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Einleitung

2.1  Systematik und Geschichte der Hauskatze

Die Hauskatze (Felis catus) gehört zur Ordnung Carnivora (Raubtiere) und dort zur Familie der Felidae (Katzenartige) und Gattung Felis (Kleinkatzen) ( Nowak 1999 ) . Die genaue Systematik der Katzenartigen ist umstritten, wissenschaftlicher Name und systematische Zuordnung sind je nach Autor unterschiedlich (Macdonald 1995, Tabor 1996).

Die Domestikation der Hauskatze wird auf das 15. Jahrhundert vor Christus in Ägypten datiert (Siegmann 1999). Für ihre Zähmung gibt es zwei Hypothesen, die sich allerdings nur in der Reihenfolge der Ereignisse unterscheiden. Als Tempeltiere der löwen- oder katzenköpfigen Göttin Bastet (Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und Verführung) sollen zunächst Löwen gehalten worden sein. Es wird vermutet, daß später die ähnlich aussehende, jedoch sehr viel einfacher und ungefährlicher zu haltende Falbkatze (Felis lybica) als Tempeltier an Stelle der Löwen trat. Die andere Hypothese geht davon aus, daß die Domestikation durch Auswahl besonders zahmer Exemplare von in Siedlungen herumstreunenden Katzen erfolgte, welche durch Nagetiere in Getreidespeichern angelockt wurden. Wahrscheinlicher erscheint allerdings die zuerst erfolgte Zähmung als Tempeltier, welche die der Katze entgegengebrachte hohe Verehrung besser erklärt. Unklar ist bisher, ob ausschließlich die Ägyptische Falbkatze als Vorfahre unserer Hauskatze in Frage kommt, oder ob die ebenfalls in Tempeln gehaltene ägyptische Rohrkatze (Felis chaus), die als fügsamer und leichter zähmbar galt, eingekreuzt wurde (Macdonald 1995, Tabor 1996).

Später gelangten Katzen als kostbare Geschenke, Handelswaren, Mäusefänger und Schiffsbegleiter auf alle Kontinente. In Europa kam es zu Kreuzungen mit europäischen Wildkatzen (Felis silvestris). Die hohe Reproduktionsrate, ihre Beliebtheit beim Menschen und die Anpassungsfähigkeit der Hauskatze führten dazu, daß Katzen inzwischen fast überall auf der Welt vorkommen. Während der längsten Zeit ihrer Geschichte blieb die domestizierte Hauskatze in der Wahl ihrer Paarungspartner und Aufenthaltsorte sich selbst überlassen, wurde aber durch Überlassung von Futter und Verstecken gefördert. In der Regel wurde sie keiner gezielten Zucht auf bestimmte Merkmale hin ausgesetzt oder einer Nutzung unterworfen, die mit der anderer Haustiere vergleichbar wäre. Erst in letzter Zeit wurden zahlreiche Katzenrassen gezüchtet, in vielen Ländern wurde die Katze zum beliebtesten aller Haus- und Heimtiere. Jedoch unterscheiden sich die Katzenrassen viel weniger voneinander, als Rassen anderer Haustierarten. Auch heute noch ist die Katze das Haustier, das sich am besten selbst


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versorgen kann und am schnellsten verwildert.

Wahrscheinlich gab es bereits zu Beginn der Domestikation in Ägypten neben den Haus- und Tempelkatzen halbwilde Katzen, die innerhalb oder in der Nähe von Siedlungen lebten und sich von Abfällen oder Futterspenden ernährten. Auch in späteren Berichten aus verschiedenen Ländern werden immer wieder verwilderte und halbwilde Katzen beschrieben, die in Städten herumstreunten. Je nach kultureller Einstellung wurden sie gefüttert, geduldet, als Schädlinge verfolgt oder zur Fellgewinnung getötet. Jedoch ist davon auszugehen, daß in jeder Gegend und zu jeder Zeit verwilderte, selbständig lebende Katzen parallel zu den zahmen betreuten Hauskatzen existierten, wobei zwischen beiden Gruppen individueller Austausch und Paarungen stattfanden.

