Die Dimension der Zeit:
Die Vernetzung der Zukunft

Zwei Männer kommen zum Rabbi, damit er ein Streit schlichte. Er hört sich die Geschichte des ersten Mannes an und als dieser fertig ist, sagt er: „Du hast Recht!“. Daraufhin protestiert der zweite: „Moment, hör Dir erst mal meine Geschichte an!“. Er erzählt dem Rabbi seine Version, worauf dieser sagt „Du hast Recht!“. Die Frau des Rabbis schimpft: „Nun warte mal, es können doch nicht beide Recht haben!“. Daraufhin entgegnet der Rabbi: „Weißt Du was? Du hast auch Recht!“
(Jüdischer Witz)

Fand das Internet vor der Entwicklung des Hypertext Transfer Protokolls (http) und des World Wide Web (WWW) vor allem im akademischen und militärischen Umfeld Beachtung, so inspiriert es seit Mitte der neunziger Jahre zu einer unübersehbaren Vielzahl verschiedener Entwürfe, Prognosen und Prophezeiungen über die digitale und vernetzte Zukunft. War der wissenschaftlich orientierte Markt für derlei Voraussagen lange Zeit von wenigen Futurologen und Markforschern besetzt, so bedient inzwischen eine Vielzahl von Texten die Bedürfnisse eines jeden, der einen Blick in die ungewisse Zukunft werfen oder sich an dem Jahrmarkt der Vorhersagen beteiligen möchte. Zwei Merkmale teilen diese Diskurse:

Neben der Gemeinsamkeit des wissenschaftlich geschulten Blicks auf Technologien könnte die Vielzahl präsentierter Sichtweisen kaum größer sein: Vom „Ende der Welt wie wir sie kennen“ (The End Of The World As We Know It – TEOTWAWKI) bis zur Erlösung im neuen (digitalen) Jerusalem reicht das Spektrum, vom Orwellschen Überwachungsstaat bis zur Auflösung der Nationalstaaten in einer virtuellen Basisdemokratie.

Eine solch bunte Mischung provoziert eine Reihe von Fragen:

Die Antworten auf die ersten beiden Fragen ergeben sich aus historisch gewachsenen Vorstellungen der Zukunft, die innerhalb einer Gesellschaft zwar keineswegs einheitlich sind, aber dennoch Gemeinsamkeiten aufweisen. Der erste Abschnitt des Kapitels ist daher einem kurzen Überblick über die Kulturgeschichte der Zukunft gewidmet. Dabei soll es nicht einmal in Ansätzen um historische Vollständigkeit gehen, sondern es soll lediglich ein Hintergrund für die aktuellen Diskurse skizziert werden.

Im zweiten Abschnitt katalogisiere ich einige der populärsten Entwürfe in ihren jeweiligen Kontexten und stelle die Bandbreite vor, die sie zusammen abdecken. Vor- und Nachteile einer solchen Klassifizierung werden diskutiert. Dabei geht es nicht darum, die Plausibilität der einen oder anderen Prognose zu untersuchen, um sie vielleicht in einer weiteren aufzuheben. Vielmehr interessiert mich ihre gemeinsame Blickrichtung, unabhängig von einzelnen Bewertungen.

Der dritte Abschnitt wird dem gemeinsamen Muster der vorgestellten Entwürfe nachgehen, das darin besteht, bestehende Diskurse unter dem Aspekt der Netze und Vernetzung umzuschreiben. Die digitale Zukunft stellt sich dabei als Versuch heraus, eine neue Wahrnehmungsdimension in bestehende Diskurse zu integrieren.

Kernthese dieses Kapitels ist, dass die Gesamtheit der Zukunftsentwürfe einen Verhandlungsmarkt öffnet, in dem Erklärungszusammenhänge, Metaphern und Argumente angeboten und nachgefragt werden. Jedes dieser Angebote ist einer bestimmten diskursiven Tradition entwachsen.

Die leitende Frage der Untersuchung kann daher nicht die nach potenziellem Wahrheitsgehalt der diskutierten Entwürfe sein, sondern nur die nach der jeweils formulierten Sichtweise. Aufgrund der Unbestimmtheit der Zukunft und des daraus resultierenden hohen Spekulationsgrades jeder Prognose [Seite 179↓] zeichnet sich ihre Einbettung in bestimmte Diskurskontexte besonders deutlich ab. Zukunft muss immer wieder aufs neue verhandelt und diskutiert werden, wobei die Vielfalt zur Verhandlung stehender Positionen wünschenswert und notwendig ist. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht, um sie aber zu gestalten, bedarf es Visionen, Vorstellungen, Plänen und Projekten davon, wie die Zukunft aussehen sollte.

Eine kurze Geschichte der Zukunft

Der Wunsch des Menschen, die Zukunft zu bestimmen, ist so alt wie seine Freiheit, Fehler zu machen. Wenn Handeln Konsequenzen hat, für die der Ausführende die Verantwortung trägt, liegt der Versuch nahe, sich der ungewissen Folgen von vornherein zu versichern. Menschen suchen nach Zeichen, welche den Verlauf der Dinge deuten helfen. Der Reiz der Zukunft aber liegt in ihrer prinzipiellen Unvorhersehbarkeit. Nähme man an, sie sei vollständig determiniert, ist ihre Vorhersage wertlos, weil nichts ihren Gang beeinflussen kann. Der Versuch, einer solchen Vorbestimmung zu widerstehen ist der Stoff, aus dem griechische Tragödien ihre Dynamik gewinnen.

Erst durch die Offenheit der Zukunft lohnt sich ein Blick, der aber ausgewählten oder speziell geschulten Spezialisten vorbehalten bleibt: Orakel, Propheten, Wahrsager, Astrologen oder Futurologen sind epochen- und kulturspezifische Versuche, den Mantel des Unbekannten ein wenig zu lüften und den Lauf der Welt zum eigenen oder dem gesellschaftlichen Wohl zweckdienlich zu beeinflussen. Auch wenn die Idee der Zukunft die Kulturgeschichte seit der Antike durchzieht, so sehr unterscheiden sich die Vorstellungen, die verschiedene Gesellschaften sich von der Zukunft machten.

Dem antiken Griechenland wird eine gewisse Zeit- und Geschichtslosigkeit nachgesagt.2 Die Zeitmessung der Griechen spiegelt nicht ihren Zivilisationsgrad anderer Bereiche wider, z.B. der Kunst, Mathematik oder der Architektur. Es gab verschiedene Zeitmessungen in den einzelnen Stadtstaaten und es wurden teilweise erhebliche Asynchronitäten in Kauf genommen. Auch gab es keine architektonischen Großprojekte zu bewältigen, die Synchronisierung und damit eine möglichst genaue Zeitmessung erforderten, wie in Ägypten oder Babylonien.3 Die sehr anthropologisierte Mythologie Griechenlands verschob ein Weltgericht nicht in eine ungewisse Zukunft, in deren Angesicht der einzelne sich bewähren muss, wie dies z.B. im persischen oder im jüdischen Glauben angenommen wurde.4 Gegen das Konzept der Schuld setzten sie den Sokratischen Gedanken der ethischen Selbstverantwortung. Das Griechentum konzentrierte sich auf die Gegenwart:


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Der Sinn und der Kern des Lebens des Menschen und das, was sein eigentliches Schicksal ausmacht, wird in sein Inneres verlegt [...] Aus diesem inneren geistigen Befreiungsprozeß erklärt sich nun auch das charakteristische Zeitgefühl, das erst im Griechentum zur wahrhaften Reife gelangt. Man könnte sagen, daß hier zuerst Gedanke und Gefühl sich zum reinen und vollen Bewusstsein der zeitlichen Gegenwart befreien.5

Aus diesem Gegenwartsbewusstsein resultiert die Konzentration auf die günstige Gelegenheit, die nicht gegen eine ungewisse bessere Zukunft getauscht wurde:

Ausdruck des griechischen Zeitgefühls ist aus der Zentrierung auf die Gegenwart heraus vielmehr der Kairos, der günstige Augenblick einer positiven Chancen in sich bergenden Gegenwart, die ‚rechte Mitte’, die Gunst der Stunde.6

Konkrete Aussagen zur Zukunft wurden vermieden. Sie blieben den für ihre obskuren Vieldeutigkeiten berühmten Orakeln vorbehalten. Doch auch diese dienten weniger dem Erkenntnisgewinn, sondern folgten häufig den Interessen der Machthaber, welche ihre Entscheidungen im Orakelspruch legitimiert und nicht bezweifelt sehen wollten.7

Auch im antiken Rom war Zeitmessung mehr eine Frage der Macht als der Religion. Der europäische Kalender trägt noch heute tiefe Spuren der Auseinandersetzung um Definition und Benennung der Zeitmessung, der keine göttliche sondern eine weltliche Ordnung zugrunde gelegt wurde.8

Erst das aufblühende Christentum brachte durch die Verknüpfung der griechischen Unterscheidung von pneuma und soma mit jüdischer Mystik eine unsterbliche Seele ins Spiel, über die am Weltende gerichtet würde. Die Zukunft gewann eine neue Bedeutung jenseits individueller Pläne und Absichten. Ähnlich der dualistischen Raumvorstellung eines physikalischen und eines spirituellen Raums9 gab es eine weltliche und eine spirituelle Zeit.

Lucian Hölscher betont, dass die Vorstellung der weltlichen Zukunft sich im Mittelalter nicht auf ein zusammenhängendes Ganzes, sondern vielmehr auf Einzelereignisse bezog. Augustinus bemühte sich zu verstehen, aus welchem Versteck Ereignisse kommen, ehe sie zur Gegenwart werden, und in welches Versteck sie gehen, wenn sie vergehen.10 Zukunft, so Augustinus, sei eine Gegenwart, die noch nicht ist, während Vergangenheit eine Gegenwart sei, die nicht mehr ist. Die heute geläufige Vorstellung der Zukunft als eines homogenen Zeitraums hatte Augustinus noch nicht, sie ist laut [Seite 181↓] Hölscher eine Entwicklung der Frühen Neuzeit.11

Das Lateinische Wort ‚futurum’ bezieht sich auf die Ankunft eines Ereignisses oder einer Mehrzahl an Ereignissen, wie die häufige Verwendung des Plurals ‚futura’ zeigt. Die mittelalterliche spirituelle Zeit war an der christlichen Heilsgeschichte orientiert und kannte als weitesten Zukunftshorizont das Jüngste Gericht, welches als ‚adventum’, als die Ankunft des Erlösers und des Jüngsten Gerichts bezeichnet wurde. Mit dem Ende der Welt sollte und musste jederzeit gerechnet werden, eine unmissverständliche Drohung, den Pfad der Tugend nicht zu verlassen.

In der germanischen Sprache war die Rede von der Zukunft schlicht nicht vorgesehen und musste aus dem Lateinischen als Komposita mit dem Hilfswort ‚werden’ gebildet werden. Natürlich sprach man von zukünftigen Dingen, verfügte aber über keine eigene Verbform.

Die Idee der Zukunft als eines zusammenhängenden Raums hängt eng zusammen mit der Eroberung und Ausdehnung des geographischen Raums. Entdeckungsfahrten, Kartographierungen und die allmähliche Tilgung der weißen Flecken auf den Landkarten ließ den Raum als zusammenhängendes Ganzes erscheinen, durch Navigations- und Transporttechnik erschließ- und beherrschbar. Mit der Linearisierung der Zeit durch ihre Messbarkeit und der damit einhergehenden Beherrschung des Raumes durch Navigationsinstrumente wurde der Weg frei zur Gestaltung der Zukunft. Der Zeithorizont dehnte sich zunächst in die Vergangenheit: Fossilienfunde und Berichte über das Alter orientalischer Völker ließen Zweifel aufkommen am biblischen Zeithorizont, der den Beginn der Welt um das vierte Jahrtausend vor Christus ansetzte. Da für Gott tausend Jahre ein Tag sind und die Schöpfung der Welt sechs Tage beanspruchte, rechneten die christlichen Gelehrten mit dem Weltende spätestens um das zweite Jahrtausend, es konnte aber auch jederzeit hereinbrechen, weil Gott die gläubigen Menschen nicht zu lange warten lassen würde.

Die Anthropozentrierung des aufkeimenden Humanismus stellte der Zukunft des Herrn (adventus domini ) die Zukunft des Menschen entgegen. ‚Fortschritt’, verstanden als Voranschreiten des Menschen in der Zeit, stand im Kontrast zur ‚Ankunft’. Erstmalig kamen Ereignisse nicht mehr auf den Menschen zu, der sich ihnen stellen musste, sondern der Mensch war es, der die Verantwortung für die Zukunft übernahm. Rousseau, Schiller, Lessing und Kant veröffentlichten Schriften zur Erziehung des Menschengeschlechts, um den moralischen Fortschritt voranzubringen, was durchaus tausend Jahre oder mehr beanspruchen könne. Die Zukunft der Welt löste die eschatologische Naherwartung der spirituellen Zeit ab, ‚futurum’ und ‚adventus’ verschliffen sich im Alltagsgebrauch zum Begriff der ‚Zukunft’ als eines Zeitraums.12

Vorhersagen beschränken sich nicht mehr auf singuläre Ereignisse, sondern diese müssen in einen [Seite 182↓] Zusammenhang gebracht werden, der gesamte Raum der Zukunft will gefüllt werden. Die Idee des Fortschritts bekam weiteren Auftrieb mit den technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhundert. Die Aussagen der Thermodynamik dehnten den Zeithorizont in den verschiedenen Kosmologien nach vorne um mehrere Millionen oder Milliarden Jahre, während technische Utopien sich Gedanken machten über die Gesellschaft im neuen Jahrtausend.

Der erste und vor allem der zweite Weltkrieg stellte auch bezüglich der Zukunft einen radikalen kulturgeschichtlichen Einschnitt dar. Die Hoffnung, technischer Fortschritt bedeute gleichsam moralische Weiterentwicklung, muss zu den Kriegsopfern gerechnet werden. Aufkeimende wirtschaftliche Blüte nach Kriegsende betäubten den Verlust nur wenige Jahre, bis sichtbare humanitäre und ökologische Katastrophen die Grenzen des Wachstums sichtbar machten. Die kurze Rückkehr des naiven Fortschrittsglauben endete spätestens mit dem Zusammenbruch der großen Utopien in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts: Kommunismus mit der Utopie der subjektiven Einsicht in objektive Notwendigkeiten sowie die im Aufschwung der kapitalistischen Marktwirtschaft entstandene Utopie der gerechten Verteilung knapper Ressourcen, des Wohlstands für alle.

In das utopische Vakuum brach das kulturelle Paradigma der Vernetzung und konnte das freie Potenzial diskursiver Zukunftsentwürfe bündeln. Die Verlagerung des Trägers der Zukunft von abstrakter Ideologie auf Technik oder besser, die Ideologisierung von Technik hat ihren Preis auch für die Vorstellung der Zukunft. Der Zukunftshorizont ist seit dem Verlust der ideologischen Utopien auf wenige Jahre zusammengeschrumpft. Eine beliebte, weil überschaubare Entfernung sind fünf Jahre. So sagte 1999, dem Höhepunkt der New Economy, der Chairman der Intel Corp , Andy Grove, dass innerhalb von fünf Jahren alle Unternehmen Internet-Unternehmen seien – oder sie würden überhaupt keine Unternehmen mehr sein.13

Längere Prognosen gibt es nur noch für wenige globale Parameter wie Ressourcenverbrauch, Schadstoffausstoß oder Bevölkerungsentwicklung.14 Doch ihre Wechselwirkungen zu bestimmen, verweigert selbst die Wissenschaft mit Verweis auf allzu komplexe Zusammenhänge. Zukunft spaltet sich wieder vom Singular des Zeitraums zum Plural der Ereignisse auf. Komplexität und Vernetzung haben ein mechanistisches Naturverständnis abgelöst, in dem der Laplacesche Dämon nach Kenntnis des Weltzustandes zu einem gegebenen Zeitpunkt den Verlauf der Welt vorausberechnen kann. Chaostheorie, wenngleich in ihrem mathematischen Kern nur von wenigen verstanden, liefert frische Metaphern, um die neue Unübersichtlichkeit wenigstens begrifflich zu fassen.

Y2K, der Blick nach vorn

Die Aushandlung der Zukunft gewinnt an Dynamik, die nicht zuletzt in ihrer prinzipiellen [Seite 183↓] Unvorhersagbarkeit begründet ist. Ihretwillen gab und gibt es Propheten, Wahrsager und Zukunftsforscher, aus der Gewissheit und dem Wunsch, Abzweigungen im Baum der Entscheidungen frei wählen zu können. Die Verästelung möglicher Entscheidungen soll der in die Zukunft Sehende beschneiden helfen. Nicht um den Entscheidungsbaum, sondern um Entscheidungen zu fällen und die Konsequenzen des eigenen Handelns abzuschätzen wird sein Rat gesucht, bis heute. Beide Parteien, der Rat Suchende und der Rat Gebende verfolgen dabei eigene Interessen, die sich nicht selten ergänzen. Sie zeigten sich in aller Deutlichkeit an den Sorgen, die mit der Datumsumstellung 1999/2000 verknüpft wurden. Zeit- und Datumsmessung in Computerprogrammen waren jahrzehntelang aus Kostengründen lediglich auf zwei Ziffern ausgelegt. Sie stellen beim Jahreswechsel ihre internen Uhren von 99 auf 00 um, was sich ebenso als 1900 interpretieren lässt. Der Abstand zwischen dem 31. Dezember 99 und dem 1. Januar 00 beträgt damit nicht einen Tag, sondern hundert Jahre. Betroffen von diesem Fehler, dem Y2K-Bug,15 wären Steuerrechner für Infrastrukturen, Computer in Banken und Versicherungen, bis zu Kontrollrechnern für Nuklearwaffen, die nach hundertjährigem Schweigen des Heimatlandes von dessen Vernichtung ausgehen und zum Gegenschlag ausholen würden.16

Das Jahr 2000 kam, die Schreckensszenarien blieben unerfüllt. Unabhängig von den offensichtlich überzogenen Befürchtungen der Prognosen bieten sie sich als Musterbeispiel für Zukunftsentwürfe im allgemeinen an, aus mehreren Gründen:

Ohne das Thema Milleniumsängste und die Reproduktion apokalyptischer Phantasien kulturhistorisch beleuchten zu wollen, diskutiere ich im Folgenden exemplarisch am Diskurs des Y2K-Bugs Motive [Seite 184↓] für Zukunftsprognosen.

Die Zukunft verleiht unserer Handlung Sinn . Die Auswahl einer Handlung ist immer die Wahl gegen ihre Alternativen, die sich ebenso gut oder schlecht begründen lassen. Menschen ertragen nur schwer die Sinnlosigkeit unbegründeter Entscheidung; bevor sie aber wie Buridans Esel zwischen zwei Heuhaufen verhungern, werfen sie eine Münze, lesen die Sterne oder fragen ein Orakel. Der moderne Mensch wendet sich an Ingenieure oder an Wissenschafter. Kündigen diese den Zusammenbruch Computer gestützter Infrastrukturen an, fällt die Investitionsentscheidung leicht, Hard- und Software überprüfen oder erneuern zu lassen. Auch Hamsterkäufe und Vorbereitungen auf Stromausfall ließen sich rational begründen.17

Die Zukunft bestätigt Vorentscheidungen . Vielfach soll ein Blick in die Zukunft nicht Handlungen aufzeigen, sondern Pläne bestätigen. Menschen, die der Zukunft mit Sorge entgegenblicken, ließen sich schneller und nachhaltiger von dem drohenden Softwaredesaster überzeugen. Eine extreme Ausrichtung war die TEOTWAWKI-Bewegung, welche „The End of the World as we know it“ ankündigten und sich mit Survival- und Selbstverteidigungs-Programmen auf den Rückfall in eine vorindustrielle Ära vorbereiteten. Das Spektrum angebotener Y2K-Szenarien, vom technik-optimistischen „wird schon alles gut gehen“ über technik-hörigem „if I ignore the future, maybe it will pass me by“ bis zum apokalyptischen TEOTWAWKI bot für jeden individuellen Zukunftsentwurf eine Bestätigung, die sich jeder weiteren Diskussion entzog, schließlich wussten die anderen es auch nicht besser.

