Krusch, Andreas: Hochdosischemotherapie bei Hodentumoren: Eine retrospektive Auswertung der Therapieergebnisse von 1989 bis 1995

26

Kapitel 3. Ergebnisse

3.1 Patientencharakteristika vor Hochdosischemotherapie

Von den 150 Patienten waren 148 männlichen und 2 weiblichen Geschlechts. Der Altersmedian lag bei 31 Jahren (Spanne 18 - 55 Jahre). Eine der beiden weiblichen Patienten hatte einen primären mediastinalen Keimzelltumor, die andere Patientin ein schwangerschaftsassoziiertes Chorionkarzinom. Insgesamt hatten 119/150 (80%) Patienten eine primäre gonadale Tumormanifestation, 23/150 (15%) Patienten hatten eine primäre retroperitoneale Tumormanifestation mit oder ohne zusätzlichen mediastinalen Befall, und 8/150 (5%) Patienten hatten eine primär mediastinale Tumormanifestation. Die initiale Histologie bestätigte bei 12/150 (8%) Patienten die Diagnose reines Seminom, 138/150 (92%) Patienten zeigten nicht-seminomatöse oder gemischte Histologien.

Bei 13/150 (9%) Patienten mit "schlechten Prognoseeigenschaften" bei initialer Diagnosestellung und einem unzureichenden oder verzögerten Ansprechen nach den ersten Chemotherapiezyklen wurde die HDCT als Intensivierung der Primärtherapie eingesetzt. Bei 95/150 (63%) Patienten mit Rezidiv oder Progession des Tumorleidens handelte es sich um eine intensivierte erste Salvagetherapie. Die HDCT wurde im Rahmen der zweiten oder nachfolgenden Salvagetherapie bei 42/150 (28%) Patienten eingesetzt. Zum Zeitpunkt des Studieneintritts hatten alle Patienten im Median 5 (Spanne 2 - 11 Zyklen) cisplatinhaltige Therapiezyklen erhalten, dies entsprach einem Median von 2 (Spanne 1 - 4 Zyklen) Therapieregimen einer cisplatinhaltigen konventionell-dosierten Chemotherapie. Zum Zeitpunkt des Studieneinschlusses waren 144/150 (96%) Patienten mit Etoposid und 90/150 (60%) Patienten mit Ifosfamid vorbehandelt. Bei Studienbeginn befanden sich 2/150 (1%) der Patienten in einer tumormarkernegativen partiellen Remission (PRm-), 28/150 (19%) Patienten hatten eine tumormarkerpositive partielle Remission (PRm+) und 120/150 (80%) Patienten zeigten ein progessives Tumorleiden (PD). Im Bezug auf das Ansprechen auf die vorausgegangene Chemotherapie wurden bei Studienbeginn von den 150 Patienten 119/150 (79%) Patienten als sensibel, 25/150 (17%) Patienten als refraktär und 6/150 (4%) Patienten als absolut refraktär auf Cisplatin eingestuft. Die Definitionen des Therapieansprechens sind im Abschnitt 2.4. dargestellt. In allen Therapieprotokollen erhielten die Patienten unmittelbar vor Durchführung der HDCT nochmals im Median 2 Zyklen (Spanne 1 - 3 Zyklen) einer konventionell-dosierten Chemotherapie.


27

3.2 Therapieansprechen auf konventionell-dosierte Chemotherapie

Das Therapieansprechen wurde jeweils nach Abschluss der cisplatinhaltigen konventionell-dosierten Salvagechemotherapie und vor HDCT beurteilt.

Die Charakteristika der Patienten und deren Tumorerkrankung unmittelbar vor HDCT sind in Tabelle 4 dargestellt. Alle Patienten erhielten unmittelbar vor Durchführung der HDCT eine cisplatinhaltige konventionell-dosierte Chemotherapie. Mit diesem Vorgehen konnte bei 107/150 (71%) Patienten eine Kontrolle der Tumorerkrankung erreicht werden; die übrigen 43/150 (29%) Patienten sprachen nicht auf die konventionell-dosierte Chemotherapie vor HDCT an oder zeigten nach einem kurzfristigen Ansprechen ein Fortschreiten der Tumorerkrankung.

