6 Das Seniorenstudium in der Selbstwahrnehmung weiblicher Seniorstudierender  Interviewergebnisse

6.1 Situation der interviewten Frauen vor Studiumsbeginn

↓120

Um zu verstehen, in welchen Bedeutungen die befragten Frauen ihr Seniorenstudium sehen, war es wichtig, den jeweiligen biographischen Erlebnis- und Erfahrungshintergrund vor dem Schritt zum Seniorenstudium zu beleuchten. Hierzu gehört der berufliche Werdegang, die familiäre Situation, das eigene Selbstverständnis als Frau. Die für die Zeit vor Studienbeginn erhobenen Daten bezogen sich auf die Bereiche Schulbildung, Beruf, Familie und Weiterbildung, um Anhaltspunkte dafür zu gewinnen, welche Vorbedingungen und Ausgangssituationen maßgeblich motivierend waren, die Frauen in weiterbildende Studiengänge zu führen.

6.1.1 Biographischer Hintergrund und Schulbildung

Alle zehn interviewten Frauen wurden in die gehobene bürgerliche Mittelschicht hineingeboren (Anlage 6, Tabelle 1). Das Ereignis des Zweiten Weltkrieges sowie die Nachkriegsjahre beeinflussten ihre Kindheit und Schulbildung sehr stark, da sie vor Kriegsbeginn und während des Krieges geboren wurden. Ihre Mütter waren zum Teil „Alleinerziehende“, ihre Väter waren ausschließlich als Soldaten im Krieg,

↓121

„Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt, ich bin wohl während eines Fronturlaubs gezeugt worden“ (E, alte Bundesländer = a. B.),

kehrten krank aus Kriegsgefangenschaft zurück,

„...mein Vater war im Krieg erblindet“ (A, a.B.),

↓122

bzw. waren interniert oder vermisst:

„Als Bezirksrichter bestand natürlich die Gefahr, dass er zum Tode verurteilt wurde. Über 10 Jahre wussten wir nichts von ihm“ (A, neue Bundesländer = n.B.).

Fünf der Frauen stammen aus Flüchtlingsfamilien, die alles verloren hatten und sich erst wieder eine finanzielle Basis erarbeiten mussten (C, a.B., A,B,C,D, n.B.).

↓123

Alle zehn Frauen hatten in der Zeit von 1940 bis 1945 kein intaktes Familienleben, da sie entweder evakuiert oder auf der Flucht waren, was enormen Schulausfall zur Folge hatte. Bedingt dadurch war für zwei der Interviewten nur ein Hauptschulabschluss möglich (D, a.B., B, n.B.), allerdings bestand - durch andere Schulformen in den neuen Bundesländern und spezielle Förderung - die Möglichkeit, nach acht Jahren Grundschule durch eine besondere Zulassungsprüfung einen Mittelschulabschluss zu erlangen, wodurch B aus den n.B. mit zu den fünf der befragten Frauen zählte, die einen Schulabschluss der mittleren Reife aufwiesen (B,C,E, a.B., B,C, n.B.).

Für vier führte der erste Bildungsweg zum Abitur (A, a.B., A,D,E, n.B.).

Eine besondere schulische und berufliche Förderung der Interviewten im Kindesalter resultierte z.T. aus ihrer familialen Situation, sie waren entweder Einzelkinder,

↓124

„...ich war ein Einzelkind, ich hätte so gerne Geschwister gehabt“ (A, n.B.),

oder sie waren die Lieblingstöchter der Väter:

„Ich war seine Lieblingstochter, weil ich schon sehr früh so mitteilungsfreudig war“ (A, a.B.),

↓125

ein anderer Ausspruch lautete:

„Ich war Vaters Lieblingstochter, für jede ‚Auszeichnung` in der Schule hatte er eine Überraschung für mich“ (D, a.B.).

Es achteten jedoch auch die Mütter darauf, dass ihre Töchter eine bessere Ausbildung erhielten, als ihnen selbst zuteil wurde, so erwähnt E, n.B.,

↓126

„Meine Mutter war sehr intelligent, sie setzte es durch, dass wir zwei Mädchen auch studieren durften.“

Die Mutter eine anderen Interviewten, ebenfalls „Alleinerziehende“, da ihr Mann vermisst war, stellt ihre eigenen Wünsche vollkommen zurück, um ihren beiden Töchtern eine gehobenen Schuldbildung zu ermöglichen:

„Mutter war sehr intelligent, sie hat uns beide, meine fünf Jahre ältere Schwester und mich zur Mädchenrealschule geschickt, damit wir etwas lernen sollten und nicht unbedingt schon mit 14 Jahren mit Geld nach Hause kamen“ (E, a.B.).

↓127

Auch C, n.B. hob hervor, meine Mutter sagte immer:

„Uns kann alles genommen werden, nur nicht unsere Bildung!“

Bei einer anderen sorgten die Großeltern (beide Akademiker) für eine gute Schulbildung ihres Enkelkindes.

6.1.2 Beruflicher Werdegang

↓128

Alle interviewten Frauen erhielten eine fundierte Berufsausbildung; fünf der Interviewten konnten ein universitäres Studium abschließen, (A, a.B., A,C,D,E n.B.). Zwei gelangten durch die Fachschule (B, a.B., B, n. B.) zu einem akademischen Abschluss und drei erreichten durch kaufmännische Lehre und Berufsschule einen Beruf, der auch bis zur Eheschließung ausgeübt wurde.

Die Ehemänner befanden sich bei Eheschließung durchgehend in gehobenen Positionen: sie sind Diplom Ingenieur (4), Diplom Pädagoge (1), Diplom Landwirt (1), Großkaufmann (2), Bauingenieur (1), (vgl. Anlage 6, Tabelle 1).

Die traditionelle bürgerliche Geschlechtervorstellung, nach der den Frauen vor allem der Raum der Familie zugewiesen wird, hatte in den jugendlichen Köpfen der Interviewten bereits seine prägende Kraft verloren. Sie meldeten z. T. anspruchsvolle, breit gefächerte Berufswünsche an, die teilweise nur über ein Abitur zu erreichen waren. Diese frühen Berufswünsche waren: Lehrerin (A,C, a.B., A,C,E, n.B.), Ärztin (B,D, n. B.), Krankenschwester bzw. Arzthelferin (B, a.B.), Journalistin D, a.B., sowie leitende Positionen in kaufmännischen Berufen (E, a.B.).

↓129

Inwieweit diese Berufswünsche durch die Familie geprägt wurden, lässt sich an einigen Aussagen erkennen.

Der Vater von A, a.B. äußerte schon sehr früh in ihrer Kindheit:

„Werde Du doch Lehrerin, dann hast Du bis an Dein Lebensende ausgesorgt!“

↓130

Eine andere, die ihren Berufswunsch nicht realisieren durfte, erzählte:

„Ich wäre gerne Krankenschwester geworden, das erlaubte mein Vater nicht. Ich sollte unbedingt das Abitur machen und dann Lehrerin werden“ (B, a.B.).

Bei A, n.B. bestimmte der Vater, was sie studieren durfte:

↓131

„Aber mein Vater war selber Jurist und war sehr dagegen, dass eine Frau Jura studieren wollte.“ (A, n.B.).

Noch heute bedauert eine der Interviewten, dass ihr eine akademische Schulbildung von der Mutter mit folgender Aussage verwehrt wurde:

„Deinem Bruder gehört die bessere Ausbildung – er ist der Jüngere, er ist viel klüger, und da er einmal der Ernährer einer Familie wird, also braucht er das. Du bist ja nur ein Mädchen und die mittlere Laufbahn ist schon genug.“ (B, n.B.).

↓132

Es konnte aber auch der Beruf der Mutter ein Vorbild sein, wie z.B. (E, n.B.) äußerte:

„Sie hatte auch einen Beruf erlernt, sie war Geflügelzüchterin und hatte auch den Meisterbrief gemacht.“

Das mütterliche Vorbild, eine gesicherte Ernährungslage, sowie die Verbundenheit mit der Natur, waren hier die Grundlage zum Studium der Agrarwissenschaft, das mit dem Diplom abgeschlossen wurde.

↓133

Alle Frauen des Samples in den alten Bundesländern arbeiteten über die Heirat hinweg, mindestens bis zur Geburt des ersten Kindes (A,B,C,E,) 2 bis 6 Jahre und gaben nach der Geburt ihre Berufstätigkeit auf Wunsch des Ehepartners auf. Sie folgten damit dem in der Zeit 50–60er Jahre gängigen Verlaufsmuster und fügten sich dem gesellschaftlichen Druck. Oft fiel es ihnen schwer, wie nachstehend geäußert:

„Ziemlich zu Beginn meiner Ehe musste ich meinen Beruf als Lehrerin aufgeben. Das fiel mir wahnsinnig schwer. Es war in den Jahren nicht üblich, dass eine Ehefrau berufstätig war. Ich war also nur noch Mutter und Ehefrau“ (A, a.B.).

Eine andere betonte,

↓134

„...ich musste mich zuerst – ganz für mich – innerlich darauf einstellen, nicht mehr zu arbeiten, sondern zu Hause zu bleiben. Mein Mann wollte das auch gerne“ (C, a.B.).

In den neuen Bundesländern war die Situation anders. Die Frauen bekamen durchgängig ein Jahr nach der Eheschließung ihr erstes Kind und kehrten – da in der früheren DDR ab 1964 Babykrippen vorhanden waren - nach dem Babyjahr sofort wieder in ihren Beruf zurück, auch hauptsächlich – wie sie betonten - um den ideologischen Anforderungen zu genügen. In diesem Zusammenhang schließe ich mich den Ausführungen von Schütze an: „Während in der Bundesrepublik die Politik alles daran setzte, die ´Hausfrauenehe` zu fördern, erwartete man in der DDR, dass die Frauen erwerbstätig sein sollten. Es ist zwar richtig, dass weibliche Erwerbstätigkeit aus ökonomischen Gründen notwendig war, gleichwohl sollte man nicht vergessen, dass die DDR sich auch in der Tradition August Bebels und Clara Zetkins sah, die die Erwerbstätigkeit der Frau als Voraussetzung ihrer Befreiung aus der Abhängigkeit vom Mann ansahen“ (Schütze 2000, 30).

6.1.3 Familienorientierung und Handlungsräume

In allen Interviews hoben die Frauen hervor, dass sie - unabhängig von sozialer, gesellschaftlicher und politischer Sicht - nach der Geburt des ersten Kindes in der Ehefrau- und Mutterrolle „zufrieden und glücklich“ waren. Es wurde in ihren Aussagen klar erkennbar, dass es ihnen wichtig war, für ihre Kinder Zeit zu haben. Im Anschluss an eigene Kindheitserfahrungen aus der Kriegs- oder Nachkriegszeit mit einer viel beschäftigten Mutter, die wenig Zeit für ihre Kinder hatte, war es den Frauen wichtig, dass sie als Mütter für ihre kleinen Kinder verfügbar waren. Wie überzeugend die Erziehungsarbeit nach der Geburt des Kindes übernommen wurde, begründeten die Frauen wie folgt:

↓135

„Ich habe dann natürlich meinen Beruf aufgegeben, um total meiner Mutterrolle gerecht zu werden. Ich blieb vier Jahre zu Hause und habe auch mit Freuden erlebt, wie unsere Tochter heranwuchs (C, a.B.).

Auch B, a.B. musste sich dem gesellschaftliche Druck fügen:

„Kurz vor der Geburt des Sohnes habe ich dann aufgehört zu arbeiten, mein Mann wünschte es, und mich später um die Erziehung unseres Kindes gekümmert“ (B, a.B.).

↓136

In den alten wie auch in den neuen Bundesländern entsprachen einige Mütter der interviewten Frauen bereits dem modernen Frauenbild der heutigen Zeit, da sie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren Erwerbs- und Familienarbeit gleichzeitig übernehmen mussten. Erstaunlich ist, dass sich die befragten Frauen als junge Mütter wieder dem traditionellen Rollenbild zuwandten, nicht nur in den alten Bundesländern, wo „eine Mutter zu ihrem Kind ins Haus“ gehörte, sondern auch in den neuen Bundsländern, als noch keine Babykrippen zur Verfügung standen:

„Es wurde dann 1961 unser erster Sohn geboren, da habe ich erst einmal aufgehört zu arbeiten“ (E, n.B.).

„Als unser Ältester geboren wurde, na, das waren damals ja auch noch ungünstigere Verhältnisse... . bin ich dann eine zeitlang zu Hause geblieben“ (A, n.B.).

↓137

Nicht das Leitbild der modernen berufstätigen Mutter wurde bei den jungen Ehefrauen wirksam, sondern das Negativbild der eigenen berufstätigen Mutter, wobei zu bemerken ist, dass vier der interviewten Frauen von Großmüttern bzw. anderen Verwandten in der Kriegs- und Nachkriegszeit betreut wurden. So wurden nach der Geburt des ersten Kindes bei allen neun der interviewten Ehefrauen zunächst Wunschträume für eine eigene Weiterentwicklung zurückgestellt.

Über die erhobenen Daten wurde ersichtlich, wie sich die normativen Vorstellungen der Frauenrolle in der Nachkriegszeit veränderten. Die Zwänge des Zweiten Weltkrieges hatten die Mütter der befragten Frauen, der Not gehorchend, in die Rüstungs- und Erwerbsarbeit integriert. Bei den Töchtern erhielt die Erwerbsarbeit auch einen hohen Stellenwert, der sich in den anspruchsvollen Berufswünschen äußerte. Doch wurden in den Nachkriegsjahren die traditionellen Orientierungen wieder hergestellt, die nach der Geburt des ersten Kindes in einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung mündeten. Obwohl sie die von ihnen abverlangte Rolleneinengung beklagten, fanden sie nicht die Kraft, sich daraus zu befreien.

In den Interviews kam immer wieder zum Ausdruck, dass Ehemänner, Eltern und der gesellschaftliche Druck in den 50er und 60er Jahren den jungen Ehefrauen keine anderen Lebensformen erlaubten; auch waren die Frauen noch zu stark in den tradierten Rollenmustern verhaftet, wie Schü t ze sie beschreibt: „Dem Mann kommt die rationale Weltsicht, die Anpassungsfunktion an die Außenwelt, nach Parsons die instrumentelle Funktion zu. Der Frau kommt die expressive Funktion zu, an ihr ist es, Zuwendung, Zärtlichkeit und Wärme zu spenden und die Familie vor den Übergriffen der Versachlichungsprozesse zu bewahren“ (Schütze 1988, 119).

↓138

Alle Frauen des Samples beschrieben sich als stark familienorientiert, nur eine der interviewten Frauen startete eine steile Karriere (D, a.B.), nachdem ihr Verlobter im Krieg gefallen war.

Bei allen Frauen war der Kinderwunsch vorrangig, wobei auffällig ist, dass die Frauen in den neuen Bundesländern bereits in dem ersten Ehejahr ihren Kinderwunsch realisierten. Eine Ausnahme bildete C, n.B., die den Sohn im dritten und ihre Tochter im 6. Ehejahr adoptierte, nachdem sich eigene Kinderwünsche nicht erfüllten. Wie ausgeprägt auch hier der Kinderwunsch war, zeigte sich in ihrer Aussage:

„...da wir der Meinung waren, Lehrer ohne Kinder, das ist nichts, so adoptierten wir zwei Kinder“ (C, n.B.).

↓139

Eine Beeinflussung von Familienplanung und Karrierewünschen durch die differenzierenden gesellschaftlichen Systeme und Ideologien der alten und neuen Bundesländer (früher Westdeutschland und DDR), kann nicht ausgeschlossen werden, ist jedoch nicht Aufgabe dieser Studie.

Während in den alten Bundesländern die Frauen reproduktiv die Karrieren ihrer Männer unterstützten, die nach westlich, demokratischem Vorbild geprägt waren, mussten in den neuen Bundesländern die Frauen eine Tätigkeit im Kollektiv nach sozialistisch, kommunistischem Vorbild akzeptieren.

Das traditionelle Familienbild mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung war fester Bestandteil der Frauen in den alten Bundesländern: Die Frau war für das Haus und der Mann für den Unterhalt zuständig, was in den folgenden Aussagen der Frauen dokumentiert wurde:

↓140

„Ja, ich habe dem damaligen Frauenbild genügt, das herrschte. Es wurde in der damaligen Zeit von uns Frauen und Müttern erwartet, dass man sich um Haus, Garten, Ehemann, Kinder und um gesellschaftliche Verpflichtungen kümmerte. Ich habe auch ganz einfach das Rollenbild meiner Mutter übernommen“ (B, a.B.).

Eine andere, die in eine vermögende Unternehmerfamilie „eingeheiratet“ hatte, beschrieb ihre damalige Situation wie folgt:

„Mein Mann stammte aus einer sehr angesehenen Bauunternehmer-Familie ... .so ein angesehener Geschäftshaushalt und dann eine berufstätige Lehrerin, das ging nicht!“ (A, a. B.).

↓141

Die Aussage von D, a.B., die als Geschäftsführerin eines großen Industrieunternehmens viel auf Kongressen und Fachtagungen war, unterstrich das traditionelle Rollenbild der 50-60iger Jahre in den alten Bundesländern:

„In der damaligen Zeit - das fiel mir oft auf – waren sehr wenige Führungspositionen von Frauen besetzt. Die Frauen waren höchstens zu 3-5% vertreten, bzw. als schmückende Dekoration für ihre Männer“ (D, a.B.).

