2 Grundsätze der Gestaltung und Bewertung von Arbeitssystemen

↓5

Die Gestaltung von Arbeitssystemen erfolgt unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zwänge. In den 70er Jahren wurde die Forschung zur Humanisierung der Arbeit ins Leben gerufen, die ihre Arbeit auf viele Problembereiche, den Erwerbsalltag großer Teile der Beschäftigten betreffend, ausdehnte.

Heute stehen vor allem die folgenden Probleme im Vordergrund:

↓6

Die Arbeitsstrukturierung steht im ständigen Konflikt zwischen den Wertvorstellungen der Arbeitnehmer und den Wirtschaftlichkeitserwartungen der Arbeitgeber. Es scheint auf betriebswirtschaftlicher Seite ein Wissensdefizit über den Nutzen der Arbeitswissenschaft für die Betriebswirtschaft zu bestehen, da der Bereich Arbeitswissenschaft in der betriebswirtschaftlichen Literatur nur am Rande erwähnt wird (Hettinger & Wobbe 1993).

Die Effizienz eines Arbeitssystems ist von einer Vielzahl von Einflussfaktoren abhängig. Prozesse laufen nebeneinander und nacheinander ab und müssen hinsichtlich ihrer optimalen Ausführung untersucht werden (Stoffert 1967).

Des weiteren müssen im Gestaltungsprozess die hauptsächlichen Wechselwirkungen zwischen einer oder mehreren Personen und den Bestandteilen des Arbeitssystems, wie den Arbeitsaufgaben, den Arbeitsmitteln, dem Arbeitsraum und der Arbeitsumgebung, berücksichtigt werden (prEN ISO 6385:2002). Die Systemgrenzen müssen klar definiert werden.

↓7

Im Rahmen der ergonomischen Gestaltung von Arbeitssystemen sollte der Mensch als Hauptfaktor und integraler Bestandteil des zu gestaltenden Systems, einschließlich des Arbeitsablaufes und der Arbeitsumgebung, gelten.

Die Ergonomie ist ein wichtiger Bestandteil der Planung, denn ergonomisch gestaltete Arbeitssysteme erhöhen die Sicherheit, Wirksamkeit und Effizienz, verbessern die Arbeits- und Lebensbedingungen des Menschen und wirken nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen entgegen. Durch gute ergonomische Gestaltung werden das Arbeitssystem und die Zuverlässigkeit des Menschen innerhalb dieses Systems günstig beeinflusst (DIN EN 1005-1).

Die wissenschaftliche Betrachtung der „nützlichen Arbeit“ sucht nach Erkenntnissen zur Beschreibung des Menschen und seines Verhaltens unter den jeweils gegebenen Bedingungen seines Tätigseins und entwickelt daraus Regeln für die Gestaltung. Zur Gewinnung dieser Erkenntnisse werden Methoden angewandt, die sich an physiologischen und psychologischen Modellen des Menschen orientieren. Mit Hilfe dieser Modelle versucht man, sowohl die Reaktionen organischer Funktionen (z.B. des Kreislaufs) als auch das Verhalten von Personen (z.B. deren Motivation) in Abhängigkeit von den Arbeitsbedingungen zu beschreiben. Laurig (1992) definiert die planmäßige Beeinflussung oder Veränderung der Arbeitsbedingungen als die Arbeitsgestaltung.

↓8

Aus der Gesamtheit der Bestandteile eines Arbeitssystems entstehen Anforderungen an den Arbeitenden, die als Arbeitsbelastung bezeichnet werden. Diese wiederum führt zu Reaktionen beim Arbeitenden, die von seinen individuellen Merkmalen (z.B. Fähigkeiten, Begabungen, Fertigkeiten usw.) abhängig sind und die Arbeitsbeanspruchung ergeben. Die Arbeitsbeanspruchung hat beeinträchtigende (z.B. Arbeitsermüdung), neutrale oder unterstützende (z.B. Entwicklung von Fertigkeiten) Auswirkungen, die wiederum in einer Rückkopplungsschleife die individuellen Merkmale des Arbeitenden beeinflussen (prEN ISO 6385:2002).

Bei der Arbeitsplatzgestaltung sind prospektiv die Körpermaße (Anthropometrie) und das Bewegungsverhalten der späteren Benutzer zu berücksichtigen (Alexander 2002). In Form von Körperumrissschablonen kann dies in der zweidimensionalen Betrachtung erfolgen, siehe DIN 33408, deren Inhalt auf der vorhandenen Kieler Messpuppe basiert.

