2. Kants Geschmacksurteil und ästhetischer Gemeinsinn 

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Man könnte sagen, Kant erläutert das Ziel der Kritik der Urteilskraft dahingehend, dass er die dualistische Trennung der Welt – die Welt der Natur als Gegenstand der reinen Vernunft und die Welt der Freiheit als Gegenstand der praktischen Vernunft –wieder aufheben wollte. In diesem Sinne besteht die große Entdeckung der Kritik der Urteil s kraft, wie Deleuze sagt, darin, in einem fundamentalen Missklang (der Vermögen) ihren Einklang zu finden.29

Kant versucht die Trennung von Theorie und Praxis sowie vom Gebiet des Naturbegriffs und des Freiheitsbegriffs, die von seiner dualistischen Weltinterpretation erzeugt wurde, durch das Geschmacksurteil zu vermitteln. Dabei ist der Geschmack (als „das Vermögen der Beurteilung des Schönen“30) ein Vermögen, mit dem man einen Gegenstand durch Gefühle des Subjekts wie Lust und Unlust und nicht durch Begriffe beurteilt (vgl. KU, B XLV), und folglich ist das Geschmacksurteil ein subjektives Urteil. Wenn aber das Geschmacksurteil nur als subjektives Urteil bestehen bleibt, kann die (üblicherweise aus Harmonie und Einheit entstehende) Schönheit keine Allgemeinheit erlangen. Deshalb schließt das Geschmacksurteil zwangsläufig die Forderung ein, dass es ein subjektives Urteil sei, es aber zugleich Allgemeinheit gewährleisten müsse. Somit besteht eine der wichtigen Aufgaben der Kritik der Urteilskraft darin, die Begründung und Bedeutung der Allgemeinheit, die durch dieses subjektive Geschmacksurteil gekennzeichnet ist, d. h. die der subjektiven Allgemeinheit zu erläutern.

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Bekanntlich wird Kants Kritik in der Kritik der Urteilskraft vervollkommnet. Und wenn der Zweck der Kritik der Urteilskraft in der Vereinigung des Gebietes der Notwendigkeit und des der Freiheit und der Vereinigung von Theorie und Praxis besteht, dann bleibt Kant nicht einfach bei einer dualistischen Weltinterpretation stehen. Wir können dies in dem Punkt akzeptieren, wo Kant behauptet, das Geschmacksurteil sei subjektiv und dennoch allgemein, und er den Gemeinsinn zur Grundlage dieser Allgemeinheit erklärt. Folglich ist es nötig, die Bedeutung, die der subjektiven Allgemeinheit des Geschmacksurteils zugeeignet ist, in einem erweiterten Sinne zu interpretieren.

In Zusammenhang damit könnte geprüft werden, ob wir durch die Neuinterpretation von Kants Geschmacksurteil und Gemeinsinn einen Leitfaden finden können, mit dem man die Grenzen der modernen Rationalität überwindet. Nun bezieht sich diese Überprüfung auf die Frage, wie sich Kants Gemeinsinn mit sozusagen ästhetischer Rationalität in Verbindung bringen ließe, und darüber hinaus in welchem Zusammenhang die ästhetische Rationalität mit der modernen Rationalität steht.

Aufeinander beziehen sich hier das Nachprüfen der Strategie von Habermas, der durch kommunikative Vernunft den Rationalitätsbegriff zu erweitern versucht, und das Nachprüfen der Absicht der postmodernen Denker, die dem Anderen der Vernunft das Primat geben. In diesem Nachprüfungsprozess sind m. E. folgende Fragen enthalten: Ist Adornos ästhetische Rationalität zu einem Teil in Habermas’ kommunikativer Rationalität eingeschlossen, oder enthält Adornos Rationalität einen erfinderischen Charakter, der der kommunikativen Rationalität nicht zugeeignet ist, und bietet deren Neuauslegung eine Möglichkeit zur Komplementierung oder Rettung der modernen Rationalität?

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Als ein Ansatz zur Auflösung dieser Problematik geht es in dieser Arbeit darum, wie die subjektive Allgemeinheit des Geschmacksurteils zu lesen31 und was in Bezug auf den Gemeinsinn zu betonen wäre.

2.1.  Analyse des Geschmacksurteils und Gemeinsinn

Zunächst werden hier kurz die zur Erläuterung des Geschmacksurteils grundlegenden Begriffsdefinitionen und die für das Verstehen meines Themas erforderliche Erklärung der Struktur der Kritik der Urteilskraft dargestellt.

Kants Kritik der Urteilskraft ist im Ganzen genommen zweigeteilt. Anders gesagt, Kant hat die ‘Urteilskraft’ in ästhetische Urteilskraft und teleologische Urteilskraft unterteilt und nennt den ersten Teil der Kritik der Urteilskraft ›Kritik der ästhetischen Urteilskraft‹ und den zweiten Teil ›Kritik der teleologischen Urteilskraft‹.32

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Nach Kants Kritik der reinen Vernunft entspringt unsere Erkenntnis aus zwei Grundquellen des Gemütes, deren erste ist, die Vorstellungen zu empfangen, und die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (KrV, B 74). Dabei ist das erste Erkenntnisvermögen die Sinnlichkeit. Sie ist, genauer gesagt, die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu erhalten (vgl. ebd.).

Das zweite Erkenntnisvermögen ist der Verstand. Im Gegensatz zur Sinnlichkeit ist der Verstand das Vermögen, Vorstellungen selbst oder die Spontaneität der Erkenntnis hervorzubringen. Anders gesagt ist er „das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken“ (ebd.).

Die Vernunft ist das Vermögen, sich als „das Vermögen der Prinzipien“ (KrV, A 405) nicht auf die Gegenstände, sondern auf den Verstand zu beziehen, und sie ist das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien (vgl. KrV, B 359). Die Vernunft forscht Kant zufolge den Erkenntnissen nach, die über die Sinnenwelt hinausgehen (vgl. KrV, A 3).

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Die Urteilskraft macht in der Ordnung unserer Erkenntnisvermögen zwischen dem Verstand und der Vernunft ein Mittelglied aus (vgl. KU, B V). Dabei ist die Urteilskraft „der gesunde Verstand“ (KU, B VII) „das Vermögen zu urteilen selbst“ und „die subjektive Bedingung aller Urteile“ (KU, B 145).

Die ästhetische Urteilskraft, die im ersten Teil der Kritik der Urteilskraft analysiert wird, kann deshalb einfach als das Vermögen, ‘ästhetisch’ zu urteilen, definiert werden. Dabei versteht Kant unter dem Attribut ‘ästhetisch’ das Attribut, das zum Attribut ‘logisch’ im Gegensatz steht. Was für die Bestimmung des Gegenstandes zur Erkenntnis dient oder gebracht werden kann, ist nach Kant die logische Gültigkeit (vgl. KU, B XLII). Im Gegensatz dazu ist das Attribut ‘ästhetisch’ nicht etwas, was zur Erkenntnis der Gegenstände verhilft, und ihm kann keine logische Gültigkeit zugeschrieben werden. Dass die Vorstellung eines Objektes ästhetische Beschaffenheit hat, bedeutet deshalb, dass sie sich nicht auf die Gegenstände, sondern auf das Subjekt bezieht (vgl. KU, B XLII und 4). Also trägt die ästhetische Urteilskraft zur Erkenntnis der Gegenstände nichts bei (vgl. KU, B LIII).

Kant weist darauf hin, dass die Urteilskraft überhaupt das Vermögen ist, das Besondere (Gegenstände unserer Sinnesempfindung und Sinneswahrnehmung, oder Vorstellungen von etwas, das in unserem Bewusstsein auftaucht usw.) als enthalten unter dem Allgemeinen (die Regel, das Prinzip, das Gesetz) zu denken (vgl. KU, B XXVI). Die Urteilskraft kann in die bestimmende und die reflektierende unterteilt werden. Jene ist die Urteilskraft, die das Besondere unter dem Allgemeinen subsumiert, wenn das Allgemeine gegeben ist; diese ist die Urteilskraft, die auf der Grundlage des Besonderen das Allgemeine finden soll, wenn nur das Besondere gegeben ist und nicht das Allgemeine (vgl. ebd.). Um dies besser verständlich zu machen: Die bestimmende Urteilskraft ist die, die unter dem schon vorhandenen Gesetz oder Begriff den gegebenen Gegenstand (das Besondere) subsumiert. Dagegen ist die reflektierende Urteilskraft die, die mit Hilfe des Besonderen das Allgemeine (Gesetz oder Prinzip) zu finden versucht, wenn ein Gesetz oder ein Prinzip noch nicht gegeben ist.

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Nun zählt zur reflektierenden Urteilskraft die ästhetische Urteilskraft (und die teleologische Urteilskraft). Denn die ästhetische Urteilskraft beurteilt Dinge nicht nach dem Begriff – und die teleologische kann auch keinen Grundsatz aus dem Begriffe (der Natur als des Gegendstandes der Erfahrung) anführen, (auch wenn sie die Bedingungen bestimmt angibt, unter denen etwas, z. B. ein organisierter Körper, nach der Idee eines Zwecks der Natur zu beurteilen sei) (vgl. KU, B LII).

Also ist die ästhetische Urteilskraft Kant zufolge das Vermögen, durch das Gefühl der Lust oder Unlust die formale (subjektive) Zweckmäßigkeit des Gegenstandes zu beurteilen (vgl. KU, B LI), und das Vermögen, „ohne Begriffe über Formen zu urteilen und an der bloßen Beurteilung derselben ein Wohlgefallen zu finden“ (KU, B 168).

Nun ist die Beurteilung des Urteilenden über Gegenstände durch diese ästhetische Urteilskraft eine ästhetische Beurteilung, und das Ergebnis dieser ästhetischen Beurteilung ist das ästhetische Urteil. Was zur ästhetischen Beurteilung gehört, ist die Beurteilung, die das Schöne und Erhabene der Natur oder der Kunst betrifft (vgl. KU, B VII-VIII). Und Geschmacksurteile und Urteile über das Erhabene als das Ergebnis einer solchen Beurteilung zählen zum ästhetischen Urteil. Geschmacksurteile und Urteile über das Erhabene sind also „beiderlei Art ästhetische Urteile“ (KU, B 114). Hierbei werde ich nur auf Geschmacksurteile eingehen.

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Wenn die allgemeine Form von Urteilen „x ist P“ ist, deutet ‘x’ als Subjekt des Urteils auf den Gegenstand hin und ‘P’ zeigt als Prädikat des Urteils Eigenschaften des Gegenstandes an. In dieser Form der Urteile sind Subjekt ‘x’ und Prädikat ‘P’ Variablen und könnten durch irgendwelche Gegenstände und Eigenschaften substituiert werden. Auch Geschmacksurteile haben natürlich die Form „x ist P“.

