3. Kants Gemeinsinn und die Frage nach dessen Auslegung

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In Kants Kritik der Urteilskraft zeigt sich der Gemeinsinn, wie oben erörtert, als die Voraussetzung, aufgrund derer ein subjektives Geschmacksurteil als allgemeine Geltung habend betrachtet werden kann. Kant zufolge ist der Geschmack hierbei „das Vermögen der Beurteilung des Schönen“ (KU, B 3, Fußnote). Also ist ein Geschmacksurteil kein Erkenntnisurteil, das zu erfassen versucht, was die Natur eines Gegenstandes ist oder welche Eigenschaften er hat. Als ein ‘ästhetisches Urteil’ ist es ein Urteil, in dem man nach dem eigenen subjektiven Gefühl der Lust oder Unlust beurteilt, ob etwas schön ist oder nicht (vgl. KU, B 3-4).

So ist der Beurteilungsgrund eines Geschmacksurteils subjektiv, weil er in einem individuellen Gefühl verankert ist. Darüber hinaus ist Kant zufolge ein Geschmacksurteil seiner Form nach immer ein einzelnes Urteil wie das Urteil: „diese Rose ist schön“ (vgl. KU, B 24). Kant hält ein solches Geschmacksurteil, das subjektiv und einzeln ist, für allgemeingültig. Den Grund dafür sieht er im Gemeinsinn.

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Kant zufolge ergibt sich die Annahme des Gemeinsinns daraus, dass die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls ihn voraussetzt (vgl. KU B 66). Dabei ist der Grund für die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls zu erläutern:

Damit Erkenntnis sich mitteilen lässt, müssen die Stimmung und die Proportion der Erkenntniskräfte (nämlich Einbildungskraft und Verstand) mitgeteilt werden können, die subjektive Bedingungen des Erkennens sind. Beim Geschmacksurteil hat der Entstehungsvorgang des Lustgefühls Ähnlichkeit mit dem Vorgang des Erkennens in Hinblick auf die Stimmung der Erkenntniskräfte. Mithin lässt sich das Lustgefühl aus dieser Stimmung allgemein mitteilen. Darüber hinaus setzt die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls einen Gemeinsinn voraus (vgl. KU, B 65-66).61

Diese Allgemeinheit eines Geschmacksurteils aufgrund des Gefühls kommt dadurch zustande, dass wir glauben, dass wir unsere Gefühle den anderen mitteilen können unter der Voraussetzung, dass es zwischen uns einen Gemeinsinn gibt. Der Gemeinsinn ist hierbei der Grund für die Allgemeinheit des Geschmacksurteils im transzendentalen Bereich. Er ist nämlich nicht die Kenntnis, die aus der Erfahrung resultiert. Kants Texte lassen jedoch diesen Gemeinsinn nicht nur im transzendentalen Bereich verharren. Der Gemeinsinn spielt nämlich eine große Rolle im empirischen Bereich. Anders ausgedrückt, kann man Kants Gemeinsinn auf seinen gesellschaftlichen Charakter fokussiert interpretieren.62

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In diesem Kapitel untersuche ich die Möglichkeit, Kants Gemeinsinn in detranszendentalisierter Hinsicht aufzufassen, und versuche dadurch einen Ansatz zu finden, die Grenzen der modernen Rationalität zu überwinden. Die Reise der Suche nach dem detranszendentalisierten Gemeinsinn63 würde mit der detranszendentalisierten Interpretation der Vernunft beginnen, und eine solche Interpretation müsste mit der ästhetischen Rationalität verknüpft werden. An dieser Stelle möchte ich jedoch die unmittelbare Erklärung und Untersuchung der ästhetischen Rationalität noch zurückstellen und mich zunächst nur mit der detranszendentalisierten Auslegung des Gemeinsinns als einem Ansatz für die Ergänzung der modernen Rationalität beschäftigen.

3.1.  Das gewöhnliche Verständnis des Gemeinsinns und Kants Erklärung

Kants Erklärung, dass der Gemeinsinn vorausgesetzt werde, um zu erläutern, dass ein subjektives Geschmacksurteil allgemeine Gültigkeit habe und dies notwendigerweise, steht im vierten Moment des Geschmacksurteils (Modalität) im ersten Buch ›Analytik des Schönen‹ (§§ 18-22). In der Kritik der Urteilskraft ist der Gemeinsinn jedoch nicht eindeutig definiert. In erster Linie sagt Kant in § 20, dass Geschmacksurteile ein subjektives Prinzip haben müssen, welches nur durch Gefühl und nicht durch Begriffe, doch aber allgemeingültig bestimme, was gefalle oder missfalle. Ein solches Prinzip sei nur ein Gemeinsinn, der vom gemeinen Verstande, den man bisweilen auch Gemeinsinn (sensus communis) nennt, wesentlich unterschieden sei (vgl. KU B 64). Folglich kann man den Gemeinsinn als ein subjektives Prinzip definieren, das etwas nach Gefallen oder Missfallen mithilfe des Gefühls allgemeingültig bestimmt. Und „nur unter der Voraussetzung (…) eines solchen Gemeinsinns kann das Geschmacksurteil gefällt werden“ (KU, B 64).

Darüber hinaus wird, beginnend mit § 31 im zweiten Buch ›Analytik des Erhabenen‹, die Notwendigkeit (der Allgemeinheit) des Geschmacksurteils anhand der Deduktion bewiesen. Kant zufolge besteht die Allgemeinheit des Geschmacksurteils, die in der Analytik des Schönen erläutert wurde, darin, dass der subjektiv Urteilende die Anderen dazu auffordert, seinem Urteil beizustimmen, und dies auch erwartet. Der Grund für die Notwendigkeit dieser Allgemeinheit besteht darin, dass bei denjenigen, die über gewöhnliche Erkenntniskräfte verfügen, der Gemeinsinn vorausgesetzt werden kann.

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Die ab § 31 geführte Argumentation verläuft so, dass Kant die Notwendigkeit (der Allgemeinheit) des Geschmacksurteils, unter dem Aspekt des Rechtsanspruchs, durch Deduktion zu beweisen versucht. Nun aber erklärt Kant in § 40 unmittelbar den Gemeinsinn. Der Titel dieses Abschnittes lautet „Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis“. In diesem treten die Maximen des Menschenverstandes (1. Selbstdenken: die Maxime des Verstandes, 2. an der Stelle jedes anderen denken: die Maxime der Urteilskraft, 3. jederzeit mit sich selbst einstimmig denken: die Maxime der Vernunft) erneut auf, die in Kants Logik sowie in seiner Anthropologie in pragmat i scher Hinsicht erschienen sind.64

Das in diesem Titel enthaltene Wort ‘Art’ bedeutet, wie Jens Kulenkampff richtig bemerkt, nicht ‘so ähnlich wie’ oder ‘gleichsam’, sondern wirklich ‘Spezies’.65 So betrachtet ist der Geschmack folglich einer von verschiedenen Artbegriffen des Gemeinsinns. Anders gesagt, die Beziehung zwischen Gemeinsinn und Geschmack ist die zwischen einem Gattungsbegriff und seinem Artbegriff. Es gibt also unter dem Gemeinsinn verschiedene Artbegriffe. Kant bezeichnet in der Tat in der Fußnote desselben Abschnittes den Geschmack als „sensus communis aestheticus“ und den gemeinen Menschenverstand als „ sensus communis logicus“ (KU, B 160 Fußnote).

