Humboldt-Universität zu Berlin

Inaugural-Dissertation

Wissenschaftliche Bildung im Alter -
ein Beitrag zur Emanzipation der Frau?
- eine qualitative empirische Studie -

Zur Erlangung des akademischen Grades Doktorin der Philosophie

Philosophische Fakultät IV, Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin

Helga Köhler
geb. Gerlach, geb. 19.09.1937, Lauban/Schlesien

Dekan: Dekan der Philosophischen Fakultät IV Professor Dr. Dietrich Benner

Gutachter:
1. Professor Dr. Ortfried Schäffter
2. Professor Dr. Jürgen Wittpoth

eingereicht:26. September 2003

Datum der Promotion:24. Mai 2004

Zusammenfassung

Wissenschaftliche Bildung im Alter - ein Beitrag zur Emanzipation der Frau?

Die Verfasserin legte ihrer Dissertation folgendes Bildungsverständnis zugrunde:

Der Mensch bedarf während seines ganzen Lebens, also auch im Alter, der Bildung.

Gemeint ist dabei nicht ein von der Umwelt intendiertes Einwirken auf den Menschen mit dem Ziel, diesen zu „bilden“ im Sinne von beeinflussen und formen, sondern ein aktiver, selbstgestalteter, selbstverantwortlicher Akt des Individuums, der sich jedoch im wesentlichen in Interaktionen mit anderen vollzieht. Namhafte deutsche Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sehen in diesem Akt der Bildung ein Medium der „Verjüngung“, ein Instrumentarium zur Emanzipation. In ihren Überlegungen folgen sie dem Bildungsbegriff, wie ihn der Deutsche Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen 1960 in seinem Gutachten formulierte:

„Gebildet im Sinne der Erwachsenenbildung ist jeder, der in der ständigen Bemühung lebt, sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu verstehen und in diesem Verständnis gemäß zu handeln“.

In Abgrenzung gegenüber einem ideologisierten Bildungsbegriff und seinem möglichen assoziativen Verknüpfungen mit Wissensvermittlung, individualistischer Persönlichkeitsbildung und einer gesellschaftlichen Neutralität wird ein Verständnis von Bildung im Alter expliziert, dem die Verfasserin die Begriffe Ganzheitlichkeit, Emanzipation und Lebensrelevanz zuweist.

Die Frage, wer denn der Bildung fähig sei und wer ihrer bedürfe, wurde in den verschiedenen Epochen unterschiedlich beantwortet. Die Frauenbewegungen sind Teil des großen Individualisierungs- und Emanzipationsprozesses, der mit Renaissance und Reformation begann und seit dem 18. Jahrhundert vom Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution (Menschenrechtserklärung) sowie von wissenschaftlichen und ökonomischen Veränderungen (Technisierung und Industrialisierung) beeinflusst wurden. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bildungsbegriff nicht eingeengt auf Erziehung und Unterricht, sondern wurde als Spezifikum des Menschen in allen Altersstufen für möglich erachtet.

Eine Reihe tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen innerhalb der letzten 100 Jahre haben dazu beigetragen, dass Altern heute als Aufgabe gesehen wird, die sowohl von dem Einzelnen als auch von der Gesellschaft bewältigt werden muss (vgl. Schäffter 1998). Der Wissenschaftsvorsprung alter Menschen in traditionellen Gesellschaften hat in der heutigen technisierten Gesellschaft an Bedeutung verloren. Lernen wird zu einem wesentlichen Integrationsfaktor und ermöglicht gesellschaftliche Partizipation. Daraus ist zu folgern: Lebenslanges Lernen ist in einer Gesellschaft rapiden Wandelns zu einer Existenznotwendigkeit geworden. Es gewährleistet dem Individuum Gesundheit in Form psycho-physischem Wohlbefindens und verzögert den unvermeidbaren Altersabbau.

Das Defizit-Modell (Lehr 1991, 78-105), das Alternsprozesse als einen irreversiblen Abbau von Leistungsfähigkeit einstufte und somit Anlass zu pädagogischem Pessimismus gab, wurde durch lern- und entwicklungspsychologische Erkenntnisse weitgehend korrigiert (a.a.O. 105-128). Die geistige Leistungsfähigkeit des älteren Menschen ist danach keineswegs einem endogen bedingten Abbau unterworfen. Es lassen sich Lernpotentiale durch geeignete Förderung und Stimulierung erhalten und noch weiter ausbauen, wie „Lernen und Bilden im Rahmen der Konzeption einer personal-emanzipatorischen Lerntheorie“ hervorhebt. Grundlage ist jedoch, dass zunächst die Bildungsabstinenz alter Menschen überwunden und die Einsicht gefördert werden muss, dass Lernen die Lebensqualität erhöht (vgl. Schäffter 1998, 124-130).