Tabelle 4: Charakteristika der 150 Patienten nach konventioneller und vor hochdosierter Chemotherapie (HDCT)

 

Patienten

Prozent

 

n=150

100%

Alter in Jahren

 

 

Median

31

 

(Spanne)

(18 - 55)

 

Initiale Histologie

 

 

Seminom

12

8

Nicht-Seminom + Seminom

138

92

Lokalisation des Primärtumors

 

 

Testis

119

80

Retroperitoneum + Mediastinum

23

15

Mediastinum

8

5

Konventionelle Zyklen vor HDCT

 

 

Median

14

 

(Spanne)

(5 - 23)

 

Cisplatinhaltige Zyklen vor HDCT

 

 

Median

13

 

(Spanne)

(5 - 23)

 


28

(Fortsetzung Tabelle 4)

 

Patienten

Prozent

Ansprechen des Tumors auf Cisplatin

 

 

sensitiv

101

67

refraktär

37

15

absolut refraktär

12

8

Ansprechen auf konventionelle Chemotherapie

 

 

CR

11

7

PRm-

45

30

PRm+

39

26

SD

12

8

PD

43

29

Metastasenlokalisationen vor HDCT *

 

 

Abdomen

89

59

Mediastinum

41

27

Lunge

74

49

Leber

28

19

ZNS

6

4

Knochen

8

5

Zervikal

8

5

Sonstige

6

4

Höhe des HCG vor HDCT (in U/l)

 

 

<10

103

69

10 - 1.000

35

23

>1.000

12

8

Höhe des AFP vor HDCT (in ng/ml)

 

 

<10

111

74

10 - 1.000

30

20

>1.000

9

6

Abkürzungen: CR = komplette Remission; PRm- = partielle Remission mit negativen Tumormarkern; PRm+ = partielle Remission mit positiven Tumormarkern; SD = stabile Tumorerkrankung; PD = progediente Tumorerkrankung; HCG = humanes Choriongonadotropin; AFP = Alpha-Fetoprotein; LDH = Laktat-Dehydrogenase; *= Mehrfachnennungen möglich.


29

Unter den 6 Patienten, die bei Studienbeginn als "absolut refraktär" auf Cisplatin eingestuft worden waren, wurde unmittelbar vor HDCT nur noch ein Patient als "absolut refraktär" beurteilt; drei Patienten erwiesen sich als "refraktär" und waren nach einem vorübergehenden Tumoransprechen erneut progredient, und zwei Patienten konnten nach vorangehender konventionell-dosierter Studientherapie als Cisplatin-"sensibel" eingestuft werden. Vergleichweise dazu wurden von den 25 Patienten, die bei Studieneinschluss als "refraktär" beurteilt worden waren, vor HDCT nun 9 Patienten als "sensibel", 11 Patienten als "refraktär", und 5 Patienten als "absolut refraktär" eingestuft. Unter den 119 Cisplatin-"sensiblen" Patienten bei Studienbeginn konnten nach Abschluss der konventionell-dosierten Studientherapie 90 Patienten als "sensibel", 23 Patienten als "refraktär", und 6 Patienten als "absolut refraktär" beurteilt werden. Von den 90 Cisplatin-"sensiblen" Patienten zeigten 6 Patienten unmittelbar vor HDCT dennoch Anzeichen einer Tumorprogression trotz des zunächst günstigen Ansprechens auf die konventionell-dosierte Chemotherapie. Das Ansprechen auf die konventionell-dosierte Studientherapie und der Remissionszustand der Patienten vor HDCT im Vergleich zur initialen Evaluierung bei Studienbeginn sind in den Tabellen 5 und 6 dargestellt.