Bevor er den Geschmack als den ästhetischen Gemeinsinn erläutert, versucht Kant als dessen Gattungsbegriff den Gemeinsinn (überhaupt) zu identifizieren. Und bevor er von der Bedeutung des Gemeinsinns spricht, klärt er die Bedeutung des Wortes ‘Sinn’. Obwohl wir gewöhnlich von einem Wahrheitssinn, einem Sinn für Anständigkeit, Gerechtigkeit usw. reden, ist der Sinn darin kein einfacher. Dieser Sinn ist eher das höhere Erkenntnisvermögen der Urteile über Wahrheit, Anständigkeit und Gerechtigkeit (vgl. KU, B 156). Kant zufolge ist der Gemeinsinn folglich „die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes“, d. h. „eines Beurteilungsvermögens“, „welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluss haben würde“ (KU, B 157). Dieses geschehe nun aber dadurch, dass man sein Urteil an anderer nicht sowohl wirkliche, als vielmehr bloß mögliche Urteile halte und sich in die Stelle jedes anderen versetze, indem man von den zufälligen Beschränkungen seiner eigenen Beurteilung abstrahiere (vgl. ebd.). Kant nennt diesen Vorgang die „Operation der Reflexion“ (ebd.) und bezeichnet ihn als natürlich, wenn man ein Urteil sucht, welches als allgemeine Regel dienen soll (vgl. KU, B 158). Von daher könnte man Kants Gemeinsinn (überhaupt) in Kürze so definieren: Der Gemeinsinn ist das Vermögen, das über die subjektiv-privaten Bedingungen hinausgehend (mit Rücksicht auf den Standpunkt der Anderen) in allgemeiner Hinsicht Gegenstände beurteilt.

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Nebenbei legt Kant die oben schon erwähnten Maximen des Menschenverstandes vor, die zur Erläuterung der Geschmackskritik dienen können. Darunter ist die zweite Maxime „an der Stelle jedes anderen denken“ als die erweiterte Denkungsart die Maxime der Urteilskraft. Dabei ist die Urteilskraft das Vermögen, mit dem ein Mensch sich „über die subjektiven Privatbedingungen des Urteils wegsetzen kann“ und „aus einem allgemeinen Standpunkt“ „über sein eigenes Urteil reflektiert“ (KU, B 159-160). So betrachtet ist Kants Gemeinsinn überhaupt meiner Auffassung nach am Ende tatsächlich gleichbedeutend mit der Urteilskraft. Anschließend sagt Kant, dass „der Geschmack mit mehrem Rechte sensus communis genannt werden könne, als der gesunde Verstand“ (KU, B 160). Auf den ersten Blick scheint dies zu besagen, dass nicht der gesunde Verstand, sondern der Geschmack der Gemeinsinn ist. Aber dies kann wohl in der Tat als Akzentuierung dessen interpretiert werden, dass für Kant der Geschmack eine Art des Gemeinsinns ist. Daher ist der Geschmack, genauer gesagt, nicht der einfache Gemeinsinn (überhaupt), sondern der mit dem Attribut ‘ästhetisch’ versehene Gemeinsinn. Und wenn wir dies damit in Verbindung bringen, dass Kant die Urteilskraft überhaupt in der Einleitung der K ritik der U rteilskraft als das Vermögen bezeichnet, das Besondere (wie die durch unsere Sinnesempfindungen oder -wahrnehmungen gegebenen Gegenstände oder die in unserem Bewusstsein auftauchenden Vorstellungen über etwas) als im Allgemeinen (der Regel, dem Prinzip, dem Gesetz) enthalten zu denken (vgl. KU, B XXV), und dass er die Urteilskraft in die bestimmende und die reflektierende einteilt und er die erstere als die Urteilskraft bezeichnet, die das Besondere unter dem Allgemeinen subsumiert, wenn das Allgemeine gegeben ist, während er die letztere als die Urteilskraft bezeichnet, die das Allgemeine finden soll, wenn nur das Besondere gegeben ist (vgl. KU, B XXVI), dann können wir sagen: Der ästhetische Gemeinsinn gehört zur reflektierenden Urteilskraft, während der logische zur bestimmenden Urteilskraft gehört.

Daher entwickelt Kant seine frühere Definition des Geschmacks (als des ästhetischen Gemeinsinns), dass der Geschmack „das Vermögen der Beurteilung des Schönen“ (KU, B 3, Fußnote) sowie „das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Missfallen ohne alles Interesse“ (KU, B 16) ist, weiter. Nun ist der Geschmack „das Beurteilungsvermögen desjenigen, was unser Gefühl an einer gegebenen Vorstellung ohne Vermittlung eines Begriffs allgemein mitteilbar macht“ (KU, B 160), und sogar „das Vermögen, die Mitteilbarkeit der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittlung eines Begriffs) verbunden sind, a priori zu beurteilen“ (KU, B 161).

Nun aber geht Kant von hier aus weiter, um den Geschmack als den ästhetischen Gemeinsinn zu definieren. Kant zufolge war der Bestimmungsgrund des Schönen beim Geschmacksurteil, wodurch etwas für schön erklärt wird, das interesslose Wohlgefallen. Nachdem jedoch ein Geschmacksurteil als reines ästhetisches Urteil gegeben worden ist, nämlich nachdem ein Gegenstand unabhängig von der Aussicht auf Nutzen oder Gebrauch (oder der Sicht auf Wahrheit sowie Moralität) einfach als ästhetisch aufgefasst worden ist, könne mit einem solchen Geschmacksurteil ein Interesse verbunden werden (vgl. KU, B 161-162). „Empirisch interessiert das Schöne nur in der Gesellschaft“ (KU, B 162). Von daher versucht Kant den Geschmack nochmals zu definieren, und zwar unter der Voraussetzung, dass man einräumen kann, dass der Trieb zur Gesellschaft für den Menschen etwas Natürliches sei und die Tauglichkeit sowie der Hang dazu, d. h. die Geselligkeit, eine zur Humanität gehörige Eigenschaft sei: Der Geschmack ist „ein Beurteilungsvermögen alles dessen, wodurch man sogar sein Gefühl jedem anderen mitteilen kann“ (KU, B 162-163).

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Dies steht wiederum damit in Verbindung, dass Kant in § 56 die Antinomie des Geschmacks vorlegt und anschließend in § 57 mit der Auflösung dieser Antinomie den Geschmack als reflektierende ästhetische Urteilskraft (KU, B 238) bezeichnet.

Bis hierher habe ich in Anlehnung an Kants Texte seine Auffassung vom Gemeinsinn zusammengefasst. Kant selbst definiert diesen jedoch nicht aus einer einheitlichen Sicht. Von daher sind auch die Interpretationen des Gemeinsinns in der Sekundärliteratur nicht einheitlich.66 Überdies ist er, von den unterschiedlichen philosophischen Standpunkten aus gesehen, sowohl ein gutes Erbe, das positiv neu interpretiert werden müsste (oder kann), als auch eine transzendentale Illusion, die nicht übernommen werden sollte. Ich werde im folgenden Abschnitt die Interpretationen von Hannah Arendt, Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard und Jens Kulenkampff kurz zusammenfassen. Die Untersuchung, wie Kants Gemeinsinn angenommen und kritisiert wird, dürfte Teil der Suche nach einem die moderne Rationalität ergänzenden Ansatz werden.

3.2. Interpretation des Gemeinsinns in der Sekundärliteratur

3.2.1.  Arendts Begriff des Gemeinsinns

Arendt ist eine Vertreterin derer, die Kants Kritik der Urteilskraft aus der Sicht der politischen Philosophie interpretieren. Ihr zufolge hat Kant, im Unterschied zu vielen Philosophen – wie Platon, Aristoteles, Augustin (Augustinus von Hippo), Thomas von Aquin (Thomas Aquinas), Spinoza, Hegel und anderen – niemals eine politische Philosophie geschrieben. Schon an dem ironischen Ton in Zum ewigen Frieden, einem Text, den man immerhin für die politischste der Kantischen Schriften halten könne, zeige sich, dass Kant selbst die politische Philosophie nicht zu ernst genommen habe.67 Unter diesem Aspekt bezeichnet Arendt die Kritik der Urteilskraft als eine wichtige Schrift, die aus der Sicht der politischen Philosophie erwähnt werden kann.68 Entscheidend dafür sei Kants Erläuterung der reflektierenden Urteilskraft und des Gemeinsinns.

