Kategoriale Dimension:
Grundbegriffe

Contra principia negantes non disputandum est. Nicht zu diskutieren ist mit denen, welche die Voraussetzungen verneinen.

Grundlegende und treibende Kraft der vorliegenden Dissertation ist die Frage nach den Auswirkungen des Internet auf die Kultur derer, die es nutzen. Um die Antwort gleich vorwegzunehmen und die nachfolgenden Ausführungen vorzustrukturieren: Ich werde argumentieren, dass die Wahrnehmungsdimension der Vernetzung , katalysiert durch das Internet, zu einem kulturellen Paradigma avanciert und als solches seit Mitte der neunziger Jahre Diskurse, soziale und kulturelle Praktiken anregt, neu orientiert und umgestaltet. Doch Diskurse gebären sich nicht aus sich selber, immer sind es Menschen, die versuchen, Bedeutungen und Bezüge, Verbindlichkeiten und Regeln, Normen und Werte miteinander auszuhandeln. Diese Aushandlungsprozesse gestalten sich dabei vor dem Hintergrund individueller Weltbilder bzw. kollektiver Mentalitäten. Ihre Dynamik kennzeichnet das, was ich in dieser Arbeit als ‚Kultur’ bezeichnen.

Der Begriff der Kultur

Aufgrund der nahezu unüberschaubaren Vielfalt bestehender Bestimmungen des Begriffes der Kultur und seines Sinnverwandten, dem Begriff der Zivilisation ,1 setzt die Frage nach den kulturellen Auswirkungen von etwas (z.B. dem Internet) zunächst eine Entscheidung für eine der möglichen Antworten auf die Frage „Was ist Kultur ?“ voraus oder, weil dieser Formulierung der Ruch einer romantischen Suche nach dem Wesen von Kultur oder eines phänomenologischen Essentialismus anhängt, auf die Frage „Wie lässt sich das beschreiben, was ich ‚Kultur’ nenne?“ Größe und Umfang der mit dieser Frage verbundenen Probleme, Zusammenhänge und möglichen Geltungsansprüche haben im Laufe der Arbeit bei der Präsentation meiner Thesen wiederholt zu Missverständnissen geführt, deren größtem ich bereits zu Beginn entgegentreten möchte: Weder versuche ich, mit dem [Seite 12↓] im Weiteren vorgestellten Kulturbegriff alternative Ansätze zusammenzufassen oder in einem vermeintlich dialektischen Schritt aufzuheben noch beanspruche ich, eine allgemein verbindliche Bestimmung präsentieren zu können. Das zu entwickelnde begriffliche Instrumentarium soll lediglich in sich konsistent sein und fordert nicht mehr aber auch nicht weniger, als eine mögliche Beschreibung unter vielen zu sein. Ein normativer Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit darf freilich nicht mitgeführt werden, vielmehr kann im besten Fall eine „Insel der Kohärenz“ entstehen, d.h. eine in sich schlüssige Darstellung, dabei auf plausiblen Annahmen beruhend, die der Argumentation vorausgehen, ohne in einer sich ins Transzendentale zurückziehenden Ideologie zu erstarren.

Über den Begriff der Kultur oder des Kulturellen sind zahllose Bücher, Aufsätze und Essais geschrieben worden, deren adäquate Berücksichtigung eine eigene Dissertation bedeutet hätte. Jeder Definitionsversuch mit enzyklopädischem oder gar universellem Ehrgeiz scheitert an der historischen Komplexität, an semantischer Vieldeutigkeit und dem immer schon kulturellen Standpunkt, von dem aus der Versuch unternommen wird. Dennoch muss eine Arbeit, die sich der Untersuchung kultureller Dynamik verschrieben hat, eine Position im kulturphilosophischen Gelände beziehen, um dort ein, wenn auch nicht unerschütterliches, Fundament zu legen. Auf diesem können Forschungsfragen und -richtungen formuliert, verfolgt, dargestellt und vermittelt werden.

Das Problem einer kulturwissenschaftlichen Arbeit ist immer ihre notwendige Rückbezüglichkeit, weil auch wissenschaftliches Handeln genuin kulturelle Praxis ist. Eine Sicht, die ihre eigene Grundlage in den Blick nimmt und darauf aufbaut, kann keinen Anspruch auf Objektivität oder Letztbegründung formulieren und muss den konstruierten Charakter ihres Gegenstandbereiches anerkennen und transparent machen. Hartmut Böhme bestimmt dieses wechselseitige Verhältnis einer Wissenschaft zu ihrem Gegenstand als Selbstreflexivität :

Die Kultur ist das Objekt einer Wissenschaft, die ihrerseits ein Teil desselben ist. Hieraus entspringt die Figur der Selbstreflexivität, wonach 'die Kultur' die von theoretischen Vorannahmen her konstruierte Objektebene ist und zugleich die letzte Metaebene, innerhalb derer sich die Kulturwissenschaft bestimmt.2

‚Kultur’, zunächst unzulässige Abstraktion von einer Pluralität der Kulturen , wird zur Analyseebene, aus der heraus diese Kulturen beobachtet und beschrieben werden können. „Kultur ist dann die Perspektive, die für die Beobachtung von 'Kulturen' im Plural entwickelt wird. Dies definiert Kulturwissenschaft.“3

Die gestellte Frage transformiert sich mithin zu der Frage nach Beschreibungsmöglichkeiten von [Seite 13↓] Kulturen im Plural. Um der unausweichlichen Selbstreflexivität adäquat zu begegnen, gilt es, die Position des Fragestellers im Auge zu behalten. Diese mag die Arbeit von nun an begleiten, wobei zunächst ein Blick in die Geschichte des Begriffs ‚Kultur’ helfen soll, den im Anschluss vorgestellten Ansatz innerhalb der theoretischen Landschaft zu positionieren.

Zur Geschichte des Begriffs ‚Kultur’

‚Kultur’ leitet sich ab vom lateinischen ‚colere’ resp. ‚cultura’, bezogen auf menschliche Gestaltung der umgebenden Welt, vordringlich im Ackerbau, der Viehzucht und Besiedlung. Im Französischen ist das Wort ‚culture’ ab dem 13. Jahrhundert dokumentiert und bezeichnet die bebaute Ackerfläche. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts bezieht es sich nicht mehr auf den Boden, sondern auf die Tätigkeit des Gestaltens und Formens. Kulturelle Tätigkeiten ringen der rohen Natur Form und Gestalt ab.

Mit dem Humanismus des 18. Jahrhunderts verschiebt sich die Bedeutung allmählich von der Bildung der Scholle und des Ackers zur Bildung des Geistes. Der Mensch steht im Mittelpunkt gestalterischer Bemühungen. Die Anbauflächen des Geistes sind die Künste, die Literatur oder die Philosophie. Der „Dictionnaire de l’Académie francaise“ führt 1718 Kultur in Zusammenhang mit bestimmten Objekten an: „culture des arts“ oder „culture des lettres“.4 Auch in Diderots und D’Alemberts „Encyclopédie“ wird dem Wort kein eigener Abschnitt gewidmet, wohl aber wird es in Artikeln zur Philosophie, Erziehung, Wissenschaft etc. erwähnt. ‚Kultur’ bezieht sich auf die Gestaltung und die Ausgestaltung des Geistes mit entsprechenden Werkzeugen und Hilfsmitteln. Die Künste emanzipieren sich im Humanismus von sakraler Thematik, um den Menschen in seinem Streben nach Vollendung zu unterstützen. Folgerichtig werden sie zu den wichtigsten Kulturgütern, die einerseits den Geist erziehen helfen, andererseits die Kultiviertheit ihres Autors und Schöpfers reflektieren. Ein Leitmotiv der Aufklärung, die Trennung von Geist und Körper, spiegelt sich auch in der Trennung zwischen Kultur und Natur wider. Der feinen, gesitteten, gebildeten, bürgerlichen Kultur steht die rohe, unkultivierte, triebhafte, bäuerliche Natur entgegen. Kultur wird als Entwicklungsziel geistiger Vollendung konsequent im Singular verwendet und reiht sich ein in die Fortschrittsideologie der Aufklärung. ‚Kultur’ bedeutet Entwicklung und Erziehung zur Vernunft.

Im Wort ‚Bildung’ ist dieser Anspruch bis heute konserviert; als gebildet gilt ein Mensch, der sich in den Produktions- und Rezeptionsstätten der Hochkultur sicher bewegt, große Werke mit ihren Autoren erkennt und benennt und mit gepflegten Umgangsformen sowie umfangreichem Wissen aufwarten kann. ‚Kultur’ als Bildungsziel hat sich damit endgültig von den technisch-praktischen Bearbeitungsformen der Natur zu symbolischen Tätigkeiten der Bildung des Geistes verlagert.

‚Kultur’ steht im 18. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit dem französischen Wort ‚civilisation’, wobei ‚Kultur’ mehr auf den individuellen, ‚civilisation’ auf den kollektiven Fortschritt [Seite 14↓] abzielt. Ähnlich wie ‚culture’ den Fluchtpunkt der geistigen Entwicklung darstellt, gibt ‚civilisation’ die Richtung gesellschaftlichen Fortschritts an.5

In seiner erzieherischen Bedeutung werden die Begriffe ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ im 18. Jahrhundert nach Deutschland importiert, wo sie rasch das soziale Spannungsverhältnis zwischen Bürgertum und Adel reflektierten.6 War in anderen europäischen Ländern das Bürgertum bestrebt, die Lebensart der herrschenden Klasse des höfischen Adels zu imitieren, eine Bewegung, die Norbert Elias als den „Prozess der Zivilisation“ bezeichnete, so war in Deutschland aufgrund politischer und sozialer Verhältnisse dem Bürger der Weg an den Hof versperrt. Das Bürgertum definierte daraufhin seine Lebensart in Abgrenzung zur Manieriertheit des Hofes. Während sich, zumindest in der deutschen Sprache, der aufgeklärte bürgerliche Geist in unaufhaltsamer Aufwärtsbewegung kultivierte , zivilisierten sich die Adeligen lediglich mit Zwängen, Etiketten und oberflächlicher Höflichkeit.

Der Gegensatz „Kultur – Zivilisation“ dehnte sich bald auf nationaler Ebene aus. Im 19. Jahrhundert grenzte der Kulturbegriff verschiedene nationale Eigenarten voneinander ab. ‚Kultur’ übernimmt in der deutschen Sprache jene gesellschaftliche Dimension, die in romanischen und angelsächsischen Sprachen dem Begriff ‚civilisation’ zukam. Herder prägte bereits 1774 den Begriff ‚Volksgeist’ für die Bestimmung und Abgrenzung nationaler Identitäten. Jeder Nation kommt demnach ihre je eigene spezifische Kultur zur. Herder übernimmt damit die Patenschaft für einen Kulturrelativismus, der erst im 20. Jahrhundert konsequent ausbuchstabiert wird. In der Romantik wird der Gegensatz zwischen ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ noch vertieft als Verhältnis zwischen geistig-spiritueller und materiell-technischer Entwicklung.7

Die wissenschaftliche Prägung des Kulturbegriffs beginnt im 19. Jahrhundert mit der jungen Wissenschaft der Ethnologie . Zunächst Legitimationsversuch eines kolonialistischen Nationalbewusstseins, entwickelt sie sich zu dem Versuch, über das Fremdartige, das Andere die eigene Identität zu verstehen.

Der britische Anthropologe Edward B. Tylor dokumentiert den ersten Versuch einer ethnologischen Kulturdefinition, die gleichzeitig den angelsächsischen Unterschied zwischen ‚culture’ und ‚civilisation’ zu überwinden versucht:

Kultur ist im weitesten ethnographischen Sinne jener Innbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Menschen als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat. 8


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Tylors Definition versteht sich deskriptiv, nicht normativ. Neben der Auflistung verschiedener kultureller Praktiken, Glauben, Kunst, Moral etc. formuliert sie als Bindeglied, als ‚etc.’ der offenen Aufzählung, die Gewohnheiten einer Gemeinschaft. Da Gewohnheiten auch individuell sein können, führt Klaus Hansen im Anschluss an Tylors Definition den Begriff ‚Standardisierung’ ein:

Mit seiner Hilfe würde eine erste, allgemeine Definition von Kultur lauten: Neben den materiellen wie geistigen Leistungen eines Kollektivs umfaßt Kultur die Standardisierungen, die in ihm gelten.9

Standardisierung aber ist nur eine Seite der Medaille. Wohl liefert sie ein geeignetes Konzept, die institutionalisierte Verfestigung kultureller Praktiken einzufangen, dennoch entgleitet ihr der Blick auf kulturelle Dynamik. Georg Simmel fasst mit seiner unnachahmbaren Wissenschaftsprosa in dem Aufsatz „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ die Problematik wie folgt zusammen:

Der Geist erzeugt unzählige Gebilde, die in einer eigentümlichen Selbständigkeit fortexistieren, unabhängig von der Seele, die sie geschaffen hat, wie von jeder anderen, die sie aufnimmt oder ablehnt. So sieht sich das Subjekt der Kunst wie dem Recht gegenüber, der Religion wie der Technik, der Wissenschaft wie der Sitte - nicht nur von ihrem Inhalt bald angezogen, bald abgestoßen, jetzt mit ihnen verschmolzen wie mit einem Stück des Ich, bald in Fremdheit und Unberührbarkeit gegen sie; sondern es ist die Form der Festigkeit, des Geronnenseins, der beharrlichen Existenz, mit der der Geist, so zum Objekt geworden, sich der strömenden Lebendigkeit, der inneren Selbstverantwortung, den wechselnden Spannungen der subjektiven Seele entgegenstellt; als Geist dem Geiste innerlichst verbunden, aber eben darum unzählige Tragödien an diesem tiefen Formgegensatz erlebend: zwischen dem subjektiven Leben, das rastlos, aber zeitlich endlich ist, und seinen Inhalten, die, einmal geschaffen, unbeweglich, aber zeitlos gültig sind.10

Die Objektivierungen des Geistes als notwendige Entfaltungen der Seele stellen sich dem rastlosen Geist entgegen, der von ihnen eingeengt und in seiner weiteren Entfaltung behindert wird. Die Tragödie der Kultur liegt in jenem unausweichlichen Moment des Einfrierens ihrer organischen Entwicklung, dem sie ebenso wenig entgehen kann wie die Helden der griechischen Tragödien ihrem Schicksal. Kultur richtet sich am Ende gegen sich selbst, doch liegt in dieser Tragödie gleichzeitig die Kraft zum Wachstum des Individuums. Simmel zeigt sowohl eine kulturkritische Verfallsbewegung notwendiger Erstarrungen als auch den rettenden Weg ermöglichter Entwicklungschancen. Er beeinflusst damit sowohl den Institutionsbegriff Arnold Gehlens als auch die Kulturdiagnose der Kritischen Theorie um Horkheimer, Adorno und Benjamin; mit Freuds Kulturtheorie, durch die Analyse des Unbewussten erweitert, strahlt er darüber hinaus in die strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss und Bourdieus Ethnosoziologie.11

Doch Simmel zeigt nicht nur den Gegensatz zwischen Standardisierung und Entwicklung, sondern gibt auch Anhaltspunkte für die Suche nach kultureller Dynamik: die innere Selbstverantwortung [Seite 16↓] und wechselnde Spannung des kultivierten Subjekts. Diese stehen befürwortend oder ablehnend zu kulturellen Praktiken und ihren Produkten. Kulturelle Dynamik präsentiert sich gerade nicht mehr als Ausprägung von Gemeinsamkeiten, sondern als Spannungsfeld zwischen sozialen Subjekten und kulturellen Objekten. Modern formuliert stellt eine Kultur sich dar als Aushandlungsprozess, wobei im Begriff des ‚Prozesses’ auch die ausgehandelten Produkte mitgedacht sind. Diese sind Zeugnisse der Bewegung, Objektivierung auf dem Weg der Entfaltung des Subjekts.