Ältere Menschen bilden eine in bezug auf Schichtzugehörigkeit, Bildungsbiographie und individuelle Lebensgestaltung inhomogene Gruppe. Auf der Grundlage der individuellen und subjektiven Situation der älteren Generation sind in Lernprozessen die Interessen, Bedürfnisse und spezifischen Lebensprobleme dieser Gruppe gezielt einzuleiten. Die Axiome Lebensnähe und Lebensbewältigung bilden selektive Kriterien bei der Auswahl von Lerninhalten. Aus dieser Perspektive, so sieht es die Verfasserin, postuliert Bildung sich als sozial-praktischer Begriff, der sich zwar auch an klassischen Basisnormen orientiert, aber ebenso eine konkrete handlungsleitende Funktion in der Bewältigung von Lebenslagen des Individuum erfüllt (Tews 1993, 234). Die Frage nach den Zielen von Gerontagogik verweist auf die Schwierigkeit, Bildungsziele zu benennen, die für die unterschiedlichen Zielgruppen Geltung haben.

Auch steht Bildung im Alter in Begründungszusammenhängen mit anthropologischen Überlegungen. Da der Alternsprozess ein individuelles, in den verschiedenen Funktionsbereichen unterschiedlich verlaufendes Geschehen darstellt, antwortet jede Person auf die Anforderungen und Aufgaben des Alters in einer ihr eigenen Weise. Thomae und Lehr bezeichnen diesen Prozess als soziales, epochales und ökologisches Schicksal, in dem „objektiv vergleichbare Situationen unterschiedlich erlebt werden“ (Lehr u.a. 1987, 8). Beeinflusst durch Vergangenheit, die gegenwärtige Situation und die Zukunftserwartungen formt und festigt sich in dem älteren Menschen eine individuelle Lerngeschichte, die zur Weiterbildung motiviert bzw. demotiviert.

In dieser Arbeit werden die Begriffe Alltagsnähe und Lebensrelevanz als wichtige Charakteristika von Bildung im Alter herausgestellt. Die Verfasserin postuliert damit ein Bildungsverständnis, das keinem Selbstzweck und keinem Bildungsideal dient, sondern sich an der subjektiv erlebten Wirklichkeit des Bildenden orientiert. Die persönliche Lebensbereicherung steht im Vordergrund (vgl. Sagebiel 2000, 314); in realistischer Orientierung wird Lebenshilfe zur zentralen Kategorie der Erwachsenenbildung. Für die Gerontagogik hat diese Intention von Bildung insofern besondere Berechtigung, da ältere Menschen in unserer Gesellschaft unter erschwerten Bedingungen altern, wie in den Ausführungen differenziert dargestellt.

Der Gesellschaft erwächst dadurch die Verpflichtung, ein humanes Altern zu ermöglichen. Es gehört zur Aufgabe der Wissenschaft, sich verständlich zu machen und öffentlich zu sein (vgl. Schäffter 1998, 97-131). Eine Gesellschaft muss angesichts der demographischen Entwicklung der älteren Generation ein Interesse daran haben, dass diese Population selbständig und kompetent ihre Erfahrungen in den Prozess gesellschaftlichen und politischen Wandels einbringt.

Hochschulen und Universitäten üben auf immer mehr ältere Erwachsene eine große Anziehungskraft aus. Nach meinen Studienerkenntnissen ist dieser Trend nicht mit dem besonderen Sozialprestige, das der Besuch einer Hochschule mit sich bringt, zu erklären. Vielmehr entspringt er – subjektiv betrachtet – einem vorhandenen Bedarf an wissenschaftlicher Weiterbildung. Sie wird von den Älteren als ein Beitrag zur Steigerung ihrer Lebensqualität in einem umfassenden Sinne empfunden.

Die Entwicklung zur Emanzipation der interviewten Frauen wurde in dieser Arbeit unter den Aspekten Bildungsverständnis, Bildungsbereitstellung, Bildungsmöglichkeiten, Bildungsbereitschaft und Bildungsaneignung vorgestellt. Die herausgearbeiteten Perspektiven beziehen sich in der Empire im wesentlichen auf folgende Bereiche:

  1. Biographischer Hintergrund, Konditionierung, Bildungsweg, Ehefrau und Mutterrolle,
  2. Studienmotivation, Stellenwert und Verkraftung des Studiums, Resonanz von Familie und Freundeskreis,
  3. Erfahrungen im Studium, Institutionserfahrungen, Kontakte zu Senioren- und Regelstudierenden, Beeinflussung als Frau,
  4. Bilanzierung und Zukunftsvisionen, Resümee.

Es war mein Hauptanliegen, ein spezifisches Verständnis von Bildung im Alter anhand verschiedener Bildungskonzepte vorzustellen, dabei sollten die während meines Studiums (Senioren- und Regelstudium) gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen berücksichtigt werden. Ich möchte begründen, was mich bewogen hat, diese besondere Form der Bildung zu wählen:

Mein Studium erfolgte aus kompensatorischen Gründen – einer späten Stunde der Emanzipation – für entgangene Bildungschancen. Ich betrachte das späte Studium als einen Akt der Lebensgerechtigkeit.

