[Seite 5↓]

1  Einführung

1.1 Lage und Abgrenzung des Untersuchungsgebietes

Das norddeutsche Tiefland wird in Ost-Westrichtung von mehreren großen Abflussbahnen der Schmelzwässer durchzogen. Nirgendwo scharen sie sich so eng wie in der Zone der brandenburgischen Platten und Urstromtalungen zwischen Elbe und Oder. Der Charakter dieser Zone tritt im Untersuchungsgebiet, dem Jungmoränenland südlich und südöstlich Berlins, besonders deutlich hervor. Auf sehr engem Raum wechseln hier kleine Platten mit ausgedehnten Talsandgebieten und bilden so eine unübersichtliche, eng gekammerte Landschaft. Der Erforschung dieses bisher relativ wenig beachteten Raumes dient die nachfolgende Arbeit.

Abb. 1: Die Landschaftsgliederung südlich Berlins (stark vereinfacht)

Die Niederung des Unterspreewaldes bildet den südöstlichen Zipfel des Arbeitsgebietes. Der Südrand wird von den Höhen des Lausitzer Grenzwalles und des Niederen Flämings eingenommen. Die westliche Begrenzung wird mit der Nuthe angegeben. Das Teltowplateau schließt das Untersuchungsgebiet nach Norden ab. Im Nordosten endet das Arbeitsgebiet nicht an einer landschaftlichen Grenze. Als Orientierung sei die Linie Königs-Wusterhausen – Prieros – Alt Schadow angegeben.


[Seite 6↓]

1.2  Die Gliederung des Untersuchungsgebietes

Das Arbeitsgebiet bedeckt eine Fläche von ungefähr 2.250 km2. Die höchste Erhebung ist die 178 m ü. NN hohe Kuppe des Golmberges im Niederen Fläming. Nördlich des Baruther Urstromtales ragt der Wehlaberg in den Krausnicker Bergen (144 m ü. NN) am höchsten empor. Höhen über 75 m ü. NN bilden im Gebiet aber eher die Ausnahme. Weitflächig liegt das Areal zwischen 65 und 35 m ü. NN. Die im Norden gelegenen Abflussbahnen dachen sich auf Höhen von deutlich unter 35 m ü. NN, an der Dahme sogar unter 33 m ü. NN ab.

Der Charakter des Jungmoränenlandes südlich Berlins bestimmt die Gliederung des Arbeitsgebietes in mehr oder weniger große Platten und sie trennende Abflussbahnen bzw. Talsandgebiete (siehe Abb. 2). Die enorme Ausdehnung der Urstromtalungen, die mehr als die Hälfte der Fläche einnehmen (59 %), wird dabei als die herausragende Eigenart der Landschaft angesehen. Neben dem Glogau-Baruther Urstromtal im Süden und dem Warschau-Berliner Tal nördlich des Arbeitsgebietes fallen dabei besonders die ausgedehnten Talsandbereiche des Unterspreewaldes und um Märkisch-Buchholz ins Auge. Im Westen des Gebietes sind die Talungen weniger ausgedehnt, bestimmen aber dennoch den inselartigen Charakter der Platten. Erschwert wird die Untergliederung des Geländes noch durch zahlreiche Glaziale Rinnen, die sowohl Platten als auch Abflussbahnen zerschneiden und große Teile des Gebietes prägen.

Stark generalisiert lässt sich durch die von Ost nach West ausgerichteten Abflussbahnen eine Aufteilung der Hochflächen in drei Gürtel erkennen. Die südlichste dieser Hügelketten reiht sich unmittelbar nördlich des Baruther Urstromtales von der Krausnicker bis zur Hennickendorfer/Luckenwalder Platte auf. Über sie verläuft die Brandenburger Eisrandlage. Etwa 10 bis 20 km nördlich davon befindet sich, zum Teil undeutlich ausgebildet und unterbrochen, von den Plattenresten der Dubrow/Katzenberge über die Wünsdorfer Platte bis zur Löwendorfer Platte/Glauer Berge der zweite Gürtel. Der nördlichste, von der Senziger bis zur Glienicker Platte verlaufende Höhenzug ist ebenfalls stark von Abflussbahnen und Glazialen Rinnen zerschnitten worden.


