Kretschmer, Gudrun: Untersuchungen zur Euterform und Melkbarkeit bei Ostfriesischen Milchschafen als Grundlage für züchterische Maßnahmen zur Leistungs-und Euterverbesserung

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Kapitel 1. Einleitung und Zielstellung

1.1 Haltung und Zucht des Ostfriesischen Milchschafes in Deutschland

Über die Herkunft des Ostfriesischen Milchschafes (OFM) gibt es keine gesicherte Erkenntnis. Fest steht aber, dass es seit 1898 mit dem ersten Stammbuch für Böcke des Ostfriesischen Milchschaf-Zuchtvereines zu Norden ( 127. ) züchterisch bearbeitet wird. Entstanden aus den Marschschafen der norddeutschen Niederungsgebiete übertraf es alle anderen Schafrassen an Körpergröße, Fruchtbarkeit und Milchergiebigkeit und förderte so seine schnelle Verbreitung in viele Teile Deutschlands ( 138. ). Es wurde überwiegend in Kleinstbeständen oder in Einzelhaltung von landwirtschaftlichen Betrieben aber auch Tagelöhnern, Landarbeitern und Handwerkern meist als „Kuh des kleinen Mannes“ gehalten. Schon in den zwanziger Jahren fanden sich auch in osteuropäischen Ländern, wie Ungarn, Böhmen und auf dem Balkan Freunde dieser Rasse.

Hauptgrund für die Haltung des Milchschafes war seine Milchergiebigkeit. Man wusste bereits, dass eine zu fleischbetonte Züchtung auf Kosten der Milch geht ( 127. ). Zur Verbesserung der Milchleistung ließen ab 1909 einige Züchter, vorwiegend Landwirte mit Milchvieh, auch ihre Schafe auf Milchleistung kontrollieren. Ab 1926 veranlasste der Verband der ostfriesischen Milchschafzüchter umfangreiche Milchleistungsprüfungen. Schon damals waren Jahreslaktationsleistungen von 700-800 Litern bei 6-7% Fettgehalt keine Seltenheit. Mit Veränderung der politischen Landschaft ab 1933 und dem Inkrafttreten des Reichstierzuchtgesetzes vom 17.03.1936 kam es zu einem deutlichen Aufschwung der Milchleistungsprüfung. Entsprechende Berichte liegen aus den Landesteilen Ostfriesland ( 25. , 6. ), Pommern ( 88. ), Westfalen ( 5. ) und Sachsen ( 47. ) vor. Niederschlag fanden die Ergebnisse der Leistungsprüfungen sowohl in der Bockkörung als auch in der Muttertierselektion.

Ihre größte Ausdehnung fand die Milchschafzucht vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Verbesserung der Lebenssituation in beiden Teilen Deutschlands verlor sie an wirtschaftlicher Bedeutung und ging stark zurück ( 22. , 138. ). Seit Mitte der 80-er Jahre hat sich die Situation wieder geändert. Zunehmend halten Personen mit mittlerem bis gutem Einkommen Ostfriesische Milchschafe in kleinen Beständen, um sich selbst „alternativ“ mit Milch, Wolle und Fleisch zu versorgen ( 22. ). Darüber hinaus entwickeln sich Betriebe mit größeren Herden von 50 bis 500 Mutterschafen zur marktorientierten