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Arendt übernimmt zunächst Kants Einteilung des Geschmacks in den Sinnengeschmack (als den Geschmack über das Angenehme) und den Reflexionsgeschmack (als den Geschmack über das Schöne). Der Geschmack beruht ihr zufolge auf dem Gefühl, das auf die private Sinnesempfindung eines Gegenstandes gegründet ist. Nun liege das Problem darin, dass bezüglich des sinnlichen Geschmacks niemand sein Urteil als allgemeingültig behaupte und von anderen verlange, mit seinem Geschmack übereinzustimmen. Im Gegensatz dazu verlange man beim Reflexionsgeschmack die allgemeine Gültigkeit seines Urteils für jedermann, (obgleich dieses Verlangen oft genug abgewiesen werde, wie die Erfahrung lehre). Anders gesagt, könne man bezüglich des Reflexionsgeschmacks glauben, dass es möglich sei, sich ein solches Urteil vorzustellen, anhand dessen man von jeden anderen fordert, ihm beizustimmen.

Arendt zufolge können die unmittelbaren Sinneseindrücke über Gegenstände nicht repräsentiert werden und sie sind folglich durch Denken oder Reflexion unvermittelbar.69 Es ist, so Arendt, nicht überzeugend für mich, Austern als schmackhaft zu bezeichnen, wenn sie mir nicht gefallen. Beim Geschmack gebe es keinen Streit über Richtig oder Falsch. Das Störende beim (sinnlichen) Geschmack sei, dass er nicht kommunizierbar sei. Nun aber ist Arendt davon überzeugt, dass die Lösung dieses Rätsels, d. h. des Rätsels, dass der Geschmack über das Schöne allgemeine Gültigkeit hat, durch die Nennung zweier anderer Vermögen angedeutet werden kann: Einbildung s kraft und Gemeinsinn. Die Einbildungskraft, d. h. das Vermögen, Abwesendes gegenwärtig zu haben, verändere den Gegenstand in etwas, dem ich nicht direkt gegenübergestellt werden müsse. Der so veränderte Gegenstand sei dasjenige, was ich vielmehr in gewissem Sinne verinnerlicht habe, so dass ich nun von ihm affiziert werde, als wenn es mir von einem nichtobjektiven Sinn gegeben worden wäre. Dabei zitiert Arendt Kant direkt: „Schön ist das, was in der bloßen Beurteilung (nicht in der Sinnesempfindung, noch durch einen Begriff) gefällt“.70

Beim Geschmack über das Schöne sei es unwichtig, ob etwas in der Wahrnehmung gefalle oder nicht. Was nur in der Wahrnehmung gefalle, sei gefällig, aber nicht schön. Etwas gefalle in der in meinem Gemüt repräsentierten Vorstellung. Denn nun habe die Einbildungskraft es so zubereitet, dass ich darüber nachdenken könne. Arendt zufolge ist das sozusagen die „Operation der Reflexion“.71 Nur wenn man auf diese Weise nicht mehr durch seine unmittelbare Gegenwart, sondern durch seine repräsentierte Vorstellung affiziert werde, – wenn man also unbeteiligt sei wie der Zuschauer, der mit den aktuellen Geschehnissen der Französischen Revolution nichts zu tun habe – könne man in der Mitte zwischen den jeweiligen Polen beurteilen, was richtig oder falsch, wichtig oder irrelevant, schön oder hässlich sei. Erst dann könne man vom Urteil und nicht mehr vom Geschmack sprechen. Denn obwohl man nach wie vor von einer Angelegenheit des Geschmacks affiziert werde, könne man nun von der (repräsentierten) Vorstellung den angemessenen Abstand herstellen. So habe man die Bedingungen für die Unparteilichkeit geschaffen, indem man den Gegenstand wegräume.72

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Von daher begreift Arendt den Gemeinsinn folgendermaßen: Er ist „Nicht-Subjektives“ in dem, „was scheinbar der privateste und subjektivste Sinn ist“.73 Hierbei bezieht Arendt Kants Erklärung mit ein, dass das Schöne (nur) in der Gesellschaft interessiert. Im Geschmack sei nämlich der Egoismus überwunden, und wir, als diejenigen, die einen Geschmack haben wollten, müssten unsere speziellen subjektiven Bedingungen um anderer willen überwinden. „Das nichtsubjektive Element bei den nichtobjektiven Sinnen ist Intersubjektivität.“74

Das Urteil, und besonders das Geschmacksurteil, müsse über die Anderen und ihren Geschmack reflektieren und ihre möglichen Urteile berücksichtigen. Damit geht Arendt auf den § 40 ein, wobei sie den Gemeinsinn als einen gleichen Sinn für jedermann in seiner ihm eigenen Privatheit, als die eigentliche Humanität des Menschen versteht.75 Der sensus communis sei der spezifisch menschliche Sinn, weil die Kommunikation, d. h. die Sprache, von ihm abhänge.

Nachdem Arendt auf diese Weise den Gemeinsinn (sensus communis) als das geringste Vermögen des Menschen bezeichnet hat, zitiert sie die berühmten Sätze des § 40: „Unter dem sensus communis (…) muss man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinne, d. i. eines Beurteilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt.“ Nun aber setzt sie dann an die Stelle der Maximen des Menschenverstandes, die Kant nur zur leichten Erläuterung der Grundsätze der Geschmackskritik einzieht, die Maximen des sensus communis. Wir haben oben gesehen, dass Kant den Gemeinsinn (sensus communis) in den sensus communis logicus (den gemeinen Menschenverstand) und den sensus co m munis aestheticus (Geschmack) klassifiziert. Arendt lässt jedoch diese Klassifizierung außer Acht und ersetzt das, was Kant entschieden die Maximen des gemeinen Menschenverstandes nennt, durch die des sensus communis.

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Dies ist wohl ihrem Standpunkt zuzuschreiben, dass sie Kants Kritik der Urteil s kraft als seine politische Philosophie versteht. Wenn man sagen kann, dass der in der Kritik der Urteilskraft behandelte Gemeinsinn eigentlich der ästhetische ist, sind diese Sätze des § 40, wie Gerhardt bemerkt, eine Episode. Kant hat, so Gerhardt, den ‘Gemeinsinn’ in strikter Begrenzung auf die ästhetischen Urteile eingeführt; im letzten Teil von § 40 lenke er seine Aufmerksamkeit wieder gänzlich auf diese Bedeutung zurück.76 Arendts Deutung des Gemeinsinns versteht Kants ästhetischen Gemeinsinn als den Gemeinsinn überhaupt. Arendt vernachlässigt daher den Unterschied des ästhetischen Gemeinsinns zum logischen Gemeinsinn (d. i. zum gemeinen Menschenverstand) und behandelt beide willkürlich gleich. Dadurch versucht sie zwar die Allgemeinheit des Gemeinsinns zu gewinnen, nach der ein Individuum über seine private Subjektivität hinaus die Anderen berücksichtigt, aber sie erläutert damit nicht die Charakteristik des ästhetischen Gemeinsinns, um den es in der Kritik der Urteilskraft eigentlich geht. Indem sie vor allem die Bedeutung des Wortes ‘ästhetisch’ nicht für wichtig nimmt, trifft sie keine strenge Unterscheidung zwischen Gemeinsinn und logischem sowie moralischem Urteil. Daher kann man sagen, dass sie Kants Texte nicht in textimmanenter Weise interpretiert. Um aus der Sicht der politischen Philosophie das Prinzip der Allgemeinheit zu gewinnen, das man mit Rücksicht auf den Standpunkt der Anderen erreicht, geht sie über Kants Argumentation in der Kritik der Urteilskraft hinaus.

