anderen aber auch die Emilia Romagna, Toskana und Umbrien sowie der italienische Nordosten.

Hier zeigt sich, dass gerade die jungen Absolventen der Fachbereiche Ingenieurswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Jura und Naturwissenschaften den Mezzogiorno verlassen. Das im Mezzogiorno produzierte Wissen kommt folglich zu beträchtlichen Teilen dem Norden zugute, und zwar besonders in denjenigen Fachbereichen, die auf der technischen Ebene oder der Symbolebene der Wissensgesellschaft operieren. Durch Brain drain fällt der Mezzogiorno somit in die Rolle des Humanressourcenlieferanten für die Regionen Mittel- und Norditaliens .

Dieser Brain drain ist jedoch eher als Brain overflow zu interpretieren, denn nicht die starke Abwanderung, sondern eher die schwierige Beschäftigungssituation von Absolventen im Mezzogiorno und Sizilien führt dazu, dass die endogenen Humanressourcen nur unzureichend genutzt werden. Neben der hohen Arbeitslosigkeit ist aber auch ein zusätzlicher Brain waste bei den Erwerbstätigen festzustellen, denn ein beachtlicher Teil arbeitet in Beschäftigungsverhältnissen, die unterhalb des formalen Qualifikationsniveaus liegen.

Diese gemessenen Zahlen stellen jedoch nur einen Zwischenzustand in einem sehr sensiblen (Un)gleichgewicht dar, welches unmittelbar auf die aktuelle Arbeitsmarktsituation reagiert. Denn traditionell fungiert die Emigration als Ventil des italienischen Arbeitsmarktes, was sich auch für den Akademikerarbeitsmarkt zeigt. Eine Verbesserung der Beschäftigungssituation im Mezzogiorno verlangsamt die Abwanderung und verstärkt die Rückwanderung, während sich umgekehrt ein anhaltender Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit verstärkend auf die Abwanderung und bremsend auf die Rückwanderung auswirkt.

Gleichwohl verharrt nahezu die Hälfte der befragten Absolventen auch drei Jahre nach dem Hochschulabschluss in einem Stadium der Arbeitslosigkeit, anstatt dem bestehenden Gefälle auf dem italienischen Akademikerarbeitsmarkt zu folgen. Folglich bleiben diese Potentiale weitgehend ungenutzt und verlieren mit der Zeit sogar noch an [Seite 209↓]Wert, sofern sie nicht durch erwerbsfremde Tätigkeiten wie Weiterbildungen und Vorbereitungen für die Teilnahme an Einstellungswettbewerben kontinuierlich erneuert werden.

Die Gründe für dieses – in einer neoklassischen Logik - irrationale Mobilität der „Ressource Wissen“ liegen darin begründet, dass die Umsetzung und räumliche Mobilität von personengebundenem Wissen durch andere Einflussfaktoren gesteuert wird als andere Kapitalarten. Während sich für die Beschreibung von Mobilität die makroanalytische Betrachtung aggregierter Daten als sinnvoll erweist, bedarf es für deren Erklärung anderer Methoden. Denn die räumliche Mobilität von Akademikern wird durch kulturelle und soziale Faktoren beeinflusst, die in jeder Region eine eigene Ausprägung erfahren.

Für die Untersuchung des Mobilitätsverhaltens und der Erwerbssituation junger Hochschulabsolventen wurden in der vorliegenden Untersuchung biographisch angelehnte, narrative Interviews durchgeführt, die ein hermeneutisches Verstehen der dem Handeln zugrunde liegenden Handlungsrationalitäten ermöglichen. Hierbei konnte gezeigt werden, dass die beiden Basiskategorien des Zusammenhangs von Migration und Beschäftigung im prä- oder außerindustrialisierten Sizilien andere soziokulturelle Wertigkeiten haben als in unseren hochmodernen Industriegesellschaften.

Im Gegensatz zu diesen erweisen sich die beiden Beschreibungskategorien Arbeitslosigkeit und Arbeit für die Erwerbssituationen der meisten Hochschulabsolventen in Sizilien als unzureichend. Der Begriff der disoccupazione ist in der Erfahrungswelt junger sizilianischer Hochschulabsolventen an die Einschreibung in die Listen der lokalen Arbeitsämter uffici di collocamento gebunden, die in der Praxis die meisten Jugendlichen bereits mit 16 Jahren vollziehen. Diesen formalen Status behält man – auch als späterer Hochschulabsolvent - in der Regel so lange, bis man einen posto in der öffentlichen Verwaltung bekommen hat, bzw. das erzielte Einkommen aus anderen Tätigkeiten die vorgegebenen Einkommensgrenzen übersteigt. Erst dann erlischt der Status als disoccupato.