Tabelle 5: Effektivität der konventionell dosierten Chemotherapie vor HDCT im Vergleich zum Remissionsstatus bei Studienbeginn

Remissionsstatus
bei Studienbeginn

Therapieansprechen auf konventionell-dosierte Chemotherapie vor HDCT

 

Patienten

CR
Anzahl

PRm-
Anzahl

PRm+
Anzahl

SD
Anzahl

PD
Anzahl

PRm-

(n=2)

0

2

0

0

0

PRm+

(n=28)

1

13

13

1

0

PD

(n=120)

12

40

46

11

11

Gesamt

(n=150)

13

55

59

12

11

Abkürzungen: CR = komplette Remission; PRm- = partielle Remission mit negativen Tumormarkern; PRm+ = partielle Remission mit positiven Tumormarkern; SD = stabile Tumorerkrankung; PD = progediente Tumorerkrankung.


30

Tabelle 6: Effektivität der konventionell dosierten Chemotherapie vor HDCT im Vergleich zur Cisplatin-"Sensibilität" bei Studienbeginn

Tumoransprechen
bei Studienbeginn

Tumoransprechen auf konventionell-dosierte Chemotherapie vor HDCT

 

Patienten

CR
Anzahl

PRm-
Anzahl

PRm+
Anzahl

SD
Anzahl

PD
Anzahl

sensibel

(n=117)

13

47

43

10

5

refraktär

(n=28)

0

7

13

2

5

abs. refr.

(n=5)

0

1

3

0

1

Gesamt

(n=150)

13

55

59

12

11

Abkürzungen: CR = komplette Remission; PRm- = partielle Remission mit negativen Tumormarkern; PRm+ = partielle Remission mit positiven Tumormarkern; SD = stabile Tumorerkrankung; PD = progediente Tumorerkrankung; abs. refr. = absolut refraktär

3.3 Frühtoxizitäten

Erwartungsgemäss traten bei allen Patienten schwere hämatologische Toxizitäten der Schweregrade IV° nach dem modifizierten WHO-Schema auf. Als ASCR erhielten 69/150 (46%) Patienten KMSC, 75/150 (50%) Patienten erhielten PBSC und weitere 6/150 (4%) Patienten erhielten sowohl KMSC als auch PBPC. Bei 125/150 (83%) Patienten erfolgte nach ASCR mit der Verfügbarkeit von G-CSF und GM-CSF eine zusätzliche Stimulation der Granulozytopoese. Nach ASCR zeigten jedoch alle Patienten eine komplette hämatologische Rekonstitution. Der Einsatz von PBSC in Kombination mit hämatopoetischen Wachstumsfaktoren bei 76 Patienten, mit oder ohne zusätzlichem Einsatz von KMSC, resultierte im Vergleich mit 49 Patienten, die ausschliesslich KMSC in Kombination mit hämatopoetischen Wachstumsfaktoren als ASCR erhalten hatten, in einem signifikant schnelleren Anstieg der Leukozyten, der Neutrophilen und der Thrombozyten (Tabelle 7). Die schnellere Rekonstitution der hämatologischen Parameter resultierte zudem in einem geringeren Transfusionsbedarf an Erythrozytenkonzentraten, an Thrombozytenkonzentraten und in einem kürzeren Krankenhausaufenthalt nach ASCR bei den Patienten, die PBSC plus hämatopoetische Wachstumsfaktoren erhalten hatten, verglichen mit Patienten, die KMSC plus hämatopoetische Wachstumsfaktoren erhalten hatten.


31

Tabelle 7: Klinischer Verlauf bei Patienten nach autologer Stammzellrückgabe mit zusätzlicher Stimulation mit G-CSF

 

PBSC +/-

KMSC

(n=76)

KMSC

(n=49)

Signifikanz
Niveau #

 

Median
(Spanne)

Median
(Spanne)

 

• Tage bis Leukozyten > 1000 /µl

10
(7 - 31)

13
(8 - 80)

p < 0,001

• Tage bis Neutrophile > 500 / µl

10
(7 - 31)

13
(8 - 98)

p < 0,001

• Tage bis Thrombozyten > 20000 /µl

11
(0 - 62)

18
(0 - 48)

p < 0,001

• Anzahl Thrombozytenkonzentrate

5
(1 - 19)

7,5
(2 - 40)

p < 0.001

• Anzahl Erythrozytenkonzentrate

6
(0 - 23)

9
(2 - 57)

p < 0,001

• Krankenhaustage nach ASCR

17
(11 - 50)

23,5
(13 - 104)

p < 0,001

Abkürzungen: ASCR = autologe Reinfusion hämatopoetischer Progenitorzellen;
PBSC = hämatopoetische Progenitorzellen aus dem peripheren Blut;
KMSC = hämatopoetische Progenitorzellen aus dem Knochenmark; G-CSF = Granulozyten-Kolonie-Stimulierender-Faktor; # = Berechnung nach dem Mann-Whitney Test.