Die Autorität des Hellsehers entlastet von Verantwortung . Wer sich erst einmal als kompetenter Hellseher etabliert hat, bewahrt seinen Ruf selbst bei falschen Prognosen, denn der Druck der Fehlentscheidung wird dem Verantwortlichen genommen, wofür er auch ungünstig erscheinende Maßnahmen in Kauf nimmt. Die Betreuung und damit die Beurteilung der Informations-Infrastruktur liegt in den Händen der IT-Spezialisten. Trotz ihrer dunklen Prophezeiungen, die sicherlich auch aus ökonomischen Motiven der Hardware und Software-Produzenten sowie der Support-Firmen geschürt wurden, ist das Vertrauen weiter Teile der Bevölkerung in eine computerisierte Zukunft ungebrochen, insbesondere auf Seiten politischer Entscheidungsträger. Denn auch in Zukunft müssen sie den Ratschlägen der DV-Beauftragten, Rechenzentren oder IT-Abteilungen vertrauen und könnten einen grundsätzlichen Vertrauensbruch nicht kompensieren.

Voraussagen heißt auch versuchen, die Zukunft zu beherrschen . Die drohende Katastrophe wurde noch einmal abgewendet, was vor allem der rechtzeitigen Warnung zu verdanken war, „The people never [Seite 185↓]knew the risk they faced.“18 Je genauer und zuverlässiger der Blick in die Zukunft ist, desto präziser kann ihre Umgestaltung vorangetrieben werden. Im April und November 1999 veröffentlichte die Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBSt) einen Bericht, demnach die Bundesrepublik dank ausreichender Sensibilisierung durch die „Jahr 2000 Task Force“ auf die Jahresumstellung vorbereitet sei.19 Die Zeitschrift „PC Professionell“ hingegen attestierte auf Grundlage einer Orbis-Studie 25% der EDV-Systeme mittelständischer Unternehmen den Status ‚dramatisch’ bezüglich ihrer Vorbereitungen, d.h. „Das System ist von entscheidender Bedeutung für das Unternehmen und definitiv nicht Jahr-2000-kompatibel. “20 Maßnahmen gegen den Y2K-Bug wurden zum Wettbewerbsfaktor erklärt, nur die Unternehmen könnten am Markt überleben, welche ihre Daten abgesichert haben. „Y2K-Proof“ wurde Werbeslogan und Zertifikat, das auf die Vorsorge des Unternehmens hinweisen sollte, auf ihre Sicherheit, die Zukunft im Griff zu haben.

Doch nicht nur den Auftraggebern der Prognosen nützt der Blick in die Zukunft, für den sie oft erhebliche finanzielle Mittel aufzuwenden bereit sind. Auch die Propheten profitieren von dem Handel:

Prophet aus Berufung . Nicht jeder, der über die Zukunft redet, ist ein falscher Prophet mit unseriösen Hintergedanken. Insbesondere Wissenschaftler oder Futurologen aus dem akademischen Umfeld sind guten Gewissens von ihren Aussagen überzeugt. Das Vertrauen in die eigene Weitsicht, gepaart mit dem nötigen Sendungsbewusstsein und starken Metaphern verleitet zu dem Glauben, die Welt besser zu verstehen als andere, sie ändern oder gar retten zu können. IT-Insider trumpften mit immer neuen versteckten Schlupflöchern für den Y2K-Bug auf und belächelten die bedauernswerten Anwender, die das anstehende Unheil nur im heimischen PC vermuteten. Nachrichtenmagazine, Feuilletons und Illustrierte versuchten, der Bevölkerung die Funktionsweise der „embedded systems“ zu vermitteln, die in Videorekordern, Kameras, Kraftwerken oder Fahrstühlen ihren Dienst verrichten. Die meisten Computer-Experten, die vor den Folgen des Jahreswechsels warnten, waren von seiner Gefahr überzeugt und mahnten in der aufrichtigen Überzeugung, die Welt vor großem Schaden zu bewahren.21

In gewisser Weise heißt so tun, als sage man die Zukunft voraus, soviel wie heilen . Ihr Expertenwissen und ihre Autorität nutzten die Y2K-Spezialisten, um auf die hohen Abhängigkeit der Gesellschaft von [Seite 186↓] Informationstechniken hinzuweisen. Neben der Mahnung, die kurzfristig drohende Katastrophe mit vereinten Kräften abzuwehren, bemühten sich viele, eine grundsätzliche Diskussion anzuregen, welche die diagnostizierten Abhängigkeiten reflektierbar und einem rationalen Entscheidungsprozeß zugängig machen sollte. Es sollte verhindert werden, dass die technische Infrastruktur zu einem immer stärkeren Selbstläufer wird; mit mäßigem Erfolg, das Vertrauen in die technische Infrastruktur ist nach Ausbleiben ihres Versagens nur noch stärker geworden, kritische Stimmen müssen sich gegen den Vorwurf wehren, Technikverweigerer oder Behinderer des Fortschritts zu sein und sind nach dem Ausbleiben der Krise stärker in der Defensive als zuvor.

Ruhm des Propheten. Die Weltgeschichte ist verknüpft mit Namen berühmter Männer und Frauen, die wichtige Zusammenhänge als erste durchschauten und zum Teil gegen erheblichen Widerstand ihrer Umwelt durchsetzten. Wer nachher glaubhaft versichern kann, alles schon vorher gewusst zu haben, dem ist ein Platz im Olymp der grossen Geister sicher. Aufgrund des Zwanges zur Originalität wird das Angebot der Zukunftsprognosen aufgefächert und bedient eine ganze Bandbreite an Szenarien, wie noch genauer zu untersuchen sein wird.

Eitelkeit des Propheten . Wenige Themen waren 1999 so erfolgreich in Smalltalks einzustreuen, wie die blumige Schilderung der Welt nach Sylvester. Meist aus zweiter Hand von Zeitschriften und Nachrichtenmagazine mit Informationen über den aktuellen Stand des Kampfes gegen den Millenium-Bug gewappnet, konnte der selbst ernannte Prophet Abend füllend die Zukunft in düstersten Farben malen. Wer möchte vor einer anstehenden Katastrophe nicht ausführlich informiert werden? Ein tief sitzender Glaube an die Macht der Technik und der Wissenschaft verhinderte, dass echte Panik aufkeimte, lediglich ein angenehmes Gruseln auf Seiten der Zuhörer sorgte für das nötige Maß Unterhaltung, das eine gute Geschichte auszeichnet. Computerexperten kommen selten in den Genuss derartiger kollektiver Aufmerksamkeit und konnten ihre Cassandra-Rolle wenigstens für einige Monate genießen.

Voraussagen heißt auch handeln . Nicht nur der Rat Suchende handelt auf Grundlage der Voraussage. Auch der Rat Gebende greift mit ihr aktiv ins Geschehen ein. Die Zukunft instrumentalisieren jene, denen eine Gesellschaft die Autorität zuspricht, sie klarer zu erkennen als andere. Eine erwünschte Handlung kann durch Versprechen einer Belohnung gefördert, eine unerwünschte durch Drohung unliebsamer Konsequenzen verhindert werden.

Die Lust an der Apokalypse . Die biblische Geschichte von Jona erzählt, dass die Menschen in Ninive erst durch seine Prophezeiung dazu veranlasst wurden, die angedrohte Vernichtung abzuwehren; sehr zum Ärger des Propheten, der sich als Lohn für seine Mühe zumindest ein aufregendes Untergangsschauspiel erhoffte. Die Warnungen vor dem Y2K-Bug im Jahr 1999 führte zu großen Investitionen, um Programme umzuschreiben und Systeme technisch abzusichern. Die Lust an der Apokalypse zeigte sich in den Web-Seiten der Kultur- und Gesellschaftskritiker, welche im Untergang [Seite 187↓] die gerechte Strafe für die verselbständigte Technik einer entmündigten Zivilisation sahen. Ihre Erleichterung, dass die Infrastrukturen gehalten haben, mischte sich mit der Enttäuschung, dass die Katastrophen ausgeblieben sind. Eine oder zwei größere Ausfälle – selbstverständlich weit weg – wären nicht ungelegen gekommen, die Autorität wäre weniger stark untergraben worden.

Neben diesen Gründen möchte ich im dritten Teil dieses Kapitels einen Punkt stark machen, der sich in der isolierten Situation des Y2K-Diskurses nicht zeigen konnte, m.E. aber für die große Flut an Veröffentlichungen über unsere digitale Zukunft verantwortlich ist.

Einbindung eines kulturellen Paradigmas in Diskurse . Wahrnehmungsdimensionen ordnen Diskurse. Die Integration einer neuen Dimension in vorhandene Weltbilder bedeutet auch die Umordnung bestehender Diskurse. In Kapitel 1 habe ich Wahrnehmungsdimensionen mit hoher gesellschaftlicher Umlaufgeltung als „kulturelle Paradigmen“ bezeichnet. Ein neues kulturelles Paradigma erfordert sorgfältige und breite Aufarbeitung bestehender Diskurse, um der veränderten Wirklichkeit Rechnung zu tragen. Darüber öffnet ein kulturelles Paradigma einen unverbrauchten Diskursmarkt, auf dem Positionen, Argumente, Metaphern und Symbole noch geprägt werden können und müssen, genügend Freiraum, der diskursiv ausgelotet, erschlossen und schließlich bezogen wird. Umgekehrt lässt sich von einer Neugestaltung der Diskurse auf eine Neugestaltung gesellschaftlich relevanter Perspektiven schließen. Katalysiert durch die Verbreitung des Internet lässt sich seit spätestens 1995 eine groß angelegte und breit gefächerte Neuorientierung unter dem Themenschwerpunkt Vernetzung in allen Handlungsfeldern und den sie vorausgehenden, begleitenden und erklärenden Publikationen feststellen. Mit vernetzter Lehre, Arbeit, Freizeit, Medizin, Wirtschaft konstruieren und vor allem schreiben Diskursproduzenten die Gesellschaft neu. Ihr faktischer Umbau aber, die Durchsetzung und Akzeptanz auf Seiten der Bevölkerung, gestaltet sich langsamer als beschrieben, weswegen die Grundzüge, Architekturen oder bereits Detailansichten in die nahe Zukunft verlegt werden müssen.

Der Umgang mit der Zukunft

Wie aber kann man mit den angebotenen Vorhersagen umgehen? Welche Fragen sind an sie zu richten, wenn die einfache Dichotomie Verifizierung/Falsifizierung zu kurz greift? George Minois bemerkt in seinem Buch „Geschichte der Zukunft“:

Tatsächlich ist die Vorhersage niemals neutral oder passiv. Immer entspricht sie einer Absicht, einem Wunsch oder einer Befürchtung; sie bringt einen Kontext sowie eine Geisteshaltung zum Ausdruck. Die Vorhersage klärt uns nicht über die Zukunft auf, sondern spiegelt die Gegenwart wider. Insofern gibt sie Aufschluß über die Mentalitäten, die Kultur einer Gesellschaft und einer Zivilisation.22

Aus dieser Sicht sind die Zukunftsentwürfe interessant, nicht aus der Hoffnung, die Plausibelste auszudeuten oder eine weitere (natürlich plausiblere) daneben zu stellen, sondern um Rückschlüsse [Seite 188↓] auf kulturelle Prozesse zu erlauben, aus welchen sich Zukunft erst gestalten muss. Ein Zukunftsentwurf ist nicht selten die Anthropologisierung eines individuellen Weltbildes, die Verallgemeinerung der Sicht eines Einzelnen oder einer Gruppe auf alle. Zuhilfenahmen wissenschaftlicher Autoritäten, Titel und Methoden sind dabei Anpassungen an die dominante Diskursform rationalistischer Argumentation. Jeder Satz wirkt plausibler, wenn ein Wissenschaftler ihn äußert. Aufgrund der Methodenvielfalt gibt es für jede Spekulation wissenschaftliche – d.h. aus einem wissenschaftlichen Kontext stammende – Belege, seien es statistische, induktive, deduktive, historische, phänomenologische, hermeneutische usw. Dieser Umstand ist nicht leichtfertig auf die Gesamtheit wissenschaftlicher Aussagen zu verallgemeinern! Keineswegs geht es darum, die Willkür der Wissenschaft und ihren konstruktiven Charakter am Beispiel der Zukunftsdeutungen zu enthüllen. Vielmehr liegt es am gewählten Gegenstand: Die Zukunft ist, das zeigt die Vergangenheit, für die Gegenwart nicht vorhersehbar:

Denn noch nie hat irgend jemand die Zukunft gekannt, die Propheten, die Sibyllen, die Astrologen, die Kartenleger, die Science-Fiction-Autoren, die Utopisten, die Philosophen oder die Futurologen.23

Der Blick auf die Zukunft als Diskurs soll die Entwürfe weder entwerten noch als bloße Phantasie ad acta legen. Es wäre zu einfach und wenig fruchtbar, den Texten ihre Mängel vorzuhalten und nur auf das zu blicken, was sie nicht sagen. Spannender und gerechter ist es, ihre Stärken hervorzuheben und auf das zu achten, was sie zu sagen haben. Zukunftsentwürfe leisten etwas sehr wichtiges, was ich im vorliegenden Text nicht anbiete: Sie erschaffen den Markt, aus dem jeder sich bedienen kann, der sich Gedanken um seine eigene Zukunft macht. Ihre Autoren bieten die Kreativität auf, neue Metaphern und neue Themen zu schaffen. Der leicht fertige Verweis auf den immer nur fiktiven Charakter von Vorhersagen zielt an ihrem Kern vorbei, der darin besteht, Rohmaterial zur Gestaltung der tatsächlichen Zukunft zu liefern. Selbst wenn viele Autoren ihren Texten eine solche Distanz nicht eingeschrieben haben, offenbart sie sich bei jedem, der seine private Sicht der Zukunft aus den Themen und Metaphern zusammensetzt, die verschiedene Texte ihm vorsetzen. Marshall McLuhans kühne Prognosen um ein global village haben zahllose Publikationen inspiriert, ebenso William Gibsons Cyberspace . Zukunftsvisionen muss man keineswegs ganz-oder-gar-nicht akzeptieren, vielmehr gestatten sie erst in ihrer Vielzahl, eine Blaupause für die eigenen Pläne zu erstellen. Auch wenn der eine oder andere Entwurf im Nachhinein unhaltbar erscheinen mag, lässt er sich doch aus seiner Zeit begründen. Für die aktuellen Zukunftsdiskurse sind diese Kontexte noch frisch und können in die Analyse einbezogen werden.

Das angebotene Material gliedert sich durch die ihnen gemeinsame Dimension der Vernetzung. Im Rahmen der kulturellen Reorganisierung findet seit 1995 eine diskursive Neugestaltung der Zukunft [Seite 189↓] unter Einbeziehung des Themas Vernetzung statt. Dies wähle ich exemplarisch für die weltweiten Bemühungen, jeden Diskurs umzuschreiben, weil eine neue Dimension Wahrnehmung neu ordnet. Aufgrund der Ungewissheit der Zukunft und der daraus resultierenden Notwendigkeit zur Spekulation ist die Zahl derer, die an ihrer symbolischen Gestaltung teilnehmen können, ungleich größer als in anderen Wissensfeldern.

Kulturelle Dynamik, verstanden als Aushandlungsprozess, kann nur selten so überzeugend bei der Arbeit beobachtet werden wie bei der Reperspektivierung eines Diskursmarktes. Die Neu-Schreibung der Zukunft (und der Vergangenheit, das aber wäre ein anderes Thema) ist ein solcher Markt, einflussreich, denn er bietet die Richtlinien an, nach denen wir unser Handeln ausrichten und die Zukunft gestalten werden. Die außerordentliche Vielfalt beschriebener Zukunftsvisionen bedient jeden Geschmack und soll im Folgenden näher untersucht werden. Eine Diskussion über Sinn- und Unsinn der verwandten Metaphern oder die Plausibilität einzelner Entwürfe soll weitgehend vermieden werden, sie ist an verschiedenen Stellen bereits ausführlich geführt worden.24 Der Schwerpunkt soll hier auf der Perspektive der Vernetzung liegen, so wie er in den angeführten Texten thematisiert wird. Trotz des Verzichts, inhaltlich eine eigene Position entwickeln zu wollen, werde ich mich des einen oder anderen kritischen Kommentars nicht enthalten, um den Diskursrahmen zumindest zu skizzieren, in welchen die Entwürfe eingebettet sind.

Digitale Zukünfte I

Entmassung und gesellschaftlicher Fortschritt

Optimistische Diskurse waren die ersten nichtfiktionalen Texte, welche die Entwicklung des Internet kommentierten und Informationsnetze nicht nur als integrativen Bestandteil einer kommenden Gesellschaft interpretierten, sondern ihnen auch eine zentrale Rolle für Entwicklung, Fortschritt und Wohlstand zuschrieben. Das stellt sie in den Kontext abstrakterer Entwürfe bezüglich einer Informationsgesellschaft, die sich in den sechziger Jahren vor allem in den USA und Japan entwickelten.25 Alvin Tofflers „Dritte Welle“ konnte den Übergang der Industrie- zur Informationsgesellschaft nur projizierend vorwegnehmen, ohne technische Details anzugeben. Die Technologie des weltweiten Computernetzes bündelte die bis dahin vorbereitenden Untersuchungen und gab ihren Aussagen konkrete Gestalt.

Der zeitliche Vorsprung utopischer Texte vor ihren dystopischen Widerparts ist wenig überraschend, wissen Entwickler und ihre Geldgeber vor allen Anderen um den Stand und das [Seite 190↓] Potenzial ihrer Arbeit. Gleichzeitig neigen sie dazu, positive Aspekte besonders hervorzuheben, mögliche negative Folgen aber der unsachgemäßen Nutzung anzulasten. Technische Entwicklungen werden zu Beginn von Technophilen gefördert, in Gebrauchszusammenhänge eingebettet und als Fortschritt gefeiert. Technikbegeisterung ist ein Stützpfeiler der digitalen Teilkultur, deren extrovertierte Mitglieder die Heilsversprechungen vernetzter Computer in die Welt tragen. Negroponte, Tapscott, Rheingold, Dyson, Gates u. ä. werden nicht müde, die Segnungen einer digitalen Gesellschaft an zu preisen.

Nicholas Negroponte, Leiter des MIT Media Lab, gründete, wie bereits erwähnt, 1992 zusammen mit Louis Rosetto die Zeitschrift Wired und veröffentlichte 1995 sein Buch „being digital“. Dort schildert er die Zukunft des digitalen Zeitalter in leuchtenden Farben, betont den technischen Rückstand der älteren Generation, die staatszentralistische Borniertheit der Europäer und den technischen Vorsprung der Amerikaner. Der Kühnheit seiner Visionen verdankt das Internet eine frühe Aufmerksamkeit von staatlicher Seite, welche in Studien ihre Version einer vernetzten Zukunft formulierten. Negropontes wirkmächtigstes Konzept ist die konsequente Unterscheidung zwischen Atomen und Bits, wobei er eine klare Verschiebung von einer auf Produktion, Lagerung, Transport und Verteilung von Materie basierenden Gesellschaft hin zu einer Bit-Ökonomie sieht, deren Vorteile darin besteht, keine knappen Güter verwalten zu müssen; eine Wissensgesellschaft sieht sich nicht mit Problemen der Knappheit von Wissen konfrontiert.

