Einleitung. Ziel, Aufbau und Methode der Arbeit

Die deutschsprachige Debatte um die Hermeneutik des Alten Testaments im christlich-jüdischen Dialog hat derzeit einen inhaltlichen Konsens erreicht.1 Dieser lässt sich mit den Stichworten der „gemeinsamen Grundlage“ und der „doppelten Rezeptionsgeschichte“ der Bibel Israels umschreiben.2 Die Doppelformulierung macht auf zwei wichtige Erkenntnisse aufmerksam, die jede Hermeneutik im christlich-jüdischen Dialog berücksichtigen muss. Die Bibel Israels ist die gemeinsame Basis, ein gemeinschaftlich geteiltes Erbe, das Judentum und Christentum unlösbar miteinander verbindet. Zugleich bildet die Hebräische Bibel den Ausgangspunkt zweier religiöser Überlieferungen, welche die biblischen Traditionen zwar nicht unabhängig, aber doch zu einem großen Teil eigenständig rezipiert und fortgeschrieben haben. Die Aussage, dass die Bibel Israels eine „doppelte Rezeptionsgeschichte“ aufweist, ist indessen nicht allein als historische Feststellung zu verstehen, die ohnehin kaum zu bestreiten wäre, sondern in ihrer theologischen Bedeutung zu reflektieren. Jede christliche Hermeneutik im christlich-jüdischen Dialog muss daher der Tatsache Rechnung tragen, dass es eine legitime jüdische Auslegung und Fortschreibung der Bibel Israels gibt.

Diesen Konsens belegen nicht nur die Hermeneutikkonzeptionen von Rolf Rendtorff und Erich Zenger, die neben Brevard S. Childs in den Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung gestellt werden, sondern auch die nach und nach erscheinenden Dissertationen, die sich hermeneutischen Grundfragen widmen.3 In dem im Jahr 2000 veröffentlichten Dokument ‘Dabru Emet’ haben die christlichen Bemühungen um eine angemessene Hermeneutik des Alten Testaments zudem eine jüdische Antwort erhalten, die einen guten Ausgangspunkt für weitere Reflexionen darstellt.4

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Die vorliegende Untersuchung geht von dem skizzierten und noch weiter zu entfaltenden Konsens aus und wird vertiefende Kriterien für eine angemessene christliche Hermeneutik des Alten Testaments im christlich-jüdischen Dialog entwickeln. Dies geschieht methodisch in zwei Schritten. In einem ersten Schritt werden allgemeine Bedingungen in den Blick genommen, mithilfe derer eine christliche Hermeneutik des Alten Testaments im christlich-jüdischen Dialog gelingen kann. Hier sind Schlussfolgerungen aus den verschiedenen gegenwärtigen Hermeneutikdiskursen, der Diskussion um die so genannte christologische Interpretation und der Debatte um die Bundestheologie zu ziehen. In einem zweiten Schritt werden die Entwürfe von Brevard S. Childs, Rolf Rendtorff und Erich Zenger untersucht, um auf der Basis der Analyse weiter reichende Schlussfolgerungen für die zu entwickelnde Hermeneutik zu ziehen.

Im ersten Kapitel der Untersuchung werden ausgehend von den gegenwärtigen Debatten innerhalb der alttestamentlichen Wissenschaft (Seite 4ff.), des christlich-jüdischen Dialogs (Seite 16ff.), der Systematischen Theologie (Seite 20ff.) sowie der Philosophie (Seite 29ff.) Kriterien für einen den gegenwärtigen Herausforderungen genügenden Ansatz erarbeitet (Seite 69ff.). Zwei Überlegungen sind in diesem Zusammenhang erkenntnisleitend. Die Diskussion innerhalb des christlich-jüdischen Dialogs findet nicht im „luftleeren Raum“ statt, sondern ist auf vielfältige Weise mit den anderen Diskursen verknüpft.5 So zeichnet sich seit Mitte der 1990er Jahre eine Verschiebung zugunsten eines „Rezeptionstheoretischen Konsenses“ ab, der alle Diskussionen gleichermaßen verändert hat. Der häufig zu beobachtende Rückgriff auf das von den Literaturwissenschaften übernommene Leseparadigma wirft indessen die Frage nach der philosophischen und theologischen Tragfähigkeit des mit ihm verbundenen Textbegriffs auf. Denn die angesprochenen Konzeptionen suchen die Interpretation durch den Rückgriff auf die Werkintention, die intentio operis, – im Falle etwa der kanonischen Interpretation einen kanonischen Sinn – vor Willkür der Rezipientinnen und Rezipienten zu schützen.