Das Wort ‚Aushandeln’ beschränkt sich dabei keinesfalls auf kommunikatives Handeln. Kultur entsteht nicht in herrschaftsfreien Diskursen, sondern zieht alle Register der redlichen und unredlichen Verhandlungstechniken. Aushandlung ist zunächst Handlung und das bedeutet immer auch behaftet mit dem Einfluss von Macht, Status und Herrschaftsverhältnissen. Als Zwischenergebnis und Arbeitshypothese dieses ersten Abschnittes ist somit festzuhalten:

Kultur konstituiert sich im Spannungsfeld zwischen Subjekten und Objekten, sie präsentiert sich in ihrer Dynamik als Prozess des Aushandelns.

Die Bewährung dieser Begriffsbestimmung in konkreten Erklärungszusammenhängen erfolgt in den späteren Kapiteln der vorliegenden Arbeit. Der durch sie aufgeworfenen Frage nach Form und Inhalt der Aushandlung wird im nächsten Abschnitt nachzugehen sein: Was wird wie von den Subjekten ausgehandelt? Eine erste Annäherung an die Frage liefert der Begriff der ‚Mentalität’ .

Der Begriff der Mentalität

Was zum Umgang mit dem Begriff der Kultur gesagt wurde, gilt selbstverständlich auch hier: Keine strenge Definition ist zu erwarten, kein normativer Anspruch zu stellen.

Peter Dinzelbacher bemerkt in dem von ihm herausgegebenen Band „Europäische Mentalitätsgeschichte“, dass die historische Disziplin der Mentalitätsgeschichte mit eigenständigem Forschungsfeld in Deutschland relativ jung ist und begrifflich und methodisch an die französische histoire des mentalités anschließt:

Historische Mentalität gehört zu den „weichen“ Begriffen, die von verschiedenen Autoren mit verschiedenen Inhalten gefüllt werden. Sind Wesen und Fakten der politischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert im großen und ganzen festgeschrieben, so ist für die Mentalitätsgeschichte noch kaum ein verbindlicher Kanon anzugeben, was alles Gegenstand ihrer Forschung sein sollte.12

Die moderne französische Mentalitätsgeschichte begründet sich mit der durch M. Bloch und L. Febvre herausgegebenen Zeitschrift „Annales: Economies Sociétés Civilisations“ im Jahr 1929. Mit ihrem Anspruch, die Geschichtsschreibung zu reformieren und als Alternative zur politischen und ökonomischen Geschichte eine histoire totale zu versuchen, wurde sie in Deutschland nur sehr [Seite 17↓] zögerlich aufgenommen. Neben der Verkrustung institutioneller Strukturen, die in den neuen Fragestellungen häretische Abweichungen von etablierten histographischen Traditionen sahen, besteht das Problem der Mentalitätsgeschichte in ihrer notwendigen interdisziplinären Breite, die sie in die Nähe der Diskursanalyse, der Literaturwissenschaften, der Psychoanalyse, der kulturellen Anthropologie, der Ethnologie oder der Mythenforschung ansiedelt. Angesichts dieser Vielfalt möglicher Ansätze ist die Mentalitätsgeschichtsschreibung weder methodisch noch begrifflich so stabilisierbar wie die mit ihr verwandten Einzeldisziplinen.

Trotz oder gerade wegen dieses Mangels an kanonischer Verbindlichkeit ist eine steigende Zahl von Veröffentlichungen zu verzeichnen, die sich mit mentalitätshistorischen Aspekten beschäftigen, „beliebte Themen mentalitätsgeschichtlicher Forschung sind das Verhältnis zur ‚Kindheit’ und zum ‚Tod’ (Ariès), Zeit und Gedächtnis, das Verhältnis der Geschlechter, die Struktur der Familie, die Geschichte der gesellschaftlich Marginalisierten, der Prostitution, des Wahnsinns und des Verbrechens.“13

Die Autoren des Bandes „Europäische Mentalitätsgeschichte“ gliedern ihre Darstellungen thematisch in 17 Kapitel, jeder Bereich wird unterteilt in die drei diachronischen Abschnitte der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Die Untersuchungen beschäftigen sich mit Wahrnehmungen und Bewertungen des jeweiligen Gegenstands, die durch Quellen innerhalb dieser Epoche abgedeckt sind. Die ausgewählten Themen umfassen Einschätzungen des Verhältnisses von Leib und Seele zueinander, Einstellung zu Jugend und Alter, Stellung zur Sexualität und Bedeutung von Liebe, Ängste und Hoffnungen, Vorstellungen von und Umgang mit Freude, Leid und Glück, Bewertung und Bewältigung von Krankheiten, Vorstellungen vom Tod und Verhalten beim Sterben, Erleben von Individuum, Familie und Gesellschaft, Bedeutung von Arbeit und Fest, Strukturierung und Bewertung von Herrschaft, Einstellung zu Gewalt, Krieg und Friede, Formen von Ethik und Recht, Religiosität, Einstellung zu Umwelt und Natur, Raum- und Zeiterfahrung, Kommunikationsformen.

Dinzelbacher schlägt eine mögliche begriffliche Näherung an das Konzept der Mentalität vor:

Historische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität manifestiert sich in Handlungen.14

Wichtig für den Begriff der Mentalität ist der Blick auf langfristige Strukturen in einer angenommenen Kollektivpsychologie und dort liegt auch sein Problem: Der Personenkreis, der als bestimmtes Kollektiv eine Mentalität teilt, bleibt unbestimmt, weil fraglich ist, inwiefern die jeweils angeführten Quellen verallgemeinerungsfähige Aussagen zulassen, mehr für eine Generation und [Seite 18↓] weniger für den Autor sprechen. Trotz der im Text regelmäßig angeführten Warnung vor übereilten Vereinfachungen stellt sich die Mentalität der Antike zusammenhängender und kohärenter dar als die des Mittelalters, diese wiederum schlüssiger als die der Neuzeit. Je näher die Darstellungen an unsere Gegenwart rücken und das heißt, je mehr Quellen zur Verfügung stehen, desto zerrissener und kaleidoskopischer werden die Befunde und Schlussfolgerungen. Ein ähnliches Bild zeigt sich z.B. in Rudolf Wendorffs mentalitätshistorischer Monographie Kultur und Zeit , wo der Darstellung der Zeitwahrnehmung im 19. und 20. Jahrhundert ebensoviel Platz eingeräumt wird, wie allen übrigen Zeitaltern zusammen. Eine breitere Quellenlage scheint das Ausmachen einer gemeinsamen und verbindenden Mentalität zu erschweren.

Dies ist freilich kein Argument gegen den mentalitätshistorischen Diskurs und wird als Problem von den Autoren wahrgenommen und reflektiert. Geschichtsschreibung ist Konstruktion von Kohärenz auf der Grundlage vorliegender Quellen. Gegen eine solche Konstruktion ist nichts einzuwenden, wenn sie Erkenntnisgewinn birgt, neue Zusammenhänge aufzeigt und hinreichend flexibel bleibt, mit einer veränderten Quellenlage umzugehen.

Dennoch zeigt sich, dass bei dem Begriff der ‚Mentalität’ vergleichbare Probleme auftreten, wie bei dem Begriff der ‚Kultur’. Zwei Aspekte spielen zusammen: Ein unbeweglicher, statischer, der auf standardisierte und stabilisierte Einstellungen, Wahrnehmungen, Bewertungen, Vorstellungen und Bedeutungen innerhalb eines Kollektivs abzielt. „Long durée“ ist ein Stichwort, mit dem F. Braudel lange Zeit die mentalitätshistorische Forschung beeinflusste. Mentalitäten überdauern demnach kurzfristige Wandlungen der Ereignis- und Sozialgeschichte. Der Kritik, eine histoire immobile zu entwerfen, begegnet die moderne Mentalitätsgeschichte mit der Betonung singulärer Brüche, welche die Mentalität entscheidend zu beeinflussen in der Lage sind.15 Neben einer eruierbaren dauerhaften Mentalität, die sich in Werten, Einstellungen und Denkweisen ausdrückt, waltet ein dynamischer Aspekt, das bereits betonte Moment der Aushandlung. Die erwähnten Einstellungen sind nämlich keineswegs beständig, sondern in permanentem Fluss. Es mögen sich zweckstabilisierte Inseln und Koalitionen bilden, die durch Medienkompetenz und Publikationsmacht den Eindruck von Einstimmigkeit vermitteln, dennoch lässt sich nicht zuletzt in aktuellen Debatten keineswegs die Übereinstimmung aller Beteiligten ausmachen, mögen sie auch zu einem gemeinsamen Kollektiv gehören. Mit allen Mitteln wird über das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt diskutiert, debattiert, verhandelt, polemisiert, gestritten und gekämpft. Um die Fragen nach Modus und Inhalt von Aushandlungsprozessen zu klären und bevor die These gewagt werden kann, Kultur verhandle Mentalitäten, muss daher der Blick noch stärker auf die an ihr beteiligten Personen und ihre [Seite 19↓] individuelle Sicht der Welt gerichtet werden.

Der Begriff der Weltanschauung

Die analytische Unterteilung der Mentalitätsgeschichte in thematische Schwerpunkte lässt sich problemlos auf individuelle Einstellungen herunterbrechen, d.h. die Einstellungen eines einzelnen Subjekts zu Jugend und Alter, Sexualität, Raum und Zeit, Recht und Macht etc. Diese und vergleichbare Aspekte bezeichne ich im Folgenden als ‚Wahrnehmungsdimensionen’, den Zusammenhang der Dimensionen als ‚Weltanschauung’ oder ‚Weltbild’.

Wahrnehmungsdimensionen und Perspektive

Der Begriff der ‚Dimension’, wie er hier vorgestellt wird, bildet zusammen mit seiner Erweiterung, dem Begriff des ‚kulturellen Paradigmas’, den terminologischen Kern der vorliegenden Dissertation, auf welchem die zentralen Thesen am Ende dieses Kapitels formuliert werden. Unumgänglich ist es daher, zunächst wichtige Merkmale abstrakt einzuführen, didaktisch geboten, sie an Beispielen heuristisch zu erläutern und wissenschaftlich erforderlich, sie später detailliert in konkreten Untersuchungen herauszuarbeiten.

Eng verwandt mit dem Begriff der ‚Wahrnehmungsdimension’ scheint zunächst der Begriff der ‚Perspektive’. Die Entscheidung gegen letzteren beruht vor allem auf den verwendeten Analogien, mit denen eine perspektivische Erkenntnistheorie üblicherweise begründet wird. Betrachtet sei zunächst sein Gebrauch in künstlerischen oder architektonischen Zusammenhängen bei Otto Friedrich Bollnow:

Die Perspektive bezeichnet zunächst, so wie das Wort aus den Problemen der malerischen Darstellung vornehmlich von Architekturen entstanden ist, den Anblick, den mir ein Ding von einem bestimmten Blickpunkt aus darbietet. Jedes Ding erscheint uns in einer bestimmten Perspektive. Darin liegt zunächst, daß ich das Ding immer nur von einer Seite sehen kann, nie von allen Seiten zugleich, und daß mir darum, wenn ich es von einer Seite betrachte, andere Seiten verborgen bleiben.16

‚Perspektive’ ist in diesem Sinn gleichbedeutend mit einer konkreten Sicht auf ein Ding, verbunden jeweils mit den notwendigen perspektivischen Verkürzungen. Verschiedene Blickpunkte eröffnen verschiedene Perspektiven, aber „so sehr die Perspektiven wechseln, an eine Perspektive bin ich immer gebunden. “17 Diese für die Optik sicherlich unstrittige Feststellung wird in eine perspektivische Erkenntnistheorie übersetzt:


[Seite 20↓]

Auch geistige Zusammenhänge sehen wir jeweils von einem bestimmten Standpunkt, aus einer subjektiven Bedingtheit, aus einer bestimmten Weltanschauung usw.18

‚Perspektive’, ‚Standpunkt’, ‚subjektive Bedingtheit’ und ‚Weltanschauung’ fallen gemäß der künstlerischen Analogie bei Bollnow zusammen. Eine Perspektive ist demnach ein Blick auf ein Gegebenes aus einer bestimmten Richtung. Da jeder Blick notwendig perspektivisch ist, kommt das Ganze nie auf einmal ins Gesichtfeld. Dennoch – und das ist die Folgerung der optischen Analogie – schauen alle auf die gleiche Welt und wären durch geeigneten Standortwechsel auch in der Lage, diese eine Welt von der Warte eines anderen zu sehen und zu begreifen.

Bollnow kann sich dabei auf den Perspektivismus von Leibniz berufen, der schreibt:

Wie ein und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten betrachtet, und gleichsam perspektivisch vervielfältigt erscheint, so gibt es vermöge der unendlichen Vielheit der einfachen Substanzen gleichsam ebenso viele verschiedene Welten, die indes nichts anderes sind, als – gemäß den verschiedenen Gesichtspunkten – perspektivische Ansichten einer einzigen.19

Der Perspektivismus nach Leibniz schließt nicht aus, dass der Standpunkt von einer Person gewechselt werden, eine Person also nacheinander verschiedene Perspektiven einnehmen kann. So könnte er die Stadt zunächst von einem Hügel betrachten, um den Grundriss zu erkennen, sich alsdann zu einem Stadttor begeben, die Stadt von ihren Straßen und Plätzen erkunden, um vielleicht mit einem Blick vom Kirchturm die Stadt von der Mitte her zu erschließen. Alle diese Standpunkte bieten eine andere Perspektive auf die gleiche Stadt und von keiner Warte aus erscheint die Stadt als Ganzes.

Doch auch hier wird vorausgesetzt, dass die von allen Standpunkten aus betrachtete Welt die Selbe, eine Einzige, ist. Zwar gibt es keinen Standpunkt, der vor den anderen ausgezeichnet wäre, dennoch fällt der Wechsel eines Standpunktes in der Stadtanalogie mit dem Wechsel der Perspektive zusammen, jedem Standpunkt entspricht eine Perspektive und umgekehrt kann von jeder Perspektive auf den Standpunkt geschlossen werden. Der Grund für diese Identifizierung liegt darin, dass alle Beobachter sich in den gleichen drei Raumdimensionen bewegen. Zwar mögen manche Standpunkte dem einen oder anderen Beobachter unzugänglich sein, nicht jeder darf z.B. den Rathausturm besteigen, dennoch liegen sie alle im gleichen Raum. Eine Änderung der Perspektive ist das Ergebnis einer Änderung des Beobachtungspunktes in diesem Raum, der seinerseits unverändert bleibt.

