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Zusammenfassung

Im Rahmen des von der EU finanzierten Projektes „Die Verwendung von kompostiertem Haushaltsmüll in der vorstädtischen Landwirtschaft von Westafrika als Pflanzenschutzmittel“, das in Togo, Senegal und der Republik Guinea von 1999 bis 2002 stattfand, wurden die Daten erhoben, welche die Grundlage zu dieser Arbeit bilden. Die Städte waren Rufisque im Senegal, Conakry und Timbi Madîna in der Republik Guinea sowie Lomé und Tsévié im Togo.

Ziel der Arbeit ist die kulturellen, sozialen und ökonomischen Faktoren zu durchleuchten, die die Bereitschaft der städtischen Haushalte organischen Müll zu sammeln und die Bereitschaft der vorstädtischen Bauern in Westafrika Kompost als Pflanzenschutzmittel einzusetzen beieinflussen, um die Einführung von Kompost als Pflanzenschutzmittel zu erleichtern.

Dazu wurden standardisierte Befragungen der Haushalte (1551 Haushalte) und der städtischen Bauern (1721 Bauern) in den fünf Städten durchgeführt. Die offenen Fragen dieser Befragungen wurden erst qualitativ und dann auch quantitativ ausgewertet. Etwa 10 % dieser Antworten wurden so standardisiert, dass sie in 18 logistischen Regressionsmodellen mit Interaktionen des ersten Grades analysiert werden konnten. Schlüsselpersonnen und Projektmitarbeitern wurden in halbstrukturierte und nicht strukturierte Interviews befragt. Ebenso wurden mehrjährige Beobachtungen der Haushalte, der Kompoststationen und der Bauern vorgenommen. Die Buchführung der Müllsammlung (fürs Projekt) in Lomé wurde über Jahre analysiert.

Die Untersuchungsorte sind hauptsächlich von Wolofs, Fulfulbe, Sussus und Ewes bzw. Minas bewohnt. Die Einwohnerzahl der Orte variert von 4 000 bis 1,4 Mill. Einwohner. Bedingt durch das unterschiedliche Klima, die unterschiedlichen Konsumgewohnheiten und die unterschiedlichen Städtgrößen haben sich verschiedene landwirtschaftliche Betriebssysteme herausgebildet, die nebeneinander in jeder Stadt vorkommen. Es wurden sowohl städtische Gemüsebau- als auch vorstädtische und städtische Ackerbausysteme untersucht. Da die fünf Städte in 3 Ländern liegen sind auch die öffentlichen Beratungssysteme verschieden. In den verschiedenen Städten wurden verschiedene Organisationsgrade der Bauern vorgefunden. Die geringe Homogenität der untersuchten Populationen begründet die große Zahl der Befragungen. Nur dadurch ist ein Vergleich der Bereitschaften der Haushalte und Bauern in so unterschiedlichen Situationen möglich.

Die Haushaltsmodelle untersuchen, ob und welchen Einfluss die unabhängigen Variablen wie zum Beispiel die Existenz einer institutionalisierten Müllsammlung, die Zahl der Erwachsenen und der Kinder im Haushalt, das Einkommen, der Beruf der Hausfrau und des Haushaltsvorstandes, die Religion und die Ethnie des Haushaltsvorstandes usw. auf die abhängigen Variablen nämlich die Mülltrennung im Haushalt und die Verwertung von Müll im Haushalt haben.

Die unabhängigen Variablen das landwirtschaftliche Modells gliedern sich in vier Gruppen. Den Bauern betreffend werden das Bildungsniveau, das Geschlecht und die Ethnie des Bauern als unabhängige Variablen genommen. Für das Betriebssystem wird das Verwenden von Düngern, die Art der Arbeitskräfte, das Ausführen einer Nebenbeschäftigung und die Einteilung in Gemüse oder Ackerbauer betrachtet. Das soziale Netzwerk wird in Kontakt mit dem Beratungsdienst, Intensität der Kontakte zum landwirtschaftlichen Wissennetz und Mitgliedschaft in einer 215Bauernorganisation aufgegliedert. Als unabhängige Variable für die Stadt wurden ihre Größe und die kulturelles Milieu gewählt.

Die Kenntnis der Kompostherstellung, die Kompostherstellung selbst und die Verwendung von Kompost sind die drei abhängigen Variablen des Faktenmodells. Sie wurden unabhängig von einander analysiert. Sie wurden später abhängige Variablen des landwirtschaftlichen Meinungsmodells. Die abhängigen Variablen des Meinungsmodells sind die Bereitschaft Kompost zu kaufen, die Meinung, ob man Kompost als Pflanzenschutzmittel einsetzen kann und die Bereitschaft Kompost, der aus Haushaltsmüll hergestellt wurde, in der Landwirtschaft zu verwenden.

Die Modellergebnisse wurden den qualitiven Ergebnissen aus den standardisierten, den halbstandardisierten und den unstrukturierten Interviews sowie den Beobachtungen und Einzelfallstudien gegenübergestellt.