3.2.2. Deleuzes Interpretation des Gemeinsinns

Deleuze zufolge entspringt der Gemeinsinn aus der Beziehung der drei tätigen Vermögen (Einbildungskraft, Verstand, Vernunft) des Menschen, die von seinem spekulativen Interesse abhängen. Der Verstand sei gesetzgebend und urteilt; aber unter dem Verstand synthetisiere und schematisiere die Einbildungskraft, und schlussfolgere und symbolisiere die Vernunft auf eine solche Weise, dass die Erkenntnis eine größte systematische Einheit habe. Dabei könne man den Gemeinsinn (sensus communis) als eine jede Übereinstimmung zwischen den Vermögen definieren.77 Nun aber sagt Deleuze, dass ‘Gemeinsinn’ ein gefährliches Wort sei, weil dieser zu sehr durch den Empirismus geprägt sei. Auch dürfe man ihn nicht als einen besonderen Sinn (ein besonderes empirisches Vermögen) definieren. Er sei im Gegenteil eine apriorische Übereinstimmung der Vermögen, oder genauer, das Resultat einer solchen Übereinstimmung, und erscheine nicht als psychologische Gegebenheit, sondern als subjektive Bedingung jeglicher Mitteilbarkeit.78

Also ist das Prinzip der Übereinstimmung nach Deleuze eine Genese des Gemeinsinns, der in den logischen, moralischen und ästhetischen eingeteilt ist.79 Der logische Gemeinsinn „drückt die Harmonie der Vermögen (Einbildungskraft and Verstand) im spekulativen Vernunftinteresse aus, d. h. unter dem Vorsitz des Verstandes. Die Übereinstimmung der Vermögen ist hier durch den Verstand bestimmt“.80 Der moralische Gemeinsinn hingegen sei, vom anderen Interesse (vom praktischen Vernunftinteresse: Kim) aus, die Übereinstimmung des Verstandes mit der Vernunft, unter der Gesetzgebung der Vernunft selbst.81 Nun erscheine der Gemeinsinn, der logische sowie der moralische, als eine Art apriorische Tatsache, über die wir nicht hinausgehen könnten, weil dort die Übereinstimmung oder die Harmonie bereits bestimmt sei.82 Dabei seien beide Gemeinsinne die „Übereinstimmung a priori der Vermögen, eine Übereinstimmung, die durch eines von ihnen als gesetzgebendes bestimmt“ sei.83

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Nun aber ist der ästhetische Gemeinsinn nach Deleuzes Worten „eine selbst freie und unbestimmte Übereinstimmung“, nämlich „eine Übereinstimmung zwischen der Einbildungskraft als freier und dem Verstand als unbestimmtem.“84 Wie oben erwähnt, ist der ästhetische Gemeinsinn mit anderen Worten der Geschmack, und das Geschmacksurteil „x ist schön“ (das ein subjektives Gefühl über Gegenstände ausdrückt) beansprucht eine gewisse Objektivität, Notwendigkeit und Allgemeinheit. Weil die Vorstellung des Schönen jedoch individuell ist, ist die Objektivität des ästhetischen Urteils (d. h. des Geschmacksurteils), Deleuze zufolge, ohne Begriff: Seine Notwendigkeit und seine Allgemeinheit sind subjektiv.85 „Unsere Voraussetzung einer Mitteilbarkeit der Gefühle (ohne Vermittlung eines Begriffs) gründet sich also auf die Idee einer subjektiven Übereinstimmung der Vermögen, insofern diese Übereinstimmung selbst einen Gemeinsinn bildet“.86 Auf diese Weise versteht Deleuze den Gemeinsinn als die Bedingung der Mitteilbarkeit in allen Urteilen, nämlich Erkenntnisurteilen, moralischen Urteilen und Geschmacksurteilen, indem er ihn als die Übereinstimmung a priori der Vermögen oder als aus einer solchen Übereinstimmung resultierend auffasst.

Mit dieser Argumentation nimmt Deleuze den Gemeinsinn in relativ textimmanenter Weise auf. Nun aber bekennt er seine Eigenart, indem er die Genese des Gemeinsinns erläutert, den er als die Übereinstimmung oder deren Resultat bezeichnet hat. Ihm zufolge repräsentiert der ästhetische Gemeinsinn keine objektive Übereinstimmung, sondern eine rein subjektive Harmonie.87 Er ergänze deshalb nicht die beiden anderen Gemeinsinne. Aber er begründe oder ermögliche sie. Deleuze sagt: „Niemals übernähme ein Vermögen eine gesetzgebende oder bestimmende Rolle, wenn alle Vermögen zusammen nicht zunächst zu dieser freien, subjektiven Harmonie fähig wären.“88 Eben dabei tritt seine eigene Ansicht zu Tage: Die von etwas nicht bestimmte Übereinstimmung, d. h. die subjektive Übereinstimmung, die beim ästhetischen Gemeinsinn und beim Urteil des Geschmacks betrachtet werden kann, ist grundlegender (als die objektive).

Darüber hinaus vertritt Deleuze die Ansicht, dass Kants Philosophie mit der ›Analytik des Erhabenen‹ den Boden für die zukünftige Postmoderne bietet. Deleuze zufolge kämpfen beim Erhabenen die Einbildungskraft und die Vernunft gegeneinander.89 Ein Vermögen lasse das andere an sein Maximum oder seine Grenze stoßen, aber das andere reagiere, indem es das eine zu einer Eingebung treibe, die es nicht von selbst gehabt hätte. Das eine lasse das andere an seine Grenze stoßen, aber jedes führe zur Überschreitung der Grenze beim anderen. Es sei ein furchtbarer Kampf zwischen der Einbildungskraft und der Vernunft sowie zwischen dem Verstand und dem inneren Sinn. Die Vermögen böten sich die Stirn, jedes an seiner eigenen Grenze, und fänden ihren Einklang in einem fundamentalen Missklang: „ein disharmonischer Einklang, das ist die große Entdeckung der Kritik der Urteilskraft, des letzten Kantischen Umsturzes. Die Trennung, die vereinigte, war das erste Thema Kants, in der Kritik der reinen Vernunft. Aber am Ende entdeckte er den Missklang, der den Einklang erzeugt.“90

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Aufgrund dieser Argumentation bezeichnet Deleuze, so kann man sagen, den Gemeinsinn als die Fähigkeit, Übereinstimmung zu erzeugen, und er findet darin den Keim des postmodernen Gedankens, der die Nichtübereinstimmung für die Genese der Übereinstimmung hält.

3.2.3. Lyotards Verständnis des Gemeinsinns

Wie oben gesagt, versteht Deleuze Kants Argumentation, sofern sie den Gemeinsinn angeht, in textimmanenter Hinsicht. Darüber hinaus versteht er den Gemeinsinn als die Übereinstimmung zwischen den drei Vermögen, die in der ersten, zweiten und dritten Kritik von Kant kontinuierlich in Erscheinung treten. Aber Lyotard, ein anderer Vertreter der Postmoderne, fasst den Gemeinsinn anders auf als Deleuze.

Lyotard zufolge ist der Gemeinsinn (sensus communis) weder der gemeine Verstand (intellectio communis), noch der gesunde Verstand (good sense), noch die Kommunikationsfähigkeit vermittelst des Begriffs, oder noch weniger der gemeinschaftliche Verstand.91 „Dieser Sinn (Gemeinsinn: Kim) liegt in der Tat weder in der Zeit und dem Raum, wo ein solcher Begriff zum Kennen der Gegenstände in der Raum-Zeit des Wissens verwendet wird, noch in der Raum-Zeit, wo die Sensibilität (genau) für das Wissen mittels der Schemata in der ersten Kritik vorbereitet wird.”92 Wenn es einen Gemeinsinn gäbe, wäre er notwendig durch andere Notwendigkeit, andere Allgemeinheit und andere Zweckmäßigkeit als diejenige, die die Erkenntnis verlangt. Deshalb verursache die Verwendung dieses Wortes selbst eine Amphibolie.93

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Von diesem Gesichtspunkt aus versucht Lyotard zu argumentieren, weshalb der Gemeinsinn, den Kant als Voraussetzung der allgemeinen Mitteilbarkeit des Geschmacksurteils fordert, eine transzendentale Illusion bewirkt. In erster Linie zitiert er einen Teil des § 40, indem er darauf hinweist, dass der Gemeinsinn durch Begriffe nicht vermittelt werden kann und soll, wenn man den Sinn (sensus) als Gefühl (feeling) versteht: „Unter dem sensus communis aber muss man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. h. eines Beurteilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten94 und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluss haben würde“ (KU, B 157).

