Kretschmer, Gudrun: Untersuchungen zur Euterform und Melkbarkeit bei Ostfriesischen Milchschafen als Grundlage für züchterische Maßnahmen zur Leistungs-und Euterverbesserung

119

Kapitel 6. Schlussfolgerungen - Möglichkeiten der Einbeziehung wesentlicher Euter und Leistungsmerkmale in das Leistungsprüfungssystem für Ostfriesische Milchschafe

Entsprechend der wachsenden wirtschaftlichen Nutzung des OFM auch in größeren Beständen gewinnt die Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Milchschafe an Bedeutung. Vorrangigen Einfluss haben neben der Erhöhung der Milchleistung besonders die Melkbarkeit und Melkmaschineneignung sowie die Erhaltung einer guten Eutergesundheit.

Die Euterbeurteilung erweist sich als geeignetes Mittel für eine direkte züchterische Einflussnahme auf die Eutergesundheit und die Melkmaschineneignung sowie für eine indirekte züchterische Einflussnahme auf die Melkbarkeit der Tiere. Die Milchleistung beeinflusst signifikant die Eutergröße. Aufgrund ihrer Beziehungen zu den wirtschaftlichen Einflussgrößen, ihrer Erfassbarkeit und erwarteten Erblichkeit sowie ihrer Beziehungen zu weiteren Eutermerkmalen sollten die in Tabelle 50 aufgeführten Merkmale in der Euterbeurteilung besondere Berücksichtigung finden.

Tabelle 50: Merkmalsauswahl für die Euterbeurteilung

Merkmal

wirtschaftliche Relevanz

Erfassbarkeit

mean ± s

enge Merkmals-beziehungen zu:

Eutertiefe

Milchleistung, Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,20

Lineal: W = 0,81 bis 0,97

18,8 ± 3,1 cm

EUV, LUM, TRUM, VEUAUF

Bodenabstand

Melkbarkeit, Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,20

Beurteilung: W = bis 0,77

6,4 ± 1,2

LUM, VEUAUF

Hintereuter-aufhängung

Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,20

Beurteilung: W = bis 0,80

5,7 ± 1,1

EUL, EUB, LUM, VEUAUF

Euterband

Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,20

Beurteilung: W = bis 0,82

5,8 ± 1,4

Zitzen-platzierung

Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,24

Beurteilung: W = bis 0,65

4,5 ± 1,2

EUL, EUB, LUM

Zitzenlänge

Melkbarkeit, Melkmaschineneignung

0,25

Messband: W= bis 0,86 Beurteilung: W = bis 0,72

3,2 ± 0,55 cm Soll min - max: 2,0 - 5,0 cm

 

Zitzenbasis-durchmesser

Melkbarkeit, Zellzahl, Melkmaschineneignung

0,25

Beurteilung: W = bis 0,72

1,8 ± 0,27 cm Soll min - max: 1,5 - 2,1 cm


120

Dabei spiegelt die Eutertiefe bei Milchschafen ohne Hängeeuter durch seine enge Korrelation zum Eutervolumen und den Euterumfängen sehr gut die Euterdimension wieder und ist ein Ausdruck des Fassungsvermögens. Dieses wird teilweise von der Höhe der Milchleistung beeinflusst. Andererseits ist die Eutertiefe zusammen mit dem Bodenabstand, der Euteraufhängung und der Zitzenplatzierung ein wichtiges Merkmal zur Beeinflussung der Melkmaschineneignung. Züchterisch zu beachten sind dabei besonders Tiere mit Hängeeutern. Sie binden mehr Arbeitszeit als andere und halten den Melkprozess insgesamt auf. Hängeeuter sind in Verbindung mit den häufig weit oben angesetzten sowie seitlich abstehenden Zitzen ungünstig für das Ansetzen und Festhalten der Melkzeuge sowie für das Ausmelken. Milchschafe mit Hängeeutern zeigen besonders ein schwaches Euterband. Auch die Zitzengröße ist von Bedeutung. Die Zitzen müssen lang und breit genug sein, dass die Melkzeuge sicher haften. Sie dürfen jedoch nicht zu groß sein, da sonst zu starke Belastungen und Reizungen am Zitzenschließmuskel und am Übergang von der Euter- zur Zitzenzisterne zu einer Verminderung der Melkbarkeit, einem Anstieg der Zellzahl und auch zu Euterentzündungen führen können. Als Orientierung zur erwünschten Größe können die ermittelten durchschnittlichen Messwerte dienen.