Die Nephrotoxizität, definiert entweder als Abfall der berechneten Kreatininclearance um mehr als 50% oder als Anstieg des Serumkreatininwertes um einen Wert von 1 mg/dl oder mehr gegenüber dem Ausgangswert, bei 43/150 (29%) Patienten und eine ZNS Toxizität Grad II° oder höher nach WHO-Kriterien bei 21/150 (14%) Patienten stellten die dosislimitierenden Toxizitäten dieser HDCT Kombination dar. Insgesamt wurde bei 12/150 (8%) Patienten eine Hämodialyse erforderlich, allerdings normalisierte sich die Nierenfunktion bei 10 dieser Patienten bis zum Entlassungstag weitgehend, lediglich 2 der zunächst dialysepflichtigen Patienten blieben dialysepflichtig über den Tag der Entlassung hinaus. Die Inzidenz und Einflussvariablen der akuten Nephrotoxizität unter HDCT wurden bereits detailiert publiziert (7). Weitere behandlungsbedürftige Toxizitäten der Schweregrade III° und IV° nach WHO stellten Mukositis und Übelkeit dar, die jedoch auf den unmittelbaren Zeitraum der HDCT beschränkt und nach vorübergehender Therapiepflichtigkeit voll reversibel waren. Alle weiteren kurzdauernden nicht-hämatologischen Toxizitäten sind in Tabelle 8 aufgeführt.


32

Tabelle 8: Spektrum der unmittelbaren Organ Toxizitäten nach Hochdosischemotherapie

Toxizität

Keine
Patienten (%)

Grad 1
Patienten (%)

Grad 2
Patienten (%)

Grad 3
Patienten (%)

Grad 4
Patienten (%)

Gesamt #
Patienten (%)

Erbrechen

0

0

8 ( 6)

37 (26)

100 (69)

145 (100)

Mukositis

1 ( 1)

4 ( 3)

16 (11)

45 (31)

80 (55)

145

Diarrhö

18 (12)

38 (26)

65 (45)

24 (17)

0

145

Leber

20 (14)

55 (38)

48 (33)

21 (14)

1 ( 1)

145

Lunge

121 (83)

18 (12)

1 ( 1)

5 ( 3)

0

145

Zystitis

96 (66)

39 (27)

8 ( 6)

2 ( 1)

0

145

Herz

134 (92)

6 ( 4)

5 ( 3)

0

0

145

Haut

60 (41)

48 (33)

33 (23)

4 ( 3)

0

145

PNS

51 (35)

48 (33)

41 (28)

5 ( 3)

0

145

ZNS

105 (72)

22 (15)

11 ( 8)

7 ( 5)

0

145

Ototoxizität

77 (53)

23 (16)

37 (26)

8 ( 6)

0

145

Erläuterungen und Abkürzungen: # Fünf weitere Patienten verstarben an therapieassoziierten Toxizitäten und sind nicht in diese Tabelle eingeschlossen: 3 Patienten verstarben an schwergradiger Nephrotoxizität und ZNS Toxizität mit oder ohne Multiorganversagen und zwei Patienten starben an einer Pneumonie, Sepsis und konsekutivem Multiorganversagen; PNS = peripheres Nervensystem.


