1 Einleitung

1.1  Hintergründe und Ziele des Forschungsprojektes

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Die Metropole Berlin kann auf eine lange Tradition stadtökologischer Forschung zurückblicken (vgl. Sukopp & Wittig 1998). Neben floristischen, bodenkundlichen, klimatischen u. a. Forschungsbereichen ist die faunistische, und hier speziell die avifaunistische, ein hochaktuelles Forschungsgebiet. Bisher wurden in Städten dabei die Verbreitung von Vogelarten in der Stadt, ihre Brutbiologie und Aspekte des Verhaltens untersucht. Die Nahrungsökologie von Vögeln wurde aber bisher vergleichsweise wenig beachtet. Der Erfolg einer Art als Großstadtbesiedler, gemessen an einer stabilen Brutpopulation, ist einmal und primär von der Nahrungsgrundlage abhängig. Dabei gilt zu bedenken, dass die Nahrung für schnellwachsende Nestlinge anspruchsvoller, vor allem eiweißreicher sein muss, als für adulte Vögel. Ferner muss das Niststättenangebot günstig sein. Bei dieser Studie steht die Frage im Vordergrund, wie unterschiedliche Vogelarten auf urbane Umwelten reagieren, entsprechend ihrer nahrungsökologischen Einnischung. Zur Beantwortung derselben sollen Flächen unterschiedlicher Urbanität, entlang eines Gradienten innerhalb des Stadtgebiets von Berlin, untersucht werden. Dabei liegt der Schwerpunkt der Untersuchung nicht allein auf einzelnen Arten, sondern die gesamte Brutvogel- und Wintervogelgemeinschaft auf einzelnen Flächen soll ebenfalls betrachtet werden. Dies dient zum einen der Charakterisierung der einzelnen Flächentypen, zum anderen wird der saisonale Aspekt erfasst. Denn die Nahrungszusammensetzung und –verfügbarkeit, wie auch ihre Bedeutung, verändern sich im Jahresverlauf. Sie ist Grundlage für eine erfolgreiche Brut im Frühjahr und Sommer sowie für das Überstehen von Zeiten energetischer Engpässe im Winter.

Besonders untersucht werden Vertreter unterschiedlicher nahrungsökologischer Gilden:

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Spezielle Fragestellungen dabei sind:

Diese Studie wurde im Rahmen des Graduiertenkollegs „Stadtökologische Perspektiven einer europäischen Metropole, das Beispiel Berlin (GRK 780)“ durchgeführt. Die Gradientenidee, also das Durchführen einer Analyse von der Stadtmitte zum Stadtrand (möglichst SO) war innerhalb des Kollegs vorgegeben.

1.2 Bedingungen der städtischen Vogelwelt

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In Städten wird für die Beurteilung der städtischen Tierwelt fast immer die „natürliche“ bzw. „ursprüngliche“ Fauna als Vergleichs- und Bewertungsmaßstab herangezogen (Erz & Klausnitzer 1998). Die Auffassung, die Stadt sei ein lebensfeindlicher Belastungsraum und die urbane Fauna sei ein Ergebnis starker Denaturierung, ist nicht haltbar (ebd.). Bezogen auf die gesamte Avifauna, hat eine Großstadt sowohl viele Vorteile als auch zahlreiche Nachteile zu bieten.