Eine Radikalisierung der Analogie ließe nicht nur den Wechsel des Standortes innerhalb eines gleichen Raumes zu, sondern auch die Veränderung der Struktur des Raumes selber. Eine solche [Seite 21↓] Ausdehnung beschreibt Edwin Abbots Roman „Flächenland“.20 Die Geschichte findet ihr Vorbild in Platons Höhlengleichnis, mit den zwei entscheidenden Unterschieden, erstens das Licht der Wahrheit als Ziel der Erkenntnis entfernt und zweitens die Struktur des Raumes der Höhle verallgemeinert zu haben.

Flächenland

Die Geschichte wird rückblickend erzählt von einem Bewohner Flächenlands, wobei dessen Situation erst im Laufe des Buches deutlich wird.

Flächenland ist eine Ebene, deren Bewohner zweidimensionale geometrische Figuren sind. Die soziale Hierarchie der Flächenländer definiert sich durch ihre Eckenzahl: Je mehr Ecken, desto höher der Status. „Unsere Soldaten und die untersten Klassen unserer Arbeiter sind gleichschenklige Dreiecke, deren Schenkel so etwa elf Zoll lang sind. [...] Unsere Mittelklasse besteht aus gleichseitigen Dreiecken. Unsere Freiberufler und Gentlemen sind Quadrate (ich selbst gehöre zu dieser Klasse) und Fünfecke. “ (S. 16) Der Adel besteht aus Hexagonen, in aufsteigender Seitenzahl bis zu den vielseitigen Polygonen. Die höchste Klasse der Priester bilden Polygone, deren Seitenzahl so groß ist, dass sie als Kreise erscheinen. Frauen haben die Gestalt von Linien, sind aber tatsächlich zweidimensionale Rechtecke mit zwei sehr kurzen Seiten.

Das Schlüsselerlebnis, das den Ich-Erzähler letztlich aus seinem gewohnten Leben wirft, wird in verschiedenen Episoden vorbereitet. Zunächst träumt er von Linienland, dessen Bewohner Punkte auf einer Geraden sind. Da sie keine Möglichkeit haben, sich umeinander zu bewegen, ist jeder ein Leben lang von den selben beiden Nachbarn umgeben. Vergeblich versucht das Quadrat, den König von Linienland von der Existenz einer weiteren Dimension zu überzeugen „§ 14 Wie ich vergeblich versuchte, die Natur Flächenlands zu erklären. “ (S. 70 ff.) Für den Monarchen ist die Line der gesamte Raum: „Außer seiner Welt, seiner Linie, war ihm alles leer – nein, nicht einmal leer, denn Leere setzt den Raum voraus, sagen wir lieber: alles war ihm nicht-existent.“ (S. 67) Der König akzeptiert die Erklärung nicht, dass es außerhalb seiner Lebenslinie noch eine zweite Dimension geben könne, und sein Besucher eine „Linie aus Linien “, ein Quadrat sei.

Die nächste Vorbereitung liefert ein Enkel des Quadrats, ein junges Sechseck, dem er die geometrische Bedeutung der quadratischen Potenz zu erläutern versucht. Der pfiffige Enkelsohn überlegte sich sogleich die Möglichkeit einer Verallgemeinerung „wenn ein Punkt, der sich drei Zoll bewegt, eine Linie von drei Zoll macht, die mit 3 dargestellt wird, und wenn eine gerade Linie von drei Zoll, sich parallel zu sich selbst bewegend, ein Quadrat mit der Seitenlänge drei Zoll macht, das mit 32 dargestellt wird – dann muß ja ein Quadrat, mit der Seitenlänge von drei Zoll, das sich [Seite 22↓]irgendwie parallel zu sich selbst bewegt (aber wie weiß ich nicht) etwas anderes machen (aber was weiß ich nicht), das in jeder Richtung drei Zoll mißt – und das wird mit 33 dargestellt. “ (S. 78) An die Vorstellungsgrenze seines Lehrers angestoßen, wird das vorwitzige Sechseck ins Bett geschickt.

Während das Quadrat überzeugt ist, den Raum und die Welt als Ganzes begriffen zu haben, tritt ein Kreis in sein Haus, größer und wieder kleiner werdend, um schließlich ganz zu verschwinden. Der Kreis insistiert, aus Raumland zu kommen, wo er ein Kreis aus Kreisen, eine Kugel sei, die sich gerade durch die Ebene von Flächenland bewegt habe. Nun wiederholt sich mit vertauschten Rollen die Diskussion, die das Quadrat mit dem König von Linienland geführt hatte, „§ 16 Wie der Fremde vergeblich versuchte, mir mit Worten die Geheimnisse von Raumland zu enthüllen “ (S. 80 ff.). Dass es eine weitere Dimension gebe, die senkrecht auf den beiden bekannten stehe, dass die Welt nicht auf die Ebene beschränkt sei etc. Nachdem die Argumentation zu keiner Klärung führte beschließt die Kugel, das Quadrat in die neue Dimension einzuführen, „§ 17 Wie die Kugel, nachdem sie es vergeblich mit Worten versucht hatte, zur Tat schritt“ (S. 89 ff.). Sie bewegt sich unter das Quadrat und nimmt es auf ihre Oberfläche. Die Eröffnung der neuen Dimension gleicht einer Offenbarung: „Ich schaute, und siehe! eine neue Welt!“ (S. 92). Mit der neu gewonnenen räumlichen Tiefe erkannte es Flächenland als Ganzes „Die Stadt meiner Geburt lag, mit dem Inneren aller Häuser und aller Lebewesen darin, in Miniatur, meinem Blick offen. Wir stiegen höher und siehe! die Geheimnisse der Erde, die Tiefen der Bergwerke und die innersten Höhlen der Gebirge taten sich vor mir auf.“ (S. 94)

Das Quadrat lernt, die neue Dimension mit Begriffen wie Körper , Licht/Schatten , Perspektive zu beschreiben. Darüber hinaus verlangte es, ein Land mit einer weiteren, vierten Dimensionen zu erkennen. Das überschreitet die Vorstellungskraft der Kugel „O nein. Ein solches Land gibt es nicht. Die Vorstellung davon allein ist – unvorstellbar“ (S. 102)

Wieder in Flächenland beginnt das Quadrat, die dritte Dimension zu predigen und stößt auf bestehende Machtstrukturen, welche die Erweiterung ihrer Welt als Bedrohung empfinden. „Tod oder Gefängnis erwarten den Apostel des Evangeliums der drei Dimensionen“ (S. 96). Das Quadrat wird vor den Rat geführt und, da es nicht in der Lage ist, die dritte Richtung, „Aufwärts nicht nordwärts!“ (S. 112), zu beweisen, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der aufklärerische Impetus von Abbotts Parabel wird in den Schlussworten deutlich, die das Quadrat in seiner Gefängniszelle niederschreibt

So bin ich also absolut ohne Konvertiten, und die tausendjährige Offenbarung ist, soweit ich sehe, umsonst an mich ergangen. Prometheus wurde einst in Raumland gefesselt, weil er den Menschen das Feuer herabgebracht hatte, doch ich – armer Prometheus des Flächenlandes – liege hier im Gefängnis, weil ich meinen Landsleuten nichts herabgebracht habe. Doch lebe ich in der Hoffnung, daß diese meine Erinnerung auf irgendeine Weise, ich weiß nicht wie, ihren Weg in die Gehirne der Menschheit irgendeiner Dimension finden und ein Geschlecht von Rebellen hervorbringen mögen, die sich weigern, sich in einer beschränkten Dimensionalität einschließen zu lassen. (S. 116)


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Verlassen wir Flächenland und seine Bewohner an dieser Stelle, um uns wieder der Diskussion des Perspektivismus zuzuwenden und die Analogie fruchtbar zu machen.

Auch Abbott benutzt den Blick auf eine Stadt, um seinen Perspektivismus zu veranschaulichen. In Erweiterung der Stadtanalogie von Leibniz gibt es neben verschiedenen Standpunkten innerhalb eines gegebenen Raums, in diesem Fall die Ebene von Flächenland, noch die Option, den Raum selber zu erweitern. Eine solche Erfahrung ist allerdings weitaus spektakulärer als die Sicht von einem besonders schönen Aussichtspunkt. Die neue Dimension verändert die gesamte Welt des Betroffenen.

Die Analogie, die ich im Folgenden zur Veranschaulichung des Begriffes der Wahrnehmungsdimension bemühe, ist die des mathematisch-geometrischen Raums. Der Vergleich soll weder die daran anschließenden Ausführungen auf eine mathematische Basis heben noch sollen mathematische Argumentationen in irgendeiner Form als Autorität hinzugezogen werden. Der in diesem Kapitel entwickelte epistemologische Relativismus muss sich bei der Beschreibung konkreter Phänomene bewähren, die Analogie kann, wie auch die übrigen Beispiele in diesem ersten Kapitel, nur zu heuristischen Zwecken der Veranschaulichung dienen.

Das folgende Beispiel ist an der Geschichte von Flächenland orientiert und gleichzeitig eine Erweiterung des platonischen Höhlengleichnisses:

Abb. 1 : Flächenländer

In einen drei-dimensionalen Raum, aufgespannt durch die x-, y- und z-Achse ist ein Tetraeder, eine Pyramide mit dreieckiger Grundfläche, eingebettet. Die Achsen bilden zwei Flächenländer, das xy-Land in der xy-Ebene und xz-Land in der xz-Ebene. Das Tetraeder wirft einen Schatten auf beide Länder. Durch seine Lage im Raum ist der Schatten in xy-Land ein Dreieck, der Schatten in xz-Land dagegen ein Viereck. Die Bewohner beider Länder können innerhalb ihres Wahrnehmungsraums verschiedene Standpunkte bezüglich der Schatten einnehmen, von denen aus er ihnen in unterschiedlichen Perspektiven erscheint. Die xy-Länder kommen nach eingehender Untersuchung zu dem Schluss, dass es sich bei dem Objekt, das den Schatten wirft, um ein Dreieck handeln muss, die xz-Länder schließen nach ebenso gründlicher Überlegung auf ein Quadrat. Nehmen wir zusätzlich an, dass die Bewohner beider Länder miteinander kommunizieren können und weder um die dritte Dimensionen wissen noch, dass ihre Länder von unterschiedlichen [Seite 24↓] Dimensionen aufgespannt werden. Alle wähnen sich im gleichen Raum, in der gleichen Ebene. Eine Diskussion um die Form und Eckenzahl des betrachteten Schattens führt zwangsläufig zu einem Missverständnis, weil die xy-Länder ein Dreieck, die xz-Länder aber ein Quadrat sehen. Auch die Bitte, den Standort zu wechseln und den Schatten möglichst von allen Seiten zu betrachten, führt zu keinem Ergebnis, so dass beide Seiten über kurz oder lang zu der Überzeugung kommen werden, die andere Partei sei uneinsichtig, dumm oder gar bösartig.

Ein Raumländer könnte den Konflikt beilegen, indem er beide Parteien in die räumliche Sichtweise einführt. Eine solche Einführung, mit Worten und Argumenten nicht realisierbar, schildert Abbotts Dreieck, nachdem es von dem Raumländer aus der Ebene gehoben wurde. Die räumliche Sicht würde es den xy- und den xz-Ländern gestatten, die Ursache ihres Konfliktes zu verstehen und zu sehen, dass beide Seiten trotz der unterschiedlichen Aussagen recht haben können. Im Gegensatz zum klassischen Perspektivismus haben sie jeweils nicht nur eine Seite des selben Weltausschnittes gesehen, ein Problem, das sich durch Wechsel des Standpunktes beheben ließe, sondern auf das Objekt aus unterschiedlichen Dimensionen geblickt.

Doch auch die Erweiterung auf drei Dimensionen bedeutet nicht den Blick auf die Dinge an-sich . Die Objekte in Raumland könnten ihrerseits nur Schatten einer noch höher dimensionierten Welt sein. Platons philosophisch unhaltbare Konsequenz, durch Erweiterung des Blicks das Licht der Wahrheit selber zu schauen, muss nicht gezogen werden, das Wesen der Dinge bleibt weiter verborgen. Vielmehr kann der Eröffnung einer neuen Dimension eine weitere folgen, die Möglichkeit einer vollständigen Übersicht braucht weder angenommen noch vorausgesetzt zu werden.

Das Gleichnis von Flächenland erweitert die Stadtmetapher von Leibniz: Wahrnehmungsdimensionen eröffnen unterschiedliche Blicke auf eine Stadt. Jede Stadt lässt sich unter einer ästhetischen, ökologischen, sozialen, kriminalistischen, militärischen, touristischen, logistischen, architektonischen, historischen, politischen, wirtschaftlichen etc. Dimensionen betrachten. Innerhalb dieser Dimensionen gibt es verschiedene Standpunkte, den verschiedenen Blickwinkeln auf die eine Stadt entsprechen unterschiedliche inhaltliche Ausformungen innerhalb einer gegebenen Dimensionenkonstellation. Eine Stadt kann als unterschiedlich interessant, attraktiv, organisiert oder verwaltet wahrgenommen werden. Um aber z.B. die Qualität der Versorgungsleistungen beurteilen zu können, muss sie zunächst im Blick sein. Eine umfassende Darstellung einer Stadt sollte daher möglichst vieldimensional sein.

Hierzu ein Beispiel: Der Band „Berlin: offene Stadt“21 beinhaltet u. a. Artikel zu den Dimensionen des Historischen, des Politischen, des Kulturell-Musealen, des Kommerziellen, des Transports, der [Seite 25↓] Versorgungstechnik und des Sozialen. Selbstverständlich kann eine derart multidimensionale Darstellung nur interdisziplinär bewältigt werden. In jeder Dimension stellt sich die Stadt Berlin anders dar, wobei ‚anders’ nicht ‚kontrovers’ meint, weil keiner der Autoren beansprucht, die Stadt als Ganze zu beschreiben. Jeder Artikel wählt eine Perspektive innerhalb seiner Untersuchungsdimension. Bernhard Schulz wählt zur Beschreibung der kulturellen Landschaft die Verlagerung der Museen in die Stadtmitte, Johannes Leithäuser flaniert durch die Quartiere Ostberlins, um soziale Veränderungen seit dem Fall der Mauer nachzuzeichnen. Jeder Autor hätte andere Beispiele, andere Plätze und andere Orte heranziehen können, um die Stadt unter dem gewählten Aspekt zu beschreiben. Die Wahl einer Wahrnehmungsdimension bestimmt nicht den Standort. Doch sie bestimmt das Vokabular und das, was in den Blick kommen kann.

Als Arbeitsdefinition und cum grano salis bezüglich des erwähnten Anspruchs einer solchen Definition lässt sich also festhalten: Eine Wahrnehmungsdimension ist idealtypisch ein Blick auf einen Aspekt der Welt. Jeder Ausschnitt dieser Welt lässt sich unter der gewählten Dimension betrachten. Wahrnehmungsdimensionen spannen den Horizont eines Weltbildes auf, schließen aber keinen Standpunkt und keine Bewertung ein.