Anders verhielt es in der früheren DDR, wo Ehefrauen und Müttern zwar durch vorhandene Babykrippen und Kindergartenplätzen bessere Karrierechancen eingeräumt wurden, die interviewten Frauen jedoch kollektiv verplant waren, was folgende Aussage hervorhebt:

↓142

„...in der DDR war das ja nicht so üblich, dass man sich seinen eigenen Arbeitsplatz suchte, man war ja da ´berufsgelenkt`, das hatte positive und negative Auswirkungen, da wurden die Absolventinnen irgendwo hingeschickt, wo sie nicht so gern hin wollten, sondern wo sie benötigt wurden“ (E, n.B.).

Oft führte die Verbindung von Beruf und Familie auch zu einer Überforderung der Frauen, was nachfolgende Aussage bekräftigt:

„Es kam dann noch hinzu, dass ich meine Eltern pflegen musste, jedoch auch meine Schwiegereltern, mein Mann war ja Einzelkind und ich musste das alles so nebenher machen, neben der anstrengenden Arbeit im Labor. Ich habe sehr unter diesen starken Überforderungen gelitten, habe dann so einen Tremor bekommen ... .eigenen Interessen konnte ich überhaupt nicht nachgehen“ (B, n.B.).

↓143

Inwiefern sich die Frauen in den neuen Bundesländern Freiräume für ihre persönliche Entwicklung verschafften, kann hier nicht untersucht werden. Es muss jedoch festgestellt werden, dass den Frauen ein Babyjahr staatlich zugebilligt wurde, was für sie bei der Familienplanung einen hohen Stellenwert hatte. Auffällig ist, dass die Frauen in den neuen Bundesländern zwei, drei und 4 Kinder zur Welt brachten, im Gegensatz zu den Frauen der alten Bundsländer, die ein, höchstens zwei, in einem Einzelfall (die Familie lebte im Ausland), drei Kinder haben.

Allerdings bildet die Interviewte D, n.B. eine Ausnahme, deren Ehe kurz nach der Geburt ihres Kindes geschieden wurde. Deutlich wurde in den Interviews, dass die „Geschlechterideologie“ während der aktiven Familienphase speziell das Handeln der Frauen in den alten Bundesländern bestimmte, was auch Schütze hervorhob: „Nicht minder zwingend als die Mutterpflichten waren die der Gattin, die die Karriereambitionen des Gatten in Ausübung von Repräsentationspflichten zu fördern hatte“ (Schütze 1988, 125). Sie folgten dem traditionellen Familienbild stärker als die Frauen in den neuen Bundesländern.

Jedoch waren auch dort die Frauen – wenn sie einen doppelten Lebensentwurf mit einer Berufs- und Familienorientierung lebten – überwiegend für familiale Aufgaben zuständig.

↓144

Die Familienorientierung aller zehn Frauen war sehr ausgeprägt: Reproduktive Unterstützung des Ehepartners, Berufstätigkeit, Kindererziehung, Pflege von nahen Familienangehörigen, kollektive politische Tätigkeiten und vieles andere mehr verlangten von den Frauen der alten und neuen Bundesländer immer wieder eine hohe Flexibilität und führten dazu, dass eigene Ansprüche in dieser Lebensphase zurückgestellt wurden. Hier ist der Begriff von ´Doppelter Vergesellschaftung` zutreffend, wie er von Sagebiel (unter Bezugnahme von Becker-Schmidt 1994) Verwendung findet, der hervorhebt, „...dass Frauen einerseits im kapitalistischen (bzw. kommunistischen) Arbeitsmarktprozess integriert sind, andererseits in der Privatsphäre in patriarchalischen Verhältnissen leben, also doppelt entfremdet oder unterdrückt sind“ (Sagebiel 1998, 202).

6.2 Aktuelle Lebenssituation

Alle zehn interviewten Frauen befanden sich – ob bewusst oder unbewusst auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt, was in den alten Bundesländern z.T. auf ein „empty-nest“-Syndrom, die Pensionierung, Verlust des Lebenspartners, Selbstfindungs-Prozesse, in den neuen Bundesländern durch plötzliche Arbeitslosigkeit und Frühverrentung, bedingt durch die Wiedervereinigung, zurückzuführen war. So schilderte E, a.B.:

„Nur – je älter die Kinder wurden – um so weniger hatte ich auch zu tun. Die Älteren studierten und waren schon aus dem Haus und der Jüngste machte gerade sein Abitur. Da war es nur eine Frage der Zeit, dass auch er bald weggeht“ (E, a.B.).

↓145

Die Pensionierung war auch ein Grund der Neuorientierung, wie A, a.B. berichtete:

„Ich wurde dann im Jahre 1987 mit 63 Jahre aus dem Schuldienst entlassen. Da war ich ja so traurig, ich wäre am liebsten immer noch weiter im Schuldienst tätig gewesen ... . Ich dachte, so was machst du jetzt? Ich musste doch irgend etwas weiter machen“ (A, a. B.).

Eine der anderen Frauen begriff den Auszug der Kinder als Chance für einen gewonnenen Freiraum, der ihr die Möglichkeit einer eigenen Weiterentwicklung bot.

↓146

„Ich hatte immer den Wunsch, du musst noch irgend etwas für dich tun, bildungsmäßig gesehen“ (C, a.B.).

Auch von anderen der interviewten Frauen wurde festgestellt, dass sie während der „Verhaftung“ in ihrer Ehefrau- und Mutterrolle ein ´ungeheures Bedürfnis an Weiterbildung entwickelten` und nur auf eine Gelegenheit der „Befriedigung ihrer Wünsche“ warteten.

Anders verhielt es sich bei den interviewten Frauen aus den neuen Bundesländern. Für alle stellte die Wiedervereinigung einen gravierenden Einbruch in ihr bisheriges Leben dar, der - je nach Persönlichkeitsstruktur - für einige zur Bewältigung und damit zu Wachstum und Entfaltung (vgl. Schäffter 1998, 161-163), bei anderen zum psychischen Einbruch führte. Alle Frauen verloren ihren Arbeitsplatz, bzw. wurden vorzeitig in den Ruhestand geschickt, was nicht nur große Probleme für sie selbst, sondern auch für den Lebenspartner mit sich brachte:

↓147

„Wir waren jeweils die Ältesten in unserem Kollegenkreis. Wir haben dann das Altersruhegeld beantragt, ohne dass wir genau wussten, welche – beinahe unzumutbaren – Probleme auf uns zukamen, denn wir fanden uns sehr oft im Arbeitsamt wieder. Das war sehr diskriminierend für uns, denn als DDR-Bürger war uns das gar nicht bekannt. Besonders mein Mann, der erst 55 Jahre alt war, fiel in das sogenannte ominöse schwarze Loch und hatte schwere psychische Probleme, um mit diesem Zustand fertig zu werden“ (C, n.B.).

Eine der jüngeren Interviewten erzählte, wie sie versuchte, diese Situation zu bewältigen:

„Ich hatte mir schon in der letzten Zeit vorgenommen, also...du lässt dich nicht hängen, irgendetwas musst du unternehmen. Ich war 55 Jahre alt und hatte insofern Glück, dass ich zwar arbeitslos war, also nicht direkt im Sinne ´arbeitslos`, da war eine Regelung geschaffen, das sogenannte Arbeitsübergangsgeld, auf das ich Anspruch hatte“ (E, n.B.).

↓148

Sie absolvierte mit Erfolg eine Ausbildung im Fernstudium, was sie als sehr enttäuschend empfand, da die Kontakte zu den Lehrenden und den Mitstudierenden fehlten. Ihre Enttäuschung drückte sie mit folgenden Worten aus:

„Das war nichts für mich; denn ich hatte ja auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Ich nannte mich zwar dann Beratungssstellenleiter vom Berliner Lohnsteuerhilfe-Verein und wurde auf die Menschheit losgelassen. Das kam mir dann alles so suspekt vor“ (E, n.B.).

Wie sehr manche der Interviewten durch die Wiedervereinigung litten, wird z.B. in folgenden Schilderungen deutlich:

↓149

„Ich bin dann in ein tiefes, tiefes Loch gefallen, weil ich ja so vieles gemacht hatte, ich habe ja manchmal bis zu 12 Stunden gearbeitet. Als das alles wegfiel, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte“ (C, n.B.).

Noch problematischer war der Einbruch durch die Wiedervereinigung für eine andere Interviewte:

„Ja, also dieser totale Zusammenbruch, der war im Jahre 1989. Ich war sehr lange in der geschlossenen Psychiatrie und was das bedeutet...das kann ich gar nicht so im einzelnen erzählen, weil das der Tiefpunkt meines Lebens war“ (B, n.B.).

↓150

Nach diesen gravierenden Einschnitten in ihr Leben versuchten die Frauen wieder Anschluss an die Außenwelt zu erhalten und sich gesellschaftlich neu zu integrieren. Die starke Bildungsorientierung der 10 befragten Frauen ist auffällig – wie in den Interviews geäußert wurde - war jede von ihnen auf der Suche nach geistiger Befriedigung. Lernen wurde für sie auch während der aktiven Familien- und Berufsphase zu einer bevorzugten Nebenbeschäftigung, sie besuchten Kurse in kommunalen, kirchlichen, gewerkschaftlichen und politischen Bildungseinrichtungen. Doch zeigten sich neben Lernerfolgen auch Unzufriedenheiten über die Erfolge der Bildungsbemühungen. Was war der Grund ihrer „Unzufriedenheit“, was suchten die Frauen, was führte sie in die Universitäten?

Dieser Frage versuchte auch Sagebiel nachzugehen: „Ist es Teil einer Überlebensstrategie in einer altenfeindlichen Umwelt? Sind sie Avantgardistinnen des Strukturwandels“ (Sagebiel/Arnold 1998, 196).

6.2.1 Einstieg in das Seniorenstudium

Die Möglichkeit ein Seniorenstudium aufzunehmen, was erst mit Öffnung der Universitäten für Erwachsene verbunden war, stellte für ältere Frauen von Beginn an eine besondere Attraktivität dar, was sich in den Einschreib- und Studienzahlen (siehe Kapitel 5) ablesen lässt. Auf diese Tatsache weist auch Sagebiel hin: „Bis heute nehmen die Frauen unter den Seniorenstudierenden zahlenmäßig einen beachtlichen Platz ein (...) und zeigen damit ein bildungsaktives wissenschaftsorientiertes Verhalten, das dem gängigen negativen Bild von der älteren Frau widerspricht“ (Sagebiel/Arnold 1998, 195).

↓151

Die Interviewten ergriffen voller „Begeisterung“ diese Möglichkeit der Weiterbildung und Weiterentwicklung. Nachdem ihre Situation vor Beginn des Studiums ausführlich erörtert wurde, kann nun ihr Weg in die Universität und die Gründe für die Annahme wissenschaftlicher Weiterbildungsangebote anhand der erhobenen Daten vorgestellt werden.

Die ersten Informationen und Hinweise für einen Einstieg in die weiterbildenden Studiengänge lieferten den Interviewten Aushänge, Zeitungsberichte und die Empfehlungen von bereits studierenden Freundinnen.

So betonte A, a.B., dass es für sie ein besonderes Glück darstellte, dass sich im Herbst 1987, als sie aus dem Schuldienst entlassen wurde, die Universität Wuppertal für das Seniorenstudium öffnete. Durch einen Zufall fand sie diese Information in einem Aushang der Stadtbücherei, sie schilderte:

↓152

„Ich war eine der ersten Alten, die sich auf den Weg zur Universität bewegte... . Ich war glücklich, endlich wieder weiter lernen zu können, weil ich dies ja mein ganzes Leben lang auch getan habe“ (A, a.B.).

Zwei der interviewten Frauen in den alten Bundesländern wurden durch Zeitungsberichte auf das Seniorenstudium aufmerksam. Eine andere suchte nach ihrem Eintritt in das Rentenalter, ganz gezielt nach neuen Möglichkeiten, da sie sich die Bildung zukommen lassen wollte, die sie sich schon immer wünschte, so berichtete sie:

„Ich habe mich kundig gemacht, d.h. zuerst einmal Informationen eingeholt. Wenn man sich dafür interessiert, bekommt man die auch. Ich habe mich im Bildungsministerium, jedoch auch bei uns in Düsseldorf im Abendgymnasium kundig gemacht“ (E, a.B.).

↓153

Eine andere der Frauen wurde durch eine Initiative ihrer Tageszeitung auf das Seniorenstudium aufmerksam:

„Seiner Zeit, also 1990, wurde hier von unserer Tageszeitung eine Busfahrt zur Uni Wuppertal durchgeführt, an der eine gute Bekannte und ich teilnahmen. Man zeigte uns vieles und machte uns auch mit der Leiterin des Seniorenstudiums bekannt. Meine Bekannte und ich blieben an diesem Nachmittag auch direkt da“ (D, a.B.).

Eine der interviewten Frauen wurde durch eine Freundin, mit der sie früher zusammen eine Therapeutenausbildung absolvierte und die bereits am Seniorenstudium partizipierte, regelrecht zu dieser Studienform gedrängt.

↓154

„Sobald ich meine Zulassung zur Therapeutin in den Händen hielt, forderte meine Freundin mich auf, nun das Seniorenstudium zu beginnen. Sie argumentierte, dass ich das schon für sie tun müsse aufgrund der vielen Vorarbeit, die sie geleistet habe“ (B, a.B.).

Alle fünf interviewten Frauen aus den neuen Bundesländern erfuhren aus der Zeitung, dass die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg mit der Gründung des Weiterbildungszentrums 1990 die Möglichkeit der wissenschaftlichen Weiterbildung für ältere Erwachsene geschaffen hatte. Seit dem Sommersemester 1992 entstand daraus „Studieren ab 50“. Das stellte für die Frauen die ideale Form der Weiterbildung dar, auf die sie gewartet hatten, wie das auch nachfolgend zum Ausdruck kommt:

„Ja...und dann kam da noch die Nachricht, dass hier ein Seniorenstudium...ich habe es aus der Zeitung erfahren...eröffnet wird und da habe ich mir gedacht,...na, ja, dafür kannst du dich ja mal interessieren. Hier an der Universität...ich müsste – glaube ich – schon von Anfang an dabei gewesen sein“ (A, n.B.).

↓155

Wie sehr die Frauen auf der Suche nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten waren, ist eindeutig aus folgender Äußerung erkennbar:

„In dieser Situation lasen wir jeden Tag die Zeitung und durch Zufall fanden wir darin, dass in Magdeburg ein Seniorenstudium eröffnet wurde. Das war die Möglichkeit, dass wir beide eine sinnvolle Freizeittätigkeit finden konnten“ (C, n.B.).

Für eine andere der Frauen, die inzwischen so ängstlich geworden war, dass sie sich nicht mehr traute, allein unter Menschen zu gehen, war der Einstieg ins Studium eine angstbesetzte Entscheidung:

↓156

„Ich habe dann eine Anzeige gelesen, dass es das Seniorenstudium hier an der Uni gibt, doch unter den geschilderten Umständen, war es für mich anfangs sehr schwer, mit jungen Leuten auf einer Schulbank zu sitzen (D, n.B.).

Nachvollziehbar wird die Aussage einer anderen Interviewten, die ihr Studium als Rettungsanker bezeichnete:

„Mein Selbstbewusstsein war gleich „Null“, ich musste mich erst langsam wieder selbst finden, zu mir selbst kommen... .ich wollte einmal für mein Selbstbewusstsein etwas tun...es war einfach ein Stück „Lebenshilfe“ (B, n.B.).

↓157

In den Interviews der Frauen fanden sich keine frühen Vorstellungen für eine zielgerichtete berufliche Verwertung der weiterbildenden Maßnahmen. Sie waren vielmehr erst einmal auf Suche nach einer sinnvollen Verwendung für neu gewonnene „Freizeit“. Dies dürfte als auslösender Faktor betrachtet werden, mit einem Studium den gewonnenen Freiraum auszufüllen. Sagebiel unterstreicht dies auch, in ihren Forschungen kam sie zu dem Resultat, dass „...diese längere Lebenserwartung der Frauen zur Konsequenz (hat), dass sie in dieser geschenkten Lebenszeit zu vielem aufgerufen sind und viel bewerkstelligen können“ (Sagebiel/Arnold 1998, 197).

Während die Frauen aus den alten Bundesländern nach dem Studium mit einer eventuellen ehrenamtlichen Tätigkeit „liebäugelten“, wurde dies bei den Interviewten aus den neuen Bundesländern sogar ausdrücklich abgelehnt. Die Ablehnung ehrenamtlicher Tätigkeiten wurde damit begründet, dass von den Frauen jahrelange politisch-ehrenamtliche Tätigkeiten in der früheren DDR abverlangt wurden. Ebenso schlossen sie ein berufliches Tätigwerden aus.

6.2.2  Stellenwert des Seniorenstudiums

Bei ihrer Suche nach Möglichkeiten der Vergesellschaftung außerhalb der Familie stießen die befragten Frauen eher zufällig auf die wissenschaftlichen Studienangebotedie sie zuerst überrascht und aufgeregt, doch später begeistert annahmen. Versprachen sie doch die Möglichkeit zur Erhaltung der geistigen Flexibilität, Realisierung von eigenen Interessen, Kompensation entgangener Bildungschancen, Anerkennung in Familie und Gesellschaft sowie Kommunikation und Interaktion mit Gleichgesinnten. Alle Frauen des Samples bezeichneten das Seniorenstudium als eine Bereicherung ihres Lebens, so dass ihm ein besonderer Stellenwert zuerkannt wurde.

↓158

Einen ungewöhnlichen Schwerpunkt bildete ein neuer, persönlicher Orientierungsbedarf im Alter bei den Frauen aus den neuen Bundesländern.