[Seite 7↓]

Abb. 2: Platten und Urstromtalungen im Jungmoränenland südlich Berlins


[Seite 8↓]

1.3  Schwerpunkte der Arbeit

Während der Geländearbeiten wurde das Hauptaugenmerk auf die Klärung der weichselzeitlichen und frühholozänen Reliefentwicklung gelegt. Ältere, vor allem saalezeitliche Sedimente wurden dann genauer bearbeitet, wenn sie zur Klärung der weichselzeitlichen Entwicklung beitragen konnten.

Das Rückgrat der Arbeit bilden die Untersuchungen zur Klärung der glazialen und glazifluvialen Genese des Gebietes.

Die Untersuchung der glazifluvialen Prozesse leitet über zu den Problemen der spätglazialen und holozänen Gewässernetzentwicklung, die im Gebiet außer mit fluvialen auch mit limnischen und telmatischen Ablagerungen und Prozessen verknüpft ist. Diesen Problemen ist innerhalb der Arbeit ein eigenes Kapitel gewidmet.

Da mit der Veröffentlichung von DE BOER (1995) eine aktuelle Bearbeitung der Dünenentwicklung innerhalb des Arbeitsgebietes vorliegt, wurden äolische Bildungen nur dann untersucht, wenn sie zur Klärung anderer Probleme beitragen konnten.

1.4 Verwendung wichtiger Fachbegriffe/Zeitskalen

Um Missverständnisse zu vermeiden, die durch den unterschiedlichen Gebrauch von Fachtermini entstehen können, wird ihre Verwendung innerhalb dieser Arbeit näher erläutert.

1.4.1 Urstromtäler und urstromtalartige Schmelzwasserabflussbahnen

Unter dem Begriff der Schmelzwasserabflussbahn werden alle talähnlichen, subaerischen, proglazialen und mehr oder weniger eisrandparallelen Abflussbahnen des Schmelzwassers und der von Süden zuströmenden Mittelgebirgsflüsse zusammengefasst. Sie werden ausschließlich von glazifluvialen, meist sandigen Sedimenten aufgebaut. Vernachlässigt man nachträgliche Umgestaltungen, so besitzen sie in der Regel eine ausgeprägte Sohle mit einem gleichsinnigen Gefälle. Ein Urstromtal nach der Definition von LIEDTKE (1962) ist demnach ein Sonderfall der Schmelzwasserabflussbahnen, bei der der Abflussbahn eine Eisrandlage zugeordnet werden kann. Im Arbeitsgebiet wird nur das Glogau-Baruther Urstromtal dieser Definition gerecht. Alle anderen Abflusswege werden deshalb neutral als (Schmelzwasser-) Abflussbahnen oder (Urstrom-) Talungen bezeichnet.


[Seite 9↓]

Für den Abflussweg vom Unterspreewald in Richtung Potsdam hat MARCINEK (1968) die Bezeichnung „Potsdamer Urstromtal“ geprägt. Da diesem Abflussweg keine Eisrandlage zugeordnet werden kann, wird auf den Begriff „Potsdamer Urstromtal“ in der nachfolgenden Arbeit verzichtet. Ebenso wird in diesem Zusammenhang das von LEMBKE (1936) als Synonym verwendete Wort „Rinne“ lediglich als Zitat verwendet.

Eine Eigentümlichkeit der glazifluvialen Abflusswege stellt ihre auf kurzen Laufdistanzen stark wechselnde Breite dar. Taleinengungen werden dabei als Pforten (nach LEMBKE 1936) oder Engen bezeichnet. Andererseits kann der talartige Charakter der Abflussbahnen durch Verbreiterungen ihrer Sohle (bis 15 km) nahezu aufgehoben werden. Für diese ausgedehnten, eben wirkenden Areale, werden die Bezeichnungen Talsandfläche, -niederung oder -gebiet benutzt.

Die Benennung der Schmelzwasserabflussbahnen erfolgte in Anlehnung an die Arbeiten von LEMBKE (1936) und MARCINEK (1968) nach Ortschaften, die an oder in den Abflusswegen liegen. Anders als das Glogau-Baruther Urstromtal wurden die kleineren Abflusswege nicht in ihrer ganzen Länge mit einem Namen versehen. Die Teilabschnitte der Abflussbahnen wurden einzeln benannt, auch wenn ein gleichzeitiger Abfluss als wahrscheinlich gilt. Probleme bei der chronologischen Verknüpfung der einzelnen Abflusswege werden damit vermieden. Aus diesem Grunde wird z.B. der Abflussweg vom Unterspreewald bis nach Beelitz nicht als Klausdorf-Beelitzer Abflussbahn bezeichnet (siehe Abb. 2).