Eine besonders intensive Auseinandersetzung bei der Anpassung von Umgebungen an ihre Nutzer erfolgt bei der Gestaltung von Fahrzeuginnenräumen, um sowohl den Komfort als auch die Sicherheit zu gewährleisten.

↓9

Im Rahmen dieser Zielerfüllung bedient man sich mittlerweile computergestützter dreidimensionaler Menschmodelle, durch die der spätere Nutzer in seinen Körpermaßen nachgebildet wird. Hier sind weltweit eine Vielzahl von Computer-Menschmodellen bekannt, von denen einige im Handbuch der Ergonomie Band 1 (Schmidtke et.al. 2002) beschrieben werden. Zu den bekanntesten Menschmodellen zählen RAMSIS, Anthropos oder Mannequin. Diese Modelle ermöglichen eine realistische Simulation von Körperhaltungen und Bewegungen. Das Menschmodell RAMSIS beispielsweise besitzt einen Haltungssimulator, basierend auf hochdimensionalen Verteilungsfunktionen, die sich auf rund 60.000 3D-Datenwerte stützen (Schmidtke et al. 2002). Es besteht unter anderem die Möglichkeit zur wahrscheinlichkeitsbasierten Berechnung von Haltungen bezüglich definierbarer Aufgaben oder die Berechnung von Greifräumen (=Wirkraum der Hände) abhängig von der Haltung und Körperabmessung.

RAMSIS wurde unter der Vorgabe entwickelt, Fahrzeuginnenräume zu optimieren. Bei Körperhaltungen, die davon stark abweichen ist zu berücksichtigen, dass bei einer Komfortoptimierung durch RAMSIS keine Gewichtskräfte berücksichtigt werden (Messerschmidt 1993).

Am Lehrstuhl für Ergonomie der TU München finden derzeit Bemühungen statt, definierte Körperhaltung in einem komplexen Modell komfortanalytisch zu bewerten. Eine Verknüpfung von Bewegungssimulation durch ein computergestütztes Menschmodell und Empfindungsexpression in unterschiedlichen Situationen könnte vielseitigen Einsatz finden.

↓10

In einer Reihe von Gesetzen wird gefordert, die gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Arbeitsgestaltung zu berücksichtigen. Sie sind in den Vorschriften, Sicherheitsregeln und Merkblättern der Berufsgenossenschaften, Normen des DIN und den Richtlinien des VDI enthalten. Aus der Anwendung dieser Regeln resultiert eine menschengerechte Arbeitsgestaltung (Kirchner & Baum 1990). Körperhaltungen werden nur in Gesetzen zum Schutz besonderer Personengruppen genannt (Stoffert 1990).

Als allgemein anerkanntes Bewertungsschema für die Arbeitssituation, gilt das von Rohmert entwickelte vierstufige, hierarchische Modell (Luczak 1993):

↓11

Die Erfüllung der einzelnen Ebenen verringert die Beanspruchung, welche jeweils individualspezifisch erfahren wird. Als Grundebene besteht die Ausführbarkeit, d.h. die sich aus der Arbeitsaufgabe ergebenden Anforderungen müssen im Rahmen der menschlichen Leistungsfähigkeit liegen. Nach Erfüllung der Ausführbarkeit ist die Erträglichkeit zugewährleisten. Hierbei ist zu überprüfen, ob die Arbeit über die Dauer eines Berufslebens bei gegebener täglicher Arbeitszeit ohne Beeinträchtigung der Gesundheit ausgeführt werden kann. In der nächsten Stufe wird die Zumutbarkeit überprüft, die stark von den aktuellen sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen abhängt, zu denen beispielsweise die Arbeitslosenquote zu zählen ist. Das Kriterium Zumutbarkeit spiegelt soziale Normen einer Gesellschaft wider, die einem Wandel unterliegen. Auf der letzten Stufe im Bewertungsschema steht die Zufriedenheit, die sich aufgrund der individuellen Bewertung der eigenen Arbeitsituation nicht in objektiven Merkmalen ausdrücken lässt. Werden alle Ebenen des Bewertungsschemas erfüllt, kann davon ausgegangen werden, dass die ausgeübte Tätigkeit keinen negativen Einfluss auf die Arbeitskraft hat. Sich verändernde Rahmenbedingungen machen jedoch eine regelmäßige Wiederholung der Überprüfung notwendig.