Die ausgewählten Eutermerkmale stehen in enger Beziehung zur Zellzahl. Weil Milch aus sekretionsgestörten Eutern stets einen erhöhten Gehalt an somatischen Zellen aufweist, ist die Zellzahl ein sehr guter Indikator für die Eutergesundheit. Unter dieser Voraussetzung besteht mit der züchterischen Einflussnahme auf die ausgewählten Eutermerkmale auch eine Möglichkeit der Einflussnahme auf die Eutergesundheit. Bei tiefen Eutern ist mit höheren Zellzahlen und stärkeren Anfälligkeiten für Eutergesundheitsprobleme zu rechnen. Dagegen tragen lange und breit angesetzte Euter zu einer besseren Eutergesundheit bei. Die gesamte Euteraufhängung, insbesondere die Hintereuteraufhängung und infolge auch die Zitzenplatzierung und der Bodenabstand haben Einfluss auf den Zellgehalt und die Eutergesundheit.

Dagegen zeigen Eutermerkmale zur Melkbarkeit (DMG) nur schwache Beziehungen. Trotzdem sollten der Bodenabstand und die Merkmale der Zitzengröße Berücksichtigung finden. Je größer der Abstand des Euterbodens vom Fußboden, um so besser wird die Melkbarkeit. Zu große und zu breite Zitzen beeinflussen die Melkbarkeit nachteilig.


121

Die Zitzengröße ist ein wichtiges Merkmal zur Erhaltung der Eutergesundheit und zur Verbesserung der Melkmaschineneignung sowie der Melkbarkeit. Aber nur bei extremen Merkmalsausprägungen ist ein Effekt nachweisbar. Dabei sind zu lange und zu breite Zitzen gegenwärtig züchterisch von größerer Bedeutung als zu kurze und zu schmale Zitzen. Als limitierende Größe ist die verfügbare Melktechnik zu berücksichtigen. Hieraus resultieren die Vorschläge zur minimalen und maximalen Größe von Zitzenlänge und Zitzenbasisdurchmesser in Tabelle 50 . Wesentlich für die ordnungsgemäße Funktion der Melktechnik ist die Verwendung von Melkbechern, die in ihrer Größe zur durchschnittliche Zitzengröße einer Herde passen. Eine möglichst geringe Variabilität der Zitzengröße innerhalb einer Herde sollte dabei züchterisch angestrebt werden.

Die Schätzung der Erblichkeit konnte nur an einer kleinen Zahl von Mutter-Tochter-Paaren erfolgen. Den zusammengetragenen Literaturangaben nach kann die Erblichkeit der ausgewählten Eutermerkmale im mittleren Bereich (h² = 0,20 bis 0,25) liegen. Diese Feststellung sollte jedoch auch an einem größeren Tiermaterial überprüft werden.

Alle ausgewählten Merkmale sind mit guter Sicherheit erfassbar. Die Messung der Eutertiefe mit Lineal ist auch für ungeübte Personen eine sichere Erfassungsmethode. Für eine gute Wiederholbarkeit der Messung von Zitzenlänge sowie der Beurteilung von Bodenabstand, Hintereuteraufhängung, Euterband, Zitzenplatzierung und Zitzengröße bedarf es einiger Übung. Mit einem festen Schema kann für die beurteilten Merkmale eine hohe Erfassungssicherheit erreicht werden. Besonders für die Vergleichbarkeit der Bewertungsergebnisse ist ein einheitlich angewendetes Schema der Euterbeurteilung von maßgeblicher Bedeutung. Als Model hierfür kann die Vorlage in Abbildung 17 dienen.

Abzuwägen ist, ob die Euterformbeurteilung zukünftig nach einem Modell der linearen Beschreibung oder als lineare Bewertung durchgeführt wird. Aus züchterischer und praktisch-organisatorischer Sicht haben beide Systeme Vor- und Nachteile. Die lineare Beschreibung ist sicherer in der Anwendung und dient einer auf Einzelmerkmale bezogenen Selektion und Anpaarung. Sie ist unbedingte Voraussetzung für die Einbeziehung der Euterform in ein Model der Zuchtwertschätzung. Im Verhältnis zur bisher in der deutschen Schafzucht angewendeten linearen Bewertung, ist für die Auswertung und Umsetzung der Prüfergebnisse in Selektion und Anpaarung mit einem höheren organisatorischen und finanziellen Aufwand zu rechnen.


122

Abbildung 17: Modell zur Euterformbeschreibung bei Milchschafen

Bei Nutzung des Models der linearen Beschreibung sollten die Eutertiefe und die Zitzenlänge gemessen (die Maße in Punkte umgesetzt) sowie Bodenabstand, Hintereuteraufhängung, Euterband und Zitzenplatzierung beurteilt werden. Für den Beschreibungsrahmen dürften Punkte von 1 bis 5 ausreichend sein (Model Abbildung 17 ).


123

Diese Einteilung gewährleistet eine deutliche Abstufung der beschriebenen Merkmale zwischen den Punkten. Bei Einbeziehung der Prüfergebnisse in eine Zuchtwertschätzung sollten die Hintereuteraufhängung und die Zitzenplatzierung aufgrund ihrer wirtschaftlichen Relevanz und ihrer zentralen Stellung innerhalb der anderen Eutermerkmale in einem Gesamtindex Euter stärker gewichtet werden.