Urteile werden in allgemeiner Weise, wenn man ihren Inhalt vernachlässigt und lediglich die Form des Verstandes betrachtet, in die vier Arten Quantitäts-, Qualitäts-, Relations- und Modalitätsurteile unterteilt, von denen wiederum jede Art dreifach unterteilt wird, so dass es zu einer Unterteilung in zwölf Urteile kommt. Urteile werden nach Quantität in allgemeine, besondere und einzelne Urteile, nach Qualität in bejahende, verneinende und unendliche Urteile, nach Relation in kategorische, hypothetische und disjunktive Urteile und nach Modalität in problematische, assertorische und apodiktische Urteile unterteilt (vgl. KrV. A70/B95).

Die allgemeine Logik handelt nur von der Verstandesform, die den Vorstellungen verschafft werden kann, woher auch immer diese entsprungen sein mögen (vgl. KrV, B 80). Nun aber kann auch das Geschmacksurteil in vier Momente unterteilt werden, weil in ihm immer noch eine Beziehung zum Verstand enthalten ist (KU, B 3. Fußnote). Kant unterteilt - etwas anders als in der transzendentalen Logik - dieses Geschmacksurteil in vier Momente, indem er die Reihenfolge von Quantität und Qualität vertauscht und es in die vier Momente Qualität, Quantität, Relation und Modalität unterteilt (vgl. KU, B 3. Fußnote). Auf diese Weise wird das Geschmacksurteil in der ›Analytik des Schönen‹ nach der Formeneinteilung der allgemeinen Logik und darüber hinaus nach der Urteilstafel der transzendentalen Logik in vier Momente unterteilt analysiert.

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Kant versucht in der Kritik der Urteilskraft die Charakteristik des Geschmacksurteils zu erläutern, indem er die Schemata der Analytik, Deduktion, Dialektik und Methodenlehre benutzt, die in der transzendentalen Logik gebraucht wurden.

Aber die Tatsache, dass die Analyse des Geschmacksurteils in der ›Analytik des Schönen‹ der Form der allgemeinen Logik (und der Urteilstafel der transzendentalen Logik) folgt, bedeutet lediglich, dass das Geschmacksurteil in vier Momente unterteilt analysiert wird.33

Im Moment der Qualität als erstem Paragraph, in dem das Geschmacksurteil analysiert wird, erklärt Kant es nicht nach der Form der allgemeinen Logik (und der Urteilstafel der transzendentalen Logik), sondern er erläutert die inhaltlichen Merkmale des Geschmacksurteils, die durch seine Form allein nicht erfasst werden können.

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Also beginnt Kant in der Analyse des Geschmacksurteils mit der Erläuterung, was nötig ist, um einen Gegenstand als schön zu bezeichnen (vgl. KU 3). Und diese Erläuterung ist damit verknüpft, die Beurteilung „x ist schön“ zu begründen und die Bedingungen der Allgemeinheit und Notwendigkeit dieser Schönheit zu erläutern.

Die vier Momente des Geschmacksurteils können in zwei Gruppen eingeteilt werden, wobei man sagen kann, dass das erste und das dritte Moment im Geschmacksurteil die Begründung für die Schönheit liefern und das zweite und das vierte Moment die Begründung für die Allgemeinheit und Notwendigkeit dieser Schönheit. Alle Momente sind jedoch selbstverständlich eng miteinander verknüpft.

Im Allgemeinen deutet das Moment der Qualität eines Urteils auf das Prädikat hin. Im Moment der Qualität werden Urteile nach ihrer Form in bejahende Urteile (x ist P), verneinende Urteile (x ist nicht P) und unendliche Urteile (x ist Nicht-P) unterteilt. Aber es geht Kant bei der Analyse des Geschmacksurteils nicht darum, wie das Geschmacksurteil zum bejahenden oder zum verneinenden Urteil wird (oder ob es die Form eines bejahenden Urteils oder die eines verneinenden Urteils hat), sondern es geht ihm darum zu erläutern, welches Urteil unvermittelt (qualitativ) das Geschmacksurteil ist. Daher beginnt Kant davon in seiner Definition des Geschmacks zu sprechen.

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Kant definiert in der Fußnote des § 1 den Geschmack als „das Vermögen der Beurteilung des Schönen“ (KU, B 3 Fußnote). Demzufolge ist das Geschmacksurteil ein Urteil, durch den Geschmack als das Vermögen der Beurteilung des Schönen Gegenstände zu beurteilen. Dabei bedient sich Kant einer ganz anderen Methode als die früheren Philosophen. Er versucht nicht zu definieren, was die Schönheit ist. Ihm geht es darum, voneinander zu unterscheiden, was schön ist und was nicht schön ist. Dabei ist es wichtig „sich klarzumachen, dass Kant nicht direkt über schöne Dinge spricht, sondern unser Reden über schöne Dinge analysiert.“34 Hier sagt Kant, dass die Vorstellung vom Schönen keine Eigenschaft der Objekte (als Gegenstände der Erkenntnis), sondern das Bewusstsein des Gefühls der Subjekte (der Lust oder Unlust) ist (vgl. KU, B 4). „Das Geschmacksurteil ist deshalb kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch“ (KU, B 4).

Eben darin besteht der Grund, weshalb sich das Geschmacksurteil nicht auf die Form des Erkenntnisurteils und des logischen Urteils zurückführen lässt, obgleich es scheint, dass es durch ihre Momente analysiert wird. So entspricht im Geschmacksurteil „x ist schön“ das qualitative Moment dem Inhalt des Prädikats „ist schön“. Dabei bezeichnet Kant den qualitativen Inhalt von „ist schön“ als interesseloses Wohlgefallen, indem er sagt, dass in einem solchen Urteil keine Eigenschaft des Gegenstandes, sondern ein Gemütszustand des Subjekts dargestellt wird. Nach Kant ist die Beurteilung, ob etwas schön oder nicht schön ist, nicht eine Frage der Erkenntnis, sondern die Äußerung des Gefühls des Subjektes. Dieses Gefühl entsteht, wenn die Einbildungskraft, die das durch Sinneswahrnehmung gegebene Mannigfaltige zusammenfasst, solche Vorstellungen von Gegenständen vermittels der Kraft des Verstandes mit anderen Vorstellungen verknüpft (vgl. KU, B 4-5).

Dieses Gefühl bildet den Inhalt von Wohlgefallen oder Missfallen. Und das das Geschmacksurteil bestimmende Wohlgefallen ist frei von jeglichem Interesse. Somit sind Geschmacksurteile nicht durch die Betrachtung hinsichtlich privaten Bedarfs oder allgemeiner Nützlichkeit bestimmt, und die ästhetische Betrachtung eines Gegenstandes ist nicht damit zu vereinbaren, dass man diesen Gegenstand als Gegenstand von Besitz und Konsum behandelt.35 Anders gesagt, die durch Geschmack erworbene Lust ist an der realen Existenz des Gegenstandes desinteressiert und hat kein Interesse in dem Sinne, dass sie Bedürfnis oder Begierde befriedigt oder erweckt.36

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Im Urteil ist das quantitative Moment an das Subjekt des Urteils gebunden. Urteile sind darum nach Quantität hinsichtlich ihrer Form in allgemeine, besondere und einzelne Urteile eingeteilt. Nach Kant sind alle Geschmacksurteile nach logischer Quantität einzelne Urteile. Denn im Geschmacksurteil sollte man Gegenstände direkt mit seinem Gefühl der Lust oder Unlust und nicht mit dem Begriffe begreifen, sodass das Geschmacksurteil keine objektiv-gemeingültige Quantität der Urteile haben kann. Allein der Form nach betrachtet, tritt deshalb an den Platz des Subjektes im Geschmacksurteil nur ein einzelnes, wie in dem Urteil: „diese Rose ist schön“. Nun ist das Urteil, das durch den Vergleich vieler einzelner entspringt: „alle Rosen sind schön“ oder „die Rosen überhaupt sind schön“, nunmehr nicht bloß als ästhetisch, sondern als ein auf einem ästhetischen gegründetes logisches Urteil zu betrachten (vgl. KU, B 24).37

Das Geschmacksurteil: „diese Rose ist schön“, ist nämlich ein einzelnes Urteil, und es ist eine Aussage über einen einzelnen Gegenstand. Dem Geschmacksurteil als einem einzelnen Urteil kann quantitativ also keine Allgemeinheit zugeschrieben werden. Hierbei analysiert Kant jedoch das Geschmacksurteil nicht bloß durch seine logische Form.

Kant ist der Auffassung, dass ein einzelnes Schönes als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird (vgl. KU 17). Somit behauptet Kant, dass in dem Urteil: „diese Rose ist schön“, die bezeichnete Rose (oder ihre die Schönheit) ein Gegenstand ist, der den Menschen allgemein Wohlgefallen vermittelt. Und den Grund dafür sucht er direkt in seiner vorangegangenen Erklärung, dass das Schöne ein Gegenstand des Wohlgefallens ohne jegliches Interesse sei.

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Denn da dieses Wohlgefallen dasjenige ist, dessen qualitativer Inhalt völlig frei von irgendeiner Neigung oder irgendeinem Interesse ist, muss man annehmen, dass das Wohlgefallen, das jemand in Bezug auf einen schönen Gegenstand empfindet, auf etwas gegründet ist, was auch bei jedem anderen Menschen vorausgesetzt werden kann (vgl. KU, B 17). Folglich muss dem Geschmacksurteil, da es ein subjektives Urteil ist, die Allgemeinheit nicht zugeschrieben werden, die auf dem Gegenstand gründet. Gleichwohl muss ihm, da es frei von jeglichem Interesse ist, ein Anspruch auf Gültigkeit für jeden (erkenntnisfähigen) Menschen zugeeignet sein. Anders gesagt: Mit dem Geschmacksurteil muss ein Anspruch auf subjektive Allgemeinheit verbunden sein (vgl. KU, B 18).

Kant hat schon in Bezug auf das qualitative Moment des Geschmacksurteils darauf hingewiesen, dass der Grund der Schönheit das interesselose Wohlgefallen und der Inhalt des Wohlgefallens das Gefühl der Lust sei. Von daher findet Kant, dass dieses Wohlgefallen bei allen Menschen vorausgesetzt werden kann. Deshalb kann man sagen, Kant ist der Auffassung, wenn irgendjemand irgendeinen Gegenstand als schön bezeichnet (nämlich, wenn ein Individuum bei der Betrachtung eines Gegenstandes findet, dieser sei schön), beurteilt er ihn ohne Rücksicht auf sein Interesse und seinen Bedarf an ihm, und er findet also, dass jede andere Person, wie er selbst auch, sich von ihrem Interesse und Bedarf befreiend, denselben Gegenstand schön finden könnte.

