1 Einleitung

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Arbeitsplätze im Gartenbau sind trotz fortschreitender Mechanisierung durch einen hohen Anteil an Handarbeit gekennzeichnet. Die Inhomogenität und Empfindlichkeit gartenbaulicher Produkte erschweren die Mechanisierung von Ernte- und Aufbereitungsverfahren bzw. machen sie sehr kostenintensiv. Besonders in kleinen, aber auch in mittleren und großen Betrieben erfolgen im Rahmen moderner Produktionsverfahren noch große Teile der Arbeiten von Hand oder in teilmechanisierten Prozessen.

Viele gartenbauliche Arbeiten werden zudem in ungünstigen Körperhaltungen durchgeführt, wie z.B. gebückt bei der Handernte von Erdbeeren, Spargel oder Salat. Das Bewegen größerer Gewichte von Hand, sowohl auf dem Feld, als auch im Ablauf der Nachernte, gilt als problematisch. Das Temperaturregime im Produktions- und Nacherntebereich ist an die Produkte (Wildt 1988) und nicht an die Bedürfnisse der Arbeitskräfte angepasst (z.B. Kühlung), bzw. ist es im Rahmen der natürlichen Schwankungen nicht zu beeinflussen (z.B. Außentemperatur). Die Summe der auf die Arbeitskraft wirkenden Belastungen ist hoch (Timme 1990; Vos 1973).

Die Saisonalität der Produkte erfordert eine große Variabilität im Personalstamm der Betriebe, vorhandene Spezialmaschinen können nur kurze Zeit im Jahr eingesetzt werden. Die Wertschöpfung aus den Produkten ist gering, das Lohnniveau niedrig und somit wird es immer schwerer, motivierte deutsche Saisonkräfte zu finden, die bereit sind, unter den genannten Vorraussetzungen zu arbeiten. Saisonkräfte stammen derzeit zum größten Teil aus dem osteuropäischen Ausland.

1.1 Problemstellung

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Die aktuellen Rahmenbedingungen im Produktionsgartenbau erfordern für die Zukunft einen effizienteren Einsatz des Faktors Arbeit in wirtschaftlichen und an Attraktivität gewinnenden Arbeitssystemen. Die Entwicklung solcher Systeme erfordert vielfach eine objektive Bewertung vorhandener und neuer Betriebs- und Arbeitsabläufe.

Eine im Gartenbau gängige Methode zur Analyse und Gestaltung verschiedener Arbeitssysteme und –methoden ist die Durchführung von Zeitstudien. Je schneller ein Arbeitsvorgang erledigt wird, desto geringer sind die Lohnkosten. Die Zeitdauer ist als Vergleichswert jedoch nur ein grobes Maß und berücksichtigt nicht die von der Aufgabe ausgehende Belastung.

Insgesamt ergibt sich bei der Bewertung von Arbeitssystemen die Forderung nach einer objektiven und umfassenderen Methode, die sowohl wirtschaftliche als auch die menschliche Ansprüche in einem Arbeitsgang berücksichtigt. Bisher liegt kein derartiges System vor.

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Die Vielzahl von Einflussfaktoren innerhalb gartenbaulicher Arbeitssysteme erschwert die objektive Bewertung dieser. Ergebnisse sind immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen geknüpft, deren Standardisierung aufgrund der großen Schwankungsbreite von Produkt-, Betriebs- und Produktionsparametern schwierig ist. Die Gewinnung einer Vielzahl von Daten aus einer Messung reduziert die Einflüsse schwankender Parameter.

1.2 Zielsetzung

Unter Berücksichtigung der aktuellen Problemfelder im Produktionsgartenbau, soll eine Methode entstehen, um typische gartenbauliche Arbeitsverfahren zu gestalten und objektiv zu bewerten. Die Arbeitssystem-Gestaltung durch Optimierung von Bewegungsabläufen sowie die Analyse von Arbeitshaltungen zur Beurteilung der Arbeitsbelastung stehen dabei im Vordergrund.

Das Ziel der Arbeit ist die Darstellung und Bewertung von Auswertealgorithmen für ein dreidimensionales Bewegungsanalyseverfahren nach arbeitswissenschaftlichen Gesichtspunkten. Die Erhebung der Daten soll dazu beitragen, die wissenschaftlichen Grundlagen für die Analyse und Gestaltung komplexer Arbeitssysteme bereitzustellen.

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Im Rahmen der methodischen Ziele werden Indikatoren (objektive Bewertungskriterien) definiert und innerhalb praktischer Anwendungen auf ihre Eignung untersucht. Unterschiedliche gestalterische Fragestellungen werden mit Hilfe der aus der Bewegungsanalyse gewonnenen kinematischen Größen bewertet. Dasselbe gilt für die Beantwortung ergonomischer Fragestellungen. Neben der Bewertung von Körperhaltungen sollen in Verbindung mit anderen Indikatoren ihre Einflüsse auf die Gesamtleistungsfähigkeit eines Systems quantifiziert und anschließend praxisorientierte Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Arbeitssystemen abgeleitet werden. Die Messergebnisse sollen reproduzierbar und statistisch abgesichert sein.

Ein besonderer Nutzen des Systems wird aus der Tatsache erwartet, dass die Untersuchungen im Arbeitsprozess erfolgen. Es werden dadurch Körperhaltungen untersucht, die sich aus den besonderen Rahmenbedingungen des Gartenbaus ergeben und für die es bisher nur wenige oder gar keine gestaltungsspezifischen Maßstäbe gibt. Aufgrund der Betrachtung aktiver Arbeitsabläufe werden die vom Arbeitsobjekt ausgehenden Rückwirkungen auf den Menschen berücksichtigt und mittels funktioneller Größen quantifiziert. Über die reine Gestaltung von Arbeitssystemen hinaus wird das Belastungs-Beanspruchungsmodell in die Bewertung integriert.

Dem Anspruch einer möglichst geringen Einflussnahme der Methode selbst auf den Arbeitsprozess und der Durchführung der Untersuchungen unter normalen Arbeitsbedingungen ist Rechnung zu tragen.


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07.06.2005