I.  Exposition der Symboltheorie

I.1. Weisen der Bezugnahme

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Goodmans Symboltheorie zur Kunstauffassung setzt voraus, dass sie als ein Teil der Erkenntnistheorie bzw. der kognitiven Prozesse betrachtet werden soll. Symbole fungieren dabei als Mittel der Bezugnahme, die zwischen einem Symbol und dem von ihm Bezeichneten besteht. Die Symbole sind sehr allgemein gefasst und haben keine besonderen Bedingungen als Prämisse des Kunst-Werdens:

„›Symbol‹ wird hier als ein sehr allgemeiner und farbloser Ausdruck gebraucht. Er umfaßt Buchstaben, Wörter, Texte, Bilder, Diagramme, Karten, Modelle und mehr, aber er hat nichts Gewundenes oder Geheimnisvolles an sich. Das buchstäblichste Prädikat und die nüchternste Passage sind ebensogut Symbole und ebenso ‚hoch symbolisch‘ wie die phantastischsten und figurativsten.“ (LA. 9)

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Ein Symbol in Funktionsweise ist gleich wie ein Zeichen. Beispielsweise, das Bild Churchills als ein Symbol bzw. Zeichen nimmt den „repräsentativen“ Bezug auf Churchill, Mozarts Requiem nimmt den „exemplifikativen“ Bezug auf Traurigkeit bzw. Trauer. Für diese Einsicht gilt auch seine Symboltheorie als eine Zeichentheorie der Kunst. Der Grundbegriff seiner Symboltheorie ist die Bezugnahme, nämlich „Stehen für Etwas“. Für das Statement stand for etwas, oder refer to benutzt Goodman den Begriff „Bezugnahme“ allgemein. Die Bezugnahme wird in umfassender Weise gebraucht. Sie ist ein primitives Konzept, welches alle Arten von Symbolisierung, alle Arten des Bezugs zwischen Symbol als Zeichen und Bezeichnetem, alle Fälle „des Stehens für“ umfasst:

„Die Wege der Bezugnahme sind unabhängig von den Wurzeln der Bezugnahme. Mir geht es hier um die möglichen Beziehungen zwischen einem sprachlichen Ausdruck (oder einem anderen Zeichen oder Symbol) und dem, worauf er verweist, nicht aber darum, wie solche Beziehungen entstehen. […] Mein Thema sind die Natur und die Arten der Bezugnahme; dabei ist es gleichgültig, wie oder wann oder warum oder von wem diese Bezugnahme hergestellt wird.“ (RR. 11)

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Die unterschiedlichen Formen der Bezugnahme am Beispiel der verschiedenen Künste untersucht Goodman in seinem 1968 erschienenen Hauptwerk Languages of Art und im Aufsatz in Route of Reference 16 als Artikel zur Weise der Bezugnahme. Seine kunsttheoretischen Darbietungen gehen in beiden Werken zu den tradierten Methoden der Kunstidentifikation auf Distance: Goodman bestimmt weder was Kunst ist, noch ihre „absolut“ maßgebenden Kriterien, unter deren Bedingungen ihre ästhetische Qualität und Wertung festgelegt werden könnten. Stattdessen zeigt er das systematische „Feld der Bezugnahme“ (field of reference) auf, das bei der Analyse der verschiedenen Symbole - gleich einem Wegweiser – „universal“ verwendet werden kann.

I.1.1. Wege der Bezugnahme

Die Weisen der Bezugnahme unterscheiden sich in Formen der denotierenden und der nichtdenotierenden: Denotierende Bezugnahme17 umfasst die sprachliche Denotation, die bildliche Denotation (z. B. Abbildung, Repräsentation) und das Zitat etc. Nichtdenotierende Bezugnahme wird in Formen der Exemplifikation und des Ausdrucks eingeordnet.

Auf den zwei elementaren Begriffen „Denotation“ und „Exemplifikation“ konstruiert Goodman verschiedene Wege der extensionalen Bezugnahme, in der nichts außer dem Symbol und dem von ihm bezuggenommenen „Sachverhalt“ erlaubt wird. Während bei der Denotation die Richtung vom Symbol (z. B. einem Bild oder einer Aussage) zum Gegenstand oder Bezeichneten verläuft, wird das Symbol bei der Exemplifikation von einem Prädikat (bzw. Bezeichnung, Markierung, Etikett oder label) denotiert, das auf dieses Symbol zutrifft. Die Bezugnahme der beiden verläuft also in die umgekehrte Richtung. Wege ihrer Bezugnahme werden „richtungweisend“ wie folgt schematisiert:

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Schema 1

I.1.1.1. Denotation

Der Grundbegriff „Denotation“ wird nicht definiert, sondern verstreut bestimmt und expliziert an jeweiligen Beispielen. Die Denotation umfasst zwei unterschiedliche Arten: Sie kann wörtlich18 (literal) sein (etwa wenn ein Bild Churchill darstellt oder ein Ausdruck sich auf einen realen Gegenstand bezieht) oder fiktiv und figurativ (z. B. das Bild eines Einhorns oder der Name „Don Quichotte“). (Vgl. RR. 15)

I.1.1.1.1. Sprachliche Denotation

Die sprachliche Denotation bezeichnet den Gegenstand oder den Ereignisbezug (wie Nennung, Prädikation, Beschreibung), nämlich „Berlin“ oder „Paris“ denotiert eine Stadt, demgegenüber denotiert „Stadt“ jede von vielen Städten. „Sonnenaufgang“ denotiert jedes von vielen Ereignissen. Manche Denotationen können zeit- und kontextabhängig verschieden sein sowohl bei indexikalischen Wörtern wie „hier“ und „jetzt“ als auch Pronomen und tempusspezifizierten Verben. Sie denotieren verschiedene Ereignisse. Fraglich ist ein Satz im gesicherten Zusammenhang seiner Denotation. Goodman akzeptiert die üblich bekannte Satzauffassung nicht, wonach ein Aussagesatz einen Wahrheitswert denotiert, d. h. alle wahren Aussagen denotieren das Wahre und alle falschen Aussagen denotieren das Falsche, aufgrund der folgenden drei Gründe (Vgl. RR. 12):

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(1) Abstraktheit ihrer Wahrheitswerte, die die Entitäten nicht begründen lassen kann.

(2) Problematik der Identifizierung, ob die Denotate aller (propositional) wahren Aussagen als einerlei halten, ohne die Unterschiede ihres Gegenstandes (topic) zu berücksichtigen, wie die Sätze „Napoleon zieht sich zurück“ und „die Sonne geht auf“, die jeweils „Napoleons Rückzug“ und „der Sonnenaufgang“ in inkongruente Ereignisse denotieren.

(3) Unklarheit der Weise, wie die Nicht-Deklarativa (Frage-, Befehls- oder Ausrufesätze) erklärt werden sollen.

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Goodman schlägt vor im Falle des nicht denotierenden Ansehens, das elliptische Prädikat auszuwählen: Nur das adäquat ausgewählte Prädikat denotiert eine dieser entsprechenden Äußerungen. In diesem „elliptischen“ Zusammenhang denotieren die unterschiedlichen Satzformen: Beispielsweise die Sätze „Die Sonne geht auf“, „Geht die Sonne auf?“, ,,Sonne, geh auf! und „Die Sonne geht auf!“ denotieren dieselben Ereignisse, nämlich „den Sonnenaufgang“. Keineswegs sind die formal-gleichen Aussagesätze koextensiv (z. B. „Napoleon zieht sich zurück“, „Ich schreibe einen Brief“), da ihre Prädikate unterschiedliche Ereignisse denotieren. Für die sprachliche Denotation Goodmans geht es nicht darum, was einen Satz denotiert, sondern die Worte zu wählen, die als entsprechende Prädikate etwas denotieren.

I.1.1.1.2. Repräsentation(-als)

Für die Ausführung der Repräsentation, mit der Goodman seine Languages of art beginnt, grenzt er diese definitiv von der traditionellen Abbildtheorie ab, bei der die Ähnlichkeit19 (similarity) als Basiselement aufgenommen wird - wie seine kritischen Äußerungen lauten (Vgl. LA. 17-21): „das unschuldige Auge (the innocent eye)“20, „das absolute Gegebene (the absolute given)“, „Perzeption ohne Interpretation“.

Seine Kritik an den Realisten, Naturalisten und Puristen zielt auf den Versuch dieser Überzeugungen, die Begriffe der imitatio oder der mimesis, bei welchen es sich um unmittelbare Gegebene handelt, als Bestandteile und Kontext einer direkten und vergegenständlichten Abbildung zu sehen. Der Eindruck einer realistischen, idealistischen Repräsentation entsteht dann, wenn Bild und Objekt dieselben Erwartungen projizieren, weil vorgefertigte Repräsentationen verwendet werden. Bei einem als realistisch aufgefasstem Bild werden lediglich gewisse, durch bisheriges Wissen und Gewohnheit geprägte Eindrücke unterscheiden, ohne dabei die Eigenschaften der Wirklichkeit und die Eigenschaften des a priori kopierten Geistes zu unterscheiden. Anstatt der Kopie (replica) betont er die Herstellung der repräsentationalen Praxis, wie seine dafür grundlegende Aussage lautet:

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„[…] Ähnlichkeit hängt erheblich von Gewohnheit und Kultur ab, so daß, ob und in welchem Ausmaß ein Symbol „ikonisch“ ist oder seinen Gegenstand getreu abbildet, variieren kann, ohne daß sich an dem Symbol oder dem, was es denotiert, etwas ändert. Eine stabileres und wichtigeres Merkmal der pikturalen[bildlichen] Denotation besteht darin, daß sie durch ein Symbol Bezug nimmt, das in einem syntaktischen und semantisch dichten System funktioniert – in einem System, dessen konkrete Symbolvorkommnisse sich nicht unterscheidbare verschiedene Charaktere sortieren lassen, sondern übergehen ineinander; das gilt auch für die Denotate. […]“ (MM. 89; dito RR. 13)

Diese Behauptung argumentiert Goodman in seinem Languages of art über die perspektive bzw. die räumliche Bedingung in den verschiedenen Kunstgattungen (z. B. bei Malerei, Zeichnungen oder Entwürfen der Architektur). Den Raum so abzubilden, wie dies entsprechend den Regeln der Perspektive üblich ist, ist weder in allen Fällen eindeutig, noch wird die Perspektive vom Gegenstand allein oder der Natur vorgegeben, sondern beruht vielmehr auf Gewohnheit. Dementsprechend beruht dann auch der Eindruck der Ähnlichkeit auf Konvention. Die Darstellung eines Gegenstands, die etablierten Repräsentationssystemen folgt, wirkt realistisch. (Vgl. LA. 46) Bilder stellen Gegenstände also weniger so dar, wie sie sind, sondern eher so, wie sie gesehen werden: „Der Gegenstand sitzt nicht da wie ein sanftmütiges Modell, das seine Attribute säuberlich sortiert darbietet, damit wir sie bewundern und porträtieren können.“ (LA. 40) In dieser kognitiven Hinsicht ist von Bedeutung, wie Goodman den alltäglichen Gegenstand sieht:

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„Der Gegenstand vor mir ist ein Mann, ein Schwarm von Atomen, ein Zellkomplex, ein Fiedler, ein Freund, ein Verrückter und vieles mehr. Wenn keines davon für sich genommen den Gegenstand, so wie er ist, konstituiert, was sonst könnte dies leisten? Sind dies alles Weisen, in denen der Gegenstand ist, dann stellt keine die Weise dar, in der der Gegenstand ist“ (LA. 18).

All diese Aussagen stehen außer Frage. Aber keine ist auf irgendeine Weise „über“ den Geschmack und pur „Ding an sich“ privilegiert. Vielmehr sind bestimmte Aussagen in bestimmten, „zweckmäßigen“ Kontexten angemessen und andere nicht. Selbst wenn die Repräsentation dem Repräsentierten ähnlich ist, ist dies jedoch „nutzlos“ für Goodmansche Repräsentation. Sein folgerichtig angeführtes Beispiel ist das Foto von einem schwarzen Pferd, das dort als kleiner grauer Fleck zu erkennen ist. Der Punkt ist weder schwarz noch besitzt er andere Eigenschaften des Pferdes und doch kann er das Pferd repräsentieren. (Vgl. LA. 38)

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In der Erklärung „Repräsentation“ als eine Art der Denotation weist Goodman wiederum nach, dass der symbolisierende Gegenstandsbezug nach ihm nicht in Ähnlichkeiten reduzierbar ist:

„Tatsache ist, daß ein Bild, um einen Gegenstand repräsentieren zu können, ein Symbol für ihn sein, für ihn stehen, auf ihn Bezug nehmen muß; und daß kein Grad von Ähnlichkeit hinreicht, um die erforderliche Beziehung der Bezugnahme herzustellen. Ähnlichkeit ist für Bezugnahme auch nicht notwe n dig; fast alles kann für fast alles andere stehen. Ein Bild, das einen Gegenstand repräsentiert - ebenso wie eine Passage, die ihn beschreibt -‚ nimmt auf ihn Bezug und, genauer noch: denotiert ihn. Denotation ist der Kern der Repräsentation und unabhängig von Ähnlichkeit.“ (LA. 17)

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Repräsentation von etwas als etwas: Ein Gegenstand enthält unerschöpfbare Mehrdeutigkeiten zum alltäglichen Gebrauch, wenn die Betrachtungsweise verschieden dargestellt wird. Sie ist für Goodman nur auf eine gegebene Zeit der gegenwärtig repräsentierenden Praxis beschränkt und klassifiziert, ohne Synonymen – ein desolater Begriff, welcher in Goodmanscher Kunstauffassung nicht standhalten kann wie der Begriff „Ähnlichkeit“ (Vgl. PP. 231-238) – nachgeforscht werden. Die Relation des „Repräsentation-als“ kann in drei Entitäten betrachtet werden:

(1) Beispielsweise, wenn ein Bild (z. B. Herzog von Wellington) irgendeinen Gegenstand oder eine Person repräsentiert. Diese ist dann als Bezugnahme zwischen dem Prädikat und dem Gegenstand oder der Person (z. B. Herzog von Wellington) anzusehen. Das Bild denotiert den Herzog von Wellington und repräsentiert ihn jeweils (in Verbindung mit dem Nomen) als einen Mann oder als einen Erwachsenen oder als ein Kind oder als den Sieger von Waterloo. Das gilt aber nicht vice versa (z. B. „Einen Mann als den Herzog von Wellington“), da der Herzog nicht das Gemälde repräsentieren kann (Vgl. LA. 36). Das Bild (der Herzog von Wellington) repräsentiert also als Etwas (einen Mann). D. h., im Falle der Repräsentation als „Etwas“, wobei ein Bild den Herzog von Wellington in einer bestimmten Weise dargestellt, gilt der „Wellington“ nur als der Dargestellte, genauer: Betrachtet man ein übliches Portrait des Herzogs und der Herzogin von Wellington, denotiert das Bild als ganzes das Paar und den Herzog (oder die Herzogin) als Teilmenge. Darüber hinaus ist es als ganzes ein Zwei-Personen-Bild und ein Mann-Bild (oder ein Frau-Bild) in einem Teil. Das Bild repräsentiert den Herzog und die Herzogin als zwei Personen und den Herzog als Mann. Obwohl es den Herzog repräsentiert und ein Zwei-Personen-Bild ist, repräsentiert es aber offensichtlich den Herzog nicht als zwei Personen; und obwohl es zwei Personen repräsentiert und ein Mann-Bild ist, stellt es die beiden doch nicht als einen Mann dar. Das Bild enthält nicht irgendein Bild, das als ganzes sowohl den Herzog repräsentiert als auch ein Zwei-Mann-Bild, oder das als ganzes sowohl zwei Personen repräsentiert als auch ein Mann-Bild ist (Vgl. LA. 37). Falls der „Wellington“ als ein Erwachsener oder als ein Mann dargestellt ist, hat er also mit anderen Entitäten (z. B. mit dem Bild seiner Kindheit oder seiner Frau) nichts zu tun. Ein Bild „Herzog von Wellington“ stimmt deswegen nicht mit der Person Wellington in jeder Beziehung überein, weil ein Bild nur eine klassifizierte Teilmenge eines Ganzen repräsentiert. Die Teilmenge muss allerdings „systemabhängig“ denotiert werden, da die Repräsentation nicht durch die Nachahmung, sondern durch die Denotation und Klassifikation von Gegenständen charakterisiert wird.

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(2) Das „Repräsentation-als“, das mit „Darstellung-als“ bzw. „Beschreibung-als“ jeweils ersetzbar ist, kann auch an fiktiven Gegenständen systematisiert werden. Um zu erklären, nimmt Goodman die Betrachtungsweise repräsentationale Bilder auseinander: Falls „P ist ein Einhorn-Bild“ als elliptisch für „P ist ein Bild“ und „P ist von einem Einhorn“ begriffen wird, kann es wiederum ausgelegt werden, dass es etwas gibt, das ein Bild ist, und auch, dass es etwas gibt, das von einem Einhorn ist, aber nicht, dass es etwas anderes gibt als das P, was Ausgangspunkt zur logischen Folgerung ist.21

Ferner argumentiert Goodman die Möglichkeit eines Ab-Spaltens (splitting-off) von Prädikaten anstelle eines Auf-Spaltens (spli t ting-into):

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„Aus „Bild von Pegasus“ oder „Bild eines Einhorns“ können wir so „Bild von (einem)“ abspalten (das auf alle repräsentationalen Bilder zutrifft). [...] der Rest - „Pegasus“ oder Einhorn - ist kein einzeln stehendes Prädikat, das auf irgendetwas zutrifft, sondern eher ein abhängiger Modifikator, der das abgespaltene Prädikat so einschränkt, daß das Ganze nur auf Pegasus-Bilder oder Einhorn-Bilder zutrifft.“ (Replies, 154; hier zit. nach Ihwe, 114)

Dies ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit von Ab-Spalten. In seiner Replies (S. 155; MM. 148) gibt Goodman eine Übersicht aller Wege im Falle von repräsentationalen Bildern und verbalen Beschreibungen:

Schema 2

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Ausdrücke wie „Bild von“ und „darstellen“ als einstellige Prädikate an, werden bestimmte Existenzschlüsse isoliert. Diese Isolierung folgt jedoch einer anderen Betrachtungsweise als in den Konstruktionen, die sich aus der Fiktionsparadoxie ergeben. Sie gibt den Blick frei auf die Untersuchung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, zwischen Bildern von z. B. Pickwick, Churchill, einem Mann und einem Einhorn zu unterscheiden (und zwischen Beschreibungen von z. B. Pickwick, Churchill, einem Mann und einem Einhorn zu unterscheiden) - ganz unberücksichtigt davon, ob sie denotieren oder nicht. Goodman zufolge handle es sich im Falle dieser Ausdrücke um eine systematische Ambiguität:

„Zu sagen, daß ein Bild ein Soundso repräsentiert, ist deshalb insofern höchst doppeldeutig, als man damit sowohl meinen kann, was das Bild denotiert, als auch, was für eine Art von Bild es ist.“ (LA. 33)

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Ein Bild von Pickwick ist das Bild eines Mannes, obwohl es keinen Mann denotiert - zumindest gilt das, solange wie man sich auf die wörtlichen Anwendungen des Bildes beschränkt. Um diese Ambiguität zu erklären, verwendet Goodman die Bindestrich-Schreibweise. Wenn er sich auf die zweite Bedeutung von „Repräsentation“ bezieht, spricht er von einem „Pickwick-darstellenden-Bild“, „Einhorn-darstellenden-Bild“ etc.; abgekürzt spricht er von einem „Pickwick-Bild“, „Einhorn-Bild“ etc. (Vgl. LA. 33; Anm. 19). Was hier für die Bildtheorie gilt, gilt ebenso für (verbale) Beschreibungen:

„„Pickwick“, „der Herzog von Wellington“, „der Mann, der Napoleon besiegte, „ein Mann“, „ein fetter Mann“, „der Mann mit drei Köpfen“ sind alle Mann-Beschreibungen aber nicht alle beschreiben einen Mann. Einige denotieren einen bestimmten Mann, einige denotieren einen jeden in einer Vielzahl von Männern, und einige denotieren nichts.“ (LA. 33)

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Es ist eine Funktion dessen, was in der jeweiligen Welt (oder für die jeweilige Anwendung der Inskription, Vgl. LA. 33; Anm. 20) gilt, ob ein Bild oder eine Beschreibung denotiert. Der Begriff der Denotation ist bei Goodman nicht weniger synoptisch als der Begriff der Welt. D. h., Denotation hat keineswegs nur mit „einheitlichen“ Existenzbehauptungen zu tun, da die repräsentationale Praxis nicht „ineinander übersetzbar“ – hierzu später - ist. Denotation erweist sich als ein Mittel der Welterzeugungen, wie die andere Bezugnahme. Damit wird die Bestimmung über das Vorliegen von Denotation ein Fall von „Passen der Richtigkeit“ (fit of rightness) der Welt (Vgl. WW. 167), welche durch die Bezugnahme der Denotation zusammen geschieht: Die jeweilige Bestimmung ist das Resultat vom „Geschmack“. Und wenn Goodman sagt, dass Fälle von „unbestimmter Denotation“ eher die Regel als die Ausnahme darstellen, dann ist das nicht seine Version der Fiktionsparadoxie. Ihn in dem Zusammenhang zu interpretieren, dass auch für ihn im Falle von Fiktion „Wahrheit“ der Aussagen und „Bezugnahme“ der symbolisierten „Sachverhalte“ irrelevant seien, urteilt am Stellenwert dieser Bemerkung gänzlich vorbei, so wie Ihwe gleiche Meinung erteilt.22 Für Goodman geht es an dieser Stelle doch vielmehr darum, dass im Umgang mit Bezeichnungen im allgemeinen, und im Umgang mit „selektierten“ Bezeichnungen im besonderen, die Frage nach der Denotation als nur eine von zumindest zwei möglichen und angemessenen Fragen ist. Dementsprechend gibt Goodman das folgende Beispiel:

„Der Mann in Rembrandts Landschaft mit Jäger ist vermutlich keine Person, die einmal gelebt hat. Er ist eben nur der Mann in Rembrandts Radierung. Mit anderen Worten, die Radierung repräsentiert nicht einen Mann, sondern ist einfach ein Mann-Bild, genauer, ein Der-Mann-in-Rembrandts-Landschaft-mit-Jäger-Bild. Und selbst wenn hier ein wirklicher Mann abgebildet worden wäre, so kommt es doch ebensowenig auf seine Identität an wie auf die Blutgruppe des Künstlers.“ (LA. 37)

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(3) Zu sagen, dass ein Bild den Herzog von Wellington als Kind oder als Erwachsenen oder als den Sieger bei Waterloo repräsentiert, heißt oft nichts anderes, als dass das Bild den Herzog „zu einer gegebenen Zeit oder Periode repräsentiert“. (Vgl. LA. 36) Diese Betrachtungsweise lässt sich jederzeit durch eine damit adäquate Beschreibung ersetzen, die das „als“ nicht mehr enthält. Das „als“ kann ebenso mit dem Verb kombiniert werden; „als“ modifiziert dann nicht das Nomen, sondern die Ausdrücke wie „beschreiben“, „darstellen“ etc. Wenn die Aussage, dass ein Bild P Winston Churchill als ein Kind darstellt, in dieser Weise begriffen wird, dann besagt diese, dass P „nicht das Kind Churchill, sondern vielmehr den erwachsenen Churchill als Kind repräsentiert.“ (Vgl. LA. 37) Nur in dieser Betrachtungsweise kann es mit „echten“ Fällen von „Repräsentation-als“ verstanden werden, wie Goodman diese als Variationen „monadischer Klassifikation“ (LA. 39) in den bildlichen Darstellungen bezeichnet.

Das Bild des erwachsenen Churchills als Kind gehört zur Klasse der Kind-Bilder. Als Bezeichnung mit einfacher Denotation denotiert es den erwachsenen Churchill. Das Bild eines Mannes als Mann denotiert einen Mann, wenn ein Mann existiert, und gehört zur Klasse der Mann-Bilder. Falls der dargestellte Mann nicht-existent ist, denotiert das Bild nichts, gehört aber der gleichen Klasse von Bildern an. (Vgl. LA. 39) Da die Bezeichnungen eine komplexe interne Struktur aufweisen können, sind die soeben getroffenen Unterscheidungen darauf abzustimmen: Zu sagen, dass ein Bild P Pickwick als einen Clown bzw. als Don Quichotte darstellt, dann gilt das Verständnis unter der Voraussetzung, dass Pickwick in wirklicher Welt als nicht-existent angesehen wird der Tatsache, dass P zu einer bestimmten, enger umschriebenen Klasse von Pickwick-Bildern gehört: der Klasse der Pickwick-als-Clown-Bilder bzw. der Klasse der Pickwick-als-Don-Quichotte-Bilder. (Vgl. LA. 41) Diese Bildtheorie gilt auch für die verbalen Darstellungen, selbst wenn dieses durch ein unterschiedliches Symbolschema offeriert wird. Die Unterschiede liegen darin, wie die Exemplifikation von Bezeichnungen klassifiziert wird, insoweit zunächst unabhängig von Eigenschaften der Bezeichnungen als Elemente von unterschiedlichen Symbolsystemen. Denotation und Art der Bezeichnungen sind unabhängig voneinander. Im Falle von Bildern (als paradigmatischer Fall) gilt: Die Denotation eines Bildes bestimmt ebenso wenig seine Art, wie die Art des Bildes seine Denotation bestimmt. (Vgl. LA. 37/42)

(4) Goodman spricht generell davon, dass Symbole nichts denotieren (beispielsweise LA. 33). Zu sagen, dass etwas (z. B. „Pickwick“, „der dreiköpfige Mann“ und „Pegasus“) nichts denotiert und, dass etwas nicht denotiert sind unterschiedliche Angelegenheiten. Im ersten Fall hat man mit der Bezugnahme zu tun - hier besteht eine denotative Relation zwischen Symbol und leerer Extension‚ während im zweiten Fall weder Bezugnahme noch Relation vorliegen. Darüber hinaus gibt es Repräsentationen, die nichts denotieren:

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A) Primäre Extension: Es gibt nämlich Namen, Beschreibungen und Bilder, welche real nicht existieren und die nichts denotieren (z. B. „Robinson Crusoe“, „geflügeltes Pferd“, „Einhorn“, „Don Quichotte“ oder „Dada“). Im Unterschied von Repräsentation der real existenten Gegenstände oder Personen denotieren solche fiktiven Entitäten zunächst nichts. Ihre primäre Extension ist also leer: D. h. Null-Denotation. Sie nimmt auf nichts reales Bezug. Ihre Denotation hat nichts mit der Abbildung eines Einhorns, sondern mit einem Bild oder einer Beschreibung bestimmter Art zu tun:

„[…] Wenn wir von einem Bild sagen, es bilde ein Einhorn ab, obwohl es gar keine Einhörner gibt, die man abbilden könnte, so sagen wir genau genommen nur, daß das Bild ein Einhorn-Bild ist; wir behaupten nicht, daß das Bild etwas denotiert, sondern daß es von dem Ausdruck „Einhorn-Bild“ denotiert wird.“ (RR. 15)

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Es ist nicht das Bild von einem Einhorn, sondern ein so genanntes Einhornbild, das nichts – genuin ontologisch - repräsentiert, nichts denotiert und keine Extension hat. Solche Bilder oder Beschreibungen nehmen Bezug auf fiktive Gegenstände: D. h. fiktive und figurative Bezugnahme. Die nicht existierenden Gegenstände als leere Bezeichnungen sollen nicht im Sinne der ausgedehnten Postulate (z. B. imaginativ) begriffen werden, sondern in Bezug auf das metaphorisch denotative Symbolsystem als sekundäre Extension.

I.1.1.2. Exemplifikation

Die weitere Art der Bezugnahme neben der Denotation ist die Exemplifikation. Das Grundprinzip der Exemplifikation heißt:

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„[...] x exemplifiziert ein B bedeutet, daß x auf ein B Bezug nimmt und von ihm denotiert wird [...].“ (LA. 60; Anm. 6)

Sein bevorzugtes Beispiel für Exemplifikation kommt nicht aus den Künsten, sondern aus den alltäglichen Gegenständen wie z. B. die Stoffprobe im Musterbuch eines Schneiders bzw. Polsterers. Die Exemplifizierung geschieht, wenn ein Beispiel auf eine seiner eigenen Eigenschaften verweist, in diesem Fall die Farbe, die Webart, die Dicke, etc. Ihre Maße und Gestaltung sind nicht die Eigenschaften, die symbolisieren, obwohl das Muster eine bestimmte Größe und ein spezifisches Format enthält:

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„Nehmen wir die Kollektion kleiner Stoffmuster eines Schneiders. Diese funktionieren als Proben, als Symbole, die bestimmte Eigenschaften exemplifizieren. Aber ein Stoffmuster exemplifiziert nicht alle seine Eigenschaften; es ist eine Probe der Farbe, der Webart, der Textur und des Musters, aber nicht der Größe, der Form, des absoluten Gewichts oder des Wertes. Es exemplifiziert nicht einmal alle die Eigenschaften - etwa die, an einem Dienstag fertig gestellt worden zu sein -‚ die es mit dem gegebenen Ballen oder der Bahn des Materials teilt. Exemplifikation ist Besitz plus Bezugnahme. Zu haben, ohne zu symbolisieren, heißt bloß zu besitzen; zu symbolisieren, ohne zu haben, heißt dagegen, auf irgendeine andere Weise als durch Exemplifizieren Bezug zu nehmen. Das Stoffmuster exemplifiziert nur die Eigenschaften, die es hat und auf die es zugleich Bezug nimmt.“ (LA. 59f.)

Ebenso wird die Tonhöhe bei der Tonprobe exemplifiziert, die ein Konzertmeister vor der Aufführung angibt. Keineswegs jedoch die Klangfarbe, Dauer oder Lautstärke. In gleicher Weise exemplifiziert ein Symbol (ein Bild) eine Eigenschaft (eine bestimmte Farbe), wenn es diese besitzt und auch auf sie Bezug nimmt. Die Symbolfunktion bei der Exemplifikation wird demzufolge definiert als „Besitz plus Bezugnahme“. Auf diese Eigenschaften (Farbe, Textur) verweist die Probe; sie stellt jedoch kein Muster für alle ihre Eigenschaften dar (nicht für ihre Größe oder ihr Altersstufe). Bloßer Besitz stellt demnach noch keine Exemplifikation dar, ebenso wenig wie Bezugnahme ohne Besitz. Die Stoffprobe exemplifiziert nur diejenigen Eigenschaften, die sie einerseits besitzt und auf die sie andererseits Bezug nimmt.

Goodman erzählt eine Geschichte, um zu explizieren, was genau Probe im Zusammenhang von „Besitz plus Bezugnahme“ ist:

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„Betrachten wir nochmals ein gewöhnliches Stoffmuster im Musterbuch eines Schneiders oder Polsterers. Es wird wohl kaum ein Kunstwerk sein oder irgendetwas abbilden oder ausdrücken. Es ist einfach eine Probe - eine einfache Probe. Wovon aber ist es eine Probe? Von der Oberfläche, Farbe, Webart, Stärke und Beschaffenheit der Faser ...; die ganze Pointe dieser Probe. so sind wir zu sagen versucht, ist die, daß sie von einem Stoffballen abgeschnitten wurde und genau dieselben Eigenschaften hat wie der Rest des Materials. Doch dies wäre übereilt.
Lassen Sie mich zwei Geschichten erzählen - oder vielmehr eine Geschichte, die aus zwei Teilen besteht. Frau Mary Tricias [ein Wortspiel mit meretr i cious, von lat. meretrix A. d. Ü.] studierte ein solches Musterbuch, traf ihre Wahl und bestellte in ihrem bevorzugten Stoffladen genügend Material für ihre Polsterstühle und das Sofa — wobei sie betonte, es müsse genau so sein wie die Probe. Als das Paket eintraf, öffnete sie es begierig und war entsetzt, als einige Hundert Stücke von 6x10 cm mit Zickzackrand, genau wie das Muster, zu Boden flatterten. Als sie im Geschäft anrief und laut protestierte, antwortete der Besitzer gekränkt und mißmutig: “Aber, Frau Tricias, Sie sagten doch, das Material müsse genau so sein wie die Probe. Als es gestern aus der Fabrik kam, habe ich meine Verkäuferinnen die halbe Nacht hier behalten, damit sie es so zuschneiden, daß es der Probe entspricht.”
Dieser Vorfall war einige Monate später schon beinahe vergessen, als Frau Tricias, nachdem sie die Stücke zusammengenäht und ihre Möbel damit überzogen hatte, sich entschloß, eine Party zugeben. Sie ging in ihre Bäckerei, wählte unter den Kuchen, die zur Auswahl standen, einen Schokoladen-Napfkuchen und bestellte davon soviel, daß es für fünfzig Personen reichen sollte; Lieferung zwei Wochen später. Als die ersten Gäste eintrafen, fuhr ein Lastwagen mit einem einzigen riesigen Kuchen vor. Die Dame, die die Bäckerei leitete, war über die Beschwerde völlig ratlos: »Aber, Frau Tricias, Sie haben ja keine Ahnung, welche Schwierigkeiten wir damit hatten. Mein Mann führt das Stoffgeschäft, und er hat mich ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Bestellung in einem Stück sein müsse.«“ (WW. 83f.)

Folgendes lässt sich zusammenfassen:

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(1) Der Besitz der Eigenschaft ist für die Exemplifikation notwendig, aber nicht hinreichend: Die Stoffprobe im Musterbuch des Polsterers symbolisiert normalerweise nicht eine bestimmte Größe (6 x 10 cm); sie besitzt sie lediglich.

(2) Der Satz „Diese Stoffprobe ist rot“ als Bezeichnung hat die Bezugnahme auf eine bestimmte Stoffprobe; der Satz selbst besitzt die symbolisierenden Eigenschaften nicht, denn der Satz ist weder rot noch eine Stoffprobe.

(3) Es handelt sich um eine Exemplifikation, wenn Besitz und Bezugnahme zusammen geschehen: Eine rote Stoffprobe enthält die Farbe „rot“ als sample 23und nimmt gleichzeitig Bezug auf diese Farbe, weil sie eine Probe für dieses Rot besitzt.

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(4) Die Symbolfunktion der Exemplifikation ist abhängig vom einem bestimmten (pragmatischen) Kontext, von dem jeweils gültigen Symbolsystem: Im Musterbuch des
Polsterers exemplifiziert die Stoffprobe ihr Muster, ihre Farbe, ihre Stoffqualität. Demgegenüber exemplifiziert nicht ihre Größe oder ihr Herstellungsdatum, welcher aber in einem anderen Kontext als relevante Eigenschaft exemplifiziert werden, im Falle des Zeigens, was der Muster der Stoffprobe ist.

In der dargebotenen Geschichte hat der Polsterer weder den „richtigen“ Besitz noch den „entsprechenden“ Kontext hinsichtlich der Symbolfunktionen seiner Probe beachtet. Nicht einmal den „entsprechenden“ Kontext hat er berücksichtigt: Als wichtige Eigenschaft hat er auch die Größe eingeschätzt, obwohl die Größe in dem Zusammenhang keine richtige Eigenschaft des Symbolsystems ist. Wenn die Größe (im gegebenen Beispiel 6 x 10 cm) exemplifiziert werden soll, kann es - wie in diesem Fall - vorkommen, dass eine Stoffprobe in einem Musterbuch eines Schneiders in Art und Aussehen erklärt werden muss - dann handelt es sich um die Exemplifikation der Größe als die Probe, die funktional auf etwas Bezug nimmt. Dagegen spielt die bestimmte Farbe oder die Dicke als ein Muster in diesem Fall keine Rolle. Es hängt also vom jeweils gültigen Symbolsystem ab, welche der vielen Eigenschaften, die eine solche Stoffprobe besitzt, in dem jeweiligen Fall relevant sind. In dem vorliegenden Zusammenhang, den Goodman in der „vergleichenden“ Weise dargestellt hat, ist nicht ganz, wohl aber doch etwas übersichtlicher geworden, welche Entsprechung oder welches Fungieren der Exemplifikation – in der symbolischen Beziehung der Probe (z. B. Zeigen, Typisieren und Vorweisen; Vgl. LA. 89), die vom Stoffballen abgeschnitten wird - es für die Kunsttheorie de facto gibt. Wichtiger scheint vor allem die Feststellung, dass die Kontextabhängigkeit der Symbolisierung für die Zweckmäßigkeiten, die das passende System konstruierbar machen und die Symbole fungieren lassen, gilt.

Was die Probe eines Stoffmusters darstellt und nicht darstellt, ist mit Blick auf die exemplifizierenden Eigenschaften relativ leicht ausfindig zu machen. Demgegenüber mag es keine leichte Aufgabe sein zu „evaluieren“, was ein Kunstgegenstand exemplifiziert und was es nicht exemplifiziert. Mithin nimmt die Exemplifikation auch nur auf einige Eigenschaften selektiv Bezug. Das Erstellen exemplifikatorischer Bezugnahme, das „das Stehen von Symbol für etwas“ anbetrifft, ist hinsichtlich der Symbolfunktionsweise der Kunstgegenstände komplizierter.

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Um die selektiven Eigenschaften zu erkennen, in welchem zusammenhängenden, adäquaten System sie relevant sind, ist es erforderlich, zuerst ihre „Deutung“ – anders gesagt: Hinweise, Signale - zu begreifen. (Vgl. WW. 164) Um solche, relevant exemplifizierenden Eigenschaften, richtig zu erfassen, bedarf es daher oft der Geübtheit, des Genius oder der Konditionierung, wie Goodman bemerkt:

„Zu entdecken, was ein Gedicht oder ein Gemälde exemplifiziert, mag häufig, wenn auch nicht immer, Zeit, Übung und sogar Talent erfordern; aber dies zeigt nur, daß Kunstwerke gewöhnlich auf subtilere Weise exemplifizieren als die Stoffmuster des Schneiders.“ (MM. 124)

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„Die bloße Anerkennung der vielen verfügbaren Bezugsrahmen liefert uns keine Karte der Himmelsbewegungen; die Einsicht, daß alternative Grundlagen wählbar sind, bringt keine wissenschaftliche Theorie und kein philosophisches System hervor; das Bewusstsein von verschiedenen Sehweisen malt keine Bilder. Ein großzügiger Geist ist kein Ersatz für harte Arbeit.“ (WW. 36)

Ihre (extensionale) Systematisierung, die die projizierbaren Etikette, die passenden Prädikate, Markierungen des Charakters oder Hypothesen etc. voraussetzt, basiert auf der Logik und der Konstruktion „menschlicher Handlungen“. Dabei handelt es sich um die - der Prozedur immanenten - Erkenntnisvermittlung, nämlich, wann zwei (oder mehrere) Elemente in einer symbolischen Beziehung stehen, wann ein bestimmtes Symbol worauf Bezug nimmt oder unter welchen Bedingungen das Etikett funktioniert. Exemplifikatorische Beziehungen herzustellen, ist demgemäß eine Leistung der analogischen Wahrnehmungs- und Denkfähigkeiten von Individuen, welche die Verbindung von „Einsichten“, „Wissenserweiterungen“ und „Weltbildveränderungen“ im „erkenntnisvermittlenden“24 Zusammenhang projiziert, wobei keineswegs „raum- und zeitlos“ oder „von Natur aus“ bevorrechtigt ist. Vielmehr sind die bestimmten Gegenstände in bestimmten Kontexten degustiert, ausgewählt, klassifiziert und konstruiert, welche dann adäquat Weltversionen erzeugt und andere nicht.