Diesen Sätzen Kants zufolge könnte man glauben, so Lyotard, dass es bei der Erläuterung des Verallgemeinerungsprozesses möglich wäre, den anthropologischen Charakter des Gemeinsinns zu verstärken und eben dadurch einer transzendentalen Auffassung von Gemeinsinn zu entgehen. Dies ist jedoch nicht der Fall.95 Das, was aus dem Vergleich unserer Urteile mit den Urteilen der Anderen oder aus der zweiten Maxime des gemeinen Menschenverstandes „an der Seite jedes anderen denken“ zu gewinnen ist, sei nur die ‘Idee’ des Gemeinsinns. Die Kantische Idee sei ein Begriff, dem in der Erfahrung keine Intuition entspreche. Denn Kant schreibe: „Die allgemeine Stimme ist also nur eine Idee“ (KU, B 26). ‘Nur’ bedeute in der Tat, dass es nicht in Frage komme, in der Erfahrung die der Idee entsprechende Realität zu suchen. Dies sei so, es sei denn, man befände sich unter einer Illusion, unter einem transzendentalen Schein.96

Lyotard behauptet schließlich, dass man der transzendentalen Auffassung der Kantischen Texte nicht entgehen kann, auch wenn es darin Sätze gibt, die es zu ermöglichen scheinen, sich von der transzendentalen Lesart zu befreien. Lyotard zufolge appelliert jedes ästhetische Urteil (jedes Geschmacksurteil) innerhalb seiner Individualität an die Anderen um deren Zustimmung. Dabei könne der Appell so verstanden werden, dass man von einer Neigung zur Gesellschaft geführt werde. Jedoch behauptet Lyotard, dass Kant selbst gegen diese Verwirrung protestiere, die in der neokantischen oder neo-neokantischen Lesart der dritten Kritik rasch um sich greife. Indem er sagt: „Jedoch schreibt Kant sehr deutlich“,97 und einen Satz des § 40 zitiert, versucht er dies deutlich zu machen. „Dieses indirekt dem Schönen durch Neigung zur Gesellschaft angehängte, mithin empirische Interesse ist aber für uns hier von keiner Wichtigkeit“ (KU, B 164). Lyotard behauptet, dass dieser Satz der von Kant selbst gegebene Beweis dafür sei, dass es falsch ist, den Gemeinsinn als zu den gesellschaftlichen Interessen oder Neigungen hin erweitert zu interpretieren.

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Von daher sagt er: „Also ist der sensus communis noch immer eine Annahme (hypotyposis). Er ist eine sinnliche Analogie der transzendentalen Euphonie der Vermögen, die nur das Objekt der Idee, nicht das der Intuition sein kann. Dieser sensus ist nicht ein Sinn, und das Gefühl, von dem angenommen wird, dass es Einfluss auf den Gemeinsinn ausübt (wie ein Sinn beeinflusst werden kann), ist nicht gemeinschaftlich, sondern nur prinzipiell mitteilbar. Es gibt keine bestimmbare Gemeinschaft des Gefühls und keine tatsächliche affektive Übereinstimmung. Wenn wir unsere Zuflucht zum Einen nehmen wollen, sind wir Opfer einer transzendentalen Illusion und ermutigen zum Betrug.“98

Diese Ansicht Lyotards ist wohl ein viel weiter entwickelter postmoderner Gedanke als der, den wir bei Deleuze finden. Lyotard übernimmt nicht Deleuzes Ansicht, nach der der Gemeinsinn die Fähigkeit zur Übereinstimmung oder deren Resultat bedeutet. Lyotards Ansicht nach ist er noch immer eine Annahme, die in der realen Welt nicht existiert. Lyotard äußert vermutlich seine eigene Ansicht, nach der es nur ein „Terrorismus der Totalität“ ist, die Allgemeinheit sozusagen mithilfe des Gemeinsinns zu suchen oder an die Allgemeinheit zu denken.

3.2.4. Kulenkampffs Verständnis des Gemeinsinns

Mir scheint, dass Kulenkampff einer der repräsentativen Forscher ist, die zu Kants Geschmacksurteil und Gemeinsinn gehaltreiche Anmerkungen machen. Er versteht den § 40 als Endpunkt von Kants Theorie des reinen Geschmacksurteils. Der Titel des § 40 lautet „Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis“, wobei das Wort ‘Art’, wie oben erwähnt, Kulenkampff zufolge ‘Spezies’ bedeutet. So gibt es unter dem Gemeinsinn den logischen und den ästhetischen. Dem ersten entspricht der gemeine Menschenverstand, dem zweiten der Geschmack.

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Kulenkampff zufolge geht es bei Kants Analyse des Geschmacksurteils um eine hypothetische Erklärung.99 Hypothetische Erklärung bedeute, dass wir in unseren Urteilen über Schönheit oft nicht einer Meinung seien. Denn das interesselose Wohlgefallen sei ein unzuverlässiges Kriterium für die Beurteilung des Schönen. Das interesselose Wohlgefallen, das sich von Privatbedingungen befreie, komme nicht so oft vor, wie Kant überzeugt ist, und es könne nie mit Sicherheit ausgeschlossen werden.100 Die Aussage „x ist schön“ bedeute entweder einen Zustand, in dem sich derjenige befindet, der das Geschmacksurteil äußert, festzustellen und näher zu charakterisieren, oder sie bedeute, die Feststellung eines bestimmten Zustandes mit der Behauptung zu verbinden, dass alle erkenntnisfähigen Subjekte in der gleichen Lage dasselbe empfinden müssten.101 Kant habe die zweite Lesart im Auge. Nun aber könne diese allgemeine Stimme nicht wirklich, sondern nur als Idee vorausgesetzt werden. Und unter einer solchen Voraussetzung solle das Geschmacksurteil legitimerweise mit der Forderung auftreten können, dass die anderen Beurteiler (und zwar alle) ihm beitreten müssten. Denn das Geschmacksurteil werde als ein Anwendungsfall einer allgemeinen Regel verstanden, und die Bestätigung, ein richtiges Urteil gefällt zu haben, könne man nicht durch die Anwendung von begrifflich fixierten Kriterien, sondern nur durch die faktische Zustimmung, den ‘Beitritt’ Anderer, erwarten.102

Auf diese Weise handle derjenige, der durch Geschmack urteile, unter der Idee einer allgemeinen Stimme oder der Idee eines Gemeinsinns. Er handle nämlich so, als ob es eine ästhetische Übereinstimmung und einen menschheitsweiten Sinn gäbe. Anders gesagt, er handle unter der Voraussetzung, dass alle Menschen gewissermaßen gleich eingestellt seien und sie deshalb als Mensch dasselbe für schön erklären würden. Darüber hinaus könne jeder, wenn es so wäre, mit gutem Recht die Zustimmung anderer zu seinem Geschmacksurteil verlangen und ihren Beitritt erwarten.103 Mit dieser Argumentation sagt Kulenkampff, dass das Geschmacksurteil unter dieser kontrafaktischen Voraussetzung zustande komme. Eben diese kontrafaktische Voraussetzung sei der Gemeinsinn. Der Gemeinsinn sei nämlich nur eine idealische Norm.104 Ihm zufolge lautet deshalb die einfache Antwort auf die Frage, die im Titel des § 21 ausgedrückt ist, „Ob man mit Grund einen Gemeinsinn voraussetzen könne“: Nein! Man könne keinen Gemeinsinn (als Übereinstimmung aller) voraussetzen. Denn Meinungen und Einstellungen, die man habe, könnten sich nur als ein bestimmter Beurteilungsstandpunkt erweisen, den man einnehmen könne oder auch nicht.105

