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Wie wird jüdische Identität in den Texten junger jüdischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen konstruiert, lautete die übergeordnete Fragestellung dieser Untersuchung. Existiert eine ausreichende Zahl von Gemeinsamkeiten in der Gestaltung der jüdischen Figuren, die ein zugrundeliegendes, einheitliches Identitätsmuster erkennen läßt?
Zweifelsohne gibt es solche Gemeinsamkeiten. Bei der Verschiedenartigkeit der ästhetischen Verfahren – Maxim Billers grelle Karikaturen stehen neben Esther Dischereits assoziativen Biographiefragmenten oder Barbara Honigmanns allegorischen Erinnerungsbildern – sind das Übereinstimmungen in der Wahl der gestalteten Identitätsfelder und der Schreibperspektive. Diese ist immer, unabhängig von der jeweiligen Erzählform, an eine junge jüdische Figur in der Jetztzeit gebunden, so daß in den hier diskutierten Texten dezidiert jüdische Wahrnehmungen vermittelt werden - zumeist der deutschen Gegenwartsgesellschaft.
Diese Beobachtung ist, selbst wenn sie im Anschluß an die vorangegangenen Textanalysen redundant erscheint, bemerkenswert. Sie bestätigt die Annahmen, die im ersten Kapitel über die Lenkungsfunktionen eines Diskurses gemacht wurden, in dem jüdischen Stimmen primär aufgrund ihrer biographischen Erfahrungen Gehör geschenkt wird. Auch die Bindung der Erzählperspektive an jüdische Figuren muß als diskursspezifisches Merkmal interpretiert werden, insofern mit ihr die Beschränkung der diskursiven Aussagepositionen auf jüdische Stimmen in der fiktiven Wirklichkeit fortgeführt wird.
Weniger offensichtlich und scheinbar widersprüchlich zu der vorigen Beobachtung ist eine andere Gemeinsamkeit der Texte, die ebenfalls deren diskursive Verortung betrifft. Diese Übereinstimmung besteht in Aussagen, mit denen die Lenkungsmacht des Diskurses subversiv unterlaufen wird. Ein Kommentar der Autorin Barbara Honigmann, den sie im Rahmen der Konferenz „Deutsch-Jüdische Literatur der Neunziger Jahre“1 in Berlin geäußert hat, kann als symptomatisch für ein solches „Aufbegehren“ gegen die [Seite 367↓] Lenkungsmacht des Diskurses verstanden werden. Honigmann bedankte sich auf der Konferenz explizit bei dem Vortragenden Amir Eshel2 , welcher in bezug auf Honigmanns Werk von einer „Poetik des Verlustes“ gesprochen hatte und Schreibstrategien der Allegorie und Ironie herausgearbeitet hatte. Sie freue sich über Eshels Würdigung der ästhetischen Verfahrensweisen ihres Textes, sagte Honigmann, da sie der nahezu ausschließlichen Rezeption ihrer Texte unter inhaltlichen Gesichtspunkten, primär unter Gesichtspunkten der jüdischen Identität, überdrüssig sei. Das sei schließlich nicht ihre Entscheidung, so Honigmann weiter, sie habe ja gar nicht die Wahl über etwas anderes zu schreiben. Das „Jüdische“ sei nun einmal ihr Thema.
Diese Zwanghaftigkeit bei der Wahl des literarischen Sujets, die in Honigmanns Worten deutlich wird, ist als Zwanghaftigkeit bei der Konfrontation bestimmter Identitätskonflikte auch den literarischen Figuren eingeschrieben. So heißt es in Esther Dischereits Joëmis Tisch gleich auf der ersten Seite: „Muß man Jude sein, hab ich mich lang genug gefragt?“, um dann in einem Ton der Resignation und vielleicht auch des Bedauerns zu resümieren: „Sie holten mich ein, die Toten der Geschichte, und ließen mich teilhaben.“3 In Maxim Billers Wenn ich einmal reich und tot bin wird den Erzählungen gleichsam als Fluchtpunkt ein Zitat aus Saul Bellows Humboldts Vermächtnis vorausgestellt, in dem jüdisches Leben in Deutschland als zwanghafte Identitätsverengung beschrieben wird: „Überdies, wenn ich ein Jahr in Deutschland zubrächte, würde ich nur an eins denken... Zwölf Monate lang wäre ich ein Jude und sonst nichts. Ich kann mir nicht leisten, dafür ein ganzes Jahr herzugeben“4 , heißt es dort. In Katja Behrens Erzählung „Alles normal“, der ersten Erzählung in dem Band Salomo und die anderen , entsteht mit der zunehmenden Sensibilisierung der Ich-Erzählerin für ihr Jüdischsein vor allem der Impuls, diese Sensibilisierung loszuwerden. Die Ich-Erzählerin will „[...] es irgendwie rückgängig machen [...]“5 , will „das Fortgehen nachholen [Seite 368↓] [...]“6 , und „nachdem das Weggehen nicht geholfen hatte, [...] der Vergangenheit ins Auge sehen“7 – und scheitert doch mit allen Versuchen eines konstruktiven Identitätsaufbaus: „Es war keine Befreiung.“8
Diese Brüche, durch welche die Identitätsprozesse der fiktiven jüdischen Figuren mit einer unübersehbaren Konnotation von Zwanghaftigkeit versehen werden, sind vielleicht die bezeichnendste Gemeinsamkeit in den Identitätskonstruktionen der jungen jüdischen Figuren – der bejahende Wir sind da! -Ausruf im Titel von Richard Chaim Schneiders Interviewsammlung9 , welche in der Einleitung dieser Untersuchung als Eckpunkt des innerjüdischen Diskurses bezeichnet worden ist, müßte unter Berücksichtigung dieser literarischen Darstellungen eher zu einer gequälten „Wir sind da – ob wir wollen oder nicht!“ - Feststellung variiert werden.
