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Vorwort

Für die mathematische Disziplin ist eine Weltsicht auf sauberen Grundlagen aufgebaut und in Begründungszusammenhänge eingebettet. Kein Problem, das nicht durch Zurückführung auf unterschiedliche Begriffe und Axiome gelöst oder zumindest erklärt werden kann. Keine endgültige Klärung und keine reine Wahrheit natürlich, aber begriffliche Modelle, die sich mit der Erfahrung abgleichen lassen. Philosophie aus dieser Sicht ist analytische Philosophie, strenge Begriffsarbeit, der Versuch, ein widerspruchsfreies Fundament zu legen, auf dem alle weiteren Fragen formuliert und geklärt werden können. Die hermeneutische Philosophie erscheint als Hantieren in einem semantischen Nebel, als Versuch, alle Konzepte sich gegenseitig stützen und in der Luft halten zu lassen. Jeder Begriff verweist nur auf andere Begriffe, keiner ist bereit, sich fest legen zu lassen. In diesem Netz scheint weder Erkenntnis noch Einsicht möglich, denn solange grundlegende Begriffe nicht geklärt sind, lassen sich weder Fragen noch Antworten formulieren, selbst wenn diese nur vorläufigen Charakter haben.

Aus Sicht der Philosophie ist dieses Gewebe von Begriffen der einzige Weg, den hermeneutischen Zirkel zu durchwandern. Die Weigerung, einen Grund zu legen, begründete sich darin, dass es keinen gibt. Der Traum der Mathematik bzw. der mathematischen Philosophie, die Welt auf ein stabiles Gerüst klarer Begriffe zu gründen, scheint absurd, weil Begriffe immer in vielfältigen Verweisungszusammenhängen stehen, eine Geschichte haben und Konnotationen, die nicht einfach durch sterile Definitionen abgetrennt werden können. Die Erkenntnisse der Mathematik verdanken ihre Klarheit der Tatsache, dass sie eine Erfindung sind, ein menschliches Konstrukt, das über die Welt nichts aussagt. Über eine Welt, die sich nicht auf wie auch immer geartete Zusammenhänge messbarer Größen reduzieren lässt.

Die Diskussion zwischen Mathematik und Philosophie scheint demnach von einem fundamentalen Missverständnis geprägt, das nicht einfach nur in verschiedenen Meinungen gegenüber dem gleichen Sachverhalt wurzelt. Und auch in anderen Diskursen zeigen sich ähnliche Verständnisgrenzen: In Auseinandersetzungen zwischen religiösen und a-religiösen, zwischen politischen und a-politischen, zwischen ökonomisch-rationalen und unökonomischen Menschen [Seite 4↓] stellt sich immer wieder in relativ kurzer Zeit heraus, dass noch nicht einmal ein Disput möglich ist. Man hat sich schlichtweg nichts zu sagen, so dass ein Gespräch bald auf andere Themen einschwenkt. In der Regel verbleiben die Fakultäten unter sich und diskutieren über ihre innerfachlichen Fragen. Bis heute sind die meisten der von mir erlebten so genannten interdisziplinären Kolloquien, Seminare und Tagungen von dieser Sprachlosigkeit geprägt.

Aus dieser Erfahrung des interdisziplinären Unverständnisses und der Tatsache, dass einige wenige Trans-disziplinäre durchaus in der Lage sind, die Grenzen zu überschreiten und zwischen verschiedenen Sichtweisen zu vermitteln, wuchs die Überzeugung, dass der gegenseitige Vorwurf eines Wahrnehmungsdefizits und disziplinärer Blindheit (der Anderen) immer zu kurz greift. Er versucht, denjenigen, der den Vorwurf erhebt, in die Position zu erheben, aus der die Welt umfassender wahrgenommener wird. Denn nur der kann die blinden Flecken der Anderen monieren, der sie zu sehen beansprucht. Die Antwort auf einen solchen Vorwurf ist fast immer die Gegen-Demonstration der eigenen Wahrnehmungsgrenzen durch die andere Sicht, was zwar zu einem diskursiven Patt, auf keinen Fall aber zu gegenseitigem Verständnis führt.