Die gegenwärtige Diskussion zeigt – und dies ist die zweite erkenntnisleitende Einsicht –, dass alle Modelle bewusst oder unbewusst von philosophischen und literaturwissenschaftlichen Textauffassungen gesteuert werden, die sich der philosophischen Hermeneutikdiskussion der Gegenwart stellen müssen. Die Arbeit wird in diesem Zusammenhang die Diskussion zwischen der Hermeneutik Hans-Georg Gadamers und der Dekonstruktion Jacques Derridas ins Zentrum rücken (Seite 27ff.). Diese Debatte ist nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Auffassungen von Text, welche die beiden Philosophen zugrunde legen, besonders ertragreich, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die beiden Denker miteinander einen mehr als zwanzig Jahre andauernden Dialog über das Problem des Verstehens geführt haben, der sich als theologisch anschlussfähig erweist (Seite 36ff.).

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Um der Untersuchung weitere Tiefenschärfe zu verleihen, soll neben den gegenwärtigen Ansätzen auch ein Blick in die Geschichte der alttestamentlichen Hermeneutik in Deutschland geworfen werden (Seite 39ff.). Dies ist der Beobachtung geschuldet, dass die gegenwärtigen Diskussionen nur in seltenen Fällen an die hermeneutische Vorgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückgebunden werden, obwohl sie von ihr abhängig sind. Die im christlich-jüdischen Dialog engagierten Theologinnen und Theologen bilden hier insofern eine Ausnahme, als sie in der Regel im Sinne einer „Theologie nach Auschwitz“ auch theologische Konsequenzen aus der Geschichte zu ziehen versuchen. Diese finden in der gleichrangigen Betrachtung der jüdischen Auslegung und der kritischen Auseinandersetzung mit kirchlichen Antijudaismen ihren lebendigsten Ausdruck. Allerdings bleibt dabei häufig ein Gesichtspunkt unterbelichtet. Innerhalb der Diskussion um das Alte Testament in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielte vor allem die theologisch-christologische Interpretation eine herausragende Rolle. Die mit diesem Stichwort verbundenen Hermeneutikmodelle werden jedoch in der Regel – und dabei machen die Autoren innerhalb des christlich-jüdischen Dialogs keine Ausnahme – mit dem Hinweis auf ihren a-historischen Charakter abgelehnt. Im Kontext des christlich-jüdischen Dialogs spielt zudem der Vorwurf eine zentrale Rolle, dass diese Interpretation keinen Raum für eine legitime jüdische Rezeption lasse. Dem ist, bezogen auf die Hauptvertreter Wilhelm Vischer und Hans Hellbardt, ohne Einschränkung zuzustimmen. Allerdings vergeben die Kritiker mit der pauschalen Verurteilung die Chance, ausgehend von den Anstößen der theologisch-christologischen Interpretation nach einer legitimen christlichen Interpretation des Alten Testaments zu fragen, die im Kontext christlicher Hermeneutikbemühungen nicht ohne den Bezug auf die Christologie auskommen kann. Da diese Erkenntnis auch im Zusammenhang des christlich-jüdischen Dialogs gilt, wird im Zuge einer historischen Vergewisserung die Diskussionslage der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts schlaglichtartig beleuchtet.

Schließlich soll in einem weiteren Diskussionsgang vertiefend die Bundestheologie betrachtet werden (Seite 50ff.). Sie bildet einen Kristallisationspunkt des christlich-jüdischen Dialogs, weil sich an ihr nicht nur das Verhältnis der Testamente und darüber hinaus die Beziehung von Judentum und Christentum festmachen lässt, sondern auch detailliertere Erkenntnisse über die theologisch-christologischen Prämissen der jeweiligen Protagonisten ermöglicht werden. Im Sinne einer „Prüfkategorie“ kann darüber hinaus mit ihrer Hilfe in hermeneutischer Perspektive das Verhältnis von Theologie und Exegese erläutert werden.

Aufbauend auf den Analysen des Eingangskapitels werden in den Kapiteln Zwei bis Vier die das christlich-jüdische Gespräch der 1980er und 1990er Jahre maßgeblich bestimmenden Ansätze von Brevard S. Childs (Seite 74ff.), Rolf Rendtorff (Seite 123ff.) und Erich Zenger (Seite 175ff.) betrachtet. Sie haben nicht nur wegen ihrer bedeutsamen theoretischen Überlegungen und ihres fächerübergreifenden Einflusses besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern decken darüber hinaus auch exemplarische Diskussionszusammenhänge ab, namentlich die protestantische und die katholische Debatte in Deutschland sowie die nordamerikanische, vorwiegend protestantisch geprägte Diskussion. Ferner erfassen sie unterschiedliche Aspekte und Akzentsetzungen, die mit den Stichworten ‘Kanonhermeneutik in christologischer Perspektive’ – ‘Historisch-theologische Interpretation’ – ‘Hermeneutik der kanonischen Dialogizität’ umrissen werden können. Die Analyse wird dabei nicht nur die theoretischen Überlegungen der Autoren berücksichtigen, sondern ihre Hermeneutik darüber hinaus einer exegetischen „Überprüfung“ unterziehen, um ihre Konsistenz zu untersuchen und mögliche Aporien aufzuzeigen. Dazu wird auf die ‘Leitkategorie’ des Bundes zurückgegriffen, die, wie bereits betont, auch zur Erschließung der theologisch-christologischen Prämissen der jeweiligen Autoren beiträgt.