In diesen Brüchen wird die Shoah sichtbar. Das Geschehen von Auschwitz, das oftmals indirekt über die gestörte Kommunikation der jungen jüdischen Figuren mit ihren Überlebenden-Eltern vermittelt wird, ist in den literarischen Texten allgegenwärtig.10 Es bildet das Korrektiv, durch das die Identitätsprozesse der jungen jüdischen Figuren immer wieder ausgerichtet werden, und den Filter, der ihren Wahrnehmungen vorgeschaltet ist.
Auch wenn es angesichts der besonderen Bedeutungsmächtigkeit der Shoah nicht zu einem langfristigen Aufbegehren der jungen jüdischen Charaktere gegen die an Auschwitz gebundene Zwanghaftigkeit bestimmter Identitätsprozesse kommt, zeigen sich in der Konfrontation der historischen Tatsachen die Ambivalenzen dieser Identitätsprozesse besonders deutlich. Unwillkürliches Entsetzen angesichts des Geschehenen existiert neben dem Bedürfnis, sich abzuwenden und Auschwitz aus dem eigenen Leben auszuklammern; das Gefühl individuellen Verlangens zu gedenken tritt neben die Empfindung von Widerwillen angesichts einer diskursiv kommunizierten Verpflichtung zu gedenken; die Unverfügbarkeit des Ereignisses Auschwitz für die Nachgeborenen geht mit der Schwierigkeit einher, die Bedeutung von [Seite 369↓] Auschwitz für das eigene Leben zu realisieren, es als „Welterfahrung“11 zu begreifen – die religiösen Implikationen der Shoah, also die Problematik einer Theodizee nach Auschwitz, wird mit Ausnahme von Ulla Berkéwicz’ Zimzum nicht thematisiert, was den überwiegend säkularen Charakter der jungen jüdischen Literatur verdeutlicht.
Die besondere Wirkungsmächtigkeit, die Auschwitz in bezug auf die Identitätsprozesse der jungen jüdischen Figuren entfaltet, ist weder zeit-, noch ort-, noch personengebunden. Das oftmals nur als Subtext lesbare Grauen der jungen jüdischen Figuren angesichts der Tatsache, daß Auschwitz geschehen ist, wird nicht mit historischen Daten oder konkreten Bildern ausgefüllt. „Die können doch nicht alle Kinder töten [...]. Die. Die, wer die sind?“12 , heißt es beispielsweise in einer Textstelle aus Barbara Honigmanns Erzählung „Roman von einem Kinde“, die sich sowohl auf ein biblisches Ereignis als auch auf ein nationalsozialistisches Vernichtungslager bezieht. Zu einer unvorstellbaren Tat können keine Täter visioniert werden.
Neben den unpersönlichen, zeitlosen Identitätszwängen, die von dem „Zivilisationsbruch“13
Auschwitz ausgehen, gibt es in den Identitätskonstruktionen der jungen jüdischen Figuren immer wieder Konnotationen von Fremdbestimmung, die an die konkreten gesellschaftlichen Umstände der beiden deutschen Nachkriegsstaaten gebunden sind. Innerhalb dieser gesellschaftlichen Verhältnisse wird die von den jungen jüdischen Figuren erlebte Fremdbestimmung durch die Verhaltensweisen zweier disparater Gruppen verursacht: durch die Verhaltensweisen nichtjüdischer, deutscher Charaktere, und durch die Verhaltensweisen der jüdischen Elternfiguren.