2.2  Populationsbiologie und Verhalten verwilderter Hauskatzen

Die Populationsdichte von Katzen zeigt in verschiedenen Untersuchungen außerordentlich große Unterschiede, sie reicht von ca. einer Katze bis ca. 2000 Katzen pro km2 (Izawa et al. 1982, Jones & Coman 1982, Liberg & Sandell 1988, Mirmovitch 1995 , Natoli 1985, Tabor 1983). Nach diesen Studien scheint die Dichte vor allem vom Nahrungsangebot abhängig zu sein (Liberg & Sandell 1988, Kruuk 1986, Tabor 1983), danach von der Verfügbarkeit anderer Ressourcen, v.a. Verstecken (Ressourcen-Verteilungs-Hypothese, Macdonald 1983), und klimatischen Bedingungen des Lebensraumes. Die Tiere leben bei gutem Nahrungsangebot (Müllhalden, Fischabfälle, Futterstellen) in losen Gruppen aus vorwiegend weiblichen Katzen, die häufig miteinander verwandt sind, deren Streifgebiete sich überlappen und die zum Teil gleiche Freß- und Ruheplätze nutzen (Dards 1978 ; Kerby & Macdonald 1988 , Liberg & Sandell 1988, Mirmovitch 1995 , Natoli & de Vito 1988). Bei geringem Nahrungsangebot leben dagegen alle Katzen mit Ausnahme von Müttern und ihren Jungen einzelgängerisch (Laundré 1977, Apps 1986, Liberg & Sandell 1988). Unter Stadtbedingungen, wenn Futter im Überfluß vorhanden ist, ist die Populationsdichte deutlich höher. Sie steigt aber durch eine Aufstockung der Fütterung nicht beliebig weiter an (Haspel & Calhoon 1989), weil bei hoher Populationsdichte andere Ressourcen (z.B. Verstecke) knapp werden oder soziale Faktoren die Populationsdichte regeln (Hornocker & Bailey 1986).

Die Streifgebiete weiblicher Hauskatzen können, abhängig vom untersuchten Lebensraum, von sehr unterschiedlicher Größe sein [0,3 ha (Mirmovitch 1995) bis 170 ha (Jones & Coman 1982)]. Sie können als Gruppenterritorium von mehreren adulten Tieren gemeinsam genutzt werden (Izawa et al. 1982, Haspel 1986, Hupe 1996, Macdonald et al. 1987, Natoli & de Vito 1988), wobei sich Gruppenterritorien entweder ge-


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genseitig ausschließen oder nur wenig überlappen (Barratt 1997, Bothma & Walker 1999, Dards 1978, Liberg 1984, Turner & Mertens 1986), oder exklusiver Besitz eines Weibchens und ihrer Jungen sein (Corbett 1978, Jones & Coman 1982, Liberg & Sandell 1988). Die Größe der Streifgebiete korreliert negativ mit der Populationsdichte und dem Futterangebot, d.h. bei gutem Futterangebot und hoher Populationsdichte nutzen die Katzen kleine Streifgebiete, während bei geringem Futterangebot große Streifgebiete genutzt werden und die Populationsdichte niedrig ist (Liberg 1984, Tabor 1996).

Die Größe der Streifgebiete von Katern ist ebenfalls vom Nahrungsangebot abhängig, wird jedoch außerdem von der Konkurrenz um die weiblichen Katzen bestimmt. Sie sind meist größer als die der Katzen [knapp 2 mal (Turner & Mertens 1986) bis maximal 10 mal (Hupe 1996, Tabor 1981) größer], und überlappen die Streifgebiete mehrerer weiblicher Tiere (Dards 1978 , Haspel 1986 , Liberg [LINK to cms:entry] 1984). Während der Paarungszeit vergrößern reproduktive Kater ihre Streifgebiete (Haller & Breitenmoser 1986, Liberg & Sandell 1988, Mirmovitch 1995, Yamane et al. 1996). Je nachdem, ob die weiblichen Katzen einzeln, in kleinen oder in großen Gruppen leben und wie weit die Weibchengruppen voneinander entfernt sind, sucht ein Deckkater während einer Paarungszeit mehrere Weibchengruppen auf oder hält sich im gleichen Gebiet auf wie eine Katzengruppe (Dards 1978, Macdonald 1981, Turner & Mertens 1986). Nicht-reproduktive Kater haben Streifgebiete, deren Größe ungefähr der einzeln lebender weiblicher Katzen entspricht (Liberg & Sandell 1988).

