5 Zusammenfassung

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Diese Studie soll die Frage klären, ob sich mit der elektronischen plantaren Fußdruckmessung (elektronische plantare Pedobarographie) bei Probanden mit Rheumatoider Arthritis Veränderungen der Druckverteilung an der Fußsohle nachweisen lassen. Obwohl sich Geräte zur elektronischen Fußdruckmessung seit einigen Jahren auf dem Markt befinden, gehört ihr Einsatz bei weitem noch nicht zum Standard bei der Optimierung und Kontrolle der Therapie von Fußerkrankungen. In entsprechend geringer Zahl sind auch Literaturquellen in den Printmedien zu finden. In den Neuen Medien, wie zum Beispiel im Internet, sind vereinzelte Literaturquellen einiger weniger Autoren zu beziehen. Diese befassen sich jedoch überwiegend mit Veränderungen des Plantardrucks beim Diabetiker, nicht jedoch mit Patienten, die an Rheumatoider Arthritis leiden.

In unserer Studie werden die statischen und dynamischen Druckverteilungsmuster einer Gruppe von dreiunddreißig Rheumatikern erfasst. Diesen wird eine Vergleichgsgruppe Fußgesunder mit einunddreißig Probanden gegenübergestellt. Die Messung des Plantardruckes erfolgte mit dem elektronischen Parotec – System. Dieses stellt ein Hydrozellen – Sensorsystem mit jeweils 24 piezoresistiven Sensoren pro Messsohle dar. Die Abtastung der Plantardrücke an jedem Sensor erfolgte mit einer Frequenz von 10 Hz während der statischen und von 100 Hz während der dynamischen Messung.

Aufgrund der erheblichen Datenflut bei der dynamischen Messung , bei der je Sekunde 4.800 Messwerte anfallen, wurde hier exemplarisch der 3. von insgesamt 5 Doppelschritten ausgewertet. Die erhobenen Druckwerte wurden nach Mittelwert, Standardabweichung, Mini- und Maximum untersucht.

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Die Ergebnisse der statischen Messungen zeigen, daß es den Rheumatikern nicht so gut gelingt, aufforderungsgemäß den Plantardruck zwischen dem rechten und linken Fuß sowie zwischen Vor- und Rückfuß gleichmäßig zu verteilen, wie der Referenzgruppe. Die höheren Standardabweichungen der erhobenen Messwerte in der Gruppe der Rheumatiker sind dabei Ausdruck der individuellen Leidensbilder.

Es wird nachgewiesen, daß Rückschlüsse auf das Vorliegen von Beinlängendifferenzen mit der isolierten Plantardruckerhebung nicht möglich sind.

Eine deutliche Tendenz der Rheumatiker zur Ausbildung eines Pes planovalgus wird erkennbar. Es kommt zu einer Druckverlagerung von der Ferse und den Metatarsalköpfchen zur anatomischen Kuppel des Längsgewölbes im Bereich des medialen Fußrandes, der medialen Fußwurzelknochen ,insbesondere des Os naviculare. Bei den Rheumatikern ergeben sich in diesem Bereich durchschnittlich 2- bis 3- fach erhöhte Plantardrücke gegenüber der Referenzgruppe Fußgesunder. Bei einem rheumatischen Probanden wird sogar ein Plantardruck, der dreißigfach höher ist, als der Durchschnittswert der Referenzgruppe, angetroffen. Bemerkenswert ist, daß Plantardruckerhöhungen in diesem Umfang erhebliche funktionell - anatomische Veränderungen vorangehen müssen. Sie führen im Endergebnis zur vollständigen Absenkung des Längsgewölbes bis zur druckerzeugenden Kontaktierung der Unterlage. Der hier vergleichsweise deutlich geringe Druck in der Referenzgruppe wird allein durch das Schuhwerk verursacht (Schuhbinnendruck).

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Ursache für diese Absenkungserscheinungen ist eine Gefügelockerung des rheumatischen Fußes. Die funktionelle Insuffizienz des rheumatischen Fußes zur Kraftübertragung, vor allem in die distale, aber auch proximale Fußperipherie, wird ersichtlich. Diese resultiert aus der mangelnden weichteilvermittelten ( Sehnen, Bänder ) interossären Adhärenz und einer mangelnden muskulären Stabilisierung. In den Bereichen der Metatarsalköpfchen, Phalangen und der Ferse kommt es zu relativen Plantardruckentlastungen. Dagegen bildet sich in Fußbereichen, in denen in der Referenzgruppe ein niedriges Druckniveau herrscht, ein deutlicher Druckzuwachs aus.