Arbeitsgestalterische Maßnahmen mit dem Ziel der Belastungsreduzierung sollten unter den gegebenen Vorraussetzungen bei zahlreichen Tätigkeiten im Gartenbau besonders beachtet werden. Der leistungsbeeinflussende Faktor beanspruchungsmindernder Maßnahmen wird häufig außer Acht gelassen. Dazu zählen eine sinnvolle Arbeitsorganisation, ein sinnvolles Pausenregime und der Einsatz von technischen Hilfsmitteln. Bei den meisten Belastungsarten ist das Arbeitstempo, z.B. die Bewegungsgeschwindigkeit, eine signifikante Belastungs-Einflussgröße (Bokranz & Landau 1991), d.h. je höher das Arbeitstempo desto höher die Beanspruchung.

2.1 Besonderheiten der gartenbaulichen Arbeitsgestaltung

Der Gartenbau ist vielfach gekennzeichnet durch körperlich schwere oder stark repetitive Arbeiten mit der Folge von rascher Ermüdung oder mangelnder Motivation. Im Gartenbau leiden 48% der Arbeitskräfte unter Rückenschmerzen. Rückenschmerzen sind neben Kopfschmerzen und Muskelschmerzen die häufigsten Schmerzprobleme (Mohr 1998). Im Jahr 2001 entstand in der Land- und Forstwirtschaft durch Rücken- und Muskelschmerzen ein Produktionsausfall von 1,62 Mio. Tagen Arbeitsunfähigkeit, dies entsprach einem Geldwert von 90 Mio. Euro (Statistische Informationen der BauA 2001). Jede dritte Berufsunfähigkeitsrente resultiert aus Erkrankungen der Wirbelsäule (Jürgens 1998, Lawaczeck 2003). Das durch im Gartenbau ausgeführte Arbeiten resultierende Erkrankungsrisiko wird aus den genannten Zahlen deutlich, was die weltweiten Bemühungen zur Verbesserung der Situation der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft bestätigen (Baron 2001).

↓12

Die Besonderheiten gartenbaulicher Produktion müssen bei der Gestaltung von Arbeitssystemen berücksichtigt werden (Stockey 1971). Ungünstige Körperhaltungen, repetitive und monotone Tätigkeiten sowie eine schlechte Bezahlung sind kennzeichnend für die Arbeitsbedingungen von einfachen Ernte- und Aufbereitungstätigkeiten im Gartenbau. Die Forderung, den Menschen als Hauptfaktor und integralen Bestandteil bei der Gestaltung zu berücksichtigen, wurde in vielen Bereichen der Produktion noch nicht umgesetzt. Um unter diesen Umständen eine optimale Leistungsbereitstellung der Arbeitskraft zu erreichen, bedarf es besonderer Antriebe. Die Wirkung physiologischer Belastung auf die menschliche Antriebslage, die durch ungünstige Körperhaltungen verursacht wird, untersuchte z.B. Sämann (1970). In der Regel wird die persönliche Antriebslage über eine entsprechende Entlohnung gesteuert. Da die Löhne in den beschriebenen Bereichen unterdurchschnittlich sind, werden die Arbeiten zu einem großen Teil von ausländischen Saisonkräften erledigt.

Bei der Bewertung der Arbeitsschwere sind auch die schwankenden klimatischen Einflüsse und ihre Wirkung auf die Beanspruchung bei Arbeiten im Freien zu berücksichtigen. Die von körperlicher Arbeit ausgehende Belastung ist stark von der Umgebungstemperatur abhängig (Spitzer 1982). Neben der Wärmeentwicklung stellt die Sonneneinstrahlung bei fehlenden Schutzmaßnahmen ein Hautkrebsrisiko dar. Auf der anderen Seite wirken zu niedrige Temperaturen negativ auf die Aufgabenausführung, insbesondere bei feinmotorischen Tätigkeiten.