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Exemplifikation wird durch einen „Unterschied im Gebiet“ (Vgl. LA. 63) von Denotation abg e grenzt. Während bei der Denotation die Bezeichnung auf ihren betroffenen Gegenstand verweist, verweist bei der Exemplifizierung der Gegenstand auf die Bezeichnung (oder auf die mit der Bezeichnung verbundene Eigenschaft). Bei der Exemplifikation handelt es sich um umgekehrte Denotation: Indem bei der Denotation die Richtung der Bezugnahme vom Symbol (einem Bild oder einem Ausdruck) zum Gegenstand oder Bezeichneten verläuft, dementsprechend verläuft die Bezugnahme der Exemplifikation in die umgekehrte Richtung. Die exemplifizierten Prädikate verweisen auf die Exemplifizierenden des Textes denotativ, nicht alle Eigenschaften des Textes - im gleichen Prinzip des vorherigen „Repräsentation-als“ - sondern nur einige werden exemplifiziert als „Merkmale“, „Teilmenge“ oder als „begrenzte Isomorphie“. Die Exemplifikation kann daher nicht als con verse der Denotation charakterisiert werden, obwohl die Exemplifikation und die Denotation in umgekehrter Richtung der Bezugnahme vorliegt:

„Die der Exemplifikation im Vergleich zur Denotation auferlegte Beschränkung leitet sich aus dem Status der Exemplifikation als einer Subrelation der Konversen der Denotation her, aus der Tatsache, daß Denotation Bezugnahme zwischen zwei Elementen in einer Richtung einschließt, Exemplifikation dagegen Bezugnahme zwischen den zwei Elementen in beiden Richtungen. Exemplifikation ist nur insofern eingeschränkt, als die Denotation des fraglichen Etiketts als vorgängig fixiert angesehen wird.“ (LA. 65)

▼ 39 

Die Exemplifikation, die als „Besitz plus Bezugnahme“ erklärt wird und nicht fiktiv ist, hat Goodman als viertes ästhetisches Symptom bezeichnet (Vgl. LA. 233/WW. 88). Die Exemplifikation wird in Anbetracht ihrer Gegenständlichkeit wie folgt festgestellt: zwar ist die Exemplifizierung gar keine Denotationsrelation, angeordnet wird aber, dass ein Beispiel ebenso wie eine Zitierung (Vgl. Anm. 28) keineswegs ohne Bezugnahme ist. Die exemplifizierten Eigenschaften können keineswegs „abwesend“ bzw. „leer“ sein, denn eine exemplifizierte Eigenschaft kommt zumindest im Beispiel vor und eine exemplifizierte Bezeichnung denotiert das Beispiel selbst. (Vgl. RR. 26)

I.1.1.2.1. Metapher

Symbolen, die denotieren, ist zugewiesen, als Etiketten zu fungieren. Sie werden als Gegenstände klassifiziert, organisiert und so sogar allgemein die Welten erzeugt. In seinem wörtlichen Zusammenhang ist es durchaus einfach zu begreifen, wie das Etikett fungiert: Ein Letter mit dem Schriftzug „Apfel“ auf einer Saftpackung nimmt auf den Inhalt Bezug. Der Letter kann gleich wohl auch das Bild eines Apfels sein und fungiert immer noch als ein Etikett. Ausgewählte Etiketten können mit Blick auf exemplifizierende Eigenschaften demnach verbal wie ein Prädikat und ebenso nonverbal wie bildliche, diagrammatische, musikalische und gestische Etiketten sein – gleichsam einer Tanzbewegung oder Pantomime. Demnach ist „Etikett für“ in der semantischen Beziehung als ein Begriff „Eigenschaft von“ aufzufassen, so dass es Bilder genau so wie Wörter umfasst. (Vgl. Revision, 166) Sie können ihrerseits selbst wieder unter verbalen oder nonverbalen Etiketten klassifiziert werden, weshalb Prädikate und Bilder als Unterklassen von Etiketten konstruiert werden können. (Vgl. LA. 39)

Ein Symbol als ein Etikett kann auch etwas Metaphorisches denotieren. Nicht hingegen wörtlich, da es verbaliter falsch und nicht funktionsfähig ist. Beispielsweise ist die Aussage „Ein See ist ein Saphir“ wörtlich falsch. Er kann aber metaphorisch ein Saphir sein, wenn die „einfachen“ Etiketten der Eigenschaften exemplarisch wie „blau“, „glatt“ oder „glänzend“ in Verbindung der Bezugnahmeketten konstruiert werden. Sie sind metaphorisch richtig und in der Funktionsweise kompatibel. Wörtliche und metaphorische Denotation ist prinzipiell gleiche Denotation. Ihre Unterschiede liegen darin,

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„ob die Anwendung einer üblichen Klassifikation paßt oder ob sie die Änderung einer solchen Klassifikation nach sich zieht. Eine Exemplifizierung kann nicht nur auf eine Bezeichnung verweisen, die wörtlich ein Beispiel denotiert, sondern auch auf eine, die metaphorisch ein Beispiel denotiert, nicht nur auf eine Eigenschaft, die ein Beispiel wörtlich besitzt, sondern auch auf eine, die es metaphorisch besitzt.“ (RR. 15)

In der Darlegung metaphorischer Denotation erweitert Goodman die Funktion der Etiketten, welche alle - verbale oder nonverbale - Verweisfunktionen unter einer einzelnen symbolischen Beziehung innewohnt. Daraus folgend bietet er die metaphorische Bezugnahme zur Anwendung der Prädikate zu Gegenständen eines anderen Gebiets (realm) an, wie beim „Ausdruck“25. In derselben Weise wird die Denotation der fiktiven Gegenstände extensional erweitert:

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B) Sekundäre Extension: Die leeren Etikette sowohl „Zentaur“ oder „Einhorn“ als auch ein Zentauren-Bild oder ein Einhorn-Bild denotieren wörtlich nichts und haben keinen bestimmten Bezugsgegenstand, wie es oben erwähnt wurde. Ihr „existentieller“ Status wird durch metaphorischen Besitz erweitert, in dem er selbst durch Etikett eingeordnet und die von ihm exemplifiziert wird. Er denotiert. Beispielsweise exemplifiziert „Satyr“ bzw. ein Satyr-Bild metaphorisch „Laszivitätsetikett“, „Einhorn“ bzw. ein Einhorn-Bild ebenso „Keuschheitsetikett“, denotieren die zusammengesetzten Etikette der Etikette intern „lasziv“ bzw. „keusch“‚ die wieder verschiedene Personen extern denotieren. Die Bezugnahmen dieser Formen als „Repräsentation-als“ können in jeweiligen korrelierten Verbindungsketten unterschiedlich betrachtet werden. (Vgl. RR. 18)

Die Goodmansche Metapher, die als „kontextabhängige Annäherung“ (contextual approach)26 bezeichnet wird, entsteht dadurch, dass ein Schema in ein neues Gebiet transformiert wird,

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„daß also der andere Bereich unter der Anleitung oder dem Einfluß oder dem Eindruck der Gliederung des Ausgangsbereichs gegliedert wird. Die neue Gliederung ist ein Echo der Gliederung des Ausgangsbereichs; sie ist genauso echt, genauso „wirklich“ wie die alte, aber eben von ihr verschieden.“ (RR. 15)

Der metaphorische Übertragungsprozess kann wie folgt – in Ansehung des II. Kapitels „Klang der Bilder“ (LA. 53-97) – beschrieben werden:

(1) Wenn die beschaffene Gliederung außerhalb ihres „heimatlichen“ Anwendungsgebietes andere Anwendung findet, dann kommt die metaphorische Übertragung als „Transfer in einen neu klassifizierten Schema“ vor. - Dabei bedarf die Metapher der neuen „Anziehung“, die den „Widerstand“ in der konfligierenden Relation wie „traurig“ und „fröhlich“ überwindet. (Vgl. LA. 74)

▼ 43 

(2) Eine metaphorische Transformation wird nicht nur als das bereits „Gefundene“ zwischen einem Prädikat und einem Gegenstand angesehen, sondern auch als neue Beschaffung der aktuell konstruierten Gegenständlichkeiten. (Vgl. ebd.)

(3) Eine Metapher als eine Innovation ist genauso eine kalkulierte Erweiterung auf ein neues Anwendungsbereich.

(4) Eine Metapher ist sogar für Goodman umso gewonnener, wenn mehre Erkenntnisse durch die Übertragung auf das neue Gebiet geliefert werden.

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Somit unterscheidet sich Goodmans Metaphertheorie von den üblichen Bestimmungen27 der Metapher. Beispielsweise: Eine Maus kann nicht nur „ängstlich“ sein, sie kann auch „mutig“ sein. Auch ein „Stier“ kann nicht nur „stark“ sein, er kann auch „faul“ sein. Der „Mond“ kann nicht nur das „Gesicht seiner Geliebten“ darstellen sondern auch eine „Zitrone“ werden, wenn der Kontext dem entspricht, dazu, wenn die Contraindizierten (d. h. Relation der typischen und untypischen Metapher – die Erläuterung folgt) durch ihre Relativierung ontologische Status finden.

Diese angegebenen Ansätze gelten als zentrale Grundlage für seinen Kognitivismus, wobei Goodman „Kunst“ als „Erkenntnisfortschritt“ argumentiert. Denn die Metapher ist Vorbedingung seiner Erkenntnistheorie, wie seine Behauptung lautet:

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„Der metaphorische Gebrauch der Sprache unterscheidet sich in wichtigen Hinsichten vom buchstäblichen Gebrauch, ist aber nicht weniger verständlich, nicht abstruser, nicht weniger praktisch und nicht bloß eine Sache der Verzierung, er hat voll und ganz am Fortschritt der Erkenntnis teil.“ (MM. 108)

Die Auseinandersetzung mit dieser Materie - nämlich die Relation der Kunst und der Erkenntnis – folgt noch im Verlauf der vorliegenden Arbeit; der Systematik geschuldet, soll zunächst der Begriff „Ausdruck“ im Zusammenhang der nonverbalen Metapher erläutert werden.

I.1.1.2.2. Ausdruck: Metapher als Transfer

Die exemplifikative Bezugnahme, die durch die notwendige Anwesenheit der Denotation und der Metapher charakterisiert wird, bezeichnet Goodman als Ausdruck:

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„Wenn a b ausdrückt, dann (1) besitzt a b oder wird von ihm denotiert; (2) dieser Besitz oder diese Denotation ist metaphorisch; (3) bezieht sich a auf b.“ (LA. 96)

Im Unterschied zur wörtlichen Bezugnahme der Exemplifikation handelt es sich also beim Ausdruck um eine Art der metaphorischen Bezugnahme, genauer der metaphorischen Exemplifikation: Ein Bild (a) besitzt wörtlich die Farbe „grau“ (b) und denotiert dadurch das Präd i kat ,,grau“ - das Bild in diesem Fall funktioniert nicht selbst als Prädikat wie es bei Denotation der Fall wäre. Um es funktionsfähig anzuordnen, unterscheidet Goodman z u nächst den Ausdruck von der einfachen Exemplif i kation:

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Nicht jede Exemplifikation ist Ausdruck, aber jeder Ausdruck ist Exemplifikation.“ (LA. 59)

Dies ist der Fall, wenn das „graue“ Bild (bzw. das Mozarts Requiem) (a), das beispielsweise „Trauer“ zum Ausdruck bringt, diese Trauer (b) nicht wörtlich besitzt, sondern metaphorisch. Ein exemplifiziertes Symbol wird dabei von einem Prädikat (z. B. „grau“) denotiert, das auf dieses Symbol zutrifft. Beim Ausdruck wird auf das Präd i kat metaphorisch Bezug genommen: Ein graues Bild drückt Trauer aus, welche es durch metaphorischen Transfer „ins Gefühl“ projiziert – verbal, wenn es gesagt bzw. geschrieben ist, oder nonverbal, wenn es bildlich bzw. gestisch da r gestellt ist.

▼ 48 

Metapher als Transfer: Nun bleibt zu erläutern, was unter „metaphorischer Übertragung“ bzw. „Transfer“ zu verstehen ist. Goodman erklärt die Metapher als Transfer (Vgl. LA. 78-88) „technisch“ in Verbindung mit den Begriffen „Schema“, „Bereich“ und „Sphäre“. Einleitend und kurz zusammengefasst: Es unterscheidet sich zunächst davon, dass das Bild nicht in dem gleichen Schema traurig ist, wenn ein Bild grau ist und dadurch traurig ist. Denn das Bild stellt einerseits wörtlich auf „grau“ ab, das der Kategorie (mit anderem Wort: Klasse bzw. Begriffsumfang) der farbigen Gegenstände angehört und auf anderseits metaphorisch Traurigkeit, das der Kategorie der Gegenstände angehört, worauf man traurig „intuitiv“ auffasst. Der Gegenstandsbereich aller Etiketten in einem Schema bildet die Sphäre. Ein Schema mit den Etiketten wie „traurig“ und „fröhlich“ bezieht sich auf diejenige Sphäre, die aus empfindenden Lebwesen besteht.

Der Transfer liegt vor, indem sich die metaphorische Exemplifikation von der wörtlichen unterscheidet. Metaphorische Exemplifikation ist dabei als eine Anwendung eines vertrauten Prädikats zu einem neuen Gegenstand zu verstehen. Hierfür lautet Goodmans Bemerkung:

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„Eine Metapher, so scheint es, muß einem alten Wort neue Tricks beibringen – muß ein altes Etikett auf neue Weise anwenden können.“ (LA. 74)

Dabei trägt es eine interaktive Konstellation, die mit der Erneuerung im Widerspruch steht, da das Etikett selbst vertraut ist: D. h., die metaphorische Exemplifikation auf die „konfligierende Relation“. Die Anwendung des Etikettes auf den Gegenstand muss genügende Spannung erzeugen, um die Neuheit und den Widerstand sinnvoll zu signalisieren. Diese konfligierende Relation ist für die Auffassung der Goodmanschen Metapher zentral, wobei es sich um seinen Relativismus handelt:

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„Wo es Metapher gibt, gibt es Konflikte: Das Bild ist eher traurig als fröhlich, obwohl es nicht empfindet und daher weder traurig noch fröhlich ist. Die Anwendung eines Ausdrucks ist nur dann metaphorisch, wenn er in gewissem Umfang kontraindiziert ist.“ (LA. 74)

Die Etiketten allein wie „traurig“ sind in ihrer Funktionsweise inkompatible. Sie müssen in Beziehung stehen zu anderen Etiketten wie „fröhlich“ oder „melancholisch“, welche sich zusammen in gleichem Schema befinden. Die beiden Etiketten treffen unterschiedlich auf bestimmte Gegenstände zu. Die auf den Gegenstand zutreffende - anders formuliert: von einem Etikett bezeichnete – Kategorie, bildet einen Bereich: Der Bereich vom Etikett „traurig“ umfasst alle traurige Lebewesen, während der Bereich von „fröhlich“ andere fröhliche Lebewesen umfasst. Die Bereiche des Gegenstandbezugs der beiden Etiketten bilden „eine“ relativierende Sphäre in einem erneuerten Schema:

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„[…] eine Metapher typischerweise nicht nur einen Wechsel des Bereichs, sondern auch der Sphäre nach sich. Ein Etikett, das zusammen mit anderen ein Schema konstituiert, wird in der Tat aus der Heimatsphäre dieses Schemas herausgelöst und zur Sortierung und Organisierung einer fremden Sphäre verwendet.“ (LA. 76)

In Anbetracht solcher Relation gegenüberstehender Etiketten ist Goodmans Metapher im Stande, metaphorische Anwendung von der wörtlichen Aussage ebenso von der einfachen Falschheit zu unterscheiden. Wenn „Widerstand und Anziehung“ (contra-Indikation: „Die Anwendung eines Ausdrucks ist nur dann metaphorisch, wenn er in gewissem Umfang kontraindiziert ist.“; LA. 74) zur metaphorischen Anwendung miteinbezieht, ist es identifizierbar, dass die einfache Falschheit der Aussage bloß Widerstand ohne Anziehung ist, während wörtliche Aussage als Anziehung ohne Widerstand verstanden wird:

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„Zu sagen, daß unser [graues] Bild gelb ist, ist nicht metaphorisch, sondern einfach falsch. Zu sagen, daß es heiter ist, ist sowohl buchstäblich als auch metaphorisch falsch. Aber zu sagen, daß es traurig ist, ist metaphorisch wahr, auch wenn es buchstäblich falsch ist.“ (LA. 74)

Goodman erklärt den Unterschied zwischen falsch und richtig erneuter Zuweisung in einem Schema. Etiketten funktionieren als Mitglieder der Familien. Ein Schema wird mit der Klasse der Etiketten gekennzeichnet, die ein Bereich genannt wird. Beispielsweise sind die Etiketten „gelb“, „rot“ und „grau“ Mitglieder eines Schemas, das dem Bereich der farbigen Klasse angehört. Goodman ist der Auffassung, dass die erneute Zuweisung, die Metapher festsetzt, eine Änderung des Bereichs miteinbezieht: Wenn ein einzelnes Etikett in einem gegebenen Schema an einem Gegenstand nicht im „gewohnten“ Bereich angewandt wird, der durch dieses Schema sortiert wird, dann ist das, das Resultat einer metaphorischen Anwendung. Daraus kommt der metaphorische Transfer zum Tragen, welcher die immer von der Umstellung des passenden Etikettes vom abgestammten Schema begleitet wird, die Goodman als „Migration des Etiketts zu einem fremden Bereich“, „Entfremdung von Kategorien“, „Expedition in fremde Länder“ bezeichnet. (Vgl. LA. 77) Der Gebrauch von Etiketten des alten Schemas im neuen Bereich wird durch den „konventionellen“ Gebrauch von jenen Etiketten reorganisiert, wie sie in ihrem Bereich von den Lieferanten (der Quelle) herrühren. So z. B. stellt die Anwendung des warmen Temperaturprädikats zu einem Element des Bereichs von Farben auch fest, welche der Farben gleichwohl unter anderen - so z. B. kalten – Temperaturprädikaten organisiert wird. Erfolgt die Darstellung auf diese Art, so kann die Metapher auf die nonverbalen (sowie verbalen) Symbole Anwendung finden. Die Metapher wird durch die Erkenntnis fassbar, dass die Umstellung (wie das nonverbale Beispiel: über „grau“ hinaus zu „Traurigkeit“ bzw. „Trauer“) erklärt wird nach der Exemplifikation der Reihenfolge (1) Subrelation der Konversen der Denotation, (2) wörtliche Exemplifikation und (3) metaphorischer Ausdruck als „gebrachter“ Besitz und Bezugnahme. Die Vertrautheit, wodurch das Bild „traurig“ wird, ist ein Fall einer exemplifikatorischen Probe, die ein Etikett metaphorisch dargestellt, das mit dem traurigen koextensiv ist. Somit wird es in seiner Metaphertheorie festgestellt, was „ausgedrückt“ wird, dass es metaphorisch dargestellt ist. In dieser Hinsicht kann Ausdruck als metaphorische Exemplifikation auf der Stufe der nonverbalen Darstellung verstanden werden – ebenfalls kann der Begriff „Ausdruck“ in verbaler Art analysiert werden, wie er in derselben semiotischen Beziehung „Das Bild drückt Trauer aus“ vorliegt.

Bei Goodmanscher Metapher werden keine Attribute „irgendwie aus einigen Gegenständen extrahiert und in andere injiziert“ (LA. 74). Vielmehr kann dabei vom Transfer gesprochen werden, wenn ein Schema, inklusiv seiner Etiketten und der ihnen innewohnenden Ordnung, übertragen wird. Der Transfer eines Schemas kann zwischen verschiedenen Bereichen innerhalb einer Sphäre oder zwischen verschiedenen Sphären erfolgen. Der beim Ausdruck beteiligte Transfer findet gewöhnlich zwischen verschiedenen Sphären statt, gleichwohl geringer innerhalb einer Sphäre. (Vgl. LA. 89) Zu sagen, dass ein Bild ein Gefühl ausdrückt, heißt, dass ein Schema aus Etiketten für Gefühle von empfindenden Lebewesen auf nicht belebte Gegenstände übertragen wird. Zu sagen, dass ein (dadaistisches) Bild bzw. ein Text „Provokation“ ausdrückt, heißt, weder, dass der Künstler seine Provokation ausdrückt, noch, dass das Bild dieses Gefühl hervorruft:

▼ 53 

„Der Gesichtausdruck eines Schauspielers braucht weder dadurch hervorgerufen zu sein, daß er die entsprechenden Emotionen empfindet, noch muß er diese hervorgerufen. Ein Maler oder Komponist muß die Emotionen nicht haben, die er in seinem Werk zum Ausdruck bringt. Und offenkundig fühlen Kunstwerke selbst nicht, was sie ausdrücken, selbst wenn das, was sie ausdrücken, ein Gefühl ist.“ (LA. 54f.)

Für Goodman ist es das von Kunstgegenständen ausgedrückte Gefühl wie andere seiner Merkmale Eigentum des Gegenstandes. Nur da es sich bei Ausdruck nicht um die „heimischen Merkmale“ sondern um die „metaphorischen Importe“ handelt, bezeichnet Goodman dieses Eigentum als ein „erworbenes Eigentum“ (LA. 89), ebenso als ein metaphorischer Besitz. Gefühlsausdruck ist insofern noch in größerem Maße konventionsabhängig als Denotation und Exemplifikation, weil die ausgedrückten Eigenschaften aus der „zweiten Hand“ des Betrachters – d. h. jenseits von natürlicher Existenz des Gegenstandes - gemacht bzw. gewonnen werden.

▼ 54 

Der „Ausdruck“ als eine Unterart der Exemplifikation ist eine Symbolfunktion in seinem metaphorischen Zusammenhang. Er ist als eine Teilrelation der metaphorischen Exemplifikation wird also eine symbolisierende und damit erkenntnisfördernde Funktion – beliebig, rezeptiv und interpretatorisch jedoch im bestimmten System - zugeschrieben. Das ermöglicht, gegenstandlose bzw. nicht darstellende Kunstwerke (z. B. abstrakte Gemälde, experimentelle Poesie) zu analysieren, die in üblicher Betrachtungsweise gar keine Symbolfunktion mehr aufweisen. Beispielsweise:

(1) Das „pathetische“ Gefühl, das eine Symphonie ausdrückt, ist weder das Gefühl, das die Symphonie „selbst“ hat, noch das ausgedrückte Gefühl des Komponisten oder Zuhörers. Das Gefühl besitzt das Werk metaphorisch und es wird metaphorisch bezuggenommen, was es wörtlich nicht denotiert. Ein Werk kann die abstrakten Eigenschaften, Gefühle und Eigenschaften, die in „bloßen“ Anschauungen nicht besessen werden, besitzen, ohne sie auszudrücken. (Vgl. RR. 14)

(2) Ein Stein, der am Straßengraben herum liegt und auf keine seiner Eigenschaften verweist, kann in anderen Kontexten (in Musealisierung) als Kunstwerk fungieren. Die Funktion hängt davon ab, welche seiner enthaltenen Eigenschaften er im gegebenen Kontext exemplifiziert. (Vgl. MM. 207)

▼ 55 

(3) Abstrakte Gemälde und Musikstücke, die weder etwas darstellen noch etwas ausdrücken, haben die Selbst-Bezugnahme (self-reference), wenn auch sie keine Eigenschaften aufweisen. Sie denotieren sich selbst und exemplifizieren sich selbst. D. h., das Werk selbst nimmt Bezug auf die Eigenschaften, die es innehat. Dabei sind nicht alle Eigenschaften einschätzbar (z. B. das Gewicht des Gemäldes, das etwa vier Kilogramm wiegt, oder die Symphonie, die das erste Mal während eines Wolkenbruchs aufgeführt wurde), sondern es kommt nur „auf die Eigenschaften und Beziehungen der Farben oder Töne an“, nämlich auf die jeweilig von „Umgebungen“ bedingten Merkmale, auf die das Werk selektiv und exemplifikativ Bezug nimmt. (Vgl. RR. 14)

Relativierende, ironische Züge als Beigabe der Metapher: Die relativierenden (interaktiven) Etiketten wie „traurig“ und „fröhlich“, „klein“ und „groß“ ebenso „sinnhaft“ und „sinnlos“, „Antikunst“ und „Kunst“ werden zusammen in einem Schema gruppiert, und der Anschluss der Umstellungen der Etiketten setzt den unterschiedlichen Bereich innerhalb einer Sphäre der Gegenstände fest, die jede eine Extension als Gegenstandbezug haben. Bei der Extension kann sich im Unterschied zum wörtlichen Gebrauch der Bereich eines Etikettes ändern wie bei dem Fall „klein“ oder „groß“. Bemerkenswert kann dies auch vice versa verbunden werden (Vgl. LA. 85; Figur 2): Das Prädikat „klein“ wandelt ins ironische, wird es in Bezug auf „große“ Gegenstände genommen. Für diesen Fall bleibt die Sphäre im wörtlichen oder metaphorischen Gebrauch unverändert konstant, aber der Bereich ändert sich. (Vgl. Schema 9) Diese ironischen Züge kommen auch bei verbaler Metapher häufig vor. Ihre Besonderheit Goodman nach liegt darin, dass metaphorische Wahrheit mit wörtlicher Falschheit voneinander unabhängig ist; ein Satz, der, wörtlich verstanden, falsch ist, kann wahr sein, wenn er metaphorisch ist, wie im Fall von „Der See ist ein Saphir“. Dieser Satz ist wörtlich falsch aber metaphorisch wahr, während „Der Trübe Große Teich ist ein Saphir“ sowohl wörtlich als auch metaphorisch falsch ist. Metaphorische Wahrheit und Falschheit unterscheiden sich - als eine Besonderheit der Goodmans Metaphertheorie - genauso voneinander und sind so gegenübergestellt wie wörtliche Wahrheit und Falschheit. „Der See ist ein Saphir“ ist demnach zu jener Zeit metaphorisch wahr, wenn „Der See ist metaphorisch ein Saphir“ wörtlich wahr ist. Metapher und Mehrdeutigkeit sind sich darin gleichsam, dass mehrdeutige Ausdrücke ebenfalls zwei oder mehr verschiedene Anwendungen haben. Aber die Metapher unterscheidet sich von der Mehrdeutigkeit dadurch, dass eine wörtliche Anwendung einer „korrelativen“ metaphorischen Anwendung vorgeht und sie beeinflusst. Bei einem ironischen Gebrauch einer metaphorischen Anwendung kann beispielsweise hinsichtlich semantischen Umfeldes umgekehrt betrachtet werden: „Der Trübe Große Teich ist ein Saphir“ für wahr, während „Der See ist ein Saphir“ falsch ist. Die beiden metaphorischen Anwendungen werden hier hinsichtlich der wörtlichen Anwendung von „Saphir“ auf Edelsteine in unterschiedlicher Weise verstanden. (Vgl. MM. 108) Anknüpfend hieran, können die Äußerungen, die als unsinnig qualifiziert wurden, genau nach dem kontextuellen Wahrheitswert nachgeprüft werden. In der Praxis kann also der „Unsinn“ umgekehrt „Sinn“ werden, wenn der Sinn gegebenenfalls nicht mehr „wahr“ in seiner metaphorischen, kontextuellen Funktionsweise ist – Ausführlichere Fortsetzung über dieses Thema folgt im zweiten Teil (Kap. 3) der vorliegenden Arbeit.

Die metaphorischen Relationen, die im folgenden Anschnitt aufgezeigt wird, können durch „schematische“ Analyse noch übersichtlicher betrachtet werden, anstatt die bisher verkannte „Sinngebilde“ als intensionale Bezugnahme aufzufassen.

I.1.1.3. Komplexe Bezugnahme

▼ 56 

Wenn alle Symbole nicht „lediglich“ denotativ oder exemplifikativ sind, sind irgendwelche Symbole zusammengeschlossen oder miteinander korreliert - von einer Ebene zur nächsten über mehrere Ebenen hinweg. Die Bezugnahme solcher Symbole, die verschiedene Funktionen mehrwertig haben, nennt Goodman „komplexe Bezugnahme“ (complex reference). (Vgl. RR. 16) Mit der „komplexen Bezugnahmeweise“, die auch als eines seiner ästhetischen Symptome bezeichnet wird, analysiert Goodman die Fälle, in denen der Bezugnahmegegenstand eines Symbols selbst als Zeichen für etwas anderes verwendet wird - in Betracht der Verbindungskette und der „Bezugnahmeentfernung“ (referential remoteness oder –distance; Vgl. RR. 17). Solche Bezugnahmeketten werden anhand einer Hierarchie von Denotationsebenen und zweier Maße der Bezugnahmeentfernung beschrieben: Metaphern werden dabei vorrangig - im Vergleich zu den wie oben ausgeführten einfachen Bezugnahmearten - behandelt. Sie werden wieder auf Denotation und Exemplifikation zusammengeführt.

I.1.1.3.1. Lineare/korrelierte Struktur

Die Anordnung und Anwendung z. B. der „Namen und Beschreibungen und Abbildungen, d. h. sprachliche und bildliche Bezeichnungen“, werden im Rahmen der „Denotationshierarchie“ betrachtet. Die Denotationshierarchie kann „im Prinzip der Zitierung“28 stufenweise erweitert werden, sowie Anführungszeichen um einen Ausdruck eingesetzt werden oder ebenso „ein Bild in einen Spiegelsaal“ gestellt wird. Die Struktur der Denotationshierarchie lässt sich wie folgt abfassen:

(1) Die unterste Ebene (bottom level) bilden Nicht-Bezeichnungen wie Tische oder leere Bezeichnungen wie „Einhorn“, die nichts denotieren.

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(2) Auf der nächst höheren Ebenen liegen Bezeichnungen (labels) wie „rot“ oder „Einhorn-Beschreibung“, die etwas denotieren, das zur untersten Ebene gehört.

(3) Jede Bezeichnung für eine Bezeichnung liegt eine Ebene höher als die von ihr bezeichnete Bezeichnung. (Vgl. RR. 16)

Beispielsweise, falls Tisch (realer Gegenstand) in der untersten Ebene liegt, liegt „Tisch“ (Beschreibung) eine Stufe höherer, liegt „„Tisch““ (Zitation der Beschreibung) höher als „Tisch“. In dieser Art und Weise lässt sich die Denotationshierarchie wie atomare Umwandlung beschreiben. Diese geradlinige Verbindungskette der Bezugnahme bezeichnet Goodman als „lineare Struktur“.

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Die hierarchischen Verbindungsketten der Bezugnahme laufen nicht immer geradewegs nach unten oder nach oben. Oft kommt die Bezugnahme in entgegensetzter Richtung vor. Sie sind auf gemischte Weise der minimalen Bezugnahme miteinander verbunden und unterscheiden sich voneinander durch die Analyse ihrer Verbindungskette. Diese komplexen Bezugnahmeketten, „die aus einfachen Bezugnahmeweisen derselben Art oder verschiedener Arten aufgebaut sind“, nennt Goodman „korrelierte Struktur“. Die korrelierte Verbindungskette kann in zwei denotativ unterschiedlichen Formen (d. h. die leeren Bezeichnungen und die nichtleeren Bezeichnungen) schematisiert werden. Das Maß der Bezugnahmeentfernung von „Satyr“ (als eine leere Bezeichnung) oder einem Satyr-Bild zu einem Mann, den es metaphorisch denotiert, ist drei, während „Maus“ (als eine nichtleere Bezeichnung), wenn sie metaphorisch einen Mann denotiert, vier Abstände hat. Die Gestalten der beiden Ketten werden auch anders beschrieben:

„Projiziert auf die wörtliche Denotationshierarchie geht die eine schematische korrelierte Kette von „Maus“ hinunter zu Mäusen, hinauf zur exemplifizierten Bezeichnung und hinunter um denotierten Mann; die andere Kette hingegen geht von „Satyr“ erst zur exemplifizierten Bezeichnung hinauf, dann zur denotierten Bezeichnung hinunter und schließlich weiter hinunter zu dem Mann, der von dieser Bezeichnung denotiert wird.“ (RR. 18)

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Nach dem gleichen Prinzip können einige Beispiele, welche ihre unterschiedlichen Formen unter den Begriff „Metapher“ vereinen, wie folgt schematisiert werden:

Bsp. 1) Um die Farbe eines Hauses bekannt zu geben, gibt es verschiedene Weisen:

Es kann, statt ein Prädikat (z. B. „rot“) zu äußern, ein Beispiel (ein „rotes“ Auto) „metonymisch“ gezeigt werden oder die Lage eines entsprechenden Beispiels auf einer Farbskala beschrieben werden, wo sich die Farbe befindet. Für den Fall der Lage-Beschreibung läuft die Bezugnahmekette von einer sprachlichen Bezeichnung hin zu einem denotierenden Gegenstand und dann hinauf zu einer anderen exemplifizierten Bezeichnung bzw. Eigenschaft:29

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Schema 330

Bsp. 2) Typische Form der Metapher:

Ein Bild eines Weißkopfseeadlers denotiert einen real existierenden „Vogel“, bei dem eine metaphorische Eigenschaft wie „kühn und frei“ exemplifiziert wird, die wiederum ein Land denotiert und von diesem exemplifiziert wird. So verweist das Bild des Adlers „auf dem Weg über“ Adler und nimmt den Bezug auf ihre exemplifizierten Eigenschaften, auf das betroffene Land.

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Schema 431

Bsp. 3) Untypische, erweiterte Form der Metapher:

Wenn ein Lehrer den sein Studium vernachlässigenden Schüler „Stier“ nennt, bei dem (Stier) als metaphorisch - innovativ - „neu gewonnene“ Eigenschaft wie „faul“, „untätig“ oder „müßig“ exemplifiziert wird, denotiert der „Stier“ wörtlich einen der realexistierenden Stiere und der Stier wird metaphorisch von der exemplifizierten Bezeichnung der Eigenschaft denotiert. Die Bezeichnung der Eigenschaft denotiert den betroffenen Schüler, der identische Eigenschaft wie beim „Stier“ enthält.

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Schema 5

Die Verbindungskette des ersten zum letzten Glied soll für diese Fälle weder als Denotation noch Exemplifikation, sondern als eine Verknüpfung der beiden begriffen werden. Die komplexe Bezugnahmekette wird auch nicht als lineare Struktur der Denotationsschichten behandelt. Denn sie wird durch den Auf- und Abwanderungsprozess beschrieben. Die Zahl der Schritte - vom Anfang einer Kette bis zu einem gegebenen Element - wird als Bezugnahmeentfernung des Elements rechnerisch beschrieben: Die Lagebeschreibung des Farbbeispiels ist in der gegebenen Kette zwei Bezugnahmeschritte weit von ihm entfernt. Das Adlerbild ist in der gegebenen Kette drei Bezugnahmeschritte von ihm entfernt ebenso wie die Bezugnahmeentfernung der Stierbenennung.

Die korrelierte Bezugnahmekette eines Elements kann mit verschiedenen minimalen Ketten variiert werden. Es ist von der „aktuellen“ Eigenschaftsbildung (als Etikett bzw. label) der Bezugnahmeobjekte abhängig, die miteinander angetroffen werden und zusammenwirken. Für diese korrelierte Bezugnahme ist es charakteristisch, dass es nicht so ist, dass die Bezugnahme vor dem Gebrauch der gleichen Terme - beim Fall des Stiers - bereits festgestellt wurde, sondern dass sie durch den Gebrauch der sich zusammenwirkenden Exemplifikation der gemeinsamen Eigenschaften konstruiert wird: Die korrelierte Struktur, bei der der „Stier“ auf den „faulen“ Schüler Bezug nimmt, ist insoweit vorher nicht ausgemacht worden, sondern ist der neu konstituierte Fall, der durch die Exemplifizierung der Eigenschaften, die Stier und Schüler gemeinsam haben, konstruiert wird. Indem es denkbar ist, dass der Lehrer den Term „Stier“ auf die neue „Extension“ projiziert, kann man feststellen, dass die Projektion im Rahmen der Goodmanschen extensionalen Bezugnahme nicht nur durch den althergebrachten Gebrauch des Terms entschieden wird: „Stier“ kann auf den „faulen“ Schüler, der kein Tier ist, (vor dem Zeitpunkt t1) projiziert werden, ebenso (vor dem Zeitpunkt t2) auf eine Fußballmannschaft, die so „stark“ ist wie er: „Wenn eine Gebrauchsweise eines Ausdrucks einer anderen vorausgeht und sie beeinflusst, dann ist die zweite die metaphorische.“ (LA. 75) Die Projektion der Prädikate kann also auch - wie bei dem Fall des Stiers - zufällig aber „situations- bzw. zeitabhängig“ aufgenommen werden. Die beiden Gebrauchsweisen können aber auch durch die Erfahrung verworfen, verändert oder systematisiert (gleichwertig und voneinander unabhängig; Vgl. Ebd.) werden. Der ontologische Status des Stiers ist daher nicht unikal. D. h., die in der Geschichte mithin „überlebend“ verankerte Projektion nimmt Einfluss auf das Denken und die Wahrnehmung. Nach Goodman ist es also keineswegs als „gültig“ feststehend, dass nur die althergebrachte Gesetzmäßigkeit die Projektion eines Terms entscheidet, wobei die Kreativität oder die Veränderung der Projektion devalviert wird. Auf die philosophische Grundlage der „Projektion“ und „Verankerung“ gehe ich im zweiten Kapitel – insbesondere im Hinblick auf das „neue Rätsel der Induktion“ - ein.

▼ 63 

In Ansehung dieser Konstruktion der korrelierten Kette leistet Goodman seinen ureigenen und selbstschöpferischen Beitrag zur „umfassenden“ Metaphertheorie. Dabei betont er nachdrücklich, dass Metaphern nicht „wörtlich“ paraphrasiert oder übersetzt werden können:

„Korrelierte Ketten dieser Art sind als schematische Konstrukte aufzufassen, keinesfalls aber als wörtliche Übersetzungen von M e t a p h e r n.“ (RR. 17f.)