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Bei vielen nichtjüdischen Figuren – nicht nur älteren, als potentielle Täter assoziierten Figuren, sondern auch bei jüngeren – ist der Umgang mit der Shoah von Verdrängungsmechanismen und Deckerinnerungen bestimmt, wie sie Dan Diner in seiner Theorie der „negativen Symbiose“ beschrieben hat. Ein Bekenntnis zur Übernahme historischer Verantwortung, welches zumindest aus jüdischer Sicht am Ausgangspunkt einer gemeinsamen Vergangenheitsarbeit stehen müßte, fehlt. Den jüdischen Figuren ist dadurch die Möglichkeit einer Integration in die deutsche Gesellschaft verwehrt; wiederkehrende Erlebnisse der Unzugehörigkeit sind die Folge.14
Die Fremdbestimmung durch die Elternfiguren geht unmittelbar von deren Entscheidung aus, sich nach 1945 in Deutschland niederzulassen. Diese Entscheidung kann als primäre Fremdbestimmung bezeichnet werden, da durch sie erst die Lebenssituation geschaffen wird, die als zentraler Widerspruch die Identitätskonstrukte der jungen jüdischen Figuren dominiert: als Widerspruch zwischen der Sozialisation der jungen jüdischen Figuren innerhalb der deutschen Sprache und Kultur und ihrem Widerwillen gegen ein Leben in dem Land und mit dem Volk der Täter.15
Die Fremdbestimmung, die von den Elternfiguren ausgeht, und die, die von den nichtjüdischen deutschen Figuren ausgeht, gleichen sich also insofern, als durch beide die ohnehin als zwanghaft empfundene Auseinandersetzung mit der Shoah bei den jungen jüdischen Figuren forciert wird.
Entsprechend wird von den jungen jüdischen Figuren auf beide Arten der Fremdbestimmung mit Widerwillen reagiert. So werden die Elternfiguren in Behrens „Alles normal“, in Honigmanns Eine Liebe aus nichts , in Billers „Wenn ich einmal reich und tot bin“ oder in Nolls Nachtgedanken über Deutschland aus der Sicht der jungen jüdischen Figuren distanziert bis verständnislos geschildert – Darstellungen von (Nicht-Eltern-)Figuren aus der Überlebendengeneration [Seite 371↓] sind bei Biller sogar polemisch bis verächtlich. Eine empathische Identifikation mit dem Opferschicksal der Eltern und Großeltern, die Alain Finkielkraut als konstitutiv für die jüdischen Identitätsmodelle in der französisch-jüdischen Gegenwartsliteratur identifiziert hat,16 fehlt in den deutschen Texten ganz; die Bilder einer jüdischen Leidensgemeinschaft, die mitunter auch in den deutschen Texten evoziert werden, sind dort durchgehend an biblische Modelle geknüpft. In bezug auf die nichtjüdischen Charaktere äußert sich der Widerwille der jungen jüdischen Figuren in einem sezierenden, scharfen Blick, mit dem neben offen antisemitischen Äußerungen und ihren philosemitischen Pendants auch latent ausländerfeindliche, bornierte und unsensible Verhaltensweisen und Kommentare der Nichtjuden entlarvt werden17 – in den vergeblichen Beziehungsversuchen mit nichtjüdischen Partnern erscheint das große Frustrationspotential dieser Sensibilisierungen besonders eklatant.
Trotz dieser Parallelen ist die Kritik der jungen jüdischen Figuren an den jeweiligen Verhaltensweisen der Eltern und der nichtjüdischen Deutschen nicht vergleichbar. Vielmehr werden durch die Konfrontationen mit den nichtjüdischen Deutschen kontinuierlich Positionierungsprozesse bei den jungen jüdischen Figuren initiiert, aus denen ein starkes Bewußtsein für Täter-, bzw. Opferzugehörigkeiten und grundlegende Unterschiede in der Umsetzung ihrer Kritik resultieren: Ein langfristiges Aufbegehren gegen die jüdischen Elternfiguren kommt in der jungen jüdischen Gegenwartsliteratur nicht vor. Der Impuls, sich von den Eltern abzuwenden, sie wegen ihrer Entscheidung für ein Leben in Deutschland anzuklagen, wird nicht realisiert – auch wenn er in einigen Texten nachdrücklich angedeutet wird. Die Entwicklung der jungen jüdischen Figuren endet sowohl bei Biller, Honigmann, Behrens, Noll oder Seligmann in einer von Mitleid geprägten Haltung gegenüber den jeweiligen Elternfiguren. In den „Pakt des Schweigens“, der sich ursprünglich auf die Verfolgungserfahrungen der Überlebenden-Eltern bezieht, wird letztlich die [Seite 372↓] elterliche Entscheidung für ein Leben im Nachkriegsdeutschland eingeschlossen.
