1 Einleitung

1.1 Bilharziose

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Die Erkrankung Bilharziose ist nach dem deutschen Arzt Bilharz (1825 – 1862) benannt, der 1851 erstmals den Erreger Schistosoma (S.) haematobium im Blutgefäß eines Menschen entdeckte. Der “blutige Urin”, Leitsymptom der Blasenbilharziose ist die Hämaturie, wurde jedoch bereits in altägyptischen Papyri erwähnt (Papyrus Ebers ca. 1500 v.Chr.). Verkalkte Schistosomeneier fand man in über 3000 Jahre alten Mumien (Ruffer 1910).

1.1.1 Der Erreger

Schistosomen (deutsch: Pärchenegel), die Erreger der Bilharziose, gehören zur Gruppe der getrennt geschlechtlichen Trematoden (deutsch: Saugwürmer). Sie leben im Pfortadersystem von Warmblütern. Die Seitenränder des Männchens sind ventralwärts eingerollt, so dass es eine röhrenförmige Bauchfalte, den sogenannten Canalis gynaecophorus bildet. In diesem Hohlraum nimmt es das drehrunde, bedeutend dünnere und etwas längere Weibchen auf (Abb.1.1a).

Es gibt fünf verschieden humanpathogene Trematodenarten, die zwei Krankheitsbilder verursachen:

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Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die urogenitale Bilharziose als Beispiel einer chronischen Infektion in den Tropen.

Abbildung 1.1: Entwicklungsstadien von S. haematobium (Manson-Bahr und Apted 1982;
Dönges 1988)

a) Schistosomenpärchen; Männchen ca. 15 x 1 mm, Weibchen ca. 20 x 0,25 mm
b) Ei; ca.150 x 60 µm
c) Mirazidium; ca. 4 mm lang
d) Zerkarie; ca. 0,5 mm lang

1.1.2 Epidemiologie

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S. haematobium kommt endemisch in fast ganz Afrika und im Nahen Osten vor (Doumenge 1987) mit weltweit über 90 Millionen Infizierten (Davis 1996). Besonders betroffen sind das Niltal und einige Gebiete West- und Ostafrikas (WHO 1998), darunter auch das Hinterland des Viktoriasees, wo die Untersuchungen der vorliegenden Arbeit durchgeführt wurden.

In Tansania sind 19 % der Bevölkerung ständig der Infektion ausgesetzt. Hauptsächlich sind Kinder infiziert. Das Vorkommen der Erkrankung ist an das Vorkommen von Schnecken der Art Bulinus als Zwischenwirt gebunden.

1.1.3 Der Zwischenwirt

Aquatische Lungenschecken der Art Bulinus sind Zwischenwirte von S. haematobium. Die Schnecken leben in stehenden oder langsam fließenden Süßwasser bevorzugt zwischen Pflanzen. Bulinus-Arten sind an die Klimabedingungen in der semiariden Zone hochangepasst, ihre Eier sind sehr widerstandsfähig und können Trockenzeiten im Schlamm oder unter Pflanzenteilen überstehen. Da Bulinus sich zwittrig vermehren kann, ist ein einziges Ei in der Lage, ein Gewässer wieder vollständig mit seiner Art zu besiedeln.

1.1.4  S. haematobium- Entwicklungszyklus

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Für die Vermehrung der Schistosomen sind mehrere Vorraussetzungen notwendig:

Der Mensch ist der einzige Endwirt des Parasiten. In ihm findet die sexuelle Phase der Fortpflanzung statt. Da Kinder am häufigsten baden und gleichzeitig am schwersten infiziert sind, tragen sie durch die erneute Kontamination des Wassers entscheidend zur Aufrechterhaltung des Entwicklungszyklus bei (Abb. 1.2).

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Abbildung 1.2: Entwicklungszyklus von S. haematobium

1. Ablage der Eier in den Kapillaren der ableitenden Harnwege, Penetration der Blasenwand
2. Mit dem Urin gelangt das Ei ins Freie
3. Schlüpfen des Mirazidiums in Süßwasser
4. Penetration der Süßwasserschnecke
5. Asexuelle replikative Phase: primäre Sporozyste, sekundäre Sporozyste
6. Entwicklung von Zerkarien, die ins Wasser ausschwärmen
7. Anheften des Zerkariums an Haut, Penetration, dabei Umwandlung in Schistosomulum
8. Migration des Schistosomulums über Blut- und Lymphwege in den großen Kreislauf und weiter ins Pfortadersystem
9. Adultes Pärchen in Venen des kleinen Beckens

S. haematobium befällt bevorzugt das Venengeflecht des kleinen Beckens. Für die Eiablage verlässt das Weibchen periodisch das Männchen, um in das Kapillarnetz der Harnblase und der Harnwege vorzudringen und sie dort zu deponieren.