Aber wir können nicht immer zum Wohlgefallen gelangen (bzw. wir können nicht bei allen betrachteten Gegenständen finden, diese seien schön), obwohl wir Gegenstände interesselos betrachten. So ist Kants Versuch noch unzureichend, die Allgemeinheit des Wohlgefallens direkt durch die Interesselosigkeit zu begründen. Ein Gegenstand selbst ist ein einzelner, wenn man ihn als schön bezeichnet (x ist schön). Wie schon gesagt, kann also aus dem Urteil über ein einzelnes Ding kein allgemeines Urteil folgen, und darüber hinaus ist das aus dem Vergleich vieler einzelner Dinge entsprungene Urteil, d. h. das allgemeine Urteil, kein Geschmacksurteil mehr.

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In diesem Sinne ist die Allgemeinheit, die Kant hier zu erläutern versucht, eine besondere Allgemeinheit. Sie leitet sich nicht von den Eigenschaften des Gegenstandes (als Subjekts des Geschmacksurteils) her. Kant betont hier nur, dass diese Allgemeinheit nicht logisch, sondern ästhetisch ist, weil sie nicht auf dem Begriff vom Gegenstand beruht, d. h. dass sie keine objektive, sondern nur eine subjektive Quantität des Urteils enthält (vgl. KU, B 23).

Angesichts dieser Allgemeinheit benutzt Kant den Ausdruck „Gemeingültigkeit“ (ebd.) Diese Gültigkeit bezeichnet nicht die Beziehung einer Vorstellung zum Erkenntnisvermögen, sondern zum Gefühl der Lust oder Unlust für jedes Subjekt (vgl. ebd.). Zum besseren Verständnis: Der Ausdruck „Gemeingültigkeit“ entspricht nicht der Beziehung unserer Erkenntnisvermögen zu den Gegenständen, sondern der Beziehung unserer Gefühle für dieselben. Es kann also allgemeingültige Erkenntnisurteile, aber kein allgemeingültiges Geschmacksurteil geben.

Die ästhetische Allgemeinheit, die einem Urteil beigemessen wird, muss also von besonderer Art sein, weil sie das Prädikat der Schönheit nicht mit dem Begriff des Objekts, in seiner ganzen logischen Sphäre betrachtet, verknüpft und doch eben dasselbe „über die ganze Sphäre der Urteilenden ausdehnt“ (vgl. KU, B 24).

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Darüber hinaus spricht Kant vom Charakter der Allgemeinheit des Geschmacksurteils: „Hier ist nun zu sehen, dass in dem Urteile des Geschmacks nichts postuliert wird als eine solche allgemeine Stimme in Ansehung des Wollgefallens ohne Vermittlung der Begriffe; mithin die Möglichkeit eines ästhetischen Urteils, welches zugleich als für jedermann gültig angesehen werden könne. Das Geschmacksurteil selber postuliert nicht jedermanns Einstimmung (denn das kann nur ein logisch allgemeines, weil es Gründe anführen kann, tun), es sinnt nur jedermann diese Einstimmung an, als einen Fall der Regel, in Ansehung dessen es die Bestätigung nicht von Begriffen, sondern von anderer Beitritt erwartet. Die allgemeine Stimme ist also nur eine Idee“ (KU, B 25-26).

Ich lenke hier die Aufmerksamkeit auf die Formulierung „die Möglichkeit eines ästhetischen Urteils, welches zugleich als für jedermann gültig angesehen werden könne“. Diese bedeutet nicht, dass ein objektiv allgemeingültiges Geschmacksurteil möglich ist, sondern, dass jeder einzelne „subjektiv“ Urteilende solch ein Geschmacksurteil für gültig halten könnte. Im diesem Sinne ist eine solche Allgemeinheit nicht objektiv, sondern subjektiv. Und objektive Allgemeinheit, die im Zusammenhang mit Erkenntnisurteilen steht, kann durch logische Schlussfolgerungen oder wissenschaftliche Beweise begründet werden, während subjektive Allgemeinheit auf der Beistimmung jedes einzelnen Menschen beruht. Diese Allgemeinheit ist deshalb unbestimmt.

Beim Urteil schließt das relationale Moment die Verhältnisse des Prädikats zum Subjekt, die Verhältnisse des Grundes zur Folge, die Verhältnisse der eingeteilten Erkenntnis und der gesammelten Glieder der Einteilung untereinander ein (KrV, A 73, B 98). Urteile sind also nach Relation hinsichtlich ihrer Form in kategorische, hypothetische und disjunktive Urteile eingeteilt. Das Geschmacksurteil: „diese Rose ist schön“, ist der Relation nach ein kategorisches Urteil. In ihm wird nur das Verhältnis beider Begriffe in einem Urteil betrachtet.

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Im Geschmacksurteil: „diese Rose ist schön“, entspricht das Moment der Relation, wie bereits früher erwähnt, der Erläuterung des Grunds der Schönheit, d. h. des Beurteilungsgrundes „ist schön“. Der Beurteilungsgrund von etwas schließt das Verhältnis des Grundes zur Folge ein. Hypothetische Urteile sind solche, in deren Urteilsform das Verhältnis von Grund und Folge enthalten ist: wenn a b ist, dann ist c d. Nun enthält das Geschmacksurteil, von seiner Form her gesehen, kein Verhältnis des Grundes zur Folge, weil es der Relation nach nur ein kategorisches Urteil ist. Eben darum entspricht im Geschmacksurteil der Grund der Schönheit nicht den logischen Formen der Urteile, sondern den Inhalten der Schönheit.

Selbstverständlich ist der Grund der Schönheit subjektiv, denn hierbei ist die Schönheit kein Gegenstand der Erkenntnis, sondern etwas mit dem Gefühl des Subjektes Verbundenes. In der Analyse des ersten Momentes des Geschmacksurteils wurde darauf hingewiesen, dass der Inhalt der Schönheit das interesselose Wohlgefallen ist. Daran anschließend erläutert Kant in der Analyse des dritten Momentes (mit der Überschrift des dritten Momentes des Geschmacksurteils), dass das im Geschmacksurteil betrachtete Relationsmoment das Verhältnis des Zweckes sei. Anders gesagt: Kant sagt, dass der Grund, der im Geschmacksurteil analysiert wird, auf der Grundlage der Relation des Zwecks betrachtet wird.

Nach Kants Worten ist das Verhältnis, das entsteht, wenn man einen Gegenstand als schön bestimmt, mit dem Gefühl der Lust verbunden (erstes Moment – Qualität: interesseloses Wohlgefallen), und ein solches Verhältnis setzt voraus, dass diese Lust zugleich als für jedermann gültig angesehen werden kann (zweites Moment – Quantität: subjektive Allgemeinheit). Nun sagt Kant weiter, der Grund, weshalb man einen Gegenstand als schön beurteilt (der Grund des Geschmacksurteils), sei lediglich die Form der Zweckmäßigkeit des betreffenden Gegenstandes (KU, B 34).

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Hierbei ist Kant sich selbstverständlich des grundlegenden Problems der Erkenntnistheorie bewusst, dass jedes Dasein sich auf der Grundlage von Begriff oder Zweck konstituiert. Kant ist sich nämlich deutlich der Tatsache bewusst, dass die Schönheit auf einer Art von Harmonie oder Einheit basiert. Kant zeigt nur auf, dass das Geschmacksurteil eines Begriffs oder Zwecks entbehrt, weil es kein Erkenntnisurteil ist. Nun kommt die Zweckmäßigkeit nur unter Voraussetzung des Zweckes (oder Begriffs) zustande, aber weil beim Geschmacksurteil als einem subjektiven Urteil (das kein Erkenntnisurteil ist) kein objektiver Zweck des Gegenstandes vorausgesetzt werden kann, muss die Zweckmäßigkeit des Subjekts gegenüber dem Gegenstand „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ sein.38 Eine solche Zweckmäßigkeit ist (nur als formale Zweckmäßigkeit) eine Lust, die aus dem Spiel der Erkenntnisvermögen des Subjektes in dem Moment, wo uns als einem Subjekt der Erkenntnis der Gegenstand durch eine Vorstellung gegeben wird, d. h. aus dem Spiel zwischen der Einbildungskraft (die das von der Intuition erfasste sinnliche Mannigfaltige zusammenfasst) und dem Verstand (der diese mannigfaltigen Vorstellungen durch den Begriff vereinigt) resultiert. Die Erkenntnis des Objektes wird nur durch logische Urteile geliefert, und das Geschmacksurteil verbindet lediglich die Vorstellung eines Objektes mit einem Subjekt, wenn das Objekt durch eine Vorstellung gegeben wird. Das Geschmacksurteil teilt nur die zweckmäßige Form mit, durch die die Vorstellungsfähigkeit den Gegenstand bestimmt, wenn sie ihn erfährt. „Das Urteil heißt auch eben darum ästhetisch, weil der Bestimmungsgrund desselben kein Begriff, sondern das Gefühl (des inneren Sinns) jener Einhelligkeit im Spiele der Gemütskräfte (d. h. der Einbildungskraft und des Verstandes: Kim) ist, sofern sie nur empfunden werden kann“ (KU, B 47).

„Die Modalität der Urteile ist eine ganze besondere Funktion derselben, die das Unterscheidende an sich hat, dass sie nichts zum Inhalte des Urteils beiträgt, (...) sondern nur den Wert der Kopula in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht. (......) Der problematische Satz ist also derjenige, der nur logische Möglichkeit (die nicht objektiv ist) ausdrückt, d. i. eine freie Wahl einen solchen Satz gelten zu lassen, eine bloß willkürliche Aufnehmung desselben in den Verstand. Der assertorische sagt von logischer Wirklichkeit oder Wahrheit, (...) der apodiktische Satz denkt sich den assertorischen durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt, und daher a priori behauptend, und drückt auf solche Weise logische Notwendigkeit aus“ (KrV, A 74-76, B 99-101).

Nun sagt Kant, dass beim Geschmacksurteil die Notwendigkeit als das Moment der Modalität in Erscheinung tritt. Wir nehmen somit an, dass das Schöne eine notwendige Beziehung zum Wohlgefallen hat. Von der lexikalischen Bedeutung her heißt das Wort ‘notwendig’ „von der Sache selbst gefordert“ bzw. „unbedingt erforderlich“.39

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 Jedoch ist beim Geschmacksurteil diese Notwendigkeit keine logische objektive Notwendigkeit und auch keine praktische Notwendigkeit. Sie ist als die nur im Geschmacksurteil in Frage kommende Notwendigkeit eine bloße exemplarische Notwendigkeit. Anders gesagt, diese Notwendigkeit ist die Notwendigkeit, dass alle Menschen einem Urteil beistimmen, das als ein Beispiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wird (vgl. KU, B 62-63).