Angesichts der Tatsache, dass es nicht ganz sicher sei, ob es wirklich einen Gemeinsinn gibt, erscheine die „idealische Norm“ des Gemeinsinns oder der allgemeinen Stimme nicht bloß als die Angabe eines bestimmten Standpunktes, sondern darüber hinaus als die Äußerung eines Ideals, das erst noch zu realisieren ist, wenigstens als die Angabe eines Zieles, das wir anstreben. Der Gemeinsinn, genauer der ästhetische Gemeinsinn (sensus communis aestheticus), sei deshalb eine unbestimmte methodische Norm, ein noch zu realisierendes Ideal, und seine Verwirklichung sei unabdingbar kein natürlicher, sondern ein historischer Prozess.106 Kulenkampff endet mit der Behauptung: Zwar sei die Bildung des Geschmacks zwischen dem Kunstrichter und dem allgemeinen Publikum höchst ungleich ausgeprägt, aber „umso mehr kommt es darauf an, daran zu erinnern, dass die normative Kraft des Faktischen im freilich utopischen Ideal eines menschheitsweiten sensus communis aestheticus ihr Gegengewicht findet.“107

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Kulenkampff betrachtet den Gemeinsinn somit als ein Ideal, das wir zu realisieren versuchen, und erklärt dieses Ideal darüber hinaus zu einem utopischen, und zwar dadurch, dass er den Begriffsinhalt des Gemeinsinns als der Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes im § 40 interpretiert. Man könnte dies als neokantische oder neo-neokantische Lesart bezeichnen, die Lyotard zu kritisieren versucht.

Bekanntlich tritt bei Kant eine Idee in Verbindung mit der Wirklichkeit nur als regulativ auf. Der Versuch, regulierende Ideen auch konstitutiv anzuwenden, hat eine reine Illusion zur Folge. Ein utopisches Ideal ist jedoch nicht ohne Bedeutung, weil es nicht in der Welt existiert. Denn es kann als Richtschnur fungieren, mit der man dem Realen nachsinnen kann. So gesehen könnte die regulierende Idee in der realen Welt ihre Fähigkeit beweisen. Daher wäre zwar unter dem Aspekt des postmodernen Denkens Kulenkampffs Lesart eigentlich nicht akzeptabel, aber sie könnte Bedeutung erlangen, wenn sich die Interpretation der Klassik mit der Zeit ändern könnte und müsste.

3.3. Zum detranszendentalisierten Verständnis des Gemeinsinns

Wie oben erwähnt, sagt Kant, dass man den Gemeinsinn als die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. h. Beurteilungsvermögens verstehen muss (vgl. KU, B 157). Nebenbei ist die Vernunft im engeren Sinn ihm zufolge das Vermögen der Ideen (das Vermögen, die Ideen zu verwenden). Ideen sind dem Denken unentbehrlich, denn sie liefern die Prinzipien, die zu seiner Systematisierung gebraucht werden.108 Aber „es gibt in der Erfahrung nichts, was ihnen entsprechen kann. Daher ist ihre einzig legitime Anwendung auf theoretischem Gebiet regulativ. Werden sie als konstitutive behandelt, rufen sie die Illusion der spekulativen Metaphysik hervor.“109

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Kant zufolge geht alle unsere Erkenntnis von den Sinnen zum Verstande und endigt bei der Vernunft. Der Verstand sei das Vermögen der Regeln und die Vernunft das Vermögen der Prinzipien. Während der Verstand das Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regel sei, sei die Vernunft das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. Also habe die Vernunft zunächst Bezug weder zur Erfahrung noch zu irgendeinem Gegenstand, sondern nur zum Verstand (vgl. KrV, B 355-359). Es heiße jede Erkenntnis rein, die mit nichts Fremdartigem vermischt sei. Besonders werde eine Erkenntnis schlechthin rein genannt, in die überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung eingemischt sei, welche mithin völlig a priori möglich sei. Nun sei die Vernunft das Vermögen, das uns die Prinzipien der Erkenntnis a priori in die Hand gebe (vgl. KrV, A 11). Die reine Vernunft sei also die an sich seiende Vernunft, welche nicht mit Sinnlichkeiten in Verbindung stehe und „welche die Prinzipien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält (KrV, A 11)“. So ist die reine Vernunft das Erkenntnisvermögen, das aus den Prinzipien entspringt, und die theoretische Anwendung ist es, um die es bei dieser reinen Vernunft geht. Mit anderen Worten ist die reine Vernunft das Vermögen, nach den apriorischen Prinzipien ein Urteil abzugeben. Die reine Vernunft ist also jenseits von Zeit und Raum tätig, wo die Erfahrung verankert ist.

Weiterhin ist nach Kant alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht mit den Gegenständen, sondern mit unseren apriorischen Begriffen der Gegenstände überhaupt beschäftigt (vgl. KrV, A 11-12). Nach Kants eigener näherer Erklärung ist alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht mit Gegenständen, sondern mit unserer Art der Erkenntnis von Gegenständen – insofern diese a priori möglich sein soll – überhaupt beschäftigt (vgl. KrV, B 25).

Weil der Verstand mittels der Regel die Erscheinungen und die (reine) Vernunft die Regel des Verstandes unter Prinzipien vereinheitlicht, bezieht sich die Vernunft auf die Erfahrung. Eben darum ist sie transzendental. So ist das Subjekt, das die Vernunft, d. h. das Vermögen der Ideen, verwendet, das transzendentale. Dieses transzendentale Subjekt versucht den Umfang unserer Erkenntnisse oder Urteile über alle Grenzen der Erfahrung hinaus zu erweitern. Dabei forscht unsere Vernunft nach diesen Erkenntnissen (nämlich Urteilen), welche über die Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden noch Berichtigung geben kann, nämlich nach den Erkenntnissen, die immer allgemein und notwendig sind (vgl. KrV, B 6).

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Aber auch wenn man Kant zustimmt, ist die reine Vernunft lediglich eine Idee. Ideen beziehen sich auf die Wirklichkeit, nur wenn sie regulativ verwendet werden. Anders gesagt, besitzt die Idee in der Realität keinen Platz. So bleiben die reine Vernunft und deren Subjekt jenseits von Zeit und Raum. Wenn sie in der realen Welt existieren können, müssen sie ihre Form der Reinheit ablegen. Das ist ein Vorwurf gegen Kants Begriff der Vernunft und der Vernunftidee. Nach Habermas ist Kants Vernunftidee Richtschnur der Kritik und gleichzeitig Nährboden eines transzendentalen Scheins.110 Sie ermöglicht zwar, Normen für die reale Welt festzusetzen und Kritik an derselben zu üben, aber, wegen der Forderung nach Allgemeingültigkeit, aufgrund derer sie konkrete Zustände außer Acht lässt, verwandelt sie sich zu etwas Abstraktem. Die Illusion der reinen Vernunft unter Beibehaltung der kritikfähigen Funktion der Vernunftidee Kants zu bannen, heißt, dieselbe in eine situierte Vernunft zu verwandeln. Die Situierung der Vernunft ist dabei als die Aufgabe einer Detranszendentalisierung des erkennenden Subjektes verstanden worden.111

Wie kann man nun das erkennende Subjekt detranszendentalisieren? Dass ein transzendentales Subjekt sich von seiner Transzendentalität befreit, bedeutet Habermas zufolge, dass es sich in verschiedene sprach- und handlungsfähige Subjekte verwandelt, indem es seine Stellung jenseits von Zeit und Raum verliert.112 Bekanntlich sind Raum und Zeit weder die von der Erfahrung abstrahierte Begriffe noch die Inhalte der Wahrnehmungen, sondern die apriorische Form der Anschauung des sinnlichen Subjektes. Ohne diese Form wird uns (nämlich unseren Anschauungen) kein Gegenstand für Sinneswahrnehmungen gegeben. Also sind Raum und Zeit zwei reine Formen der Anschauung, d. h. Prinzipien der Erkenntnis a priori (vgl. KrV, B 33-36). So sind Raum und Zeit nicht die Eigenschaften der objektiven Gegenstände, die von uns erkannt werden, sondern reine Formen, mit denen jedes Subjekt ausgestattet ist.

