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8  Empfehlungen für die gärtnerische Praxis

Für die Bereicherung des Angebotes blühender Topfstauden wurde der Entwicklungsrhythmus von Aster alpinus ‘Happy End‘ unter dem Aspekt der Verbesserung des gärtnerischen Kulturverfahrens untersucht. Die vorliegenden Ergebnisse ermöglichen eine verbesserte gärtnerische Nutzung zur Produktion von Aster alpinus als blühende Topfstaude.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Absatzes als blühende Topfstaude ist derzeit gering; in den Absatzzahlen einzelner Blumenversteigerungen (z. B. NBV Neuss, VBA Aalsmeer) ist sie bislang überhaupt nicht erfaßt. Dies dürfte auf den geringen Bekanntheitsgrad und die ebenso wenig bekannte mögliche Nutzungsform als blühende Topfstaude zurückzuführen sein. Dennoch bestehen aufgrund der vergleichsweise niedrigen Produktionskosten und der geringen Verbreitung gute Möglichkeiten der Absatzausweitung.

Technische Voraussetzungen

Für die Aussaat und die Verfrühung wird das Vorhandensein eines Gewächshauses vorausgesetzt. Die Heizungsanlagen müssen während der Keimungsphase für eine Mindesttemperatur von 15 °C und während der Verfrühungsphase für eine Temperatur von 10 °C ausgelegt sein.

Günstig ist es, wenn zusätzlich eine Kühleinrichtung mit Mantelkühlung genutzt werden kann, bei der die Temperaturen auf bis zu 2 °C gesenkt werden kann. Diese Option empfiehlt sich besonders in Regionen mit hohen Wintertemperaturen, in denen eine Absättigung des Kältebedürfnisses durch den natürlichen Witterungsverlauf nicht gewährleistet werden kann.

Vermehrung

Die in der Literatur ausschließlich empfohlene generative Vermehrung bestätigte sich auch in den Versuchen als die vorteilhafteste Variante. Das Verfahren zeichnet sich durch eine hohe Kultursicherheit, eine optimale Korrelation zwischen Pflanzendurchmesser und Anzahl lateraler Sproßknospen, homogene Bestände und durch einen geringen Arbeitsaufwand aus.

A. alpinus hat im Vergleich zu anderen Topfblumen eine relativ lange juvenile Phase und benötigt deshalb eine längere Vorkultur, um bis zur blühinduzierenden Phase genügend kompetente Apikalmeristeme anzulegen. Um dies zu gewährleisten, werden in den Saatgutkatalogen Aussaatzeiträume beginnend ab Dezember angegeben. Für die Produktion als Topfpflanze erscheint jedoch ein Aussaatzeitraum von Ende Februar bis Mitte März ausreichend.

Für die Topf- und Verfrühungskultur sollte die Aussaat in Saatkisten erfolgen. Die Keimung erfolgt nach 15 bis 20 Tagen bei 15 °C. Nach der Keimung sollten die Temperaturen für eine bessere Akklimatisation auf 12 °C gesenkt werden. Drei Wochen nach der Aussaat können die Pflanzen in Endtöpfe pikiert und nach weiteren drei Wochen im Freiland ausgestellt werden.

Blühinduktion

Die Differenzierung der Infloreszenzen war ab Mitte September mit dem Mikroskop erkennbar. Das bedeutet, daß die Blühinduktion spätestens Anfang September stattgefunden haben muß oder auch stattfindet. Der Zeitraum vom Kulturbeginn bis zur Blühinduktionsphase beträgt demzufolge ca. 6 Monate.


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Applikation von Cytokinin

Die Applikation von 6-Benzylaminopurin während der vegetativen Phase führt zu einer schnelleren Seitentriebbildung und die Bildung eines größeren Pflanzendurchmessers durch die verstärkte Streckung bereits differenzierter Laubblätter. Wichtig für den Anwendungserfolg ist, daß das laterale Meristem dabei direkt in den Kontakt mit dem Wachstumsregulator zu bringen ist. Aus methodischer Sicht ist eine Sprühapplikation bei den hier untersuchten Pflanzen durchaus praktikabel. Dabei sollten während der Behandlung benachbarte Pflanzenbestände ausreichend abgeschirmt werden können.