Betrachtet man die Handarbeiten im Ernte- und Nacherntebereich unter Anwendung der DIN EN 1005-4 Entwurf, so bergen viele davon haltungs- und bewegungsbedingte gesundheitliche Risiken. Calisto (1999) hat in ihrer Arbeit ausführlich beschrieben, dass muskuloskelettale Beschwerden vor allem durch eine schlechte Arbeitshaltung verursacht oder gefördert werden können. Schmerz und Ermüdung erhöhen das Fehlerrisiko, können die Qualität des Arbeitsergebnisses mindern und zu gefährlichen Situationen führen. Statische Haltearbeit der Muskulatur führt zu vorschneller Ermüdung auf Grund der durch die Zwangshaltung bedingten Mangeldurchblutung. Dadurch steigt die Herz-Kreislauf-Belastung an. Ungünstige hydrostatische Verhältnisse in den Blutgefäßen, beispielsweise bei Arbeiten im Stehen, steigern ebenfalls die Herz-Kreislauf-Belastung. Blutstaus können wiederum die Entstehung von Ödemen und Krampfadern begünstigen. Langandauernde unphysiologische Körperhaltungen können zu Wirbelsäulenverkrümmungen führen.

↓13

Typisch für den Gartenbau ist das saisonal stark schwankende Arbeitsangebot und Arbeitsvolumen. Die beschriebenen Belastungen, z.B. ungünstige Körperhaltungen, treten verstärkt in den Ernteperioden bzw. während spezieller saisonaler Pflegearbeiten auf. In diesen Zeiten steigen der Personalbedarf und die Arbeitsintensität erheblich an. Die von den Klimabedingungen abhängige Produktion erfordert eine große Flexibilität, wodurch die Planbarkeit von Arbeitsaufgaben in Termin und Umfang erschwert wird. Lange Arbeitszeiten ergeben sich aus den zum Teil täglich variierenden Arbeitsumfängen, deren Verteilung auf die bereits vorhandenen Arbeitkräfte einfacher ist, als eine Anpassung in der Anzahl der Arbeitskräfte.

Um einen Nachweis für eine Ursache eines gesundheitlichen Schadens zu führen, der aus hoher Belastung bei der Ausführung variierender Saisonarbeiten resultiert, ist eine lange Expositionszeit erforderlich. Die Beweisführung scheint daher bei Saisonarbeit insbesondere aufgrund der Personalfluktuation unmöglich oder mit einem sehr hohen Aufwand verbunden. Es ist zudem eine grenzüberschreitende Problematik.

Die Auswahl betrieblicher Ausstattungen erfolgt aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks vor allem nach den verursachenden Kosten oder dem erzielten Arbeitsergebnis. Ein Vorteilsvergleich hinsichtlich dieser Ziele ist durch die vorhandenen Wertgrößen wie Ausgaben, Kosten oder Erlöse leicht durchzuführen (Elias 1985). Bei der Entscheidungsfindung über den Kauf einer Maschine sind die Betriebsinhaber und Führungskräfte oft auf sich selbst gestellt (Rohlfing 2001). Weitere Kriterien, wie beispielsweise der Arbeits- und Gesundheitsschutz, werden im Allgemeinen nur dann in die Überlegungen miteinbezogen, wenn sie als gesetzliche Vorgaben definiert oder wirtschaftlich erkennbar von Vorteil sind (Gröger 2002).

↓14

Ein anderes Problem ist, dass häufig betriebsspezifische technische Einzellösungen gefertigt werden, die ohne lange Entwicklungsphasen und oft unter Vernachlässigung ergonomischer Kriterien in den Produktionsprozess integriert werden. Finanzielle Mittel für die Forschung und Entwicklung von Arbeitssystemen stehen Gartenbaubetrieben in nur geringem Umfang zur Verfügung. So ist beispielsweise der Einsatz eines computerunterstützten Menschmodells in der Entwicklung eines universellen Teils wie einem Traktorsitz (Reid 1985) noch denkbar und bereits diskutiert worden, für die Verbesserung von Spezialtechnik, wie beispielsweise Spargelerntehilfen, für den Hersteller wirtschaftlich nicht tragbar.