Auf der Brüsseler Tagung im Dezember 1993 beauftragte der Europäische Rat einen Bericht, um den Auf- und Ausbau der Informationsinfrastrukturen in der EU voranzutreiben. Der Bericht wurde von einer Expertengruppe aufgestellt und als „Bangemann-Report“unter dem Titel „Europe and the global information society“ veröffentlicht.26 Die Informationsgesellschaft zum Wohle aller wird seitdem auf nationaler und internationaler Ebene ausgebaut.27

Der amerikanische Vize-Präsident Al Gore prägte in seiner Rede „Building the Information Superhighway“ vom 19.09.1994 die Metapher „Datenautobahn“, um auf die fundamentale Bedeutung der Informationsinfrastruktur für die amerikanische Zukunft hinzuweisen.28 Die Metapher ist von vielen Seiten als Anreiz, globale Infrastruktur zu errichten, gelobt29 oder als Einengung des neuen Medium auf eine staatlich geregelte Transportinfrastruktur kritisiert worden,30 hat sich aber vor allem in den Massenmedien zur Beschreibung des Internet durchgesetzt. Auch in Frankreich hat sie sich [Seite 191↓] durch den Bericht von Gérard Théry als offizieller Titel zur Beschreibung der nationalen Bemühungen um eine vernetzte Zukunft etablieren können.31

Auf politischer Seite sichert eine optimistische Sicht auf die Zukunft Wählerstimmen und wird häufig unkritisch unterstützt. Vernetzung als Produktivitäts- und Standortfaktor wird auf internationaler Ebene gefördert und verspricht die Engpässe der postindustriellen Gesellschaft zu beseitigen. Individuelle Produktion von Autos, Computern oder Büchern ist eine direkte Folge engmaschiger Netze. Bei allen Chancen, die in einer digitalen Ökonomie liegen, darf aber nicht übersehen werden, dass der tatsächliche Bedarf auf Seiten der Nutzer noch wesentlich geringer ist als zur Finanzierung internationaler Plattformen erforderlich. Nur wenige E-Commerce-Unternehmen können eine positive Bilanz aufweisen und das Ende des Internet-Booms seit März 2000 deutet darauf hin, dass die Umgestaltung der Volkswirtschaft nicht nur längere Zeit in Anspruch nehmen wird, sondern auch anders verläuft als geplant. Der „Neue Markt“ oder eine „digitale Ökonomie“ sind keine notwendigen Entwicklungen, die automatisch mit der technischen Infrastruktur installiert werden. Nicht jede prognostizierte Entwicklung wird eintreffen, bloß weil sie möglich ist, der Erfolg einer Umerziehung zur Preisgabe materieller und räumlich gebundener Transaktionen ist fraglich, in jedem Fall ist es ein kultureller Prozess, wie er so deutlich nur in Umbruchsphasen zu beobachten ist.

In ihrer Begeisterung für vernetzte Kommunikationsmedien setzen Autoren unterschiedliche Schwerpunkte, ein Grundkonsens zieht sich jedoch durch alle Texte: Das Internet ist das Tor zu einer neuen, besseren Welt, in der durch den Wegfall von Kommunikationsbarrieren individuelle Freiheit, optimale Bildungschancen, bequemere Arbeit etc. herrschen. Probleme sind im wesentlichen Informations- und Kommunikationsprobleme, durch Verbesserung der Kommunikationsinfrastruktur, durch bessere Hard- und Software sowie größere Bandbreite lösen sie sich von selbst, weil die Menschen lernen werden, sie zu ihrem Vorteil einzusetzen.

Eine exponierte Position kommt bei der Verhandlung Bill Gates zu, dessen strategischer Einfluss auf die Produkte der Firma Microsoft über Ausstattung, Sicherheitsstandards und Kompatibilitäten der Software entscheidet, die auf neun von zehn Rechnern installiert ist.32 Gates gibt sich in seinem Buch „The Road ahead“ optimistisch, was den positiven Einfluss auf Wirtschaft, Medizin, Erziehung oder individuelle Selbstentfaltung angeht. Auch der Zeithorizont ist absehbar:


[Seite 192↓]

Within twenty years virtually I’ve talked abaout in this book will be broadly available in developed countries and in business and school in developing countries. The hardware will be installed. The software will be friendly and ready to serve.33

Wurde das Internet in der ersten Ausgabe von 1995 noch relativ wenig berücksichtigt, war es in der zweiten, überarbeiteten Neuauflage von 1996 schon Schwerpunkt der Betrachtung. Das spiegelt auch die Änderung der Firmenpolitik von Microsoft wider, die das Internet erst 1995 entdeckte, dann aber umso aggressiver agierte, um die eigene Verspätung auf zu holen. „The Internet is the precursor of the ultimate global network.“34 Auf diesem „Information superhigway“ basiert die zukünftige Informationsgesellschaft, die für uns noch unvorstellbar ist:

But we can no more imagine what the broadband information highway will carry in twenty-five years than a Stone Age man using a crude knife could have envisioned Ghiberti’s Baptistery doors in Florence. Only as the Internet evolves will all of the possibilities understood.35

Doch wird sie, angetrieben durch den freien Markt, die allgemeine Lebensqualität heben:

The dawn of the Information Age offers the best chances the world has seen to start new companies and make advance in medicine and the other sciences that improve the quality of life – or less grandly, merely to understand what is happening around us and stay in touch with families and friends, no matter where they are.36

Auch Esther Dyson stellt sich in ihrer Betrachtung über die „Spielregeln für unsere digitale Zukunft“ die Frage, wie mit Hilfe des Internet eine Welt entworfen werden kann, „die offener, für jedermann leichter zugänglich und einfach lebenswerter ist?“37 Das Internet oder das „Net“, wie sie es nennt, ist nicht automatisch Schlüssel für eine bessere Welt, dennoch ist es genau das richtige Werkzeug:

Ganz gleich, in welchem Bereich sie agieren, sie haben jetzt viel mehr Möglichkeiten als je zuvor, die Dinge in ihrem Bereich zum Guten zu wenden. [...] Das Internet ist ein Mittel zum Zweck, für einen Zweck: für das berufliche Fortkommen ebenso wie zur Arbeitserleichterung, damit Sie mit der gewonnenen Zeit Besseres anstellen können. Sie haben jetzt mehr Freiheit und mehr Verantwortung – in jeder Hinsicht: wie Sie mit ihrem Arbeitsplatz umgehen (oder ihn wechseln), wie Sie mit der Regierung interagieren, wie Sie neue Freundschaften schließen.38

Mit einem nur schwer überbietbaren Enthusiasmus enthält die 1994 veröffentlichte „Magna Charta für das Zeitalter des Wissens“ den Kern utopischer Technikdiskurse:


[Seite 193↓]

Turning the economics of mass-production inside out, new information technologies are driving the financial costs of diversity -- both product and personal -- down toward zero, "demassifying" our institutions and our culture. Accelerating demassification creates the potential for vastly increased human freedom.39

Nicht ökonomische Interessen treiben die Digitalisierung an, sondern des Menschen Drang nach Freiheit, hier als Befreiung des Einzelnen von der Masse. Einher mit dem Prozess der Entmassung geht die Dezentralisierung der Bürokratie, denn

The coming of the Third Wave turns that equation inside-out. The complexity of Third Wave society is too great for any centrally planned bureaucracy to manage. 40

Vernetzung und Dezentralisierung sind zwei Seiten der selben Bewegung, die „unsere Kultur“ eingeschlagen hat.

Die Autoren Esther Dyson, Georg Gilder, George Keyworth und Alvin Toffler versuchen explizit, den amerikanischen Traum in das Vokabular des Informationszeitalters zu übersetzen, „Cyberspace is the latest American frontier “. Spätestens hier wird deutlich, dass der utopische Internetdiskurs weniger sachliche als ideologische Intentionen verfolgt. Neben der amerikanischen Siedlungsromantik, die bereits beim Selbstverständnis der Hacker auffiel, versucht Alvin Toffler, seine Metapher der „dritten Welle“ unterzubringen. Wie schon im gleichnamigen Buch verspricht er mit ihr „demassification, customization, individuality, freedom “. Letztendlich sind diese Werte der Tenor utopischer Netzdiskurse: Technik garantiert den individuellen und gesellschaftlichen Fortschritt. Dem Staat kommen dabei neue Aufgaben zu:

1. The Path to Interactive Multimedia Access
2. Promoting Dynamic Competition
3. Defining and Assigning Property Rights
4. Creating Pro-Third-Wave Tax and Accounting Rules

Die Autoren weisen auch darauf hin, dass diese Aufgaben umfangreiche Reformen von Staat und Gesellschaft voraussetzen.

Die Vorzüge digitaler Gemeinschaften, „welche aus Menschen besteht, die ein gemeinsames Interesse haben und miteinander auf einer geregelten Basis kommunizieren, ohne unbedingt eine menschliche Beziehung zu haben “,41 sind bevorzugtes Thema von Howard Rheingold, der von seinen positiven Erfahrungen im kalifornischen WELL auf soziokulturelle Chancen virtueller, d.h. durch Medien vermittelter Gemeinschaften schließt.42


[Seite 194↓]

Auch Don Tapscott betont die Segnungen einer digitalen und digitalisierten Welt. In seinem Buch „Net Kids“ zeichnet er die Zukunft der „Generation N“, jene heute zwei- bis zwanzigjährigen, die mit Computern und Netzen aufwachsen und sie so selbstverständlich einzusetzen verstehen wie ihre Eltern Radio oder Fernsehen. Sie seien interessierter, lernwilliger, neugieriger, selbstbewusster und sozialer als die vorangegangenen Generationen, emotional und intellektuell offen, streitbar und unabhängig.43

Pierre Levy nennt das Projekt vernetzter Zusammenarbeit „l’intelligence collective “ und ist sich durchaus über den utopischen Status im Klaren:

Proposer l’utopie de l’intelligence collective, est-ce reconduire le mythe du progrès, de l’avancée vers un avenir toujours meilleur? Non, car l’idée du progrès linéaire suppose un contrôle total de son environnement par le collectif […] Avec le projet de l’intelligence collective, nous poursuivons l’entrerprise d’emancipation de la philosophie des Lumières. 44

Individueller Fortschritt auf der Suche nach Unsterblichkeit

And yet the impetus toward the Heavenly City remains. It is to be respected; indeed, it can usefully flourish...in cyberspace45

Die folgenden Autoren präsentieren sich nicht weniger utopisch als die des letzten Abschnitts, wenngleich weniger auf gesellschaftlicher als auf individuellerer Ebene. Nicht der gesellschaftliche Fortschritt durch Entmassung steht im Mittelpunkt, sondern die Aussicht geistiger Unsterblichkeit bei gleichzeitigem Austausch der verderblicher Materie des Körpers.

Der Glaube an die Unsterblichkeit einer vom Körper gelösten Seele ist ein Grundpfeiler der christlichen Religion. Das Mühsal der Welt lässt sich besser ertragen, wenn die Verheißung eines besseren Lebens den Gläubigen tröstet, ein Leben ohne die Einschränkungen weltlicher Existenzen.

Ein Informationsnetz, verstanden als technische Verlängerung des Nervensystems, soll diese Versprechungen einlösen helfen. Die Computermetapher des Geistes macht aus dem Körper eine Lebenserhaltungsmaschine für die Turingmaschine Gehirn , auf der die Software Geist implementiert ist. Die populärsten Vertreter dieser Thesen sind der Robotiker Hans Moravec, Marvin Minsky und Ray Kurzweil, Pioniere der KI-Forschung, welche die Überzeugung vertreten, dass die Maschinen den Menschen in der Evolution in wenigen Jahren ablösen werden.

Drei Gruppen setzen sich mit diesen Thesen und Visionen auseinander:

KI-Forscher . Der Versuch, menschenähnliches Verhalten im Computer nachzubilden, Computer menschenähnlicher zu machen, ist der Grundgedanke der Erforschung der künstlichen Intelligenz. Dabei bieten sich zwei Strategien an: (a) den Computer menschenähnlicher gestalten durch akustische [Seite 195↓] und visuelle Benutzerschnittstellen, fehlertolerante Algorithmen, die auch mit unvollständigen Eingaben umgehen können etc. (b) Menschen computerähnlicher zu beschreiben. Im computationalen Paradigma des Geistes, der Annahme, der menschliche Geist sei im Grunde eine Turing-Maschine, die in der Hardware des Gehirns implementiert ist, verschwimmen die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine. Als Forschungsprobleme gilt es lediglich noch, die Algorithmen zu finden, welche Verhalten menschlich machen. Marvin Minskys „Mentopolis“ zielte in diese Richtung mit der Annahme, das Bewusstsein sei das komplexe Zusammenspiel selbständiger aber unintelligenter Prozesse. „Diese Prozesse nenne ich Agenten. Jeder mentale Agent ist für sich allein genommen nur zu einfachen Tätigkeiten fähig, die weder Geist noch Denken erfordern. Wenn wir diese Agenten jedoch auf eine ganz bestimmte Weise zu Gesellschaften zusammenfassen, ist das Ergebnis echte Intelligenz. “46 Die Agenten könnten auch Programme sein, womit Bewusstsein grundsätzlich im Computer nachgebildet werden könnte. So geht der Robotiker Hans Moravec davon aus, dass bis zum Jahr 2050 die Maschinen das Erbe der Menschen antreten, dem sie bezüglich Hard- und Software, d.h. körperlich und geistig, überlegen sind. Der Mensch kann seinen Geist durch eine Simulation seiner neuralen Hirnstrukturen in die Maschine übertragen und durch regelmäßigen Austausch defekter Hardware unsterblich werden.47 Doch das sei nur der Anfang:

Die Roboter werden, genau wie die Menschen jetzt, auch nur als Zwischenstadium existieren. Sie brechen in den Weltraum auf, bauen Fabriken und wandeln schließlich die gesamte Materie des Universums, inklusive der Neutronensterne, in Computer um. Dann transferieren sie ihren Geist in diese Computer und leben fortan nur noch in der ‚virtuellen Realität’ – in Cyberspace.48

An dieser Stelle möchte ich nicht die Diskussion um die Plausibilität der Thesen beginnen. Wichtig ist lediglich das Feld, auf dem die Zukunftsentwürfe gedeihen, die Körper mit Hardware und Geist mit Software identifizieren und diese Gleichsetzung konsequent zum utopischen Ende führen.

Cyberpunks . Wie bereits im letzten Kapitel ausführlich diskutiert, zieht die Teilkultur der Cyberpunks ihre Identität aus der symbolischen Gleichsetzung von Mensch und Computer. Die Grundannahmen sind denen der KI sehr ähnlich, wobei die Suche nach konkreten Implementierungen durch Inszenierung ersetzt wird. R. U. Sirius, Mitbegründer der Szene-Zeitschrift Mondo 2000 und „einer der wenigen ‚authentisch-gefälschten Medien-Cyberpunks unserer Zeit‘, wie Wired schrieb “,49 hofft auf „Technologien, die es in Zukunft ermöglichen könnten, von der Essenz des menschlichen Wesens ein back-up zu machen. “50 Zusammen mit dem zum Cyber bekehrten Althippie Timothy Leary plante er [Seite 196↓] 1995, dessen Krebstot im Internet als Performance live zu übertragen. Leary, der sich angesichts des Todes doch noch für eine private Form des Sterbens entschloss, veröffentlichte seine Gedanken zum Sterben in „Timothy Learys Totenbuch“. Dort wird der zukünftige Mensch prophezeit als eine Mischung aus kryonischer Gehirnkonservierungstechnik und digitaler Simulation des Bewusstseins: Der Mensch, ein Cyborg, ein „Bio-Mensch-Hybride, der jede gewünschte Gestalt annehmen kann. “51 Ein guter Teil der Cyborg-Diskussion speist sich aus der Annahme, die Symbiose sei längst vollzogen, der Mensch schon lange von Maschinen nicht mehr zu trennen und selber eine Mensch-Maschine geworden. Die erfolgreiche Simulation des Geistes ist somit lediglich eine Frage der Rechenkapazität.

Kulturkritiker . Der im Feuilleton der FAZ übersetzte Artikel „Why the Future doesn’t need us“ des Rechnerarchitekten Bill Joy provozierte im Juni 2000 die Diskussion um ethische Fragen der Computer- und Nanotechnologie.52 Wenn Maschinen tatsächlich auf dem Weg sind, das evolutionäre Erbe der Menschen anzutreten, so stellt sich die Frage, ob wir eine solche Entwicklung weiter vorantreiben sollten oder nicht eher die Zeit für Neo-Luddismus gekommen sei. Während Joy zum Verzicht auf weitere Forschung aufruft, begrüßt sein Referenzautor Ray Kurzweil die angekündigte Ablösung. Ähnlich spalten sich die Lager derjenigen, welche die These der Verselbständigung der Maschinen vertreten; einige wenige glauben an eine bessere Welt, in die Menschen ihren Geist in mobile Maschinen gedownloadet haben. Die anderen stellen sich eine maschinenbeherrschte Welt mit Entsetzen vor und sehen in ihr das letzte Zeichen für den endgültigen Zerfall abendländischer Kultur. Optimistische Techniker stehen auf der einen, pessimistische Feuilletonisten auf der anderen Seite, Bill Joy schien eine Ausnahme zu sein, ein Insider, der zum Widerstand gegen die Technik aufrief.

Außerhalb dieser drei Gruppen wird die Utopie der CAI, der Computer Aided Immortality mit mäßigem Interesse verfolgt, zu weit scheint ihre technische Umsetzbarkeit entfernt, angesichts der Leistungen vorhandener Rechner und nahe liegender Probleme.

Dem Internet kommt in diesem Diskurs eine besondere Rolle zu: als elektronische Erweiterung unseres Nervensystems wird es die neue Lebenswelt des postbiologischen Menschen sein:

Durch die Speicherung der eigenen Überzeugungen in Form einer Online-Datenstruktur, […] arbeitet der neuronale Apparat in Silikon so wie in der Wetware des Gehirns, nur schneller, genauer, selbstveränderlicher und – falls gewünscht – für alle Zeiten.53

Diese Ideen scheinen direkt William Gibsons „Neuromancer“ entnommen zu sein, Cyberspace als Un-Ort des digitalen Bewusstsein.

Doch nicht nur Aufbewahrungsort für die Software Geist ist der Cyberspace, sondern selber Organismus, globale Intelligenz. Die Argumentation ist suggestiv: Intelligenz, Geist und Bewusstsein [Seite 197↓] sind emergente Phänomene neuronaler Vernetzung des Gehirn. Das weltumspannende elektronische Kommunikations- und Informationsnetz ist strukturell mit einem neuronalen Netz verwandt, mithin hat es sich längst zu einem globalen Gehirn entwickelt. Vertreter dieser Auffassung kommen aus einem naturwissenschaftlichen Kontext. Peter Russel, Autor des Buches „The global Brain awakens “54 studierte Mathematik und theoretische Physik und promovierte in Experimentalpsychologie. Howard Bloom ist Paläopsychologe, 20 Kapitel seines Buches „The Lucifer’s Principle “55 werden unter der Überschrift „Geschichte des globalen Gehirns“ bei der Zeitschrift Telepolis im Internet veröffentlicht.56 Der Biologe, Computergraphiker und Systemtheoretiker Joël de Rosnay veröffentlichte bereits 1985 das Buch „Le Cerveau planéteire“57 und griff 1995 das Thema wieder auf in „l’homme symbiotique“.58

Individueller Kampf gegen zentralistische Überwachung

Ein weiterer Themenkomplex digitaler Zukunftsentwürfe ist der stärker politisch motivierte Diskurs um den individuellen Kampf gegen den so genannten ökonomisch-staatlichen Komplex. Das Internet mit seinen virtuellen Gemeinschaften soll Selektions-, Manipulations- und Kontrollmöglichkeiten zentralistischer Organisation vermeiden helfen und zum Kampfmittel werden gegen einen Überwachungsstaat. Der Kampf richtet sich andererseits gegen ökonomische Großunternehmen, welche durch quasi-Monopole erheblichen Einfluß auf den Markt haben und darüber entscheiden können, welche Waren zu welchen Konditionen angeboten werden oder nicht.

Wie im letzten Kapitel diskutiert, speist sich die politische Motivation der Open-Source Bewegung zu großen Teilen aus dem Anliegen, gegen die Monopolstellung und Firmenpolitik des Unternehmens Microsoft Software öffentlich und frei verfügbar zu machen. Im Internet können Informationen weltweit und dezentral zur Verfügung gestellt werden, wobei Macht und Einfluss von Verlegern und Zwischenhändlern durch direkten Kontakt mit den Endabnehmern eingeschränkt oder umgangen werden kann. In klassischen Medienproduktionen führt der Weg vom Autor zum Verbraucher über Agenten, Kuriere, Verleger, Marketing, Transportunternehmer, Großhändler, Geschäfte, welche alle einen Teil des Erlöses für sich beanspruchen. „Frictionless Commerce“ ist Schlagwort und Hoffnung, Reibungsverluste auf diesen Zwischenstationen umgehen zu können.59


[Seite 198↓]

1990 wurde die Electronic Frontier Foundation (EFF) gegründet, um Bürgerrechte in Zeiten der Kontrollmöglichkeiten des Internet zu verteidigen. Schwerpunkte dieser und anderer „Cyber-Right“-Organisationen sind die nationalen Telekummunikationsgesetze, Export- oder Benutzungseinschränkungen von Kryptographie, Datenschutz, Meinungs- und Veröffentlichungs freiheit, Zensur etc.