Im Verhältnis zu den Figuren der deutschen Nichtjuden hingegen gibt es diese Versöhnungstendenz nicht. Zwar können die jungen jüdischen Charaktere im Umgang mit nichtjüdischen deutschen Charakteren ganz unterschiedliche Verhaltensweisen zeigen – von polemisch-aggressiv, zornig-anklagend bis resignierend-verbittert erstreckt sich das Spektrum –, aber eine versöhnliche Haltung zeigen sie nie.
Die mehrdimensionalen Aspekte von Zwanghaftigkeit und Fremdbestimmung, die nicht nur in der Gestaltung der Figuren- und Gruppenpsychologie sowie der dazugehörigen Wahrnehmungsmuster, sondern auch in metaphorischen, assoziativen und figurativen Textelementen umgesetzt werden, sind m.E. zentrales Charakteristikum der jungen jüdischen Identitätskonstruktionen in den hier analysierten Texten.18
Obwohl denkbar wäre, daß diese Erfahrungen eine großes gemeinschaftsstiftendes Potential besitzen, überwiegen in den Identitätskonstruktionen Momente der Isolation. Außer in zwei Texten von Maxim Biller und Barbara Honigmann fehlen Hinweise auf die Möglichkeit eines konstruktiven Identitätsaufbaus als Nachgeborenengemeinschaft, und bezeichnenderweise sind die Entwürfe bei Biller und Honigmann – bei letzterer als religiöse Gemeinschaft – im Ausland angesiedelt.
In der Zwanghaftigkeit der Identitätsbindung an Auschwitz und der Isoliertheit der einzelnen Identitätsprozesse besteht ein entscheidender Unterschied zwischen der fiktiven und der nichtfiktiven Diskursebene. Auf der nichtfiktiven Diskursebene existiert eine Vielzahl von Aussagen, in denen Vertreter der nachgeborenen Generationen dafür plädieren, die Fixierung jüdischer Nachkriegsidentität auf die Shoah aufzubrechen. Gerade in der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration wird das Bedürfnis nach dem Aufbau eines von den traumatischen Erlebnissen der Älteren losgelösten, zukunftsweisenden Selbstverständnisses formuliert. In diesen Äußerungen läßt sich, auch wenn sie innerhalb divergierender Kontexte, teilweise auch [Seite 373↓] politischer Lager, angesiedelt sind, ein gemeinsamer, generationenspezifischer Tenor konstatieren. In den hier analysierten literarischen Texten werden diese Entwicklungstendenzen der jüdischen Nachgeborenengemeinschaft unterlaufen. Obwohl Forderungen nach einer Lockerung der „Auschwitz-Fixierung“ auch innerhalb der Erzählhandlungen geäußert werden, legen die literarischen Texte ein gegensätzliches Zeugnis ab:
Das Geschehen von Auschwitz ist die zentrale Komponente, welche jüdische Identitätsbildung in der deutschen Gegenwartsgesellschaft dominiert. Es scheint, als ob die diskursiven Identitätsbewegungen, die sich lösen und wegführen von Auschwitz, im Prozess des Schreibens wieder darauf zurückgeworfen werden.
Trotz der Macht, mit der die Shoah den literarischen Texten eingeschrieben ist – und teilweise subversiv zur Schreibtintention der Autoren und Autorinnen wirkt –, bleiben die anderen Identitätsaspekte, die den Erfahrungen der Fremdbestimmung gegenübergestellt sind, immer hörbar. Ob als Forderung nach einem unbefangeneren Miteinander im deutsch-jüdischen, aber auch innerjüdischen Kontext, als Hinwendung zu religiösen und kulturellen Traditionen oder als bewußte Konfrontation der Ambivalenzen jüdischer Existenz in Deutschland: Die Shoah stellt zwar das zentrale, aber nicht das alleinige Moment in den literarischen Identitätskonstrukten dar.
In dieser Differenziertheit, mit der komplexe Identitätsbewegungen vermittelt werden, liegt m.E. der besondere Beitrag der literarischen Texte zum jungen jüdischen Diskurs. Die junge jüdische Gegenwartsliteratur tritt weniger deshalb als Ort diskursiver Identitätsprozesse hervor, weil sie einheitliche Identitätsentwürfe bietet, sondern weil sie Raum läßt für das Widersprüchliche, Vorläufige und Individuelle, das junge jüdische Identität in Deutschland kennzeichnet.
