5 Seniorenstudiengänge an deutschen Hochschulen

5.1 Zur Geschichte des Seniorenstudiums

↓78

An 52 deutschen Hochschulen existieren mittlerweile wissenschaftliche Weiterbildungsangebote für Seniorstudierende (vgl. Wallraven 2000, 198). So haben beispielsweise im Wintersemester 1998/1999 fast 30.000 ältere Erwachsene die Möglichkeit eines Seniorenstudiums wahrgenommen (ebd.). Diese stetig anwachsende Zahl der Seniorstudierenden ist das Ergebnis eines über mehrere Jahrzehnte langen Weges der Hochschulen und Universitäten zum Seniorenstudium.

Nach dem zweiten Weltkrieg öffneten sich in den damaligen westlichen Besatzungszonen Universitäten für die Weiterbildung Erwachsener (Anlage 1). Auf Initiative der britischen Kulturabteilung der Kontrollkommission starteten auf einer Konferenz in Hannover die ersten Versuche, eine neue Erwachsenenbildung aufzubauen. Bei der Einrichtung von Weiterbildungszentren (extramuralen Departments) nach englischem Vorbild kooperierten die Initiatoren eng mit den klassischen Trägern der Erwachsenenbildung, den Volkshochschulen und anderen Institutionen. Die erste „Universität des Dritten Lebensalters“, „Universitès du Troisième Age“, wurde 1973 durch Pierre Vellas in Frankreich, Toulouse, gegründet. In Deutschland, das in dieser Zeit bereits ein ausgebautes System der Erwachsenenbildung besaß, setzte die Entwicklung etwas verzögert und zurückhaltender ein. Dass jedoch auch hier ein sozialer Bedarf an gehobener Allgemeinbildung bestand, kündigte sich schon in der Gründung etlicher „Altenakademien“ an, die teilweise schon vor dem Hochschulrahmengesetz 1976 erfolgten – z.B. 1966 die „Mannheimer Altenakademie“, 1973 die kirchliche „Akademie der älteren Generation“ Karlsruhe sowie 1974 die „Akademie der Pädagogischen Hochschule Ruhr“ in Dortmund. Die letztgenannte Institution spielte bei der Entwicklung des späteren Modells eines Seniorenstudiums an der Universität Dortmund eine wichtige Rolle.

Wann und wo in der Bundesrepublik das erste Seniorenstudium aufgenommen wurde, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Zwar wurden bereits im Januar 1956 an elf niedersächsischen Volkshochschulen erste „Seminarkurse in Verbindung mit Instituten und Seminaren der Universität Göttingen“ (vgl. Tietgens 1988, 9) eingerichtet, die ersten vorbereitenden Schritte für ein explizites Seniorenstudium setzten aber offensichtlich erst 1978 ein. (vgl. Zahn 1993, 83)

↓79

In der Bundesrepublik waren es insbesondere GerontologInnen verschiedener Universitäten, die an einer Öffnung der Hochschule für die höheren Altersgruppen arbeiteten. Ihr Ziel war es, im Sinne einer Chancengleichheit für alle die Hochschulen für diejenigen Zielgruppen zu öffnen, die bisher keine Hochschulzugangsberechtigung hatten. Folgende Meilensteine kennzeichnen diesen Weg:

In den folgenden Jahren zeichnete sich durch diese ersten Modellversuche, ein zunehmendes Interesse auch politischer Gremien an der Öffnung der Universitäten für Ältere ab (vgl. Veelken 2000, 185). Zwischen 1981 und 1987 fanden drei internationale Workshops zur Öffnung der Universität für ältere Erwachsene statt.

↓80

1984 entstand die Bundesarbeitsgemeinschaft zur Öffnung der Hochschulen für ältere Erwachsene (BAG). Sie ist ein Zusammenschluss von Universitäten, die sich an den neuen Weiterbildungsmodellen beteiligen. Als bildungspolitisches Forum will die BAG den Informationsaustausch zwischen den Universitäten befördern und die Öffnung der Universitäten für ältere Erwachsene konzeptionell vorantreiben.

5.2 Konzeptionelle Entwicklungen und Angebotsprofile

In über 20 Jahren konzeptioneller Entwicklung der Weiterbildung älterer Erwachsener und in der Praxis des Seniorenstudiums entstanden an den einzelnen Universitäten und Hochschulen spezifische Angebotsprofile, die zum einen auf die Fach- und Lehrstruktur der jeweiligen Einrichtung zurückgehen, zum anderen aber auch Ergebnis begleitender Evaluationen und Analysen zur wissenschaftlichen Weiterbildung älterer Erwachsener sind. Entsprechend der sich wandelnden Ausgangsbedingungen für die wissenschaftliche Weiterbildung älterer Erwachsener (vgl. Kap. 2 zu „Strukturwandel des Alters“, Entberuflichung, Feminisierung, Singularisierung, Hochaltrigkeit) wandelte sich gleichzeitig auch die programmatische Ausrichtung des Seniorenstudiums. Malwitz-Schütte verdeutlicht diesen Wandel anhand der sich verändernden Selbstbezeichnung der Bundesarbeitsgemeinschaft zur Beförderung der Weiterbildung älterer Erwachsener an den Hochschulen:

↓81

„1984 gegründet als BAG ‚Öffnung der Hochschulen Älterer‘ wurde der Name 1996 geändert in BAG WIWA – wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere. Von einer programmatischen Forderung nach ‚Öffnung‘ führte der Weg zur Konsolidierung, zur ‚Wissenschaftlichen Weiterbildung für Ältere‘“ (Malwitz-Schütte 1998, III)

Die Tatsache, dass Universitäten auch generationenübergreifende Funktionen zu erfüllen haben und damit einer gesellschaftliche Verpflichtung folgen, ist in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem verinnerlichten Selbstverständnis vieler Universitäten geworden, die sich nicht zuletzt in den entsprechenden Hochschulgesetzen niederschlagen.

Dabei finden die in den letzten Jahrzehnten geführten auch interdisziplinären Diskussionen zur Altersforschung zunehmend Eingang in die Konzepte wissenschaftlicher Weiterbildung älterer Erwachsener. Die Modifizierbarkeit von Entwicklung, die Lernfähigkeit bis ins hohe Alter, ein nicht-statisches Verständnis von Alter, die Kompetenztheorien des Alterns und letztlich die entwicklungspsychologischen Befunde zum konstruktivem Altern bestimmen die konzeptionellen Grundlagen der spezifischen Angebotsprofile wissenschaftlicher Weiterbildung in den Senior-Studiengängen.

↓82

Entsprechend ihres bildungspolitischen Ansatzes, der Struktur und Zielsetzung haben sich folgende Angebotsprofile wissenschaftlicher Weiterbildung für Seniorstudierende an Hochschulen und Universitäten herausgebildet:

Die so gewachsenen grundlegenden Angebotsprofile des Seniorenstudiums erfahren je nach Universität verschiedene Ausformungen und werden durch weitere konzeptionelle Ansätze und Weiterbildungsprogramme ergänzt bzw. erweitert. Genannt werden können hier z.B.

↓83

Die folgende systematisierende Darstellung des Seniorenstudiums an deutschen Hochschulen zielt darauf, die jeweiligen Spezifik und das Wirkungspotenzial der wissenschaftlichen Weiterbildung älterer Erwachsener in ihren institutionellen Voraussetzungen vorzustellen. Hierzu erfolgt eine sekundäranalytische Auswertung bisheriger Analysen und Diskussionen zur Theorie und Praxis des Seniorenstudiums. Statistische Daten, z.T. durch die Autorin selbst erhoben, z.T. aus bestehenden Quellen entnommen, werden in die Darstellung einbezogen.

Die Auswahl der Universitäten erfolgte zum einen anhand der obengenannten Angebotsprofile von Seniorstudiengängen an deutschen Universitäten, die als Grundmodelle des Seniorenstudiums gelten können. Dabei wird mindestens eine Universität exemplarisch für eines der Grundprofile dargestellt. Ein besonderes Augenmerk gilt den in drei Jahrzehnten Seniorenstudium entwickelten innovativen Studien- und Lernformen im Rahmen des Seniorenstudiums. Die Programme „Studieren ab 50“ (Universität Bielefeld, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – (Kap. 5.5 und 5.6), das „Selbstgesteuerte Lernen“ (Universität Bielefeld, Kap. 5.5.2) sowie das „Forschende Lernen“ (Universität Ulm, Kap. 5.7.2) bilden hier einen besonderen Schwerpunkt. Diskutiert werden zudem aktuelle Themenfelder aus der Theorie und Praxis des Seniorenstudiums, die auf zukünftige konzeptionelle Entwicklungen des Seniorenstudiums verweisen.

↓84

Einbezogen in die Darstellung werden nicht zuletzt die Erkenntnisse und eigenen Erfahrungen der Autorin als Absolventin eines Seniorenstudiums.

Das Kapitel schließt ab mit einer zusammenfassenden Darstellung aktueller Tendenzen und Entwicklungen der Seniorenstudiengänge an deutschen Hochschulen.