Der Mitgründer der EFF, John Perry Barlow, schreibt 1996 in seiner pathetischen „Declaration of the Independence of Cyberspace“:

Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.60

Ähnlich wie die „Magna Charta“ formuliert die von vielen Seiten kommentierte und als amerikanisch-ideologisch kritisierte Unabhängigkeitserklärung die Kerngedanken einer technischen Utopie. Fußte die „Magna Charta“ jedoch im ungebremsten Optimismus und der Erwartung auf Selbstverwirklichung in einem entbürokratisierten und vollständig neoliberalen Staat, so zielt die Unabhängigkeitserklärung auf individuelle Entwicklung gegen bestehende Herrschaftsstrukturen. Die gesamte Unabhängigkeitserklärung ist an diese gerichtet und gegen sie abgesetzt. Auch wenn die „Magna Charta“ und die Unabhängigkeitserklärung in vielen Punkten übreinstimmen oder sich zumindest sehr nahe stehen, so unterscheiden sie sich in ihrer Beziehung zur Rolle des Staates.

Feindbilder zentralistischer Machtausübung gegen individuelle Freiheit sind in den Gründungsdokumenten staatliche Aktionen wie die „Operation Sundevil“, die amerikanische Großjagd auf Hacker und Cracker, wie sie von Bruce Sterling dokumentiert wurde61 und die zur Gründung der EFF führte, Exportbeschränkungen für starke, d.h. sichere Kryptographie oder der Communication Decency Act der Clinton-Regierung als Versuch, Kontrollmöglichkeiten über Internet-Inhalte zu gewinnen. Nicht zuletzt durch Bemühungen der EFF-Anwälte wurde der Gesetzesentwurf zurückgewiesen.62

Einem vergleichbaren Duktus folgt die „Regierungserklärung“ von CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn, nachdem er zum europäischen Direktor der ICANN oder, wie er es ausdrückt, der „Weltregierung“ gewählt wurde:


[Seite 199↓]

Heute bildet das Netz einen Kommunikationsraum. Das nennt man das Netzmodell. Und jeder, der sich da anschließt, kann diesen Raum betreten. Kann sich umgucken, kann sich etwas rausnehmen, kann etwas hineingeben. Das nennen wir im Inter net Geschenkkultur. Ein kleines elektronisches Paradies. [...] Aber lassen sie uns mit ihren Juristen in Ruhe[...] die jetzt, wo das mit dem Internet gerade weltweit so richtig anfängt zu flutschen, auf einmal geistiges Eigentum deklarieren wollen [...] Was die Juristen "geistiges Eigentum" nennen ist - das weiß jeder Lateiner - nichts weiter, als ein Diebstahl am öffentlichen Raum. [...] Also, ich erkläre Ihnen jetzt die Regierung und das heißt, ich erkläre Ihnen, dass sie in Zukunft bitteschön sich selbst regieren.63 .

Müller-Maguhns Erklärung ist zuallererst eine Provokation, die darauf aufmerksam machen wollte, dass im Internet ein Kulturraum gewachsen ist, „Mit ohne Staaten, mit ohne Juristen, einfach nur freier Informationsfluss, ein paar grobe Benimmregeln und ansonsten macht einfach jeder, was er will“64, dessen Bewohner die Regeln der äußeren Welt nicht einfach akzeptieren wollten und bereit sind zum Widerstand.

Neben den klassischen Werkzeugen des Widerstands: öffentlichen Aktionen, ziviler Ungehorsam, juristische Verhandlungen etc. spielt das Netz eine zunehmende Rolle bei Koordination und Durchführung von Kampagnen. Naomi Klein berichtet über eine wachsende Bewegung, die sich gegen die Besetzung des öffentlichen Raums durch Multinationale Konzerne richtet und die das Internet als Plattform zur Koordination politischer Aktionen nutzen.65

1996 wurde die Global Internet Liberty Campaign 66 (GILC) ins Leben gerufen, finanziert durch die Soros Foundation, den EFF sowie private Zuwendungen. GILC verfolgt das Ziel, internationale Bürgerrechts-Aktivitäten über das Internet zu koordinieren und das Netz als Kommunikationsplattform zu nutzen. Erklärte Themenschwerpunkte sind die Förderung von Redefreiheit und Zensurverbot, der Schutz privater Räume, Ausbau des Datenschutzes, der starken Kryptographie sowie der Zugangsmöglichkeiten zum Internet auch in strukturschwachen Gebieten. Der Kontakt zwischen international gestreuten Projekten konnte seitdem unter der Schirmherrschaft von GILC deutlich verbessert werden.67

Die seit 1998 unter dem Titel ‚Hacktivism’ bekannte Bewegung versucht, politischen Meinungsäußerungen von Crackern68 im Netz Gewicht zu verleihen. Ihre personellen Wurzeln reichen bis zu den Phreaks der sechziger Jahre, in ihrem ideologisches Selbstverständnis greifen sie zurück auf Henry David Thoreaus 1849 veröffentlichten Text „On the Duty of Civil [Seite 200↓]Disobedience “,69 der Aktivisten wie Mahatma Ghandi, Martin-Luther-King oder Nelson Mandela inspirierte.70 Die gängigen Methoden bestehen im Cracken und Austauschen von Websites71 oder massiven distributed Denial of Service (dDoS)-Attacken. Kennzeichen der Hacktivism-Angriffe ist die Anonymität weniger Ausführender und ihre oft fragliche politische Motivation bei der Auswahl der Ziele.72

Eine mehr auf Performanz und Öffentlichkeit ausgelegte Form des virtuellen Protests führte die 1994 gegründete pro-zapatistische Gruppierunge Electronic Disturbance Theatre (EDT) ebenfalls im Jahr 1998 vor: Electronic Civil Disobedience (ECD).73 Zusammen mit 18.000 Protestlern überfluteten sie die Website des mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo. Während es sich bei dieser Protestform auch um eine Form des dDoS handelt, lebt sie von der Beteiligung vieler Teilnehmer. Kleine Gruppen haben wenig Erfolg, einen Server zum Absturz zu bringen. Die Aktivisten handeln offen und kündigen ihre Aktion an, was sie vom digitalen Vandalismus der Hacktivisten unterscheidet.

Mit einem Software-Paket will der Betreiber der deutsche Website „online-demonstration“ ähnliche Proteste institutionalisieren. Mit Distributed-Denial-of-Service-Werkzeugen sollen die Demonstranten ausgewählte Server zu einem festgelegten Zeitraum durch Massenanfragen blockieren. Je größer die Zahl der Teilnehmer, desto effizienter der Zusammenbruch. Das Ziel ist nicht, Schaden anzurichten, sondern den Server so lange zu belagern, „bis jemand von DPA und Tagesschau da war um Bilder für die Nachrichten zu machen .“74 Mit dieser „Strategie der begrenzten Regelverletzung “ richten sie ihren Protest

gegen mächtige Wirtschaftsinteressen und clevere Juristen, die in der Schläfrigkeit der Parlamente und der Inkompetenz der Bürokratie die Chance sehen dem Netz ihr Gesetz aufzuzwingen. Gegenüber ihrem Treiben beanspruchen wir das Recht auf Demonstration und Protest im längst nicht mehr »virtuellen« Raum des Internet.75

Das Internet als Organisationsmedium des Widerstandes zu nutzen ist auch die Strategie der Reverse Engineers, den politisch motivierten Crackern, denen es um Offenlegung technischer Implementierungen geht. Ihre Forderung zielt nicht auf unbehelligte Distributionswege für warez oder kopierte Musik, sondern auf die Möglichkeit, Wissen über Funktionsweisen, Quellcodes, Schaltpläne, Algorithmen etc. erarbeiten, verändern und verbreiten zu können. Die anhaltende [Seite 201↓] Auseinandersetzung um den DVD-Kopierschutz, das Content Scrambling System (CSS), ist ein Beispiel:

Seit das Programm DeCSS, das den CSS zu umgehen hilft, sich im Netz verbreitet, verschickt die Motion Picture Association of America (MPAA) mit juristischer Rückendeckung76 Abmahnungen an Webseitenbetreiber, die DeCSS anbieten oder einen Link auf das Programm bzw. seinen Quelltext setzen. Viele der Betroffenen werden von der EFF mit Rechtsbeistand unterstützt und plädieren auf ihr Recht auf Redefreiheit, die Publikation von DeCSS sei nicht identisch mit einem etwaigen illegalen Einsatz. Der New Yorker Richter Lewis A. Kaplan entschied im Januar 2000, dass die Veröffentlichung des Quellcodes nicht unter die Redefreiheit fällt, mithin illegal sei.77 Was aber einmal im Netz ist, lässt sich nicht mehr entfernen; der „Great International DVD Source Code Distribution Contest“78 lotet die Möglichkeiten für Darstellungsformen von Computeralgorithmen aus. In der „Gallery of CSS Descramblers“79 findet sich der Quellcode gesungen, gelesen, gemalt, photographiert, als T-Shirt oder Luftballon-Aufdruck, in Bildern und Datenbanken codiert, als englischen Text oder als Grußkarte. Die Frage, wo Redefreiheit aufhört und „malicious code“ anfängt, bleibt in der Verhandlung. Ein kalifornisches Berufungsgericht entschied im November 2001, dass die Veröffentlichung des DeCSS-Codes im Internet rechtmäßig sei, womit das Verfahren in die nächste Runde geht.80

Barlows „Declaration of Independence“ findet sicherlich nicht ungeteilte Zustimmungen, auch im Lager der Netizen-Bewegungen. Die wenigsten der angeführten Organisationen lassen sich unter seinen amerikanischen Pathos fassen, die EFF eingeschlossen. Drei seiner Grundannahmen tauchen jedoch in allen „mission statements“ auf:

Nicht gegen Verfassungen sondern gegen verkrustete Herrschaftsstrukturen richtet sich das Engagement. Das Internet ist in den aktionsbegleitenden Diskursen – und auf diese richtet sich mein Blick – Werkzeug und Medium der Menschen in ihrem Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit; ein Pathos, der ihr notwendiger Bestandteil ist. Die Electrohippies fassen auf ihrer ECD-Website die Punkte in kompakter Form zusammen, ihnen soll das Schlusswort dieses Abschnitts zukommen:

where the power of technology enables the state, or the large corporations, or both, to exercise power over the population and quell any dissent. Many talk of George Orwell's 1984. Today we have the technology to do everything described in that book. Certainly we are approaching a time when the society described in Aldous Huxley's Brave New World or William Gibson's Johnny Mnemonic could become a reality. The only thing that stands between the societies described in those books, and today's society, it the ability of ordinary people to resist. In other words, a functional democracy. To put it simply, politicians are not the defenders of democracy - they merely administrate it. The real defenders of democracy are those who dissent from the status quo, for by that dissent they make democracy viable. Therefore if we wish to defend democracy, and prevent society slipping into the sort of technological nightmare described by many authors, then it is up to those who lead dissent to take the initiative.81

Zwischenbetrachtung

Die in diesem Kapitel betrachteten Zukunftsentwürfe lassen sich analytisch in zwei Dimensionen gliedern. Beide Dimensionen sind idealtypisch gemeint und ich widerstehe der Versuchung, einzelne Autoren als Flächen oder gar Punkte in diesem Diagramm zu verorten. Dennoch halte ich eine Zuordnung tendenziell für möglich, Sinn und Zweck einer solchen Vereinfachung wird weiter unten zu diskutieren sein.


[Seite 203↓]

Abb. 22 : Dimensionen der Diskursanalyse

Die eine Dimension ist der Glaube an Technik als Mittel individueller Selbstverwirklichung. Technischer Fortschritt dient der Erweiterung der individuellen Freiheit, erleichtert Routinearbeiten und erweitert die Möglichkeiten des Einzelnen. Ihre Vertreter verweisen auf Fortschritte im Transport- und Kommunikationswesen, auf CNC-Maschinen zur Automatisierung industrieller Fertigung und auf Computer, die in Sekunden die Arbeit erledigen, für die ein Mensch früher mehrere Jahre benötigte.

Auf der anderen Seite steht ein Misstrauen gegenüber der Technisierung der Lebenswelt. Allen Fortschritten zum Trotz dient Technik nicht nur dem Individuum oder der Gesellschaft, sondern bindet sie ein in technische Funktionszusammenhänge und verwandelt sie selber in eine Maschine. Vertreter dieser Richtung (s. u.) verweisen auf Fließbandtätigkeiten, auf Abhängigkeiten von Maschinen auch bei Fehlentscheidungen, auf den Verlust eines natürlichen Weltzugangs, auf das technisch-reduktionistische Menschenbild der Naturwissenschaft, auf Umweltschäden und verselbständigte Beschleunigung der Lebensrhythmen in urbanen Räumen.

Die zweite Dimension ist die Einstellung zu gesellschaftspolitischer Entwicklung. Hier spiegelt sich das Verhältnis der Autoren zu politischen und ökonomischen Eliten wider. Optimistische Positionen vertreten die Meinung, dass zwar ein erheblicher Arbeitsaufwand beim Übergang zur Informationsgesellschaft zu bewältigen sei, die bestehenden (westlichen) Gesellschaftsformen und ihre Eliten diesen Übergang aber gemeinsam mit ihren Bürgern zu bewältigen in der Lage sind. Demgegenüber steht die pessimistische Einschätzung, die Machthaber verkraften den Übergang nicht und begeben sich daher in Konflikt mit den Bürgern, um ihre Machtposition künstlich zu stabilisieren. Demnach wird die Zukunft von diesem Kampf bestimmt sein.

Die beiden Achsen sind beileibe nicht die einzigen, unter denen sich die Vielzahl der Zukunftsentwürfe gliedern lassen. Richard Coyne beispielsweise untersucht äußerst gewinnbringend die „digital narratives“ unter einem neoromantizistischem Aspekt mit den Kategorien Einheit (Unity), Vielheit (Multiplicity) und Unsagbarkeit (Ineffability).82 Die Entscheidung für Dimensionen des [Seite 204↓] Individuellen und des Gesellschaftlichen hängt mit meiner Fragestellung zusammen und mit dem Versuch, gesellschaftlich-kulturelle Dynamik im Spannungsfeld individueller Weltanschauungen zu beschreiben. Warum soll man aber überhaupt schematisieren, trägt ein solches Vorgehen doch immer den Charakter des künstlichen Einsortierens in willkürliche Schubladen?

Damit verfolge ich drei Ziele: Zum Einen hoffe ich die Breite des Spektrums aufzuzeigen, welches der Diskursmarkt aktueller Zukunftsentwürfe abdeckt. Die Annahme dabei ist, dass dies für jede Dimension machbar wäre, dass sich für jede Perspektive innerhalb ihres Horizontes zumindest eine plausible Zukunft verkünden ließe. Das Ordnungsschema ist künstlich, die Tatsache, dass es vollständig ausgefüllt werden kann, bleibt auch nach Abzug der interpretationsbedingten Unschärfe bestehen. Nicht jeder Autor würde sich unter meiner Überschrift wohlfühlen, zumindest aber darauf bestehen, auch benachbarte Themen abzudecken. Dem würde ich nicht widersprechen, es geht mir nicht darum, einen Diskursbeitrag bequem in einem Diagramm-Viertel wegzusortieren, sondern darum zu zeigen, dass jedes Quartier erreicht wird, dass eine bereits bezogene intellektuelle Heimat nicht verlassen zu werden braucht, um dort eine digitale und vernetzte Zukunft zu integrieren. Die hier angesprochenen Motive sind alt, was sich ändert, sind inhaltliche Ausprägungen mit ihrem Fokus auf Technik, auf Computer und Netze.

Zum Zweiten benötige ich eine Vielzahl gegeneinander stehender Diskurse, um meinen Ansatz zu verfolgen, kulturelle Dynamik in der Verhandlung zu beobachten. Dass Verhandlung dabei nicht auf kommunikatives Handeln beschränkt bleibt, zeigen die Beispiele. In den wenigsten Fällen setzen sich Menschen an einen Tisch und reden miteinander. Vielmehr sind die Diskurse eingebettet in Handlungszusammenhänge, Aktivitäten und Initiativen, nicht selten wurden sie nachträglich ausbuchstabiert, um auf einem Grundgefühl basierende Handlungen im Nachhinein zu legitimieren.

Zum Dritten hoffe ich natürlich, aus der argumentativen Sackgasse zu entkommen, in die ich mich manövriere, wenn ich angesichts diskursiver Vielfalt darauf bestehe, „niemand könne über die Zukunft nichts Genaues wissen.“ Die inhaltliche Konklusion einer solchen Argumentation könnte lediglich sein: „Große Veränderungen erwarten uns, lassen wir uns überraschen!“, womit wenig gesagt wäre. Da ich nicht versuche, neben die Vielfalt einen weiteren Entwurf zu setzen, dennoch Aussagen über die Auswirkungen des Internet treffen möchte, muss ich meinen Blick auf etwas Anderes lenken, was nicht im Widerspruch zu dem Gesagten steht. Dies werde ich im dritten Abschnitt dieses Kapitels diskutieren. Zunächst einmal aber muss ich einen Kreis schließen.

Die im letzten Abschnitt behandelten Diskurse teilen ein hohes Maß an Begeisterung für die technische Möglichkeiten. Egal ob als globaler Fortschritt wie bei Negroponte, Gates, Dyson etc., ob auf dem Weg zur Unsterblichkeit im Netz durch Digitalisierung des Bewusstseins bei Moravec, Minsky, Leary etc. oder im Widerstand gegen staatliche und wirtschaftliche Herrschaft bei EFF, EDT oder den Hacktivisten: Computer und ihre Vernetzung dienen der individuellen Selbstverwirklichung, [Seite 205↓] mit oder gegen die Politik. Der Einzelne profitiert von den neuen Medien und ihrer Vernetzung, eine Annahme, die bereits bei der Untersuchung der Hackermentalität diskutiert wurde. So ist es nicht verwunderlich, wenn viele der hier angesprochenen Motive mit den dort behandelten übereinstimmen, sei es explizit, sei es in Bezug auf gemeinsame Referenzen.

Die ideologischen Wurzeln dieser Diskurse sind freilich älter als ihre Projektion auf das Internet. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Utopie Ende der achtziger Jahre und der zunehmenden Wahrnehmung struktureller Mängel des marktwirtschaftlichen Liberalismus schienen sich Utopien für einige Jahre überlebt zu haben. In dieses Vakuum brechen mit aller Macht utopische Diskurse ein, einem Motiv folgend, das Philippe Breton im Anschluss an Norbert Wiener die „Utopie der Kommunikation “ nennt. Diese besteht aus zwei Grundsätzen:

D’une part, le seul fait de communiquer serait suffisant pour vivre harmonieusement en société. D’autre part, la communication pourrait s’instrumentaliser, c’est-à-dire être l’objet d’un savoir pratique aisément manipulable. „Parlez et tout ira mieux“ est devenu un lieu commun moderne.83

Ihr Erfolg verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass sich die neoliberalen Grundprinzipien des Marktes, Handel, Transaktion, Tausch etc. in der Kommunikation wieder finden:

la victoire du capitalisme, ou plus exactement de l’echange marchand, aura aussi été celle de l’imaginaire de la négociation, de la transaction, du dialogue entre des parties reconnues comme differentes, c’est à-dire de la communication.84

Der angesichts anhaltender Arbeitslosigkeit und wachsender sozialer Unterschiede angeknackste Mehrwert, der im Tausch materieller Güter gefunden wurde, lässt sich leicht auf den symbolischen Umgang übertragen:

C’est parce que notre société hypercomplexe trouve sa valeur ajoutée dans le principe de communication qu’elle tend à un imaginaire d’alliance, de la connexion, de la flexibilité, de la synergie.85

Das utopische Potenzial, das sich an Kommunikation und ihren technischen Instrumentalisierungen heftet, ist somit personell eng verknüpft mit wirtschaftlichem Neoliberalismus. Gleichzeitig bündelt es aber auch eine politische Linke, welche die Eigentumsverhältnisse der Medien, Produktionsmittel gesellschaftlicher Bedeutungszuweisung, endlich in den Händen des Volkes sieht. Dieser Zusammenhang wird seit einer Veröffentlichung der englischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron als „kalifornische Ideologie“ bezeichnet:

With no obvious rivals, the triumph of the Californian Ideology appears to be complete. The widespread appeal of these West Coast ideologues isn't simply the result of their infectious optimism. Above all, they are passionate advocates of what appears to be an impeccably libertarian form of politics - they want information technologies to be used to create a new 'Jeffersonian democracy' where [Seite 206↓] all individuals will be able to express themselves freely within cyberspace. However, by championing this seemingly admirable ideal, these techno-boosters are at the same time reproducing some of the most atavistic features of American society, especially those derived from the bitter legacy of slavery. Their utopian vision of California depends upon a wilful blindness towards the other - much less positive - features of life on the West Coast: racism, poverty and environmental degradation.86

Sie basiert auf der Kombination eines rechten Neoliberalismus mit linker Staatskritik und geht davon aus, dass computerisierte Individuen ohne staatlichen Eingriff ihr Leben in Freiheit selbst gestalten sollen. Stärkstes Sprachrohre sind die Zeitschriften Wired und Mondo2000 , aber auch die weiter oben zitierte „Declaration of Independence“ oder die „Magna Charta“.