Bei einer Vielzahl von praktischen Gestaltungsproblemen kann hingegen festgestellt werden, dass zwar Erkenntnisse zur Problemlösung vorhanden sind, diese im konkreten Anwendungsfall aber keine Berücksichtigung finden (Bruder 1993), obwohl positive Veränderungen in der Reduzierung von Ausführungszeiten durch regelgerechte ergonomische Gestaltung nachweisbar sind (Jakob 2003). Das niedrige Lohnniveau, eine geringe aus den Produkten erzielte Wertschöpfung sowie der zeitlich begrenzte Rahmen der Ausübung verschiedener Tätigkeiten sind Gründe für das häufig anzutreffende Minimum an gestalterischen Maßnahmen. Allgemein beschreiben Laurig und Rombach (1989) die Diskrepanz zwischen vorliegendem und angewandtem Wissen folgendermaßen:

↓15

Trotz der rasanten technischen Entwicklung werden aus den genannten Gründen auch im modernen Gartenbaubetrieb noch viele Arbeiten von Hand erledigt. Gleichzeitig steigen die Leistungen der vorhandenen Ernte- und Aufbereitungstechniken kontinuierlich, wie beispielsweise die von Wasch- oder Sortiermaschinen. Ihre Auslastung wird immer stärker durch den Menschen begrenzt (Jakob 2004). Die Weiterentwicklungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine sind dagegen kaum spürbar bzw. weisen einen aktuellen Forschungsbedarf auf.

Nach Betrachtung der Gesamtsituation entsteht die Forderung nach einem Instrument, mit dem der Optimierungsprozess ganzheitlich erfolgen kann, welches dem Beobachter objektive Vergleichskriterien liefert und das möglichst vielseitig, einfach und kostengünstig für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Produktionsgartenbau und ähnlichen Bereichen eingesetzt werden kann.

2.2 Grundlagen der arbeitswissenschaftlichen Beurteilung

Die Beurteilung von Arbeitsbedingungen erfolgt aufgrund der Beschreibung dieser unter Benennung von Teilbelastungen und ihrer Bewertung durch Vergleich mit geeigneten Skalen der Belastung und Beanspruchung. Der Grundgedanke des Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts basiert auf einer Analogie zur technischen Mechanik. Belastungen sind in der Mechanik die äußeren Einwirkungen auf ein Bauteil, die daraus resultierenden inneren Spannungen etc. werden als Beanspruchung bezeichnet.

↓16

Beurteilungen innerhalb des Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts setzen voraus, dass man sich über die Kriterien, welche die Basis für die Beurteilung bilden, im voraus einigt. Sie sind in eine Ordnung zu bringen, die aufeinander aufbaut. Diese Ordnung erfolgt in der Regel nach der Kerndefinition der Arbeitswissenschaften, herausgegeben 1987 von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (GfA):

Schädigungslosigkeit und Erträglichkeit

Ausführbarkeit von Tätigkeiten

↓17

Zumutbarkeit und Beeinträchtigungsfreiheit

Zufriedenheit der Arbeitenden und Förderung der Persönlichkeit durch die Arbeit

Sozialverträglichkeit der Arbeit und Möglichkeit der Beteiligung der Arbeitenden an der Gestaltung

↓18

...sind zu gewährleisten.

Es handelt sich bei diesen fünf Kriterien um eine Ergänzung der zuvor beschriebenen Hierarchieskala von Rohmert. Diese auf verschiedene Ebenen aufgebauten Bewertungskonzepte skizzieren einen groben Rahmen in Form von Zielvorstellungen.

Als Anforderung an die Beurteilungskriterien besteht eine hinreichende Anschaulichkeit und Überprüfbarkeit dieser. Die Erfüllung dieser Anforderung stellt sich bereits als schwierig dar. Es ist schwer überprüfbar, inwieweit Aufgaben zumutbar sind, beeinträchtigungsfrei ausführbar sind oder sogar persönlichkeitsfördernd wirken.

↓19

Werden die Arbeitsbedingungen nach Verordnungen und Regeln der Technik beurteilt, so berücksichtigen diese nur Belastungen. Im Gegensatz dazu müssen für die Beurteilung von Beanspruchung Kenntnisse über die individuellen Eigenschaften bestehen.

Um die Arbeitsbedingungen konkret zu bewerten, kann man nach verschiedenen Prinzipien vorgehen. Die Bestimmung von Sollwerten kann sicherstellen, dass sich bestimmte quantifizierbare Merkmale (z.B. die Raumtemperatur) innerhalb der festgelegten Grenzen bewegen. Für andere, ebenfalls quantifizierbare Größen, gibt es keinen Idealbereich, sondern stattdessen werden Grenzwerte festgelegt, deren überschreiten nachweislich schädlich ist. Dies betrifft beispielsweise Lärm oder das Auftreten gesundheitsschädlicher Stoffe in der Raumluft. Soll- oder Grenzwerte werden in den gängigen Regelwerken festgelegt.