Dies bedeutet, dass faktisch nahezu alle Interviewten disoccupati im Sinne des ufficio di collocamento sind, gleichzeitig aber unabhängig davon anderen, in der Regel legalen Aktivitäten nachgehen. Insbesondere im ländlichen Raum ist die Kombination einer formalen Arbeitslosigkeit mit einer regelmäßigen Beschäftigungsmaßnahme (z.B. lsu) sowie diversen Aktivitäten als Selbständige oder Mitarbeiter im Familienbetrieb keine Seltenheit. Auch die langwierige und zeitaufwändige Vorbereitung auf die nationalen Einstellungswettbewerbe (concorsi), beispielsweise für Lehrerstellen, fällt hierbei in die Kategorie von lavoro. Arbeitslosigkeit (disoccupazione) und Arbeiten (lavoro) bewegen sich folglich auf unterschiedlichen Referenzebenen, so dass bei den meisten Absolventen beides gleichzeitig zutrifft.

Da zudem die meisten Beschäftigungsprogramme den formellen Arbeitslosenstatus als Zugangsbedingung voraussetzen, dieser darüber hinaus meist auch während und nach der Beschäftigungsmaßnahme erhalten bleibt, erweist sich auch die institutionelle Ebene als widersprüchlich. Dies wurde auch beim Ausfüllen des Istat-Fragebogens deutlich, [Seite 210↓]denn mehrere Hochschulabsolventen fragten bereits an der Gabelfrage „Üben Sie eine Arbeitsaktivität aus“ („Svolge un attività lavorativa?“) nach, ob sie Ja oder Nein ankreuzen sollten. Hinter dieser Unsicherheit steht aber nicht der Gedanke, dass sie ihren formellen Status als Arbeitslose leugnen wollen, sondern vielmehr der Zweifel, ob sich die Frage auf den offiziellen Status des collocamento, oder auf die tatsächlichen Erwerbsbeschäftigungen bezieht.

In der sozialen Praxis bedeutet dies, dass der Status der Arbeitslosigkeit weder spürbar, noch erkennbar ist. Da sich fast alle jungen Sizilianer schon zu Schulzeiten arbeitslos melden, gibt es am Studienende keinen erlebten Moment des Eintritts in die Arbeitslosigkeit. Das Studienende selbst wird weniger als das Ende eines Lebensabschnitts erfahren, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Mehrheit der sizilianischen Absolventen in diesem Moment noch bei den Eltern lebt. Zudem verläuft die Mehrzahl der Aktivitäten unverändert weiter und – anders als beispielsweise in Deutschland – auch der Gang zum Arbeitsamt bleibt aus. Die institutionellen Rahmenbedingungen ermöglichen somit die Gleichzeitigkeit von Arbeitslosigkeit, Studium oder Weiterbildung und kleinen Erwerbsaktivitäten.

Darüber hinaus wird auch die subjektive Belastung der Arbeitslosigkeit bzw. die Unzufriedenheit mit der aktuellen Erwerbstätigkeit bzw. den aktuellen Erwerbstätigkeiten durch die grundsätzlich problematische Erwerbssituation der Gleichaltrigen stark relativiert. In einem Kontext, in dem es nach weit verbreiteter Vorstellung ohnehin keine Arbeit gibt, ist man tendenziell auch mit weniger zufrieden, zumindest solange es die begründete Hoffnung auf eine Besserung der Situation gibt. Diese Perspektive ist bei jungen Akademikern eher gegeben als bei Personen mit einem niedrigeren Abschluss.

Wenngleich Arbeitslosigkeit für junge Hochschulabsolventen in Sizilien nicht mit einer finanziellen staatlichen Unterstützung nach dem Modell der deutschen Arbeitslosenhilfe oder der Sozialhilfe verbunden ist, wirkt sich die institutionelle Struktur der Arbeitslosigkeit eher hemmend auf die Mobilitätsentscheidungen der Absolventen aus. Denn die vielen kleinen Beschäftigungsmaßnahmen, die an den formalen Status der Arbeitslosigkeit gebunden sind, machen die Wartezeit auf den erhofften posto am Wohnort leichter erträglich, da an deren Teilnahme immer auch die Hoffnung an eine mögliche Übernahme in ein festes Beschäftigungsverhältnis gebunden ist.