Die kalifornische Ideologie wurde ausführlich diskutiert und kommentiert, Mark Stahlmann schlug wegen der Verwurzelung im englischem Liberalismus und den utopischen Texten von H. G. Wells die Umbenennung in „englische Ideologie“ vor,87 Florian Rötzer spricht vor allem für die „linken Partner dieser neuen Koalition “ in Anschluss an Pierre Lévy lieber von Cyberculture, 88 als eine mit der 68’er-Bewegung verbundenen Gegenkultur. Die Verbindung von rechtem Neoliberalismus, der bis zur Forderung nach Sozialabbau und Aufgabe der Mindestlöhne reicht, und linker Staatskritik ergibt sich aus dem gemeinsam geteilten Glauben an die Kraft der Technik zur freien Entfaltung des Menschen. Ersetzt der konservativ-rechte Flügel das Vertrauen in politische Eliten durch das in ökonomische, so hofft der linke auf den Anbruch eines Techno-Sozialismus mit Basisdemokratie und Chancengleichheit.

Barbrook und Cameron sehen als Alternative einen europäischen Weg des staatlich gesteuerten Weges in die Informationsgesellschaft. Bei der Wahl zwischen Staat oder Markt entscheiden sie sich für den Staat, während die Anhänger der kalifornischen Ideologie den freien Markt vorziehen. Der amerikanische Traum des millionenschweren Tellerwäschers findet sich in Garagen-Bastlern wie Bill Gates oder Steve Wozniak verwirklicht. Computerexperten und Hacker sind die zukunftsfähigen Leitbilder all derer, für die Technik Verbesserung der Lebensqualität und Möglichkeit individueller Selbstverwirklichung bedeutet. Wie im letzten Kapitel ausgeführt, teilen Hacker den Fortschrittsglauben und die Überzeugung, dass eine computerisierte und vernetzte Welt reibungsfreier, handlungsoffener und effizienter sein wird. Cracker und Reverse Engineers sehen sich im Kampf gegen staatliche-zentrale Bürokratie und ökonomische Monoplisten. Cyberpunks fasziniert die Aussicht, ihren Geist vom defizitären biologischen Körper zu trennen und auf technische Maschinen zu übertragen, um mit dem kollektiven Bewusstsein des Netzes in direkten Kontakt zu kommen.


[Seite 207↓]

Optimistische Technikdiskurse werden von den Akteuren getragen, die auch aktiv an der technischen Entwicklung beteiligt sind, die Computer und Maschinen beherrschen. Insbesondere haben sie einen naturwissenschaftlich-technischen Hintergrund: Negroponte leitet das MediaLab am MIT, Gates ist Mitbegründer von Micosoft, Wozniak von Apple, Minsky und Kurzweil sind KI-Forscher, Moravec Robotiker etc. Von ihren Diskursen, Argumenten und Metaphern zehren all jene, welche die optimistische Grundeinstellung gegenüber der Technik teilen, wenngleich nur wenige so weit argumentieren wie Negroponte oder Moravec. Auch wenn sie darauf bestehen, lediglich Avantgarde einer großen Mehrheit zu sein, welche bald in die digitale Ära aufschließen wird, handelt es sich bei ihnen um genau die virtual class , die haves , welche von den information poor , den have-nots durch die digitale Kluft getrennt sind.89

Auf der anderen Seite der Technikeinschätzung stehen Diskurse, denen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Technik eingeschrieben ist. Sie interpretieren Technikgeschichte als Verlustgeschichte: Verlust der Innerlichkeit, Verlust der Aura, Verlust der Ursprünglichkeit, Verlust der Freiheit. Ihre Vertreter wurzeln in anderen Traditionen, aber auch hier wird die Bandbreite abgedeckt, welche durch die Dimension des Verhältnisses zu Machteliten angegeben werden kann.

Medienkritik ist so alt wie die Reflexion über Wesen und Wirkung von Medien. Eines der ältesten Zeugnisse antiker Sorge um die bedenkliche, Folgen des Mediengebrauchs ist Platons Dialog „Phaidros“, in dem die verheerende Wirkung der Schrift auf die Erinnerungstechnik befürchtet wird. Schrift sei Mittel zum Erinnern, aber selber keine Erinnerung, sie ist Schein der Weisheit, aber nie die Sache selbst. Ein Umstand, auf den vielerorts hingewiesen wurde ist, dass Platon pikanterweise auch nicht umhin kam, seine Kritik an der Schriftlichkeit im Medium der Schrift zu verfassen, um sie so der Nachwelt erhalten zu können. Diese merkwürdige Verbrüderung der Kritik mit ihrem Gegenstand durchzieht die Medienkritik, was natürlich damit zusammenhängt, dass der Kritiker mit seiner Aufklärung ein möglichst großes Publikum erreichen will.90

Der Topos der Entfremdung des Menschen von der Welt durch die symbolische Schicht der Medien begleitet die Medienkritik und buchstabiert sich im jeweiligen theoretischen Kontext unterschiedlich aus. Begleitet wird der Verlustdiskurs von der Annahme einer Ursprünglichkeit, eines vormedialen Weltzugangs, der erst durch Medien verstellt wird. Die Medien sind es, die den Menschen von der Welt und damit von sich selber fern halten.


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Walter Benjamin prägte in seinem berühmten Kunstwerkaufsatz den Begriff der ‚Aura’ als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. “91 Die Aura ist es, die durch medieninduzierte Wahrnehmungsveränderung dem Zerfall preisgegeben wird. Benjamin zeichnet diese Zerfallsbewegung am Beispiel der Fotografie und des Films nach. Technische Reproduktionen binden Kunstwerke in ökonomische Zusammenhänge ein, der Kulturwert eines Werkes wird durch den Ausstellungswert ersetzt, der sich in einer „Rezeption der Zerstreuung “ äußert. Angesichts der Technik in Studios und Labors erscheinen die Apparate als Vertreibungsinstrumente aus einer romantisch verklärten Ursprünglichkeit:

Der apparatfreie Aspekt der Realität ist hier zu ihrem künstlichsten geworden und der Anblick der unmittelbaren Wirklichkeit zur blauen Blume im Land der Technik.92

Horkheimer und Adorno spitzten die Kritik weiter zu, indem sie weit stärker als Benjamin die technischen Apparate in einen sozialen und politischen Kontext stellten und den Menschen, jenes humanistische Subjekt der Aufklärung, als ausgeliefert an die Mechanismen der Kulturindustrie interpretieren. Die „Dialektik der Aufklärung“, 1947 unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs veröffentlicht, liefert bis heute die wesentlichen Stichworte der kulturpessimistischen Diskurse, welche Kulturgeschichte vor allem als Verfallsgeschichte interpretieren.

Kombiniert werden sie in den Netzdiskursen mit zwei Staatsutopien: Orwells „1984“ und Huxleys „Brave New World.“ Auf der einen Seite der zentralisierte Überwachungsstaat, welcher die Medien zur Kontrolle seiner Bürger nutzt, auf der anderen Seite eine Gesellschaft sozialer Kontrolle, in welcher die Bürger Medien zur Ablenkung von Alltagssorgen konsumieren. In beiden Staatsformen ist der individuelle Weltzugang gefährdet, entweder vom Staat bedroht oder von der eigenen Bereitschaft, Freiheit zu Gunsten der Droge Unterhaltung aufzugeben.

Verlieren kann man nur, was man einst besessen hat. Annahmen der Verlustdiagnosen sind die einer individuellen Authentizität in Verbindung mit einem ursprünglichen Wirklichkeitszugang. Damit stehen sie im Gegensatz zu den Diskursen des vorangegangenen Abschnitts, die das Internet vor allem als Gewinn interpretierten. An dieser Stelle gilt es, die Frage zu vermeiden, wer denn nun Recht hat und das aus mehreren Gründen. Zum einen handelt es sich häufig um Entwürfe, die drohende Entwicklungen aufzeigen, um gleichzeitig mögliche Gegenmaßnahmen vorzustellen.

Zum anderen sollte aus dem bislang Dargestellten deutlich geworden sein, dass Zukunft sich ganz unterschiedlich darstellen lässt und nicht ein Entwurf gegen den anderen ausgespielt werden kann. Vielmehr geht es darum, bestimmte Diskurstopoi in ihrem thematischen Zusammenhang zu skizzieren und die präsentierten Diagnosen von einer universalanthropologischen Abstraktionsstufe [Seite 209↓] verstärkt an individuelle Biographien zu knüpfen, um so die Tendenz aufzuzeigen, den eigenen oder den bezüglich einer Bezugsgruppe stabilisierten Weltentwurf gesamtgesellschaftlich auszudehnen. Denn die Annahme verschiedener Minderheiten, und das gilt natürlich erst recht für die Autoren der euphorischen Diskurse, qua besserer Einsicht in die „tatsächlichen“ Zusammenhänge und Mechanismen die eigentliche qualitative Mehrheit zu bilden, erscheint mir angesichts der Pluralität intelligent und sachkundig vorgetragener Entwürfe zumindest bedenklich. Viel näher liegt die Vermutung, dass sich hinter den Entwürfen gänzlich unterschiedliche Wahrnehmungsmuster verbergen und Zukunftsansichten stark mit individuellen Weltansichten korrelieren, die untereinander diskursiv nicht abgleichbar sind. Dabei braucht die Annahme eines privilegierten Weltzugangs nicht aufrecht erhalten zu werden, jede Weltsicht positioniert sich in ihrem eigenen Horizont. Das gegenseitige Vorhalten defizitärer Wahrnehmungen ist zwar wenig erfolgversprechend, kennzeichnet aber den Diskurs- und Verhandlungsmarkt, der damit kulturelle Artefakte erst vorzubringen im Stande ist.

Die Neuen Medien bieten sich als Beobachtungsfeld an, weil der Verhandlungsmarkt noch offen und eine gesellschaftlich stabilisierte Bewertung nicht auszumachen ist. Dennoch, und diese Annahme begründet den kurzen Exkurs in die Medienkritik, entspringen die Diskurse um die neuen Medien nicht etwa zeitloser Gegenwart, sondern wurzeln in bestimmten Traditionen. Im Folgenden zeichne ich nach, wie die Entfremdungsthese sich im Licht digitaler Medien darstellt und was dem Individuum abhanden kommen soll, das sich auf seine Vernetzung einlässt.

Digitale Zukünfte II

Verlust individueller Freiheit im Überwachungsstaat

Orwells Roman „1984“ beschreibt das düstere Szenario eines totalitären Regimes, in dem die technische Infrastruktur zur Überwachung und Unterdrückung der Bürger eingesetzt wird. In Zeiten elektronischer Datenerfassung und digitaler Weiterverarbeitung ist Privatheit und Datenschutz ein sensibles Thema und es zeigt sich, dass Überwachungstechniken eingesetzt werden, wenn sie vorhanden sind. Vor der Diskussion gebe ich zunächst einige Beispiele internationaler Gesetzesentwürfe aus zwei Gründen:

Zum einen, um die Tendenz aufzuzeigen, dass staatliche Machtzentren sich bei Androhung von Strafe die Möglichkeit öffnen, jederzeit jede Kommunikation und Information aufzeichnen und auswerten zu können. Zum anderen, um an Beispielen zu verdeutlichen, dass Aushandlungen sich nicht auf kommentierende Diskurse beschränken, wie sie als Schwerpunkt im letzten Abschnitt untersucht wurden. Die hier vorgestellten Regelungen sind Ergebnis politischer Verhandlungen und bilden ihrerseits Grundlage für neue Aushandlungen. Sie sind das Feinbild der Netizen-Bewegungen, welche [Seite 210↓] auf die demonstrierte Einstellung des Staates zu seinen Bürgern reagieren und dabei versuchen, Widerstand zu bündeln.

Der Bericht des Science and Technology Options Assessment Panel (STOA) des Europäischen Parlaments beschreibt die Situation internationaler geheimdienstlicher Abhörtechniken:

Weltweit seien umfassende Systeme implementiert, die jede wichtige Form moderner Kommunikation abfangen und verarbeiten können. […]Rund 120 Abhörstationen sammeln im Simultanbetrieb Aufklärungsmaterial. U-Boote werden routinemäßig benutzt, um Kontinente verbindende Telefonkabel anzuzapfen. Der Bericht kommt zu der Schlußfolgerung, daß das Abhören internationaler Kommunikation seit langer Zeit routinemäßig benutzt wird, um heikle Daten über Individuen, Regierungen, Handelsorganisationen und internationale Institutionen zu sammeln.93

Diese Projekt ist unter dem Namen Echelon bekannt, seine Existenz wurde im April 2000 von der Bundesregierung bestätigt, wenngleich im Juli des gleichen Jahres die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im EU-Parlament abgelehnt und stattdessen ein nicht-ständiger Ausschuss eingesetzt wurde.94 In seinem Abschlussbericht vom September 2001 kam er zu dem Schluss, dass Echelon zwar existiere, mögliche Gegenmaßnahmen aber gering seien. Sanktionen wurden nicht beschlossen.95

Der Niederländische Geheimdienst BVD erhält mit dem Artikel 25a erweiterte Ermittlungsbefugnisse:

Mit diesem Artikel wird der BVD ermächtigt, jegliche internationale Telekommunikation, die nicht über Kabel läuft, flächendeckend abzufangen und nach verschiedenen Dingen von Interesse zu durchforsten (Personen, Gruppen, Schlüsselworte). Laut den zusätzlichen Erläuterungen zu diesem Gesetzesentwurf ist diese Form flächendeckenden Abhörens nötig, um festzustellen, ob irgendwelche interessanten Botschaften Teil der internationalen Kommunikation sind. 96

Die französische Regierung veröffentlichte am 28.06.2000 die „Loi sur la communication audiovisuelle“, wonach Internetprovider dazu verpflichtet sind

bei jeder Veröffentlichung, die nicht eine private Mitteilung ist, dazu verpflichtet, für eine korrekte Identifizierung des dafür Verantwortlichen zu sorgen, um diesen eventuell für seine Äußerungen haftbar machen zu können.97

Anonyme Äußerungen sind damit zumindest in Frankreich bei Gefängnisstrafe bis zu 6 Monaten und 50.000 FF verboten.


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Neue Anti-Terrorismus-Gesetze in England wie die Regulation of Investigatory Powers (RIP) erlauben dem Staat Zugriff auf sämtliche private Telefongespräche und Emails, einschließlich verschlüsselten Materials:

Caspar Bowden, Leiter eines spezialisierten Thinktanks - Foundation for Information Policy Research - schließt daraus: "Mit diesen technischen Möglichkeiten kann die Regierung ohne Gerichtsbeschluss überwachen, welche Websites eine Person besucht. In dem Umfeld, das durch den RIP-Gesetztesentwurf geschaffen wird, wird jeder Computerbenutzer potentiell kriminalisiert und alle Internet Service Provider werden zwangsläufig zu Überwachungszentren."98

Beispiele internationaler Gesetzgebung zur Einschränkung anonymer, verschlüsselter oder privater Nutzung des Internet oder anderer Kommunikationstechniken sind zahlreich, Orwells Vision scheint näher zu rücken („Big Brother“ als Metapher des Überwachungsstaates wurde jedoch vom holländischen Medienproduzenten endemol und dem Fernsehsender RTL2 medial umgeprägt und eignet sich kaum mehr als Sinnbild einer orwellschen Zukunft).

Simson Garfinkel beschreibt in seiner Monographie „Database Nation. The Death of Privacy in the 21st Century“ drei Schritte auf dem Weg zur vollständigen Überwachung:99


[Seite 212↓]

Oscar Gandy unterscheidet elf Kategorien von Daten, die in öffentlichen oder privaten Datenbanken gespeichert und verarbeitet werden:

Persönliche Daten zur Feststellung und näheren Bestimmung der Person
Finanzdaten
Versicherungsdaten
Daten über soziale Absicherung
Daten in Verbindung mit Versorgungsunternehmen
Immobiliendaten
Daten über Unterhaltung und Freizeitverhalten
Daten zum Verbraucherverhalten
Daten über Beschäftigungsverhältnisse
Ausbildungsdaten
Juristisch relevante Daten100

Staatliche Zugriffe auf diese Datenbanken werden durch verschiedene Gesetzesinitiativen vorangetrieben, auch private Organisation bemühen sich um möglichst umfassende Datenprofile, wobei ein Missbrauch des gewonnenen Datenprofils zur Sicherung des Machterhalts oder der Marktmacht nicht ungewöhnlich ist.101

Datenschutz könnte sich zu einem ähnlich brisanten Thema entwickeln wie Umweltschutz, wenn das öffentliche Interesse erst einmal geweckt ist. Doch solange Datenmissbrauch sich auf unverlangt zugesandte Werbung beschränkt, scheint zentralisierte Überwachung noch weit entfernt und das öffentliche Interesse gering.

Dystopische Diskurse wollen vor einer Zukunft warnen, die sich abzeichnet, gegen einen Überwachungsstaat, der die demokratischen Strukturen bedroht:

Die Situation erfordert Widerstand. Das Schlüsselwort ist hier die „alternative Öffentlichkeit“. Es ist notwendig, einen alternativen öffentlichen Ort zu schaffen, wo gut begründete Kritik und ein von Prinzipien geleitetes Denken wichtige Werte repräsentieren. Dabei ist die Befreiung von der absorbierenden Kraft der Massenmedien nötig. Ebenso wichtig ist, dass Graswurzelbewegungen ihre Selbstachtung und den Glauben in sich erneuern.102

Gegen zentrale Überwachungsstrukturen formiert Widerstand sich in der Befreiung von alten Zentren und der Bildung von Netzen.

Der noch fiktive Charakter eines bereits ausgebildeten Überwachungsstaates wird in westlichen Ländern nur von wenigen bestritten, die Mahnung aber ist unüberhörbar, dass wir uns auf ihn [Seite 213↓] zubewegen und dass Informationsnetze die Infrastruktur sein werden, auf denen die Überwachung ruht.