Dimensionen sind ein analytisches Instrumentarium, sie fungieren gleichsam als thematische Überschriften. Eine klare Trennung untereinander, wie das Wort Dimension suggerieren mag, ist nicht möglich. Wahrnehmungsdimensionen sind analytische Idealisierungen eines Teilaspektes einer Weltsicht. Sie sind inhaltlich nicht bestimmt. Die Dimension des Alterns zum Beispiel existiert in jeder Gesellschaftsform, unterschiedlich ist aber die jeweilige Einstellung (als Verlust der Jugend gefürchtet oder als wachsende Reife begrüßt), die Formen des Auslebens (Rückzug ins Haus oder rüstige Senioren), die verbundenen Vorstellungen (lästige Greise oder weise Familienälteste) usw. Nicht selten gibt es Unterschiede auch innerhalb einer Gesellschaft, einer Bezugsgruppe oder einer Familie.

Das Weltbild eines Menschen lässt sich inhaltlich beschreiben als die Art und Weise, wie er die Dimensionen inhaltlich ausfüllt, wie er Raum, Zeit, Familie, Gesundheit, Glück, Alter etc. wahrnimmt, interpretiert, einordnet.22 Die Dimensionen spannen seinen Horizont auf, in dem er sich als erkennendes und handelndes Subjekt bewegt. Den Blick des Forschers einbeziehend sollte man besser sagen, sie spannen den Horizont auf, in dem er als erkennendes und handelndes Subjekt [Seite 26↓] beobachtet wird. Die Weltsicht selbst ist dann ein Standpunkt bzw. eine Perspektive innerhalb dieser Dimensionen, eine inhaltliche Ausprägung.

An dieser Stelle muss auch auf die Grenzen der geometrischen Analogie hingewiesen werden. Allzu leicht suggeriert die Metapher des ‚Standpunktes’ die geometrische Einordnung einer so komplexen und diffusen Totalität wie eines Weltbildes, als Punkt in einem durch eine endliche Anzahl von Dimensionen aufgespannten Vektorraum. Einen Versuch in diese Richtung unternimmt Eduard Spranger in seinem 1921 unter dem Einfluss einer positivistischen Psychologie veröffentlichten Buch „Lebensformen“. Er untersucht sechs idealtypische Persönlichkeiten: den theoretischen Menschen, den ökonomischen Menschen, den ästhetischen Menschen, den sozialen Menschen, den Machtmenschen und den religiösen Menschen. Darauf aufbauend bemühte er sich, kulturelle Praktiken als Kombination dieser sechs Grunddimensionen abzuleiten. Sowohl seine kombinatorische Strenge, er beschränkt sich auf eine von vornherein festgelegte Menge möglicher Dimensionen, als auch den an platonischen Idealismus erinnernden Anspruch, „geistige Erscheinungen strukturell richtig sehen zu lernen “23 halte ich für überholt und nicht notwendig.

Die Metapher so weit zu führen, hieße, sie zu überdehnen. Geometrische Dimensionen sind voneinander unabhängig, Wege und Entfernungen auf ihnen metrisierbar. Beide Eigenschaften sind auf Wahrnehmungsdimensionen nicht sinnvoll übertragbar. Weder ist die Einstellung zum Alter in irgendeiner Form quantifizierbar noch ist diese Dimension in jedem Fall unabhängig von der des Sozialen, der Gesundheit oder der Familie.

Dennoch – und nur diese Einschränkung rechtfertigt den Aufwand einer Unterteilung von Weltbildern und Mentalitäten in Konstellationen von Wahrnehmungsdimensionen – teilen jenseits inhaltlicher Kontroversen nicht alle Menschen den gleichen Horizont. Diese Feststellung lässt sich mit dem Begriff der ‚Wahrnehmungsdimension’ eleganter beschreiben als im klassischen Perspektivismus. Sie darf keineswegs mit der Pluralität möglicher Standpunkte identifiziert werden. Die Welt in unterschiedlichen Dimensionen wahrzunehmen ist zu differenzieren von der Einnahme verschiedener Perspektiven innerhalb dieser Dimensionen.

Einige Beispiele mögen das im Folgenden skizzieren. Keines dieser Beispiele kann in dem ihnen zugeteilten Umfang starke argumentative Kraft beanspruchen, sie dienen, wie die vorangehenden, der heuristischen Verdeutlichung. Aus diesem Grund entstammen sie auch nicht der Domäne des Technischen oder des Medialen, wie in den übrigen Kapiteln vorgesehen ist. Es handelt sich vielmehr um eine bunte Mischung, mehr in die Breite denn in die Tiefe zielend.


[Seite 27↓]

Beispiel: Kindheit

Laut der Arbeitsdefinitionen eines Weltbildes spannen Dimensionen lediglich den Rahmen auf, in dem die Vorstellung der Welt sich inhaltlich ausprägt. Mentalitätsgeschichte ist möglich, weil die inhaltlichen Ausformungen sich im Laufe der Zeit ändern. Die Kulturgeschichte der Zeit,24 des Essens und Trinkens,25 des Individuums26 oder der Kindheit27 zeichnen den inhaltlichen Wandel im diachronischen Verlauf nach. Die Darstellung kann immer nur im Zusammenhang mit anderen Perspektiven erfolgen, insofern sind Dimensionen, wie bereits erwähnt, nur eine analytische Untergliederung der Mentalitätsgeschichte. Dennoch konnte Ariès zeigen, dass die Dimension der Kindheit als Wahrnehmungsform kulturhistorisch erst relativ spät, nämlich in der Renaissance, entstanden ist. Dies deutet auf das eigenartige Verhältnis von Perspektiven zur Geschichte: Natürlich gab es immer Kinder im physiologischen Sinn und sie wurden auch als körperlich unterschiedlich zu Erwachsenen wahrgenommen. Das griechische Wort pais zeugt davon ebenso wie das lateinische Wort parvuli . Doch Ariès zeigt anhand mittelalterlicher Darstellung, dass Kinder bis zum 17. Jahrhundert als kleine Erwachsene gesehen wurden. Er schließt daraus:

Die mittelalterliche Gesellschaft, die wir zum Ausgangspunkt gewählt haben, hatte kein Verhältnis zur Kindheit; das bedeutet nicht, daß die Kinder vernachlässigt, verlassen oder verachtet wurden. Das Verständnis für die Kindheit ist nicht zu verwechseln mit der Zuneigung zum Kind; es entspricht vielmehr einer bewußten Wahrnehmung der kindlichen Besonderheit, jener Besonderheit, die das Kind vom Erwachsenen, selbst dem jungen Erwachsenen, kategorial unterscheidet. Ein solches bewußtes Verhältnis zur Kindheit gab es nicht.28

Man kann also sagen, immer schon gab es Kinder aber nicht immer Kindheit. Bevor ein Verhältnis zur Kindheit sich einstellen konnte, musste sie als kollektive Wahrnehmungsdimension erst einmal etabliert sein (Dimensionen von solch gesellschaftlicher Breitenwirkung werde ich später als „kulturelle Paradigmen“ bezeichnen). Die Wahrnehmungsdimension der Kindheit ist kulturell gewachsen. Mit dem abgegrenzten und schützenswerten Bereich der Kindheit etablierten sich zahlreiche kulturelle Praktiken, von der Schulbildung über Gesetze zur Verhinderung der Kinderarbeit, bis zur Freude junger Eltern über das Abenteuer, Kinder großzuziehen.


[Seite 28↓]

Unterschiedliche Konstellationen und Missverständnisse

Ein Indiz für die Fremdheit einer Dimension ist der Umgang mit den durch sie erschlossenen Phänomenen. Eine Dimension strukturiert die Gesamtheit der Wahrnehmung, sie beeinflusst den Horizont für die ganze Welt. Wer sie nicht teilt, ordnet die durch sie erschlossene Welt in einen Winkel seiner eigenen.

Ein lehrreiches Beispiel für die unterschiedliche Wahrnehmung und Gewichtung innerhalb eines interdisziplinären Diskurses in verschiedenen Dimensionen liefert der Band „Schöne neue Körperwelten“, in dem Anatomen, Philosophen, Juristen, Mediziner, ein Kunstwissenschaftler, Theologen und Soziologen über verschiedene Aspekte der Ausstellung „Körperwelten“ diskutieren. Diese Wanderausstellung des Anatom Gunther von Hagens zeigt seit 1996 über 200 Körper, konserviert mit dem durch von Hagens entwickelten Verfahren der Plastination. In Anbetracht der Zurschaustellung und Inszenierung menschlicher Leichen hat die Ausstellung heftige Kontroversen und Aushandlungsprozesse über den gesellschaftlichen Umgang mit toten Körpern ausgelöst, von denen ein Teil im erwähnten Sammelband erschienen sind. Der Unterschied dieses Bandes zu vielen anderen interdisziplinären Veröffentlichungen besteht in der Tatsache, dass zumindest einige Autoren die Texte der anderen vor der Veröffentlichung gelesen haben und in ihren eigenen Aufsätzen auf sie reagieren konnten.29 Der Anatom Klaus Tiedemann beschränkt sich sofort auf seine Welt „Auch seine [von Hagens] Präparate überschreiten zum Teil die Grenzen der Anatomie, für manche auch die der Pietät und des guten Geschmacks. Da ich aber nicht von Dingen sprechen möchte, von denen ich nur wenig verstehe, überlasse ich die künstlerische, juristische und moralische Bewertung den Verfassern der nachfolgenden Beiträge. “ (S. 22). Der Jurist Ernst Benda kritisiert die Ausstellung ohne sie gesehen zu haben, aus Sorge „ich würde mich von einem Werturteil über bloße Fragen der Ästhetik abhängig machen “ (S. 135) Eine juristische Bewertung der Ausstellung könne auch ohne Ansehen der Fakten möglich sein. Genau diese Position kritisiert der Kunstwissenschaftler Bazon Brock:

In seinen bisherigen Erfahrungen spielten also die Fragen der Ästhetik keine Rolle, sagt demnach Benda. Wenn nun aber für die Präsentation der Plastinate toter Menschenkörper gerade ästhetische Fragen nach Meinung von Hagens’ und vieler anderer eine entscheidende Rolle spielen, kann sich Benda auf seine bisher ohne ästhetische Wahrnehmung getätigte Erfahrungen schwerlich verlassen. Da er diesen Einwand erwartet, wertet er ästhetische Fragen zu ‚bloßen’ ab. (S. 271)

Der hier durchscheinende Konflikt ist seiner Struktur nach für meine Zwecke interessant und typisch für interdisziplinäre Streitigkeiten. Benda interessiert sich als Jurist wenig für ästhetische Fragen und ordnet die Ästhetik in einen Randbereich seiner Welt. Damit aber verletzt er die Welt des Kunstwissenschaftlers Brock, der die Gelegenheit nutzt, Bendas Wahrnehmungsmangel [Seite 29↓] vorzuführen: Es sei nicht nur zu kurz, die Dimension des Ästhetischen aus der Diskussion auszublenden, sie sei sogar der eigentliche Schlüssel zum Verständnis. Brock seinerseits macht nicht den Fehler, die juristische Sicht derart fahrlässig einzuschränken, er ignoriert sie einfach. Benda und Brock schreiben über die gleiche Ausstellung, jedoch aus unterschiedlichen Weltbildern, die miteinander keine gemeinsame Verständigungsebene finden.

Die Degradierung der mit einer Wahrnehmungsdimension verbundenen Fragen und Beobachtungen zu „bloßen“ ist symptomatisch für Erfahrungen ohne die Wahrnehmung der spezifischen Dimension. Wer die Dimension des Technischen nicht teilt, verortet Technik „bloß“ in Maschinen, Geräten, Apparaten und Fertigkeiten. Wer die Dimension des Spiels nicht teilt, erklärt Spiele „bloß“ zum zweckfreien Handeln in der Freizeit (die beiden letztgenannten Dimensionen, die des Technischen und die des Spiels, werden im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen).

Was für den Einen eine ganze Dimension seiner Welt ist, kann für den Anderen lediglich ein unbedeutender Ausschnitt der eigenen sein, ein Phänomen, das nur selten in den Blick kommt und auch dann nur als singuläres Ereignis auftritt. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Weltzugängen könnten kaum größer sein und es verwundert nicht, dass beide Menschen sich wenig zu sagen haben.

Horizontweitung

So wenig Wahrnehmungsdimensionen diskursiv vermittelbar sind, so schwer lassen sie sich mit Worten erklären. Die Enthüllung einer neuen Dimension trägt vielmehr den Charakter einer Erleuchtung, einer blitzartigen Einsicht, einer Umdeutung alles bisher Bekannten. Erst im Nachhinein wird die Beschränkung der Wahrnehmung vor der Enthüllung bewusst.

Sartre beschreibt in „Der Ekel“, wie der Protagonist Roquentin die Dimension der Existenz entdeckt und diese Erleuchtung seine Welt erschüttert:

Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter meiner Bank. Ich erinnere mich nicht mehr, daß das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutungen der Dinge, ihre Verwendungsweise, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihrer Oberfläche eingezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt, allein dieser schwarzen, knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.
Das hat mir den Atem geraubt. Nie, vor diesen letzten Tagen, hatte ich geahnt, was das heißt: « existieren ». Ich war wie die anderen, wie jene, die am Meer entlangspazieren, in ihrer Frühjahrsgarderobe. Ich sagte wie sie: « das Meer ist grün ; dieser weiße Punkt da oben, das ist eine Möwe », aber ich fühlte nicht, daß das existierte, daß die Möwe eine « existierende Möwe » war ; gewöhnlich verbirgt sich die Existenz. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist wir , man kann keine zwei Worte sagen, ohne von ihr zu sprechen, und, letzten Endes, berührt man sie gar nicht.[...] Wenn man mich gefragt hätte, was die Existenz sei, hätte ich in gutem Glauben geantwortet, daß das nichts sei, nichts weiter als eine leere Form, die von außen zu den Dingen hinzuträte, [Seite 30↓] ohne etwas an ihrer Natur zu ändern. Und dann, plötzlich: auf einmal war es da, es war klar wie das Licht: die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt.30

Ähnlich ergeht es Platons Mensch, der aus den Ketten der Höhle befreit wird. Zunächst schmerzt das Licht, dann aber lernt er die Welt in ihrem Wesen zu schauen:

Schleppt man ihn aber von dort mit Gewalt den rauen und steilen Aufgang hinauf, fuhr ich fort, und ließe ihn nicht los, bis man ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen hätte – würde er da nicht Schmerzen empfinden und sich nur widerwillig so schleppen lassen? Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermöchte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete? [...] Er müßte sich also daran gewöhnen [...] Zuletzt aber, denke ich, würde er die Sonne, nicht ihre Spiegelbilder im Wasser oder anderswo, sondern sie selbst, an sich, an ihrem eigenen Platz ansehen und sie so betrachten können, wie sie wirklich ist.31

Auch Abbotts Dreieck hat ein vergleichbares Erlebnis, als es von der Kugel ins Raumland gerissen wird. Auf die schmerzhafte Geburt in die neue Dimension folgt nach einem kurzen Moment der Desorientierung die Euphorie für die neu gewonnenen Einsichten:

Eine unaussprechliche Angst überfiel mich. Es wurde dunkel; dann kam ein schwindelerregendes Gefühl des Sehens, das nicht wie normale Sicht war und bei dem mir übel wurde – ich sah eine Linie, die keine Linie war, Raum, der kein Raum war; ich war ich selbst und doch nicht ich selbst. Als ich meine Stimme wiederfand, schrie ich laut in unerträglichem Schmerz: „Das ist der Wahnsinn, oder es ist die Hölle.“ – Weder das eine noch das andere“, erwiderte ruhig die Stimme der Kugel, „es ist das Wissen. Es ist die Dreidimensionalität – öffne dein Auge noch einmal und versuche, mit stetigem Blick zu schauen.“ Ich schaute, und siehe! eine neue Welt! Vor mir stand, sichtbar verkörpert, alles, was ich in bezug auf zirkuläre Schönheit je geschlossen, vermutet, geträumt hatte.32

Wie die Beispiele zeigen, bedeutet eine Wahrnehmungsdimension nicht zu teilen keineswegs, aus ihrer Welt vollständig ausgeschlossen zu sein. Dennoch kann viel überzeugender argumentieren, wer sie teilt und gleichsam „von innen“ versteht.