1.4.2  Quartäre Platten

Bereits BERENDT (1880) verwendet die Termini Platte bzw. Plateau in ihrer heutigen Bedeutung und stellt sie den Urstromtalungen gegenüber. Allerdings war der Plateaubegriff schon vor Anerkennung der Glazialtheorie für die erhabenen Gebiete Brandenburgs gebräuchlich: „Das Plateau um Teupitz herum heißt ,der Brand’, und das Wirtshaus darauf führt den Namen ,der tote Mann’“ (FONTANE 1882; 1991, S. 236). Gleichberechtigt findet der Begriff Hochfläche Verwendung. Kleine Platten werden auch als Plattenreste bezeichnet.

Am geologischen Aufbau der Platten sind Sedimente verschiedensten Ursprunges beteiligt. Die Spannbreite reicht von Eisstauseesedimenten über glazifluviale Ablagerungen bis hin zu Geschiebemergeln und gestauchtem älteren Material. Die [Seite 10↓]Definition erfolgt deshalb nach dem Ausschlussverfahren: Der Begriff der quartären Platte kennzeichnet an der Erdoberfläche anstehende pleistozäne Bildungen, die nicht im Zuge von Schmelzwasserabflussbahnen entstanden, von diesen aber allseitig umgeben sind. Nachträgliche limnische, telmatische oder äolische Sedimentation wird für die Abgrenzung einer Platte nicht berücksichtigt. Im Extremfall kann eine Platte (z.B. die Kummersdorfer Platte) tiefer liegen als die sie umgebenden Abflussbahnen, wenn sie während des Schmelzwasserabflusses mit stagnierendem Eis plombiert war. Weiterhin kann der Zusammenhang einer Platte durch sie querende Glaziale Rinnen oder kleine Abflussbahnen aufgehoben werden (z.B. die Plattenreste Dubrow/Katzenberge; siehe Abb. 2, S. 6). Die Entscheidung, ob man schon von zwei verschiedenen Platten oder von einer noch zusammenhängenden spricht, ist in jedem Falle subjektiv. Um eine gewisse Übersichtlichkeit zu wahren, werden eng benachbarte Platten unter einem Namen zusammengefasst (z.B. Trebbiner Platten). Die Namensgebung erfolgte in der Regel nach einem auf oder unmittelbar an der Platte befindlichen Ort. Aus diesem Grunde wird die von LIEDTKE und MARCINEK (1994) verwendete Bezeichnung Baruther Platte zugunsten des Begriffs Teupitzer Platten aufgegeben. Der Ausdruck Baruther Sander bleibt allerdings davon unberührt. Bei kleinen Platten ohne benachbarte Siedlung wurde nach Möglichkeit auf eine Lokalbezeichnung zurückgegriffen, die auf den amtlichen Karten (TK25) verzeichnet ist (z.B. Katzenberge). Der Plattenrest der Müllerberge wurde von MARCINEK (1961a) auch als Schwarzer Berg bezeichnet. Da es jedoch in unmittelbarer Nachbarschaft bei Zesch einen gleichnamigen Berg gibt, wird, um Verwechslungen zu vermeiden, die Bezeichnung Müllerberge verwendet.

1.4.3 Glaziale Rinnen

Glaziale Rinnen entstanden durch die erosive Wirkung der Schmelzwässer bei der zentrifugalen Entwässerung der Gletscher. Sie verlaufen weitgehend parallel zur ehemaligen Bewegungsrichtung des Inlandeises. Auch wenn von einigen Wissenschaftlern die Entstehung der Rinnen direkt vom Eis diskutiert wird, kann für das Arbeitsgebiet eine glazifluviale Genese belegt werden (siehe Kap. 4.6, S. 132).

Für den Begriff Glaziale Rinne wird von vielen Autoren als Synonym das Wort Tunneltal verwendet. Auf diesen Terminus wird in der Arbeit aus verschiedenen Gründen verzichtet:

Die Namensgebung richtet sich im Allgemeinen nach innerhalb der Rinnen befindlichen Gewässern. Fehlen diese, so wurde auf benachbarte Orte zurückgegriffen.