Eine Erfahrung von Defiziten und Differenzen war in allen Fällen mehr oder weniger an dem Entschluss zum Einstieg in das Seniorenstudium beteiligt. Die Frauen wollten die Chance wahrnehmen, die ihnen früher verwehrt wurde. Ich schließe mich hier Sagebiel an, die betont: „Ältere studierende Frauen sind in ihrer allgemeinen und Bildungsbiographie häufig in besonderer Weise benachteiligt worden“ (Sagebiel 1998, 79). Mit dem Einstieg in das Studium war die Hoffnung verbunden, diese Defizite ausgleichen zu können, auch wenn B, a.B. zuerst Bedenken hat, den Anforderungen eines Studiums gewachsen zu sein:

„Mit sehr gemischten Gefühlen begann ich – nach Beendigung meiner Ausbildung als Fachtherapeutin – auf Drängen meiner Freundin, das Seniorenstudium... . Im Grunde wollte ich durch dieses Studium mir selbst beweisen, dass ich in der Lage war, auch ein Studium zu absolvieren“ (B, a.B.).

↓159

Eine der anderen Interviewten hatte zuerst auch große Bedenken, das Studium aufzunehmen, sie berichtet:

„Es war für mich gar nicht so einfach, wir waren ja am Anfang nur ganz wenige und ich wusste nicht, ob ich den Anforderungen gewachsen bin, doch dann habe ich beschlossen, ...da steigst du mit ein“ (E, n.B.).

In den Interviews äußerten die Frauen, dass es ihnen nach Beendigung der Familien- und Berufsphase vorwiegend um die universitäre Lehre, jedoch auch um Erhaltung geistiger Flexibilität geht. Endlich wieder weiter lernen zu können, war für die Frauen ein Bedürfnis:

↓160

„Hier, die Universität, besuche ich als Mittel, meine geistigen Kräfte längerfristig aktiv zu halten. Also ich war dann auch bemüht, mich nicht nur bei den Vorlesungen berieseln zu lassen – kommt ja bei manchen schon mal vor - sondern die Möglichkeit zu suchen, aktiv tätig zu werden“ (A, n.B.).

Wie wichtig ihnen neue, geistige Anregungen waren, dokumentiert auch folgende Aussage:

„Ja, also das Seniorenstudium habe ich aufgenommen, um geistig wieder aktiv zu werden, denn diese Lohnsteuersache, die füllte mich durchaus nicht aus. Ich wollte irgendwie auch noch etwas Neues wissen“ (E, n.B.).

↓161

Der positive Stellenwert des Studiums in ihrem Leben und die Erhaltung der geistigen Flexibilität wurde von den Frauen durchgängig hervorgehoben:

„Also, der Stellenwert des Studiums kann nicht hoch genug angesetzt werden, denn bei uns fanden sich viele Menschen ein, deren Arbeitsplatz weggebrochen war und an der Universität suchten sie neue geistige Betätigung“ (C, n.B.).

Ganz besonders wichtig erschien den interviewten Frauen die Realisierung von eigenen Interessen, denn die Zurückstellung und bisherige Nichtrealisierung derselben sind im Grunde ein weiteres Defizit in der Biographie der Frauen. Nachdem sie erfahren hatte, dass es in Wuppertal das Seniorenstudium gibt, war der Wunsch bei E, a.B. stark ausgeprägt, über das weiterbildende Studium eigene Interessen zu realisieren, etwas für sich zu tun, was sie persönlich weiterbrachte:

↓162

„Mein Mann war sehr, sehr viel unterwegs. Ich freute mich zwar immer über die Gespräche, die wir hatten, doch manchmal zweifelte ich, ob ich ihm noch genügte. Da er so viel weg war, dachte ich ...vielleicht will er gar nicht mehr zu Hause bei mir sein. Also überlegte ich mir, was mache ich.

Als ich in der Zeitung von dem Seniorenstudium in Wuppertal las, entschloss ich mich, mal an die Universität zu fahren. Ich führte ein interessantes Gespräch mit der wissenschaftlichen Leiterin des Seniorenstudiums, die mich zum Studium ermutigte“ (E, a.B.).

Ihre Überlegungen gingen in dem folgenden Interviewausschnitt dahin, dass die eigenen Interessen bisher immer hinter der Mutterrolle zurücktreten mussten, oder - wie nachstehend erkenntlich wird - miteinander verbunden wurden:

↓163

„Um das Studium zu realisieren, habe ich für meinen jüngsten Sohn, der ja noch zu Hause war, dann morgens um sechs Uhr schon sein Essen – so z.B. Hühnerfrikassee – vorgekocht, was er gar nicht wollte...aber ich, in meiner Mutterrolle, habe ja ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich konnte ihn doch nicht ohne Essen auf die Straße schicken“ (E, a.B.).

Auch B, n.B., war sehr daran interessiert, die undefinierte und zurückgesetzte eigene Position über Bildungsprozesse zu verbessern. Ihren Status einer mitarbeitenden Ehefrau, die viel leisten musste und trotzdem nur eine unterbewertete Stellung innerhalb der Familie und Gesellschaft zugewiesen bekam, erlebte sie als höchst unbefriedigend. Erst eine Irritation (vgl. Schäffter 1998, 146-148), in Form einer schweren psychischen Erkrankung, sowie eine anschließende positive Therapie, ermutigten sie, eigene Wünsche zu realisieren:

„Ich wollte nicht mehr so - wie in einem LIONS-CLUB - nur dienen, ich wollte mal für mein Selbstbewusstsein etwas tun. Also ich hab`s geschafft, das Seniorenstudium, also...das war für mich...ich muss es nochmals betonen, ich konnte zum ersten mal in meinem Leben etwas auch für mich tun. Nach der langen Zeit des „Nur-Hausfrauendaseins“ konnte ich mal etwas anderes hören. Ich habe dann auch das belegt, was mir schon früher Freude bereit hat, Fächer wie „Griechische Geschichte, Römische Geschichte“ (B, n.B.).

↓164

Bei A, a.B. war der Wunsch zu spüren, eine sinnvolle Zeitverwendung zu finden, die ihren Interessen diente und ihr selber zugute kam. Ihre ehrenamtlichen Unterrichtsstunden, die sie ausländischen Kindern gab, genügten ihrem Intellekt nicht mehr, auch gängige Freizeitmuster, die für den Feierabend gelten, griffen für ihre Ansprüche zu kurz. Es war das Seniorenstudium, das ihre Wünsche erfüllte, das erhoffte, geistige Tätigwerden:

„Ich war voller Freude und Energie und studierte mit wahrer Begeisterung im Alter. Es boten sich ja auch gleich so viele Fachgebiete an. Einige der Frauen interessierten sich für Germanistik, andere für Geschichte, Psychologie usw.. Ich fand die Soziologie sehr attraktiv, die Gesellschaft hatte ich ja in meinem langen Leben erlebt – auch das, was innerhalb der Gesellschaft politisch geschah – und nun konnte ich mich wissenschaftlich mit einer sich verändernden Gesellschaft auseinander setzen“ (A. a.B.).

Aufzutanken, etwas für sich zu tun, aber auch im Sinne der anderen, um wieder etwas abgeben zu können, dieses Interesse lag dem Studienwünschen von A, n.B., zugrunde:

↓165

„Also das Streben nach Bildung und sich orientieren, ist eigentlich so eine kontinuierliche Entwicklung, die man auch bestrebt ist, im Alter weiter zu frühren... . Also ich war eben viel an Sprachen interessiert, vor allem wollte ich dann auch mein Französisch ein bisschen aktivieren und mein Tschechisch...also mir war persönlich daran gelegen, in der Studienzeit Kontakte zu pflegen, zu der jüngeren ausländischen Generation; hier in Magdeburg gibt es den sogenannten „Dialog der Generationen“... . Die Leiterin der Studentenorganisation, eine junge Bulgarin, war auch daran sehr interessiert und sagte, dass einige Studenten es gut fänden, auch mal in eine Familie hier eingeladen zu werden, weil sie ja von weit her sind und an den Feiertagen nicht nach Hause fahren können. Ich selbst habe Kontakt zu einer tschechischen Studentin, die hier Germanistik studiert. Sie kommt laufend hierher und ich habe ihr schon helfen und sie unterstützen können“ (A, n.B.).

Als Kompensation entgangener Bildungschancen und Realisierung eines Traumes sahen die Frauen des Samples das Seniorenstudium an, denen der Zugang zur Hochschulberechtigung fehlte. Das unerreichte Abitur und der unerfüllte Studienwunsch waren als ein Versäumnis bei diesen Frauen in Erinnerung geblieben. „Sie suchen“, so betont auch Sagebiel, „keine instrumentelle, auf eine berufliche Tätigkeit hin ausgerichtete Ausbildung, sondern quasi reine Erkenntnisgewinnung, dies vor einem defizitären bildungsbiographischen Hintergrund“ (Sagebiel/Arnold 1998, 208). Für diese Frauen bestand nun die Hoffnung, dass dieser unvergessene Wunsch und Traum zu studieren, über den weiterbildenden universitären Studiengang realisiert werden konnte. Für C, a.B. war es die günstigste Gelegenheit, das entgangene Studium jetzt ohne Abitur nachholen zu können:

„Na, ja, es hat mir zumindest die Befriedigung gebracht, dass ich den von mir gewünschten Nachholbedarf an Bildung decken konnte. Ich fühlte mich sicherer – auch meinen Töchtern gegenüber – die ja bereits den akademischen Grad haben. Vielleicht war es ja auch der Wunsch im Hintergrund, den möchtest du es ja aber mal zeigen, Mutter kann das auch noch, wenn auch ein bisschen spät“ (C, a.B.).

↓166

Wie benachteiligt sich manche Frauen fühlten, und wie sehr sie unter ihrem Bildungsdefiziten litten, geht aus folgender Äußerung hervor:

„Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich das Studium auch zu einer gewissen Imageaufbesserung absolvierte habe. Ich werde jetzt auch von meinem Mann, dem Sohn und meiner Schwiegertochter anders gesehen,...sie sind alle Akademiker“ (B, a.B.).

Einer anderen Interviewten dient das Studium als Schlüssel zur „Selbstfindung“, „Selbstentdeckung“, ihr wird bewusst, dass sie nicht mehr nur ausschließlich zu „funktionieren“ hat, sondern eine Frau mit einem Recht auf Bildung und Entfa l tung ist:

↓167

„Also, das ist es eigentlich, was das Studium mit mir gemacht hat und es hat – wie gesagt – mich wachgerüttelt und sehr gefestigt. Früher war ich immer sehr abhängig, ich habe mich eigentlich immer über meinen Mann und auch über die Kinder dargestellt und heute denke ich: Also - ich bin wer!“ (E, a.B.).

Die interviewten Frauen betonten immer wieder, welch eine Bereicherung das Seniorenstudiums für sie darstellt und es konnte ihren begeisterten Worten entnommen werden, dass auch ihnen gelang, was Sagebiel hervorhebt: „Das Training im abstrakten, intellektuellen Denken scheint so – trotz häufig lebenslanger Sozialisation in traditionellen Rollen – geistige Befreiung anzustoßen und zu ermöglichen“ (Sagebiel 1998, 334).

6.2.3 Resonanz der Familie auf das Seniorenstudium

Aus den erhobenen Daten ergibt sich überraschend, dass die befragten Frauen aus den alten Bundesländern die Teilnahme an den weiterbildenden Studiengängen von der Zustimmung des Ehemannes abhängig machten. Gegen den ausdrücklichen Willen des Ehepartners hatte keine der befragten Frauen das Studium aufgenommen, und damit stimme ich mit Schütze überein, die bereits 1988 feststellt: „Die gesellschaftliche Emanzipation eilte der innerfamilialen voraus“ (Schütze 1988, 131). Dem Ehemann entgingen einige Dienstleistungen durch die Abwesenheit seiner Ehefrau, als dieser in den 80er und 90er Jahren die Möglichkeit geboten wurde, an einem Seniorenstudium zu partizipieren, was nachfolgend dokumentiert wird:

↓168

„Mein Mann fand das zwar nicht gut für möglich, doch er sagte,...´ich könne machen, was ich wolle, es dürfe ihn nur nicht tangieren`, was bedeutete, wenn er kam, dann sollte ich auch für ihn da sein“ (E, a.B.).

Eine andere äußerte:

„Ja, und wie das bei uns zu Hause so ist, also mein Mann, der hat das zuerst einmal mit Skepsis betrachtet und hat sicher gedacht...na, lass sie zuerst mal, die gibt bestimmt auf, oder so!“ (C, a. B.).

↓169

Auch wurde das Einverständnis des Ehepartners der befragten Frauen aus den neuen Bundesländern zum Studium eingeholt, jedoch reagierten diese durchgehend positiver auf das Studienbegehren ihrer Frauen:

„Auch mein Mann reagierte – also da gab´s überhaupt nichts. Auch wenn ich jetzt das Auto mal öfters gebraucht habe. Wir mussten uns immer abstimmen, weil wir nur ein Auto haben. Aber da gab es gar keine Schwierigkeiten“ (E, n.B.).

Der Ehemann von C, n.B. erhoffte sich, das psychische Problem seiner Frau dadurch zu lösen, dass er sie ermunterte, eine Außenorientierung zu wagen, durch die ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung befriedigt werden könnte:

↓170

„Meine Familie ist sehr damit einverstanden, dass ich zur Uni gehe, zumal mein Mann ja bemerkte, dass ich den Boden unter den Füßen nach der Wende verloren hatte. Er machte sich nur Sorgen, wenn ich zu spät von der Uni komme und ihn vorher nicht informiere“ (C, n. B.).

Alle Frauen brachten in den Interviews zum Ausdruck, dass auch weiterhin der Anspruch in der Familie galt, dass Ehefrau und Mutter für den Haushalt und die Versorgung der Familie zur Verfügung stand. Es fiel den Familienmitgliedern schwer, die lieb gewonnenen Privilegien aufzugeben; trotzdem sahen alle Kinder der Interviewten das Studium der Mutter als „gewinnbringend“ für die Familie an:

„Meine Kinder, die mir früher von ihren Studienzeiten an der Uni schon immer erzählt hatten, fanden es „toll“, dass die Mutter jetzt auch studierte und sich in demselben Milieu aufhält. Wir haben uns über vieles austauschen können“ (E, n.B.).

↓171

Eine Mutter, die immer berufstätig war, um beiden Töchtern ein Studium zu ermöglichen, äußerte:

„Meine Töchter fanden es sehr gut, dass ihre Mutter das noch in diesem Alter gemacht hat“ (C, a.B.).

Eine der anderen Interviewten konnte sich noch gut daran erinnern,

↓172

„dass ich nicht nur mit meinem Mann die halben Nächte diskutiert hatte, sondern als ich mit dem Studium in Wuppertal begann, kam mein Sohn zu mir runter und wir diskutierten über die Sachgebiete, den Stoff, wie das Studium auf mich wirkte usw. Es war eine sehr schöne, sehr fruchtbare Zeit“ (A, a.B.).

Auch die Kinder der beiden vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Pädagogen waren froh, dass beide Elternteile sich wieder geistigen Aufgaben zuwandten, und dem vormals depressiven Vater das Seniorenstudium als Einstieg zu einem Magisterstudium diente:

„Für meinen Mann war es sogar so, dass ihm das Seniorenstudium nicht genügte. Er absolvierte ein Magisterstudium in Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft und er war einer der ersten Seniorenmagister aus den neuen Bundesländern, der seine Prüfung gemacht hat. Es war für ihn gar nicht mehr relevant, dieses Studium noch beruflich zu verwerten, er wollte es als Bestätigung seines Könnens und seines Lebens noch einmal sehen. Es hat ihm sehr geholfen, sein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

↓173

Somit hat das Seniorenstudium einen großen Stellenwert, mein Mann ist jetzt – nach dem Magisterstudium – ins Seniorenstudium zurückgekehrt und bereichert es, indem er jeweils in den Wintersemestern Vorträge hält, als Dozent. Unsere Kinder finden unser Studium sehr gut, besonders unsere Tochter ist stolz auf uns“ (C, n.B.).

Eine der Interviewten, die sogar beim Studium von ihrem Mann kontrolliert wurde, findet durch gute Benotung vonseiten der DozentInnen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse den Mut, sich aus dieser Umklammerung zu befreien:

„Zuerst zeigte ich meinem Mann immer, was ich ausgearbeitet hatte, da er aber alles immer sehr genau durchlas und mich auch kritisierte, habe ich ihm hinterher die Sachen gar nicht mehr gezeigt (lacht). Da meine Arbeiten gut benotet wurden, war ich auf sein Lob nicht mehr so angewiesen.

↓174

Es war erstmalig etwas, was ich hatte und ich tat, aus eigenem Antrieb!“ (E, a.B.).

Mit ihren Statements hoben die interviewten Frauen hervor, wie gewinnbringend sich der Einstieg in das Seniorenstudium nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihre Familien entwickelte. Die Frauen fanden die Kraft, einen Freiraum für sich zu schaffen und gleichzeitig ihre Kinder in eine psychischen Unabhängigkeit und damit in eine ´filiale Reife` (vgl. Schütze 1997, 106) zu entlassen. „Filiale Reife“, führt Schütze aus, „bedeutet also die endgültige Überwindung der kindlichen Abhängigkeit. Man macht seine eigenen Wertvorstellungen und seine eigene Lebensführung nicht mehr vom Urteil der Eltern abhängig“ (ebd.)