Binnenperspektive

Den notwendigen Praxisbezug betont auch Brock

Mit Blick auf die Zumutungen der ‚Körperwelten’ rekurrieren wir etwa auf die Erfahrung, daß Bodybuilder, Macrobiotiker oder Vegetarier, Weight Watcher, Tänzer und Turner, aber auch protestantische Körperverächter und die Klienten von Image-Trainers, Verhaltenstherapeuten, von pädagogischen, künstlerischen oder chirurgischen Menschenbildnern jeweils Gemeinschaften formieren, die uns verschlossen bleiben, solange wir uns ihrer Praxis nicht anschließen. Praxis heißt da, etwas so lange [Seite 31↓] nachzuvollziehen, bis wir uns entscheiden können, ob die Zugehörigkeit zu einer Arbeits-, Begeisterungs-, oder Bekenntnisgemeinschaft für uns wichtig ist oder nicht.33

Neben dem Appell der aktiven Beteiligung steckt in dem Zitat noch eine wichtige Beobachtung, die ich in meine Terminologie umformulieren möchte: Gemeinschaften bilden sich um bestimmte Wahrnehmungsdimensionen herum. Der Gemeinschaft stiftende Erfahrungshorizont beruht nicht so sehr auf inhaltlichem Konsens, sondern vielmehr auf der Möglichkeit, Wahrnehmungen und Erfahrungen teilen und mitteilen zu können. Selbst wenn ich einer bestimmten Sicht nicht zustimme, eine mir vorgetragene Perspektive nicht die meine ist, um sie zu verstehen, muss ich sie zumindest einnehmen können, d.h. ich muss den Horizont überblicken, aus dem heraus sie formuliert wurde. In umgangssprachlichen Redewendungen heißt das, ich muss „die gleiche Sprache sprechen“ oder „auf einer Wellenlänge liegen“ wie mein Gegenüber.

Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, ergeht es mir ähnlich wie Abbotts Dreieck, das mit der Kugel über die Absurdität einer dritten Dimension streitet, die „nicht nordwärts, aufwärts; ganz aus Flächenland hinaus “ weist. Wohl kann ich diskutieren und streiten, argumentieren und polemisieren, das Vokabular anzweifeln oder erlernen. Ein Verständnis ergibt sich dadurch nicht.

Nicht zuletzt bei der Betrachtung von Diskursgrenzen, Missverständnissen, polemischen Ausgrenzungen, der Erfahrung, aneinander vorbei zu reden oder den anderen erst gar nicht zu verstehen, zeigt sich der Erkenntnisgewinn des Konzeptes der Wahrnehmungsdimension. Missverständnisse, die nicht auf unterschiedliche Standpunkte zurückzuführen sind, lassen sich damit wenn auch nicht klären, so doch in ihrer Eigendynamik verstehen.

Das Risiko derartiger gegenseitiger Verkennungen, die auf unterschiedliche Weltverständnisse zurückgehen und immer auch die Grenzen meiner eigenen Welt markieren, verringert sich innerhalb der Bezugsgemeinschaft. Deren Mitglieder müssen nicht eine gemeinsame Weltsicht, sondern zunächst einen gemeinsamen Horizont wenigstens in Ausschnitten teilen.

Als weitere Arbeitshypothese ist also fest zu halten: Die Gemeinsamkeit einer Gemeinschaft liegt weniger in einer einheitlichen Mentalität, einheitlichen Werten und Bedeutungszuweisungen, als vielmehr in einem geteilten Horizont, vor dem Erfahrungen gemeinsam vermittelt, verstanden und verarbeitet werden können. Natürlich wird die Binnendifferenzierung der Gruppe von gemeinsamen Inhalten geprägt sein, von kongruenten Weltbildern.

Methodische Fragen

Zu Beginn der Untersuchung von Weltbildern muss zunächst die Frage stehen, welche Wahrnehmungsdimensionen überhaupt als Beschreibungswerkzeug in Frage kommen und nach welchen Kriterien die Auswahl erfolgt.


[Seite 32↓]

Die Frage wirft den Fragesteller auf sich selber zurück. Die analytische Unterteilung einer Weltanschauung in verschiedene Dimensionen ist im gewissen Sinn eine willkürliche Konstruktion des Betrachters. Im gewissen Sinn deswegen, weil sich im Laufe der Mentalitätsgeschichte einige Themen als besonders Gewinn bringend herausgestellt haben. Der objektive Blick von außen auf eine Welt ist nicht möglich, er wird immer durch den Hintergrund des Fragestellers geprägt. Eine getroffene Auswahl möglicher Dimensionen erschließt daher Einblicke sowohl in die untersuchte, als auch in die untersuchende Welt. Beobachtet werden kann nur, was in den Blick geraten kann. Eine derart selbstreflexive Mentalitätsgeschichte besetzt keinen objektiven Standpunkt außerhalb der beobachteten Welt. Von keiner Warte aus lässt sich die Gesamtheit aller Dimensionen überschauen oder die richtige Auswahl treffen. Hier liegt der Unterschied zwischen Platons Höhlengleichnis und Abbotts Flächenland: Die Liste möglicher Dimensionen lässt sich nicht abschließen, jede Generation bringt neue ins Spiel und verzichtet auf andere. Weiter oben habe ich argumentiert, dass Dimensionen historisch wachsen und der Horizont eines Weltbildes von der individuellen Biographie mit bestimmt wird.

Beispielsweise ist im Zuge einer technisch-wissenschaftlichen Weltaneignung zumindest im christlichen Abendland die Dimension des Magischen aus dem Blick geraten.34 Es entzieht sich der Vorstellung der durch Industrialisierung entzauberten Menschen, wie eine Welt aussieht, die von Geistern, Dämonen, Beschwörungen und die Menschen transzendierenden Mächten gesteuert wird. In animistischen Religionen ostasiatischer Länder sind diese Mächte noch lebendig und präsent, was zu dem exotischen Flair dieser Länder beitragen mag, von westlichen Touristen aber im Kern nicht nachvollziehbar ist.

Eine andere, in abendländischen Kulturen wenig etablierte Dimension ist die des Energetischen, die sich im chinesischen Begriff ‚Qi’, im koreanischen und japanischen ‚Ki’ findet. Nicht zuletzt wegen der Unzulänglichkeiten des okzidentalen Rationalismus wird diese Dimension zusammen mit den um sie entstandenen kulturellen Praktiken seit einigen Jahrzehnten importiert, als Energietraining, ganzheitliche Medizin, Akkupunktur, Feng Shui etc.

Vollkommen unzureichend wäre es, mit rationalen Argumenten beweisen zu wollen, dass der Animismus sich irre, weil er Aussagen treffe, die mit Messgeräten nicht überprüfbar seien. Eine solche Argumentation übersieht die gelebte Realität des Animisten, in dessen Welt objektive Überprüfbarkeit keine Rolle spielt. Die Welt, auf die er sich mit seinen Aussagen und Annahmen bezieht, ist eine andere als die des Naturwissenschaftlers, selbst wenn beide die gleichen Wörter verwenden.


[Seite 33↓]

Wenn es keine Liste aller Dimensionen geben kann, stellt sich die methodisch wichtige Frage nach ihrer Auswahl. Welche Aspekte eignen sich als Überschrift für eine Dimension, von der ich annehmen kann, sie strukturiere die Welt des Anderen?

Neben den bislang angeführten Beispielen ist ein gutes Indiz dafür, ein Thema zu einer Dimension ausweiten zu können, die Endsilbe ‚-ismus’. Ideologiekritisch wertet sie eine Sicht zu einer einseitig überzogenen Darstellung ab. Ein - ist erscheint immer im Mantel des Extrem-isten, des ideologisch Geleiteten bzw. Verblendeten. Wörter, die auf ‚-ismus’ enden, dienen der bequemen Sortierung diskursiver Positionen in Schubladen, man weiß, mit wem man es zu tun hat. Dennoch taugt nicht jede Position zum Ismus . Sie muss eine ganze Welt umspannen.

Zwei Sorten von Ismen werden benannt. Wird ein bestimmter Aspekt der Welt betont, dient er als Vorsilbe: Existentialist, Faschist, Feministin, Militarist, Pazifist, Sozialist, Terrorist etc.

Ismen , die sich aus dem Namen eines Autors ableiten, sind erfolgreiche inhaltliche Umordnungen und Neugestaltungen bestehender Dimensionen durch diese Autoren. Haben sie auch neue Dimensionen eröffnet, bekommen diese häufig einen eigenen Namen: z.B. Platonismus und platonischer Dualismus , Marxismus und historischer Materialismus .

Auf der Suche nach Dimensionen bleibt die Betrachtung von Ismen freilich nur Indiz. Nicht jede Dimension wird nach einem Ismus benannt (Raum, Zeit beispielsweise) und nicht jeder erfolgreiche Umgestalter eines kulturellen Weltbildes bekommt das Etikett -ismus , z.B. Kopernikus und Heliozentrismus oder Freud und die Psychoanalyse.

Eine weitere Fundgrube etablierter Wahrnehmungsdimensionen jenseits der Ismen sind die so genannten Bindestrichdisziplinen. Auch hier wird der Name des Autors mit der entsprechenden Dimension als Vorsilbe verknüpft. Man spricht von der Risiko-Gesellschaft (Beck), von der Erlebnis-Gesellschaft (Schulze), der Beschleunigten-Gesellschaft (Virilio), der Simulakren-Gesellschaft (Baudrillard) oder der Informations-Gesellschaft (Urheberschaft umstritten35 ). Jeder dieser Autoren untersucht nicht nur die von ihm akzentuierte Dimension, sondern hat sie im Diskurs erst etabliert und ihn damit buchstäblich um eine Dimension bereichert.

Die Untersuchung der Mentalität einer Gemeinschaft bezüglich einer gewählten Auswahl potenzieller Wahrnehmungsdimensionen erfolgt methodisch durch Interpretation gegebener Quellen. Texte, Veröffentlichungen, Äußerungen oder Selbstdarstellungen können herangezogen werden, um auf zugrunde liegende Wahrnehmungsmuster hin befragt zu werden. Die Konstruktion einer Mentalität ist dann erfolgreich, wenn die re-konstruierten Dimensionen hinreichen, die untersuchte Gemeinschaft von anderen abzugrenzen.

An dieser Stelle muss noch eine wichtige Einschränkung der geometrischen Analogie [Seite 34↓] vorgenommen werden, wie sie Flächenland lieferte: Die dort vorgestellten Welten stehen in direkter Hierarchie zueinander. Flächenland enthält Linienland, beide sind in Raumland enthalten. Eine Erweiterung des Horizontes zeigte jeweils die Überlegenheit der größeren Welt gegenüber der kleineren.

Durch Wahrnehmungsdimensionen aufgespannte Horizonte stehen keineswegs stufenförmig zueinander, sondern lassen mannigfaltige Überschneidungen zu. Geometrisch könnte man auf das Konzept mehrdimensionaler Räume mit unterschiedlichen Teilräumen zurückgreifen, die einige Dimensionen teilen, andere jedoch nicht. Ein Teilraum braucht damit nicht vollständig in einem anderen enthalten sein, so dass eine eindeutige lineare Hierarchie der Teilräume untereinander vermieden wird. In diesem Zusammenhang bietet es sich auch an, von ‚Teilkulturen’ zu sprechen, um auf die Kultur einer Gemeinschaft zu rekurrieren und die implizite Wertung des Wortes ‚Subkultur’ zu vermeiden.

Um aber der Versuchung einer allzu starken Anbindung an mathematische Kategorien zu entgehen, werde ich die Analogie an dieser Stelle verlassen und die heuristisch gewonnenen Merkmale auf die Untersuchung von Weltbildern übertragen.

Zusammenfassung: Kultur als Aushandlung von Wahrnehmungsdimensionen

Folgende Merkmale lassen sich aus dem bunten Strauß gewählter Beispiele über Aneignung und Umgang mit Wahrnehmungsdimensionen gewinnen:

Mit Hilfe des erarbeiteten Vokabulars kann ich die zu Anfang des Kapitels gestellte Frage nach dem Begriff der Kultur wieder aufnehmen und verfeinern. Dort wurde die Entscheidung getroffen, kulturelle Dynamik als Aushandlungsprozesse zu beschreiben, woraus die Frage erwuchs, was [Seite 35↓] ausgehandelt wird. Zur Beantwortung dieser Frage führte ich den Begriff der Mentalität und dessen Individualisierung im Begriff der Weltanschauung an, diesen bestimmt als die individuelle, jenen als die kollektive Ausprägung von Wahrnehmungsdimensionen, die ihrerseits den Horizont der Wahrnehmung aufspannen. Unterschiede zwischen den Weltbildern zweier Menschen ergeben sich aus zweierlei Ursachen. Zum einen aufgrund verschiedener Perspektiven und Sichtweisen zum anderen aufgrund verschiedener Erfahrungs- und Wahrnehmungshorizonte. Der eine Mensch sieht beispielsweise eine historisch-hermeneutische Welt, während der andere in einer pragmatisch-technischen lebt.

Von Dimensionen zu Mentalitäten

Die meisten der bislang vorgestellten Wahrnehmungsdimensionen sind so verbreitet, dass es schwer fällt, sich eine Weltsicht vorzustellen, in die sie nicht integriert sind: Raum, Zeit, Körper, Sexualität, Gesundheit, Alter etc. Waren die Dimensionen von Raum und Zeit bei Kant noch reine Anschauungsformen, so konnte die Entwicklungspsychologie mit Piaget zeigen, dass auch sie erlernt werden müssen, ebenso Kausalität oder Beständigkeit. Es zeigt sich wieder das ambivalente Verhältnis zwischen Objektivität und Subjektivität. Raumzeit als Phänomen geht dem Menschen voraus, sie ist vor und außerhalb seiner selbst. Raum und Zeit als erfahrende und erlebte Raumzeit aber ist kulturelle Konstruktionsleistung und mentalitätshistorisch Veränderungen unterworfen. In diesem doppelten Sinn ist Raumzeit eine Wahrnehmungsdimension.