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Ein Teil der Eier gelangt durch das Gewebe der Kapillaren und der Harnwege in das Lumen der Harnwege hinein. Einige Tage nach der Ablage gelangen sie so mit dem Urin ins Freie.

Erreichen die Eier Süßwasser, schlüpfen aus ihnen Mirazidien (deutsch: Wimpernlarven, Abb. 1.1c). Der Schlüpfvorgang wird stimuliert durch den osmotischen Druckwechsel, Licht, geeignete Temperatur- und pH-Bedingungen. Die anschließende Entwicklung erfolgt in der Wasserschnecke, die das Mirazidium durch aktive Bewegung erreicht. Über die Entwicklungsstufen der primären Sporozyste, aus der zahlreiche sekundäre Sporozysten entstehen, bilden sich Zerkarien (deutsch: Gabelschwanzlarven, Abb.1.1d), welche die Schnecke verlassen und in das Wasser ausschwärmen. Ihre Überlebenszeit im Wasser beträgt ungefähr drei Tage, die Infektiosität etwa zwölf Stunden. Sonnenlicht stimuliert die Auswanderung der reifen Zerkarien, weshalb sich tagsüber besonders viele infektiöse Larven in den Gewässern finden.

Der Mensch infiziert sich durch den Kontakt mit Wasser, das mit Zerkarien kontaminiert ist. Die Zerkarien heften sich an dessen Haut und durchdringen sie aktiv. Während der Penetration erfolgt die Differenzierung zu einem Schistosomulum, unter anderem durch den Verlust des Schwanzes und Umwandlungen, die dazu beitragen, dass sie den osmotischen Bedingungen physiologischer Kochsalzlösungen angepasst sind. Über Blut- und Lymphwege gelangen die Schistosomula nach mehreren Tagen über die systemische Zirkulation ins Pfortadersystem. Die vollständige Reifung erfolgt obligat in der Leber, wobei das Weibchen erst nach der Paarung mit einem männlichen adulten Wurm ausreift. Adultwürmer leben bis zu 30 Jahre. Die mittlere Überlebenszeit in einem Endemiegebiet beträgt etwa 3,5 Jahre (Wilkins et al. 1984).

1.1.5 Pathogenese und Krankheitsbild

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Verantwortlich für die pathologischen Veränderungen sind die immunologischen Reaktionen auf die im Gewebe persistierenden Eier. Ein S. haematobium- Weibchen legt täglich etwa 300 Eier. Über verschiedene Mechanismen passieren sie innerhalb von 24 Stunden nach Ablage die Kapillar- und die Blasenwand. Es verbleiben jedoch etwa 50 % der Eier im Gewebe und bestimmen somit das Ausmaß der Pathologie und die Schwere des Krankheitsverlaufs. Innerhalb der drei- bis vierwöchigen Überlebenszeit der Eier mit den heranreifenden Mirazidien werden lösliche Eiantigene (SEA) sezerniert. Über stimulierte T-Lymphozyten wird eine zellvermittelte Immunreaktion vom verzögerten Typ ausgelöst, die zu einer granulomatösen Entzündung führt.

Bei der Infektion mit S. haematobium sind vor allen Dingen die Harnblase und die distalen Ureteren betroffen. Die pathologischen Veränderungen reichen von Blasenwandverdickung, Polypbildung des Urothels bis zur Kalzifizierung der Blasenwand (Chen und Mott 1989). Blasenentleerungsstörungen und Obstruktion können zu urethralem Reflux, gehäuften Infektionen, Hydronephrose bis zu postrenalem Nierenversagen führen. In allen Stadien der urogenitalen Blasenbilharziose ist die Hämaturie das Leitsymptom.

Die Spätfolge der Erkrankung ist das Blasenkarzinom, das histologisch ein Plattenepithel- oder Adenokarzinom darstellt (Lucas 1982). In einigen Ländern Afrikas ist die Inzidenz des Bilharziose-assoziierten Blasenkarzinoms 32-mal höher als das in den USA gewöhnlich vorkommende Übergangsepithelkarzinom (WHO 1996).