Die Auflösung des Individuums

Joseph Weizenbaum mahnt seit den siebziger Jahren daran, beim Umgang mit Computern die notwendigen ethischen und sozialen Rahmenbedingungen mit zu bedenken. Vor allem die Forschungsfragen der Informatik seien zu restriktiv, um dem Menschen als Subjekt gerecht zu werden. Kronzeugen sind die zwanghaften Programmierer, die Hacker der MIT-Labors. Weizenbaum schreibt dazu:

Das extreme Beispiel des zwanghaften Programmierers zeigt, dass Computer die Macht haben, größenwahnsinnige Phantasien aufrechtzuhalten. Vielleicht fangen wir gerade erst an zu begreifen, dass die abstrakten Systeme – die Spiele, die die Computerfachleute in ihrer unbegrenzten Freiheit von jenen Zwängen schaffen können, die den Träumen der Forscher in der realen Welt Grenzen setzen – zu katastrophalen Ergebnissen führen, wenn ihre Regeln im Ernst Anwendungen finden.103

Die Hacker dienten viele Jahre als Archetyp defizitärer Computernerds, hochintelligent aber sozial retardiert. Ihr Image ändert sich erst langsam zusammen mit der Computerisierung des Alltags. Das Image des Nerd haftet ihnen zwar weiterhin an, aber es gilt nicht mehr als Extrem, nicht seit der Über-Nerd Bill Gates an der Spitze von Microsoft an die Spitze der ökonomischen Welt gelangte. Ein psychologisches Profil von ihm allerdings klingt pathologisch:

Gates weist die klinischen Merkmale dessen auf, was in der Psychiatrie „schizoider Charakter“ heißt: Ausweichen von Nähe, Misstrauen, Kritiksucht und Abwehr von jeglicher Kritik, Autismus, hysterische Wutausbrüche, Sehnsucht nach alles gewährenden Frauen, Verachtung von Schwäche. Gates ist kein Grenzfall. Nicht nur das Geschäftsleben ist voll von Menschen, die charaktergepanzert sind. [...] Von solchen Männern wird die Welt regiert, jedenfalls ein größerer Teil.104

Computer bringen auch in dieser Sicht solches Verhalten nicht hervor, sie unterstützen es nur, indem sie schizoide Charaktere durch ihre Regelhaftigkeit und Emotionslosigkeit faszinieren und in Bann schlagen.

Das Internet kann als Medienverbund diese vom Computer geförderte Rezeptionsform nur verbreiten und die Entfremdung der Menschen von sich und ihren Nachbarn weiter vorantreiben. Dem Individuum droht der Verlust des Realitätssinns, der Unterscheidbarkeit zwischen virtueller und wirklicher Welt.

Diese These ist nicht neu und wird in einer semiotischen Fassung im Poststrukturalismus als „Aufgehen des Subjekts im entgrenzten Spiel der Zeichen“ formuliert. Wenn alles Zeichen ist, Zeichen, die wiederum nur auf andere Zeichen verweisen, wird nicht nur Saussurs Unterscheidung zwischen ‚Bezeichner’ und ‚Bezeichnetem’ hinfällig, sondern auch die Annahme eines [Seite 214↓] aussersemiotischen Weltzugangs. So nimmt es nicht Wunder, dass bekennende Poststrukturalisten, wie die amerikanische Psychologin Sherry Turkle den Verlust der Welt, oder besser, die Ununterscheidbarkeit von Realität und Zeichenwelt ausdrücklich begrüßen. Die Annahme eines kohärenten Ichs als identitätsstiftender Klammer verschiedener Impulse wird zugunsten des Dissoziationskontinuums einer multiplen Persönlichkeit aufgegeben. Die virtuelle Realität der Chat-Räume, der MUDs und der Online-Communities helfen, die vielfältigen und facettenreichen Personen zu entdecken und auszuleben. Gerne zitiert Turkle den MIT-Studenten Doug, der am Computer in verschiedenen Bildschirmfenstern verschiedenen Tätigkeiten nachgeht, er chattet, spielt in einem Online-Spiel und arbeitet an seinen Physik-Hausarbeiten. Für ihn ist der Unterschied zwischen realem Leben (RL) und virtuellen Rollen längst verschwommen:

Ich spalte mich auf. Das gelingt mir immer besser. Ich kann mich selbst als zwei, drei oder mehr Jemande betrachten. [...] Während ich in einem Fenster in eine Art Streitgespräch verwickelt bin, versuche ich mich im MUD eines anderen Fensters, an ein Mädchen heranzumachen, während vielleicht in einem anderen Fenster ein Tabellenkalkulationsprogramm oder irgendeine andere technische Sache abläuft... Und dann erhalte ich eine Echtzeitmeldung [...], und ich vermute, daß es RL ist. Es ist schlicht ein weiteres Fenster. RL ist nur ein Fenster unter vielen [...] und es ist gewöhlich nicht mein bestes.105

Die Verluste der Einheit der Poststrukturalisten sind insofern nicht tragisch, als dass sie die Geistesgeschichte vom Ballast künstlich stabilisierter Zentren befreien, dem Zentrum einer einheitlichen Bedeutung oder eines kohärenten Individuums als Singularpersönlichkeit. Aus diesem Grund passen sie auch nur am Rande in das Schema dieses Kapitels, insbesondere zu den anderen Autoren dieses Abschnitts, welche mediale Wirklichkeit als Verlust einer wie auch immer gearteten Ursprünglichkeit interpretieren, eine Annahme, die der Poststrukturalismus weit von sich weisen würde (zusammen mit dem künstlich vereinheitlichenden Etikett Poststrukturalismus ). Ich führe sie dennoch an, um dem Verdacht vorzubeugen, enzyklopädisch alle verfügbaren Entwürfe im Zusammenhang mit den Neuen Medien in einem Schema unterbringen und sortieren zu wollen. Der Grund für die Schematisierung ist, wie bereits diskutiert, kein enzyklopädischer.

Der Ende der achtziger Jahre als Hackerjäger bekannt gewordene Astrophysiker Clifford Stoll106 warnt inzwischen vor den Verführungen der Versprechungen der Online-Welt:

Es ist eine unwirkliche Welt, ein lösliches Gewebe aus Nichtigkeit. Während das Internet winkt, um uns mit dem blitzenden Bild der Macht des Wissens zu verführen, verpfänden wir unsere Lebenszeit an einen Unort. Sie ist ein armseliger Ersatz, diese virtuelle Realität, die unendliche Enttäuschungen bereithält und in der – im geheiligten Namen von Bildung und Fortschritt – wichtige Bereiche menschlicher Beziehungen rücksichtslos entwertet werden.107


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Quintessenz seiner Warnungen ist, „daß wirkliches Leben und authentische Erfahrung weit mehr bedeuten, als ein Modem jemals bieten kann.“108 Elektronische Netze bedrohen Teile des Gemeinwesens und führen letztendlich zu einem Verlust von Wärme und Mitmenschlichkeit.

Für Constantin von Barloewen droht im Cyberspace weniger der Verlust des realen Lebens als der Verlust der Transzendenz und mit ihr der Verlust der Metaphysik. Der Mensch ist sich seiner Grenzen in der Welt wohl bewusst, „wir ahnen die Grenzen unseres Lebens in ihr. “109 Die Erfahrung dieser Grenzen ist die Erfahrung von Transzendenz im weitesten Sinne, „daß der jeweilige Inhalt der Erfahrung über sich selbst hinausweist. “ (S. 81) Die virtuelle Realität schafft aber nicht mehr als leere Transzendenzen, die auf Erfahrungen beruhen, „die sich auf die Grenzen des Alltags beziehen, den Kreis und die Befugnis des Alltags aber nicht verlassen .“ (S. 81) Virtualität suggeriert die Möglichkeit, die Welt zu konstruieren und setzt den Menschen damit an die Stelle Gottes, eine Leerstelle, die im Zuge einer Säkularisierung von verschiedenen „scheinbaren“ Transzendenzen zu besetzen versucht wurde, „etwa der Nation, der klassenlosen Gesellschaft, der ‚Befreiungen’ verschiedener Art “ (S. 82). Die Gefahr dieser Theophanie ist die Gefahr der Virtualität.

Der Umzug des Menschen in den Cyberspace ist Symptom einer Krise, der die Kultur sich ausgesetzt sieht, einer Kultur, deren Grenzen zusammen mit Zeit und Raum, mit Wirklichkeit und Zwischenmenschlichkeit hinfällig werden:

Der Raum ist nicht mehr zwischen einem Hier und einem Anderswo aufgeteilt, zwischen dem Nahen und dem Weiten. Die Distanzen werden ausgelöscht, bewegen sich auf einen Nullpunkt hin. Folglich sind wir konfrontiert mit einem starken Risiko des Wirklichkeitsverlustes, eine zivilisatorische Entgleisung droht: Das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper, ja zu der Welt an sich ist in Gefahr, aber auch die Beziehung des Menschen zum Anderen und schließlich, hiervon extrapoliert, zum völlig Anderen – zu Gott. Es liegt im Wortsinne eine Entwirklichung der Zivilisation vor, weil das Virtuelle verstärkt für das Wirkliche gehalten wird. Die Welt der Dinge wird mit der Welt der Bilder verwechselt, die Maschine tritt an die Stelle Gottes und versucht ihm zu gleichen, die Entfernung wird zur Nähe, die Klonierung des Menschen wird mit dem Menschen selbst verwechselt, die Telesexualität tritt an die Stelle der Zwischenmenschlichkeit. Freilich, die Menschen sind nicht daran gewöhnt, in dieser anderen Welt des Cyberspace zu leben. (S. 83)

Zu leicht wäre es, Barloewen die Fiktionalität seines Entwurfs vorzurechnen und darauf hinzuweisen, dass er in seiner Radikalität weder durch die technische Entwicklung noch durch die Rezeptionsweise der Internetnutzer gestützt wird. Vielmehr ist er Ausdruck einer Sorge über eine mögliche Richtung kultureller Entwicklung.

Aus den Randgebieten der akademischen zur ideologischen Wissenschaft stehen die Schriften der anthroposophischen Initiative, deren Autoren ebenfalls ihre Sorge um den schädlichen Einfluss [Seite 216↓] virtueller Realitäten auf die Entwicklung des Individuums ausdrücken. Heinz Buddemeier sieht Cyberspace als Versuch, aus der realen Welt in eine Traumwelt zu entfliehen:

Cyberspace ist von allen technischen Medien, die bis jetzt erfunden wurden, am geeignetsten, dem Eskapismus zu dienen, dem Versuch also, sich dem Alltag und den mit ihm zusammenhängenden Problemen zu entziehen.110

Eine solche Weltflucht hat natürlich Konsequenzen:

Cyberspace wird dazu führen, dass die Bereitschaft zur Bewältigung und Gestaltung des wirklichen Lebens weiter nachlässt. Das wird sich zum Beispiel darin zeigen, daß die Fähigkeit, die Wirklichkeit angemessen zu beurteilen, schwindet. Schon jetzt lässt sich beobachten, daß die öffentliche Auseinandersetzung über drängende Probleme dau neigt, nebensächliche Details in den Mittelpunkt zu stellen.111

Wer so spricht, beansprucht einerseits für sich die schärfere und bessere Sicht auf die Dinge, auf die Details, die wirklich wichtig sind. Die zugrunde liegende Annahmen der Medienwirkung ähnelt dabei derjenigen der Frankfurter Schule: Der Mensch steht dem Schalten und Walten der Medien hilflos gegenüber, kann zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden, so dass letztere in Gefahr steht, vergessen zu werden:

Bedroht ist vor allem die menschliche Begegnung und das gemeinsame Gespräch. Das hat lange vor den elektronischen Medien begonnen, nur deshalb konnten sie sich, als Ersatz, ausbreiten. [...] Bedroht ist auch das Verhältnis zur Natur. Die tiefe Freude, die ein Sonnenaufgang schenken kann, setzt tätige Empfänglichkeit voraus und Vertrauen in die Schöpfung. Beides zerstört der kybernetische Raum.112

Cyberspace und virtuelle Realität geraten zur Ersatzdroge, eine Metapher, die z.B. auch Felicia Vogt in Anschluss an Georg Rempeters benutzt:

Existentielle Unsicherheit und Haltlosigkeit, soziale Einsamkeit und Sinnverlust werden sich damit aus dem intensiven Konsum der VR-Technik ergeben. Das sind Merkmale, die jeden Süchtigen kennzeichnen, und so spricht Rempeters auch folgerichtig von „Technik-Droge“. Therapie und Prävention werden damit auf diesem Gebiet genauso vorgehen müssen, wie sie es auf dem Gebiet der Droge oder anderer suchterzeugender Mittel tun.113

Die Gefahr der Sucht, in symbolische Nebenwelten zu flüchten, sieht Kimberley Young bereits im exzessiven Umgang mit dem Internet, mit Chaträumen und Online-Foren. In der von ihr initiierten Selbsthilfegruppe netaddicts 114 berichten Betroffene über die Auswirkung ihrer Sucht auf alle Bereiche des Lebens:


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Lassen Sie uns einen Augenblick innehalten und einen Blick zurück auf die Probleme werfen, die mit der Internetsucht verbunden sind. Verlust des Arbeitsplatzes. Ausschluss aus dem College oder der Universität. Zusammenbruch bei Jugendlichen. Familienkrisen. Pädophile, die sich an Kinder heranmachen. Zerrüttete Ehen. Unkontrollierte häusliche Gewalt. Zunehmende Depression. Erhöhte Angstgefühle. Steigende Schulden. Vertrauensbruch. Geheimnisse, Lügen und Vertuschungsmanöver.115

Young ist durchaus keine Vertreterin eines einseitigen Technikdeterminismus, die dem Internet die alleinige Schuld an den dargestellten Problemen zuschreibt. Doch setzt sie die Zahl der Netzsüchtigen bei mindestens 10% an, angesichts ihrer Umfragen über die Entwicklung des Suchtverhaltens „ist die Zahl von Internetsüchtigen vielleicht beträchtlich höher – und nimmt täglich zu. “116 Sie mahnt, dass die „dunkle Seite des Cyberspace “, die darin besteht, Probleme des „wahren“ Lebens nicht mehr adäquat bewältigen zu können, somit „nicht nur eine kleine Ecke im Keller ist, sondern unsere gesamte Gesellschaft erfasst hat. “117

Gene Rochlin stellt die Frage, „Are the computer is taking over? “118 und beobachtet die zunehmende Übernahme von Entscheidungen und Verantwortung an Computer. Globale Börsen- und Finanzmärkte sind lange schon ohne Computer undenkbar, zunehmend wird auch militärisches Wissen in „intelligente“ Kriegsmaschinen verpackt, um den Unsicherheitsfaktor Mensch auszuschalten. Je unsichtbarer und selbstverständlicher Computer in gesellschaftlichen Zusammenhängen werden, desto wichtiger ist es, sich zu erinnern,

they are also idiots, having no information other than what has been supplied them and capable of doing no more than what was programmed into them. [...] Over the time, they will be increasingly out of sight, but they must never be out of mind. Otherwise it is we, and not the computers, who will become invisible idiots.119

Die extremste Form der Sorge um enthumanisierende Wirkung der Computer äußerte Bill Joy in seinem Artikel „Why the future doesn’t need us“.120 Joy, dessen Thesen sich auf Veröffentlichungen des Robotikers Ray Kurzweill stützen, befürchtet nicht weniger als die Verdrängung der Gattung Mensch durch die Maschinen. Im Gegensatz zu Kurzweill, Moravec oder Minsky sieht er aber nicht den Weg zu Unsterblichkeit anbrechen, sondern „es drängte sich mir der Gedanke auf, dass ich mich möglicherweise an der Entwicklung von Instrumenten beteilige, aus denen einmal die Technologie hervorgehen könnte, die unsere Spezies verdrängen wird. “121


[Seite 218↓]

Seine Konsequenz ist daher der heroische Aufruf zu Verzicht: „Wir müssen auf die Entwicklung allzu gefährlicher Technologien verzichten und unserer Suche nach bestimmten Formen des Wissens Grenzen setzen. “

Verlust individueller Freiheit in einer internalisierten Disziplinargesellschaft

Orwells Vision brauchte einen Staat, der seine Bewohner mit Gewalt vom Widerstand abhalten musste. Demgegenüber steht Huxleys Welt, in welcher die Menschen Entscheidungsmacht freiwillig abgetreten haben und sich aktiv an ihrer Unmündigkeit beteiligen. Die Metapher der „Schönen neuen Welt“ wird daher von Medienkritikern eingebracht, die bei dem Publikum der Gegenwart bereits jenes unkritisch konsumierende Konsumverhalten diagnostizierten, das die Grundlage von Huxleys Entwurf bildet. Ihre Diagnose, neben der sich die vom Verschwinden des privaten Raums noch bescheiden ausnimmt, ist die der freiwilligen Opferung der Wirklichkeit zu Gunsten der Virtualität. Dieser Prozess wird von den politischen und ökonomischen Eliten zum Zwecke des eigenen Machterhalts unterstützt und gefördert. Der Mensch ist dabei, sich in technische Ersatzwelten zurückzuziehen, so er noch nicht vollständig angekommen ist. Der amerikanische Medienkritiker Neil Postman diagnostizierte dem Fernsehen bereits 1985, alles in Unterhaltung zu verwandeln und die Verdummung der Gesellschaft durch einen Non-Stop Amüsierbetrieb voranzutreiben.122 Im Gegensatz zu den Repressalien eines Staates, der sich gegen seine Bürger wendet, ist die freiwillige Unterwerfung unter medienpräsentierte Klischees und vorgebildete Meinungen subtiler und wirkungsvoller, weil sie wenig Widerstand hervorruft, die sich zusätzlich mit der Masse der Zufriedenen auseinandersetzen müssen. Horkheimers und Adornos Kritik an der Kulturindustrie beeinflußte Generationen von Kulturkritikern, welche in Medien zunächst eine Bedrohung der Aufklärung und der Freiheit sehen. So ist es wenig verwunderlich, dass auch die Informationsgesellschaft lediglich die Fortsetzung der Disziplinargesellschaft sein wird. Neben staatlichen Machtinteressen spielt die ökonomische Rationalität eine entscheidende Rolle.

Mit der Informationsgesellschaft sieht die Demokratie sich ihrer stärksten Bedrohung ausgesetzt. Immer mehr Macht liegt in den Händen weniger Informations-Kartelle, wie dem Murdoch-Imperium, Bertelsmann, AOL/Time-Warner oder Microsoft . Das Verschwinden von Wahlmöglichkeiten, der Grundlage der Demokratie, wird von den Bürgern allerdings nicht als Verlust wahrgenommen, wird Politik doch als mediales Spektakel in Echtzeit inszeniert: „VOLKSENTSCHEID: DIE SENDUNG. “123 Paul Virilio fürchtet, die Demokratie werde diese Anforderung nicht überstehen:


[Seite 219↓]

Les multimédias nous mettent face à une question: pourrons-nous trover une démocratie du temps réel, du live, de l’immediateté et de l’ubiquité? Je ne le pense pas, et ceux qui s’empressent de dire oui ne sont pas très sérieux.124

Die Informationsgesellschaft wird allein wirtschaftlich gut funktionieren, denn das ist ihre eigentliche Entwicklungsrichtung:

Obwohl die cybernetische Revolution angeblich auf der Beschleunigung der Kommunikation beruht, geht es ihr in Wirklichkeit darum, die Welt in den Begriffen der Informationsverarbeitung neu zu gestalten, die Anzahl sinnvoll verarbeitbarer Nachrichten zu erhöhen und die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu nutzen.125

Der reibungsfreie Ablauf der Gesellschaft aber geht auf Kosten der Menschen, die sie formen. Bis auf eine kleine Informationselite wird die Masse hinter Bildschirmen oder in virtueller Realität versinken und zum manipulierbaren Faktor wirtschaftlicher Interessen werden. Im Gegensatz zu Orwells Vision bemerken sie das Schwinden persönlicher Freiheit nicht, vielmehr helfen sie bei ihrer Abschaffung mit. Das ist der qualitative Unterschied zwischen „1984“ und der „Schönen neuen Welt“, zufriedene und ruhig gestellte Menschen werden ihre Situation nicht ändern wollen:

‚Industrial civilisation is only possible when there’s no self denial. Self indulgence up to the very limits imposed by hygiene and economics. Otherwise the wheel stops turning.‘‚ You’d have a reason for chastity!‘ said the Savage, blushing a little as he spoke the words. ‘But chastity means passion , chastity means neurasthenia. And passion and neurasthenia means instability. And instability means the end of civilisation. You can’t have a lasting civilisation without plenty of pleasant vices.‘126

Hier liegt auch ein wichtiger Unterschied zur Netizen-Bewegung: wenn John Perry Barlow feststellt: „Heutzutage dienen zentralisierte Regierungen überhaupt keinem vernünftigen Zweck mehr. Das einzige was sie wirklich können, ist im Wege stehen “127 , dann drückt sich darin die Hoffnung aus, eine marode Staatsform durch eine virtuelle Basisdemokratie überwinden zu können. Bei Barlow und Huxley ist die Freiheit des Einzelnen umgekehrt proportional zur Macht des Staates. Während die Cyber-Citizen-Bewegung auf den Widerstand gegen die Staatsmacht setzt, gehen Kulturkritiker wie Postman, Brown oder Virilio davon aus, daß die politischen und ökonomischen Eliten, als Verkörperung zentralisierter Macht, die Zukunft prägen werden. Im Gegensatz zum utopischen Diskurs einer Neoaufklärung bei Negroponte oder Levy geschieht dies auf Kosten der Freiheit des Individuums.