Im bereits erwähnten Buch „Europäische Mentalitätsgeschichte“ wird ein Grundbestand an Wahrnehmungsdimension untersucht, bei dem diachronische Vergleiche ohne weiteres möglich sind, weil Menschen sich zu den angesprochenen Themen immer verhalten haben. Der Herausgeber Dinzelbacher schreibt:

Gewiß kann man bei Menschen in aller Welt und Zeit (soweit die Quellen zurückreichen) einen anthropologisch konstanten Grundbestand von Denk-, Empfindungs- und Verhaltensweisen feststellen, der dem Homo sapiens in jeder seiner syn- und diachronen Variation gemeinschaftlich ist.36

‚Mentalität’, verstanden als „Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist“,37 setzt sich daher idealtypisch aus gemeinsamen Dimensionen der Wahrnehmung zusammen, welche die Menschen des bestimmten Kollektivs zu einer bestimmten Zeit teilen. Dass es dabei zu ganz verschiedenen Ausdeutungen kam, ist gerade Gegenstand der Mentalitätsgeschichte.

Andere Dimensionen traten im Laufe der Kulturgeschichte hinzu, wie Individualität im 16. [Seite 36↓] Jahrhundert (laut van Dülmen), Kindheit ab dem 17. Jahrhundert (laut Ariès) oder der Mensch als Maß aller Dinge im Humanismus. Auf der Grundlage ihrer Verbreitung innerhalb einer Kulturgemeinschaft lassen sich Wahrnehmungsdimensionen weiter differenzieren.

Individuelle, subjektive Weltbilder werden von Dimensionen aufgespannt, die in ihrer Bedeutung für das Subjekt gegenüber anderen Menschen nicht kommunizierbar sind. Aufgrund der Sozialisation innerhalb einer oder mehrerer Bezugsgemeinschaften übernehmen die meisten Weltbilder den erlernten Horizont ganz oder teilweise. Überschneidungen in Horizonten, nicht zuletzt dank des Grundbestandes, befördern neue Denk-, Empfindungs- und Verhaltensweisen aber auch neue Weltbilder.

Dimensionen können unterschiedlich stark verbreitet sein. Manche hängen mit der Leiblichkeit zusammen und bilden „bei Menschen in aller Welt und Zeit (soweit die Quellen zurückreichen) “ einen Verständigungshintergrund. Demgegenüber entwickelten sich andere in Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Dimensionen wie z.B. der Rationalismus oder der Humanismus konnten breite Teile der Gesellschaften beeinflussen und haben Stichworte einer ganzen Epoche geprägt. Solche Dimensionen möchte ich „kulturelle Paradigmen nennen.

Der Begriff des Paradigmas

Der Begriff ‚Paradigma’ wurde von Thomas Kuhns wissenschaftshistorischem Essay „Die Struktur wissenschaftlicher Revolution“38 in seiner heute üblichen Verwendungsweise geprägt. Nach Kuhn organisiert sich naturwissenschaftliche Forschung und Theoriebildung um Paradigmen:

Die Physica von Aristoteles, der Almagest von Ptolemäus, Newtons Principia und Opticks , Franklins Electricity , Lavoisiers Chimie , Lyells Geology – diese und viele andere Werke dienten eine Zeitlang dazu, für nachfolgende Generationen von Fachleuten die anerkannten Probleme und Methoden eines Forschungsgebietes zu bestimmen. (S. 28)

Zwei Eigenschaften zeichnet eine wissenschaftliche Leistung als Paradigma aus:

Ihre Leistung war beispiellos genug, um eine beständige Gruppe von Anhängern anzuziehen, hinweg von den wetteifernden Verfahren wissenschaftlicher Tätigkeit, und gleichzeitig war sie noch offen genug, um der neubestimmten Gruppe von Fachleuten alle möglichen Probleme zur Lösung zu überlassen. (S. 28)

Das griechische ‚Paradigma’ bedeutet ‚Musterbeispiel’ im Grammatikunterricht. Wird die Konjugation einer bestimmten Klasse von Verben am Beispiel „amo, amas, amat“ erläutert, so definiert das Beispiel ein Schema, das auf die anderen Verben übertragbar ist. Die ganze Klasse wird am Paradigma beispielhaft gelehrt. Jedes Verb der Klasse kann das Beispiel ersetzen und als Paradigma fungieren.

Das wissenschaftliche Paradigma hingegen ist nicht ersetzbar, sondern definiert Fragestellungen [Seite 37↓] und Methoden, indem es sich bei der Erklärung wichtiger offener Fragen als besonders erfolgreich erwiesen hat.

Normale Forschung, verstanden als Lösen von Rätseln (S. 58 ff.) ist solange möglich, bis unüberwindbare Anomalien auftreten. Die wissenschaftliche Forschung befindet sich in einer Krise, die erst durch einen Paradigmawechsel überwunden werden kann. Diesen Umbruch nennt Kuhn „wissenschaftliche Revolution“, in Hinblick auf Parallelen zu politischen Revolutionen. Beide gehen von einem Zustand der Unzufriedenheit innerhalb der Gemeinschaft aus, wenn bestehende Institutionen nicht mehr in der Lage sind, aktuelle Probleme adäquat zu lösen. Aber noch eine andere Parallele zeigt sich:

Politische Revolutionen gehen darauf aus, politische Institutionen auf Wegen zu ändern, die von jenen Institutionen verboten werden. Ihr Erfolg erfordert daher, daß eine Reihe von Institutionen zugunsten einer anderen teilweise aufgegeben wird, und in der Zwischenzeit wird die Gesellschaft von keiner Institution richtig regiert. (S. 129)

Kuhn konnte durch eine Fülle von Beispielen aus der Geschichte der Naturwissenschaften zeigen, dass wissenschaftliche Entwicklung einer vergleichbaren Dynamik folgt.

Im kurzen Zeitfenster eines Paradigmawechsels, wenn das alte noch markant, das neue aber bereits etabliert ist, lassen sich Struktur und Dynamik der Gesellschaft am klarsten beobachten. Machtverhältnisse müssen neu definiert und institutionalisiert werden, alte Leitfiguren rücken in die Ahnengalerie ein, neue versuchen, ihren Einfluss auszudehnen.

Die Entscheidung eines Forschers für oder gegen ein neues Paradigma wird durch die Logik der Forschung allein nicht begründet, jede Argumentation für oder gegen ein Paradigma dreht sich im Kreis: Das Paradigma muss vorausgesetzt werden, um Zustimmung zu finden:

[...], dieses im Kreis gehende Argument hat nur den Status eines Überredungsversuchs. Es kann nicht logisch oder probabilistisch zwingend gemacht werden, für jene, die sich weigern, in diesen Kreis einzutreten. [...] Wie bei politischen Revolutionen gibt es auch bei der Wahl eines Paradigmas keine höhere Norm als die Billigung durch die maßgebliche Gemeinschaft. (S. 131)

Die Wahl zwischen zwei konkurrierenden Paradigmen ist immer eine „Wahl zwischen unvereinbaren Lebensweisen einer Gemeinschaft .“ (S. 130) Die Gegensätze zwischen den Verfechtern des alten und denen des neuen Paradigmas sind diskursiv nicht überwindbar.

Mit dem Wechsel in ein neues Paradigma ändert sich die Welt ebenfalls „Unter der Führung eines neuen Paradigmas machen sich die Wissenschaftler neue Apparate zu eigen und blicken in neue Räume. “ (S. 151) Nicht die physikalische Beschaffendheit ändert sich, sondern der Blick auf die Welt:

Paradigmawechsel veranlassen die Wissenschaftler tatsächlich, die Welt ihres Forschungsbereichs anders zu betrachten. Soweit ihre einzige Beziehung zu dieser Welt in dem besteht, was sie sehen und tun, können wir wohl sagen, daß die Wissenschaftler nach einer Revolution für eine andere Welt empfänglich sind. (S. 151)

Die fünf wichtigsten Merkmale eines Paradigmas sind demnach:

In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen zu zeigen, dass das Konzept des Paradigmas sich auch auf kulturelle Dynamik gewinnbringend anwenden lässt. Kulturelle Dynamik verstanden als Prozesse des Aushandelns ordnet sich, so die These, um Schwerpunke, die ich in Anlehnung an Kuhn als „kulturelle Paradigmen“ bezeichne. In der eingeführten Terminologie ist ein kulturelles Paradigma eine Wahrnehmungsdimension, die eine hohe Umlaufgeltung entfalten konnte, d.h. in zahlreiche verschiedene Weltbilder integriert wurde. Wie für jede Horizont bildende Dimension impliziert auch ein kulturelles Paradigma keinen inhaltlichen Standpunkt. Im Gegenteil ermöglicht es im Zusammenspiel mit je verschiedenen Kontexten eine Vielzahl zum Teil kontroverser Perspektiven. Im Anschluss an Foucault könnte man sagen, dass kulturelle Paradigmen Diskurse ordnen. Sie tun dies, indem sie Themen vorgeben, die im Diskurs berücksichtigt werden müssen, die Positionen, aus denen sich der Diskurs gestaltet und immer wieder aufs Neue verwebt, verordnen sie nicht. Doch auch hier gilt, was bereits über Wahrnehmungsdimensionen gesagt wurde: In den Diskurs treten kann nur, wer einen vergleichbaren Horizont hat.

Die neue Wahrnehmungsdimension wird zunächst von einer verhältnismäßig kleinen Anzahl in ihr Weltbild integriert und als radikaler Einschnitt der bestehenden Welt wahrgenommen. Handelt es sich, wie beim Beispiel der Kindheit oder der Ökologie, um die Bewusstwerdung einer Alltäglichkeit, das Hervortreten eines Wahrnehmungshintergrundes, mit dem bestehende Probleme oder Widersprüche besser erklärt oder beschreibbar sind als bisher, so besteht die Möglichkeit, mit der neu entdeckten Selbstverständlichkeit ganz verschiedene Weltbilder zu bereichern und die Dimension zu einem kulturellen Paradigma auszuweiten.

Daher lässt sich in Erweiterung obiger Liste folgende Verallgemeinerung zur Historizität kultureller Paradigmen als sechstes Merkmal formulieren:

Die Weitung des Horizontes ist ein kultureller Prozess, ist, wie Simmel es ausdrückt, „der Weg von [Seite 39↓]der geschlossenen Einheit über die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit. “39 Der kulturelle Prozess des Aushandelns bezieht sich sowohl auf Weltbilder, auf die Einnahme von Standpunkten innerhalb des kollektiven Horizontes als auch auf die Etablierung von Wahrnehmungsdimensionen.

Die Kultur eines Kollektivs definiert sich somit weniger über gemeinsame Werte, Bedeutungen, Einstellungen etc., als über gemeinsame Dimensionen der Wahrnehmung, über kulturelle Paradigmen. In der Aushandlung von Standpunkten innerhalb dieser Dimensionen konstituiert sich kulturelle Dynamik. Kulturprodukte, wie z.B. die bereits erwähnte Ausstellung „Körperwelten“ bieten ihren Rezipienten einen Standpunkt an, z.B. über Einstellungen zum Tod und den Umgang mit toten Körpern. Um Perspektiven zu verhandeln muss aber zunächst ein gemeinsamer Horizont vorhanden sein, ohne diese Grundlagen sind Inhalte nicht diskutierbar, contra principia negantes non disputandum est .

Zwischenbetrachtung

Die Überlegungen der vorangehenden Abschnitte waren von zahlreichen Beispielen begleitet, um die Begriffsbestimmungen zu veranschaulichen und zu erläutern. Keines der Beispiele wäre in der dargestellten Knappheit jedoch in der Lage, eine der vorgetragenen Thesen zu belegen, vielfach bestünde sogar noch erheblicher Argumentationsbedarf, allein den Charakter einer Wahrnehmungsdimension zu begründen. Sie müssen sich also damit genügen, den begrifflichen Rahmen heuristisch zu stützen, die eigentliche Arbeit steht noch bevor. Es muss sich erst noch erweisen, dass kulturelle Dynamik in ihm sinnvoll beschreibbar ist.

Es bietet sich die Untersuchung einer Wahrnehmungsdimension an, die sich zum kulturellen Paradigma entfaltet hat. Die daraus resultierende Dynamik muss sich in Diskursen, kulturellen Produktionen, Publikationen, Praktiken etc. auf allen gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen niederschlagen. Das oben bereits erwähnte Beispiel der Dimension des Ökologischen wäre ein überzeugender Kandidat, ebenso die relativ junge Sicht auf Gender/Geschlecht oder die wachsende Bedeutung der Demograpahie und internationaler Bevölkerungsentwicklung.40

Aus biographischen Gründen wähle ich ein anderes Beispiel, das ich als Etablierung eines kulturellen Paradigmas vorstellen werde: Vernetzung . Zunächst gebe ich jedoch eine Zusammenfassung der in den vorausgegangenen Abschnitten erarbeiteten Begriffsbestimmungen und Thesen:

Eine Wahrnehmungsdimension ist idealtypisch ein Blick auf einen Aspekt der Welt. Jeder Ausschnitt dieser Welt lässt sich unter der gewählten Dimension betrachten. Wahrnehmungsdimensionen sind [Seite 40↓] inhaltlich nicht gefüllt, sondern spannen den Horizont individueller Weltbilder und kollektiver Mentalitäten auf.

Eine Perspektive ist eine inhaltliche Position innerhalb einer oder mehrere Wahrnehmungsdimensionen.

Eine Weltanschauung ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein Subjekt in einer bestimmten Zeit prägend ist. Weltanschauung manifestiert sich in Handlungen. Ähnlichkeiten von Weltanschauungen innerhalb eines Kollektivs bestimmt ihre historische Mentalität.

Historische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist.

Ein kulturelles Paradigma ist eine Wahrnehmungsdimension mit hoher Verbreitung innerhalb eines Kollektivs, einer Kulturgemeinschaft.

Kultur konstituiert sich im Spannungsfeld zwischen Subjekten und präsentiert sich in ihrer Dynamik als Prozess des Aushandelns von Wahrnehmungsdimensionen, Horizonten, Perspektiven und Weltanschauungen.

Zusammen mit diesen Grundbegriffen wurden folgende Arbeitshypothesen aufgestellt. Jede soll in einem eigenen Kapitel diskutiert werden. Doch würde es die vorliegende Arbeit sicherlich überfordern, die Thesen in der dargebotenen Allgemeinheit belegen zu wollen. In den einzelnen Kapiteln werde ich mich daher entlang des gewählten Beispiels Vernetzung mit schwächeren, dafür aber konkreteren Aussagen zufrieden geben:

In den folgenden Kapiteln werde ich entsprechend zugeschnittene Thesen bezüglich der Dimension der Vernetzung vertreten, die ihre Verallgemeinerbarkeit zwar als plausibel nahe legen aber auch nicht mehr versprechen, als sie zu halten im Stande sind. Zunächst einmal wird Vernetzung überhaupt als plausibler Kandidat für ein kulturelles Paradigma vorgestellt.