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Am schwersten und am häufigsten sind Kinder von der Blasenbilharziose betroffen. Die Folgen der chronischen Infektion, wie Anämie, Verzögerung des Wachstums und der Entwicklung, Einschränkungen der körperlichen Leistung und der kognitiven Fähigkeiten, korrelieren direkt mit der Schwere der Infektion (Stephenson 1993; Beasley et al. 1999; Jukes et al. 2002).

1.2 Die Behandlung mit Praziquantel und die Rolle der körpereigenen Immunantwort

1.2.1 Abwehr der Schistosomen

In dieser Arbeit wird untersucht, inwieweit sich durch eine Unterstützung des Immunsystems über Gabe von Mikronährstoffen die Wirkung von Praziquantel erhöhen lässt. Im Folgenden soll daher auf die Mechanismen der Immunantwort des Menschen auf Schistosomen genauer eingegangen werden.

Grundlagen

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Bei der Abwehr der Parasiten basiert die erfolgreiche Immunantwort gegen die eingedrungenen Schistosomula auf dem Zusammenwirken von humoralen und zellulären Abwehrmechanismen (Woolhouse und Hagan 1999). Zunächst müssen Parasitenantigene dem spezifischen (zellulären) Immunsystem präsentiert werden. Dazu werden extrazelluläre Antigene von neutrophilen Granulozyten oder Makrophagen phagozytiert, aufgespaltet und über Oberflächenrezeptoren, die Haupthistokompatibilitätskomplex-Moleküle (MHC) vom Typ II (MHC II-Rezeptoren) an der Oberfläche präsentiert. Das Antigen in Verbindung mit dem MHC II-Rezeptor kann nun T-Helferzellen binden. Eine wichtige Aufgabe der T-Helferzellen ist es, reife B-Lymphozyten zur Teilung und Proliferation anzuregen. B-Lymphozyten nehmen dasselbe Antigen auf und präsentieren Teile davon in Verbindung mit dem MHC II-Rezeptor. Jetzt können sich entsprechende T-Helferzellen anheften, die durch Lymphokine die B-Zellen stimulieren.

Es gibt zwei Untergruppen von T-Helferzellen (TH): TH1 und TH2, die man an Hand der von ihnen sezernierten Zytokine unterscheidet (Coffman et al. 1991).

TH1-Zellen induzieren über die Sekretion von Interferon (IFN)-gamma die zellvermittelte Immunität mit Aktivierung der Makrophagen. Außerdem wird durch die Sekretion von Interleukin (IL)-2 die Produktion von B-Lymphozyten und Antikörpern gesteigert. Bei der TH1-Antwort überwiegen Antikörper der Klassen IgM und IgG4.

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TH2-Zellen sezernieren dagegen vor allen Dingen die Interleukine IL-4, IL-5, welche B-Zellen zur verstärkten Produktion von Immunglobulin (Ig)E anregen. Weiterhin kommt es durch die Typ 2-Zytokine zu einer Proliferation und Aktivierung von Eosinophilen und Mastzellen - Effektorzellen der antikörperabhängigen Zytotoxizität (Coffman et al. 1991; Butterworth 1998).

Immunmechanismen bei der Elimination der Parasiten

Nach dem Eindringen der Zerkarien und der konsekutiven Umwandlung in Schistosomula werden deren Oberflächenantigene durch spezifische Antikörper erkannt. An diese Antikörper, hauptsächlich IgE, können sich wiederum Wirtszellen, wie neutrophile Granulozyten, Makrophagen und vor allem eosinophile Granulozyten, über ihre Fc-Rezeptoren anheften.

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Durch Freisetzung von basischen Proteinen, unter anderem dem „Major Basic Protein“ wird die Zellmembran der Schistosomula geschädigt (Butterworth et al. 1979; Young et al. 1986). Neutrophile Granulozyten und Makrophagen setzen reaktive Sauerstoff- und Stickstoffmetabolite frei, wodurch die Zellwand des Parasiten beschädigt wird und die Schistosomulae zerstört werden. Diese antikörpervermittelten zellulären Abwehrmechanismen werden als antikörperabhängige zelluläre Zytotoxizität bezeichnet.