▼ 64 

Infolgedessen werden Metaphern dahingehend verstanden, dass sie nicht in irgendeinem Sinn der Übersetzung sondern in mehrwertig „multilateralen“ Schemata von der Konstruktion klassifiziert werden sollen - eine Maus kann metaphorisch nicht nur „ängstlich“ sondern auch „mutig“ sein - oder irgendwelche andere Prädikate als Beobachtungssprachen exemplifiziert werden, ebenso wie der Fall der Exemplifizierung des Mondes als eine Zitrone (beispielsweise: gelb-Etikett). Dementsprechend lautet Goodmans Bemerkung:

„Wer „Maus“ von Mäusen auf einen Mann überträgt, braucht nicht unbedingt gerade die Bezeichnung „ängstlich“ oder irgendein anderes Prädikat als Zwischenstation zu benutzen. Die metaphorische Übertragung muß nicht einer vorher etablierten gemeinsamen Exemplifizierung bestimmter Eigenschaften bzw. sprachlicher oder nichtsprachlicher Bezeichnungen folgen; die metaphorische Anwendung kann selbst die Ursache dafür sein, daß die Mäuse und der Mann eine oder einige ihrer gemeinsamen Eigenschaften gemeinsam exemplifizieren; und was exemplifiziert wird, kann auch mehr gesucht als bereits gefunden sein. Die korrelierten Ketten sollen nur dazu dienen, die Referenzentfernung zu berechnen.“ (RR. 18)

▼ 65 

Dafür wird es vorausgesetzt, dass eine Veränderung der Extension jedoch nicht immer eine Metapher ist, sondern nur dann, wenn sie vom bereits existierenden Etikett hervorgerufen (contraindikativ relativiert) wird:

„Wo die neuen Etiketten keine frühere Denotation hatten, konstituiert eine derartige Ersetzung nach der gegebenen Definition keine Metapher; denn hier verändert eine Extension ihr Etikett und nicht so sehr ein Etikett seine Extension, und in Hinsicht auf diese Extension wird das neue Etikett nur so metaphorisch sein wie das alte. Wenn aber ein Etikett bereits seine eigene Denotation hat und beim Ersetzen dessen, was es exemplifiziert, eine andere usurpiert, dann ist die neue Anwendung metaphorisch.“ (LA. 79)

▼ 66 

Goodmans komplexe Bezugnahme entfaltet sich sehr viel weiter als in der logischen Tradition, in dem seine Metaphertheorie aus der anderen Basis – Reduktion unter der nominalistischen Beschränkung und Konstruktion innerhalb bestimmtem System - besteht. Die in diesem Zusammenhang wichtigste Bezugnahme neben der Beziehung der Denotation ist die der Exemplifikation. Wie bereits erwähnt wurde, Exemplifikation liegt vor, wenn ein Etikett nicht nur einen physikalischen bzw. „phänomenalen“ Gegenstand denotiert, sondern dieser Gegenstand auch auf das Etikett zurückverweist. Der Gegenstand fungiert hier als Probe, als Muster für die Eigenschaft, die durch das Etikett dem Gegenstand zugeschrieben wird. Exemplifikation unterscheidet sich mithin von Denotation dadurch, dass die Bezugnahme genau anders herum verläuft: vom Gegenstand (dem Muster) zum Symbol. Andererseits wurde erörtert, dass Exemplifikation die Denotation voraussetzt. Die Denotation des Gegenstands durch das Etikett, die exemplifiziert wird, ist eine notwendige Bedingung für das Vorliegen von Exemplifikation. Dazu lassen sich elementare Bezugnahmen wie die der Denotation und der Exemplifikation zu Bezugnahmeketten in der Gestalt zusammenbauen, dass zwischen Anfangs- und Endglied der Kette zwar nicht eine elementare Beziehung der Denotation oder Exemplifikation vorliegt, wohl aber eine komplexe Bezugnahme konstruiert wird.

I.1.1.3.2. Fiktion wie Nicht-Fiktion

Eine Fiktionsparadoxie liegt für die Analyse „Fiktion wie Nicht-Fiktion“ nicht vor, wenn es nicht um die „vielen möglichen Alternativen zu den einzigen wirklichen Welten“ (WW. 14), sondern um die „Vielheit wirklicher Welten“ geht. Daher stellt die Erläuterung des Begriffs „Fiktion“ keine besonderen Schwierigkeiten dar. Was man unter dem Begriff „Fiktion“ verstehen kann, liegt für Goodman darin, dass sie einen häufig vorkommenden Fall komplexer und vielfältiger Bezugnahme darstellt.

Im Anschluss der oben angeführten Erläuterungen elementarer Begriffe wird versucht, an exemplarischen Beispielen „Sir Agilulf“ und „Don Quichotte“ zu analysieren, wie Fiktion wie Nicht-Fiktion hinsichtlich Metapher und komplexer Bezugnahme in ihren Wirklichkeitserschließenden Konstruktionen dargestellt wird, nämlich: wie die Konstruktion der fiktiven Gegenstände und der Weltversionen im metaphorischen Zusammenhang schematisiert werden.

▼ 67 

„Sir Agilulf“ und „Don Quichotte“ und die Aussagen, in denen diese angetroffen werden und was diese als „Null-Denotation“ wörtlich nichts denotieren, mögen metaphorisch für eine analytische These sein:

(1) Der Ritter „Sir Agilulf“ von Italo Calvinos Roman Il Cavaliere inesistente 32 ist „nicht nur wie Don Quijote eine fiktive Person, sondern anders als Don Quijote existiert er nicht einmal nach der Chronik seiner Abenteuer.“ (RR. 18) Mit dem Text selbst kann man keine Bezugnahmekette beginnen, da die Geschichte, quasi von einer der in ihr vorkommenden fiktiven Personen, dem weiblichen Ritter Bradamante, doppelt fiktiv geschrieben ist. (Vgl. MM. 101) Denn der „Agilulf“, den es nicht gibt – es existiert lediglich die Ritterrüstung (Hülle) – scheint im Geist zu sein. Die Textanalyse, die Bezugnahmekette lässt sich mit einem Namen beginnen, welcher nirgendwo in der denotativen Hierarchie vorkommt: „Dieser Name denotiert den Text selbst, der die Namen und Beschreibungen Sir Agilulfs und seine Taten enthält.“ (Ebd.) Der Gegenstand real als eine (doppelt) leere Bezeichnung existiert nicht. In einer korrelierten Kette wörtlicher Bezugnahme exemplifizieren „Sir Agilulf“ ein Etikett von Etiketten (z. B. „Fehlen-des-Menschseins-Etikett“), das ein Etikett denotiert (z. B. „Fehlen-des-Menschseins“), das wiederum einen Menschen denotiert. (Vgl. MM. 102)

Schema 633

▼ 68 

(2) Die metaphorische Denotation, worum es hier geht, lässt sich in der korrelierten Kette von diesem Schema ausgehend darstellen. Goodmans Bezugnahme ist extensional, dazu metaphorisch, falls es das wörtliche Bezugnahmeschema nicht ermöglichen lässt. Für die Analyse der fiktiven Ausdrücke geht Goodman von der folgenden Feststellung aus:

„[…] dieser Ritter auch ohne die Segnungen und Qualen des Lebens bleibt, so ist er doch wie der aufrechte Windmühlenkämpfer ein lebendiges Symbol.“ (RR. 19)

▼ 69 

Auf dieser Art und Weise denotiert „Sir Agilulf“ und „Don Quichotte“, indem sie drei Verbindungsketten übereinander korrelieren:

„[...] und doch leben Personen, die durch „Sir Agilulf“ und „Don Quijote“ - wenn auch nur metaphorisch - denotiert werden, auf der untersten Denotationsebene zusammen mit ihnen und mir, und einige sind sogar mit Ihnen und mir identisch.“ (RR. 19)

▼ 70 

Schema 7

Somit meint Goodman den Bezug der Wirklichkeit, wie folgendes Bekenntnis offenbart:

▼ 71 

„Sir Agilulf kann als treffende Metapher für die sogenannte „wirkliche Welt“ dienen. So wie er sich nicht von der Rüstung trennen lässt, so lässt sich auch eine Welt nicht von ihren Versionen trennen. Die Rüstung kann geändert werden, eine neue Version kann eine alte ersetzen; aber so wenig wie man Sir Agilulf ohne jede Rüstung antreffen kann, so wenig kann man eine Welt ohne jede Version finden.“ (RR. 21)

„Ich muß gestehen, daß ich mich mit diesen fiktiven Personen in dieser Weise mehr identifiziere als mit den meisten historischen Gestalten der Weltgeschichte.“ (RR. 19)

▼ 72 

(3) Goodmans Existenz nach seiner Aussage ist zum Teil eng mit dem primär leeren Term „Don Quichotte“ und „Sir Agilulf“ verbunden. Sie ist identisch in der gewissen Bezugnahme, in den quichottischen Eigenschaften. Ist Nelson Goodman in strikterem Zusammenhang – vermutlich im Hinblick auf seine sprachphilosophische Theorieauffassung - ein Don Quichotte, so handelt es sich um einen Wirklichkeitsbezug, was jedoch wörtlich auf niemanden zutrifft, aber metaphorisch anbetrifft, sowie in seiner Selbstbeschreibung:

„>Don Quichotte< trifft wörtlich genommen auf niemanden zu, bildlich verstanden jedoch auf viele von uns – zum Beispiel auf mich, bei meinem Lanzenangriffen gegen die Windmühlen der gegenwärtigen Linguistik.“ (WW. 128)

▼ 73 

„Gegenstände und Ereignisse und Welten scheinen doch davon, wie wir über sie reden und wie wir sie abbilden, gar nicht berührt zu werden, Werde ich geschaffen oder zerstört oder verändert, wenn mich jemand „Sir Agilulf“ nennt?“ (RR. 19)

(4) „Sir Agilulf“ und „Don Quichotte“ können als treffende Metapher für die so genannte „wirkliche Welt“ dienen. So können fiktionale Ausdrücke also metaphorisch auf manches in der Wirklichkeit Bezug nehmen. Die Konstrukte der Wirklichkeit werden mit denjenigen Maßzahlen wiedergegeben, die für den Bezugnahmeabstand zwischen Symbol und Gegenstand adäquat - variabel und relativ - beschrieben werden und keine Auswirkungen auf die Wirklichkeit haben:

▼ 74 

„Jede Vorstellung, nach der eine Wirklichkeit aus Gegenständen, Ereignissen und Arten besteht, die textunabhängig sind und nicht davon beeinflusst werden, wie sie beschrieben: oder dargestellt werden, muss der Einsicht weichen, daß sie ebenfalls Teile der Geschichte sind.“ (RR. 19)

Die Eigenschaften eines literarischen Textes (ebenso eines Gegenstandes) können zweckentsprechend exemplifiziert werden - selbst wenn die Denotation (wörtlich) leer ist:

▼ 75 

„Eigenschaften eines Textes exemplifizieren und demonstrieren nur im Textzusammenhang; mithin gibt es keine Demonstrationen, die mit Eigenschaften textunabhängig verknüpft sind. Jede Eigenschaft kann grenzenlos zur Demonstration herangezogen werden, aber nur diejenigen sind einem Werk zuzuschreiben, die sich mit seinen anderen Eigenschaften verknüpfen lassen.“34

Durch die wörtliche oder metaphorische Anwendung auf etwas markiert eine Bezeichnung bestimmte Entitäten. Sie markiert Bezeichnungen bestimmter Art, die auf diese Bezeichnung anwendbar sind. Die Markierung oder Auswahl von Entitäten und relevanten Arten macht aus, was ihr realer Status ist. Darüber hinaus kann gesagt werden, dass jede Wirklichkeit vom entsprechenden Text abhängig ist, und jeder herangezogene Text von einer Wirklichkeit abhängig ist, die textabhängig ist.35 Dabei wird die Struktur des Textes zur Strukturierung der Wirklichkeit aufgenommen, welche in kürzeren oder längeren Formen der Bezugnahmeketten relativ - unter der Berücksichtigung der selektierten Eigenschaften - rekonstruiert wird. Verschiedenartige Elemente werden in einer Bezugnahmekette durch jeden Bezugnahmeschritt - in den „Maßen der Entfernung der Bezugnahme“ – miteinander (denotativ und exemplifikativ) gewirkt:

▼ 76 

„Wenn wir die Maßzahlen für den Bezugnahmeabstand als unwirklich ablehnen, weil sie textabhängig sind, werden wir kaum Eigenschaften finden, die wirklich sind.“ (RR. 19)

Goodman selektiert in seinem Don Quichotte-Beispiel eine Art, die durch die metaphorische Anwendung von „quichottischen Eigenschaften“ auf gewisse Personen Bezug nimmt und die zu den üblichen Klassifikationen in Abweichung steht. In der Form des „Repräsentation-als“ als fiktive Darstellung fungiert die Bezeichnung oder Eigenschaft, welche vom metaphorischen „Don Quichotte“ gemeinsam exemplifiziert wird oder diese zwei Don Quichottes zumindest als gemeinsame Instanzen verwendet. Die Bezugnahmeketten enthalten also Teile der Strukturen der Weltversionen, die in unseren Intuitionen annehmbar und rekonstruierbar sind. Somit entsteht eine (indirekte) Verbindung des Symbols in der literarischen Fiktion mit der Wirklichkeit: Goodman meint mit seinem selbst vorgeführten Beispiel allerdings nicht, dass die Symbole im Allumfassenden mit ihren Bezugnahmeobjekten identisch sind. Eine korrelierte Kette metaphorischer Bezugnahmeschritte setzt hier die Anspielung von Wirklichkeit mit dem Verstehensprozess - was er damit gemeint hat –, im bestimmten Kontext, in Beziehung.

▼ 77 

Goodmans extensionale Bezugnahme ist in Anbetracht der fiktiven Ausdrücke ein praktisches - keine auf irgendeiner Weise „paradoxal“ sondern vielmehr durchsichtiges Erkenntnistheorem zwischen der modernen Sprachphilosophie und Literaturtheorie, die „multiple aktuelle Welt“ (Vgl. WW. 128) erzeugt. Sowohl Kunst in Wir k lichkeitsbezug als auch Fiktion wie Nicht-Fiktion lässt sich anhand von „metaphorischen, sekundär-sprachlichen“ Systemen analysieren. Auf der Grundlage der von ihm argumentierten Kunstauffassung ist es also nicht möglich, dass die Wah r nehmung der Wirklichkeit so, wie sie ist, ist. Vielmehr geht es darum, die Beobachtungssprache (ein passe n des Prädikat, Etikett) zu konstruieren, welche jeder Wahrnehmung zugleich Interpretation gleic h gesetzt und von Erfahrungen, Neigungen und Interessen des Indiv i duums Bestimmung findet:

„[...] Rezeption und Interpretation lassen sich als Vorgänge nicht trennen; sie sind vollständig voneinander abhängig.“ (LA. 20)

▼ 78 

Beispielsweise, ein und derselbe literarische Text kann demnach auf viele verschiedene Weisen wahrgenommen bzw. gelesen werden. Ein Dichter erschafft nach Goodman weder die objektive Wahrnehmung - die es nach den vorangegangenen Beispielen gar nicht geben kann - ab, noch wählt er unter allen fassbaren Interpretationen beliebig aus, zudem die Sichtwahl (Probe) für die Rezipienten ohnehin frei ist. Der Stil eines Dichters ist also nur ein Moment (bei der Selektion der Eigenschaften) zu den vielfältigen Erkenntnisvermittlungen. Goodman orientiert sich nicht an dem der Kunst und ihrer vorgegebenen Charakteristika der Wirklichkeit, er stellt vielmehr darauf ab:

„Wenn wir einen Gegenstand repräsentieren, dann kopieren wir nicht solch ein Konstrukt oder eine Interpretation - wir stellen sie her.“ (LA. 20)

▼ 79 

Damit wird deutlich, dass die Kunstwerke genauso real sind, wie die Dinge, auf die sie Bezug nehmen, da das, was generell als ,,reales Ding“ bezeichnet wird, nicht weniger den unauflösbaren Beliebigkeiten von Wahrnehmung und Deutung unterworfen ist. Diese Auffassung repräsentiert die Positionen von Goodmans Ansatz bei der Anwendung auf die moderne Kunst, wo die ästhetische Erkenntnisvermittlung jenseits des klassischen Werkbegriffs stattfindet. Somit stellt er in erster Linie die „Axiomatik“ in Frage, die den Umgang sowohl der Kunstgegenstände als auch der literarischen Texte bloß theoretisch reguliert, beziehungsweise die den Begriff „Kunst“ philosophisch untermauert, wie Ihwe bemerkt:

„Goodmans Begriff der Referenz ist nicht nur logisch und symboltheoretisch interessant. Er erlaubt es, in systematischer und operationalisierbarer Manier – und das heißt: in rationaler Manier – der Frage nachzugehen, in welcher Weisen Literatur und Leben, Leben und Literatur verwoben sind, wie sie miteinander entstehen. Diese Weisen können oft in so unspektakulären, so unbemerkten Bahnen des Referierens verlaufen, dass wir in der theoretischen Reflexion an ihnen vorbei stehen und zu Konstruktionen gelangen, die den Blick auf evidente ‚Fakten‘ eher verstellen als zu öffnen.“36

▼ 80 

Das „Axiom“ der kategorialen Trennung von Literatur und Leben, von Kunst und Wirklichkeit, die dadurch entstandenen Wirklichkeitsverluste in der Literatur ergänzt seine Kunsttheorie und eröffnet vielfältige Perspektiven, insbesondere für Ästhetik und Literaturwissenschaft.

Die Bezugnahme als Extension, die in Languages of Art ausgeführt wird, wird in Ways of Worl d making präzise erweitert. Darin versucht Goodman, die Bezugnahmeproblematik der Fiktion37 in der modernen Sprachphilosophie und der literaturwissenschaftlichen Theorie aufzulösen. Dabei, mit Hilfe seiner komplexen, aber leistungsfähigen, Bezugnahme beweist er, dass sich die Symboltheorie bei der allgemeinen Interpretation verschiedener Termini der Literaturkritik und anderer Bereichen, etwa der Wissenschaft oder der alltäglichen Wahrnehmung als aufschlussreich erweisen kann. Insbesondere hat seine komplexe Bezugnahme pragmatische Charakteristika im Interpretations- und Rezeptionsprozess, ferner im Applikationsprozess, welche in den hermeneutischen Verfahren bekannt ist. Für die Interpretation fiktionaler Literatur lässt sich hervorheben, dass literarische Eigenschaften eines Textes nicht von Geschichtlichkeit oder von kategorialen Normen (z. B. Tradition, Konvention, Kanon- bzw. Standardbildung) abhängig sind. Vielmehr sind sie die „intuitiv gewonnenen“ Eigenschaften, die durch die (nominalistischen) Klassifikationen konstruiert werden. Die exmplikativen Eigenschaften in literarischen Texten werden also nicht nach singulär „bestimmten“ Regularitäten oder nach den statistischen Ortbarkeiten entschieden, sondern mehr nach der phänomenalistischen und pragmatischen Besonderheiten der Bezeichnungen als Etikette, die anhand unserer subjektiven Wahrnehmungsfähigkeiten auf sie Anwendung finden im Anschluss und Kontext der jeweils gegebenen Begleitumstände wie Raum (Kultur, Ort), Zeit (Epoche, Ära) oder Person etc. (Vgl. LA. 92) Somit eröffnet seine komplexe Bezugnahme für die wissenschaftliche Analyse der literarischen Fiktion spontaner Zugangsmöglichkeiten – insbesondere bei der Erklärung und der Erprobung des Wirklichkeitsgehalts - die die implizit allgemeingültigen Regeln nicht nur von Zeit zu Zeit, sondern auch von Ort zu Ort und manchmal von Lehrstuhl zu Lehrstuhl auf der Grundlage der Individualisierung verschieden darstellen.

I.1.2. Zusammenfassung

Goodmans Symboltheorie, die weder eine Analyse des künstlerischen Schaffens noch eine theoretischen Maßstäben unterworfene Geschmackszensur darstellt, dient ihm, neutrale (extensionale) Merkmale oder Deutungen für die verschiedenen Kunstgattungen und Kunstwerke zu unterscheiden und zu gewinnen. Ihr grundlegendes Instrumentarium ist „Bezugnahme“, welche als Grundrelation des „stehen für“ etwas (Ausdrücke, Symbole, Zeichen etc.) betrachtet wird. Sie ist, wie aufgezeigt wurde, nicht definiert, vielmehr durch Unterscheidungen ihrer Contra-Indikatoren und Vergleiche ihrer verschiedenen Formen expliziert. Um zwischen dem Kunstgegenstand und dem, was es demonstriert, eine Verbindung herzustellen, sind nach ihm verschiedene Arten der Bezugnahme (als Symbolisierung) gegeben.

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Die Weisen der Bezugnahme ermöglichen, die wesentlichen Funktionen von Kunstgegenständen zu erkennen und zu beschreiben. Goodman strapaziert dabei weder normativ noch pur deskriptiv den „unmittelbaren“ Sprachgebrauch, sondern er ist vielmehr der Auffassung, mit seiner Symboltheorie ein sublimes sprachliches Werkzeug anzubieten, indem er die „natürlichen“ und metaphysischen Sprachen abgelehnt hat.

Darüber hinaus untersucht er nicht solche Sprachzeichen, welche in unmittelbare Verbindung mit Kunst verwendet werden, sondern die Zeichen als Beobachtungs- oder Beschreibungssprachen der Kunst, welche die Kunstgegenstände selbst sind. Die „Sprachen der Kunst“, wie es sich im Titel seines Hauptwerkes niederschlägt, werden unter den Symbolsystemen analysiert, die wie die Sprachen der Wissenschaft Mittel der Welteröffnung sind, ohne dabei eine kontextfreie, abstrakte Idee voranzustellen. Vor diesem Hintergrund kann festgestellt werden, dass Goodmans Symboltheorie keine reine Meta-Theorie ist, sondern sehr pragmatisch orientiert ist. Sie kann „semiotisch“ ein wohlüberlegtes Beschreibungssystem für Kunstwerke zur Verfügung stellen. Somit bewältigt er die Probleme der Bezugnahme, wie sie im Rahmen des Neopositivismus entstanden waren. Visavis vorangegangenen Theorien (etwa von Frege, Russell, Quine)38 bietet Goodman nunmehr ein System an, womit die Wirkungsweise von Zeichen konstruierbar wird. Probleme mit fiktiven Entitäten - auch nicht bei der Konstruktion der Beziehung zwischen Zeichen und Bezugsgegenstand - kommen nicht auf. Dabei handelt es sich nicht um die Essenz Bezug nehmender und Bezug genommener Entitäten, vielmehr um die Symbol konstruierten Aktivitäten wahrnehmender Subjekte und die Relationen in den gebrauchten Symbolsystemen, durch welche sich die drei elementaren Arten der Bezugnahme unterscheiden lassen: Denotation (Bezug auf einen Gegenstand) - Exemplifikation (Eigenschaft des Gegenstandes selbst und Verweis darauf) - Ausdruck (metaphorische Eigenschaft des Gegenstandes).

Unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Formen werden seine sprachphilosophisch, bildtheoretisch ausgeführten drei Begriffsapparate wie folgt kompakt zusammengefasst, deren anwendbare Modifizierung sich insbesondere mit Hilfe des Begriffes „Metapher“ kunsttheoretisch disponieren lässt:

▼ 82 

(1) Der erste Hauptmodus „Denotation“ weist auf die Zugehörigkeit der Etiketten hin. Sie bezieht sich auf Gegenstände. Sie erfasst normalerweise den physikalisch – vergegenständlichten Bezug, wobei Goodman unter Gegenstand sowohl mat e rielle Dinge wie auch Ereignisse subsumiert. Goodman ist der Ansicht, dass diese Formen der Bezugnahme nicht nur in Wortsprachen vorzufinden sind, sondern ebenso in anderem Gebieten hervortritt: Goodman gebraucht die Denotation nicht nur im Zusammenhang der (direkten) sprachlichen Terme (verbale Symbole) sondern auch hinsichtlich seiner anderen (nonverbalen) Zeichen (bildliche, notationale Symbole z. B. Porträt, Diagrammatische Zeichnung, Gestik, Partitur etc.), wobei ein ausgewähltes Prädikat in Bezug auf „Repräsentation-als“, „Darstellung-als“ bzw. „Beschreibung-als“ verwendet wird. Darüber hinaus wendet er sich g e gen die Abbild-Theorie der Kunst, die auf Platonismus beruht und nach den Kunstgegenständen lediglich Abbildungen, Nachahmungen der Wirklichkeit sind und daher e i nem gravierenden Mangel für die Analyse der Kunst anhaftet. Die Beziehung zwischen einem Kuns t werk und dem denotierenden Gegenstand vergleicht er mit dem Verhältnis von einem Prädikat und dem, worauf es zutrifft. (Vgl. LA. 17) Seiner Auffassung nach können alle Symbole denotieren, wenn sie eine Extension aufweisen. Die Nichtanwesenheit einer direkten Denotationsbeziehung schließt nicht das Vorhandensein anderer Formen der Bezugnahme aus. Bei fiktionalen Darstellungen verhält es sich selbst vor allem so, dass sie, die direkt, sozusagen „wörtlich“, nichts denotieren, indirekt, etwa metaphorisch, überaus wohl etwas denotieren können. Das Kunstwerk funktioniert dabei selbst sogar als Etikett, das auf den denotierenden Gegenstand zutrifft. Hinsichtlich der fiktionalen Gegenstände stellt sich heraus, dass die Denotation der leeren Bezeichnung als die sekundäre Extension so (metaphorisch) fungiert - nach ihrer Art der Klassifikation wie mit „Nelson Goodman“ als „Don Quichotte“ dargestellt - oder verstanden – wird. Dabei können mehrere Wege beschritten werden. Ob eine fiktionale Darstellung denotiert, ist eine Frage der Funktion dessen, was in den jeweiligen Anwendungen, in damit verbundener komplexer Bezugnahme, gilt. Bei der Welterzeugung beteiligt sie sich als Mittel relativer „Existenzbehauptungen“ der fiktiven Ausdrücke.

(2) Der zweite Hauptmodus der Bezugnahme, nämlich „Exemplifikation“, kommt in allen Bereichen unseres alltäglichen Lebens vor. Das von Goodman hierzu verwendete Beispiel ist die Stoffprobe des Schneiders, die gewisse Etiketten (beispielsweise Stoffqualität und Farbe) exemplifiziert. Sie erfasst jede nicht-denotierenden Formen der Bezugnahme, in denen von rezeptiven Wahrnehmungen der Gegenstände und der Beschreibungen Bezug genommen wird.

Sie muss dabei von den Eigenschaften des Symbols abgrenzend unterschieden werden, die es tatsächlich besitzt und auf etwas Bezug nimmt, da nicht jede Eigenschaft, die ein Gegenstand oder ein Text besitzt, von ihm exemplifiziert wird. Exemplifizierende Eigenschaft funktioniert durch Deutung, Signale und Geübtheit, wie erwähnt, welche den Rezipienten beim Seh- und Lesevorgang (gegebenenfalls beim Hören oder Fühlen) auf sie wahrgenommen werden und von „angebrachten“ Individualisierungen in einen anderen Bezugnahmemodus gebräuchlich gemacht werden.

▼ 83 

Ein Gegenstand (bzw. literarischer Text) kann dabei sogar als Muster für etwas fungieren, exemplifiziert etwas, wenn er auf ein Prädikat, das von ihm ausgewählt wird, zugleich Bezug nimmt. Beispielsweise, wie Scholz es gebracht hat39, eine Tortenattrappe im Schaufenster einer Bäckerei exemplifiziert gewisse Prädikate, die ihr zufallen, andere nicht. Gewöhnlich wird die Tortenattrappe in dem angedeuteten funktionalen Zusammenhang als repräsentative Stichprobe für die Größe, Farbe etc. fungieren, aber nicht als die Probe für Geschmack, Haltbarkeit und Ähnliches. Diese Exemplifikation verläuft durch die Auswahl des Prädikates in die andere Richtung, d. h. vom Denotat, dem Beispiel oder der Probe zum Etikett, dem Symbol, das sie denotiert. Die Vorgänge der selektiven Exemplifikation sind im Rahmen „eines extensionalen Isomorphismus“ (Vgl. WW. 124/142f. – die Erläuterung folgt) zu betrachten, wobei es sich darum handelt, welche Etiketten der Eigenschaften ein Symbol jeweils (begrenzt) exemplifiziert, die zu dem betroffenen Symbol im negativen und positiven Verhältnis eines „globalen Isomorphismus“ selektiv stehen. Die globale Isomorphie fungiert dadurch, dass die exemplifizierten Eigenschaften ihrerseits auf die exemplifizierenden des Gegenstandes denotativ verweisen. Sie wird dadurch begrenzt, dass nicht alle Eigenschaften eines Gegenstandes exemplifiziert werden, sondern nur einige, auf die der Gegenstand verweist. Sie müssen - anders gesagt - in dem Gegenstand ansehnlich werden. Derartig etikettierte Eigenschaften werden in diesem Zusammenhang als „Merkmale“ ebenso als „begrenzte Isomorphie“40 charakterisiert. Exemplifizierende Symbole können zur Interpretation systematisiert werden: Es muss dabei probiert werden, ob ein Gegenstand in einem gegebenen Kontext „zweckmäßig“ als Muster fungiert, da Exemplifikation umgebungs-, raum- und zeitabhängig ist. Diese selektiven Verfahren zur Reduktion und Konstruktion liegen in der Kunst meist „komplizierter“ vor als bei der Probe der alltäglichen Gegenstände.

(3) Der „Ausdruck“ ist eine Form der Kombination aus den ersten beiden Modi und damit indes in nachfolgend bezeichneter Hinsicht: Er ist innerhalb der metaphorischen Exemplifikation angesiedelt, aber nicht jede metaphorische Exemplifikation ist ein Ausdruck. Eine besondere Bedeutung fällt ihr im Bereich der Künste zu: beispielsweise „Schein-Problematik“ zu lösen, wie doch in der modernen Kunst häufig auftreten. Bevor auf die ästhetischen Gegenstände noch mehr Augenmerk gerichtet wird, kann an dieser Stelle bereits festgehalten werden, dass sie auch bei der Beschreibung der symbolischen Funktionen von ästhetischen Bildern, von allergrößter Bedeutung sind. Der Begriff der Exemplifikation erlaubt es, den symbolischen Charakter nicht-denotierender Bilder (bzw. Beschreibungen) zu entziffern. Darüber hinaus liefert er die begrifflichen Mittel, Werke der so genannten „gegenstandlosen“ oder nicht-darstellenden Malerei in ihren symbolischen Funktionen zu charakterisieren:

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„Ein abstraktes Gemälde, das nichts darstellt und überhaupt nicht darstellend ist, kann ein Gefühl, eine andere Qualität oder eine Emotion oder Idee ausdrücken und somit symbolisieren, […] weil Ausdruck eine Art ist, etwas zu symbolisieren, was nicht im Bilde enthalten ist, was nicht empfindet […]“. (WW. 80)

Typischerweise symbolisieren scheinbar „nicht-expressive“ Kunstgegenstände nämlich in der Form des Ausdrucks. Ein alltäglicher Gegenstand kann auch anderweitig etwas ausdrücken und auf diese Weise als Symbol fungieren: Ein Stein kann beispielsweise in unterschiedlichen Umgebungen voneinander verschiedene symbolische Funktionen haben. Falls er unbeachtet herum liegt, wird nichts exemplifiziert. Ebenso funktioniert ein Gemälde von Rembrandt nicht mehr als Kunstwerk, wenn dieses als Fensterabdichtung, bloß als physikalischer Gegenstand „geblieben“ wird, ohne zu exemplifizieren. (Vgl. MM. 206f.) Unter der bestimmten Bedingung, der Musealisierung moderner Kunst - objekt trouvé - wird dagegen ein Stein jeweils verschiedenerlei exemplifizieren. Die symbolisierende Funktion, die dem Status des Kunst-Werdens zugrunde liegt, hängt von der Kontextbestimmung und von der Angemessenheit ab. Somit stellt sich die Frage der epistemologischen Kommunikation, genau welche Etiketten, die ihm zukommen, in welcher betreffenden konkreten Äußerungssituation des Objekts exemplifiziert wird.

(4) Die „komplexe Bezugnahme“ erschließt sich auf der Exemplifikation die Bezugnahmeweise, die auch als Kombination mit denotativer Bezugnahme bestimmt wird. Die durch einen Gegenstand bzw. Text exemplifizierten Etiketten (labels) der Eigenschaften können unter dem Modus der „fiktiven“ Denotation einen Bezug auf Individuen in der Realität modellieren. Somit sind auch „fiktive“ Welten notwendigerweise real, da sie die Welt nicht abbilden, vielmehr stellen sie die Welt(en) her:

▼ 85 

„Fiktion handelt also, ungeachtet dessen, wie falsch oder wie fernab sie sein mag, über Tatsächliches, wenn sie überhaupt über etwas handelt. Es gibt keine fiktiven Welten.“ (WW. 179)

Auf der Basis dieser Verweisfunktion entsteht eine quasi indirekte (angeeignete) Verbindung des Symbols in literarischen Fiktionen mit der Wirklichkeit, die zu erklären vermag, wie Beschreibungen, die in direkter oder wörtlicher Bezugnahme nicht die Realität darstellen, emotional anbelangen können und darüber hinaus auch Verhältnisse an der Wirklichkeit erkennen lassen, die z. B. wissenschaftliche Analyse nicht bemerkbar zu machen vermögen.

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(5) Die Symbolfunktionen Denotation, Exemplifikation und komplexe Bezugnahme sind mit den hermeneutischen Verfahren parallel zu vergleichen, die als Kommentar, Interpretation und Applikation bekannt sind. Überschlägig formuliert: Der Kommentar kann durch die denotative Bezugnahme rekonstruiert werden. Dabei handelt es sich indes darum, die außerhalb des Texts liegenden Bezüge der Beschreibungen zu eruieren. Die Exemplifikation lässt den Prozess der Interpretation beschreibbar machen und ergibt so ein klares Bild von dem, was gewöhnlich der „Sinn“ eines Textes im konnotativen Bezug bzw. im Übersetzungsargument genannt wird: Dieser Prozess ist ohne die Berücksichtigung von „Intention des Textes“ nicht möglich, wie Gabriel feststellt:41

„Während Goodmans Begriff der Exemplifikation sich als treffliches Werkzeug erweist, seine kontinentalen Entsprechungen analytisch auszubuchstabieren, wird an dieser Stelle der kontinentaler Begriff der Intentionalität dem Begriff der Exemplifikation zur Hilfe kommen müssen. Des Begriffs der Intention bedarf es insbesondere, um Exemplifikation im Sinn einer Bezugnahme auf relevante Eigenschaften verständlich zu machen. Relevanz ist eine Sache der Deutung, und verlässliche Deutungen sind nicht ohne die Berücksichtigung von Intention möglich.“

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Goodman zeigt am Beispiel „Don Quichotte“ gleichermaßen auf und erweitert durch seine Extensionstheorie. Die komplexe Bezugnahme erklärt den Umgang mit fiktionaler Literatur, welcher appliziert wird: Die konstruierten Sachlagen in fiktionaler Literatur verbinden sich in indirekter oder metaphorischer Weise mit der Wirklichkeit. Somit wird jede literarische Fiktion vergegenwärtigt: Über die kontrastiven Verhältnisse der beiden und das Thema, welche Thesen der Hermeneutik einer Klärung bedürfen bzw. haltbar erscheinen, erläutert Thürnau ausführlich in seinem Buch „Gedichtete Versionen der Welt“42. In dem Buch findet man viel Weiterführendes zu diesem Thema – eine detaillierte Erörterung des Themas wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter verfolgt.

Zum Abschluss dieses Kapitels, und insbesondere im Hinblick auf meine weiteren Ausführungen, sind folgende Charakteristika seiner Symboltheorie festzuhalten:

(1) Kunstgegenstände bzw. Artefakten können funktional als exemplifikative Proben in ihrem Wirklichkeitsgehalt betrachtet werden. Die Klassifikation eines Kunstgegenstandes ist keine andauernde Eigenschaft. Jeder Gegenstand kann also Kunstwerk werden, wenn er als Symbol fungiert, aber umgekehrt kann er diesen Status in jeder Zeit verlieren. Denn die Kunst als Symbol- bzw. Zeichenfunktionsprozess hängt davon ab, wann zwei oder mehrere Elemente in einer symbolischen Bezugnahme stehen, wann ein ausgedrücktes Symbol worauf Bezug nimmt oder unter welchen Feststellungen die Bezeichnung „extensional“ folgerichtig ist. Damit orientiert sich die Symboltheorie für die kunstwissenschaftliche Beschäftigung dahin, die „Was-Frage“ durch die „Wann-Frage“ abzulösen, d. h. welche Verwendungsweise eines Gegenstandes als Symbol ihn Status des Kunstwerkes verleiht.

▼ 88 

(2) Die Klassifikation der Kunst in angebrachte Sprachverwendungszüge, welche sich den Rezipienten gleichwohl nur in einem spezifischen Zugang zu eröffnen vermögen, ihr Gegenstand hat teil an vielfältigen und alltäglichen Interessen, Zugängen und Verwendungen und präsentiert sich genauso als Fall vielfältiger und komplexer Bezugnahme. Um die ausgewählten Eigenschaften konstruierbar zu machen, ist die Selektion der Art der Bezugnahme als adäquates System Voraussetzung. Mit diesem werden die verschiedenen Welten konstruktiv hergestellt. Solche Weltversionen sollen jedenfalls richtig erzeugt werden, da nicht alle Versionen automatisch richtig sind. Die Weltversionen sollen „widerspruchsfrei“, „fruchtbar“ und „zweckmäßig“ erzeugt werden - unter der Berücksichtigung einer vorher „nicht willkürlichen“ sondern äquivalent erzeugten Welt, d. h. auch einer richtigen Weltversion. Somit betont er „relativistisches“ anything goes, da sich die Welterzeugung von falschen und richtigen Weltversionen unterscheidet – über den Begriff „Richtigkeit“ und die Weltkonstruktion folgen im nächsten Kapitel vertiefende Ausführungen, in der vergleichenden Weise von Ways of Worldmaking wird in seinem VII. Kapitel eingegangen.

(3) Wieweit ihm die Auffassung „Kunst als Symbolsystem“ gelingt, wird versucht in den folgenden Kapiteln schrittweise zu erklären und weitergehend in sprachphilosophischer Hinsicht vertiefen. Anknüpfend hieran wird die zentrale Frage nach dem „Nonsens“ in den Mittelpunkt gerückt, so also, ob die Goodmansche Bezugnahme den dadaistischen Unsinn als ein Kunstfaktor klären helfen kann. Wie sollte man sich überhaupt annähren, um das erklärte Ziel „Sinn aus Unsinn“ der Dada-Produkte herauszufinden? Ist es möglich, den bestehenden Widersprüchen überzeugend zu entkommen? Diese Frage soll anhand der „seriös-ungewöhnlichen“ Begrifflichkeit und dem erkenntnistheoretischen Bestandteil seiner Symboltheorie beantwortet werden. Bevor darauf im zweiten Teil noch näher eingegangen wird, müssen zunächst die philosophischen Fakten vor dem Hintergrund seiner Symboltheorie Einordnung finden. Fragen, die sich in diesem Kontext stellen, sind etwa: Welcher „elliptische“ Sprachgebrauch ist der „richtige“? Wird nach Mehrheiten zugeordnet? Im Anschluss dieser Fragen gehe ich dem Ziel nach, Goodmans erkenntnistheoretische Position als philosophische Grundlage für seine Symboltheorie zu untersuchen. Danach wird erläutert, wie sich die Bezugnahme in der modernen Kunst aufeinander bezieht, wo sie anzutreffen ist und welche Funktionen ihr in den „Sprachen der Kunst“ zukommen.