Ganz andere Konsequenzen lassen diesbezüglich die jüngeren Weiterbildungsmaßnahmen erwarten, die eine tatsächliche Vollzeitbeschäftigung verlangen. Die Teilnahme an diesen Programmen drängt die Absolventen aus ihrem komplexen Netz von Erwerbsaktivitäten und familiärer Mitarbeit, macht nach Ablauf des Programms aber auch die Beschäftigungslosigkeit erfahrbarer. Sofern sie – ähnlich dem Studium in einer anderen Region – zudem mit Investitionskosten verbunden sind, steigen auch die Renditeerwartungen, was den Druck auf eine nachfolgende Beschäftigung und damit auf eine mögliche Wanderungsentscheidung erhöhen kann.

Im Gegensatz zu den großen Auswanderungsbewegungen im 19. und im 20. Jahrhundert, die einen Ausweg aus der damals herrschenden Misere boten, hat der [Seite 211↓]steigende Wohlstand in Sizilien und den anderen Regionen des Mezzogiorno dazu geführt, dass Auswanderung weniger eine Überlebensstrategie als eine Handlungsoption zur Verbesserung der eigenen Situation darstellt. Gerade für junge Hochschulabsolventen bedeutet dies, dass Migrationsentscheidungen in Ruhe bedacht und abgewogen werden können. In einem Kontext, wo die Mehrheit der Betroffenen noch in der elterlichen Wohnung bzw. in einer Wohnung im Familieneigentum lebt und die Versorgung in der Regel über den elterlichen Haushalt gewährleistet wird, steigen die relativen Kosten der Abwanderung in erheblichem Maße an.

In der Praxis zeigt sich, dass selbst im Falle eines Beschäftigungsangebots in einer Stadt Nord- oder Mittelitaliens die Abwanderung aus Sizilien in der Regel zunächst eine zusätzliche finanzielle Belastung für das Familienbudget darstellt. In Abhängigkeit von der Lebenssituation des Absolventen kommen zu den entstehenden Unterhaltskosten für Wohnung und Essen noch Kosten für regelmäßige Heimfahrten bzw. –flüge oder für den Babysitter in der Fremde, die durch den Verbleib in der Heimat zunächst nicht entstehen würden. Zu den ökonomischen Kosten kommen auch die emotionalen Belastungen, die in einem kulturellen Kontext, der in starkem Maße auf die Familie und soziale Beziehungen sowie - damit verbunden - auch auf eine besonders ausgeprägte Ortsbindung aufgebaut ist, noch höher zu bewerten sind als in modernen Industriegesellschaften.

Hinzu kommt, dass die räumliche Mobilität einen kulturellen Eigenwert besitzt, der in starkem Maße vom soziokulturellen Kontext der einzelnen Person abhängig ist. Hierbei gilt es zwei Traditionslinien zu unterscheiden. Die erste verweist auf die klassische Emigrationstradition, die als unfreiwillige Abwanderung aus einer Situation der Armut und der ökonomischen Misere negativ konnotiert ist. Die Einordnung in diese Tradition verweist auf eine Geschichte des Scheiterns und ist vor allem in den traditionell von Emigration gekennzeichneten Regionen des ländlichen Sizilien anzutreffen. Die zweite Traditionslinie der räumlichen Mobilität ordnet sich in die Geschichte der privilegierten, meist urbanen Schichten ein, die nicht aus Not, sondern aus Neugierde und Reiselust in die Welt gezogen sind. Der Aufenthalt in einem europäischen Ausland oder in den USA würde hier nicht als Scheitern interpretiert, sondern ist Ausdruck von Bildung, Wohlstand und Luxus. Hierzu gehört sowohl die Mobilität während des Studiums als auch die Mobilität nach Studienende, sofern sie als freiwillige Migration geschieht.

Aus der langen Emigrationstradition der Insel heraus hat sich im kollektiven Gedächtnis klassischer Auswanderungsgebiete das Bild des Nordens als ein zwar ökonomisch prosperierender Raum festgesetzt, der jedem eine Beschäftigung ermöglichen kann. Darüber hat sich aber auch die Vorstellung einer dort ausschließlich auf Erwerbsarbeit ausgerichteten Gesellschaft gefestigt, welche als lebensfeindliche und unmenschliche Umwelt wahrgenommen wird. Die Entscheidung, die unbefriedigende Erwerbssituation in Sizilien durch einen Umzug in den Norden zu verbessern, wird dann auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft verschoben. Diese Rationalität des Wartens begründet sich auf die möglicherweise unzutreffende Annahme, dass man außerhalb Siziliens jederzeit eine Arbeit finden könne, sofern man nur wolle.