5.3 Seniorenstudium für eine nachberufliche Tätigkeit: „Dortmunder Modell“ und „Berliner Modell“

Das „Dortmunder Modell – Weiterbildendes Seminar für Senioren“ reicht in seiner Entstehung in die Anfangszeit der akademischen Seniorenbildung in Deutschland zurück. Das zertifikatsorientierte und nach festen Lehrprogrammen strukturierte Seniorenstudium für eine nachberufliche Tätigkeit wurde auf Initiative von Senioren/innen an der Universität Dortmund gegründet.

↓85

1975 wurde an der damaligen Pädagogischen Hochschule Ruhr, Abteilung Dortmund, die „Altenakademie“ auf der Basis eines Vereins gegründet, der sich für die Öffnung regulärer Veranstaltungen der Universität für Ältere einsetzte und bald die Unterstützung von Professoren und Hochschulleitung fand. 1980 initiierte die Universität einen von der Bund-Länder-Kommission geförderten Modellversuch „Entwicklung und Erprobung eines Studienangebotes für Senioren zur Ausbildung von Animateuren und Multiplikatoren“. Bereits seit 1978 hatte sich eine spezielle Arbeitsgruppe mit dem Projekt eines qualifizierenden inhaltlich strukturierten Studiums von Senioren/innen beschäftigt. 1985 wurde der Modellversuch abgeschlossen und nach Bestätigung durch das Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen als „Weiterbildendes Studium für Seniorinnen und Senioren“ von der Universität Dortmund als „Studiengang für nachberufliche ehrenamtliche Tätigkeiten“ angeboten.

Wie auch das ähnlich ausgerichtete „Berliner Modell: Ausbildung für nachberufliche Arbeitsbere i che – BANA“ an der Technischen Universität Berlin ist das Seniorenstudium an der Universität Dortmund ein zertifikatsorientiertes verlaufsstrukturiertes wissenschaftliches Weiterbildungsangebot, das darauf zielt, älteren Erwachsenen die Möglichkeit für eine nachberufliche Tätigkeit zu eröffnen.

Die spezielle Ausrichtung auf eine nachberufliche Tätigkeit wie auch der intergenerative Ansatz, der ältere Studierende ab 50 und jüngere Erststudierende in gemeinsamen Lehrveranstaltungen zusammenführt, machen die Spezifik des Dortmunder Modells aus. Studieninhalte und Studienverlauf sind strukturiert, erlauben aber gleichzeitig die flexible Selbstplanung des Programms durch die Studierenden. Nach einem Orientierungssemester folgen vier Studiensemester mit mindestens zwölf Semesterwochenstunden sowie ein Praktikum in einem selbstgewählten Betätigungsfeld, das mit einem Praktikumsbericht abschließt. Die Studiendauer beträgt 2 1/2 Jahre. Eine Abschlussarbeit mit einem bewerteten Teilnahmezeugnis beendet den Studiengang. Es wird in Gruppen studiert, deren Größe auf maximal 50 Teilnehmer limitiert ist. Die Organisation des Studienganges obliegt dem Projektbereich „Weiterbildung von Senioren“, der in die Zentralstelle für Weiterbildung eingegliedert ist. Die fachliche Anbindung und Verantwortlichkeit liegt bei den Fachbereichen Gesellschaftswissenschaft, Philosophie und Theologie. Schwerpunktmäßig werden demnach insbesondere die Fächer Soziale Gerontologie und Geragogik, Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Theologie belegt.

↓86

Das seit 1985 existierende Berliner „Berliner Modell: Ausbildung für nachberufliche Arbeitsbere i che – BANA“ an der Technischen Universität Berlin ist ein viersemestriges Studium, das seinen Schwerpunkt auf praxisorientierte Projekte als festen Bestandteil des Lehrprogramms setzt. Bei der Zulassungsvoraussetzung, die eine Berufsausbildung und eine zehnjährige Berufspraxis umfasst, wird die Familienarbeit explizit als Berufspraxis anerkannt. Somit trägt dieses Studienmodell der spezifischen Sozialisation insbesondere von Frauen Rechnung, die mit zwei Dritteln – und dies bundesweit – den Hauptanteil der Seniorenstudierenden bilden. Während des zertifikatsorientierten Studiums sind Leistungsscheine zu erbringen, es schließt mit einer schriftlichen Arbeit sowie einer mündlichen Prüfung ab. Das Besondere dieses Modells besteht darin, dass die AbsolventInnen entsprechend der inhaltlichen Schwerpunktsetzung – Ökologie im lokalen Umfeld, Ernährung und Gesunderhaltung, Stadt und Kommunikation – mit einem Zertifikat als Ökologie-Assistent/in, als Ernährungstrainer/in oder als Kommunalberater/in in die nachberufliche Arbeitswelt eintreten können.

5.3.1 Die TeilnehmerInnen

Im Durchschnitt nehmen pro Semester 70-80 Studierende am BANA-Weiterbildungsprogramm teil. Zwei Drittel der Teilnehmenden schließen mit einem Zertifikat ab (vgl. Schneider 1998, 296). Seit 1985 waren relativ konstant an die 80 % der Studierenden Frauen. Wenn man bedenkt, dass die Hälfte der weiblichen Studierenden in ihrem Berufsstatus Hausfrauen waren, zeigt sich hier eine erhebliche Qualifizierungsquote unter den Frauen.

Tab. 1: „Berliner Modell – BANA“ - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1991-2001

  

Anzahl /TN

 

Gesamt

Zertifikat

Ges. Besch.

 

Gesamt

 

Semester

 

männl

weibl.

   

männl

Weibl.

 

männ

weibl.

 

Abschl.

 
               

SS 91

 

keine Angaben

0

 

keine Angaben

keine Angaben

0

 

WS 91/92

 

"

"

 

0

 

"

"

 

"

"

 

0

 

SS 92

 

"

"

 

0

 

"

"

 

"

"

 

0

 

WS 92/93

 

"

"

 

0

 

"

"

 

"

"

 

0

 

SS 93

 

"

"

 

0

 

"

"

 

"

"

 

0

 

WS 93/94

 

"

"

 

0

 

"

"

 

"

"

 

0

 

SS 94

 

1

37

 

38

 

0

5

 

0

0

 

5

 

WS 94/95

 

11

47

 

58

 

0

3

 

0

0

 

3

 

SS 95

 

11

57

 

68

 

0

8

 

0

3

 

11

 

WS 95/96

 

14

64

 

78

 

0

6

 

0

2

 

8

 

SS 96

 

20

77

 

97

 

2

12

 

3

4

 

21

 

WS 96/97

 

16

84

 

100

 

1

5

 

1

6

 

13

 

SS 97

 

13

86

 

99

 

1

12

 

2

7

 

22

 

WS 97/98

 

10

77

 

87

 

3

8

 

2

8

 

21

 

SS 98

 

3

70

 

73

 

1

8

 

2

17

 

28

 

WS 98/99

 

2

66

 

68

 

0

10

 

0

2

 

12

 

SS 99

 

5

53

 

58

 

0

1

 

1

8

 

10

 

WS 99/00

 

8

71

 

79

 

0

6

 

0

7

 

13

 

SS 00

 

10

41

 

51

 

0

9

 

1

5

 

15

 

WS 00/01

 

9

52

 

61

 

1

2

 

0

5

 

8

 
               

Summe

 

133

882

 

1.015

 

9

95

 

12

74

 

190

 

Eigene Erhebung der Autorin nach Datenmaterial von „BANA“

↓87

Mit einem Durchschnittsalter von 53 bei Frauen und 50 Jahren bei den Männern gehört das Weiterbildungsprogramm „BANA“ zu von eher jüngeren Studierenden besuchten Einrichtungen.

Tab. 2: „Berliner Modell – BANA“ - Seniorstudierende nach Alter und Geschlecht 1991-2000

  

SS 1991

 

SS 1994

 

SS 2000

Alter/Jahre

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

          

bis 50

 

keine Angaben

 

1

19

 

0

7

          

51 – 60

 

"

"

 

0

17

 

3

24

          

61 – 70

 

"

"

 

1

1

 

4

11

          

über 70

 

"

"

 

0

0

 

0

0

          

Gesamt

 

"

"

 

1

37

 

7

42

Eigene Erhebung der Autorin nach Datenmaterial von „BANA“

„Dortmunder Modell“

↓88

Am Seniorenstudium der Universität Dortmund nahmen vom Sommersemester 1993 bis zum Wintersemester 2000 insgesamt 304 Studierende teil. Davon schlossen 231 mit Zertifikat ab, 73 erzielten einen Abschluss ohne Zertifikat.