Vernetzung als kulturelles Paradigma

Die Verbreitung der Vernetzungsdiskurse ist untrennbar mit der Medienentwicklung, insbesondere der des Internet, verknüpft. Es erscheint somit gerechtfertigt, die Entwicklung der Wahrnehmungsdimension zum kulturellen Paradigma am Beispiel der jüngsten Mediengeschichte zu verdeutlichen, wenngleich sie ihre Wurzeln noch in vielen anderen Wissensgebieten hat, wie noch herauszuarbeiten sein wird.

Das alte Weltbild: Organisationsform in etablierten Medien waren aus historischen und technischen Gründen zentralistisch. Sowohl Telegraphie als auch Telefon waren um wenige Schaltzentralen organisiert, welche gesendete und empfangene Nachrichten verteilten. Der technische Grund lag im Qualitätsverlust analoger Kopien, eine Nachricht konnte nicht beliebig vervielfältigt werden und musste daher über möglichst wenige Verteilerstellen geleitet werden. Damit eine Kommunikationsinfrastruktur dieser Anforderung gerecht werden kann, muss sie eingehende Nachrichten zentral bündeln und sternförmig verteilen, was sowohl Zentralität der Verwaltung als auch der Besitzverhältnisse zur Folge hat.

Lücken des alten Weltbildes: Kritik an zentralistischen Kommunikationsmedien wurde von verschiedener Seite geäußert. Erstens: Nachrichten konnten lediglich zwischen zwei Teilnehmern ausgetauscht, bzw. nur in eine Richtung verschickt werden, wie im Falle der Massenmedien. Insbesondere konnten sich soziale Gruppen mit diesen Medien nicht stabilisieren Zweitens: Zentrale Organisation der Verteilerstellen machte die Infrastruktur verwundbar für militärische Angriffe und Ausfälle. Drittens: Eine sternförmige Netztopologie verschwendet technische Ressourcen, weil ein Grossteil des Netzes überwiegend ungenutzt bleibt. Viertens: Zentrale Verwaltung bedeutet immer auch die Möglichkeit der machtpolitischen Kontrolle und der Überwachung gesendeter Nachrichten.

Angebot einer Erweiterung: Die Vorschläge einer dezentralen Vernetzung wurde von verschiedenen Seiten geäußert, jeweils mit dem Ziel, erkannte Mängel an bestehenden zentralisierten Organisationsformen zu beheben. Grundlage waren dabei immer auch Erkenntnisse aus verschiedenen Wissensgebieten, in denen Dezentralität als Diskurstopos an Bedeutung gewann. Die [Seite 42↓] technische Umsetzung in Form des ARPANET war dabei nur ein Schritt in einem bereits laufenden Aushandlungsprozess auf sozialer, militärischer, technischer oder politischer Ebene. Technik konnte die Ideen aber breitenwirksamer transportieren als akademische Diskurse.

Gewinn an Einfluss: Zunächst fand Dezentralität und Vernetzung vor allem akademisches Interesse, sowohl bei der Nutzung des Netzes als Medium als auch bei der theoretischen Konzeptbildung. Bestehende Machtkonstellationen wehren sich gegen die Einschränkung ihrer Kontrollmöglichkeit und versuchen, durch künstliche Zentren den Prozess der Dezentrierung aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Die Zahl der Netzknoten wächst weiter, immer mehr Menschen erleben die Möglichkeiten dezentraler Vernetzung und ihre Erweiterung auf andere Diskurse.

Das Thema Vernetzung entfaltete seine paradigmatische Kraft Mitte der neunziger Jahre, genauer um das Jahr 1995. Zusammen mit dem Wachstum des Internet breitete sich der begleitende Diskurs auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Medien aus. Die Ausbreitung des Internet lässt sich an ausgewählten Wachstumsindikatoren (S. 42 ) dokumentieren.

In Zeitungsberichten, Fernseh- und Rundfunkreportagen, Feuilletons, wissenschaftlichen Publikationen, Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen, in Kino- und Spielfilmproduktionen, Werbebotschaften, Geschäftsberichten und Portfolioanalysen wurden die Auswirkungen des Internet projiziert, analysiert, diskutiert und kommentiert. Die Ausbreitung des Diskurses der Vernetzung kann an der steigenden Umlaufgeltung (S. 44 )ausgewählter Schlüsselwörter belegt werden.

Sowohl die technische Infrastruktur als auch die begleitenden Diskurse führten zu der für Horizontweitung typischen Euphorie, eine neue Welt entdeckt zu haben. Die Begeisterung schlug sich fünf Jahre lang an der Börse, in atemlosen Kursentwicklungen (S. 48 ) des Neuen Marktes nieder, atemlos sowohl beim Auf- als auch beim Abstieg.

Obwohl das Internet lediglich eine mögliche technische Implementierung eines dezentralen Netzes ist, scheint es auf den ersten Blick untrennbar von den Ideen, die sich bezüglich dezentraler Vernetzung entwickelten. In späteren Kapiteln werden ich zeigen, dass es weniger als Diskursurheber denn als -katalysator fungiert.

Wachstumsindikatoren

Die Entwicklung des Internet wird i. d. R. mit dem Wachstum des World Wide Web (WWW) korreliert und mit der Zahl der Hosts (Abb. 2 ), der erfassten Websites (Abb. 3 ) und der geschätzten Nutzerzahl (Abb. 4 ) gemessen. Während die erste Größe technisch relativ sicher bestimmt werden kann, muss die Zahl der Websites bereits geschätzt werden. Grund ist nicht nur die hohe Zahl an sich, sondern die Tatsache, dass eine Website mehrfach erfasst werden kann, wenn sie über verschiedene Uniform Resource Locators (URLs) zu erreichen ist. Ebenso beruht die Zahl der Netznutzer nur auf groben Schätzungen, auch sagt sie nichts über das tatsächliche Nutzerverhalten aus, wie oft oder wie intensiv die vernetzten Personen das Angebot nutzen.


[Seite 43↓]

Wie fast jede Kenngröße bezüglich des Internet weisen die drei Genannten exponentielles Wachstum auf. Alle Indizes sind nach oben beschränkt, mehr als die gesamte Weltbevölkerung kann das Internet nicht nutzen, hinsichtlich technologischer Entwicklungsunterschiede werden es sogar deutlich weniger sein. Die Entwicklungskurve wird S-förmig laufen, exponentiell in der ersten Hälfte, logarithmisch in der zweiten, asymptotisch einem noch unbekannten Grenzwert zustrebend. Sowohl bei der Hostzahl als auch bei der Zahl der Websites ist ein Abflachen des Wachstums sichtbar, was ein Einschwenken in die logarithmische Phase seit Beginn 2000 andeutet.


[Seite 44↓]

Abb. 2 : Zahl der Webhosts seit 1991.

Abb. 3 : Zahl der Websites seit Juni 1993.

Abb. 4 : Zahl der Internetnutzer seit 1995


[Seite 45↓]

Umlaufgeltung

Mit dem Internet wuchs auch die Diskussion um seine Bedeutung, Auswirkungen, Risiken und Chancen. Die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Foren wurde genutzt, um die neuen Medienverhältnisse diskursiv zu begleiten, u.a. in Tageszeitungen, Büchern, wissenschaftlichen Arbeiten oder Kino- und Spielfilmproduktionen. Ein Beispiel für die Korrelation zwischen Wachstum des Internet und Zeitungsdiskurs ist das Auftauchen netzspezifischer Schlüsselwörter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Zahl dieser Fundstellen wird als Umlaufgeltung eines Wortes und des dahinter liegenden Konzeptes bezeichnet.

Wurde in der FAZ dem Internet 1993 noch keine Schlagzeile gewidmet, so wuchs zwischen 1994 und 2000 die Anzahl der Überschriften exponentiell, in denen das Wort ‚Internet’ als Vorsilbe genannt wurde. Die Suche innerhalb der spezifischen Datenbanken wurde einseitig trunkiert durchgeführt, um auch zusammenhängende Worte zu erfassen. Der Suchbegriff ‚Internet*’ (Abb. 5 ) findet Wörter wie ‚Internetgesellschaft’, ‚Internetsucht’ oder ‚Internetadresse’. Der Suchbegriff ‚vernetz*’ deckt die Worte ‚Vernetzung’, ‚vernetzt’ und ‚vernetzte’ ab. Die Ergebnisse zeigen auch hier Wachstumsraten, die mit den technischen Indizes des WWW vergleichbar sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die vergleichsweise langsame aber durchaus sichtbare Zunahme der Überschriften mit den Silben ‚netz*’ (Abb. 6 ) und ‚vernetz*’ (Abb. 7 ). Angesichts des begrenzten Umfangs der Zeitung ist auch das Wachstum dieser Kennzahl begrenzt.

Diese Statistik, berücksichtigt ebenso wie die folgenden weder Umfang noch Inhalt der Artikel, ihr Aussagewert ist vergleichsweise gering. Sie soll auch nicht eine inhaltliche Auseinandersetzung ersetzen, sondern lediglich den Blick auf die Tatsache lenken, dass um das Jahr 1995 eine breite diskursive Erschließung des Themas ‚Internet’, ‚Netz’ und ‚Vernetzung’ einsetzt, die sich in Publikationen niederschlägt. Die Berücksichtigung der Silbe ‚Cyber-’ (Abb. 8 ) und die für sie typische Auf- und Abwärtsbewegung wird in Kapitel 3 interpretiert.

Abb. 5 : Umlaufgeltung für ‚Internet*’ in der FAZ.


[Seite 46↓]

Abb. 6 : Umlaufgeltung für ‚netz*’ in der FAZ.

Abb. 7 : Umlaufgeltung für ‚vernetz*’ in der FAZ.

Abb. 8 : Umlaufgeltung für ‚Cyber*’ in der FAZ.

Eine vergleichbare Entwicklung liefert der deutsche Buchmarkt im Zeitraum von 1990-2000. [Seite 47↓] Ausgewertet wurde hier die Anzahl veröffentlichter Bücher, die in der Deutschen Nationalbibliographie zu den Stichworten ‚Internet*’ und ‚netz*’ (Abb. 9 ) sowie ‚Cyber*’ und ‚vernetz*’ (Abb. 10 ) bereitgestellt wird.

Abb. 9 : Umlaufgeltung für ‚Internet*’ und ‚netz*’ in der DNB.

Abb. 10 : Umlaufgeltung für ‚Cyber*’ und ‚vernetz*’ in der DNB.

Auch diese Diagramme berücksichtigen weder Sparte noch Inhalt der Publikation, sondern dokumentieren lediglich ein wachsendes Angebot, das auf eine entsprechende Nachfrage reagiert. Das Gleiche gilt für den Zeitschriftenmarkt, hier wurden internationale Neuerscheinungen zu den Stichworten ‚Internet*’ (Abb. 11 ) und ‚Computer*’ (Abb. 12 ) ausgewertet und gegen die Gesamtzahl veröffentlichter Zeitschriften im Diagramm abgetragen.


[Seite 48↓]

Abb. 11 : Internationale Zeitschriftenneugründung ‚Internet*’.

Abb. 12 : Internationale Zeitschriftenneugründungen ‚Computer*’.

Die abnehmende Zahl an Zeitschriftenneugründungen ab 1997 ist in der absteigenden Gesamtzahl von Zeitschriften im Datenbestand der Zeitschriftendatenbank begründet. Eine detailliertere Analyse würde die Marktsegmentierung deutlicher illustrieren, ist aber in meinem Fall nicht notwendig, da die These einer hohen diskursiven Aktivität durch die Zahlen hinreichend belegt wird. Der Diskurs hat ein neues Thema entdeckt und die kulturelle Auseinandersetzung um Bedeutung und Einordnung beginnt. Sie beschränkt sich keineswegs auf die Produktion von Texten.

Auch die Filmindustrie nahm sich des populären Stoffes an und profitierte von dessen Nähe zur Science-Fiction.


[Seite 49↓]

1995 war das Jahr, in dem Hollywood alles vereinnahmte, was irgendwie mit „Cyber“ zu tun hatte; und weil die Unterhaltungsindustrie der zweitstärkste Exportzweig der US-Wirtschaft ist, geschah im Rest der Welt weitgehend das gleiche.41

Allein im Jahr 1995 erschienen in kurzen Abständen die Filme „Das Netz“, „Johnny Mnemonic“, „Hackers“, „Lawnmover Man II: Cyberspace“, und „Virtuosity“ in den Kinos. In diesen Filmen spielt das Internet oder ein Computernetz die Hauptrolle. Interpretationen zu einigen von ihnen finden sich bei Bühl.42

Kursentwicklungen

1995 entdeckte Microsoft das Netz, „the most important single development to come along since the IBM PC in 1981 “, und kündigte im Dezember des gleichen Jahres an, seine zukünftige Unternehmensstrategie am Internet auszurichten.

Am 9. August 1995 ging die von Marc Andreesen, dem Entwickler des ersten Web-Browsers, gegründete Firma Netscape an die Börse mit 5 Millionen Aktien bei einem Ausgabekurs von $28 pro Aktie. Deren Wert verdoppelte sich am Ende des Tages.43 Netscape läutete mit dem ebenfalls ab 1995 an der Börse notierten Websuchdienst Yahoo! den kometenhaften Aufstieg der New Economy ein. Die Börse, wurde in den folgenden Jahren mit Neuemissionen ehrgeiziger Startup-Firmen überschwemmt, die zeitweise exorbitante Kurssteigerungen versprachen. Der weltweite Aktienmarkt für Technologiewerte orientiert sich traditionell am amerikanischen NASDAQ der zeitgleich mit der Entwicklung des Internet im Zeitraum von 1996 bis Frühjahr 2000 ein exponentielles Wachstum zeigte.

Abb. 13 : NASDAQ Entwicklung seit Juli 1997 Quelle (Stand: 25.07.2002): http://www.quicken.com/investments/charts/


[Seite 50↓]

Doch im Vergleich zu den Werten erfolgreicher Internet-Firmen wirkte das Wachstum des NASDAQ bescheiden. So wurde er vom Börsenwert der Yahoo ! -Aktie (Abb. 14 , YHOO) Anfang 2000 bei Weitem übertroffen. Auch der Online-Handel Amazon (Abb. 14 , AMZN) versprach jahrelang ein deutlich stärkeres Wachstum als der übrige Markt. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass beide Firmen, wie die meisten Internet-Gründungen keine positiven Gewinne verzeichneten. Der Neue Markt galt als Investition in eine vernetzte Zukunft.

Abb. 14 : Kursentwicklung von Amazon und Yahoo! im Verhältnis zum NASDAQ seit 1997. Quelle (Stand: 25.07.2002): http://www.quicken.com/investments/charts/

Anfang 2000 wurde der Neue Markt von den Regeln der Old Economy eingeholt. Die Börsenkurse brachen ein, viele ehrgeizige Start-Ups beantragten Insolvenz, der NASDAQ verzeichnete den stärksten Fall in seiner Geschichte. Was war geschehen? Ökonomische Gründe lagen auf der Hand und die Analysten waren sich schnell einig, warum es so und nicht anders hatte kommen müssen.

