4 Rolle der Immunologie

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Typische Spätkomplikationen von implantierten Allografts sind 1. Verkalkung des Klappenringes, 2. Verkalkungen innerhalb der Klappensegel und an den Kommissuren sowie 3. die Insuffizienz der Klappe. Besonders bei langen Zeiträumen in situ treten diese Erscheinungen offensichtlich auch infolge immunologischer Reaktionen auf. Die Zellmembranen der Klappen-Endothelzellen präsentieren MHC-Klasse I- und Klasse II-Antigen, wie sich in Immunfluoreszenzuntersuchungen nachweisen ließ. Für die Stärke einer immunologischen Reaktion spielt demzufolge die Vitalität der Endothelzellen eine wichtige Rolle, so dass eine Unterscheidung in der Art des verwendeten Allografts getroffen werden muß. So zeigen die meisten kryokonservierten Aortenklappen-allografts kaum immunologische Reaktionen, da sie durch die Gewinnungs-, Sterilisations- und Konservierungsverfahren sowie unterschiedlich lange Lagerungs-zeiträume aus avitalem, konserviertem und sterilem Gewebe bestehen und weder lebende Endothelzellen noch Stromazellen zeigen. Sie sind also azellulär und weisen kaum immunologische Aktivität auf. Demgegenüber erwiesen sich allovitale (=frische), nicht kryokonservierte Herzklappen als Antigene. Dass trotzdem einige kryokonservierte Herzklappen vital sein können, hängt mit ihrem Vitalzustand vor der Konservierung sowie mit der Konservierungs- und Auftautechnik zusammen. Besonders immunkompetente Patienten wie Kinder und junge Patienten zeigen im Vergleich zu älteren Patienten eine höhere immunologische Aktivität. Damit besteht für sie ein erhöhtes Risiko, früher postoperativ eine Homograftinsuffizienz aufgrund immunologisch bedingter, inflammatorischer und schließlich degenerativer Prozesse zu entwickeln, als dies bei älteren Patienten zu vermuten wäre. Die herausragende Rolle von vitalen Kollagenfasern, welche aufgrund ihrer langsamen metabolischen Prozesse als eine der Determinanten für die Langzeithaltbarkeit gelten, wurde experimentell demonstriert (6-8 ,20,50 ). Ebenso konnte gezeigt werden, dass eine blutgruppen- und rhesuskompatible Implantation keinerlei Einfluß auf den Erfolg oder das Versagen eines aortalen allogenen Transplantates hatte. Somit tragen zirkulierende Blutgruppen- und Rhesusfaktorantikörper nicht zum allogenen Klappenversagen bei und die Implantation blutgruppen- und rhesuskompatibler Allografts ist nicht notwendig (71).


Im Deutschen Herzzentrum Berlin sehen wir den Allograft-Klappenersatz als
„rescue-Operation“ , als rettende chirurgische Maßnahme bei florider Aortenklappenendokarditis. Damit werden immunologisch bedingte strukturelle Alterationen des Allografts akzeptiert, um gegebenenfalls später, im infektfreien Intervall, eine konventionelle und haltbarere Aortenklappenprothese implantieren zu können (S.18).


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08.11.2005