Tab. 3: „Dortmunder Modell“ - Einschreib- und AbsolventenInnenzahlen 1993-2000

Eigene Erhebung der Autorin nach Datenmaterial der Universität Dortmund

Es partizipierten vom Sommersemester 1993 bis Wintersemester 2000 insgesamt 304 Zertifikats-TeilnehmerInnen in den einzelnen Studiengruppen. Davon schlossen 231 mit Zertifikat ab, 73 erzielten einen Abschluss ohne Zertifikat. Außerdem befanden sich noch 1.578 KontaktstudentInnen unter den Studienteilnehmern, so dass sich die Zahl der Studierenden auf 1.882 erhöhte

↓89

Im Zuge einer internen Untersuchung an der Universität Dortmund wurden 1996 die schulischen, familiären, beruflichen Hintergründe der Seniorstudierenden an der Dortmunder Universität im Erhebungszeitraum zum Ende des Sommersemesters 1995 und im Wintersemester 1995/96 erfasst. (Folgende Angaben nach: Pfaff/Amgilletta, unveröffentlichtes Manuskript 1996) Daraus ergibt sich folgendes Bild:

74 % der Seniorstudierenden in Dortmund waren in dieser Zeit Frauen und 26 % Männer. Mit einem Durchschnittsalter von 59,7 Jahre gehörte die Mehrheit der Seniorstudierenden zu den „jungen Alten“ und damit zum typischen Klientel des Seniorenstudiums.

Der heterogene Bildungshintergrund steht für die demokratische Öffnung der Hochschulen. 4/5 aller Studenten/innen haben keinen Abiturabschluss, fast die Hälfte verfügt über die mittlere Reife. 70% aller Studierenden hat eine Lehre bzw. eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich abgeschlossen. Die Hälfte der männlichen Studenten, aber nur 4 % der Frauen waren in ihrem Berufsleben in höheren Positionen tätig. Nur 12% der männlichen Studenten waren Industriearbeiter, ca. 30 % der Frauen Angestellte und Sekretärinnen.

↓90

Die hier wie auch im Berliner Modell impliziten geschlechtsspezifischen Unterschiede haben Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Interessenlage von Frauen und Männern im Seniorenstudium, die im Kapitel 5.4 am Beispiel der Bergischen UniversitätGesamthochschule Wuppertal genauer darzustellen sind.

„Dortmunder Modell“

Seniorstudierende nach Alter 1995/1996

↓91

Tab. 4: 14.Studiengruppe

Geschlecht

Anzahl

in Prozent

-Alter

männlich

8

22,86

63,62

weiblich

27

77,17

60,59

Gesamt

35

100

61,29

Tab. 5: 15. Studiengruppe

Geschlecht

Anzahl

in Prozent

-Alter

männlich

8

17,4

63,25

weiblich

38

82,6

60,13

Gesamt

46

100

60,67

Tab. 6: 16. Studiengruppe

Geschlecht

Anzahl

in Prozent

-Alter

männlich

15

27,78

59,6

weiblich

39

72,22

57,26

Gesamt

54

100

57,9

↓92

Tab. 7: 17. Studiengruppe

Geschlecht

Anzahl

in Prozent

-Alter

männlich

19

33,93

62,42

weiblich

37

66,07

58,41

Gesamt

56

100

59,77

Angaben nach: Pfaff/Amgilletta, unveröffentlichtes Manuskript 1996

„Dortmunder Modell“

Seniorstudierende nach Schulbildung 1995/1996

↓93

Tab. 8: 14. Studiengruppe

 

Männer

in %

Frauen

in %

Gymnasium, Abitur

2

25

6

22,22

Real-, Mittelschule, Mittl. Reife

5

62,5

14

51,86

Hauptschule/Volksschule

1

12,5

7

25,93

Gesamt

8

100

27

100

Tab. 9: 15. Studiengruppe

 

Männer

in %

Frauen

in %

Gymnasium, Abitur

4

50

8

21,05

Real-, Mittelschule, Mittl. Reife

3

37,5

16

42,12

Hauptschule/Volksschule

1

12,5

14

36,83

Gesamt

8

100

38

100

Tab. 10: 16. Studiengruppe

 

Männer

in %

Frauen

in %

Gymnasium, Abitur

3

20

8

21,05

Real-, Mittelschule, Mittl. Reife

7

46,7

18

47,37

Hauptschule/Volksschule

5

33,3

12

31,58

Gesamt

15

100

38

100

↓94

Tab. 11: 17. Studiengruppe

 

Männer

in %

Frauen

in %

Gymnasium, Abitur

10

52,63

5

13,52

Real-, Mittelschule, Mittl. Reife

6

31,58

16

43,24

Hauptschule/Volksschule

3

15,79

16

43,24

Gesamt

19

100

37

100

Angaben nach: Pfaff/Amgilletta, unveröffentlichtes Manuskript 1996

5.3.2 Strukturiertes Studium – flexible Selbstgestaltung

Als strukturiertes Seniorenstudium arbeiten die Seniorenstudiengänge sowohl in Dortmund wie auch in Berlin nach einem vorgegeben Semesterplan. Während das Berliner BANA-Programm bislang dabei feste Stundenpläne vorgibt, verweist die Universität Dortmund auf die erfolgreiche Praxis eines zum Teil geöffneten Lehrangebots, das den Seniorstudierenden die Möglichkeit gibt, ihren eigenen „Lehrplan“ zusammenzustellen. Die Entscheidungsfindung über das eigene Interessengebiet kann dabei ein ebenso produktiver Lernprozess sein, wie die Wissensaneignung selbst. (vgl. Pfaff 1996, 242) Eine größere Wahlmöglichkeit und Flexibilität bei der Selbstgestaltung des Studiums ist – wie Strate-Schneider mit Blick auf das eigene, bisher sehr streng strukturierte Berliner Projekt BANA feststellt (vgl. Strate-Schneider 1998, 295) – angesichts der bereits oft überbelegten Lehrveranstaltungen nicht zuletzt eine praktische Frage. Eine stärkere Öffnung des festgezurrten Plans kann entlastend in Bezug auf die ohnehin angespannte Situation wirken. (vgl. ebd.)

5.3.3 Intergeneratives Lernen – Chance und Problemfeld

Zur wissenschaftlichen Begleitung des Seniorenstudiums wurde an der Universität Dortmund das neue Forschungsfeld „Soziale Gerontologie und Geragogik“ entwickelt. Im Zuge der hier angesiedelten Ausbildung von DiplompädagogInnen mit dem Schwerpunkt „Handlungsfeld Altenarbeit“ findet die angestrebte konzeptionelle Verknüpfung des Erststudiums mit dem Seniorenstudium ihren praktischen Niederschlag. Das gemeinsame Lernen von Jung und Alt – hier durch die Verbindung mit dem Studienschwerpunkt Geragogik im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften – gehört als expliziter konzeptioneller Ansatz zu den sinnstiftenden Funktionen des Seniorenstudiums.

↓95

Die praktischen Erfahrungen mit diesem Ansatz zeigen zum einen die Chancen für den intergenerati ven Dialog, bergen aber auch ein Konfliktpotenzial, das eine Herausforderungen für alle Beteiligten darstellt. Zu konstatieren sind zunächst die unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen und Motivationen für das Studium bei den jungen und bei älteren Studierenden. Wie an der Universität Dortmund zu beobachten ist (vgl. Gösken/Pfaff/Veelken 1998), überwiegt bei den Jüngeren das klare berufsbezogene Lerninteresse, während die Motivation bei den Seniorstudierenden andere Interessen im Vordergrund stehen: ein nachholendes Lerninteresse auf Grund früherer nicht erfüllter Studienwünsche, ein Interesse an persönlicher Selbstverwirklichung und Orientierung und insbesondere ein soziales Interesse, das den Wunsch nach sozialen Kontakten nach früherer Isolierung einschließt. (vgl. ebd.)

Diese so motivierten Interessenlagen, die einhergehen mit einem oft nicht definierten klaren Zielbezug des Lernens, ermöglichen es den älteren Studierenden einerseits mit einer größeren selbstreflexiven Haltung an die Studieninhalte heranzugehen. Gleichzeitig erwachsen hier Interessenkonflikte zu einem verstärkt zielorientierten systematischen Lernverhalten der Jüngeren. Der daraus erwachsene gruppendynamische Prozess in den gemeinsam besuchten Lehrveranstaltungen stellt besondere Anforderungen an das hochschuldidaktische Vorgehen der Lehrkräfte. Ein Weg diesem zu begegnen, sind stark strukturierte Seminare, in denen vorab vereinbarte Regeln das wissenschaftliche Arbeiten zielgeleitet systematisieren. (vgl. ebd.) Gleichwohl bleibt das intergenerative Studium ein weiterhin zu bearbeitendes Problemfeld.

5.3.4 Nachberufliche Tätigkeit – für das Ehrenamt?

Das Dortmunder Modell der wissenschaftlichen Weiterbildung älterer Erwachsener zielt in seinem ursprünglichen Ansatz auf die Qualifikation der Seniorstudierenden für eine – vorwiegend ehrenamtliche – nachberufliche Tätigkeit. Diese kann in einem sozialen Engagement in Selbsthilfegruppen, Stadtteilprojekten, Umwelt-, Gesundheits- und Dritte-Welt-Initiativen bestehen. Gleichzeitig wird allerdings eine ausschließlich auf ehrenamtliche Arbeit ausgerichtete Zielorientierung des Seniorenstudiums zunehmend kritisch betrachtet (vgl. Zahn 1993, 226).