I.2. Ästhetische Fakten aus der Goodmanschen analytischen Philosophie

Vorbemerkung:43

(1) Geht es um die Darbietung theoretischer Orientierungen und Verpflichtungen als Wesensarten der Theorie, so ist unverkennbar, dass es sich hierbei um kein leichtes Unterfangen handelt. So ist sich nämlich nicht jeder Philosoph darüber im Klaren, mit welchen Voraussetzungen er zu philosophieren beginnt. Die tiefsten und signifikantesten Überzeugungen bedeutender Denker sind in ihren Werken selten sofort augenfällig. Noch schwieriger scheint es, wenn die Begriffe lediglich anhand verstreuter Bemerkungen zu identifizieren sind, wenn „banale Gegenstände“ als Beispiele verwendet werden, wie er selbst sagt (Vgl. FFF. 13), die richtige Orientierung der Theorie zu finden, ohne dabei in ihre Trivialitäten zu verfallen. Infolgedessen darf sich die Untersuchung von methodologischen Gedankengängen eines Denkers wie bei Goodman nicht isoliert auf ein Werk konzentrieren. Vielmehr ist die Würdigung des philosophischen Gesamtschaffens ins Blickfeld zu rücken. Nicht selten sind auch Antagonismen, derentwegen es dann dem Interpreten belassen bleibt, aus dem Gewirr der Aussagen eine stimmige Methodologie zu entflechten. Der Unterscheidung von „deskriptiver“ und „normativer“ Methodologie geschuldet, wobei unbestritten der normativen Seite das stärkere Gewicht zufällt, wird festgelegt, unter welchen Voraussetzungen sachliche Probleme behandelt werden sollen. Diese Auswahl wird aber nicht nur in diesem Sinne getroffen, sondern oft gerechtfertigt; ausgeschlossen davon sind nur die „obersten“ Prinzipien. So ist in diesem Kapitel von zentraler Bedeutung, dass in philosophischer Hinsicht darüber zu entscheiden ist, ob man endlich eine nominalistische oder platonistische Ontologie vertritt und ob man relativistische, pluralistische oder fundamentalistische Ansätze wählt. Wenn ein maßgeblicher Teil der Arbeit in der Analyse des Nominalismus fußt, so ist dies der starken Neigung Goodmans zu diesem geschuldet. Dennoch - und nicht erst in seinen späteren Werken wie etwa Ways of Worl d making oder Of Mind and Other Matters, sondern auch schon in Structure of Appearance beschäftigt er sich mit dem Relativismus und Pluralismus. In dieser Epoche gilt sein Hauptaugenmerk vor allem dem Interesse am Konstruktivismus, einem methodologischen Anliegen, welches durch seinen Nominalismus geprägt ist.

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(2) Worin aber liegt der Nutzen dieser theoretischen Forschungen? In erster Linie liegt er darin, dass Philosophen, ausgehend von einer unterschiedlichen Grundüberzeugung einander verstehen. So wird doch in fachlichen Diskussionen immer wieder deutlich, dass selten „die gleiche Sprache“ gesprochen wird, d. h. mit den gleichen Äußerungen ganz unterschiedliche Dinge in Bezug genommen werden. So ist dann auch der Begriff des „Nominalismus“ ein Wort, dessen Sinngehalt entscheidend davon abhängt, von welcher philosophischen Grundkonzeption, sei es die Metaphysik, die Erkenntnistheorie, die Logik, die Semantik oder andere, man ausgeht.

Geht es um eine relativistische Haltung, so spricht für deren Existenz, dass, wenn jemand etwas behauptet, er gewisse Standards voraussetzt, nach denen seine Behauptungen als wahr oder falsch begutachtet werden, und von welchen deren Verständlichkeit abhängt. Indes sind diese Standards, seien es nun Regeln oder Werte, von den nachstehenden Wesensmerkmalen geprägt: Sie sind nicht Behauptungen oder Mengen von solchen, denn sonst unterliegt ihr Wahrheitsgehalt normativer Beurteilung; ganz wesentlich für sie ist die Befassung mit „menschlichen Handlungen“, sei es im alltäglichen oder wissenschaftlichen Leben. Weiterhin sind sie bisweilen spärlich dargetan und lassen sich nicht adäquat und vollends in der gewöhnlichen Sprache ausdrücken. Endlich sind sie in allen „kulturellen Systemen“ verankert und werden durch nicht-rationale Mittel durchgesetzt und aufrechterhalten. Sie gehen bei weitem über eine bloße Tatsachen- oder Wert-Unterscheidung hinaus und bestimmen so erst, was als Tatsache Geltung erlangt.

Derweil verwendet man aber oft inkompatible Standards, um Behauptungen über dieselben Sachen anzustellen. So betreffen diese Abweichungen die letzten oder höchsten von ihnen und man kann sich auf nichts mehr berufen, um ihre Korrektheit zu erweisen. Infolgedessen ist es also widersinnig daran zu orientieren, dass es eine korrekte Menge von letzten Regeln gibt, da solche nur beschrieben, jedoch nicht normativ bewertet werden können. Vielmehr ist jede Entscheidung zugunsten oder ungunsten solcher fundamentaler Standards rein zufällig.

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(3) Um diesen analytisch „akkuraten“ Denkkurs zu veranschaulichen, grenzt Goodman für seine Untersuchung der Begriffe, diese zunächst systematisch - und mit gewisser Skepsis - gegenüber einer synthetischen Betrachtungsweise, voneinander ab. Bei seiner Skepsis handelt es sich darum, die hinter den Gewissheiten bislang unerkannt gebliebenen Fälle zu überprüfen. Wie Kutschera44 bereits beobachtet hat, besteht Goodmans Leistung dieser analytischen Kritik darin, die hinter dem Sicheren versteckten Probleme, aufzuzeigen. Diese „skeptischen“ Einsichten gehören zu seinen bedeutendsten Leistungen was sich nicht zuletzt dadurch offenbart, dass diese zu geradezu dauerhaften Diskussionsanstößen avancierten, insbesondere im Zusammenhang mit dem Induktionsproblem. Die vielen Probleme, die er hinter scheinbaren Selbstverständlichkeiten auffindet, sind Aporien, für welche, wie ich in diesem Kapitel zeigen werde, nahe liegende Lösungsversuche angeboten werden. Solches Insistieren ist in einer „progressiv“ konstruktiven Betrachtungsweise ausgeprägt. Der konstruktive Teil der Analyse besteht daher im Versuch einer Rekonstruktion der Termini und Argumente mit präzisen begrifflichen Mitteln und exakten Begründungsverfahren. Dies ergibt sich freilich daraus, dass eine wissenschaftliche Philosophie auf Präzision der Begriffe und Exaktheit der Argumente begründet werden muss, da sich mit diffusen Begriffen nichts Klares sagen lässt und unklare oder unbegründete Aussagen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ungeeignet sind. Der dabei erzielte Fortschritt ist oft kompliziert und begrenzt, da es sehr viel schwerer ist kleine Probleme exakt abzuhandeln, als Unschlüssiges über große Probleme zu sagen. These und Antithese, Kritik und Rechtfertigung überragen zweifelhaft und informationsarm exponierte Behauptungen. Daher ist dem Fortschritt schon dann gedient, wenn ein Problem schon in der Weise abgehandelt werden kann, dass zumindest diejenigen Wege ausgeschlossen werden, die nicht ans Ziel zu führen vermögen. Für dieses Procedere spielt es dann keine Rolle mehr, ob mit der überzeugenden Kritik zugleich eine Lösung des aufgedeckten Problems präsentiert wird oder nicht. Goodman hat mehre streitige Fragestellungen unbeantwortet hinterlassen und auf eine fertige Lösung verzichtet bzw. nicht versucht. Als Philosoph bekennt er sich der „sokratischen Tradition des Nichtwissens“ als zugehörig. (LA. 7) Die Probleme sind nicht die Lösungen, aber die Fragstellungen sind mehr als die Antworten. Zugleich ergänzt sich seine philosophische Methode dahin, dass sie jener Richtung der analytischen Philosophie angehört. So wird in diesem Kapitel einleitend gerade seine analytische Philosophie von zentraler Bedeutung sein.

(4) Anknüpfend an den von vormaligen Theoretikern geschaffenen philosophischen Überbau - wie etwa Bertrand Russell(Kennzeichnungsphilosophie), Rudolf Carnap(Extensionstheorie), Willard Van Orman Quine(Eliminativer Extensionalismus) - hat Goodman seit den fünfziger Jahren eine Reihe besonders einflussreicher „konstruktivistischer Argumente“ gesammelt, die sich mannigfaltiger philosophischer Gedanken bedienen. Seine verschiedenen Gedankengänge entfalten sich in der großen Fülle der im Rahmen seines Schaffens behandelten Themen, wie er im Vorwort zu Of Mind und Other Matters – in Anbetracht der Orientierungen an geradezu universellen Denkrichtungen – herausstellt:

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„[…] der sich auf Gebieten zwischen Wissenschaftspolitik und Tanzkritik, zwischen Literaturtheorie und kognitiver Psychologie, zwischen Sprache und den Aufgaben von Museen, zwischen Erziehung und der Erzeugung von Welten bewegt.“ (MM. 9)

Als sprachphilosophisches Hauptthema, mit welchem sich Goodman seit den 60er Jahren beschäftigt, kann man die Funktionsanalyse der Sprache hervorheben. Dieses Thema wird in den verschiedenen Aufsätzen, wie etwa Likeness (PP. 421-448), Sense and Certainty (PP. 60-68), The Way the World Is (PP. 24-32) bearbeitet und wird auch zum Leitthema des Werkes Languages of Art. Ergänzung erfährt dies durch den Versuch, einen Ansatz für eine allgemeine Symboltheorie zu etablieren. Ausgehend davon, dass man „sprechende Sprache“ (z. B. Alltagssprache) gänzlich nicht verstehen kann, wenn es an einem fundierten Verständnis nicht-sprachlicher Symbolsysteme, wie bildliche Darstellung, musikalische Notation etc., fehlt, betont Goodman die erkenntnistheoretische Gleichberecht i gung der Künste gegenüber den Wissenschaften, genauer gesagt: der Philosophie bzw. der Ästhetik gegenüber der Wissenschaftstheorie. Dabei zeigt er, wie Kunst Erkenntnis ve r mittelt, indem der Erkenntnisbegriff im „universalen“ Bereich g e braucht wird. Demzufolge besteht Erkenntnis nicht allein im Faktum der Erkenntnis oder „prop o sitionaler Erkenntnis“ 45 , sondern Kognition: Diese Auffassung in Ways of Worl d making erweitert Goodman, nämlich der durch Kunst gewonnenen Erkenntnis zu Welterkenntnis. Die We l terkenntnis kann sich sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft begreifen, aber - durch die unterschiedliche Vielfalt ihrer gleichberechtigten Symbolsysteme – nicht in gleicher Weise. Die Welten sind nicht zu singularisi e ren, da die Systeme keine Korrespondenten – d. h. nicht ineinander übersetzbar - sind. Bei der Vie l falt von Weltversionen ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass jede für sich richtig ist, o b gleich sie miteinander im Widerstreit stehen: Jede Weltversion kann endlich ihre autonome Exi s tenz in einer pluralistischen Welt behaupten. Es handelt sich danach um die unvermeidbaren We l tenkonflikte, die nur „komplementär“ aufgelöst we r den müssen.

(5) Dieses an den philosophisch-kunsttheoretischen Fakten orientierende Kapitel setzt sich zum Ziel, den problematischen Induktiv-Schluss und den pluralistischen Welten-Gedanken zu untersuchen, um so jene Aspekte genauer ins Blickfeld zu nehmen, welche die philosophische Basis für seine kunsttheoretische Auffassung liefern:

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Das „neue Rätsel der Induktion“ und seine Entschlossenheiten haben wissenschaftstheoretisch eine Rolle bei der Formierung dessen Theorieprogramms gespielt, welche zu Kernfragen der in der Gegenwart andauernden Diskussion um diese einflussreiche Theorieströmung innerhalb der analytischen Philosophie der aktuellen Jahrzehnte avanciert ist. (Abschnitt 2.2.)

Seine Auffassung des Welt-Pluralismus kann direkt in die kunsttheoretischen Anwendung einbezogen werden, wenn das Goodmansche Argument angenommen wird, ergehen sich möglicherweise unangenehme Effekte für verschiedene theoretische Disziplinen, die sich auf die starken Ansprüchen eines epistemologischen Realismus beziehen, welcher die Fundamente für eine emotionale und ergänzbare Verankerung der Kunsttheorien untermauern soll. (Abschnitt 2.3.)

Weitere Schwerpunkte, die in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht umfassend oder gar abschließend recherchiert werden können, sind sein Nominalismus und die Kontroversen um den nominalistischen oder platonischen Standpunkt im so genannten modernen Universalienstreit, die Quine und Goodman in ihrer gemeinsam verfassten Abhandlung „Steps toward a Constructive Nomin a lism (1947) neu belebt haben (Vgl. Abschnitt 2.1.).

I.2.1. Nominalismus: Qualia/Individuum

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Goodman gilt neben Quine als der bedeutendste Vertreter der Richtung der analytischen Philosophie. Seine philosophischen Darlegungen umfassen alle Bereiche der theoretischen Philosophie. Somit hat er mit Quine den traditionellen Universalstreit neu aktualisiert, in dem beide den modernen Nominalismus vertreten.

Für Goodmans Erkenntnistheorie ist vor allem seine Konstruktion eines „phänomenalistischen Systems“ in seinem The Structure of Appearance hervorzuheben, das auf der Dissertation A Study of Qualities (Harvard 1941) beruht. Seine Arbeit knüpft an Carnaps Werk „Der logische Aufbau der Welt“ (1928) an, wobei Carnap versucht, eine systematische und exakte Rekonstruktion des phänomenalistischen Reduktionsprogramms zu offerieren, nach dem die normale Sprache über Dinge in eine Sprache über „Sinneseindrücke“ (Empfindungen) eines Subjekts übersetzt werden kann. Goodman kritisiert solche Ansätze Carnaps und sucht nach einer anderen Basis. Diese stützt sich für ihn erstens auf eine bahnbrechende Version der Definierbarkeitsforderung, die Goodman einleitend darstellt; zweitens auf die nominalistische Grundposition, die er gegenüber Carnap einnimmt. (Vgl. SA. L) Damit wird das für das Reduktionsprogramm zur Verfügung stehende logische Instrumentarium beträchtlich eingeschränkt und zugleich erneut verbessert. Goodman entwickelt aber einen Individuenkalkül, der in vielen Teilen Entsprechungen zum Klassenkalkül aufweist und damit überaus leistungsfähiger ist als die klassischen nominalistischen Systeme. Auf dieser Basis wählt Goodman als Grundobjekte nicht Empfindungen bzw. Sinneseindrücke, sondern Qu a lia - d. h. phänomenale Eigenschaften wie Farben, Zeiten, Blickpunkte und Töne etc. - und versucht die konkreten Dinge als Bündel von Qualia zu erklären.

In seiner mit Quine zusammenverfassten Abhandlung Steps towards a construkt i ve nominalism (PP. 173-198) gibt er eine Einführung in das nominalistische Programm. Dabei zeigt er, dass es für ihn außer Individuen keine anderen abstrakten Entitäten wie Klassen, Relationen oder Eigenschaften gibt:

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„We do not believe in abstract entities. No one supposes that abstract entities - classes, relations, properties, etc. - in space time; but we mean more than this we renounce them altogether.“ (PP. 173)

Diese Position wird von Goodman in A World of Individuals (PP. 155-172) dahingehend entschärft und modifiziert, dass er abstrakte Entitäten nicht mehr grundsätzlich ablehnt. Auch in The Struct u re of Appearance akzeptiert er solche abstrakten Gegenstände, nämlich „wiederholbare [phänomenale] Eigenschaften“ (r e peatable qualia). (Vgl. SA. 188f.) Dieser Konzession geschuldet, kann seiner Ansicht nach jede erlaubte Entität als Individuum konstruiert werden:

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„Nominalism as I conceive it (and I am not here speaking for Quine) does not involve excluding abstract entities, spirits, intimations of immortality, or anything of the sort; but requires only that whatever is admitted as an entity at all be construed as an individual.“ (PP.157)

Dieser Goodmansche Nominalismus unterscheidet sich von den traditionell nominalistischen Prinzipien dadurch, dass nicht nur konkrete Dinge als Grundobjekte zugelassen werden, sondern durch das Ausschließen der Klassen und der unbegrenzten Hierarchie von abstrakten Objekten (etwa Entitäten, Geister und Unsterblichkeitsahnungen), die zu dem Klassenbildungsprozess führen. Es kommt dabei nicht darauf an, welche Art von Individuen als Grundobjekte zugelassen wird, sondern nur darauf, dass die Grundobjekte im System (in Klassen bzw. unbeschränkter Hierarchie) als Individuen behandelt werden:

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„[…] whether the Great Dipper is an individual or a class of stars depends upon the system we are using.“ (PP. 158)

Dies heißt nach Goodman, dass zwei oder mehre Objekte im System als gleich gelten, die aus denselben Grundobjekten bestehen. Ebenso: Während die Klasse der Kompanien einer Division von der Klasse ihrer Regimenter verschieden ist, sind sie als Individuen identisch, da sie aus denselben Soldaten bestehen.

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Sein Nominalismus im Reduktionsprinzip fordert nur, dass diejenigen unterschiedlichen Entitäten in denselben Grundelementen derjenigen Entitäten nicht „ausgelegt“ - break down into (PP. 158) – werden:

„What I have tried to do so far is to explain my version of nominalism. In outline, I have said that the nominalist insists on the world being described as composed of individuals is to describe it by means of a system for which no two distinct entities have exactly the same atoms.

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Now, by way of justifying and defending the nominalism thus explained, I want to consider a number of objections to it.“ (PP. 163)

Beispielsweise zwar die Entitäten {a, b} und {{a}, {b}}aus denselben Grundelementen a und b bestehen, die Entitäten aber nicht identisch sind, was bei einem mengentheoretischen System (wie bei der Carnapschen Analyse) nicht der Fall ist.

I.2.2. Das „neue Rätsel der Induktion“: Projektion/Verankerung

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In Fact, Fiction and Forecast (1954) zeigt Goodman das Induktionsproblem auf. Für ihn besteht das Problem der Induktion weder darin, irgendeine Form beglaubigten Wissens zu erreichen, das keineswegs zu erreichen ist, noch in dem Unterfangen, einen begründungstheoretischen Hintergrund für ein bestimmtes Wissen zu liefern, das in der Praxis nicht existiert. Seine Präzisierungsversuche liegen vielmehr darin, für eine bereits bestehende Induktionspraxis die Regularitäten zu bestimmen, welche gültige induktive Schlüsse von ungültigen unterscheiden lässt. In der Wissenschaftstheorie ist seine Theorie der Induktion und der Bestätigung von Hypothesen durch Beobachtung hervorzuheben. (Vgl. FFF. 52-59):

Induktion ist diejenige wissenschaftliche Methode, welche aus dem Zutreffen eines Prädikats auf einen Gegenstand, das Zutreffen weiterer - und in diesem Sinne erweiterter Prädikate - auf andere und viele Objekte schließen lässt. Induktion ist in der Praxis - auch und gerade der wissenschaftlichen Praxis – durchaus allgegenwärtig, aber sie ist im Vergleich zu ihrem Gegenstück, der Deduktion, immer als schwächer, als in gewisser Weise unbefriedigend reflektiert worden. Denn während der deduktive Schluss aus wahren Vorbedingungen abgeleitet wird und immer zu wahren Folgerungen führt, gibt es kein Gesetz, das versprechen könnte, dass der induktive Schluss aus wahren Vorbedingungen zwingend eine wahre und generalisierende Bestätigung hervorbringt. (Vgl. WW. 153)

Vor dem Hintergrund dieser Einsicht stellt Hume auf eine subjektive Sichtweise des Zusammenhangs von Voraussagen aus althergebrachter Erfahrung ab: Gewohnheit, wenn also bestimmte Ereignisse wiederholt gemeinsam oder in Folge auftreten oder erscheinen, bewirke auch für die Zukunft eine Notwendigkeit, denselben Zyklus vorauszusagen. Zwischen den Fakten selbst bestehe jedoch keinerlei notwendige Verbindung.

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Dies kann noch genauer betrachtet werden, wenn Goodmans Rekonstruktion des Kuriosums im Kontext der Induktion unter die Lupe genommen wird. (Vgl. FFF. 81-84)

Gegen Humes Anschauung wird eine passende Begründung behauptet:

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„Humes Analyse beziehe sich bestenfalls nur auf den Ursprung der Voraussagen, aber nicht auf ihre Berechtigung; er spreche von den Umständen, unter denen man gegebene Voraussagen macht – und erkläre in diesem Sinne, warum man sie macht - lasse aber die Frage außer acht, wie weit man dazu berechtigt sei. Den Ursprung aufspüren, so lautet die alte Kritik, heiße nicht die Gültigkeit zeigen: Die eigentliche Frage sei nicht, warum eine Voraussage tatsächlich gemacht werde, sondern wie sie sich rechtfertigen lasse.“ (FFF. 82f.)

Wenn ein Erscheinungsbild anhand vom „herkömmlichen puristischen Bestehen“ (Vgl. FFF. 87) zwischen der Rechtfertigung der Induktion und der Beschreibung der gewöhnlichen Praxis fein getrennt werden soll, verbindet es dann aber mit einem aussichtslosen Rechtfertigungsablauf, das unmittelbar zur Suche nach denkbaren Rechtfertigungen für ein putatives „umfassendes Gesetz von der Gleichförmigkeit der Natur“ (FFF. 84) ausgeartet.

Wenn der induktive Schluss nach einem Maßstab zu suchen ist, welcher im Voraus den Wahrheitswert einer Voraussage festsetzen könnte, ist es de facto absurd: „Das liefe auf Hellsehen und nicht auf philosophische Erklärung hinaus“, dementiert Goodman. (FFF. 84) Eine befriedigende Behandlung des Induktionsproblems setzt daher voraus, dass dieses aus einer neuen Basis aufgestellt wird. Goodman zieht nun einen Vergleich mit der Rechtfertigung der Deduktion heran und verdeutlicht damit, dass der bei Hume sarkastisch kritisierte Rückgriff auf die Praxis des Schließens unabwendbar ist. (Vgl. FFF. 83f.)

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Eine Deduktion (z. B. Syllogismus) ist zunächst und banal dadurch gerechtfertigt, dass sie den Regeln des deduktiven Schlusses folgt. Wie aber können diese Regeln legitimiert werden? Die platonistische Verankerung derartiger Prinzipien in der Natur des menschlichen Geistes ist für einen „Anti-Realisten“ wie Goodman unannehmbar. Es gibt nur einen Lösungsweg:

„Die Regeln des deduktiven Schließens werden gerechtfertigt durch ihre Übereinstimmung mit der anerkannten Praxis der Deduktion. Ihre Gültigkeit beruht auf der Übereinstimmung mit den speziellen deduktiven Schlüssen, die wir tatsächlich ziehen und anerkennen. Wenn eine Regel zu unannehmbaren Schlüssen führt, so lässt man sie als ungültig fallen. Die Rechtfertigung allgemeiner Regeln leitet sich also von Urteilen her, die einzelne deduktive Schlüsse verwerfen oder anerkennen. Das sieht eindeutig zirkulär aus. Ich sagte, deduktive Schlüsse würden aufgrund ihrer Übereinstimmung mit gültigen allgemeinen Regeln gerechtfertigt, und allgemeine Regeln würden gerechtfertigt aufgrund ihrer Übereinstimmung mit gültigen Schlüssen. Doch das ist ein guter Zirkel.“ (FFF. 87)

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In dieser Hinsicht können die Regularitäten für induktive Schlüsse entwickelt werden, welche die anerkannte Praxis der Induktion widerspiegeln. Ein gerechtfertiger deduktiver Schluss, der diesen Regeln folgt, liegt dann vor. Somit schafft Goodman die Voraussetzungen für die Formulierung des „neuen Rätsels der Induktion“ und dessen auf die Praxis des Schlusses rückführbare Lösung.

Welche Hypothesen werden aber nun von bestimmten Beobachtungen aufgrund technisch richtigem Induktionsschluss gestützt? Was unterscheidet die Hypothesen, die sich induktiv stützen lassen von solchen, die dessen nicht befähigt sind? Das gesetzmäßige Kriterium ist jedoch dann aussichtslos, wenn die in Frage stehende Hypothese nicht legitimiert werden kann: Die Hypothese, dass alles Kupfer Strom leitet wird durch die Beobachtung, dass ein gegebenes Stück Kupfer Strom leitet, bestätigt - aber die Tatsache, dass ein bestimmter Mann der dritter Sohn ist bestätigt nicht die Hypothese, dass alle Männer im Raum dritte Söhne sind. (Vgl. FFF. 101) Die zweite Hypothese ist zufällig, gleichwohl die erste gesetzmäßig ist. Der Sachverhalt ist dennoch in der Tat sehr viel komplexer, wie in seinem folgenden Beispiel gezeigt wird:

Goodman nimmt ein seltsames, normal-funktionsstörendes - pathologisches - Beispiel „grot“ (grue) Smaragd: Das auf Gegenstände, die vor dem Zeitpunkt t untersucht wurden und „grün“ sind, und auf Gegenstände, die nicht vor t beobachtet wurden und „rot“ sind, zutreffen soll. Danach bestätigen dieselben Beobachtungen, bei denen Smaragde für „grün“ festgestellt wurden, sowohl die Hypothese, dass alle Smaragde „grün“, wie auch die Hypothese, dass alle Smaragde „grot“ sind. Daraus ergibt es sich, dass bisherige Erkenntnisse von „grünen“ Smaragden in gleicher Weise die Voraussage zulassen, dass alle künftig gefundenen Smaragde „grün“ sein werden, wie die Voraussage, dass alle Smaragde „grot“ und damit „rot“ sein werden, denn alle nicht bis t geprüften „groten“ Gegenstände sind der Identifikation nach „rot“. (Vgl. FFF. 98)

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Das so genannte „Goodman-Paradoxon“ besteht darin, dass dieselben Beobachtungen, bei denen Smaragde für „grün“ beurteilt werden, zwei verschiedene Hypothesen über die Farbe zukünftig gefundener Smaragde bestätigen, nämlich sowohl die Hypothese, dass alle Smaragde „grün“, als auch die Erwartung, dass alle Smaragde „grot“ sein werden. Goodmans Lösungsvorschlag läuft darauf hinaus, die Übereinstimmung der vergangenen und gegenwärtigen Projektionen der jeweiligen Prädikate und d. h. die Verankerung der Prädikate im allgemeinen Sprachgebrauch zu subsumieren. Demgemäß müssen Projektionen von Prädikaten wie „grot“ dann verworfen werden, wenn sie mit sprachlich besser verankerten Prädikaten wie „grün“ oder „rot“ konkurrieren. Dieses Paradoxon hat seinen Grund darin, dass sich hinsichtlich der begrifflichen und definitorischen Struktur „grot“ nicht von den Prädikaten „grün“ und „rot“ unterscheidet. Um Prädikate, mit deren Hilfe gerechtfertigte induktive Schlüsse möglich sind, von Prädikaten wie „grot“ unterscheiden zu können, muss nach Goodman die tatsächliche Verankerung der Prädikate im allgemeinen Sprachgebrauch analysiert werden. So zeigt sich, dass induktive Schlüsse nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie mit den allgemeinen Regeln bereits anerkannter Schlüsse übereinstimmen. (Vgl. FFF. 120f.) Dabei sind gültige Projektionen von Prädikaten, die unter der Voraussetzung bestätigter Fälle sich auf nicht gegebene Fälle beziehen, dadurch gekennzeichnet, dass ihr Projektionsprozess im realen Sprachgebrauch gut verankert ist. Entsprechend müssen Projektionen von Prädikaten wie „grot“ verworfen werden, wenn sie mit sprachlich besser verankerten Prädikaten wie „grün“ und „rot“ in jeweiligen Situationen konkurrieren, genauso wie der Fall des „Stiers“, dessen heterogene Eigenschaften vor den Zeitpunkten (t1, t2, t3….tn) unterschiedlich sind.

Allerdings kann die Verankerung der Hypothese, dass alle Smaragde „grot“ sind, durch die Regeln für gerechtfertigte Induktionen ausgeschlossen werden, denn die Hypothese würde sich nach Zeitpunkt t nur dann noch aufrechterhalten lassen, wenn allesamt nun neu beobachteten Smaragde „rot“ wären. Wie kann man aber diesen Ausschluss vollbringen?

Eine indes nahe liegender Versuch einer Lösung stellt sich desolat heraus:

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(1) Zufällige Hypothesen sind räumlich oder zeitlich beschränkt, betreffen nur bestimmte Individuen. Gesetzmäßige Hypothesen sind nur allgemein. Nicht nur die Hypothese von der „grot“ der Smaragde sperrt dieses Kriterium, es ist auch nicht auszuschließen, dass zufällige Hypothesen, wie die von den dritten Söhnen durch Substitution in allgemeine Aussagen verändert werden können, die sich auf exakt die gleichen Gegenstände beziehen.

(2) Gesetzesmäßige Aussagen müssen genuin qualitativ, sie dürfen „nicht raumzeitlich“ sondern „transzendental“ sein. Die Einsicht, dass „grot“ ein raumzeitlich zusammengesetztes Prädikat sei, „rot“ und „grün“ hingegen rein qualitativ ist relativ; man kann ebenso gut „rot“ und „grün“ anhand eines Zeitpunkts t zusammengesetzt auffassen, wenn die Prädikate „grot“ und „rün“ (rot vor Zeitpunkt t, grün danach) als atomare Basis gewählt werden. Dies verbindet sich mit dem Weltenpluralismus.

(3) Weswegen kann man sich nicht auf praktisch relevante, „vertraute“ Hypothesen beschränken? Gewisse Anomalien können nicht außer Acht gelassen werden, wenn man die Erkenntnistheorie intakt betrachten will.

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Indes weist das dritte Lösungsverfahren die Richtung für die Beantwortung des neuen Rätsels der Induktion, nämlich die Frage: Welche Hypothesen werden durch positive Präzedenzfälle bestätigt? Welche Prädikate sind projizierbar? Syntaktische Merkmale stehen dabei nicht zur Verfügung, sehr wohl jedoch Erfahrungen aus bisherigen Voraussagen und deren Erfolg oder Misserfolg. Diese wurden aber, so meint Goodman, entsprechend überlieferter Gewohnheit „mäßig“ betrachtet:

„Ich schlage also weniger eine Umformulierung als eine Umorientierung unseres Problems vor: wir wollen uns vorstellen, daß wir nicht mit leerem Kopf an das Problem herangehen, sondern mit gewissen Kenntnissen oder anerkannten Aussagen, die man bei der Erarbeitung einer Lösung durchaus einsetzen darf.“ (FFF. 112)

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Anknüpfend hieran entwirft Goodman eine Theorie der berechtigten „Fortsetzbarkeit“ von Prädikaten anhand einer Geschichte tatsächlicher Fortsetzungen. (Vgl. FFF. Kap. 4) Das grundlegende Prinzip ist die Berücksichtigung der „Verankerung“. Verankerung eines Prädikats kommt vor aus Funktionen wie der Anzahl von tatsächlichen Fortsetzungen des Prädikats in der Vergangenheit, oder ebenso aus der Konvention, nämlich aus dem Gebrauch eines Prädikats in der Tradition. Unter der Berücksichtigung des Prinzips der Verankerung - um die Fortsetzbarkeit von Prädikaten zu entscheiden - besagt nun eine von Goodmans Regeln, dass ein Prädikat nicht fortgeführt werden kann, falls dies im Antagonismus zur Fortsetzung eines essentiell besser verankerten Prädikats steht. (Vgl. FFF. 123) Dadurch wird man in gültiger Induktion fortführen „Alle Soundso sind grün“ als „Alle Soundso sind grot“. (FFF. 122)

In dieser Vorgehensweise „von einer objektiven zu einer erkenntnistheoretischen Uniformitätsvoraussetzung“ und von der Fragestellung „Was-Werden“ zu einem Rätsel „Was-Erwarten“ können wieder der Rechtfertigungsaporie entgangen werden. Nur eine „kognitive“ Auffassung des Induktionsproblems führt also aus den damit verbundenen Unlösbarkeiten heraus, und bei einem solchen Problem bieten sich auch gleichzeitig Lösungen an. Als ganz besonders imposanten Leistungen Goodmans kann einerseits die Vergrößerung und damit Komplettierung des Induktionsproblems in Rahmen seiner neuen Rätsel der Induktion aufgezeigt zu haben und andererseits durch seine Analysen die Grenzlinien, innerhalb derer man in der Wissenschaftstheorie ohne Rückgriff auf kognitive und pragmatische Begriffe und Prinzipien auskommt, festgeschrieben zu haben, herausgestellt werden.

Die letztgenannten Erwägungen kommen als der eigentliche Kernpunkt und die relevante Zusammengehörigkeit jener Goodmanschen Revisionen zum Ausdruck. Die exakte Darstellung dieser Regeln ist allerdings überaus komplizierter als seine hier zusammengefassten Argumentationen, da auch das Phänomen des Charakters von Verankerung innerhalb jeweiliger Prädikatshierarchien berücksichtigt werden muss. Ich will an dieser Stelle seine durchaus transparenten Problemstellungen mit folgendem Hinweis nicht weiterführend vertiefen, dass letztlich auch die Goodmanschen Entwürfe diesbezüglicher Theorien endigen; wenn freilich auch mit dem Hinweis, sich mit dem erreichten Resultat der Bereitstellung eines Systems von weiterführenden Argumenten Sinn zufrieden zu geben.

I.2.3. Theorie der Welterzeugung

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Goodmans Sicht auf die Welt ist getragen von einer skeptischen, relativistischen und pluralistischen Überzeugung – wie er selbst sagt (Vgl. WW. 13) - sowohl in erkenntnistheoretischer wie auch in ontologischer Hinsicht, folgt dies doch aus Einstellung und Denkweise, dass es so etwas wie absolute Kriterien, Standpunkte, Wahrheiten, absolutes Wissen, etc. nicht gibt. Im Vordergrund stehen die Analyse der Probleme sowie deren Lösungen, die mit Hilfe von konstruktionistischen Mitteln, die sich zum Teil stark auf die Logik beziehen, dargestellt werden. Anknüpfend hieran gelingt es ihm vorsystemische Ursachen zu erkennen, welche dann endlich Ausgangspunkt seiner Betrachtung sind. So geht Goodman etwa davon aus, dass deskriptive Merkmale nicht mit denjenigen der Sachen, die beschrieben werden sollen, verwechselt werden dürfen: Die neu gewonnene Struktur einer systematischen Beschreibung spiegelt nicht die Struktur der Welt, die beschrieben wurde, wider. Mit anderen Worten, wie die „Welt“ beschaffen ist kann also nicht schon daraus folgen, wie diese gesehen oder beschrieben wird. Geradezu denknotwendig ist Goodman auf dieser Grundlage davon überzeugt, dass das „Gegebene“ nicht zu erfassen ist. Diesem Standpunkt liegt die Annahme zugrunde, dass es so etwas wie „eine“ Welt nicht gibt, deren Abbildung die Aufgabe der Erkenntnis – womöglich nur der wissenschaftlichen – wäre. Schon eher gibt es aus seiner Sicht viele „Welten“, was der Überzeugung geschuldet ist, dass diese unterschiedlich richtig beschrieben werden können. Eher wird die Welt durch einen konstruktiven Kognitionsprozess gemacht. In diesem Prozess verschwindet „die“ eine Welt, und an ihre Stelle treten verschiedene Sichtweisen oder „Weltversionen“. Darüber hinaus stellen sich folgende Fragen (Vgl. PP. 24-32; The Way the World Is):

(1) Was ist aber gemeint, wenn Goodman auf die Existenz „vieler Welten“ abstellt? Worin unterscheiden sich „wirkliche“ und „nichtwirkliche“ Welten? Wie entstehen sie?

(2) Was ist deren Fundament oder worin haben sie ihre Grundlage?

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(3) Wie beteiligen sich Symbole beim Erschaffen von Welten? Was verbindet die Erzeugung der Welten und deren Erkenntnis?

(1) Zunächst folgt nicht schon daraus, dass der Hypothese der Existenz einer Vielzahl von Welten die Annahme folgt, diese würden quasi als Alternativen zu einer einzigen wirklichen Welt aufzufassen sein. Die verschiedenen Weltversionen bestehen in ihrer Vielheit normativer Interessenlagen, Wertigkeiten und Gewichtungen von Belangen unabhängig voneinander. Eine konstitutiv vereinheitlichende Reduktion findet nicht statt. Zwar ist es nicht auszuschließen, dass aus einer gegebenenfalls vergleichbaren „Valenz der Belange“ folgen kann, dass eine Weltversion auf ein andere begrenzt ist, so kann dies jedoch keinesfalls für alle Weltversionen angenommen werden. Geht es aber um die Transparenz dieser inneren Wechselbeziehung zwischen den Weltversionen, so sind deren partielle Interferenzen unbestritten umso mehr geeignet, diese zu kennzeichnen. Wenn Versionen in der einen Weise auf physikalische reduziert werden können, dann sind sie in einer andern Weise auf phänomenalistische begrenzbar.

(2) Unter der nominalistischen Einschränkung, dass „eine Welt von Individuen“ und damit die Menge der zu definierenden Objekte endlich ist bzw. nicht ohne beweisende, logische Bezugnahmen vermehrt werden darf, stellt sich für Goodman im Zusammenhang mit seiner später entwickelten pluralistischen Welterzeugungstheorie das Problem, wie sie mit der These in Übereinstimmung gebracht werden kann, dass es viele - desgleichen gerechtfertigte - Weltversionen gibt. Goodman schließt die Untersagung der Ermehrung von Entitäten aber deswegen keine alternativen Weltversionen aus, weil es sich nur auf eine bestimmte Individuenbasis bezieht.