2.3  Verwilderte Katzen unter Stadtbedingungen

Verwilderte Hauskatzen in unseren Städten bewohnen geeignete Lebensräume wie Grünanlagen, Gärten, Hinterhöfe, Garagen, leerstehende Gebäude und Industrieanlagen. Die Katzen werden zum Teil von Anwohnern gefüttert, ansonsten ernähren sie sich durch Fang von Kleinsäugern und Vögeln sowie von Abfällen. Die Reproduktionsrate ist bei Katzen selbst unter ungünstigen Lebensbedingungen relativ hoch, die Population wird außerdem durch ausgesetzte und entlaufene Tiere ergänzt, die z.T. verwildern. Da unter den Bedingungen in Städten die Mortalitätsrate verhältnismäßig gering und ein reichliches Nahrungsangebot vorhanden ist, können Populationen verwilderter Hauskatzen sehr hohe Dichten erreichen.

Im Zusammenhang mit verwilderten Katzen werden vor allem zwei Probleme kontrovers diskutiert. Das eine ist die verwilderte Hauskatze als Krankheitsreservoir und die mögliche Übertragung von Krankheiten auf Menschen und auf Hauskatzen (Hughes 1993, Natoli 1994, Rödl 1992, Southam 1981). Katzen können zahlreiche Krankhei-


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ten bekommen, Meldungen über von Katzen ausgehende Gesundheitsgefahren werden regelmäßig über die Medien verbreitet. In früheren Zeiten war besonders die Übertragung der Tollwut gefürchtet, da verwilderte tollwütige Katzen ein viel größeres Infektionsrisiko darstellen als Wildtiere, z.B. Füchse (Gross et al. 1996, Jöchle & Jöchle 1993, Page et al. 1993, Passanisi & Macdonald 1990). Seit der erfolgreichen Tollwutprophylaxe liegt das medizinische Hauptproblem in der Übertragung der Toxoplasmose auf schwangere Frauen (Boch & Weiland 1983, Dubey 1994, Janitschke 1979, Jiresch 1998). Das andere Problem liegt im Jagdverhalten der Katzen begründet. Freigänger-Katzen und verwilderte Katzen jagen unabhängig vom Futterangebot, sie sind in Städten und auch in vielen ländlichen Gebieten die Prädatoren mit der höchsten Populationsdichte (Jöchle & Jöchle 1993, Tabor 1983). Über den Einfluß ihrer Jagd auf Singvogel-Populationen wird zwischen Katzenfreunden und Vogelschützern zum Teil erbittert gestritten (Churcher & Lawton 1987, Fitzgerald 1988, Frank & Loos-Frank 1989, Hughes 1993, Jarvis 1990 , Proulx 1988 , Spittler 1978 & 1999, Weggler, pers. Mitteilung).

Beide Probleme hängen eng mit der jeweiligen Populationsdichte der Katzen zusammen. Je mehr Katzen in einem Gebiet leben, desto größer ist die Gefahr der Krankheitsübertragung und desto höher wird der Jagddruck auf Vögel. Dazu kommen Probleme mit Anwohnern, die sich von „herumlungernden“ herrenlosen Katzen belästigt fühlen. Nicht zuletzt ist das Leiden der Katzen selbst zu berücksichtigen, die bei zu hoher Populationsdichte nicht genügend Nahrung und Verstecke finden, von aggressiven Artgenossen verletzt werden können und unter einem hohen Abwanderungsdruck stehen. Ursache ist das hohe Reproduktionspotential der Hauskatze. Eine Hauskatze kann unter optimalen Bedingungen 2x im Jahr je bis zu acht Jungtiere bekommen (Lerch-Leemann 1997, Olson & Johnston 1993, Passanisi & Macdonald 1990, Warner 1985). Alter, Ernährungs- oder Gesundheitszustand der Katze können die Zahl der geborenen und aufgezogenen Jungtiere beeinflussen (Bergerud 1983, Hammond 1981, O’Connor 1986), aber selbst unter ungünstigen Bedingungen ist die Reproduktion weiblicher Katzen relativ hoch. Unter natürlichen Bedingungen regelt sich die Zahl der verwilderten Katzen durch Zunahme von Krankheiten, Nahrungsmangel und erhöhten Abwanderungsdruck bei hoher Populationsdichte (Dards 1981, Izawa et al. 1982, Hornocker & Bailey 1986, Jones & Coman 1982, Mertens 1997). Jedoch ist aus ethischen Gründen und aus Gründen des Tierschutzes weder eine hohe Populationsdichte noch eine hohe Mortalitätsrate der verwilderten Katzen akzeptabel (Lerch-Leemann 1997, Wormuth 1993).