Die Vielfalt möglicher Arbeitsaufgaben und der daraus resultierenden Teilbelastungen macht es bisher unmöglich, allgemeingültige Kriterien für eine zumutbare Höhe der Belastung anzugeben. Der Begriff der Dauerleistungsgrenze ist ein erster Ansatz zur Lösung dieses Problems. Je nach Art und Umfang der Belastung kann durch regelmäßige Pausen ein Vorgang von Ermüdung und Erholung lange Zeit im Gleichgewicht gehalten werden. Als Dauerleistungsgrenze bezeichnet man die höchste noch mögliche Leistung, die ohne zusätzliche Erholungspausen über einen Arbeitstag hinweg abgegeben werden kann. Eine Tätigkeit im Rahmen der Dauerleistungsgrenzen gewährleistet, dass nach Arbeitsende die Erholungsdauer gering bleibt bzw. die Restermüdung vernachlässigbar ist.

↓20

Die Bestimmung der Dauerleistung hingegen ist schwierig, da sie sich aus den verschiedenen aus der Arbeitsaufgabe resultierenden Teilbelastungen zusammensetzt, die sich im Bereich der gartenbaulichen Produktion in Abhängigkeit von zahlreichen Faktoren dynamisch verändern. Die Teilbelastungen müssen in ihrer Gesamtheit vom Beobachter nicht nur richtig erkannt, sondern auch beurteilt werden. Die aus einer Belastung resultierende Beanspruchung ist nicht direkt messbar, sondern kann nur anhand von geeigneten Messgrößen abgeschätzt werden.

Als Methoden der Beanspruchungsmessung sind die Messung des Sauerstoffverbrauchs, des Blutdrucks, der Atemfrequenz oder die Elektromyographie geeignet (Schnauber & Zerlett 1984). Ein ebenfalls wichtiger Indikator für die Beanspruchung ist die Herzfrequenz (Burzik & Knuth 1981), die mit mobilen Messeinrichtungen heute leicht zu erfassen ist. Sie spiegelt den Einfluss aller Belastungsfaktoren auf den Organismus wider und unterliegt den individuellen Eigenschaften. Insbesondere die Bewertung der Erträglichkeit einer Arbeit erfordert Beanspruchungsanalysen.

Entsprechend dem breiten Spektrum arbeitswissenschaftlicher Fragestellungen wird eine Vielzahl von Methoden zur Beantwortung eingesetzt.

↓21

Die bisher entwickelten Verfahren zur Ermittlung von äußeren Belastungsgrößen bei beruflichen Tätigkeiten lassen sich in fünf Gruppen einordnen:

  1. Fragebögen
  2. Tätigkeitsanalysen durch Beobachtungspersonen
  3. Video- und Filmanalysen
  4. Weitere bildgebende Verfahren
  5. Personengebundene Meßsysteme

1. Fragebögen

↓22

Befragungen sind vor allem gekennzeichnet durch den hohen Anteil an Subjektivität. Die nachträgliche Schätzung liefert ungenaue Angaben und repräsentiert nicht das tatsächliche Belastungsprofil. Auf der anderen Seite ist es im Rahmen arbeitswissenschaftlicher Arbeitsplatzanalysen heute praktisch als Kunstfehler anzusehen, die Meinung des Arbeitsplatzinhabers nicht in die Beurteilung einzubeziehen (Hettinger & Wobbe 1993). Die subjektive Aussage des Probanden muss nicht mit dem Ergebnis physikalischer oder physiologischer Messungen in Einklang stehen. Sie wird beeinflusst durch die psychische Ausgangslage des Probanden, seinen Gesundheitszustand und seine Motivationslage (Hettinger & Wobbe 1993): Die Beurteilung durch den Probanden erfolgt in der Regel anhand leicht verständlicher, mehrstufiger Skalen.