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(3) So gibt es verschiedene Kategorien und Richtungen der Reduktion, derentwegen Goodman die Notwendigkeit einer analytischen Erforschung von Typen und Funktionen von Symbolen und Symbolsystemen folgert, wenn auch greifbare Resultate hieraus nicht ersichtlich sind: Die „Welterzeugung“ erfolgt mit Hilfe von allgemeinen Symbolen. Die Symbole, mit denen „Versionen“ der Welt erzeugt werden, werden zu Symbolsystemen zusammengefasst. Zu denen gehören z. B. die Wissenschaften, die Philosophie oder die Künste. Es gibt demnach viele verschiedene solcher Symbolsysteme. Daraus ergeben sich dito verschiedene „Weisen der Welterzeugung“. Wenn sich diese Weisen teilweise auch sehr unterscheiden mögen (etwa Wissenschaft und Kunst), so stehen sie doch allgemein gleichberechtigt nebeneinander. Keine ist aber dominanter. Eine absolute, erkenntnistheoretisch höhere Priorität hat keine vor den anderen. Wissenschaften und Künste unterscheiden sich daher im Zusammenhang des Symbolgebrauchs, sogar nicht einmal in der Richtigkeit oder Wahrheit zur erreichbaren Welt. Da Welten überhaupt nur in „Beobachtungssprachen“ und niemals „an sich“ zu haben sind46, gibt es keine Kriterien zur Beurteilung für die Richtigkeit einer Weltversion in Bezug auf die Welt an sich.47

Resümierend heißt das, dass Welten auf verschiedenste Weise konstituiert und erschaffen werden, wobei dieses Erschaffen ein Umschaffen ist, da deren sie kennzeichnendes konstitutiv - stoffliches Gefüge - Materie, Energie, Wellen, Phänomene, etc. – Stoffe sind (Vgl. WW. 120), die ihren Ursprung in anderen Welten haben. Dazu meint Goodman, dass man Wörter ohne eine Welt - jedoch keine Welt ohne Wörter oder andere Symbole - schaffen kann. Final richtet er dabei sein Interesse auf diejenigen Prozesse, die den Aufbau einer Welt aus andern Welten begründen:

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„Jedenfalls nicht aus nichts, sondern aus anderen Welten. Das uns bekannte Welterzeugen geht stets von bereits vorhandenen Welten aus; das Erschaffen ist ein Umschaffen. Anthropologie und Entwicklungspsychologie können zwar die Sozial- und Individualgeschichte solcher Weltschöpfungen erforschen, doch die Suche nach einem allumfassenden oder notwendigen Anfang sollte man doch lieber der Theologie überlassen.“ (WW. 19)

„In Wirklichkeit beschäftige ich mich mehr mit bestimmten Beziehungen zwischen Welten als damit, wie oder warum einzelne Welten aus anderen erzeugt werden.“ (WW. 20)

I.2.3.1. Weisen der Welterzeugung

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Für den Aufbau einer Welt aus anderen Welten stellen sich einige, weitere Fragen, die neu zu beantworten sind. Eines der Entwürfe, die Goodman durchgearbeitet hat, ist die Auffächerung des Problems der Welterzeugung in der Praxis. Welche Prozesse liegen einer Ausdifferenzierung von Welten zugrunde? Im ersten Kapitel von Ways of Worldmaking (Vgl. 20-30) gibt Goodman folgende Antworten, die vordringlich für die Symboltheorie relevant sind und im Kontext der Prozesse, nämlich der Komposition und Dekomposition von Entitäten, Gewichtung, Ordnung, Tilgung, Ergänzung und Deformation zu lesen sind:

(1) (De-)Komposition

Zur Veranschaulichung und Differenzierung empfiehlt es sich dabei die Ganzheiten in Teile, die Arten in Unterarten und Systeme in Subsysteme zu zerlegen. Geht es um Sachkomplexe, so können diese nach ihren charakteristischen Bestandteilen untersucht und so Unterschiede gekennzeichnet werden. Ambivalent hierzu können Ganzheiten von Arten aus Teilen, Gliedern und Unterklassen komplettiert und Sachkomplexe aus verschiedenen Merkmalen kombiniert und verbunden werden. Dieser Prozess wird vollzogen, gestützt oder gefestigt durch Verwendung von Etiketten: Namen, Prädikaten, Gesten, Bildern, etc. (Vgl. WW. 20)

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Eine metaphorische Übertragung, sei es die Transformation von (z. B.) Geschmacksprädikaten auf Klänge, Farben auf Stimmungen, würde einerseits bewirken, dass der neue Anwendungsbereich der Prädikate umsortiert und andererseits eine Beziehung zwischen dem neuen und dem ursprünglichen Bereich hergestellt wird. Erst die Einteilung in Klassen und Arten schafft Identifikation. Veranschaulichend sollte man etwa auf die Frage „dasselbe oder nicht dasselbe?“ eigentlich die Gegenfrage stellen „dasselbe was?“, indem man auf bestimmte Tatsachen und Ereignisse Bezug nimmt. (Vgl. WW. 20f.)

Deutlicher wird der verbale Verweis auf eine Sache mit der Folge, dass zwar verschiedene Ereignisse in Bezug genommen werden, diese aber immerhin aber auf dasselbe Zielobjekt gerichtet sind; so etwa z. B.: verschiedene Städte, aber derselbe Staat; verschiedene Mitglieder, aber derselbe Klub; verschiedene Klubs, aber dieselben Mitglieder etc. Welt- oder Systemidentifikation ist Identität im Hinblick auf dasjenige, was innerhalb dieser Welt ist. (Vgl. WW. 21)

Keineswegs können jedes Mal neue Welten erzeugt werden, wenn die Dinge vertauscht, zerlegt und auf andere Weise zusammengesetzt werden. Welten können sich dagegen darin unterscheiden, dass nicht alles, was als selbstverständliches Bestandteil zu einer gehört, auch Urmasse der anderen ist. Weiter gibt es innerhalb bestimmter Welten gleiche Klassen, die aber nach Relevanz gewichtet werden können. Einige Welten enthalten genau die gleichen Klassen, die aber nach ihrer Relevanz unterschieden werden:

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„In diesen letzten Fällen unterscheiden sich Welten in den relevanten Arten, die sie umfassen. Aus zwei Gründen sage ich >relevant< und nicht >natürlich<: erstens ist der Terminus >natürlich< nicht dazu geeignet, sowohl biologische Spezies als auch so künstliche Arten wie musikalische Werke, psychologische Experimente und Maschinentypen zu umfassen; und zweitens deutet >natürlich< auf eine absolute kategoriale oder psychologische Priorität hin, wohingegen die fraglichen Arten eher solche sind, die aus Gewohnheit oder Tradition vertraut oder für einen neuen Zweck erdacht worden sind.“ (WW. 23)

(2) Gewichtung

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Oft sind Welten nicht im Hinblick auf Entitäten sondern hinsichtlich der Betonung oder der Akzentuierung verschieden. Der Einwand, diese Beurteilung würde Goodmans nominalistischer Doktrin zuwiderlaufen, nach welcher es keinen Unterschied ohne eine Differenzierung der Individuen geben kann, ist abzulehnen, da die Argumentationslinie Goodmans nur für „numerische“48 Unterscheidungen gilt.

Gravierende Unterschiede in Akzentuierung und Betonung zeigen sich in den Künsten. Unterschiede im Akzent der Aspekte, genannt seien hier z. B. Bilder von Klee und Kandinsky, machen dies deutlich. Das, was als Betonung zählt, ist eine Abweichung von dem relativen Vorrang, den man den jeweiligen Merkmalen in der Welt, wie man sie gewöhnlich sieht, einräumt. Nicht zwingend „zweiteilig“ ist jede Betonung und Gewichtung, folgt dies doch schon aus der damit in Bezug genommenen semantischen Hinsicht: (z. B.) „Ein Gedicht, indem kein einziges Wort für Traurigkeit vorkommt und keine einzige traurige Person erwähnt wird, kann in seiner Sprachqualität traurig sein und in prägnanter Weise Trauer ausdrücken.“ (WW. 23)

(3) Ordnen

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Das Sortieren in relevante und irrelevante Arten oder in wichtige oder unwichtige Merkmale macht dies deutlich. Einstufungen nach Relevanz, Wichtigkeit, Nützlichkeit oder Wert ergeben häufig eher Hierarchien statt Dichotomien. Konstruktive Systeme unterscheiden sich nach ihrer Ableitungsordnung, welche sich nach Umständen und Zielsetzungen ändern; auch beruht jedwedes normatives Klassifizieren und Messen auf Ordnung. In der Welt verankerte organisationale Strukturen sind in dieser geschaffen und werden nicht „angetroffen“. Wenn auch Welten sich hinsichtlich ihrer Entitäten oder der Betonung nach nicht unterscheiden, so können sie gleichwohl verschieden geordnet sein.

(4) Tilgung und Ergänzung

Weglassen und Auffüllen sind mechanischer Takt der Erzeugung von Welten aus einer anderen. Die künstlerische Prozedur heißt, dass einiges von dem alten Material weg geschnitten und neues hinzugefügt werden muss. Ebenfalls versucht ein Wissenschaftler auch eine Welt zu bauen, die mit den Begriffen übereinstimmt, die er gewählt hat und die den „universellen“ Gesetzen folgt, die er fingiert hat. So tilgt er z. B. die Restzahl eines Digitalthermometers mit Zehntelgradeinteilung, wenn zwischen 90 und 90,1 Grad keine Temperatur erfasst wird. (Vgl. WW. 29)

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(5) Deformation

Endlich sind Veränderungen innerhalb von Welten davon geprägt, dass diese sich je nach Standpunkt entweder als Korrekturen oder als Verzerrungen betrachten lassen. Plastisch wird dies gleichwohl in der Karikatur, jedenfalls dann, wenn diese von einer Überpointierung in tatsächliche und finale Verzerrung übergeht. Wenn diese Prozesse auch simultan auftreten, so lassen sie die angeführten Beispiele dennoch gleich gut in mehrere Rubriken gliedern; so kann man „einige Veränderungen jeweils entweder als Neugewichtung, Neuordnung oder Neugestaltung oder als alle drei zusammen betrachten und einige Tilgungen sind zugleich Fälle unterschiedlicher Komposition.“ Da es nach Goodman „eine“ wirkliche Welt nicht gibt, ist es undenkbar, eine endgültige Systematisierung zu finden. (Vgl. WW. 30)

Welches sind aber die Ziele der Welterzeugungen und wo liegen die Grenzen? Wann ist die Erzeugung der Welt erfolgreich und welche Maßstäbe sind dafür verantwortlich?

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Diese Fragen, ausgehend davon, dass von Wahrheit nur da gesprochen werden kann, wo die Weltversionen sprachlich sind und aus Aussagen deklaratorisch - zusammengefassten - Inhalts bestehen, können beantwortet werden: Korrespondenz als Übereinstimmung mit „der Welt“ setzt deren Bestehen voraus - dies lehnt ja Goodman definitiv ab, da es für jede Version eine Welt gibt. Dabei wird aber Korrespondenz mit je einer Welt doch nicht ganz ausgeschlossen. Daraus ergeben sich die Schwierigkeiten der Entzifferung des Begriffs „Wahrheit“, wie Goodman darauf hinweist. (Vgl. WW. 31-34)

(1) Ziele: Überzeugungen sind in Begriffen gefasst, die von Regeln geprägt sind. Regeln in diesem Zusammenhang sind Bezugsrahmen, Gewichtungen u. a. Maßstäbe. Wahrheitsfindung ist nicht das alleinige Ziel der Wissenschaft und der Wissenschaftler widmet sich auch nicht ausschließlich der Suche nach Wahrheit. Er achtet vielmehr auf gewichtige und übergreifende Strukturen, aus denen sich herausragende Verallgemeinerungen abzeichnen. Banale Wahrheiten stehen dahinter zurück. Systematisierung, Einfachheit und Richtigkeit werden auf diese Weise zur einen Wahrheit fundiert, die dennoch nur Ergebnis der Folgerungen dieser Prinzipien bleibt. Durch die methodologischen Forderungen und Voraussetzungen steht damit normativ fest, was wahr ist und was nicht.

(2) Grenze: Immerhin wird eine Version aber umso mehr dann wahrgenommen, wenn sie keinen hartnäckigen, d. h. bislang pragmatisch nützlichen Überzeugungen widerspricht und nicht mit dem eigener Regelung bricht. Zu den über einen bestimmten Zeitraum stabil bleibenden Überzeugungen können langlebige Vorstellungen über Gesetze der Logik, wie kurzlebige Überlegungen zu jüngeren Beobachtungen gehören und andere Gewissheiten und Vorurteile, die unterschiedlich tief verwurzelt sind. Ohnehin ist die Grenzziehung zwischen Überzeugung und Regel weder trennscharf noch beständig.

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(3) Maßstäbe: Wenn aber das Welterzeugen weit über Theorien und Beschreibungen, Aussagen, Sprachen hinausreichen soll, wird damit offenkundig, dass die Differenzierung von wahr und falsch unzulänglich ist, dass hieraus ein genereller Unterschied zwischen richtigen und falschen Versionen nicht zu greifen ist. So zieht Goodman dem Begriff der „Richtigkeit“ dem Prinzip „Wahrheit“ vor. (Vgl. WW. 33) Mit Richtigkeit verbindet er neben normativer Wahrheit auch Assoziationen der Akzeptanz, die manchmal Wahrheit ergänzen und sogar mit ihr konkurrieren, oder die bei nicht-aussageförmigen Versionen Wahrheit ersetzen.

(4) Falls zwei widerstreitende Aussagen nicht beide „wahr“ in einer Welt sein können, dann ist dies nicht nur dahin zu verstehen, dass vermeintliche Nichtübereinstimmungen zwischen Wahrheiten darauf hinaus laufen, dass verschiedene Bezugsrahmen und Konventionen im Spiel sind. Infolgedessen darf man entweder eine von zwei widerstreitenden Versionen als „falsch“ dementieren oder sie in verschiedenen Welten für „wahr“ halten.

I.2.3.2. Welten im Widerstreit

Es handelt sich bei den konfligierenden Welten nicht um Inkommensurabilitäten aus der Wissenschaftstheorie, wie das folgende, letalste Beispiel49 zeigt: Der Soldat, der ein Anhänger der heliozentristischen Weltversion ist, bekommt von seinem Befehlshaber, der ein Anhänger der ptolemäischen Weltversion ist, das Kommando, den Gefangenen zu erschießen, falls sich dieser bewegt. Der Soldat erschießt ihn auf der Stelle. Der Befehlshaber zieht ihn zur Rechenschaft: „Er hat sich nicht bewegt“. Der Soldat: „Der Gefangene hat sich gemeinsam mit der Erde bewegt.“ Mit diesem Beispiel kann gezeigt werden, dass sich der Frieden so einfach nicht immer hervorbringen lässt. Die beiden folgenden Aussagen sind wahr, obwohl sie ihre gegenseitige Aberkennung ausdrücken. Sie widerstreiten sich: „Die Erde bewegt sich nicht!“ „Die Erde bewegt sich doch!“ Geht es darum eine Versöhnung der widerstreitenden „Wahrheiten“ in Bezug zu nehmen, so kann nicht selten die Beseitigung von Mehrdeutigkeiten in Sätzen mit dem Rückzug auf elliptisch-, zeit- und oder raumabhängige Kategorien abgeholfen werden.50 Freilich lassen sich Beispiele benennen, die unzweifelhaft nicht auf Mehrdeutigkeiten beruhen:

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(1) Die Erde steht still.

(2) Die Erde tanzt die Rolle der Petruschka.

Wenn die beiden Aussagen elliptisch aufgefasst werden, da sie sich offensichtlich auf unterschiedliche Systeme beziehen, stehen sie nicht mehr miteinander in Konflikt:

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(3) Im ptolemäischen System steht die Erde immer still.

(4) In einem bestimmten Strawinsky-Fokine-mässgen System tanzt die Erde die Rolle der Petruschka.

Die beiden vorgenannten Sätze sind aber noch keine vollständigen Formulierungen der anfänglichen Abfassungen. Diese einbezogen, ergibt sich:

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(5) Die Könige von Sparta hatten zwei Stimmen.

(6) Die Könige von Sparta hatten nur eine Stimme.

Damit liegt auf der Hand, dass mindestens eine der Aussagen falsch ist, während dieser Fehler nachstehend entfällt, sind beide Abfassungen doch wahr.

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(7) Herodot zufolge hatten die Könige von Sparta zwei Stimmen.

(8) Thukydides zufolge hatten die Könige von Sparta nur eine Stimme.

Verschiedene Fragen sind, ob jemand eine Aussage macht und ob diese Aussage wahr ist. Ist Satzgruppe 2 im Gegensatz zu Gruppe 1 neutral bezüglich der Erdbewegung.

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Stellte man auf bestimmte Bezugspunkte ab – ohne sich auf Systeme und Versionen wie etwa in Satzgruppe 1 zu stützen, so könnte darin ein Ausweg liegen:

(9) Die Erde rotiert, wenn die Sonne als bewegungslos aufgefasst wird.

(10) Die Erde ist bewegungslos, wenn die Sonne als um sie kreisend aufgefasst wird.

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Aber:

(11) Die Erde rotiert relativ zur Sonne.

(12) Die Sonne kreist relativ zur Erde.

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Die Gegenüberstellung macht deutlich, dass das Dilemma sich keineswegs von selbst auflöst: Sagt doch (11) nicht ganz so wie (9), dass die Erde rotiert und umgekehrt (10) und (12) nicht ebenso still steht. Goodman löst diesen Konflikt endlich darin, dass solche Aussagen in verschiedenen Weltversionen angesiedelt werden können.

Ein weiterer Ansatz, die Kompatibilität von zwei Versionen mit widerstreitenden Aussagen darzutun kann darin bestehen, dass man versucht, in der Welt auf gewisse Merkmale, die für den Nicht-Einklang verantwortlich waren, zu verzichten. In (9)-(12) z. B. abstrahieren wir von der Bewegung und begnügen uns mit Variationen der Distanz in Abhängigkeit der Zeit. Zur Veranschaulichung wird ein weiteres Beispiel gegeben.

Verloren gegangen sind indes die Informationen über das Verweilen und das Sich-Bewegen einzelner Objekte, wobei die relativierten Aussagen sogar zusammengefasst werden können:

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(13) Die räumlichen Beziehungen zwischen der Erde und der Sonne variieren mit der Zeit entsprechend der Formel. Eine unter praktischen Erwägungen in vielen Facetten leere Aussage wird als das Paar der beiden originären Aussagen verständlich.

Sind die beiden nachstehenden Aussagen in verschiedenen mathematischen Systemen wahr, so ist dies einer Sprache geschuldet, die informell die mathematischen Strukturen von Entitäten beschreibt.

(14) Jeder Punkt wird durch eine vertikale und eine horizontale Gerade erzeugt.

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(15) Kein Punkt wird durch Geraden oder etwas anderes erzeugt.

Denkbar ist ein gemeinsamer Raum, in welchem in Abhängigkeit der Wahl der atomaren Individuen der Konstruktion, die eine oder die andere beider der beiden Aussagen wahr ist - wenn aber der Raum Punkte gemäß (14) bzw. Punkte gemäß (15) enthält, ist gleichwohl eine Gegensätzlichkeit festzustellen. Eine Deskription der Welt auf Grundlage eines gemeinsamen Raumes ist dann nicht frei von Widersprüchen und deren Brauchbarkeit ist fraglich. So sind beide Systeme nur mit der Maßgabe einer strikten Trennung der Welten zu beschreiben. Eine Lösung für dieses Problem bietet Goodman in Structure of appea r an ce an, indem er eine neue Menge von Kriterien benennt, auf deren Grundlage er entscheidet, ob ein in Bezug genommenes System richtig ist. So substituiert er die Forderung nach „extensionaler Kongruenz“ zwischen der Deskription in einem bestimmten System mit dem innerhalb desselben Beschriebenen durch das Anliegen einer weniger starken Relation, die Goodman als extensionalen Isomorphismus definiert.

Ob Klassen von Aussagen bei der Transformation ins System ihren Wahrheitswert beibehalten müssen, ist dasjenige, was hier in Rede steht. So ist es genau das Ansinnen der Übersetzbarkeit von so genannten „absoluten Relationen“ in einem mit extensionaler Identität operierenden Programm, die in den Diskursbeispielen zu Widersprüchen führt. Ein informelles Beispiel (Vgl. SA. 10f.) mag dies veranschaulichen: (14) und kann äquivalent umgeformt werden zu

▼ 129 

(16) Jeder Punkt ist ein Schnittpunkt einer vertikalen und einer horizontalen Geraden.

Wenn nun Aussage (15) in dieses System übersetzt wird, erhält man

(17) Kein Schnittpunkt einer vertikalen und einer horizontalen Geraden wird durch Geraden oder etwas anderes erzeugt.

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Dieser Satz ist eindeutig falsch, im System von (15) würde jedoch eine „Wiederholung der Synonyme“ bei der analogen Übersetzung vorkommen. Der Widerspruch kommt vor, da unter dem Postulat extensionaler Identität Substitution - die Ersetzung einer sprachlichen Einheit durch eine andere innerhalb eines konstant gehaltenen Beschreibungsrahmens zum Zwecke der Erkenntnis und Beschreibung von Funktion - unter den hier vorliegenden Bedingungen erlaubt ist: Homogenes kann durch Homogenes ersetzt werden. Goodman fordert hingegen unter dem Titel extensionaler Isomorphismus nur, dass durch das System eine Gesamtkorrelation aufgestellt wird, die mit folgender Definition klar gestellt wird (Vgl. SA. 10f.):

Extensionaler Isomorphismus:

A relation R is isomorphic to a relation S in the sense here intended if and only if R can be obtained by consistently replacing the ultimate factors in S. Consistent replacement requires only that each not-null ultimate factor be replaced by one and only one not-null element; that different not-null ultimate factor be always replaced by different not-null elements; and that the null class be always replaced by itself. [Eine Relation R ist isomorph zu einer Relation S genau dann, wenn R das Ergebnis einer konsistenten Ersetzung der atomaren Individuen in S ist. Konsistente Ersetzung erfordert, dass jedes nicht-leere Individuum durch genau ein nicht-leeres Element ersetzt wird; verschiedene nicht-leere Individuen werden durch verschiedene nicht-leere Elemente ersetzt; die Nullklasse wird durch sich selbst ersetzt.]

▼ 131 

Die Beispielsätze können nun als Korrelationsbeziehungen neu vorgestellt werden. Sie sind miteinander verträglich:

(18) In dem betreffenden korrekten System korreliert jeder Punkt mit einer Kombination aus einer vertikalen und einer horizontalen Geraden.

(19) In dem (einem anderen) betreffenden korrekten System korreliert kein Punkt mit einer Kombination irgendwelcher anderer Punkte.

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Um die Reichweite des extensionalen Isomorphismus korrekter zu verstehen, sollte man sich folgende Frage vor Augen führen: Was wird man im Fall der Ablösung von Identität durch Isomorphismus „intuitiv“ erwarten? Es geht dabei prinzipiell um die gleichberechtigte Formulierung von nicht-intuitiven Korrelationen mit überlieferten „natürlichen“ Korrelationen.

In diesem Kontext macht Goodman geltend, dass in den meisten Fällen Merkmale wie „Natürlichkeit“ oder „technische Verwendbarkeit“ nahezu immer relativ zu einem System sein werden. Der Mangel einer Verbindlichkeit zur Nicht-Identität der korrelierten Elemente und das Fehlen einer Verbindung zu deren Identität prägen den Entwurf Goodmans. (Vgl. SA. 20) Auch hinsichtlich der Anwendungen ist nicht damit zu rechnen, rivalisierende Alternativen eröffnen, welche sich neben den konventionellen Korrelationssystemen etablieren.

Einem sachlichen Maßstab kann der extensionale Isomorphismus durchaus dienen. Eine „widerspruchsfreie“ Substitutionsregel für das System sämtlicher Prädikate wird folglich benötigt. Auch fehlt es an der Gleichförmigkeit des extensionalen Isomorphismus: So können unteilbare Individuen in S durch komplexe Ausdrücke in R ersetzt werden; indes müsste aber jedem bei der Rückübersetzung der in diesen enthaltenen atomaren Individuum, einen Element erneut zugeordnet werden können. (Vgl. SA. 11)

▼ 133 

Maßgebliche Widersprüche zwischen Aussagen in verschiedenen Systemen aufzulösen, ist damit das einzige, was dem Prinzip des extensionalen Isomorphismus gestattet bleibt.

(1) Dem Beispiel folgend - es ging hier um die relative Bewegung zwischen Erde und Sonne - war ein solcher Vorgang, wenn auch mit einigen „Schrammen“, geglückt. Einige Merkmale der ursprünglichen Aussagen gingen verloren, wie die Neuformulierung zeigt.

(2) Am Beispiel der mathematischen Konstruktion von Punkten ist dies in gleicher Weise belegbar: Die durch Korrelationen vermittelte Beschreibung geht ihrem Sinngehalt nach für das System der angenommenen Individuenbasis und der darauf gestützten Kompositionsabläufe verloren.

▼ 134 

Freilich geht dies mit bedeutenden Konsequenzen einher: Was bleibt noch als Fundament der erzielten systemneutralen Beschreibung bestehen, wenn eine Feststellbarkeit der Kompositionsrelation zwischen Individuen nicht mehr besteht und es damit an einer Grundlage atomarer Individuen fehlt? Ist dasjenige, was die Eigenschaften einer Welt kennzeichnet, nur in den einzelnen, konfligierenden Systemen geordnet?

„Die Zwiebel wird geschält bis auf den leeren Kern.“ (WW. 144)

▼ 135 

Die Beschreibung der einen, systemneutralen Welt bildet die Grundlage für die Differenzierung zwischen Monismus, Pluralismus, Nihilismus, lässt aber zugleich diese Konstellation einstürzen, was sich in der Folge sich darin auswirkt, dass das Augenmerk zu den Welten der widerstreitenden Systeme gelenkt wird.

Eine hinreichend bestimmbare Abgrenzung zwischen den widerstreitenden Welten und nur in der Artikulation liegenden Unterschieden ist kaum mehr zu treffen, was in Ermangelung einer statisch invariablen Welt mit stabilen Dingen und Relationen, auf welche sich die Bezugnahme erstreckt und nach dieser dann eine Differenzierung von primären und sekundären Unterschieden fundiert werden könnte, zum Ausdruck kommt. Endlich wird die maßgebliche Grenze wohl nach subjektiven „Geschmack“ und dem individuellen „Bedarf“ zu ziehen sein.

Es bedarf also der Nachprüfung, geht es um den Begriff „Wahrheit“. In jedem Fall kann die Korrespondenztheorie keinen Platz mehr beanspruchen. Gleichwohl spielen Kohärenz, mit Einschränkungen auch Glaubwürdigkeit und Zweckmäßigkeit eine wichtige Rolle. (Vgl. WW. 149ff.) Zudem unterliegt Wahrheit der Reduktion auf Aussagen und sie ist selbst für diese weder ein notwendiges noch hinreichendes Kriterium. Wahrheit wird letztlich dadurch von dem semantisch weiteren Charakterzug der „Richtigkeit“ verbraucht, was daraus geschlossen wird, dass Goodman den Weltbegriff auf Bereiche der Nicht-Deklarativa weiter ausdehnt:

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„Zu >Richtigkeit< rechne ich neben der „Wahrheit“ Maßstäbe der Akzeptierbarkeit, die manchmal Wahrheit. Dort wo sie der angemessene Maßstab ist, ergänzen oder sogar mit ihr konkurrieren, oder die bei nicht-aussageförmigen Wiedergaben Wahrheit ersetzen.“ (WW. 135)

Wenn auch schon anhand des Induktionsproblems erörtert, soll nunmehr die maßgebliche Bedeutung der anfänglich beschriebenen Kategorisierungen herausgehoben werden.

▼ 137 

Der weitere Verlauf einer Welterzeugung ist das Ergebnis der Systeme der gewählten Ausgangskategorien. Jedenfalls fehlt es einer Kategorisierung an Wahrheitswert. Der Praxis der Verwendung bleibt es geschuldet, dass immerhin Richtigkeit gegeben ist. Dies folgt aus dem Zirkelschluss der Lösung des Induktionsproblems, woran der Relativismus angeschlossen ist. So wird indes deutlich, dass ein weiteres Verharren in diesem Diskurs wenig Licht ins Dunkel bringen wird. In Ansehung des extensionalen Isomorphismus kommt eine Verwässerung der Anerkennung einer Vielzahl von Welten jedenfalls nicht aus der Unterscheidung zwischen „richtigen“ und „falschen“ Versionen und Welten in Frage:

„Mein Relativismus, der trotzdem den Unterschied zwischen richtigen und verkehrten Versionen anerkennt, bleibt nicht bei Repräsentation und Vision und Realismus und Ähnlichkeit stehen, sondern geht auch noch weiter bis zur Realität.“ (MM. 182)

▼ 138 

Ist uns erinnerlich geblieben, dass Wahrheiten einander widerstreiten, so können wir daraus nunmehr folgern, dass Wahrheit bei der Wahl zwischen Aussagen und Versionen nicht der einzige Gesichtspunkt sein kann. Sie ist für die Wahl einer Aussage nicht schon notwendige oder gar hinreichende Überlegung. Goodman meint, dass wir mit dem Ausschluss von Aussagen beginnen, die zuerst als entweder falsch, wenn auch in einem anderen System vielleicht wahr, oder als falsch, wenn auch vielleicht in einem anderen System als wahr betrachtet werden. Wenn wir eine Aussage beschildern, so lassen wir uns eher durch das Kriterium der Richtigkeit des Systems als durch dasjenige der Wahrheit dieser Aussage leiten. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Diktate sind keine beflissenen Darstellungen über detaillierte Daten, sondern alles „vereinnahmende Prokrustes-Vereinfachungen“ (WW. 148), nämlich „Vollständige Reduzierbarkeit einzig auf die Physik oder eine andere Einzelversion zu verlangen, heißt auf fast alle anderen Versionen zu verzichten.“ (WW. 17) Geht es um die Analyse von Wahrheiten, muss man Experimente und Tests nutzen - solche der Nützlichkeit und der Kohärenz. Mitnichten müssen diese schlüssig sein, so ist etwa Magnetismus ein guter, nicht aber per se schlüssiger und in diesem Zusammenhang abschließender Nachweis für Eisen. (Vgl. WW. 149)

Woran sind aber nun die maßgeblichen Unterschiede von Wahrheit und Richtigkeit festzumachen?

So spricht für die Richtigkeit eines Systems die Gültigkeit eines deduktiven Arguments. Richtigkeit ist dadurch nämlich mit Wahrheit eng verbunden, dass ein Argument dann - und nur dann - korrekt ist, wenn es von wahren Prämissen notwendig zu einer wahren Konklusion führt. Weit entfernt von der Wahrheit ist induktive Gültigkeit, liegt doch auf der Hand, dass als Ergebnis des induktiven Schließens wahrer Prämissen nicht notwendig ein wahrer Schluss hervorgeht. Noch mehr der Wahrheit entrückt sind Kategorisierungen. Sie garantieren zwar die Richtigkeit der Kategorisierung an Kategorien, Prädikaten oder Kategorie- und Prädikatssystemen, diese haben aber schlicht keinerlei wahren Gehalt.

▼ 139 

Zählt doch nur was herauskommt, was man erreicht, so macht dies deutlich, dass bei der Kategorisierung oder Organisierung keine Argumentation erforderlich ist. Subsumiert man diesen Überbau auf eine Metapher, könnte man sagen, dass man „die Netze so auswerfen“ (WW. 157) muss, dass eine möglichst große Zahl signifikanter Affinitäten und Unterschiede eingefangen werden kann. Eine Aussage ist wahr und eine Beschreibung ist richtig für eine Welt, auf die sie zutrifft. So ist es vorzuziehen, die Wahrheit unter den allgemeinen Begriff der „Richtigkeit des Passens“ (Vgl. WW. 161) zu fassen, anstatt die Richtigkeit von Beschreibungen unter den Begriff der Wahrheit zu pressen.

Die experimentelle Methodik aus Verfahren und Tests, die bei der Suche nach richtigen Versionen Verwendung finden, erstrecken sich von deduktiven und induktiven Schlüssen über die Entnahme repräsentativer Proben bis hin zur Kongruenz zwischen den Proben. Unbestreitbar ist die Richtigkeit der Kategorisierung praxisnah, geht es doch um das Zusammenpassen mit derselben. Ohne Organisation oder die Selektion relevanter Arten gibt es im Verlauf einer Tradition „kein Befund über Richtigkeit oder Falschheit der Kategorisierung“, „kein Votum für Gültigkeit oder Ungültigkeit des induktiven Schließens“, „keine normative Wertung entnommener Proben und keine Gleichförmigkeit oder Ungleichheit zwischen derselben“. (Vgl. WW. 168) Die Richtigkeit der Komposition und die Wahrheit einer Aussage sind gleichermaßen systemrelevant, und vom „Passen“ abhängig:

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„Kurz gesagt, die Wahrheit von Aussagen und die Richtigkeit von Beschreibungen, Darstellungen, Exemplifikationen, Ausdrücken - der Komposition, der Zeichnung, der Diktion, des Rhythmus - ist also vor allem eine Sache des Passens: Passen auf das, worauf in der einen oder anderen Weise Bezug genommen wird, oder Passen auf andere Wiedergaben, auf Arten und Weisen der Organisation. Die Unterschiede, die es macht, eine Version einer Welt oder eine Welt einer Version anzupassen oder eine Version und eine andere Version zusammenzupassen oder anderen anzupassen, schwinden, wenn die Rolle der Versionen bei der Erzeugung von Welten, auf die sie passen, berücksichtigt wird und das Erkennen oder Verstehen so gesehen wird, daß es sich über den Erwerb wahrer Überzeugungen hinaus auf die Entdeckung und Erfindung des Passens aller Art erstreckt.“ (WW. 167)

Wo aber sind diese Welten zu suchen und wo zu finden? Welche Unterschiede bestehen zwischen ihnen und ihren Versionen? Worin bestehen die Verknüpfungen?

Sicherlich kann man sich diese Welten nicht als solche – ihrem wörtlichen Sinn nach – als raum-zeitliche Dimensionen, verteilt in der Endlosigkeit des Universums, vorstellen. In jeder beliebigen Welt – wie sie zur Anschauung gelangt – gibt es nur eine Erde. Nichtsdestoweniger können aber verschiedene Welten, verschiedene Geometrien haben. Goodman ordnet diese dabei unter Bezugnahme auf die raum-zeitliche Positionierung verschiedenartiger Welten nach einem „Hyper-Raum-Zeit-Kontinuum“51 (Vgl. MM. 54). Dabei ist eine Welt nie partiell gefasst, sondern sie bildet eine Einheit (Totalität) und ist somit kein Teil einer größeren Welt oder eines sonst wie universellen Etwas. So ist es uns freigestellt Versionen nach belieben „zu betreten“ oder es zulassen. (Vgl. MM. 54f.) „Gleichermaßen“ ist es möglich, dass wir uns zwischen ihnen hin und her bewegen können. Wollen wir sie verbinden, steht es uns frei, eine Vielzahl von Welten einzuführen oder ganz auf sie zu verzichten und nur Versionen einzubeziehen. Damit zieht diese Betrachtungsweise doch endlich nach sich, dass man, je nach den Umständen und der konkreten Situation, sowohl Monist, Pluralist wie auch Nihilist sein kann:

▼ 141 

„Wenn es also eine Welt gibt, gibt es viele, und wenn viele, keine. […] Monismus, Pluralismus, Nihilismus werden Eins.“ (MM. 55)

▼ 142 

„Wir sind Monisten, Pluralisten oder Nihilisten, nicht gerade wie der Wind weht, aber doch wie es zum Kontext passt.“ (Ebd. 56)

Denn wenn es irgendeine beliebige Welt gibt, dann gibt es sicherlich viele, und wenn es viele gleichwertige gibt, dann kann keine von ihnen besonders hervorstehen, also gibt es keine einzelne hervorstehende Welt, auf die sich alle Versionen beziehen. Immerhin scheint es aber keinesfalls zwingend zu sein – so nämlich der zweite Teil der Aussage - dass Monismus, Pluralismus und Nihilismus kollabieren.

▼ 143 

„Die Welt einer richtigen Version ist ein Konstrukt, denn ihre Merkmale (Attribute) beziehen sich nicht auf etwas von den Versionen Unabhängiges, sondern sie werden untereinander kombiniert, um die Welt dieser Version zu machen.“ (WW. 119)

Damit ist nicht gemeint, dass die Welt mit ihrer Version identisch ist. Sie kann dies auch gar nicht sein, obgleich sie metaphysisch von ihr abhängt. Es darf uns nicht täuschen, dass etwaiges Reden über Welten mit demjenigen über Versionen durchaus oberflächlich austauschbar erscheint; Welten folgen aus Wörtern, Zahlen, Bildern, Klängen oder irgendwelchen andern Symbolen, die in irgendeinem Medium Versionen schaffen. (Vgl. WW. 117) Die vergleichende Untersuchung dieser Versionen und Sichtweisen sowie ihrer Erzeugung bezeichnet dabei endlich dasjenige, was Goodman als Kritik an der Welterzeugung benennt.

Keineswegs ist alles erlaubt. Die Bereitschaft, zahllose alternative „richtige“ Weltversionen zu akzeptieren, kann nicht dahin verstanden werden, dass Wahrheit anders aufzufassen ist, als Korrespondenz mit einer einzigen fertigen Welt. Weltenschaffung geht denknotwendig nicht damit einher, dass Symbole wahllos zusammengefügt werden. Goodman konkretisiert dies dahin:

▼ 144 

„Wir konzentrieren uns besser auf Versionen als auf Welten. Natürlich wollen wir unterscheiden zwischen Versionen, die Bezug nehmen, und solchen, die dies nicht tun, natürlich wollen wir über die Dinge und Welten reden - wenn es überhaupt welche gibt -, auf die Bezug genommen wird; aber diese Dinge und Welten und auch der Stoff, aus dem sie gemacht sind - Materie, Antimaterie, Geist, Energie oder was auch immer -‚ werden selbst zusammen mit den Dingen und Welten geformt.“ (WW. 120)

Folgerichtig erzeugen wir nicht etwa nur die Versionen, sondern auch die Dinge, die mit ihnen in Verbindung stehen. Gleiches gilt für das Material, aus dem diese Dinge aufgebaut sind. Im Mangel der Unterscheidung zwischen den Merkmalen des Diskurses und denjenigen Gegenständen, auf die im Diskurs Bezug genommen wird, sieht Scheffler52 den maßgeblichen Ansatzpunkt für seine Kritik. Wenig hilfreich sei es hiernach:

▼ 145 

„To say that we made the stars qua stars - that before the word ‚star‘ existed, stars did not exist qua stars. For, in the first place, that stars did not exist stars does not imply that they not exist, or that we made them. And, in the second place, the existence of stars qua stars is just their existence plus their being called ‚stars‘.“

Dem ist aber damit zu begegnen, dass wir Sterne nicht in gleicher Art und Weise erschaffen wie z. B. Werkzeuge, so nämlich Goodman:

▼ 146 

„Die Welterzeugung, die hier hauptsächlich zur Debatte steht, ist ein Erzeugen nicht mit den Händen, sondern mit dem Denken oder vielmehr mit Sprachen oder anderen Symbolsystemen.“ (MM. 69)

Wir - so also die Gemeinschaft selbst - sind die Schöpfer der Wissenschaften: wir machen die Merkmale der Sterne.