Dabei gräbt die Gesellschaft selber an ihren freiheitlichen Fundamenten. Durch dezentrale Datensammlungen privater Unternehmen entsteht ein Netz an Datenbanken, in denen der Verlauf eines gesamten Lebens gespeichert und nachvollzogen werden kann. Kameras überwachen öffentliche [Seite 220↓] Plätze zur Sicherheit der Bürger, Kreditinstitute und Händler virtualisieren das Geld zur Erhöhung der Kundenbequemlichkeit. Die Vorteile für den Einzelnen liegen auf der Hand, doch darüber hinaus:

werden Konsumenten durch Konsum als solchen diszipliniert und dazu gebracht, sich an die Regeln zu halten, „brav“ zu sein, nicht weil dies vom Moralischen her besser ist, als „unartig“ zu sein, sondern weil man sich keine Alternative dazu vorstellen kann, außer der, nicht mehr in den Genuß der Vorteile zu kommen.128

Auch zielen diese Systeme vernetzter Datenbanken gleichzeitig auf Identifizierung derer, die sich ihrer als unwürdig erweisen, weil sie zu arm oder zu unzuverlässig sind oder zu einer anderen Risikogruppe gehören:

Das Ergebnis ist eine Art gesellschaftlicher Auslese: Bestimmte Menschen werden von der uneingeschränkten Nutzung ihrer bürgerlichen Rechte ausgeschlossen, nicht im Rahmen des Staates, sondern in der bürgerlichen Gesellschaft.129

Die Entwicklung von der externen Kontroll- zur internalisierten Disziplinargesellschaft erfolgt unter Zustimmung, teilweise expliziter Forderung der Mehrheit ihrer Bürger, welche mit den Vorteilen und Bequemlichkeiten den Ausschluss der Risikogruppen, von den jede für sich immer eine kleine Minderheit darstellt, in Kauf nimmt.

Vernetzte Zukunft

Im ersten Abschnitt habe ich einen kulturhistorischen Rahmen aufgespannt, in welchem – so die These – Vorhersagen sich entfalten. Im zweiten Abschnitt wurden eine Reihe sich teilweise ergänzender, teilweise widersprechender Vorhersagen anhand populärer Diskurse vorgestellt, die sich in dem angesprochenen Rahmen bewegen.


[Seite 221↓]

Die dargestellten Zukunftsentwürfe widersprechen sich nur in seltenen Fällen, vielfach legen sie den Schwerpunkt auf verschiedene Aspekte und können durchaus nebeneinander bestehen, wenn sie in ihrem Geltungsbereich relativiert werden. Ist beispielsweise anthropologisch von „dem Menschen“ (Bolz: „Der Mensch rastet in Schaltkreise ein “130 ), kollektivistisch von „uns“ (von Barloewen: „Cyberspace ist unsere neue Heimat “131 ) oder „wir“ (Guggenberger: „Noch keinem ist heute jener Ozean der Künstlichkeit vorstellbar, in welchem wir in Kürze alle schwimmen werden “132 ) die Rede, dann ist eine solche Verallgemeinerung von individueller Wahrnehmung auf gesellschaftliche Dimensionen zumindest fragwürdig. Zweifelsohne gibt es Beispiele und gute Argumente, die für das Verschwinden des privaten Lebens, für die Abnahme demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten und für den Zuwachs staatlicher Einflussnahme sprechen oder eben für ihr Gegenteil. Denkbar sind Szenarien, welche diese drei Punkte in sich vereinen oder eben ihr Gegenteil. Damit will ich nicht alle Entwürfe qualitativ gleichwertig nebeneinander stellen, es gibt durchaus feine Analysen und grobe Skizzen. Persönlich würde ich die Netzeuphorien nicht unterschreiben wollen und neige eher zu einer kritischeren Position, welche den Einfluss und die Beharrlichkeit bestehende Machtkonstellationen und gesellschaftlicher Unterschiede stärker berücksichtigt. Dennoch halte ich medienapokalyptischen Kulturpessimismus für ähnlich übereilt.

Auf der anderen Seite ist die Überzeugung verbreitet, daß wir erst die Vorbeben einer noch umfassenderen Revolution erleben, daß die alten Strukturen sich natürlich noch wehren gegen ihre Auflösung, daß es noch zwei Generationen dauern kann, ehe der Horizont auch nur absehbar ist, auf den die Gesellschaft zusteuert, daß Cyberculture eine Avantgarde ist, der zwar eine Mehrheit gegenübersteht, diese aber zu einer aussterbenden Rasse der „information poor“ gehören,

that there is such a thing as the info-haves and have-nots - this is equivalent to a 1948 Mute whining that there were TV-haves and have-nots because television penetration had yet to become universal.133

Natürlich hat jeder aufgrund persönlicher Erfahrung, Gespräche, Lektüre, Hintergrundwissen etc. eine mehr oder minder differenzierte Meinung über die Zukunft und wenn in Gesprächen und Diskussionen das Thema auf die Zukunft des Internet kommt, kann jeder sich inzwischen aus einem reichen Fundus an Argumenten, Metaphern, Entwicklungen, Gerichtsentscheidungen etc. bedienen, um ein beliebig düsteres oder helles Bild zu entwerfen. Wenn sie auch nicht in einem simplen Portfolie verortbar sind, so decken sie inzwischen jeden Winkel eines solchen ab. Die Zukunft wird sowenig eindeutig sein, wie die Gegenwart. Kein Szenarium wird unter Ausschluss der anderen für [Seite 222↓] alle Menschen zutreffen, insofern können viele von ihnen Recht behalten und alle falsch liegen. Die Gestaltung der Zukunft ist ebenso wie die Diagnose der Gegenwart ein kultureller Prozess und es wäre wenig fruchtbar, Zukunftsentwürfe gegeneinander zu lesen.

Aus diesem Grund soll nicht die Spekulation nach Plausibilität oder Wahrheitsgehalt die weitere Untersuchung leiten, sondern die Fragen: „Was passiert da?“ Wieso stellen sich die Aussichten auf die Informationsgesellschaft so unterschiedlich dar?, und gibt es hinter der Vielfalt einen gemeinsamen Kern, eine Annahme, die den Diskursen zugrunde liegt?

Um die letzte Frage zuerst aufzugreifen: Der gemeinsame Kern der Entwürfe ist der dominante Charakter von Vernetzung im Allgemeinen, der des Internet im Speziellen. Wie argumentiert wurde, ist keiner der Diskurse in sich neu, jeder wurzelt thematisch in verschiedenen Traditionen und hat sowohl Leitmetaphern als auch Argumente erneuert, Vernetzung aber ist das Gravitationszentrum, um das sie sich anordnen.

Ob das Internet wirklich der wirtschaftliche Motor des 21. Jahrhunderts werden wird, ob Cyberspace wirklich ein Raum für den menschlichen Geist bietet, ob das Datennetz wirklich den Weg zur lückenlosen Überwachung geht, das sind Spekulationen, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit nicht entscheidbar sind. Dass aber das Phänomen der Vernetzung zu all diesen Ideen und Phantasien Anlass gibt, ist offensichtlich, so offensichtlich, dass es als Selbstverständlichkeit keines Kommentars wert zu sein scheint. Dennoch möchte ich die Aufmerksamkeit auf genau diese Selbstverständlichkeit verlagern und auf den begrifflichen, hermeneutischen und empirischen Grundlagen des bislang Ausgeführten die These formulieren:

Das Internet popularisiert die Wahrnehmungsdimension der Vernetzung. Als kulturelles Paradigma fordert diese die Neuschreibung und Umgestaltung bestehender Diskurse und Praktiken, um in die bestehenden Perspektiven eingegliedert zu werden.

Die Neugestaltung des Diskurses der Zukunft wurde bereits betrachtet. Optimistische oder pessimistische, technikeuphorische oder kulturkritische, alle liefern Argumente und Metaphern, um das neu entdeckte Organisationsprinzip in ihre Zusammenhänge einzubetten. Damit einher geht die Umdefinierung bestehender Praktiken (z.B. Tele-Arbeit und E-Commerce), Kommunikations- (z.B. Email und Mobiltelefon) und Umgangsformen (Netiquette oder der Umgang mit nichtmateriellen Fremden). Weder über Bedeutung noch Gewichtung der neuen Dimension herrscht Einigkeit, der Prozess der Aushandlung ist im vollen Gange und angesichts der noch anstehenden Technologien weit von einem Gleichgewicht entfernt. Den Schwerpunkt ausgewählter Themen hatte ich in das Verhältnis von Informationstechnologien zu Individualität und gesellschaftlichem Vertrauen in Eliten gelegt. Ebenso ließe sich z.B. der ökonomische Diskurs auffächern: E-Commerce als Versandhauskatalog weniger Großunternehmen wie Amazon oder Zusammenbruch der Zwischenhändler-Infrastruktur durch Direktmarketing und -distribution. Ähnliches gilt für Diskurse [Seite 223↓] der Bildung, Freizeit, Arbeit etc. Der Diskursmarkt ist groß und wächst weiter, alle Entwürfe aber kreisen um das Thema Vernetzung .

In Kapitel 1 hatte ich die Hoffnung geäußert, kulturelle Dynamik an den Diskussionen um die neuen Medien beobachten zu können und tatsächlich beruht die Schärfe und Vehemenz der Diskurse auf der Art des betretenen Neulands, das es zu besiedeln gilt. Exemplarisch am Fall des Y2K-Bugs aufgelistete Gründe für Zukunftsprognosen gelten natürlich auch in dem viel umfangreicheren und komplexeren Problem der Definition und Beschreibung gegenwärtiger oder zukünftiger Entwicklungen. Ob aber Begriffe wie „virtuelle Gemeinschaft“, Global village“, „Telepolis“, „Cyber Society“, „Wissens-“ oder „Informationsgesellschaft“ wirklich substanzielle Unterschiede zueinander aufweisen, ob „Cyberspace“, „Matrix“, „Datenautobahn“ oder „Net“ wirklich unterschiedliche Räume bezeichnen, ist noch zu entscheiden. Doch die Wahl der herangezogenen Metaphern wird aufgrund anhängender Konnotationen und Zitationskontexte schnell zur Beitrittserklärung in bestimmte Diskursgemeinschaften. Solange deren Grenzen noch unklar sind, ist es günstiger, eigene Neologismen einzubringen, weniger in der Hoffnung auf breiten Erfolg als in der Zurückweisung unliebsamer Kontexte. Also werden die „Generation @“ und die „Generation N“, die „dot-coms“ und „Netizens“, der schon fast vergessene „Internaut“ und die noch neue „Generation e“ weiterhin die Beiträge bevölkern, die so wichtig sind, um die neue Dimension in neue und bestehende Weltbilder einzubinden.

An dieser Stelle weise ich noch einmal darauf hin, dass es mir nicht darum geht, den Dreisprung zu schaffen, alle greifbaren Vorhersagen aufzulisten, ihre Grenzen aufzuzeigen um im Anschluss eine wie auch immer geartete Synthese zu versuchen. Die undiskutierbar produktive Stärke der von mir in ein künstliches Ordnungsschema gezwängten Entwürfe ist es, Bausteine zu liefern, mit deren Hilfe innerhalb der neuen Perspektivenkonstellation eine Positionen bezogen werden kann. Mein Blick richtet sich weniger auf die Auswirkungen des Internet im Speziellen, sondern auf die Tatsache, dass diese Gegenstand von Verhandlungen sind, dass sie nicht einfach technikdeterministisch eintreffen, sondern Beispiele sind für die zahllosen Diskussionen, Machtkämpfe, Produktionen, Werke und Äußerungen, welche eine Kultur ausmachen.

In diesem Blick ist Kultur nicht ein gemeinsam geteiltes System von Regeln, Werten und Normen, sondern die Kenntnis um die verhandelten Positionen und Perspektiven. Das (mit Einschränkungen) eingrenzbare Regel-, Werte und Normensystem kennzeichnet Teilkulturen, Gruppierungen, die sich um gemeinsame Vereinbarungen, Symbole und Überzeugungen bilden und aus ihnen ihre Identität schöpfen. Eine Kulturgemeinschaft reproduziert sich durch ihre nicht notwendig diskursiven Verhandlungen, in denen äußere und innere Veränderungen in die bestehenden Weltsichten integriert werden. Im Falle des Internet lassen sich diese Verhandlungen sehr gut beobachten, eben weil die Veröffentlichungen so vielfältig und die Wirkungsfelder so reichhaltig sind. Doch nicht nur Diskurse [Seite 224↓] werden neu geschrieben, auch kulturelle Praktiken ändern sich. Wird dieses Thema im nächsten Kapitel ausführlich diskutiert, soll im letzen Abschnitt dieses Kapitels noch kurz auf Veränderungen des Umgangs mit der Zukunft und ihrer Prognose eingegangen werden.

Vorwegnahme der Zukunft

Eine Geschichte der Wahrnehmung zeitlicher Kategorien wie die der Zukunft ist Teil der Mentalitätsgeschichte und viele ihrer Perspektiven sind mit den neuen Medienverhältnissen starken Veränderungen unterworfen, so auch die der Zukunft.

Der zeitliche Horizont der Zukunft ist stark gekürzt. Das bedeutet keine Rückkehr in eine mittelalterliche Zeitvorstellung mit seiner eschatologischer Naherwartung. Der durch Naturwissenschaften begründete Zeitrahmen von mehreren Milliarden Jahren, welche die Erde noch vor sich hat, ist ungebrochen. Wenn hier von einer Verkürzung des Zukunftshorizonts die Rede ist, so bezieht sie sich auf Planungsaktivitäten: Starke Bewegungen am Arbeitsmarkt führen zum Abschied von der lebenslangen Bindung an einen Arbeitgeber. Hohe Anforderungen an Mobilität und Ausbildung lassen das Häuschen im Grünen, mittelständischer Traum eines ruhigen und stabilen Lebens, nur noch als Ferienwohnung attraktiv erscheinen. In Schulen und Universitäten vermitteltes Wissen ist in wenigen Jahren obsolet, neue Anforderungen an den Ausbildungskanon kommen monatlich hinzu. Nur mit erheblichem Aufwand gelingt es selbst interessierten Anwendern, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten, sprichwörtlich ist der Computer, der bei seinem Kauf schon veraltet ist. Vertriebe, die mit gefüllten Beständen an Ersatzteilen die nächste Halbleiterentwicklung verschlafen, sind ruiniert, kommt ein Neukauf doch meist preiswerter als eine Reparatur.

Beschleunigung als Symptom der Gegenwart ist hinreichend kommentiert und kritisiert worden und allmählich setzt sich die Überzeugung durch, dass die technische Entwicklung nicht innerhalb weniger Jahre zu einem neuen Gleichgewicht finden wird. War Veränderung bislang die Bewegung zwischen zwei stabilen Zuständen, so entwickelt sie sich zur Normalität des Lebensalltags. Mit der grundsätzlichen Unvorhersehbarkeit der Entwicklung schrumpft der Erwartungshorizont auf wenige Jahre zusammen.

Mit ihm verschwimmt auch die Vorstellung der Zukunft als einheitlicher Zeitraum. Zu verschieden sind die Ansätze und Sichtweisen, als dass sie noch zusammengehalten werden können. Der Entwurfscharakter der Zukunft tritt nach ihrem Verlust immer deutlicher zu Tage.

Das Modell, das erste Drittel seines Lebens mit der Ausbildung für die Arbeit im zweiten Drittel verbringen zu können, von dem man sich im letzten Drittel erholt, muss neu überdacht werden, wenn handlungsrelevantes Wissen immer schnellere Zyklen durchläuft. Generelle Anleitung zum selbständigen Lernen sowie punktuelle Ausbildung bei Bedarf erfordern eine didaktische, [Seite 225↓] organisatorische und konzeptionelle Umorientierung, die unter dem Stichwort Life Long Learning oder Lebenslanges Lernen zusammengefasst wird. Die Befähigung zum lebenslangen Selbststudium kann dabei nur auf Kosten institutionalisierter Bildungseinrichtungen erfolgen:

Wir sollten Lehre und Schule in diesem Prozeß zurücknehmen zugunsten einer fortwährenden, lebenslangen Chance des Wissenserwerbs. Andere Formen der Vermittlung, Fort- und Weiterbildungsangebote als Kurse, als Zeitschriften, als Bücher, in den Medien, in Digitalen Speichern und als Netzangebote können an die Stelle des nicht länger haltbaren Modelles einer initialen Ausbildung in den ersten drei Lebensjahrzehnten treten. 134

Der Einfluss der Vernetzung als kulturelles Paradigma formt aber nicht nur den Diskurs um die Zukunft, wie er weiter oben ausführlich diskutiert wurde. Auch der Umgang mit Zukunft ist von der Digitalisierung betroffen. Planung als Vorwegnahme der Zukunft zum Abschätzen des eigenen Handlungsspielraums ist als Tätigkeit eng an die Vorstellung von Zukunft geknüpft. Roger Minois unterscheidet die Zeitalter der Orakel, der Prophezeiung, der Astrologie, der Utopie und der wissenschaftlichen Prognosen.135 Während keine dieser Diviantionstechniken gänzlich verschwunden ist, gibt es laut Minois in jedem Zeitalter eine vorherrschende Methode, gegenwärtig dominiert unbestreitbar die wissenschaftliche.

Hier ist eine deutliche Verschiebung hin zu digitalen Entwürfen festzustellen: Computerunterstützung bei Planung und Entwurf, Computer Aided Design (CAD), Simulation und digitale Modellierung. Komplexe Gegenstandsbereiche scheinen nur noch mit der Rechenleistung von Großcomputern zu bewältigen.

Folgt man Pierre Levy, dann bedeutet der Übergang von Theorien zu Modellen für die Produktion, Verwaltung, Verteilung und Aneignung von Wissen einen vergleichbar fundamentalen Schritt wie der von Oralität zur Literalität. Anhand der Untersuchungen von Goody, Havelock, Ong, Leroi-Gourhan und McLuhan zeichnet er die Geschichte und Wirkung der Schriftlichkeit nach. Deren Thesen sind bekannt und sollen hier nur in groben Zügen wiederholt werden, um zu Levys Fortsetzung zu kommen und diese für meine Frage nach dem Umgang mit der Zukunft nutzbar zu machen.136 In oralen Kulturen, vor den Verbreitungsmöglichkeiten von Erzählungen durch Schrift, speiste sich Wissen aus Überlieferungen, Ritualen und Mythen (p. 93 ff). Das kulturelle Gedächtnis umfasste nicht mehr als drei Generationen und zeichnete sich durch dynamische Umgestaltung der überlieferten Geschichten an die jeweiligen Bedürfnisse aus. Der Übergang zur Schriftlichkeit ermöglichte es, Erfahrungen festzuhalten und nachfolgenden Generationen verfügbar zu machen: mit der Schrift entsteht die Möglichkeit von Geschichte (p. 106). Wissen kann vom jeweiligen Entstehungskontext [Seite 226↓] getrennt, abstrahiert, überliefert und gelernt werden. Derart geordnetes Wissen wird in einer durch Schrift ermöglichten Wissensform systematisiert: der Theorie (p. 102), die ihrerseits Bedingung für Wissenschaft ist.

Der Einfluss oraler, mythischer und magischer Weltentwürfe wird durch das Projekt Wissenschaft zurückgedrängt, Theorien lösen ab dem 15. Jahrhundert die Mythen als dominante Wissensform ab, wenngleich diese als common sense z.B. in Form von Sprichwörtern und Redensarten im Alltagsbewusstsein zurückbleiben.