Adulte Schistosomen entziehen sich weitgehend der Immunantwort. Ursache dafür ist unter anderem die spezielle Beschaffenheit der Außenhaut (Tegument), die aus einer festen, doppelten Lipidschicht besteht. Im Laufe der Entwicklung des Wurmes verliert diese Außenhaut die Fähigkeit, eigene Antigene zu präsentieren, die Angriffspunkte der antikörper-abhängigen Zytotoxizität sind. Stattdessen werden Wirtsantigene, hauptsächlich Glykolipide wie zum Beispiel Bestandteile des ABO-Systems, eingebaut (Butterworth 1993).

Altersabhängigkeit der Immunität

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In Bilharzioseendemiegebieten ist ein altersabhängiges Muster der Infektionen zu beobachten (Abb. 1.3): Erste Infektionen finden sich bei Kindern mit drei bis vier Jahren, mit beginnendem Wasserkontakt und Infektionsexposition. Die Infektionen sind am stärksten und am meisten prävalent in den Altersgruppen der 8- bis 14-jährigen, nach der Pubertät nimmt die Infektionsstärke ab (Butterworth 1993). Reinfektionsstudien zeigen, dass dieses altersabhängige Muster mit der Exposition der Infektion zusammenhängt, aber besonders mit der Entwicklung einer Resistenz gegenüber Reinfektionen zu erklären ist (Butterworth et al. 1985; Hagan et al. 1991; Mutapi et al. 2002). Die Entwicklung einer Immunität kann erst ab einem Alter von etwa zwölf Jahren beobachtet werden. Auch bei kleineren Kindern findet eine Immunreaktion statt, es werden aber hauptsächlich Immunglobuline der Klasse M gebildet, in geringerem Maße auch IgA, IgG2 und IgG4. Diese richten sich gegen Eiantigene und reagieren als sogenannte „blockierende Antikörper“. Die Produktion von blockierenden Antikörpern wird hervorgerufen durch die Antwort auf Polysaccharidantigene, aus denen die Oberfläche der Schistosomeneier hauptsächlich besteht. Diese Antikörper spiegeln die Empfänglichkeit für Reinfektionen wider. Sie sind ineffektiv gegenüber den eindringenden Schistosomula, binden an deren Oberfläche und blockieren somit die effektive Immunantwort (Hagan 1992).

Mit steigendem Alter treten Immunglobuline der Klassen IgE und IgG1, deren Produktion durch die Antwort auf Proteine der Schistosomenoberfläche hervorgerufen wird (Butterworth 1998). Dieser „Antikörper-switch“ lässt auf eine dominierende TH2-Antwort schließen und ist mit der Resistenz gegenüber Reinfektionen verbunden (Woolhouse und Hagan 1999). Diese Art der Antwort ist nach einer Behandlung mit Praziquantel zu beobachten ist (Hagan et al. 1991). Da die vitalen adulten Schistosomen sich weitgehend dem Immunsystem entziehen, sind nur die Oberflächenantigene beschädigter oder toter Würmer zugänglich. Damit lässt sich die langsame Entwicklung der Immunität erklären.

Abbildung 1.3: Altersabhängigkeit der Infektionsstärke (Daten von McCullough et al. 1972)

1.2.2 Praziquantel

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Praziquantel gehört strukturell zu den heterozyklischen Pyrazinen. Es hat sich als das Mittel der Wahl zur Therapie der Bilharziose durchgesetzt (WHO 1993), da es effektiv, nebenwirkungsarm und kostengünstig ist (Appleton und Mbaye 2001). Es besitzt eine hohe Wirksamkeit gegen alle Schistosomenarten. Eine einmalige orale Dosis hat sich als ausreichend erwiesen. Seine Wirkung beschränkt sich auf adulte Schistosomen, während es auf Schistosomula und juvenile Würmer kaum Wirkung hat und nicht ovozid ist. Die Heilungsraten liegen bei der Standarddosis von 40 mg/kg Körpergewicht bei 60 % bis 90 %. Nichtgeheilte weisen nach der Therapie eine 90- bis 95 %-ige Verminderung der Eiausscheidung auf (WHO 1993).

Praziquantel wird intestinal rasch resorbiert. Die Plasmahalbwertszeit liegt zwischen ein und eineinhalb Stunden. 80 % der aufgenommenen Dosis wird innerhalb von 24 Stunden mit dem Urin als Metabolite ausgeschieden (Mutschler 1998). Die Verträglichkeit ist sehr gut, nur in seltenen Fällen kommt es zu passageren Oberbauchschmerzen, Diarrhö, Schwindel, Übelkeit und sehr selten zu urtikariellen Hautreaktionen oder Fieber (Jaoko et al. 1996, King 1999, N'Goran et al. 2003).