↓96

Nach Aussagen nicht zuletzt der AbsolventInnen des Studiums selbst, und hier insbesondere der Frauen, erscheint es kontraproduktiv, ein finanziell, zeitlich und arbeitsmäßig aufwändiges Studium auf sich zu nehmen, um später ehrenamtlich tätig zu sein – also das zu tun, was der größte Teil der Frauen bereits lebenslang gemacht hat. Hinzu kommt, dass die SeniorInnen nicht ohne weiteres bereit sind, die vielfältigen Missstände in den unterschiedlichen sozialen Dienstleistungsbereichen durch unbezahlte soziale Arbeit und Engagement zu kompensieren (vgl. Kühlmann 1990, 77). Auch die Einschränkung der Praktika der Seniorstudierenden vorwiegend auf die Altenarbeit ist problematisch, da sie nicht dem Bedürfnis der älteren Erwachsenen nach einem intergenerativen Lebensumfeld entspricht (vgl. Eierdanz 1992, 108).

Die Diskussion um eine einseitig auf das Ehrenamt ausgerichtete wissenschaftliche Weiterbildung älterer Erwachsener wird mittlerweile institionenübergreifend geführt. So setzten weibliche Seniorstudierende der Wuppertaler Universität die Abschaffung eines entsprechenden Paragraphen zur Verpflichtung auf ein Ehrenamt nach dem Seniorenstudium durch (vgl. Kap 5.4).

Nicht zuletzt in Anknüpfung an die solchermaßen kritische Reflexion ehrenamtlicher Tätigkeit zielt das Berliner Modell „BANA“ von Beginn an explizit auf nachberufliche Tätigkeiten jenseits des klassischen Ehrenamts.

↓97

„Die Besonderheit von BANA lag also nicht nur in der Tätigkeitsorientierung, sondern auch darin, dass es sich auf eine spätere bezahlte Tätigkeit in innovativen Bereichen ausrichtete.“ (Strate-Schneider 1998, 300)

Das BANA-Modell begreift sich demnach als eine Institution, in der Menschen ab 54 nach einer Berufspause eine weitere Qualifizierung erfahren, um dann in eine möglichst eigeninitiativ gestaltete bezahlte Tätigkeit einzusteigen. Dieser Ansatz gerät allerdings in jüngster Vergangenheit angesichts der prekären Arbeitsmarktsituation in Berlin zunehmend in Widerspruch mit den realen Gegebenheiten. Insbesondere Frauen sind nach dem Seniorenstudium in überproportional unbezahlten ehrenamtlichen Bereichen tätig. Da dieses Problem durch BANA selbst nicht lösbar ist, wurde die kritische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Wert ehrenamtlicher Tätigkeit auf die Tagungsordnung des Studiums selbst gestellt. (vgl. ebd.)

5.4 Zertifikatsstudium mit strukturiertem Lehrangebot: Universität Wuppertal aus der Geschlechterperspektive

Das Seniorenstudium an der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal ist ein inhaltlich strukturierter leistungsorientierter Studiengang und schließt mit einem Zertifikat ab. Das seit 1987/88 bestehende wissenschaftliche Weiterbildungsprogramm richtet sich insbesondere an sozial- und geisteswissenschaftliche interessierte ältere Erwachsene. Veranstaltungen werden aus den Bereichen Allgemeine Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft, Sozialpsychologie, Sozialpädagogik angeboten. Hinzu kommen ausgewählte Geisteswissenschaften wie Philosophie, Theologie, Geschichte. Seit Beginn des WS 2001/2002 sind alle Fachbereiche für eine Testphase von zwei Jahren für ein Begleitstudium geöffnet. Hierzu gehören Lehrangebote der Sprach- und Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte oder Musikpädagogik sowie technisch-naturwissenschaftlicher Teildisziplinen. (vgl. (Sagebiel 2004)

↓98

Die Initiative für die Einrichtung eines Seniorenstudiums ging von aktiven älteren Gasthörerinnen der Universität Wuppertal selbst aus und richtete sich von Beginn an explizit nicht auf ein separates Studium der SeniorInnen, sondern auf das intergenerationelle gemeinsame Studium von Älteren und Jüngeren. Der Bericht einer der InitiatorInnen spiegelt das Engagement und die bereits klaren konzeptionellen Vorstellungen der damaligen AkteurInnen:

„Als ich im Jahre 1985 Gasthörerin an der Universität Wuppertal war, gab es noch kein Seniorenstudium. Im Frühjahr 1986 hörte ich hier einen Vortrag von Prof. Veelken, in dem er sein Konzept eines Seniorenstudiums vorstellte, ein in Dortmund konzipiertes „Modellstudium“. Ich war ganz begeistert. Ich fragte mich und sofort nach dem Vortrag, noch auf dem Flur, auch andere anwesende ProfessorInnen: ‚Warum gibt es das eigentlich nicht in Wuppertal?‘ Sie versprachen mir Unterstützung, wenn ich mich für das „Seniorenstudium“ stark machen würde. Ich meldete mich bei dem Dekan an. Es wurde eine Kommission gebildet mit sechs WissenschaftlerInnen und mit mir als Gasthörerin. Ich hatte einen Sitz und eine Stimme. Bei der Diskussion des Konzeptes für das Seniorenstudium und in den vielen Gesprächen mit den ProfessorInnen und Dekanen war mir besonders wichtig, diese vom Sinn und Zweck eines intergenerationellen Studium zu überzeugen. Es war nicht immer einfach. Aber es ging mir darum, etwas aufzubauen, bei dem jüngere und ältere Studierende voneinander lernen können. Ich wollte kein ‚Ghetto‘ für Alte, wie das in Dortmund der Fall ist.“

(Auszug aus dem Interview der Autorin mit Renate Braun-Schmitz 1989)

↓99

Wie die zwischen 1996 und 1999 durchgeführte geschlechtsspezifische Evaluation des Wuppertaler SeniorInnenstudiums belegt (Arndt/Bopp-Schmehl/Sagebiel 1999), sind die bildungs- und erwerbsbiographischen Hintergründe, die Motivationen wie auch die sozialen Effekte eines Seniorenstudiums sozialisationsbedingt zwischen den männlichen und weiblichen Studierenden höchst unterschiedlich.

Was tendenziell für alle Einrichtungen mit Seniorenstudium zu verzeichnen ist, trifft auch für die Universität Wuppertal zu: Zwei Drittel aller Seniorenstudierender sind Frauen. Dabei ist zwar – entsprechend einer anwachsenden Zahl der Frührentner Vorruheständler und vorzeitig freigesetzter Langzeitarbeitsloser – eine leichte Verschiebung zugunsten männlicher Studierender zu beobachten ist. Die – auch bundesweit zu verzeichnende - Tendenz hält jedoch an.

Tab. 12: Bergische Universität-Gesamthochschule Wuppertal - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1991-2001

  

Anzahl / TN

 

Gesamt

 

Zertifikat / Abschl.

 

Gesamt

Semester

 

männl.

weibl.

   

männl.

weibl.

  
           

SS 91

 

8

29

 

37

 

1

3

 

4

WS 91/92

 

12

34

 

46

 

1

2

 

3

SS 92

 

11

38

 

49

 

0

1

 

1

WS 92/93

 

17

43

 

60

 

0

4

 

4

SS 93

 

17

34

 

51

 

0

2

 

2

WS 93/94

 

18

43

 

61

 

0

3

 

3

SS 94

 

14

29

 

43

 

2

3

 

5

WS 94/95

 

9

27

 

36

 

0

2

 

2

SS 95

 

7

25

 

32

 

1

1

 

2

WS 95/96

 

16

40

 

56

 

0

1

 

1

SS 96

 

14

25

 

39

 

1

0

 

1

WS 96/97

 

24

44

 

68

 

0

1

 

1

SS 97

 

15

35

 

50

 

0

1

 

1

WS 97/98

 

23

59

 

82

 

0

0

 

0

SS 98

 

22

36

 

58

 

1

0

 

1

WS 98/99

 

32

47

 

79

 

0

1

 

1

SS 99

 

20

31

 

51

 

0

4

 

4

WS 99/00

 

31

46

 

77

 

1

3

 

4

SS 00

 

24

35

 

59

 

1

1

 

2

WS 00/01

 

32

54

 

86

 

1

2

 

3

           

Gesamt

 

366

754

 

1.120

 

10

35

 

45

Eigene Erhebung der Autorin nach Angaben der Universität Wuppertal

↓100

Tab. 13: Bergische Universität-Gesamthochschule Wuppertal - Seniorenstudierende nach Alter und Geschlecht 1991-2000

          
  

WS 1991/92

 

WS 1995/96

 

WS 1999/00

Alter/Jahre

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

          

Bis 50

 

2

9

 

3

5

 

0

2

          

51 – 60

 

3

10

 

3

13

 

11

16

          

61 – 70

 

5

12

 

8

18

 

16

21

          

über 70

 

2

3

 

2

4

 

4

7

          

Gesamt

 

12

34

 

16

40

 