▼ 147 

„Wir können die Sonne still stehen lassen, nicht wie Josua, sondern wie Bruno. Wir erzeugen einen Stern so, wie wir in Sternbild erzeugen, indem wir die Teile zusammensetzen und die Grenzen markieren.“ (MM. 69)

Ist ein Stuhl erst dann existent, wenn er durch uns als solcher beschrieben wird? Ohne Kennzeichnung des Deutungsgehalts keine Existenz? Goodmans Auffassung nach steht dem die Konfusion zwischen der Existenz eines Objektes und seiner deskriptiv existenziellen Deutung entgegen, wurzelt dies doch in der Ambiguität des Schaffens der Objekte einer Welt; wenn wir z. B. mit Latten und Nägeln einen Stuhl zimmern, bringen wir ihn in einem bestimmten Zusammenhang zum Existieren (Vgl. MM. 68), da er vorher sicherlich noch nicht existiert hatte. Wohl aber war das Material vor der jeweiligen Konstruktion längst existent, infolgedessen der Stuhl endlich nicht aus dem Nichts erschaffen werden konnte, „wie der Schreiner einen Stuhl macht, indem er Holzstück zufällig zusammenfügt“ (WW. 118). Es sind wirkliche Welten, die Goodman aufnimmt. Diese werden durch „richtige“ Versionen geschaffen und entsprechen diesen:

▼ 148 

„Es sollt klar sein, daß hier nicht von jenen möglichen Welten die Rede ist, die viele meiner Zeitgenossen, besonders in der Nähe von Disneyland, so emsig erzeugen und manipulieren. Wir sprechen nicht von vielen möglichen Alternativen zu einer einzigen wirklichen Welt, sondern von einer Vielheit wirklicher Welten. Wie solche Termini wie >real<, >fiktiv< und >möglich< zu interpretieren sind, ist dann die nächste Frage.“ (WW. 14)

Mögliche oder unmögliche Welten werden abgelehnt, sie würden unrichtigen Versionen entsprechen:

▼ 149 

„Mögliche oder Unmögliche Welten, die angeblich falschen Versionen entsprechen, haben in meiner Philosophie keinen Platz.“ (WW. 118)

▼ 150 

„[…] unterscheiden sich richtige Versionen von falschen Versionen: Der Relativismus wird durch Erwägungen zur Richtigkeit eingeschränkt. Richtigkeit lässt sich jedoch durch Korrespondenz mit einer von allen Versionen unabhängigen Welt weder konstituieren noch überprüfen.“ (MM. 65)

Allerdings definiert Goodman den Begriff der Welt nicht. Dieser kennzeichnet dabei zwei Grundrichtungen53 der Darstellung, nämlich (1) die versionale Interpretation und (2) die objektivistische Interpretation. Während nach erstere (1) eine Welt eine richtige Weltversion ist und der daraus resultierende Pluralismus eine Erweiterung der Auffassungen von Structure of A p pearance statuiert geht die letztere dahin, dass (2) eine Welt einen Bereich von Dingen verkörpert, auf den Bezug genommen oder der durch eine richtige Weltversion beschrieben wird. Goodman hält keine der beiden Interpretationen für vorzugswürdig; aus einer Vielheit von Interpretationen und Beschreibungen kann nicht auf eine schlüssige Evidenz für eine Vielheit von Versionen - damit auf eine Vielheit von Welten – abgestellt werden. Unterdessen kann nämlich schon eine Verschiedenheit der Betonung für eine Verschiedenheit von Welten Sorge tragen:

▼ 151 

„Ein zweites Beispiel für den Effekt der Gewichtung zeigt sich in der Differenz zwischen zwei Geschichten der Renaissance: eine Geschichte, die ohne Ausschluß der Schlachten die Künste hervorhebt, und eine zweite, die ohne Ausschluß der Künste die Schlachten hervorhebt. Diese Stildifferenz ist eine Gewichtungsdifferenz, die uns zwei verschiedene Renaissancewelten gibt.“ (WW. 126)

Folgt man diesem Auszug, so müssen Welten anhand von „Versionen“ gedeutet werden, um letztlich dem nominalistischen Prinzip Rechnung zu tragen, wonach sie nicht als so konstituiert betrachtet werden dürfen, dass sie die beschriebenen Ereignisse selbst enthalten. Folgerichtig können widerstreitende Aussagen nicht für wahr in der gleichen Welt genommen werden, ohne dass nämlich beliebige Sätze darin wahr werden würden. Nach Goodmans Überzeugung ist eine solche Welt unmöglich, was der semantischen Interpretation des Wortes „unmöglich“ geschuldet darauf zielt, dass eine objektivistische Interpretation angenommen wird. Eine versionsabhängige Auffassung würde diese Welt nämlich als „inkonsistente Formulierung“ etikettieren.

Wie aber wird es möglich seine relativistischen Überzeugungen hinsichtlich des Nominalismus zu diskutieren?

▼ 152 

Lässt der Nominalist doch viele Alternativversionen zu, die ihre Grundlage in allem - was man als Individuum aufzufassen bereit ist - haben können. Lediglich eine übergebührende Vermehrung von Entitäten - auf irgendeiner einmal gewählten Individuenbasis - wird vom Nominalist untersagt. Gleichwohl lässt dieser aber dabei die Wahl der Basis völlig offen. (Vgl. WW. 118) Der Nominalist agiert „multikausal“; er kann aus verschiedenen Gründen aus der Menge der Systeme, die seinen Forderungen gemäß aufgebaut sind, ein System dem andern vorziehen. (Vgl. WW. 118f.) Kann der Nominalist also wie gezeigt physikalistischer Nominalist sein, so lässt der Physikalist im Unterschied dazu nur eine einzige Basis zu. Indes liegt dann aber auf der Hand, dass auch dieser wieder entweder nominalistischer oder platonistischer Physikalist sein kann, dessentwegen Goodmans Diskurs des Welterzeugens weniger nominalistischen als extensionalistischen Einschränkungen unterliegt:

„Der Platoniker und ich sind uns vielleicht darüber nicht einig, was eine wirkliche Welt ausmacht, während wir darin übereinstimmen, alles andere abzulehnen. Wir können uneins darüber sein, was wir für wahr halten, während wir uns einig sind, daß dem, was wir für falsch halten, nichts entspricht.“ (WW. 119)

▼ 153 

Unbestritten ist, dass Goodman die Vielzahl von richtigen Weltversionen betont. Damit ist aber nicht gesagt, dass er hieraus zu der Überzeugung gelangt ist, es gäbe viele Welten. Dies ergibt sich schon daraus, dass Goodman auf die Frage, ob zwei Versionen, Versionen derselben Welt seien, dahin Antwort gibt, dass sich so viele gute Antworten finden, wie es für den Ausdruck „Versionen derselben Welt“ gute Interpretationen gibt. Für den Monisten ist es immer unschwer möglich darzutun, dass zwei Versionen nur richtig sein müssen, damit sie Versionen derselben Welt sind. Dann kann der Pluralist aber immer mit der Frage reagieren, wie denn die Welt unabhängig von allen Versionen aussehen sollte (Vgl. WW. 119f.):

„Scher dich nicht um den Geist; das Wesen ist unwesentlich, und die Materie fällt nicht ins Gewicht [Never mind mind, essence is not essential, and matter doesn‘t matter].“ (WW. 120)

▼ 154 

Endlich geht es nach Goodman doch darum, dass zwischen Versionen dahin unterschieden wird, ob diese Bezug nehmen oder nicht: Über die Dinge und Welten zu reden (wenn es welche gibt) auf die Bezug genommen wird, ist wohl normal. Die Dinge und die Welten und auch die Stoffe, aus denen sie gemacht sind, werden miteinander - mit den Versionen ausgebildet:

„[…] Tatsachen sind kleine Theorien, und Theorien sind große Tatsachen.“ (WW. 120f.)

▼ 155 

Seit jeher wird doch mit irgendeiner alten Version oder Welt begonnen, die uns schon bekannt und verfügbar ist und dabei solange bindet, bis wir uns entschließen, sie umzuformen zu einer neuen Version oder Welt:

„Welterzeugung beginnt mit einer Versionen und endet mit einer anderen.“(WW. 121)

▼ 156 

Dabei werden Versionen nicht mit der „unbegrifflichen Wirklichkeit“54 verglichen. Es besteht kein Streit darüber, dass etwa wissenschaftliche Theorien mit empirischen Erfahrungsdaten geprüft und verglichen werden, sind diese doch das Ergebnis von Konstruktionen und Interpretationen. Jedem Subjekt haftet eine Sprache - und in dieser Hinsicht allgemeinverständliche „öffentliche“55 Begriffe zu gebrauchen - an, um sich in demonstrativer Weise auszudrücken und zu erfassen, was es beobachtet. Die Version, die wir sodann als Erfahrung auszeichnen, wird dann zur Bezugnahme für den Vergleich mit der einen oder anderen Version:

„Das bedeutet jedoch nicht, daß wir von gedankenlosen Vermutungen aus gehen müssen. Wir lassen uns von unserer Zuversicht und von Gewißheiten leiten, die gestärkt, geschwächt oder sogar umgekehrt werden können, während wir uns darum bemühen, richtige Versionen oder Welten auf ihrer Basis aufzubauen. Keine Ausgangspunkte oder Endpunkte oder Punkte auf dem Wege sind entweder absolut oder arbiträr. Nichts hiervon ist charakteristisch für mich. Aber ich sehe mich immer wieder gezwungen, darauf zu bestehen, daß mein Relativismus von unnachgiebigem Absolutismus und schrankenlosem Laissez-faire gleichweit entfernt ist.“ (MM. 66).

I.2.3.3. Zusammenfassung

▼ 157 

Goodman selbst nennt seine philosophische Position unterschiedlich antirealistisch, relativistisch, antiidealistisch und irrealistisch. Doch ungeachtet der Verschiedenartigkeit der Begriffe besteht Konsens zumindest hinsichtlich der sehr speziellen Goodmanschen Auffassung vom Begriff der „Wahrheit“. Seine pluralistische Weltauffassung, wie sie mit seinem Werk Ways of Worldmaking verbürgt ist und auch in späteren Werken immer wiederkehrend vertreten wurde, kann nur im Zusammenhang mit dem Begriff „Richtigkeit“ erfasst werden.

Goodmans Welterzeugungstheorie geht davon aus, dass es eine Vielzahl von richtigen Versionen und Welten gibt. Die Welten werden nicht nur mit Wortsprachen, sondern auch mit anderen Symbolsystemen als Weltversionen erzeugt. Die Welten werden nicht aus „Nichts“ erzeugt (Vgl. WW. 121), sondern aus anderen, bereits vorgefundenen Welten. Hinreichend sind die „Mechanismen“ der Erzeugung, wie erwähnt wurde: Komposition, Dekomposition, Gewichtung, Ordnen, Tilgung, Ergänzung, Deformation etc. Wenn diese „richtig“ erzeugt werden, dann entsprechen die Versionen wirklichen Welten.

Goodman versucht nicht zwischen der Rede über richtige Versionen und der Rede über Welten zu unterscheiden. Maßstäbe der Richtigkeit gibt es viele: Entspricht die Version in der Tat, erfüllt sie Kriterien der Unkompliziertheit. Wahrheit, die natürlich von Goodman nicht im Sinne der Korrespondenztheorie verstanden wird, ist dabei ein Maßstab unter vielen, welcher nur den beschränkten Sinn der Aussagesätze unterstreicht. Dennoch hat es nicht unserer Willkür anheim gestellt, ob eine Version letztlich richtig ist oder nicht.

▼ 158 

Was hinter der Auseinandersetzung in Ways of Worldmaking über Welterzeugungen in verschiedenen Bereichen steckt, wird durch die Beschäftigung mit der Studie der „disjunkten“, quergesetzten Verbindung zwischen „Definiens“ und „Definiendum“56in Structure of A p pearance deutlich. So wird dort das Argument der Formalität diskutiert, durch welches es möglich wird, die Beziehungen widerstreitender Aussagen und Aussagesysteme zu begreifen und von bestehenden Widersprüchen zu befreien:

„Nehmen wir zum Beispiel zwei lotrechte Paare von parallelen Linien, die sich in vier Punkten schneiden. In einem System werden die Linien definiert als Paare kollinearer Punkte; im anderen werden die Punkte definiert als Paare sich schneidender Linien. Definitionen, die das Isomorphismuskriterium erfüllen, können in jedem der beiden Systeme für die verschiedenen Relationen zwischen den Linien und zwischen den Punkten und sogar zwischen den Linien und den Punkten entwickelt werden; aber das Kriterium enthält keinerlei Festlegung hinsichtlich der Frage, ob ein Punkt >wirklich< ein Element einer Linie oder eine Linie ein Element eines Punktes ist. Dies befriedigt offensichtlich niemanden, der einen festen Standpunkt auf einer Seite dieses Problems einnimmt. Ebenso können weder Materialisten noch Mentalisten eine solche Neutralität ihren Programmen gegenüber ausstehen.“ (MM. 75)

▼ 159 

Dieser Analyse ist dann wiederum die Konsequenz geschuldet, dass eine Beschreibung der einen Welt verbietet. Vielmehr soll es darum gehen, dass diese im Rahmen eines Nebeneinander von Welten dargestellt werden muss, was in Anbetracht des Ausschließlichkeitsanspruchs des Weltenbegriffs impliziert, dass es die Welt - wenn diese also in einem übergreifenden (ebenso singulären) Sinne verstanden wird - nicht gibt.

Mangels Eliminierbarkeit verbleiben somit ungelöste widersprüchliche Aussagen. Allerdings schwimmt im Kielwasser eines Widerspruchs alles denkbar Beliebige. Dass sich daher für Goodman die Frage stellt, wie diverse Widersprüche umschifft werden können, liegt auf der Hand. Hilfreich scheint Goodman, die zueinander im Widerspruch stehenden Sätze unterschiedlichen Symbolsystemen anzudienen. Dass damit mögliche Widersprüche lediglich auf die Ebene der Systeme verschoben werden, leugnet Goodman und bekennt sich dazu, dass Wahrheit ein Systeminternum ist. „Paradox“ ist für Goodman die Vorstellung, dass die einzelnen Systeme – soweit sie also wahr sind - sich wenigstens auf die reale Welt beziehen müssen. Letzteres begründet er dabei damit, dass es dann nutzlos ist von der Welt zu reden, wenn und soweit dies unabhängig von Versionen erfolgt. Goodman schlägt damit einen Pluralismus von Welten vor.

Verschiedene Versionen beziehen auf Welten und keineswegs nur auf die „eine“ Welt. Damit ist klar, dass nicht viele alternative Welten bezüglich einer tatsächlichen Welt korrespondieren, sondern gleichwohl viele tatsächliche Welten. So sind sprachphilosophische Konzeptionen keinesfalls nicht zu beseitigende widerstreitende Sätze. Goodman hat mit der Existenz solcher Sätze vielmehr untermauert, dass sein Weltenpluralismus jedwede in Betracht kommende Motivation bejaht.

I.3. Die Kunst in der extensionalen Weise der Bezugnahme

▼ 160 

Wie eingangs bereits erörtert legt Goodman sich keinesfalls dahin fest, was Kunst zu sein vermag. Noch weniger stellt er Bedingung dafür auf, was ein Kunstgegenstand zu einem solchen qualifiziert. Immerhin benennt er „Symptome des Ästhetischen“ 57 als Indizien wie eine Diagnostik der Krankheit. Sie bestimmen zwar nicht den Begriff der „Kunst“, sollen aber doch hilfreiche Aufschlüsse über die Charaktere von verschiedenen Kunstwerken und Kunstgattungen geben. Die Symptome der Ästhetik sind syntaktische und semantische Merkmale, mit deren Hilfe man Kunstwerke von anderen Symbolen – wenn auch nicht genügend trennscharf, weil sie eben keine hinreichenden Bedingungen dafür sind, dass ein Symbol ein Kunstwerk ist – separieren kann. So knüpft Goodmans Kritik an der Eingliederung der Ästhetik in die theoretische Philosophie auch genau an diese notwendigen Bedingungen an. Wenn es gezeigt werden kann, dass es Kunstwerke gibt, die keine Symbole sind, dann kann man behaupten, dass nicht die ganze Kunst Untersuchungsgegenstand einer allgemeinen Symboltheorie ist. Ausgehend von diesen allgemeinen Bemerkungen soll in diesem Abschnitt kurz erläutert werden, wie die Relation der Kunst und des Symbols expliziert wird.

I.3.1. Symptome des Ästhetischen

Goodman behauptet über den kognitiven Gebrauch des Symbols, dass jedes Symbol ein Kunstwerk sei. Zur folgerichtigen Erläuterung seiner Behauptung versucht er „fünf Symptome des Ästhetischen“ zu schaffen, die als Kriterien des Ästhetischen gelten könnten, aber nicht als absolute Maßstäbe anzusehen sind. Fünf Symptome des Ästhetischen sind (Vgl. WW. 88f.):

(1) Syntaktische Dichte, (2) Semantische Dichte, (3) Relative Fülle, durch deren Maßstab die Unterscheidung der exemplifikatorischen von denotativen Systemen, d. h. die Unterscheidung von Wissenschaft und Kunst ermöglicht wird, (4) Exemplifikation, die zur Lösung des semiotischen Paradoxon von „Unmittelbarkeit“, „Nichtdenotierenden“ und „Nichttransparenz“ des ästhetischen Symbols gebräuchlich ist, (5) Multiple und komplexe Bezugnahme, mit deren Hilfe die Goodmansche Konstruktion des Wirklichkeitsbezugs der fiktionalen Gegenstände möglich ist.

I.3.2. Umwandlung der Frage nach Kunst-Identität

▼ 161 

Goodman legt keinen Wert auf die Merkmale eines Kunstgegenstandes, sondern auf dessen Symbolfunktion, die Bezugnahme hat. Dabei werden Inhalte in dem Moment „irrelevant“, in welchem der Gegenstand bzw. das Kunstobjekt „auf etwas“ Bezug nimmt:

„[...] ebenso wie ein Objekt zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen ein Symbol sein kann [...], so kann es sein, daß ein Objekt zu gewissen Zeiten ein Kunstwerk ist und zu anderen nicht. Tatsächlich wird ein Objekt gerade Kraft dessen, daß es in gewisser Weise als Symbol fungiert, und solange es so fungiert zum Kunstwerk.“ (WW. 87)

▼ 162 

Es handelt sich darum, dass die Frage „Wann ist Kunst“ unter Berücksichtigung der lediglich Funktionen des Symbols beantwortet werden soll. Der Grundbegriff der Symbolfunktionsweise ist die Bezugnahme, welche in den bereits dargestellten drei Formen auftreten kann: Denotation, Exemplifikation und Ausdruck. Für die fiktionale Literatur spielen die drei Formen bei der Konstruktion von Welten eine enorm wichtige Rolle in Bezug auf Metapher. Die ausschlaggebende Regel, nach welcher Goodman die Ästhetik in die Reichweite der theoretischen Philosophie stellt, ist die Angabe einer notwendigen Bedingung dafür, dass etwas ein Kunstwerk ist: Jedes Kunstwerk ist ein Symbol. Damit wird die Ästhetik für Goodman ein Teil einer allgemeinen Symboltheorie, die neben allen künstlerischen prinzipiell auch wissenschaftliche und sonstige Zeichensysteme umfassen soll.

Andererseits wird unschwer erklärbar, wie derselbe Gegenstand zu einer Zeit ein Kunstwerk sein kann, zu einer anderen Zeit aber nicht. Der notwendige Maßstab ist dafür funktionaler Eigenart. Etwas kann zu einer Zeit als alltägliches Objekt funktionieren, zu einer anderen Zeit als Symbol wie die Fontäne Duchamps – die Erläuterung folgt. Ebenso könnte umgekehrt ein Kunstwerk, etwa ein Gemälde von Rembrandt, auch einmal als Fensterrahmen dienen. Goodman sieht selbst, dass auch in einem solchen Fall das Gemälde doch in irgendeinem Sinn ein Kunstwerk bleiben würde, aber er betont, dass es uns mehr darauf ankommen sollte, wann etwas als Kunstwerk funktioniert. Für Goodman verwandelt sich infolgedessen die Frage „Was ist Kunst?“ in „Wann ist Kunst?“ (Vgl. WW. 90)

I.3.3. Kunstwerk als Symbol: Ready-made

Beispiele für Kunstwerke hinsichtlich der Frage „Wann ist Kunst“ aufzuzeigen, die keine Symbole sind, scheint wenig schwierig. Infolge der analytischen Ästhetik werden vorzugsweise solche Kunstwerke ins Blickfeld gerückt, die in Anwendung einer semiotischen Kunsttheorie problematisch sind. Gestützt hierauf spricht man nicht selten von einer „Anti-Klassik“: Etablierte Kunst, deren Vorbildfunktion offensichtlich ist oder sich gegebenenfalls historische als solche erwiesen haben spielen damit nur eine Nebenrolle. Soweit es aber um die Erörterung ästhetischer Theorien geht, bleibt die Hauptrolle den Randfällen und Grenzbereichen vorbehalten. Damit wird eine Abkehr von einer fundamental ontologischen Auseinandersetzung deutlich: Der Diskurs einer normativen Bewertung von Kunstwerken oder eine poetische Auseinandersetzung sollte sich an der „klassischen“ Kunst orientieren, weil sie das „Wesen der Kunst“ so augenfällig macht. Geht es um Testfälle entsprechender Theorien in der analytischen Ästhetik werden dagegen oft Ready-mades 58 oder objects trouvés herangezogen. Dass hinter jedem Kunstgegenstand ein Symbol steckt, ist Goodmans Bedingung, deren Notwendigkeit sich darauf stützt, dass dann in gleicher Weise auch solche „außergewöhnliche“ Beispiele als Symbole herausgestellt werden können, obwohl dieses Ready-made gleichwohl selten als Ausstellungsexponate fungieren und damit nur selten als Kunstwerk Geltung erlangen. Als Beispiel mag hier Duchamps „Fontäne“ dienen, welches dann als Modell zu verwenden ist und dennoch als Kunstwerk behandelt wird. Die Eigentümlichkeiten bestehen darin, dass Ready-mades sich in nichts von gebrauchsfertigen Gegenständen zu unterscheiden scheinen, die anerkanntermaßen keine Kunstwerke sind. An dieser Stelle nehme ich ein anderes Beispiel zum Vergleich: Auf dem Bild Guernica (1937)59 von Picasso ist eine von oben leuchtende Glühlampe zu sehen. Deren Licht deutet einen Bombenangriff aus der Luft an. Das Licht ist ein „durchsichtiges“ Symbol, womit Picasso die Grausamkeit, Massaker des Krieges - unter Umständen auch im Sinne des klassischen Symbolismus interpretiert - zeigen wollte. Insofern ist es nachvollziehbar, dass das Bild mindestens ein (klassisches) Symbol enthalten muss, damit es ursächlich einer logischen Folgerung als Kunstwerk charakterisiert werden kann.

▼ 163 

Dagegen ist im Fall des Ready-made offen, ob Duchamps Fontäne ein Symbol ist. Ist es dem „realen“ Urinal nachgebildet?

Goodmans Symbolbegriff ist weit umfangreicher als der bis dahin als Gegenströmung zum Naturalismus etablierte klassische Symbolismus. Dies wird dadurch deutlich, dass wenn man diesen Symbolbegriff im allgemeinen Sinn des üblichen Symbolismus versteht würde, dann ist die Behauptung, dass jedes Kunstwerk ein Symbol sei, offensichtlich unannehmbar bzw. falsch, da die „gesetzartige Verallgemeinerung“ für solche Herkunft, die man schon erfahrungsgemäß ausgemacht hat, fehlt. Es ist daher nicht deutlich, was ein Urinal als Symbol bezeichnet. Zweifellos kann man darüber Einigkeit erzielen, dass, wann immer ein Urinal zur Anschauung gebracht wird, damit gemeint ist, dass er Heimweh hat. Der Gegenstand wird so zu einem Symbol für diesen Sachverhalt. Aber dergleichen Absprachen sind nicht getroffen worden, und offensichtlich ist das auch nicht nötig, um ein „Urinal“ zu einem Kunstwerk zu erheben. Kann man sagen, dass ein Urinal etwas darstellt? Die durchaus annehmbare Goodmansche Antwort lautet:

▼ 164 

„[...] Die Aussage ist jedoch völlig falsch, wenn sie voraussetzt, daß Darstellung und Ausdruck die einzigen Symbolfunktionen sind, die von Gemälden erfüllt werden können; wenn sie unterstellt, daß das, was ein Symbol symbolisiert, immer außerhalb von ihm liegt, und wenn sie darauf besteht, daß auf einem Gemälde allein der Besitz und nicht die Exemplifikation gewisser Eigenschaften zählt.

Wer also nach einer Kunst ohne Symbol Ausschau hält, wird keine finden - sofern alle die Weisen berücksichtigt werden, in denen Kunstwerke symbolisieren. Kunst ohne Darstellung oder ohne Ausdruck oder ohne Exemplifikation - ja; Kunst ohne alle drei - nein.“ (WW. 86)

▼ 165 

Goodmans Symbolbegriff ist umfassend, zukunftweisend ausgedehnt, so dass jeder Gegenstand ein Symbol werden kann. Mit dem Symbol muss nur beliebig auf etwas anderes Bezug genommen werden können. Das Symbol muss für etwas stehen. Ein Urinal, auch wenn es zum Kunstwerk wurde, stellt nichts dar, anders als z. B. ein Bild, und bezeichnet auch nichts.

I.4. Kognitive Potentiale der Kunst60

Der von Goodman allen Kunstwerken zugeschriebenen kognitiven Funktion sind wichtige Fragen verdankt, wie sie nachstehend im Umfeld der kognitiven Potentiale der Kunst erörtert werden sollen. Wie erfüllt also Kunst ihre kognitive Funktion? Was sind die Grenzen des Kognitiven für seine Symboltheorie? Geht es im Anschluss darum, den Goodmanschen Kognitivismus zu untersuchen, dann steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich die kognitive Funktion von Kunstwerken zu den „spezifischen Erfahrungen“, die sie vermitteln, verhält:

(1) Goodman stellt hierfür zwei unterschiedliche Erklärungslinien auf (Vgl. WW. 14-19/114-121):

▼ 166 

Voraussetzung des Pluralismusarguments ist damit der „Anti-Reduktionismus“, der zwar in allgemeiner Form doziert wird, sich jedoch gegen das einzige systematische Reduktionsprogramm richtet, dass es gibt, nämlich das physikalistische. (Vgl. ebd.)

Darüber hinaus schlägt sich die generelle Skepsis gegenüber traditionell-philosophischen und erkenntnistheoretischen Konzepten in der charakterisierenden Ersetzung des Begriffs „Wissen“ durch den des Verstehens nieder. Gleiches gilt für die Ersetzung bzw. für die Erweiterung des Begriffs „Erkenntnis“ durch den der Kognition, und für die Relativierung des Wahrheitsbegriffs durch Richtigkeit als Basis konstruktivistischer Erkenntnisse zwischen Individuen. Neben diesem „radikalen Kognitivismus“61 der Goodmanschen Betrachtung, dass (1) „Wahrheit“ immer relativ zu einem System ist und (2) Kunst und Wissenschaft unter dem zentralen Begriff der Richtigkeit gesehen werden müssen, kann es gleichwohl auch schwächere Versionen geben. So genannter „normaler Kognitivismus“ teilt mit dem „radikalen Kognitivismus“ nur, die zweite These. Die zweite These, hier als „schwacher Kognitivismus“ - nicht aber den Relativismus - bezeichnet, geht indes nur davon aus, dass Kunst Sprache ist und „Gebiete zum Inhalt“ hat und unser Bewusstsein über diese organisiert, ohne hieraus in Deklarativsätze transformiert werden zu können. Der schwache Kognitivismus stellt damit nicht darauf ab, dass der Begriff der Richtigkeit dem der Wahrheit übergeordnet ist.

▼ 167 

Für alle hier vorgestellten Spielarten des Kognitivismus aber gilt freilich gemeinsam, dass mit dem Begriff der „Richtigkeit“ der Erfolg der Bezugnahme normativ beurteilt werden soll.

Davon ausgehend identifiziert Goodman die kognitive Funktion von Symbolen, insbesondere die kognitive Funktion der Kunst, mit ihrer Instanz der Welterzeugung. Dass Erkenntnisse über die Welt (Welten) gewonnen werden, indem sie erzeugt wird, kann als „inhaltliche“ Kognitivismusthese charakterisiert werden, welche Goodman seine Untersuchungen zu den Symbolsystemen in Ways of Worldmaking verknüpft mit einer Position, die er Irrealismus nennt und welche auf der nachstehenden Einsicht beruht:

▼ 168 

„Wir sind bei allem, was beschrieben wird, auf Beschreibungen beschränkt. Unser Universum besteht sozusagen aus diesen Weisen und nicht aus einer Welt oder aus Welten.“ (WW. 15)

Inwiefern die drei Versionen mit der konstruktivistischen These „Kunst und Wissenschaft sind gleichermaßen am Erkenntnisfortschritt beteiligt“ vereinbar sind, hängt von der Interpretation „gleichermaßen“ ab. Heißt es nur „Kunst und Wissenschaft vermitteln gleichermaßen, wenn auch auf verschiedene Weise verschiedene Gebiete unserer Erfahrung, dann geht dies mit allen drei Versionen konform. Wird dagegen der Anspruch vertreten, dass Wahrheit letztlich auch nur „gleichermaßen“ ein Fall von Richtigkeit ist, dann ist ein schwacher Kognitivismus mit dieser These unvereinbar. Heißt es schließlich, dass verschiedene einander konfligierende Symbolsysteme und die verschiedensten künstlerischen Symbolsysteme „gleichermaßen“ Welten konstruieren, dann ist hiermit ausschließlich der radikale Kognitivismus, wie er von Goodman vertreten wird, verträglich.

(2) Kognitivismus kann neben diesen Versionen auf die bloße Kritik an einem ästhetischen Subjektivismus oder Skeptizismus reduziert werden. Dieser Blinkwinkel der Betrachtung, soweit es also um Versionen des Kognitivismus geht, soll aber nicht im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Vielmehr werden nachfolgend die Begriffe der Wahrheit und Richtigkeit thematisiert. Damit liegt das Ziel dieses Kapitels weiter auch darin darzulegen, dass Goodman ein so weites Verständnis „kognitiver Funktion“ entwickelt hat. So ist meiner Ansicht nach Goodmans kognitivistische Ästhetik nur dann überzeugend, wenn man sich vor Augen führt, welche dem Verstehen voraus- oder einhergehende Vorstellung - Goodman anführte. Die entscheidende Einsicht dabei ist, dass für Goodman nicht die deduktive Ableitung, sondern die Induktion als Modell für das Verstehen in der Kunst dient: „Erkennen ohne Wahrheit“. Es ist der Fall, welcher als eine der wichtigsten Thesen des Goodmanschen Kognitivismus gilt:

▼ 169 

„Wenn der Schneider seinen Kunden eine Stoffprobe zusendet, exemplifiziert diese Probe zahlreiche Eigenschaften. Der Kunde erfährt zum Beispiel. Wie sich der Stoff auf der Haut anfühlt. Er erkennt den kaum sichtbaren roten Faden im sonst blau gehaltenen Stoff und bekommt somit eine Vorstellung von der ganz besonderen Farbnuance des Stoffs. Die Stoffprobe vermittelt dem Kunden Erkenntnisse, die ihm der Schneider nur teilweise durch Worte vermitteln könnte. Trotzdem kann die Stoffprobe nicht wahr sein. Sie ist eine gute oder schlechte Probe, aber sie ist nicht wahr.

▼ 170 

Gleiches gilt für Piktogramme, Musikstücke oder Bilder. Sie alle können unsere Erkenntnis von der Welt erweitern, ohne deshalb wahr zu sein. Ein Grund dafür ist, dass die durch sie vermittelte Erkenntnis sich eben nicht in einen wahren Deklarativsatz übersetzen lässt.“62

(3) Um dies akzentuieren zu können, fasse ich kurz Goodmans Beitrag zur neuen Auffassung der Philosophie zusammen (Vgl. Revision, 213-217): Goodman zeigt symbolische Beziehungen der Künste in Languages of art an verschiedenen Beispielen auf. Die hieran anknüpfende Erkenntnistheorie wird in Ways of Worldm a king dargestellt. In dem gemeinschaftlich mit Catherine Z. Elgin verfassten Band Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences schlägt Goodman eine „Neufassung der Philosophie“ vor, in deren Rahmen die Begriffe Wahrheit, Gewissheit und Wissen durch Richtigkeit, Übernahme und Verstehen substituiert werden. Der Goodmanschen Konzeption der allgemeinen Symboltheorie und der Theorie der Welterzeugungen verdankt, ergeben sich viele Konsequenzen hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Grundlagen und Voraussetzungen der Philosophie. Die allgemeine Theorie der Symbole und ihrer Funktionen bezieht sich auf die Philosophie, die Künste und Wissenschaften sowie die vielfältigen Symbolsysteme der Alltagswelt, wie Axel Spree in seiner Erforschung des „radikalen“ Goodmanschen Konstruktivismus bemerkt:

▼ 171 

„Die Symbole, mit deren Hilfe Weltversionen angefertigt werden, werden Symbolsystemen zugeordnet. Hierzu zählen u. a. die Naturwissenschaften, die Philosophie, die verschiedenen Künste. Es gibt demnach viele verschiedene solcher Symbolsysteme und das heißt auch: Es gibt verschiedene „Weisen der Welterzeugung“. […] Goodmans Interesse besteht nun nicht vordringlich darin, diese konstruktivistische Sicht menschlicher Welterzeugung und Erkenntnis womöglich zu beweisen oder durch Heranziehung etwa naturwissenschaftlicher Ergebnisse zu untermauern. […] wer allerdings eine Ästhetik im traditionellen philosophischen Sinn erwartet, sieht sich enttäuscht: Zum einen werden traditionelle ästhetische Fragen wie beispielsweise die nach Schönheit oder anderen ästhetischen Wertqualitäten ebenso ausgeklammert wie die nach der ästhetischen Wertigkeit, also der Qualität der Kunstwerke, zum anderen steht die Untersuchung quasi stellvertretend für Prozesse der symbolischen Bezugnahme auch in anderen Bereichen, also etwa in der Wissenschaft oder Logik oder auch in der alltäglichen Erfahrung.“63

Erkenntnisziel ist nicht eine Form metaphysischer Wahrheit oder Gewissheit, sondern der Fortschritt des Verstehens, der sich von traditionellen Beschränkungen befreit und deren Erkenntnisansprüche auf verschiedenartige Weise in den mannigfaltigen Erscheinungsweisen von Wahrnehmung, Abbildung, Beschreibung und Emotion ihre Realisation finden.

(4) Kognitive Prozesse sind an Symbolsysteme gebunden und dadurch nicht auf den engen wissenschaftlichen Bereich begrenzt, sondern allgemein gefasst. An die Stelle von Wahrheit, Gewissheit und Wissen, die immer von ganz spezifischen Symbolsystemen abhängig sind, sollen „Richtigkeit“, „Übernahme“, und „Verstehen“ von Weltversionen und Symbolsystemen treten. Mit der These, dass die Vorstellung von einer beschreibungsunabhängigen Welt nicht theoriefähig sei, hält Goodman „korrespondenztheoretischen“ Auffassungen entgegen. „Realismus von Repräsentationen“ (z. B.) ist für Goodman ihn eine Angelegenheit der routinierten Praxis und damit keine Fragestellung der abgeschlossenen Annäherung an eine beschreibungsunabhängige Vorlage:

▼ 172 

I.4.1. Kunst-Wissenschaft

In Ermangelung eines in der Goodmanschen Symboltheorie dominanten Symbolsystems, dem alle anderen (z. B. Wissenschaften, Künste oder Philosophie) untergeordnet werden könnten, sind diese ohne einander den Vorrang zu gewähren gleichberechtigt als „Modi der Entdeckung, Erschaffung und Erweiterung des Wissens“ (WW. 127). Goodman differenziert auch nicht zwischen der wissenschaftlichen und ästhetischen Bezugnahme. Wissenschaft und Kunst sind nur unterschiedliche Arten der symbolischen Beziehung auf die Welt. Für beide geht es um die Angleichung von Wissen und Welt. Indessen kann aber ästhetische Erfahrung schlüssig demonstrieren, dass unser spezifischer Erkenntnisprozess konstruktiv veranlagt ist. Goodman untersucht daher die spezifisch kognitive Leistung von Kunst, die neue Erkenntnisse vermittelt. Ihre Unterschiede ergeben sich aus verschiedenartigen Akzentuierungen bestimmter Merkmale von Symbolen in Bezug auf die Welt: Hinsichtlich des Vergleiches von Kunst und Wissenschaft wendet er sich gegen die generelle Übe r zeugung, dass Emotionalität die Kunst und Rationalität (oder Wahrheit) die Wisse n schaft festhalte:

▼ 173 

„Der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft ist nicht der zwischen Gefühl und Tatsache [...], sondern eher ein Unterschied in der Dominanz bestimmter spezifischer Charakteristika von Symbolen.“ (LA. 243)

Meiner Ansicht nach schöpft Goodman seine Überzeugungen aus einem sehr modernen ästhetischen Realismus, den er zugleich – in Ansehung einer tradierten Starrheit – einerseits zu reformieren bzw. andererseits systematisch zu erweitern versucht: Ein Kunstwerk kann genau so real sein wie die Objekte, auf die es „wörtlich oder metaphorisch, sprachlich oder nicht-sprachlich, denotativ oder nicht-denotativ“ (WW. 132) Bezug nimmt. Durch die Analyse der verschiedenen Wege der Bezugnahme können diese entschlüsselt und so wirkliche Welten erzeugt werden. Der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft der darin besteht, dass die Wissenschaft zwar zum Teil die Kunst kennzeichnende Symptome au f weist, sich aber dennoch durch verstärkte Darbietung eben wissenschaftstypischer Symbolisierungsweisen – „schlicht und einfach sprachlich, buchstäblich und denotativ“ (Ebd.) – auszeichnet, wird so zunehmend marginal und ist im Vergleich zur obstin a ten Abgrenzung eher klein. Die Dichotomie zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und ästhetischem Gefühl ist für Goodman also nicht mehr hinnehmbar, da unsere ästhetische Erfahrung als Basis der Reorganisation und Systematisierung des Symbols jedoch in wissenschaftlicher Weise anzusehen ist. Geht es in seiner Überzeugung von Kunst um Fragen der Schönheit und des Genusses, so werden diese als mithin sogar zweitrangig ausgeschlossen: Goodman leugnet nicht, dass Emotionen und Gefühle für ästhetische Erfahrungen essentiell sind, primär ist es aber die Symbolfunktionen für die Prozesse der Bezugnahme der Künste zu begreifen:

▼ 174 

„Evokation hat zu tun mit dem Hervorbringen eines Gefühls, einer Erinnerung, eines Einfalls etc. und ist insofern gar keine Referenzbeziehung. Doch vielleicht ist das, was Evokation von selbständigem Hervorbringen unterscheidet, daß dieses Hervorbringen durch ein Symbol bewirkt oder gefördert wird, das auf die eine oder andere Weise auch auf das referiert, was hervorgebracht wird.“ (RR. 21)

„[…] Wir unterscheiden zum Beispiel stilistische Verwandtschaften und Unterschiede nicht aufgrund „rationaler Analyse“, sondern aufgrund von Sinneseindrücken Wahrnehmungen, Gefühlen, Emotionen, die durch die Praxis geschärft werden wie das Auge des Geometers oder die Finger eines Prüfers maschinell hergestellter Teile. Nicht nur möchte ich ästhetische Erfahrung keineswegs desensibilisieren, ich möchte das Erkennen sensibilisieren. In der Kunst - und ich meine auch in der Wissenschaft - sind Emotionen und Erkennen aufeinander angewiesen: Gefühl ohne Verstehen ist blind, und Verstehen ohne Gefühl ist leer.“ (MM. 22)

▼ 175 

Alle Formen der Wahrnehmungen (z. B. verbale Sprache, Kunst, Wissenschaft) können allgemein als Symbolsysteme aufgefasst werden. Hieraus versucht er die Charakteristika des Symbolsystems der Kunst herauszufiltern, um Kunst auf diese Weise von anderen Symbolsystemen unterscheiden zu können. Auf eine ästhetisch-normative Auseinandersetzung lässt Goodman sich dabei nicht ein. Vielmehr bietet er die „fünf Symptome des Ästhetischen“ an und beschreibt deren Eigenschaften, derentwegen sie aber keineswegs als notwendige oder hinreichende Bedingungen für ästhetische Erfahrungen herangezogen werden können, obgleich sie auch in der Kunst oft und gar verstärkt vorkommen. Hier bemerkt er Synergien zwischen Kunst und Wissenschaft, die über die Tatsache hinausgehen, dass es sich in beiden Fällen an sich um Symbolsysteme handelt. So lassen sich nämlich auch in der Wissenschaft häufig Symptome des Ästhetischen finden. Die Synopse von Kunst und Wissenschaft ergibt damit also nicht nur deshalb viele Gemeinsamkeiten, weil sie symbolisieren, sondern auch dadurch, wie sie symbolisieren:

„Andererseits können ästhetische Merkmale in den feinen qualitativen und quantitativen Unterscheidungen, die für den Test wissenschaftlicher Hypothesen erforderlich sind, eine herausragende Rolle spielen. Kunst und Wissenschaft sind einander nicht völlig fremd.“ (LA. 234)

▼ 176 

Goodman kennzeichnet die tradierte „empirische“ Doktrin in ihrer dichotomischen Trennung durch eine grundlegende Auseinandersetzung, welche durch seine „strenge“ und analytische Vorgehensweise (hinsichtlich der Begriffe „Projektion“, „Passen“, „Proben“ und „Wahrheit“) getragen ist – anhand dieser Begriffe befasse ich mich mit seinen erkenntnisfördernden Kognitivismus in folgenden Erläuterungen. Wissenschaften und Künste seien als unterschiedliche Arten der symbolischen Bezugnahme gleichberechtigt zu betrachten. Sie sollen demnach als Makro- und Mikrofaktoren hinsichtlich der Erkenntnisvermittlung Berücksichtigung finden. Die Theorie der Kunst ist deshalb – genau so wie die Theorie der Wissenschaften - Teil einer umfassenden Erkenntnistheorie. (Vgl. WW. 130ff.)