Durch die wissenschaftlich fundierte Emanzipation fanden die interviewten Frauen Kraft und Mut, sich aus den ihnen zugewiesenen Rollen zu befreien, denn wie Sagebiel in ihren Forschungen feststellte: „...schleppen sie lebenslang Benachteiligungen mit sich, wie den ungleichen Zugang zu Berufen oder die ungleiche Verteilung der Hausarbeit, und die Individualisierung der Gesellschaft betrifft sie persönlich hautnah“ (Sagebiel/Arnold 1998, 196).

↓175

Dass ihre Weiterentwicklung jedoch nicht immer auf „Gegenliebe“ stößt, erfuhren die Interviewten allerdings auch „hautnah“. Durch ihr Studium begaben sich die interviewten Frauen in eine andere Bildungsschicht, denn bedingt durch ihre Bildungsbemühungen traten Befremdungen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis auf, die sie zum Nachdenken anregten.

6.2.4 Resonanz im Freundes- und Bekanntenkreis

Nachdem sich die Frauen die Anerkennung des Studiums im familialen Rahmen „erkämpft“ hatten, wird ihnen während ihres Seniorenstudiums bewusst, dass durch eine wissenschaftliche Weiterbildung auch Entfremdung entstehen kann. Durch ihr Studium wurden zwar neue Freundschaften gewonnen, es gingen jedoch auch freundschaftliche Beziehung verloren, wie B, a.B. im Interview mitteilte:

„Verwandte und Freunde reagierten eigentlich kaum auf mein Studium – eher im Gegenteil. Wenn ich davon andeutungsweise einmal etwas erzählte, dann hörte ich überhaupt keine Resonanz, im Gegenteil, es wurde sofort ein anderes Thema angefangen, man wollte und will auch heute davon gar nichts hören“ (B, a.B.).

↓176

Auch E, a.B. stellte fest, dass „Befremdungen“ in ihren freundschaftlichen Beziehungen durch das Studium entstanden:

„Ich möchte kurz über Gespräche im Freundeskreis über meinen „Uni-Alltag“ berichten. Kurz deshalb, weil nach den ersten Gesprächen mit Menschen aus dem Bekannten- und Freundeskreis das Thema Uni zum „Tabu“ wurde. Die Reaktionen waren unterschiedlich und oberflächlich. Sie lauteten u.a. „Alle Achtung“ oder aber „Hast Du sie noch alle, wo Du es jetzt so gut haben könntest“. Mehr wollte man dazu nicht sagen, Ja, man beobachtete und kritisierte mich, da ich mich unweigerlich auch veränderte“ (E, a.B.).

Die Themen, mit denen die Frauen des Seniorenstudiums sich auseinander setzten, über die sie gerne sprachen und diskutieren wollten, wichen deutlich von denen ihrer Freunde und Bekannten ab. Sie merkten, dass auch sie sich von ihrem alten Bezugskreis entfernt hatten, denn einerseits reichte ihnen der oberflächliche „small talk“ nicht mehr, er wurde von ihnen gemieden, andererseits war das tiefe Gespräch in ihrem früheren Freundeskreis nicht beliebt. Wie diese Gradwanderung bewältigt wird, schildert C, a.B.:

↓177

„Durch die Kenntnisse, die ich im Studium erworben hatte, reflektierte und diskutierte ich anders, was im Freundes- und Bekanntenkreis auf Befremdung stieß. Ausnahmen bildeten meine Töchter, mein Mann und einige wenige Freunde, die mit mir meinen Frust und meine Aufregung teilten. Ich bemühte mich, bei Zusammenkünften und Feiern in zwei Welten zu leben, spielte sozusagen mehrere Rollen und beteiligte mich nicht mehr so intensiv an den Gesprächen, schließlich wollte ich Freundschaften, die seit Jahrzehnten Bestand hatten, nicht zerstören“ (C, a.B.)

Anders verhielt es sich bei A, a.B., hier wurde die Interviewte für ihren Freundeskreis zu schwierig. Die neue feministische Perspektive und die Verbreitung des neu erworbenen feministischen Wissens waren für ihren alten Freundeskreis ungewohnt und irritierend. Auch verschreckte sie ihre alten Freunde durch ihr emanzipatorisches Verhalten und Reden und brachte Unruhe in die Beziehung, so dass sich zu ihrem alten Freundeskreis eine Distanz aufbaute, der sie begegnete, indem sie sich an der Universität einen neuen Freundeskreis schuf:

„Wir trafen uns regelmäßig in der Kneipe, wir Alten, und dort tauschten wir uns aus... .Eine wunderschöne Zeit, die mich in totale Beigeisterung versetzte. Es entstanden neue Freundschaften, die auch zu einer Teamarbeit „Forschendes Lernen“ in Bad Urach sowie zum fünfmaligen Besuch der Berliner Sommer-Uni führten; neue Frauen-Freundschaften entstanden, die bis heute Bestand haben. Wir haben auch sehr viel über emanzipatorisches Arbeiten gesprochen, über Frauennetzwerke, Frauen im Management, Männerbünde usw., es waren alles Themen, die mich hochgradig interessierten und beschäftigten, so dass ich meine früheren Freunde nicht vermisste“ (A, a.B.).

↓178

Einige der interviewten Frauen machten sich Gedanken darüber, warum durch eine wissenschaftliche Weiterbildung Entfremdung zwischen Menschen entstand, die eine jahrzehnte lange Freundschaft verband. B, a.B. versuchte eine Erklärung zu finden:

„Ich nehme an, dass die Menschen, die sich einmal ein gewisses Bild von jemanden gemacht haben, dieses auch nicht mehr verändern wollen. Es ist ja schon etwas Außergewöhnliches, das auch eine Veränderung auslöst, wenn man in unserem Alter noch ein Studium abschließt“ (B, a.B.).

Mit den Erfahrungen, die von den interviewten Frauen während des Seniorenstudiums mit ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gemacht wurden, könnten die Hypothese von S a gebiel unterstrichen werden: „Frauen erfahren stärkere Widerstände ihrer Bezugspersonen und –gruppen, wenn sie die präformierten Altersstereotype durch Lernen im Alter infrage stellen“ (Sagebiel/Arnold a.a.O., 314).

↓179

Die Frauen in den neuen Bundsländern, die nach der Wende ein neues, sinngebendes Betätigungsfeld im Studium, wie auch im universitären Umfeld fanden, erfuhren durchgängig Bewunderung und positive Resonanz:

„Verwandte und Freunde reagieren sehr positiv auf mein Studium, ich würde sagen, sie bewundern mich vielleicht sogar ein bisschen“ (D, n.B.).

„In unserem Bekanntenkreis wird unser spätes Studium geschätzt. Das Seniorenstudium wird von Außenstehenden als sehr wertvoll angesehen, was daran abzulesen ist, dass von Semester zu Semester es mehr Studierende werden“ (C, n.B.)

↓180

„Auch Freunde und Nachbarn fanden es wunderbar, dass ich mir das Studium noch zutraue und haben mich in meinen Gedanken bestärkt“ (E, n.B.).

Den Fokus traf die Wissenschaftlerin, die beruflich im pädagogischen Bereich tätig war:

„Also ich finde die Gelegenheit, die uns an der Uni hier gegeben wird, als unbedingt positiv, weil ich das als hilfreich zur Bewältigung unserer Probleme nach der Wende ansehe. Wir erlangen dadurch eine Möglichkeit, noch so aktiv im Leben zu stehen. Meine Kinder, Enkelkinder und auch meine Freunde finden es gut, dass ich noch mithalten kann“ (A, n.B.).

↓181

Während die interviewten Frauen in den alten Bundesländern in ihren bisherigen sozialen Netzwerken durch ihr Studium Befremden auslösten, erfuhren die Frauen der neuen Bundesländer Anerkennung und Bewunderung. Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung von Seniorenstudentinnen an der Universität Wuppertal (vgl. Kap. 5.4),werden von der Leiterin des Seniorenstudiums wie folgt interpretiert: „Durch ihre Bildungsanstrengungen brechen bei den Frauen Unterschiede zu ihrem gewohnten Umfeld auf, die sich als soziale Differenzierung über Bildung charakterisieren lassen“ (Sagebiel/Arnold 1998, 208). Auch kommt bei B, a.B. der Verdacht auf, dass die abwertenden Bemerkungen ihrer Tennisfreundinnen „neidbesetzt“ sein könnten, weil sie etwas lebt und bewältigt, was sich andere nicht zutrauen.

Resümierend kann folgendes festgestellt werden: Alle interviewten Frauen betonen immer wieder, dass ihr Studium „besonders“ gewinnbringend von allen Familienangehörigen eingestuft wird. Die Ehemänner entdecken in den Frauen einen interessierteren und kompetenteren Gesprächspartner und die Kinder sind „glücklich“, von ihren Müttern nicht mehr so sehr „begluckt“ zu werden. Hier kann ich mich voll den Ausführungen von Schütze anschließen: „Die affektive Individualisierung in den Eltern-Kind-Beziehungen umfasste nicht nur eine Steigerung der Emotionalität und des Verantwortungsgefühls. Gleichzeitig ist in diesem Begriff auch eine neue Freiheit impliziert, ein Recht auf Entfaltung individueller Neigungen und eine Lebensführung, die nicht mehr im Dienste der Fortführung einer Familientradition steht“ (Schütze 1997, 104).

Indem die Frauen sich nicht nur durch neugewonnene Erkenntnisse, sondern auch durch die Kommunikation untereinander freier und individueller entfalteten, konnten sie eher „loslassen“, ihren Kindern die Chance der ´filialen Krise` einräumen und sie dadurch ´filiale Reife` (vgl. Schütze 1998, 106, die sich auf Blenker (1965) bezieht), erlangen lassen. Dadurch könnte sich bewahrheitet, was Schütze feststellt: „Die Weigerung der Frauen des späten 20. Jahrhunderts“, und dazu zählen die Seniorenstudentinnen, „weiterhin auf das zäheste Element ihres Geschlechtscharakters, die Mütterlichkeit, festgelegt zu werden, ist nicht – wie immer wieder geargwöhnt wird – ein Angriff auf die Familie, sondern vermutlich das einzige Mittel, die emotionale Einheit der Familie zu stabilisieren“ (Schütze 1988, 132).

6.3 Erfahrungen im Studium

6.3.1 Erfahrungen mit der Institution

↓182

Die interviewten Frauen wurden durch das weiterbildende Studium an die Universität gebunden. Diese Bildungseinrichtung wurde für sie zu einem zugewiesenen Ort, in dem sich die „neuen Seniorenstudierenden“ zuerst eingewöhnen mussten, um ihn nutzen zu können. Sie mussten die Hemmungen, die beim Eintritt in die für sie hoch angesehene Institution auftraten, zuerst einmal abbauen, um künftige Studienerfolge zu gewährleisten. Über positive bzw. negative Erfahrungen mit der Institution Universität äußerten sich die Interviewten der alten Bundesländer wie folgt:

„Also – die Uni ist als solche überhaupt nicht einladend. Diese kalten, unfreundlichen Gebäude, die scheußlichen Seminarräume, ohne Blumen, also alles so – so unpersönlich, ganz anders als wir es von der Schule her und von unserem Privatleben gewohnt waren. Es war für mich ein ganz starker Gewöhnungsprozess. Aber – wie gesagt – die Sache stand im Vordergrund und insofern sah ich das alles bald nicht mehr“ (A, a.B.).

Ähnlich negative Erfahrungen mit dem „Betonungeheuer“ das bedrohlich auf sie einwirkte, macht E, a.B. Bei ihr war der entschlossene Weg an die Universität von Unsicherheiten begleitet. Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten war nicht sehr ausgeprägt, sie befürchtete, dass sich die wissenschaftliche Leiterin des Seniorenstudiums während des Beratungsgesprächs in der positiven Einschätzung ihrer intellektuellen Fähigkeiten geirrt haben könnte.

↓183

„Die Uni – als wissenschaftliches, so unnahbares Gebäude – der viele Beton, das flößte mir zu Beginn des Studiums doch schon etwas Furcht ein. Das hat sich dann aber mit der Zeit gegeben“ (E, a.B.).

Ein befremdendes Gefühl empfindet auch B, a.B., „wenn sie hilflos durch die Gänge irrt“:

„Was mir sehr schwer fiel, zum Anfang, das war, mich zurechtzufinden, denn in der Anonymität der kahlen Räume und langen Flure kommt man sich doch etwas verloren vor“ (B, a.B.).

6.3.2 Erfahrungen mit DozentInnen

↓184

Während alle befragten Frauen sich anfangs fremd vorkamen, sind sie doch von der Universität beeindruckt. Sie betonten, wie wichtig für sie zu Beginn ihres Studiums die Betreuung durch die wissenschaftliche Leiterin des Seniorenstudiums war.

„Wir wurden zu Beginn von Frau Dr. Sagebiel betreut, wir hatten noch kein Orientierungssemester. Frau Dr. Sagebiel betonte immer...´hier muss eigenständig gearbeitet werden` (A, a.B.).

Für eine anderer der Interviewten war das bei einer zufälligen Besichtigung der Universität geführte Gespräch mit der wissenschaftlichen Leiterin des Seniorenstudiums,

↓185

„der Start meiner Teilnahme am Studium an der Universität Wuppertal“ (D, a.B.).

Auch wurde von den später Studierenden das nachträglich eingeführte Orientierungssemester, das zu Beginn des Seniorenstudiums obligatorisch für das Erlernen von Techniken wissenschaftlichen Arbeitens angeboten wird, lobend hervorgehoben, was von den „Pionierinnen“ des Seniorenstudiums, die bereits im Wintersemester 1987 mit dem Studium begannen, noch vermisst wurde. Zu Beginn des Seniorenstudiums mussten sich DozentInnen und Studierende erst mit der Situation vertraut machen, was aus folgender Aussage einer der „Erststudierenden“ an der Universität Wuppertal hervorgeht:

„Ich war neugierig auf die DozentInnen, die mit uns überhaupt nichts anfangen konnten. Sie wussten nicht, welche Gruppe von Menschen kommt da auf sie zu. Sie kamen mit unserer Sprache nicht zurecht, die ja völlig anders war, als die an der Universität gebräuchliche. Es war eine große Verunsicherung, z.T. entstand auch offener Widerspruch gegen die Senioren“ (A, a.B.).

↓186

Nach anfänglichen Schwierigkeiten erfolgte ein wechselseitiger Lernprozess. Wie positiv sich im Laufe der Jahre die Entwicklung für beide Seiten gestaltete, geht aus nachstehender Äußerung hervor:

„Auch vonseiten der DozentInnen in den Seminaren spürte ich keine Unterschiede. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei den Referaten, die anfielen, ich immer Unterstützung erhalten habe. Da das Seniorenstudium bereits seit 10 Jahren bestand, hatten die Lehrenden bereits Erfahrungen mit den Seniorenstudierenden gemacht. Also ich kann nur sagen, ich bin richtig gern zur Uni gegangen, es hat mir Spaß gemacht“ (C, a.B.).

Die DozentInnen wurden - je nach Persönlichkeitsstruktur und Können – von den Seniorenstudierenden differenziert eingestuft:

↓187

„Die DozentInnen gefielen mir unterschiedlich gut. Es gab natürlich welche, die mir überhaupt nicht gefielen, na, zu denen ging ich schon einmal gar nicht. Die jüngeren gefielen mir gut, auch die jungen Frauen, die Dozentinnen, auch Frau Dr. Sagebiel gefiel mir gut, weil sie eine Menge Power hat. Manche empfand ich als sehr überheblich, sie waren an uns SeniorenstudentInnen überhaupt nicht interessiert und wollte uns nur mit ihrem akademischen Wissen imponieren“ (A, a.B.).

Eine andere der befragten Frauen, die Politikwissenschaft als Hauptfach belegte, führte aus:

„Frau Prof. Dr. Zellentin legte großen Wert darauf, das man sich auch auf ihrem Fachgebiet bildete und betonte,...´ich möchte Sie von ihrer Alltagssprache wegbringen`. Durch die vertiefenden Studien habe ich natürlich meinen Horizont erweitert und konnte das Studium auch gut verkraften“ (D, a.B.).

6.3.3 Erfahrungen mit der Wissenschaft

↓188

Nachdem die ersten Anpassungsschwierigkeiten beiderseits überwunden waren, äußerten sich die Seniorenstudentinnen positiv über die DozentInnen und das ihnen vermittelte universitäre Wissen, das sie sich - natürlich zuerst nur verbunden mit einigen Schwierigkeiten - aneignen konnten:

„Ich musste ja zuerst einmal lernen, mich mit dieser wissenschaftlichen Sprache auseinander zu setzen. Ich musste ja ein Buch bald dreimal lesen, um es zu verstehen – und ehrlich gesagt – mir hat die wissenschaftliche Sprache auch gar nicht gefallen“ (A, a.B.).

Ähnliche Erfahrungen sammelte E, a.B.:

↓189

„Der Arbeitsaufwand war zu Beginn des Studiums ziemlich hoch, da ja noch alles neu war für mich. Ich kannte keine wissenschaftlichen Bücher, ich hatte noch nie welche gelesen. Ich konnte sie auch gar nicht auswerten, weil ich die Schwerpunkte nicht erkannte. Alle waren ja auch so umfangreich und dick, der Umgang mit ihnen musste erst erlernt werden. Auch die soziologische Sprache war für mich erst ein Buch mit ´sieben Siegeln`... . Trotzdem war es sehr interessant, sich mit der wissenschaftlichen Materie auseinander zu setzen“ (E, a.B.).

Auch fiel es den mit Begeisterung studierenden Seniorinnen schwer, ihr Erfahrungswissen hinter dem Expertenwissen zurückzustellen:

„Ich hatte also große Schwierigkeiten mit dem Expertenwissen, weil ich mein Erfahrungswissen immer wieder einbringen wollte. Wenn also in Sozialwissenschaften über Süchte, Alkohol, Rassismus diskutiert wurde, dann stand im Vordergrund immer mein Erfahrungswissen (A, a. B.).