Nach Luniak (1998) sind Städte ein neuer Umwelttyp bzw. Habitatkomplex. Eine Metropole ist im Vergleich zum Umland durch einen hohen Anteil an versiegelten Flächen und damit weniger Grünflächen gekennzeichnet. Die Belastung durch Umweltgifte ist oft hoch (z. B. Marzluff 2001). Die prägende Struktur von Städten sind Gebäude. Typisch ist weiterhin, dass bestimmte Habitattypen räumlich voneinander isoliert sind (z. B. Brachflächen). Städtische Habitate unterliegen durch menschliches Eingreifen (z. B. Bautätigkeit) einer ständigen Dynamik. Eine Großstadt bietet ein günstigeres Kleinklima, d. h. z. B., dass Vögel von der Wärmeabstrahlung von Gebäuden und anderen Heizquellen profitieren. Außerdem sind anthropogene Nahrungsquellen (Fütterung, Müll) ein Anziehungspunkt für viele Vögel. Eine Großstadt bietet meist weniger natürliche Feinde als das Umland, dafür sind Vögel vielen anderen Risiken ausgesetzt, z. B. Kollision mit Fensterscheiben, Autos, Zügen u. a. Außerdem sind Haustiere, z. B. die Katze (Felis catus), in der Stadt zahlreich und erfolgreiche Prädatoren von vielen Vogelarten. Der hohe Anteil an nicht einheimischen Pflanzenarten verändert nicht nur die Situation von herbivoren Vögeln, sondern auch von Insektenfressenden (Beispiel: Massenauftreten der Rosskastanienminiermotte - Cameraria ohridella - an der Rosskastanie - Aesculus hippocastanum). Das Angebot an Nistplätzen ist in einer Stadt nicht für alle Vogelarten gleich optimal: Generell sind Bodenbrüter und auch Strauchbrüter im Vergleich zu Gebäudebrütern und Baumbrütern in der Stadt benachteiligt (Abs 1987). Des Weiteren sind Körner- und Allesfresser im Vergleich zu Insektenfressern begünstigt (ebd.). Typisch für eine Stadt ist das Vorkommen von Neozoen (z. B. die aus China stammende Mandarinente).

Bezeichnend für urbane Umwelten ist die „Synanthropie“, die Anpassung von Tierpopulationen an vom Menschen geschaffene Umweltbedingungen (Luniak 1998). Luniak (1998) nennt in diesem Kontext auch den Begriff „Synurbanisierung“ und meint damit „Synanthropie“ unter den spezifischen Bedingungen der „Urbanisierung“. Bei Vögeln in der Stadt gibt es zahlreiche Adaptationen und Ausprägungen, wie höhere Populationsdichten, Verlängerung des tageszeitlichen Rhythmus, Ausdehnung der Fortpflanzungsperiode, Reduzierung des Zugverhaltens, Verlängerung der mittleren Lebensdauer, geringere Fluchtdistanz, Änderungen des Gesangsrhythmus, Änderung der Nistplatzwahl (z. B. Brut in Gebäuden), Änderung der Nahrungsökologie u. a. (vgl. Erz & Klausnitzer 1998, Luniak 1998). Nach Abs (1987) ist eine Änderung im Genbestand einer städtischen Population, welche durch Selektion hervorgerufen wird, wahrscheinlich. Junker-Bornholdt & Schmidt (2000) beschreiben die Isolation von Stadtpopulationen (anhand der Kohlmeise).

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Die Urbanisierung nimmt weltweit zu und wird auch hinsichtlich der Avifauna weltweit untersucht (z. B. Bowman et al. 2001, Clergeau et al. 1998, Luniak 1998, 2004).

Die Metropole Berlin (Gesamtfläche: 892 km², Bevölkerungsdichte: 3800 Einwohner/km²) lässt sich insgesamt als sehr strukturreich klassifizieren: Neben urbanen Flächen gibt es zahlreiche Parks, Gewässer, Brachflächen, Wohngebiete mit hohem Grünanteil und auch Waldflächen (vgl. hierzu Otto & Witt 2002 S. 26). Hervorzuheben sind zum einen die großen Parks, wie z. B. der Treptower Park oder der Tiergarten, zum anderen die am Stadtrand angesiedelten Eigenheimsiedlungen oder Villenvorstädte. Diese sind Trittsteine für das Eindringen von Waldarten, z. B. die Blaumeise, in die Großstadt. Berlin ist mit 178 Brutvogelarten, 130 davon mit regelmäßigem Vorkommen, sehr artenreich (Otto & Witt 2002).


Fußnoten und Endnoten

1  Die wissenschaftlichen Namen aller Arten sind im Anhang A aufgeführt.



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31.08.2006