31

46

Erhebung der Autorin nach Angaben der Universität Wuppertal

5.4.1 Geschlechterdifferente Ausgangslagen

Die Ausgangssituation für ein befriedigendes und erfolgreiches Seniorenstudium hängt wesentlich von den bildungsmäßigen, zeitlichen und materiellen Ressourcen der Studierenden ab. Im Unterschied zu 90 % der Männer sind nur 45 % der Frauen des Seniorenstudiengangs Wuppertal verheiratet. Gleichwohl sind es insbesondere Frauen, die sich in ihrem familiären Umfeld Freiräume und Akzeptanz für ein Seniorenstudium erkämpfen müssen, während die verheirateten Männer ohne erwähnenswerte familiäre Verpflichtung einen unangefochtenen Freiraum für das Studium in Anspruch nehmen können. So gaben 45 % der befragten Frauen an, dass „ihre Möglichkeiten frei zu studieren, häufig von ihren Ehemännern und durch Rollenerwartungen ihrer Familien behindert würden“. (Sagebiel 2004, 32). Zwar verfügen alleinlebende Frauen, die in Wuppertal 50 % der Seniorstudierenden ausmachen, über eine entsprechend hohe Zeitsouveränität, allerdings besitzen (insbesondere Frauen aus den alten Bundesländern) aufgrund ihrer diskontinuierlichen und minderbezahlten Erwerbsbiographien in der Mehrzahl nicht die materiellen Ressourcen, um in finanzieller Sicherheit studieren zu können. Nur 36 % der befragten Frauen blicken auf eine Lebenserwerbszeit von über 30 Jahren zurück, 60 % waren für einen längeren Zeitraum ausschließlich Hausfrau und Mutter, von diesen haben 34 % nach der Familienphase keinen anderen Beruf mehr ausgeübt. (Angaben nach Sagebiel 2004)

Auch die Bildungsvoraussetzungen stellen sich für die befragten Frauen anders dar als für die Männer. Während bei Frauen die mittlere Schulbildung dominiert, ist es bei Männern die höhere.

↓101

Tab. 14: Bergische Universität-Gesamthochschule Wuppertal - Seniorstudierende nach Schulbildung

Schulabschluss

 

weiblich

männlich

   

abs.

in %

abs.

in %

       

Hauptschulabschluss

 

7

9,2

2

6,4

       

Realschulabschluss

 

31

40,8

5

16,1

       

Abitur

  

7

9,2

0

0

       

sonstige Abschlüsse

 

3

3,9

1

3,2

       

Fachschulabschluss

 

22

28,9

12

38,7

       

Hoch- bzw. Fachhochschulabschluss

6

7,9

11

35,5

Erhebung der Autorin nach Angaben der Universität Wuppertal

5.4.2 Effekte des Seniorenstudiums für Frauen

Angesichts der im Vergleich zu Männern eher ungünstigeren Ausgangslagen weiblicher Studierender ist besonders interessant zu sehen, dass Frauen trotz einer strukturell benachteiligenden Geschlechterdifferenz den höheren Anteil beim Abschluss der Zertifikate ausmachen und nachhaltigere Studienleistungen erzielen. (vgl. Sagebiel 2004, 22). Hier wirken offensichtlich Faktoren jenseits der materiellen und zeitlichen Ressourcen. Wie Sagebiel auf der Basis der Studienevaluation feststellt, haben geschlechterdifferente Sozialistionsbedingungen nicht nur Auswirkungen auf das Studienverhalten von Frauen, das Seniorenstudium selbst bewirkt zudem Persönlichkeitsveränderungen, die letztlich das erfolgreiche Leistungsabschneiden erklären können.

Obwohl Frauen, so Sagebiel, in Bezug auf ihren praktischen Studienalltag offener von Studienproblemen sprechen, als ihre männlichen Studienkollegen – etwa bei der Erstellung schriftlicher Arbeiten oder der Präsentation von Studienergebnissen – entwickeln sie gleichwohl eine gewisse Leidenschaft bei der Erlangung wissenschaftlicher Bildung. Sie arbeiten sehr intensiv und offensichtlich stark motiviert, um sich fachspezifische Kompetenz und Wissen anzueignen. (vgl. Sagebiel 2004, 34) Ergebnisfördernd kann sich ebenfalls das bei den befragten Frauen festzustellende hohe Interesse an einem kommunikativen Lernen auswirken:

↓102

„Die Verbindung von Lernen/Arbeiten und Kommunikation bedeutet für die älteren studierenden Frauen keinen Widerspruch – sie legen auch im Unterschied zu Männern besonderen Wert auf Kontakte im Studium –, man könnte im Gegenteil eher davon sprechen, dass sie eine besonders kommunikative Studienatmosphäre wünschen und schaffen [...].“ (Sagebiel 2004, 35)

Zu konstatieren ist letztlich eine deutliche Persönlichkeitsentwicklung der weiblichen Seniorenstudentinnen. Diese äußert sich in einem Zuwachs an Kompetenz, Status und das damit einhergehende Selbstbewusstsein. 24,4 % der befragten Frauen geben an, in stärkerem Maße als Gesprächspartnerinnen geschätzt zu werde, 73,1 % sehen sich gesellschaftskritischer als vorher und für die Mehrheit bedeutete das Seniorenstudium die Ausprägung eines größeren Ich-Bewusstseins. Ein Drittel der Befragten sieht sich zudem bewusster in ihrer Rolle als Frau und in der Einschätzung der Geschlechterverhältnisse. (vgl. ebd. 37ff)

„Die Konzentration der älteren Frauen auf sich selber und das bewusste partielle Abstreifen ihres traditionellen Bezogenseins auf andere kann als eine Form von Emanzipation im Alter verstanden werden.“ (ebd., 39)

↓103

Die solchermaßen emanzipativen Effekte des Seniorenstudiums äußern sich nicht zuletzt darin, dass sich die weiblichen Seniorenstudierenden kritischer mit den Erwartungen an eine klassische ehrenamtliche Tätigkeit nach dem Studium auseinandersetzen – etwa, indem sie, wie bereits erwähnt, durchsetzten, dass die Verpflichtung zum Ehrenamt für AbsolventInnen des Seniorenstudiums aus den Bestimmungen des Wuppertaler Seniorenstudiums entfernt wird.

5.5 Offenes Lernangebot: „STUDIEREN AB 50“ an der Universität Bielefeld

5.5.1 Konzept und Entwicklungstendenzen

Als Angebotsform eines offenen allgemeinbildenden Studienprogrammes ohne zwingenden Zertifikatsabschluss zeichnet sich das an der Universität Bielfeld entwickelte Weiterbildungsprogramm „Studieren ab 50“ dadurch aus, dass hier seit Beginn der 90er Jahre innovative Wege zu einem „Selbstgesteuerten Lernen“ eröffnet und in der Praxis des Seniorenstudium umgesetzt werden. (vgl. zum Konzept des selbstgesteuerten Lernens Kap. 2.2.4)

Das wissenschaftliche Weiterbildungsprogramm „Studieren ab 50“ wurde 1987 an der Universität Bielefeld entwickelt und wird seit 1992 an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg praktiziert.

↓104

Wie andere offene und allgemeine Seniorenstudiengänge in der Bundesrepublik spricht das Studienprogramm „Studieren ab 50“ Menschen im älteren Erwachsenenalter an, die ohne den Nachweis einer Hochschulzugangsberechtigung eine individuelle wissenschaftliche Weiterbildung absolvieren möchten, sich beruflich neu orientieren oder für sich die Möglichkeit eines Vollstudiums an der Universität testen. Das Grundprinzip besteht an der Universität Bielefeld wie auch Magdeburg in der Öffnung bestehender Studienveranstaltungen für Seniorstudierende. Gleichzeitig werden Spezialveranstaltungen exklusiv für die TeilnehmerInnen des Studienganges angeboten, in denen – so die besondere Zielsetzung in Bielefeld – ausgewählte Themen interdisziplinär entwickelt und somit die Grenzen von Einzeldiziplinen aufgezeigt werden. (vgl. Malwitz-Schütte 2000b, 168)

Beginnend mit knapp 200 TeilnehmerInnen 1987 verzeichnet das Weiterbildungsprogramm bis heute einen steigen Anstieg. 1999/2000 waren 725 Seniorstudierende an der Universität Bielefeld eingeschrieben.

Abb. 1: TeilnehmerInnenzahlen von 1987 bis 2000 - „Studieren ab 50“ Bielefeld

Angaben nach: Malwitz-Schütte 2000b, 171

↓105

Der bundesweite Trend, wonach der Anteil männlicher Studierender erheblich ansteigt, bestätigt sich auch hier: von einem Drittel männlicher Studierender im Jahr 1987 wuchs die männliche Teilnehmerzahl im Laufe eines Jahrzehnts auf 39 % (vgl. Malwitz-Schütte 2000b, 173). Ähnlich wie im Wuppertaler Seniorenstudium sind im Vergleich zu Frauen fast doppelt soviel männliche Teilnehmer verheiratet. Beim Bildungsabschluss von Männern dominiert der Hochschulabschluss, während Frauen vorwiegend über mittlere Abschlüsse verfügen.