↓190

Obwohl sie es sehr interessant fand, sich mit der wissenschaftlichen Materie auseinander zu setzen, bestand auch für E, a.B.

„immer die Gefahr, dass ich äußern wollte...also, da bin ich doch ganz anderer Meinung, das hab ich doch ganz anders erlebt. Ich habe also sehr lange Zeit gebraucht, mein Erfahrungswissen zurückzustellen, hinter dem Expertenwissen“ (E, a.B.).

Von den Seniorenstudierenden der neuen Bundesländer wurden gravierende Schwierigkeiten zu Beginn des Studiums nicht wahrgenommen, alle hoben das positive Entgegenkommen der DozentInnen hervor,

↓191

„Unser Dozent gibt sich ja kolossale Mühe uns entgegen zu kommen und ist auch außerordentlich aufgeschlossen gegenüber allen möglichen Vorschlägen zur besseren Gestaltung der Zusammenarbeit“ (A, n.B.).

Eine der Interviewten berichtete erfreut über ihren Einstieg in das Seniorenstudium:

„So muss ich sagen, dass es viele Erinnerungen in mir wach gerufen hat, so an meine frühere Studentenzeit und dass es ein richtig gutes Gefühl war, wie ich jetzt so im Alter mit den anderen Studierenden so über die Gänge gelaufen bin und die Treppen hinauf, in den Hörsaal oder den Seminarraum, dann hat man so das Gefühl...eigentlich kannst du ja noch ganz gut mithalten, also das ist schon was!“ (E, n.B.).

↓192

Ohne Probleme gestaltete sich auch für A, n.B. die Aufnahme des Seniorenstudiums:

„Es ist für mich nicht problematisch, also...die ganze Beschäftigung hier mit dem Studium...also die zielt ja nicht auf irgendeinen erneuten Abschluss oder irgendwas hin. Also das ist hier bei uns nicht der Fall. Ich kenne zwar nicht alle Teilnehmer, aber die meisten der Damen, die ich kenne, also...die haben ja schon einen Hochschulabschluss gehabt“ (A. n.B.).

Als sehr beeindruckend wurde von den Studierenden in den neuen Bundesländern hervorgehoben, dass DozentInnen aus den alten Bundesländern nach der Wiedervereinigung an ihre Universität kamen, um ihnen ganz neue Sichtweisen zu vermitteln:

↓193

„Das war sehr aufschlussreich, denn da hat man Dinge gehört, so besonders von Westdeutscher Seite (Frau Prof. Dr. Wald von der Universität Wuppertal), über die man sich da manchmal gewundert hat und die im Gegensatz zu dem standen, was uns so immer gesagt wurde“ (E, n.B.).

Für eine andere der Seniorenstudentinnen

„war alles für uns so neu und interessant. Aber aus den politischen Seminaren habe ich mich dann zurückgezogen, weil – na, ja – es befriedigte mich nicht mehr!“ (C, n.B.).

↓194

Eine Interpretation, dass das Seniorenstudium den interviewten Frauen in den neuen Bundesländern keine besonderen Anfangsschwierigkeiten bereitete, sah E, n.B. darin,

„dass man in der DDR ja auch noch als Erwachsener zum Studium „delegiert“ wurde, dadurch ist das hier nichts Besonderes“ (E, n.B.).

6.3.4 Bewältigungsstrategien und Stellenwert des Studiums

Die physischen und psychischen Belastungen des Seniorenstudiums waren für die interviewten Frauen kein Grund, das Studium zu vernachlässigen oder gar aufzugeben. Sie sahen – im Gegenteil – in ihrem Studium nach Familien- und Berufsphase - ein Privileg, das sie sich gönnten und das sie genießen wollten, was folgende Aussagen dokumentieren:

↓195

„Ja, körperlich war das Studium schon etwas anstrengend, ich war ja ordentlich im Stress. Schließlich war ich ja auch nicht mehr die Jüngste, ich war ja schon 65 Jahre alt. Außerdem war ich gerade aus dem Schuldienst heraus und eigentlich waren meine Nerven so angespannt, dass ich eigentlich ein paar Jahre Ruhe benötigt hätte (lacht). Weil mein Drang zur Weiterbildung aber so stark war, habe ich mir diese Ruhepause nicht gegönnt“ (A, a. B).

Eine der anderen Interviewten, die 53 Jahre berufstätig war und sich immer nur berufsspezifisch weiterbilden konnte, wollte nun unbedingt die Chance der wissenschaftlichen Weiterbildung ergreifen. Sie hatte „einen richtigen Bildungshunger“ und für sie war es unbedingt wichtig, weiter zu lernen, weil sie so viel Freude am Lernen empfand. Sie bemerkte, dass es sich in ihrer Lebenssituation und Lebensphase um ein besonderes Lernen handelte; es war „selbstbestimmt und ohne Druck“. Sie genoss die Studiensituation und war erstaunt, welche Kräfte sie mobilisieren konnte, um auch in dieser fortgeschrittenen Lebenszeit noch ihre Lebenssituation zu verändern:

„Ich sah` und sehe mein Studium sehr positiv, weil ich ja sehr begeistert bin, sonst wäre ich ja damals nicht in Wuppertal geblieben. Ich kann das nur positiv sehen. Wenn ich so in die Zukunft schaue, so als älter werden Frau, das macht mir eigentlich keine Probleme. Das kommt aber wohl auch mit daher, dass ich bis zu diesem Augenblick...das betone ich auch immer besonders...also bis zu diesem Augenblick munter und fidel bin (lacht)“ (D, a.B.).

↓196

Nachstehend Befragte bewältigte ihr Studium trotz anspruchvollem Ehemann und der Betreuung ihrer zwei Enkelkinder, unter Bewunderung ihrer Töchter:

„Alle Achtung (sagten meine Töchter), dass Du das noch schaffst, so bei aller Arbeit, die Du noch hast... . Doch das hat mir seinerzeit nicht so viel ausgemacht. Da ich ja in Düsseldorf wohne, musste ich also zwei- bis dreimal die Woche nach Wuppertal fahren. Es war also körperliche und geistige Anstrengung. Manchmal war es ganz schön stressig, mich zu sammeln, wenn ich in den Seminarraum kam, um dann den Anforderungen gerecht zu werden. Ich denke, ich habe das seinerzeit ganz gut bewältigt, und da ich ein Nachtmensch bin, konnte ich meine Aufgaben – also das Schreiben der Referate, Aufarbeitung des wissenschaftlichen Stoffes usw. bewältigen, wenn alle anderen bereits schliefen. Ich muss sagen, es ist mir ganz gut gelungen“ (C, a.B.).

Für B, a.B. waren Selbstfindungsprozesse während des Studiums besonders wichtig. Neben den erforderlichen Pflichtseminaren belegte sie zahlreiche Wahlveranstaltungen in allgemeiner Soziologie, spezieller Soziologie und Psychologie. Ein psychologisches Wochenendseminar, das sie aus Interesse und Begeisterung noch einmal wiederholte, bot ihr die Möglichkeit und den Anreiz, sich intensiv mit der eigenen Person zu befassen, um der Antwort auf die schwierige Frage: Wer bin ich? etwas näher zu kommen:

↓197

„Das Studium hat mir auch sehr viele Erkenntnisse gebracht und mir bei der Aufarbeitung meiner traumatischen Erlebnisse geholfen. Ich denke, dadurch habe ich das Studium überhaupt nicht als belastend empfunden, weder physisch noch psychisch“ (B, a.B.)

Für E, a.B. war es bedeutend, dass sie durch das Studium neue Verhaltensmuster entwickelte, ihr Horizont sich nun wesentlich erweiterte und sie jetzt „ganz anders im Leben steht“ und an Sicherheit gewonnen hatte:

„Auf jeden Fall habe ich 1992 das Studium angefangen und es mit dem Zertifikat 1995 abgeschlossen. Ich habe den Eindruck, dass es für mich ein ganz, ganz wichtiger Schritt war, das zu tun. Ich konnte auch erfahren, dass ich etwas schaffen konnte, wovor ich eigentlich Angst hatte. Denn mein ganzes Leben bestand immer aus Zögerlichkeiten und Angst, dass ich das alles nicht schaffe; doch wenn ich dann etwas angefasst habe, auch mit Unterstützung natürlich, dann habe ich es doch geschafft. Ich konnte jetzt auf etwas zurückblicken, was ich geleistet hatte (E, a.B.).

↓198

Auch den interviewten Frauen der neuen Bundesländern diente das Seniorenstudium der Stabilisierung ihrer Gesundheit und der persönlichen Weiterentwicklung. So hatte sich der gesundheitliche Zustand von C, n.B. nach der Wende – auch bedingt durch das vorzeitige Ausscheiden aus ihrem Lehrberuf – zunehmend verschlechtert. „Das Seniorenstudium“, so führte sie aus „gab meinem Leben einen neuen Sinn“:

„Es war also ringsherum eine absolute Bereicherung unseres Lebens und unsere Sichten wurden größer und weiter, so dass auch mehr Zufriedenheit ins häusliche Leben kam.

Auch unsere Gesundheit stabilisierte sich – möchte ich sagen“ (C, n.B.).

↓199

„Als so eine Art Rettungsanker“ wurde das Seniorenstudium von B, n.B. betrachtet, die nach der Wende psychisch schwer erkrankte. Für sie sind Anerkennung und Lob in Form von Scheinen und Zertifikaten sehr wichtig und tragen zu ihrer Gesundung bei:

„Ich habe 1996 angefangen und bin jetzt noch dabei. Ich habe zu Geschichte auch noch Psychologie belegt und jedes Semester mit Scheinen abgeschlossen. Ich habe das für mich sehr ernsthaft betrieben, ich war mit ganzer Seele dabei. Im letzten Jahr habe ich mir etwas sehr Schönes gegönnt, ich habe bei Antiken-Rezeption der Deutschen Literatur zwei Semester belegt und mit Zertifikat abgeschlossen“ (B, n.B.).

„Das Lernen begeisterte mich schon immer, ich lerne gern“, ist eine wichtige Sequenz in dem Interview von D, n.B. Da Sprachen ihr Länder eröffnen halfen, die ihr über 40 Jahre ihres Lebens verschlossen blieben, frischte sie an der Universität ihre Kenntnisse in Englisch und Französisch auf. Zusätzlich belegte sie noch Japanisch, Polnisch und Mittelhochdeutsch:

↓200

„Später bin ich dann bei Englisch und Französisch geblieben. Verwandte und Freunde reagierten sehr positiv auf mein Studium, ich würde sagen, sie bewundern mich vielleicht sogar ein bisschen. Es ist nicht nur das Studium als solches, sondern das Durchhalten. Manchmal fällt es mir schwer, diszipliniert zu sein und die Zeiten einzuhalten und hinzugehen. Aber ich denke dann, das geht nicht...einmal gebummelt – immer gebummelt! Das Studium habe ich ja aufgenommen, um geistig beweglich zu bleiben, um nicht zum Stillstand zu kommen“ (D, n.B.).

Dem Wunsch nach einem vielfältigen Bildungsangebot wurde auch von E, n.B. entsprochen, die sich zu Beginn des Seniorenstudiums für politische Vorlesungen, speziell für die Entwicklungsgeschichte, beginnend 1945 - die DDR und Westdeutschland betreffend - interessierte, da ihr diese Kenntnisse bisher vorenthalten wurden:

„Ja, also das Seniorenstudium habe ich aufgenommen, um geistig wieder aktiv zu werden,...ich wollte irgendwie auch noch etwas Neues wissen, nicht unbedingt nur von der Landwirtschaft, sondern auch andere Richtungen. Mir wurde bewusst, dass ich geistig vieles vernachlässigt hatte, insbesondere auch aus Zeitgründen“ (E, n.B.).

↓201

Auch A, n.B. sah in dem Seniorenstudium nach der aktiven Berufs- und Familienphase ein Privileg, das sie sich gönnte und das sie noch weiter genießen will. Sie will sich dabei wohl fühlen und nicht überfordern, da sie eine schwere Hüftoperation gerade erfolgreich überstanden hat. Sie will das Lernen heute in einer anderen Form praktizieren, als sie das zu Zeiten der DDR tun musste: einerseits in einer intensiven, vertiefenden Form, andererseits ohne allzu starken Leistungs- und Zeitdruck:

„Ja, also ich meine...es geht jetzt eigentlich. Wo ich mich stark behindert fühle, das sind so körperliche Anstrengungen, also körperliche Arbeiten. Was das geistige Arbeiten betrifft, also da fühle ich mich nicht behindert. Das geistige, das ist für mich eine Bereicherung!“ (A, n.B.).

Alle befragten Frauen betonten, dass das Seniorenstudium für sie einen besonders hohen Stellenwert hatte und auch noch hat (vgl. Sagebiel, 2000, 311 - 318). Sie begründen ihr Sachinteresse als Motivation zum Studium. Das Studium bedeutet für sie Gewinn und Nachweis von Kompetenzen; auch stellen sie alle für sich positive Veränderungen und Entwicklungen fest. Für einige der Frauen ist es bedeutend, dass sie neue Verhaltensmuster entwickelt haben, ihr Horizont sich wesentlich erweiterte und sie „ganz anders ihr Leben bewältigen“. Es partizipieren aber nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Ehepartner und Kinder von dieser Form der wissenschaftlichen Weiterbildung, was von den Frauen immer wieder betont wurde.

↓202

Bei einer Gegenüberstellung der Studienerlebnisse und Erfahrungen, alte Bundesländer – neue Bundesländer, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die „Pionierinnen“ des Seniorenstudiums in Wuppertal bereits 1987 mit dem Studium begannen, während eine der ersten Studierenden der neuen Bundesländer mit ihrem Studium im Wintersemester 1993 startete. Da DozentInnen aus den alten Bundesländern, z.B. auch aus Wuppertal, an der Otto-von-Guericke-Universität lehrten, konnten diese auf einen bereits vorhandenen sechsjährigen Erfahrungsschatz zurückblicken, was evtl. Auswirkungen auf das Seniorenstudium in den neuen Bundesländern haben könnte.

6.3.5 Soziale Kommunikation und Interaktion

Bei der Identitätskonstruktion hatte die Kommunikation mit Studienkolleginnen einen bedeutenden Anteil. Die Frauen berichteten ausführlich über die Wichtigkeit der sozialen Kontakte zu den anderen Frauen und unterstrichen die Rolle, die mitstudierende Frauen als wichtige Interaktionspartnerinnen im Seniorenstudium einnahmen. Auch wenn es zu angenehmen Kontakten mit RegelstudentInnen kam, so fanden sich doch immer wieder kleinere Interessengruppen zusammen, die dem Seniorenstudium angehörten. Die positiven Auswirkungen des Studiums in Bezug auf die sozialen Kontakte, wurde auch bei anderen Forschungen festgestellt. Sagebiel zitiert: „Die Universität entfaltet das Interesse an sozialen Bezügen und Auseinandersetzungen. Nach der ´Frankfurter Studie` gewinnen im Verlauf des Studierens die sozialen Kontakte für 94 Frauen (20%) an Bedeutung“ (Sagebiel 1998, 205).

Bei den interviewten Frauen verstärkte sich das Zusammengehörigkeitsgefühl noch durch informelle Zusammenkünfte in der „Kneipe“ bei einem Kaffee oder beim Austausch über Studienerfahrungen, auch über private Angelegenheiten, wie A, a.B. begeistert berichtete:

↓203

„Wir trafen uns in der Kneipe, wenn wir Pause zwischen den Seminaren hatten, und dort tauschten wir uns aus. Nicht nur über unsere Familien, Tennisspielen oder Kaffeeklatsch, sondern auch über die DozentInnen und Sachthemen, welcher Fachbereich bei uns ankam und welcher nicht. Eine wunderschöne Zeit, die mich in total in Begeisterung versetzte. Wir hatten in Kneipe und Mensa natürlich auch Kontakte zu jüngeren Studierenden“ (A, a.B.).

Auch C, a.B. betont, wie wichtig ihr der Kontakt zu den Seniorenstudierenden war, der auch zu bestehenden Freundschaften führte:

„Es kam auch vor, dass sich die SeniorenstudentInnen zusammenfanden, z, B. in der Kneipe oder in der Mensa – wenn man die Zeit bis zum nächsten Seminar überbrücken musste – und da ergab sich die Gelegenheit, sich gegenseitig auszutauschen.... .Es sind durch das Studium auch nette persönliche Kontakte, ja sogar Freundschaften entstanden, die auch heute noch bestehen.

↓204

Die Interviewte B, a.B., die von einer Freundin zum Seniorenstudium „gedrängt“ wurde, bemerkte den Unterschied zwischen den Frauen, die am Seniorenstudium partizipieren und den Frauen ihrer sportlichen Aktivitäten:

„Bald lernte ich durch das Studium sehr nette Frauen kennen, merkte, dass man sich mit ihnen gut unterhalten konnte...es ist mir vieles bewusster geworden, auch durch die Gespräche unter uns Frauen. Ich habe viele neue Erkenntnisse gewonnen, ich habe neue Freundschaften geschlossen, die mir sehr wertvoll sind – das muss ich schon sagen. Wertvoll eben auf einer anderen Ebene. Die Frauen, die ich an der Uni kennen gelernt habe, sind eben an anderen Dingen interessiert als viele Frauen, mit denen ich Tennis spiele, - was ja schließlich auch verständlich ist“ (B, a.B.).