33

3.4 Therapieansprechen auf HDCT und Therapie nach HDCT

Das Ansprechen auf die HDCT wurde jeweils 6 und 12 Wochen nach ASCR beurteilt, zu diesen Zeitpunkten wurden auch Entscheidungen über eine mögliche RTR getroffen. Eine CR auf eine alleinige HDCT als günstigstes Therapieansprechen erreichten 12/150 (8%) Patienten; weitere 29/150 (19%) Patienten mit einer PRm- und 8/150 (5%) Patienten mit einer PRm+ nach HDCT wurden nach vollständiger Resektion verbliebener Residuen tumorfrei und erzielten eine pCR oder eine sCR. Damit erlangten insgesamt 49/150 (33%) Patienten CR/NED als bestes Therapieergebnis. Bei 38/150 (25%) Patienten wurde als günstigstes Therapieergebnis nach HDCT eine PRm- erreicht, diese hatten entweder nichtresektable Residuen aufgrund einer ungünstigen Lokalisation oder Multilokalität der radiologischen Residuen, oder aber eine Operation wurde abgelehnt. Unter den 24/150 (16%) Patienten mit einer PRm+ nach HDCT befinden sich auch die bereits genannten 8 Patienten, die mit geringfügig erhöhten Tumormarkern nach HDCT eine RTR erhalten hatten. Bei diesen 8 Patienten trat erst nach erfolgreicher Residualtumorresektion eine postoperative Normalisierung der Tumormarker ein. Die verbliebenen 16 Patienten mit PRm+ hatten nach HDCT nur einen vorübergehenden Tumormarkerabfall und waren danach erneut progredient. Kein Therapieansprechen auf HDCT zeigten 42/150 (28%) Patienten, die entweder unter HDCT oder unmittelbar nach HDCT progredient waren. Therapieassoziierte Todesfälle traten bei 5/150 (3%) Patienten auf.

Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 55 Monate (Spanne 21 - 88 Monate). Am Stichtag der Auswertung lebten insgesamt 60/150 (40%) Patienten, von diesen waren 45/150 (30%) in anhaltender, kontinuierlicher Remission nach HDCT. Weitere Salvagetherapieversuche erfolgten bei 58 Patienten, die entweder ein Rezidiv erlitten hatten oder aber nach HDCT erneut progredient waren. Diese erneute Salvagetherapie nach HDCT war bei 6/58 (10%) Patienten erfolgreich. Die Art der Salvagetherapie nach HDCT war bei diesen 6 Patienten unterschiedlich und beinhaltete entweder eine weitere HDCT, eine mehrmonatige Therapie mit oralem Etoposid oder eine erneute chirurgische Resektion mit oder ohne zusätzliche strahlentherapeutische Behandlung. Das Therapieansprechen und der Verlauf nach HDCT sind in Tabelle 9 aufgeführt.


34

Tabelle 9: Therapieansprechen und Krankheitsverlauf nach HDCT und zur Zeit der aktuellen Evaluation

Ansprechen

Auf HDCT

Patienten (%)

Chirurgie

nach HDCT

Patienten

Rezidiv

Patienten

Verstorben

Patienten (%)

Leben

Patienten (%)

CR

 

12 ( 8)

 

-

3

2 ( 1)

10 ( 7)

PRm-

66 (44)

keine Chirurgie

inkomplete Resektion

vitaler Tumor*

Nekrose/Teratom*

29

9

8

20

19

4

6

5

16 (11)

3 ( 2)

4 ( 3)

3 ( 2)

12 # ( 8)

6 ( 4)

4 ( 3)

17 (11)

PRm+

 

24 (16)

keine Chirurgie

komplette Resektion

16

8

16

2

16 (11)

2 ( 1)

0

6 ( 4)

NC/PD

 

43 (29)

 

 

entfällt

38 (25)

5 ( 3)

Frühtodesfall**

5 ( 5)

 

 

entfällt

5 ( 3)

0

Erläuterungen und Abkürzungen: *im Resektat; **verstorben an Therapietoxizitäten; # 1 Patient hat sich der Nachsorge entzogen; HDCT = Hochdosischemotherapie; CR = komplette Remission; PRm- = tumormarkernegative partielle Remission; PRm+ = tumormarkerpositive partielle Remission; NC = "no change"; PD = progrediente Erkrankung