Gewinnwarnungen und Umsatzrückgänge in den Geschäftsberichten des ersten Quartals 2000 beunruhigten viele Anleger, darunter auch große Aktienfonds, die daraufhin ihr Depot verkleinerten. Das sprunghaft steigende Angebot bei sinkender Nachfrage drückte die Kurse. Der Vertrauensverlust bedeutete keineswegs das Ende des Neuen Marktes, vielmehr wurden die Erwartungen wieder realistisch bewertet und das Wachstum der Internet-Werte dem übrigen Markt angeglichen. Der Markt verlor seine Begeisterung, die Unternehmen mussten sich wieder nach traditionellen betriebswirtschaftlichen Indikatoren messen, z.B. nach dem Verhältnis Einnahmen/Ausgaben bzw. Ertrag/Aufwand. Dabei wurde deutlich, dass viele der Neugründungen nicht nur jenseits jeglicher Gewinnerwartung operierten, sondern auch nur einen außerordentlich dünnen Geschäftsplan vorweisen konnten. Firmen wie Amazon oder Yahoo! gelten weiterhin als aussichtsreiche Kandidaten, eines Tages positive Bilanzen vorweisen zu können, nur scheint der Weg zur Internet-Gesellschaft heute deutlich länger als noch im Jahr 1997.

Doch die Kursverläufe sind nicht primär ökonomische Indikatoren realsisierter Entwicklungen, sie spiegeln vielmehr das Vertrauen in den Markt, im Falle des NASDAQ in Technologie wider. Die [Seite 51↓] New Economy konnte ihre Versprechen nicht erfüllen, innerhalb weniger Jahre wichtige Lebensbereiche zu virtualisieren. Letztendlich sind die Kurskorrekturen auf fehlende Kundenakzeptanz zurückzuführen. Das Produkt Internet integrierte sich nicht so reibungslos in ihre Lebenswelt wie vielfach prophezeit wurde. Insofern ist der Börsenkurs Indikator für die Stimmungsdifferenz zwischen den Propheten einer digitalen Welt und den konservativen Kunden, die ihr Konsum- und Sozialverhalten, ihre Werte und kulturelle Praxis nicht einfach an die technischen Möglichkeiten anpassen wollten. Seit dem Jahr 2000 sehen selbst Internet-Enthusiasten, dass nicht alles, was technisch möglich ist, auch gesellschaftliche Realität werden muss, dass gesellschaftlicher und kultureller Wandel keine determinierten Funktionen des technischen Fortschritts sind.

Der typische Kursverlauf des Neuen Marktes, der steile Aufstieg ab 1997, der Gipfel Anfang 2000 gefolgt von einem noch schnelleren Abstieg ist quantitativer Ausdruck für eine Euphorie, die durch Sachgründe allein nicht zu erklären ist. Die Geduld, mit der jahrelang operative Verluste in Millionenhöhe akzeptiert wurden, verweist auf die Vorstellung einer sicheren Zukunftsinvestition. Flankiert wurde sie von den vollmundigen Versprechungen, eine vernetzte Gesellschaft und Wirtschaft ohne die Reibungsverluste aus der alten aufzubauen. Der ungebremste Anstieg quantitativer, technischer Kenngrößen wie Server- oder Webseitenzahl lässt sich nicht folgenlos auf gesellschaftliche Akzeptanz hochrechnen. Der publizistische Aufwand, mit dem die neue Welt beschrieben, beurteilt und bewertet wurde, bedeutet keineswegs eine zwangsläufige Entwicklung, die lediglich diskursiv vorweggenommen wurde.

Die Idee vom Aufbruch in eine neue Welt, vom „Zug in die Zukunft“, um eine gängige Metapher heranzuziehen, deutet vielmehr auf eine gesellschaftliche Horizontweitung hin, auf eben jene Dynamik, die ich oben als „kulturelles Paradigma“ bezeichnet hatte. Das Internet eröffnet die Dimension gesellschaftlicher Vernetzung, deren Facetten ausgeleuchtet wurden. Diese neue Dimension galt es, in bestehende Weltbilder zu integrieren. Gesellschaftliche, politische und ökonomische Diskurse veralteten praktisch über Nacht und mussten umgeschrieben werden. Im Kursverlauf des Neuen Marktes spiegelt sich eben jene Begeisterung wider, welche die Umgestaltung von Lebenswelten mit sich bringt. Eine neue Welt scheint zu entstehen, wenn sich die alte erweitert. Doch auf Begeisterung folgt Ernüchterung, hat die neue Welt doch zu viele Anteile der alten, um wirklich neu sein zu können. Nach fünf Jahren hat die Kritik die Phantasmen eingeholt, die Vernetzung der Gesellschaft hat sich als zäher herausgestellt als gedacht und eine realistische Einschätzung löst die Euphorie ab. ‚Realistisch’ bedeutet die Berücksichtigung gewachsener Weltbilder, Strukturen, Hierarchien und Zentren, die sich der Dezentralität widersetzen. In diesem Sinne ist nicht nur die Begeisterung für das Netz interessant, sondern gerade auch die Ernüchterung.

Die aufgezeigte Dynamik erscheint typisch für die Ausweitung einer neuen [Seite 52↓] Wahrnehmungsdimension zu einem kulturellen Paradigma.


[Seite 53↓]

Kernthese und Gliederung der Arbeit

Nach diesen Vorarbeiten bin ich in der Lage, die Kernthese der folgenden Argumentationen zu formulieren, das Gravitationszentrum, um das die Arbeit kreist und dem sie ihren Titel verdankt:

Vernetzung ist eine Wahrnehmungsdimension, die sich, katalysiert durch das Internet, zu einem kulturellen Paradigma ausgeweitet hat.

Die Kapitel gliedern sich nach den weiter oben aufgestellten Thesen, jeweils eingeengt auf diese Kernthese. Dabei ist zu beachten, dass das Thema Vernetzung vom technischen Medium Internet kaum zu trennen ist. Die Technik des Computernetzes steht aber nicht am Anfang der Entwicklung, sondern nimmt eine katalysierende Zwischenrolle ein. Eine historische Betrachtung wird aufzeigen, dass während der verschiedenen Entwicklungsstadien des Internet Vorstellungen über Wirkung und Ziele von Vernetzung aus ganz unterschiedlichen Kontexten entscheidend für die Technikgestaltung waren. Das Internet konnte nur Projektionsfläche für Gesellschaftsutopien werden, weil diese Vorstellungen bereits seine Finanzierung, Entwicklung, Gestaltung, Implementierung und Verbreitung motivierten. Die Geschichte des Internet ist auch die Geschichte der medialen Kraft von Technik, unabhängig vom jeweiligen Inhalt. Diese Lesart von Technik folgt dem Sinn von McLuhans berühmtem Satz, dass das Medium selber die Botschaft darstellt. Dieser Subtext ist bei der Diskussion zu berücksichtigen.

In Kapitel 2 zeige ich anhand der historischen Entwicklung des Internet, in welchem Entwurfsstadium die Idee der Vernetzung in die technische Implementierung einfloss. Damit wird zum Einen Vernetzung als Wahrnehmungsdimension vor einen geschichtlichen Horizont gestellt, zum Anderen lässt sich am konkreten Beispiel des Internet die Wechselwirkungen von Weltbild und Technik andeuten, die ihr gesellschaftskulturelles Transformationspotenzial unterstreicht ohne einem Technikdeterminismus zu verfallen. Um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen, beschränke ich mich hierbei auf technikgeschichtliche Aspekte. Die adäquate Untersuchung der Etablierung des Vernetzungskonzeptes innerhalb der Philosophie-, der Soziologie-, der Ethnologie- oder der Politikgeschichte versprechen zwar interessante Parallelen, würden aber zu weit von der eigentlichen Fragestellung abführen.

Nach den historischen Wurzeln der Netzdiskurse untersuche ich die paradigmatische Kraft der Dimension der Vernetzung. Im Mittelpunkt von Kapitel 3 steht die mediale Implementation des Computers, die sich notwendig in einem Computernetz fortsetzt. Ausgehend von McLuhans Annahme, dass Technik ihre Benutzer unabhängig vom konkreten inhaltlichen Gebrauch prägt, schließe ich im Umkehrschluss von diesen Nutzern auf die technischen Bedingungen. Als Untersuchungsgruppe wählen ich die Menschen, die Computer in ihren Lebensmittelpunkt stellen: Hacker, Cracker, Cyberpunks und Computer-Spieler. Dies geschieht in der Hoffnung, die Rezeptionsbedingungen des Computers besonders deutlich herausarbeiten zu können. Der [Seite 54↓] ethnologische Blick auf eine Teilkultur erprobt gleichzeitig die begrifflichen Grundlagen und zeigt, dass das Konzept der ‚Wahrnehmungsdimension’ zur Beschreibung von Gemeinsamkeiten in der Mentalität und das der ‚Perspektive’ zur Binnendifferenzierung Gewinn bringend anwendbar ist. Zudem kann die Bildung virtueller Gemeinschaften nachvollzogen werden, die nur mit Hilfe des neuen Mediums realisierbar und stabilisierbar sind. Insofern ändert die Vernetzung neben Diskursen auch weitere kulturelle Praktiken.

In Kapitel 4 zeige ich exemplarisch, wie die neue Dimension auf alte Konstellationen wirkt, ohne etablierte Perspektiven zu beeinträchtigen. Die Zukunft, verstanden als kulturelle Konstruktion, wird seit Beginn der neunziger Jahre massiv umgeschrieben. Alte Zukunftsentwürfe wurden entwertet, neue treten an ihre Stelle, welche die Vernetzung aller gesellschaftlicher Dimensionen in den Mittelpunkt stellen. Trotz dieser aufwändigen Neuordnung des Diskurses scheinen durch die neuen Metaphern alte Inhalte durch. Sozialoptimisten feiern die Vernetzung als individuelle Befreiung, Kulturkritiker befürchten den Verlust des Menschen in technischer Infrastruktur.

Neben der Dimension des Zeitlichen kommt dem Raum in der Mentalitätsgeschichte eine herausragende Rolle zu. In Kapitel 5 wird an Beispielen gezeigt, welche Auswirkungen ein Kommunikationsnetz auf den Raum kultureller Praxis hat. Insbesondere gehe ich der These nach, der Raum werde durch die Neuen Medien obsolet. Dabei wird sich zeigen, dass längst nicht jede Tätigkeit virtualisierbar ist und der Raum sich als ungeahnt resistent erweist. Versprechungen der Propheten des Virtuellen, nicht zuletzt derjenigen des Neuen Marktes, werden einer kritischen Analyse unterzogen, um bei der Betrachtung konkreter Praktiken auf Änderungen der Raumwahrnehmung schließen zu können. Das kulturelle Paradigma der Vernetzung ordnet nicht nur kulturelle Produktionen wie Diskurse, Entwürfe und Fiktionen, sondern über die partielle Neubewertung – keineswegs Entwertung – des Raums auch die Mentalität, die sich, wie oben festgestellt, in Handlungen manifestiert.


Fußnoten und Endnoten

1  Vgl. Elias, Der Prozess der Zivilisation , Bd. 1, Kap. 1.; Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft; Cuche, La notion de culture dans les sciences sociales; Böhme, Was ist Kulturwissenschaft?; Eagleton, Was ist Kultur?

2  Böhme, Was ist Kulturwissenschaft?

3  Böhme, Was ist Kulturwissenschaft?

4  Cuche, La notion de culture dans les sciences sociales, p. 7 ff.

5  Cuche, La notion de culture dans les sciences sociales, p. 10 ff.

6  Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, S. 7 ff.

7  Eagleton, Was ist Kultur? , S. 18 ff.

8  Tylor, zitiert in Hansen, Kultur- und Kulturwissenschaft , S. 30.

9  Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft, S.31.

10  Simmel, Der Begriff und die Tragödie der Kultur in Konersmann Kulturphilosophie, S. 25.

11  Vgl. Konersmann, Kulturphilosophie, S. 17 ff.

12  Dinzelbacher (Hg.), Europäische Mentalitätsgeschichte, S. XVII.

13  Nünning (Hg.), Lexikon Literatur- und Kulturtheorie , S. 358.

14  Dinzelbacher (Hg.), Europäische Mentalitätsgeschichte, S. XXI.

15  Die vorliegende Arbeit versucht, einen solchen Umbruch entlang einer technischen Entwicklung nachzuzeichnen.

16  Bollnow, Mensch und Raum , S. 77 f.

17  Bollnow, Mensch und Raum, S. 78.

18  Bollnow, Mensch und Raum, S. 79.

19  Leibniz, zitiert in: Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, Artikel: Perspektivismus.

20  Abbott, Flächenland . Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe von dtv/Klett-Cotta, 1989.

21  Berliner Festspiele, Berlin: offene Stadt.

22  Raum ist in diesem Zusammenhang ebenfalls als eine Dimension der Wahrnehmung zu verstehen, welche nicht mit der Pluralität physikalischer Raumdimensionen verwechselt werden darf, vgl. Kapitel 5. Ähnliches gilt für die Dimension der Zeit. Verschiedene Aspekte kultureller Raum- und Zeitwahrnehmung im Sinne einer Wahrnehmungsdimension diskutiert Hall, The Hidden Dimension und Hall, The Dance of Life.

23  Spranger, Lebensformen, S. 391.

24  Wendorff, Zeit und Kultur.

25  Paczensky; Dünnebier, Kulturgeschichte des Essens und Trinkens.

26  Dülmen, Die Entdeckung des Individuums.

27  Ariès, Geschichte der Kindheit.

28  Ariès, Geschichte der Kindheit , S. 209.

29  Seitenzahlen im Folgenden aus der Klett-Cotta Ausgabe, 2001.

30  Sartre, Der Ekel , S. 144 f. Eine Fortführung der Passage, die 1938 von Sartre gestrichen wurde, lautet: „[klar wie Licht], ich berühre die Existenz. Ich habe die Augen geschlossen, ich wäre am liebsten blind gewesen.“ (S. 233, Anmerkung 52)

31  Platon, Der Staat, 515d-516b; S. 301.

32  Abbott, Flächenland, S. 92.

33  Brock, Der gestaltete Körper, S. 270.

34  Zur Dimension des Magischen vgl. Gebser, Ursprung und Gegenwart , Bd. 1 S. 87 ff., wenngleich ich die Begriffe Dimension und Perspektive nicht im Sinne Gebsers verwende.

35  Einige Modelle der Informationsgesellschaft diskutiert Faßler, Was ist Kommunikation? , S. 125 ff.

36  Dinzelbacher, Europäische Mentalitätsgeschichte, S. IX.

37  Dinzelbacher, Europäische Mentalitätsgeschichte, S. XXI.

38  Seitenangaben beziehen sich im Folgenden auf die Suhrkamp-Ausgabe, 1973.

39  Simmel, Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In: Konersmann, Kulturphilosophie , S. 27.

40  S. Birg, Die demographische Zeitenwende .

41  Hudson, Das Netz wird nett, auch im Kino.

42  Bühl, Cyber Society, Kapitel 3.

43  Freiberger; Swaine, Fire in the Valley, p. 411.

44  Vgl. Weizsäcker Logik der Globalisierung, S. 47 ff.



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08.01.2004