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Angesichts der Problematik und der Komplexität des Gegenstandes ist es methodisch am zweckmäßigsten, die Debatte selbst sowie die mit ihr zusammenhängenden Diskussionen aus einer alttestamentlichen Perspektive zu analysieren. Dabei wird die vorliegende Untersuchung den Diskurs nicht aus neutraler Perspektive, gleichsam „von außen“ betrachten. Sie trägt damit zum einen der „hermeneutischen“ Erkenntnis der Vorstruktur jeden Verstehens Rechnung, welche die Wahrnehmung des Gegenstandes von Anfang an steuert und von daher eine neutrale Betrachtung ausschließt. Zum anderen tritt die vorliegende Arbeit selbst mit einem normativen Anspruch auf und wird sich daher als „Eingriff“ in die genannten Diskurse präsentieren.


Fußnoten und Endnoten

1 

  Vgl. einführend zum christlich-jüdischen Dialog die auf Seite 9, Anm. 68, genannte Literatur.

Die vorliegende Arbeit versteht sich als explizit christliche Unternehmung. Dies wird mit der Verwendung der Formulierung ‘Hermeneutik des Alten Testaments’ zum Ausdruck gebracht. Auch wenn der Begriff ‘Altes Testament’ aufgrund der mit ihm häufig verbundenen Abwertung innerhalb des christlich-jüdischen Dialogs zu Recht kritisiert wird, kann nur schwerlich auf ihn verzichtet werden. Denn während die Begriffe ‘Hebräische Bibel’ und ‘Bibel Israels’ sich allein historisierend auf den ersten Teil unserer Bibel beziehen und damit allenfalls der historischen Betrachtung angemessen sind (siehe zu Rendtorff Seite 9ff.), beinhalten andere Formulierungen theologisch problematische Aussagen: So steht etwa der Übernahme der jüdischen Kurzform Tenach (für Tora, Nebiim, Ketubim) entgegen, dass damit eine Vereinnahmung des Erbes Israels verbunden sein könnte. Auch der von Erich Zenger ins Spiel gebrachte Terminus ‘Erstes Testament’ kann theologische Schwierigkeiten nach sich ziehen, denn er ist eng mit Zengers Auffassung der ‘Ein-Bund-Theorie’ verbunden, die von einer Öffnung des Bundes mit Israel zur „Völkerwelt“ ausgeht. Siehe zur Problematik der ‘Ein-Bund-Theorie’ Seite 9ff., zu dem Neologismus Zengers Seite 9ff., sowie zur bundestheologisch-christologischen Klarstellung Zengers Seite 9ff. Allenfalls der Begriff ‘Die Schrift’ könnte die theologische Problematik umgehen. Da er jedoch im Gegensatz zur jüdischen Verwendung im Kontext christlicher Hermeneutik nicht eindeutig ist und daher Ergänzungen wie ‘alttestamentlich’, ‘jüdisch’ oder ähnliches erfordert, bringt er allenfalls einen graduellen Vorteil. Im Kontext der alttestamentlichen Wissenschaft als christlicher Disziplin ist daher die Beibehaltung der Terminologie ‘Altes Testament’ vertretbar, wenn zugleich die Basiskriterien einer Hermeneutik im christlich-jüdischen Dialog beachtet werden. Die anderen Begriffe werden in der vorliegenden Arbeit nur verwendet, sofern sie sich auf die historische Urkunde (Hebräische Bibel bzw. Bibel Israels) oder die jüdische Schrift (Tenach) beziehen.

2   Siehe zu dem erreichten Konsens ausführlich unten Seite 9ff.

3   Vgl. jüngst vor allem Grohmann, Aneignung, und Lemaire, Verstehen.

4   Vgl. die Dokumentation der Stellungnahme in KuI 18 (2003), 77-79. Die Stellungnahme hat eine breite christliche Resonanz gefunden. Siehe dazu Seite 9ff. sowie zu Rendtorff Seite 9 und zu Zenger Seite 9, Anm. 108; 110.

5 

  In diesem Sinne gilt auch die Äußerung Antonius H. J. Gunnewegs, der festgestellt hat: „Ja, es ist keine Übertreibung, wenn man das hermeneutische Problem des Alten Testaments nicht bloß als ein, sondern als das Problem christlicher Theologie betrachtet, von dessen Lösung so oder so alle anderen theologischen Fragen berührt werden.“ Gunneweg, Verstehen, 7. Hervorhebung im Original.

Die Hervorhebungen in den Zitaten sind, wenn nicht anderes angegeben, aus dem Original übernommen.



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28.01.2008