35

Am Stichtag der Auswertung waren somit 51/150 (34%) Patienten in CR/NED oder in anhaltender PRm-, weitere 9/150 (6%) Patienten lebten mit aktiver Tumorerkrankung. Nur ein Patient entzog sich neun Monate nach HDCT der weiteren Nachsorge im Status einer PRm- und wurde als "lost to follow up" gewertet. Die übrigen 89 Patienten verstarben entweder an behandlungsbedingten Nebenwirkungen oder an ihrer progredienten Tumorerkrankung. Ein Patient mit einem Rezidiv 3 Monate nach HDCT und einer hierauf eingeleiteten intermittierenden palliativen Therapie mit oralem Etoposid entwickelte ein Jahr nach HDCT eine sekundäre akute myeloide Leukämie, an der er verstarb. Die Wahrscheinlichkeiten für das Gesamtüberleben und das ereignisfreie Überleben sind in Abbildung 3 dargestellt. Die Wahrscheinlichkeit des Gesamtüberlebens betrug 39 % und die des ereignisfreien Überlebens betrug 29% nach 7,8 Jahren.

Abbildung 3: Wahrscheinlichkeiten für das Gesamtüberleben und das erreignisfreie Überleben


36

3.5 Spättoxizitäten

Nach der Entlassung der Patienten aus stationärer Behandlung wurden in regelmässigen Abständen Nachsorgeuntersuchungen durchgeführt. Die mediane Nachbeobachtungszeit für überlebende Patienten bis zum Stichtag der Auswertung betrug 55 Monate (Spanne 21 - 93 Monate). Hämatologische Spättoxizitäten waren dabei insgesamt selten. Bei 3/60 (5%) Patienten wurde eine transfusionsbedingte Hepatitis B und/oder C diagnostiziert, die im Zusammenhang mit Transfusionen nach HDCT auftrat. Wie oben bereits beschrieben, entwickelte ein Patient eine sekundäre akute myeloide Leukämie nach HDCT und palliativer Therapie mit oralem Etoposid. Es fanden sich unter den 60 Langzeitüberlebenden unterschiedliche organspezifische Spättoxizitäten, die in Tabelle 10 dargestellt sind. Zum Zeitpunkt der letzten Nachsorgeuntersuchung wurde bei insgesamt 14/60 (23%) Langzeitüberlebenden eine dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion mit erhöhten Serumkreatininwerten über 1,5 mg/dl festgestellt. Dabei hatten 9/60 (15%) Patienten ein Serumkreatininwert zwischen 1,5-1,99 mg/dl, 4/60 (6%) Patienten einen Wert zwischen 2.0-2.99 mg/dl und 1/60 (2%) Patient war seit HDCT weiterhin dialysepflichtig. Bei 23/60 (38%) Patienten wurde klinisch eine Polyneuropathie festgestellt, die zum Teil zu einer deutlichen Einschränkung im Alltagsleben dieser Patienten führte. Bei 16/60 (27%) Patienten wurde eine Ototoxizität mit Tinnitus und subjektiver Hörminderung dokumentiert, obwohl keiner dieser Patienten eine apparative Hörhilfe benötigte. Bei 4/60 (7%) Patienten wurden seltenere chemotherapiebedingte Spättoxizitäten diagnostiziert. Ein Patient entwickelte nach HDCT eine aseptische Nekrose des rechten Femurkopfes, welche mit einer Hüftendoprothese versorgt werden musste. 3.6. Prognosefaktoren für das Therapieansprechen


37

Tabelle 10: Organ Toxizitäten unmittelbar nach HDCT und bei den Langzeitüberlebenden

 

 

Unmittelbar nach HDCT

 

Letztes Follow-up

 

Alle Patienten

Langzeitüberlebende

 

Langzeitüberlebende

(n=150)

(%)

(n=60)

(%)

 

(n=60)

(%)

Max.Kreatinin (mg/dl)

 

 

 

< 1,5

1,5 - 1,99

2,0 - 2,99

Dialyse

< 1,5

81

(54)

34

(57)

 

31

3

 

 

1,5 - 1,99

36

(24)

14

(23)

 

14

 

 

 

2,0 - 2,99

12

( 8)

3

( 5)

 

 

2

1

 

> 3,0

12

( 8)

5

( 8)

 

 

3

2

 

Dialyse

9

( 6)

4

( 7)

 

1

1

1

1

Peripheres

Nervensystem1

94

(63)

44

(73)

 