Für die etwas „zögerliche“ E, a.B., trug das Seniorenstudium und der Umgang mit den Kommilitonen zur Identitätsfindung und Stabilisierung ihrer Persönlichkeit bei:

↓205

„Der Kontakt zu den älteren Studierenden, der war am Anfang etwas schwierig, denn die schon länger studierten, die kamen mir so weit weg vor. Man sagte nur mal eben im Vorbeigehen so „Hallo“; doch dann, durch ein Seminar in Gerontologie, haben wir uns näher kennen gelernt. Es entstanden sogar Freundschaften, die auch heute noch Bestand haben“ (E, a.B.).

Die Interviewte A, a.B. stand den älteren Studierenden zuerst etwas kritisch gegenüber, was sie wie folgt begründet:

„Was mir bei den Seniorenstudentinnen noch auffiel: Der Kontakt war unter den älteren Damen eigentlich recht gut...bis, ja bis die Anstrebung des Zertifikates im Raum stand. Also da empfand ich so ein gewisses Konkurrenzdenken - macht die das gut, oder - vielleicht sogar besser als ich? Das konnte ich immer nicht verstehen, das hat mich irritiert. Ich dachte, wir sitzen doch alle im gleichen Boot, wir müssten uns doch alle gut leiden können.

↓206

Später, als wir den Verein zur Förderung des Studiums im Alter gegründet hatten...haben wir uns dann mehr auf persönlicher Ebene verstanden“ (D, a.B.).

Die interviewten Frauen aus den neuen Bundesländern berichteten durchgängig über ähnliche Erfahrungen, wie sie die Frauen aus den alten Bundesländern mit ihren älteren Mitstudierenden machten. Jedoch hatte das Seniorenstudium nach der Wiedervereinigung für sie eine besonders wichtige Funktion, die E, n.B. auch für die übrigen Frauen hervorhebt:

„Nachdem nach der Wende alles weggebrochen war, bei mir, waren auch meine Beziehungen zu den Kollegen im Kollektiv verloren gegangen und ich war relativ einsam. Durch den Besuch der Universität habe ich wieder neue Menschen kennen gelernt, die auf der gleichen Wellenlänge liegen, die gleichen Vorstellungen vom Leben haben – mehr oder weniger – und ich habe inzwischen zu den verschiedene Mitstudierenden gute freundschaftliche Beziehungen aufgebaut, auch auf privater Ebene“ (E, n.B.).

↓207

Ganz wichtig erschien den interviewten Frauen die Teilhabe an den „Ereignissen“ an der Universität und die Kontakte zu den Seniorenstudierenden, die direkt nach der Wende aufgebaut wurde, zu einem neuen „Lebenssinn“ führten und bis zum heutigen Zeitpunkt besonders gepflegt werden.

6.4 Lernen im Generationen-Dialog

Fast alle interviewten Frauen registrierten und bestaunten zu Beginn ihres Studiums das unbekümmerte Verhalten der jungen Studierenden und grenzten sich zuerst einmal ab. Nach einer gegenseitigen Eingewöhnungsphase stellten sie jedoch fest, wie befruchtend sich ein gemeinsames Studieren für beide Seiten gestalten könnte. Es wurde insbesondere auch ins Kalkül gezogen, welche Vorteile sich durch ein gemeinsames Arbeiten ergeben könnten.

6.4.1 Herausforderungen durch den intergenerationellen Vergleich

Mit Beginn des Seniorenstudiums war für A, a.B. eine neue Lebensphase angebrochen, der sie voller Erwartungen entgegen sah. Sie wollte die Chance wahrnehmen, die auch Sagebiel für ältere Frauen sieht: „Das Studium bietet für ältere Frauen eine neuartige Möglichkeit der Selbsterfahrung durch Art und Inhalt der abstrakten Wissensaneignung“ (Sagebiel 2000, 315). So berichtete A, a.B. voller Begeisterung:

↓208

„Ich war neugierig bis zum Platzen, für alles, was es an der Uni gab. Auch auf die jungen Studierenden, die uns überhaupt nicht leiden konnten. Für sie kamen auf einmal wieder Vater und Mutter an die Uni...und das war nun das Letzte, was sie wollten“ (A, a.B.).

Auch traten bei B, a.B. anfangs Zweifel auf, ob die Universität der richtig gewählte Ort ist. Beim Eintritt in einen wissenschaftlichen Lehrbetrieb, der vor allem auf jungeStudierende in einer frühen Lebensphase ausgerichtet ist, bekam die Altersthematik in mehreren Interviews eine starke Relevanz (vgl. Sagebiel 2000, 311-318). Während die jungen Studierenden überwiegend aus dem Schulbetrieb kamen und über eine aktuelle Bewertung ihrer Leistungsfähigkeit verfügten, wussten die Frauen als ´Spätstudierende` nicht, ob ihre Fähigkeiten für den weiterbildenden Studiengang ausreichten. Ihre Befürchtungen drückte B, a.B. wie folgt aus:

„Nun ja, wir mussten ja mit jungen StudentInnen studieren, also intergenerationell. Wir erhielten keinen Altersbonus, wir mussten die gleichen Leistungen erbringen, wie die jungen Studierenden“ (B, n.B.).

↓209

Erklärend wird auf Kap. 5.4 verwiesen, indem das Wuppertaler Seniorenstudium mit seiner sozialwissenschaftlichen Grundausrichtung und seiner strukturierten leistungsorientierten Form beschrieben ist. Es gliedert sich in den normalen Studienbetrieb ein und unterscheidet sich damit von Seniorenstudien anderer Hochschulen, die in der Regel eine unverbindliche Teilnahme mit geringer bis keiner Leistungserwartung verknüpfen. Da das Studium erfolgreich mit einem Zertifikat beendet werden kann, müssen sich die Seniorenstudierenden dem gleichen Leistungsdruck aussetzen, wie Regelstudierende, was zu Irritierungen führen kann:

„Ich sollte mich also auf ein Zertifikat vorbereiten, aber das gefiel mir überhaupt nicht. Ich war eisern entschlossen, keine Zensuren, keine Zeugnisse, also damit hatte ich mein ganzes Leben verbracht. Nichts dergleichen mehr, also bitteschön, ich wollte mich nicht auf ein Zertifikat vorbereiten, während die anderen Damen da ganz verrückt darauf waren. Sie wollten ihrer Familie beweisen, dass sie wissenschaftlich arbeiten konnten.

Doch das alles interessierte mich überhaupt nicht. Mich interessierte nur der Fachbereich, der Stoff, die StudentInnen, die DozentInnen und ob letztere überhaupt pädagogisch begabt waren, ob sie mit SeniorenstudentInnen umgehen konnten“ (A, a.B.)

↓210

Auf Dauer konnte sich A, a.B. der Faszination des leistungsbezogenen Studiums jedoch nicht entziehen:

„Auf einmal stand zur Debatte, dass auch ich ein Zertifikat machen müsse. Mir wurde dann bewusst, also wenn ich ein Zertifikat machen muss, dann ist knallharte Arbeit angesagt. Ich kam zu der Überlegung – will ich das überhaupt – kann ich das – muss das denn sein? Aber meine Überlegungen waren zweitrangig, der Wettbewerb stand an erster Stelle (lacht). Ja, und dann hatte ich mich doch für das Zertifikat entschieden“ (A, a.B.).

6.4.2 Positiver Generationen-Austausch

Für die übrigen vier Seniorenstudentinnen stand bereits zu Beginn des Studiums fest, dass sie dieses mit Erhalt des Zertifikates abschließen wollten. Sie waren von dem intergenerationellen Studium begeistert und „schwebten auf Wolke sieben“, was nachstehen dokumentiert wurde:

↓211

„Ich hatte eigentlich nur angenehme Erfahrungen mit jüngeren Studierenden. Ich habe Literatur und Germanistik gehört und entsinne mich, dass sich ein junger Student, dem ich immer einen Platz freigehalten habe (ich hatte ja die Möglichkeit, pünktlich im Hörsaal zu sein, während er von einer anderen Vorlesung kam), dann revanchierte, mit Aufzeichnungen, die er auf Kassette für mich aufgenommen hatte (D, a.B.).

Sehr positiv äußerte sich auch E, a.B. über die gemeinsame Arbeit in einem Seminar:

„Dieser Dozent hatte ein besonderes Projekt mit seinen Studenten, wir haben ja intergenerationell studiert – also saßen mit jungen Leuten zusammen – mit denen mussten wir uns dann dem Problem des „labeling-approach“ nähern. Es wurde sehr spannend und sehr interessant“ (E, a.B.).

↓212

Ebenfalls empfand C, a.B. das gemeinsame Studieren von Senioren- und Regelstudierenden als eine gegenseitige, befruchtende Bereicherung:

„Was ich mit den Regelstudierenden, also den jüngeren Leuten, erlebt habe, war sehr positiv. Ich war immer sehr erfreut zu erleben, wie die jungen Leute heute ihr Studium meistern, jedoch waren die jungen Studierenden auch daran interessiert, wie wir Älteren das machen. Es kam in Gesprächen ein Kontakt zustande, den ich als sehr anregend und positiv empfunden habe“ (C, a.B.).

Von B, a.B. wurde bemerkt, dass sich die jüngeren Studierenden immer mehr zurückzogen, sobald die Älteren mit ihrem „Alltagswissen“ versuchten, das Seminar zu beeinflussen. Es fällt ihr jedoch auf,

↓213

„nachdem dann die ersten Referate von den älteren Studierenden gehalten wurden, entstand so etwas wie ein bisschen Hochachtung bei den jungen Studierenden, weil sie merkten, wie gut fundiert diese Referate ausgearbeitet und gehalten wurden“(B, a.B.).

Auch wenn das Seniorenstudium eine Möglichkeit bietet, Lebenserfahrungen öffentlich zugänglich zu machen, so bedarf es doch einer besonderen Methodik und Didaktik seitens der Lehrenden, um intergenerationelle Kommunikation zu leiten, die zu einem fruchtbaren „Miteinander“ wissenschaftlichen Arbeitens führt und Konfrontationen vermeidet (vgl. Sagebiel 1998, 212).

Es gab jedoch zu dem wissenschaftlichen, gemeinsamen Studieren und Arbeiten auch zwischenmenschliche, erheiternde Begebenheiten, die den Uni-Alltag erfreulich gestalteten, wie sich E, a.B. gern erinnerte:

↓214

„Zu meiner großen Überraschung war die Mehrzahl der jungen Leute sehr aufgeschlossen und kommunikativ. So kam es zum Austausch der Vorlesungsinhalte, aber auch zu persönlichen Diskussionen. In vielen kleinen, zum Teil lustigen Begebenheiten, merkte ich natürlich den Generationsunterschied. Einmal sprach mich z.B. ein junger Kommilitone vorsichtig und langsam formulierend an, und als ich ihm lebhaft und flüssig antwortete, fragte er ganz erstaunt: ´Bist Du Deutsche?` Als ich ihn belustigt antwortete: ´Ja, wieso?` fragte er, ´In welcher Sprache schreibst Du denn?`

Ich stenographierte meine Notizen, so wie ich es vor 30 Jahren gelernt hatte; dieses hatte der junge Student nicht erkannt, ja er kannte nicht einmal die Stenographie“ (E, a.B.).

Selbst A, a.B., die zu Beginn ihres Seniorenstudiums mit ambivalenten Gefühlen dem intergenerationellen Studium entgegensah, revidierte ihre Meinung und hatte sehr angenehme und hilfsbereite Erlebnisse mit jungen Studierenden:

↓215

„Einmal blieb mein Auto genau vor der Uni stehen, fünf Autos hinter mir hielten, und die jungen Studenten sprangen heraus, um mir das Auto anzuschieben. Als es nicht gelang, sagte einer von ihnen...´wissen Sie was, ich bringe Ihnen das Auto in die Werkstatt`. Also ich bin im nachhinein noch immer so beigeistert von diesen jungen Studenten, dass es mir immer auffällt, wenn ich mal mit dem Benehmen anderer jungen Menschen im Bus konfrontiert werde“ A, a.B.).

Die Seniorenstudierenden der neuen Bundesländer, die an keinem Zertifikatsstudiengang teilnehmen, jedoch auch intergenerationell studieren, sehen diese Form des Studiums ebenfalls als eine Bereicherung an. Alle sagten aus, dass sie sehr positive Erfahrungen mit jungen Studierenden erlebt hatten:

„Die jüngeren Studierenden – das kann ich schon sagen – schauten anfänglich etwas verwundert, als da so „Grauhaarige“ in den Semestern auftauchten. Aber in kurzer Zeit entstand eine gute wechselseitige Beziehung, es war sofort eine Brücke geschlagen, als die jüngeren Studenten merkten, dass auch die Älteren universitäre Kompetenz vorweisen konnten“ (C, n.B.).

↓216

Die gemeinsame Zusammenarbeit zwischen „Alt“ und „Jung“, wurde auch von E, aus den neuen Bundesländern hervorgehoben.

„Mit den jüngeren StudentInnen an der Universität habe ich auch sehr gute Erfahrungen gemacht, keine schlechten, nein – ganz im Gegenteil. Ich war in einem Seminar über die Einführung des Euro, das war sehr interessant. Die jungen Studierenden erstellten Thesenpapiere, die sie an uns Ältere übergaben, so konnten wir sehen, was dran war“ (E, n.B.).

Sie betonte allerdings, dass sie sich immer von Seminaren fernhielt, die sehr belegt waren, damit nicht erst der Verdacht aufkam, die Älteren wollten den Jüngeren die Plätze streitig machen.

↓217

Auch A, n.B. berichtete über positive Erlebnisse im intergenerationellen Studium:

„Mit den jungen StudentInnen, da habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Ich erinnere mich an vor zwei Jahren, da habe ich an einer Politikvorlesung teilgenommen und da saß immer ein junger Student neben mir und wenn ich mal etwas verspätet kam, dann hat er mir den Platz immer frei gehalten (lacht)“ (A, n.B.).

Aus den Interviews lässt sich ableiten, dass die Älteren eine hohe Akzeptanz seitens der Jüngeren erfahren. Auch könnten die Kompetenzen, Lebenserfahrungen und die Sichtweisen der älteren Studierenden den Bildungsprozess der jüngeren Studierenden beeinflussen, evtl. sogar bereichern, so dass während des intergenerationellen Studiums ein wechselseitiger Prozess des „Geben und Nehmen“ stattfindet. Dass die Dialogbereitschaft, die Toleranz und die Aufgeschlossenheit der Seniorenstudierenden sehr geschätzt werden, dass aber vor allem das „Voneinanderlernen“ einen hohen Stellenwert besitzt, geht aus der Äußerung eines jungen Studenten aus der empirischen Untersuchungsarbeit „Studium im Alter aus Sicht der Lehrenden und jüngeren Studierenden“, die an der Universität Münster 2001 abgeschlossen wurde, hervor:

↓218

Das Studium im Alter ist ein idealer Weg, um eine Brücke zwischen Alt und Jung zu schl a gen und damit auch ein harmonischeres Miteinander im Alltag zu erre i chen“ (Breloer u.a. 2001, 166).

6.5 Emanzipation durch wissenschaftliche Weiterbildung

„Insgesamt diente der größte Teil der institutionalisierten Frauenbildung in der Vergangenheit der beruflichen Förderung“ betonte Sagebiel (2000, 312). „Daneben gab es“, so führte sie weiter aus, „wie die Fraueninitiativen zeigen – eine gering institutionalisierte allgemeine Weiterbildung, deren Ziel nicht in erster Linie die Vermittlung nützlicher Qualifikationen war, sondern die eher der Entwicklung von Subjektivität und Individualisierung der Frauen diente“ (ebd.). Dieses strebten die interviewten Frauen der alten und neuen Bundesländer an, wie nachstehend dokumentiert wird.

6.5.1 Kompetenzentfaltung und Identitätsbildung

Für die Auftragsvergabe einer anspruchsvollen Kompetenzentfaltung ist die Universität der spezielle Ort. Frauen, die sich zum Seniorenstudium an eine Universität begeben, können – aufgrund des wissenschaftlichen Angebotes – für sich neue Identitäten konstruieren. Diese Chance ergriffen auch die interviewten Frauen. Da sie sich auf der Suche nach einer neuen „Lebensperspektive“ befanden, bildete die feministische Ausrichtung einen Schwerpunkt ihrer weitererbildenden Studien und verfehlte bei den Frauen aus den alten Bundesländern nicht ihre Wirkung. Sie brachte für A, a.B. überraschende Einsichten und Erkenntnisse, die sie sehr bewegten und mit denen sie sich erst auseinandersetzen musste:

↓219

„Ich kam zu Beginn – ganz durch Zufall – in eine Frauenbewegung hinein. Ich war völlig überrascht, wie das da ablief. Die Frauenbewegung hatte in mehrtägiges Treffen in Wuppertal, das ging international und auch bundesweit und wir wurden zum ersten Mal konfrontiert mit Lesben – und das war für mich absolutes Neuland. Wir waren mit einer kleinen Gruppe von der Uni da und ich muss sagen, ich komme auch heute noch nicht so gut damit zurecht. Die Emanzipation hatte sich wohl 1987 noch nicht so positiv bemerkbar gemacht im Land und war wohl auch noch nicht in allen Köpfen angekommen“ (A, a.B.).