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2.4  Populationskontrolle verwilderter Katzen

In der Nachbarschaft des Menschen werden daher unterschiedliche Methoden der Populationskontrolle praktiziert. Über Jahrhunderte war es üblich, überzählige Jungtiere oder auch erwachsene Katzen zu töten. Dies ist in anderen Kulturen und in vielen ländlichen Regionen auch heute oft noch gängige Praxis. Inzwischen hat sich jedoch vor allem in Westeuropa die Einstellung zum Einzeltier geändert, was sich in der Tierschutz-Gesetzgebung niederschlägt. Die Tötung von Tieren ohne vernünftigen Grund (z.B. unheilbare Krankheit des Tieres) wird von den meisten Menschen abgelehnt und ist gesetzlich verboten. Da außerdem Katzen sehr beliebte Haustiere sind und zahlreiche Tierfreunde auch verwilderten Katzen Zuneigung entgegenbringen, kommen Methoden wie Abschuß, Vergiftung oder Ausbringung von Krankheiten zur Populationskontrolle verwilderter Katzen in unserem Kulturkreis nicht in Betracht. Statt dessen werden Methoden präferiert, welche die notwendige Populationskontrolle ethisch vertretbar und tierschutzgerecht ermöglichen.

Aus den genannten Gründen hat sich bei der verwilderten Hauskatze die Verringerung der Reproduktionsrate als bevorzugte Methode zur Populationskontrolle durchgesetzt. Verwilderte Katzen werden eingefangen, chirurgisch kastriert und danach in ihren Lebensraum zurückgebracht. Sie sollen dort ihre Territorien besetzt halten („Platzhalter“) und die Zuwanderung fremder, unkastrierter Katzen verhindern (Hammond 1981, Lerch-Leemann 1997, Natoli 1994, Neville 1983, Remfry 1985, Tabor 1995). Mitte der 70er Jahre wurde mit der Kastration verwilderter Katzen begonnen, bei Heimtieren war die Methode bereits seit den 30er Jahren bekannt und seit den 50er Jahren etabliert. Neuerdings werden außerdem hormonelle, chemische und immunologische Verfahren zur Kontrolle verwilderter Hauskatzenpopulationen erforscht und diskutiert.

2.5  Projektansatz

Als Untersuchungsbasis diente die Katzenpopulation eines typischen Ausschnitts aus der Berliner Innenstadt. Das Untersuchungsgebiet sollte bezüglich seiner Habitatqualitäten und des Nahrungsangebotes für die dort lebenden Katzen möglichst repräsentativ sein, so daß davon ausgegangen werden kann, daß die Lebensbedingungen denen anderer Stadtkatzen weitgehend entsprechen.

Im ersten Teil der Studie wurden Anzahl, Alter, Geschlecht und Fertilität der im Untersuchungsgebiet lebenden Tiere erfaßt. Weiterhin wurden zwei Teilpopulationen mit unterschiedlichem Anteil kastrierter Tiere sowie kastrierte und unkastrierte Individuen bezüglich Raumnutzung, Sozialverhalten und Nahrungswahl miteinander verglichen.


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Ziele dieser Teiluntersuchung waren, den derzeitigen „Status quo“ von verwilderten Katzenpopulationen unter Stadtbedingungen bei einer teilweisen Reproduktionskontrolle durch Tierschutzorganisationen zu erfassen und mit Literaturdaten zu vergleichen, den Einfluß der Kastration auf das Verhalten männlicher und weiblicher Katzen zu untersuchen sowie den Einfluß verschiedener Anteile kastrierter Tiere auf die jeweilige Teilpopulation zu ermitteln.

Im zweiten Teil der Untersuchung wurden alle weiblichen Katzen einer Teilpopulation kastriert und die Auswirkungen auf das Verhalten der betreffenden Tiere sowie die Populationsbiologie in dieser Teilpopulation untersucht. In dieser Teiluntersuchung konzentrierten wir uns auf die weiblichen Tiere, weil das Vorhandensein fertiler Weibchen über stattfindende bzw. ausfallende Reproduktion entscheidet. Unsere Vorversuche hatten zudem ergeben, daß bei Kastration fertiler adulter Kater fremde Kater in das Untersuchungsgebiet einwanderten und diese „ersetzten“.