1 Die Konferenz wurde von Sander L. Gilman (Chicago) und Hartmut Steinecke (Paderborn) geleitet. Sie fand vom 26.11.200-29.11.2000 im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee statt.
2 Der Titel des Vortrags lautete „Die Grammatik des Verlustes: Verlorene Kinder, verlorene Kindheit in Honigmanns Soharas Reise und Treichels Der Verlorene “, gehalten am 26.11.2000.
3 Dischereit, Esther: Joëmis Tisch . A.a.O., S. 9.
4 Ebd., S. 7.
5 Behrens, Katja: Salomo und die anderen . A.a.O., S. 8.
6 Ebd., S. 9.
7 Ebd., S. 14.
8 Ebd., S. 17.
9 Schneider, Richard Chaim: Wir sind da! Die Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis heute . A.a.O.
10 Neben dem großen Bereich der Figurenpsychologie, der hier noch einmal im Vordergrund stehen soll, wird durch das implizite Mitlesen der Shoah auch den literarischen Evokationen antisemitischer Stereotype und den biblischen Modellen einer jüdischen Leidensgemeinschaft zusätzliche Tragweite und oft auch Schärfe verliehen.
11 Diese Formulierung wurde von Imre Kertész geprägt. Kertész, der 1929 in Ungarn geboren wurde, überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. In einem Zeitungsartikel, in dem Kertész die Behandlung der Shoah in verschiedenen Medien analysiert, heißt es: „Doch für Kitsch halte ich auch, wenn Auschwitz zu einer Angelegenheit bloß zwischen Deutschen und Juden, zu etwas wie einer fatalen Unverträglichkeit zweier Kollektive degradiert wird; wenn man von der politischen und psychologischen Anatomie der modernen Totalitarismen absieht; wenn man Auschwitz nicht als Welterfahrung auffasst, sondern auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt.“ Kertész, Imre: Wem gehört Auschwitz? In: Die Zeit , Nr. 48, 19.11.1998, S. 46.
12 Honigmann, Barbara: Roman von einem Kinde . A.a.O., S. 23.
13 Diner, Dan: Negative Symbiose. A.a.O., S. 243.
14 Vielfach werden diese Gefühle mithilfe von antisemitischen Stereotypen figuriert, deren Eigenschaft, als Projektionsfläche judenfeindlicher Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft zu dienen, den Aspekt der Fremdbestimmung besonders verdeutlicht.
15 Die zentrale Bedeutung der Eltern für das Leben der jungen jüdischen Figuren wird manchmal bereits auf der semantischen Ebene signalisiert. In Esther Dischereits Erzählung Joëmis Tisch wird die junge jüdische Protagonistin meist nur in Referenz auf ihre Mutter als „Hannahs Tochter“ bezeichnet. In Katja Behrens Roman Die dreizehnte Fee verschmelzen Mutter, Großmutter und Tochter aus der rückblickenden Sicht der Tochterfigur Anna öfters zu einer Einheit, wenn sie von „Hannamarieundanna“ berichtet. Der Romantitel von Rafael Seligmanns Die jiddische Mamme referiert nicht nur auf das Klischee der osteuropäischen jüdischen Familienmutter, sondern auch auf die konkrete Mutterfigur innerhalb der Romanhandlung, welche als „Mamme“ die zentrale Bezugsperson des jüdischen Protagonisten Samuel darstellt.
16 Daß dieses Modell zwangsläufig ein defizitäres bleibt, da der Diskurs der Shoah-Opfer den Nachgeborenen nicht zugänglich ist, ändert nichts an seiner identitätsstiftenden Wirkung.
17 Oftmals werden in den Äußerungen und Wahrnehmungen der nichtjüdischen Charaktere traditionell judenfeindliche Bilder evoziert. Da diese Stereotype teilweise bereits vor Jahrhunderten geprägt worden sind, wird dadurch einerseits eine lange Kontinuität judenfeindlicher Einstellungen in der deutschen Bevölkerung signalisiert. Die Verständlichkeit dieser Stereotype im zeitgenössischen Kontext deutet andererseits auf die große Wirkungsmacht solcher tradierten Bilder.
18 Einige Formulierungen bei Schruff halte ich diesbezüglich für sehr irreführend, beispielsweise wenn sie schreibt, daß „die Protagonisten ihren Bewußtseinsstand als Juden [reflektieren]“ oder daß bestimmte Figuren „bewußt nach Möglichkeiten [suchen], sich mit der jüdischen Gemeinschaft identifizieren zu können“. Schruff, Helene: Wechselwirkungen . A.a.O., S. 237/238.
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