Darüber hinaus untersucht er die spezifischen kognitiven Potentiale von Kunst und legt damit den Grundstein für das Erzeugen von Welten. In Ansehung seiner Erkenntnistheorie beruhen beispielsweise alle metaphorischen Darstellungen auf Innovationen, die Teil eines Symbolsystems sind, das an die spezifischen Akzessionen zur wirklichen Welt anknüpft. Um die ausgewählten Eigenschaften zu rekonzipieren, ist die Wahl eines adäquaten Symbolsystems Voraussetzung, mit der die verschiedenen Welten konstruktiv erzeugt werden. In diesem Zusammenhang orientiert er sich maßgeblich an der Symbolfunktionsweise der Kunst, wie sie als Verstehensprozess aufzufassen ist: Durch diese semiotische Analyse der verschiedenen Wege der Bezugnahme können die Eigenschaften der Kunst, z. B. verborgene Deutungen oder Tiefenstrukturen entschlüsselt und die Konstruktion der (literarischen) Kommunikation nachvollzogen werden.

I.4.2. Kunstwerke als Proben

(1) Richtige und gute Proben64

▼ 177 

Die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, an der beiden Genre nach gleichen oder vergleichbaren Mustern des Erkenntniszugewinns funktionieren, ist die Probenpraxis, nämlich der Bereich der Exemplifikation. Zur Veranschaulichung hierzu zwei Beispiele65:

„- Ich beschließe Winterkartoffeln zu kaufen und fahre daher zu einem Bauern, um eine Probe einzuholen. Die Kartoffeln sind wohlschmeckend und besitzen alle Eigenschaften einer guten Winterkartoffel. Ich kaufe zwei Zentner, stelle aber leider im Laufe des Winters fest, dass viele wurmstichig und bitter sind. Die eingeholte Probe war schlecht. Sie war deshalb schlecht, weil die wesentlichen Eigenschaften, welche die eingeholte Probe exemplifizierte, nicht mit den im Winter gegessenen Kartoffeln übereinstimmten.

▼ 178 

- Zweites Beispiel: Der Hydrologe zieht im Auftrag des ligurischen Fremdenverkehrsvereins eine Wasserprobe aus dem Meer vor Imperia. Er will feststellen, ob die Wasserqualität darin ungefährdetes Baden erlaubt. Die Qualität des Wassers der Probe lässt auf keine Gefährdung schließen. Den guten Glauben an die Wissenschaft verlierend, erkranken kurze Zeit später Hunderte, verursacht durch das dreckige Wasser vor Imperia. War die Probe schlecht?“

Im ersten Beispiel kann die Frage offensichtlich mit einem klaren ja beantwortet werden. Schwieriger ist dies im zweiten Sachverhalt. Die Wasserprobe exemplifizierte Eigenschaften, die das Wasser, in welchem die hundert - vom Wasser infizierten - Erkrankten schwammen, nicht hat.

▼ 179 

Schlussfolgerung hieraus ist: Erstens, dass die Probe unter Umständen zufällig schlecht war. Was hier aber außen vor bleiben soll. Zweitens, es bedarf der methodisch-praktischen Erneuerung des Probenziehens. Einen Kilometer vor der Küste in fünfzig Meter Tiefe eine Probe zu nehmen ist nicht mehr hinreichend; diese muss nunmehr an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Tiefen genommen werden.

Der maßgebliche Unterschied zwischen den beiden Proben zeichnet sich dadurch aus, dass bei der ersten Probe zweifelsfrei feststeht, ob diese unschädlich oder schädlich, gut oder schlecht, war und damit alle wesentlichen Eigenschaften in Übereinstimmung gebracht sind. Bei der zweiten Probe ist die nahezu unmöglich. Ob eine Probe gut ist, wird endgültig und abschließen kaum zu erschließen sein. Diese wird nur aufgrund einer dynamischen Induktionsbasis oder einer flexiblen Praxis des Probenziehens gut sein.

Hypothesen, die durch Proben von der Art der Wasserprobe untermauert sind, werden nie abschließend zu einer Erschöpfung gelangen. Zudem wird auch immer möglich sein, dass diese durch andere verdrängt werden, so etwa dann, wenn diese besser verankert sind. Ausgeschlossen ist endlich, dass ein negativer Fall vorliegen wird. Sind Proben repräsentativ und projizierbar, dann, und nur dann, sind sie gut und richtig. Dies setzt aber voraus, dass die Proben die drei oben beschriebenen Merkmale aufweisen, versteht es sich doch von selbst, dass nur projizierbare Proben passen. Art, Ort und Zeit der Wasserprobe sind Parameter der Projizierbarkeit und damit der „Güte der Proben“ (WW. 166). Güte und in diesem Sinne Projizierbarkeit korrespondiert eng mit der Konformität der guten Interpretationspraxis von Proben. Weniger von Belang ist dabei, das Erfordernis oder die Garantie einer Kongruenz der Projektion mit den tatsächlichen Eigenschaften des Ganzen oder weiteren Proben. (Vgl. WW. 164) Kartoffelproben als hier in Bezug genommene Proben stellen hingegen gerade vordringlich auf das Kriterium der Übereinstimmung ab: Gut und Richtig ist eine Probe Winterkartoffeln, falls sie geschmacklich und ihrer Konsistenz nach mit denen im Laufe des Winters gegessenen Kartoffeln weitgehend übereinstimmen.66 Hingegen wird bei der Meeresprobe eine solche drastische Übereinstimmung de facto nie zu erlangen sein.

▼ 180 

(2) Kunstwerke als Proben

Die Abgrenzung der Proben von Hypothesen kann genauso auch auf den Mangel der Wortsprachigkeit von Proben zurückgeführt werden. Von der Praxis hängt ab, was Proben exemplifizieren. Sie können Hypothesen exemplifizieren, aber gleichwohl genau so gut einen Stoffballen, wie zum Beispiel bei einem Anzug. Für den Fall, dass Proben nicht das gewünschte Ergebnis - hier also vor allem den erhofften Inhalt - exemplifizieren, so also beispielsweise mehrheitlich falsch sind, kann die Hypothese (das zu Exemplifizierende) substituiert werden. Zudem bleibt die Möglichkeit die praktische Vorgehensweise des Probenziehens entsprechend zu variieren.

Die bisher übliche Vorgehensweise (Praxis) wird bei wiederholt unerwünschten Ergebnissen regelmäßig zur schlechten Praxis und in aller Regel früher oder später durch eine andere ersetzt. Die Güte der Probenpraxis wird durch die Reproduzierbarkeit und damit Projizierbarkeit ihrer Ergebnisse gekennzeichnet. Passendere Verankerung präsentiert sich in solchen Fällen in einer tradierten und wirksamen Probenpraxis. Wenn, und soweit zwei Proben Widersprüchliches exemplifizieren, wird die schlechter verankerte Probe verworfen.

▼ 181 

Eines der herausragenden Kennzeichen des Ästhetischen ist die Exemplifikation. „Exemplifizieren in der Kunst“ bedeutet damit, der Art und Weise der Probe nach - wie im Beispiel dargestellt aus dem Meer - zu entsprechen:

„Kunstwerke sind keine Musterstücke von Stoffballen oder Behältern, sondern Proben aus dem Meer. Sie exemplifizieren buchstäblich oder metaphorisch Formen und Gefühle, Affinitäten und Kontraste, die in einer Welt zu suchen oder in sie einzubauen sind.“ (WW. 166)

▼ 182 

Führt man diesen Gedanken fort, kann man davon ausgehen, dass exemplifizierende Kunstwerke nicht ausgeschöpft sind. Die exemplifizierten Eigenschaften lassen sich nicht endgültig anführen. In der Regel liegt dies vordringlich daran, dass sie immer auch metaphorisch exemplifizieren können und daher immer Transformationen auf neue Felder (z. B. Gefühle, Affinitäten und Kontraste) wahrscheinlich sind. Kunstwerke können damit also als Proben verstanden werden, woraus resultiert (Vgl. WW. 166f.), dass:

I.4.3. Kunst-Erkennen

Goodmans kognitivistische These kann dadurch charakterisiert werden, dass Kunstwerke gleichermaßen am Erkenntnisfortschritt partizipieren und beteiligt sind, wie die Wissenschaft selbst. Ermöglicht wird diese Teilhabe am Erkenntnisfortschritt der Kunst erstens dadurch, dass Kunstwerke Symbole in bestimmten Systemen sind: „Sie unterscheiden sich zwar in der Art ihrer Bezugnahme von anderen Symbolsystemen, sind aber deshalb nicht zufälliger oder wahlloser.“68 Für Symbolsysteme der Kunst - genau wie für „sprachliche“ Symbolsysteme gilt - dass sie eine Kategorisierung eines Gebietes oder Genres offerieren. Schon in Ansehung dieser Kategorisierung durch ein Metapher einer Neugestaltung unterworfen wird. Nominalistische Neugestaltung und Kategorisierung gemein ist, dass sie freilich „passen“ müssen:

▼ 183 

„[…] die Wahrheit von Aussagen und die Richtigkeit von Beschreibungen, Darstellungen, Exemplifikationen, Ausdrücken – der Kompositionen, der Zeichnungen, der Diktionen, des Rhythmus – ist also vor allem eine Sache des Passens.“ (WW. 167)

Passende Bezugnahme setzt projizierbare Etiketten, Prädikate, Markierungen, Hypothesen und einiges mehr voraus. Projizierbarkeit ist Verankerung vorausgesetzt. Somit muss beim Überprüfen des Passens eines Etiketts immer der Sprachgebrauch beachtet werden, in den das Etikett eingebettet ist. Dieser Sprachgebrauch wird nicht allein bestimmt von der Suche nach der Wahrheit, der Nützlichkeit oder sonstigem, sondern hat zahlreiche Ursachen. Dass der Begriff der Wahrheit seinen Vorrang verliert, hat zwei Gründe: zum einen die Existenz von widerstreitenden Wahrheiten, zum anderen, dass er in vielen Fällen, gedacht sei hier vordringlich an das Induktionsproblem, die Problematik der Proben und der Kunst, etc., nur bedingt oder im Ausnahmefall gar nicht zur Klärung beiträgt. Das Wesentliche liegt darin, dass Kunstwerke als Zeichen von Symbolsystemen Bezug nehmen. Kunstwerke sind nicht nur bloße Genussmittel, sondern sie müssen symbolisieren. Mag es dann im Einzelfall auch manchmal schwierig sein zu bestimmen, wofür sie stehen, so wird der Versuch, Kunstwerke als bezugnehmende Entitäten aufzufassen regelmäßig der Ausgangspunkt dafür sein, einem Kunstwerk „als Kunstwerk (nicht als Kapitalanlage, Stellwand, Briefbeschwerer etc.) gerecht zu werden“69 und dieses in Ansehung einer solchen Betrachtung zu begreifen.

I.4.4. Kunst-Verstehen

▼ 184 

Goodman zeigte mit der Erfindung des Prädikates „grot“ eine Lücke in der Theorie der Bestätigung auf. Es muss nicht nur festgestellt werden, was ein positiver Beispielsfall für eine Hypothese ist, sondern auch, welche Hypothesen durch ihre affirmative Beispielsfülle bestätigt werden. Diese Erkenntnis ist unmittelbar in die kunsttheoretische These anwendbar, dass es keineswegs nur darauf ankommt, welche Eigenschaften ein Kunstwerk vermittelt, sondern genau so auch darauf, welche dieser Eigenschaften es exemplifiziert. Dass nicht alle Eigenschaften, die ein Gegenstand besitzt indes auch exemplifiziert werden, wurde oben bereits dargestellt. Welche Eigenschaften exemplifiziert werden hängt von unserer Entscheidung ab, nämlich dadurch, indem wir den jeweiligen Kontext und damit insbesondere auch unsere bisherige Praxis im Umgang mit dieser Art von Gegenständen uns vor Augen führen.

Die Vergleichbaren lassen sich noch genauer untersuchen. Vordringlich wichtig ist aber vor allem, dass es in beiden Fällen nicht nur um eine deduktive Erkenntnis, sondern auch um das Erkennen der relevanten Eigenschaften geht: Einen Gegenstand unter eine Eigenschaft zu subsumieren ist nicht nur Ausdruck einer kognitiven Transformation, sondern auch das Eruieren und Recherchieren interessanter Eigenschaften dieses Gegenstandes. Maßgeblich beteiligt an diesem Prozess ist unsere Praxis im Umgang mit Beispielen. Der Erkenntnisprozess kognitiv relevanter Eigenschaften ist eine Frage der Übung im Umgang und der Vertrautheit mit den betreffenden Gegenständen. Welche Eigenschaften von Deutung sind erschließt sich fällig dann, wenn man in der Lage ist, Zusammenhänge mit anderen Gegenständen zu sehen.

▼ 185 

Diese Fähigkeit hat nämlich darin seinen Grund, dass diese Eigenschaften doch letztlich nur dadurch in kognitiver Hinsicht relevant werden, weil sie es sind, welche die Zusammenhänge erzeugen. Indes sind „wissenschaftliche Induktionen“ in Abgrenzung zu „künstlerischen Induktionen“70 allerdings nicht auf begrifflich fassbare Hypothesen reduziert, sondern sie machen „einen Bereich nicht-propositionaler Erkenntnis“71 sichtbar. Überzeugend ist dies zunächst für die Erkenntnisse, die wir über Kunstwerke erwerben: (z. B.) Wer mit dem Schaffen der Dadaisten vertraut ist und deren „normal-unbegreifliche“ Werke gelesen hat, wird verstehen, welche stilistischen Eigenschaften des Gedichtes für Dadaisten von Deutung sind, welche Eigenschaften so also exemplifiziert werden, und derjenige wird in der Lage sein, bei einem Bild, von dem er noch nicht weiß, wer es gemalt hat, zu erkennen, ob es von Dadaisten geschaffen wurde oder nicht. Die Praxis bestimmt die allgemeine Auffassung vom Stil der Dadaisten und ambivalent hierzu lässt uns dieser Fokus bei weiteren dadaistischen Gedichten auf bestimmte Eigenschaften achten und andere übersehen. So sind wir im Falle eines induktiven Schlusses befähigt, ein Prädikat fortzusetzen. Hier versetzt es uns in die Lage, einen „Stil“ fortzusetzen. „Stilistische Eigenschaften“ zu erkennen und sie fortsetzen zu können, ist nicht an „begriffliche“ Operationen gebunden. Dadurch, dass sich eine bestimmte Anzahl von Kunstwerken Beurteilungsmaßstab anderer Kunstwerke aufschwingt, wird ein Vergleichbares zwischen Goodmans „induktivem“ Verständnis von Kunst und dem Anliegen des Klassizismus eröffnet. Die Konditionierung folgt aus den Anforderungen der Transformationspraxis der Eigenschaften der Muster (Beispiele) auf andere Gegenstände und nicht aus abstrakten Regeln. Nun gilt dies aber zunächst nur für die kognitive Funktion der Erkenntnisvermittlung über Kunstwerke.

Geklärt ist damit nämlich noch nicht, warum man generell bestrebt ist, Kunstwerke zu verstehen und zu begreifen und was Antrieb dieses Strebens ist. Die Antwort auf diese Fragen wird wohl darin zu suchen sein, dass nur aus der Deutung von Kunstwerken diese verständlich und entschlüsselbar werden. Stellt man auf diese Weise fest, welche Eigenschaften eines Kunstwerkes relevant sind, geht es darum die konkrete Aussage des Kunstwerks zu ergründen. Der Stil, in welchem das Kunstwerk gehalten ist, ist dabei für Goodman sekundär. Primär ist für ihn, dass die Welt in einer anderen Weise betrachtet wird, damit also z. B. so, wie sie unserer Anschauung nach etwa von den Dadaisten verstanden wird, nach dem wir uns mit einer Reihe ihre Schriften vertraut gemacht haben:

▼ 186 

„Wie ein repräsentationales Gemälde Welten erzeugt, wird jedem auf beeindruckende Weise klar, der in eine neue Welt getreten ist, nachdem er eine Ausstellung von Werken gesehen hat, die wirken.“ (MM. 128)

Dieses Vorgehen kann durchaus als Fortsetzungsprozess gedeutet werden: Die Welt wird unter den Aspekten reflektiert, die für die Bilder bedeutungsvoll waren. Damit wagen wir den Versuch, Teile der Welt als stilistisches Muster der Dadaisten zu entdecken.

Ein anschauliches und durchaus raffiniertes Beispiel gibt Goodman mit Van Meegerens Fälschungen von Vermeer, indem er hier die Wiedergabe desselben Sachverhaltes herausstellt. (Vgl. LA. 107) Die Fälschungen würden dazu führen, dass man eine unrichtige Vorstellung vom Stil Vermeers erwirbt, welche sehr wohl als Ausgangspunkt und Grundlage weiterer Irrungen hinsichtlich anderer Beispiele in Betracht kommt:

▼ 187 

„Was ein Kunstwerk exemplifiziert, hängt davon ab, in welchen Zusammenhang es gestellt wird, das heißt in welche Praxis des Verstehens von Beispielen. Diese wird nicht durch allgemeine Regeln vermittelt, sondern durch Erziehung und Übung, um wichtige, exemplifizierte Eigenschaften zu erfassen.“ (WW. 164)

Resümierend lässt sich daher sagen, dass in induktiver Weise festgestellt werden kann, welche Eigenschaften kognitiv von Bedeutung sind. Dieser induktive Schluss gilt dann auch für diejenige „kognitive Relevanz“ von Eigenschaften, wenn wir sie auf neu in Bezug genommene Gegenstände transformieren. Goodman widerstrebt es, Verstehen in der Kunst an das Muster deduktiv propositionalen Wissen zu binden. Vielmehr sei dies seiner Auffassung folgend nach dem Modell induktiven und „nicht-propositionalen Wissens“ konzipiert, woraus es möglich wird kognitive Perspektiven zu fördern und intuitiven Vorstellungen beim Herangehen an Kunst mehr Handlungsraum zu widmen.72

I.4.5. Die Reichweite des Kognitiven

▼ 188 

Richtschnur der Wahrnehmung und Nutzung kognitiv relevanter Eigenschaften von Kunstwerken sind also nicht abstrakte Denkprozesse, sondern auch ganz entscheidend die Fähigkeit, spezifische Vergleichbarkeiten und Differenzierungen wahrnehmen zu können. So ist es für Goodman gerade die kognitive Funktion von Kunstwerken, die uns unsere Wahrnehmung (neu) ordnen und strukturieren lässt. Dabei hebt er die Bedeutung der Gefühle, wie sie im Umgang mit Kunst entwickelt und reflektiert werden, hervor. Gemeint sind damit aber keineswegs nur angenehme Gefühle. Auch unangenehme Gefühle werden angesprochen. Die Rolle die Gefühle spielen, ist nach Goodman kognitiv gelagert:

„Durch die Behauptung, dass ästhetische Erfahrung kognitiv ist, setze ich sie ausdrücklich nicht mit dem Begrifflichen, dem Diskursiven, dem Sprachlichen gleich. Unter „kognitiv“ schließe ich alle Aspekte des Erkennens und des Verstehens ein, von der Unterscheidung der Wahrnehmung über das Erkennen von Mustern bis hin zur emotionale Einsicht und ihrer logischen Ableitung.“ (MM. 126)

▼ 189 

„Emotionen und Gefühle sind, dem stimme ich zu, für ästhetische Erfahrung notwendig; aber sie existieren nicht getrennt vom oder zusätzlich zum kognitiven Aspekt dieser Erfahrungen. Sie gehören zu den elementaren Mitteln, mit denen die Unterscheidungen und Verbindungen hergestellt werden, die in ein Verstehen von Kunst eingehen. Ich muss es noch einmal wiederholen, daß Emotionen und Gefühl in der ästhetischen und vielen anderen Erfahrungen kognitiv funktionieren.“ (MM. 22)

Unseren Gefühlen und Empfindungen ist es verdankt, Wesensmerkmale und Zusammenhänge wahrnehmen zu können, die es uns gestatten, ein Kunstwerk zu verstehen. Die bloße Gefühlsebene ist dabei keineswegs quasi vollendete Wahrnehmung. Gefühle verhelfen uns vielmehr zu der Fähigkeit, unser Verstehen, unsere Wahrnehmungen und unser Wahrnehmungsbewusstsein zu erweitern. Nun ist für Goodman das Feld des Kognitiven durchaus sehr wichtig, dennoch greift seinerseits eine Reihe von Überzeugungen hinsichtlich des Kognitivismus ein, mit welchen er sich explizit oder implizit stringent abzugrenzen vermag. So wendet sich Goodman in impliziter Hinsicht gegen den „Intentionalismus“73 und bestreitet, dass eine Kunsthaltung der passiven Kontemplation des unmittelbar Gegebenen, die zutreffend sei. Vielmehr würden Kunstwerke als Gegenstände in der Weise konfrontieren, dass diese aktiv aufgefasst werden sollen. Nicht nur ein Gedicht muss man lesen, um es ergründen zu können. Gleiches gilt für ein Bild: Auch dieses kann nur in seinem (richtigen) Kontext begreifbar sein. Dass sich Kunstverständnis schon als Ausfluss bloßen Hinschauens konstituiert, mag nur für ganz wenige Werke und in diesem Sinne ausnahmsweise überzeugend sein. In der Regel ist eine solche These falsch und bloßes Hinschauen verbleibt nicht selten fruchtlos. Entscheidend ist die Notwendigkeit der „intellektuellen Auseinandersetzung“ mit dem Kunstgegenstand, womit welche Symbolisierung erfasst wird. Sie dient damit der „kognitiven Zielsetzung“, danach:

▼ 190 

„nach der Feinheit ihrer Unterscheidungen und der Angemessenheit ihrer Anspielungen; nach ihrer Arbeitweise beim Erfassen, Erkunden und Durchdringen der Welt; nach der Art und Weise, in der sie an der Erzeugung, der Handhabung, dem Bewahren und Transformation von Wissen beteiligt ist.“ (LA. 237)

Der Auseinandersetzung, welche kognitiven Funktionen literarische Fiktionen hat, ist der Streit darüber zunächst vorgelagert, ob es überhaupt sinnvoll ist, im Zusammenhang mit Kunstwerken von Erkenntnis zu sprechen und nicht nur von der Emotionalität, mit der Kunstwerke den Rezipienten konfrontieren. Mit kognitivem Prozess meint Goodmans das Verfahren, Kunstwerke unter erkenntnistheoretischen Fragestellungen zu untersuchen, da die Begeisterung und das Vergnügen im Umgang mit Kunstwerken nicht selten final darin bestehen werden, ein Werk zu verstehen. Das Werkverstehen ist, will es nicht zu einer eitlen Differenzierungsübung verkommen, immer auch ein Weltverstehen. D. h., wenn ein Werk verstanden wird, wird klar, ob es in irgendeiner Weise die Welt richtig darstellt. Eine richtige Darstellung ist erforderlich, damit Erkenntnisse erzeugt werden können. Für den Bereich der fiktionalen Literatur scheint diese Forderung zunächst schwer erfüllbar zu sein, ist diese doch wie Thürnau kommentiert mit der Brille der denotativen Bezugnahme zu lesen:

▼ 191 

„Anders hingegen, wenn die komplexe Bezugnahme der Zeichen in den Mittelpunkt der Analyse tritt: Literarische Fiktionen können die Welt in richtiger Weise darstellen, indem die Zeichen auf Exemplifikate verweisen, welche auf Individuen der Wirklichkeit zutreffen. Da die Angemessenheit einer Beschreibung „an ihrer stichhaltigen Begründung“ festgemacht werden kann, müssten wir auch in der fiktionalen Literatur nach Begründungen suchen. Ein solches Unternehmen wird jedoch vergeblich sein. Die Begründung für die Stimmigkeit einer literarischen Fiktion im Modus der komplexen Referenz gelesen, kann nur vom Kritiker am Text und nicht durch den Text erbracht werden. Findet seine Begründung Zustimmung, spricht man von einer im indirekten bzw. metaphorischen Sinne richtigen Beschreibung. Auf diesem Wege werden literarische Fiktionen kognitiv relevant.“74

Sie reproduzieren nicht nur Teile der Wirklichkeit, sondern sie tun dies in der Weise, dass sie die Wirklichkeit fixieren und dadurch die Verfremdungseffekte hervorheben. In Ansehung einer kognitivistischen Betrachtungsweise erproben sie sich quasi selbst als singulär und zerstreuen so die Kritik, ihre kognitive Funktion sei in wissenschaftlichen Diskursen „einholbar“75 und dingfest zu machen. Was für Kunstwerke generell gelten möge, kann für literarische Fiktionen als Resultat dieser Untersuchung gezeigt werden: Auch im Hinblick auf eine kognitiven Erschließung der Welt sind Kunstwerke „unverzichtbar“, wobei Goodman versucht, Kunstwerke zwischen der Bezugnahme und den Welten als Probe (d. h. Suchen, Einpassen, Verwerfen, Akzeptieren) in der verschiedenen Beobachtungssprache als „menschlicher Handlungsprozess“ in Bezug auf ihren Wirklichkeitsgehalt zu kennzeichnen.

▼ 192 

Wie lässt sich nunmehr diese Aktivität von solchen Unternehmungen abgrenzen, an denen unser Verstand im Rahmen der Wahrnehmung oder anderen Wissens- und Wollens gesteuerten Verhaltensmustern beteiligt ist?

„Die landläufige Antwort lautet, dass sich das ästhetische auf keinen praktischen Zweck richtet, dass es nichts mit Selbstverteidigung oder Eroberung, mit dem Erwerb von Lebensnotwendigem oder von Luxus, mit Vorhersage und Kontrolle der Natur zu tun hat.“ (LA. 223)

▼ 193 

Goodman teilt nicht, dass eine Charakterisierung der Kunst im Sinne von Abgrenzung der Auseinandersetzung gerecht wird. Dass Abgrenzung gleichwohl aber als Mindestvoraussetzung angesehen werden kann, wird von ihm nicht bestritten. Hiervon geht die so genannte abgrenzende Kognitivismusthese aus, nach welcher nämlich Ziel der Kunst nicht etwa ein unmittelbarer praktisch greifbarer Nutzen ist, sondern dass sie final das Verstehen befördern soll. An dieser Stelle soll die Grenzlinie zwischen Symbolen und Nicht-Symbolen und entsprechend auch eine Grenzlinie zu Nicht-Kunstwerken gezogen werden. Nicht tangiert ist hiervon freilich, das Hantieren mit einer Vielzahl von Symbolen zu praktischen Zwecken, allerdings nur insoweit, wie wir auch Erkenntnisse zu praktischen Zwecken benutzen. Kraft schwammiger und fließender Grenzen kann die Abgrenzung im Einzelfall allerdings schwierig werden, insbesondere dann, wenn die „Erkenntnisphase“76 kurz ist und „mit der Phase der Nutzung“ zeitlich quasi schon zusammenfällt.

Was macht dann den Unterschied von Kunst und Ergebnis orientierter Wissenschaft aus? Dass Kunst im Unterschied zur Wissenschaft Genuss bereite, lehnt Goodman stringent ab. Einerseits bereiten viele Kunstwerke nur dann Genuss, wenn man „Genuss“ recht abstrakt definiert, andererseits haben viele Menschen an den Wissenschaften durchaus Genuss, ohne dass man diesen Abnormitäten zu unterstellen vermag. (Vgl. LA. 223)

Kann man sagen, dass in der Kunst die Gefühle den Takt angeben, während es in der Wissenschaft um das ganze Gewicht der Wahrheit geht? Daran, dass die abgrenzende Kognitivismusthese Gefühle als finales Ziel der Kunst bestreitet, sei an dieser Stelle erinnert. Unbestreitbar sind Gefühle dennoch wichtig für die Kunst. Für die Wissenschaft sind Gefühle allerdings genauso wichtig: Wer würde bestreiten wollen, dass für die Wissenschaft neben der Erforschung der Wahrheit auch noch ganz andere Aspekte, wie die der Einfachheit, Eleganz, Effektivität, etc., von Bedeutung sind. So stellt Goodman endlich darauf ab, dass eine Unterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft nur auf der Differenzierung der jeweils verwendeten Symbolsysteme und deren „Relative Fülle“ (Vgl. LA. 212f.) syntaktischer und semantischer Eigenschaften basiert.

▼ 194 

Beinahe universell ist Goodmans Konzeption des Kognitiven. Kognitiv relevant ist nicht nur Wissen, auch bestimmten Fähigkeiten und Gefühlen haftet diese Eigenschaft an. Der Begriff des Kognitiven wird dadurch also nicht unterwandert. Dass Ziel der Kunst final ein rein praktischer Nutzen ist, ohne Unterscheidung, ob dieser im Erleben bestimmter Gefühle, in einer therapeutischen Wirkung, in Spaß oder in Kommunikationsmöglichkeiten begründet liegt, wird von Goodman verworfen:

„Der primäre Zweck ist Erkenntnis an und für sich; Brauchbarkeit, Wohlgefallen, Zwang und kommunikative Nützlichkeit, alle hängen von ihr ab.“ (LA. 237)

▼ 195 

Dass es auch in der Kunst absurd wäre anzunehmen, die ultimative Motivation für sie käme aus praktischen Interessen, folgert Goodman aus der Analogie zur reinen Wissenschaft. Unbestritten ist Wissenschaft dafür verwendbar, Satelliten zu bauen, und Musik dazu, kleine Kinder zu beruhigen. Wer darin aber das Wesentliche sieht, verkennt den Unterschied zwischen Technik und Wissenschaft ebenso wie er Kunst missdeutet. Dass sich Goodman dabei bemüht, der Kunst dasselbe intellektuelle Gewicht wie der Wissenschaft beizumessen, liegt auf der Hand.

I.4.6. Empirie-Erkenntnis

Wenn davon gesprochen wurde, dass Goodmans Kognitivismus den besonderen – von Kunstwerken vermittelten – Erfahrungen eine große Bedeutung beimisst, dann liegt hieraus der Schluss nahe, dass diese besonderen Erfahrungen durchaus ein kognitives Hauptziel der Kunst sind. Daher stellt sich Frage, warum wir die Erfahrungen, die Kunst uns zu vermitteln sucht, machen wollen. Weil es besondere, auf keine andere Weise erlangbare Erfahrungen sind? Ja, aber nicht nur deshalb! Für einen Ausländer, der in Deutschland mit den Hürden, Segnungen und Würden des Germanistik-Studiums befasst ist, ist diese gleichwohl eine besondere Erfahrung. Es genügt auch nicht davon auszugehen, dass es nur um solche Erfahrung geht, die wir als Genussempfindung „internalisieren“ (Vgl. Revision, 190-196). Einen Ferrari zu fahren, mag auch für viele eine genussvolle, wahrscheinlich nicht allzu regelmäßige Erfahrung sein. (Vgl. LA. 235ff.)

Es wäre eine Pflichtverletzung, wenn die Goodmansch-besonderen Erfahrungen der Kunst nicht anerkennen würden. Der Fingerzeig auf sie als Gegenvorschlag zu einer kognitiven Zielbestimmung reicht allerdings nicht. Dass ihre innere Geistesrichtung analysiert werden muss, ist denknotwendig unerlässlich, sollen doch Erfahrungen Ziel der Kunst sein. Goodman hebt in diesem Zusammenhang darauf ab, dass die maßgeblichen Erfahrungen, die Kunst offeriert, einen kognitiv effektiven Gehalt haben. Die Kunst sei Ursache dafür, dass ihre spezifischen Erkenntnisse vermittelt werden können: Somit rüstet

▼ 196 

„die Kunst aus fürs Überleben, für Eroberung und Gewinn. Und sie kanalisiert überschlüssige Energien und vermeidet so zerstörerische Ausbrüche. Sie macht den Wissenschaftler scharfsinniger, den Kaufmann schlauer, und die Straßen macht sie von jugendlichen Delinquenten frei.“ (LA. 236)

So veranschaulicht greift Goodmans Kognitivismus auch diese (alternative) Funktion auf. Streitbar ist, dass Goodman unter Verwässerung des Exemplifikationsbegriffs auch Befähigungen und Gefühle als kognitiv relevant begreift und so zu einer uninformativen Theorie gelangt:

▼ 197 

„Wenn auch die Eigenschaften eines Kunstwerkes als kognitiv relevant gelten, die für eine spezifische Form von Fähigkeiten im Umgang mit den Kunstwerken wichtig sind, und wenn Kunst gerade nicht-propositionale Erkenntnisse vermittelt, kann dann nicht ein Urinal gleichermaßen als Symbol gelten?“77

Ein Lösungsansatz kann meiner Überzeugung nach durch den Rückgriff auf die abgrenzende Kognitivismusthese erreicht werden, wie nachstehend gezeigt werden soll in Anlehnung:

▼ 198 

Ein „Hammer“78 offeriert schon seiner Form nach Erkenntnisse über den Umgang mit demselben. Insbesondere seine typischen Hammer-Eigenschaften haben wir deutlich vor Augen, anderenfalls könnten wir ihn auch nicht benutzen. Nun kann gleichwohl ein Hammer als Symbol aufgefasst werden, welches bei dieser Anschauung kognitiv relevante Eigenschaften exemplifiziert. Man führe sich vor Augen, dass ein Handwerksmeister in der Lehrwerkstatt seinen Gesellen einen Hammer „vorführt“. Dann geht es doch nicht darum, dass ein Bild seinen Platz an der Wand findet, sondern es geht um die Vermittlung des Umgangs und die Veranschaulichung der Funktionsweise des Werkzeuges. Der Einwand, dass dieses Beispiel an den Haaren herbeigezogen und gekünstelt wirke, zeigt nur, dass Hämmer normalerweise eben nicht zur Vermittlung von Erkenntnissen verwendet werden, gleichwohl die Redensart, des „Einhämmerns von Wissen“ allgemein bekannt ist.

Der entscheidende Punkt ist, dass kein Hammer, der seiner Funktion und Bestimmung nach verwendet wird, auf irgendwelche Eigenschaften hinsichtlich der Beförderung von Wissensvermittlung und Lehre verweist. Genau in diesem Punkt wird auch die eigentliche Abgrenzung deutlich, die Goodman mit dem Verweis auf die „kognitive Relevanz“ bezweckt, nämlich dass ein Gegenstand, ein Ding, ein Etwas nicht final seinem rein „praktischen Nutzen“ (LA. 236) zugeschrieben werden soll. Dieser soll uns vielmehr helfen etwas zu verstehen und in diesem Sinne vordringlich dem Erkenntnisinteresse angedient werden. Für den hier als Beispiel angeführten Hammer heißt dies, dass dieser dadurch, dass er einem Erkenntnisinteresse zu dienen befähigt ist, als Symbol fungieren kann und vielleicht sogar einem Kunstwerk zu sein vermag. Dass er an sich keines von beiden ist, versteht sich freilich.

Indes lassen sich freilich auch umgekehrte Beispiele anführen. So kann etwa die Musik in der Weise in einen praktischen Kontext gestellt werden, dass ein denkbarer kognitiver Zweck entfällt. Hieran anknüpfend kann der Musik in solch einem Fall die Symbolfunktion und der Kunststatus abgesprochen werden: Wenn auf manchen Bahnhofshallen durchgehend Musik von Frederick Delius abgespielt wird, so zielt dieses subtile Arrangement impressionistischer Musik darauf ab, ungebetenen Personen den lagernden Aufenthalt im Bahnhof zu verleiden und damit keineswegs auf die Darbietung von Kunst ab. Allerdings kann die Musik in dem Maße, wie sie eben nicht nur als Störung vernommen wird, wieder zum Kunstwerk erblühen.79

▼ 199 

Resümierend lässt sich sagen, dass der Fingerzeig darauf, Kunst vermittle besondere Erfahrungen, allein keinesfalls hinreichend ist, um stichhaltig Goodmans Kognitivismus zu erschüttern. Bestimmte besondere Erfahrungen werden von Goodman durchaus in Betracht gezogen, wenngleich er sie auch als ein kognitives Ziel sieht.