Ziele des Experimentes waren Untersuchungen zum Einfluß der Kastration auf das Verhalten weiblicher Katzen sowie die Ermittlung der Populationsbiologie einer Teilpopulation bei vollständigem Wegfall reproduktiver weiblicher Tiere. Es sollte außerdem erforscht werden, ob die Kastration weiblicher Katzen eine vergleichbare Zuwanderung weiblicher Katzen auslöst, wie sie bei Katern beobachtet wurde. Die vorliegende Arbeit dient auch als Erfolgskontrolle für die bisher übliche Methode der chirurgischen Kastration einiger Tiere beider Geschlechter im Vergleich zur experimentell durchgeführten Kastration aller weiblichen Katzen einer Teilpopulation. Darüber hinaus soll sie die Voraussetzungen schaffen, alternative Verfahren zur Reproduktionskontrolle von verwilderten Katzen zu diskutieren und in ihren Auswirkungen und Erfolgsaussichten zu bewerten.

2.6  Beziehung zu anderen Projekten

Die Arbeit wurde von der Tierärztekammer Berlin initiiert, da eine tierschutzgerechte und gleichzeitig finanziell effektive Kontrolle von Katzenpopulationen in Berlin und anderen Großstädten zunehmend problematisch erscheint. Obwohl schon seit Jahren Kastrationsprogramme u.a. durch den Tierschutzverein Berlin durchgeführt werden, bestehen in nahezu allen Berliner Bezirken nach wie vor große Katzenpopulationen. Die Anzahl eingefangener unkastrierter Tiere und Jungtiere blieb in den letzten Jahren weitgehend konstant oder nahm sogar zu. Die Hoffnung auf eine schnelle Problemlösung durch die Etablierung der Kastration verwilderter Katzen hat sich bisher nicht erfüllt. Da Kastrationen in der Regel unsystematisch durchgeführt und ihre Erfolge nicht


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kontrolliert werden, können die verwendeten Methoden nicht sinnvoll optimiert und an veränderte Bedingungen angepaßt werden. Einschätzungen von Katzenbetreuern zum Anteil kastrierter Tiere in ihrem Gebiet sind außerdem nicht unbedingt zutreffend (Ringleb 2000). Das Wissen um das Sozial- und Reproduktionsverhalten verwilderter Katzen ist noch zu gering, um effektive, biologisch sinnvolle und ethisch vertretbare Lösungen zur Kontrolle freilebender Katzenpopulationen zu entwickeln.

Parallel zur vorliegenden Untersuchung wurde von der Tierärztin Iris Wegner am Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin im Rahmen ihrer Promotion zum Thema „Untersuchungen zum antigenen Potential von Zona Pellucida Proteinen der Hauskatze (Felis domestica) und des Schweines (Sus scrofa)“ der mögliche Einsatz von Ovarproteinen zur immunologischen Kastration von Katzen untersucht. Geplant war außerdem ein Feldversuch an verwilderten Katzen. Leider zeigten die Ergebnisse der Untersuchungen im Labor, daß eine immunologische Kastration der Katze weder mit Zona Pellucida Proteinen der Katze (fZP) noch des Schweines (pZP) funktionierte. Die Impfung von fZP führten zu keiner ausreichenden Immunantwort der geimpften Katzen, während pZP eine ungenügende Kreuzreaktivität aufwiesen. Die in-vitro-Untersuchungen werden zur Zeit mit veränderten Methoden fortgesetzt.

2.7  Ziele des Projektes

Die effektive Kontrolle der Größe verwilderter Katzenpopulationen stellt ein Problem dar, mit dem sich Tierschutzorganisationen seit ca. 30 Jahren intensiv beschäftigen. In Berlin werden seit über zehn Jahren Kastrationsaktionen durchgeführt. Dabei werden von Mitarbeitern des Tierschutzbundes unter Mithilfe von Anwohnern allein in Berlin jährlich zwischen 6.000 und 12.000 Katzen eingefangen (C. Ruff, Tierheim Lankwitz, pers. Mitteilung), die operativ kastriert und anschließend in ihren ursprünglichen Gebieten wieder freigelassen werden. Jedoch zeigen die Kastrationsaktionen, obwohl engagiert und mit hohem Aufwand und Kosten durchgeführt, bisher nicht den erwünschten nachhaltigen Erfolg (Dr. Lüdcke, Tierärztekammer Berlin, pers. Mitteilung). Um zukünftig zielgerichteter arbeiten zu können, sind dringend aktuelle Informationen über die Populationsbiologie der verwilderten Stadt-Katzen sowie über den Einfluß von Maßnahmen zur Reproduktionskontrolle erforderlich.