„Da ein ästhetisches Urteil kein objektives und Erkenntnisurteil ist, so kann diese Notwendigkeit nicht aus bestimmten Begriffen abgeleitet werden und ist also nicht apodiktisch“ (KU, B 63). Kant nennt diese Notwendigkeit bedingte Notwendigkeit.40

Dabei geht Kant von der Allgemeinheit des Geschmacksurteils aus, die bei dem zweiten Moment des Geschmacksurteils analysiert wurde. Kant sagt, „das Geschmacksurteil sinnt jedermann Beistimmung an; und wer etwas für schön erklärt, will, dass jedermann dem vorliegenden Gegenstande Beifall geben und ihn gleichfalls für schön erklären solle“ (KU, B 63). Hier geht es darum, wie es zur Geltung kommt, dass das Geschmacksurteil Allgemeinheit erlangen wird. Kant zufolge ist das Sollen im ästhetischen Urteil (als Geschmacksurteil) unter einer bestimmten Bedingung möglich (vgl. KU 63). Kant sagt, wir beurteilen irgendwelche Gegenstände als schön und werben um die Beistimmung der Anderen, weil alle Menschen einen gemeinsamen Grund haben (vgl. ebd.).

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Nun aber enthält das Geschmacksurteil kein objektives Prinzip, weil es kein Erkenntnisurteil ist. Wer Geschmacksurteile fällt, kann deshalb unbedingte Notwendigkeit seines Urteils nicht verlangen. Jedoch müssen Geschmacksurteile „ein subjektives Prinzip haben, welches nur durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allgemeingültig bestimme, was gefalle oder missfalle. Ein solches Prinzip aber könnte nur als ein Gemeinsinn angesehen werden“ (KU, B 64). So behauptet Kant, es müsse vorausgesetzt werden, dass alle Menschen einen gemeinsamen Grund haben, damit alle einem Geschmacksurteil beistimmen können, und dies für diejenigen notwendig sei, die über normale Erkenntnisvermögen verfügen. Diese Voraussetzung ist der Gemeinsinn. Und gerade danach versucht Kant diesen Gemeinsinn zu begründen. Was ist also der Grund dafür, dass man den Gemeinsinn voraussetzen kann?

Der von Kant angeführte Grund für das Geschmacksurteil wird nicht aus der logischen Notwendigkeit hergeleitet. Gemeinsinn hat, mit anderen Worten, keine metaphysische Grundlage wie Hegels Begriff. Und er ist nicht dasjenige, was, wie die Idee der praktischen Vernunft, mit Sollen postuliert wird. Jedoch ist er dasjenige, was gefordert wird, genau so wie das Geschmacksurteil für seine Allgemeinheit die Beistimmung aller Menschen fordert (vgl. KU, B. 67).

Nun aber enthält Kants Argumentation zur Begründung des Gemeinsinns eine Art ign o ratio elenchi (d. h. Unkenntnis des Streitpunktes). Diesen Teil wollen wir kombiniert mit Kants eigener Auffassung um eines erleichterten Verständnisses willen erneut darlegen.

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In der Regel kommt Erkenntnis dadurch zustande, dass das Subjekt durch die Vermittlung von Sinnesorganen die sinnliche Vielfalt der Gegenstände mittels der Tätigkeit der Einbildungskraft zusammenfasst und die so zusammengefasste Vielfalt durch die Tätigkeit des Verstandes in Begriffen vereinigt wird. Und um Aufschluss darüber zu erhalten, ob Erkenntnisse oder Urteile (in welchem Sinne auch immer) mit den Gegen-ständen übereinstimmen (oder richtig sind), müssen sie allgemein auch anderen Menschen mitteilbar sein. Und wenn Erkenntnisse (und Urteile) mitteilbar sein sollen, muss die Stimmung (oder die Harmonie) der Erkenntniskräfte (d. h. der Einbildungskraft und des Verstandes), die im Subjekt Erkenntnis überhaupt ermöglichen, mitteilbar sein. Jedoch muss davor als Grundlage für die Entstehung der Erkenntnis auch die Proportion (der Erkenntniskräfte) mitteilbar sein, die einer (durch die sinnliche Wahrnehmung vermittelt gebildeten) Vorstellung (über die Gegenstände) entspricht, welche beim Kontakt mit dem Gegenstand in unserem Gemüt entsteht (vgl. KU 65).

Jedoch besitzt die Stimmung von zwei Erkenntniskräften unterschiedliche Proportionen, wenn man einen Gegenstand erkennt und wenn man ihn ästhetisch beurteilt. Gleichwohl muss es bei Erkenntnis und Urteil eine einheitliche Stimmung (oder Harmonie) geben. Und diese Stimmung wird beim Geschmacksurteil notwendigerweise nicht durch Begriffe, sondern durch Gefühle bestimmt. Denn da die beim ästhetischen Urteil erzeugte Lust diejenige ist, die entsteht, wenn die Einbildungskraft mit Hilfe des Verstandes zwei völlig beziehungslose Vorstellungen miteinander verbindet, setzt dabei das freie Spiel von Einbildungskraft und Verstand nicht Wesen oder Begriff des Gegenstandes voraus, sondern es basiert nur auf dem Gefühl der Lust und Unlust beim Subjekt. Damit jedoch das Urteil gemeinsamer Besitz sein kann, muss diese Stimmung selbst allgemein mitteilbar und folglich auch das Gefühl dieser Stimmung (bei einer gegebenen Vorstellung) allgemein mitteilbar sein (vgl. KU, B 66).

Bis hierher wurde die Möglichkeit der allgemeinen Mitteilung von Erkenntnissen und Urteilen dargelegt und bis hierher argumentiert Kant in der üblichen Weise. Im nächsten Nebensatz, in dem der Gemeinsinn hergeleitet wird, wagt Kant m. E. einen logischen Sprung oder eine ignoratio elenchi. Hierbei geht es um den folgenden Satz: „Da (…) die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn voraussetzt: so wird dieser mit Grunde angenommen werden können, und zwar (...) als die notwendige Bedingung der allgemeinen Mitteilbarkeit unserer Erkenntnis, welche in jeder Logik und jedem Prinzip der Erkenntnisse, das nicht skeptisch ist, vorausgesetzt werden muss“ (KU, B 66).

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Unter Beachtung des Wortes ‘voraussetzt’ wollen wir den Teil dieses Satzes, in dem (die Annahme der) Existenz des Gemeinsinns erläutert wird, nach der Form des unmittelbaren Schlusses leicht verständlich neu konstituieren:

Prämisse: Die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls setzt einen Gemeinsinn voraus. (Dieser Satz kann umformuliert werden: „Unter Bedingung des Gemeinsinns ist ein Gefühl allgemein mitteilbar“, oder „nur wenn es Gemeinsinn gibt, ist ein Gefühl mitteilbar“).

Schluss: Also wird der Gemeinsinn mit Grund angenommen. (Dieser Satz kann umformuliert werden: „Also ist die Annahme der Existenz des Gemeinsinns begründet“, oder mit Beschränkung auf den Inhalt: „ Also existiert der Gemeinsinn“).

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Genau betrachtet, war in der Prämisse dieses Schlusses die Existenz des Gemeinsinns nur die Bedingung für die Mitteilbarkeit des Gefühls. Diese besagt nämlich nur, dass das Gefühl nur dann allgemein mitteilbar ist, wenn es den Gemeinsinn gibt.41 Direkt daraus folgt jedoch der Schluss, dass die Existenz des Gemeinsinns begründet ist. Deshalb könnte man damit allein noch nicht sagen, dass die Begründung des Gemeinsinns überzeugend ist.

Kant hat eben aus dem früheren Argument, nämlich aus der allgemeinen Mitteilbarkeit der Urteile und Erkenntnisse, hergeleitet, dass zur Herstellung einer Erkenntnis überhaupt die Stimmung (Proportion) der Erkenntniskräfte (d. h. Einbildungskraft und Verstand) mitteilbar sein muss. Und darüber hinaus müsse es diese Stimmung selbst geben, obwohl die Stimmung bei der Erkenntnis der Gegenstände und die Stimmung bei der ästhetischen Beurteilung der Gegenstände nach Verschiedenheit der Objekte sich voneinander unterscheidende Proportionen hat. (Im Geschmacksurteil wird diese Stimmung durch das Gefühl bestimmt). Also müsse man annehmen, dass das Gefühl der Stimmung im Geschmacksurteil auch mitteilbar ist, da es eine Art der Stimmung von Einbildungskraft und Verstand ist. Diese Argumentation wird als Grund für die Voraussetzung des Gemeinsinns erläutert.

Hierbei fassen wir Kants Argumentation kurz zusammen:

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  1. Erkenntnisurteile und ästhetische Urteile der Gegenstände haben miteinander Ähnlichkeit (hinsichtlich der Stimmung von Einbildungskraft und Verstand).
  2. Das Gefühl der Lust (das im Geschmacksurteil aus der Stimmung von Einbildungskraft und Verstand resultiert) ist allgemein mitteilbar.
  3. Allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls setzt Gemeinsinn voraus.
  4. Also existiert der Gemeinsinn (Also kann mit Grund angenommen werden, dass der Gemeinsinn existiert).

Wenn wir diesen neu konstituierten Schluss betrachten, hat der 4. Folgerungsschluss zu den vorangehenden Prämissen kein logisches Verhältnis. Zwischen den vor-angehenden Prämissen und dem Schluss gibt es nämlich keine logische Notwendigkeit, und dieser Schluss zeugt von einer Art Unkenntnis des Streitpunktes (ignoratio ele n chi).

Was meint nun Kant hier genau? Teichert zufolge sagt Kant, dass die Überzeugung von der Zustimmungsfähigkeit eines Geschmacksurteils auf eine Norm gegründet sein muss. Diese Norm kann im Geschmacksurteil aber nicht in objektbezogenen Termini formuliert sein. Stattdessen basiert das Geschmacksurteil auf der Annahme eines verallgemeinerungsfähigen Gefühls. Diese Annahme ist aber kein empirischer Befund. Wenn Bodo sagt, „das ist schön“, dann hat er nicht bereits die Erfahrung gemacht, dass alle anderen ebenfalls bereit sind, x als schön zu empfinden. Das Geschmacksurteil ist eher ein Appell an die Anderen.42

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Gemeinsinn heißt, Kant zufolge, nicht, dass jedermann mit unserem Urteil übereinstimmen werde, sondern damit zusammenstimmen solle. Er sei nämlich keine Tatsache, sondern er enthalte ein Sollen. Also sei er eine bloße idealische Norm. Und wir könnten das Recht haben, beim ästhetischen Urteil über ein ästhetisches Objekt, d. h. beim Geschmacksurteil unser Wohlgefallen für jedermann zur Regel zu machen, nur wenn wir diese Norm voraussetzen. Diese unbestimmte Norm eines Gemeinsinns werde von uns wirklich vorausgesetzt; das beweise unsere Anmaßung, Geschmacksurteile zu fällen (vgl. KU, B 67).