Die Auseinandersetzung mit feministischen Theorien wurde auch von C, a.B. sehr lebendig dargestellt. Es war Schwerstarbeit für sie, weil eine zusätzliche Reflexionsarbeit herausgefordert wurde. Sie diente der Aufarbeitung der eigenen Erfahrungen und die Benachteiligung der ´Frau in unserer Gesellschaft`:

„Die Erkenntnisse für mich als Frau, hmm...ich habe durch das Studium eine gewisse Festigung erfahren, deswegen bin ich ja so dafür, dass Frauen eine gute Ausbildung so früh wie nur möglich erhalten. Ich bin ja als Frau in einer Zeit aufgewachsen, wo eine Bildung für die Frauen noch nicht als so gravierend angesehen wurde. Ich musste als Ehefrau auch immer ausbalancieren, durfte meinem Ehemann nicht demonstrieren, aha, also ich weiß etwas – oder ich kann etwas – oder schau mal, das weiß ich...also als Besserwisserin bzw. Streberin gegenüber meinem Mann durfte ich nicht dastehen“ (C, a.B.).

↓220

Es fiel ihr jedoch auf,

„dass die jungen Frauen heute schon selbstbewusster auftreten und auch emanzipierter in ihren Rollen leben. Ich denke, da haben wir älteren Frauen noch einen Nachholbedarf“ (C, a.B.).

Trotzdem bedauerte sie, dass Frauen, die ihr an der Uni begegneten, das Studium abbrachen, sobald deren Männer pensioniert und zu Hause waren und es wurde ihr bewusst,

↓221

„wir Frauen nehmen noch immer Rücksicht und geben unsere Wünsche auf, wenn es um Partner oder um die Ehe geht. Das Verhaften in den alten Rollenklischees ist immer noch in den Köpfen der Frauen. Schade, wenn diese Frauen abbrechen, bevor sie selbst wahrnehmen konnten, dass durch die Bildung ein Bewusstsein entsteht, was man wahrnehmen, wie man sich entwickeln kann und dass man die Kraft erlangen kann, auch in späten Jahren Bildung und Weiterentwicklung für sich in Anspruch zu nehmen“ (C, a.B.).

Mit diesem Statement wird unterstrichen, was Sagebiel hervorhebt: „Die Konzentration auf sich selbst als Lernende kann insbesondere bei Familienfrauen zu Rollenkonflikten zwischen wahrgenommenen Erwartungen von Ehemann und Kindern einerseits und eigenen Ansprüchen an ein Leben und Lernen für sich selbst führen, wobei Lösungsmöglichkeiten zwischen den Extremen ´Studienabbruch` und ´Trennung vom Partner` liegen können“ (Sagebiel 2000, 316).

Letzteres, die ´Trennung vom Partner` wurde von E, a.B. vollzogen. Bei dieser Interviewten hatte das Seniorenstudium und der emanzipatorische Ansatz zu einer neuen Identitätsbildung geführt:

↓222

„Denn, wie gesagt, ich bin immer jemand gewesen, der geleitet werden musste und dann aber auch alles gut erledigt hat, was von ihm erwartet wurde. Eigeninitiative war früher bei mir nicht da. Es war zwar ein Wille zum Überleben und zum Kämpfen da, doch oft fehlte mir der Mut (ich hatte immer im Hinterkopf: Das kannst du nicht, das schaffst du nicht! E, a.B.).

Durch universitäres Wissen und neue feministische Erkenntnisse, fand sie die Kraft, sich aus einer zerrütteten Ehe zu befreien. Nach Sagebiel, kann „diese Konzentration der älteren Frauen auf sich selber und das bewusste partielle Abstreifen traditionellen Bezogenseins auf andere als eine Form von ´Emanzipation im Alter` verstanden werden“ (ebd.).

Dies bestätigt auch E, a.B. mit ihrer Äußerung:

↓223

„Ich hätte nie – ohne die drei Jahre an der Uni und meine Leistungssteigerung und die Entwicklung meiner Persönlichkeit – den Schritt gewagt, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, was ich ungefähr seit 3-4 Jahren kann und damit eigentlich auch ganz gut fahre“ (E, a.B.).

Dass die universitäre Weiterbildung bei ihr eine Steigerung von ´Emanzipation im Alter` bewirkte, diese Meinung vertritt auch A, a.B.; sie hebt hervor - obwohl sie durch ihren Beruf als Lehrerin sehr selbstbewusst gemacht wurde und sich auch als emanzipierte ´Alleinerziehende` behaupten musste – begrüßte sie es sehr,

„dass die Emanzipation in der Uni nicht nur vorgestellt, sondern auch dargestellt wurde. Ich war ja auch jahrelang im Studium mit jungen Frauen zusammen und hatte keine Schwierigkeiten damit. Auch durch Frau Dr. Sagebiel wurde ich in ihren Seminaren sehr mit emanzipatorischen Gedanken konfrontiert und musste mich damit auseinandersetzen“ (A, a.B.).

↓224

Auch B, a.B., die bedingt durch ihr Studium und die vertiefenden Seminare in Psychologie, spezieller Soziologie, besonders aber durch die Seminare bei Frau Dr. Sagebiel, die schweren psychischen Einbrüche in ihrem Leben aufarbeiten konnte, ist

„der Meinung, dass durch das Studium eine „Bewusstwerdung“ eintritt für uns Frauen, eben bedingt durch Bildung. Frauen, die abbrechen, wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht, was sie durch die Bildung erreichen könnten“ (B, a.B.).

Nach Sagebiel bietet das Studium für die ältere Frauengeneration eine neuartige Möglichkeit der Selbsterfahrung, besonders durch Art und Inhalt der abstrakten Wissensaneignung. Sie betont: „Vor allem weibliche Studierende setzen sich stärker mit den Geschlechterrollen, der geschlechtlichen Arbeitsteilung und dem eigenen geschlechtsspezifischen Verhalten auseinander“ (a.a.O., 315).

6.5.2 Persönlichkeitsentfaltung und Kommunikation

↓225

Während die Frauen in den alten Bundesländern das weiterbildende Studium für ihre Identitätsbildung nutzten, um neue und bessere Kompetenzen zu entwickeln, die zu ihrer Emanzipation führten, bezeichnen sich die Frauen der neuen Bundesländer durchgängig als emanzipiert. In den von mir geführten Interviews wurde bestätigt, was Sagebiel, indem sie sich auf Lischka 1997, 174f. bezieht, ausführt:

„Ältere ostdeutsche Frauen fallen mit ihren Bildungsbedürfnissen und –aktivitäten aus den bisher genannten Diskussions- und Forschungszusammenhängen weitgehend heraus, weil sie nicht die Bildungsdefizite wie die westdeutschen Frauen vergleichbaren Alters haben“ (a.a.O., 312).

Die in den Interviews gegebenen Statements lauten wie folgt:

↓226

„Emanzipatorisch sind hier die Frauen auf einem hohen Level, alle die, die viele Jahre im Beruf ihren „Mann“ stehen mussten, doch auch, weil das Gehalt des Mannes ja nicht sehr weit reichte, die haben ihre Persönlichkeit sehr weit entfaltet“ (C, n.B.).

Eine andere der Interviewten, die behauptet, schon immer sehr emanzipiert gewesen zu sein, sucht sich nach der Wende durch das Seniorenstudium einen neuen Kreis Gleichgesinnter, denn ihr vorheriger Personenkreis war „weggebrochen“. Es war ihr wichtig, ihren Bekanntenkreis nicht nur auf die neuen Bundesländer zu beschränken. Sie führt aus:

„Wir haben dann ja auch Kontakte aufgenommen, zu westdeutschen SeniorenstudentInnen, wir waren in Frankfurt/Main, zur U3L, da haben wir uns dann gegenseitig so ein bisschen unsere Werdegänge erzählt. Der Workshop hieß „Kommunikation und Identität“... . Wir haben dann noch Kontakte zur Universität Bielefeld aufgenommen, auch zu Seniorenstudierenden in Berlin. Dort war ich in der Nähe von Berlin zu einem längeren Workshop in einer Einrichtung der Berliner Charité; die Gespräche mit anderen Frauen haben mir sehr viel gegeben“ (E, n.B.).

↓227

Auch mit dieser Äußerung wurde bestätigt, was Sagebiel betont: „Frauen greifen bei ihrer Aneignung der fremden Umwelt im allgemeinen weniger auf den ´Habitus des sich selbst und die eigene Leistung Produzierens` zurück. Die Verbindung von Lernen/Arbeiten und Kommunikation bedeutet für die älteren studierenden Frauen keine Widerspruch“ (Sagebiel, a.a.O., 315).

Eine der befragten Frauen, die sich aufgrund ihrer Erkenntnisse durch das Studium, jetzt als sehr emanzipiert einstuft, berichtete voller Stolz:

„Ich bin in der Otto-von-Guericke-Gesellschaft mit allen Pflichten verbandelt und habe neue Leute kennen gelernt... .Ich bin auch Betreuerin von Gästen der Otto-von-Guericke-Gesellschaft, Gäste, die Vorträge halten, dazu zählt auch Prof. Dr. Füssing aus Wien und andere. Ich betreue die Gäste auch außerhalb der Vorträge, besuche mit ihnen Ausstellungen, zeige ihnen Magdeburg, das alles macht mir sehr viel Freude“ (B, n.B.).

↓228

Es ist ihr ganz wichtig, so empfindet die Medizinerin, die jetzt das Seniorenstudium genießt,

„dass man in Familie und Gesellschaft jemand ist, einen höheren geistigen Stand hat, eben vielseitig ist. Ja, man ist wer, kann gefragt werden, egal was – man wird eben immer zu Rate gezogen... Was ich auch sehr gut finde, ist das Verständnis unter den Generationen, die Toleranz und dass man sein Wissen in die Praxis umsetzen kann. Die Weiterbildung zur politischen Teilnahme ist für mich eine Selbstverständlichkeit; ich kann mir ein Leben ohne politisches Interesse jetzt (nach der Wende, d.Verf.) nicht vorstellen (D, n.B.).

Eine der Interviewten versuchte es, auf einen „Nenner“ zu bringen:

↓229

„Vor der Wende, in dem System, mussten wir schon einiges durchmachen, nach die Wende haben wir „umdenken“ müssen, jetzt haben wir einen neuen Erfahrungsschatz, durch das Seniorenstudium erlangen wir „Weltgewandtheit“ und „Wissen“, und das ist für uns, unsere Familien, doch auch für die Gesellschaft ganz wichtig“ (D, n.B.).

6.6 Bilanzierung und Zukunftsvisionen

Alle interviewten Frauen in den a.B. schlossen ihr Studium erfolgreich mit dem Erwerb des Zertifikates ab; die Frauen in den n.B. befinden sich noch im Studium. Alle Interviewten betonten übereinstimmend, dass das Studium für sie ein besonderer Gewinn ist, der nicht nur zur Erweiterung von Kompetenzen geführt hat, sondern für jede der Interviewten spezielle Entwicklungen und positive Veränderungen bewirkte. Sie hoben hervor, dass sie „voller Begeisterung“ studierten, das Studium ihr Leben bereichert und ihr Image aufgebessert hat; alle hoben wiederholt hervor, mit welcher Freude sie studiert haben und besonders erwähnenswert ist die Aussage, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Zitieren möchte ich A, a.B., die im ihrem Interview das aussprach, was die anderen Frauen empfanden und bestätigten: „Immer, wenn ich wieder in Wuppertal war und auf die Südhöhen schaute, dachte ich - also, du musst da wieder hin!“ (A, a. B.).

6.6.1 Resümee und Pläne der Frauen in den alten Bundesländern

Der Interviewten E, a.B. wurde durch das Studium erst bewusst, dass ihre früheren „Zögerlichkeiten“ auf einen Mangel an Selbstvertrauen zurückzuführen waren, was sie im Interview klar äußerte:

↓230

„Ich bin als Kind, da wir um das tägliche Überleben kämpften, gar nicht gefördert worden. Ich habe erst später erkannt, dass es außer unserem normalen Alltag noch Musik, Malerei – überhaupt Kunst und Kultur gibt“.

Also ich – z.B. als Person – ich habe vom Studium sehr profitiert, ich fühle mich sicherer und kann heute den Menschen ganz anders gegenüber treten als vor dem Studium“.

Auf ihre Zukunftspläne angesprochen, führte sie aus:

↓231

„Ich möchte gerne noch weiter an mir arbeiten...möchte eigentlich weiter interessiert sein - da sein für meine Kinder. Ich möchte zuhören können. Ich möchte andere Mensche verstehen, nicht mehr missionieren, nicht mehr versuchen, die Menschen in meine Richtung zu drängen. Die, die eine andere Auffassung haben, möchte ich versuchen zu verstehen. Ich hoffe, dass ich noch lange genug fit bin“ (E. a.B.).

B, a.B. betrachtete es als einen wichtigen Erfolg ihrer Studienbemühungen, dass sie ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten konnte und sich heute Bereiche zutraut (z.B. Vorträge halten, Führungen im Deutschen Klingenmuseum für das „Ehrenamt für Kultur“, Protokollführerin in einem Frauen-Investment-Club), die früher für sie ´undenkbar` waren. Auch hobt sie hervor, dass ihr die Gespräche mit den Frauen an der Universität viele neue Erkenntnisse brachten:

„Das Zusammensein mit den Frauen an der Uni, erfüllt mir alle meine Bedürfnisse. Meine Persönlichkeit hat sich auf eine gewisse Weise durch dieses Studium weiterentwickelt, vor allem auch zum Zwecke einer besseren Altersbewältigung“.

↓232

In Zukunft möchte sie gern etwas „kürzer treten“, um mehr Zeit für ihren Ehemann und beide Enkelkinder zu haben:

„Ja, ich führe ein sehr ausgefülltes Leben, das ich auch noch so weiterführen werde. Das Studium diente auch meiner Kompetenzerweiterung und so sehr viel Neues möchte ich z.Zt. nicht in Angriff nehmen... . Ich muss jetzt mal langsam anfangen, mich einmal etwas auszuruhen. Ich bin ja jetzt 66 Jahre alt, ich möchte nun erst einmal etwas zur Ruhe kommen, ich weiß allerdings nicht, ob ich im nächsten und übernächsten Jahr auch noch so denke (lacht)“ (B, a.B.).

Als einen wichtigen persönliche Erfolg bezeichnete C, a.B. ihr Studium. Sie kann nun über die Studienzeit hinaus die erlernte wissenschaftliche Arbeitsform für sich nutzen, um Hintergründe zu beleuchten und Zusammenhänge zu erkennen, die sie interessieren. Durch das Studium fühlte sie sich in ihrer Auffassung bestärkt, dass man immer bemüht sein sollte, etwas Neues hinzuzulernen, was sie nachstehend unter Beweis stellte:

↓233

„Ich lerne z.Zt. noch eine neue Sprache, die niederländische Sprache, weil meine Tochter mit ihren Kindern nach Holland gezogen ist und ich von mir aus etwas dazu tun möchte, dass ich mich in dieser Sprache verständigen kann. Ich möchte das Angebot an eine andere Nation machen, dass ich auch in der Lage bin, mich in ihrer Sprache zu verständigen“ (C, a.B.).

Mit ihrer Aussage bestätigte sie, was Sagebiel hervorhebt: „Ältere Studierende und insbesondere ältere Frauen suchen eine Verknüpfung von gelebtem Leben und wissenschaftlichen Erkenntnissen“ (Sagebiel 2000, 315).

Die Zukunftsvisionen von C, a.B. beinhalten Reisen ins Ausland, insbesondere in Länder und Städte, die ihr bisher noch unbekannt sind. Wichtig erscheint es ihr, in der niederländischen Sprache mit ihren Enkelkindern zu kommunizieren und sich damit auch in deren neuen Lebensbereich einbringen. Außerdem möchte sie ganz bewusst ihre Umwelt wahrnehmen, auch jetzt im Alter das nachholen, für das sie früher keine Zeit fand. Ihr „Traum“ wäre:

↓234

„Wenn diese ´unnütze` Einstufungsprüfung abgeschafft würde, könnte ich mir vorstellen, noch mit einem Regelstudium zu beginnen“ (C, a.B.).

Für die Pädagogin A, a.B. waren früher und sind heute nicht nur der wissenschaftliche Stoff, sondern auch Kommunikation und Interaktion auf wissenschaftlicher Ebene ein großer Gewinn, was sie nachstehend betont:

„Ja, ...also in mir hat diese Form der Weiterbildung eine wahnsinnige Faszination ausgelöst, der Frust, der zwischendurch schon mal aufkam, der wurde einfach weggesteckt. Wenn ich zwischendurch schon mal ´ausgepowert` war – ich war schon einmal so überfordert von diesem Lernen, dass ich auch gar nicht gemerkt hatte, hier muss mal eine Pause eintreten, um wieder Luft zu holen, mal etwas anderes zu tun. Also ich war so eingebettet, so gefangen von diesem Lernprozess... Doch es war ja nicht nur die Uni Wuppertal, die mich so begeisterte, ich nahm in den 80er/90er Jahren insgesamt fünf mal an den Veranstaltungen der Sommer-Uni Berlin teil, die sich jeweils über 10 Tage erstreckten. Besonders beeindruckend war die Sommer-Uni nach dem Mauerfall und die vielen Gespräche, die wir führten“ (A, a.B.)

↓235

Da sie schon immer schriftstellerisch tätig war, beinhaltet dieser Wunsch auch ihre Zukunftsvision:

„Ich würde auch gerne noch so ein bisschen ehrenamtlich, geschichtlich weiterarbeiten. Ich finde es hochspannend, so die letzten 100 Jahre zu betrachten...ich bin ja in der Geschichtswerkstatt. In nächster Zeit wird mein Leben zwar wesentlich ruhiger verlaufen. Ich war früher so hochgeladen mit meiner Energie und mir ist jetzt bewusst geworden, dass ich etwas langsamer treten muss. Ich habe erkannt, dass der Körper uns Grenzen setzt. Irgendwann sagt er uns...also, das hast du jetzt übertrieben...dafür musst du bezahlen.

