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Schlusswort

Abschliessend möchte ich noch einen kurzen Blick auf den zurückgelegten Weg werfen, um die Arbeit in einer Gesamtschau zusammenzufassen und ein paar Ideen für zukünftige Forschungsfragen zu skizzieren.

In den Kapiteln 2 - 5 werden drei Ziele erreicht, von denen ich zwei im ersten Kapitel formuliert habe:


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Dieser unter Punkt 3 beschriebene Umstand lässt sich natürlich weiter verfolgen. Denn ausgehend vom Konzept der Wahrnehmungsdimension und dem des kulturellen Paradigmas lassen sich nun einigermassen systematisch kulturwissenschaftliche Forschungsfragen stellen:

Der zuletzt angesprochene Punkt zeigt die Stärke eines an Wahrnehmungsdimensionen orientierten Ansatzes: weder werden Weltanschauungen gegeneinander aufgerechnet oder hierarchisiert noch wird eine psychologisch-therapeutische Metaposition zu ihnen eingenommen. Jede Welt wird zunächst einmal als stimmig in-sich akzeptiert und möglichst wertfrei beschrieben. Dabei geht es zwar darum, Unterschiede zu anderen Welten herauszuarbeiten, jedoch ohne die eine oder andere als besser oder umfassender zu prämieren. Auch ist die Überhöhung der eigenen Sicht nicht erforderlich, weil die untersuchten Wahrnehmungsdimensionen nicht notwendig Teil der Weltsicht des Forschers sein müssen. Das wäre zwar hilfreich, doch kann eine solche Untersuchung auch interdisziplinär bewältigt werden, was in zahlreichen inter- und transdisziplinären Tagungen, Kolloquien und Veröffentlichungen auch regelmässig geschieht.

Interdisziplinäre Arbeit ist der eigentliche Kern einer auf dem Konzept der Wahrnehmungsdimensionen basierenden Kulturtheorie: sie wird durch die analytische Auftrennung – und das Konzept der Wahrnehmungsdimension ist nichts Anderes als ein analytisches Werkzeug – gefordert und gefördert. Viele akademische Disziplinen können als Institutionalisierung einer Wahrnehmungsdimension interpretiert werden: Ökonomie, Jura, Politikwissenschaft, Soziologe, Geschichtswissenschaften, Mathematik, aber auch Teildisziplinen wie Demographie, Gender Studies, Verkehrswesen oder Akustik beschreiben die Welt mit spezifischem Vokabular und Methoden. Eine Zusammenarbeit dieser Disziplinen scheitert häufig genug an der Sprach- und Methodengrenze und der Meinung, dass die jeweils andere Disziplin an den „eigentlich interessanten“ Fragestellungen vorbeizielt. Erwähnenswert sei hier nur das misstrauische Verhältnis der Technik- und der Kulturwissenschaften, deren Abstand durch gemeinsames Interesse an neuen und alten Medienbedingungen immer häufiger zumindest wohlwollend geprüft wird.

Eine letzte Bemerkung soll noch den Verdacht ausräumen, in der vorliegenden Arbeit Metaphysik zu treiben mit dem Versuch, Wahrnehmungsdimensionen als neues unhintergehbares Diskurszentrum zu etablieren: Die Zerlegung der Welt in Konstellationen verschiedener Dimensionen ist selber eine .

Dies wurde durch die Gliederung der gesamten Arbeit immer wieder bestätigt. Die Schwerpunkte [Seite 286↓] der Kapitel erfolgten anhand verschiedener Dimensionen, immer in Hinblick auf das Zentralthema Vernetzung:

Historisch ist sie gewachsen und in Bezug auf das Internet bis zu dessen Wurzeln in die sechziger Jahre zurückzuverfolgen. Sozial prägt sie das Verhalten von Gruppen, beispielhaft untersucht an der Szene der Hacker, die sich um Computer herum konstituieren. Diskursiv beeinflusst und verändert sie bestehende Wahrnehmungsdimensionen, ohne sie freilich inhaltlich festzulegen, wie exemplarisch am Diskurs der Zukunft gezeigt wurde. Zusätzlich ändern sich unter ihrem Einfluss auch kulturelle Praktiken bezüglich ihrer Organisation im Raum .

Für jede dieser Dimensionen bedurfte die Untersuchung einer anderen Methode: Die historische Argumentation orientierte sich an Quellen aus den Anfangstagen des Internet. Die systematisch-technische Beschreibung bezieht ihr Vokabular aus technischen Spezifikationen und Handbüchern. Grundlage der sozialen Studie waren Auswertungen von Befragungen der Szene sowie Äusserungen ihrer Mitglieder. Die Untersuchung der diskursiven Auswirkungen erfolgte anhand der Interpretation einer Auswahl aus der unüberschaubaren Flut von Beiträgen zur vernetzten Zukunft. Das letzte Kapitel stützte sich auf phänomenologische Betrachtungen zur raumzeitlichen Organisation von Handlungen.