Hierbei weist Kant auf etwas Wichtiges hin: Die Existenz des Gemeinsinns ist keine Tatsache, sondern ein Sollen, und dieser Gemeinsinn ist unbestimmt. Und allgemeine Mitteilbarkeit setzt, wie oben erwähnt, diejenigen voraus, denen normale Erkenntniskräfte und Denkfähigkeiten zugeeignet sind. Alle vernünftigen Menschen können durch die Stimmung von Einbildungskraft und Verstand zur Erkenntnis der Gegenstände gelangen. Sie können bei ästhetischen Gegenständen das Gefühl der Lust, d. h. das Wohlgefallen, das durch die Stimmung von Einbildungskraft und Verstand entsteht, empfinden.

Daraus können wir in erster Linie folgern: Kants Gemeinsinn gründet auf einem Faktum der Vernunft. Und der Gemeinsinn ist unbestimmt, weil er nicht auf dem Begriff fußt. Nun steht der unbestimmte Charakter des Gemeinsinns in enger Verbindung damit, dass Kant die Urteilskraft als Vermittler zwischen Verstand und Vernunft betrachtet und dass er sie darüber hinaus in bestimmende und reflektierende Urteilskraft unterteilt.

↓31

Wie zuvor untersucht wurde, handelt es sich bei ersterer um diejenige Urteilskraft, die das Besondere unter dem Allgemeinen subsumiert, wenn das Allgemeine gegeben ist, und letztere ist die Urteilskraft, die aufgrund des Besonderen das Allgemeine finden soll, wenn nur das Besondere, nicht aber das Allgemeine gegeben ist (vgl. KU, B XXVI, B 310). Um es noch deutlicher zu sagen: Die bestimmende Urteilskraft ist diejenige, die unter dem schon vorhandenen Gesetz oder Begriff den gegebenen Gegenstand (das Besondere) subsumiert. Dagegen ist die reflektierende Urteilskraft die, die mit Hilfe des Besonderen das Allgemeine (Gesetz oder Prinzip) zu finden versucht, wenn ein Gesetz oder ein Prinzip nicht gegeben ist (vgl. KU, B XXVI-XXVII, B 312).

Also ist die reflektierende Urteilskraft die Fähigkeit, die auf der Suche nach der Allgemeinheit ist, die nicht als bestimmt schon vorhanden ist, sondern der jeder beitreten kann. So gehört zur reflektierenden Urteilskraft die ästhetische Urteilskraft. Und es ist der Gemeinsinn, der den Charakter der Allgemeinheit beinhaltet, der nicht vorher bestimmt ist.

Hierbei machen wir nur darauf aufmerksam, dass Kants Gemeinsinn als etwas aufgefasst werden kann, das die Verständigung zwischen den vernünftigen Menschen voraussetzt.43

2.2. Deduktion des Geschmacksurteils und Gemeinsinn

↓32

Im üblichen Sinne bedeutet Deduktion die Ableitung des Besonderen und Einzelnen vom Allgemeinen bzw. die Erkenntnis des Einzelfalls durch ein allgemeines Gesetz, während Analyse das Verfahren zur Untersuchung und Erkenntnis der Gegebenheiten ist, dessen Wesen in der Zerlegung eines Ganzen in seine Teile, eines Zusammengesetzten in seine Elemente besteht. In Anlehnung an die Rechtsgelehrten in einem Rechtsstreit unterscheidet Kant die Frage über das, was rechtens ist (quid juris), von der Frage, die die Tatsache angeht (quid facti). Die Rechtsgelehrten fordern in beiden Fragen Beweise. Der Beweis der ersten Frage, d. h. der Beweis der Befugnis oder des Rechtsanspruchs ist die Deduktion (vgl. KrV, A 84/B 116).

Kant zufolge „gibt es einige (Begriffe: Kim), die auch zum reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) bestimmt sind, und dieser (sic!) ihre Befugnis bedarf jederzeit einer Deduktion“ (KrV, A 85/B 117). Und Kant weist darauf hin, dass solche Begriffe einerseits die Begriffe des Raums und der Zeit, als Formen der Sinnlichkeit, und andererseits die Begriffe der Kategorien, als Begriffe des Verstandes, sind. Wir wollen hier unsere Erklärung nur auf die Kategorien beschränken. „Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur, als dem Inbegriffe aller Erscheinungen (natura materialiter spectata), Gesetze a priori vorschreiben“ (KrV, B 163). Anders gesagt, sind Kategorien die ursprünglichen Gründe der notwendigen Gesetzmäßigkeit der Natur (vgl. KrV, S. B 165). Dabei ist es die Aufgabe der Deduktion (der Kategorien), die Frage zu beantworten, weshalb die Kategorien als apriorische Form des Verstandes die Befugnis zu eigen haben, der Natur die notwendige Gesetzmäßigkeit zu erteilen. Mit anderen Worten: Diese Aufgabe besteht darin, die Frage zu beantworten, wieso es gilt, dass die Kategorien den Erkenntnissen der Gegenstände Allgemeinheit und Notwendigkeit zuweisen.

Und „die Obliegenheit einer Deduktion, d. i. der Gewährleistung der Rechtmäßigkeit einer Art Urteile tritt nur ein, wenn das Urteil Anspruch auf Notwendigkeit macht“ (KU, B 133). Auch beim Geschmacksurteil ist es die Aufgabe der Deduktion, zu erläutern, wie das Geschmacksurteil als ästhetisches Urteil Notwendigkeit beanspruchen kann (vgl. KU B 148). In der ›Kritik der ästhetischen Urteilskraft‹ ist die Deduktion des Geschmacksurteils nicht im ersten Buch, der ›Analytik des Schönen‹, sondern im zweiten Buch, der ›Analytik des Erhabenen‹, enthalten. Das Geschmacksurteil und das Urteil über das Erhabene sind zwei Arten von ästhetischem Urteil, und „der Anspruch eines ästhetischen Urteils auf allgemeine Gültigkeit für jedes Subjekt bedarf (...) einer Deduktion“ (KU, B 131). Die Exposition der Urteile über das Erhabene der Natur ist dabei zugleich ihre Deduktion. „Denn wenn wir die Reflexion der Urteilskraft in denselben (den Urteilen über das Erhabene der Natur: Kim) zerlegten, so fanden wir in ihnen ein zweckmäßiges Verhältnis der Erkenntnisvermögen (Einbildungskraft und Vernunft: Kim), welches dem Vermögen der Zwecke (dem Willen) a priori zum Grunde gelegt werden muss und daher selbst a priori zweckmäßig ist, welches denn sofort die Deduktion, d. i. die Rechtfertigung des Anspruchs eines dergleichen Urteils auf allgemein-notwendige Gültigkeit enthält“ (KU, B 133).

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Obwohl das Urteil über das Erhabene von Gegenständen zu sprechen scheint, ist es im Grunde ein selbstreflexives Urteil des Subjektes über seine Erkenntnisvermögen. In diesem Urteil ist insbesondere das Subjekt für die Vernunftidee gewährleistet, und insofern ist sich der Urteilende seiner eigenen Vernunftfähigkeit bewusst. Die Ideen der Vernunft werden als universal angesehen und können nicht mehr von einem höherrangigen Prinzip abgeleitet werden.44 Unter beiderlei ästhetischen Urteilen ist es also das Geschmacksurteil, welches zum Beweis der allgemein-notwendigen Gültigkeit der Deduktion bedarf.

Von daher ist es die Aufgabe der (reinen) ästhetischen Urteile, auf der Basis der Analytik zu untersuchen, wie das Geschmacksurteil seinen Anspruch auf Gültigkeit rechtfertigen kann. Anders ausgedrückt, die Aufgabe der Deduktion des Geschmacksurteils ist nicht die Erläuterung der Bedeutung des Urteils „x ist schön“, sondern die Begründung des Anspruchs des Urteils „x ist schön“ auf allgemeine und notwendige Zustimmung.45

Wir sind allein vom Gefühl der Lust als dem Innersten abhängig, wenn wir das Schöne beurteilen. Also ist das Geschmacksurteil subjektiv begründet. „Jedoch verlangen wir für die Rettung eines solchen Geschmacks eine überindividuelle Bedeutung. (......) Wenn wir sagen, etwas sei schön, suchen wir keinen Nachweis und nicht nach einem Beweisgrund. Wenn Schönheit nun aber deswegen eine Frage der individuellen Sicht sein muss, wird dies als falsch verstanden empfunden. Wir glauben, dass Geschmack nicht nur die Menschen, die gestützt auf eigene Erfahrung einen Geschmack entwickeln, sondern auch alle Subjekte verbindet.“46 Dies deutet an, dass das Geschmacksurteil zwar keine Erkenntnis notiert, jedoch auch keine Äußerung eines privaten Gefühls ist. Von daher versucht Kant das ästhetische Urteil durch die Forderung zu rechtfertigen, dass das Schöne durch allgemeine Stimmung beschrieben werden müsse.47

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Wir sollten diese Argumentation aufgrund eigener Texte Kants genauer untersuchen. In § 38 der ›Deduktion der Geschmacksurteile‹ kann Kants Argumentation folgendermaßen zusammengefasst werden:

  1. „Wenn eingeräumt wird, dass in einem reinen Geschmacksurteile das Wohlgefallen an dem Gegenstande mit der bloßen Beurteilung seiner Form verbunden sei, so ist es nichts anderes als die subjektive Zweckmäßigkeit derselben für die Urteilskraft.“
  2. „Da nun die Urteilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurteilung, ohne alle Materie (weder Sinnenempfindung noch Begriff), nur auf die subjektiven Bedingungen des Gebrauchs der Urteilskraft überhaupt (...) gerichtet sein kann; folglich auf dasjenige Subjektive, welches man in allen Menschen (als zum möglichen Erkenntnisse überhaupt erforderlich) voraussetzen kann: so muss die Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der Urteilskraft als für jedermann gültig a priori angenommen werden können“ (KU, B 150-151).