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Käseerzeugung und -vermarktung. Nach Schätzung der Landesschafzuchtverbände gibt es in Deutschland gegenwärtig insgesamt etwa 20.000 Milchschafe. Bei einem Gesamtbestand von etwa 1,6 Mio. Mutterschafen liegt der Anteil der Ostfriesischen Milchschafe bei 1,25 Prozent. Mit durchschnittlich 10 Mutterschafen je Halter stehen die meisten Milchschafe nach wie vor in kleinen Einheiten mit 2 bis 6 Tieren. In diesem Struktursegment ist der weiteren Bestandsentwicklung Grenzen gesetzt. Trotz Wunsch nach Eigenversorgung sind relativ wenige Menschen bereit, die Tiere täglich zweimal zu melken. Alternativ werden Lämmer der Rasse gern zur Nutzung als „Rasenmäher“ mit anschließender Schlachtung gekauft. Anders verläuft die Entwicklung im Strukturbereich der größeren Bestände. Züchter und Betriebe mit größeren Herden zwecks wirtschaftlicher Nutzung der Milch sind zur Milchgewinnung mittels Melkmaschinen übergegangen. Sie halten etwa 4.300 Tiere in Beständen mit durchschnittlich 35 Mutterschafen. Obwohl dieser Produktionszweig eine Marktnische bedient und die Betriebe unter deutschen Rahmenbedingungen nur mit anschließender Verarbeitung und Direktvermarktung wirtschaftlich tragfähig sind, nimmt die Zahl dieser Betriebe tendenziell zu. Hintergrund ist die wachsende Nachfrage der Bevölkerung nach Produkten aus Schafmilch.

Im internationalen Vergleich spielt die Schafmilcherzeugung in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Im Anhang Tabelle 51 sind die 15 führenden schafmilch-produzierenden Länder der Welt sowie einige ausgewählte Länder Europas aufgeführt. Die südeuropäischen Länder mit einer sehr langen Tradition in der Schafmilcherzeugung, wie Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich, gehören zu den 15 führenden Ländern. Sie erzeugen insgesamt 95 Prozent der Schafmilch innerhalb der Europäischen Union (G15). Auch wenn in diesen Ländern überwiegend bodenständige Rassen, wie Massese, Lacaune, Chios und Churra zur Milcherzeugung genutzt werden, kommen Ostfriesische Milchschafe immer wieder zum Zuchteinsatz. Ähnliches gilt für einige osteuropäische Länder mit zwar nicht so umfangreicher aber doch traditioneller Schafmilcherzeugung. Darüber hinaus werden in einer zunehmenden Anzahl von Ländern Bestände des Ostfriesischen Milchschafes zur wirtschaftlichen Milchnutzung aufgebaut. Genannt seien als Beispiele Portugal, Österreich, Argentinien und die USA. Die traditionell schafmilchproduzierenden Länder unternehmen viel, um das Leistungsvermögen ihrer Rassen weiter zu entwickeln. Ein Beispiel ist Frankreich mit der zur Roquefort-Käseerzeugung genutzten Rasse Lacaune. Durch Leistungsprüfung und ein ausgeklügeltes Zuchtprogramm konnte nach


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Barillet ( 8. ) die mittlere Jahresleistung von 158 l bei 159 Melktagen im Jahr 1980 auf 257 l mit 166 Melktagen im Jahr 1992 verbessert werden.

Insgesamt sind Zuchttiere der Rasse Ostfriesisches Milchschaf aufgrund ihres Milchleistungspotentials, das weltweit von keiner anderen Rasse erreicht wird, international nachgefragt. Dabei ist die Zuchttierpopulation des Ostfriesischen Milchschafes in Deutschland klein. Nach Angaben der Schafzuchtverbände wurden 1999 insgesamt 3.640 weibliche Zuchtschafe bei 316 Milchschafzüchtern im Herdbuch geführt. Mit durchschnittlich 11,5 Tieren je Züchter sind ähnlich dem Gesamtbestand auch die Zuchttierbestände überwiegend klein und erschweren aufgrund ihrer Struktur sowie in Verbindung mit einer im Verhältnis hohen Anzahl zur Zucht eingesetzter Böcke den Zucht- und Leistungsfortschritt. Andererseits halten 47 Züchter mit insgesamt 1.480 Herdbuchtieren bereits 41 Prozent der Zuchttiere in größeren Herden mit durchschnittlich 31 Tieren, melken diese maschinell und betreiben eine marktorientierte Milchverwertung. Die weitere Verbesserung der Milchleistung und Melkbarkeit sowie der Euterform und auch der Melkmaschineneignung beim Ostfriesischen Milchschaf ist daher für die Erhöhung der Wirtschaftlichkeit von Bedeutung.