Bei der Anwendung von Cytokininen ist zu beachten, daß diese sich zwar fördernd auf die Ausbildung von Lateralknospen auswirken, gleichzeitig aber auch die Wurzelbildung hemmen. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind eine Reihe weiterer wichtiger Fragen, wie modifizierte Anwendungszeiträume, veränderte Konzentrationen, toxische Wirkungen, der Einfluß der Witterungsbedingungen oder auch die Anwendungsmethode noch nicht ausreichend geklärt. Daher stellen die derzeitigen Versuchsergebnisse noch keine generelle Empfehlung für eine breite Anwendung in der gärtnerischen Praxis dar.

Endodormanz

Der Übergang in die Endodormanz erfolgt unabhängig von äußeren Bedingungen Anfang bis Mitte Oktober. Dabei spielt die Temperatur offensichtlich keine Rolle. Die äußeren Merkmale für den Eintritt in diese Phase sind das Zurücktrocknen der großen, älteren Laubblätter und die Inaktivität der Pflanzen. Die dabei zurückbleibende Laubtunika kann bei zu warmer Kultivierung ein Gefahrenherd für die Ausbreitung von Krankheitserregern sein. Daher ist zu empfehlen, die Pflanzen bis zur Absättigung des Kühlbedürfnisses im Freiland oder in frostfreien, kühlen Häusern zu belassen.

Kühlung

Eine entscheidende Bedeutung für den Zeitpunkt des Blühens und die Anzahl der gestreckten Infloreszenzen hat die Dauer der Kühlung. Ab einer Kühldauer von 55 h unter 2 °C unter natürlichen Witterungsbedingungen werden gegenüber ungekühlten Pflanzen schon signifikant mehr Infloreszenzen gestreckt. Das Kältebedürfnis scheint jedoch erst bei einer natürlichen Kälteperiode von etwa 1400 h vollständig abgesättigt zu sein. Problematischer ist dagegen die Kühlung im Kühlraum. Bei der Kultivierung ist zu berücksichtigen, daß belaubt überwinternde Stauden auch während der Ruheperiode assimilieren. Eine Belichtung auch während der Kühlphase ist daher obligat. Die erforderliche Belichtung bedingt wiederum einen höheren Energieaufwand, um die Kühltemperatur durchgängig einhalten zu können.

Eine mögliche Strategie, um die Absättigung des Kältebedürfnisses zu gewährleisten, könnte darin bestehen, daß die aktuellen Kühltemperaturen (< 2 °C) im Freiland ständig erfaßt werden. Ergänzend dazu könnte bei Bedarf ab November eine Kühlung im Kühlraum bis zur Absättigung des maximalen Kältebedürfnis erfolgen. Diese Verfahrensweise würde eine ausreichende Akklimatisierung der Pflanzen vor dem Einräumen in Kühlräume garantieren. Zudem könnte der Energieeinsatz für den Kühlraum, bedingt durch die zu diesem Zeitpunkt niedrigen Außentemperaturen, vermindert sowie die Verweildauer der Pflanzen im Kühlraum verringert werden.

Wie in den vorliegenden Ergebnissen gezeigt werden konnte, hat die Kühldauer einen wesentlichen größeren Einfluß auf die Anzahl gestreckter Infloreszenzen als die exogene BAP–Applikation. Aus Gründen der Kultursicherheit und eines möglichst frühzeitigen Absatzes von Pflanzen mit Infloreszenzknospen ist daher eine ergänzende Kühlung im Kühlraum unverzichtbar.


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Streckung der Infloreszenz

Nach Übertragung der ausreichend gekühlten Pflanzen (mind. 1000 h unter 2 °C) aus dem Kühlraum und/oder Freiland in das Gewächshaus mit einer Solltemperatur von 15 °C sind etwa 80 Tage nach dem Kühlende mehr als 50 % der angelegten Infloreszenzen farbezeigend. Durch die Staffelung der Einräumtermine in das Gewächshaus läßt sich der Absatzzeitraum von Ende März bis Mitte Mai ausdehnen.


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03.09.2004