Dass in meinem Kopf so viel drin ist und auch bewegt wird...also das verdanke ich der Universität“ (A, a.B.).

↓236

Auch die letzte der Wuppertaler Interviewten, die mehr als ½ Jahrhundert ihres Lebens berufstätig war, durfte eine Erfüllung durch das wissenschaftliche Studium erfahren. Ihr diente der Wissenserwerb nicht nur zur Kompetenzentfaltung, auch er festigte ihren lebenslang gehegten Wunsch, Gedanken und Erlebnisse zu Papier zu bringen. Was sich als roter Faden durch ihre Studienbemühungen zieht, bezeichnete sie als „Biographiearbeit“. Sie nahm an einer Gruppenarbeit teil, die eine Dokumentation unter dem Titel „Frauen im Seniorenstudium – Biographie und soziologische Aspekte“ erstellte, verließ diese aber vorzeitig zugunsten ihrer Zukunftsvision. Sie schloss sich als Schülerin der Akademie „Schule des Schreibens“ in Hamburg an, die sie ermutigte, ihre Werke zu veröffentlichen. Außerdem betonte sie, dass ihr Interessenfeld, das nie sehr eng war, sich durch das Studium noch erweitert hat:

„Seit ich zur Uni gehen, so muss ich antworten, hat sich mein Selbstbewusstsein, das eigentlich immer sehr stark war – aufgrund meiner beruflichen Situation - möglicherweise noch etwas verstärkt. Auf jeden Fall - mein Bewusstsein, einiges zusätzlich gelernt zu haben, Dinge jetzt wissenschaftlich zu hinterfragen und sich verstärkt mit sozialen Fragen auseinander zu setzen. So hat das Studium sich positiv auf mein Leben ausgewirkt. Ich erfahre es auch immer, dass ich bei Gesellschaften und Zusammenkünften als interessierte Gesprächspartnerin gesucht werde, auch auf Gebieten, die die Uni bei mir geweckt und gestärkt hat“ (D, a.B.).

„Meine Zukunftsvisionen - also beruflich habe ich keine Ambitionen mehr, was bei meinem Alter ja wohl verständlich ist. Was ich gerne machen würde - und was ich auch jetzt schon tue - ist „Schreiben“; einmal meine Geschichten nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht sehen“ (D, a. B.).

↓237

Sie partizipiert z.Zt. – wie all` die anderen Interviewten der alten Bundesländer – von dem Angebot der Universität Wuppertal,

„es ist z.Zt. der ´Römerbrief des Apostel Paulus`, der mich bei Prof. Dr. Söding in Atem hält“ (D, a.B.).

Außerdem möchte sie - wie seit über 10 Jahren – sich als einen besonderen Genuss auch im Jahre 2003 die Sommer-Uni in Berlin gönnen.

6.6.2 Resümee und Pläne der Frauen in den neuen Bundesländern

↓238

Für die interviewten Frauen der neuen Bundesländer bedeutete der Zusammenbruch des sozialistischen Systems und die Wende einen „Umbruch“ in ihrem bisherigen Leben. Sie waren auf „Sinnsuche“ zur Neuorientierung in dieser Lebensphase und profitierten in hohem Maße von den wissenschaftlichen Weiterbildungsmaßnahmen, wie in den Interview immer wieder hervorgehoben wurde.

Wie auch Sagebiel betont, „nehmen sie allerdings Krisen oder auch Brüche im Leben in stärkerem Maße als Männer zum Anlass der Neuorientierung und persönlichen Weiterentwicklung durch Lernen im Alter“ (Sagebiel 2000, 314).

Als eine positive Veränderung durch die Studienzeit hebt auch B, n.B. die gewonnene Sicherheit und das gestiegene Selbstbewusstsein hervor. Dass sie nun keine Probleme mehr vor dem angesehenen Universitätsbetrieb hat, ist ihr genau so wichtig wie die Erweiterung des Blickwinkels, der es ihr sogar ermöglicht, für die Universität tätig zu sein. Heute schaut sie bedauernd zurück auf ihren eingeengten Blick als sie nur für Familienpflichten lebte:

↓239

„Wenn ich zurückblicke, dann würde ich versuchen, die Berufstätigkeit mit dem Haushalt zu verbinden, um den Kontakt mit anderen Menschen nicht mehr aufzugeben. Ich würde nicht mehr nur Tag und Nacht arbeiten, ohne Anerkennung, immer nur das gleiche Einerlei, das immer als Selbstverständlichkeit hingenommen wird“ (B, n.B.).

Ihre Blickwinkelerweiterung bezeichnete sie als einen „Riesenerfolg“, bedingt durch das Seniorenstudium:

„Ich lege jetzt Wert darauf, dass ich etwas für mich selbst tue. Es macht mir viel Freude und für meine Kopf ist es auch Nahrung... Ich habe mir jetzt durch das Seniorenstudium eine neuen Kreis geschaffen, neue Gespräche – ich bin jetzt ganz egoistisch geworden – ich tue ganz viel für mich, für meine Psyche, für mein gutes Befinden. Das soll durch das an der Universität Gehörte gepolstert, nein...aufgebaut werden, dass ich wieder mehr Freude am Leben habe“ (B, n.B.).

↓240

Ihre Zukunftsvision schildert sie wie folgt:

„Wenn ich so in die Zukunft schaue, dann hoffe ich, dass ich noch gesund bleibe und hoffe inständig, noch vieles zu verwirklichen, besonders – was mein Studium betrifft. Ich bin ganz glücklich, wenn man mir Scheine und Zertifikate ausstellt. Ich kann nur feststellen, durch das Studium ist viel Schönes auf mich zugekommen. Ich sehe auch meine Freude darin, dass ich Großmutter bin und für meine Enkelkinder zur Verfügung stehe. Es fällt mir manchmal schwer, beides zu schaffen“ (B, n.B.).

Die positive Veränderung ihres Verhaltens durch das Seniorenstudium ist auch für E, n.B. auffällig. Hatte sie ich vor Beginn des Studiums als eine naturverbundene Einzelgängerin eingestuft, empfindet sie es jetzt als angenehm, Kontakte zu Gleichaltrigen zu haben, die „Schicksalsgenossen“ sind:

↓241

„Die Kontakte, die ich bei diesen Begegnungen zu anderen SeniorenstudentInnen knüpfen konnte, kann ich durchweg nur als positiv bezeichnen. Ich fand es ohnehin gut, denn der vorherige Personenkreis, mit dem man früher Kontakt hatte und der sich besonders auf die Arbeitskolleginnen beschränkte, war ja ziemlich weggebrochen. Man hatte ja noch ein bisschen Kontakt, ich war ja nie so gesellig, aber die waren ja auch viel jünger als ich und bemühten sich um neue Arbeitsplätze und wir waren ja auch räumlich getrennt. Ich empfand es als sehr positiv, jetzt Gleichaltrige zu treffen, die in der gleichen Situation waren, die auch ihre Arbeit verloren hatten und nach neuen Dingen suchten und sich geistig betätigen wollten.

Das hat mir alles sehr geholfen und ich finde das auch sehr gut.“

In ihrer Aussage bestätigt sie das, was Sagebiel über ältere studierende Frauen darlegt: „Sie bevorzugen eine kommunikative Studienatmosphäre, die den Austausch auch mit Jüngeren und das offene Eingeständnis von Fehlern und Schwächen erlaubt(...)“ (Sagebiel, a.a.O, 315).

↓242

Jetzt, wo sie von ihrem Mut und ihrem Teamgeist überrascht ist, möchte sie in Zukunft die Kontakte zu Seniorenstudierenden aus den alten Bundesländern beibehalten und noch weiter ausbauen:

„Und was ich als sehr positiv empfand und was ich noch beibehalten möchte, sind die Kontakte zu den westdeutschen SeniorenstudentInnen und dass man da auch so viel Neues erfahren hat, und deren Lebenssituation ja schließlich auch von unserer zu unterscheiden war. Aber das hat mir doch sehr viel gegeben. Unser Leben hatte sich ja durch diese Neugestaltung 1989/90 total verändert. In vieler Hinsicht kann ich sagen, durchaus zum Positiven – das Seniorenstudium hätte ich bestimmt früher nicht gemacht – ich hätte vielleicht mehr Zeit zum Lesen gehabt, das gebe ich zu. Ich hätte aber viele Leute nicht kennen gelernt“ (E, n.B.).

Sie bedauerte zwar, dass sie z.Zt. die Seminare an der Universität etwas einschränken musste, um familialen Pflichten nachzukommen. Um ihrer Tochter ein Studium in Hamburg zu ermöglichen, übernimmt sie die Betreuung ihrer beiden Enkelkinder. Ihre Zukunftsvision lautet:

↓243

„Wenn ich mir vorstelle, was ich noch verwirklichen will,...ja, ich möchte das Studium noch einige Zeit weiter machen, auch mal wieder etwas anderes hören. Es ist z.Zt. bei mir eine Zeitfrage, weil ich mit den Enkelkindern immer ein bisschen stark eingebunden bin. Da muss ich mir die Zeit für das Seniorenstudium richtig abknapsen, doch ich denke, das normalisiert sich wieder“ (E, n.B.).

Auch diese Aussage bestätigt die Erkenntnisse, die Schütze in ´Generationenbeziehungen in der Gegenwart` hervorhebt: „Eltern wie Kinder erleben ihre wechselseitigen Beziehungen mehrheitlich als emotional befriedigend, wobei beide Seiten einander mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die ältere Generation leistet vorwiegend ökonomische Unterstützung und Hilfe bei der Betreuung von Enkelkindern, wobei sich die Großmütter besonders hervortun“ (Schütze 2000, 150).

Die im Alter mobilisierten Kräfte, die als ein positives Ergebnis der weiterbildenden Studien angesehen werden, wurden von A, n.B. besonders hervorgehoben. Da ihr als früherer Wissenschaftlerin die Problematik der in Magdeburg studierenden ausländischen RegelstudentInnen bekannt ist, möchte sie diese mobilisierten Kräfte auch eingesetzt sehen und erteilt den Studierenden Deutsch-Unterricht:

↓244

„Wir haben auch viele Studierende aus China da, die eben durch Versprechungen herangelockt wurden. Da gibt es wohl so Agenturen, die das vermittelt haben. Aber vielfach haben die jungen Leute gar keine Hochschulreife. Also da gibt es jede Menge Probleme. Viele müssen ja noch ihre Deutsch-Kenntnisse vervollkommnen. Es sind aus vielen anderen Ländern welche da in den Vorlesungen. Ich kenne noch eine Slowakin, die ist in Informatik, eine Tschechin macht Germanistik, eine macht Musikwissenschaft...ach, sie sind in allen Fakultäten vertreten. Es ist ja dann auch eine zwingende Maßnahme, dass sie sich mit dem Stoff in Deutscher Sprache auseinandersetzen müssen“ (A, n. B.).

Ihre Zukunftsvisionen sind sehr sozial ausgerichtet, so wie ihr ganzes bisheriges Leben sozial bestimmt war. Resümierend stellt sie fest:

„Ich wäre zufrieden, wenn es so, wie es jetzt läuft, noch eine ganze Weile weiterlaufen könnte. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Anforderungen gewachsen bin. Was für mich immer sehr wichtig war, ist...dass ich immer etwas Sinnvolles mache, also nicht nur für meinen eigenen Geist, sondern irgendjemanden in irgendeiner Weise behilflich sein oder eben helfen.“

↓245

Ihre Familienpflichten sind sehr umfangreich bei vier Kindern und neun Enkeln und Urenkeln, die sie alle unterstützt; so wohnte ein Enkelsohn vier Jahre während seiner Studienzeit bei ihr und wurde von ihr betreut. Aber auch ihr geistiges Engagement ist in der Familie sehr gefragt:

„Ich helfe meinem ältesten Sohn, z.B. in Englisch und Französisch, da braucht er öfters Übersetzungen, da wird das dann schnell gefaxt. Auch der jüngste Sohn und die Tochter nehmen ihre Sprachkenntnisse bei Bedarf in Anspruch. Doch, also auch in der Familie, da kann ich noch ganz gut wirksam sein“ (A, n.B.).

Mit Stolz erfüllt es auch die zweite Pädagogin aus den neuen Bundesländern, dass sie zu einer Gruppe von Lernenden gehört, die das Privileg im Alter besitzt, auf einem hohen Niveau „Bildung“ zu erwerben:

↓246

„Also der Stellenwert des Studiums kann nicht hoch genug angesetzt werden, denn bei uns fanden sich viele Menschen ein, deren Arbeitsplatz weggebrochen war und sie suchten ein neues Miteinander, einen neuen Sinn für ihr Leben. So ging mir das auch! Ich wollte alle Bücher, die uns als Weltliteratur vorgestellt wurden, die wollte ich unbedingt jetzt – wo ich die Möglichkeit hatte – lesen und bin dann von Woche zu Woche mit neuen Erkenntnissen zum Seniorenstudium hingegangen. Ich habe die Bücher manchmal direkt verschlungen. Man erhielt vollkommen neue Sichten“ (C, n.B.).

Wie auch von allen anderen Seniorenstudierenden immer wieder betont wurde,

„führte das Seniorenstudium auch uns aus der Isolation der Rentner hinaus; es führte in die Gesellschaft. Schon aus diesem Grunde war das Studium für uns sehr wichtig“ (C, n.B.).

↓247

Die Aussagen der Interviewten bestätigt auch Sagebiel, indem sie ausführt: „Ältere und alte Frauen sind in besonderer Weise durch ihre objektive Lage herausgefordert, sie sehen sich mehr Umstellungs- und Anpassungsprozessen und negativen Fremdbildern gegenüber als Männer. Die Seniorenstudentinnen begegnen diesen Anforderungen durch die Wahl der Lernens in einer Universität, durch die aktive Annahme einer Rolle als Studentin“ (Sagebiel/Arnold 1998, 196).

Die Zukunftswünsche wurden von C, n.B. wie folgt artikuliert:

„Ich bin über meinen Lebensweg doch sehr zufrieden. Ich hoffe, dass ich das noch lange weiterführen kann. Es ist ja bekannt, dass auch geistige Frische und geistige Aktivitäten sehr mit dem gesundheitlichen Befinden zusammenhängen. Ich bedauere jedoch sehr, dass ich in meinem Leben nicht im Ausland leben konnte. Auch wäre ich gern perfekt in der englischen Sprache.

↓248

Pläne würde ich bevorzugt in ideeller Form verwirklichen. Ich würde gerne bei meinen Enkelkindern solche Spuren hinterlassen, dass sie sich gerne an mich erinnern, wenn ich mal nicht mehr bin. Auch dass sie meine intellektuellen Leistungen anerkennen.

Ich hoffe auch, dass ich mit meinem Mann noch viele schöne Reisen unternehmen kann. Wir würden uns gerne Europa ansehen, wo anders wollen wir gar nicht hin. Es interessieren uns sehr die nordischen Länder“ (C, n.B.).

Auch D, n.B., die durch 40 Jahre Berufstätigkeit als Ärztin viel Leid sehen musste, ist glücklich, sich „endlich das aneignen zu können, was sie besonders interessiert und ihrer Gesundheit dienlich ist“:

↓249

„Das Studium habe ich ja aufgenommen, um geistig beweglich zu bleiben und nicht zum Stillstand zu kommen. Was ich als sehr gut empfinde, ist – dass man über Fehler, die man macht, auch mal herzlich lacht – dann aber von kompetenter Persönlichkeit korrigiert wird. Auch finde ich es gut, dass man in der Familie einen höheren geistigen Stand hat und auch so geschätzt wird. Ja, man ist wer, man kann gefragt werden, egal was - , man wird eben immer zu Rate gezogen.

Für sie, als frühere „Respektperson“, sie war beruflich „kommissarischer Direktionsarzt“, ist es wichtig, ihre gesellschaftliche Stellung zu behaupten:

„Durch das Studium der Weiterbildung und das „Drinbleiben“ in der wissenschaftlichen Tätigkeit, bin ich immer eine Person von Interesse geblieben. Für meine 15jährige Enkeltochter z.B. bin ich sozusagen kompetent, sie fragte mal...´Hast Du keine Ängste oder Hemmungen, wenn Du in einer fremden Großstadt, so z.B. Paris oder London bist?` Ich weiß immer, dass ich jemand bin und mich zu behaupten weiß“ (D, n.B.).

↓250

Ihre Zukunftsvision ist, zu versuchen – bewusst oder unbewusst – nicht nur in ihre Familie sondern auch in ihr soziales Umfeld auszustrahlen, was sie glaubt, „dass es auch dankbar anerkannt wird“. Auf was es ihr besonders ankommt, worauf sie besonderen Wert legt und betont:

„Jedoch verhalte ich mich nicht doktrinär, sondern immer tolerant und zurückhaltend. Nicht nur meine Enkelkinder suchen meinen Rat, auch mein Sohn und sogar meine Schwiegertochter. Wir haben ein gutes Verhältnis miteinander. Auch hoffe ich, noch lange gesund und leistungsfähig, sowohl physisch als auch psychisch zu bleiben. Ich genieße mein Leben und bin insgesamt sehr, sehr zufrieden.“

Wie positiv sich der Generationsdialog gerade in Generationsbeziehungen auswirken kann, betont auch Schütze: „Kurz gesagt, die innerfamilialen Generationsbeziehungen sind durch ein großes Maß an Solidarität gekennzeichnet, das es durch Maßnahmen“ - wie z.B. die oben genannten – „zu fördern gilt“ (Schütze 2000, 152).


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
30.08.2005