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Der Verbleib vieler Hochschulabsolventen in einer unzureichenden Erwerbssituation in Sizilien ist aus regionalökonomischer Sicht nicht eindeutig zu bewerten. Auf der einen Seite verkümmern die wertvollen Humanressourcen und verlieren kontinuierlich an Wert, ohne dass die jungen Hochschulabsolventen einen adäquaten Beitrag zur regionalökonomischen Entwicklung leisten würden, sofern sie nicht durch effektive Weiterbildungsmaßnahmen kontinuierlich erneuert werden. Auf der anderen Seite verhindert die starke regionale Verankerung einen noch stärkeren Brain drain, der die Insel weiterer Entwicklungspotentiale berauben würde. Das Vorhandensein vieler junger, gut ausgebildeter Akademiker erweist sich in Kombination mit niedrigen Löhnen und Investitionshilfen für die Anwerbung hochqualifizierter Arbeitsplätze als wertvolles Argument, wie das Beispiel von Etna Valley zeigt. Diese materielle Entlohnung eines Hochschulabschlusses trägt zur Entwicklung eines Bewusstseins für den Wert akademischen Wissens bei. Für den Anschluss an die europäische Wissensgesellschaft ist dies eine notwendige Voraussetzung.

Methodisch konnte in der Arbeit gezeigt werden, dass die ausschließliche Analyse sekundärstatistischer Daten zwar eine wichtige Grundlage für die Beschreibung der beiden Phänomene Migration und Erwerbstätigkeit darstellen, gleichzeitig jedoch lediglich als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen dienen kann. Denn bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass schon bei der Datenerhebung gedankliche Kategorien zugrunde gelegt werden, die an ihren soziokulturellen Entstehungskontext der modernen Industriegesellschaften gebunden sind. In außerindustriellen oder außermodernen Gesellschaften, wie in der Region Sizilien verlieren sie an Beschreibungsqualität, so dass analytische, statistische Verfahren wenig erkenntnis-versprechend sind.

Für einen hermeneutischen Ansatz, der die Rekonstruktion von Handlungsrationalitäten in einem fremden Kulturraum zum Ziel hat, kommen lediglich offene und qualitative Erhebungsmethoden in Frage. Ziel dieses Teils der Arbeit war dabei weniger die Schaffung neuer fester typologischer Kategorien und deren Quantifizierung, als vielmehr die Rekonstruktion eines breiten Spektrums unterschiedlicher, durchaus auch widersprüchlicher Rationalitäten, die sich bisweilen auch einer rationalistischen Logik entziehen. Eine solche Herangehensweise scheint in den Augen des Autors nicht nur von geographischem oder ethnologischem Interesse zu sein, sondern beinhaltet einen deutlichen Handlungsbezug. Denn das Verstehen fremder Denkmuster ermöglicht in Bezug auf regionalpolitische Fördermaßnahmen und Interventionsprogramme ein höheres Maß an Vorhersagbarkeit ihrer Auswirkungen.

Giordano konnte nach langjähriger Forschung in Sizilien zeigen,

"dass die Industrialisierung als staatlich geplante Entwicklungsstrategie nur einen geringfügigen Wandel der Werte, Normen und Institutionen mediterraner Gesellschaften herbeigeführt hat. Im Gegenteil, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Denk- und Handlungsmuster der vergangenen Agrargesellschaften des Mittelmeerraums in angepasster Form die industriellen Entwicklungsprojekte infiltriert haben. Der Industrialisierungsprozess in mediterranen Gesellschaften hätte somit eine 'Traditionalisierung' erfahren, die die geplante unilineare Verwirklichung der 'industriellen Kultur' verhindert hat" (Giordano 1992: 196).


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Aufgrund der gezeigten kulturellen Einbettung von Handlungsmustern lassen sich die aus dieser Arbeit gewonnenen Ergebnisse kaum auf andere periphere Regionen übertragen. Dabei wären ähnliche Untersuchungen zum Phänomen der Erwerbssituation und der regionalen Mobilität junger Akademiker auch für andere benachteiligte Regionen wie etwa die neuen Bundesländer in höchsten Maße wünschenswert. Erstaunlicherweise mangelt es noch immer einer umfassenden Analyse, die neben einer Bestandsaufnahme versucht, die Phänomene „Arbeit“ und „Wanderung“ nicht isoliert, sondern in einem weiteren soziokulturellen Kontext zu begreifen.


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17.02.2005