Dabei zählt Kants Argumentation nicht zur Erläuterung oder Analyse, sondern zur Deduktion, jedoch gibt es keine Einigkeit in der Frage, wo bei Kants Argumentation die Deduktion beginnt und wo sie endet.48 Kants wirkliche Bedeutung liegt jedoch darin, dass die Forderung des Geschmacks nur aufgrund der Hypothese gerechtfertigt werden kann, dass die Bedingungen der Erkenntnis jedes einzelnen Menschen grundsätzlich gleich sind.49 Diese Ansicht Kants wird in den Anmerkungen und Fußnoten ausführlicher dargestellt.50

↓35

Kant sagt, „bei allen Menschen seien die subjektiven Bedingungen dieses Vermögens (d. h. der ästhetischen Urteilskraft: Kim), was das Verhältnis der darin in Tätigkeit gesetzten Erkenntniskräfte zu einem Erkenntnis überhaupt betrifft, einerlei“ (KU, B 151, Fußnote), „weil sie subjektive Bedingungen der Möglichkeit einer Erkenntnis überhaupt sind, und die Proportion dieser Erkenntnisvermögen, welche zum Geschmack erfordert wird, auch zum gemeinen und gesunden Verstande erforderlich ist, den man bei jedermann voraussetzen darf“ (KU, B 155).

Das Geschmacksurteil richtet sein Augenmerk lediglich auf dieses Verhältnis, und folglich geht es dabei nur um die Frage der Mitteilbarkeit. Wie oben untersucht wurde, ist die Mitteilbarkeit ein für die Erkenntnis unerlässliches Mittel. Da jeder Mensch als Subjekt der Erfahrung unter gleichen subjektiven Bedingungen zur Erkenntnis gelangen kann (anderenfalls wären Erkenntnis und Wissen unmöglich), erscheint die Vermutung gerechtfertigt, dass auch beim Geschmacksurteil derartige übereinstimmende subjektive Bedingungen bestehen. (Aber das Geschmacksurteil ist das Urteil der subjektiven Reflexion, das das Allgemeine nicht als etwas schon Vorhandenes voraussetzt, sondern mithilfe des Besonderen nach ihm sucht.) Hierbei entsteht Schönheit aus dem Wohlgefallen oder der Lust, die aus der Stimmung von Einbildungskraft und Verstand heraus empfunden werden. Folglich sind Einbildungskraft und Verstand nicht an einem Zweck beteiligt, der in der Erlangung von sog. Wissen besteht, sondern nur an der gegenseitigen Anhebung der zwei Kräfte durch sich selbst. Das Schöne wird nicht als Gegenstand der Erkenntnis, sondern als etwas, das die Aktivierung von Einbildungskraft und Verstand beflügelt, anerkannt und beurteilt.51

Daraus folgert Kant die Behauptung, „die Lust oder subjektive Zweckmäßigkeit der Vorstellung für das Verhältnis der Erkenntnisvermögen in der Beurteilung eines sinnlichen Gegenstandes überhaupt wird jedermann mit Recht angesonnen werden können“ (KU, B 151). Der Ausdruck „angesonnen werden können“ bedeutet, dass Geschmacksurteile nicht notwendige gültige Aussagen, sondern nur berechtigte Zumutung sind.52 Nach Kants Ansicht beruht auf der Gleichheit der Erkenntnisstruktur der (erkennenden) Subjekte die Tatsache, dass Gefühle allgemein mitteilbar sind. Nun aber hat die allgemeine Mitteilbarkeit der Gefühle, wie oben erwähnt, kein logisches Verhältnis zu der Voraussetzung des Gemeinsinns. Kants Behauptung, dass die allgemeine Mitteilbarkeit den Gemeinsinn voraussetzt, gründet deshalb auf der Affinität des Geschmacksurteils zum Erkenntnisurteil und auf der Gleichheit der subjektiven Bedingungen der (völlig von Gegenständen unabhängigen) Erkenntnisvermögen. Die Argumentation, dass die Identität der subjektiven Bedingungen und die daraus resultierende (allgemeine) Mitteilbarkeit (sei es von Erkenntnissen oder von Gefühlen) unter der Voraussetzung des schon (a priori) vorhandenen Gemeinsinns möglich sei, ist eine nicht so überzeugende Begründung für die Allgemeingültigkeit des Geschmacksurteils.

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Kant hält die Mitteilbarkeit des Gefühls für gültig bewiesen, und zwar unter Hinweis darauf, dass bei der Erkenntnis Einbildungskraft und Verstand zusammenwirken, dass die Strukturen der erkenntnisfähigen Subjekte gleich seien und dass das Gefühl der Lust eine Art Einklang von Einbildungskraft und Verstand sei. Davon ausgehend argumentiert er weiter, dass Gemeinsinn vorhanden sei (oder vorausgesetzt werden könne), eben aus dem Grund, dass die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls unter Voraussetzung des Gemeinsinns zustande komme.

In dieser Argumentation setzt Kant die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls als begründet voraus. Denn diese Mitteilbarkeit ist eine Tatsache, welche aus der (für die Erkenntnis grundlegenden) Identität der Strukturen der Subjekte resultiert. Und eben diese Tatsache ist der Grund für die Vorrausetzung des Gemeinsinns.

Richten wir nochmals unsere Aufmerksamkeit auf die Aufgabe der Deduktion des Geschmacksurteils. Diese bestand in der Beantwortung der Frage, „wie ein ästhetisches Urteil auf Notwendigkeit Anspruch machen könne“ (KU, B 148). Um es verständlicher darzustellen, war es die Aufgabe, die Frage zu beantworten, wie der Tatsache, dass das Gefühl eines Subjekts (das einen Gegenstand als schön beurteilt) allgemein mitteilbar ist, Notwendigkeit zugeschrieben werden kann. Ganz kurz zusammenfassend gesagt, ist der Grund für eine solche Notwendigkeit, wie schon erläutert, die Gleichheit der subjektiven Bedingungen der Erkenntnisvermögen oder auch die Identität der Strukturen der Subjekte der Erkenntnis.

↓37

In der Deduktion der Notwendigkeit der allgemeinen Mitteilbarkeit des Gefühls ist also nichts anderes erläutert worden, als dass die apriorische Gleichheit der subjektiven Bedingungen, sei es im Erkenntnisurteil oder im Geschmacksurteil, erforderlich ist. In diesem Sinne könnte man sagen, dass Kants Versuch, durch Deduktion die Allgemeingültigkeit des Geschmacksurteils („x ist schön“) zu begründen, nicht so plausibel ist, obgleich dieses Argument den Kern von Kants Argumentation bildet, mit der er die Allgemeingültigkeit desselben zu rechtfertigen versucht.

Es scheint wohl ein Grund für die (allgemeine) Mitteilbarkeit des Lustgefühls zu sein, dass bei der Erkenntnis oder beim Lustgefühl die subjektiven Bedingungen identisch sind. Jedoch reicht dieses nicht für einen Beweis, dass das Gefühl der Lust allgemein gültig ist, d. h. dass alle Menschen meinem Geschmacksurteil zustimmen. Darüber hinaus kann das keine Begründung für die (Möglichkeit der) Existenz des Gemeinsinns sein. Darum muss man wohl in anderer Hinsicht das Geschmacksurteil und den Gemeinsinn als Grund für die Allgemeinheit desselben aufnehmen. Anders gesagt, ist es erforderlich, Kants Auffassung positiv zu ergänzen.

Kant erachtet bei der Besprechung des Ideals der Schönheit (§ 17) objektive Geschmacksregeln für nicht existent und sieht es als vergebliche Mühe an, nach einem Prinzip des Geschmacks zu suchen, das die allgemeinen Kennzeichen der Schönheit durch bestimmte Begriffe anzeigt. Aber Kant sagt, „die allgemeine Mitteilbarkeit der Empfindung (des Wohlgefallens oder Missfallens), und zwar eine solche, die ohne Be-griff stattfindet, die Einhelligkeit, soviel möglich, aller Zeiten und Völker in Ansehung dieses Gefühls in der Vorstellung gewisser Gegenstände ist das empirische, wiewohl schwache und kaum zur Vermutung zureichende, empirische 53  Kriterium der Abstammung eines (...) Geschmacks von dem (...) allen Menschen gemeinschaftlichen Grunde der Einhelligkeit in Beurteilung der Formen (...) .“ (KU, B 53).

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Genau an dieser Stelle sollte m. E. die Kernbedeutung des Kantischen Gemeinsinnes wiederbelebt werden. Obwohl in diesem Paragraph der Gemeinsinn nicht behandelt worden ist, findet sich hier ein Leitfaden, mit dem man wichtige Merkmale des Gemeinsinns begreifen kann. Nun lässt sich sagen: In Kants Argument kann die Gleichheit der subjektiven Bedingungen als Grund für die Allgemeinheit des Geschmacksurteils als etwas Apriorisches erfordert werden. Aber dass der Geschmack in etwas Gemeinsamem seinen Ursprung nimmt, kann nur durch empirische Tatsachen nachträglich bestätigt werden (dass zu irgendwelchen Zeiten von irgendwelchen Völkern gleiche Geschmacksurteile gefällt wurden oder werden).

Diese Gültigkeit des Geschmacks nennt Kant die exemplarische Gültigkeit. Sie ist aber nichts, was durch die bestimmende Urteilskraft, die das Einzelne unter dem Allgemeinen subsumiert, gesichert werden kann. Die Tatsache, dass in einer Zeit oder in einem Volk viele Leute über einen ästhetischen Gegenstand ein und dasselbe Urteil fällen, bestätigt nicht, dass alle Menschen hinsichtlich des Geschmacksurteils miteinander in Einklang stehen. Mit anderen Worten besteht im Geschmacksurteil das schon bestimmte Allgemeine nicht. Das Allgemeine bei einem solchen Geschmacksurteil ist also das Unbestimmte. Diese unbestimmte Allgemeinheit kommt durch den Appell eines Individuums an die Zustimmung Anderer zu seinem eigenen Urteil und durch Teilnahme der Anderen daran zustande.

Von daher kann Kant den Begriff des Gemeinsinns unmittelbar definieren. Nach Kant ist der sensus communis (Gemeinsinn) die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. h. die Idee eines Beurteilungsvermögens, irgendjemandes Urteil durch die gesamte Menschenvernunft zu kritisieren (vgl. KU, B 156-157). Ferner wird Gemeinsinn in vielerlei Unterarten eingeteilt. Hierbei kann man u. a. den ästhetischen Gemeinsinn (sensus communis aestheticus) von dem logischen Gemeinsinn (sensus communis logicus) unterscheiden.

↓39

Also sagt Kant nun, „man könnte den Geschmack durch sensus communis aesth e ticus, den gemeinen Menschenverstand durch sensus communis logicus bezeichnen“ (KU, B 160 Fußnote), weil im ersten das Gefühl bezeichnet wird.54 Wenn man den Geschmack den ästhetischen Gemeinsinn (sensus communis aestheticus) nennt, entspricht das Wort ‘ästhetisch’ nicht den Gegenständen, sondern den Gefühlen der Subjekte.