Mit der Möglichkeit, eine Vielzahl von Beobachtungen, Daten und ihre hypothetische Beziehung in Echtzeit darzustellen, wie es der Computer ermöglicht, tritt nun erneut eine Verschiebung dominanter Welterklärungsmethoden ein. Weniger mit Hilfe von Theorien, welche verschiedene Hypothesen zusammenhalten sollen, als vielmehr durch die in digitalen Modellen und Simulationen codierten Annahmen über komplexe Zusammenhänge werden wissenschaftliche Prognosen bestimmt:

Les théories, avec leur norme de vérité et l’activité critique qui les accompagne, cèdent du terrain aux modèles, avec leur norme d’efficience et le jugement d’à-propos qui peréside à leur evaluation. Le modèle n’est plus couché sur le papier, ce support inerte, il tourne sur un ordinatuer. C’est ainsi que les modèles sont perpétuellementrectifiés et améliorés au fil des simulations. Un modèle est rarement définitif. (p. 136)

Levy stellt drei „Pôles de l’Esprit“ gegenüber: den „Pôle d’oralité primaire“, den „Pôle de l’écriture“ sowie den „Pôle informatico-médiatique“ (p. 143) Diese sind nicht als Stufenfolge zu verstehen, dominieren aber in jeder Epoche das kulturelle Verständnis von Zeit und Raum, das Verhältnis der Menschen untereinander, ihren Zugang zum kollektiven Gedächtnis und die kanonische Wissensform.

Levys Dreischritt „ist in der Ideengeschichte tatsächlich ein solcher Gemeinplatz, dass er kaum mehr irgendwo in einem intellektuellen Werk auftaucht. “137 Gary Chapmans Kommentar zu Originalität von Tofflers „drei Wellen“ lässt sich natürlich auch auf Levys analogen Versuch übertragen, Kulturgeschichte allzu pointiert zusammenzufassen. Man braucht sich jedoch seinem globalen Entwurf nicht anzuschließen, um einen wichtigen Punkt herauszugreifen: Der zunehmende Einfluss digitaler Modelle und Simulationen im Zukunftsentwurf.

Forscher, die sich mit Aufbau und Einsatz von Simulationen in verschiedenen Kontexten befassen, sind sich über den fiktiven Charakter ihrer Modelle bewusst, „Simulation in general is to pretend that one deals with a real thing while really working with an imitation. “138 Dieses „So-Tun-als-ob“ teilt die [Seite 227↓] Simulation mit dem Spiel:

Simulation ist nichts anderes als ein Spiel, das nach bestimmten Regeln abläuft und mit dazu geschaffenen Vorrichtungen betrieben wird […] Seine Eigenschaften lassen sich in die folgenden sieben Stichpunkte gliedern […]:

1. Festlegung des Simulationszweckes […]
2. Auswahl des Wirklichkeitsausschnitts […]
3. Festlegung der Modelle […]
4. Festlegung der Interaktion […]
5. Festlegen der Ergebnisgrößen […]
6. Präsentation der Ergebnisse […]
7. Regie[…]139

Wie in Kapitel 3 diskutiert, ist die Verknüpfung von Spiel und Technik Grundlage des Umgangs mit Computern, die Bedingungen, die dieser bei Interaktionen voraussetzt. Dass sie hier bei der Frage nach Zukunftsentwürfen wieder auftauchen ist keineswegs ein glücklicher Zufall. Die kulturelle Praxis der Vorwegnahme der Zukunft verlagert sich hin zu digitalen dynamischen Modellen im Computer, dessen Voraussetzungen die Bedingungen der Planungstätigkeit stellt. Computer erzeugen symbolische Welten, wobei es ihnen gleichgültig ist, ob die Spielwelt Sim City, Weather Forecast oder Global Thermonuclear War heisst.

In der Simulation wird so getan, als ob ein Wirklichkeitsausschnitt die Realität sei (Schritt 2). Der Ausschnitt wird in Parametern und deren Beziehungen modelliert (Schritt 3). Diese hängen nicht linear kausal zusammen, sondern sind in Tabellen zu einem Netz von Interdependenzen geknüpft. Die Art, wie Annahmen über die modellierte Welt in das mathematischen Modell eingeschrieben werden, ist der wesentliche Unterschied zwischen Simulation und Thoerie. Wie diese mißt sich der Erfolg der Simulation an der empirischen Überprüfbarkeit der Ergebnisse, an der Qualität der Voraussagen. Eine mathematisch formuliertes Naturgesetz, wie z.B. die Beugung von Licht beim Übergang in ein anderes Medium, lässt sich problemlos in einer Simulation abbilden, um dabei den Einfluss verschiedener Medien auf den Lichtverlauf zu untersuchen. Hinter einem Modell, wie Meadows es mit gekoppelten Differentialgleichungen in den „Grenzen des Wachstums“140 vorgestellt hat, steht keine Theorie im Sinne einer Menge von Aussagen. Die theoretischen Annahmen verbergen sich in der Kopplung der Gleichungen, den gewählten Variablen und deren Abhängigkeitsverhältnissen. Der Übergang von Theorie zur Simulation reflektiert den Wechsel von kausaler zu komlexer Logik, vom Erkenntnisgewinn durch Syllogismen zu dem durch Wechselwirkungen vernetzter Variablen. Die Modellierung von Wirklichkeit ändert sich von der Top-[Seite 228↓] Down-Analyse zur Bottom-Up-Simulation:

Je homogener die Elemente eines Systems sind, desto mehr ist die reine Analyse die richtige Arbeitsmethode. Dagegen reicht ein rein analytisches Vorgehen nicht aus, um zu einer genauen Beschreibung des dynamischen Prozesse zu gelangen, wenn sich eine heterogene Serie von Komponenten zu einem dichten Gefüge vernetzt [...] Hier werden wir auf jeden Fall Simulationen von unten nach oben [...] benötigen, um auch nur einen winzigen Blick in die damit verbundene Komplexität werfen zu können.141

Wenn der Bürgermeister von New York mit dem Computerspiel Sim City die Verwaltung einer Großstadt übt, Piloten ihren Flugschein im Simulator absolvieren können, US Marines mit einer modifizierten Version des Actionspiels Doom trainieren, ist der Einfluss des Technischen und Spielerischen in alltäglicher Planungs-Praxis etabliert. Simulation vereinigt Spiel, Technik und Vernetzung und ihre Verbreitung ist ein Musterbeispiel für die organisierende Kraft der Perspektive der Vernetzung. Die Welt selber ist ein vernetztes System und erfordert neue Formen des Zugangs, wie Frederic Vester142 oder Dietrich Dörner143 betonen.

Dabei wird auch von verschiedener Seite die Befürchtung geäußert, die Komplexität überfordere den modellierenden Menschen, so dass er umso mehr bereit sei, Verantwortung an Computer abzugeben.144 Die Verlagerung individueller Verantwortung in anonyme Netze oder effiziente Maschinen lässt sich zweifellos beobachten, mit teilweise fatalen Folgen bei deren Versagen.145

Es steht allerdings nicht zu befürchten, dass der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Simulation (besser noch: Simulakrum ) hinfällig wird. Die Kategorie des Spiels beinhaltet ja auch das Bewusstsein der Spielende über den fiktiven Charakter seines Weltmodells. Gespielt werden kann mit heiligem Ernst, der Spieler kann völlig in seinem Spiel aufgehen, was nicht bedeutet, er könne sein Spiel nicht beenden. Verschwindet der Unterschied zwischen Welt und Spielwelt, wird das Spiel zur Pathologie, zur Sucht und zum Wirklichkeitsverlust. Einige dystopische Positionen vertreten genau diese Meinung, dass die Grenze bereits überschritten ist, was wiederum zur Diagnose gesellschaftlichen Irrsinns führt. Den Entwürfen kann man, muss man sich aber nicht anschließen, sondern kann alternativ darauf vertrauen, dass es hinreichende Schutzmechanismen gibt, diese Tendenzen kritisch zu reflektieren. Prozesse der Aushandlung sind solch ein Mechanismus, was den Wert sowohl verschiedener Zukunftsentwürfe als auch ihrer Auseinandersetzung unterstreicht. Denn auch dem radikalsten Kulturkritiker kann man unterstellen, dass er zumindest sich selber aus der Diagnose heraushebt, nur wer sich außerhalb der Simulakren ansiedelt, kann ihre Wirkung erkennen und [Seite 229↓] mahnend den Zeigefinger heben. Trotz der medientheoretischen Binsenweisheit, dass der grösste Teil des Wissens über die Welt von Medien gespeist wird, bleibt der kategoriale Unterschied zwischen eigener und medienvermittelter Erfahrung weiterhin unmittelbar erfahrbar.


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Fußnoten und Endnoten

1  Seit den spektakulären Veröffentlichungen des Human-Genom-Projekts im Juni 2000 gerät aber auch die Biotechnologie zunehmend ins öffentliche Blickfeld.

2  Wendorff, Zeit und Kultur , 5. Kapitel.

3  Wendorff, Zeit und Kultur , 1. und 4. Kapitel.

4  Wendorff, Zeit und Kultur , 2. und 3. Kapitel.

5  Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen , Bd. 2, S. 161

6  Wendorff, Zeit und Kultur , S. 55.

7  Vgl. Minois, Geschichte der Zukunft , S. 107 ff.

8  Rüpke, Kalender und Öffentlichkeit .

9  Vgl. Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit.

10  Augustinus, Bekenntnisse, Buch XI, S. 312.

11  Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft.

12  Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft , S. 34 ff.

13  Zitiert aus: BDB, Banken 2000 , S. 19.

14  http://www.weltbevoelkerung.de (Stand: 8.7.2002).

15  Year 2 Kilo , ein für Techniker typisches Wortspiel, die Zahl Tausend durch die Maßeinheit Kilo zu ersetzen.

16  Weitere Szenarien unter http://agn-www.informatik.uni-hamburg.de/jahr2000/riskforum/index.htm (Stand: 8.7.2002).

17  Ein Einkaufsratgeber fand sich lange Zeit unter http://www.enrg.net/2000/vorratbildung.htm (Stand: 17.10.2001)

18  Mike Adams, zitiert auf Brunner, Das Jahr-2000-Problem: Brunners Tagebuch.

19  http://www.kbst.bund.de/j2k/ (Stand: 8.7.2002).

20  Schmitz, Jahr-2000 Update.

21  Die umfangreichste deutschsprachige Sammlung mahnender Texte ist Brunner, Das Jahr-2000-Problem: Brunners Tagebuch.

22  Minois, Geschichte der Zukunft, S. 20.

23  Minois, Geschichte der Zukunft, S. 20.

24  Z.B. Inkinen, The Internet, „Data Highways“ and the Information Society; Coyne, Technoromanticism.

25  Für eine detaillitertere Diskussion siehe z.B. Bühl, Cyber Society, Kapitel 1.

26  Bangemann, Europe and the global information society. Vgl. Kapitel 3, Seite 110 .

27  Vgl. das Grünbuch Living and Working in the Information Society: People First.

28  Gore, Building the Information Superhighway.

29  Goodman, Mythos Information Highway;

30  Canzler; Helmers; Hoffmann, Die Datenautobahn – Sinn und Unsinn einer populären Metapher .

31  Théry, Les autoroutes de l’information.

32  Das Betriebssystem Windows beherrscht dem Marktforschungsinstitut IDC zufolge einem Marktanteil von 92% bei PC-Betriebssystemen:
http://www.computerworld.com/softwaretopics/os/story/0,10801,58278,00.html (Stand: 8.7.2002).

33  Gates, The Road ahead, p. 314.

34  Gates, The Road ahead, p. 103.

35  Gates, The Road ahead, p. 37.

36  Gates, The Road ahead, p. 321 f.

37  Dyson, Release 2.1, S. 27.

38  Dyson, Release 2.1, S. 523

39  Dyson et al., Cyberspace and the American Dream: A Magna Carta for the Knowledge Age.

40  Dyson et al., Cyberspace and the American Dream: A Magna Carta for the Knowledge Age.

41  Rheingold, Lernen, damit umzugehen , S. 271

42  Rheingold, The Virtual Community.

43  Tapscott, Net Kids, S. 196, S. 280.

44  Levy, L’intelligence collective, p. 236 f.

45  Benedikt, Cyberspace, p. 18.

46  Minsky, Mentopolis, S. 17.

47  Moravec, Mind Children.

48  Moravec, zitiert in: Martins; Becker, Denn sie wissen nicht, was sie tun , S. 145

49  Freyermuth, Cyberland, S. 20.

50  Freyermuth, Cyberland, S. 59.

51  Leary, Totenbuch, S. 184.

52  Joy, warum die Zukunft uns nicht braucht .

53  Leary, Totenbuch, S. 185.

54  Russel, The Brain awakens.

55  Bloom The Lucifer Principle.

56  http://www.heise.de/tp/deutsch/special/glob/ (Stand: 8.7.2002).

57  Rosnay, Le cerveau planétaire.

58  Rosnay, l’homme symbiotique.

59  Brynjolfsson; Smith, Frictionless Commerce? A comparison of Internet and Conventional Retailers. Von reibungsfreien Märkten träumen aber auch die Grossunternehmen, mit der Hoffnung, ihre Produkte gezielt absetzen zu können. Unter dem Stichwort „Frictionfree Capitalism“ z.B. bei Gates, The Road ahead, Chapter 8: Frictionfree Capitalism.

60  Barlow, Declaration of the Independence of Cyberspace.

61  Sterling, The Hacker Crackdown.

62  Druckrey, Der Communication Decency Act wurde aufgehoben .

63  Müller-Maguhn, Regierungserklärung .

64  Müller-Maguhn, Regierungserklärung .

65  Klein, No Logo.

66  http://www.gilc.org (Stand: 8.7.2002).

67  Einen Überblick über internationale Initiativen der „Cyber Rights-Activists’ geben Bernhardt; Ruhmann, Überwachung der Überwacher.

68  Über den Namenskonflikt zwischen Hacker und Cracker , vgl. Kapitel 3.

69  Thoreau, On the Duty of Civil Disobedience.

70  Orr, Hacktivism - A New Hope?

71  Die Site http://www.2600.org führt gehackte Web-Site-Hacks neben einer ‚to-do’-Liste auf.

72  Koerner, To Heck with Hacktivism.

73  http://www.thing.net/~rdom/ecd/ecd.html (Stand: 8.7.2002).

74  Freude, Alvar C. H. Online-Demonstration. Ablauf einer Demonstration.

75  Freude, Alvar C. H. Online-Demonstration. Die Idee .

76  Kaplan, Lewis A.: 00 Civ. 0277 (LAK). FINAL JUDGMENT.

77  Rötzer, Die Filmindustrie hat einen ersten Sieg erzielt.

78  http://dvd.zgp.org/ (Stand: 8.7.2002).

79  http://www.cs.cmu.edu/~dst/DeCSS/Gallery (Stand: 8.7.2002).

80  http://www.heise.de/newsticker/data/jk-02.11.01-001/ (Stand: 8.7.2002).

81  Electrohippies, The Electrohippies' Electronic Civil Disobedience (ECD) Website – background.

82  Coyne, Technoromanticism.

83  Breton, L’utopie de la communication, p. 157 f.

84  Weil, A quoi rêvent les années 90, p. 212.

85  Weil, A quoi rêvent les années 90, p. 213.

86  Barbrook; Cameron, The Californian Ideology.

87  Stahlmann, The English Ideology and WIRED Magazine.

88  Rötzer, Die kalifornische Ideologie - ein Phantom?

89  Zum Digital Divide, vgl. den UN-Bericht Development and international cooperation in the twenty-first century: the role of information technology in the context of a knowledge-based global economy, p. 23.

90  Auch Pierre Bourdieu, wenn mir der gewagte zeitliche Sprung gestattet ist, formulierte seine Kritik am Medium Fernsehen in zwei Fernseh-Sendungen, deren Mitschrift später als Taschenbuch erschienen ist: Bourdieu, Sur la télevision .

91  Benjamin Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit , S. 15.

92  Benjamin Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit , S. 31.

93  Schulzki-Haddouti; Medosch, Abhören im Jahr 2000.

94  Van Buuren, Kein Untersuchungsausschuss über Echelon im Europäischen Parlament.

95  Schulzki-Haddouti, Europa-Parlament verabschiedet Echolon-Bericht . Aktuelle Informationen zum Thema Echelon liefert die Zeitschrift Telepolis unter http://www.heise.de/tp/deutsch/special/ech/default.html (Stand: 8.7.2002).

96  Van Buuren, Echelon in Holland.

97  Rötzer, Frankreich hat mit der Anonymität im Internet Schluss gemacht.

98  Geraghty, Das ultimative Verbrechen: Diebstahl der persönlichen Freiheit.

99  Garfinkel, Database Nation, p. 74 ff.

100  Zitiert aus: Whitaker, Das Ende der Privatheit , S.159 ff.

101  Z.B. dokumentiert im jährlichen Bericht des Datenschutzbeauftragten unter http://www.bfd.bund.de/information/berichte.html (Stand: 8.7.2002).

102  Mathiesen, Die Globalisierung der Überwachung , S. 23.

103  Weizenbaum, Die Macht der Computer , S. 178 f.

104  Greffrath, Müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?

105  Turkle, Leben im Netz, S. 16.

106  Stoll, Kuckucksei .

107  Stoll, Die Wüse Internet ; S. 17.

108  Stoll, Die Wüse Internet ; S. 337.

109  Barloewen, Der Mensch im Cyberspace, S. 81. Seitenangaben beziehen sich im Folgenden auf die Ausgabe von Diedrichs, 1998.

110  Buddemeier, Leben in künstlichen Welten, S. 99.

111  Buddemeier, Leben in künstlichen Welten , S. 100.

112  Buddemeier, Leben in künstlichen Welten, S. 115.

113  Vogt, Wirklichkeit und virtuelle Welt, in: Wedde (Hg.), Cyberspace, Virtual Reality , S. 131.

114  http://www.netaddiction.com (Stand: 8.7.2002).

115  Young, Caught in the Net, S. 272.

116  Young, Caught in the Net, S. 41.

117  Young, Caught in the Net, S. 43.

118  Rochlin, Trapped in the Net, p. 11.

119  Rochlin, Trapped in the Net; p. 218.

120  Joy, Why the Future doesn’t need us.

121  Joy, Warum die Zukunft uns nicht braucht.

122  Postman, Wir amüsieren uns zu Tode.

123  Scheer, Die digitale Demokratie, S. 117.

124  Virilio, cybermonde la politique du pire, p. 19.

125  Brown, Cyber Diktatur, S. 225.

126  Huxley, Brave New World, p. 234.

127  Barlow, zitiert in: Brown, Cyberdiktatur, S. 271.

128  Whitaker, Das Ende der Privatheit , S. 181.

129  Whitaker, Das Ende der Privatheit , S. 173.

130  Bolz; Kittler; Tholen, Computer als Medium, S. 13.

131  Barloewen, Der Mensch im Cyberspace, S. ??.

132  Guggenberger, Das digitale Nirwana, S. 233.

133  Rossetto, Response to the Californian Ideology.

134  Coy, Zukunft des Wissens – Zukunft des Lernens.

135  Minois, Geschichte der Zukunft.

136  Seitenangaben beziehen sich auf Levys Buch Les technologies de l’intelligence .

137  Dyson; Gilder; Keyworth; Toffler, Magna Charta für das Zeitalter des Wissens. Kommentare von Richard Barbrook, Phil Bereano, Andy Cameron, Gary Chapman, David Gelernter und Katherine Hayles . In: Bollmann; Heibach (Hg.) Kursbuch Internet , S. 106.

138  Arsham, Systems Simulations.

139  Puhr-Westerheide, Simulation mit Computern, S. 15 ff.

140  Meadows, Die Grenzen des Wachstums.

141  De Landa, Netzwerke , S. 40.

142  Vester, Die Kunst vernetzt zu denken.

143  Dörner, Die Logik des Mißlingens.

144  Z.B. Rochlin, Trapped in the Net oder Brown, Times of the Technoculture.

145  Wiener, Digitales Verhängnis .



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08.01.2004