Andererseits sind Kategorien „die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes“ (KrV, B 107). Nach Kant vereinheitlicht der Verstand vermittels der Kategorien die durch Sinnlichkeit erworbenen Daten. Die Kategorien sind also als reine Verstandesbegriffe apriorische Bedingungen der Erfahrungserkenntnis (vgl. KrV, B 126). Alle Erscheinungen, d. h. die Vielfalt der Anschauungen überhaupt, werden von Kategorien bestimmt, synthetisiert und vereinheitlicht. Diesen Prozess bezeichnet Kant als die transzendentale Einheit der Apperzeption. Kant sagt: „Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der Natur, als dem Inbegriffe aller Erscheinungen, Gesetze a priori vorschreiben“ (KrV, B 163). So sind in Kants transzendentaler Philosophie Raum und Zeit reine Formen der Anschauung a priori, und Kategorien sind apriorische Formen des Verstandes. Durch diese Raum und Zeit und durch diese Kategorien werden Gegenstände konstruiert und Erfahrungen ermöglicht. Also sind bei Kant Gegenstände auf transzendentale Weise erkennbar. Anders gesagt, jedes erkennende Subjekt ist erkenntnisfähig, weil es innerlich mit den Formen von Raum und Zeit sowie den Kategorien ausgestattet ist. Aufgrund dieser Vorbedingungen für die Erkenntnisentstehung, die für jedes Subjekt identisch sind, kann die Erkenntnis von etwas – völlig unabhängig von den Situationen jedes individuellen Subjektes – allgemein und notwendig sein.

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Dabei bedeutet die detranszendentalisierte Interpretation der Vernunft, jedes erkennende Subjekt von der Apriorität zu befreien, mit der es ausgestattet ist. Habermas sagt: „Mit der detranszendentalisierten Abrüstung der apriorischen Verstandeskategorien und Anschauungsformen verwischt sich die klassische Unterscheidung zwischen Vernunft und Verstand.“113 Aufzuzeigen, in welchen Abhandlungen diese Detranszendentalisierung der Vernunft korrekt beschrieben worden ist, würde über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausgehen. Hier werde ich lediglich prüfen, wie der Gemeinsinn detranszendentalisiert wird, nämlich wie er der Apriorität entrinnen kann. Dazu muss man nun zu Kants Texten zurückkehren.

Wie oben gesehen, ist der Gemeinsinn bei Kant die Voraussetzung für die Mitteilbarkeit des subjektiven Geschmacksurteils. Kant entdeckt den Grund für die Mitteilbarkeit beim Geschmacksurteil darin, dass auch das Lustgefühl beim Geschmacksurteil wie beim Erkenntnisurteil eine Art der Stimmung zwischen Einbildungskraft und Verstand ist. Während die Einbildungskraft beim Erkenntnisurteil unter Führung des Verstandes das Mannigfaltige der Sinne zusammensetzt, treibt sie beim Geschmacksurteil mithilfe des Verstandes ein freies Spiel. Hierbei glaubt Kant, dass es möglich sein müsse, Erkenntnisse allgemein mitzuteilen, damit man zur Erkenntnis über etwas gelangen und beurteilen kann, ob diese Erkenntnis richtig ist. In diesem Sinne hat die Mitteilung der Erkenntnisse den Zweck, darüber zu befinden, ob die Erkenntnisse richtig oder falsch sind. Im Gegensatz dazu hat die Mitteilung des Geschmacks keinen bestimmten Zweck, weil der Geschmack nicht nach dem Maßstab der Richtigkeit oder Falschheit entschieden wird, auch wenn man annimmt, dass er mitteilbar ist (vgl. KU B 65-66).

Anders ausgedrückt, ordnet sich die Mitteilbarkeit bei den Erkenntnissen einem bestimmten Allgemeinen (Gesetz, Prinzip, Regel) unter. Bei den Geschmäcken dagegen ordnet sich dieselbe keinem bestimmten Allgemeinen unter. Darüber hinaus ist nicht im Voraus bestimmt oder entschieden, was dasjenige ist, das durch eine solche Mitteilung oder Kommunikation erlangt werden kann. Eben darin besteht der Grund dafür, dass sich Geschmacksurteile nicht vollkommen auf die Urteilsform der Logik oder der transzendentalen Logik zurückführen lassen, auch wenn Kant mithilfe derselben das Geschmacksurteil analysieren will. Deshalb ist die Mitteilbarkeit bei den Geschmäcken unbestimmt. Darüber spricht Böhme: „Meine Interpretationshypothese (über Kants Kritik der Urteilskraft: Kim) besteht in der Vermutung, dass Kant durch seine logische bzw. transzendental-logische Zugangsweise das, was er in der Ästhetik zu sagen hätte, gewissermaßen nur indirekt und verzerrt zur Sprache bringen kann.“114 Dies bedeutet, dass Analytik, Deduktion, Dialektik und Methodenlehre in der Kritik der ästhetischen Urteilskraft sich nicht auf dieselben in der Kritik der reinen Vernunft reduzieren lassen. Ich zitiere Böhme weiter: „Die Gewalttätigkeit dieses Schemas gegenüber dem inhaltlichen Thema der Schrift zeigt sich daran, dass die Sache immer wieder das Schema durchbricht, und sie erwies sich schließlich in der historischen Wirkung von Kants Schrift.“115

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Übernimmt man Böhmes Ansicht, so kann man wohl die Mitteilbarkeit des Geschmacksurteils und auch den Gemeinsinn, der als Voraussetzung für die Allgemeinheit sowie Notwendigkeit angenommen wird, in der Historizität oder in der auf derselben fußenden Gesellschaftlichkeit neu interpretieren. Böhmes Ansichten kann man m. E. mit Kulenkampffs Ansichten, die wir oben vorgestellt haben, in Verbindung bringen. So ist es nur eine aufgezwungene transzendentale Lesart, wenn man behauptet, dass der Gemeinsinn in transzendentaler Sicht gelesen werden müsse, weil er als apriorische Voraussetzung der Mitteilbarkeit gegeben sei und er deshalb Geschmäcke ermögliche. Meiner Ansicht nach ist es nicht die Apriorität, sondern die Unbestimmtheit, die man bei der Auslegung von Kants Gemeinsinn akzentuieren sollte. Wenn man sagen könnte, dass der Geschmack, wie oben erwähnt, ein ästhetischer Gemeinsinn und darüber hinaus eine ästhetisch reflektierende Urteilskraft ist, und wenn diese Lesart auch als etwas aus der immanenten Analyse von Kants Texten Abgeleitetes gelten könnte, wäre der Gemeinsinn nicht ein schon existierendes Reales, sondern ein noch nicht herübergekommenes, mögliches Reales, das wir durch die auf der Intersubjektivität fußende Solidarität und Verständigung suchen müssten. So ist der Geschmack ein gesellschaftlich Reales, das ununterbrochen zu bilden ist.