Andere Dimensionen hätten herangezogen werden können, die ökonomische, die politische oder die leibliche Dimension beispielsweise, Auswirkungen u.a. auf Marktverhalten, Machtstrukturen oder Sexualität wären stärker in den Blick gekommen.

Doch die ausgewählten Schwerpunkte des Historischen, des Sozialen, der Zeit und des Raums bilden m. E. so etwas wie das sine qua non einer Untersuchung, welche die Anwendbarkeit einer Kulturtheorie demonstrieren will. Weitere Kapitel hätten sicherlich interessante Sub-Thesen zu Tage gefördert, zum eigentlichen Kernziel jedoch kaum Erkenntnisgewinn beigesteuert, der in den ersten vier Kapiteln nicht bereits erarbeitet worden ist.

Die grobe Gliederung der Arbeit erfolgte damit nicht nur auf Grund der Fragen des ersten Kapitels sondern auch auf dessen terminologischer Grundlage, jedes Kapitel behandelt eine Dimension. Doch auch für die Binnengliederung der Kapitel spielen Dimensionen als analytische Kategorien eine Rolle:

Hinter den technischen, militärischen, sozialen etc. Argumenten in Kapitel 2 stehen die Wahrnehmungsdimensionen des Technischen, Militärischen, Sozialen etc. Kapitel 3 gliedert sich explizit um die Dimension des Spiels und deren verschiedene inhaltliche Ausprägungen. Ebenso wird Kapitel 4 geordnet von Positionen innerhalb der Dimensionen des Individuellen und des Gesellschaftlichen. Kapitel 5 wiederum beschäftigt sich ausschliesslich mit der Wahrnehmungsdimension des Raums.


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Die gesamte vorliegende Arbeit wird also mit Hilfe des Konzeptes der Wahrnehmungsdimension gegliedert und inhaltlich erarbeitet, die Inhalte werden entsprechend geordnet und dargestellt. Doch gibt die Sicht durch die Brille der Wahrnehmungsdimensionen keinesfalls vor, ein Blick auf die Grundfesten der Welt zu sein und sei es der Welt des Internet. Die in Kapitel 1 vorgestellten und in den weiteren Kapiteln angewandten Begrifflichkeiten drängen sich dem aufmerksamen Beobachter nicht auf. Dennoch scheinen sie auch nicht allzuweit hergeholt und finden sich überall, sobald man sich einmal auf sie eingelassen hat. Bei der Betrachtung und Beschreibung der Welt als Konstellation von Wahrnehmungsdimensionen handelt es sich also selbst um eine Wahrnehmungsdimension, um jene merkwürdige Mischung aus Konstruktion und Erkenntnis, aus Ansicht und Einsicht.

Die Kulturtheorie der Wahrnehmungsdimensionen lässt sich damit auf sich selbst anwenden, ja sie ruht letztendlich in sich selbst. Das beraubt sie zwar jeglicher Illusion eines ontologisch gesicherten Fundamentes, führt sie aber in die Möglichkeit der Selbstbeobachtung zurück. Der Preis dafür, nicht dem Problem ausgesetzt zu sein, die eigenen Grundlagen nicht erklären zu können, ist die Notwendigkeit, sich mit den eigenen Begrifflichkeiten stabilisieren zu müssen. Das mag paradox erscheinen wie die Betrachtung eines Bilds von M. C. Escher. Doch scheint die Möglichkeit, konsistente und plausible Erklärungen zu liefern, das beste Qualitätskriterium für Theoriebildung zu sein, nachdem sich alle Fundamentalontologien und Letztbegründungen als immer wieder hinterfragbar erwiesen haben und sie damit eben doch nicht so stabil wie erhofft sind.

Denn nach dem Verzicht auf eine unabhängige Begründungsinstanz besteht der Gewinn für eine Theorie darin, den Beobachter und Theoriebildner als ständigen Begleiter mitführen zu können, ohne ihn durch ein metaphysisches Zentrum ersetzen zu müssen. Der Gewinn ist die zu Beginn des ersten Kapitels geforderte Selbstreflexivität der kulturwissenschaftlichen Arbeit. Und mit diesem Kreis möchte ich meine an dieser Stelle schliessen.

Jochen Koubek


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08.01.2004