Anschließend daran sagt Kant, „Geschmack (als ästhetischer Gemeinsinn: Kim) ist also das Vermögen, die Mitteilbarkeit der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittlung eines Begriffs) verbunden sind, a priori zu beurteilen“ (KU, B 161), ausgehend von der früheren Definition des Geschmacks als das Vermögen der Beurteilung des Schönen. Dabei entsteht dieses Apriori aus der Gleichheit der subjektiven Bedingungen. Aber obgleich man annehmen könnte, dass alle subjektiven Bedingungen a priori gleich sind, ist die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls nicht abzusichern.

Denn demjenigen, der nicht bereit ist, Gegenstände ästhetisch zu beurteilen, anders gesagt, der bei der Betrachtung der Dinge der Natur oder eines Kunstwerks keine Lustgefühle empfinden kann, können diese nicht mitgeteilt werden. Zur Mitteilung der Gefühle bedarf es somit eines anderen Faktors. Diesen nennt Kant Interesse. Wir wissen, dass der Grund der Schönheit beim Geschmacksurteil die Interesselosigkeit ist. Aber Kant ist der Meinung, dass nachdem das Geschmacksurteil als reines ästhetisches Urteil gegeben ist, es des Interesses bedarf (vgl. KU, B 162). Dieses Interesse ist etwas Gesellschaftliches, das für die Mitteilung von Gefühlen nötig ist. Kant sagt, „empirisch interessiert das Schöne nur in der Gesellschaft“ (KU, B 162).

↓40

In diesem Sinne kann diese Mitteilbarkeit nur mit Geselligkeit angenommen werden. Von daher kann man sagen, dass Mitteilbarkeit oder Kommunizierbarkeit des Geschmacksurteils in sich soziale Merkmale trägt. Und der Gemeinsinn (der den Geschmack als eine Spezies von sich selbst enthält), genauer gesagt, der ästhetische Gemeinsinn, ist „somit kein angeborener Sinn, sondern eine Fähigkeit, die sich durch den Gebrauch der reflektierenden Urteilskraft im intersubjektiven Diskurs über als schön empfundene Gegenstände allererst herausbildet“.55

Weil der Gemeinsinn ein Beurteilungsvermögen, mit anderen Worten, eine Urteilskraft ist, ist der ästhetische Gemeinsinn eine ästhetische Urteilskraft. Kant hat schon darauf hingewiesen, dass die ästhetische Urteilskraft zur reflektierenden Urteilskraft zählt. Der ästhetische Gemeinsinn als eine ästhetische Urteilskraft sucht also durch Reflexion nach dem Allgemeinen, wenn nur das Besondere gegeben ist. Und er ist nicht ein Allgemeines, welches durch Begriffe schon bestimmt ist, sondern ein Allgemeines, welches der Urteilende (mit Erweiterung des Subjektes) erlangen kann, indem er an der Stelle jedes anderen denkt (vgl. KU, B 158).

Der ästhetische Gemeinsinn ist eine durch Reflexion herausgebildete Fähigkeit, nämlich das Resultat der Reflexion. Deshalb ist er unbestimmt. Und ein Geschmacksurteil fällen heißt, so kann man sagen, eine ästhetische Einstellung zu den Dingen zu haben. Dabei geht es nicht um Objektivität, sondern um Verständigung und Solidarität, die über einen Konsens hinsichtlich der moralisch-praktischen und theoretischen Fragen hinausgeht.56

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In diesem Sinne bildet der Gemeinsinn m. E. die Grundlage für die der Möglichkeit der Verständigung und Solidarität der Individuen. Deshalb könnte man sagen: Eine Allgemeinheit, die durch die Verallgemeinerungsfähigkeit und Mitteilbarkeit des Geschmacksurteils erlangt wird, ist als vom Subjekt ausgehende Allgemeinheit eine relative Allgemeinheit, die aufgrund der Intersubjektivität durch den Appell zur Zustimmung und zur Teilnahme der Anderen sowie deren Engagement konstituiert werden kann.

Bekanntlich wird behauptet, Kant habe die Welt dualistisch interpretiert, indem er zwischen dem Gebiet der theoretischen Erkenntnis und dem der moralischen Praxis scharf unterschied. Kant lässt jedoch das Bemühen erkennen, in seiner Architektur die Gebiete von Theorie und Praxis sowie von Notwendigkeit und Freiheit wieder zu vereinen, und seine Kritik der Urteilskraft kann als das Produkt dieses Bemühens angesehen werden. „Ein Teil von Kants Entwurf in der Kritik der Urteilskraft ist es, die zugrunde liegende Einheit der Vernunft zu schaffen und das ästhetische Urteil zu benutzen, um den Abgrund, der das Gebiet der Freiheit und der Natur sowie das von Sollen und Sein trennt, zu überbrücken.“57

Selbst wenn man einräumt, dass Kant hierbei keinen klaren Erfolg hatte, ist unzweifelhaft, dass Kants Problembewusstsein auf diesen Punkt gegründet ist. Folglich bleibt für uns die Frage, wie wir diese Ansicht Kants weiterentwickeln und erweitern können.

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Postmoderne Denker betonen bei Kants Philosophie das dualistische System und versuchen dort die Quellen ihrer Ideen zu finden, das Individuelle und das Unterschiedene als Ursprüngliches hervorzuheben, nicht das Allgemeine und Identische. Deshalb schmähen sie bei der Lektüre Kants (besonders bei seiner Kritik der Urteilskraft) das so genannte Apriorische als Illusion oder gar Betrug und betonen vorrangig die Subjektivität als das Wesentliche, das in Kants Philosophie gerettet werden sollte.58

Obgleich dies hier nicht ausführlich behandelt wird, kann man sagen, dass postmoderne Denker die Allgemeinheit jeglicher Form, wie Gemeinschaft der Gefühle und emotionale Übereinstimmungen, negieren, die wir als national oder kollektiv zugewiesen voraussetzen, und sie nur subjektive Individualität herausheben. Aber auch ihr Argumentationsprozess gerät, so kann man sagen, in ein apriorisches Argumentationsmuster, genauso wie Kant bei der Behandlung des Gemeinsinns als des Grundes der Allgemeinheit des Geschmacksurteils in einen Zirkel oder ein apriorisches Beweismuster geraten war. Wie nämlich Wood behauptet, kann die Annahme, dass Verschiedenheit ursprünglicher als Identität sei, außerhalb eines apriorischen Argumentationsmusters nicht bestehen. Denn die Behauptung der Ursprünglichkeit als solcher hat keinen empirisch beweisbaren Charakter.59

Darüber hinaus kann man sagen, dass sie Kant ihren Absichten entsprechend uminterpretieren. Es ist z. B. klar, dass Kant Übereinstimmung in der Nichtübereinstimmung zu finden sucht, aber die als Beweis dafür dienenden Grundlagen, dass Kant, wie Deleuze sagt, die Nichtübereinstimmung für ursprünglicher als die Übereinstimmung hielt, sind schwach. Der Charakter der reflektierenden Urteilskraft, die „Regel zu suchen, wenn keine Regel gegeben ist“, könnte als Grund dafür aufgefasst werden, dass die von uns gesuchte Allgemeinheit einen unbestimmten Charakter trägt. Dies aber muss in der Gegenwart, in der die ursprüngliche Identität nicht einfach auf metaphysische Weise behauptet werden kann, begriffen werden als etwas, das den intersubjektiven Charakter der Allgemeinheit offenbart, die wir suchen sollten.

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Kurz gesagt, können wir, wie Bernstein sagt, beim ästhetischen reflektierenden Urteil unseren verlorenen Gemeinsinn (wieder)erfahren. Wir beklagen den Tod der Natur und Gemeinschaft. In der (Wieder)erfahrung der Schönheit entdecken wir eine Spur oder einen Wink jenes verlorenen Gemeinsinns; darauf gründet sich unsere Lust, jetzt etwas zu entdecken, von dem wir glaubten, dass er für immer verschwunden war.60


Fußnoten und Endnoten

29  Vgl. G. Deleuze, Kants kritische Philosophie, Merve Verlag, Berlin, 1990, S. 17.

30  I. Kant, Kritik der Urteilskraft (KU), zitiert nach der Ausgabe von Karl Vorländer, Felix Meiner, Philosophische Bibliothek, Hamburg, 1974, S. 3, Fußnote.

31  Wenzel ist sich bewusst, dass die Schlüsselfrage der Ästhetik Kants die Frage der subjektiven Allgemeingültigkeit ist, indem er die Überschrift zur Einleitung seiner Dissertation wie folgt wählt: „Einleitung: Die subjektive Allgemeingültigkeit als ein Schlüsselproblem der Ästhetik Kants“. Vgl. Christian Helmut Wenzel, Das Problem de r subjektiven Allgemeing ültigkeit des G e schmacksurteils bei Kant. Walter de Gruyter, Berlin, New York, 2000, S. 2 ff.

32  Im Abschnitt VIII der Einleitung der Kritik der Urteilskraft erläutert Kant den Grund, warum er die Kritik der Urteilskraft in die ästhetische Urteilskraft und teleologische Urteilskraft eingeteilt hat. Nach Kants Erläuterung wird die ästhetische Urteilskraft als das Vermögen verstanden, das die subjektive (oder formale) Zweckmäßigkeit vermittelst des Gefühls der Lust oder Unlust beurteilt, und teleologische Urteilskraft als das Vermögen, das die objektive (reale) Zweckmäßigkeit der Natur durch Verstand und Vernunft beurteilt. Darüber hinaus sagt Kant, dass in seiner Kritik der Urteilskraft der Teil, welcher die ästhetische Urteilskraft behandelt, ihr wesentlich angehörig ist (vgl. KU, B L).

33  Böhme ist der Auffassung, es sei die Gewalttätigkeit des Schemas, dass in der Kritik der Urteil s kraft das Geschmacksurteil nach den Schemata der transzendentalen Logik erklärt wird, und er behauptet, dass die Sache immer wieder das Schema durchbreche. Vgl. Gernot Böhme, Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht, Suhrkamp, 1999, Frankfurt am Main, S.13.

34  Vgl. Teichert, ebd., S. 18.

35  Patrick Gardiner, »Kant and Hegel on Aesthetics«, Stephen Priest (ed.), Hegel's Cr i tique of Kant, Clarendon Press, Oxford, 1987, S. 164.

36  Vgl. Eva Schaper, »Taste, sublimity, and genius: The aesthetics of nature and art«, Paul. Guyer (ed.), The Cambridge Companion to Kant, Cambridge University Press, 1992, S. 374.

37  Unter Erkenntnisurteilen versteht Kant m. E. Tatsachenurteile. Tatsachenurteile sind Urteile, mit denen Eigenschaften eines Gegenstandes ausgesagt werden. Hierbei ist das Urteil wahr, wenn sein Inhalt und die Tatsache übereinstimmen. Es sind die Werturteile, die den Tatsachenurteilen gegenüberstehen. Sie sagen nichts über die Eigenschaft des Gegenstandes aus.