Meiner Ansicht nach kann Kants Gemeinsinn unter dem detranszendentalisierten Aspekt verstanden werden. Unter Detranszendentalisierung verstehe ich die Tatsache, dass der Gemeinsinn nicht durch Erfahrung erlangt wird, sondern er lediglich ein noch nicht erworbenes, deshalb unbestimmtes Allgemeines ist, das auf Grundlage der Sozialität oder Intersubjektivität gesucht werden sollte. Eine solche Unbestimmtheit bedeutet wohl, dass man das Allgemeine, nach dem wir suchen sollen, als ein offenes begreifen müsste, das durch Verständigung und Solidarität der Individuen erlangt werden kann. Diese Verständigung und Solidarität geht von der Anerkennung der Verschiedenheit aus. Von daher dürfte der Gemeinsinn zwar von der Seite der Idee gesehen regulativ für die Wirklichkeit sein, aber gleichzeitig konstitutiv, in der Hinsicht, dass man ihn durch Verständigung und Solidarität auf unbestimmte Weise gewinnen kann.


Fußnoten und Endnoten

61  Vgl. D. Teichert, Immanuel Kant: >Kritik der Urteilskraft<, Schöningh, Paderborn, 1992, S. 52.

62  Inzwischen tendieren die Veröffentlichungen der letzten Jahre häufiger dazu, Geschmack und Gemeinsinn im gesellschaftlichen kulturellen Kontext zu verstehen. Aber schon vor langer Zeit hat Hannah Arendt Kants Kritik der Urteilskraft, u. a. den Gemeinsinn, aus der Sicht der politischen Philosophie aufgefasst. Einige jüngere ethisch-moralphilosophische Texte neigen dazu, den Gemeinsinn nicht nur im ästhetischen Bereich, sondern erweiternd auch auf dem moralischen Gebiet zu verstehen. Siehe dazu z. B. Lutz Wingert, Gemeinsinn und Moral, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1993.

63  Den Ausdruck „detranszendentalisierten Gemeinsinn“ entlehne ich von Habermas’ „detranszendentalisierter Vernunft“. Vgl. J. Habermas, Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft, Reclam, Stuttgart, 2001.

64  Vgl. Josef Simon (Hg.), Fremde Vernunft, Zeichen und Interpretation IV, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1988, S. 13.

65  Vgl. Jens Kulenkampff, "Vom Geschmacke als einer Art von sensus communis" – Versuch einer Neubestimmung des Geschmacksurteils, in: Andrea Esser (Hg.), Autonomie der Kunst? Zur Aktualität von Kants Ästhetik, Akademie Verlag, Berlin, 1995, S. 25-26.

66  Diesbezüglich sind die deutschsprachigen Werke keine Ausnahme. Biemel bezeichnet den Gemeinsinn als einen Sinn, der aus dem Zusammensein der Vermögen entspringt, denn die Gemeinschaft der Sinne wird ihm zufolge im Gemeinsinn wirklich. Bartuschat hingegen bezeichnet den Gemeinsinn als die Kräfte, die zur Erkenntnis überhaupt etwas beizutragen vermögen und darin, jenseits aller psychologischen Quellen, bei jedem Urteilenden in gleicher Weise angetroffen werden könnten. Kulenkampff – auf ihn werde ich später noch ausführlicher eingehen – spricht von der Beurteilung nach eigenem Gefühl, verbunden mit der Gewissheit, dass jeder so fühlen und entsprechend urteilen oder wählen würde. Beim Gemeinsinn handelt es sich Kulenkampff zufolge um eine Art von Gefühl, nämlich die gefühlssichere oder gleichsam instinktiv richtige Wahl. Das Geschmacksurteil wird als Fall einer solchen Wahl verstanden. Heintel stimmt mit Kulenkampff überein. Pieper versteht den Gemeinsinn nicht als einen angeborenen Sinn, sondern als eine Fähigkeit, die sich durch den Gebrauch der reflektierenden Urteilskraft im intersubjektiven Diskurs über als schön empfundene Gegenstände zu allererst herausbildet. Vgl. H. Spremberg, Zur Aktualität der Ästhetik Immanuel Kants, Peter Lang, Frankfurt am Main, 1999, S. 86-88.

67  Vgl. Hannah Arendt, Das Urteilen. Text zu Kants Politischer Philosophie (Hg. von Ronald Beiner), Piper, München, 1982, S. 17.

68  Vgl. ebd., S. 83, sowie das Vorwort von Ronald Beiner als Herausgeber.

69  Vgl. ebd., S. 89.

70  Vgl. ebd., S. 89-90.

71  Vgl. ebd., S. 90.

72  Vgl. ebd.

73  Ebd.

74  Ebd., S. 91.

75  Vgl. ebd., S. 94.

76  Vgl. Volker Gerhardt, Immanuel Kants Entwurf >Zum ewigen Frieden<, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1995, S. 192, Fußnote. Vgl. dazu KU, B 160-161.

77  Vgl. G. Deleuze, Kants kritische Philosophie (übersetzt von Mira Köller), Merve Verlag, Berlin, 1990, S. 55.

78  Vgl. ebd.

79  Vgl. ebd., S. 58.

80  Ebd., S. 59.

81  Vgl. ebd., S. 59, S. 81.

82  Vgl. ebd., S. 59.

83  Ebd., S. 80-81.

84  Ebd., S. 104.

85  Vgl. ebd., S. 102-103.

86  Ebd., S. 104-105.

87  Vgl. ebd., S. 105.

88  Ebd., S. 105-106.

89  Vgl. ebd., S. 16. Deleuze weist darauf hin, dass das Erhabene eine Nichtübereinstimmung zwischen der Einbildungskraft und der Vernunft sei, indem er im Haupttext das Erhabene erwähnt. Und vor allem im Vorwort mit dem Titel ›Über vier Dichter-Sprüche, die die kantische Philosophie zusammenfassen könnten‹ verrät er seine Absicht, Kants Philosophie unter dem Gesichtpunkt der postmodernen Philosophie zu interpretieren.

90  Vgl. ebd., S. 16-17.

91  Vgl. J.-F. Lyotard, »Sensus Communis«, in: A. Benjamin (ed.), Judging Lyotard, Routledge, London and New York, 1992, S. 1.

92  Ebd., S. 2.

93  Vgl. ebd., S. 2-3.

94  In der englischen Version, aus der Lyotard zitierte, wurde dieses Wort mit ‘vergleichen’ übersetzt.

95  Vgl. ebd., S. 17.

96  Vgl. ebd.

97  Ebd., S. 15.

98  Ebd., S. 24.

99  Kulenkampff, ebd., S. 35.

100  Vgl. ebd., S. 35.

101  Vgl. ebd., S. 37-38.

102  Vgl. ebd., S. 40.

103  Vgl. ebd., S. 43-44.

104  Vgl. ebd., S. 44. Vgl. KU, B 26.

105  Vgl. ebd., S. 44.

106  Vgl. ebd., S. 46-47.

107  Vgl. ebd., S. 48.

108  Vgl. T. McCarthy, Ideale und Illusion (übersetzt von J. Schulte), Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1993, S. 9.

109  Vgl. ebd., S. 9.

110  Vgl. Habermas, ebd., S. 7.

111  Vgl. Habermas, ebd., S. 8-9. Dazu gibt es nach McCarthy einen erbitterten Meinungsstreit darüber, welche Form die Kritik der unreinen Vernunft eigentlichen annehmen sollte. „Auf der einen Seite stehen diejenigen, die im Gefolge Nietzsches und Heideggers die kantische Auffassung der Vernunft und des vernünftigen Subjektes unmittelbar an der Wurzel angreifen; und auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sie im Gefolge von Hegel und Marx soziohistorisch umgestalten.“ McCarthy, ebd., S. 9-10.

112  Vgl. Habermas, ebd., S. 16-17.

113  Ebd., S. 18.

114  G. Böhme, Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999, S. 13.

115  Ebd., S. 13.



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