Die weitere Verwendung der linearen Bewertung ist möglich, wenn keine Zuchtwertschätzung erfolgen soll. Bei der Bildung je einer Euter- und einer Zitzennote sollte die Bedeutung der Einzelmerkmale Berücksichtigung finden und eine Rangfolge eingehalten werden:

Euternote: Hintereuteraufhängung - Euterband - Bodenabstand - Eutertiefe (Messen)

Zitzennote: Zitzenplatzierung - Zitzenlänge (Messen) - Zitzenbasisdurchmesser

Eine starke Euterbewollung hat vermutlich Einfluss auf die Sauberkeit der Milchgewinnung und sollte daher in der Euternote Berücksichtigung finden. Starke Abweichungen von der erwünschten Zitzenspitzenform können in der Zitzennote berücksichtigt werden.

Als Durchführungszeitpunkt für die Euterbeurteilung eignet sich der erste Laktationsabschnitt bis zum vierten Laktationsmonat innerhalb der zweiten Laktation. Erst ab diesem Alter wird die dem Tier eigene Euterform wirklich sichtbar. Das Laktationsstadium hat bis zu diesem Zeitpunkt kaum einen Einfluss. Entscheidender für eine Gleichbehandlung der Tiere ist die Berücksichtigung eines ausreichenden Abstandes zur letzten Melkzeit.

Die Milchleistung hat als wirtschaftlich wichtiges Kriterium den Vorrang unter allen Selektionsmerkmalen. Für die objektive Erfassung der Milchleistung gibt es keine Alternative zur Milchleistungsprüfung. Ergebnisse der Milchleistungskontrollen sollten grundsätzlich von dem Einfluss systematischer leistungsbeeinflussender Faktoren bereinigt werden. Besonders stark wirkt sich die Laktationsnummer auf die Leistungshöhe aus. Ob schon Ergebnisse der ersten Laktation eine sichere Aussage zur Leistungsentwicklung geben, sollte weiter überprüft werden. Eine gute Aussage bieten die Ergebnisse der zweiten Laktation.


124

Die Melkbarkeit als Maß der Milchhergabemenge je Zeiteinheit (Durchschnittliches Minutengemelk) gewinnt um so mehr an Bedeutung, je größer der zu melkende Bestand wird. Schwer und langsam melkende Tiere verzögern den Melkablauf und binden Arbeitszeit. Die Melkbarkeit weist eine mittlere Erblichkeit auf und steht in Beziehung zur Eutergesundheit. Auch Böcke mit sehr schwer melkbaren weiblichen Vorfahren vererben diese Eigenschaft auf ihre Nachkommen. Um unerwünschte Effekte in der Melkbarkeit zu vermeiden, sollten daher vorrangig Böcke zur Zucht genutzt werden, die von Mutterschafen mit guter Melkbarkeit abstammen.

Eine starke Abhängigkeit der Melkbarkeit besteht von der Milchleistung, vom Milchejektionsreflex und der Art der Milchemission sowie von Elastizität und Dehnungsfähigkeit des Zitzenschließmuskels. Eine einfache Methode, sehr schwer melkende Milchschafe herauszufinden, ist ein Melktest. Für eine genauere Aussage eignet sich die systematische Prüfung des Bestandes nach ADR-Empfehlung. Aufgrund der Entwicklung der Melkbarkeit innerhalb der Laktation ist eine solche Prüfung in Verbindung mit der Milchleistungsprüfung im zweiten oder dritten Laktationsmonat sinnvoll. Die Ergebnisse sollten um den Einflussfaktor Milchleistung bereinigt werden. Zu beachten sind aber auch die Beziehungen zwischen sehr hoher Melkbarkeit und Eutergesundheitsstörungen. Deshalb sollte zur Erhaltung der Eutergesundheit nicht auf höchste, sondern eine einheitlich gute Melkbarkeit in der Herde selektiert werden.

Für die Verarbeitung der gewonnenen Milch und Vermarktung ihrer Produkte als dem eigentlichen Ziel der Milchschafhaltung ist die einwandfreie Eutergesundheit eine maßgebliche Voraussetzung. Trotz verhältnismäßig geringer Erblichkeit, scheint die Disposition für Eutererkrankungen und damit hoher Zellzahlen erblich zu sein. Für OFM sollte eine Selektion auf der Grundlage der im Rahmen der Milchleistungsprüfung ermittelten Zellzahlen erfolgen. So besteht außerdem die Möglichkeit einer nachhaltigen Einflussnahme auf die Gesunderhaltung der Herde und damit auf die Nutzungsdauer sowie Leistungsfähigkeit der Tiere.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Thu Apr 19 16:20:32 2001