Interessant ist – nicht zuletzt in Bezug auf die für Seniorstudierende oft zugewiesene Eignung für ehrenamtliche Tätigkeit nach dem Studium, dass bei der (geschlechtsunabhängig erhobenen) Motivation für ein Senorienstudium eine ehrenamtliche Tätigkeit unter den weniger bedeutsamen Motiven rangiert. Im Vordergrund stehen vielmehr individuelle kognitive Motive (eigene Bildungsinteressen, sich geistig fordern lassen), soziale wie auch intergenerationelle Motive, etwa der Wunsch nach sozialen Kontakten – insbesondere zu jüngeren Studierenden. (vgl. ebd. 183)

5.5.2 „Selbstgesteuertes Lernen“ in Arbeitsgemeinschaften

Das Bielefelder Weiterbildungsprogramm „Studieren ab 50“ sieht sich in dem besonderen Anspruch, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem die Seniorstudierenden in Anknüpfung an ihre individuellen Interessen und ihr individuelles Vorwissen maßgeblich die Lern- und Studieninhalte selbst bestimmen und steuern. Die im Rahmen des Weiterbildungsprogramms initiierten und konzeptionell bewusst ausgebauten speziellen thematischen Arbeitsgemeinschaften von Seniorstudierenden können – mit dem hier entwickelten hohen Grad an Selbststeuerung und Selbstorganisation – als eine höchst innovative Umsetzungsform des Konzeptes eines „Selbstgesteuerten Lernens“ gelten. (vgl. Kap. 2.2.4) Eine deutliche quantitativen Entwicklung – von zunächst 6 Arbeitsgemeinschaften im Jahre 1991 stieg die Zahl auf 11 im Jahre 2000 – geht dabei einher mit einer konzeptionellen und Bedeutungsveränderung und inhaltlichen Verbreiterung des Angebotsspektrums. Wurden die ersten Arbeitsgemeinschaften der Seniorstudierenden noch in Kooperation und Begleitung wissenschaftlicher MitarbeiterInnen angeboten, so arbeiten sie seit 19992/93 als selbstorganisierte Studiengruppen, die von den InitiatorInnen selbst geleitet und eigenverantwortlich durch gewählte SprecherInnen vertreten werden.

↓106

Als typisches Kennzeichen für die Formen selbstgesteuerten Lernens wechselt im Zuge des hohen Grades an Autonomie und Selbstverantwortung der Studierenden auch die Rolle der Lehrenden im Lernprozess. (vgl. Malwitz-Schütte 2004, 71) Diese werden von reinen Wissensvermittlern zu Lernberatern, die von den Akteuren auf eigenen Wunsch hinzugezogen werden. Malwitz-Schütte beschreibt die Arbeitsgemeinschaften als kooperative Lerngruppen. Durch die sich durchziehende Arbeit in kleinen Lerngruppen erfolgt das Lernen grundsätzlich kollektiv und kooperativ und nicht individuell.

„Beim „kooperativen Lernen ändern sich die Rollenmuster zwischen Lehrenden und Lernenden, es schafft soziale und organisatorische Voraussetzungen und Bedingungen zur Aktivitätsförderung bei allen Beteiligten.“ (Malwitz-Schütte 2000a, 114)

Das Angebotsspektrum reicht von speziellen Studiengruppen zur englischen Literatur – hier werden neben dem Studium ausgewählter Kapitel der englischen Literatur auch literarische Studienreisen organisiert –, über sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften zu Demokratieentwicklung, Wertewandel oder der deutschen Vereinigung, bis hin zur Arbeitsgemeinschaft Alternswissenschaft oder dem InternetSeniorWeb, einer Arbeitsgemeinschaft zur Nutzung des Internets für ältere Erwachsene. (vgl. ebd. 118 ff)

↓107

Konzipiert und qualifiziert als „Modell selbstbestimmten und eigenständigen Lernens“ (ebd., 139), wurde die Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaften“ für die Studiengruppen im Weiterbildungsprogramm STUDIEREN AB 50 bewusst gewählt. Formen des „selbstbestimmten“ Lernen, im Zuge dessen die Studierenden Lernziele und -inhalte selbst setzen, und Formen des „selbstgesteuertes“ Lernen, bei dem die Lernenden den Prozess des Lernens zwar selbst steuern, die Ziele aber weitgehend fremdbestimmt bleiben, werden in diesem Modell kombiniert.

In der so vorgenommenen Konkretion dessen, was „Selbstorganisation“ und „selbstgesteuert“ bedeuten soll, wird auch der von Schäffter geforderten Differenzierung beim Gebrauch des Begriffs Selbststeuerung Rechnung getragen. Schäffter plädiert dafür, verschiedene Formen und Deutungsvarianten von Selbstorganisation und Selbststeuerung zu unterscheiden und offenzuhalten – in Abhängigkeit von den Transformationsprozessen, die mit dem Lernen intendiert bzw. in Gang gesetzt werden. Dadurch kann – dies beweist nicht zuletzt das Bielefelder Modell der Arbeitsgemeinschaften - ein normativer schematischer Gebrauch des Begriffs „selbstgesteuertes Lernen“ vermieden werden. (vgl. Schäffter 1998)

5.6 Offenes Lernangebot: „STUDIEREN AB 50“ an der OttovonGuerickeUniversität Magdeburg

Das wissenschaftliche Weiterbildungsprogramm für ältere Erwachsene an der OttovonGuerickeUniversität Magdeburg blickt auf eine andere Tradition zurück, als die Seniorenstudiengänge in den alten Bundesländern. Die in Magdeburg existierenden drei Hochschulen, die Technische Universität, die Medizinische Akademie und die Pädagogische Hochschule, boten bereits seit Anfang der 80er Jahre gemeinsam mit der URANIA wissenschaftliche Veranstaltungen für ältere Menschen in den Bereichen Medizin (z.B. „Medizinischer Sonntag“ mit 350 StudienhörerInnen), technische Wissenschaften, Literatur und Philosophie an.

↓108

Mit der Zusammenlegung der drei Magdeburger Hochschulen wurde 1993 das wissenschaftliche Weiterbildungsprogramm „STUDIEREN AB 50“ initiiert. Nach einer anfänglich eher unbedeutenden Resonanz ist die jährliche TeilnehmerInnenzahl bis 2001 auf 200 Studierende angewachsen. (vgl. Freymark, 1998)

Die strukturelle Zusammensetzung der Teilnehmenden nach Alter, Ausbildung, früherem Berufsstatus, Qualifikation und Geschlecht aber auch die Motivationen für und Erwartungen an des Studium unterscheiden sich entsprechend des gesellschaftlichen und biographischen Hintergrundes erheblich von den an westdeutschen Universitäten eingeschriebenen TeilnehmerInnen.

Besonders auffallend ist zunächst der extrem hohe Anteil der Altersgruppe der 50-60-Jährigen. (vgl. Freymark, 1998)Im Unterschied zu westdeutschen Seniorenstudiengängen, in denen eher die Gruppe der 60-70-Jährigen den Hauptanteil an den Seniorstudierenden ausmachen, bildete an der Universität Magdeburg die Altersgruppe der 50-60-Jährigen mit 61 % bis 1995 die stärkste Gruppe unter den Seniorstudierenden. Darunter waren Frauen (40 %) doppelt so stark vertreten wie Männer (21 %)(Angaben nach: Interne unveröffentlichte Untersuchung der Universität Magdeburg.) Dies erklärt sich daraus, dass der radikale Arbeitsplatzabbau in Ostdeutschland vor allem diese Altersgruppe traf – und dabei aufgrund der mit 95 % hohen Erwerbstätigkeit von Frauen beide Geschlechter. 1995 befanden sich zwei Drittel der 50-60-Jährigen in Ostdeutschland im Vorruhestand oder waren arbeitslos. Die zeitlich kurzfristigen massenhaften Entlassungen aus dem Erwerbsleben trafen die Beschäftigten unvorbereitet und waren als Verlust des bisher wichtigsten Lebensbereiches keineswegs individuell verarbeitet. Die Teilnahme an dem Weiterbildungsprogramm der Magdeburger Universität kann vor diesem Hintergrund als Impuls erklärt werden, sich über die wissenschaftliche Weiterbildung neue Berufschancen zu eröffnen.

↓109

Abb. 2: TeilnehmerInnen nach Alter 1995 – OttovonGuerickeUniversität Magdeburg

Daten nach: Interne Untersuchung der Universität Magdeburg

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat sich die Altersstruktur im Weiterbildungsprogramm weitgehend an die Situation in den alten Bundesländern angeglichen. Gleichwohl bestimmt die Hoffnung nach einem erneuten Einstieg in die Erwerbstätigkeit nach wie vor die Motive für ein Weiterbildungsstudium. (vgl. Freymark 1998)

Als weitere Besonderheit des wissenschaftlichen Weiterbildungsprogramms„STUDIEREN AB 50“ in Magdeburg kann die im Unterschied zu den alten Bundesländern ausgesprochen hohe berufliche Qualifikation gelten. 90 % der Studierenden besitzen einen Hoch- oder Fachschulabschluss. Vertreten sind hier Ärzte, Ingenieure, Landwirte, Theologen Bibliothekare. Der Einstieg in das Universitätsstudium ist demnach für die Teilnehmenden nicht vorrangig darin begründet, erstmalig wissenschaftlich tätig zu werden. Vielmehr liegt dem eher ein allgemeines Interesse zugrunde, „ein Stückchen mehr teilzuhaben an der Welt“ oder eine nach wie vor bestehende Berufsorientierung nach dem Studium. Darunter wird explizit kein ehrenamtliches Engagement verstanden, sondern eine vollerwerbstätige Arbeit. (vgl. ebd.)