Zum Einfluß von Kastrationsaktionen auf verwilderte Katzen, vor allem aus der Anfangszeit der Kastration, existieren einige Untersuchungen (Hammond 1981, Neville & Remfry 1984, Passanisi & Macdonald 1990, Rees 1981). Bei den meisten Untersuchungsberichten handelt es sich allerdings eher um anekdotische Fallbeschreibungen als um systematisch durchgeführten Studien. Anzahl der Ausgangstiere, Populations-


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dichte, Intensität der Betreuung, Genauigkeit der Dokumentation, Zahmheit der Tiere, Kombination der Kastration mit Vermittlung und/oder Tötung von Tieren, Bereitstellung von Verstecken (Katzen-Häusern) und Unterschlüpfen (z.B. in Kellern oder Garagen), zusätzliche Eingriffe durch Vergiftungs- und Fangaktionen Dritter und die Einstellung von Anwohnern, Katzenbetreuern und ansässigen „Schädlingsbekämpfern“ zu den Katzen variierten von einer beschriebenen Katzenkolonie zur anderen und von Jahr zu Jahr, auch fehlten in der Regel Vergleichsgruppen, Beobachtungen vor Beginn der Kastrationen und Zählungen außerhalb von Futterstellen.

Die wenigen vorhandenen Publikationen zeigen sehr unterschiedliche Ergebnisse. Als Folge von Kastrationsaktionen in verschiedenen englischen Katzenkolonien fanden Rees (1981) und Passanisi & Macdonald (1990) verschiedene Entwicklungen: Abnahme der Tierzahl mit und ohne Wiederanstieg, vollständiger Zusammenbruch einer Gruppe (von ursprünglich 14 Tieren auf 0), und sogar Anstieg der Tierzahl nach erhöhter Zuwanderung. In den meisten beschriebenen Fällen jedoch blieben die Gruppen stabil, die Zahl der Katzen nahm ab (durch Todesfälle auf Grund von Unfällen oder Krankheiten) und die Populationsdichte stabilisierte sich auf niedrigerem Niveau als vorher (Passanisi & Macdonald 1990, Neville & Remfry 1984, Ringleb 2000, Tabor 1989, Young 1981).

Untersuchungen zum Einfluß der Kastration auf einzelne Individuen liegen ebenfalls vor allem auf der Grundlage von zufälligen Einzelbeobachtungen vor. Remfry (1985) beschreibt Katzen beider Geschlechter nach der Kastration: „The cats became friendlier both to each other and to the feeder“, ebenso meint Hammond (1981) “the cats have become much more tractable after sterilisation”. Rees (1981) fand dagegen kaum einen Effekt der Kastration auf die Sichtbarkeit von Katzen, jedoch größere Kontaktfreudigkeit gegenüber Katzen nach der Kastration beider Geschlechter. Alle Autoren sind sich einig, daß kastrierte Kater im Vergleich zu unkastrierten weniger streunen, raufen und Urin spritzen, und daß durch die Kastration keine negativen Veränderungen auftreten (denkbar wären z.B. Aggressionen gegen kastrierte Tiere, operationsbedingt erhöhte Mortalität) (Hammond 1981, Hart & Barrett 1973, Johnston 1991, Neville 1983, Rees 1981, Tabor 1983).

Bisher fehlten Untersuchungen, ob und wie sich die Kastration von weiblichen und männlichen Katzen auf ihr individuelles Raumnutzungsverhalten außerhalb von Futterstellen auswirkt. Sofern kastrierte Kater von einwandernden Katern aus ihren Lebensräumen verdrängt würden, wäre die Kastration von Katern wenig effektiv. Ebenso, wenn die kastrierten Kater zwar ihre Streifgebiete behalten, die weiblichen Tiere jedoch von anderen, bisher nicht reproduktiven Katern gedeckt würden. Es ist ebenfalls


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unbekannt, ob sich längere Zeit hospitalisierte Katzen problemlos wieder in das Sozialsystem eingliedern können, wie sich die Kastration weiblicher Katzen und die daraus resultierende Veränderung des Hormonstatus auf ihren sozialen Status innerhalb der Katzengruppe auswirkt und ob kastrierte Katzen über kleinere, größere oder gleich große Streifgebiete verfügen wie reproduktive Tiere derselben Population. Daraus leiten sich die Fragen ab, ob und wie die Kastration mehrerer Tiere die Populationsdichte und Sozialstruktur in der Katzenpopulation beeinflußt.


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15.09.2005