Gezeigt wurde auch, dass die abgrenzende Kognitivismusthese Goodmans Annahmen vor einer zu weitreichenden Generalisierung und einer damit einhergehenden Verwässerung absichert. So ist es hinreichend, all diejenigen Gegenstände als Nicht-Symbole anzusehen, die unmittelbar in einem rein praktischen Kontext stehen, um so von Exemplifikation sprechen zu können.

I.4.7. Kunst-Welt

Ein Hammer vermittelt über sich selbst keine Erkenntnisse, so das Fazit der abgrenzenden Kognitivismusthese. Noch weniger vermittelt er irgendetwas über andere Hammer und sonstige Werkzeuge. Die Annahme, dass ein Gegenstand nur dann ein Symbol sein kann, wenn er irgendeinem kognitiven Zweck dient, ist völlig hinreichend. Dass es um Erkenntnisse über die Welt (außerhalb der Kunst) gehen muss, ist ohne Belang. Auch dann, wenn man der Differenzierung zwischen Erkenntnissen über Kunst und Erkenntnissen über die Welt folgt, ist die Unterstellung, dass eine kognitivistische Ästhetik im Goodmanschen Sinne sich auf letztere festlegen lassen muss, fehl am Platz. Damit verlieren allerdings auch die Gegenbeispiele ihre Überzeugungskraft. Mit Blick hierauf scheint es nämlich keineswegs abwegig zu sein, ihnen eine kognitive Funktion im Hinblick auf das Verstehen von Kunst - hier also bestimmter Genre von Musik - zuzubilligen. Plausibel ist die These allerdings dadurch, dass es nicht Aufgabe der Kunst ist, Erkenntnisse über dieselbe zu offerieren, wenn man sich weigert, die Kunstwerke selbst als Teil der Welt anzusehen und stattdessen sie als Mittel der Welterzeugung einer von ihnen unabhängigen Realität gegenüberstellt. Hat diese denn aber Goodman behauptet? Seiner Ansicht nach ist für den Bereich der Kunst gerade nicht absolut zwischen Erkenntnissen über Mittel der Welterzeugung und Erkenntnissen über die erzeugten Welten zu unterscheiden.

▼ 200 

Goodmans Irrealismus fußt doch darin, dass man in allen Erkenntnissen auf Beschreibungen – genauer: auf Versionen - beschränkt ist. Jedwedes Reden von Versionen ist daher mit dem Reden über Welten austauschbar. Dies ist aber gerade der Kern des Widerspruchs, die einander konterkarierenden Aussagen können nicht in der Gestalt auf ein System der Beschreibung reduziert werden, dass hinter diesem noch eine Welt sichtbar verbliebe.

Es gibt keine trennscharfe Grenzziehung zwischen diskursabhängigen Welt-Merkmalen und solchen, die es nicht sind. Das Schlüsselwort lautet hier „Standhaftigkeit“. Mag man in mannigfaltiger Weise und verschiedenen Zusammenhängen versuchen Grenzen zu ziehen, sie werden dauerhaft keinen standhaften Halt gewähren. Eine Aussage ist nicht in der Weise spaltbar, dass man ihren diskursunabhängigen Gehalt isolieren könnte. Somit lässt sich an widersprechenden Aussagen auch nicht der Teil herausfiltern, der sich auf die eine Welt bezieht. Infolgedessen ist es falsch zu behaupten, der Widerspruch erschöpfe sich auf Versionen, ziele aber nicht auf die Welt und nötige daher auch nicht zu einem Weltpluralismus.

Sodann grenzt sich Goodman klar von einem sehr modernen Realismus und Empirismus ab, da für diese doch zumindest die Existenz einer einzigen Welt unverzichtbar ist. Ob der argumentative Widerspruch wirklich berechtigt ist und wenn ja, welche Konsequenzen daraus resultieren, ist zunächst ohne Belang, da die Schaffung eines Kunstwerks noch keine Welterzeugung sei. Dies folgt für Goodman nicht daraus, dass nur die Welt eine Version richtig machen kann, sondern stützt sich auf das Argument, dass nicht jedes Kunstschaffen zu einer richtig erzeugten Version und damit zu einer Welterzeugung beisteuert. Goodman besteht darauf, dass nicht viele Kunstwerke richtig seien. In den Versionen läge der Schlüssel für Richtigkeit. Kongruenz mit einer „versionsfreien“ Welt sei kein Richtigkeitskriterium, wenn auch wir selten willkürlich festlegen könnten, welche Versionen richtig sind und welche nicht.

▼ 201 

Weiterführend verweigert sich Goodman auch fiktiven und „möglichen“ Welten nicht schon deswegen, weil sie mithin nicht von „der Welt“ wahr gemacht werden, sondern aufgrund des Mangels einer „richtigen“ Erzeugung:

„Einen Bereich nichtwirklicher Entitäten, die von leeren Symbolen denotiert werden, zu hypostasieren, scheint mir sinnlos und verwirrend.“ (MM. 93; dito Vgl. RR. 15)

▼ 202 

Denkt man etwa an Romane in der Literatur, so beziehen sich diese sich oft auf fiktive Welten, anderenfalls würde man dem Verständnis der wahren Bezugnahmeweisen von Romanen nicht gerecht werden. Diese beziehen sich nämlich auf die Welten, die wir als real reflektieren. In ihnen gibt es keinen Don Quijote und auch keinen Don Juan, gleichwohl aber viele Don Quijotes und Don Juans. Fiktiven Welten sind (gemäß der Richtigkeitskriterien) in die Ordnung, wie wir (oder zumindest Goodman) beispielsweise Bezugnahmen von fiktiven Texten verstehen, nicht einfügbar. (Vgl. WW. 128f.) Thürnau stellt dementsprechend fest:

„Jene Ansätze, die mögliche Welten oder nichtexistierende Gegenstände zu den Objekten erklären, auf die fiktionale Literatur Bezug nimmt, erweisen sich als wenig explikativ und gemessen an dem Umgang mit Literatur als nicht akzeptabel. Statt dessen empfiehlt es sich, Bedeutungsfunktionen zu berücksichtigen, die unserer Intuition nahe kommen, auch fiktionale Literatur beschreibe die wirkliche Welt in einer bislang noch unklaren Vermitteltheit.“80

▼ 203 

Goodman trennt bloße Versionen und wirkliche Welten. Dass wirkliche Welten real sind und bloße Versionen nicht, ist dabei kein Maßstab der Differenzierung. Vielmehr ist von Bedeutung, dass wirkliche Welten richtige Versionen und falsche (bloße) Versionen nicht wirklich sind.

Aus anderen Versionen und nicht aus Nichts werden Versionen erzeugt. Beim Welterzeugen geht es doch nicht um eine Individualisierung und Klassifikation einer „reinen“ Welt, sondern andere Versionen werden in Bezug genommen. In keinem Fall ist die Welt anfänglich ein unbeschriebenes Blatt (Vgl. WW. 19), nämlich keineswegs creatio ex nihilo. Zahlreiche Versionen stehen als bauliches Fundament der Welterzeugung zur Verfügung. Auch bedarf es nicht immer einer gewöhnlichen und allseits bekannten Version. Vielmehr ist es denkbar, dass eine künstlerische Version durch andere künstlerische Version eine neuartige Struktur erfahren. Ob dann freilich hieraus Einsichten über Kunst und damit eine richtige künstlerische Version und über eine Welt resultieren? Ich würde darauf abstellen, dass Goodman hier nicht unterscheiden würde.

Auch Variationen werden von Goodman untersucht: „Picasso beginnt mit Velázquez’ Las Minas, Brahms mit einem Thema von Haydn; beide zaubern daraus Variationen hervor, die sich als Offenbarungen erweisen.“ (WW. 30) Sie sind diejenigen Fälle, in denen Kunst Erkenntnisse über Kunst offeriert. Variationen vermitteln Einsichten über dasjenige, worüber sie Variationen sind. Variationen über ein Werk, innerhalb desselben oder Werk übergreifend - und Variationsreihen - sind „Interpretationen des Werks“; die Variationen Picassos funktionieren vor diesem Hintergrund nicht anders wie ein Essay über Las Meninas. Antrieb dieses Erkenntnisstrebens ist die Suche nach den Inhalten der Kunstwerke. Die Auslegung eines Werkes ermöglicht endlich nicht nur das Kunstwerk zu verstehen, sondern auch zu unterscheiden, was das Kunstwerk bedeutet. Mit anderen Worten, welche Version es erzeugt. Nach Goodman kommt es einer Rechtfertigung der Picasso-Variationen gleich, dass diese zeigen, „dass die Ehrenfräulein über die klein und kraftlos gewordene Prinzessin der Szene dominieren.“ (Vgl. Revision, 111) Dies ist aber sicherlich eine von vieler Erkenntnis über die Welt von Velázquez. (Vgl. Revision, 108ff.) Demnach schwingen sich so Erkenntnisse, die Kunst über künstlerische Versionen vermitteln, immer auch zu Erkenntnissen über eine Welt auf, so jedenfalls nach dem Goodmanschen System.

▼ 204 

Unterscheidbar sind gleichwohl Erkenntnisse über die Mittel der Welterzeugung und Erkenntnissen über erzeugte Versionen. Keineswegs alle Eigenschaften der Mittel der Welterzeugung sind auch auf die Versionen und damit die Welten übertragbar und treffen auf diese zu. Sterne werden mit Beschreibungen von Sternen erzeugt, unabhängig davon konstituieren diese sich aber nicht aus alphabetischen Zeichen. Ob in diesem Goodmanschen System Beispiele denkbar sind, in denen Erkenntnisse über künstlerische Mittel der Welterzeugung, nicht aber Erkenntnisse über künstlerische Versionen und damit Welten vermittelt werden, ist fraglich. Das würde wohl auf die Vornahme einer Unterscheidung zwischen Erkenntnissen über das „Wie“ der künstlerischen Welterzeugung, etwa Erkenntnissen über den Stil, und Erkenntnissen über das „Was“ der künstlerischen Welterzeugung, etwa Erkenntnissen über das „Sujet“ zielen. (Vgl. WW. 39f.)

Stilistischen Aussagen sind damit zugleich auch immer Ansichten über die entsprechende Version. Bei nicht-repräsentativer Bezugnahme ist es äußerst schwierig zwischen Erkenntnissen über die Mittel der Welterzeugung und solchen über die erzeugten Welten zu differenzieren. Dies wird dadurch deutlich, dass die Kunstwerke letztlich Teil der von ihnen erzeugten Welt sind und mit dieser dann (zwangsläufig) korrespondieren. Wenn auch exemplifizierende Symbole Bestandteil der von ihnen so erzeugten Version und damit Welt sind, fehlt es gleichwohl nicht am Sinn Symbole vom „Rest“ der erzeugten Welt abzugrenzen. Wie die Polemik um Goodmans Induktionstheorie deutlich macht, ist die Kenntnis darüber, was der Ausgangspunkt der induktiven Fortsetzung ist, ungemein wichtig. Mit anderen Worten, was die Datenklasse ausmacht: Die Smaragde der Datenklasse sind grün. Sie gehören allerdings zu der „Welt“ im Sinne der Gesamtheit aller Smaragde. Dass nunmehr aber die Welt aller Smaragde gemeint ist, lässt sich nur dadurch erschließen, dass die Datenklasse entziffert wird. Zugleich bestimmt die Datenklasse die Menge der exemplifizierenden Symbole. Dass hieraus die Sonderung folgt, welche Welt man vor sich hat, ändert nichts daran, dass Symbole selbst der Welt zugehörig sind. Gleiches gilt für Kunstwerke, sind diese doch Teil der (einen) Welt.

Die stilistische Exegese der Goodmanschen Werke legt eben diese Interpretation nahe. Stilistischen Eigenarten heben keineswegs darauf ab, das „Wie“ der Darstellung vom „Was“ abzugrenzen. Als Stilelemente gelten vielmehr alle Eigenschaften des Kunstwerks, die geeignet und erforderlich sind, auf die Fragen: wer, wann und wo zu antworten. (Vgl. WW. 51f.) Der Stil, in dem ein Bild gehalten ist, so also nicht von dem „realen“ Gegenstand, auf den dieser sich bezieht, getrennt und unterschieden werden. All diejenigen Merkmale sind vielmehr Stilmerkmale, die die Gewähr für eine Einordnung des Bildes bieten, dass greifbar wird, woran induktive Fortsetzungen rückanknüpfen. Einfacher formuliert, die die Gewähr für die Festlegung der Datenklasse verbürgen. Es liegt doch auf der Hand, dass erst wenn klar ist, wer der Maler war, bekannt sein kann, welche anderen Bilder in Verbindung mit dem vorliegenden den Ausgangspunkt meiner induktiven Fortsetzung bilden und in Anknüpfung hieran, welche Version ich endlich vor mir habe.

I.4.8. Realismus/Irrealismus?

▼ 205 

Wenig Bedeutung hat die Unterscheidung zwischen Erkenntnissen über Kunst und derjenigen durch Kunst über die Welt, handelt es sich doch um eine irrealistischen Philosophie, der Goodman zugetan ist. Eine absolute Trennung zwischen Erkenntnissen über künstlerische Versionen im Unterschied zu Erkenntnissen über Welten ermangelt jeder Begründbarkeit. Auch fehlt es am Sinn einer solchen Unterscheidung zwischen Erkenntnissen über künstlerische Mittel im Unterschied zu Erkenntnissen über künstlerische Versionen. Stellt man Goodman vor die Alternative, ob er Erkenntnisse über Kunst oder nur die durch Kunst über die Welt als kognitives Ziel der Kunst anzuerkennen bereit ist, so geht dies am eigentlichen Anliegen vorbei. (Vgl. WW. 50ff.) Kunst offeriert doch Erkenntnisse über künstlerische Versionen. Gleiches gilt für anderweitige und übrige Welten. Dabei versteht es sich von selbst, dass Ausgangspunkt einer Welterzeugung auch künstlerische Versionen sein können.

Denkbar ist aber, auf eine bloße „Problemverschiebung“ abzustellen. Dies nämlich dadurch, dass sich dann eben diese ursprüngliche künstlerische Version auf eine nicht-künstlerische Version beziehen müsste, damit von Welterzeugung die Rede ist. Nun gibt es aber keinerlei Erfahrungssatz, wonach in einer „Kette von Versionen“ - nicht die eher als künstlerisch zu einzustufende Versionen weiter zurückreichen vermag als beispielsweise wissenschaftliche- oder etwa ganz geläufige „alltagsrealistische“ Versionen. Insoweit kann dann von einer Problemverschiebung nicht gesprochen werden. Eine Spekulation über „Steinzeit-Versionen“81 erübrigt sich. Entscheidend ist doch, dass Goodmans nicht-künstlerische Versionen nicht per se im Hinblick auf ihre Realität bestimmbar sind. Dieser Punkt wird all zu schnell übersehen, wenn man Goodmans Position unter Hinweis auf Bezugnahmeketten verteidigt. Wird dabei dann doch oft davon ausgegangen, dass die Herstellung eines Bezuges zu einer „alltagsrealistischen“ Version im Vordergrund steht. Ob eine in ontologischer Hinsicht so stringent pluralistische Position, wie sie Goodman vereinnahmt, plausibel ist, kann dahinstehen. Es ist nicht ersichtlich, wie die Beantwortung dieser Frage den hier in Rede stehenden Diskurs fruchtbarer zu gestalten vermag.

Schwer widerlegbar sind die nach Goodman notwendigen Bedingungen für Kunst letztlich dadurch, dass eine neue Weise der Bezugnahme eingeführt und herausgestellt wird, genauer gesagt: die Exemplifikation. Nach Goodman liegt diese dann vor, wenn ein Gegenstand auf die relevanten Eigenschaften, die ihm innewohnen, verweist. Wenn all dasjenige, was in diesem Kontext der Bezugnahme fähig ist, also Symbol ist, so steht fest, dass die These: Alle Kunstwerke seien Symbole, kaum widerlegt werden kann. Jedwedem Ding ist es immanent in irgendeinem Sinn auf seine relevanten Eigenschaften zu verweisen: Ein Hammer hat mancherlei relevante Eigenschaften: Wichtige und weniger wichtige Eigenschaften. Geht es darum diesen als Werkzeug zu benutzen, so muss man die hierfür „maßgeblichen Eigenschaften“ erkennen und in Ansehung der Verwendung nutzen. Demzufolge wird der Hammer auf diese Eigenschaften quasi Bezug nehmen und sie in weitesten Sinne exemplifizieren: „Die Härte des Kopfes ist maßgeblich und relevant.“82 Für die Holzmaserung des Griffes kann dies wohl unbestreitbar nicht behauptet werden.

▼ 206 

Nach Goodman gelangt es durch den Gegenstand nur dann Exemplifikation, soweit dieser einige seiner kognitiv relevanten Eigenschaften exemplifiziert. Geht man davon aus, dass ein Objekt in einer rein praktischen Weise auf einige seiner Eigenschaften „Bezug nimmt“, dann wird dieses zunächst noch keine kognitiv relevanten Eigenschaften exemplifizieren. Hieraus kann sodann gefolgert werden, dass der Hammer „an sich“ kaum in der Lage sein dürfte, unser Wissen oder Verstehen in irgendeiner Form zu erweitern. Wenn etwas befähigt ist als Symbol zu fungieren, so ist es die kognitive Funktion, die dafür ursächlich ist. Somit offenbart sich der Grund dafür, warum nach Goodman die Ästhetik untrennbarer Bestandteil der Erkenntnistheorie ist. Kunstgegenstände sind Teile der theoretischen Philosophie, folgt diese These doch schon daraus, dass sie Symbole sind. Dies sind sie aber nur deshalb, weil ihnen eine kognitive Funktion „realistisch“ immanent ist.

I.4.9. Zusammenfassung

Mein Anliegen war die Abhängigkeit der Goodmanschen Ästhetik von dessen theoretischer Philosophie zu erläutern. Zwei ganz wesentliche Aspekte kennzeichnen seine kognitivistische Grundhaltung:

Zum einen ist durch die kognitive Funktion von Kunstgengenständen keinesfalls in Abrede gestellt, dass es als wichtige Eigenschaft der der Kunst anheim gestellt bleibt, besondere Eindrücke und Erfahrungen zu vermitteln. Mithin werden diese Eigenschaften sogar zur Voraussetzung dafür gemacht, dass der kognitiven Funktion der Kunst entsprochen werden kann. Was sich nach Goodman inhaltlich hinter kognitiven Funktionen verbirgt, ergibt sich aus der interpretierenden Auseinandersetzung mit seiner Induktionstheorie.

▼ 207 

Zum anderen geht es um die Unterscheidung zwischen den Erkenntnissen über Kunst. Die Differenzierung von „Wie“ und dem „Was“ der Welterzeugung, gemeint ist mit letzterem die Erkenntnisse durch sie über die Welt, wird in damit in den Mittelpunkt gerückt. Dass diese Unterscheidung in Ansehung des Goodmanschen Systems dennoch nicht strikt durchführbar ist, verbleibt als argumentativer Mangel. Allerdings wird diese Unzulänglichkeit von Goodman durch seine irrealistischen Theorie der Welterzeugung entschärft.

Wenigstens zwei wesentliche Schlussfolgerungen lassen sich für kognitivistische Ästhetikkonzeptionen hieraus zusammenfassen: Zum einen, dass die begriffliche Weite der Exemplifikation die Befähigung zu einer multikausalen Anknüpfung garantiert. Auf diese Weise sollte es möglich werden, eine Vielzahl klassischer Einsichten über die Besonderheiten der Kunst in eine Ästhetik einzubinden, die sich als immanenter Bestandteil der Erkenntnistheorie begreift. Nur so ist es möglich einer Desensibilisierung der ästhetischen Erfahrung entgegenzutreten und zur intuitiven Plausibilität der kognitivistischen Konzeption beizusteuern. Zum anderen geht es um eine des Verhältnisses von Realismus, respektive Irrealismus zur Ästhetik rankende Auseinandersetzung. In drastischer Weise wird hier deutlich, dass die Entwicklung einer realistisch kognitivistischen Ästhetik wünschenswert wäre.

Bei alledem ist Goodman dahin beizupflichten, dass Erkenntnisse über Kunst sehr wohl vermittelt und transportiert werden können. Darüber hinaus ist Kunst nicht bloßes Muster, sondern ein Teil der Wirklichkeit. Kunstwerke erschließen oft eigene Realitäten und bereichern dadurch die wirkliche Welt. Dem wird die Trennung in Kunst und Wissenschaft nicht gerecht. Andererseits erkauft sich Goodman die Vorzüge seiner Theorie durch eine ontologische Position, die nicht unproblematisch ist. Damit ist die eingangs zur Exposition gestellte These, dass „die Philosophie der Kunst mithin als wesentlicher Bestandteil der Metaphysik und Erkenntnistheorie betrachtet werden sollte“, vollumfänglich berechtigt.


Fußnoten und Endnoten

16  Nelson Goodman: Wege der Referenz. In: Zeitschrift für Semiotik 3 1981, S. 11-22 (Routes of reference. In: Critical inquiry (autumn), 1981 S. 121-132). Dies wurde in seine Aufsatzsammlung „Of Mind and Other Matters“ (1984) aufgenommen, vgl. S. 85-107.

17  Außer zwei angegebenen Arten von Denotationen gibt es auch andere Arten, die in meiner Untersuchung nicht behandelt werden, nämlich die musikalische Notation, die Inskription; ebenso Charakter und Markierung - im Falle der natürlichen, geschriebenen und gesprochenen Sprache, der Buchstaben (Laute), Wörter, Sätze, verbalen Symbole, alle beliebigen visuellen, auditiven und anderen Zeichen.

18  Die Prädikate „wörtlich“ und „sprachlich“ unterscheidet Goodman als voneinander unabhängige Ausdrücke. Beispielsweise ist ein Wort eine sprachliche Bezeichnung selbst bei metaphorischem Gebrauch, während selbst das „wörtlichste“ Gemälde nichtsprachlich ist: (vgl. RR. Anm. 9). Das Prädikat „wörtlich“ kann auch durch das andere Prädikat „buchstäblich“ ersetzt werden.

19  Vgl. Oliver Scholz: Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellung. Freiburg/München 1991, S. 16-63. In diesem Buch bearbeitet der Autor die Erkenntnisfunktionen des Gebrauchs von Bildern und erläutert, wie die Eigenart von ästhetischen Bildern auf die Besonderheiten des Goodmanschen Symbolsystems zurückgeführt wird. Darüber hinaus legt er die „Unzulänglichkeit der Ähnlichkeitstheorien“ überzeugend dar.

20  Goodman nimmt Gombrichs wahrnehmungspsychologische Analyse der Kunstwissenschaft auf: Gombrich behauptet in seinem Art and Illusion (1960), dass unser Sehen nicht objektiv und „unschuldig“ sei, sondern immer von subjektiven Einstellungen und Erwartungen gelenkt werde. Ebenso weist Goodman - mit gewissem Abstand - auf Kants „Die Kritik der reinen Vernunft“ hin, wobei es um die Zusammenhänge der Empirie und des Rationalismus geht, in der das Eine nicht ohne das Andere auskommt: „Das unschuldige Auge ist blind und der jungfräuliche Geist ist leer.“ (LA. 20; Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, hrsg. v. Raymund Schmidt , Hamburg 1976, S. 95).

21  Vgl. Some Notes on Language of art, S. 564; dito Jens F. Ihwe: Fiktion ohne Fiktionen, Nelson Goodmans Beitrag zur Aktualität „nicht-existenter“ und „fiktionaler“ Objekte. In: Zeitschrift für Semiotik, Bd. 9, Heft 1-2, S. 107-127[114], 1987.

22  Vgl. J. F. Ihwe, a. a. O., S. 115.

23  Goodman definiert nicht, was ein sample ist, wie auch label nicht definiert wird. Er weist bloß darauf hin, „daß »exemplifiziert Röte« stets als ein nachlässig aufgefasstes Äquivalent für »exemplifiziert >rot<« angesehen werden muss“. (LA. 61). In dem Zusammenhang ist es einschätzbar, dass beispielsweise „roter“ Schirm, „rotes“ Auto und „rote“ Mütze als Röte-sample bezeichnet werden. Sie haben dabei das Prädikat „rot“, das als Röte-label ersetzt wird. Also kann ein „rotes“ Auto als Röte-sample exemplifiziert werden, ebenso wie das rote Auto als Fahrzeug-sample in anderem Kontext (durch nominalistische Klassifikation) exemplifiziert wird.

24  Vgl. Axel Spree:Goodmans 'radikaler' Konstruktivismus.In: KODIKAS/CODE. Ars Semiotica. An International Journal of Semiotics 21 (1998), S. 323.

25  Der Begriff „Ausdruck“ unterscheidet sich vom „Ausdruck“ als der üblichen Bezeichnung eines sprachlichen Zeichens. Hier meint Goodman den „Ausdruck“ als eine Art der Bezugnahme.

26  Vgl. Israel Scheffler: Beyond the Letter, London/Boston/Henley 1979, S. 79-130.

27  Zur kontrastiven Betrachtung zitiere ich exemplarisch die folgende dem Compendium Rhetoricum von Hans Baumgarten entnommene Metapherndefinition, die ich für ein typisches Beispiel aus dem Bereich der Rethorikbücher halte: „Metapher“ (translatio) Übertragung: „Der eigentliche Ausdruck wird durch einen anderen ersetzt, der aus einem anderen Sachbereich stammt. Die beiden Ausdrücke stehen in einem Vergleichsverhältnis [...].“ (Hans Baumgarten: Compendium Rhetoricum, Göttingen 1998, S. 20) Neben dem Wort „eigentlich“, das bereits seit einigen Jahren kritisiert wurde, ist hier auch das Wort „ersetzt“ inakzeptabel. Genauer gesagt ist es bei der Erklärung der Metapher mindestens seit dem Durchbruch der modernen Lyrik nicht mehr nachvollziehbar. Es ist beispielsweise vollkommen unklar, welchen eigentlichen Ausdruck „schwarze Milch der Frühe“ aus Paul Celans bekanntem Gedicht hier ersetzen soll: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts.“ (Paul Celan: Todesfuge. In: Deutsche Gedichte, hrsg. v. Benno von Wiese, Düsseldorf, 1978, S. 644). Ich glaube nicht, dass es „wörtlich“ zu nehmen ist. Ansonsten müsste man annehmen, dass in Konzentrationslagern viermal am Tage derart nahrhafte Mahlzeiten angeboten wurden, die noch dazu mit Farbstoff versetzt gewesen wären.

28 

Das Zitationsprinzip lautet: „Zitat unterscheidet sich von anderen Arten der Denotation dadurch, daß das, was zitiert wird, im zitierenden Symbol enthalten sein muß.“ (RR. 13) Goodman teilt die Arten des Zitates als einer Denotation in Formen des sprachlichen Zitates und des nichtsprachlichen Zitates ein. Das nichtsprachliche Zitat schließt das bildliche Zitat und das musikalische Zitat ein. Für jedes Zitat gibt es indirekte und direkte Formen. Dazu gibt es auch Mischform-Zitate. (Vgl. WW. 59ff.) In folgender Betrachtung wird das sprachliche Zitat erklärt:

A1. Dreiecke haben drei Seiten. A2. „Dreiecke haben drei Seiten.“ A3. Dass Dreiecke drei Seiten haben. A4. Dass dreiwinklige Polygone drei gerade Grenzenlinien haben.

A1 ist ein normaler Aussagesatz. A2 ist der Fall der direkten Zitierung durch Einfügen der Anführungszeichen. Bei diesem Fall schließt A2 den Fall A1 und nimmt gleichzeitig Bezug auf A1 in Relation der Namen und ihrer Gegenstände. A3 ist der Fall, der A1 einschließt und gleichzeitig indirekt zitiert. A4 ist der Fall der indirekten Wiedergabe durch einen anderen Ausdruck, der A1 nicht einschließt, aber darauf Bezug nimmt. Somit sind zwei Formen „In-Schach-Halten“ (containment) und „Bezugnahme“ als die notwendigen Enthaltensbedingungen der Zitierung denkbar. Goodman beschreibt auch das bildliche und musikalische Zitat, indem er die Analogie zum sprachlichen Zitieren überprüft. Die grundlegenden Unterschiede zwischen den drei Arten liegen im Folgenden (Vgl. RR. 15): Für die Malerei gibt es an sich keine „direkten“ Zitiermöglichkeiten. Man kann ein Bild weder in Anführungszeichen setzen noch es einfach nachmalen, da es einmalig ist. Zudem gibt es für das Malen und Zeichnen kein Alphabet oder sonst wie Notationskriterien. Somit hat das direkte sprachliche Zitat kein exaktes Analogon in der Malerei. Die Musik besitzt kein Analogon zu Anführungszeichen, da sie keine Klangentsprechung haben, sofern sie nicht gespielt werden. Anführungszeichen werden in der Sprache auch nicht gesprochen. Da in der Musik aber der Klang das Endprodukt ist, haben wir in der musikalischen Notation auch keine stummen Anführungszeichen.

29  Die Methode der schematischen Darstellung wird von With reference to reference (C. Z. Elgin, 1983: Vgl. Kap. VIII; Complex and Indirect Reference, S. 141-154) übernommen. Im Folgenden gilt einfacher Pfeil als Denotation, doppelter Pfeil als Exemplifikation.

30  Vgl. J. F. Ihwe, a. a. O., S. 17.

31  Ebd.

32  Italo Calvino: (dt.) Der Ritter, den es nicht gab, München 1985; ein parodistischer Roman auf den Militär, der nichts anderes kennt als seinen Soldatendienst. Agilulf, der unermüdliche Tatkraft hat, ist ein tüchtiger Ritter im Heer Karls des Großen. Er ist unbestechlich, perfekt, pedantisch, intolerant und humorlos. Bei der Truppeninspektion fordert der Kaiser Karl, der seinen Namen erfahren will, ihn auf das Visier zu öffnen und es stellt sich heraus, dass in seiner strahlend weißen Rüstung niemand steckt. Agilulf ist der Ritter, den es nicht gibt. Agilulf löst sich am Ende auf, aber: Es kann sich nichts auflösen, was nicht real existiert.

33  Vgl. J. F. Ihwe, a. a. O., S. 75.

34  Lutz Danneberg: Wie kommt die Philosophie in die Literatur? In: Philosophie in Literatur, hrsg. v. Cristiane Schildknecht u. Dieter Teichert, Frankfurt a. M. 1996, S. 54.

35  Vgl. ebd. S. 50.

36  J. F. Ihwe: Konversationen über Literatur, Literatur und Wissenschaft aus nominalistischer Sicht, Braunschweig 1985, S. 58. Das erste Kapitel (S. 10-86) enthält schematisch noch ausführlichere Darstellungen unter besonderer Berücksichtigung von Goodmans Fiktionstheorie.

37  Goodman versucht keine Definition der Fiktion wie üblich in seinen Darlegungen. Aus verstreuten Bemerkungen von LA, WW (Fakten aus Fiktionen), RR und MM (Fiktion für fünf Finger) erläutert er sie hinsichtlich seiner komplexen und vielfältigen Bezugnahme.

38  Vgl. Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, aus: Funktion, Begriff, Bedeutung, Göttingen 1969[1892]. Er führt insbesondere die Unterscheidung zwischen Bedeutungs- und Sinnebene in die Sprachphilosophie ein. Bertrand Russell: On Denoting, in: The collected papers of Bertrand Russell, vol. 4, London/New York 1904: entwirft ein Verfahren zur Betrachtung sprachlicher Aussagen in prädikaten-logischer Darstellungsform. Willard Van Orman Quine: On what there is, aus: From a logical point of view, New York 1953: identifiziert unterschiedliche Typen ontologischer Grundsatzpositionen bei der Frage nach der Existenz von Bezugsgegenständen zu sprachlichen Zeichen.

39  Vgl. O. Scholz, a. a. O., S. 142.

40  Vgl. Donatus Thürnau: Gedichtete Versionen der Welt. Nelson Goodmans Semantik fiktionaler Literatur, Paderborn /München/Wien/Zürich 1994, S. 101; dito M. Sirrdge: The Moral of the Story: Exemplification and the literary Work. In: Philosophical Studies 38 (1980), S. 391-402.

41  Vgl. Gottfried Gabriel: Kontinentale Erbe und Analytische Methode. Nelson Goodman und Tradition. In: Erkenntnis 52, 2000, S. 197.

42  Vgl. D. Thürnau, a. a. O., Kap. III, S. 116-135.

43  Die Formulierung dieser Vorbemerkung basiert auf der Zusammenfassung von Dieter Sturma: Nelson Goodman. In: Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis v. Wright, hrsg. v. Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1999, S. 260-266, zudem auf Hottingers Untersuchung: Nelson Goodman. Nominalismus und Methodologie, Bern/Stuttgart 1988, S. 39-59.

44  Vgl. Franz von Kutschera: Nelson Goodman: Das neue Rätsel der Induktion. In: Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart III, hrsg. v. Josef Speck, Göttingen 1975, S. 51-86[53f.].

45  Vgl. G. Gabriel: Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung. In: Philosophische Rundschau 33 (1986), S. 54ff.

46  Vgl. A. Spree, a. a. O., S. 328.

47  Ernst Cassirer (1874-1945) war Vorläufer dieser analytischen Ästhetik, für den die Kunst neben Erkenntnis, Mythos, Sprache, Religion ein „symbolisches Universum“ gründet, welches die Wirklichkeit nicht durch Abbildung oder Nachbildung, sondern wie die anderen Symbolsysteme durch „Schöpfung“ entdeckt: „Symbole konstituieren Wirklichkeit durch Entdeckung“. (Vgl. An Essay on Man, 1944, Kap. 9) Weiterführende Erläuterungen im Vergleich der Cassirerschen und Goodmanschen Symboltheorie finden sich in G. Gabriels Abhandlungen (vgl. Kontinentale Erbe und analytische Methode, a. a. O., S. 190-193).

48  Vgl. Israel Scheffler: The Wonderful World of Goodman, Synthese 45, 1980, S. 201-209.

49  Vgl. Jacob Steinbrenner: Kognitivismus in der Ästhetik, Würzburg 1996, S. 66.

50  Goodman präsentiert zwei Zugänge zu seinem zentralen Argument: die formale Begründung im ersten Kapitel von Structure of Appearance, und deren Konkretisierungen anhand von Beispielen in Ways of Worldmaking. Ein Resümee seiner überaus eleganten Begründung des Problems in Structure of Appeara n ce, welche Goodman anhand der Vorstellung des Konzepts eines Constructional Definition behandelt, versuche ich im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht. Ich will mich hier mit einer Zusammenfassung seiner konkreten Problemcharakterisierung in Ways of Worldmaking (Kap. VII) begnügen.

51  Vgl. S. Hottinger, a. a. O., S. 55.

52  Vgl. I. Scheffler, a. a. O., S. 205f.

53  Vgl. I. Scheffler, a. a. O., S. 201-204.

54  Vgl. S. Hottinger, a. a. O., S. 59.

55  Vgl. ebd.

56  Zur allgemeinen Charakterisierung der beiden Begriffe gibt Goodman in WW. 124 folgendes Beispiel an: „Zum Beispiel kann ein Punkt auf einer Ebene entweder als ein Paar sich schneidender Geraden, als ein ganz anderes Paar oder als eine Menge von verschachtelten Regionen definiert werden, usw.; doch die Definientia, die diese disjunkten Extensionen haben, können sicherlich nicht alle mit dem Definiendum koextensiv sein.“

57  Vgl. LA. 232ff. Goodman nennt ursprünglich hier vier Symptome. Ein fünftes fügt er in WW. 89 hinzu.

58  Den Begriff Ready-made [dt. gebrauchsfertig] definiert man als das Alltagsobjekt, das als solches im Kunst- und Ausstellungskontext präsentiert wird und das als Kunstobjekt durch Marcel Duchamp erstmals 1913 ausgestellt wurde.

59  Vgl. Jana Podacker u. Anne Kretzschmar: Kunst oder nicht Kunst, das ist hier die Frage… Kurze philosophische Betrachtung: Pablo Picassos „Guernica“. www.rossleben2001.werner-knoben.de/dokku/kurs74web/nodeg.html. 20.12.2004. 20.45 Uhr: „Die Kriegsgräuel des spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) werden am Beispiel des baskischen Dorfes Guernica, welches durch einen Fliegerangriff völlig zerstört wurde, gezeigt. Um diese barbarische Vernichtung zu kommentieren, verwendet Picasso im kubistischen Stil eine Folge symbolischer Bilder, wie ein verendendes Pferd, ein gefallener Soldat, eine Mutter mit ihrem toten Kind, eine Frau, die in einem brennenden Gebäude gefangen ist, eine Figur, die in die Szene stürzt und dergleichen mehr. Des weiteren behaupten Interpreten bestimmte versteckte Symbole entdeckt zu haben. Dazu zählen zum Beispiel ein Totenschädel, ein Kuhkopf und verschiedene Harlekins.“

60  Die Bearbeitung dieses Kapitels erfolgt in Anlehnung an Jakob Steinbrenner: Kognitivismus in der Ästhetik, Würzburg 1996, S. 11-118 und an Gerhard Ernst: Ästhetik als Teil der Erkenntnistheorie bei Nelson Goodman. In: Philosophisches Jahrbuch 107. Jahrgang/II (2000), S. 316-340.

61  Diese charakteristischen Einteilungen des Goodmanschen Kognitivismus werden übernommen von J. Steinbrenner, vgl. a. a. O., S. 64.

62  J. Steinbrenner, a. a. O., S. 58f.

63  Vgl. A. Spree, a. a. O., S. 324.

64  Dieser Abschnitt ist als eine Zusammenfassung nach J. Steinbrenner, a. a. O., S. 70ff. aufzufassen.

65  Die Beispiele zitiere ich nach Steinbrenner, ebd. S. 70.

66  Vgl. ebd. S. 71.

67  Vgl. ebd. S. 72.

68  Ebd. S. 73.

69  Ebd.

70  G. Ernst, a. a. O., S. 325.

71  Ebd.

72  Weiterführende Erläuterung: vgl. G. Ernst, a. a. O., S. 326.

73  Einen Überblick zu diesem Thema hinsichtlich des Begriffs „Ausdruck“ bietet J. Steinbrenner (vgl., a. a. O., S. 31f.).

74  D. Thürnau, a. a. O., S. 14.

75  G. Ernst, a. a. O., S. 327.

76  Ebd.

77  Vgl. G. Ernst, a. a. O., S. 329.

78  Vgl. ebd.

79  Vgl. ebd. S. 330.

80  D. Thürnau, a. a. O., S. 11.

81  G. Ernst, a. a. O., S. 338.

82  Ebd.



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01.09.2005