Aufgrund der intergenerationellen Studienmöglichkeiten an der BUGH Wuppertal, konnte ich folgende Beobachtungen registrieren:

Als sehr positiv empfand ich die Akzeptanz durch DozentInnen und jüngere StudentInnen. Meine Teilnahme am normalen Studienbetrieb wurde als Selbstverständlichkeit hingenommen. Ich – als ältere Studierende – unterschied mich wesentlich von jüngeren Studierenden, da ich nicht mehr ausschließlich an einer anwendungsorientierten Wissensvermittlung interessiert war, jedoch stellten ProfessorInnnen und DozentInnen die gleichen Studienanforderungen an mich wie an jüngere Studierende. Aus meiner persönlichen Erfahrung konnte ich feststellen, dass mich das ausschließlich auf junge Menschen ausgerichtete Studium – mit wenigen Ausnahmen – nicht überforderte. Ich fühlte mich nicht nur von den jüngeren Studierenden akzeptiert, sondern wurde auch in Seminaren und bei wissenschaftlichen Arbeiten um Rat und Hilfe gefragt.

Ein wesentlicher Grund meines Studiums war die sinnvolle Ausfüllung der nach Berufs- und Familienphase verbleibenden Jahre.

Der Abschluss meines Studiums bedeutete aber nicht für mich das Ziel erreicht zu haben, sondern es ist ein Zwischenstadium der Weiterbildung.

Die Universität wird auch weiterhin größere Anziehungskraft auf mich ausüben, weil ich der Auffassung bin, dass sie durch Kommunikation und Interaktion einerseits mein Leben bereichert, andererseits mir das Wissen vermittelt, mein Alter optimaler und sinnvoller gestalten zu können.

Abstract Deutsch

„Wissenschaftliche Bildung im Alter – ein Beitrag zur Emanzipation der Frau?“

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage, inwieweit die wissenschaftliche Bildung älterer Erwachsener, hier speziell von Frauen, emanzipative Potenziale hervorbringt und befördert.

Anhand der empirischen Untersuchung von Seniorstudiengängen an zehn ausgewählten deutschen Hochschulen wird untersucht, welche persönlichkeitsformenden emanzipativen Effekte das Seniorstudium entwickelt. Im Sinne einer theoretischen Kontextualisierung der Arbeit wird dabei zunächst gefragt, wie sich Emanzipation im Feld von Bildungs- , Alters- und Geschlechterforschung darstellt. Dabei nimmt die vorliegende Untersuchung insbesondere Bezug auf die so genannte „reflexive Wende“ in der Erwachsenenbildung, die ausgehend von Alltag und Lebenswelt der Subjekte Bildung als lebenslangen Gestaltungsprozess definiert, sowie auf den „Strukturwandel des Alters“ und aktuelle Konzepte eines selbstgesteuerten Lernens im Alter. Die Arbeit liefert weiterführende Erkenntnisse darüber, wie sich geschlechterdifferente Ausgangslagen und Sozialisation auf Studienverhalten und Studienergebnisse, aber auch auf die Persönlichkeitsentwicklung insbesondere von Frauen im Seniorenstudium auswirken. Dass Frauen, die bundesweit zwei Drittel aller Seniorstudierenden bilden, trotz ungünstigerer Ausgangslagen gleichwohl einen größeren Anteil bei den Zertifikatsabschlüssen belegen, deutet auf eine hohe Motivation und nicht zuletzt ein erhebliches (nachholendes) Interesse nach selbstbestimmter Lebensgestaltung im Alter hin. Sie nehmen Lebenskrisen und Brüche zum Anlass der Neuorientierung und Weiterentwicklung durch Lernen im Alter. Zu konstatieren sind letztlich deutliche emanzipative Effekte, die sich in einem Zuwachs an Kompetenz, Status und dem damit einhergehenden Selbstbewusstsein äußern.

Eigene Schlagworte: BILDUNG, ALTER, GESCHLECHT, EMANZIPATION

Abstract English

"Academic education for senior citizens – a contribution to the emancipation of women?"

The starting point of this work is to question how far academic education for senior citizens generates and promotes emancipative potential, dealing in this case specifically with women. On the basis of the empirical study of courses for senior citizens at ten selected German colleges, it was investigated which personality forming emancipative effects are developed by these courses. In the sense of a theoretical contextualisation of this work, it was initially questioned in the process of the study how emancipation is reflected in the fields of educational, age and gender research. The work at hand included specific reference to both the so-called “reflexive turning point” in adult education, which defines education as a life long design process based on the everyday life and environment of the subject, as well as the “structural transformation of ageing” and current concepts of a self-directed learning with age. The study provided continuative insights into the effects of differing gender starting points and socialization on study behavior and results, but also into personality development, especially that of women in senior citizen study courses. Despite their unfavorable starting point, women, who nationally make up two thirds of all senior citizen students, take up a larger share of the graduation certificates. This indicates a high motivation and not lastly a considerable (rallying) interest towards a self-determined life as senior citizens. They take life crises and disruptions to prompt new orientation and further development by means of learning in older age. Clear emancipative effects are ultimately to be stated, manifesting themselves in a growth of competence, status and the associated self-confidence.

Keywords: EDUCATION, AGE, GENDER, EMANCIPATION

Inhaltsverzeichnis

Tabellen

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30.08.2005