Wilde Deponien stören die Einwohner des Viertels. Die Haushalte sind bereit sich finanziell an einer Müllsammlung zu beteiligen. Das Müllmanagement im Haushalt hängt von seine Grösse, Zusammensetzung, den Erwerbstätigkeiten der Bewohner, dem Kulturkreis und der räumlichen Lage ab. Es gibt keine traditionellen Hemnisse, die gegen eine Biomüllsammlung sprechen. Aus den Modellen ergibt sich, dass die unabhängigen Variablen wie die Anwesenheit eines Viehhalters und/oder eines Bauern im Haushalt, dass die Hausfrau noch in der Landwirtschaft oder als Lohnarbeiterin tätig ist, die Existenz von Müllproblemen auch ausgedrückt in vielen wilden Deponien sowie die Abwesenheit einer funktionierenden Müllsammelorganisation und ein christilicher oder moslemischer Haushaltsvorstand die Bereitschaft Biomüll zu sammeln und von anderem Müll zu trennen positiv beeinflussen. Aus den qualitativen Fragen geht hervor, dass die Haushalte bereit sind Müll zu trennen, wenn die dafür zusätzliche an Klima und Müllmenge angepasst Mülleimer erhalten und ihnen die Mülltrennung und ihr Sinn erklärt werden. Getrennter Müll muss auch getrennt gesammelt werden. Auf grund des Klimas muss Biomüll späterstens alle 2 Tage gesammelt werden. Die Haushalte wollen einen Vorteil aus der Mülltrennung ziehen. Letzteres ließe sich durch eine geringere Müllgebühr bei Mülltrennung realisieren. Haushalte, die gegen eine Mülltrennung sind, begründen dieses mit mangelnder Zeit, dass Mülltrennung unhygienisch ist oder dass sie den Müll brauchen für die Viehhaltung oder die Landwirtschaft. Im Rahmen des Projektes wurde Mülltrennung in verschiedenen Stadtvierteln erfolgreich getestet.

Für das Müllmanagement im Stadtviertel sind traditionelle und Gemeindeautoritäten zuständig. Der Aufbau einer Müllsammelorganisation muss mit ihnen abgesprochen werden. Für eine Kompoststation eignet sich am besten eine Kleinstadt. In Kleinstädten ist der Anteil an organischem Müll in der Regel höher als in Großstädten. Die Station sollte möglichst nahe am Zentrum der Stadt mit den meisten Müllproblemen und nahe an den Gemüsefeldern liegen. Die Müllsammlung ist an und für sich eine rentable Tätigkeit. Eine transprarente Buchführung der Müllgebühren, die Konflikten vorbeugt, ist unerlässlich für die Nachhaltigkeit einer Müllsammelorganisation. In den Kompoststationen des Projektes bestätigte sich, dass die Produktion von Kompost als Bodenverbesserer nicht konkurrenzfähig ist im Vergleich zu Mist aus städtischer Viehwirtschaft. Die Kompostherstellung ist sehr arbeitsintensiv und nur rentable, wenn der Kompost als Pflanzenschutzmittel verkauft werden kann. Wenn es Überproduktionen von Pflanzenschutzkompost geben sollte, ist es nur dann sinnvoll diesen als Bodenverbesser zu verkaufen, wenn der Kompost zur Bodenverbesserung in einem billigeren Verfahren hergestellt werden kann.


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Grundsätzlich gibt es keine kulturellen Hindernisse, die gegen den Einsatz von Kompost aus Haushaltsmüll sprechen. Diese Technik ist in Westafrika bekannt. Die Neuerung ist die Verwendung von Kompost als Pflanzenschutzmittel gegen bodenbürtige Krankheiten bei Salat, Tomate und Kartoffel. Nur Gemüsebauern sind sich des Krankheitsdrucks bewusst und setzten Pflanzenschutzmittel ein. Sie können z. T. Krankheiten unterscheiden. Nebenerwerb, hohe Düngemittelkosten, der Einsatz von Lohnarbeitskräften und eine starke Bauernorganisation wirken sich positiv auf die Bereitschaft Pflanzenschutzkompost aus Haushaltsmüll zu kaufen. Im Modell hat das Bildungsniveau nur Auswirkungen auf die Kenntnis der Kompostherstellung. Die Intensität des Kontakts mit dem landwirtschaftlichen Wissensnetzwerk und das Anbausystem, ob bewässerter Gemüseanbau oder Grundnahrungsmittel im Regenfeldbau, verändern alle abhängigen Variablen des Faktenmodells und die Bereitschaft Kompost zu kaufen. Der starke Einfluss der Intensität des Kontakts mit dem landwirtschaftlichen Wissensnetzwerk und der Mitgliedschaft in einer Bauernorganisation weißt auf die Bedeutung des sozialen Netzwerkes für die Verbreitung von Kompost hin. Hingegen ist das Beratungswesen von untergeordneter Bedeutung für den Kompost. Von starker Bedeutung für die Kenntnisse im Pflanzenschutz sind Händler, Kollegen und Bauernorganisationen. Das Geschlecht des Bauern beeinflusst nur die Kompostherstellung.

Bauern, die nicht bereit sind Kompost zu kaufen, begründen dies vornehmlich mit den Argumenten: kein Geld zu haben, Kompost nicht zu kennen, Kompost selbstherzustellen oder keinen Bedarf an Kompost zu haben (, da sie bereits fruchtbare Böden bewirtschaften).

Da die Pflanzenschutzwirkung nicht bekannt ist, benötigt eine Kompoststation ein sehr wirksames Marketing, wie Versuche neben der Kompoststation, Kontakte zu den Bauernorganisationen, den Beratungsdiensten und den Forschungseinrichtungen sowie Beratungsmaterial, das auf das Bildungsniveau der Gemüsebauern abgestimmt ist.

Für zukünfige Kompostprojekte in der städtischen Landwirtschaft im Pflanzenschutz kann geschlossen werden, dass Bauernorganisationen und Pflanzenschutzmittelhändler als wichtige Wissensträger mit in die Forschung einbezogen werden sollten ebenso wie die Bauern selbst. Die Kenntnis der kulturellen Konzepte von Kompost, Schädlingen und Pflanzenkrankheiten und die Kenntnisse der landwirtschaftlichen Betriebssysteme sind ebenso von größter Bedeutung wie die wirtschaftlichen und organisatorischen Argumente für eine Kompoststation.


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