23

(38)

Ototoxizität2

68

(45)

25

(42)

 

16

(27)

Sonstige3

1

( 1)

1

( 2)

 

4

( 7)

Erläuterungen und Abkürzungen: 1Polyneuropathie; 2Hörverlust, Tinnitus; 3Hepatitis B/C-Infektion; Aseptische Nekrose des rechten Femurkopfes; HDCT = Hochdosischemotherapie


38

3.6 Prognosefaktoren für das Therapieansprechen

Die Ergebnisse einer multizentrischen retrospektiven Untersuchung zur Identifikation von Prognosefaktoren für das Therapieansprechen nach HDCT liegen publiziert vor. In diese multivariate Untersuchung wurden von der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie des Virchow Klinikums 104 Patienten eingeschlossen, die bis einschliesslich Juli 1993 behandelt worden waren. Diese Patienten sind auch Teil des vorliegenden Analysekollektives. In der Zeit von August 1993 bis September 1995 wurden 46 weitere konsekutive Patienten mit dem identischen Behandlungskonzept behandelt, wie es die bereits zuvor analysierten Patienten erhalten hatten. An den Behandlungsergebnissen dieser 46 zuletzt therapierten Patienten sollte deshalb prospektiv die Aussagekraft der zuvor entwickelten Prognoseklassifikation überprüft werden. Obwohl die Überlebenswahrscheinlichkeiten bei diesen weiteren 46 Patienten im Vergleich zu der zuvor behandelten Patientenkohorte insgesamt schlechter waren, konnten mittels der zuvor entwickelten Prognoseklassifikation die gleichen drei Kategorien "gute Prognose", "intermediäre Prognose" und "schlechte Prognose" mit signifikant unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten für das ereignisfreie Überleben und das Gesamtüberleben gefunden werden. Unter diesen 46 Patienten ergab sich bei 29/46 (63%) Patienten, die der Kategorie "gute Prognose" entsprachen, eine Wahrscheinlichkeit für das Gesamtüberleben von 51% nach zwei Jahren. Im Gegensatz dazu lag die Wahrscheinlichkeit des Gesamtüberlebens bei 12/46 (26%) Patienten, die der Kategorie "intermediäre Prognose" entsprachen, nur bei 26% nach zwei Jahren. Unter den 5/46 (11%) Patienten, die der Kategorie "schlechte Prognose" entsprachen, fanden sich keine Langzeitüberlebende, und das Gesamtüberleben lag hier im Median nur bei 77 Tagen. Die Kaplan-Meier Kurven für das Gesamtüberleben mit Bezug auf den Prognosescore sind als Abbildung 4 dargestellt. Im Gegensatz zu den Ergebnissen der zuvor durchgeführten multizentrischen Analyse blieb in der vorliegenden Analyse aller 150 am Virchow Klinikum behandelten Patienten der Zeitpunkt der HDCT innerhalb der individuellen Therapiestrategie als wichtiger unabhängiger Prognosefaktor bestehen. Somit war es möglich, die grosse Gruppe von 92 Patienten mit "guter Prognose" weiter zu unterteilen. Wurde die HDCT als Intensivierung der Primärtherapie eingesetzt, resultierte daraus eine Wahrscheinlichkeit des Gesamtüberlebens nach 2 Jahren von 78%, bei dem Einsatz der HDCT im Rahmen des ersten Salvagetherapieversuches betrug diese Wahrscheinlichkeit 66%. Wurde eine HDCT im zweiten oder nachfolgenden Salvagetherapieversuch eingesetzt, lag die Gesamtüberlebenswahrscheinlichkeit nach zwei Jahren nur noch bei 47%.

Abbildung 4: Gesamtüberleben nach HDCT in den Patientenkategorien "günstige Prognose" (Scorewert = 0), "intermediäre Prognose" (Scorewert = 1 oder 2) und "schlechte Prognose" (Scorewert > 2).


[Titelseite] [Abkürzungsverzeichnis] [1] [2] [3] [4] [5] [Bibliographie] [Danksagung] [Lebenslauf] [Selbständigkeitserklärung]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Fri Dec 8 14:17:42 2000