Bei den klinischen Untersuchungsergebnissen wird eine deutlich erhöhte Spreizfußprävalenz in der Rheumatikergruppe nachgewiesen. Dagegen kann bei den Rheumatikern eine relative durchschnittliche Druckentlastung der Metatarsal

köpfchen II, III, und IV nachgewiesen werden. Dieser vermeintliche Widerspruch ist dadurch zu erklären, daß es durch die Absenkung des Längsgewölbes des rheumatischen Fußes zu einer retrokapitären Weichteilkompression kommt. Hieraus resultiert ein Hebelmechanismus, der zu einer relativen Entlastung der Metatarsalköpfchen II, III, und IV führt. Die retrokapitäre Druckerhöhung kann direkt nachgewiesen werden (siehe Plantardruckindices Tabelle 3.26 auf Seite 57). Möglich wird das über eine Quotientenbildung aus zu einer Sensorgruppe zusammengefasstem Druckareal im Bereich der Metatarsalköpfchen II – IV und einem proximal hiervon gelegenen. Die Pronationsfehlstellung des rheumatischen Fußes ist ebenfalls über einen aus Sensorgruppen im Bereich des distalen medialen Fußrandes und des lateralen Fersenbereiches gebildeten Quotienten mit Hilfe des gemessenen Plantardruckes direkt nachweisbar.

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Das individuelle Leidensbild der Rheumatiker findet auch hier in der interindividuell erhöhten Standardabweichung des mittleren Plantardruckes an den Sensororten 01-24 seinen Ausdruck.

Bei dem einzelnen Probanden ist die Standardabweichung der Mittelwerte über die Sensororte (01-24) beim Rheumatiker gegenüber der Referenzgruppe erniedrigt. Das läßt eine Tendenz zur „aequibaren“, also einer großflächigen, niedrigintensen Plantardruckverteilung und damit zur Ausbildung eines Pes planovalgus erkennen.

Bei den Rheumatikern werden im Metatarsalköpfchenbereich, geringer ausgeprägt auch im proximalen Fersenbereich, niedrigere Druck- bzw. Impulswerte als in der Referenzgruppe erzielt. Das ist vergleichbar mit den Ergebnissen der statischen Messung.

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Im Längsgewölbebereich wird eine Annäherung der Plantardrücke beider Gruppen nachgewiesen, sodass in der Referenzgruppe vereinzelt höhere Mittelwerte auftreten, als bei den Rheumatikern. Dies wird hauptsächlich durch eine räumliche und zeitliche Modifikation der Gangkinematik durch den Rheumatiker erzielt:

Inwiefern es sich bei diesen Kompensationsmechanismen des Rheumatikers um eine schmerzadaptierte und somit bewusste Modifikation des Gangbildes, oder um den Ausdruck des weichteildestruierenden Charakters seiner Grunderkrankung mit fehlender Kompetenz zur weichteilvermittelten Kraftübertragung in periphere Fußbereiche (Fußspitze und proximale Fersenregion) handelt, bleibt unklar. Eine Kombination beider Komponenten ist anzunehmen.

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Abschließend lässt sich die Frage nach Abweichung der Plantardruckverteilung bei Probanden mit Rheumatoider Arthritis gegenüber Fußgesunden bejahen. In der Gegenüberstellung der statischen und dynamischen Druckverteilungsmuster lassen sich eindeutige Abweichungen nachweisen.

Die Auswirkung struktureller Veränderungen des rheumatischen Fußes, wie sie bereits eingangs von Rabl und Nyga 1 anhand radiologisch nachweisbarer Veränderungen beschrieben wurden, lassen sich mit dem von uns verwendeten Meßsystem sehr wohl quantifizieren.


Fußnoten und Endnoten

1  C R.H. Rabl und W. Nyga: „Orthopädie des Fußes“ ,Ferdinand Enke Verlag Stuttgart, 7. Aufl. 1994, S 345 ff



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30.08.2005