5.7 Offenes allgemeinbildende Studienangebot ohne zwingenden Zertifikatsabschluss

5.7.1 „Förderung von Sozialkompetenz“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

↓110

Das seit 1986 bestehende wissenschaftliche Weiterbildungsangebot für ältere Erwachsene an der Universität Münster stellt in seinem Profil eine Mischung zwischen zwei Angebotsformen dar. Zum einen können ältere Studierende hier in dem offenen allgemeinbildenden Studiengang „Lernen im Alter“ ein Seniorenstudium absolvieren. Dem Bedürfnis vieler Studierender nach einem verbindlichen, strukturierten Lehrangebot und nach einem Leistungsnachweis Rechnung tragend, wurde ergänzend zu diesem Studiengang zum Wintersemester 1994/95 ein Zertifikatsstudiengang zur „Förderung von Sozialkompetenz“ mit jährlich 25 TeilnehmerInnen entwickelt. (vgl. Breloer/Kaiser 1998)

Seit dem Sommersemester 1997 wurden in diesem Rahmen 63 Zertifikate an 19 männliche und 44 weibliche Studierende erteilt. Mit 2000 Teilnehmenden jährlich gehört die Westfälische Wilhelms-Universität Münster zu den traditionsreichen und umfangreichsten Seniorstudiengängen der Bundesrepublik.

Im Sinne der intergenerationellen Ausrichtung des Studiums besuchen die Seniorstudierenden gemeinsam mit jüngeren Studierenden reguläre Lehrveranstaltungen aus allen Fachbereichen der Universität. Da das „Studium im Alter“ nicht auf ein Zertifikat zielt, können die Inhalte entsprechend des individuellen Bildungsinteresses der Teilnehmenden gestaltet werden.

↓111

Tab. 15: Universität Münster - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1991-2001

  

Anzahl / TN

 

Gesamt

 

Zertifikat / Abschl.

Gesamt

Semester

 

männl.

weibl.

   

Männl.

weibl.

  
           

SS 91

 

259

507

 

766

 

0

0

 

0

WS 91/92

 

346

630

 

976

 

0

0

 

0

SS 92

 

316

593

 

909

 

0

0

 

0

WS 92/93

 

417

741

 

1158

 

0

0

 

0

SS 93

 

406

691

 

1097

 

0

0

 

0

WS 93/94

 

498

846

 

1344

 

0

0

 

0

SS 94

 

459

734

 

1193

 

0

0

 

0

WS 94/95

 

585

912

 

1497

 

0

0

 

0

SS 95

 

514

833

 

1347

 

0

0

 

0

WS 95/96

 

622

985

 

1607

 

0

0

 

0

SS 96

 

578

902

 

1480

 

0

0

 

0

WS 96/97

 

749

1135

 

1884

 

4

9

 

13

SS 97

 

669

1031

 

1700

 

0

0

 

0

WS 97/98

 

848

1200

 

2048

 

4

6

 

10

SS 98

 

746

1026

 

1772

 

0

0

 

0

WS 98/99

 

909

1295

 

2204

 

3

11

 

14

SS 99

 

835

1144

 

1979

 

0

0

 

0

WS 99/00

 

1015

1398

 

2413

 

3

9

 

12

SS 00

 

924

1250

 

2174

 

0

0

 

0

WS 00/01

 

1095

1441

 

2536

 

5

9

 

14

           

Gesamt

 

12.790

19.294

 

32.084

 

19

44

 

63

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Münster

Tab. 16: Universität Münster - Seniorstudierende nach Alter und Geschlecht 1991-2001

  

SS

1991

 

SS 1995

 

SS

2001

Alter/Jahre

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

          

bis 50

 

keine Angaben

 

keine Angaben

 

20

55

          

51 - 60

 

"

"

 

"

"

 

121

277

          

61 - 70

 

"

"

 

"

"

 

645

723

          

über 70

 

"

"

 

"

"

 

226

275

          

Gesamt

 

"

"

 

"

"

 

1012

1330

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Münster

5.7.2 „Forschendes Lernen“ an der Universität Ulm

Als noch recht junge Universität bietet die Universität Ulm seit 1992 ein Weiterbildungsprogramm für ältere Erwachsene an, das in seinen Schwerpunkten so genannte Jahreszeitakademien mit Projektgruppen und Arbeitskreisen „Forschendes Lernen“ verbindet.

↓112

Die auf jeweils eine Woche konzentrierten Jahreszeitakademien – Frühjahrs- und Herbstakademien – erlauben es älteren Erwachsenen, kompakte Weiterbildungsveranstaltungen unter einem speziellen Rahmenthema zu besuchen. 500 und 630 Seniorstudierende nehmen dieses Angebot Jährlich wahr. Im Zeitraum Frühjahr 1992 bis Herbst 2001 wurden 20 Jahreszeitakademien durchgeführt.

Abb. 3: Universität Ulm - Rahmenthemen der Jahreszeitakademien

Material der Universität Ulm

Auch hier bewegt sich das Verhältnis der weiblichen und männlichen Seniorstudierenden im Verhältnis von zwei zu einem Drittel.

↓113

Aus der thematischen Arbeit der Jahreszeitakademien entstanden zahlreiche Arbeitskreise und Projektgruppen, die in ihrem methodischen Konzept des „Forschendes Lernens“ Elemente eines selbstgesteuerten Lernens praktizieren, wie etwa durch die selbstständige Wahl des Themas oder die eigenbestimmte Strategie bei der Bearbeitung desselben. (vgl. Stadelhofer 1998)

5.7.3 Heterogene Studienangebote – Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau

Die Pädagogische Hochschule Freiburg wendet sich seit dem Sommersemester 1984 im Rahmen des Seniorenstudiums mit einer bewusst auf unterschiedliche Bedürfnisse ausgerichteten vielfältigen Angebotsstruktur an ältere Erwachsene. Spezielle Seminare und Veranstaltungen ausschließlich für Seniorstudierende, die die sozialintegrativen Vorteile des Lernens in der eigenen Bezugsgruppe berücksichtigen, stehen neben den zahlreichen für Ältere geöffneten regulären Veranstaltungen. Dieses Programm bietet ausreichende Spielräume für die flexible Handhabung durch die Seniorstudierenden. (vgl. Steinhoff/Lehmann-Rommel 1998)

Vom Sommersemester 1991 bis Wintersemester 2001 waren insgesamt 7.329 Seniorenstudierende eingeschrieben. Der Anteil der männlichen Seniorenstudenten betrug 2.001, der Anteil der weiblichen 5.328. Auch hier dominiert – wie bei fast allen übrigen Universitäten – der Anteil weiblicher Teilnehmerinnen.

↓114

Tab. 17: Universität Freiburg/i.Br. - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1991– 2001

  

Anzahl / TN

 

Gesamt

Semester

 

männl.

weibl.

  
      

SS 91

 

63

201

 

264

WS 91/92

 

80

264

 

344

SS 92

 

62

241

 

303

WS 92/93

 

82

283

 

365

SS 93

 

66

232

 

298

WS 93/94

 

91

286

 

377

SS 94

 

78

256

 

334

WS 94/95

 

95

260

 

355

SS 95

 

87

237

 

324

WS 95/96

 

101

269

 

370

SS 96

 

76

228

 

304

WS 96/97

 

135

280

 

415

SS 97

 

100

237

 

337

WS 97/98

 

125

295

 

420

SS 98

 

109

257

 

366

WS 98/99

 

138

288

 

426

SS 99

 

123

264

 

387

WS 99/00

 

136

340

 

476

SS 00

 

106

276

 

382

WS 00/01

 

148

334

 

482

Gesamt

 

2.201

5.328

 

7.329

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Freiburg /i. Br.

5.7.4 „Universität des dritten Lebensalters“ Göttingen

In Göttingen besteht seit 1995 ein Seniorenstudium. Damals schloss der Verein „Altenakademie Göttingen e.V.“, der 1994 gegründet wurde, einen Vertrag mit der Universität ab, der es älteren Erwachsenen erlauben sollte, im Rahmen eines besonderen Status und zu günstigen Gasthörer-Bedingungen an der Hochschule zu studieren. Studierende an der „Universität des 3. Lebensalters“ (UDL) in Göttingen können nur Mitglieder dieses Vereins werden. Die Göttinger „Universität des 3. Lebensalters“ verfolgt das Ziel,

↓115

Aus dem Lehrveranstaltungsangebot der Universität Göttingen stehen den Seniorstudierenden mehr als 100 Vorlesungen, Übungen, Seminare, Kolloquien und Exkursionen aus allen Fachbereichen offen.

Das noch „junge“ Angebot der „Universität des 3. Lebensalters“ wird seit Beginn Wintersemester 1995/96, mit 67 Teilnehmern, inzwischen von 403 Teilnehmern in Anspruch genommen. Der Anteil der männlichen Studierenden beträgt 866, der der weiblichen 1.349 Teilnehmer. In den Jahren 1996 bis 1999 betrug der männlichen Anteil der Seniorenstudenten knapp 1/3, hat sich jedoch (siehe Statistik 1), den weiblichen Teilnehmern prozentual angeglichen.