38 

Aber zu dieser Darlegung sollte ausgeführt werden, dass eine Zweckmäßigkeit auch ohne Zweck zustande kommen kann. Kant erläutert diesen Prozess in § 10. „(......) so ist Zweck der Gegenstand eines Begriffs (wahre Gestalt, bzw. Idee oder Vorstellung der wahren Gestalt von etwas: Kim), sofern dieser als die Ursache von jenem (der reale Grund seiner Möglichkeit: Kant) angesehen wird; und die Kausalität eines Begriffs in Ansehung seines Objekts ist die Zweckmäßigkeit (forma finalis). Wo also nicht etwa bloß die Erkenntnis von einem Gegenstande, sondern der Gegenstand selbst (die Form oder Existenz desselben: Kant) als Wirkung nur als durch einen Begriff von der letzteren (wahre Gestalt eines Gegenstandes, die als Wirkung gebildet werden sollte: Kim) möglich gedacht wird, da denkt man sich einen Zweck. Die Vorstellung der Wirkung ist hier der Bestimmungsgrund ihrer Ursache und geht vor der letzteren vorher“ (KU, B 32-33). In diesem Punkte kehrt Kants ‘Begriff’, so kann man sagen, zu Aristoteles’ Zweck zurück, und darüber hinaus wird er mit Sokrates’ Gutem oder Platons Idee in Verbindung gebracht. Und vor allem ist Hegels ‘Begriff’ in diesem Punkt mit Kants Begriff fast identisch. „Das Bewusstsein der Kausalität einer Vorstellung in Absicht auf den Zustand des Subjekts, es in demselben zu erhalten, kann hier im allgemeinen das bezeichnen, was man Lust nennt; wogegen Unlust diejenige Vorstellung ist, die, den Zustand der Vorstellungen zu ihrem eigenen Gegenteile zu bestimmen (sie abzuhalten oder wegzuschaffen), den Grund enthält.

Das Begehrungsvermögen, sofern es nur durch Begriffe, d. i. der Vorstellung eines Zwecks gemäß zu handeln, bestimmbar ist, würde der Wille sein. Zweckmäßig aber heißt ein Objekt oder Gemütszustand oder eine Handlung auch, wenngleich ihre Möglichkeit die Vorstellung eines Zwecks nicht notwendig voraussetzt, bloß darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur erklärt und begriffen werden kann, sofern wir eine Kausalität nach Zwecken, d. i. einen Willen, der sie nach der Vorstellung einer gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grunde derselben annehmen. Die Zweckmäßigkeit kann also ohne Zweck sein, sofern wir die Ursachen dieser Form nicht in einen Willen setzen, aber doch die Erklärung ihrer Möglichkeit nur, indem wir sie von einem Willen ableiten, uns begreiflich machen können. Nun haben wir das, was wir beobachten, nicht immer nötig durch Vernunft (seiner Möglichkeit nach: Kant) einzusehen. Also können wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch ohne dass wir ihr einen Zweck (als die Materie des nexus finalis: Kant) zum Grunde legen, wenigstens beobachten und an Gegenständen, wiewohl nicht anders als durch Reflexion, bemerken“ (KU, B 33-34).

39  Im Allgemeinen versteht man unter dem Wort ‘Notwendigkeit’ eine Art von Zusammenhang der Dinge. Dabei bedeutet Notwendigkeit den Zusammenhang, der unter gegebenen Bedingungen eindeutig bestimmt ist, nur so und nicht anders sein kann. Vom materialistischen Standpunkt her gesehen trägt die Notwendigkeit einen objektiven Charakter, d. h. sie existiert unabhängig vom menschlichen Bewusstsein. Nun aber sagt Kant, Notwendigkeit und Zufälligkeit sind nicht objektive Grundsätze, sondern subjektive Prinzipien der Vernunft. Vgl. KrV, A 616, B 644.

40 

Teichert erklärt diese bedingte Notwendigkeit: „Wenn Vincent sagt „x ist schön“, dann weiß er, dass andere den Gegenstand ebenfalls in ästhetischer Einstellung wahrnehmen könnten und dann auch zu einem positiven Geschmacksurteil kommen würden. Vincent weiß aber nicht, ob ein Individuum diese Einstellungsmöglichkeit tatsächlich schon eingeübt und realisiert hat oder nicht. Es scheint also möglich zu sein, dass Vincent sein Geschmacksurteil formuliert, während ein anderer nicht auf den Gedanken kommt, den betreffenden Gegenstand als Objekt einer ästhetischen Einstellung anzusehen. Aus diesem Grund kann das Urteil nicht auf unbedingte Notwendigkeit Anspruch erheben.

Um den Umstand zu betonen, dass der Gefühlszustand, der das Geschmacksurteil begründet, ein Zustand ist, in dem sich unterschiedliche Subjekte in gleicher Weise befinden können, spricht Kant von einem „Gemeinsinn““ Teichert, ebd., S. 51.

41  Kant setzt hier den Gemeinsinn nur als Vorraussetzung der Mitteilbarkeit ein. Aber er widerspricht der Vorraussetzung an mehreren anderen Stellen. Vgl. H. Spremberg, Zur Aktualität der Ästh e tik Immanuel Kants, Peter Lang Verlag, 1998, S. 87.

42  Vgl. Teichert, ebd., S. 52.

43 

Kant findet die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls in der Affinität von logischem Urteil und Geschmacksurteil auf. Was nun zum Gewinn der Erkenntnis und zur Kenntnis ihrer Richtigkeit vorausgesetzt wird, sei die transzendentale Struktur des normalen denkfähigen Subjekts, d. h. die transzendentale Form, die den vernünftigen Menschen als gestattet vorausgesetzt ist. Dies sei Voraussetzung der Erkenntnis. Da die Affinität des Geschmacksurteils zum Erkenntnisurteil hinsichtlich der Stimmung von Einbildungskraft und Verstand auch die Grundlage der Mitteilbarkeit beim Geschmacksurteil selbst ist, setzt das Geschmacksurteil die normalen Gemütskräfte der vernünftigen Menschen voraus. In diesem Sinne, so kann man sagen, fußt auf dem Faktum der Vernunft der Gemeinsinn, der dem Geschmacksurteil Allgemeinheit und Notwendigkeit verschafft.

Darüber hinaus setzt nach Kant die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls den Gemeinsinn voraus. Da diesem Gemeinsinn ein unbestimmbarer Charakter zugeschrieben ist, enthält er als Eigenheit eine Art Sollen, die Anderen um Zustimmung zu seinem Geschmacksurteil anzurufen. Also könnte man sagen, dieser Gemeinsinn setzt wieder die allgemeine Mitteilbarkeit des Gefühls voraus, mithilfe derer die Anderen an meinem Gefühl teilhaben und es mit besitzen können. In diesem Sinne können die allgemeine Mitteilbarkeit und der Gemeinsinn nur durch gegenseitige Voraussetzung zustande kommen. Von daher könnte man sagen, in der Begründung des Gemeinsinns liegt eine Art Zirkelschluss.

Aber Vossenkuhl behauptet, dass aus zwei Gründen eine solche Zirkularität ausgeschlossen sei: „(1) Es geht in der Deduktion des Schönheitsurteils nicht um den Nachweis einer faktischen, empirischen Übereinstimmung in Urteilen mit gleichem Gehalt. (......) (2) Die Zumutung des Schönheitsurteils, für die Kant Notwendigkeit beansprucht, schließt keinen Übergang von einem einzelnen Subjekt zu allen möglichen Subjekten ein.“ Wilhelm Vossenkuhl, »Die Norm des Gemeinsinns«, in: Andrea Esser (Hg.), Aut o nomie der Kunst? Zur Aktualität von Kants Ästhetik, Akademie Verlag, Berlin, 1995, S. 104 –105.

Aber der Zirkularitätsverdacht kann m. E. dadurch allein nicht ausgeschlossen werden. Denn gleichwohl kann die gegenseitige Voraussetzung des Gemeinsinns und der allgemeinen Mitteilbarkeit des Gefühls als solche nicht verschwinden. Um diesem Verdacht zu entgehen, muss man m. E. auf die Sozialität des Geschmacksurteils und des Gemeinsinns hinweisen. Kant erläutert dies in § 41. Siehe ferner Böhmes Buch, ebd., S. 34 –35.

44  Vgl. Teichert, ebd., S. 71.

45  Vgl. ebd., S. 70.

46  Schaper, ebd., S. 375-376.

47  Vgl. Schaper, ebd., S. 376.

48  Vgl. ebd.

49  Vgl. ebd.

50  Böhme weist darauf hin, dass die wichtigsten und fruchtbarsten Feststellungen Kants in Anmerkungen und Exkursen erfolgt seien oder sogar an Stellen, die genau genommen aus seiner Systematik herausfallen. Also ist er der Auffassung, dass Kant in der Ästhetik seine Gedanken nur dadurch ausdrücken konnte, dass er seine logische bzw. transzendental-logische Zugangsweise gewissermaßen nur indirekt und verzerrt anwandte. Vgl. G. Böhme, ebd., S. 13.

51  Schaper, ebd., S. 377-378.

52  Böhme, ebd., S. 36.

53  Im Gegensatz zu der Ausgabe von Karl Vorländer enthält die Ausgabe von Wilhelm Weischedel dieses Wort. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft und Schriften zur Naturphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1975, S. B 53 / A 52-53.

54  Kant hat in der Überschrift von § 40 den Geschmack als eine Art von sensus communis bezeichnet. Mit dem Wort ‘Art’ meint Kant nicht ‘so ähnlich wie’ oder ‘gleichsam’, sondern wirklich ‘Art’ im Sinne von ‘Spezies’. Vgl. Jens Kulenkampff, »Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis –Versuch einer Neubestimmung des Geschmacksurteils«, in: Andrea Esser (Hg.), ebd., S. 25–26. Also kann man sagen, es gibt unter Gemeinsinn vielerlei verschiedene Gemeinsinne, und der Geschmack als ästhetischer Gemeinsinn ist einer davon. Damit werde ich mich später nochmals beschäftigen.

55  Annemarie Pieper, »Freiheit und Kunst – Zum Konzept einer transzendentalen Ästhetik«, in : Phil o sophisches Jahrbuch, 96. Jahrgang 1989, S. 248.

56  Vgl. Teichert, ebd., S. 84.

57  Vgl. J. M. Bernstein, The Fate of Art-Aesthetic Alienation from Kant to Derrida and Adorno, Polity Press, 1993, S. 6.

58  Vgl. Lyotard, ebd., S.24.

59  Vgl. D. Wood, »Différance and the Problem of Strategy«, David Wood and Robert Bernasconi (ed.), De r rida and Différance, Northwestern University Press, 1988, S. 65.

60  Vgl. J. M. Bernstein, ebd., S. 65.



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11.08.2008