Einzelne Schafzuchtverbände der Bundesrepublik berücksichtigten die stärkere wirtschaftliche Nutzung der Rasse seit Mitte der 90-er Jahre. Die für Zuchtschafe bereits seit langem obligatorische Milchleistungsprüfung und Körperform- sowie Wollbewertung wurde um eine Euterformbewertung ergänzt. Dabei führte eine unterschiedliche Vorgehensweise der Zuchtverbände zu nicht vergleichbaren Ergebnissen. Aus der Diskussion der Milchschafzüchter ergibt sich jedoch die Notwendigkeit einer reellen und vergleichbaren Euterbeurteilung. Nach Walther ( 138. ) ist ein Schema erforderlich, das die biologischen Extreme der Eutermerkmale berücksichtigt und in allen Zuchtverbänden einheitlich zur Anwendung kommt. Grundlage der bis dato vorgenommenen Euterbewertung sind Erfahrungswerte sowie eine Idealvorstellung von der Euterform, die letztlich, wenn auch minimal, im bisherigen Zuchtziel beschrieben wird ( 135. ): Das Euter soll leicht hand- und maschinenmelkbar sein und möglichst tief am Euterboden nach unten weisende mittelgroße Striche aufweisen. Die Definition des idealen Schafeuters wurde inzwischen weiter konkretisiert und zur Diskussion gestellt.

Aus der bisherigen Entwicklung sowie aus der verstärkten nationalen und internationalen


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wirtschaftlichen Nutzung ergibt sich die Notwendigkeit, die Leistungsprüfung mit Blick auf die gezielte Verbesserung der Milchleistung, der Melkbarkeit, der Euterform und der Melkmaschineneignung zu vereinheitlichen und auszubauen. Dabei sind die Beziehungen zwischen Leistungs- und Eutermerkmalen sowie der Eutergesundheit festzustellen und einzuarbeiten. Auf dieser Grundlage wird es besser möglich sein, Zuchtprogramme zu entwickeln, die länderübergreifend anwendbar sind und die strukturbedingten Nachteile in der Zucht des Ostfriesischen Milchschafes berücksichtigen.

1.2 Zielstellung der Arbeit

Auf der Grundlage von Untersuchungen zu Euterform und Melkbarkeit, verglichen mit der erfassten Milchleistung und dem Gehalt somatischer Zellen aus der amtlichen Milchleistungsprüfung, kommt es darauf an, Euterformmerkmale mit züchterischer Bedeutung für die angestrebte Leistungsverbesserung zu finden. Dies setzt voraus, dass diese Euterformmerkmale mit hinreichender Sicherheit ermittelt werden können und eine züchterisch nutzbare Genwirkung vorliegt.

Unter Berücksichtigung wichtiger Merkmalsbeziehungen sollen Grundlagen und Methoden zur praxisorientierten Weiterentwicklung des bestehenden Prüfungs- und Bewertungssystems zur Erfassung der Milchleistung, Melkbarkeit und Euterform bei Berücksichtigung der Eutergesundheit erarbeitet werden.

Daraus ergaben sich folgende Teilziele:

  1. die Prüfung von Messmethoden zur Erfassung von Euter- und Leistungsmerkmalen,
  2. die Feststellung des Einflusses von Individuum, Herde, Laktation und aufgezogenen Lämmern auf Euterform- und Leistungsmerkmale,
  3. die Feststellung von Beziehungen zwischen Euterform- und Leistungsmerkmalen unter Berücksichtigung der Eutergesundheit,
  4. die Erarbeitung von Vorlagen zur Weiterentwicklung des Verfahrens der Euterbeurteilung,
  5. die Erarbeitung von Empfehlungen zur Durchführung der Milchleistungs- und Melkbarkeitsprüfung sowie zur züchterischen Nutzung der Zellzahl.

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Thu Apr 19 16:20:32 2001