Das Pharmakon bewirkt durch eine Dauerdepolarisation an der motorischen Endplatte eine spastische Lähmung der Muskulatur der Adultwürmer, wodurch die Parasiten den Halt mit ihren Saugnäpfen an der Blutgefäßwand verlieren. Außerdem schädigt es das Tegument, so dass die Maskierung mit Wirtsantigenen unwirksam wird. Oberflächenantigene der Schistosomen sind nun dem Immunsystem zugänglich, es kommt zur Initiierung sowohl der humoralen als auch der zellulären Immunantwort (Woolhouse und Hagan 1999). Als deren Folge kommt es zur Ausbildung der protektiven Mechanismen im Sinne einer TH2-Antwort und dem Abtöten weiterer Schistosomen (Hagan et al. 1991).

1.3 Mikronährstoffe

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Der Begriff Mikronährstoffe fasst Vitamine und Spurenelemente zusammen. Er wird verwandt, da der Körper diese Stoffe nur in kleinen Mengen benötigt, im Gegensatz zu Makronährstoffen wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette. Mikronährstoffe sind wichtig für die Produktion von Enzymen, Hormonen und anderen Substanzen, die an der Regulierung von Wachstum und Entwicklung sowie an der Funktion des Immunsystems beteiligt sind. Folgende Stoffe gehören zu den Mikronährstoffen: Jod, Eisen, Magnesium, Selen, Zink, Chrom, Kupfer, Mangan, Molybdän und die Vitamine A, C, E, K, D, der Vitamin B-Komplex, Biotin, Folsäure, Beta-Karotin und Omega-3-Fettsäuren.

Der Mangel an Mikronährstoffen ist ein Problem in vielen Entwicklungsländern. Weltweit sind rund zwei Milliarden Menschen betroffen, besonders in den Ländern der subsaharischen Zone (FAO 2002). Neben Frauen im geburtsfähigen Alter sind Kinder am anfälligsten für die Unterversorgung mit Mikronährstoffen. Bei Kindern ist der erhöhte Bedarf dieser Substanzen auf den Verbrauch während Wachstum und Entwicklung zurückzuführen. Allein die Anzahl der Kinder, die an Vitamin A-Mangel leiden, wird auf über 100 Millionen geschätzt (UNICEF 2004). Bei ungefähr 30 % bis 50 % der in der subsaharischen Zone Afrikas lebenden Schulkinder besteht eine Eisenmangelanämie (UNICEF 1998). In Tansania schätzt man, dass etwa 25 % der Bevölkerung an Jodmangel leidet, verbunden mit Gesundheitsproblemen wie Struma, Entwicklungsverzögerung, mentale Retardierung oder Kretinismus, und ungefähr 24 % aller Kinder des Landes unter fünf Jahren von Vitamin A-Mangel betroffen sind. (UNICEF 2002).

Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der Mangel an bestimmten Mikronährstoffen zu einer gestörten Funktion des Immunsystems führt. Kinder mit einem Vitamin A-Mangel erkranken häufiger und schwerer an Infektionen des gastrointestinalen Traktes und der Lunge (Bloem et al. 1990; Underwood 1996). Kinder mit einem angeborenen Kupfer-Mangel (Menckes disease) leiden überdurchschnittlich oft an schweren Infektionen (Failla und Hopkins 1998; Percival et al. 1998). Schon ein geringer Biotinmangel kann die Anfälligkeit für bakterielle Infektionen und Pilzinfektionen erhöhen (Baumgartner und Sourmala 1999). Patienten mit Vitamin B6-Mangel weisen eine erniedrigte Anzahl an Lymphozyten auf (Meydani et al. 1991), durch eine Vitamin B6-Supplementierung steigen die Lymphozytenzahlen wieder an (Talbott et al. 1987).