Tab. 18: Universität Göttingen - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1995–2001

  

Anzahl / TN

 

Gesamt

 

männl.

weibl.

Semester

 

männl.

weibl.

   

in %

in %

         

WS 95/96

 

15

52

 

67

 

22,4

77,6

SS 96

 

8

30

 

38

 

21,1

78,9

WS 96/97

 

35

95

 

130

 

26,9

73,1

SS 97

 

38

88

 

126

 

30,2

69,8

WS 97/98

 

68

122

 

190

 

35,8

64,2

SS 98

 

70

115

 

185

 

37,8

62,2

WS 98/99

 

77

151

 

228

 

33,8

66,2

SS 99

 

81

153

 

234

 

34,6

65,4

WS 99/00

 

120

218

 

338

 

35,5

64,5

SS 00

 

100

176

 

276

 

36,2

63,8

WS 00/01

 

154

249

 

403

 

38,2

61,8

Gesamt

 

766

1.449

 

2.215

   

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Göttingen

↓116

Abb. 4: Universität Göttingen - Seniorstudierende nach Geschlecht

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Göttingen

Abb. 5: Universität Göttingen - Seniorstudierende nach Alter

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Göttingen

5.7.5 Seniorenstudium der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Die Universität Oldenburg war eine der ersten Hochschulen in Deutschland, die der Zielgruppe der älteren Studierenden besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Ein strukturiertes Studienangebot für Senioren besteht seit 1986. Über das traditionelle Studienangebot hinaus spricht die Universität Oldenburg seit Jahren durch das Angebot des Studium generale und Studiums für Ältere viele Interessierte an.

↓117

In unregelmäßigen Abständen finden Seminare wie z.B. „Einführung in wissenschaftliches Arbeiten“, „Dynamisches Lesen“, „Erzählseminar“ und „Ökonomische Aspekte der nachberuflichen Lebenszeit“ statt. Das Studienangebot für ältere Studierende nehmen ca. 300 bis 460 Personen in Anspruch; mehr als die Hälfte davon sind Frauen.

Vom Wintersemester 1991 bis Wintersemester 2001 partizipierten insgesamt 5.607 Studierende von diesem Angebot, davon gehörten 2.434 dem männlichen und 3.173 dem weiblichen Geschlecht an. Bis Sommersemester 1996 waren – wie an allen übrigen Universitäten - die Frauen zu 2/3 vertreten, bis Wintersemester 2001 relativierte es sich, da sich die männlichen Teilnehmer prozentual anglichen.

Tab. 19: Universität Oldenburg - Einschreib- und AbsolventInnenzahlen 1991–2001

  

Anzahl / TN

 

Gesamt

Semester

 

männl.

weibl.

  
      

SS 91

 

0

0

 

0

WS 91/92

 

135

224

 

359

SS 92

 

0

0

 

0

WS 92/93

 

125

206

 

331

SS 93

 

109

148

 

257

WS 93/94

 

128

192

 

320

SS 94

 

0

0

 

0

WS 94/95

 

117

144

 

261

SS 95

 

96

114

 

210

WS 95/96

 

128

180

 

308

SS 96

 

118

160

 

278

WS 96/97

 

150

188

 

338

SS 97

 

111

165

 

276

WS 97/98

 

162

204

 

366

SS 98

 

153

168

 

321

WS 98/99

 

195

235

 

430

SS 99

 

141

159

 

300

WS 99/00

 

222

240

 

462

SS 00

 

160

201

 

361

WS 00/01

 

184

245

 

429

Gesamt

 

2.234

3.173

 

5.607

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Oldenburg

↓118

Tab. 20: Universität Oldenburg - Seniorstudierende nach Alter und Geschlecht 1991-2001

  

SS

1991

 

SS 1995

 

SS

2001

Alter/Jahre

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

 

Männer

Frauen

          

50 – 59

 

keine Angaben

 

17

28

 

23

46

          

60 – 69

 

"

"

 

32

33

 

78

83

          

70 – 79

 

"

"

 

19

14

 

32

20

          

80 u. älter

 

"

"

 

2

1

 

2

0

          

Gesamt

 

"

"

 

70

76

 

135

149

Eigene Erhebung der Autorin an der Universität Oldenburg

5.8 Aktuelle Tendenzen im Seniorenstudium

Sowohl in seiner quantitativen Entwicklung als auch in der hier sichtbar gewordenen Vielfalt der konzeptionell-inhaltlichen und praktischen Ausformungen spiegelt das Seniorenstudium jene Veränderungen in den Lebenslagen, dem Status und dem Selbstbild älterer Erwachsener wider, die mit dem gesellschaftsstrukturellen Wandel der älteren Erwachsenen einhergehen.

Zu konstatieren ist hier nicht nur der – parallel zum wachsenden Anteil an der Bevölkerung – kontinuierlich anwachsende Bedarf älterer Erwachsener an einer wissenschaftlichen Weiterbildung im Alter und damit eine steigende TeilnehmerInnenzahl an allen untersuchten Universitäten. Zu verzeichnen ist zudem ein zunehmend differenziertes, leistungsbezogenes und an individuellen Interessenlagen orientiertes Herangehen an das Studium. Die gewachsene Vielfalt und Spezialisierung des Angebots auch innerhalb der Seniorstudiengänge trägt demnach auch einer zunehmenden Heterogenität dieser gesellschaftlichen Gruppe und der Individualisierung ihrer Lebensstile Rechnung.

↓119

Ein sich ebenfalls im Zuge des Strukturwandels des Alters veränderndes gesellschaftliches Altersbild in Richtung des zunehmend selbstaktiven selbstbestimmten älteren Menschen bildet den Hintergrund für neue Konzepte des Lernens auch in den Seniorstudiengängen. Traditionelle Lernkonzepte, die das Verhältnis des Lehrenden und Lernenden klar strukturieren und zuordnen, stehen neben innovativen Lernkonzepten des selbstorganisierten und selbstgesteuerten Lernens, in denen die Rollen neu bestimmt werden. Die Lernenden wie auch die Lehrenden sind dabei gleichermaßen herausgefordert, ihr Selbstverständnis neu zu definieren. Die Arbeit in Projektgruppen und Arbeitskreisen, in denen die Teilnehmenden in Themenwahl, Zielfindung und Lernstrategie selbst entscheiden, können in den hier beschrittenen methodisch-didaktischen neuen Wegen als innovative Studienformen gelten. („Selbstgesteuertes Lernen“ an der Universität Bielefeld, „Forschende Lernen“ an der Universität Ulm)

Die an einigen Universitäten zu verzeichnende Verjüngung der Seniorstudierenden erklärt sich durch das altersmäßig frühere Ausscheiden älterer Erwachsener aus dem Erwerbsleben und verweist gleichzeitig darauf, dass sich die vermeintlich klaren Strukturen des Lebensabschnitts „Alter“ auflösen. Diese Tendenz erlangt vor dem spezifischen gesellschaftlichen Hintergrund in Ostdeutschland dadurch eine besondere Ausformung. Hier nutzten in der ersten Hälfte der 90er Jahre die in einer extrem hohen Anzahl erwerbslos gewordenen Menschen ab 50 Jahren Seniorstudiengänge für einen beruflichen Neueinstieg.

Mit einem Anteil von zwei Dritteln bilden Frauen in allen Formen der wissenschaftlichen Weiterbildung generell die Mehrheit der Seniorstudierenden. Ihre Studienvoraussetzungen qua Ausbildung, Berufsstatus und Qualifikation und materiellen Ressourcen spiegeln – hier bezogen auf die alten Bundesländer – das strukturell hierarchische Geschlechterverhältnis. Dass Frauen gleichwohl einen größeren Anteil bei den Zertifikatsabschlüssen belegen, deutet auf eine hohe Motivation und nicht zuletzt ein erhebliches (nachholendes) Interesse nach selbstbestimmter Lebensgestaltung im Alter hin. Dem entspricht auch, dass bei der Motivation für ein Senorienstudium unter den Frauen die ehrenamtliche Tätigkeit unter den weniger bedeutsamen Motiven rangiert. Die bewusst kritische Reflexion insbesondere der weiblichen Seniorstudierenden gesellschaftlich zugewiesenen ehrenamtlichen Fürsorge- und Pflegetätigkeiten als Ziel ihres Studiums kann vor diesem Hintergrund auch als dessen emanzipativer Effekt gedeutet werden.

↓120

Nimmt man die These vom Altern als lebenslanger Sozialisation und damit auch lebenslanger Entwicklung ernst und misst sie an dem eindeutig zu konstatierenden wachsenden Bedarf älterer Menschen an Lernen und Bildung, so werden das Seniorenstudium wie auch andere Praxisformen wissenschaftlicher Weiterbildung an Bedeutung zunehmen. Gerade angesichts der dargestellten geschlechtsgebundenen Studienvoraussetzungen von Frauen kann das Seniorenstudium hier nicht zuletzt die Funktion einen sozialen Ausgleichs im hierarchisch geordneten Geschlechterverhältnis erfüllen.


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30.08.2005