Wenn nun keine Wahrnehmung die Welt besser oder umfassender zu sehen für sich beanspruchen kann als die anderen, folgt, dass jede Sicht die Welt nur begrenzt zu Gesicht bekommt. Die Grenzen sind dabei weniger territoriale Markierungen, sondern unterschiedliche Dimensionen der Wahrnehmung. Eine Wahrnehmungsdimension ist eine idealtypische Art und Weise, die Welt zu sehen.1 Der gleiche Gegenstandsbereich, beispielsweise eine Stadt, kann sozial, politisch, touristisch, terroristisch, militärisch, technisch, ökonomisch, juristisch, geographisch, historisch, kulturell, semiotisch, architektonisch, künstlerisch etc. betrachtet werden. Die Betrachtungsdimensionen schließen sich nicht aus und beeinflussen sich gegenseitig. Insofern sind sie idealtypische Abstraktionen. Dennoch, und das wird eine wichtige These meiner Arbeit sein, sind nicht alle in jedem Weltbild integriert. Sie spannen vielmehr den Horizont eines Weltbilds auf, in dem inhaltliche Standpunkte bezogen werden können. Kultur ist in diesem Zusammenhang das Feld der Aushandlung sowohl der Standpunkte als auch der Dimensionen der Wahrnehmung. Im Laufe der Kulturgeschichte werden von einer Gesellschaft neue Wahrnehmungsdimensionen erschlossen, andere treten in den Hintergrund. Manche Wahrnehmungsdimensionen lassen sich in zahlreiche Weltbilder integrieren und bekommen paradigmatische Kraft, weil sie auf breiter Ebene Diskurse [Seite 5↓] und kulturelle Praktiken beeinflussen. Die Einordnung eines neuen kulturellen Paradigmas in bestehende Weltbilder markiert einen kulturhistorische Einschnitt. Die Dimension des Ökologischen stellte in den siebziger Jahren einen solche Einschnitt dar. Die Dimension der Vernetzung, so die Kernthese meiner Arbeit, ist eine weitere Wahrnehmungsdimension, die sich in den letzten Jahren zum kulturellen Paradigma ausgeweitet hat.

Die vorliegende Arbeit trägt deutliche Spuren meiner Auseinandersetzung mit den begrifflich orientierten Denkmethoden meiner akademischen Sozialisation und dem Gegenstandsbereich, der Frage nach kultureller Dynamik, der traditionell von einer hermeneutisch orientierten Philosophie behandelt wird.

So steht bei meinen Bemühungen, meinen Gegenstandsbereich zu fassen, die begriffliche Arbeit im Mittelpunkt meines theoretischen und methodischen Interesses. Die Fragen entwickeln sich dabei entlang begrifflicher Differenzierung. Sie werden zusammen mit den wichtigsten Grundbegriffen im ersten Kapitel eingeführt. Dies geschieht freilich ohne den Anspruch, ein wasserdichtes Fundament bieten zu können, für ein Fundament aber reichen sie. Doch da mein Schwerpunkt nicht die Kulturphilosophie ist, sondern der Versuch, kulturelle Dynamik zu beschreiben, muss es lückenhaft bleiben und auf stärkere Verknüpfung mit kulturphilosophischen Diskursen warten. Diese theoretische Unterfütterung wäre ein mögliches Folgeprojekt.

Für Begleitung auf dem verschlungenen Pfad, der letztendlich zu meiner Arbeit in der vorliegenden Form geführt hat, danke ich meinen Promotionsbetreuern Prof. Dr. Hartmut Böhme und Prof. Dr. Wolfgang Coy, die mich praktisch im Sack gekauft haben, ohne zu wissen, in welche Richtung sich meine Arbeit entwickeln wird. Beide haben mir sowohl die Unterstützung als auch die Freiräume gegeben, die zur Entfaltung eines solchen Projekts notwendig sind.

Ich danke der Konrad-Adenauer-Stiftung für die Bereitstellung eines Stipendiums und dem damit verbundenen Vertrauen in meine Arbeit.

Ich danke meinem Vater sowie Annick Plock, Iris Röbling und Christian Torkler für die wertvollen Hinweise, die hoffentlich zum besseren Verständnis der Arbeit beitragen werden.

Und natürlich danke ich all denen, die sich im Laufe der letzten Jahre meine Ideen angehört, mit mir diskutiert und neue hinzugesteuert haben.

Berlin, Juli 2002,

Jochen Koubek


Fußnoten und Endnoten

1  Auf den Begriff der Wahrnehmungsdimension, der im ersten Kapitel entfaltet wird, bin ich in Auseinandersetzung mit der Kategorienlehre Nicolai Hartmanns gestoßen. Da er mich aber nicht auf den Weg der Fundamentalontologie, sondern, ganz im Gegenteil zu Hartmanns Absicht, zu einem epistemologischen Relativismus geführt hat, habe ich Hartmanns Werk als Referenz nicht weiter verfolgt. Doch wollte ich ihn nicht gänzlich unerwähnt lassen.



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08.01.2004