Fragebögen sind häufig die einzige Möglichkeit, berufliche Belastungen zu erfassen. Sie bilden die Grundlage für das Aufdecken von Risikofaktoren, die dann durch weitere Maßnahmen in ihrem Ausmaß bewertet werden können. Eine repräsentative Umfrage innerhalb einer Berufsgruppe zeigt schnell den bestehenden Handlungsbedarf auf. Die Reliabilität von Befragungen variiert sehr stark zwischen den zu bewertenden Bereichen. Woodcock Webb (in Aghazadeh 1988) fand heraus, dass sich bei der Bewertung der Belastung durch bestimmte Körperhaltungen die höchsten Abweichungen ergaben. Dies galt sowohl für die von den Arbeitskräfte selbst durchgeführten Bewertungen als auch für die Bewertung seitens der Ergonomen.

2. Gruppe der Tätigkeitsanalysen

↓23

Zur Gruppe der Tätigkeitsanalysen zählen unter anderem OWAS (Ovako Working Posture Analysing System, 1974 in Finnland entstanden) und AET (Arbeitswissenschaftliches Erhebungsverfahren zur Tätigkeitsanalyse).

Die OWAS-Methode gilt als schnell durchführbares Verfahren zur Ermittlung von Körperhaltungen. Sie wurde schon oft in der Praxis eingesetzt, z.B. im Baugewerbe, in Autowerkstätten und im Krankenhaus, aber auch in der Landwirtschaft. Die Ergebnisse können zur Umgestaltung des Arbeitsplatzes und/oder der Arbeitsorganisation herangezogen werden. Anhand einfacher Bilder wird die Stellung verschiedener Körperteile mit Nummern belegt und in definierter Reihenfolge genannt. Daraus ergibt sich der jeweilige OWAS-Code, der dann in Maßnahmenklassen eingeordnet wird, welche die Dringlichkeit einer Umgestaltung ausdrücken (Stoffert 1985). In Verbindung mit dem BIA-Meßsystem (Ellegast 1998, Kupfer 1998) wurde eine automatisierte OWAS-Analyse realisiert, die erhebliche Vorteile bringt. Neben der zeitlichen Ersparnis entfällt der methodische Fehler durch Wegfall der manuellen Bestimmung von Haltungscodi durch den Beobachter. Das BIA-Meßsysteme ist ein personengebundenes Meßsystem, das für die Erfassung wirbelsäulenrelevanter Belastungsgrößen am Arbeitsplatz entwickelt wurde.

Das zweite wichtige Verfahren in der Gruppe der Tätigkeitsanalysen ist das Arbeitswissenschaftliche Erhebungsverfahren (AET), welches als Ersatz aufwendiger physiologischer und physikalischer Messungen konzipiert wurde (Rohmert & Landau 1979). In drei Teilschritten werden eine Arbeitssystemanalyse, eine Aufgabenanalyse und eine Anforderungsanalyse durchgeführt. Am Ende erhält man einen Belastungsvergleich verschiedener Arbeitsplätze

↓24

3. Video- und Filmanalysen

Die Dokumentation von Arbeitabläufen auf Video oder Film ermöglicht eine beliebig oft wiederholbare Ansicht der eingenommenen Körperhaltungen sowie den Einsatz von Menschenschablonen zur genaueren Ermittlung von Winkelmaßen.

4. Weitere bildgebende Verfahren

↓25

Zur Gruppe der weiteren bildgebenden Verfahren zählt die Bewegungsanalyse mit Hilfe von an der Person befestigten Markern. Man unterscheidet die Methoden unter anderem nach der Markierung repräsentativer Punkte. Es gibt Systeme, deren Marker Signale aussenden und in anderen Systemen werden passive Marker nachträglich bildoptisch verfolgt. Diese Arten der Bewegungsanalysen sind besonders für ortsfeste Arbeitsplätze innerhalb eines kalibrierten Raumes geeignet.

5. Personengebundene Messsysteme

Personengebundene Meßsysteme basieren auf Sensortechnik, z.B. Winkelsensoren oder Druckmessplatten. Diese sind mitsamt ihrer Aufzeichnungs- und Energieversorgungseinheit am Körper der Probanden zu befestigen. Sie sind vielseitig einsetzbar, setzen jedoch voraus, dass die Sensorik den Probanden bei seiner Arbeit nicht behindert und über ausreichend lange Messzeiten reproduzierbare Daten liefert.

↓26

Ziel arbeitswissenschaftlicher Untersuchungen ist die Erhebung aussagekräftiger und möglichst objektiver Daten. Die Grenzen und Möglichkeiten der Untersuchungen mit Hilfe der dreidimensionalen Bewegungsanalyse werden in den folgenden Kapiteln dargestellt.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
07.06.2005