1.4.4 Glaziale und glazifluviale Formen und Sedimente

In der nachfolgenden Arbeit wird der Terminus Moräne ausschließlich im geomorphologischen und nicht im geologischen Zusammenhang verwendet. Die Begriffe Grundmoräne und Endmoräne kennzeichnen deshalb Oberflächenformen und keine Sedimente. Wenn es sich im Text um (Moränen-) Ablagerungen handelt, wird dieses extra betont.

Für das typische Sediment der Grundmoräne werden als Synonym die Begriffe Till und Geschiebemergel verwendet. Der aus dem Gälischen stammende Terminus Till setzte sich in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum durch. Deutlich früher, schon vor Durchsetzung der Glazialtheorie war in der Fachliteratur der Begriff des Diluvial- bzw. Geschiebemergels etabliert. Gerade der letztgenannte Terminus ist [Seite 12↓]nach wie vor gebräuchlich. Da sich in der deutschsprachigen Literatur für die Faziestypen des Tills die englischen Fachtermini eingebürgert haben, werden sie vom Verfasser gegenüber den deutschen Begriffen bevorzugt (z.B. meltout till). Der Begriff Geschiebelehm kennzeichnet einen verwitterten, entkalkten Till. Es wird davon ausgegangen, dass die im Arbeitsgebiet vorgefundenen glazigenen Ablagerungen primär karbonathaltig waren und erst nachträglich Verwitterungsprozessen ausgesetzt wurden.

Der Autor trägt damit der Diskussion um den Gebrauch und die Trennung der Begriffe Moräne und Geschiebemergel Rechnung. Es sei in diesem Zusammenhang auf den zusammenfassenden Aufsatz von PIOTROWSKI (1992) hingewiesen.

Über die Benennung glazifluvialer Sedimente und Formen besteht im Allgemeinen Klarheit. Allerdings wird der Terminus (glazi-) fluvial von einigen Autoren abgelehnt und statt dessen fluviatil verwendet. Der Verfasser folgt der Argumentation von LOUIS und FISCHER (1979) auf Seite 103, die für den Begriff fluvial plädieren.

1.4.5 Verwendete Zeitskalen

Für das mittlere und jüngere Quartär bis zum Hochweichsel findet die Pleistozängliederung Brandenburgs nach STACKEBRANDT, EHMKE, MANHENKE (Hrsg. 1997) Verwendung.

Durch die Fortschritte bei der Auswertung jahreszeitlich geschichteter Seesedimente sowie in der Dendrochronologie konnte die Chronostratigraphie des Weichselspätglazials und des frühen Holozäns in den letzten Jahren bedeutend verfeinert werden. Nach LITT und STEBICH (1999) sowie BRAUER, ENDRES und NEGENDANK (1999) wird der Beginn des Weichselspätglazials mit dem Meiendorf-Interstadial angesetzt. Abb. 3 (Seite 10) zeigt die in dieser Arbeit verwendete Zeitskala für das Spätglazial.

Die pollenanalytischen und vegetationsgeschichtlichen Einstufungen folgen den von BRANDE (in BERGLUND, BIRKS, RALSKA-JASIEWICZOWA, WRIGHT [Hrsg.] 1996) für den Berliner Raum aufgestellten Kriterien.


[Seite 13↓]

Abb. 3: Bio- und Chronostratigraphie des Spätglazials der Eifelregion (aus LITT und STEBICH 1999)

1.4.6 Abkürzungen

Im Text wird der Kürze halber das Glogau-Baruther Urstromtal als Baruther Urstromtal bezeichnet. Analog wird auch bei den anderen großen Urstromtälern verfahren. Diese Form der Abkürzung wurde bereits von BERENDT (1880) in die Literatur eingeführt.

Auf einigen eingefügten Karten und Abbildungen wird bei Platzmangel für den Begriff Brandenburger Eisrandlage das Kürzel WB verwendet, für den davon zu trennenden Weichselmaximalvorstoß Wmax. Bei Ortsangaben werden die Begriffe Hoch- bzw. Rechtswert durch H bzw. R ersetzt. Bei Quellenangaben für Topographische Karten findet die Abkürzung TK Verwendung.

Die Abkürzungen der Kleingeschiebekategorien werden im Kapitel 3.4.5 ab Seite 23 erläutert.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
23.09.2004