7. Schluss

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In seiner Konzeption des Geschmacks als der reflektierenden ästhetischen Urteilskraft beginnt Kant damit, dass er den Geschmack als „das Vermögen der Beurteilung des Schönen“ (KU, B 3, Fußnote) bezeichnet. Des Weiteren sagt er: „Man könnte den Geschmack durch sensus communis aestheticus, den gemeinen Menschenverstand durch sensus communis logicus bezeichnen“ (KU, B 160, Fußnote). Von daher definiert er den Geschmack als „das Beurteilungsvermögen desjenigen, was unser Gefühl an einer gegebenen Vorstellung ohne Vermittlung eines Begriffs allgemein mitteilbar macht“ (KU, B 160) und darüber hinaus als „das Vermögen, die Mitteilbarkeit der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittlung eines Begriffs) verbunden sind, a priori zu beurteilen“ (KU, B 161).

Kant geht aber weiter und definiert den Geschmack als den ästhetischen Gemeinsinn auf einem gemeinschaftlich-gesellschaftlichen Horizont. Der Bestimmungsgrund des Schönen beim Geschmacksurteil, in dem man etwas als schön bezeichnet, war Kant zufolge zwar das interesselose Wohlgefallen, jedoch wird demselben Geschmacksurteil ein Interesse zugeschrieben, nachdem es als reines ästhetisches Urteil gegeben worden ist, anders ausgedrückt, ein Gegenstand unabhängig von der Aussicht auf Nutzen oder Gebrauch (ferner unabhängig von der Sicht auf Wahrheit sowie Moralität) lediglich als ästhetisch aufgefasst worden ist (vgl. KU, B 161-162). „Empirisch interessiert das Schöne nur in der Gesellschaft“ (KU, B 162).

Auf diese Weise bezieht Kant das Interesse ins Geschmackurteil mit ein und versucht den Geschmack nochmals zu definieren, unter der Vorraussetzung, dass man einräumen kann, dass der Trieb zur Gesellschaft für den Menschen etwas Natürliches ist und die Tauglichkeit sowie der Hang dazu, d. h. die Geselligkeit, eine zur Humanität gehörige Eigenschaft ist: Der Geschmack ist „ein Beurteilungsvermögen, alles dessen, wodurch man sogar sein Gefühl jedem anderen mitteilen kann“ (KU, B 162-163). Dies steht wiederum damit in Verbindung, dass Kant in § 56 die Antinomie des Geschmacks darlegt und anschließend in § 57 mit der Auflösung dieser Antinomie den Geschmack als eine reflektierende ästhetische Urteilskraft (KU, B 238) bezeichnet.

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Mithilfe des ästhetischen Gemeinsinns, also des Geschmacks als der reflektierenden ästhetischen Urteilskraft kann man, sofern das Allgemeine nicht gegeben ist, dieses durch Reflexion suchen. Ein solches Allgemeines ist nicht das, was vom Begriff bestimmt worden ist, sondern das, was der Urteilende dadurch erlangen kann, dass er sich über die subjektiven Privatbedingungen des Urteils hinwegsetzt und über sein eigenes Urteil reflektiert, indem er sich in die Sichtweise der Anderen versetzt, anders gesagt: durch die erweiterte Denkungsart (KU, B 159). Auf diese Weise kann man im Geschmacksurteil die Verallgemeinerbarkeit oder Universalisierbarkeit des Geschmacks finden. Ein solches Vermögen des Geschmacks ist nach Kants Diktion das Vermögen, die Mitteilbarkeit der Gefühle a priori zu beurteilen, anders ausgedrückt, das Vermögen, dass man Anderen seine Gefühle mitteilen kann und dabei die Gefühle der Anderen beachtet. Hierbei könnten wir von der Rationalität des Geschmacks sprechen. Auf diese Weise kann man Kants ästhetischen Gemeinsinn mit der Rationalität des Geschmacks verbinden, und dies sagt uns, dass Rationalität Gefühle wie Emotionales nicht ausschließt. Wenn wir auf diese Weise Kant mit der ästhetischen Rationalität zusammendenken können, können wir sie als die Rationalität des Geschmacks bezeichnen. Sie bedeutet wohl eine praktische Rationalität, bei der man auf Grundlage des Emotionalen seine eigenen Gefühle und die der Anderen beachtet und die vom Standpunkt der Verständigung und Solidarität erfasst werden kann. Dies könnte uns wohl einen Ansatz für die Erweiterung der Rationalität bieten.


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11.08.2008