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Weiterhin kann der isolierte Mangel eines der Mikronährstoffe den Metabolismus anderer Mikronährstoffe beeinflussen. So ist zum Beispiel bei Zinkmangel der Vitamin A-Transport gestört (Smith et al. 1976). Die Therapie der Eisenmangelanämie durch eine Eisensubstitution kann die Entwicklung eines Vitamin E-Mangels begünstigen (The Linus Pauling Institute 2003a). Dagegen ist Vitamin C durch seine hohe antioxidative Potenz auch gleichzeitig Regenerator für andere Antioxidanzien, wie zum Beispiel Vitamin E (Carr 1999).

Inwieweit ein latenter Mikronährstoffmangel die Immunfunktionen des Menschen tatsächlich beeinträchtigt, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung und kann noch nicht als befriedigend geklärt bezeichnet werden.

Nachfolgend werden in tabellarischer Form die Ergebnisse einiger Studien zu den Funktionen und Folgen isolierter Mangelzustände ausgewählter Mikronährstoffe dargestellt (Tab. 1.1 und Tab. 1.2):

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Tabelle 1.1: Immunologische Funktionen von Mikronährstoffen

Stoff

Funktion

Quelle

Vitamin A

Aufrechterhaltung der Barrierefunktion der Haut

Koski und Scott 2001

 

Essentiell für die Lymphopoese, für die Zytokinproduktion, die Produktion von Antikörpern, die Funktion von neutrophilen Granulozyten, von NK-Zellen, Monozyten und Makrophagen, T-Lymphozyten und B-Lymphozyten

Semba 1999

Vitamin B5

(Panthotensäure)

Aufrechterhaltung der Barrierenfunktion der Haut

Weinmann und

Hermann 1999

Vitamin D3 (Calcitriol)

Stimulation des Shifts von TH1- zu TH2-Antwort (in Konzentrationen, die den Haushalt von Kalzium und Phosphat nicht beeinflussen)

Muller et al. 1991

Rook et al. 1994

Selen

Regulation von Zytokin IL-2

Roy et al. 1993

Zink

Wichtiger Faktor für Wachstum und Differenzierung aller Zellen, einschließlich der Immunzellen

Hambidge 2000

Tabelle 1.2: Veränderungen von immunologischen Funktionen als Folge eines Mikronährstoffmangel

Stoff

Folgen eines experimentellen Mangels

Quelle

Vitamin E

Eingeschränkte B- und T-Zell-Funktion

Moriguchi und Muraga 2000

 

Phagozytische Funktion von Neutrophilen vermindert

Bendich 1990

Eisen

Verminderung der zytolytischen Aktivität der natürlichen Killer (NK)- Zellen

Dhur et al. 1990

 

Verzögerte Entwicklung der zellvermittelten Immunität

Kochanowski und Sherman 1985

 

Eingeschränkte Differenzierung und Proliferation von T-Lymphozyten

Spear und Sherman 1992

 

Verminderte Erzeugung reaktiver Sauerstoffprodukte von Eisen-abhängigen Enzymen

Dallman 1986

 

Reduktion der Zytokin-Produktion

Beard 2001

Kupfer

Verminderte Anzahl und Aktivierung neutrophiler Granulozyten

Erickson et al. 2000

Selen

Verminderte Anzahl aller Lymphozyten

Roy et al. 1993 

Taylor 1995 

Look et al. 1997

 

Eingeschränkte T-Zell- Antwort

 

Eingeschränkte Phagozytenfunktion

 

Verminderte Zytotoxizität durch eine Einschränkung der Gluthationperoxidase

Zink

Ungleichgewicht zwischen TH1 und TH2- Funktionen

Prasad 2000

 

Eingeschränkte Funktion der Plasmazellen und der NK-Zellen

Erickson et al. 2000

Wie die in Tabelle 1.1 und Tabelle 1.2 aufgeführten Beispiele zeigen, sind bei experimentell erzeugtem Mangel immunologische Fehlfunktionen bzw. Defizite nachgewiesen worden, die theoretisch auch die gegen Schistosomen gerichteten Abwehrmechanismen beeinflussen können. Beispielsweise kann sowohl die Funktion von T-Lymphozyten und die der antikörperproduzierenden B-Lymphozyten betroffen sein, als auch die Entwicklung der Effektorzellen der antikörperabhängigen Zytotoxizität: Eosinophile, Neutrophile und Makrophagen. Des Weiteren kann die Generierung zytotoxischer Substanzen und reaktiver Sauerstoffmetabolite oder die Zytokinproduktion eingeschränkt sein, die wichtig für die Stimulation der Entwicklung der Immunzellen sind.


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22.03.2006